S4 Bezugspreis: Erscheint wöchentlich sechsmal.— Preis monatlich.25 und (,36 Bestellgebühr, beim eigenen Postamt bestellt.— Küre Aussand unter Streifband.95(inkl. Postgeld). Preis der Einzelnummer 10 Pfg. Postscheckkonto Hannover 67377. mit den Beilagen„Für Herz und „Kindergabe“ und„Anser Ziel.“ Nr. 13. Anzeigenpreis: Die einspaltige Millimeterzeile oder deren Raum 10 Pfennig. Reklame 30 Pfg. Beilagen unter 25 g je tausend 15 Mi Schluß der Anzeigen=Annahme nachmittags 3 Uhr. Postscheckkonto Hannover 67377. Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Freitag, den 16. Januar 1931. 13. Jahrgang. Ich habe es auch im politischen Leben stets für nützlich gehalten, wahr zu bleiben, um den Mut zu behalten. Bismarck. Miiiiiiiin Von Karl Wilke. In der Reihe der Memoiren, Studien und Dokumente über den Weltkrieg, die der Verlag Payot, Paris, herausgibt, ist kürzlich auch ein Buch erschienen, das sich mit dem Schicksal der Kriegsgefangenen in Deutschland und Frankreich befaßt. Autor ist der Staatsrat und frühere Leiter des Kriegsgefangenenwesens im Kriegsministerium Paris, Georges Cahen=Salvador. Damit erfahren wir ehemaligen„..s“ aus Frankreich den Namen des Mannes, der für so manche bittere Stunde, die wir drüben erlebt haben, mitverantwortlich war. In der Zeit unserer Gefangenschaft haben wir ihn nie gehört und kaum einer von uns hat wohl je diesen Pariser Staatsrat in einem Lager gesehen. Für uns galt damals als verantwortlich für unser Schicksal lediglich Clemenceau, der alte Tiger, der es in der Hauptsache ja wohl auch war. Als ich das Buch„Les Prisonniers de Guerre" las. wurde ich an ein Kriegserlebnis erinnert, das ich einmal im Lemberger Bahnhofsgebäude hatte. Ich sollte dort mit dem Bahnhofsvorsteher verhandeln. Nachdem ich durch die mit schmutzstarrenden Menschen vollgepfropften Wartesäle gegangen und mich an Schaltern, wie bei mürrischen Unterbeamten durchgefragt hatte bis zu dem Gewaltigen dieser ganzen Anlage, stand ich schließlich in seinem Zimmer, das am äußersten Ende eines langen Ganges lag, vor einem eleganten Herrn, der, hinter einem prachtvollen Schreibtisch sitzend, mich in verbindlichster Weise abfertigte. Ein dunkeläugiger Pole war es, mit blassem Gesicht; jeder Zoll an und auf dem Menschen gepflegt, an den Manschetten funkelten Brillantenknöpfe und auf dem Schreibtisch vor ihm stand ein goldenes Kruzifix.—— Den Eindruck dieser Szene erlebte ich beim Lesen des Buches von Cahen=Salvador wieder. Darin ist nichts zu merken von der Verwahrlosung, dem Jammer und dem grauenhaften Sterben der Millionen Wehrloser, die diesem Mann in die Hand gegeben waren; das ist ganz die Luft eines Pariser Ministerzimmers. Und wo der Finger einmal in die klaffende Wunde in dem System der französischen Kriegsgefangenenbehandlung— um nicht zu sagen: Mißhandlung— gelegt werden muß, geschieht es gleichsam mit einem bedauernden Achselzucken: Cest la guerre comme à la guerre. Wenigstens für Frankreich. Deutschland ist auch hier wieder der große Lump. Der scheinbar ruhig abwägende Ton des Buches täuscht nur den, der die Verhältnisse nicht gekannt hat; in Wirklichkeit spricht aus jeder Zeile die schärfste Tendenz, nämlich nachzuweisen, daß, wenn die Behandlung der Kriegsgefangenen zuletzt allenthalben schlechter werden mußte, Deutschland daran die alleinige Schuld trug. Das fängt an mit den Klagen über deutsche Läger 1914. Wir erfahren da, und jeder„Ehemalige“ wird hohnlachen. daß in dem Lager Minden die Kantine verboten gewesen ist, daß in den Lägern Zossen, Königstein und Lechfeld die Gefangenen auf dem nackten Boden schlafen mußten, daß sie in Merseburg von den Anhöhen rings Kanonenmündungen auf sich gerichtet sahen und im Lager Darmstadt nicht rauchen durften! Die Zustände in seinem Bereich. das Lager Montauban z.., in dem schon in den ersten Kriegswochen die unerhörtesten Verhältnisse herrschten, kennt Cahen=Salvador selbstverständlich nicht. Mit verständnislosem Erstaunen berichtet er von der Empörung der Deutschen, als von der französischen Regierung zirka 5000 deutsche Kriegsgefangene nach Nordafrika verschickt wurden, wo sie„bei guter Verpflegung und Unterkunft zu Straßen= und Eisenbahnbauarbeiten verwendet werden sollten“. Er gibt die erregten Proteste der deutschen Zeitungen wieder mit der Aufforderung zu Gegenmaßnahmen und die Liste dieser„Repressalien". Nun, es blieb nach Abzug dieser„Entziehungen“ für die französischen Gefangenen hier noch genug übrig, um ein Schlaraffenleben zu belassen gegenüber dem, was wir in Frankreich durchgemacht haben. Aber nein— in Frankreich war alles herrlich und schön— das wird bewiesen— und das Gegeiteil über Deutschland— durch Rapporte von Gesandtschaften und Rotekreuzleuten, durch Zeitungsberichte wie Gefangenenbriefe. Wir lesen da den Brief eines Unteroffiziers der 79er aus Hildesheim, der seiner Frau schreibt, sie solle sich nicht beunruhigen, er habe es gut in Frankreich; sie solle Gott und der Heiligen Jungfrau(La Sainte Vierge!) danken, daß er aus der Gefahr heraus sei. Ich bezweifle die Echtheit dieses Briefes. Doch selbst, wenn er wahr sein sollte, so besagt und beweist er gar nichts. wir haben alle unseren Frauen geschrieben, daß es uns gut ginge, um sie nicht zu beunruhigen; wir mußten es obendrein schreiben, denn Klagen in der Korrespondenz waren streng verboten. Wer es doch wagte, riskierte Strafe, zum mindesten wurde seine Post nicht befördert. Klagen und Beschwerden wurden auf ganz anderen Wegen in die Heimat befördert. Die Gegenmaßnahmen hüben zogen automatisch Repressalien drüben nach sich, die wieder auf die Gefangenenbehandlung hier im Land zurückwirkten. Ein munteres Spiel von grünem Tisch zu grünem Tisch, bei dem die Leidtragenden nur viele, viele Tausende von Menschen waren. Schließlich saß denn auch alles heillos fest. Eine Berner Zusammenkunft löste denn Knoten wieder für einige Zeit, danach begann das alte Spiel von neuem und schlimmer noch als vorher. Wir erfahren nun auch ernstere Dinge über deutsche Kriegsgefangenenläger. Da wird die schwere Anklage wieder aufgefrischt, daß im Lager Kassel=Niederzwehren 2000 Kriegsgefangene an Flecktyphus verstorben seien. Gewiß eine traurige Zahl. Die dafür verantwortlichen Generale von Schack und Kruska wurden dann nachher auch vor den Untersuchungsausschuß gebracht, allerdings, weil unsere Gegner die unerhörte Beschuldigung gegen sie erhoben, sie hätten in ihren Lägern absichtlich Flecktyphusbazillen verbreitet. Die Untersuchung ergab natürlich die Haltlosigkeit dieser Anklage— Cahen=Salvador erwähnt sie in ihrer Lächerlichkeit in seinem Buche auch nicht mehr— und die Generale wurden freigesprochen. Sie hatten nur das begangen, daß sie die Nationalitäten, Russen, Engländer und Franzosen, durcheinandergemischt hatten, wodurch die von den Russen eingeschleppte Krankheit sich auch unter den anderen verbreitete. Ich will hier die deutschen Lagerkommandanten nicht in Schutz nehmen, es wird auch da manches gesündigt sein, wie allenthalben, wo Menschen über Menschen Gewalt haben. Aber das ganze System war in Deutschland menschlicher und die Organisation vor allen Dingen straffer. Jeder französische Lagerkommandant hatte schon fast unumschränkte Gewalt dadurch, daß die Kontrolle über ihn zu lax gehandhabt wurde. Er bekam auch Verpflegung und Kleidung für seine Gefangenen nicht in natura, sondern in Geld geliefert und hatte alles Nötige in den zuständigen Magazinen selbst einzukaufen. Wir wissen zu gut, wie mancher von diesen Herren sich auf diese Weise an uns„gesund gemacht“ hat. Eine immer wiederkehrende Klage der französischen Gefangenen aus Deutschland in ihren Briefen ist die über Kälte und Hunger. Wir Deutschen haben uns in diesem Punkte wohl keine unnötigen Vorwürfe zu machen: Kälte und Hunger haben unsere Angehörigen in Deutschland in den Kriegsjahren auch genug erlitten. Die Erledigung dieses Buches gehört zum Kampf gegen die Kriegsschuldlüge und gegen den Versailler Vertrag überhaupt. Clemenceaus berüchtigtes Wort in der Mantelnote des Versailler Vertrags:„Die Deutschen sind es gewesen, die sich eine Behandlung der Kriegsgefangenen zu schulden kommen lassen haben, vor der Völker unterster Kulturstufen zurückgeschreckt wären!“ sollte hier seinen Kommentar finden. Aber es ist nur ein lahmer Versuch, diese ungeheuerliche Behauptung, die schon 1920 durch das deutsche Gegenwerk, die Arbeit des dritten Untersuchungsausschusses, mit den schwersten Beweisen widerlegt ist, wieder aufzurichten. Leider ist das deutsche Buch in seiner Gründlichkeit nur ein zu umfangreicher Wälzer geworden; es ist, dreibändig obendrein und nur zum Preise von 150 Mark zu haben, nur wenigen zugänglich, während sich das Buch von Cahen=Salvador in seiner Billigkeit auch an die minderbemittelten Kreise wenden kann. Doch die Aufklärung der Welt besorgen bei uns dafür unsere Kriegsgefangenenbücher, von denen der„Prisonnier Halm“ seine Stimme nun auch in England und Amerika erheben darf. Wir ehemaligen..s hätten die grauenhafte Zeit, die wir in der französischen Kriegsgefangenschaft durchleben mußten, wohl nie wieder in unseren Büchern aufgefrischt, wenn nicht von Frankreich aus immer wieder der Versuch gemacht würde, das französische Verhalten in der Frage der Kriegsgefangenschaft in das edelste Licht zu stellen, um zugleich Deutschland gegenüber die schwersten Vorwürfe zu erheben. Wir haben es anders erlebt. Die französische Regierung hatte einmal Gelegenheit, ihre vielgepriesene Humanität und ihren Edelmut an den Kriegsgefangenen zu erproben, als wir ihr gleich nach dem Waffenstillstand wehrlos in die Hand gegeben waren; was wir da stattdessen aber erlebt haben, das war brutalster Sadismus. War nur wüstes Rachegelüst. Durch langsames Hinmorden sollte nun ein Teil der „überflüssigen zwanzig Millionen Deutschen“ aus der Welt geschafft werden. Das ist ihr gelungen durch ein System, das möglichst jede aktive Mißhandlung vermied, aber in seiner Auswirkung noch viel grausamer war. Wie sagte jener französische Lagerkommandant einmal zu seinen Gefangenen:„Man wird euch in Frankreich nichts tun; man wird euch nur langsam zu Tode bringen!“ Und für diese furchtbarsten Monate unserer Gefangenschaft hat das Unschuldmäntelchen, das Cahen=Salvador über sein System hängt, nicht gelangt, er findet kein einziges Wort über diese Zeit. Daxum müssen wir für unsere Toten und Siechen, für die Opfer der grauenvollen Läger Candor, Souilly, Montescour, St. Martin de Ré, Avignon, für die aus Tanger, Marokko, Corsika, Cayenne— unendlich lang ist die traurige Liste noch— reden; sie klagen an, Monsieur Cahen, sie klagen an und=verfluchen die Schönrednerei, mit der Sie sich über ihr Leiden und Sterben hinwegsetzen! Wo in Ihrem Buche findet sich die Aufklärung über die 43000 vermißten deutschen Kriegsgefangenen, die Frankreich uns immer noch schuldet? Nirgends! Warum? Weil diese Zahl allein ein Beweis wäre für die Schludrigkeit Ihrer Organisation, weil sie die Heuchelei Ihres Humanitätsgeredes aufdecken würde! Wir ehemaligen..s haben den Charakter der frauzösischen Nation kennengelernt, wie ihn kaum ein Diplomat und Weltreisender erlebt, und wir haben eine seltsame Erfahrung drüben gemacht: Die Franzosen, das heißt, die einfachen Menschen, kamen uns verhetzt und mißtrauisch entgegen; es war sehr schwer, ihr Vertrauen zu erlangen, aber es gelang fast überall. Und dann schimpften sie mit uns gemeinsam auf die Poincarés und Genossen in Paris. Das nützt uns heute nicht mehr, denn Frankreich ist nicht Deutschland; wir haben daraus aber gelernt, daß eine Versöhnung mit dem französischen Volke wohl möglich ist, nie und nimmer aber mit dem Geist, der uns aus dem Buche Cahen=Salvadors entgegentritt. — Australien und die ehemals deutschen Südseeinseln. Von Heinz Manthe=Düren. Auf den japanischen Inseln drängen sich 65 Millionen Menschen zusammen; weitere 26 Millionen sitzen in den Nebenländern. 157 Bewohner verteilen sich auf den Quadratkilometer. Rund 50 v. H. sind das mehr, als der Boden ernähren kann. Dabei wächst die Bevölkerung rasch weiter, so daß die Japaner immer mehr zum Volk ohne Raum werden. Daher rührt der starke Ausbreitungsdrang der Japaner nach allen Randgebieten des Großen Ozeans. Die Union und Kanada suchen die japanische Einwanderung so stark zu drosseln wie möglich; in der Mandschurei wird der Raum knapper, da Millionen von Chinesen dort einwandern; Südamerika liegt zu stark abseits und zeigt ebenfalls Neigung, das japanische Element zurückzudrängen. Um so stärker muß da für Japan die Anziehungskraft eines Erdteils wirken, der stark unterbevölkert ist: Australien hat ca. 6,5 Millionen Bewohner, aber allein die Randlandschaften des Nordens und Nordostens könnten über 30 Millionen aufnehmen, während dort jetzt nur einige Tausend wohnen. Somit weist eine starke japanische Kraftlinie nach Süden in den Bereich des englischen Weltimperiums hinein, eine Kraftlinie, die die von Osten herkommende und über Guam nach den Philippinen weisende der Amerikaner schneidet. Damit wird dieses Kreuzungsgebiet zu einer politischen Reibungszone ersten Ranges, an der auch Europa, nicht bloß England interessiert ist: man denke an die holländischen Sundainseln, das französische Hinterindien, an die ehemals deutsche Inselwelt in der Südsee! Indem man won diesen Inseln die nördlich des Aequators gelegenen Japan, die südlichen Australien als Mandat gab, sind beide Länder zu Nachbarn, die Reibungsmöglichkeiten noch vergrößert worden. Und das steht fest, daß Japan solche Möglichkeiten klug und rücksichtslos ausnutzen wird, wenn es sich dazu genötigt glaubt. Seine Chancen sind in einem solchen Falle noch nicht einmal so schlecht. Zunächst würden die 6 Millionen Australier den japanischen Stoß allein aushalten müssen; England müßte von Kanada aus helfen, das weit ab liegt und seine wichtigsten Interessen im Osten liegen hat. Indien käme als Hülfe kaum in Frage bei seiner scharfen Gegnerschaft gegen den englichen Imperlialismus. So müßte also das europäische England einspringen und die Hauptmacht zur See und in der Luft aus Europa wegnehmen.— für England mit seiner Insellage ein höchst unsympathischer Gedanke! Es besteht also durchaus die Möglichkeit, daß Australien von Japan überrannt wird, zumal dessen Basis viel näher der Streitzone liegt als die des englischen Imperiums. Man darf weiter als sicher annehmen, daß die Union eine solche Auseinandersetzung zwischen Japan und Australien nicht ungern sehen und auf seiten Japans freundlich fördern würde. Die Union will Japan ablenken; ablenken von China, in dem sie eine großangelegte wirtschaftliche und kulturelle Propaganda betreibt; ablenken auch von den Philippinen und Guam, diesen wichtigsten Stützpunkten der amerikanischen Kraftlinie von Osten nach Westen. Dazu würde zur Freude der Amerikaner England in Ostasien und der Südsee stark geschwächt zugunsten des politischen und wirtschaftlichen Aufstieges der Union. Endlich wäre für die Japaner in Australien das Sicherheitsgefühl für seine Ueberbevölkerung gefunden und damit der Westen Amerikas von einer unerwünschten Einwanderung und ihren politischen Folgen gesichert. Alles das sind Momente, durch die die so oft gepriesene Solidarität der angelsächsischen Rasse einer schweren Belastungsprobe ausgesetzt würde, der sie nach Ansicht von Kennern kaum gewachsen sein dürfte, zumal die großen Gegner in Ostasien heute schon gar nicht mehr England und Japan, sondern Union und England heißen"). Die beiden Gegner von Morgen sind seit 1914 Grenznachbarn geworden durch die Mandate für die deutschen Südseeinseln. Japan hat die Marianen, die Palauinseln, die Karolinen und die Marschallinseln erhalten. Zur deutschen Zeit gab es auf allen Inseln einschließlich der südlich des Aequators gelegenen Insel Nauru 83 Japaner; 1928 wurden auf den nördlichen Inseln deren 12 460 gezählt! Der gesamte Handel des Mandatsgebietes war mit geringen Ausnahmen in den japanischen Wirtschaftsbereich eingegliedert. Militärisch sind die Inseln äußerst wertvolle Stützpunkte. Die Australier verwalten das Kaiser Wilhelms=Land, den Bismarck=Archipel und die ehemals deutschen Salomoninseln, meistens bergiges Urwaldgebiet, dessen Erschließung sehr hohes kolonisatorisches Können erfordert. Die Deutschen haben hier lange lernen müssen, ehe sie es zu einer längst von objektiv denkenden Leuten anerkannten Meisterschaft brachten. Die Australier haben bisher den Befähigungsnachweis nicht erbracht, brauchen ihn schließlich auch nicht zu erbringen, da sie auf ihrem eigenen Erdteil Platz zuviel haben. Auch die Japaner würden in einem solchen Gebiet erst lange lernen müssen, zumal es für eine Massensiedlung ja auch gar nicht in Frage käme. Japan würde es also wohl nur besetzen, um für den Fall eines Vorstoßes nach Nordaustralien nicht seine Etappenwege seitlich durch Australien bedroht zu sehen; anderseits würde im Falle der Nichtbesetzung auch für Australien dieses Gebiet in der Luft hängen. Es spräche also manches dafür, daß diese australischen Mandatsinseln wieder zu *) Man vergleiche dazu die vortrefflichen Ausführungen in der von Karl Haushofer herausgegebenen Neubearbeitung von Kielléns Werk„Die Großmachte vor und nach dem Weltkriege"(Leipzig, Teubner, 1930) Seite 267—278, wo an Hand einiger sehr instruktiver Karten das ostasiatische Problem mit großer Sachkenntnis klar und lichtvoll behandelt wird. (Wie denn überhaupt das Buch gerade in Deutschland weiteste Beachtung verdient als eine zielbewußte Schule außenpolitischen Denkens.) einer neutralen Isolierschicht zwischen den beiden Gegnern gemacht würden, indem man sie an Deutschland zurückgibt, das am wenigsten politische Interessen in diesem Erdraum verfolgt und verfolgen kann. Für Deutschland würde solch ein Besitz zunächst einen hohen moralischen Wert haben und das Selbstgefühl des Volkes steigern; einige wirtschaftliche Vorteile würden nicht ausbleiben. Das sind immerhin Gesichtspunkte, die einer weitausschauenden Außenpolitik als Ziele erscheinen könnten. Allerdings kann nur ein Deutschland solche Ziele verfolgen, das endlich aufhört, seinen gesamten politischen Willen in fruchtlosen inneren Streitigkeiten zu verbrauchen. Sieg der Vernunft. Es ist für mich als langjährigen Mitarbeiter des „Aufwärts“ unmöglich, mich einer Kritik der Beweisführung des Herrn Reuter(„Zu Sieg der Vernunft". Nr. 7) zu verschließen. Ich fasse in einigen Punkten das zusammen, was unbedingt gesagt werden muß. 1. Daß das Regime der Vorkriegszeit die Zeichen der Zeit und die Aufgaben nationaler Innenpolitik(Sozialpolitik und Bevölkerungspolitik) nicht gelöst hat, ist weder vom„Aufwärts“ noch von dem Gesinnungskreis des „Aufwärts“ bestritten worden, im Gegenteil hat sich gerade der„Aufwärts“ bei aller Sachlichkeit bemüht, jenen Irrtümern und Fehlern der Vorkriegszeit auf die Spur zu kommen. Der„Aufwärts“ hat als eine der ersten deutschen Zeitungen nach dem Kriege den Mut besessen, diese sachliche Kritik zu üben, ohne in den Fehler zu verfallen, alles Gewesene und Gewordene in Grund und Boden zu verdammen und alles sich neu Anbahnende über Gebühr zu loben. Eben die Stellung des„Aufwärts" insbesondere seine Unabhängigkeit von der reinen Parteipolitik ermöglichte es ihm, diese Kritik so frühzeitig zu führen. Dabei darf nicht übersehen werden, daß es seine außerordentlichen Schwierigkeiten hatte, sich aus der überkommenen Denkgesetzlichkeit der Vorkriegszeit loszulösen. Das, was man von gewisser Seite dem„Aufwärts“ vorwirft, daß er„Sprechsaa!“ sei, ist sein Vorzug in einer Zeit der völligen Umwälzung, der Loslösung von überkommener Denkgesetzlichkeit, der Ideenbildung. Nur auf dem Wege des inneren Ringens und Kämpfens und Ausgleichens ist es möglich, diese Loslösung von der überkommenen Denkgesetzlichkeit der Vorkriegsjahre zu erwirken, Ideen zu bilden. Daß die Aenderung der Außenpolitik, insbesondere die Politik der Befreiung auf die Dauer nur mit der deutschen Arbeiterschaft zu erreichen ist, ist selbstverständlich. Es trifft also auf diejenigen evangelischen Kreise, die mit dem„Aufwärts“ verbunden sind, nicht zu, daß sie nicht die tiefsten Ursachen des Niedergangs erfaßt haben. Man vergleiche hierzu die Artikel des„Aufwärts“ in den Jahren 1919/20, also noch ganz kurz nach dem Zusammenbruch, in dem diese tieferen Ursachen ausführlich behandelt und das System der Bürokratie und die materialistische Einstellung auch weitester Rechtskreise, insbesondere der parteigebundenen, sehr scharf gegeißelt wurde. Die Einsicht dieser evangelischen Kreise liegt also um mindestens 10 Jahre früher, als sie von Herrn Reuter angenommen wird. 2. Die Befreiung Deutschlands aus einer großen Nation unwürdiger Versklavungsverträge ist Sache des ganzen Volks und kein anderes Volk der Erde wurde 10 Jahre lang diese Knechtschaft getragen haben. Auch in Deutschland wäre dies nicht der Fall gewesen, wenn nicht die ausschlaggebenden Arbeitermassen künstlich voreingenommen, ja, man kann heute ruhig sagen, verdummt und betrogen worden wären. Das Schicksal des deutschen Arbeiters hängt auf das engste mit dem Schicksal der Nation zusammen, und die soziale Frage ist unter den gegebenen Umständen nur zu lösen zugleich mit der nationalen Frage. Wenn dem Vorkriegsregime der sehr berechtigte Vorwurf gemacht wird, daß es die Zeichen seiner Zeit nicht verstanden habe, so muß man notgedrungen dem Nachkriegsregime den noch viel schwereren Vorwurf machen, die Zeichen der Zeit vergewaltigt zu haben. Es wäre die geschichtliche Aufgabe der Sozialdemokratie, ja, ihre Verpflichtung gewesen, die Massen des deutschen Volkes in die Rechts= und Kultursphäre der Nation überzuführen. Tatsächlich aber hat die Sozialdemokratie die alte Linie der Vorkriegszeit nie verlassen; sie hat— und das ist ihrem Klassenkampfprogramm gemäß durchaus folgerichtig— weiter einen Staat im Staate erhalten und bestenfalls versucht, die soziale Frage unter ängstlicher Vermeidung der nationalen Frage zu lösen.— Ich mußte diesen Punkt, wie so oft im„Aufwärts“, noch einmal streifen, um die Schlußfolgerungen aus dieser Tatsache zu ziehen: Die Befreiung des deutschen Volkes ist nach Lage der Sache nur schwer mit,— vielleicht ohne, ja, sogar gegen die klassenkampfmäßig in der Sozialdemokratischen Partei organisierte Arbeiterschaft möglich. Und dann eben nur auf dem Wege einer Diktatur. Bei der propagandistischen, organisatorischen, agitatorischen und politischen Vormachtstellung der Sozialdemokratie, deren Führerschaft nicht das geringste Interesse daran hat, neben der sozialen Frage auch die nationale Frage zu lösen, ist es ganz unmöglich, daß es dem Christlichen Volksdienst und den evangelischen Gesinnungskreisen gelingen sollte, durch Ueberzeugung und Taten diese parteigebundene Arbeiterschaft zum Kampf um die nationale Freiheit zu bringen. Dieser Versuch ist mit aufrichtigem Herzen und ehrlicher Gesinnung seit 10 Jahren von der bündischen Front, die nicht parteigebunden ist, gemacht worden. Er mußte ebenso fehlschlagen, wie die Ueberredungs= und Ueberzeugungsbemühungen des Christlichen Volksdienstes fehlschlagen müssen, so lange die Sozialdemokratie ihre geschichtliche Aufgabe zugunsten ihrer klassenkämpferischen Aufgabe zurückstellt. Erst wenn die Machtexponenten der Sozialdemokratie zu Staatsmännern geworden sind und ihre Verpflichtung und geschichtliche Aufgabe gegenüber dem Staat voranstellen, und zwar vorbehaltlos, wird sich auch ein Wandel in den Anschauungen der breiten Masse vollziehen. Die Sozialdemokratie ist unfähig, einen Kampf um die nationale Freiheit des deutschen Volkes zu führen. Sie hat in den Jahren 1919/20 bis kurz vor Unterzeichnung des Friedensvertrages mancherlei Ansätze erkennen lassen, daß sie sich ihrer staatsverpflichtenden Aufgabe bewußt ist. Ich erinnere dabei an das Wort des ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert, der eine Arbeiterdemonstration gegen den Friedensvertrag von Versailles empfing( so etwas gab es damals tatsächlich, daß auch die Arbeiterschaft in Massen gegen irgendeinen Schand=Vertrag demonstrierte, während heute die Machtexponenten eben jene Arbeiterschaft dazu mißbrauchen, Am heiligen Abend in der Herberge zur Meine lieben Wanderer! Wieder ist Weihnacht, das Fest des Lichts und der Liebe, das schönste unter den christlichen Festen, zu dessen Feier die Söhne und Töchter, die fern von der Heimat in der Fremde leben, nach Hause kommen, wenn es sich nur irgend ermöglichen läßt, und wenn— die Mutter des Hauses noch da ist, die Seele der Familie, die treue Hegerin und Pflegerin des Familienzusammenhanges.— Es gibt leider auch viele, die sich gleichfalls sehnen und doch nicht zur Weihnacht nach Hause können.— Von einem solchen jungen Mann— er weilt zur Zeit in einer Arbeiterkolonie im Westen— möchte ich Euch mit wenigen Worten erzählen. Er ist der Sohn einer vornehmen und früher auch sehr begütert gewesenen Familie. Infolge einer nicht ganz normalen Veranlagung, mangelhafter Erziehung und schädlicher Einflüsse durch andere Personen kam schon der Knabe auf Abwege. Man versuchte zunächst auf mancherlei Weise, ihn zu bessern; als alles vergeblich blieb, wurde er nach Amerika abgeschoben. Dort versuchte der junge Mann, sich ehrlich durchzuschlagen; es mißlang. Da er mehrerer Sprachen kundig und von guten Manieren war, erhielt er eine Stelle als Kellner auf einem Schiff. So landete er vor etwa einem halben Jahre in Hamburg, wo er sich einige Monate ehrlich durchhungerte; schließlich aber vermochte er sich nicht länger dort zu behaupten. So suchte und fand er Aufnahme in einer Arbeiterkolonie, in der er vor Jahren bereits längere Zeit geweilt hatte. Dort gedenkt er bei schwerer Arbeit gegen ein ganz geringes Entgelt bis zum Frühjahr zu bleiben, um sich dann bei einem Bauern als Knecht zu verdingen. Er hat dort unter den zum Teil rauhen Burschen und Männern gute Kameraden gefunden. Vor etwa einer Woche schrieb er einen Brief an eine Frau, die in nahen Beziehungen zu seinem Elternhause gestanden und ihm von Kindesbeinen an viel Güte und Freundlichkeit erwiesen hatte. Er sagte darin, wie einsam er sich am heiligen Abend fühlen und daß er dann seiner mütterlichen Freundin in dankbarer Verehrung gedenken werde. Es war gewiß kein Bettelbrief, den er schrieb, etwa um Geschenke zu erhalten; aber für den Kundigen war doch deutlich genug zwischen den Zeilen zu lesen, daß er sich sehnte nach ein wenig Liebe, nach einem guten mütterlichen Wort— Mutter und Schwester waren ihm schon vor etwa 2 Jahren gestorben— nach einem Wort, das ihm neuen Glauben, neue Liebe, neue Hoffnung geben könnte in seinem Elend. Aehnlich wie diesem jungen Manne mag es auch manchem unter Euch zu Mute sein. Darum haben wir versucht. Euch heute am heiligen Abend ein wenig das ferne Elternhaus zu ersetzen. Lieben Brüder, mancher von Euch mag jetzt denken: Was soll mir Weihnachten!? Der Christbaum mit seinem Lichterglanz ist nichts für uns, die wir friedlos und unstet auf der Landstraße dahinziehen.— Die Weihnachtsglocken mögen dort gehört werden, wo geborgene, weich= und zartempfindende Menschen sind — unsere Herzen sind hart, unser Fühlen ist stumpf geworden von der Fülle des Elends. Erst vor kurzem sagte mir einer der Euren, er habe sich überzeugt, daß es ein höheres Wesen nicht geben könne; er sei bewußter Atheist und könne keiner Religionsgesellschaft mehr angehören. Auf meine Frage, seit wann er von Gott los sei, antwortete er: Seit 7 Jahren. Darauf ich: Sie waren bis vor 7 Jahren Christ, seit 7 Jahren sind Sie Atheist. Können Sie mir wohl sagen, was Sie nach 7 Jahren oder auch nur nach 7 Monaten sein werden? Er schwieg. Meine lieben Freunde, wie es auch heute um Euch und Euer Verhältnis zu der ewigen Macht, in deren Hand wir sind, stehen mag— das Wort des großen Augustinus bleibt doch in Geltung: Zu Dir, o Gott, hast Du uns geschaffen; darum ist unser Herz unruhig, bis daß es ruht in Dir. Ruhe finden kann das Menschenherz nur in Ihm. Und noch ein Wort möchte ich Euch mit auf den Weg geben, es lautet: Seele des Menschen, die du von Natur eine Christin bist, das heißt: die Seele des Menschen ist ein Wesen, das in dieser dunklen und kalten Welt ewig nach Licht und Wärme verlangt. Weihnachten aber ist das Fest des Lichtes und der Wärme. Martin Luther sang darum von der Krippe in Bethlehem: Das ew'ge Licht geht da herein, Gibt der Welt einen neuen Schein. Es leucht' wohl mitten in der Nacht, Und uns zu Lichtes Kindern macht. Schon unsere germanischen Vorfahren kannten das Dunkel der Sünde und der Schuld, das über der Menschheit lastet, und sie fühlten tief, daß die Welt, so wie sie war, dem Untergang unaufhaltsam entgegenging und zwar mit Einschluß der Götter. Nach ihrer Sage vom Weltuntergang, der Götterdämmerung, wie sie es nannten, werden die zerstörenden Kräfte immer mächtiger, bis schließlich der Endkampf anhebt: Dann geht die Welt in Flammen auf, selbst die alten Götter fallen im Vernichtungsringen, aber Baldur, der Gott des Lichtes und des Guten, begründet eine neue Weltordnung von ewigem Bestand. Die Welt der alten Götter versank, als der Stern von Bethlehem über den germanischen Wäldern ausging, als Jesus, der lichte Baldur des Südens, die neue Weltordnung, das Reich, das nicht von dieser Welt ist, in deutschen Herzen begründete. Liebe Brüder, ihr wißt, welche gewaltigen Kräfte der Gegenwart auch unter uns am Werke sind, den christlichen Glauben, ja, alle Religion überhaupt aus den Herzen der Menschen zu reißen. Wird das, kann das ja gelingen? Man kann die Kirchen niederreißen oder in Kinos und Tanzlokale verwandeln; man kann die Kreuze zerschlagen, die Glocken einschmelzen, die frommen Vilder verbrennen. Man kann die Anhänger der Religion verfolgen mit allen Mitteln der öffentlichen Gewalt. Das alles kann jedoch nicht zum Ziele führen, solange die ewige Seele bleibt, was sie von Natur ist: Eine Christin, ein nach Licht und Wärme sich sehnendes Wesen.— Liebe Wanderer, manche von Euch haben mit dem Glauben an die ewige Macht auch den Glauben an die Menschen verloren. Gewiß, das Leben hat Euch hart angefaßt, es hat— vielen ohne eigentliche Schuld— ihre ehrliche Arbeit genommen und sie dann auf die Straße gedrängt. Wieviel Mißtrauen und Verkennung, Geringschätzung und Verachtung, Härte und Bosheit mögen manchen von Euch gekränkt, erbittert und an den Rand der Verzweiflung gebracht haben.— Trotzdem und alledem gibt es noch Menschen, die wirkliches Verständnis und warmes Mitgefühl für Euch haben. Das haben wir von der Herberge zur Heimat auch jetzt wieder erfahren dürfen. Davon laß Euch noch etwas berichten! Unser Hausvater ging da eines Tages zum Obermeister der hiesigen Fleischerinnung und bat ihn, ob er nicht veranlassen möchte, daß seine Innungskollegen uns helfen würden, unseren Herbergsgästen am heiligen Abend und an den beiden Festtagen ein kräf um die Demonstranten gegen jene Versklavungsverträge niederzuhalten):„Wir brauchen eine nationale Arbeiterschaft, sonst ist. Deutschland verloren!“ Und Friedrich Ehert hat es noch vor seinem Tode bekannt, daß weit mehr die persönlichen und gehässigen Angriffe von seiten seiner eigenen Führergenossen als die seiner parteipolitischen Gegner ihn verbittert hätten. Nach Annahme des Friedensvertrages hat die Sozialdemokratie sich als Vollzieher eben jener Verträge aufgespielt und es versucht, die Arbeitermassen gegen die eigenen Arbeiterinteressen an die Verträge der Unfreiheit zu fesseln und jeden nationalen Widerstandsgeist mit Hilfe dieser Arbeitermassen niederzuhalten.— Wie bei einer solchen Umkehrung der Verhältnisse der Christliche Volksdienst der Ueberzeugung und des guten Glaubens sein konnte, daß es ihm gelingen könnte, jene Arbeitermassen für den Kampf für nationale Freiheit reif zu machen, reif auch für das eigenste Interesse der Arbeiterschaft, ist schleierhaft. Nach meiner Ueberzeugung muß verschärfter Kampf mit allen verfassungs= und gesetzmäßigen Mitteln gegen jenes sozialdemokratische Führertum geführt werden, das den nationalen Widerstandsgeist bewußt gebrochen hat und niederhält, und das jeden nationalen Widerstandsgeist als der Arbeiterklasse gefährlich und feindlich hinstellt. Das gebietet das Interesse der Nation und der Arbeiterschaft. Die Erfüllung berechtigter sozialer Forderungen ist heute an die Regelung der Tributverpflichtungen geknüpft, und so ist auch der Weg versperrt, daß man etwa durch Gewährung sozialer Rechte die Arbeiterschaft einsichtsvoll für staatspolitische und nationalpolitische Aufgaben machen könnte. Fünfzig Jahre Kampf gegen den Staat und gegen die Autorität lassen sich nicht in zehn Jahren, am allerwenigsten durch Ueberzeugung und Belehrung überwinden. Der Christlich=soziale Volusdienst kann sich dieser Sachlage nicht entziehen. Will er die Anschauung der Arbeitermassen umwandeln, will er die geschichtliche Aufgabe, die die Sozialdemokratie versäumt hat, nachholen, so wird er nicht umhin können, den Kampf auch gegen die Sozialdemokratie zu führen. Ein Kampf gegen die Sozialdemokratie heißt nicht Kampf gegen die Arbeiterschaft, heißt vor allem nicht Kampf gegen die sozialen Rechte dieses Wirtschaftsfaktors. Der Kampf um die deutsche Arbeiterschaft und um ihre Einbeziehung in den Rechts= und Kulturkreis kann nur gegen die Sozialdemokratie erfolgen, deren Interesse der „Staat“ im Staate ist. Wenn man die Ausführungen des Herrn Reuter recht versteht, so denkt sich der Christlich=soziale Volksdienst in weiterem oder engerem Sinne an die Regierungspolitik zu binden und lediglich in Einzelfragen von ihr abzuweichen. Ist das die Meinung der Führung der ChristlichSozialen oder nur eine persönliche Anschauung des Herrn Reuter? Hierüber müßte man Klarheit haben. Bindet sich der Christlich=soziale Volksdienst direkt oder indirekt an die Regierungspolitik des schwarz=roten Blocks, dann macht er sich nachträglich mitverantwortlich für die Kulturzersetzung der letzten zehn Jahre, für die Verhandelung nationaler Interessen gegen parteipolitische Vorteile. Man kann nicht mit Weggenossen zusammengehen, ohne sie vor die Alternative gestellt zu haben, ihren politischen Lebenswandel ein für allemal grundlegend zu ändern. Der Volksdienst wir ein gutes Stück Kulturpolitik mit dem Zentrum und der Rechten treiben können, er tiges Mahl zu reichen. Darauf richtete der Innungsmeister ein Schreiben an seine Berufsgenossen mit folgendem Wortlaut: Kollegen! Die armen Handwerksburschen, die hier in der Herberge das Weihnachtsfest verleben werden freuen sich, wenn sie zum Fest mal ein Stück Fleisch essen können. Da Mittel hierfür dem Herbergsvater nicht zur Verfügung stehen, bittet er Sie, ihm wie alljährlich durch eine Fleischspende die Möglichkeit zu geben, diese armen Kerle durch ein kräftiges Mittagbrot zu erfreuen. Gebe ein jeder von Ihnen! Unterschrift. Der Vorstand des evangelischen Vereins hatte in den hiesigen Blättern eine Bitte an die Freunde der Wanderer gerichtet, durch Liebesgaben es uns zu ermöglichen, unsere Wanderer zur Weihnacht mit warmen Sachen zu bedenken. Eines Tages kam ein uns unbekannter Mann zu dem Hausvater und sagte ihm: Ich habe Ihre Bitte in der Zeitung gelesen; ich bin zwar auch nur ein armer Mann, aber es geht mir doch noch besser als diesen Armen. So nehmen Sie denn diese geringe Gabe in Empfang— dabei drückte er dem erfreuten Hausvater ein Dreimarkstück in die Hand.— Eine hiesige alte. Dame, Witwe eines höheren Beamten, hat auch in diesem Jahre wieder wie alljährlich für die Wanderer eine größere Anzahl warmer Schale gestrickt und uns rechtzeitig übersandt. Einige Schulkinder in einer benachbarten Gemeinde haben Weihnachtsgaben aus eigenem Antrieb für Euch gesammelt und diese dem Hausvater mit folgendem Briefe zugeschickt: Fröhliches Fest! Lieber Herbergsvater! Wir haben den Aufruf in der Zeitung gelesen. Daraufhin erzählten wir uns von den Leuten, die keine Heimat haben. Für diese Heimatlosen sammelten wir. Schmiere die Wurst zu Weihnachten etwas dicker aufs Brot. Verteile unsere Sachen gut, gib jedem etwas. Behalte sie am Weihnachtstage da. Wir wünschen allen ein fröhliches Fest! So laßt Euch grüßen mit weihnachtlichem Christgruß. Moge es uns und euren Freunden in Stadt und Land gelingen, Euch das leider fehlende Daheim heute ein klein wenig zu ersetzen, und möchtet Ihr freundliche Erinnekungen mit hinwegnehmen an die in unserer Herberge Helmat verlebten Weihnachten 1930. A. 3. wird aber zuvor nicht ununtersucht lassen dürfen, in welchem Ausmaße dieses Gebiet zum Objekt parteipolitischen Nühhandels geworden ist. Der Volksdienst wird ein mit Kommunisten, Sozialisten aller Ofenheit und an treiben könen, er wird aber in aner Osse“.“ u in aller Schärfe gegen den mittelstandszersetzenven Willen der Sozialdemokratie auftreten müssen und die bewußte Proletarisierungs= und Sozialisierungspolitik, die z. B. in der Steuerpolitik liegt, aodampfen mussen. 40 rgt, Eine solche Arbeit und eine solche Stellung als öffentliches Gewissen macht freilich den Volksdienst„koalitionsunfähig", denn Koalition ist eine politische Zweckvereinigung, die auf Grund eines üblen Kuhhandels um Sitz und Stimme, um Parteiinteressen zustande kommt. Die einzelnen Partner verpflichten sich stillschweigend, offenbare Ungerechtigkeiten und Uebergriffe ihrer Koalitionsfreunde zu dulden, zu beschönigen, in aller Oeffentlichkeit zu verteidigen und vor dieser Unrecht in Recht zu verwandeln, weil der eigene Vorteil es erheischt, und weil das Dulden mit irgendwelchen Zugeständnissen erkauft werden könnte. Beispiele aus den letzten zehn Jahren brauchen wir dem Volksdienst wohl nicht zu nennen. So weit wir den Volksdienst kennen, wird er sich niemals bewußt in solche politische Zweckbindungen begeben. Eine andere Frage ist, ob ihn die Routiniers auf dem parlamentarischen Parkett nicht gerade deswegen über das Ohr zu hauen vermögen, weil der Volksdienst so ganz ungewohnt dieses Parkettes ist. Daß der Volksdienst eine Politik der Sauberkeit treiben wird, ist so selbstverständlich, daß man darüber nicht zu reden braucht. Das enthebt ihn aber nicht der Pflicht, von seinen jetzigen oder künftigen Weggenossen auf dem Parkett der Politik Garantien zu verlangen und, soweit nur irgend möglich, unbedingte und rückhaltlose Wiedergutmachung an den Opfern dieser Politik zu fordern. Ich betone ausdrücklich, daß bei mir durchaus nicht der Wunsch der Vater des Gedankens ist, der Volksdienst möge mehr nach rechts als nach links tendieren; es gibt ebenso gesunde Kräfte rechts wie links, die guten Willens sind, aufzubauen. Nach links ist die Entscheidung über die guten und aufbauwilligen Kräfte aber deswegen leichter, weil in den letzten 10 Jahren genügend Tatbeweise vorhanden sind, die die Unterscheidung leicht machen. Grundsätzlich bin ich allerdings der Meinung, daß christliche Gesinnungsgemeinschaften niemals die Aufgabe haben, in die praktische Politik einzugreifen. Wenn sie sich aber schon dazu entschließen, zur politischen Zweckvereinigung zu werden, dann dürfen sie im öffentlichen Leben lediglich als Stimme des öffentlichen Gewissens auftreten und sich niemals durch Bindungen an eine bestimmte Koalition fesseln kann. F. V. A. Gleichts Recht fal ane! Die Forderungen der Sowjetunion für die Abrüstungskonferenz.— Eine Note an die Mächte. Moskau(über Kowno), 15. Januar. Die Botschafter und Gesandten der Sowjetunion haben am Mittwoch allen Regierungen, die zu Sowjetrußland diplomatische Beziehungen unterhalten, eine Note überreicht. Unter Hinweis darauf, daß sich der Völkerbundsrat wahrscheinlich mit der Beratung über die geplante Abrüstungskonferenz befassen werde, wird hervorgehoben, daß der Erfolg der Konferenz von der Gleichberechtigung aller Beteiligten abhänge. Diese Gleichberechtigung sei in der vorbereitenden Abrüstungskommission in bezug auf die Sowjetdelegation nicht eingehalten worden, und zwar hauptsächlich durch das parteiische Vorgehen des französischen Präsidenten der Kommission. Das taktlose Benehmen des Präsidenten der Kommission sei hauptsächlich dadurch hervorgerufen worden, daß er einem Staate angehörte, der keine normalen Beziehungen zur Sowjetunion unterhalte. Deshalb sei die Sowjetregierung gegen die Wahl eines Präsidenten, der einem Lande angehöre, das nicht mit allen an der Konferenz beteiligten Staaten diplomatische Beziehungen unterhalte. Ferner sei die Sowjetregierung der Ansicht, daß der Präsident nicht einem Lande angehören könne, das eine sich immer mehr entwickelnde Kriegsindustrie unterhalte und deshalb wirtschaftlich an einer Abrüstung nicht interessiert sein könne. Weiter wird gegen die etwaige Wahl von Genf als Tagungsort Einspruch erhoben, da dort eine ausgesprochen sowjetfeindliche Atmosphäre herrsche und da keine diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und der Sowjetunion beständen. Zum Schluß wird betont, daß der Präsident von den sämtlichen Delegierten der Abrüstungskonferenz auf der Grundlage der Gleichberechtigung gewählt werden müsse und nicht von einer Organisation, der nicht alle Staaten angehörten. Stimmen der Vernunft. Für Herabsetzung der deutschen Tributlasten und der Kriegsschulden. — Neuyork, 15. Januar. Der Gouverneur von Maryland, Ritchie, der als aussichtsreichster demokratischer Anwärter für die Präsidentschaftswahl im Jahre 1932 gilt, sprach sich in Annapolis erneut für eine wohlwollende Behandlung des internationalen Schuldenproblems aus. Er betonte, daß Amerika nicht gedeihen könne, wenn Europa darbe. Die Herabsetzung der deutschen Tributlasten und der interalliierten Kriegsschulden sei im Interesse des Fortschritts Amerikas notwendig. Auch Balfour für eine vernünftige Regelung der Reparations= und Schuldenfrage. — London, 14. Januar. Auf einem Frühstück erklärte Balfour, eine baldige vernünftige Regelung des Problems der interalliierten Schulden und der Reparationen sei das dringende Gebot der Stunde. Gewaltige Summen von einem Lande an das andere zu überweisen, ohne entsprechenden Gegenwert zu empfangen, müsse die Währungen und den Handel auf das schwerste gefährden. * Amerika zeigt die kalte Schulter. * Die Anregung des Präsidenten der Chase National Bank Wiggins über die Herabsetzung der internationalen Schulden wird im allgemeinen in den Washingtoner amtlichen Kreisen kühl ausgenommen. Die Kreise scheinen nach wie vor nicht bereit zu sein, eine solche Maßnahme zu erwägen.— Der Washingtoner Korrespondent der Londoner „Times“ schreibt seinem Blatt, die Aeußerungen des Präsidenten Wiggins beweisen nichts weiter, als daß einige Finanzleute liberaler denken als die Politiker. Die Lage werde sehr viel schlimmer werden müssen, ehe die Politiker bereit sein werden, zuzugeben, daß die Vereinigten Staaten eine offiziell abgeschlossene Rechnung erneut prüfen sollen, oder ehe die amerikanische Regierung bereit sein werde, eine Empfehlung in diesem Sinne zu machen. Ein Gotteshaus wird Tanzhaus. Ein deutsches evangelisches Bethaus als polnischer Tanzsaal. Danzig, 14. Januar. In dem Dorse Tinnwalde bei Löbau(Pomerellen) befindet sich ein evangelisches Bethaus, in dem seit geraumer Zeit kein Gottesdienst mehr abgehalten werden kann, da der Pfarrer von Löbau aus Polen ausgewiesen wurde. Nachdem der polnische Gemeindevorsteher des Ortes Tinnwalde am 4. dieses Monats einem deutschen Landwirt, der die Schlüssel zum Bethaus verwahrte, in Begleitung eines Polizisten die Schlüssel abgenommen hatte, mußten am Sonntag die noch immer zahlreichen deutsch=evangelischen Bewohner des Ortes mit ansehen, wie in ihrem Bethaus ein polnisches Tanzfest abgehalten wurde. Dabei wurden die Scheiben des Bethauses eingeschlagen, die Bilder von den Wänden gerissen und auf einem Lutherbild die Augen ausgestochen. Eine neue Grenzmarkbibliothek. Eröffnung der Oberschlesischen Landesbibliothek. Im Plenarsitzungssaal des oberschlesischen Provinziallandtages fand am Mittwoch in Gegenwart einer großen Zahl führender Persönlichkeiten des oberschlesischen kommunalen Lebens eine Feier zur Eröffnung der Oberschlesischen Landesbibliothek, der dritten wissenschaftlichen Bibliothek des deutschen Ostens neben Königsberg und Breslau, statt. Die Bibliothek verdankt ihr Entstehen einem mehrfach bereits in der Vorkriegszeit geäußerten Verlangen und im besonderen einem spontanen Entschluß des verstorbenen ersten Landeshauptmanns Dr. Piontek. Landeshauptmann Woschek übergab die Bibliothek der oberschlesischen Bevölkerung und allen ihr verbundenen Kreisen Deutschlands mit einer kurzen Ansprache. Der Direktor der Bibliothek, Dr. Rother, wies in seiner Ansprache darauf hin, daß die Oberschlesische Landesbibliothek berufen sei, die im Jahre 1902 in Posen geschaffene Kaiser=Wilhelm=Bibliothek zu ersetzen. Dr. Rother wies zum Schluß noch darauf hin, daß sich die Grenzmarkbibliotheken bemühen sollten, eine Milderung der nationalen Gezensätze herbeizu ühren und wahrer Völkervereinigung die Wege bereiten zu helfen. Es folgten noch einige weitere Ansprachen. Senkung der Eisenpreise. Um acht bis neun Prozent. Die Eisenindustrie hat beschlossen, die Eisenpreise durchschnittlich um acht bis neun Prozent zu senken. Obgleich auch nach dieser Senkung die Eisenpreise noch erheblich über dem Weltmarktpreis liegen — selbst bei Verünksichtigung von Zoll und Fracht— so erhofft man in wirtschaftspolitischen Kreisen von dieser Preissenkung doch eine Ankurbelung der Arbeit und des Absatzes. Der neue Stabeisenpreis beträgt 128 Mark, ist also 13 Mark höher als der Weltmarktpreis plus Zoll und Fracht. Aber eine sofortige Anpassung des Eisen-Inlandpreises an den Weltmarktpreis hätte die Rentabilität sämtlicher Eisenwerke gefährden müssen. Man muß auch berücksichtigen, daß der gegenwärtige Weltmarktpreis nicht normal und von billigeren Valuten und katastrophal niedrigen Löhnen beeinflußt ist. Auch diese Preissenkung wird den Eisenverbänden bei Inlandsverkäufen Mindereinrahmen bringen, die vermutlich jedoch ausgeglichen werden durch regere Käufe. Bisher lag der Eisenmarkt nahezu still, weil selbst der dringendste Bedarf angesichts der als notwendig erkannten Preissenkungsaktion nicht gedeat wurden. 94 66 Reichswirtschaftsministerium und nicht zuletzt im Reichsarbeitsministerium begrüßt man die Herabsetzung der Eisenpreise, von der man sich eine gute Wirkung auf den Arbeitsmarkt verspricht. — Die deutsche Delegation für Genf hat unter Führung von Dr. Curtius Berlin verlassen. „Geinapigiri=Opinntsius... Eine Milliarde Reichsdefizit.— Keine neuen Steuern und Gehaltskürzungen. — Berlin, 14. Januar. Der Haushaltsausschuß des Reichstags hat am Mittwoch mit der Beratung des Reichshaushalts für das Jahr 1931 begonnen. Die Ausschußarbeiten sollen möglichst rasch gefördert werden, damit das Plenum des Reichstags bei seinem Zusammentritt Anfang Februar sofort in die Etatsberatung eintreten und den Etat rechtzeitig vor Beginn des neuen Etatsjahres am 1. April verabschieden kann. Die Ausschußberatungen wurden diesmal eingeleitet durch eine großangelegte Rede des Reichsfinanzministers Dr. Dietrich, der der Oeffentlichkeit Aufschluß gab über die Finanz= und Wirtschaftslage des Reiches, wie sie sich zu Beginn des Jahres darstellt. Der Rede des Reichsfinanzministers wurde mit um so größerer Spannung entgegengesehen, als in den letzten Tagen und Wochen allerlei Gerüchte über die Finanz= und Kassenlage des Reiches verbreitet wurden. Reichsfinanzminister Dr. Dietrich erinnerte zunächst daran, daß er im Dezember den voraussichtlichen Fehlbetrag für das Rechnungsjahr 1930 auf rund 900 Millionen geschätzt habe, und zwar auf 300 Millionen Mehrausgaben für Erwerbslosenfürsorge und auf 600 Millionen Einnahmeausfall. Die 300 Millionen Mehrausgaben für die Erwerbslosenfürsorge stellen nach der neuesten Entwicklung eine Höchstsumme dar, über die nicht hinausgegangen zu werden braucht. habe auf Grund der Steuereingänge der letzten Monate die Einnahn eschützung nochmals überprüft. Sbenn dabei sich seine Schätzungen von Anfang Dezember als richtig erwiesen hätten, müsse immerhin mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß der mit 600 Millionen angenommene###teil des Reiches an dem Einnahmeauefall um etwa lis zu 100 Milli nen überschritten werden könne. Und zwar liege das u. a. auch daran, daß durch den Wegfall der Reichshilfe am 1. Februar und die dann einsetzende sechsprozeutige Gehaltskürzung das Reich 30 Millionen Steuereinnahmen verliert, während bei Ländern und Gemeinden dadurch eine Verbesserung um 45 Millionen eintritt. Iusgesamt werde der Fehlbetrag des ordentlichen Haushalts 1930 also die Höchstsumme von rund einer Milliarde nicht übersteigen. Der Fehlbetrag des außerordentlichen Haushalts, der zu Beginn des Jahres 1930 rund 770 Millionen betragen habe, werde zu Beginn des Jahres 1931 auf 330 Millionen zurückgegangen sein, und zwar durch den Erlös der Kreuger=Anleihe. Auftakt in Genf. Beginn der Europakonferenz.— Fünfzehn Außenminister versammelt. Gewissermaßen als Einleitung zur Januartagung des Volkerbundsrates wird am Freitag in Genf die Tagung der Studienkommission für die europäische Vereinigung eröffnet. Nicht weniger als fünfzehn europäische Außenminister nehmen an der„Europa“= Konserenz teil, die bekanntlich eine wirtschaftliche Verständigung und Annäherung der europäischen Nationen anbahnen soll. Die Tagung beginnt mit einer kurzen vertraulichen Sitzung. Briand wird sie eröffnen. Alsdann wird in der öffentlichen Sitzung voraussichtlich der Präsident der Wirtschaftskonferenz der europäischen Regierungen, Colijn, Bericht über die Ergebnisse erstatten. Die eigentliche Ratstagung, die die große Machtprobe zwischen Deutschland und Polen bringt, füllt die nächste Woche. * Pariser Vorbesprechungen. Der deutsche Botschafter von Hoesch hatte wieder eine Unterredung mit dem französischen Außenminister Briand. Im Verlauf dieser Unterhaltung wurde die Aussprache über verschiedene, bei der bevorstehenden Tagung des Völkerbundsrats zu erörternde Fragen fortgesetzt. Briand hatte ferner eine Aussprache mit dem polnischen Außenminister Zaleski, der bei seiner Reise nach Genf bezeichnenderweise den Umweg über Paris gemaht hat. Der englische Außenminister Hender son weilte am Mittwochnachmittag ebenfalls in Paris, wo er im Laufe des Abends Besprechungen mit Briand hatte. Auf der Reise nach Genf, die sie gemeinsam zurücklegen, werden die Minister Gelegenheit zur Fortsetzung ihrer Aussprache haben. Zur Kassenlage bemerkte der Minister, daß Ende März 1930 der Kassenbedarf des Reichs 1670 Millionen betragen habe, während er Ende März 1931 rund 1780 Millionen betragen werde, der durch die normalen Deckungsmittel, die Begebung von Schatzanweisungen und den im Dezember genehmigten Ueberbrükkungskredit von 530 Millionen abgedeckt werden könne. Die entscheidende Frage sei— so fuhr der Minister fort— daß der Haushalt 1931 auf gesicherter Grundlage beruhe. Durch die starken Ausgabenabstriche und die Abhängung der Arbeitslosenversicherung vom Reichsetat sei der Etat 1931 auf festeres Fundament gestellt. Eine Gefahrenquelle werde in den für 1930 geschätzten Steuereinnahmen gesehen. Gegenüber dem Steuersoll für 1930 werde im Etat 1931 mit einem Steuerausfall von 877 Millionen gerechnet, von denen auf das Reich über 500 Millionen entfielen. Diese Ausfallschätzung enthalte rund 100 Millionen mehr, als der voraussichtliche Steuereingang für das Reich 1930 erbringen werde. Er halte es bei unserer Wirtschaftslage nicht für richtig, einen solchen Eventualfehlbetrag. der sich jetzt noch in keiner Weise übersehen lasse, durch Steuererhöhungen zu decken. Es wäre in unserer Lage das Verkehrteste, Steuern auf Vorrat zu schaffen. Wenn es gelänge, eine Reserve durch Ausgabenkürzung zu schaffen, so werde er dies sehr begrüßen. Der Minister erörterte dann die Streichungsmöglichkeiten, die im Etat noch gegeben seien. In den Ueberweisungen an die Länder, an den Kriegslasten, der Reichsschuld, den Pensionen und den Personalbezügen, die schon um sechs Prozent gekürzt seien, lasse sich nichts streichen. Ebensowenig dürften sich die Ausgaben für die Kriegsbeschädigten, für die Sozialversicherung und die Krisenfürsorge 1931 verringern lassen. Es blieben dann für eine Ausgabenkürzung die restlichen 880 Millionen übrig, die mit fast der Hälfte auf die sachlick en Ausgaben von Heer und Marine und mit der anderen Hälfte auf die gesamten sonstigen Ausgabengebiete des Reiches entfielen. Zum Schluß unterstrich der Minister noch einmal die Tatsache, daß der Etat von der Wirtschaftslage abhängig sei. Nur Wirtschaftsbelebung könne den Steuerrückgang aufhalten. Alle Regierungsmaßnahmen hätten das Ziel, der Wirtschaft wieder Auftrieb und Rentabilität zu geben und eine möglichst große Zahl Arbeitsloser wieder dem Arbeitsprozeß einzufügen. Von dem Erfolg dieser Maßnahmen hänge es ab, ob der gemäßigte Optimismus, de: im Haushaltsentwurf zum Ausdruck komme, berechtigt sei. im Rhonetal. Eine Schulklasse von herabstürzenden Felsmassen überrascht.— Drei Mädchen verschüttet. In großer Gefahr schwebte eine Mädchenschulklasse von zwanzig Kindern aus dem Orte Moerel, die an der Furkastraße im obersten Rhonetal, etwa sieben Kilometer oberhalb des Simplon=Tunnel=Eingangs bei Brig von einem Bergsturz überrascht wurde. Die Mädchen befanden sich unter Führung ihrer Lehrerin auf dem Heimweg von der Kirche, als sie plötzlich durch das Getöse herabstürzender Felsmassen in jähen Schrecken versetzt wurden. Ein 14jähriges Mädchen wurde von einem Felsblock auf der Stelle erschlagen, zwei andere schwer verletzt. Die übr gen siebzehn blieben mit ihrer Lehrerin in sehr gefährlicher Lage zwischen den Felsblöcken eingeklemmt, um so gefährlicher, als der längs des Weges gehende Kanal eines großen Elektrizitätswerkes durch die hineinstürzenden Felsblöcke rasch zu steigen begann. Die Ozeanflieger verloren. Die Suche war vergeblich. Die Vermutung, daß die amerikanische Ozeanfliegerin Mrs. Hart und ihr Begleiter mit dem Frachtflugzeug„Tradewind“ auf dem Flug Neuyork— Bermudas—Azoren—Spanien bei der Azoreninsel San ins Meer stürzten, hat sich nicht bestätigt. Nachträglich hat sich herausgestellt, daß der Kapitän des Schiffes, der die Meldung weitergegeben hat, die Lichtzeichen, die dem Fahrzeug den Weg zeigen sollten, für Notsignale des„Tradewind“ gehalten hat. Die Suche der Schiffe nach ihnen blieb vergeblich, von den Fliegern fehlt jede Spur, und sie müssen jetzt als verloren gelten. Kirche, Schule, Mission. D. Korteuer verunglückt. Autounfall des nassauischen evangelischen Landesbischofe. — St. Goarshausen, 15. Januar. Der nassauische evangelische Landesbischof D. Korteuer erlitt am Mitt, woch auf der Fahrt von Wiesbaden nach Katzenellenhogen kurz vor Nastätten einen schweren Autounfall. Auf der glatten Straße überschlug sich der Wagen. D. Korteuer selbst kam mit leichteren Verletzungen davon, während seine Gattin einen Rippenbruch und die mitfahrende Oberschwester Prinzessin zu Lippe neben Hautabschürfungen erhebliche Quetschungen davon trug. Die Toteninsel. Zum 30. Tovestag von Arnold Böcklin. Ein bleifarbener, regenschwerer Himmel lastet über steilen kahlen Felsen, die ein einsames Eiland bilden. Zypressen, die Bäume der Trauer, ragen wie schwere dunkle Säulen aus der düsteren, totenstillen Flut des Meeres empor. In die nackten Felsen sind Grabkammern gehauen, und man fühlt, daß kein Laut, kein Vogelruf die Stille auf dieser verlassenen Insel unterbricht. Hier ist der Eingang ins Reich der Toten. Gespensterhaft, mit unhörbarem Ruderschlag naht diesem Eiland ein Nachen, in dem eine in weißes Linnen gehüllte Gestalt steht, eine Gestalt, die die Pforte des Totenreichs überschreiten wird. Das ist in Worten das Gemälde Arnold Böcklins: „Die Toteninsel". Worte aber können nicht den künstlerischen Inhalt dieses Bildes wiedergeben. Da dieses Bild wohl jeder Deutsche kennt, so hat auch jeder Deutsche eine Ahnung von dem Schaffen Arnold Böcklins. Die Toteninsel weckt Gedanken in uns auf, die uns zu tiefster Besinnung zwingen. Der Künstler wird zum Prediger und ruft uns durch sein Gemälde ein„memento mori“(Gedenke des Todes!) zu, von zwingender, das Herz ergreifender Macht. Das aber soll die Hauptaufgabe des Künstlers sein, das Herz ergreifen, das Gefühl wachrufen. In diesem Sinne gehört Arnold Böcklin zu den wenigen Künstlern, die sich auch dem Volke ganz verständlich gemacht haben. Als Deutscher wurde Böcklin am 16. Oktober 1827 in Basel geboren. Sein künstlerischer Aufstieg war sehr schwer. Ehe ihn die Sonne des Ruhmes leuchtete, lernte er Krankheit, Not und Hunger kennen. Immer drängend und ruhelos hat er seinen Wohnsitz oft geändert, aber bestimmend für seine Kunst wurde Italien. Die Farbenfreude dieses schönen Landes verband er mit nordischem Ernst, und Böcklins Werke sind die schönen Kinder dieser edlen Verbundenheit des klassischen Italien mit deutscher Kraft. Wir haben die Toteninsel als das bekannteste und charakteristischste Beispiel herausgegriffen, aber auch unter den anderen zahlreichen Werken Böcklins finden wir gute Bekannte:„Das Schweigen im Walde“, „Im Spiel der Wellen",„Gefilde der Seligen", Centaur in der Dorfschmiede",„Susanne im Bade“, und so weiter. „Vor 30 Jahren, am 16. Januar 1901, starb Böcklin auf der Höhe seines Ruhmes in seiner Villa bei St. Domenico an den berühmten Hängen von Fiesole. Sein Grab ist auf fremdem Boden, aber durch seine Werke hat sich Arnold Böcklin ein dauerndes Denkmal im Herzen der Deutschen gesetzt. Verschiedenes. Deulakraft. Deutsche Landkraft=Führerschulen, Zeesen bei Königswusterhausen. Die Deulakraft hat soeben eine neue Broschüre erscheinen lassen, die einmal in zusammenfassender Form und von einem etwas höheren Gesichtspunkte aus die Bestrebungen zur Förderung des technischen Ausbildungswesens in der Landwirtschaft darstellt. Wer Interesse dafür hat, erhält auf Wunsch die Broschüre kostenlos zugesandt. Bethel. — Blaukreuz=Verein Bethel. Donnerstag abd. 8½ Uhr Blaukreuzstunde in Gosen. Jeder ist herzlich eingeladen. — Christlicher Verein junger Männer. Freitag 8¼ Uhr Mitglieder=Versammlung. Anzeigen aus Der dusr eshergald unr Bungen ur al. Angebote an die Geschäftsstelle d. Aufwärts unter C 3. Suche zum 1. Februar ein zuverlässiges, sauberes Mädchen für Küche und Hausarbeit. Frau Dr. Wilmanns, Bethel, Kantensiek 15. Schriftleitung: W. Kraa; Wirtschafts= und Weltpolitik: Dr. H. Huttel: Anzeigen: K. Diekmann; alle in Betbel. Pastorfeikes Magenstärker hilft bei allen Magenbeschwerden ganz hervorragend. 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