r war ein wahrer eines Landes die guten Beziehun. no erkannt hatte. rs bedeutet durch. Wege, den Freiind deshalb nimmt en Reichsvertreter Die Beziehungen ingeachtet der inerstellungen einer ute vorzüglich. erbliebenen. der deutschen if getöteten bezw. id bei der Reichsn Betriebsunfall sofort Geldmittel he zur Verfügung zorschußzahlungen ersicherung erfolebegeldbeträge der unsallversicherung im Schicht verdient, Nark, bei 1 Kind: k. bei 3 Kindern: ReichsunfallverJahresarbeitsver. ission. ing der Reformanals nassau=oraniirt worden. Diese b am 30. Oktober ind in Dillenburg krofessor D. theol. Oranien=Nassaus sei dieser Gelegenlland. In Siegen ungen am 31. OkNovember spricht „Was verdanken um ist eine besonProf D. Schlosseraligen nassau=oramäßig darstellt. nde der positiven Jahres ist in Essen gesamtkirchlichen ven Union. Die e weithin stärüste Parteien unserer sen u. a. von Geeralsuperintendent Narkienen in Oststaatsvertrag, der ossen werden soll, eein, Berlin, welern nachgeht und ert am 19. Sonnn der St. Philipppstraße 11, vorr Herr Geheime osenfeld hält die Weltpolitih: 2r. Bethel. Zuschriften ich 28. Für Geld„Aufwärts“. Christuf 3911/3916, Am alt Bethel. n ß das richtige cogramme vorif evangelischer indfunk- Prohörer“ ersicht aller ctikel, Anterkätselecke, gute undfunks kwillen ark) monatlich dostbestellgeld) kerstraße—7 kundfunkfront Bezugspreis: Erscheint wöchentlich sechsmal.— Preis monatlich.25 und 0,86 Bestellgebühr, beim eigenen Postamt bestellt.— Füre einesand unter Streifband.95(inkl. Postgeld). Preis der Einzelnummer 10 Pfg. Postscheckkonto Hannover 67377. mit den Beilagen„Für Herz und Haus“, und„Anser Ziel.“ Anzeigenpreis: Die einspaltige Millimeterzeile oder deren Raum 10 Pfennig. Reklame 30 Pfg. Beilagen unter 25 g je tausend 15 Mt Schluß der Anzeigen=Annahme nachmittags 3 Uhr. Postscheckkonto Hannover 67377. 251. Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bieleseld), Sonnabend, den 25. Oktober 1930. 12. Jahrgang. Der Haß ist eine läst'ge Bürde, Er senkt das Herz tief in die Brust hinab Und legt sich wie ein Grabstein schwer auf alle Freuden. Goethe. Mnnein Jugend und Mit Reminiszenzen aus der„guten alten Zeit“ pflegt man bei der heutigen Jugend und in ihren Verbänden und Bünden nur wenig auszurichten, und gerade auch die erfahrenen älteren Jugendführer lehnen den lehrhaften Vergleich mit vergangenen Zeiten durchweg ab So berechtigt das sein mag, so wenig kann ein nachdenklicher Rückblick in den Fragen schaden, in denen kein Verständiger daran denkt, die Zustände der Vergangenheit wiederherzustellen, in denen aber der Gegensatz zu den früheren Zeiten so auffallend klafft, daß ein innerer Ausgleich der Spannung zwischen früher und jetzt im ausgesprochenen Interesse einer harmonischen Entwicklung liegt. Hierher scheint mir in allererster Linie die Problemfrage„Jugend und Politik“ zu gehören. Daß die Beschäftigung mit politischen Fragen und besonders auch die Betätigung in der leidigen Parteipolitik weitesten Kreisen der deutschen Jugend keine Problemsrage mehr ist sondern etwas durchaus Selbstverständliches, hat der hinter uns liegende Wahlkampf vielfach bewiesen, und ein Blick in die Jugendzeitschriften der verschiedensten Bünde, ein Blick in die Tagespresse, soheit sie auch für Meinungäußerungen der Jugend aufgeschlossen ist, wie das ja wohl auch rühmlichst vom„Aufits“ behauptet werden darf, zeigt, wie rege das Interesse für politische Fragen, wie intensiv auch das Hin und Her der Erörterung über dieselben in den geistig regen Jugendkreisen ist. Es liegt mir fern, diesen Tatbestand als solchen zu schelten, wenn es auch zu denken geben muß, daß in der Führerschaft der deutschen Jugendverbände die Meinungen über die Zweckmäßigkeit der politischen Betätigung der Jugend recht erheblich auseinandergehen, wodurch aber m. E. nichts an der Tatsache geändert werden wird, daß sich die moderne Jugend auch die Politik als Betätigungsfeld erobert hat, und daß es Torheit wäre, sie aus dieser Position mit Sentiments und Reminiszenzen wieder herausdrängen zu wollen. Wohl aber könnte die Erinnerung an die Zustände der angeblich„guten alten Zeit“ in mehr als einer Beziehung ausgleichend wirken, und damit der Jugend eine Zukunftsaufgebe erwachsen, die sie— denn jede„Jugend“ wird inmal„Alter“— in ganz hervorragender Weise zu Führern ihres Volkes befähigen würde. Doch wie sah es„früher“ nun eigentlich mit der poliischen Betätigung der Jugend aus? Ist das politische Interesse der Jugend der Vorkriegszeit wirklich so rundweg zu verneinen, wie das heute vielfach rühmend von der einen Seite und tadelnd von der anderen geschieht? Gewiß, die Schulen hielten sich damals bis hinauf zu den Oberprimen der höheren Schulen völlig fern von der Tagespolitik, und mir scheint, als sei das fraglos ein Vorzug den jetzigen Zuständen gegenüber gewesen, die zuweilen schon Sextaner und Tertianer in die Niederungen des Parteigezänks hinabziehen, und eine Enquete, die kürzlich eine große Berliner Tageszeitung bei den „Herrn Schülern“ über die Frage, ob der Sekundaner und Primaner Politik treiben solle, veröffentlichte, hat mich in meinem ablehnenden Standpunkt nur bestärkt. Vesentlich ernster aber muß man ebenso fraglos die Erorterungen über den politischen Betätigungsdrang der erwachsenen reiferen Jugend, also der Studenten und chrer Altersgenossen nehmen, und da muß es uns, die nun heute zu den alten Semestern gehören, erlaubt sein, die eigene Jugendzeit zum Vergleich heranzuziehen. Da ist nun zunächst die Darstellung, als sei der Student der Vorkriegszeit in der Tagespolitik völlig desintelesstert gewesen, keineswegs richtig, und es führt uns miiten in unsere Problemfrage, wenn wir als den wesentlichen Unterschied zwischen einst und jetzt die Tatache festhalten, daß der Student der Vorkriegszeit sich velfach genau so lebhaft für politische Dinge interessierte die die Mehrheit der modernen akademischen Jugend, 226 er sich aber im ausgesprochenen Gegensatz zu heute licht für berufen hielt, öffentlich in Wort oder Schrift in den Meinungsstreit und Tageskampf der Parteien einzusreifen. In den Verkehrslokalen oder auf den Häusern der einzelnen Studentenverbindungen fand man in der Vorlegszeit überall die Zeitungen und Zeitschriften aller parteien vom sozialistischen„Vorwärts“ bis zur konservativen Kreuzzeitung, und in unserem„Bunde", in dem damals auch nicht ein Katholik„aktiv“ war, wurde die„Germania“ ebenso gehalten wie die dem Evangelischen Bunde nahestehenden Blätter. Schon diese vielseitige und reichhaltige Lektüre brachte sehr lebhafte Debatten über die Fragen der Tagespolitik mit sich, und wie sehr seitens der akademischen Lehrerschaft auch diese Seite des damaligen Hochschullebens beachtet und als allgemeinbildend für unerläßlich gehalten wurde, das ging daraus hervor, daß es bei den großen Staatsprüfungen aller Fakultäten Professoren gab, die ihre Examinas gelegentlich mit Zurückgreifen auf politische Fragen„würzten“ und die sehr ungemütlich wurden, wenn der Examinant ihnen etwa sagte, er hätte infolge Examensarbeit zur Zeitungslektüre keine Zeit gehabt. Nicht ohne Absicht greife ich in meinen Betrachtungen auf die akademische Jugend zurück: muß ihr Verhalten zu den aktuellen Fragen, also auch zu unserer Frage „Jugend und Politik“, doch stets und zu allen Zeiten im weitesten Umfange symptomatisch sein für das Verhalten der Jugend unseres Volkes, die pflichtbewußt an ihre künftigen Führeraufgaben im Gesamtvolk denkt, stammen doch ferner auch die Artikel und sonstigen Verlautbarungen aus den Kreisen der deutschen Jugend zu den Fragen der Tagespolitik verwiegend aus der Feder der akademischen Jugend bezw. aus den Kreisen des jüngeren Philisteriums.—— Daß es in früheren Zeiten an einer recht vielseitigen und zielbewußten Vorbildung für die dereinstige Beschäftigung mit der leidigen Politik nicht fehlte, glaube ich gezeigt zu haben, habe auch nicht verschwiegen, daß diese Vorbildung und das Wissen, das jedes Spezialstudium vor dem Kriege als sogenannte „Allgemeinbildung“ gewissermaßen nebenbei vermittelte, seinen Ausdruck fand in einer außerordentlich bemerkenswerten Bescheidenheit und Zurückhaltung der Jugend, die es bei der Fülle des Stoffes, die sie annähernd übersehen konnte, nicht riskierte, ohne die nötige Lebenserfahrung und praktische Vertrautheit mit dem täglichen Leben, die eigene Meinung als maßgeblich in die Wagschale des politischen Lebens zu werfen. Von dieser Zurückhaltung und Bescheidenheit nun möchte man der modernen Jugend ein gut Teil wünschen, ohne mit diesem Wunsche ihrer Betätigung in der Politik grundsätzlich im Wege zu stehen. Wie oft kommt wohl allen älteren Lesern unserer Tageszeitungen bei der Lektüre gewisser Artikel aus der Feder dieses oder jenes stud. K. und cand. Y. das banale Wort in den Sian: „Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort!“ Da schlägt sich dieser oder jener Arzt, Professor oder Geistliche, dieser oder jener erfahrene Praktiker auf dem Gebiete von Volkswirtschaft und Politik seit Jahrzehnten innerlich mit den Problemfragen unserer Zeit herum, um mit seiner Ansicht sozusagen im Handumdrehen von der überlegenen Geste des Studenten oder Doktoranten als ganz und gar undiskutabel, weltfremd oder was weiß ich sonst abgetan zu werden. Greifen wir doch einmal ein paar Beispiele heraus: Im schweren Ringen mühen sich die Aelteren unter uns um Klarheit zu den so ungeheuer aktuell gewordenen Fragen„Krieg und Frieden" und ihren Beziehungen zu den Forderungen des Christentums: da kommt der eine fast blutenden Herzens zu dem Schluß, daß um der Gebote der Bergpredigt halber auch das Vaterland zurückstehen müsse, und der andere hält gerade vom christlichen Standpunkte aus eine Zielbeschränkung auch des„Friede auf Erden“ für geboten: Aus der Jugend heraus aber schallt dem ersteren das Wort „Landesverräter“, dem zweiten der Vorwurf, er sei kein wahrer Christ, mit einer Unbekümmertheit entgegen, als seien die inneren Kämpfe eines langen Lebens mit ein paar Schlagworten abzutun. Da wird über die Parteiprogramme der Nationalsozialisten und der marxistischen Parteien der Stab gebrochen, daß wir Aelteren uns unseres langen Ringens um die alte Pilatusfrage in Beziehung auf einen Wahrheitskern auch dieser Parteiforderungen fast schämen, da stabilisiert ein Anderer mit einer beneidenswerten Sicherheit, daß die Wahrheit nur bei den Völkischen oder nur bei den Sozialisten sein könne, eine Erkenntnis, die unsereiner in einem Menschenalter nicht erarbeiten konnte, da werden Rassenprobleme gelöst, ohne daß auch nur ein ganz bescheidenes Quentchen Wissen als Fundament vorhanden wäre. Dieser letzte Mangel aber ist es, den ich an dieser Stelle einmal feststellen möchte: Der Mangel an Wissen, der Mangel vor allem an Wissen von dem Anderen, von dem Gegner. Immer wieder stößt man gerade in den Kreisen der Jugend auf diesen Mangel: liegt er doch geradezu im Wesen des Wachsenden und Werdenden, und man könnte ihn ebenso gut einen Vorzug der unvollendeten modernen Jugend nennen, wie er unser Vorzug in der Jugend war. Unbegrenzt in seinen ganzen unermeßlichen Weiten liegt vor der Jugend das Leben, und wie wir uns mühten, auf tunlichst allen Kreuz= und Querwegen des Wissens das Leben in seinen Weiten zu erforschen, so müßte das auch Aufgabe der heutigen Jugend sein. Muß man hier aber immer wieder auf die Gegenrede stoßen: In die Blätter des Gegners werfe ich grundsätzlich keinen Blick, erfährt man, daß dem politischen Urteil weitester Kreise immer nur das parteipolitisch gebundene Urteil der eigenen Führerschaft zu Grunde liegt, daß sich gerade die politisch interessierte Jugend,— steht sie wo sie wolle—, geradezu ängstlich scheut, den Standpunkt auch des Gegners und seine Begründung kennen zu lernen, und liest man diese Ziel= und Aufgabenbeschränkung aus ungezählten Artikeln und Zuschriften der Jugend heraus, dann kann der älteren Generation nicht nur um das Problem„Jugend und Politik“ sondern besonders auch um das mit diesem Problem auf das Engste in Verbindung stehende Führerproblem unseres Volkes angst und bange werden. Musculus. Die Hauptlehre für eine Verwaltungsreform. Reich, Länder und Gemeinden müssen nunmehr die Aufgabe lösen, ihre Ausgaben erheblich zu senken, da die Steuererträge sinken und die Steuern nicht mehr erhöht oder vermehrt werden können. Nach dem Mißerfolg des schematischen Beamtenabbaues im Jahre 1923 wird dieser zur Erzielung von Ersparnissen mit Recht von der Regierung abgelehnt. Ob eine Reichsreform, von der man Ersparnisse erwartet, nicht an innerpolitischen Schwierigkeiten scheitert, ist noch nicht zu übersehen. Erhebliche Ersparnisse erwartet man auch von einer Verwaltungsreform. Was nun aber unter Verwaltungsreform zu verstehen ist und wie sie durchzuführen ist, darüber gehen die Ansichten weit auseinander. Gerade hier spielen Schlagwörter, die nicht zur Klärung, sondern zur Verwirrung führen, eine große Rolle. Die Ausgaben und der Personalbestand der öffentlichen Verwaltungen sind heute gegenüber der Vorkriegszeit stark gestiegen, weil einmal den Verwaltungen neue Aufgaben(z. B. in sozialer Fürsorge) übertragen, sodann eine überstürzte Gesetzgebung die Verwaltungsarbeiten sehr kompliziert hat. Eine Rationalisierung, eine mit einer Umarbeitung eines Teiles der Gesetze verbundene Vereinfachung des Verwaltungsapparates kann zu wesentlichen Ersparnissen führen. Wie soll man nun in den öffentlichen Verwaltungen rationalisieren? Erfahrungen hat man hier noch nicht gesammelt, man wird daher gut tun, die Rationalisierung der Industrie zum Muster zu nehmen, wenn man auch nicht genau so wie die Industrie verfahren kann, die z. B. menschliche Arbeit weit mehr den Maschinen übergeben und überflüssige Arbeiter ohne Weiterzahlung von Löhnen entlassen kann, während die öffentlichen Verwaltungen den in einem Treuverhältnis stehenden Beamten Warte= oder Ruhegeld beim Abbau bezahlen müssen. Nicht nur durch Ersetzen menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen hat die Industrie rationalisiert und ihren Unkostenfaktor gesenkt, sondern auch dadurch, daß die einzelnen Betriebe sich weitgehendst spezialisieren, daß die spezialisierten Betriebe statt einer Formenmannigfaltigkeit nur noch bestimmte Typen fabrizieren, daß man Nebenbetriebe zu besonderen Betrieben ausgestaltete und nur solche Betriebe zusammenlegte, die dasselbe fabrizieren. Gegen diese Rationalisierungsmethoden haben auch Krupp, Ford und andere nicht verstoßen, weil sie wissen, daß ein Verstoß hiergegen nur zu starken Verlusten führen kann. Zwar haben sie zu Weiterverarbeitungszwecken viele Unternehmungen in ihrer Hand vereinigt, wenn sie die hier produzierten Roh= oder Halbfabrikate billiger herstellen als kaufen konnten, sie haben aber diese erworbenen oder neu errichteten ihren bisherigen Betrieben artfremden Unternehmungen nicht in ihren Fabriken miteinander vereinigt, sondern als Spezialbetriebe für sich bestehen lassen, sie haben nur solche Betriebe zusammengelegt, die dasselbe fabrizieren. Aus diesen Vorgängen in der Industrie ergibt sich als Hauptlehre für eine Verwaltungsreform die Spezialisierung des Verwaltungsapparates d. h. für besondere Geschäfte besondere Aemter, keine Bearbeitung artfremder Geschäfte in demselben Amt, nur Zusammenlegung der Aemter, die dieselben Geschäfte verrichten. Ein Verstoß hiergegen kompliziert und verteuert den Verwaltungsapparat, statt ihn zu verbilligen. Wie eine Verwaltungsreform auf die einzelnen Verwaltungen sich auszuwirken hätte, einzelnen Verwaltungen sich aauszuwirken hätte, kann hier nicht ausführlich behandelt werden, hier sollen nur die Behörden berührt werden, die Steuern verwalten, denn für diese wird eine Verwaltungs= und Steuerreform von einschneidendster Bedeutung sein, auch wird dies den Steuerzahler und Leser am meisten interessieren. Zur Rationalisierung des Steuersystems macht dem neuen Reichstag die Regierung einen geeigneten Vorschlag, indem sie für Landwirte und kleine Gewerbetreibende, deren Einkommen unter 8000 RM. bleibt, eine Einheitssteuer vorschlägt, die an Stelle der verschiedenen von diesen zu entrichtenden Steuern treten soll. Auch die Steuerverwaltung läßt sich vereinfachen. Die seit 1923 von den preußischen Katasterämtern verwaltete Grundvermögens= und Hauszinssteuer und die Vorbereitung der Grundstücksbewertung, die von den Landratsämtern verwaltete Wertzuwachssteuer und die von den Kreis= und Gemeindeverwaltungen verwaltete Gewerbesteuer, die alle in Preußen s. z. den Finanzämtern wegen Ueberlastung nicht übertragen waren wie in manchen anderen Ländern, müßten nunmehr von den Finanzämtern bearbeitet werden, da sie nicht mehr überlastet sind. Durch Einheitssteuern und eine einheitliche Verwaltung aller Steuern an einer Stelle würde nicht nur die Steuerverwaltung vereinfacht, die Steuerzahler würden auch weiterhin entlastet, weil sie dann weniger Steuererklärungen abzugeben und nur mit einer Dienststelle zu verhandeln brauchten. Die Gemeindeverwaltungen, Landratsämter und Katasterämter hätten die Beamten, die bisher lediglich Steuern bearbeileten und an ihrer alten Dienststelle nicht anderweit verwendet werden könnten, an die Reichsfmanzverwaltung abzugeben Es ist nicht angängig, jene Verwaltungen, die überwiegend noch andere den Finanzämtern artfremde Geschäfte verrichten, mit den Finanzämtern zusammenzulegen, das würde allen bei der Rationalisierung der Industrie gemachten Erfahrungen, die #eitgehendste Spezialisierung fordern, widersprechen. Nach Bl. 63 des Reichs= und Staatsanzeigers v. 12. 3. 28 erklärte zutreffend das Reichsfinanzministerium die Vermessungsgeschäfte der Katasterämter, ihre Hauptaufgaben, für Finanzämter als„unorganische" und„artfremde Geschäfte", die zwar im Jahre 1919 in Württemberg von den Finanzämtern übernommen, aber zur Vereinfachung und Verbilligung des Verwaltungsapparates dem Lande zurückgegeben werden sollen. Dagegen geht die im Mai dieses Jahres von der Arbeitsgemeinschaft der Reichsfinanzbeamten an ihren Minister gerichtete und veröffentlichte Denkschrift zur Vereinfachung des Verwaltungsapparates in soweit fehl, als sie die Angliederung der Katasterämter mit ihren artfremden Geschäften an die Finanzämter vorschlägt, denn das würde nach den auch in der Industrie gemachten Erfahrungen den Geschäftsbetrieb komplizieren und verleuern, statt zu vereinfachen und zu verbilligen. Schon die Verkoppelung des Katasters mit einem Teil der Steuern(Grundsteuern) stört die Katasterbeamten in ihrer eigentlichen Aufgabe, noch engere Verbindung mit Steuern würde unbedingt zum Verfall des Katasters führen. Ein gutes Kataster ist für den Landwirt und den Hausbesitzer, für Landesplanung. Bauentwürfe, Bodenkultur, Flurregulierungen, Siedlungen, Sicherung der Grundstücksgrenzen und zahlum den Reichstag. Unter den tausend Gesetzen und Verordnungen, die im Laufe der Jahre erlassen worden sind, fehlt eines: Jeder heutsche Staatsbürger müßte verpflichtet werden, einmal einen Gang durch den Reichstag zu machen und einer Sitzung an einem der„großen Tage" beizuwohnen. Ob ein solches Gesetz eine Mehrheit fände? Nicht immer wird das„hohe Haus“ geneigt sein, sich hinter die Kulissen schauen zu lassen; denn es verliert viel an Würde und Ehrfurcht, wenn man seinen geheimiten Zusammenhängen folgt und viel, viel Menschliches, allzu Menschliches auch bei den sog.„Reichsboten“ zu ehen bekommt. Wer den Reichstag besuchen will, sollte zunächst einmal die Siegesallee bis zur Siegessäule wandern und aus Brandenburg=Preußens Geschichte schöpfen. Wendet man von der Siegessäule den Blick zum Reichstag, dessen Kuppel im Glanz der Herbstsonne herüberleuchtet, so fällt der Blick auf das Denkmal des Schöpfers des Kaiserreiches,— Bismarck. Dicht daneben, welch ungewohnter Anblick! Das Reichstagsgebäude, das nach einer Inschrift dem„deutschen Volke“ gewidmet ist, wird von einem Heerbann von Polizisten umlagert. Eine Postenkette zieht sich um den ganzen Reichstag, ein Panzerwagen ist aufgefahren, dem man die harmlose Deutung gibt, daß er einen 50 Meter langen Wasserstrahl gegen allzu hitzige Demonstranten werfe. Pferdehufe stampfen an der Auffahrt zum Reichstag; abgesessene Schupos patrouillieren auf und ab. Es fehlt ur eines, was nämlich den Aufmarsch dieses Herrbannes überhaupt rechtfertigen könnte: wogende Demonstrationen. Nach den Exzessen am Montag ist es ruhig geblieben und das Massenaufgebot der Polizei ist das einzige, was beunruhigend im Stadtbilde wirkt. Was hat eigentlich die Polizeimacht herbeigezaubert? Ist es die„Liebe des freien Volkes“, von der die Reichsregierung sich bedrückt fühlt oder mehr die Furcht vor dem Ausbruch einer aus der fürchterlichsten Not heraus verständlichen, wenn auch nicht zu billigenden Massenwut? Das kaiserliche Deutschland wird sich eines solchen Polizei=Massenaufmarsches nicht erinnern können, und es erscheint paradox, daß ausgerechnet in der freiesten aller Republiken die Polizeimacht und der Gummiknüppel eine weit größere Rolle spielen als zur Zeit des„reaktionären“ Systems. Hervé setzt seinen Revisions=Feldzug fort.— Deutlicher Hinweis auf die Notwendigkeit radikaler Lösungen. — Paris, 24. Oktober. Gustave Hervé, einer der bekanntesten Journalisten Frankreichs, dessen nationale Einstellung nicht in Zweifel steht, setzt seinen Pressefeldzug für die Abänderung der Verträge fort. Heute schreibt er in seiner Zeitung„Victoire": Briands Methode ist langsam und vorsichtig und eine Methode ohne Wirkung. Sie befriedigt Deutschland nicht und kann die Verzweiflungsstimmung nicht beeinträchtigen. Diese Verzweiflung kann zu einer Katastrophe im polnischen Korridor führen. Das bisherige Verfahren der französischen Diplomatie, dessen Wirtungslosigkeit auf der Hand liegt, muß durch ein revolutionäres und wagemutiges Verfahren ersetzt werden, das darin besteht, daß alles, was vom Versailler Vertrag undurchführbar geworden ist, kaltblütig ausgegeben wird, sofern es die Existenz Frankreichs und seiner Verbündeten nicht gefährdet. Was für die Deutschen eine Schikanc bedeutet, muß auf einmal verschwinden. Diese revolutionäre Methode, so schließt Hervé seine Ausführungen, trägt zu 95 Prozent in sich die Sicherheit einer deutsch=französischen Verständigung. Die bisherige Methode aber bietet noch nicht einmal ein Prozent Sicherheit gegen einen neuen europäischen Krieg. FNU TK W Man muß zugeben, daß Hervé auch in diesem neuen Artikel die Dinge richtig eingeschätzt und sie beim rechten Namen genannt hat. Seine Ausführungen können außerordentlich viel dazu beitragen, zwischen Deutschland und Frankreich zu schaffen. Aller, dings gilt auch hier das Wort, daß eine Schwalbe noch keinen Frühling macht. Im französischen Aus. wärtigen Amt steuert man im alten Gleise weiter und ohne Verständnis für die Notwendigkeit radikaler Lösungen. Geheimakten aus dem Jahre 1916. Wie die Alliierten gegen die deutschen Kinder Krieg führten. — Washington, 24. Oktober. Die Regierung der Vereinigten Staaten veröffentlicht einen etwa tausend Druckseiten zählenden Aktenband aus dem Jahre 1916. Es handelt sich um Dokumente, die bisher nicht bekannt waren und die einen Einblick in die umfassenden Maßnahmen Englands gegen den Handel der Vereinigten Staaten während der ersten Kriegshälfte ermöglichen. Interessant ist ein Vorschlag der Vereinigten Staaten an die Alliierten. mit Rücksicht auf den deutschen Unterseebootkrieg die Bewaffnung der Handelsschiffe aufzugeben, um Zwischenfälle zu vermeiden. Die Alliierten lehnten dieses Zugeständnis ab. ebenso wie sie die Bitte Amerikas glatt abschlugen, zur Speisung deutscher und österreichischer Kinder durch das amerikanische Rote Kreuz Milchtrausporte an die Mittelmächte durchzulassen. reiche andere Aufgaben der Landes= und Gemeindeverwaltungen notwendig. Für Finanzämter haben die Ka tasterunterlagen nur geringe Bedeutung, ihnen genügt schon ein summarischer Nachweis, Durchschläge der Abschlußlisten, die Größe und Güte des Grundbesitzes nachweisen und die Katasterämter ihnen leicht und billig liefern können. Ersparnisse durch Zusammenlegung von Behörden erzielt man nur, wenn man vereinigt, was zusammen gehört, also kleine Finanzämter nur mit anderen Finanzämtern, dagegen kleine Katasterämter nur mit anderen Katasterämtern oder Kulturämtern. S. der Vereinigaten, Staaten der englischen Dominien Die Amnestie rechtskräftig. Kein Einspruch des Reichsrats. Der Reichsrat hielt am Donnerstag eine öffentliche Sitzung ab, die durch eine Trauerkundgebung für die Opfer von Alsberg eingeleitet wurde. In längerer Ansprache brachte der Reichsinnenminister Dr. Wirth das Beileid des Reichsrats zum Ausdruck. Die Mitglieder hatten sich während dieser Kundgebung von ihren Plätzen erhoben. Der Reichsrat stimmte dann den vom Reichstag angenommenen Gesetzentwürfen über die Schuldentilgung und zur Durchführung der Entschädigung auf Grund des deutsch=polnischen Liquidationsabkommens endgültig zu, ebenso der Ergänzung zum Handelsabkommen mit Finnland. Auch brzüglich der vom Reichstag beschlossenen Amnestie wurde gegen die Stimmen der Provinzen Hessen=Nassan und Sachsen von der Einlegung eines Einspruchs abgesehen. Weiter stimmte der Reichsrat einer ganzen Reihe kleinerer Vorlagen zu. Am Schluß der Sitzung bat der Vertreter der Provinz Schleswig=Holstein, von Schifferer, namens der preußischen Reichsratsbevollmächtigten die Reichsregierung, baldmöglichst das von der Reichsregierung seinerzeit gegebene Versprechen zu erfüllen, wonach der Auswärtige Ausschuß des Reichsrats einberufen werden soll, wenn die politische Lage es erfordert. Die Voraussetzungen für die Einberufung des Ausschusses seien jetzt gegeben, zumal sich die Reichsregierung auch im Auswärtigen Ausschuß des Reichstags über die schwebenden außenpolitischen Fragen verbreiet habe. In Beantwortung dieser Bitte wurde mitgeteilt, daß die Einberufung des Auswärtigen Ausschusses des Reicherats für die nächste Woche beabsichtigt sei. — Ende Oktober wird der Kreuze. öln“ eine Probefahrt in den Atlant'schen Ozean antre en. Ein kleiner Ausschnitt aus Dutzenden von Vorfällen. Wird da während einer großen Demonstration am 13. September eine Gruppe von Provokateuren beobachtet, die aus Ausländern besteht. Mit Beschimpfungen des Reichspräsidenten beginnt die Geschichte. Der Sipo fällt nichts auf. Freilich, wenn es erkennbar Nationalsozialisten gewesen wären! So aber entpuppen sich zwei als Angehörige des polnischen Konsulats, die versuchten, Unruhe zu schaffen und die Menge aufzuputschen. Ein Staatsbürger, der seine Pflicht als solcher etwas ernst nahm und es mit der Achtung vor der Würde des Reichspräsidenten genau nahm, stellte die Provokateure zur Rede und verlangte das Einschreiten eines Polizeioffiziers. Dieser stellte die Namen der Provokateure fest, und siehe da, sein Respekt vor den Ausländern war so groß, daß er nicht gegen die Provokateure einschritt, sondern den betreffenden Staatsbürger mit dem Gummiknüppel androhte. Weiter zum Reichstag. Endlich hat man die Postenketten passiert und man ist im Reichstag. An der Tür auch noch kritisch gemustert von Polizei und Reichstagsbeamten. Es hat Zeiten gegeben, in denen das Parlament es sich auf das schärfste verbeten haben würden, unter Polizeiaufsicht zu tagen. Klingeln in allen Räumen des hohen Hauses. Der Reichskanzler Brüning gibt eine Regierungserklärung ab. Trocken und matt ist seine Rede. Gewiß, wir haben 10 Jahre lang nichts anderes als Versprechungen von diesem Hause gehört, die niemals erfüllt werden konnten und niemals erfüllt worden sind. Gewiß auch, man ist des Pateigezänkes müde. Man will schonungslose Wahrheit; aber man will auch einen Funken Hoffnung, einen Funken Glauben. Wenigstens den, daß Deutschland einmal wieder frei sein wird von allem Druck und allen Lasten. Daß einmal die Opfer des deutschen Volkes, die es seit 1914 bringt, und seit 1918 vergeblich gebracht hat, zu Ende sind. Kein Hoffnungsschimmer in der Rede des Reichskanzlers. Ohne Schwung. ohne Kraft spricht Brüning. Nicht einen begeisternden Gedanken vermag er hervorzubringen. Er spricht etwa wie der Direktor eines großen Werkes, der seinen Aktionären nicht nur die Hoffnung auf Dividende nehmen muß, sondern darüber hinaus gezwungen ist, eine Finanzwirtschaft zu verteidigen, die seine Vorgänger verschuldet haben. Brüning wird oft unterbrochen. Mehr von den Kommunisten, weniger von seiten der NSDAP. Und das Fazit seiner Rede? Deutschland wird die von ihm als unmöglich erkannten Leistungen des Youngplanes weiter erfüllen! Trotz grenzenlosen Elendes im Innern, trotz mehr als drei Millionen Erwerbsloser! Obwohl jetzt endlich nach 10 Jahren auch die sozialistischen Gewerkschaften sich gegen die Tribut=Politik wenden. Deutschland wird, obwohl eine sehr starke Minderheit sich gegen den Tributplan eingesetzt hat, weiter bezahlen. Deutschland wird, obwohl alle Parteien im Reichstage der Ansicht sind, daß die Tributverpflichtungen im heutigen Umfange untragbar sind, am Youngplan nicht rütteln. Vorerst wenigstens nicht. Die einzige Gelegenheit, die der Reichskanzler gehabt haben würde, um das ganze Volk für sich und seine Politik zu interessieren, läßt er ungenutzt vorübergehen. Ein paar ganz allgemeine Worte über die seelische Not des Volkes, keine Warnung, kein Verzweiflungsschrei, kein Aufrütteln des Reichstages und des Volkes.— Brüning war Frontsoldat. Führer einer Maschinengewehrkompagnie. Wie traurig muß es um Deutschland bestellt sein, wenn die Last der Zahlen und Tatsachen einen solchen Mann derarl niederzudrücken vermag, daß er auch nicht einen Schimmer von Hoffnung zu wecken in der Lage ist. Brüning wollte sachlich bleiben. Auch Sachlichkeit kann übertrieben werden und unbenutzte Gelegenheiten haben in der Geschichte der Nationen mehr Unglück geschaffen als Draufgängertum. Der Beifall ist denn auch sehr mäßisZwei Tage später aber taut der Reichskanzler ausDer alte Januschauer, der zu Kaisers Zeiten sich vermaß einen nach seinen Begriffen widerspenstigen Reichstat mit einem Leutnant und zehn Mann auflösen zu wollen, hält eine Frontsoldatenrede. Ueber Offiziersehre un Offizierstreue. Er hat das Recht dazu, er hat seinen Kaiser in unwandelbarer Treue gedient. Er steht heulte noch zu ihm: Was er sagt, hat Hand und Fuß. Er nimm: sich die Vorgänge vor dem Reichsgericht wegen der die Ulmer Reichswehroffiziere vor. Man hat den Eindruch daß er den Vorwurf erhebt, daß Denunziation gegen 5 fiziere mit goldenen Uhren belohnt worden seien. würde, fährt er fort, eine ihm dergestalt überreichte dem Geber vor die Füße geworfen haben. Ueber diese“ Punkt der JanuschauerRede hat ja inzwischen eine sb# troverse zwischen ihm und Groener eingesetzt. Dol neuen Mapichinlen. Landwirtschaftliche Notverordnungen? Herlin, 24. Oktober. In unterrichteten Kreisen nimmt man an, daß nach den Erklärungen des Reichskanzlers Brüning beim Empfang der Führer der Landvolkpartei am Mittwoch und nach deren Empfang beim Keichspräsidenten am Donnerstag damit zu rechnen ist, daß das Reichskabinett sich bereits in der allernächsten zeit mit dem Erlaß landwirtschaftlicher Notverordnungen beschäftigen wird. Es ist bekannt, daß Reichsernährungsminister Schiele die Notwendigkeit der unverzüglichen Regelung verschiedener dringender landwirtschaftlicher Fragen vertritt. Die grundlegenden Vorarbeiten für die Einzelheiten der in Frage kommenden landwirtschaftsichen Notverordnungen sind im Reichsernährungsministerium soweit gefördert, daß mit ihrem Abschluß in den nächsten Tagen gerechnet werden kann. Beamtenschaft und Staat. Kundgebung des Deutschen Beamtenbundes— Reichsinnenminister Wirth über die Regierungsmaßnahmen. — Berlin, 24. Oktober. Im Rahmen seines 7. Bundestags veranstaltete der Deutsche Beamtenbund in Berlin eine große Kundgebung, zu der sich Vertreter der Reichs= und der preußischen Staatsregierung sowie der Parlamente, der Reichsbahn und des Internationalen Arbeitsamtes eingefunden hatten. In seiner Begrüßungsansprache verwies Präsident Flügel auf die Bereitschaft der Beamten, mitzuhelfen, um die große Wirtschaftsnot zu überwinden. Der Deutsche Beamtenbund sei willens, alles zu tun, was in seinen Kräften stehe, um den deutschen Staat vor jedem Versuch einer gewaltsamen Aenderung seines verfassungs= und gesetzmäßigen Zustandes zu schützen. Die Grüße des Reichstags und des Preußischen Landtags überbrachte Reichstagspräsident Löbe. Redner erklärte, die Beamten könnten die Not des Volkes mittragen, wenn drei Bedingungen erfüllt seien: keine Ausnahmebehandlung, Gerechtigkeit in der Abstufung der zugemuteten Opfer und Schutz der Bedürftigsten, also der untersten Schichten des Beamtentums. Reichsinnenminister Dr. Wirth sprach über das Thema: Das deutsche Berufsbeamtentum im Volksstaat der Gegenwart. U. a. führte er aus: Die Regierung hält am Berufsbeamtentum fest und sieht wie ihre Vorgängerinnen in ihm ihre Hauptstütze und einen treuen Verbündeten, auf dessen Hilfe bauend, sie die schwere Aufgabe auf sich genommen hat, Deutschland aus den Nöten und Bedrängnissen der Gegenwart, deren Gefahren sie am allerwenigsten verkennt, herauszuführen. Ich hoffe und vertraue, daß die Beamtenschaft im Glauben an diesen Stanopunkt der Regierung festhält. Gewiß, der Beamtenschaft wird in dieser Zeit viel. reichlich viel. zugemntet, was schmerzlich in ihre Interessen eingreift. Aber wahrlich, die Regierung hätte sich zu solchen Maßnahmen nicht entschlossen, wenn sie eine andere Möglichkeit zur Rettung der Lage gesehen hätte. Wo die Gesamtheit in ihren Lebensbedingungen erschüttert wird, kann nicht ein einzelner Berufsstand unberührt davon bleiben, am wenigsten der Beamtenstand, der am stärksten in der Gesamtheit wurzelt und dessen Mitglieder durch den Eintritt in ihn sich dazu bekannt haben, den ehren=, aber auch entsagungsvollen Dienst an der Gesamtheit auf sich zu nehmen. Im einzelnen auf Beamtenfragen eingehend, versprach Dr. Wirth dann die Einbringung einer Reihe von Beamtengesetzen, darunter das Beamtenvertretungsgesetz, das allgemeine Beamtengesetz und die Reichsdienststrafordnung. Wichtig sei ferner die Regelung der Laufbahn=Richtlinien. Zum Schluß seiner Rede sprach Minister Wirth unter Zurückweisung der Angriffe auf das Berufsbeamtentum den Beamten die Anerkennung der Reichsregierung aus, da sich das Berufsbeamtentum trotz aller Anfeindungen noch keinen Augenblick von dem Weg ruhiger Pflichtersüllung habe abbringen lassen. Bundesvorsitzender Flügel dankte dem Mir er für die Anerkennung und bedauerte, daß der Kinister diese Erklärung nicht schon früher abgegeben habe. Wenn die Beamtenschaft bereit sei, auch Opfer zu bringen, so müsse sie doch verlangen, daß auch die Allgemeinheit Opfer bringt. Daß das Notprogramm der Regierung viele nicht heranziehe, die bessergestellt seien als die Beamten, empfinde die Beamtenschaft als sozial ungerecht. 488000 Das wechsende Heer der Arbeitslosen. Nach dem Bericht der Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung über den Stand der Arbeitsmarktlage am 15. Oktober hat auch in der zweiten Oktoberhälfte die Entlastung der Arbeitslosenversicherung noch etwas zugenommen. Allerdings hat sich die Zahl der Hauptunterstützungsempfänger nur noch um etwa 1400 verringert und belief sich auf rund 1491000. Am gleichen Zeitpunkt wurden über 488000 Krisenunterstützte gezählt, das sind rund 16000 mehr als zu Anfang des Monats. Die Gesamtbelastung beider Unterstützungseinrichtungen hat mithin eine Zahl von rund 1980000 erreicht, sie ist damit um 14000 höher als Anfang Oktober. Die Meldungen verfügbarer Arbeitsuchenden, die bei den Arbeitsämtern am 15. Oktober vorlagen, belaufen sich auf nahezu 5 184000, von denen rund 3 184000 als tatsächlich arbeitslos gelten können. Die starke Zunahme dieser Zahl gegenüber dem vorigen Berichtsabschnitt— um etwa 112000— ist zum Teil darauf zurückzuführen, daß die von den Gemeinden unterstützten Wohlfahrtserwerbslosen mehr als bisher von der Statistik der Arbeitsämter erfaßt sind. Dennoch ist nicht zu verkennen, daß in der Gesamtentwicklung ein weiteres Absinken des Beschäftigungsgrades stattgefunden hat. Mit Ausnahme von Pommern sind alle Bezirke von der Zunahme der Arbeitslosen betroffen. Der Hauptmann Schmidt=Hannover(DNBP) spricht ebenfalls über das Thema, das der alte Januschauer aufgegriffen hat. Seine Worte„Die Wehrkritik ist heute um so nötiger, als der Fahneneid heute auf ein so brüchiges Gebilde, wie die Verfassung, geleistet wird“ rufen den Reichskanzler Brüning auf den Plan. Plötzlich ist aus dem müden und abgearbeiteten Generaldirektor, der der Generalversammlung den möglichen Konkurs zu unterbreiten hat, der Frontsoldat, der Maschinengewehrkompagnieführer geworden. Er wird lebhaft. Am unrechten Platz. Es gäbe bessere Gelegenheiten. Und nun zeigt sich einmal ganz deutlich vor dem Parlament und dem ganzen deutschen Volke, welch tiefer Riß durch die Frontsoldaten=Generation geht. Auf der einen Seite der Frontsoldat Schmidt=Hannover, der im Innersten ausgewühlt ist von der Sorge, daß unter Parteiministern der Reichswehr das gleiche Schicksal werden könnte wie der Polizei, die bereits stark partei=politisiert scheint. Auf der einen Seite der Mangel an Vertrauen zu einem Reichswehrminister, der am 8. November 1918 mit der Mehrheit ging. Auf der einen Seite der Vertreter einer niedergehaltenen Oppositionspartei. Auf der anderen Seite der Frontsoldat Brüning, Angehöriger des seit der Revolution besonders begünstigten Zentrums, das sich mit der Partei des 8. November politisch verbunden hat, und jeden Verständnisses für den Kampf der nationalistischen Jugend um Deutschlands Freiheit bar erscheint. Bar auch jeden Verständnisses für die Zornesausbrüche der parlamentarischen Opposition gegenüber parlamentarischer Vergewaltigung und Unterdrückung. Frontsoldaken,— Männer, die einst ein gemeinfamer Eid an den obersten Kriegsherrn band, die einer Flagge, einer Idee dienten und beide Deutschlands Bestes wollen. Ritterlich tritt Brüning für den abwesenden Groener ein. Das ist nicht nur verständlich, sondern selbstverständisch. Ob er aber zu solcher Schärfe der Erwiderung berechtigt war, sei dahingestellt. Bedauerlich bleibt, daß der Reichskanzler es verweigerte, eine Richtigstellung des Abbeoroneten Schmidt=Hannover entgegenzunehmen und reinen persönlichen Angriff gegen Schmidt=Hannover entsprechend der veränderten Sachlage zurückzunehmen oder zu mildern. Im Verlauf der Antwort machte Brüning der wehrfeindlichen SPD ein Kompliment. Und als KuCosum unserer Zeit ist es zu werten, was der Abgeordnete Oldenburg=Januschau kurz darauf von der Tribüne bus sprach:„Ich stelle fest, daß der Herr Reichskanzler en Beifall der„bewährten Hüter der Nation“, nämlich er Sozialdemokratie, gefunden hat.“ Niemals hat ein Zentrumsabgeordneter scharfe Worte gegen die Zersetzungsbestrebungen der Sozialdemokratie gefunden. Wann je hätte ein Zentrumsabgeordneter die Diffamierung der Reichswehr und des Offizierskorps durch demokratisch=sozialistische Literatur und Karrikatur gerügt! Nun aber steht der Reichskanzler des Zentrums auf und wendet sich gegen die wehrwillige Rechte, gegen die, die die Ehre des Heeres und das Ansehen des Offizierskorps seither verteidigten gegen die Angriffe der Koalitionsfreunde des Zentrums. Wehrpolitik mit der Sozialdemokratie! Beifall der Linken zu Wehrfragen ist immer verdächtig. Die Rechte wird scharf darüber wachen müssen, daß nicht eines Tages die Reichswehr ein Instrument der sozialdemokratischen Partei ist. Eines hat dieser Reichstag vergessen. Denen Dank abzustatten, die Jahr um Jahr gegen die unerträgliche Erfüllungspolitik kämpften, denen allein es gelungen ist, heute im Auslande einige Aufmerksamkeit für die Probleme Deutschlands zu finden. Nicht die Erfüllungspolitik der Aera Wirth, nicht die Stresemannsche Außenpolitik, sondern die Gegnerschaft und der Kampf der Opposition im Zusammenhang mit dem Wahlergebnis von 14. September haben es dahin gebracht, daß das Ausland heute aufhorcht und die Frage der Aenderung der Verträge ventiliert. Das einzugestehen schämt sich die„Mehrheit,“ die die Opposition Jahr um Jahr lächerlich gemacht und herabgewürdigt hat. Alles, was diese Opposition— sei sie nun parlamentarisch oder außerparlamentarisch aufgetreten— voraussagte, ist eingetroffen, ja, durch die„Weltwirtschaftskrise" noch übertroffen worden. Und wenn die„Mehrheit“ demnächst gezwungen sein sollte, die Youngplanzahlungen einzustellen und findet draußen bei den Gegnern ein günstigeres Feld vor, so mag sie sich dessen erinnern, daß sie das der Opposition verdankt. Heute weiß jedes Kind: Die Anhänger und Freunde des Youngplans haben unrecht gehabt. Die Opposition behielt auf der ganzen Linie recht. Mir scheint, die„Mehrheit“ hat an der Opposition allerlei gut zu machen. Die Reichstagssitzung ist beendet. Ich gehe die Siegesallee hinab. Brandenburgisch=preußisch=deutsche Geschichte sieht mich an. Aufstieg und Abstieg und wieder Aufstieg. Vergehen und Werden. Auch Deutschland muß wieder hoch. Und es wird geschehen. Aber nur mit einer anderen geistigen Haltung seiner Führer, als die unserer Tage. F. V. A. — Alsdorf, 24. Oktober. P. G. Vor wenigen Wochen fuhr ich durch die Nacht nach Hausdorf, in das Neuroder Kohlenrevier. Noch sehe ich die vom Entsetzen verzerrten Gesichter der Toten vor mir. Und nun schon wieder eine neue Katastrophe. Drei Flugstunden nach der Abfahrt von Berlin tauchen die Fördertürme des Ruhrgebietes auf, sichtet man Hochöfen, um die flackernde Lohe steht, verrußte Straßen, Abraumhalden, von Unkraut überwuchert, und Schienenstränge kreuz und quer. Der Rhein! In der Ferne grüßen die Türme der Kaiserstadt Aachen, und drüben sieht man die Alsdorfer Gruben. Am Flughafen wartet ein Auto. Schemenhaft im sinkenden Abend geistern Gebäude vorüber, zucken Lichter auf und verglühen. Von Alsdorf her kommen in unu terbrochener Folge Kraftwagen, Krankenautos und Feuerwehrzüge. Dann ist man in Alsdorf, in dessen Mitte sich die Schachlanlagen der Grube Anna ausbreiten. Spitzhacken klirren, Schutt wird abgefahren. Und wieder die furchtbaren Bilder, weinende Frauen, verstörte Kinder und Männer, die der Schmerz stumpf gemacht hat. Zum 50. Male müssen die Geretteten erzählen, wie es zuging. Aber weiß man überhaupt, wie es zugegangen ist? Zweimal hat der Unfallausschuß mit einem großen Stab von Sachverständigen die Grube befahren, viele Stunden lang hat man geforscht und Versuche angestellt, und doch ist noch vieles dunkel. Die einzelnen Sachverständigen widersprechen einander, und die Arbeiter wiederum sind anderer Ansicht als die Fachleute. Ob man die„Ursache dieser zweitgrößten Katastrophe in der Stanstik der deutschen Grubenunglücke jemals wird aufklären können? Auf alle Fälle werden noch Tags vergehen, bis die Aufräumungsarbeiten soweit fortgeschritten sind, daß man an die Unglücksstelle heran kann. Für die Annahme einer Sprengstoffentzündung bestehen keine Anhaltspunkte mehr. Sämtliche drei Sprengstofflager sind intakt, außerdem ist in einem Lager die Tür nich innen eingedrückt worden, was dartut, daß die Wirkung von außen her erfolgt sein muß. Was nun die Behauptung betrifft, vielleicht habe Sprengstoff über Tage gelagert, erklären Verwaltung und Arbeiterschaft einmütig, über Tage könne Sprengstoff überhaupt nicht gelagert werden. Nicht minder entschieden versichern sie— der Sprengstoffherausgeber befindet sich allerdings unter den Toten— daß der letzte Sprengstoff, nämlich 2000 Kilogramm Dynamit und 3000 Kilogramm Wetterdetonit, am Donnerstag vergangener Woche geliefert und noch am gleichen Tage in die unterirdischen Lager geschafft worden ist. Vorin ist nun die Lösung des Rätsels zu erblicken? Erörtert werden im Augenblick zwei Möglichkeiten. Einmal vermutet man den Katastrophenherd über Tage. In der Nähe des Verwaltungsgebäudes sollen 150 Liter Benzin zum Füllen der Benzinlampen gelagert haben. Unterstellt man die Explosion dieser Benzinmenge als möglich, dann hätte diese Benzinmenge zwar Kraft genug gehabt, um das Verwaltungsgebäude und den Förderturm in Trümmer zu legen, niemals aber würde eine Benzinexplosion über Tage auch noch Sohlen von etwa 500 Meter Tiefe vernichten können. Nun sind aber die verheerendsten Wirkungen unter Tage zu verzeichnen, wie ja auch die Toten in der Mehrzahl aus den tieferen Stollen heraufgeholt worden sind. Da in der Erde eine Sprengstoffentzündung nicht stattgefunden hat, wird man nun einwenden, habe sich vielleicht eine Schlagwetterexplosion ereignet. Die Vertreter dieser Ansicht denken sich den Hergang der Katastrophe so, daß zunächst eine Schlagwettererplosion eingetreten sei, wobei der gewaltige Luftdruck von unten über Tage das Faß Benzin zertrümmert und nun über der Erde eine zweite, nämlich die Benzinexplosion, ausgelöst habe, die dann den Einsturz des Förderturms und des Verwaltungsgebäudes nach sich gezogen habe. Der Schacht sei durch den Stoß von unten luftleer geworden, und nun sei durch die Benzinexplosion ein Rückschlag der Flammen nach unten erfolgt. Aber auch mit diesen Mutmaßungen kommt man der Lösung des Rätsels nicht näher. Denn nun erhebt sich wieder die Frage, wodurch die Schlagwetter entzündet worden sind. Als sicher kann man lediglich annehmen, daß der Herd der Explosion am Schacht gelegen haben muß, denn von hier ging die Gewalt der Explosion nach oben und in die Schläge hinein. Zu wähnen sei noch, daß die Arbeiter mehr an eine Schlagwetterexplosion— von denen das Wurmrevier bisher eigentlich nicht betroffen worden ist— glauben. Sie verweisen darauf, daß öfters die Wirkungen einer solchen Explosion an ihrem Herd selbst verhältnismäßig gering sind und sich erst auf weitere Entfernungen auswirken. getauft. Der Führer Chinas zum Christentum übergetreten. — Schanghai, 24. Oktober. Der Vorsitzende der Nationalregierung Chinas, Marschall Tschiangkaischek, ist zum Christentum übergetreten. Die Taufe wurde gestern nachmittag vollzogen. Polnische Wegelagerer. Deutsche von polnischen Aufständischen beschossen und mißhandelt. Kattowitz, 24. Oktober. Am Mittwochabend wurden in Loslau mehrere deutsche Bürger von Aufständischen überfallen. Am Nachmittag fand in der deutschen Gewerbebank eine Aufsichtsratssitzung statt, an der auch die Bankdirektoren Janotta und Thomas aus Myslowitz teilnahmen. Nach der Sitzung begaben sich die Herren in Begleitung mehrerer ortsansässiger Bürger nach dem Bahnhof. Auf dem Wege dorthin wurden sie aus dem Hinterhalt von einem Trupp von sechs bis acht Aufständischen, die mit Knüppeln und Revolvern bewaffnet waren, ohne jede Veranlassung überfallen und in unmenschlicher Weise niedergeschlagen. Janotta wurde bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen. Als er mit letzter Kraft versuchte den Bahnhof zu erreichen, wurden ihm einige Revolverschüsse nachgesandt, die glücklicherweise ihr Ziel versehlten. Nicht viel besser erging es den übrigen Ueberfallenen, die so schwer mißhandelt wurden, daß die eichenen Knüppel der Banditen zersplitterten. Ein scheinbar unbeteiligter Pole, der vor den Ueberfallenen herging, wurde durch einen Revolverschuß schwer verletzt. Die Polizei, die während der antideutschen Woche ganz besonders auf den Schutz der deutschen Bürger bedacht sein sollte, war weit und breit nicht zu sehen. Ks Won n Andeel,. An der Stätte des Grauens. Die Ursache der Katastrophe von Alsdorf immer noch nicht geklärt. In einer Auslassung des Unfallausschusses der Grubensicherheitskommission des Oberbergamtes Bonn über die vermutlichen Ursachen der Alsdorfer Grubenkatastrophe heißt es u..: Die Ursache des Unglücks ist noch nicht geklärt. Fest steht, daß die Sprengstofflager auf sämtlichen Stollen der Grube in Ordnung sind. Die zunächst angenommene Explosion eines Sprengstofflagers scheidet somit als Ursache des Unglücks aus. Soweit weiter festgestellt werden konnte, ist auch an dem Unglückstage kein Sprengstofftransport in die Grube hinein erfolgt. Bei der Befahrung der Grube sind bisher Anzeichen einer Kohlenstaubexplosion unter Tage nicht ermittelt worden. Räumungsarbeiten gehen nur langsam vorwärts. Auch am dritten Tage hält die bekümmerte und beklommene Stimmung in Alsdorf an. Mehr oder weniger erregt unterhält man sich über die bisher immer noch in vollkommenem Dunkel liegende Ursache der Katastrophe. Durch Anschlag wurde belannt gemacht, daß die Leute der unterirdischen Belegschaft von Anna II zum Teil wieder beschäftigt werden können. Sie erhielten die Weisung, sich auf Grube Anna II vor Beginn der Schicht bei der Markenkontrolle zu melden. Die Aufräumungsarbeiten gehen nur langsam vorwärts. Einer der beiden zuletzt Geretteten wurde in einer Sackgasse der Grube Anna III gefunden. Wahrscheinlich ist er aus dem Schacht Anna III dorthin geflüchtet und konnte dann nicht mehr weiter. Es ist nun noch mit der Möglichkeit zu rechnen, daß noch weitere Leichen auf der Grubensohle liegen! Von den Toten konnten bisher nur wenige identisiziert werden. Man ist jetzt dabei, die unglücklichen Opfer, soweit sie erkannt sind, einzusargen. Insgesamt sind bis zum dritten Tage 251 Vergleute tot geborgen worden. ersimals derr“ örigen der Grubenopfer wurde jetzt gestattet# Zutritt zu den Leichenhallen gestatter. Die absperrungen sind weiter rückwärts verlegt worden, da sich der Bevölkerung eine gewisse Erregung bemächtigt hat. Auf den Straßen sieht man sehr viele weinende Frauen und Mädchen. Weitere Beileidskundgebungen. Der großbritannische Botschafter in Berlin, Sir Horace Rumbold, stattete dem Reichspräsidenten einen Besuch ab und sprach ihm im persönlichen Auftrage des Königs von England dessen Beileid zu der Grubenkatastrophe in Alsdorf aus. Reichspräsident v. Hindenburg bat den Botschafter, dem König seinen herzlichen Dank für diese Anteilnahme zu übermitteln. Weitere Beidskundgebungen erfolgten u. a. von folgenden Persönlichkeiten und Organisationen. Ministerpräsident Dr. Held, den Gesandten von Dänemark, der Schweiz, der Tschechei, von Finnland und von Dänemc, den Präsidenten des ungarischen Parlaments, vi idenen Bergarbeiterverbänden, Stadt= und Pro. alausschüssen, dem KyffhäuserBund.— Auch ze reiche Geldspenden sind bereits bei den öffentlichen Sammelstellen eingegangen. * Inzwischen hat sich die Zahl der Toten auf 255 erhöht. Die letzte Schicht. Die Beisetzung der Opfer wird am Sonnabendvormittag stattfinden. Die Leichen, die in den früheren Salzlagern sowie in alten Waschkauen und in der Kokerei aufgebahrt liegen, werden jetzt in die schwarzpolierten und mit silbernen Beschlägen versehenen Särge ge..#. Die Totenhalle ist mit frischem Tannengrün geschmuckt. Sanitäter halten die Trauerwacht. Staatsstreich König Inkraftsetzung einer neuen Verfassung durch Dekret. Umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen. — Kairo, 24. Oktober. König Fuad von Aegypten hat durch Verordnung eine neue Verfassung in Kraft gesetzt, durch die er die Stellung eines Diktators erhält. Das Parlament ist ausgelöst worden. Neuwahlen finden erst nach Fertigstellung neuer Wahllisten statt. Ta Unruhen befürchtet werden, sind umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen getroffen worden. Nach der neuen Verfassung werden die Senatoren in Zukunft zu zwei Drit eln vom König ernannt. der dadurch die Gesetzgebung vollständig beherrscht. Das Wahlrecht zur Kammer wird auf Männer im Alter von mehr als 25 Jahren und die Wahl von Wahlmännern beschränkt. Die Wahlmänner müssen Vermögen besitzen. Die Ernennung und Entlassung von Beamten und Richtern wird in Zukunft Sache des Königs sein. Die Zeitungen können auf unbestimmte Zeit verboten werden. britische Gemeinwesen keine Einheit. Eine aufsehenerregende Erklärung des südafrikanischen Gesandten. Der südafrikanische Gesandte in Washington, Louw, erklärte in einer Rede vor amerikanischen Geschäftsleuten, in Amerika bestehe ein beträchtliches Mißverständnis über die verfassungsmäßige Beziehung zwischen Großbritannien und den Dominien. Das Britische Reich sei in keiner Weise eine internationale und politische Einheit. Südafrika unterschreibe eine solche Doktrin nicht, denn, so führte er weiter aus, wir sind der Ansicht, daß dies dem Sinne des Berichts vom Jahre 1926 entgegengesetzt ist. Das britische Gemeinwesen ist nicht eine internationale Gesamtheit oder Einheit, die fähig ist, als solche zu handeln, und die Tatsache, daß diese Staaten einen gemeinsamen Souverän haben, macht sie nicht zu einer internationalen Einheit. Louw fügte hinzu, die letzten Spuren der britischen Regierungskontrolle seien weggefegt worden, und schloß: Ich erwarte vollauf, daß die britische Reichskonferenz während ihrer augenblicklichen Tagung in befriedigender Weise weitere Punkte regeln wird, über die Zweifel oder Meinungsverschiedenheiten bestanden haben mögen. Was geht in Finnland vor? * Großes Aufsehen erregte in Finnland die Verhaftung des Generalstabshefs, des Chefo des Mobilis tionsbüros und eines höheren Beamten im Kriegsminise ium. Sie Parhafteten werden beschuldigt, an der Entführung des Staatspräsidenten Stahlberg beteiligt gewesen zu ein. Der Chef des Generalstabes, General Wallenins, ist gens erst 37 Jahre alt. Er hat seine Ausbildung in Freitvilligen gebildeten preußischen Jägerbataillon 27 erhalten. Auch ein Kriegsgreuelmärchen. Geständnis nach 16 Jahren. Im September 1914 war kurz nach dem Einzug der deutschen Truppe in dem Dorfe Faux=sur=Coole ein Frau Lavignette ermordet aufgefunden worden. D# Franzosen hatten darauf das Greuelmärchen in Umlan gebracht, daß deutsche Soldaten die Tat verübt hätten Jetzt, nach 16 Jahren, hat ein Ackerbauer aus Coolein übel beleumdeter Mensch, das Geständnis abgelegt daß er damals der Täter gewesen sei. Der Betreffende, ein gewisser Louis Mortas, hattkürzlich nach einem Streit mit seiner Schwester und sei, nem Schwager vier Heuschober in Brand gesetzt. Er war dann in den Wald gelaufen, um sich das Leben zu nehmen, konnte aber noch rechtzeitig von herbeigeeilten Gendarmen festgenommen werden. Mortas wurde wieder freigelassen, da festgestellt wurde, daß die niedergebrann, ten Schober ihm selbst gehört hatten. Dann aber erhielt der Bürgermeister von Coole, Gallois, einen Brief von Mortas, in dem er sich bezichtigle. im September 1914 die Frau Lavignette umgebracht zu haben. Jetzt wolle er, von Gewissensbissen gepeinigt, wegen dieses alten Verbrechens Selbstmord begehen. Er bezeichnete genau den Ort, an dem man seine Leiche suchen sollte. Tatsächlich fand man Mortas an der bezeichneten Stelle an einer Tanne erhängt vor. Selbst ein ausgesprochen deutschfeindliches Blatt wie der„Eclaireur“ von Nizza muß jetzt von dem Zusammenbruch dieses damals von ihm mit ungeheurem Geschrei verbreiteten Greuelmärchens Notiz nehmen. Er tut das allerdings in der verschleierten Form, daß er erst ganz am Schluß seines Berichts beiläufig erwähnt, daß man seinerzeit deutschen Soldaten die Mordtat angehängt hatte. Nachverhandlungen im Berliner Streik. Die Führer der Metallindustrie beim Reichskanzler. Reichskanzler Brüning empfing am Donnerstag Vertreter der Berliner Metallindustrie unter Führung des Herrn von Borsig und des geschäftsführenden Vorsitzenden des Deutschen Arbeitgeber=Verbandes Dr. Brauweiler zu einer mehrstündigen Aussprache über: den Metallarbeiterstreik. Um 5 Uhr nachmittags begannen im Reichsarbeitsministerium die Nachverhandlungen, die sich außerordentlich schwierig gestalteten und sich bis in die Nachtstunden hinzogen. Den Vorsitz führte Ministerialdirektor Mewes. Die beiden Parteien haben zunächst noch einmal ihre Stellungnahme zu dem Schiedsspruch und ihre Gründe dargelegt. Die Arbeitgeber verlangen die Verbindlichkeitserklärung des Schiedsspruches, d. h. einen Lohnabbau von 8 bzw. 6 v. H. Die Gewerkschaften haben den Vorschlag einer kurzfristigen Verlängerung des alten Tarifs gemacht. Heraus mit ihm! Der lästige Schleim sitzt wieder fest. Lösend wirken Sodener=Mineral Pastillen; ein natürliches Mittel. Kirchennachrichten für Zion. Sonntag. den 26. Oktober 1930. 19. S. n. Trin. Samstag, 19.10 Uhr: Beichte und Abendmahl in Zion, Pastor Jasper.— Sonntag, 8½ Uhr: Pastor Greve; 9 Uhr: Pastor v. Sicard(Festgottesdienst anläßlich des Weggenossen=Treffens); 10 Uhr: Pastor Jungblut; 11½ Uhr: Kinvergottesdienst.— Montag, 20¼ Uhr, Gosen: Gemeindebibelstunde.— Donnerstag, 19½ Uhr: Pastor Jasper. Kirchennachrichten für Schildesche. Sonntag, den 26. Oktober 1930, 10 Uhr vorm.: Pastor Neuhaus; 1½ Uhr nachm.: Kindergottesdienst.— Dienstag, den 28. Oktober 1930, 8 Uhr abends: Bibelstunde in Untertheesen.— Mittwoch, den 29. Oktober 1930, 8 Uhr abends: Bibelstunde im Gemeindehause. — Christlicher Verein junger Männer. Heute, Freitag, 8½ Uhr Bibelstunde. 1. Joh. 3, 1 ff. (Herr Pastor Schlatter). Sonntag 3 Uhr Kreiskonferenz in Jakobus. Telefonhaus ab 2½ Uhr. Abends 8 Uhr Jugendabend in Gosen. Schriftleitung: W. Kraa; Wirtschafts= und Weltpolitik: Dr. H. Huttel; Anzeigen: K. Diekmann; alle in Bethel. Hausangestellte für halbe Tage zur Führung des Haushalts bei berufstätiger Dame zum 1. November gesucht. Angebote unter A 7168 an die Geschäftsstelle d. Bl. Das in Bad Freienwalde a. d. O. befindliche Christliche Altersheim bietet seine Räume dem Alter an. Volle Verpflegung. Staatlich geprüfte Schwestern. Preis nach Uebereinkunft. Kein Baukostenzuschuß oder sonstige Abgabe. Einkaufsmöglichkeit.— Anfrage E. 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Daß wir in einer einschneidenden Wende des Erziehungswesens stehen, das bezeugt schon äußerlich ein Blick auf das gewaltige Anwachsen der pädagogischen Literatur und auf die Fülle von Tagungen, wo grundsätzliche Fragen der Erziehung zur Verhandlung kommen. Man hat häufig gesagt:„Nur über die Dinge wird geschrieben und geredet, über welche Unklarheit schwebt, Das Selbstverständliche braucht nicht erwähnt zu werden". Nach diesem Maßstab gemessen muß heute alles erzieherische Handeln bis in die Grundlagen hinein fraghaft geworden sein. Dem ist nicht immer so gewesen. Liest man etwa Luthers sogenannte pädagogische Schriften durch, so ist man überrascht, wie wenig Kopfzerbrechen ihm die grundsätzlichen Fragen machen. Es steht für ihn wie selbstverständlich fest, daß um der gemeinsamen Wohlfahrt willen keine unwissenden„Holzböcke“ aufwachsen dürfen und vor allem im weltlichen Regiment nicht„eitel Rülpse und Knebel regieren“ dürfen. Um dem zu wehren, soll man den Kindern nützliches Wissen beibringen und sie auch in den Umgangsformen unterweisen. Auf diesem Grundgedanken bauen sich die einzelnen Durchführungsvorschläge Luthers auf. Auch der Katechismusunterricht bezweckt, daß die Kinder nicht in jenen Dingen unwissend heranwachsen. Im Zusammenhang hiermit blieb bis weit in das 18. Jahrh. hinein die Erziehungsarbeit in erster Linie Berufsbildung. In möglichst kurzer Zeit suchte man möglichst umfangreiches Wissen den Kindern einzupflanzen, wobei auch die Künste, wie Fechten, Reiten, Tanzen usw. nicht zu kurz kommen durften. Erst im 19. Jahrhundert trat die eigentliche„Bildungsarbeit“ immer zentraler in den Aufgabenkreis der Erziehung, angeregt durch Pestalozzi und Rousseau und weiter zurück vor allem durch Comenius. Der Heranwachsende soll nicht in erster Linie praktisch für das Leben herangebildet werden, sondern man will vor allem einen wahren Menschen aus ihm machen. Die Würde des Erziehers ist mehr Bildner edlen Menschentums zu sein. Nicht nur das Aeußere soll gebildet werden, sondern die innersten Kräfte und Wurzeln, aus denen unser Menschsein lebt. Ueber das, was nun das wahre Menschentum ausmache, gingen allerdings die Meinungen auseinander. Je nachdem, wie die Antwort ausfiel, suchte man den harmonischen Menschen, den Pflichtmenschen, den Gemeinschaftsmenschen oder den religiösen Menschen heranzubilden. Immer neue Menschentumsideale wurden aufgestellt, sodaß wir heute vor einer Fülle sich gegenseitig befehdender Meinungen stehen. Aber so sehr auch die Zielsetzungen auseinandergehen, sie leben alle von einer gemeinsamen Voraussetzung: Der Mensch ist ein bis ins Innerste hinein bildungsfähiges Wesen. Von dieser Grundvoraussetzung ebte das vergangene pädagogische Jahrhundert. Wenn man heute von einer Krisis der Pädagogik spricht, so meint man damit weniger die Tatsache, daß über das wahre Wesen des Menschen noch immer keine Einigung gefunden ist, sondern daß die Grundvoraussetzung von der unbeschränkten Bildungsfähigkeit des Menschen immer mehr erschüttert wird. Man braucht sich sa nur umzusehen, und wird sich fragen, wo sind denn all die universalen oder sittlichen oder religiösen Persönlichkeiten, die man mit so viel Mühe und so viel Aufwand heranzubilden sich bemüht hat? Ist nicht die Erfolglosigkeit all dieser Bildungsarbeit am Ende eine vernichtende Kritik des pädagogischen Bemühens im vergangenen Jahrhundert? Man wollte das Tiefste und Edelste und —— erreichte nichts. So ermahnt uns eine solche Erkenntnis zur pädagogischen Selbstbescheidung: Wir stoßen auf die engen Grenzen, die allem erzieherischen Bemühen besetzt sind und werden dabei vor die ernste Frage gestellt: Wie weit können wir überhaupt durch unsere bewußten Maßnahmen innerlich bildende Erziehung ausüben? Krisis der Pädagogik! Drei Grenzen sind es vor allem, welche alles pädasogische Bemühen in ihre Schranken zurückweisen.— Die erste Grenze ist eine solche schicksalhafter Art. Der Nlensch kommt nicht als tabula rasa d. h. als unbeschriedene Tafel zur Welt, so daß man auf diese Tafel nach lleben alle gewünschten Charakterzüge eingraben kann, sondern der junge Erdenbürger ist bereits durch die Erbannce vorgebildet oder doch entscheident disponiert. Hinzu kommt der stark bildende Einfluß, den das„Millieu" tsubt, und zwar angefangen von der„Landschaft" bis n zur wirtschaftlichen Lage, der Elternlosigkeit und der Trlegs= oder Revolutionszeiten. In diesen schicksalhaften Kistioren sind mächtige Konkurrenten aller menschlichen bungsarbeit am Werke, so mächtig, daß es nur lächerereinzelt gelingt, das Kind durch Verpflanzung enigstens etwas aus ihrer Einflußzone zu bringen. Neben dieser schicksalhaften Grenze erhebt sich eine weitere, die darin gesetzt ist, daß der Mensch nicht nur ein vernünftiges Wesen, sondern auch in einem unbewußten Sein verwurzelt ist, welches seiner Eigenart meist den entscheidenden Charakter verleiht. Ein Zweig der Psychologie, die Tiefenpsychologie, sucht die geheimnisvollen Gesetze dieses Unbewußten im Menschen zu erforschen. Man erkannte bald, daß dieses unbewußte Leben des Menschen irrational ist, d. h. oaß es sich nicht nach unseren vernünftigen Gedanken richtet und etwa den vernünftigen Vorhaltungen des Erziehenden nicht zugänglich ist. So reagiert besonders das Kind etwa nicht Sämannsarbeit. Nicht aller Samen, den du treu gesät, Bringt Frucht und wird als golden Korn gemäht Frag' nicht danach! Erfülle schlicht und recht, Was deine Pflicht. Sei ein getreuer Knecht. Und ob du einsam pflügst auf hohem Berg, Wo nur der Himmel sieht dein schweres Werk, Ob du der Welt umsonst zu wirken schienst: Es war dein Helfen doch ein Gottesdienst. auf den unmittelbaren Sinn einer Mitteilung, sondern viel stärker auf den Ton, in dem sie gemacht wird und auf die geheimen Nebenabsichten, die der Redende etwa durch diese Mitteilung bezwecken könnte oder gar mitklingend zum Ausdruck bringt. Die Folge ist oft die, daß das Kind mit einem trotzigen Nein antwortet, wo es vernünftigerweise mit einem freudigen Ja antworten müßte.— Nun wird es immer unzweifelhafter, daß der Charakter des Menschen, also sein innerstes Wesen, in den ersten Kindheitsjahren entscheidend geformt wird, also in einer Zeit, wo der Mensch fast ausschließlich im Unbewußten lebt. Aber selbst bis in die späteren Jahre hinein wird das Kind unbewußt durch das Verhalten seiner Erzieher, und zwar meist ohne, ja gegen deren Willen, zu festen Einstellungen der Welt gegenüber„erzogen“, Einstellungen, die sich etwa in Mißtrauen, Trotz, Geltungsbestreben, Gleichgültigkeit, aber auch in Hingebungsbereitschaft, Unternehmungsfreude, ruhiger Sachlichkeit usw. äußern können. Nun sollte man meinen, bei genügendem Wissen um diese„unbewußten“ Erziehungswirkungen ließe sich leicht ein gewünschter günstiger Erziehungseinfluß auf den Heranwachsenden ausüben. Das ist zwar grundsätzlich richtig, scheitert aber daran, daß sich meist der Erziehende selbst nicht bis in seine unbewußten Regungen erzogen und diese darum in seiner Hand hat. Nur wahrhaft. auch innerlich gute Menschen können gut erziehen! Mögen wir aber mit unserem Wollen noch so ernsthaft nach dem Guten streben, zwischen Wollen und Vollbringen wird doch immer der große sündliche Riß klaffen, von dem Paulus Röm. 7 zu sagen wußte, ein Riß, der sich der Weinstock. „Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben, Bleibet in mir, und ich bleibe in euch; Ohne mich könnt ihr nicht wachsen und leben, Reift nur fürs Feuer wie dürres Gesträuch; Aber wer bleibet, Mir sich verschreibet, Der wird an Früchten, an köstlichen, reich!“ Bleibet, o bleibet, ihr Reben am Stamme, Zieht aus dem Stock den lebendigen Saft! Daß euch umsonst nicht die Sonne durchflamme, Saugt aus der Wurzel die nährende Kraft: Früchte des Lebens Sucht man vergebens, Wo nicht das Beste der Herr in uns schafft. nur langsam und unvollkommen in der Selbsterziehungsarbeit unseres Lebens schließt. So liegt denn eine entscheidende Schranke aller Erziehungstätigkeit darin, daß die Sünde des Erziehers sich zwangsläufig auch auf den Erzogenen überträgt. Wir stehen vor einer Schranke, die durch unsere Sünde schuldhaft gegeben ist, eine Schranke, die sich nicht aufheben läßt, solange wir in dem Leibe dieses Todes wandeln. Stießen wir bisher auf Grenzen, die durch das Schicksal oder das unbewußte Wesen des Menschen gesteckt waren, so finden wir nun eine Grenze, die zeigt, wie selbst der bewußte Mensch nicht ohne weiteres innerlich gebildet werden kann. Noch heute benutzt die Praxis der Erziehung, besonders in Elternkreisen, noch recht hoffnungsfreudig das Mittel des Gebotes und Verbotes. Das „Du sollst" und„Du sollst nicht“ ist noch immer das beliebteste Erziehungsmittel, ohne daß man sich fragt, was mit solchem Befehlen erreicht werden kann und was nicht. Man meint meist harmlos, durch anhaltendes und rechtes Gebieten könne man den Heranwachsenden zu einem guten Menschen machen, bis man eines Tages vor die Erfolglosigkeit dieses Bemühens gestellt wird. Kann man wirklich durch Gebote und Verbote„bilden", das heißt den Menschen innerlich gestalten? Oder ist das Ergebnis nicht nur eine— vielleicht sehr notwendige— Dressur, die aber jederzeit abgeschüttelt werden kann, wenn die Autorität des Erziehers nicht mehr die nötige Macht hat? Damit soll nichts gegen die gewisse Berechtigung einer solchen äußerlichen Bildung gesagt sein, wir wiesen am Anfange darauf hin, wie wichtig sie Luther für das Gemeinwohl gehalten hat. Viele unserer modernen pädagogischen Bestrebungen leiden daran, daß sie das Kind mit dem Bade ausschütten und im Bestreben, nur innerliche Bildungsarbeit zu leisten, alle äußerliche Zucht außer acht lassen. Außere Zucht ist notwendig, aber sie soll nichts Unmögliches fordern, sie soll nicht meinen, den Menschen auch innerlich durch Gebote gut machen zu können. Das wird heute immer wieder vergessen, so daß Kinder unter der Ueberforderung ihrer Eltern zusammen. brechen und seelisch verkrüppeln. Wir treffen mit dem Gebot nur den äußeren Menschen, den inneren Menschen machen wir mit ihm nur zu leicht trotzig und bockig.„Ihr Väter, reizet eure Kinder nicht zum Zorne!“ Die Einsicht von der Unzulänglichkeit des Gebotes ist heute ziemlich Gemeingut der Pädagogik geworden. Nun suchte man sich zu helfen, indem man als Bildungsmittel des innerlichen enschen die Wirkung des Vorbildes pries. Aber doch zu Unrecht; denn ein wirkliches Vorbild wirkt, wie oben angedeutet, unbewußt nicht nur zum Guten, sondern auch zum Bösen. Wer wagte sich vor das Kind zu stellen:„Sieh mich an und nimm mich zum Vorbild!“ Weist man aber auf fremde Vorbilder hin, deren hohe und reine Züge gepriesen werden, so läuft man Gefahr, daß das Vorbild nur darum nachgeeifert wird, weil das Kind die eigene Minderwertigkeit überdecken und vor den Mitmenschen wie auch vor sich selbst mit einer Scheintugend glangen will. Auch das Vorbild ist oft nur eine verkappte Form des Gebietens, die sich ihre Autorität bei dem Geltungsbedürfnis des heranwachsenden Menschen entleiht. So stoßen wir allerorten auf enge Schranken erziehlicher Möglichkeit und es könnte scheinen, als müsse sich die Pädagogik auf die Aufrichtung einer heilsamen äußerlichen Zucht beschränken und im übrigen mit gebundenen Händen zusehen, wie Gott in seinem unerforschlichen Ratschluß die Menschen durch solche Einwirkungen heranbildet, die sich unserer Beeinflussung entziehen. Das wäre ein Irrtum. Die Bibel weiß nicht nur um die furchtbare Verantwortung, die uns auferlegt ist, daß wir mit unserem Wesen entscheidenden Bildungseinfluß auf unsere Umgebung ausüben, weiß nicht nur uns aufzufordern, heilsame Zucht zu„üben“, sondern redet auch von der Vermahnung. Allerdings darf„Vermahnung“ nicht verwechselt werden mit dem so beliebten Mittel des Moralisierens, wo dem Kinde ständig vorgehalten wird:„Jetzt müßtest Du so und so empfinden!“ „Jetzt müßtest Du so und so handeln!" Dieses Moralisieren ist auch nur eine versteckte Form des Gebietens und Verbietens in Fragen, die eigentlich nur in eigener freier Gewissensentscheidung beantwortet werden dürften, niemals aber auf äußeren Zwang hin. Wirkliche Vermahnung ist erst da am rechten Orte, wo in dem Heranwachsenden selbst die Frage nach dem Rechten und Unrechten erwacht, da, wo das Gewissen selbst seine fordernde Stimme erhebt oder wo es zur Reue anklagt und beschuldigt. Hier gilt es, den Dienst der Vermahnung zu leisten; denn auch das Gewissen will geweckt, geschärft und beraten sein. Auch die Stimme des Gewissens weiß nicht sofort klar und entscheidend das Rechte zu treffen, sondern tastet, sucht, prüft, ja schlummert ein und irrt. Genau so, ja noch mehr, wie schon erwachsene ihre Entscheidungen nicht unbesehen allein mit ihrem Gewissen fällen, sondern den Rat ihrer Freunde einholen und auf die Erfahrung der Vergangenheit sich stützen, wie sie in Sitte und ungeschriebenem moralischem Gesetz niedergelegt sind oder wie man die Entscheidungen und Weisungen der Schrift mit aufmerksam lauschendem Ohr vernimmt, lo sucht auch der Heranwachsende in seiner größeren Hilflosigkeit noch viel mehr den Rat, die Vermahnung des Erwachsenen. Daß solche Vermahnung niemals den Charakter des Zwanges oder der indirekten Beeinflussung tragen darf, dürfte selbstverständlich sein. Daher scheint es eine große pädagogische Einsicht Luthers zu sein, wenn er zwar die Kinder die Gebote lernen d. h. wissen läßt, aber nicht, wie heute bisweilen, klassenweise in sittlich guten Werken„üben“ läßt. Vor Gewissensentscheidungen stellt uns allein Gott, was darüber hinaus geht, ist eine gefährliche pädagogische Spielerei. Damit ist eine deutliche Grenze gezeigt: Vater und Mutter zu ehren ist z. B. nicht nur eine Frage der Zucht— das ist sie in weitem Maße auch— sondern in manchen Fällen eine reine Gewissensfrage der Kinder. Hier ist die Vermahnung oft am Platze. Almosen zu geben, wird dagegen meist nur künstlich zu einer Gewissensfrage der Kinder gemacht und kann zu einem Verderb des Gewissens werden. Aber auch hinsichtlich der angebrachten Vermahnung erleben wir heute eine Krisis, die zwar niemals völlig sehlte, die aber gegenwärtig ins Unheimliche gewachsen ist. Die öffentliche Sitte ist weitgehend zerbrochen, die sittlichen Anschauungen sind verwirrt, die alten Güter und Fdeale gestürzt. Selten sind selbst die primitivsten sittlichen Fragen so problematisch geworden wie heute. Man muß sich aber hüten, diese Umwertung aller Werte, die sich gegenwärtig vollzieht, ohne weiteres als einen Ausfluß der Sünde anzusehen und demgegenüber das bewährte Alte als das Gute zu loben. Es ist der unerforschliche Wille Gottes, der selbst mit seiner in der Geschichte wirkenden Schöpfermacht uns in völlig neue Verhältnisse hineingestellt hat und der von uns fordert, sich nicht mit den Antworten von gestern zu begnügen, sondern seinen Willen von heute prüfend zu erkennen. Wir wissen alle, wie die Gegenwart uns vor eine Fülle neuer sittlicher Fragen stellt, die in dieser Zuspitzung noch nie die Entscheidung der Menschen verlangt haben. Die Stellung des Arbeiters ist eine andere als die der Gesellen oder gar der Sklaven zur Zeit des Paulus, an Stelle des Besitzes ist als eine neue Abart die des Rechtsanspruches getreten, an Stelle der Hausfrau tritt die berufstätige Frau und selbst so primitive Gesellschaftsformen wie die Ehe haben heute weithin eine andere Struktur erhalten Ueberall setzt heute das Ringen ein, auf die Frage nach gut und böse eine Antwort zu geben, welche aus dem Gehorsam gegen die Lage entspringt, in welche Gott uns heute hineingestellt hat.— Die Tatsache, daß selbst die Erwachsenen um sittliche Erkenntnis ringen, bringt sie vor den Heranwachsenden in eine schwierige Lage: Sie können nicht immer eine klare Vermahnung auf ihre Frage nach Recht und Unrecht geben. Gewiß, es gibt noch weite Kreise, die von dem Zusammenbruch der alten Werte. noch nichts verspürt haben und die noch mit den Antworten von gestern auszukommen meinen; sie werden von der Jugend nicht ernst genommen. Andere suchen ihre eigene Verlegenheit zu verbergen, indem sie so tun, als wenn alles in guter Ordnung wäre; aber die Jugend mißtraut ihnen: die heute so bekannte Entfremdung der Generationen der Alten und Jungen bricht auf. Es bleibt dem Erziehenden nichts übrig, als sich gehorsam in diese neue Lage zu schicken, in vielen Fällen auf eine klare und eindeutige Vermahnung zu verzichten und sich mit dem Heranwachsenden in eine Front der Suchenden, Prüfenden zu stellen. Als solcher wird er immer noch kraft seiner größeren Erfahrung und Einsichtsfähigkeit dem Heranwachsenden eine vermahnende Hilfe und Stütze werden. Fehlentscheidungen müssen erwartet werden. Davor gibt es kein Rettungsmittel. Aber gerade diese Not wirft uns hin zu dem lebendigen Gott, der in seinem Sohn die Vergebung unserer Schuld anbietet. Krisis der Pädagogik! Das will besagen: Die Zuversicht ist erschüttert, wenn nicht gar zusammengebrochen, die Zuversicht, mit der man hoffte durch Erziehung ein neues Zeitalter mit besseren Menschen heraufzwingen zu können. Hart stoßen wir an die Grenzen, welche uns gesetzt sind. Ist das ein Grund zur Klage? Laienführerkurse im Evang. Johannesstift Spandau. Zum dritten Mal hatte die Apologetische Zentrale zu Laienführerkursen eingeladen. Wie sehr diese Kurse einem starken Bedürfnis infolge der geistigen Lage unserer Zeit und infolge der neuerwachten Frage nach dem Sinn und Wesen der Kirche entsprechen, zeigt die wachsende Zahl der Teilnehmer an diesen Lehrgängen. Und daß man aus allen Gegenden Deutschlands und über seine Grenzen hinaus sich sammelt, und daß aus allen Ständen sich gebildete und denkende Laien ihrer Verantwortung für die Kirche bewußt werden, kann angesichts der vielfach so trostlosen Lage in der Christenheit neue Freude und Hoffnung geben. Zwei Kurse fanden im September statt. Der erste Lehrgang für Anfänger unter dem Gesamtthema:„Der Kampf des christlichen Glaubens mit den Geistesmächten der Gegenwart“ dauerte 14 Tage. Der zweite Kursus für Fortgeschrittene behandelte im sechstätigen Lehrgang das Thema:„Der Sinn der evangelischen Kirche und ihr Kampf.“ Die Teilnehmerzahl betrug 44 und 47, etwa 15 waren so glücklich, an beiden Kursen teilnehmen zu können. Als am Begrüßungsabend die von Nah und Fern Herbeigereisten sich mit Namen und Stand und dem Anlaß ihres Kommens vorstellten, konnte man schon erwarten, daß es eine reiche und lebendige Zeit werden sollte. Der Großstadtarbeiter und der adelige Rittergutsbesitzer, der Arzt aus dem Baltikum und der Handwerker aus dem westlichen Industriegebiet, der Student und der Diakon, die Lehrerin, die Postbeamtin, die Schwester, die junge Abiturientin, alle kamen mit dem Verlangen, für ihre Arbeit in Haus und Beruf oder in irgend einem kirchlichen Amt oder christlichen Liebeswerk Förderung, Klärung zu empfangen und in Aussprachen, Fragen und Austausch von Erfahrungen neue Gesichtspunkte zu gewinnen. Wahrlich keine kleine Aufgabe für die Dozenten angesichts der Verschiedenheit der inneren Einstellung der Bedürfnisse des einzelnen! Und nur die Gewißheit, daß der Herr der Kirche selbst die Arbeit fördert und wirklich segnet. kann wohl immer aufs Oder werden wir nicht gerade hierdurch gewiesen anzuerkennen, daß wir keine Götter sind, die Menschen formen nach ihrem Willen, sondern daß Gott, der Unerforschliche, in seiner Schöpfermacht schon wirkt. Wir werden gewiesen zu glauben:„Du bist gerecht in Deinen Werken!“, gerade da, wo unsere Vernunft nur Begrenzung und Hilflosigkeit zu sehen vermag und wir uns in den beschränkten Dienst zu fügen haben, der uns aufgegeben ist. Uns bleibt es nun einmal versagt, durch solchen Dienst die Welt zu verwandeln. Aber wir warten der Zeit, wo Gott selbst einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird. Weil wir solches erhoffen, erhebt sich hinter den Dienst der Zucht und der sittlichen Vermahnung, die heute so schwierig geworden ist, eine andere Vermahnung, die vielleicht hungriger als je gesucht wird: die Vermahnung zum Herrn. Hier können wir dem Kinde ein festes und gewisses Wort sagen, das Wort vom lebendigen Gott, der sich in Christus als Gnade und Heil geoffenbart hat. Das ist eine frohe Vermahnung, die wir da weitergeben sollen, freilich auch nur als Vermahnung, nicht als Gebot! Keiner kann es zwingen, daß diese Vermahnung zum Herrn im Glauben angenommen wird, denn sie übersteigt alles menschliche Verstehen. Ein Wunder ist es und bleibt es, wenn die Verkündigung Christi angenommen wird. Dieses Wunder zu tun, steht nicht in unserer Hand. Uns ist aber aufgegeben, die Saat auszustreuen durch das Wort. Daß die Saat aufgeht, liegt allein an Gott, der seinen Geist wehen läßt, wo er will. So bleibt uns als Letztes die Fürbitte, welche Gottes Geist auf die Hörenden erfleht. Dr. Platenius. in Wiesbaden. Der deutsche Ausschuß für Erziehung und Unterricht hat in Wiesbaden vom.—7. Oktober einen pädagogischen Kongreß veranstaltet, dessen Thema lautete:„Aufgaben und Grenzen der Staatstätigkeit im Bildungswesen der Gegenwart.“ Auf dem Begrüßungsabend führte Geheimrat Fischer, München, in Vertretung des erkrankten Geheimrats Kerschensteiner aus, daß es sich bei dem Kongreß darum handele, eine Aussprache herbeizuführen, in der die Bewegung der Zeit durch vertiefende wissenschaftliche Klärung, durch unparteiische Prüfung neu angemeldeter Bildungsbedürfnisse betrachtet werde. Wer die Tagung miterlebt hat, weiß, wie weit an dem vorgesteckten Ziele vorbei der Kongreß seinen Verlauf genommen hat. Die Teilnehmerliste der etwa 900 Besucher des Kongresses bringt nämlich unter den verschiedensten Namen immer wieder die Bezeichnung des Vertreters irgend eines Verbandes. So kam es, daß auf dem Kongreß nicht Männer um die wissenschaftliche Vertiefung des politischen Problemes rangen, sondern daß in aller Schärfe Richtung auf Richtung platzte. Der erste Vortrag von Universitätsprofessor Dr. Rothenbücher=München ging davon aus, die Machtverhältnisse im heutigen Staat aufzuzeigen, soweit diese Verhältnisse auf das Bildungswesen Einfluß haben. Er unterschied 3 soziologische Elemente, die sich um die Erziehung bemühen: Priesterschaft, politische Parteien. Staat. In seinen Ausführungen verfuhr er am übelsten mit der Priesterschaft, worunter er die nach Macht strebenden Organisationen sowohl der katholischen als auch der evangelischen Kirche verstand. Dieses Machtstreben sieht er in dem Kampf um die Bekenntnisschule, während an den Hochschulen dieser Kampf seiner Ansicht nach dadurch ausgeschaltet ist, daß in gewissem Sinne „Weltanschauung Fachangelegenheit des Professorg de# Philosophie ist.“ Da es ihm zuletzt um die Gemeinschafte, schule(Simultanschule) geht, ist seine Stellungnahme gegenüber der Priesterschaft sehr schroff. Wenn solchAusdrücke fallen wie„Befriedigung religiöser Gefühla. bedürfnisse“, so sind das Zuspitzungen, die in einem wissenschaftlichen Vortrag schwerlich zu überbieten sind Für ihn hat die Priesterschaft eine nicht mehr zu über, treffende Freiheit innerhalb des Staates, und er z äußerst scharf in der Abwehr des Anspruches der Priester. schaft auf Herrschaft im Bildungswesen des Staates Hintergrunde seiner Gedankengänge liegt das Ringen um den deutschen Einheitsstaat, um die Einheit des dent. schen Volkes, das für ihn durch die bekenntnismäßige Spaltung in Katholische, Evangelische, Freidenker genau in dieselben Lager zerfallen scheint, wie Lettland durch seine Bevölkerungsgruppen der Juden, Deutschen und Letten. So geht es ihm weiter um ein gemeindeutscheg Kulturgut, das im Christentum wurzelt, aber nicht bekenntnismäßig daran gebunden ist. In seinen Leitsätzen kommt klar diese Tendenz seiner Ausführungen zum Ausdruck in dem Satze:„Die Herrschaft über Teile der staatlichen Bildungseinrichtungen darf nicht einzelnen Verbänden im Staatswesen zur privilegierten Verbreitung ihrer Weltanschauung eingeräumt werden.“ Trotzdem muß„Freiheit für die Errichtung und den Betrieb privater Einrichtungen des Bildungswesens bestehen.“ Der zweite Vortrag von Geheimrat Professor Dr. Fischer, München, über Staat und Erziehung, versuchte zunächst Erziehung als Funktion der Gemeinschaft herauszustellen und dann weiter einen Staatsbegriff: formulieren, auf dem fußend eine einheitliche Stellung zum Grundproblem der Tagung gewonnen werden könnte. Fischer erklärte den Staat im Zusammenhang seines Vortrages als„die Regelung der Beziehung von Menschen untereinander nach der Gerechtigkeit“. So gesehen ist der Staat zwar Gemeinschaft, aber nicht Geistesgemeinschaft.„Es existiert ein Staat nur als eine ständige Erziehung der ihn bildenden mündigen Bürger zur Objektivität im Urteil über ihre Ansprüche und zur unerschütterlichen Gerechtigkeit in der Schlichtung ihrer Ineiner Erziehung macht.“ Hieraus folgert für Fischer, daß teressen und Kompetenzkonflikte, sein Gedanke ist der einer Erziehungsmacht.“ Hieraus folgert für Fischer, daß ein Staat als„die Gemeinschaft der Macht zu gleichem Recht und zu gleicher Freiheit“ seine Souveränität mit niemand teilen kann und durch keine Instanz begrenzt wird. Soweit heute noch schulpolitischer Kampf existiert im Gegensatz von Elternrecht und Staatsrecht, von Staatsrecht und Kirchenrecht, von Gruppenrecht und Staatsrecht, von Standesrecht und Staatsrecht, ist dies der Ausdruck dafür, daß der deutsche Staat noch nicht Staat ist. Die Aussprache hätte an diese beiden Referate anknüpfend das Niveau finden müssen, um die rein akade misch angeschnittenen Fragen zuerst soweit als irgend möglich akademisch zu lösen. Denn wir wissen heute doch ganz genau, daß leider die Schulfrage nicht auf einem pädagogischen, sondern auf einen politischen Kongreß entschieden wird. Die Dis kussionsredner sprachen alle nur als Vertreter der Interessengruppe, als deren Exponent sie galten, und im wesentlichen entwickelten sie weiter nichts als die Programme ihrer Vereinigungen. Dazu setzt man sich nicht zu 900 Mann auf einen pädagogischen Kongreß zusammen, das kann man durch die Lektüre der Schriften der einzelnen Verbände billiger haben. Daß man auf diesem Wege sich nur auseinanderredete, ist selbstverständlich. Wenn in den verschiedensten Berichten über den pädagogischen Kongreß immer wieder bedauernd festgestellt Neue die Spannkraft schenken, die die umfassende und immer wachsende Bildungsarbeit des Johannesstiftes erfordert. Aber auch keine kleine Aufgabe für alle die „Laien“, die von früh bis abends in regster Mitarbeit beteiligt waren und schöpfen wollten, was nur irgend „Leib und Seele, Sinne und Verstand“ zu fassen vermochten. Man könnte sich vorstellen, daß solche Kurse, wenn sie von der katholischen Kirche veranstaltet würden, wesentlich anders verliefen, vielleicht ruhiger, geschlossener, und daß jeder Einzelne dann ein größerers Maß von dem mitnimmt, was er„schwarz auf weiß nach Hause tragen“ kann. Wir haben nicht die unbedingte Autorität der Kirche und ihre Tradition. Wir haben nicht ein in Glaubensfragen unfehlbar entscheidendes Haupt. Wir haben aber auch nicht in der Bibel einen„papierenen Papst“, wie man uns wohl vorwerfen möchte und wie es vielleicht manchen wünschenswert erschiene. Wir haben viel Größeres: das lebendige und kräftige Gotteswort, das man nicht einfach lernen und verstehen, das man aber glauben und erfassen kann; das Wort, das uns selbst das Herz öffnet und uns täglich zum Preise der unfaßbaren Gnade aufruft, zu Wort und Tat. Wir haben als einzige Autorität den auferstandenen und lebendigen Christus, der sich in der heiligen Schrift offenbart und in seiner Kirche wirkt, sie durch die Jahrtausende führend und erneuernd, wo sie erstarrt; sie vertiefend, wo sie verflacht. Wir Evangelische werden als Einzelne zur Verantwortung gezogen und zur Entscheidung aufgerufen und gehören dann zur Gemeinde. Das ist die Größe unserer evangelischen Kirche und zugleich ihre Not, ihre Zerrissenheit und zugleich ihre tief innerlich begründete Wahrhaftigkeit und Einheit.— Dies wurde in den einzelnen Vorträgen, den Gruppenbesprechungen und Aussprachen, den praktischen Uebungen den Teilnehmern deutlich. Neben Bibelstunde des A. T. und des N. T. und Bibelbesprechstunden wurden täglich Vorträge geboten, die sowohl zur Vertiefung der Glaubensgrundlagen des Einzelnen als auch zur Beantwortung von Fragen, die Außenstehende an die Christen stellen, dienen sollten. Die neue Apologetik will ja Antwort des Glaubens sein auf alle Fragen, die von irgend einer Seite an sie herantreten. Aus der Fülle der Themen seien genannt:„Die Sünde und der moderne Mensch— Der Sinn des Gebets Wunderglaube und Naturgesetz— Die Christusfrage und der moderne Mensch— Weltbild und Weltanschauung— Kirche und heiliger Geist— Sinn von Kultus und Sakrament.“ Andere Themen führten in die Welt der Gegner der Kirche und des Christentums ein:„Die Sekten der Gegenwart— Das Freidenkertum— Wahrheit und Irrtum der Astrologie— Kirche und Freimaurertum.“ Der letztgenannte Vortrag erhielt sein besonderes Gepräge dadurch, daß Teilnehmer eines Soziallehrganges für Pastoren mittagten, und daß ein Pfarrer, der sich zu den liberalen Theologen rechnet und Freimaurer ist, auf seine Bitte von auswärts kommen und an dem Vortrag und der Aussprache teilnehmen konnte. So wurde die Besprechung noch bewegter als sonst, aber vielleicht nicht fruchtbarer, denn es taten sich unüberbrückbare Klüfte auf, die deutlich zeigten, daß wir aus einer vom Nationalismus und Subjektivismus verflachten Zeit herkommen. Aber auch das neue Leben, das sich in der Theologie kräftig anbahnt und sich in der Kirche auszuwirken versucht, das neue und doch auf dei alten und ewigen Wahrheit des Evangeliums fußeneLeben, zeigte sich lebendig und wirksam und gab freudigAusblicke für die Zukunft.— Daß unsere Kirche nicht nur kämpfende Kirche ist, sondern zugleich schon jetzt die Gemeinschaft der Heiligen, zeigte sich in den Bibelstunden und in der Abendmahlsfeier. Die Stiftskirche, die in mitten der Anstalten und Häuser des Johannesstiftee liegt, und inmitten der schönen Anlagen mit ihren mächtigen, ruhevollen Bäumen, war den ganzen Tas über geöffnet. Schien es nicht, als wäre es hier„stiller als in den anderen Kirchen? In den Andachten sprach nur das ewige Gotteswort, das Lied und das gebunden Gebet zu uns, dargeboten von dem Diener am Wort, 0et selbst als Glied der Gemeinde und Empfänger des gol“ lichen Segens vor Gott stand. Und in den stillen Minuten vor dem Vaterunser wurde die Gemeinde, die sich 90“ zusammenfand, ausgerüstet dazu, ihr Tagewerk zu i von Herzen, als dem Herrn und nicht den Menschen. M. Sch. wird, daß mi hätte aufstell einigende For vor Beginn? ihr näher geh ohne politisch der beiden das doch in schulpolitische Leben, entwe knüppel und Gemeinsame, kann. Darin den, als wei betonen muß führungen be Selbstverst zelnen Leute, schiedensten 3 nen. Es redet für die katho für den Bu Wolff, Berlin steller Dr. Te bildung, Dir Schulvereinig für den Er Andreesen, Bi heime. Es st Probleme vor seitigkeit aus, gen Schulver träge einging scharfe Formt So wurde vo Klarstellung arbeitet. Odeneue Ansatzpu systems zu fir ausging, oder Ordnungsgem Willen sehen schwer, in sein den Ideen zu nungen auf steht sachlich anschauung st dungsprozesses liche schulz gesehen folger eines Gemein Geschichte und sich immer un Wir haben nitanzen. 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Aber man wäre ihr näher gekommen, wenn man rein akademisch— d. h. ahne politische Erhitzung— sich bemüht hätte, an Hand der beiden Vorträge das Gemeinsame herauszustellen, das doch in aller Arbeit vorhanden ist. Es geht auch auf schulpolitischem Gebiet nicht anders wie im staatlichen geben, entweder man haut sich gegenseitig mit Gummiknüppel und Schlagring, oder aber man sucht das bißchen Gemeinsame, auf dem fußend man zusammenarbeiten kann. Darin liegt mehr Achtung vor dem Andersdenkenden, als wenn man immer wieder in der Aussprache betonen muß, man wolle mit diesen und jenen Ausführungen beileibe den andern nicht verletzen. Selbstverständlich war es höchst interessant, die einzelnen Leute, die als die prominenten Vertreter der verschiedensten Richtungen gelten, persönlich kennen zu lernen. Es redeten u. a. Prof. Dr. Schröteler,.., Düsseldorf, für die katholische Kirche, Prof. Paul Oestreich, Berlin, für den Bund entschiedener Schulreformer, Schulrat Wolff. Berlin, für den Deutschen Lehrerverein, Schriftsteller Dr. Tews, Berlin, für die Gesellschaft für Volksbildung, Direktor Hafa, Berlin, für die Evangelische Schulvereinigung, Rektor Grünweller, Gladbach=Rheydt, für den Evangelischen Schulgemeinde=Verband, Dr. Andreesen, Bieberstein, für die Deutschen Landerziehungsheime. Es stellten sich nebeneinander die Schau der Probleme von reiner Diesseitigkeit und von reiner Jenseitigkeit aus, politische und idealistische Kritik der heutigen Schulverhältnisse. Soweit die Redner auf die Vorträge eingingen, beschränkten sie sich darauf, gewisse scharfe Formulierungen der Referenten richtigzustellen. So wurde vor allem von konfessioneller Seite auf eine Klarstellung des Begriffes der Priesterschaft hingearbeitet. Oder aber die Aussprache versuchte gänzlich neue Ansatzpunkte für den Aufbau eines geltenden Schulsystems zu finden wie z. B. Andreesen, der vom Kinde ausging, oder Oestreich, der in dem Staat eine lebendige Ordnungsgemeinschaft mit Auftrieb zum kulturellen Willen sehen wollte. Es war für Geheimrat Fischer schwer, in seinen Schlußworten diese auseinanderstrebenden Ideen zusammenzufassen. Er brachte gewisse Spannungen auf eine sehr schöne Formel: Weltanschauung steht sachlich am Ende des Bildungsprozesses und Weltanschauung steht geschichtlich am Anfang des Bildungsprozesses. Ihm stellt sich die augenblickliche schulpolitische Lage geschichtsphilosophisch gesehen folgendermaßen dar: die ursprüngliche Substanz eines Gemeinschaftserlebens verzettelt sich im Laufe der Geschichte und verliert ihre religiöse Weihe. Es handelt sich immer um einen Prozeß fortschreitender Laiisierung. Wir haben nicht mehr die Kraft, über dem Abgrund zu tanzen. Eine neue metaphysische Substanzierung unseres Lebens vollzieht sich jetzt. Daher ist die Parole des Kampfes die naturgegebene. Man wird nicht anders können, als diese Parole des Kampfes aufzunehmen, solange es sich darum handelt, daß jede Interessengruppe aus der Ungeklärtheit der schulpolitischen Lage möglichst viel Vorteil herausschlagen will. Man wird dabei aber im Auge behalten, daß dieser Kampf es mit sich bringt, daß die Ziele weit übersteigert werden, um nur irgend etwas an Gewinn in diesem Kampf für sich verbuchen zu können. Die Anhänger der weltlichen Schule werden sich sagen lassen müssen, daß es immer weite Kreise des Volkes geben wird, denen an einer bekenntnismäßig gebundenen Erziehung ihrer Kinder gelegen ist, und umgekehrt werden die Anhänger der Bekenntnisschule sich klar machen müssen, daß es von vielerlei Faktoren nicht zuletzt örtlicher Art abhängt, ob sich eine Bekenntnisschule in ihrem Sinne verwirklichen läßt. So wie de Lage augenblicklich ist, scheint die Gemeinschaftsschule als der Sieger aus dem ganzen Kampfe hervorzugehen als ein Kompromiß, der nicht zuletzt und in seinem tiefsten Sinne der Wahrung der Volkseinheit dienen will. Es muß daher wie ein Symbol erscheinen, daß der Kongreß in Wiesbaden stattfand, wo durch die Nassauische Simultanschule seit über hundert Jahren ein Kulturfriede geherrscht hat wie sonst wohl nirgends in anderen Gegenden Deutschlands. Dr. Carl Schmidt, Bethel. Unsere Schulnot. Ein Anzeichen schwerster Sozialkrankheit. Von Dr. R. Rüthnick, Bremen. 1911 gab es an deutschen Hochschulen(Universitäten, Zechnischen Hochschulen, Handelshochschulen) 72125 Stuventen, 1929 waren es 123700. Es ist selbstverständlich sicht daran zu denken, daß diese jungen Akademiker, wenn überhaupt, in absehbarer Zeit eine ihrer Vorbildung entsprechende Lebensstellung finden. Dr. Achner zul unlängst in der„Sozialwissenschaftlichen Rundschau“ berechnet, daß man 1937 mit 114000 stellenlosen Akabemikern rechnen müsse. Man werfe einen Blick auf= die achlenmäßig größten akademischen Berufsstände! Es gibt kund 48000 Aerzte in Deutschland. Nach Lexis räumen sährlich den Platz(Tod, Ruhestand usw.)—4 v.., also eiwa 1700. Zur Zeit studieren etwa 12000 Mediziner. rüchen#man ein Durchschnittsstudium von 6 Jahren, so eucen Jayr für Jahr 2000 neue Anwärter in diesen beteits bedenklich überfüllten Beruf nach, also mindestens 900 zu viel. Nach einem Vortrag auf dem vorjährigen verztetag in Stuttgart ist sogar in kurzem mit einem tebernachschub von rund 1000 jungen Aerzten zu rechnen. Noch erschreckender ist der Andrang von Juristen; hier sichen 1400 freiwerdenden Stellen 4000 Anwärter gegenDer. Am erschütterndsten steht es wohl bei den Philoenen. 24000 Studenten wollen Studienräte werden. Im preußischen Höheren Schuldienst sind rund 16000 Planstellen vorhanden, von denen nur etwa 2500 im Laufe der kommenden 5 Jahre frei und verfügbar werden; ganz abgesehen von den Gerüchten, die Oberprima aus Ersparnisgründen eingehen zu lassen. Jeder junge Mensch, der einen dieser Wege einschlägt, erwirbt sich durch Studium und Geldauswand nicht etwa die sichere Anwartschaft auf einen leidlich bezahlten und angesehenen Platz im Leben, sondern nur ein Los, das ihm mit wesentlich größerer Wahrscheinlichkeit eine Niete alseinen Gewinn bringt. Aber wissen denn der junge Mann und das junge Mädchen, die sich dennoch zum Studium entschließen, nicht, welche furchtbaren Enttäuschungen ihrer warten?— Ja und nein! Sie hören die Zahlen, sie werden für den Augenblick bedenklich; aber sie wären nicht 19 oder 20 Jahre alt, wenn ihnen nicht der Himmel voller Geigen hinge. Und die Eltern?— Sie wissen auch Bescheid. Aber was sollen sie machen? Teils aus Familienherkommen, teils aus Sorge vor dem Herabsinken haben sie den Jungen oder das Mädchen eine höhere Schule durchlaufen lassen. Früher, als es noch 4, 5 Kinder gab, ließ man nur die anerkannt Begabten zur höheren Schule gehen. Heute können viel weitere Kreise ihr eines oder ihre 2 Kinder auf das Gymnasium schicken. Und sie tun es, ob die Familie bisher Begabungen aufwies oder nicht. Daher die vielbesprochene törichte„Flucht vor der Volksschule“, der überandrang zu den höheren Schulen. Die Schulverwaltung gibt diesem Andrang nach, richtet neue Klassen, neue Schulen ein, und wenn sie— sehr begreiflicherweise— dabei zaudert, wirft man ihr noch Mangel an Voraussicht vor!! Das Richtige ist natürlich zu bremsen. Die Universitäten klagen über die mangelhafte Vorbildung des für„reif“ erklärten Nachwuchses. Es ist wohl auch kaum zu bestreiten, daß sie recht haben. Wohl jeder ältere Studienrat hat das Empfinden, daß er heute weit schwerer zu arbeiten hat als früher, wenn er das Gleiche erreichen will. Die durchschnittliche Begabung scheint doch gesunken zu sein. Früher gab es doch mehr Hochbegabte, die den Durchschnitt der Mitschüler emporzogen; jetzt sind sie sehr viel seltener, dagegen sind die unzureichend Begabten, der Ballast, verhältnismäßig zahlreicher. Der Ratschlag, eine Auslese durch Sitzenlassen usw. vorzunehmen, ist leichter gegeben alsausgeführt. Jeder Studienrat kämpft, ehe er sich im einzelnen Falle zu einem solchen Entschluß durchringt, einen schweren Kampf mit sich. Er weiß so gut wie die Eltern, was ein verlorenes Lebensjahr in diesen schweren Zeiten bedeutet. Hinter dieser Rücksicht stehen die neuerdings immer sicherer gewordenen Erkenntnisse von der verschieden schnellen Entwicklung des Menschen, Tatsachen, die z. T. rassenmäßig bestimmt sind. Ein begründetes Urteil über die Begabung kann in der Regel erst in der Zeit nach den Schuljahren gefällt werden. So muß sich das „Aussieben" durch die Schule auf die ganz groben Fälle unverkennbarer Unfähigkeit beschränken. Und doch stehen jedem, der die Dinge zu Ende denkt, die Folgen erschütternd vor Augen. In Bälde 114000 junge Akademiker zuviel! Ueber 100 000 gebrochene junge Menschen! Nach der persönlichen Seite eine Fülle kaum auszudenkenden Leids! Nach der sozialen und politischen Seite eine ernste Gefahr! Eine große Anzahl dieser enttäuschten jungen Menschen wird sich nicht geduldig mit der Niete abfinden; die meisten werden ihre unverwendete Tat= und Willenskraft,(für deren Erwerb auf der Hochschule der Staat jährlich 1500—1800 RM. zuschießt!) gegen den Staat einsetzen. Sie werden sagen:„Dieser Staat hat mich eingeladen und verlockt, einen Weg einzuschlagen, an dessen Ende kein Ziel steht!“ Sie werden diesen Staat hassen. Und man vergesse eins nicht. Selten haben die sich bedrückt fühlenden Unterschichten allein Revolutionen gemacht, meist waren die Enttäuschten und Entwurzelten aus den höheren Schichten die eigentlichen Macher. Aber mit den um ihre Hoffnungen betrogenen Akademikern ist der Uebelstand noch nicht erschöpfend dargestellt. Nicht nur sie und die Abiturienten sind als Opfer einer falschen Organisation zu beklagen, sondern auch die „Einjährigen“ und die, die auf Volks= und Fachschulen etwas Tüchtiges gelernt haben. Ihnen wird heute der Aufstieg so gut wie gesperrt. Es ist klar: der stellenlose Akademiker ergreift eine Beschäftigung, für die das Abitur genügen würde, der Abiturient muß sich mit einer Tätigkeit begnügen, für die früher die mittlere Reife reichte. Alle, die eine solche erworben haben, nehmen die guten Lehrlingsstellen in Beschlag. So kommt es zu dem unsinnigen Zustand, daß man künftig in Lagerhäusern nur dann Ordnung halten darf, wenn man Platon studiert hat, oder daß man fortan nur dann Brot backen oder eine Bedürfnisanstalt bedienen darf, wenn man den Pythagoräischen Lehrsatz beweisen kann. So werden die, die keinen„Schein“ haben, zurückgedrückt werden. Das ist zweifellos nicht gerechtfertigt. Aber es wäre eine Verwechslung von Ursache und Wirkung, das „Berechtigungswesen“, verantwortlich zu machen und zu glauben, man könne dies durch Gesetze oder Verfügungen„abschaffen“. Nun glaubt man vielfach, den verhängnisschwangeren Entwicklungsgang durch Einzelverbesserungen aufhalten zu können. So will man Aufstiegsmöglichkeiten von der Volksschule auf dem Wege über Berufsaufbauschulen, Wirtschaftsoberschulen usw. schaffen. Dadurch soll die„Flucht vor der Volksschule“ gestoppt werden. Gertrud Bäumer schlägt ein kulturwissenschaftliches Forschungsinstitut vor, das vor allem die Berufsberater mit größerem Wissen ausstatten soll, damit ihr Eingreifen wirkungsvoller werde. Das sind sicher beachtliche Vorschläge, aber man muß sich darüber klar sein, daß sie nicht viel helfen werden. Bedenklich dagegen ist, was u. a. Dr. Otto Friedländer kürzlich im„Vorwärts“ angeregt hat. Unter leiser Warnung vor den Abenduniversitäten schlägt er„in den mittleren Schulklassen ein Ausleseverfahren unter Einschaltung geeigneter Berufsberater“ vor. Etwas deutlich ausgedrückt würde das wohl heißen: Nicht mehr von den Eltern, sondern vom„Staat“ soll künftig entschieden werden, wer einen höheren Beruf wählen darf und wer nicht. Wer wird dieser„Staat“ sein? Die Leute mit den jeweils richtigen Parteibüchern! Sie über die Verwendung unserer Jugend entscheiden zu lassen, hieße den Teufel durch Beelezbub austreiben.— Will man wirklich helfen, so muß man dem Uebestand auf den Grund gehen! Man muß erkennen, daß wir es nicht mit der Erkrankung eines einzelnen Gliedes, nämlich der Schule, zu tun haben, sondern mit einer Erkrankung unseres gesamten staatlichen und gesellschaftlichen Lebens. Die Schulnot ist nur ein Symptom. Aehnlich urteilen über die Ursache der Berufsnot und über das Berechtigungswesen Prof. Dr. O. Klemm und Dr. Kurt Fiedler, die Mitarbeiter der Berufsberatungsstelle Leipzig, in ihrem soeben erschienenen Werke„Aus der Praxis der Berufsberatung“ besonders Seite 122 und folgende. Die Krankheit heißt„Verkümmerung aus Raummange!“. Wir sind das„Volk ohne Raum“ Weil wir nicht in die Breite wachsen können, drängen die Kräfte zum Wuchstum nach oben— Viele suchen sich um diese Erkenntnisse noch herumzuwinden. Denn diese Einsicht verlangt von denen, die verantwortlich sind oder sich mitverantwortlich fühlen, eine Abstreifung liebgewordener Illusionen. Praktisch gesprochen heißt das: sie müssen eine grundsätzliche Aenderung der deutschen Außenpolitik fordern und sich unter Einsatz der ganzen Persönlichkeit zu dem Ziel bekennen: Mehr Boden für unsere deutsche Jugend! Aber auch im Inneren muß umgestellt werden. Denn unsere Krankheit heißt weiter:„Zerfall des Gemeinschaftslebens" durch das individualistische Lebensgefühl. Der individualistisch denkende Mensch erkennt nur das Recht des Einzelnen an. Der Einzelne kümmert sich nicht um die Bedürfnisse des Ganzen, wenn es ihm nicht paßt. An der geistigen Einstellung werden alle guten Absichten, im heutigen Staat zu einer Ordnung im beruflichen Nachwuchs zu kommen, scheitern. Aber die Zeit arbeitet aus praktischer Erkenntnis und aus seelischem Bedürfnis an einer Neuordnung der Dinge. Man strebt auf den verschiedensten Gebieten nach einer Rationierung. Man stellt weitausgreifende Konjunkturberechnungen an. Man sucht durch Zusammenschlüsse oder Zusammenarbeit gleicher Betriebe Angebot und Nachfrage in Einklang zu bringen. Das ist zweifellos der Weg, auf wirtschaftlichem Gebiete den Kampf aller gegen alle auszuschalten und in der Gütererzeugung wieder zu geordneten und gesicherten Verhältnissen zu kommen. Noch handelt es sich um Anfänge, noch treten dabei Einseitigkeiten und Härten in Erscheinung, noch fehlt den Trusts und anderen Verbänden das Bewußtsein, Träger des Gemeinwohls sein zu müssen. Wenn aber in unserer gärenden Zeit die Erkenntnis weiter vorgedrungen sein wird, daß die individualistische Lebensgestaltung und mit ihr der demokratische Parteienstaat, ad absurdum geführt worden ist, daß wieder natürlich erwachsene, organische, ständische Gliederungen zwischen den Einzelnen und den zentralistischen Staat eingeschoben werden müssen, und daß der Einzelne unter Zurückstellung seines Ich=Gefühls sich diesen einordnen muß, dann wird eine neue ständische Ordnung durchgeführt werden können. Sie wird die heute schon vorhandenen Anfänge ausgestalten und mit einem neue Sitte gestaltenden Gemeingeist erfüllen. Diese neue Ordnung wird berufsständische Selbstverwaltungskörper schaffen, bei denen alle Mitarbeiter eines Produktionskreises vom Unternehmer bis zum letzten Handlanger zur Mitarbeit und Mitbestimmung herangezogen werden. Ihnen werden große Aufgaben übertragen werden, die wir jetzt als staatliche Aufgaben anzusehen gewohnt sind, und so entsteht der ständisch=organische Staat wieder, wie ihn alle glücklichen Zeiten hatten. Den berufsständischen Selbstverwaltungskörpern werden beispielsweise die Aufgaben zufallen, unter denen der demokratische Parteienstaat vor unsern Augen zusammenbricht, wie die soziale Füsorge oder die Aufbringung der Steuern. Der ständisch gegliederte Staat wird diesen Körperschaften auch die Regelung der Einreihung der heranwachsenden Jugend in das Wirtschafts= und Erwerbsleben anvertrauen müssen. Die reinwirtschaftlichen Stände, die ihren Bedarf an Nachwuchs auf allen Stufen vorausberechnen können, werden dabei mit dem Stand der Jugendbildner zusammenarbeiten. Sie werden die schweren Aufgaben auf dem Schulgebiet, die der heutige Staat, wie oben gezeigt, nicht meistern kann, lösen. Die neue Ordnung wird unter Mitwirkung der Eltern die jungen Menschen so führen können, daß sie eine ihren Fähigkeiten entsprechende Tätigkeit finden, und daß sie in ihrem Berufe auch den angemessenen Lohn erreichen. Wer sich die erschütternden Folgen des heutigen Gehenlassens vor Augen stellt und das jetzige Lotteriespiel um den Lebensberuf für unverantwortlich hält, der wird in der Weitung unseres Lebensraums und in der Aufrichtung eines organisch gegliederten Staates den rettenden Ausweg aus der jetzigen Schulnot erblicken können. Schriftleitung: W. Krua, Wirtschafts= und Weltpolitik: Dr. m Huttel, Anzeigen: K. Diekmann, alle in Bethel. Zuschriften für die Schriftleitung: Bielefeld. Schließfach 28. Für Geldsendungen Postscheckkonto: Hannover 67377,„Aufwärts“, Christliches Tageblatt, Bethel b. Bielefeld. Fernruf 3911/3916, Amt Bielefeld. Druck und Verlag: Anstalt Bethel. Bücher und Zeitschriften. Die hier angezeigten Bücher sind zu beziehen durch die Buchhandlung der Anstalt Bethel. Die Weltanschauung Rabindranath Tagores in ihren Beziehungen zum Abendland. Von Dr. phil. Walter Graefe. 1930. J. C. Hinrichs'sche Buchhandlung, Leipzig. 88 S. Noch immer entbehrten wir eine wirklich tiefschürfende Studie über Tagores Weltanschauung. Wohl gab es Bücher, die den Dichter Tagore würdigten, aber sie mußten notwendig der durchdringenden Schärfe entraten, die eine Abhandlung erheischt, die den Denker Tagore zeichnen will. Diese Lücke füllt nunmehr Walter Graefe mit seinem Buche aus. Er gibt uns in meisterhafter Weise Einblick in die Gedankenwelt Tagores. Sein Buch ist ein weiterer ernsthafter Beitrag zur Beurteilung der Geisteshaltung des modernen Indiers. Im ersten Teil der Schrift wird uns Tagores Weltanschauung darim zweiten Teil werden uns die Beziehungen Tagores zum Abendland klargelegt. Die Schrift dürfte dem gebildeten Leser, zumal dem Theologen, das erwünschte sachkundige Material bieten, um die Denkbarkeit des Dichterphilosophen recht beurteilen zu können und um so gerüstet zu sein, der uns Deutschen naheliegenden Ueberschätzung alles Ausländischen wirksam entgegenzutreten. Tritt doch Tagore mit dem Anspruch auf, die indische Botschaft dem Westen zur Heilung bringen zu müssen, und viele Abendländer beugten sich vor ihm, in welchem „das indische Denken seine höchste Höhe und letzte Tiefe erreicht habe“! Jasper. Gott allein die Ehre. Kindheit und Jugend des 1 D. Traugott Hahn. Von D. Traugott Hahn sen. Verlag Eugen in Heilbronn. Preis brosch. 1 RM., geb. 2 RM. Dieses nieine Buch mit der Jugendgeschichte des Mannes, der sein Leben im Dienst seines Herrn ließ, soll eine Ergänzung und Einführung sein in das große Lebensbild. Aber auch wer dieses nicht hat oder kaufen kann(brosch..— RM., geb. 4,80 RM.), wird das vorliegende Buch mit Dank lesen. „Der Gottesstreiter.“ Ratgeber für Absolventen und junge Männer, die ins Leben treten. Von F. Tretzel, Selbstverlag des Verfassers, Oberstleutnant Tretzel, Hennef a. d. Sieg. Preis 75 Pfg. „Die Jugend sucht nach Richtung.“„Der Gottesstreiter“ gibt ihr diese Richtung mit der großen deutschen Idee. Inhalt: Weltanschauung— Berufswahl— Gesellschaft, Geselligkeit— Das Weib— Der Freund— Politik— Verhalten in Geldsachen— Sport und Leibesübungen— Gesundheitspflege— Lektüre. Vogel. Ph., Pfarrer i..: Der Heiland den Kindern! Ausgeführte Kindergottesdienste.— Vorbereitungen für Helfer und Leiter. Bd. II: Trinitatisfest bis Totensonntag (125.). Leipzig 1929. M. Heinsius Nachfolger Eger und Sievers..— RM. Das außerordentlich wertvolle Buch ist,— wie der Untertitel angibt—, zunächst für die Praktiker des Kindergottesdienstes bestimmt, mit der Hauptabsicht, Anfängern Beispiele zu kritischer, eigener Arbeit zu geben. Im kirchlich=katechetischen Schrifttum wird sich dieses Werk bald einen Ehrenplatz erobern, weil hier zum erstenmal mit klarer Methode dem eigentlichen Problem des Gruppenkindergottesdienstes auf den Grund gegangen wird, nämlich wie die Teilung kindertümlicher Wortverkündigung zwischen Leiter und Gruppenhelfer vorzunehmen ist.„Die feine, seelsorgerische Art, mit der für jeden Sonntag die bionschen Geschichten(und zumeist nicht die am leichtesten zu behandelnden!) in sorgsam ausgearbeiteten Katechesen den Herzen der Kinder nahegebracht werden, ist vorbildlich. Das wertvolle Buch kann auch für die häusliche biblische Unterweisung nutzbar gemacht werden. Hier findet eine Mutter, die mit ihren Kindern biblische Geschichten wirklich durcharbeiten möchte, nicht bloß Anregung, sondern gründliche Anleitung. „Aus meiner Brockensammlung.“ Allerlei Wahrheitslichter für Wanderer zwischen zwei Welten. Christlicher Zitatenschatz von Friedrich Schäfer. Gut und geschmackvoll gebunden.85 RM. Sonnenweg=Verlag, Berlin NW. 6. Der Verfasser meint am Schlusse seines Vorwortes. den „Allzukritischen“ möchte er von vornherein mit einem Motto Fritz Reuters begegnen:„Wer't mag, de mag't. Un wer't nich mag, der mag't ja woll nich mögen.“ Aber wer't nicht kennt, kann auch nicht sagen, ob er's nicht mag. Deshalb ist zu raten, diese Brockensammlung kennenzulernen. Wie wohl tut in der Last des Lebens oft so ein bereit gehaltener Brocken aus der Fülle guter, aber nicht bekannter Gaben. Aus dem Reiche der guten und großen Geister ist hier sehr Wertvolles zusammengetragen. D. Ernst Decker:„Ueber der Heide.“ Drei neue Westerwaldgeschichten. Kart..— RM.; in Leinen 2,85 RM. Sonnenweg Verlag, Berlin NW. 6. In diesem Verlag erschien von dem gleichen Verfasser auch im vorigen Herbst eine Westerwaldgeschichte„Waldweihnachten“. Geb..50 RM. Leinen 1,80 RM. Beide Bücher geben ein sehr wahrheitsgetreues Bild von und Leuten des etwas rauhen Westerwaldes, jenes Hochplateaus, das an den Grenzen Westfalens, des Rheinlandes und Hessen=Nassaus liegt. Auch im Hochsommer kann dort oben einmal ein recht kräftiger Wind wehen und die Pelzmütze spielt eine weit größere Rolle als der Panamahut. Aber ein zähes. gesundes, arbeitsames und auch frommes Volk bewohnt die Höhen. Der Verfasser der beiden Bücher hat alles gut studiert und es wäre zu wünschen, wenn seine Bücher die Kunde vom Westerwalder Volksleben weithin trüge in alle Gaue des Vaterlandes. D. A. Sonne und Regen im Kinderland. Von diesem Bändchen des Verlages D. Gundert, Stuttgart, liegen wieder drei vor:„Der Rosenbub“ von Maria Batzer; „Die Geschichte von Otto und seinen Tieren" und„Bimberlein“ von Anna Schieber. Jedes Bändchen kostet hübsch gebunden 85 Pfg. Mehr als 800000 sind von diesen Kinderbüchern verkauft und die drei hier genannten werden dem kleinen Volke auch wieder Freude machen. „Rechenaufgaben für den Unterricht über die Alkoholfrage in Volksschulen.“ Herausgeber: Bezirksausschuß zur Abwehr des Alkoholismus, Merseburg. 1 Stck. 5 Pfg. Partien billiger. „Um Glauben und Heimat.“ Bruderhilfe für die aus Rußland ausgewanderten deutschstämmigen Bauern. Die Hilfsaktion des Zentralausschusses für die Innere Mission gibt hier durch P Seyferth die Berichte heraus. Das Büchein ist reich illustriert, erzählt von der furchtbaren Not in Rußland und gibt einen anschaulichen Bericht über die deutsche Hilfsaktion. Es kostet 60 Pfg. und ist vom Wichern=Verlag, Berlin=Spandau, zu beziehen. Noé, Kirchenrat:„Pfarrer Johann Schiller.“ Ein Bahnbrecher der Inneren Mission. Kart..50 RM., geb. 3,80 RM. Verlag Buchhandlung des Evang. Vereins Kaiserslautern. Pfarrer D. Risch schreibt über das Buch:„Dieses Buch muß jeder Pfälzer Pfarrer besitzen. Es wird auch über die Pfarrerkreise hinaus dankbare Leser finden. Ein Stück Pfälzer Vergangenheit tut sich uns auf. Wir hören einen scharfen Beobachter über seine Zeit urteilen und mit klarem Blick und unerschrockener Tatkraft vor einem Menschenalter sein Pfarramt verwalten. Sein treffliches Urteil, seine frische klare Sprache, sein köstlicher Humor hält uns gefangen, bis wir zu Ende sind. Daß Psarrer Schiller, der im 2. Teil reichlich selbst zu Worte kommt, ein Original war, weiß jeder Pfälzer Pfarrer, aber kein Original, das uns nur heitere Stunden bereitet sondern ein Pfarreroriainal, vor dem wir den Hut abnehmen. Pfarrer Schiller war auch ein streitbarer Mann. Doch hat sein Biograph nicht die Streitakten ausgegraben. Vielleicht bedauern das Freunde der Pfälzischen Kirchengeschichte. Schlichte Leser haben desto ungetrübtere Freude an diesem köstlichen Buch. Der gleiche Verlag empfiehlt: „Adolf Clarenbach und Peter Flysteden.“ Zwei evangelische Märtyrer, dargestellt von Pfarrer Jul. Schollmayer Preis 40 Pfg. „Das Kleinod unserer Lutherbibel.“ Von Kirchenrat D. Adolf Risch. Preis 60 Pfg. „Hoffmannstropfen.“. Gute Gedanken aus Briefen des Diakonissenpfarrers Th. C. Hoffmann, gesammelt von Schwester Maria Ständer. Preis 50 Pfg. Dr. Kayser:„Krankheit und Sünde.“ Schriftenvertrieb Maar, Bamberg. Das Heftchen enthält wichtige Gedanken über die Zusammenhänge zwischen Krankheit und Sünde. Die Drucklegung ist sehr willkommen geheißen worden. Die dritte Auflage wurde nötig. Preis vielleicht 30—40 Pfg. Der Epheserbrief von Pf. Ernst Lohmann. Preis 1,80 RM. Pflugschar=Verlag, Kassel=Wilhelmshöhe, Kohlenstraße 346. Zur Weltharmonie durch Christus! Ein Weg zur Weltharmonie? Ist das nicht in all der Zwiespältigkeit und Zerrissenheit ein leeres Traumgebilde? Ist die Menschheit nicht in eine tiefe Enttäuschung hineingekommen durch den Fehlschlag so vieler ernstgemeinter und doch vergeblicher Versuche? Sind wir nicht satt des hohlen Nichts aufgeblähter Worte und leerer Diskussionen? Lastet nicht auf jedem ernstlich Ringenden diese tiefste Not? Es wirkt befreiend, wenn wir uns in die Gedanken der apostolischen Urkunde, die wir den„Epheserbrief" nennen, vertiefen. Diese weltumspannende, gottesmächtige Gedankenwelt mit einem Weitblick von alles überragendem Ausmaß bietet den Weg für göttliche Orientierung in all diesen Wirrnissen. Neben die Reformatorische Bedeutung des Römerbriefes rückt jetzt der Epheserbrief. Alles, was in ihm niedergelegt ist. gibt Antwort auf die Fragen, die jetzt in diesen Tagen für uns entscheidend sind. Gustav Schroer:„Der Herrgott und ein Mann“. Preis geb. 5,— Mk. Verlag C. Bertelsmann, Gütersloh. Mit diesem Roman hat der bekannte Jugend= und Volksschriftsteller wieder eine schöne Gabe geschenkt. Die prachtvollen Menschengestalten, die der Leser hier kennen lernt, bieten gar nichts Sensationelles. Die ganze Handlung hält aber so in Spannung, daß man das Buch nicht gern aus der Hand legt. Ist man aber zu Ende, steigt ein angenehmes Wohlgefühl und herzlicher Dank auf für den Genuß, den die Lektüre bereitet. Das Leben und Werden der Eva Leuthold und des Bauernsohnes Arno Silge, die in den Segensspuren edler und tüchtiger Vorfahren wandeln und die nach manchen schweren Wegen und Erfahrungen an der Stelle, für die sie bestimmt sind, selbst zum Segen werden, wird in einer Weise dargestellt, daß zuletzt der Wunsch bleibt: Ach, möchte man doch auch ein solcher Segensmensch sein. Der Schuster und Lebensphilosoph August Franz, im Dorf genannt der Doktor Franz, Evas fromme Mutter, Minna Leuthold und ihr Haus, die Bauernfamilie Silge, das Schicksal Lehrer Körners, die Auseinandersetzung zwischen dem edlen und tüchtigen und dem leichtsinnigen und faulen Bauernsohn und ihr furchtbarer Ausgang, das Dorfgericht, in dem der Großvater vor 40 Jahren und jetzt der Enkel ein Urteil erzielen, das der Gemeinde Frieden bringt und manches andere, was man durch das Buch kennen lernt, wird dem Leser von Segen sein. Das Buch ist ein gutes Geschenk für jede Gelegenheit. — D. A. Protestantische Heilige. Von katholischen Heiligen wissen Katholiken und Protestanten; daß die Heiligenverehrung in der katholischen Kirche eine der stärksten Stützen der Volksfrömmigkeit ist, dürfte weithin bekannt sein. Aber darf man von protestantischen oder evangelischen Heiligen reden? Ist das nicht ein Abgleiten von der Höhe des evangelischen Glaubens? Wir werden Luther immer dafür dankbar bleiben, daß er die Lehre von den verdienstlichen Werken der Heiligen zerstört hat, aber ein so tief evangelisch gegründeter Mann wie Theodor Fliedner, der Diakonissenvater, darf auch gehört werden, wenn er 1861 schreibt: „Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche. Hier ist Geduld und Glaube der Heiligen. Hier sind die wahren, evangelischen Heiligen, die nicht, wie die römischen Heiligen, im eignen Licht und Verdienste glänzen wollen, sondern wie die Planeten von der Sonne ihren Glanz borgen, so von der Geistersonne allein, von Jesu Christo sich erleuchten und heiligen lassen. Ihr Ende schaue an und folge ihrem Glauben nach! Ja, sie schaue an, wenn im Kampf gegen die Feinde in dir und außer dir deine Hände müde werden, und deine Knie straucheln!" Fliedner spricht hier nur von den evangelischen Märtyrern, sie sind gewiß die vornehmsten evangelischen Heiligen, aber wir dürfen den Kreis weiter ziehen. Die Männer und Frauen, die aus der Kraft ihres Glaubens eine Macht der Liebe offenbart haben, die weit über all das hinausreicht, was wir sonst an Liebe erleben, sind auch evangelische Heilige. Es muß gesagt werden, daß die evangelische Kirche nicht genug getan hat, um die Kraft lebendig zu erhalten, die in den evangelischen Heiligen liegt. Es gibt Tausende von Predigtsammlungen, aber ich kenne nur eine, die den Versuch macht, die evangelischen Heiligen der Gemeinde nahe zu bringen. Aus dem Nachlaß des im Krieg gefallenen Pfarrers Otto zur Hellen hat seine Frau„Helden und Heilige des Protestantismus“ in Predigten herausgegeben. Da ist versucht worden, große Gestalten des Protestantismus wie Luther, Calvin, Tersteegen, Francke, Paul Gerhardt in ihrer Eigenart herauszustellen. Diese Predigten bezeugen ein tiefes Eindringen in das innerste Mirhen verausau“ arbeiten auch das Bleibende in ihrem guich vicht zs aber unsere evangelischen Heiligen schildern sie Wir sind dankbar, daß wir seit einigen Jahren ein vortreffliches„Protestantisches Märtyrerbuch“ haben. Pfarrer Otto Michaelis hat es geschrieben. Mit großem Fleiß hat er in kurzen Lebensbildern, epangelische Blutzeugen aus allen Völkern geschiioert. Wir(inden Männer der allerverschiedensten Stände, neben Männern aus königlichem Geblüt Bauern und Arbeiter, neben Kirchenführern und gelehrten Theologen schlichte Handwerker, neben ehrenfesten Bürgermeistern und Ratsherrn einache Bürger. Es ist wirklich eine Wolke von Zeugen, der wir besshuf mirde da dies Buch weithin Neben das Buch von Michaelis tritt das„Baltische Märtyrer= Befhung bes Zeidene ammenfassende Dar „# be gebens, Leipens und Sterbens der 45 baltischen Lastoren, die in per lettischen Revolution 1905 bis 1906 und is der bolschewistischen 1918/19 umgekommen sind. Es gibt kein gewaltigeres Zeugnis für die Wirklichkeit des evangelist Christenglaubens in unsern Tagen als dies Buch. Der evangelische Glaube ist eine Kraft, die sich bewährt auch in der furcht barsten Not, der sich bewährt in Verfolgung, im Leiden und er der Hand grausamer Mörder— das predigt das „Baltische Märtyrerbuch“ auf jeder Seite. Alles Große ist schlicht. Daß dies Märtyrerbuch ganz treu, ganz schlicht erzählt, was die 45 Pastoren in den Schreckensmonaten erlebt haben bis zum Letzten, das ist seine Größe. Schabert hat alles gewas er über die Gefangennahme der Pastoren, über ihre Leiden im Gesangnis, ihre Aburteilung und ihren Tod hat erfahren können. Aufzeichnungen im Gefängnis, Briefe und Zettel sind verwertet. Was die Angehörigen aus persönlicher Kenntnis des Wirkens und Leidens der Märtyrer wußten, haben sie auf Schaherts Bitte bald nach dem Sterben ihrer Lieben niedergeschrieben. Das Erschüterndste ist die Schilderung. letzten Minuten der Pastoren, ihr Abschied vom Leben":?“ letzten Worte und Gebete. Von Pastor Pauker wird gesagt hat im Angesicht seines Todes heiß und inbrünstig gebetet“. für seine Leidensgefährten und seine Mörder. Das letzte###0 von Bernewitz war: Laßt mir Zeit zum Beten.— Vater, ver ihnen, sie wissen nicht, was sie tun. Von Gruner berichte Schabert: Er wurde mit 5 andern Opfern in dunkler Nacht z. den Schloßgarten geführt, unterwegs stimmt er an: Jesus Zuversicht. Tief ergreifend ist auch, was die Dichterin# Hunnius aus der Schreckenszeit in Riga erzählt.nng Michaelis konnte in der Einleitung zu seinem Märtyrerbug darüber klagen, daß wir nicht ein einziges volkstümlich a schriebenes Lebensbild eines evangelischen Märtyrers habSeit einem Jahr haben wir eines. Es ist das Lebensbild d, am 14. Januar 1919 in Dorpat ermordeten Professors Traugan Hahn, gezeichnet von seiner Frau. Eine Ergänzung dazu ist Schilderung der Kindheit und Jugend Traugott Hahns seinem Vater, die unter der Ueberschrift„Gott allein die Ehres erschienen ist. Traugott Hahn ist schon als Pfarrer und Lehrer der Studenten vielen zum Segen geworden, als Blutzeughat er vollendet, was sein Leben begonnen. An seiner Leiche bekannte es eine Frau aus seiner Gemeinde, selbst von der Leiche ihres Mannes kommend:„Ströme des Segens, Ströme Segens. des Tief bewegend sind auch die Briefe, die Erhard Döbler aug dem Gefängnis an seine Frau hat schreiben können und die diese nach seiner Ermordung herausgegeben hat. In ihrer Unmittelbarkeit geben sie ein getreues Bild der furchtbaren Leiden, die über die baltischen Pastoren hereinbrachen. Zu den evangelischen Heiligen zählen wir auch die Helden und Heldinnen der Liebe. Der Protestantismus braucht sich nicht vor dem Katholizismus zu schämen, wenn er gefragt wird. wo seine Taten der Liebe sind. Wir haben, um nur die Größten zu nennen, August Hermann Francke, Pestalozzi, Wichern. Fliedner, Gustav Werner. Und wir haben aus der neusten Zeit vier evangelische Heilige, groß durch die Ausstrahlung ihrer Liebe. Es sind Friedrich von Bodelschwingh, Professor Gregory Mathilde Wrede und Albert Schweitzer.2 Vater Bodelschwingh, der die Stadt des Elends und der Barmherzigkeit Bethel geschaffen hat, der für alle Not Leibes und der Seele tiefstes Verständnis und stärksten Tatwillen gezeigt hat, der nicht nur den Epileptischen, sondern auch den armen Brüdern von der Landstraße ein Vater geworden ist, dessen ganzes Leben und Wirken unter der Losung stand:„Dieweil uns Barmherzigkeit widerfahren ist, werden wir nicht müde“ gehört für alle Zeiten zu den großen Heiligen der evangetischen Kirche. Wie die Katholiken nach Rom pilgern, so wollen wir Evangelischen nach Bethel pilgern, um uns in unsrer Glaubensund Liebeskraft stärken zu lassen durch das Erlebnis einer grenzenlosen Not und einer grenzenlosen Liebe. Die Geschichte von Bodelschwinghs Leben, von seinem Sohn Gustav geschrieben, sollte in jedem evangelischen Haus zu finden sein. Professor Gregrory ist weniger bekannt, aber sein Bild sollte immer heller aufstrahlen. Von ihm hat ein bekannter Professor der Theologie gesagt:„Niemals habe ich einen Mann gesehen, der so wie er die Nachfolge Christi übte. Neben seiner Bedürfnislosigkeit war ihm eigentümlich die Selbstverständlichkeit, mit der er diente, wo er konnte, immer freudig, immer gütig, Sonnenstrahlen verbreitend. Er war voll Freudigkeit dienender Liebe.“ Gregory hat uns vorgelebt, wie wir heute jedem Menschen, der uns begegnet, Helfer und Nächster werden sollen. Nur zwei Geschichten von diesem Professor der Theologie, der 12 Sprachen beherrschte, der in der ganzen Welt als wissenschaftliche Größe anerkannt war: Ein größerer Junge, einen Handwagen fahrend, ist in einen Glasscherben getreten, er hat sich den schwer verletzt, daß er nicht weiter gehen kann. Gregory sieht den Jungen, von Leuten umringt. Er legt sofort Hand an, reinigt die Wunde, fragt nach der Wohnung und fährt den Jungen auf dem Handwagen etwa dreiviertel Stunden nach Hause. Ein Weichensteller der Leipziger Straßenbahn steht abends frierend und durchnäßt auf seinem Posten. Der Anblick der jammervollen Gestalt trifft Gregorys Herz. Er eilt zu ihm, drückt ihm Geld in die Hand:„Gehen Sie hinüber in den Kaffeeschank und wärmen Sie sich!“ Und während der Mann sich wärmt, steht der Professor an der Weiche und stellt sie so kunstgerecht wie ein gelernter Weichensteller. Als der Weltkrieg ausbrach, meldete sich Gregory, der 68 Jahre alt war, als Freiwilliger, zog nach der Ausbildung ins Feld und war vielen ein Vorbild in gewissenhafter Treue und edelster Kameradschaft, bis er 70jährig in Frankreich fiel. Mathilde Wrede hat mehr als 40 Jahre in ihrer Heimat Finnland in der Arbeit an den Gefangenen und Zuchthäuslern gestanden. Was die Dichterin Ingeborg Sick über ihr Wirken geschrieben hat, das offenbart eine Kraft der Liebe zu den verorensten und furchtbarsten Verbrechern, die an das Uebermenschliche grenzt. Albert Schweitzer ließ seinen akademischen Lehrstuhl in Straßburg, sein Orgelspiel, sein Bachstudium und ging als Missionsarzt nach Mittel=Afrika. Man muß sein Buch „Zwischen Wasser und Urwald" lesen, um die ganze Größe des Opfers zu versteyen, das Schweitzer auf sich genommen hat Als Höhepunkt seines Wirkens bezeichnet er es selbst, wenn er den Schwarzen, denen er als Arzt hat helfen können, etwas sagen kann von der Liebe Jesu Christi, des barmherzigen Samari#rs, der ihn, den weißen Mann, nach Afrika geführt hat. Wir sollten viel stärker, als wir es bisher getan haben, den wundervollen Reichtum, der in den Heiligengestalten unserer evangelischen Kirche liegt, ausschöpfen. Dann würden viele staunend erkennen, daß unsere Kirche sich mit dem, was die katholische Kirche an Heiligen bietet, wohl vergleichen darf, sa sie übertrifft. Oberpfarrer Telle, Lychen. Schrifttum über evangelische Heilige. Otto Michaelis: Protestantisches Märtyrerbuch. Steinkopf, Stuttgart. 5,50 Mk. Oskar, Schabert: Baltisches Märtyrerbuch. Furche=Verlag, Berlin. Oskar Schabert: Märtyrer. Rauhes Haus, Hamburg. 1,50 Mä. Erhard„Doebler: Briese aus dem Bolschewikengefängnis. Berleismann, Gütersloh. 2,50 Mk. Monika Hunnius: Bilder aus der Bolschewikenherrschaft Riga. Eugen Salzer, Heilbronn. 30 Pfg. Anny Hahn, Traugott Hahn. Ein Lebensbild aus der Leidens 35g m baltischen Kirche. Eugen Salzer, Heilbronn. Traugott Hahn: Gott allein die Ehre! Kindheit und Jugend beperstorhenen Traugott Hahn. Eugen Salzer, Heilbron Gustav von Bodelschwingh: Friedrich von Bodelschwin## Pfennigverein Bethel bei Bielefeld..— Mk. Bilder aus dem Leben und Werk Bodelschwinghs. Schriftel“ ga gig Bethel bei Bielefeld. Heft—6. Jedes Hel Karl Josef Friedrich: Professor Gregory. Klotz, Gotha. Zird“ Albert Schweitzer: Zwischen Wasser und Urwald. Beck, Miuln chen..— Mk. Schweitzer: Mitteilungen aus Lambarene. Beat München. I/11 4,20 Mk.; III. 2,— Mk. „.„Sich: Mathilde Wrede. Steinkopf, Stuttgart. .00 MR.