iben den Gesetzmmütig abgelehnt. roßbanken. lautet, haben einan ihre Oberlten, die von den n, Briefe herausngen bis zu 15 igen betragen bei 5., H. und bei U bezw. 15 v. H. Bethel. Sonntag vormit. aunlicher Anblick, ehr zu sehen. Für gesehene Herbst. dem Wehrkreis gelische Soldaten, reispfarrers Otto wie diese Rüstsondern die Zahl slätze immer weit it sind nicht etwa „Aufrüstung" des Lebenskampf, von sienstzeit auch der esmalige Rüstzeit ibensartikel“. In. aubensbekenntnis ienstvorschrift des diger Aussprache s heutigen Reichsunkt des Zusamr Bethelgemeinde dmahlsfeier. Eine de, eine Filmvorn die notwendige militärisch straf Das beste Zeichen wohl der Wunsch e nach einer Fortin Ausbau in der „Ehemalige" stattsorbeck, Bocholter feiert am 31. Okn großer körperGeburtstag. Wir eind herzlich und ihre weitere Pilren Kindern und r. in Gosen. Gäste stunde in Gosen. stag abd. 8½ Uhr thel. nit Verdeck, noch fen. Hebronweg 1. d Weltpolitik: alle in Betbel. sen Erholungsietet das im Wesernd gelegene ungsheim ig bei Dassel. höhenlage inmitten b= u. Fichtenwälder. und Sonnenbäder. ür Stille unter dem Mäßige Preise. mlos. Anfragen an ziedrich Gramm. * rer kundfunkproleimat, Seele, funk. Sender Aufsätze Roman abeA(Norag. ellungen bei uchhandlung. kerstr.—7 Bezugspreis: Erscheint wöchentlich sechsmal.— Preis monatlich.25 und .86 Bestellgebühr, beim eigenen Postamt bestellt.— Fürs Ausland unter Streifband.95(inkl. Postgeld). Preis der Einzelnummer 10 Pfg. Postscheckkonto Hannover 67377. mit den Beilagen„Für Herz und Hauis“ Nr. 257. Anzeigenpreis: Die einspaltige Millimeterzeile oder deren Raum 10 Pfennig. Reklame 30 Pfg. Beilagen unter 25g je tausend 15 Mk. Schluß der Anzeigen=Annahme nachmittags 3 Uhr. Postscheckkonto Hannover 67377. Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Sonnabend, den 1. November 1930. 12. Jahrgang. In dir muß Reichtum sein; was du nicht in dir hast, Wär's auch die ganze Welt, ist dir nur eine Last. Angelus Silesius. snniig Nom— Sofia. Das politische Echo der Hochzeit von Assisi. Von Ferdinand Körber=Wien. Zweierlei Bedeutung kommt der Heirat des bulgarischen Zaren mit der italienischen Königstochter Giovanna zu, wenn man davon absieht, daß sich, nach einem Ausspruch des bulgarischen Ministerpräsidenten,„zwei liebende Herzen endlich gefunden haben". Die engere, wenn man will, die nationale bulgarische Bedeutung des Ereignisses liegt darin, daß nun nach menschlichem Ermessen die Fortführung der Koburger Dynastie auf dem bulgarischen Königsthron und damit vielleicht die Selbstständigkeit Bulgariens als unabhängiges Königtum gesichert ist. Beim Ausgange des Weltkrieges war es der Klugheit des damals regierenden Zaren Ferdinand zuzuschreiben, daß der bulgarische Königsthron nicht, wie so mancher andere, stürzte. Der Thronverzicht Ferdinands zu Gunsten seines Sohnes Boris hat damals die Dynastie und wahrscheinlich auch den Staat Bulgarien gerettet. Es gibt sowohl in Jugoslawien, wie auch in Bulgarien hervorragende Politiker und Wissenschaftler, die als Ziel ihrer Wünsche und ihres Wirkens den Zusammenschluß aller südosteuropäischen Slawen, also den Staatenverband der Serben, Bulgaren, Kroaten, Slowenen und Mazedonier betrachten. Wenn diese Bestrebungen bisher nicht weiter gekommen sind, so liegt dies einmal an der ungeschickten Behandlung, die Jugoslawien seinen Minderheiten angedeihen läßt und zum anderen an der dynastischen Frage. Bei einem Zusammenschluß Jugoslawiens und Bulgariens wäre nur Platz für ein Herrscherhaus, und es ist kaum anzunehmen, daß die bodenständige Dynastie der Karageorgewitsche zugunsten des bulgarischen Zweiges der Koburger Verzicht leisten würde. Im Gegenteil, man hat in Bulgarien immer befürchtet, daß der südslawische Zusammenschluß unter der Vorherrschaft Belgrads und der Karageorgewitsche eintreten werde. Es muß hervorgehoben werden, daß in Bulgarien die linksradikalen Bauernpolitiker oft mit diesem Gedanken liebäugelten. Ein Gefahrenmoment bildete dabei unzweifelhaft die ungesicherte Thronfolge in Bulgarien. So ungemein beliebt und volkstümlich Zar Boris in Bulgarien auch ist, so wurde es stets als unhaltbar und politisch recht bedenklich bezeichnet, daß der Zar ein Junggeselle und damit die Thronfolge ungesichert ist. In dürren Worten ausgedrückt: es war stets zu befürchten, daß, da die Dhnastie Bulgariens auf den zwei Augen König Boris' ruhte, mit einem plötzlich verwaisten Throne und der skrupellosen Ausbeutung eines solchen Vorfalles durch außere und innere Kräfte zu rechnen war. Nun ist der erste Schritt getan, um diese Gefahr zu bannen. Nicht nur, daß König Boris Bulgarien eine Landesmutter gegeben hat, das bulgarische Königshaus, das schon immer vor der serbischen Dynastie den Vorzug weitverzweigter Verbindungen mit den ältesten Fürstenhäusern hatte, ist nun mit dem Hause Savoyen verschwägert und hat seine dynastischen Verbindungen damit um eine außerst wichtige vermehrt. Und hierin liegt die Bedeutung dieser Königsheirat für die größere Politik Bulgariens. Man kann getrost als wahr unterstellen, daß weder das Haus Savoyen, noch König Boris diese Heirat, die erst nach schier unüberwindlichen religiösen Schwierigkeiten zu Stande kam, aus politischen Rücksichten gesucht haben und man darf den fast zu beflissenen Beteuerungen der bulgarischen und italienischen Presse Glauben schenken. Das hindert aber nicht an der Feststellung, daß, diese Fürstenehe, und sei es die reinste Liebesheirat, doch kecht erhebliche politische Wirkungen im Gefolge haben kann. Bulgarien hat in den letzten 12 Jahren eine nicht unBeschickte Politik des Lavierens betrieben, wobei je nach der Person des jeweils bestimmenden Außenpolinkers das Pendel einmal mehr nach Paris, einmal mehr nach Rom einschlug. Auch heute noch vertritt man offisten die Ansicht, daß Bulgarien seine Selbständigkeit wahren und darum Freundschaft mit allen halten müsse. Troß dieser Politik herrscht aber insgeheim die Ueberdeugung vor, daß Bulgarien dabei mit einiger Sicherheit i einem entscheidenden Moment zwischen zwei Stühlen an sitzen kommen wird. In der Hoffnung, Erleichterunden hinsichtlich seiner Tributleistungen, hinsichtlich der entwurdigenden Bestimmungen des Diktates von Neuilly zu erhalten, hat es Bulgarien häufig mit einer weichen Verständigungspolitik versucht, die sich in den Vorzimmern des Völkerbundspalastes und des Quai'Orsay abspielte. Der Erfolg dieser Politik ist mehr als bescheiden gewesen und vermochte die weiten Kreise, die in Bulgarien ganz ausgesprochen revisionistisch eingestellt sind, nicht im entferntesten zu befriedigen. Diese Kreise innerhalb und noch mehr außerhalb der Parteien haben Rom nicht aus den Augen gelassen; sie haben die schicksalsverbundenen Ungarn bewundert und deuten die jüngsten Vorgänge in Deutschland und Oesterreich richtig. Es ist kein Zufall, daß Bulgariens große Nationalversammlung bis heute noch nicht die Gebietsabtretungen im Westen, Süden und Nordosten anerkannt hat. Bulgarien hat sich, trotz aller Verträge und Beteuerungen, mit dem ihm zugefügten Unrecht keineswegs abgefunden. Auch Bulgarien wird einmal in die Reihe der Revisionisten eintreten, doch bedarf es dazu der Anlehnung an Mächtigere. Italien, das zwar auf dem Balkan durchaus egoistische Ziele verfolgt, gilt nicht mit Unrecht auf dem Balkan als Schrittmacher des Revisionismus. Seine Politik war geschickt und sie hat mit großer Hartnäckigkeit überall da eingehakt, wo nur eine kleine Aussicht auf Erfolg bestand. Man wird damit rechnen müssen, daß Italien eine so große Chance, wie sie sich nun durch die Königshochzeit bietet, nicht ungenützt lassen wird. Brief aus Baden. Wer spricht heute noch viel von den letzten Reichstagswahlen, nachdem der Reichstag selber bereits zu Wort gekommen und schon wieder vertagt worden ist! Darum soll auch der Leser mit den badischen Reichstagswahlen nicht mehr lange behelligt werden. Nur kurz sei erwähnt, es war diese letzte Wahl hinsichtlich der Beteiligung der Wähler die stärkste seit 10 Jahren in Baden, und fast überall dort, wo Männer und Frauen getrennt gewählt haben, ist die gleiche Erscheinung aufgefallen: Die Flügelparteien, einschließlich der Sozialdemokratie, brachten mehr Männerstimmen, die Mittelparteien, vor allem Zentrum und Ev. Volksdienst weit mehr Frauenstimmen auf. Auch bei den Deutschnationalen überwogen vielfach die Frauen. Gewiß ein begreiflicher Vorgang. Im Uebrigen zeigte sich auch in Baden allerwärts das starke Anwachsen der Nationalsozialisten. In der bisher gut altbürgerlichen Landeshauptstadt wurde sie die stärkste Partei, in Kleinstädten und vielen Dorfgemeinden nicht minder. Ganz und gar verfehlt war das Zusammengehen der Deutschen Volkspartei mit der Staatspartei in einer Einheitsliste! Arbeit gibt es nun für die badischen Reichstagsabgeordneten in Hülle und Fülle! Denn wir sind nach wie vor Grenzland. Ja, die länderkundigen Franzosen rechnen unser badisches Kehl schon zu Frankreich und haben durch ihre Pariser Ordenskanzlei dem„Monsieur le Maire de Kehl“ einen französischen Orden übersandt, mit der Bitte, ihn dem letzten Brückenkopfbesatzungskommandanten, Oberstleutnant Brionx, zu überreichen. Was selbiger„Monsieur le Maire de Kehl“, nämlich Bürgermeister Luthmer, unter Rücksendung des Großkreuzes natürlich abgelehnt hat! Von diesem Possenspiel aber abgesehen stellt der Rhein als Grenzstrom in wasserbautechnischer und wirtschaftlicher Hinsicht so viele Fragen, daß hier gerade unsere 15 badischen Abgeordneten aller Parteien sich gehörig ins Zeug legen sollten! Zehren doch selbst die Franzosen in dem jetzt ihnen gehörenden Straßburger Rheinhafen von der Tüchtigkeit deutscher Arbeit. Es ist nicht recht, sollten wir nunmehr auf„kaltem“ Weg noch weiter am Rhein geschädigt und unsere Rechte noch weiter auf diesem Wege eingeschränkt werden. Als Auswirkung des Wahlergebnisses darf nun die schon mit dem 1. November wirksam werdende Herabsetzung der Ministergehälter um 20 v. H. gewertet werden. Das gleiche Schicksal traf die sogenannten Staalsräte, die Minister ohne Portefeuille, wie man sie früher hieß. Alle diese„Aermsten“ können es noch immer aushalten. Es läßt sich auch mit dem gekürzten badischen Ministergehalt noch ganz anständig leben!— Kaum aber haben sich die Wogen des Reichstagswahlkampfes einigermaßen geglättet, da setzt auch schon der Kampf um die Gemeindewahlen ein, die uns der November bringen wird. Dabei treten nicht nur die bisherigen „Rathausparteien“ auf, sondern auch die neuen Reichstagsparteien, vor allem Nationalsozialisten und Evangelischer Volksdienst. Nicht genug damit, da und dort entstanden noch neuere Parteigeschöpfe. Einer in Heidelberg geplanten Gründung eines bewußten„Evangelischen Zentrums“ haben zwar die Presseerklärungen des dortigen evangelischen Presseamtes sehr bald den Garaus gemacht und mitgeteilt, hier handle es sich um ganz andere Dinge. Kein evangelischer Pfarrer und keine evangel.kirchliche Stelle habe ihre Zustimmung zu solch einer unevangelischen Sache gegeben! Auch„Bürgerparteien“ bilden sich neu, meist außerhalb der bisherigen bürgerlichen Parteien und wollen mit erneuter Zersplitterung dem Bürgertum dienen. Derlei Nachrichten kommen z. B. aus der Melanchthonstadt Bretten. Da Kreis= und Bezirkswahlen gleichzeitig mit den Gemeindewahlen stattfinden, kann man sich hierzulande auf allerlei Ueberraschungen gefaßt machen. Ob es aber vom Deutschnationalen.=Abgeordneten Dr. Hanemann in Mannheim sehr klug war, nun seinerseits ausgerechnet beim Ev. Oberkirchenrat gegen die Parteiarbeit gewisser erangelischer Kreise vorzugehen muß mehr als fraglich erscheinen! Vor allem, weil Dr. Hanemann seinen an die Kirchenbehörde gerichteten Brief der Oeffentlichkeit übergab und nun eine Presseerörterung hervorrief, die in dieser Form der Kirche nicht eben förderlich ist. Vor allem war seine Doppelklage verfehlt. Er hatte das Vorgehen von Pfarrer Eckert und die Bildung eines Evang. Volksdienstes als der Kirche gleicherReichslag mit den Christlich=Sozialen(Mumm!) eine Fra maßen abträglich geschildert. Als ob der Volksdienst, der im Reichstag mit den Christlich=Sozialen(Mumm!) eine Fraktion bildet, mit einem Eckert auf eine und dieselbe Stufe gestellt werden könnte! Als ob ferner der Evang. Oberkirchenrat ein Mittel oder auch nur den Willen besäße, diese bei uns überwiegend von Nichtpfarrern getragene Volksdienstbewegung zu unterbinden! Weit mehr sollte gegen nunmehr öffentlich festgestellte Mißstände hinsichtlich der evangelischen Belange in unsern höheren Schulen Stellung genommen werden. Bekannt waren die Dinge ja schon lange. Nur einige Beispiele! In den oberen Klassen dieser Schulen liegen die sogenannten Gesinnungsfächer, Deutsch und Geschichte, bis zu 80 v. H. in katholischen Händen. Beim sog. Numerus clousus, d. h. der zum Schulamt zugelassenen beschränkten Zahl 25 wurde schon bei der Auswahl zum Vorteil der kath. Bewerber verfahren und dann noch ein zuerst ab gzewiesener 26. Bewerber zugelassen, der natürlich gut katholisch war und in seinem katholischen Geistlichen rinen lüchtigen, erfolgreichen Fürsprecher besaß!. Die evangelischen Schüler überwiegen im Verhältnis von :4. Trotzdem überwiegen die katholischen Lehrer aber auch im gleichen Verhältnis! Katholische Privat= und Klosterschulen schießen wie die Pilze aus der Erde und da sie bisher wegen des teueren Schulgeldes viele Eltern von Schülern der höheren Staats= und Stadt=Schulen abstießen, wurden deren Schulgeldbeträge jenen angepaßt! Und so noch mancherlei. Das Ziel rückt immer näher: die Klerikalisierung unserer heranwachsenden höheren Schüler und späteren Volksführer. Zumal der Durchschnittskatholik auch immer kirchentreu ist, der Durchschnittsprotestant aber meist kirchengleichgültig!— Leider! Urch doch versagt auch mitunter bei der katholischen Kirche die gerühmte Klugheit! Ein Riesenkrach in Heidelberg zeigte nicht nur an Sklarek grenzende Dinge verschiedener„Direktoren“ jenes allerdings nicht katholischen„Wohnungsbau G. m b..“ genannten Unternehmens, sondern wie unbedenklich auf solche Schwindler vertraut worden ist. Die Speyerer„Armen Schwestern“ mit ihrem in Ludwigshafen errichteten kathol. Krankenhaus haben bei dieser Gelegenheit über 2 Millionen verloren. Nur daß aber die katholischen Kreise sich hinter der Linie stets die Hand reichen und, wenn es gilt, immer wieder Geld zum Ausgleich dieser Verluste aufbringen. So auch hier! Daß aber das überwiegend katholische Land Baden endlich einen ursprünglich katholischen Brauch, nämlich Fastnacht, durch seine ohne jedes evangelische Mitglied zusammengesetzte Regierung verbieten läßt und nur noch für Kinder unter 14 Jahren oder bei besonders gelagerten Gelegenheiten die Straße dafür gestattet, darf mit besonderer Genugtuung hier verzeichnet werden. Hier hat die gerede aus evangelischen Kreisen jahrelang erhobene Stimme endlich einen Erfolg zu verzeichnen! Die Nöte sind ja auch zu groß! Zu den bekannten und schon immer hier betonten kommen zwei andere, die erst jetzt so recht bekannt werden: Rund 800 Junglehrer sind noch stellenlos und können längst Großväter sein, bis sie, ihre Verwendung überhaupt vorausgesetzt, je in die Höchstgehaltsstufe einrücken. Ihnen stehen etwa 600 Anwärter auf das höhere Schulamt mit gleich schlechten Aussichten zur Seite. Wie das zu ändern ist, weiß vorerst kein Mensch. Einstweilen will man die eben erst geöffne ten Lehrerseminarien wieder schließen und für die Anwärter der höheren Schulämter den bereits erwähnten Numerus clausus einführen! Eine andere Not, die im Verborgenen schleicht, ist die Großstadt an sich. Sie gleicht einem Kaufmann, der, um nicht seinen Betrieb schließen zu müssen, immer neue Geschäfte macht, aber eigentlich bei den Mußgeschäften mehr als zunimmt! So ist Mannheim jetzt in erster Linie eine sterbende Stadt, wenn auch das dortige städtische Amtsblatt im Titel immer von einer„lebenden Stadt“ rede!! Mannheims Hafen„rentiert“ nicht mehr wie einst in der Vorkriegszeit. Karlsruhe, Kehl und Straßburg, dann vor allem die Neckarkanalisierung haben seinen Verkehr z. T. an sich gezogen. Nun muß es sich anderweitig schadlos halten. Es will alles um sich herum eingemeinden und es machen, wie vor 10 Jahren Berlin es machte. Ein Haar— wenn man so sagen darf— in der Eingemeindungssuppe bildet die Gemeinde Edingen, von der Mannheim das„bessere“ Stück, nämlich Neu=Edingen allein haben möchte. Die Gemeinde Edingen aber will sich nicht zerteilen und dem Moloch Großstadt ausgerechnet ihr bestes Teil in den Rachen werfen. Darob grollt der städtische Ahab dem dörflichen Naboth. Und ob der Landtag bei dieser Geschichte sozusagen die Rolle der Isebel spielen wird, ist noch sehr die Frage! Der Christlich=soziale Volksdienst und die Reichstagspräsidentenwahl. Der Christlich=soziale Volksdienst hat für Löbe gestimmt! Wie ein Aufatmen ging es durch die Schar seiner Anhänger. Die erste Probe, ob der Grundsatz der christlichen Gerechtigkeit wirklich im Parlament durchführbar wäre, ist bestanden worden. Freilich, Entrüstung würde es geben, daran zweiselte niemand. Bisher galt der Grundsatz: Wenn ich die Macht habe, wische ich dem andern etwas aus, es müßte denn sein, ich bekomme etwas für meine Haltung. Zum erstenmal stimmte eine Gruppe wider alles Erwarten nicht nach dem machtpolitischen Grundsatz, sondern nach dem Gerechtigkeitsstandpunkt. Gerade als scharfe Gegner der Sozialdemokratie haben viele Freunde des ESBD geradezu Angst gehabt, auch die Volksdienstleute würden sich von dem kühlen rechnenden Verstande leiten lassen und nicht von ihrem christlichen Gewissen. Hier heißt es acht haben auf sein Gewissen. Auch die Inquisitoren haben geglaubt, ihrem Gewissen zu folgen und doch war es der Machtstandpunkt. Mögen einige Wähler dem ESBD verloren gehen, die nicht Macht und Gewalt von Recht unterscheiden können, die Masse wird um so mehr Treue halten. Wir wollen nicht immer nörgeln und kritisieren, sondern den Männern vertrauen, deren christliches Denken wir kennen. Gerade unsere Abgeordneten hoffen auf unser fürbittendes Gedenken und Verständnis für die schwere Lage, in der sie sind. Nicht rechts noch links, nicht bürgerlich noch sozialistisch, sondern ganz allein christlich! Nixdorff, Pfr., Diedenbergen. den neuen Reichstag! lm Montag, dem 6. Oktober 1930, tagte hier in Duisburg eine von mehreren Hundert Personen besuchte Versammlung, um den Vortrag des Herrn General=Oberarztes a. D. Dr. Bonne=Altona=Riessen, entgegenzunehmen über das Thema:„Was sind wir unserm Volk für den Wiederaufbau schuldig?“ Zur Erinnerung an Mutter Eva von Tiele=Winckler, geboren den 31. Oktober 1866, gestorben den 21. Juni 1930. Nicht weit von der polnischen Grenze steht ein stattliches Schloß mit Türmen und Zinnen, umgeben von einem herrlichen Park. Hier wurde Eva von Tiele=Winckler am 31. Oktober 1866 geboren. Ihr Großvater, Franz Winckler, hatte sich durch seine großzügigen Unternehmungen im Bergbau ein Vermögen erworben, welches sich durch seine Heirat mit der Schloßherrin von Miechowitz noch vermehrte. Sein einziges Kind, Valeska, die Bergmannstochter, wie sie sich gern nannte, vermählte sich mit dem jungen Offizier Tiele. Zuerst als Kind, dann an der Seite ihres Mannes hat sie ihre ganze Lebenszeit in Miechowitz zugebracht. Schon früh wurde sie aus ihrer großen Kinderschar herausgerissen. Für ihre 13=jährige Tochter Eva war der Verlust der Mutter der erste große Schmerz. Die kleine Eva war ein wildes Mädchen,— kein Baum zu hoch, kein Dach zu steil, kein Schnee zu tief! Sie hatte einen trotzigen Sinn und einen starken Willen. Mußte sie sich auch äußerlich schicken und fügen, so war doch ihr innerstes Wesen ungebändigt. Am frohesten war sie, wenn sie stundenlang durch die Bilder ihrer Heimat streifen konnte ohne Weg und Steg, allein mit ihrem großen Hund. Das gefiel ihr besser als Frommsein und geistliche Lieder singen. Es kam die Zeit der Vorbereitung auf die Konfirmation. Da las sie in der Bibel die Stelle: Johannes 10, 27-28. Meine Schafe hören meine Stimme usw. Das war der Augenblick ihrer Erweckung. Sie vernahm die Stimme des guten Hirten, der sie in seine Nachfolge berief. Das bedeutete zunächst für sie eine Absage an die Welt und ihre Freuden. Ihrem Gott wollte sie hinfort an den Elenden und Armen dienen. Aber noch lagen Hindernisse wie hohe Berge vor ihr. Die häuslichen Schranken und der eiserne Wille ihres Vaters hielten sie noch zurück. Die Siebzehnjährige mußte gehorchen. Doch dabei lernte sie die erste Lektion von dem großen Wort: Alle Dinge sind möglich bei Gott. Bald erlebte sie wunderbare Gebetserhörungen. Nach zwei Jahren hatte die Wartezeit ein Ende. Ihr Vater erlaubte ihr, in Bethel die Kranken= und Armenpflege zu erlerAm Schluß des Vortrages wurde der Versammlung eine von dem Chefarzt der inneren Abteilung des Diakonen=Krankenhauses in Duisburg, der zugleich leitender Arzt der Trinkerheilanstalten in Lintorf ist, verfaßte Entschließung vorgelegt. Diese wurde von der Versammlung einstimmig angenommen und hat folgenden Wortlaut: „Die verzweifelte Lage des deutschen Volkes legt dem neuen Reichstag eine gesteigerte Verantwortung auf, die nur dann zu tragen ist, wenn alle Schädlichkeiten, die das Verantwortungsgefühl der Mitglieder des Hohen Hauses auch nur im geringsten beeinträchtigen könnten, ausgeschaltet werden. Wir erlauben uns deshalb, die Aufmerksamkeit darauf zu richten, daß das deutsche Volk ein Recht hat, zu verlangen, daß seine erwählten Vertreter, dem Hochstande unserer heutigen deutschen Wissenschaft entsprechend, sich an den Tagen, an denen Reichstagsverhandlungen stattfinden, des Genusses alkoholischer Getränke bis zum endgültigen Schluß der Arbeit enhalten. Wie wir Autoführern die Berechtigung zum Führen eines Wagens entziehen, sofern sie wiederholt unter dem Einfluß alkoholischer Getränke stehend befunden werden, so sollten es die Vertreter des deutschen Volkes als eine selbstverständliche Pflicht ansehen, sich frei von allem zu halten, was ihr Verantwortungsgefühl und ihre Leistungsfähigkeit beeinträchtigen könnte. Der Reichstag wolle deshalb beschließen, daß der Ausschank alkoholischer Getränke im Reichstagsgebäude grundsätzlich unterbleibt. gez. Prof. Dr. med. Hildebrandt, leitender Arzt der inneren Abteilung des Diakonen=Krankenhauses in Duisburg und der Trinkerheilanstalten in Lintorf. gez. Giese, Direktor und Pfarrer i.., Vorsitzender der alkoholgegnerischen Arbeitsgemeinschaft. Vor einigen Tagen erklärte der tschechische Außenminister Dr. Benesch, daß die deutschfeindlichen Demonstrationen in Prag das Ansehen Tschechoslowakiens sehr geschädigt hätten. „Eine Demonstration", erklärte er,„ist eine Unordnung, die die Regierung nicht dulden kann. Wenn Demonstrationen schließlich mit dem Einschlagen von Fensterscheiben enden, so ist das nach unseren Gesetzen ein Verbrechen, mag es sich um das Einschlagen von Fenstern eines privaten oder öffentlichen Besitzes handeln. Und wenn die Fenster eines kulturellen Unternehmens eingeschlagen werden, so ist das eine Kulturbarbarei. Ich möchte wünschen, daß wir in Zukunft von solchen Dingen verschont bleiben. In dem Augenblick, in dem wir in Genf über die Minderheiten berieten und ich unseren guten Willen zur Zusammenarbeit mit ihnen betonte, brachte das„Journal de Geneve“ Telegramme aus Prag, wie bei uns Fenster eingeschlagen wurden. Das hat mehr Schaden angerichtet als Monate oder Jahre feindlicher Propaganda. * Hoffentlich kommt diese etwas verspätete Erkenntnis praktisch in einer besseren Behandlung der Minderheiten zum Ausdruck, als dies bisher leider der Fall war. Mit dem Verbot deutscher Predigten scheint allerdings nicht Ernst gemacht worden zu sein. Denn wie uns heute ein Pfarrer aus Prag berichtet, hat er noch dieser Tage ungestört deutschen Gottesdienst abhalten können. Aber im übrigen wollen die Klagen— gerade der deutschen Mindernen. Das war eine selige Zeit frohen Dienstes an den Kranken und Kleinen, an Armen und Verirrten. Staunend sah sie in Bethel, was Liebe vermag. Pastor von Bodelschwingh, der Apostel der Liebe, war ihr Lehrmeister. Unter seiner Leitung wurde sie zu einem Werkzeug Gottes zubereitet. Nach fünfjähriger, anstrengender, verantwortungsvoller Tätigkeit kehrte Schwester Eva nach Miechowitz zurück... zum Dienst bereit. Als eine echte Diakonisse zog sie durchs heimatliche Dorf, überall begehrt, überall helfend, die Kranken pflegend, die Armen speisend. Es war im Jahre 1888, da erhielt Schwester Eva ein Weihnachtsgeschenk besonderer Art. Unterm brennenden Tannenbaum lagen Pläne und Zeichnungen ausgebreitet für ein kleines Haus, das der Vater ihr für die Elenden und Verlassenen, ihre Lieblinge, schenkte. Das war eine Gebetserhörung. Wie jubelte und jauchzte ihr Herz. Ihr war, als ob der Himmel sich über ihr geöffnet hätte, und mit Tränen der Freude dankte sie dem wunderbaren Gott, der alles so herrlich regieret. Während das Haus im Bau war, brach in Miechowitz eine schwere Scharlach= und Diphteritisepidemie aus, die der jungen Samariterin ihre erste schwere Aufgabe brachte. Mit übermenschlicher Anstrengung und Aufopferung hat sie die Pflege durchgeführt. Nicht lange darnach war das liebe ersehnte Haus fertig, das den Namen„Friedenshort“ erhielt. Nun begann die eigentliche Lebensarbeit von„Mutter Eva“. Nach und nach wurden immer mehr Häuser gegründet, teils einzelstehend, teils aneinandergereiht, mit der Kirche in der Mitte, zwischen fruchtbaren Gärten und dichten Baumgruppen. Es ist wie ein Wunder, daß es im dunklen, rauchigen Oberschlesien noch solch ein schönes grünes Fleckchen Erde gibt. Wie Schwester Eva ihre engere Heimat liebte, lassen wir uns von ihr selber sagen: Volk meiner Heimat in Nebel und Rauch, dir bleib' ich treu bis zum letzten Hauch! Ich habe mein Herz und mein ganzes Leben, meine Kraft, meine Liebe dir hingegeben. Dein will ich sein bis zum letzten Hauch, Volk meiner Heimat in Nebel und Rauch! Dieses Gelöbnis hat Mutter Eva schon in ihrer Jugend abgelegt und gehalten bis in den Tod. In aller heit— aus der Tschechoslowakei nicht verstummen. Benesch täte gut, wenn er den wehrlosen Minderheiten end, lich zu ihrem international anerkannten Recht verhelfen würde. Aber wir fürchten, es wird praktisch alles beim alten bleiben. Preise und Löhne. Stegerwald skizziert die Grundzüge der — Berlin, 31. Oktober. Reichsarbeitsminister Dr. Stegerwald äußerte sich in einer Unterredung mit einem Journalisten über die heiß umstrittene Frage der Preise und Löhne, die gerade jetzt, angesichts der bevorstehenden Schiedsgerichtsentscheidung im Berliner Metallkonflikt erneut im Vordergrund steht. Gegenüber anderen Auslassungen über die Frage der Preise und Löhne kommt der Stellungnahme des Reichsarbeitsministers insofern eine besondere Bedeutung zu, als das Reichsarbeitsministerium nach dem Aufbau des deutschen Schlichtungswefens die letzte Instanz ist, die über die Verbindlichkeitserklärung von Schiedssprüchen und damit über Lohnhöhe und Arbeitsbedingungen zu entscheiden hat. Ueber den Anteil der durch Tarifverträge oder— für die Beamten— durch Gesetz gebundenen Löhne an den Gesamtlöhnen der deutschen Volkswirtschaft unterrichtet besser als lange Darlegungen die Tatsache, daß auf Grund von Tarifverträgen und Besoldungsgesetzen rund 36 Milliarden Mark, auf Grund freier Vereinbarung jedoch nur 9 Milliarden Mark jährlich Löhne und Gehälter ausgezahlt werden. Was nun die Stellungnahme Stegerwalds anbetrifft, will der Reichsarbeitsminister in dieser Zeit schwerster Wirtschaftsnot und drückender Abgaben unter Aufrechterhaltung des Schlichtungswesens und Ablehnung radikaler Abbauforderungen die Lohnpolitik elastisch handhaben, um jetzt die Gestehungskosten zu senken und bei besseren Zeiten den Arbeitnehmern wieder aufwärtszuhelfen. Wie das im einzelnen gedacht ist, zeigen die folgenden Ausführungen des Ministers: „Ich lehne es ab, Lohnkürzungen in einem unmöglichen Ausmaß durch die Staatsmacht auszusprechen. Ich lehne es auch ab, auf längere Sicht die Reallöhne zu senken und halte es weiterhin für falsch, anzunehmen, daß die deutsche Wirtschaftskrise von der Seite der Ausfuhr her in kurzer Zeit behoben werden könne. Deutschland hat schon jetzt seine Ausfuhr viel besser behauptet als die anderen großen Inkust..lin er. Ich glaube auch nicht da an, daß durch deutsche Industrieinvestierungen, durch gegenseitige Aufträge der Industrie die deutsche Wirtschaftskrise behoben werden kann. Das kann vielmehr in der Hauptsache nur auf zwei Wegen geschehen, durch eine vernünftige wirtschaftliche Regelung des Reparationsproblems und durch verstärkte Kaufkraft im Innern.“ Voraussetzungen für eine Hebung der Kaufkraft sind nach Ansicht des Arbeitsministers die Wiederherstellung der Ertragsfähigkeit der Landwirtschaft und die Verbilligung der Fertigfabrikate sowohl bei der Erzeugung als bei ihrer Verteilung. Konkret geschen laufe alles auf die Frage hinaus: Sollen in der Pri# vatwirtschaft etwa 18 Millionen Arbeitnehmer etwa 33 Milliarden Mark Löhne und Gehälter beziehen, um davon mit 3 Milliarden Mark etwa 3 Millionen Arbeitslose zu unterstützen, oder sollen 21 Millionen Arbeitnehmer in den Produktionsprozeß eingegliedert werden, um vorübergehend ebenfalls nur eine ähnliche Lohnsumme zu erzielen? Stegerwald bejahte diese Frage und fügte hinzu, im Wege der Preissenkung müßten nun die breiten Massen in die Lage versetzt werden, mit 31 Milliarden Löhnen und Gehältern das gleiche kausen zu können wie heute mit 33 Milliarden. Stille hat sie des Herrn Werk an den Geringsten und Kleinsten betrieben. Senfkornartig begann ihre Arbeit; aus dem Senfkorn ist allmählich ein stattlicher Baum geworden, dessen Zweige über ganz Deutschland sich ausbreiten, ja sogar bis nach China reichen, denn ihre Schwestern arbeiten auch als Missionarinnen unter den Heiden. In ihrer Arbeit durfte Mutter Eva es immer wieder erfahren:„Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist, des Hoffnung auf den Herrn, seinen Gott, steht", und: „Keiner wird zu schanden, der sich auf den Herrn verläßt". Als die eigenen Mittel erschöpft waren, da wurden ihr von allen Seiten die Hände reichlich gefüllt für die große Schar ihrer Pfleglinge, für die vielen Kinder, die sie mit Mutterliebe umgab. Aber auch dadurch, daß sie viele Herzen willig machte, dem Herrn als Diakonissen zu dienen, ist sie vielen zum Segen geworden. Die Zahl Schwestern, die sich ihrer mütterlichen Obhut anvertrauten, ist etwa 700. Sie standen alle unter ihrer direkten Leitung. Groß ist die Lücke, die ihr Tod gerissen hat. Als eine Ueberwinderin ging sie am 21. Juni dieses Jahres in ihrem geliebten Miechowitz heim. Bei ihrer Beerdigung kam es noch einmal stark zum Ausdruck, wieviel Liebe sie gesät hat; die ganze Feier war ein erhebender Gottesdienst, der davon zeugte, daß unser Glaube der Sieg ist, der die Welt überwunden hat. Wie sie Gott allein die Ehre gab, zeigen uns ihre folgenden Worte: An unsere alten Siechen dachte er ER, An unsere Kranken, Krüppel, Blöden, Blinden. Auch Obdachlose kamen zu uns her Und durften Zuflucht und auch Frieden finden. Die Häuser voll, besetzt ein jeder Raum, Und doch für alle Kleidung, Trank und Speise; Und schien es manchmal fast, als ging es kaum, So half er doch auf wunderbäre Weise. Er hat an unsre Kinderschar gedacht, Die große Schar, so voller Lust und Leben! Da hat er manches Herz bereit gemacht, Der Liebe Gaben willig uns zu geben. Wir nahmen sie mit Dank und Freude an,„ Und Jesus spricht:„Das habt ihr mir getan: Margarete Ebert. Die Anden=Giedel aufgene ninten. Abbruch des Berliner Streiks. Wiederaufnahme der Arbeit vielfach noch vor der urabstimmung. „In Konflikt in der Berliner Metallindustrie ist „„ arbeit in mehreren Betrieben noch vor der Durchfuhrung der Urabstimmung über den Abbruch des Streiks wieder ausgenommen worden; so war z. B. bei den Siemenswerken die Belegschaft vollzählig zur Stelle, und bei der AEG. konnte in einigen Betrieben ebenfalls die Arbeit sofort ausgenommen werden. Aehnlich lagen die Verhältnisse bei den kleinen Betrieben. Die Kommunisten bekämpften den sofortigen Abbruch des Streiks, wobei es mehrsach zu Zusammenstößen mit Arbeitswilligen und Polizei kam. * Die Arabstimmung. . D a s E r g e b n i s d e r U r a b s t i m m u n g, d a s a l l e r d i n g s zahlenmäßig noch nicht genau vorliegt, ist die Wiederaufnahme der Arbeit. In den Abendstunden des Donnerstag wurde in allen Lokalen bekanntgegeben, daß in allen Betrieben der Berliner Metallindustrie am Freitag morgen die Arbeit wieder aufzunehmen sei. Arbeiter gegen Arbeiter. Blutige Arbeiterzusammenstöße in Spanien. Madrid, 31. Oktober. In Badalana in der Provinz Barcelona kam es zu blutigen Zusammenstößen zwischen den arbeitswilligen Arbeitern einer Metallfabrik und Kommunisten. Von beiden Seiten wurde geschossen. Es gab zwei Tote und zahlreiche Verletzte. Verbilligung der Hausbrandbriketts. Im Verlaufe der Verhandlungen des Reichswirtschaftsministeriums mit dem Ostelbischen Braunkohlensyndikat wurde für Berlin eine Verbilligung der Hausbrandbriketts um eine Mark je Tonne, zunächst begrenzt auf die Monate November und Dezember, erzielt. Weiter werden vom 1. November ab die Preise für Halbsteine für das unbestrittene Gebiet des Ostelbis schen Braunkohlensyndikats von 15,10 Mark auf 14,10 Mark je Tonne, ebenfalls zunächst für die Monate November und Dezember gesenkt. Diese Preisherabsetzung hat besondere Bedeutung für die Provinz Ostpreutzen, die ihren Hausbrandbevarf ausschließlich in Halbsteinen deckt. Stegerwald kam dann zu dem Ergebnis, eine gohnsenkung von 1 Milliarde müsse mindestens einer Freissenkung von 2½—3 Milliarden entsprechen. Diese Greissenkung für Gegenstände des täglichen Bedarfs müsse sich auch beim Kleinverkauf voll durchsetzen. gerner verwies Dr. Stegerwald auf das Mißverhältnis, das darin besteht, daß der Bauer für den Liter Milch vielfach nur 12 Pfennige und für einen Zentner Speisekartoffeln im Osten etwa 60—80 Pfennige erhält, während der Verkaufspreis für Milch in Berlin 30 gfennige beträgt und für den Zentner Kartoffeln 3,50 Mark bezahlt werden müssen. Zum Schluß erklärte der Reichsarbeitsminister, eine Politik, die eine einseitige und dauernde Senkung des Lebensstandards bloß der Arbeitnehmer bedeute lehne er ab. Heutschlands Wirtschaftslage im englischen Urteil.—„Drei Be ugungen für einen neuen Aufschwung.“ — London, 31. Oktober. Die Londoner Zeitungen veröffentlichen einen Auszug aus dem Jahresbericht der Handelssachverständigen der britischen Botschaft in Berlin über die Lage Deutschlands. Darin heißt es: Deutschland braucht zweifellos noch mehr langfristige Auslandsanleihen für seinen normalen Kapitalbedarf und zur Bestreitung seiner Verpflichtungen gegenüber dem Auslande, aber wahrscheinlich in geringerem Maße, als allgemein angenommen wird. Die Kapitalbildung ist bereits beträchtlich, und es handelt sich mehr darum, die verfügbaren Quelten gut auszuuntzeu, als sie durch Auslandsanleihen zu vermehren. Wie in allen Ländern mit hohen Steuern sind große Summen deutschen Kapitals ins Ausland getrieben worden. Wenn Mittel gefunden werden könnten, dieses Geld wieder ins Land zu ziehen, dann würde Deutschland keinen besonderen Grund mehr für Auslandsanleihen haben. Weiter wird auf die ernste Arbeitslosigkeit Deutschlands hingewiesen und als deren Hauptursache die Depression des inländischen Marktes angeführt. Die Lage würde noch viel schlimmer sein, wenn es den deutschen Fabrikanten nicht gelungen wäre, die Ausfuhr in sehr beträchtlichem Maße zu steigern. Auf Grund dieses Berichts glaubt das Blatt„Financial News“ die Bedingungen für einen neuen Aufschwung des deutschen Wirtschaftslebens in drei Sätzen zusammenfassen zu können:„Die öffentlichen Finanzen müssen reformiert werden, die Löhne müssen herabgesetzt werden, die Detailpreise und die Gewinne der Mittelspersonen müssen in ein vernünftiges Verhältnis zu den Engrospreisen gebracht werden.“ Daß dabei die wichtigste Vorbedingung nicht erwähnt ist, nämlich die Herabsetzung der Tribute, ist hoffentlich nur ein Flüchtigkeitsfehler. * 10,15 Milliarden Sparkassenguthaben. Die Sparkasseneinlagen im Deutschen Reich beliefen sich Ende September 1930 auf 10148 gegen 10 094 Mill. Mark Ende August. Im einzelnen betrugen die Einzahlungen 538,14, die Auszahlungen 483,91 Mill. Mark. in der Heeresleitung. Generalmajor von Hammerstein=Equord, der neue Chef der Heeresleitung, tritt nunmehr wie vorgesehen, am Sonnabend sein neues Amt an. An den bisherigen Chef der Heeresleitung, Generaloberst Heye, richtete Reichswehrminister Groener eine Abschiedskundgebung, in der es u. a. heißt: „Auf der von General v. Seeckt geschaffenen Grundlage, haben Sie den Wiederaufbau des Heeres in unermüdlicher Arbeit weiter gefördert. Ihr Verdienst ist es, diese Probleme mit freiem, weitem Blick tatkräftig angepackt zu haben, insbesondere auf den Gebieten der Erziehung und Ausbildung. Auf beiden Gebieten sind bedeutende Fortschritte gemacht worden mit dem Ergebnis, daß hohe Persönlichkeitswerte durch alle Dienstgrade, vom einfachen Mann bis zum General erzielt worden sind. Sie sehen auf eine lange Dienstzeit in Frieden und Krieg zurück— glänzend im Aufstieg bis auf die höchste Sprosse— und können mit hoher Befriedigung auf Ihre Lebensarbeit zurückblicken. Wir empfinden mit Ihnen und gedenken auch des Chefs des Generalstabes des schlesischen Landwehrkorps, mit dessen Ruhm Sie aufs engste verwachsen sind.“ Brünings mit Fortsetzung der Verhandlungen mit den Ländern. In Verfolg der seit einiger Zeit im Gange befindlichen Besprechungen der Reichsregierung mit den Landerregierungen fand eine nochmalige Besprechung des Reichslanzlers Dr. Brüning und des Reichsfinanzministers Dietrich mit dem bayrischen Ministerpräsidenten Dr. Held statt. Zur Erörterung standen Fragen des Wirtschafts= und Finanzplans der Reichs„Ilgrung und des Ausgleichs des bayrischen Hausdalts. Achnliche Besprechungen über den Wirtschaftsund Finanzplan der Reichsregierung finden am heuigen Freitag mit den mitteldeutschen Ländern und den Hansestädten und am Sonnabend in Dresden mit der sächsischen Staatsregierung statt. Baldwin siegt über die Mit 460 gegen 116 Stimmen. Die angebliche Eingabe der 44 konservativen Abgeordneten des englischen Unterhauses, in der Baldwin ersucht wurde, sein Amt als Parteiführer niederzulegen, droht sich zu einem großen Skandal auszuwachsen. Es hat den Anschein, als handelt es sich hier um ein— allerdings rasch gescheitertes— Ueberraschungsmanöver der Lords Rothermere und Beaverbrook, die einen großen Teil der englischen Presse beherrschen und die das Steuer weiter nach rechts herumwerfen wollten. Eine ganze Reihe der angeblichen Unterzeichner des Manifestes haben nämlich Baldwin mitgeteilt, daß sie keine Unterschriften geleistet hätten. Auch Oberst Gretton, der Führer der Bewegung, mußte der Presse gegenüber zugeben, daß die in mitternächtlicher Stunde erfolgte Veröffentlichung nichtautorisiert und unkorrekt gewesen ist. Das Manifest ist wohl absichtlich der Presse so spät übergeben worden, damit eine Nachprüfung für die Morgenblätter nicht mehr möglich war. Der erste Erfolg des Vorstoßes gegen Baldwin war eine wuchtige Vertrauenskundgebung für Baldwin, indem die konservative Parteivertretung mit 460 gegen 116 Stimmen jede Aenderung in der Führung der Partei verwarf. Elsässische Anfrage an Tardien. Nachspiel zu den Stadtratswahlen im Elsaß. Wie aus Straßburg gemeldet wird, hat der elsässische Abgeordnete Hauß, der an Stelle des für nicht wählbar erklärten Autonomisten Rossé gewählt wurde, an Ministerpräsident Tardieu die schriftliche Anfrage gerichtet, ob er bei Bekanntwerden des Ergebnisses der Zusatzwahl zum Kolmarer Stadtrat gesagt habe: „Daß Rossé geschlagen wurde, ist das Symbol der Niederlage derer, die nicht begriffen haben, daß das Elsaß, das immer französisch gewesen ist, es auch fernerhin bleiben wird.“ Der„Elsässer Kurier" teilt diese Anfrage mit und fügt hinzu: Wenn Tardien dieses Wort ausgesprochen habe, werde er die Folgen in der nächsten Woche zu tragen haben. und wir. Dr. Curtius über die Prager Deutschenhetze. Die deutschfeindlichen Kundgebungen in Prag und ber Boykott deutscher Tonfilme in der Tschechoslowakei gaben dem Reichsaußenminister Dr. Curtius im Auswärtigen Ausschuß des Reichstages Veranlassung, festzustellen, daß den Verurteilungen solcher Vorgänge durch den tschechoslowakischen Außenminister Dr. Benesch vor dem Auswärtigen Ausschuß im Prager Parlament nicht die Wiederaufführung deutscher Tonfilme in Prag gefolgt sei. In selbstverständlicher Rückwirkung dieses Zustandes hätten deutsche Künstler ihr Auftreten in Prag abgesagt, deutsche Sportvereine ihre Mitwirkung an Sportveranstaltungen abgelehnt, deutsche Kunststätten gegenüber tschechoslowakischen Künstlern, die die größeren Resonanzmöglichkeiten Deutschlands für sich nutzbar zu machen wünschen, kühle Zurückhaltung geübt. „Diese Haltung", so erklärte Dr. Curtilss, wird solange weiterdauern, bis eine Aenderung in Prag zu beobachten ist. Solche Feststellungen sind schmerzlich. Die deutsche Außenpolitik muß eine baldige Aenderung dieser Verhältnisse wünschen. Sie erwartet im Interesse des kulturellen Austausches mit dem Nachbarvolk, mit dem sie gute Beziehungen weiter pflegen möchte, daß in Prag und in der tschechischen Bevölkerung die Würde der deutschen Kultur und die Bedeutung des Deutschtums nicht länger verkannt werden.“ Terror gegen die Ausweisung eines deutschen Redakteurs aus Polen. Der an einer deutschen Zeitung in Posen tätig gewesene Redakteur Otto Sroka, der als oberschlesischer Optant nach der Genfer Konvention bis zum Jahre 1937 in Polen das Aufenthaltsrecht hatte, ist jetzt als „lästiger Ausländer“ ausgewiesen und durch die polnische Polizei an die deutsche Grenze geschafft worden. Als Grund zur Ausweisung wird formell angegeben, daß Sroka sich vor zwei Jahren in Lissa polizeilich nicht gemeldet habe. Tatsächlich hat die Lissaer Polizei dem jetzt Ausgewiesenen gesagt, daß eine Anmeldung unnötig sei. Der tatsächliche Grund sei aber der, daß Sroka polenfeindliche Artikel veröffentlicht habe. Da Sroka nun aber den Wirtschaftsteil und den Provinzteil bearbeitet, sich aber niemals politisch betätigt hat, gilt den Polen offenbar eine objektive Darstellung der Wirtschaftsvorgänge als„polenfeindlich". Der Konflikt mit Braunschweig. Eine Erklärung des Staatsministers Dr. Franzen.— Anrufung des Staatsgerichtshofs erwogen. In einer Unterredung mit einem Pressevertreter erklärte der braunschweigische Staatsminister Dr. Franzen, wie Thüringen, werde auch Braunschweig den Rechtsweg beschreiten, falls es bei der Sperre der Polizeizuschüsse durch den Reichsminister des Innern Dr. Wirth, verbleibe. Er, Minister Dr. Franzen, habe sich keines Eingriffes in die braunschweigische Polizeiverwaltung schuldig gemacht. Was den Vorwurs betreffe, er habe in Berlin einen Nationalsozialisten aus der Polizeihaft befreien wollen, werde er anläßlich der Verhandlung vor dem Landgericht Braunschweig wegen der ergangenen einstweiligen Verfügung gegen sozialdemokratische Zeitungen Aufklärung schaffen. Leider werde die gerichtliche Klärung in Berlin durch seine Immunität als Reichstagsabgeordneter erschwert; er bemerke aber, daß er keine Bedenken habe, von sich aus Antrag auf Aufhebung der Immunität zu stellen. Aber auch das sei umständlich, trete doch der Reichstag erst Anfang Dezember wieder zusammen. Erdbebenunglück in Italien. Mittelitalien wurde von einem heftigen Erdbeben betrossen. In Ancona sind zahlreiche Häuser beschädigt und die Dächer abgedeckt worden. Die Marmorfassade des Palastes der Provinzialverwaltung stürzte auf die Straße hinab; von einem Kirchengebäude brach der Turm zusammen. Von den Bewohnern, die entsetzt auf die Straße stürzten, wurden zwei Personen getötet, etwa 130 verletzt. Aus Senigallia und Umgebung werden 22 Tote gemeldet. Kirchliche Nachrichten der Zionsgemeinde zu Bethel. Sonntag, den 2. November 1930, 20. S. u. Trin. 8½ Uhr: Pastor Platenius; 9 Uhr: Pastor Küßner; 10 Uhr: Pastor Wilm; 11½ Uhr: Kindergottesdienst. Montag, 20¼ Uhr: Gosen: Gemeindebibelstunde. Donnerstag, 19½ Uhr: Pastor Jasper. Schildesche. Kirchliche Nachrichten. Sonntag, den 2. November 1980. 10 Uhr vorm.: Gottesdienst: Pastor Hopmann. 1½ Uhr nachm.: Kindergottesdienst.— Dienstag, den 4. Nov. 1930. 8 Uhr abends: Bibelstunde im Hellingskamp.— Mittwoch, den 5. November 1930. 8 Uhr abends: Bibelstunde im Gemeindehause. Schriftleitung: W. Kraa; Wirtschafts= und Weltpolitih: Dr. H. Huttel; Anzeigen: K. Diekmann; alle in Bethel. Pastor Felkes Bialkran stärkt Blutarme, Schwache und tervöse bekanntlich überraschend schnell und nachhaltig. Erhältlich in den Apotheken, wo nicht, direkte Zusendung ohne Preisautschlag franco gegen Nachnahme N..50 d. 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Aber nicht jeder evangelische Christ ist sich dessen bewußt, daß dieser Anruf an die Christenheit weit mehr ist als nur der Anfang der großen Kirchenerneuerung, daß in ihm die Reformation selbst in ihrer Keim= und Triebkraft bereits enthalten ist. Es war ein deutscher, frommer Schulmann, der sich mit der Frage nach der Bedeutung der ersten These Luthers aus innerstem Drange heraus näher befaßt hat, Friedrich Wilhelm Dörpfeld.“) Und was der tat, das tat er gründlich. Er versenkte sich tief und tiefer in den„altbekannten schlichten Ausspruch“, bis er aus ihm „einen blendenden Lichtstrom“ hervorbrechen sah,„der unerbittlich in alle dunklen Ecken und Winkel des Kirchenwesens und seiner Geschichte hineinleuchtet. Luthers erste These ist der Anstoß zu einer ewigen Lebensbewegung. Zunächst für den Einzelnen. Er soll in unaufhörlicher Buße stehen, kann sich also niemals in Selbstgefälligkeit wiegen, niemals fertig und mit sich zufrieden sein, niemals stille stehen bleiben. Es gilt,„eine durch das ganze Leben fortgehende innere Arbeit“, wie Holl sagt; auf Grund einer das ganze Leben bestimmenden Stimmung, nämlich der Stimmung der unbedingten Demut vor Gott, dem allein Heiligen. Und gerade hierin unterscheidet sich die evangelische Auffassung von der römischen grundsätzlich. Wir kennen keine„Heiligen“ im Sinne der römischen Kirche, nämlich solche, die außer den pflichtmäßigen auch noch überschüssige gute Werke zu tun vermögen— trotz alles„Perfektionismus“, der sich auch in schwärmerischen Strömungen unserer Kirche immer wieder gemeldet hat. Ebenso aber wird andererseits alles Selbstgemachte und Künstliche eines besonderen „Bußkampfes“ durch die erste These ausgeschlossen. „Nichts hab ich zu bringen, alles, Herr, bist du“.— Die„Gerechtigkeit allein aus dem Glauben“. Dörpfeld meint geradezu:„wenn die römische Kirche Luthers Grundsatz von der beständigen Buße annehmen wollte, so würde sie sich bald zu der so anstößigen Lehre von der Gerechtigkeit aus Glauben hingedrängt sehen". Also„die richtige Auffassung der Lehre, die wir das evangelische Materialprinzip nennen“, ist bedingt„durch die richtige Auffassung des Bußbegriffs". In„Luthers inneren Kämpfen haben wir den Weg, der von der einen Erkenntnis(Buße) zu der anderen(Glaubensgerechtigkeit) hinführt, in aller Anschaulichkeit und beweiskräftigen Deutlichkeit vor uns“. Die ganze Reformation war ja Verinnerlichung, Abwendung von all den Mechanismen, äußerlichen Zeremonien, Formeln, der Verdinglichung und dem Lippenwerk einer verweltlichten Kirche; sie war die Frage nach Leben und Geist. Alles Leben der Gläubigen soll Buße sein und alle Buße soll Leben sein. Es handelt sich um das tägliche Sterben und Auferstehen, um die tagtägliche Erneuerung. So wie das Leben des Leibes darauf beruht, daß die Zellen in stetem Absterben sich immer wieder erneuern, so gründet das verborgene Leben der Gemeinschaft mit Gott in der unausgesetzten Erneuerungsbereitschaft. Will der Christenmensch wirklich leben, so muß er sein Ich immer von neuem in den Tod geben, muß immer wieder„von neuem geboren werden", von vorne anfangen, umkehren und Kind werden. Das ist der Sinn der Reformation, wie er bereits in der ersten These keimhaft enthalten ist. Keimhaft, aber schon als ein Ganzes, wie alles Lebendige schon in seinem Samen als Ganzes enthalten ist. Das gilt, sagten wir, von jedem einzelnen Christenmenschen. Aber noch viel mehr gilt es natürlich von der gesamten christlichen Gemeinschaft, von der ganzen Kirche. Auch„die sozial=organisierte Gesamtheit der Gläubigen, der Kirche, in allen ihren Satzungen und Ordnungen, soweit menschliche Hände dabei tätig gewesen sind“— so druckt Dörpfeld es aus— steht unter diesem Grundgesetz der beständigen Buße.„Die evangelische Kirche bekennt sich für den einzelnen wie für die Gesamtheit, für das Leben wie für die Lehre zu dem Grundsatz von der steten unaufhörlichen Reformation“. Und hierbei wird die grundsätzliche Verschiedenheit beider Kirchen noch viel handgreiflicher als bei der Beziehung auf den einzelnen Gläubigen. Die römische Kirche mag den einseinen noch so nachdrücklich zur Buße und Besserung anhalten— sie selbst als Kirche kann nicht Buße tun, denn sie ist doch als solche unfehlbar. Das Dogma von der Infallibilität der Kirche samt ihrem Oberhaupt ist nichts mnderes als die Proklamierung von der grundsätzlichen unbußfertigkeit der Kirche.„Infallibilität heißt eben Frreformabilität“. Das Schlimme ist dabei die wachende Abstumpfung des Wahrheitssinns;„anstatt der unAushorlichen Buße hat man das schnurgerade Gegenteil Friedrich Wilhelm Dörpfeld, Gesammelte Schriften, XI, Zur Ethik, S. 22—44. gewählt, ein unaufhörliches Versündigen an der Wahrheit, und zwar an der Wahrheit, bei welcher es sich um das Heil der Seele handelt. Ob es wohl eine größere Sünde geben kann als ein solches Sichverpflichten zu einem stetigen Versündigen?— Aber die allerschlimmste Verstörung des Wahrheitsgewissens wäre die, wenn wir Evangelischen nun meinten, in dieser Hinsicht über die römische Kirche den Stab brechen und uns selbst als gerechtfertigt betrachten zu dürfen. Solch ein Pharisäismus wäre das Gegenteil von Luthers Urteil, der gerade mit den Kindern der Reformation am schärfsten ins Gericht geht. Mir scheint, als ob es nicht überflüssig sei, auch heute auf diesen wunden Punkt den Finger zu legen. Gerade wir als Glieder und Vertreter der Kirche des Wortes haben allen Grund, uns mit unserer Kirche in allen ihren Teilen und Einrichtungen unter das ständige Gericht des Wortes zu stellen. Das lebendige und kräftige Wort Gottes ist nun einmal seinem Wesen nach ein„Kritiker“—„ein Richter“, übersetzt Luther die grundlegende Stelle Hebr. 4, 12— und wenn die evangelische Kirche es unternähme, vielleicht unbewußt, sich dieser unausgesetzten Kritik zu entziehen, so setzte sie dabei mehr aufs Spiel als das gewaltige römische Kircheninstitut. Denn für dieses kommt seinem Wesen nach in erster Linie die Autorität in Frage; für Rom heißt es:„Autorität um jeden Preis, selbst auf Kosten der Wahrheit". Also wenn auch die Wahrheit hie und da Schaden leiden sollte, Rom rettet auf alle Fälle seine Autorität und kirchliche Einheit. Was aber bliebe der evangelischen Kirche als Halt übrig, wenn sie es bei der Unterwerfung unter die Kritik des Wortes Gottes irgendwie an Wahrhaftigkeit fehlen ließe, wenn sie es mit der unausgesetzten Selbstprüfung nicht wirklich ernst nähme? Würde sie es aber wirklich ernst damit nehmen, so müßte sie doch eigentlich für jeden redlichen Wink und Fingerzeig auf solche Selbstprüfung dankbar sein, müßte willig darauf hören. Dem steht aber immer wieder die leidige Selbstgerechtigkeit entgegen. Wie der Mensch für sich selbst wohl im allgemeinen zugibt, daß er manchen Fehler habe, aber sich doch nur ja nicht solch einen Fehler von anderen sagen lassen will, so zeigen sich manche Wortführer der Kirche äußerst empfindlich gegen alle Art von Kritik an den kirchlichen Einrichtungen und Maßnahmen. Gewiß, es gibt eine höchst unverständige, auch wohl boshafte Tadelsucht, die man alles Recht hat abzulehnen. Wenn aber ein Glied der Kirche aus Gewissensgründen Anstoß nimmt an so manchen unerfreulichen Flecken und Mängeln unseres Kirchenwesens und das offen zur Sprache bringt, indem er sich selbst eben als Sohn dieser Kirche mit unter das Gericht stellt, dann sollte man auf ihn hören, auch dann, wenn man ihm nicht glaubt, Recht geben zu können. Dörpfelds kritische Ausführungen eben in dem Buche, auf das ich mich hier beziehe,„Die geheimen Fesseln der wissenschaftlichen und praktischen Theologie“, sind ihm namentlich von den gelehrten Theologen aufs schwerste verdacht worden; sie wurden von einem Professor in der überheblichsten Weise „erledigt". Wenn man aber gar darauf aufmerksam macht, daß die Kirche auch von ihren Feinden und deren haßgeschärftem Urteil lernen können, dann hat man es mit den Hochmögenden ganz verspielt! Buße zu tun ist eine schwere Zumutung! Die Tragweite der ersten These Luthers, das hat Dörpfeld zweifellos richtig gesehen, geht ins Unendliche. Man hat wohl gesagt, daß die neuere Wissenschaft ihren vollen Auftrieb durch die Reformation erhalten habe, durch das Prinzip der freien Forschung und Unabhangigkeit vom kirchlichen Dogma. Recht so. Aber damit ist doch nur die äußere Möglichkeit des Fortschreitens gekennzeichnet. Die innere liegt darin, daß die echte Wissenschaft stets und ständig bereit ist zur schärfsten Selbstprüfung, bereit, immer von neuem umzulernen, Buße zu tun. An dieser steten Erneuerungsbereitschaft hängt ihr Leben. Müßte aber erst die Wissenschaft uns zum Vorbild dienen, wie alles Leben der Gläubigen nur in der Buße gedeiht? Halle a. d. Saale. Gustav von Rohden. der Großmütige. Auch ein Beitrag zur Feier des Reformationsfestes. Eins der eindrucksvollsten Denkmäler in der Stadt Kassel ist das Standbild Philipps des Großmütigen auf dem freien Platz neben der St. Martinskirche. Als ein Glaubensheld, als mutiger Bekenner, mit kühn nach vorn gerichtetem Blick, in der Linken das Schwert haltend, tritt er dem Beschauer entgegen, gleichsam als wollte er ihm die auf den Sockel eingegrabenen Worte zurufen: „Ich will eher Leib und Leben, Land und Leute lassen, denn von Gottes Wort weichen.“ Zu den Füßen dieses Standbildes haben schon verschiedentlich bei großen kirchlichen Festen Kundgebungen evangelischer Verbände stattgefunden. Es ist aber auch durchaus berechtigt, wenn man sich bemüht, das Andenken an Philipp den Großmütigen innerhalb der evangelischen Christenheit deutscher Zunge wachzuerhalten. Denn Philipp war wohl der bedeutendste unter den hessischen Fürsten; ungewöhnliche Vorzüge des Geistes und Herzens zeichneten ihn aus. Er war fromm, tapfer und tatkräftig, gerecht und treu, milde, duldsam und versöhnlich. Seine ruhmvolle Regierung gehört nicht nur der Geschichte Hessens, sondern der deutschen, ja der Weltgeschichte an. Jedenfalls kann man keine Geschichte der Reformation schreiben, ohne daß man die Verdienste dieses hessischen Fürsten würdigt, der lange Zeit der Führer der evangelischen Reichsstände gewesen ist. Eine trübe, freudlose Jugend war Philipp beschieden. Er war erst vier Jahre alt, als sein Vater, Wilhelm II., starb. Der Knabe hat ihn, der in den letzten Lebensjahren geisteskrank war, kaum gekannt. Seine Mutter aber, Anna von Mecklenburg, mit ihrem Ehrgeiz, ihrer Herrschsucht und ihrer ungezügelten Sinnlichkeit, konnte ihm kein gutes Vorbild sein. Sie war zweite Gemahlin Wilhelms II. Dadurch, daß sie sich mit dem Grafen Solms später verheiratete, entfremdete sie sich ihrem Sohne. Erst 13½ Jahre alt, wurde Philipp auf den Antrag seiner Mutter hin von Kaiser Maximilian für mündig erklärt und übernahm schon 1518 die Regierung seines Landes. Er verstand es, klug und energisch seine Fürstengewalt gegenüber dem Adel zu befestigen d das Gebiet seiner Landgrafschaft durch einen Lehensvertrag mit dem Grafen von Schaumburg, wonach bei Aussterben der männlichen Linie ein Teil des Landes an Hessen fallen sollte, weiter auszudehnen. Gegen den mächtigen Reichsritter Franz von Sickingen, der ihm durch Unterstützung hessischer Adliger Schwierigkeiten bereitet hatte, zog er in Verbindung mit den Kurfürsten von Trier und von der Pfalz zu Felde und zwang den zu Tode Verwundeten, sich und seine Burg Landstuhl bei Kaiserslautern zu ergeben. Doch besondere Bedeutung gewann die Regierung Philipps durch die Einführung der Reformation in Hessen. Wohl stand er den Reformationsbestrebungen anfänglich feindlich gegenüber. Der Einfluß seiner Mutter und seit 1523 seines Schwiegervaters, des Herzogs Georg von Sachsen, mag dazu beigetragen haben. Freilich das mutige Auftreten Luthers auf dem Reichstag zu Worms, dem auch Philipp beiwohnte, machte auf den jungen Landgrafen offenbar einen tiefen Eindruck. Er besuchte Luther in seiner Herberge und verließ ihn mit den freundlichen Worten: „Habt Ihr recht, Herr Doktor, so helfe Euch Gott!“ Mannhaft trat er auch dafür ein, daß Luther das zugesagte Geleit gehalten würde, und erklärte, ein Geleitsbruch würde der ganzen deutschen Nation zur ewigen Schande gereichen. Gleichwohl blieb er zunächst ein Gegner der neuen Lehre, wenn er auch nicht, wie andere katholische Obrigkeiten, ihre Vertreter mit dem Tode bestrafte. Doch seit der zweiten Hälfte des Jahres 1524 trat ein Umschwung bei ihm ein. Wodurch er schließlich für die Reformation gewonnen wurde, wird ein Geheimnis bleiben. Zweifellos hat Luthers Verhalten in Worms auf ihn gewirkt, vielleicht auch eine Begegnung mit Melanchthon, der ihm dann seine Schrift:„Ein kurzer Begriff der erneuerten christlichen Lehre" zuschickte. Ferner sollen die Predigten des Magisters Adam Kraft zu Hersfeld, seines späteren Hofpredigers, ihn stark beeinflußt haben. Er war jedoch zu klug, um sofort die Reformation gewaltsam einzuführen. Er begünstigte zunächst die evangelischen Pfarrer und zog den Mann an seinen Hof, der in der Folgezeit sein treuester Berater und Helfer bei der Durchführung der Reformation in Hessen geworden ist, den Magister Adam Kraft. Weitblickend und tatkräftig knüpfte Philipp mit den andern evangelischen Ständen, namentlich mit dem Kurfürsten von Sachsen, Verbindungen an und schloß im Februar 1526 mit diesen Reichsständen das Gotha=Torgauische Bündnis ab zur Verteidigung der evangelischen Lehre. Denn er hatte als erster von allen evangelischen Fürsten die Ueberzeugung gewonnen, daß die religiöse Bewegung, wenn sie lebensfähig sein sollte, eine starke politische Organisation zu ihrem Schutze nötig habe. Die Früchte dieses Zusammenschlusses der Evangelischen zeigten sich schon auf dem Reichstag zu Speyer im Jahr 1526. Das entschiedene Auftreten Philipps von Gessen und Johann des Beständigen von Sachsen trug dazu bei, daß der ReichstagsAbschied für die Evangelischen günstig lautete. Die Ausführung des Edikts von Worms wurde ausgesetzt. Man einigte sich zu dem einhelligen Beschlusse, daß bis zu einem allgemeinen Konzil in Sachen der Religion ein jeder Reichsstand sich so halten möge, wie er es gegen Gott und den Kaiser sich zu verantworten getraue. Die Folge war, daß die evangelisch gesinnten Stände auf Grund dieses Abschiedes nun die Reformation einführten, eben weil sie es glaubten verantworten zu können. So geschah es auch in Hessen. In der von Adam Kraft und dem gelehrten Theologen Lambert von Avignon geleiteten Synode zu Homberg wurde eine Kommission ge wählt, die eine neue Kirchenordnung ausarbeiten sollte. Diese sogenannte„Homberger Reformationsordnung“ fand jedoch die Billigung Luthers und Melanchthons nicht, die ein sehr vorsichtiges Vorgehen empfahlen. So nahm nun Landgraf Philipp die Durchführung der Reformation selbst in die Hand. Seiner Besonnenheit und seinem Gerechtigkeitssinn ist es zu verdanken, daß sich die neue Lehre nirgends so rasch und so friedlich ausbreitete wie in Hessen. Im Jahre 1527 erfolgte die Aufhebung der etwa 50 Klöster in Hessen. In geradezu vorbildlicher Weise verwandte Philipp das eingezogene Kirchengut für gemeinnützige Zwecke. Er gründete die Landeshospitäler Haina und Merxhausen; Kaufungen und Wetter wurden zur Einrichtung adliger Damenstifte der hessischen Ritterschaft zugewiesen. Die Güter der andern geistlichen Stiftungen gaben dem Landgrafen die Möglichkeit, eine Anzahl von mittleren und niederen Schulen ins Leben zu rufen. Eine bedeutungsvolle Tat war vor allen Dingen die Errichtung der ersten protestantischen Universität in Marburg, für deren Zwecke das dort befindliche Kloster der Franziskaner oder Barfüßer und das der Dominikaner die entsprechenden Räume darboten. Die Büchereien aller hessischen Klöster bildeten gesammelt den Grundstock zu einer Universitätsbibliothek. Mit 11 Professoren, unter denen sich u. a. die Theologen Adam Kraft und Lambert von Avignon, der Philologe Hermann v. d. Busche und der Dichter Erbanus Hesse befanden, und 124 Studenten wurde die Hochschule am 27. April 1527 eröffnet. Unablässig bemühte sich ferner Philipp, den Ausbau der bessischen Kirche zu fördern. Dieser Ausbau erfolgte in Anlehnung an das Wittenberger Vorbild unter starker Beeinflussung durch den 1539 von Straßburg nach Hessen berufenen Martin Bucer. Allem theologischen Hader war Philipp abhold. Die Eigenart der hessischen Kirche unter ihm war die, daß er seinen freien, versöhnlichen Standpunkt auch seiner theologischen Fakultät und seiner Geistlichkeit mitgab. Um Frieden und Eintracht zwischen den Führern der Reformation herzustellen, berief der Landgraf im Oktober 1529 Luther und Zwingli mit ihren bedeutendsten Anhängern, zu einem Religionsgespräch nach Marburg. Leider scheiterte die Einigung trotz Entgegen kommens Zwinglis an dem Widerstand Luthers. Die Folge war, daß Philipp sich dem schweizerischen Reformator näherte. Beide erwogen den kühnen Plan eines Weltbundes aller Evangelischen. Als der zweite Reichstag zu Speyer 1529 damit endete, daß jede Verführung zu unrechtem Glauben bei Strafe der Acht verboten und die Durchführung des Wormser Ediktes streng befohlen wurde, gehörte Philipp zu denjenigen Fürsten, die in einer Protestschrift hiergegen Einspruch erhoben haben. Ebenso ist er einer von den Mitunterzeichnern der Augsburgischen Konfession. Es hat während des Reichstags zu Augsburg 1530 nicht an Versuchen gefehlt, den Land. grafen zum Abfall von seinem evangelischen Glauben zu bewegen. Unter der Bedingung der Rückkehr zum Katholizismus soll ihm Herzog Georg von Sachsen die Nachfolge in seinem Lande versprochen und der Kaiser ihm lockende Anerbietungen gemacht, ja sogar die Königswürde in Aussicht gestellt haben. Aber der Landgraf blieb fest. Als er merkte, daß auf dem Reichstag zu Augsburg eine Einigung mit den Katholiken in der Religionsfrage nicht erreicht wurde, reiste er vor Schluß des Reichstages ab. Gegen den für die Evangelischen ungünstigen Reichstagsabschied, der ihnen befahl, alle Neue rungen in der Religion abzuschaffen, schloß er am 31. Dezember 1930 in Schmalkalden mit Kursachsen und zahlreichen anderen evangelischen Fürsten und Reichsstädten den Schmalkaldischen Bund. Es gelang seiner Klugheit, Tatkraft und Umsicht, trotz aller Gegenbestrebungen und Widerstände den Bund so auszugestalten, daß er bald der Sammelpunkt und Hort aller Protestanten wurde. Gestützt auf den Bund, konnte Philipp 1534 es unternehmen, den vom Schwäbischen Bund und Oesterreich vertriebenen Herzog Ulrich von Württemberg, seinen Vetter, mit Waffengewalt in sein Land zurückzuführen. Er schuf damit der evangelischen Sache, der sich nun unter Ulrich auch Württemberg anschloß, einen starken Rückhalt und Ausgangspunkt für weitere Ausdehnung in Süddeutschland. Dieser Kriegszug, bei dem er völlig uneigennützig handelte und den Luther Philipps größte Tat nannte, trug ihm den Beinamen: „Magnanimus“, d. h.„Der Großmütige“ oder besser„Der Hochherzige" ein. Philipps Stellung war eine glänzende. Da fügte er durch seine Nebenehe mit Margarete von der Sale, einem Hoffräulein seiner Schwester, der Sache des Evangeliums einen schweren Schaden zu. Seine Ehe mit Christine von Sachsen war nicht glücklich. Von Gewissensbissen über seine Untreue gepeinigt, war er jahrelang nicht zum heiligen Abendmahl gegangen. Eine Ehescheidung war nach den damaligen Gesetzen nicht möglich. Da war er, der eifrige Bibelleser, auf den Gedanken gekommen, zwei Frauen zu haben wie die Patriarchen des Alten Testaments. Allein er hatte nicht bedacht, daß der Rückfall auf den alttestamentlichen Standpunkt durch Christus selbst unmöglich gemacht ist. Außer seiner Frau haben leider auch Luther und Melanchthon ihre Zustimmung gegeben, wenn auch ungern; aber sie hatten seine biblischen Beweisgründe nicht zu widerlegen gewußt und hatten nur auf Geheimhaltung gedrungen. Aber sein unheilvoller Schritt rächte sich dadurch, daß nun seine Hände dem Kaiser gegenüber in vieler Beziehung gebunden waren, und daß sich das Vertrauen seiner Glaubensgenossen von ihm abwandte. In dem schmalkaldischen Kriege, der durch die Weigerung der Protestanten, das Konzil zu Trient zu beschicken und sich ihm zu unterwerfen, herbeigeführt wurde, wich das Glück von Philipps Seite. Nachdem sein Verbündeter Johann Friedrich von Sachsen in der Schlacht bei Mühlberg 1547 besiegt, gefangen und zur Abtretung der Kurwürde genötigt worden war, erklärte sich auch der Landgraf zu Unterhandlungen bereit. Der neue Kurfürst Moritz von Sachsen, Philipps Schwiegersohn, und der Kurfürst Joachim II. von Brandenburg übernahmen die Vermittlung und überbrachten ihm einen Vertrag zur Unterschrift, der ihm Ergebung auf Gnade und Ungnade, persönliche Abbitte, Zahlung einer großen Geldsumme, Schleisung der Festungen, Freigebung Heinrichs von Braunschweig und anderes auferlegte. Obgleich die beiden Fürsten gewußt zu haben scheinen, daß eine zeitweilige Gefangenschaft nicht ausgeschlossen sei, so trugen sie doch im festen Glauben an die kaiserliche Milde, von der sie volle Begnadigung für Philipp erhofften, kein Bedenken, ihm die Befürchtung einer Gefangennahme auszureden und ihm ihrerseits freies Geleit nach Halle, wo Karl V. sich aufhielt, zuzusichern. Im Vertrauen auf die Zusicherung der Fürsten willigte Philipp in den Vertrag ein, ging nach Halle und tat knieend die verlangte Abbitte vor dem Kaiser in Gegenwart vieler weltlichen und geistlichen Würdenträger(19. Juni 1547). Ungeachtet dieser Demütigung wurde er am Abend desselben Tages nach dem Mahle, zu dem ihn der Herzog von Alba eingeladen hatte, gegen alle Erwartung und trotz der entschiedenen Einsprache der dort anwesenden beiden Kurfürsten verhaftet. Auch alle ihre weiteren Bemühungen um Freilassung Philipps blieben erfolglos. Fünf Jahre hindurch dauerte die harte und unwürdige Gefangenschaft. Lange Zeit von Kaiser Karl V. auf seinen Reisen von Ort zu Ort mitgeführt, war er überall Beschimpfungen und Kränkungen ausgesetzt. Zuletzt wurde er zu Mecheln in vergitterter Zelle in Haft gehalten. Oft war er der Verzweiflung nahe, wenn die fortgesetzten Demütigungen, der Gedanke an die trostlose Lage seines Landes und die geringe Aussicht auf Befreiung ihn quälten. In ruhigeren Stunden suchte und fand er Trost im Evangelium. Er hat später bekannt, daß er diese schwere Zeit nicht hätte überstehen können,„wenn er nicht in seinem Herzen den aus Gottes Wort geschöpften Trost gefühlt hätte". Von der Wahrheit dieses seines Bekenntnisses legt seine vielgebrauchte Bibel Zeugnis ab, in der zahlreiche Stellen mit Rotstift unterstrichen sind, wie z. B. das Wort im 5. Kapitel des Römerbriefes:„Hoffnung läßt nicht zu schanden werden“ Auch für Philipp schlug die Stunde der Befreiung. Die unablässigen Mahnungen des Erbprinzen Wilhelm von Hessen und der landgräflichen Familie an die beiden Bürgen für die Freiheit des Landgrafen, Moritz von Sachsen und Joachim von Brandenburg, trugen dazu bei, daß auf dem Schloß Friedewald bei Hersfeld ein Bündnis zwischen diesen Fürsten und Frankreich gegen die Pläne des Kaisers zustande kam. Das rasche Vorgehen des Kurfürsten Moritz in Tirol nötigte den Kaiser zu dem Abschluß des Passauer Vertrags(1552). Philipp wurde gegen Anerkennung der Kapitulationsbedingungen von 1547 frei und überschritt, jubelnd begrüßt, bei Simmersbach in Oberhessen die heimatliche Grenze. Bald darauf — es war an einem Sonntag— zog er in Kassel ein. Sein erster Gang war in die St. Martinskirche, wo er vor dem Grabmal seiner während der Gefangenschaftsjahre verstorbenen Gemahlin zu langem Gebete niederkniete. In den letzten Jahren widmete sich der Landgraf, den die lange Haft ruhiger gemacht hatte, dem inneren Ausbau des eigenen Landes. Besonders bemühte er sich, die Schäden zu heilen, die dem Lande durch seine Kapitulation und Gesangennahme zugefügt worden waren. 1567 starb er und wurde in der St. Martinskirche beigesetzt. Pfr. Drüner=Hersfeld. bleibt die (Ein Reformationsgespräch.) „Grüß Gott, Herr Nachbar!“ „'Tag, entschuldigen Sie, hab Sie gar nicht kommen sehen.“ „Was hat denn Ihre Aufmerksamkeit so beschlagnahmt?" „Die Fahne da oben.“ „Am Kirchturm?“ „Jawohl, die mit dem violetten Langkreuz, das ist doch wohl unsere evangelische Kirchenfahne.“ „Allerdings, aber was wundert Sie dabei?“ „Warum eigentlich heute geflaggt wird.“ „Weil morgen Reformationsfest ist, wissen Sie das nicht?“ „Nee, woher soll ich das wissen?“ „Na, hören Sie mal, diese Antwort verrät allerhand. Da muß ich mich immerhin noch eher wundern, daß Sie unsere Kirchenfahne überhaupt kennen.“ „Hm, bei Licht besehen haben Sie recht. Es fuhr mir auch nur so heraus, wissen Sie, wie einem so manches herausfährt. Natürlich weiß ich, daß es ein Reformationsfest gibt. Dr. Martin Luther... 95 Thesen Wittenberg, warten Sie:... 31. Oktober, ist's nicht so?“ „Ich hätte auch sonst mit Recht zweifeln können, ob Sie eine deutsche Schule besucht hätten. Das nicht zu wissen, würde eine peinliche Lücke Ihrer Allgemeinbildung bewiesen haben. Immerhin“ „Was: Immerhin.. „... scheinen Sie diese Erinnerungen im Aktenchrank Ihres Gedächtnisses sehr tief unten verstaut zu haben. „Wie man's nimmt. Jedenfalls will ich Ihnen offen sagen, daß ich mich für die alljährliche festliche Aufwärmung solcher längst vergangenen Ereignisse nicht allzugangen, als ich noch sehr kurzsichtig dachte.“ „O, ich habe auch heut noch meine Gründe.“ „Und zwar?“ „Man wird doch nicht dadurch evangelisch, daß man sich am Katholizismus reibt oder auf ihn schilt.“ „Sehr gut, ganz einverstanden. Und weiter? „Mich macht mittelalterlich dogmatischer Formelkran, halt nicht warm.“40 „Ebenso einverstanden. Mich auch nicht. Weiter: „Das sind meine Gründe.“ „So?! und beide Vorwürfe erheben Sie gegen die heutige Art der Feier des Reformationsfestes?“ „Das wäre ungerecht, wenigstens von mir, denn ich habe es zu selten mitgefeiert.“ „Aha. Na, Sie sind wenigstens ehrlich. Aber dann sagen Sie mir doch, wogegen Sie die Einwürfe denn er, heben. Gegen die Reformationszeit selbst?“ „Vielleicht ja, aber ich habe das so ernsthaft eigentlich noch nicht zu Ende gedacht. Meine Abneigung stamm mehr aus dem Gefühl.“ „Gefühle sind Glatteis, mein Lieber, wenn es sich um Dinge geschichtlicher Wirklichkeit handelt. Ihre bei, den Einwände hauen nämlich an dieser Wirklichkeit vorbei. Ich will Sie nun nicht in Verlegenheit setzen mit der Frage, wieviel Sie tatsächlich von der Reformation wissen. Aber ich will Ihnen eine andere Frage stellen angesichts Ihrer vermeintlich treffenden gefühlsbetonten Einwände.“ „Und die wäre?“ „Wo bleibt da die Feineinstellung?“ „Was meinen Sie damit? Feineinstellung?“ „Ja. Sie haben kein Rundfunkgerät?“ „Doch. Natürlich. Ach so, Sie meinen den Drehkreis. mit dem man die eingestellte Welle so fein abstimmt, daß man sie weder zu laut, noch zu leise, sondern möglichst natürlich hört?“ „Ganz recht, und wer das nicht tut, ist ein Rundfunkstümper. „Klar. Er ist noch nicht einmal das. Aber ich verstehe nicht... „Gleich mein Freund, aber vergessen Sie nicht, was Sie eben selbst gesagt haben. Und nun darf ich wohl ganz im Bild sprechen, ich sehe ja, daß Sie die Technik beherrschen. Alles geschichtliche Erinnern ist sozusagen das Einstellen des Bewußtseins auf eine Welle, die von der vergangenen Wirklichkeit ausgesandt wird, um die es uns im Einzelfall geht. Denken Sie nun einmal an eine„Welle Wittenberg". Verstehen Sie, wie ich das nun meine?“ „O, sehr gut.“ „Wenn Sie die nicht fein genug einstellen, so daß sie zu laut wird, so scheint es freilich, als dröhnte alles nur so wider von Fehde und Streit gegen Kaiser und Papst, gegen Bauern und Schwärmer, nicht zu verstehen und nicht auszuhalten. Sie kennen ja die Situation am Apparat. Stellen Sie aber die Welle zu leise ein, so erscheint alles so fern, so gegenstandlos wie vergilbte Dogmen, verwehende Klänge, die uns nicht mehr berühren. Aber...“ „Ja, ich sehe schon das„Aber““ „Um so besser. Denn beide Eindrücke entsprechen nicht der Wirklichkeit, sondern der fehlerhaften Einstellung. Wie man erst bei der richtigen Feineinstellung den Herzton im Klang des fernen Sprechers wahrzunehmen vermag und die tiefen Hintergründe spürt, deren Erlebnisgehalt sein Wort gestaltet, so kann man auch der Wirklichkeit vergangener Zeiten und geistgewaltiger Menschen erst verstehend gerecht werden, wenn man sich feinfühlig auf den Klang ihres Herztons abstimmt. Es ist mit Welle Wittenberg nicht anders. Hat man erst mal die notwendige Feineinstellung zum Eigentlichen und Wesentlichen ihres Klanges gefunden, den Herzton entdeckt, so klären sich auch vorher die beim tölpelhaften Einstellen scheinbar entdeckten Klangfehler. Sowohl die Kampfklänge als manche fremdempfundenen Wortgebilde damaliger kirchlicher Begriffswelt erscheinen als notwendige, unumgängliche Begleitung, zu der die besondere geschichtliche Lage die entscheidende Melodie des Herzens sich entfalten ließ. „Und wie erschiene bei einer so geforderten und ich gebe zu, auch mir einleuchtenden Feineinstellung jener eigentliche Herzton dieser Welle Wittenberg, wie Sie es ausdrücken?“ „Als der gigantische Kampf eines deutschen Menschen, der sich in seinem Gewissen auf Verderb und Gedeih an Gott und nur an Gott gebunden wußte im Vertrauen auf die Botschaft Jesu Christi und nur an sie. Diese unbedingte Gebundenheit begründete seine unerhorte Freiheit, machte diesen Menschen Luther zum Kind und zum Vulkan zugleich. Sehen Sie, und Reformationsfest feiern, heißt, den Spuren Gottes im Leben und im Wern dieses Mannes mit der Feineinstellung nachspüren, die die Ehrfurcht vor solcher Wirklichkeit fordert. Diese Wirklichkeit aber ist tiefstem Verständnis nach eben keine vergangene, sondern eine immer neu gegenwärtige und zukünftige, insofern sie Erweis von Gottesherrschaft über Menschenherzen und Gewissen bedeutet.“ „Sie drückens nicht gerade leichtverständlich aus. Aber Sie meinen doch, daß auch für uns heute und molgen kein andrer Weg in persönliche oder völkische Zu“ kunft führt, als dieser Weg entscheidender Gewissens bindung an den lebendigen Gott.“ „Ganz das meine ich. Nur so wurden die vulka nischen Kräfte auch heute gerufen und geformt, die unstet Zeit so nötig sind wie sonst nichts. „Dann habe ich Sie also verstanden?“ „So gut, haß ich glaube, daß wir uns auch über den Sinn des Reformationsfestes bejahend einig sind. „Ich glaube es auch.“ Wilhelm Schreiner. Schriftleitung: W. Kraa; Wirtschafts= und Weltpolltis: Dr. H. Huttel; Anzeigen: K. Diehmann; alle in Bethel.