Bezugspreis: Erscheint wöchentlich sechsmal.— Preis monatlich.25 und .86 Bestellgebühr, beim eigenen Postamt bestellt.— Fürs Ausland unter Streifband.95(inkl. Postgeld). Preis der Einzelnummer 10 Pfg. Postscheckkonto Hannover 67377. Taorblatt mit den Beilagen„Für Herz und Haus“ Anzeigenpreis: und„Anser Ziel.“ Die einspaltige Millimeterzeile oder deren Raum 10 Pfennig. Reklame 30 Pfg. Beilagen unter 25 g je tausend 15 Mi Schluß der Anzeigen=Annahme nachmittags 3 Uhr. Postscheckkonto Hannover 67377. Nr. 245. Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Sonnabend, den 18. Oktober 1930. 12. Jahrgang. Ehre,"„FFeulel Arugi?p Arr Aneir senntel. und Als Leitspruch für den Kongreß, der sehr stark besucht war, wählte D. Freiherr von Heintze in seiner Morgenandacht das Wort aus dem Hohenlied der Liebe in 1. Kor. 13: Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe, aber die Liebe ist die größeste unter ihnen. Danach begrüßte der Präsident des Kirchlich=sozialen Bundes, Geheimrat Prof. O. Seeberg die Versammlung und sprach über die Aufgaben der Bundesarbeit. Er wies hin auf die bedeutsame Tatsache, daß durch die Septemberwahl die Jugend ihren Willen bekundet hat, der im Gegensatz steht zu all unserem Elend, über das wir uns seit Jahren hinweg trösteten, der Klarheit der Verhältnisse will und illusionsloses Handeln. Es ist fast wie ein Ruf zurück zur Einfachheit der Natur, weg von der Phrase hin zur Wirklichkeit. Das ist Idealismus nicht im Sinne berauschender Gefühle, er hat die Form des Willens angenommen, der nüchtern aber fest auf letzte Ziele geht. Daneben und darüber steht ein eigentümlicher naiver Glaube an das eigene Volk und die in ihm vorhandenen, wenn auch verschütteten Kräfte. Von Gott wird gesprochen als der Schicksalsgewalt, als dem Herrn des Alls, der ganz anders ist als wir ihn uns vorstellen können. Solcher Glaube muß zunächst wachsen ohne unsere zu schnellen dogmatischen Korrekturen. Hier wie immer treten die Generationen auseinander. Die Aufgabe der Kirche ist es, ein gemeinsames Wollen zu ermöglichen. Verständnis gehört dazu, das nicht verbildet ist durch falsche Bindung an Traditionen. Gemeinsamer Volkswille muß erreicht werden. Das ist etwas anderes als der Staatswille, der mit Majorität und Suggestion arbeitet. Den Volkswillen, der aus den organischen Kräften aufbricht, muß die Kirche verstehen lernen, Kritik an ihm üben, den Gotteswillen hinzufügen; denn auch Gott hat in einer langen Geschichte in diesen Volkswillen eingegriffen. Dazu gehört die theoretische Arbeit der Kirche. Hier sind Aufgaben auch des Kirchlich=sozialen Kongresses. Alles Wollen soll dem Herrn der Welt dienen, Gottes Wille muß zu unserm Willen werden. Mit Spannung wurde das erste Referat über Arbeitslosigkeit und Völkerschicksal aufgenommen. Herr Dr. Claußen, Referent im Internationalen Arbeitsamt sprach in ruhiger und sachlicher Art, auf Grund eingehender Kenntnis und Untersuchung über„Volkswirtschaftliche und weltwirtschaftliche Ursachen und Wirkungen der Arbeitslosigkeit". Es ist unmöglich, im Rahmen eines kurzen Berichtes ausführlich auf die wertvollen Ausführungen einzugehen. Deswegen begnügen wir uns damit, aus den Leitsätzen einiges anzuführen: Die englische Arbeitsmarktkrisis(z. Zt. 2,16 Mill. Erwerbslose) ist durch den Ausfuhrrückgang verursacht. In den Vereinigten Staaten ist die Arbeitslosigkeit(3— 8 Millionen Erwerbslose) auf eine Ueberspekulation zuruckzuführen. Eine Sonderstellung nimmt Frankreich ein, das sogar zirka 2 Millionen Ausländer beschäftigt. Die Krisis der Weltwirtschaft entstand aus drei Ursachengebieten: a) Der Neuverteilung des Reichstums in der Zeit nach dem Kriege und die Zerschneidung zusammenhangender Wirtschaftsgebiete durch politische Grenzen; 6) den Veränderungen in den Agrarländern, die durch Ueberproduktion einen Sturz der Agrarpreise herbeigefuhrt haben; c) der starken Kapitalwanderung der Nachkriegszeit. Die veränderten Wirtschaftsverhältnisse in der Nachkriegszeit haben die Struktur des deutschen Arbeitsmarktes grundlegend verändert. An die Stelle der kurzfristigen jahreszeitlichen Schwankungen sind langdauernde drei= bis viermal so hohe konjunkturelle und strukturelle Schwankungen getreten. Der deutsche Arbeitsmarkt hat im Vergleich zur Vorkriegszeit 3— * Millionen Menschen mehr zu beschäftigen. Der Altersaufbau der Bevölkerung hat sich verändert. Die Rationaiierung hat die Produktionsgüterindustrie so stark erweitert, daß ihre Leistungsfähigkeit wahrscheinlich über die Aufnahmefähigkeit des deutschen Marktes und des Weltmarktes hinausgewachsen ist. Das Ziel der Rationaltsierung, mit möglichst wenig Arbeitskräften mögiichst viel herzustellen, ist erreicht worden. Gleichzeitig Zt sich die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft stark erhöht. Die deutsche Ausfuhr hat ständig zugesommen. Deutschland ist nicht das teuerste Land der Welt; seine Löhne sind nicht zu hoch. Die Kartellierung hat die regulierende Funktion des Preises weitgehend aufgehoben. Damit ist der Preis nicht mehr das feine Barometer der Wirtschaft, damit erlahmt aber auch leicht die Unternehmertätigkeit. Der unnötige Verbrauch von Auslandserzeugnissen verringert die Beschäftigungsmöglichkeiten. Bei steigenden Preisen sinkt die Arbeitslosigkeit, bei sinkenden Preisen nimmt sie zu. Wenn wir durch scharfen Lohnabbau die Preise kürzen, geben wir vielleicht damit der Welt das Signal, den Kampf gegen die deutschen Waren zu beginnen. Unsere Wirtschaftskrise ist zuerst eine Vertrauenskrise. Auch aus dem ausgezeichneten zweiten Vortrag von Frl. Mleinek, Berlin, Geschäftsführerin des Deutschen Gewerkschaftsbundes über das Thema:„Ueberwindung der Arbeitslosigkeit und Heilung ihrer Folgen als kulturelle Aufgabe“ können wir nur einiges aus den Leitsätzen bringen: Durch zweckmäßige Verteilung öffentlicher Aufträge muß versucht werden, die Schwankungen der Konjunktur nach Möglichkeit auszugleichen und Saison=Arbeitslosigkeit auf das geringste Maß zu beschränken. Arbeitslosigkeit, die auf weltwirtschaftlichen Ursachen oder in Wandlungen unserer Wirtschaftsstruktur begründet ist, besitzt ein ungleich größeres Beharrungsvermögen als innerwirtschaftlich oder jahreszeitlich bedingte Arbeitslosigkeit. Unterstützung der Arbeitslosen kann hier nur Augenblickshilfe bringen. Wiedereingliederung in das Arbeitsleben durch Arbeitsbeschaffung sowie durch angemessene Verteilung der vorhandenen Arbeitsgelegenheit ist unabweisbare Pflicht der Gesellschaft, um„Arbeitslosigkeit als Beruf“ unmöglich zu machen. Versuche, durch künstliche Arbeitsbeschaffung der Wirtschaft einen neuen Auftrieb zu geben, sind zu begrüßen, obgleich ihre Wirkung eng begrenzt ist, da sie in der Regel nur ein Vorwegnehmen künftiger Arbeitsgelegenheit darstellen. Auch Notstandsarbeiten sind nicht zu entbehren. Wirkliche Abhilfe ist jedoch nur von grundlegenden Aenderungen unserer Wirtschaft und unserer Lebensauffassung zu erwarten. Hierher gehören: Ueberführung der in der Industrie überflüssigen Arbeitnehmer in die Landwirtschaft, die bei zweckmäßiger Betriebsgestaltung aufnahmefähig ist, Ersatz der polnischen Landarbeiter durch deutsche Arbeitskräfte, Zurückdrängung der eheweiblichen Arbeit außerhalb der Hauswirtschaft und Ausschaltung der sogenannten Doppelverdiener, Anpassung der Arbeitszeit an die durch den technischen Fortschritt gegebene Lage. Als untauglich abzulehnen sind Vorschläge wie die allgemeine Arbeitsdienstpflicht, Ersatz der Arbeitslosenversicherung durch Prämien für Einstellung Arbeitsloser an Unternehmer oder allgemeiner Lohnabbau. Zu bejahen sind alle Mittel, die darauf abzielen, die Jugendlichen zu ertüchtigen und dem erzwungenen MüTreuer Fleiß und fromme Geduld bei schwerer Berufspflicht Bleibt von Menschen oft— doch unbelohnt von Gott— nicht! Lavater. ßiggang zu entziehen,(neuntes Schuljahr, geordnete Berufszuführung), die Alten zu versorgen,(Verbesserung der Invalidenversicherung) und die in voller Arbeitskraft stehenden Menschen in erster Linie arbeiten zu lassen. Mag auch ein gewisser Zwang in Einzelfällen nicht zu entbehren sein, so ist doch der Gesamterfolg davon abhängig, daß es gelingt, den Willen zur Selbsthilfe zu wecken und zu erhalten, die innere Bereitschaft für notwendige Umstellungen hervorzurufen und durch Sparsamkeit und Einfachheit der Lebensführung auf Grund freier Entschließung neuen Familiensinn, neue Verbundenheit mit Volk und Vaterland zu schaffen. Leider war die Zeit schon so weit vorgeschritten, daß die Diskussion sehr eingeschränkt werden mußte. Als Vertreter der Vereinigung deutscher Arbeitgeberverbände sprach Dr. Erdmann. Er betonte auch seinerseits die Bereitwilligkeit zur Mithilfe in der Arbeitslosennot, die auch die Unternehmer träfe. Er sah als Ursache der Arbeitslosigkeit unsere zu teure Produktion in Deutschland. Zu hohe Preise, darum keine Exportmöglichkeit, daher keine Gewinn= und Kapitalbildungsmöglichkeit der Wirtschaft. Dazu kommt die schwierige Zinslage und Kapitalsfrage und die Auslandsverschuldung. Die Selbstkosten sind zu hoch, wegen zu hoher Abgaben und Löhne. Die früher geforderte, jetzt geschmähte Rationalisierung war notwendig wegen der Selbstkostenerhöhung. Darum: Senkung der Selbstkosten, damit im Zusammenhang Lohnsenkung als vorübergehende Maßnahme. Die Frage nach Arbeitzeitverkürzung und Lohnsenkung bildete auch in der weiteren Diskussion den Gegenstand der hauptsächlichen Differenzen. Aber über diese Disserenzen hinaus wurde der Wille zu gegenseitigem Verständnis, zum volksorganischen Denken immer wieder deutlich im Bewußtsein des göttlichen Willens, der uns unseren Nächsten lieben heißt wie uns selbst. Zeigte der Vormittag mit der Fülle von theoretischem Material und von Vorschlägen die Not und unsere Aufgabe fast hoffnungslos groß, so wurde in den Arbeitsgemeinschaften am Nachmittage deutlich, daß auch praktische Anfänge da sind, der Arbeitslosigkeit und dem Bolschewismus zu begegnen. Die Besprechung über Industriejugend und ländliche Siedlung beschäftigte sich insbesondere mit der Umschulung arbeitsloser Großstadtjugend zu bodenständiger Landarbeit, mit den Versuchen, sie wieder mit Land und Volkstum zu verwurzeln. Eine Arbeitsgemeinschaft über die Bedeutung der Genossenschaften suchte Stellung zu gewinnen zu dieser Möglichkeit einer organisch und ethisch gebundenen Wirtschaftsgestaltung. Die evangelischen Unternehmer fanden sich zu einer Besprechung über soziale Betriebspolitik zusammen. Den Tag beschloß eine zwanglose Besprechung der Teilnehmer, die zu einer lebhaften Fortsetzung der Diskussion vom Vormittag wurde. K. Kr. Diel Wöchen spalei! Von August Winnig. Das Wort, der Wahlausfall habe Deutschland ein neues Gesicht gegeben, hat inzwischen schon seine Bestätigung gefunden. Deutschland sieht nach dem 14. September anders aus als vorher. Seit dem November 1918 hat sich bei uns nichts ereignet, das diesem Wahlausfall an Bedeutung gleichkäme. Die Welt hat seit langer Zeit nicht so aufgehorcht wie bei den Zahlen, die der Funke in der Wahlnacht um die Erde trug. Die erste Wirkung draußen war eine gelinde Erschütterung an den Börsen, ein Erschrecken vor der neuen politischen Willensmacht, die sich für das Ausland überraschender als für uns, erhoben hatte; aber auch das Aufsteigen einer Ahnung, daß in Deutschland doch einiges anders sein müsse, als man so in der Welt herumspricht. Es war das Erschrecken der Gläubiger. Soweit es sich um die wirtschaftlichen Anleihen handelt, ist inzwischen eine gewisse Beruhigung eingetreten, man sieht hier mit Recht keinen Grund zu vermehrter Sorge. Anders steht es um die sogenannte Younganleihe, hier kann von keiner Erholung die Rede sein, vielmehr sinkt ihr Kurs fast von Tag zu Tag. Zwar hat man schon vor dem 14. September hier und da von der Unhaltbarkeit des Youngplanes gesprochen; aber wenn sich diese Ansicht jetzt so schnell verbreitet, so drückt sich darin ganz offenbar die Wirkung des Wahlausfalles aus. Darüber ist kein Zweifel möglich: der Wahlsieg der Nationalsozialisten hat das politische Ansehen Deutschlands in der Welt erhöht under wird der deutschen Sache zustatten kommen. Denn das war doch der Druck, der seit zwölf Jahren die deutsche Politik lähmte: es gab bei uns wohl eine mächtige, den nationalen Lebenswillen schwächende Bewegung, aber es gab kein entsprechendes Widerspiel. Die deutsche Politik hat sich seit dem Rücktritt Brockdorfs=Rantzaus dieser Bewegung angepaßt, zu unserem schweren er mehr, als vor der politischen Vernunft erSie hat den nationalen Widerftand niemals Kenntnis genomen, und statt ihn den Solange die Linke dem Auslande als der eigentiche Ausdruck der deutschen Geistesverfassung galt, mußte unsere Stellung in der Welt hoffnungslos und das System unserer Knechtung unberührt bleiben. Es gibt n Franzosen, der nicht bei jeder deutschen Wahl der Linken den Sieg wünscht. Es wird heute keinen Franzosen geben, der nicht fühlt, daß das System von Versailles durch diese Wahl den ersten schweren Stoß von deutscher Seite erhalten hat. Der Schlüssel zur Tür, durch die der Weg ins Freie geht, liegt bei uns selber. Darum sind die Wirkungen des Wahlergebnisses auf unsere inneren Zustände einstweilen wichtiger, als die Wirkungen im Auslande. Soll das Syvon Versailles zerbrochen werden, so muß man zunächst das politische System der Linken zerbrechen. Es wäre ein schädlicher Irrtum, wollte man glauben, daß das durch diese Wahl geschehen sei. So weit sind wir noch nicht. Etwas anderes aber ist erreicht: man glaubt in Deutschland wieder an die Möglichkeit, das politische System der Linken zu überwinden und darin liegt nicht wezer als die unerläßliche Vorbedingung des Erfolges. Dieser Glaube war seit den Tagen des Zusammenbruchs verloren gegangen. Die letzte Weisheit der Mitte war das Bekenntnis, daß man nicht ohne und erst recht nicht gegen die Sozialdemokratie regieren könne. Daran hielt man auch dann noch fest, als man eingesehen hatte, daß man in der Koalition mit der Sozfaldemokratie Wirtschaft und Finanzen ruinieren würde. Der Wahlausfall hat die Mitte von dieser Wahnvorstellung befreit. Zu seinen Wirbungen gehört auch der Zerfall der Staatsvartei, der darum zu begrüßen ist, weil nur so verhirdert wurde, daß die zum politischen Tode verurteilte demokrarische Parrei mit falschen Papieren weiterleben durfte. Die Führung des Jungdo fard sich zu dieser Tarnung bereit. Immerhin hat sie Instinkt genug, um aus dem Wrhlergebnisse zu erkennen, daß die Zeir für solche Manöver vorüber ist. Der nationale Gedanke ist im Vormarsch. Es liegt ein, wenn auch etwas peinlicher Sinn darin, daß es seine rad ihalste und leidenschaftlichste Verkorperung ist, von selbst auf sozialistische Gewerbschaften befreiend zu wirden. Es verdient Beachtung, was sich jetzt im sozialdemokratischen Lager begibt. Die westlerisch gedrillten Korporale des Reichsbanners kommen erregt aus der Kantine gerannt und lassen„zum gegen den Faschismus" antreten. Das Bergarbeiterblatt aber greift die nationale Parole gegen die Tributfklang. rei auf. Das ist wahrhaftig kein alltäglicher Vorgang, g. Jahren unerhört, daß ein sozialistisches Gewerk, schaftsblatt es wagt, in nationalpolitischen Fragen ein, er Partei unabhangige Reinung zu äußern. Gei, den Tagen des Zusammenbruchs saßen die sozialdema, ratischen Gewerkschaftsführer in der Gesindestube., Partei und horchten, was an der Herrentafel gesprochen irde. Es ist das erste Mal, daß ein Gewerkschaftsblau den Mut zur politischen Selbständigkeit aufbringt: hätte ihn ohne das Ergebnis der Wahl gewiß nicht auf. gebracht. Wie weit er reichen wird, ist freilich eine an, dere Sache. Aber die Zukunft des nationalen Gedankens hängt nicht von der Sozialdemokratie ab, sondern umgekehrt Es ist eine neue Zeit angebrochen. Sie läßt sich nicht mehr durch Koalitionskünste aufhalten, denn sie kommt mit der Macht einer Naturgewalt. Ob man ihr den Zu. tritt zur Rezierung freimacht oder versperrt, ist für den Verlauf der Dinge im einzelnen wichtig, für den Gesamt, vorgang gleichgültig. Das gilt auch für Preußen. Win man das Syitem bis zum letzten verteidigen, so wird eim Sturm des Volksbegehrens genommen werden. WWitschastenise un del Saal. Verschärfung der Lage. Leidet die Wirtschaft des Saargebietes schon seit Mo= Produktionsquote wesentlich verkürzt. Nach der Mitteien unter einer ernsten Krise, so ist in den letzten Wochen noch eine wesentliche Verschlechterung eingetreten. Die Zahl der bei den Arbeitsnachweisen gemeldeten Arbeitslosen betrug Mitte des Monats September 7104 gegen 3204 in derselben Zeit des Vorjahres. In Wirklichkeit liegen die Zahlen entschieden höher. Zunächst melden sich bei den Arbeitsnachweisen meistens nur diejenigen Arbeitslosen, die glauben, einen Anspruch auf Fürsorgeunterstützung zu haben. Bekanntlich besteht in dem Gebiet noch die Arbeitslosenfürsorge, die alle Arbeitslose von der Unterstützung ausschließt, soweit dieselben mit noch verbleibenden Bezügen über die, von der Regierungskommission des C grenze hinauskommen. Die Zahl derselben ist nicht gering. Weiter sind in den Zahlen nicht diejenigen Arbeitnehmer enthalten, die außerhalb des Gebietes wohnen und infolge Arbeitsmangels von den Betrieben der Saar entlassen wurden. Noch zu Beginn des Jahres hatten die Saargruben mehrere Hunderte ihrer Bergleute aus diesen Gegenden als Arbeitslose nach Hause geschickt. Auch in der Eisenindustrie kamen zahlreiche Menschen aus den Gebieten zur Entlassung. Trotz des Belegschaftsabbaues ist in vielen Betrieben Kurzarbeit eingerichtet. Nicht selten sind mehr als zwei Feierschichten in der Woche festzustellen. Schon gleich in den ersten Wochen des Jahres hatte die Bergwerksdirektion den gewerkschaftlichen Verbänden mitgeteilt, daß eine Reduzierung der Belegschaft erfolgen müsse. Es sollten etwa 2000 Arbeiter, die außerhalb des Gebietes wohnten, zur Entlassung kommen. Als Grund wurden schlechte Arbeitsverhältnisse angegeben. Trotzdem die Belegschaft der Gruben sich in den ersten sechs Monaten des Jahres um nahezu 2500 Menschen verringerte und Einlegen von fünf Feierschichten, wurde in dem Zeitraum eine Förderung erreicht, die um mehr als 400 000 Tonnen über diejenige in derselben Zeit des Vorjahres hinausging. Allerdings haben sich die Haldenbestände um 200 000 Tonnen vermehrt. Jetzt ist eine weitere Verschlechterung im Absatz festzustellen. Den Eisenhütten wurden von der internationalen Rohstahlgemeinschaft die lung der Grubenverwaltung ist dadurch ein monatlicher Förderungsausfall von erheblichem Umfange zu verzeich nen. Für den Monat Oktober sind bereits drei Feierschichten angekündigt. Jede dieser Ausfallschichten bringt der Bergarbeiterschaft des Saargebietes einen Verdienstausfall von 2,5 Millionen Franken. Mit der bereits erfolgten Lohnkürzung, durch eine Neuregelung der Gedingsätze, hat der Hauer der Saargruben bis Ende Jumi einen Verdienstausfall von 5 Prozent. In den letzten Wochen hat man älteren Bergleuten, mit dreißig und mehr Dienstjahren die Pensionierung empfohlen. Dies bedeutet eine weitere Belastung der knappschaftlichen Pensions. kasse. Schon heute aber kämpft diese mit fast unüberwindlichen finanziellen Schwierigkeiten. Hinter 2,5 Beitragszahlern steht schon jetzt ein Leistungsempfänger. Noch schlechter ist es in der gesamten Eisenindustrie des Gebietes. Bei den Hochofenwerken hat sich der Zustand teilweise zu einer Katastrophe für die Arbeiterschaft ausgewirkt. Die großen Eisenwerke Dillingen, Brebach und Neunkirchen haben Hunderte von Menschen entlassen. Der erstere Betrieb kündigt jetzt einen weiteren Belegschaftsabbau an. Etwas besser steht es mit den Hochofenbetrieben in Burbach und Völklingen. Teilweise verjügen die Werke über Pensionskassen. Die Pensionssätze sind gering und reichen zum Unterhalt einer Familie nicht aus. Bezüglich der erreichten Güterproduktion sind entsprechend den Verhältnissen, weniger ungünstige Ergebnisse vorhanden. Trotz der Entlassungen ist die Produktion an Roheisen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres um nur 24000 Tonnen geringer, als in der gleichen Zeitperiode 1929. Bei Stahl ist ein Minus von 44000 Tonnen vorhanden. Auch hier sind die Akkordsätze stark reduziert und der Verdienstausfall in vielen Betrieben größer als im Bergbau. Erschwerend kommt hinzu, daß die Lebenshaltung in dem Gebiet sich im Laufe des Jahres noch verteuert hat. Der Index zum Bemessen der Kosten einer Lebenshaltung fiel in Deutschland seit Januar bis September von 151,6 auf 146,9. In derselben Zeit stieg er an der Saar, nach der Berechnung der Stadt Saarbrücken von 6345 auf 645,7 Meine Vogelstunde. Es ist Mitte Oktober. Der Herbst ist so sonnig, daß man nicht glaubt, daß er es ist; nur an seinem schenkenden Gold und Glutrot läßt er sich erkennen. Da wird es noch einmal frühlingsbewegt bei den Vögeln, die vielleicht die späte Sonne für die früh wiedergekommene halten. Jeden Tag bin ich bei ihnen im Garten, und die Nachmittagsstunde zwischen fünf und sechs ist mir die liebste geworden. Ganz still liege ich zwischen den hohen Bergasterbüschen. Da lockt ein seines silbernes Stimmchen neben mir im Birnbusch. Vorsichtig wende ich mich um. Ein scheues Rotkehlchen hüpft und schlüpft durch die Zweige, wippt behutsam auf der äußersten Spitze, schaut mich ganz schnell einmal nur mit seinen schwarzen Perlaugen an, und husch! ist's hinter der Laube verschwunden. Gleich ruft mich ein anderer Ton. Helles Lachen, vergnügtes Trillern kommt drüben vom Nußbaum. Es jagt etwas um den grauen Stamm, blitzgeschwind, kopfüber, kopfunter und jauchzt vor Freude. Der Kleiber ist es, die blaue Spechtmeise, erst seit wenigen Tagen unser Gartengast. In den hohen Birken am Wegrand, da wo es ins Freie hinausgeht, wo ich nur noch Felder und Himmel weiß, ist das munterste Leben. Allerlei flinke Vogeljugend jubelt durcheinander. Fliegenschnäpper schießen wie Pfeile aus den Zweigen, flattern einen Augenblick in der Luft, um dann mit der erhaschten Mücke ebenso schnell wieder im Laub unterzutauchen. Die Meisen jagen sich durch das Blättergeriesel, durch den Wind, wieder durch anderes Geäst und sitzen schließlich ein bißchen erschöpft, aber immer noch vergnügt zirpend wieder in der Birke. Inzwischen haben die Finken sich tiefer unten in den Büschen versammelt und lärmen erschrecklich. Ihr durchdringendes Schreien lockt Meisen und Fliegenschnäpper herbei. Neugierig, neckend, scheltend mischen sie sich unter die laute Gesellschaft. Einen Augenblick später ist plötzlich alles verstummt; so still ist es, daß ich nicht einmal mehr das Laub rascheln höre. Bald klingt aus der Baumspitze der Ruf eines ausgesandten Spähers. Die gefürchtete Gefahr scheint vorüber zu sein. Das große Stimmengewirr mit all seiner Harmonie und Disharmonie beginnt von neuem. Immer wieder wechselt schwirrendes Leben mit stillen Pausen, und das dauert so lange, bis sie nach Sonnenuntergang alle— auch wieder mit viel Geschrei— ihr Schlafplätzchen im dichten Wein oder Efeu gefunden haben. Die Amseln nehmen nicht teil an den großen Versammlungen. Sie hüpfen geschäftig unter dem Buschwerk umher, stemmen die Füße fest gegen das faulende Laub am Boden und zerren mit starkem Schnabel heftig an Würmern und anderen verborgenen Schätzen, daß sie manchmal fast hintenüber kippen vor Anstrengung und daß die welken Blätter ganz unheimlich rascheln. Obwohl die Amsel die kleinen Vögel nicht liebt, hat sie doch Mitgefühl, wenn ihnen Gefahr droht. Zeigt sich die schwarze Katze im Garten, so kann sie sicher sein, daß zwei, drei oder mehr Amseln sie unerbittlich auf ihren Schleichwegen begleiten. Ein leiser, warnender Ton, den ich sonst nie von ihnen höre, meldet den Feind. Alles, was fliegen kann, bringt sich in Sicherheit. Unbekümmert um Freud und Leid der andern, singt der Star unaufhörlich sein Liedchen. Oben auf der Wetterfahne des Nachbarhauses sitzt er und schnarrt und singt und lockt wie im Frühling. Bei Regenwetter ist es weniger lebhaft im Garten. Ich liege in der Laube und höre kleine Vogelfüsse wie Rädchen über das Dach laufen. Gar zu gern möchte ich wissen, wer es ist. Ich locke leise, wie ich es hier draußen gelernt habe. Bis zum Rand rollen die Schrittchen; dann ist es wieder still. Aber ich gebe die Geduld nicht auf und werde nach einiger Wartezeit mit dem flüchtigen Besuch eines Gartenrotschwänzchens belohnt. Gegen abend huscht noch einmal der Zaunkönig durch die Zypressen. Sein seines Stimmchen hat mir verraten, daß er es war; denn zu dunkel ist es schon, um ihn an seinem spaßigen kleinen Schwanz zu erkennen. Das schönste von allem aber— und wenn es auch an den Herbst mahnt— sind doch die Zugvöge!! Klagende Rufe schrecken mich auf. Die ganze Luft ist voll davon. Dem Klang folgend, finde ich hoch im hellen Himmel die Kraniche. Unruhig schweben sie in dichten Scharen durch einander. Nicht lange dauert es, so haben sie neue Füh rer gewählt, die eben Proben ihres starken Fluges gezeig haben. Die Schar verteilt sich. Die Wellenlinien ordnen sich in spitze Winkel. Drei Züge fliegen in starkem, schwingendem Takte der Sonne zu— immer höher hinauf, i mer tiefer hinein in den Abendschein. Nicht mehr klageno klingt ihr Ruf. Er ist wie verhaltenes Jubeln: Sehnen Zielsuchen— Segen! 2. Frank. Von der Bausparkasse Gemeinschaft der Freunde Wüstenrot=Ludwigsburg, Württ. Dieses Unternehmen— bekanntlich die älteste und größte Bausparkasse Deutschlands und Oesterreichs erbringt mit seinen Angaben zu der Zwischenbilanz sut das erste Halbjahr 1930 den Nachweis, daß es troß eet schwierigen Wirtschaftslage auch im neuen Geschäftssah“ bemerkenswerte Fortschritte gemacht N Der Gesamtbestand an Bausparverträgen beliefs# am 30. Juni d. J. auf 59384 über eine Abschlußsumme von RM. 875791 680. Hiervon waren bis zum gleich“ Zeitpunkt 9412 Bausparer mit RM. 141 809 888 berei? zur Zuteilung gelangt. Günstige Geldeingänge ermos lichten in der Zwischenzeit eine weitere Baugele vergebung, so daß nunmehr insgesamt 10134 Vonl sparern, das sind rund 16 3 über 153 Millionen Reiche licher Vorgang. ESemerde schen Fragen eine zu äußern. Seit en die sozialdemoGesindestube der rentafel gesprochen Gewerkschaftsblatt keit aufbringt; es l gewiß nicht aufst freilich eine anGedankens hängt ondern umgekehrt. Sie läßt sich nicht 1, denn sie kommt man ihr den Zursperrt, ist für den g. für den Gesamtür Preußen. Will idigen, so wird es men werden. Nach der Mitteiich ein monatlicher nfange zu verzeich drei Feierfallschichten bringt Is einen VerdienstRit der bereits ertregelung der Geden bis Ende Jumi In den letzten Wodreißig und mehr len. Dies bedeutet iftlichen Pensions. mit fast unübern. Hinter 2,5 Beingsempfänger. iten Eisenindustrie n hat sich der Zur die Arbeiterschaft Dillingen, Brebach Nenschen entlassen. n weiteren Belegmit den HochofenTeilweise verjügen Pensionssätze sind Familie nicht aus. ttion sind entsprezünstige Ergebnisse die Produktion an dieses Jahres um der gleichen Zeits von 44000 Tonkordsätze stark relen Betrieben gröLebenshaltung in noch verteuert hat. iner Lebenshaltung ptember von 151,6 der Saar, nach der on 6345 auf 645,7 tigen Besuch eines r Zaunkönig durch hat mir verraten, schon, um ihn an kennen. d wenn es auch an ugvöge!! 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Während im Berghau der Saargruben ein Belegschaftsverlust von 2494 Menschen zu beklagen ist, hat sich im ersten halben Jahr diejenige der Lothringer Gruben um 400 vermehrt. Für die Großeisenindustrie der Saar ist diejenige in Lothringen zu einer ernsten Konkurrentin geworden. Mit Hilfe billiger Erze, entsprechend niedrigen Kohlenpreisen und geringeren Löhnen hat sie der Ersteren bereits nicht unerhebliche Schwierigkeiten bereitet. Noch vor kurzer Zeit wurde von dort eine erhebliche Herabsetzung der Eisenpreise angekündigt. Es hat diese Maßnahme die Schwierigkeiten an der Saar nicht unerheblich vermehrt. Schätzungsweise dürften gegenwärtig etwa 8000 Menschen der Saar in der Wirtschaft Lothringens tätig sein. So hat die Saarbevölkerung gleich derjenigen des Reiches, auch hier einen wirtschaftlichen und sozialen Existenzkampf zu führen, wie er in seiner Größe und Folgewirkungen bisher noch nicht in der Geschichte des Gebietes verzeichnet steht. Wie sich die Verhältnisse in den Wintermonaten auswirken, bleibt abzuwarten. gegen Versailles: Das Gewissen quält ihn. Gustave Hervé, einer der wandlungsreichsten französischen Politiker, setzt sich in seiner Zeitung„Vietoire“ etwas überraschend für die Erfüllung fast aller deutschen Forderungen ein, weil mit einer Ablehnung der Revision Frankreich die Verantwortung für einen neuen großen Krieg übernehmen würde. Im einzelnen schlägt Hervé die Streichung der Kriegsschulden und der deutschen Tributzahlungen vor. Ferner empfiehlt er— um Frankreich eine Demütigung zu ersparen—, den Verzicht auf die Volksabstimmung im Saargebiet. Sodann müsse Deutschland ermächtigt werden, sich Deutsch=Oesterreich anzugliedern, weil dadurch im Grunde genommen nichts geändert werde, sei doch der Anschluß moralisch bereits vollzogen, so daß sich eines Tages niemand mehr seiner Realisierung widersetzen könne. Weiter sollten die französischen Mandatsgebiete Togo und Kamernn an Deutschland zurückgegeben und das deutsche Militärstatut revidiert werden. Deutschland solle das gleiche Militärstatut erhalten wie Frankreich und Effektivbestände in Stärke der im französischen Mutterlande stehenden Truppen. Hervé tritt schließlich ein für eine freundschaftliche Intervention Frankreichs bei Polen zum Zweck der Rückgabe des Korridors an Deutschland,„wenn Deutschland Litauen bewegen könne, mit Polen wie einst wieder einen polnisch=litauischen Staat zu bilden“. Die Aufrechterhaltung des so geänderten politischen Zustandes Europas müßte durch gegenseitige militärische Garantierung sichergestellt werden. Man dürfe die Bewilligung auch nicht davon abhängig machen, daß Deutschland die republikanische Staatsform beibehalte. Bei der Wertung dieses Aufsatzes muß man allerdings berücksichtigen, daß Gustave Hervé ein sehr wandlungsreicher Mann ist. 1871 in sehr ärmlichen Verhältnissen geboren, arbeitete er sich empor, wurde Sozialist und verbrachte wegen Beleidigung der Armee einige Jahre im Gefängnis. Im Weltkrieg brach er mit den Sozialisten, um heftig gegen Deutschland und für die schärfste Kriegsführung zu agitieren. Nach dem Kriege forderte Hervé noch über den Versailler Vertrag hinaus die Losreißung des gesamten Rheinlandes von Deutschland. Seine neueste Wandlung begründet Hervé mit der Notwendigkeit, sein Gewissen erleichtern zu 1465. mark bereitgestellt sind. Diese Entwicklung ist um so erfreulicher, als die ausgeschütteten Gelder dem Baugewerbe als Schlüsselgewerbe zugute kommen— ein beachtlicher Beitrag in dem schweren Kampf gegen die weitere Ausbreitung der Arbeitslosigkeit. Die Zwischenbilanz schließt in Aktiven und Passiven mit RM. 116 360 334.10 ab. In der Aufwand= und Ertragsrechnung ist der Zinsertrag aus Hypothekendarlehen und aus angelegten Geldern mit RM. 1 733 725.26 ausgewiesen, denen RM. 793407.10 Zinsen für Einlagen der Bausparer gegenüberstehen. Die allgemeinen Verwaltungskosten erscheinen mit RM. 265 240.52, die Aufwendungen für Gehälter mit RM. 543 673.50; die Vergütungen an die Vertreter werden mit RM. 227.900.41 angegeben. Die Verwaltungskosten waren trotz des vermehrten Geschaftsanfalls niedriger als die des ersten Halbsahres 1929; die Aufwendungen für Gehälter sind im Vergleich zum letzten Halbjahr ebenfalls etwas zurückgegangen. Die Werbekosten beliefen sich auf RM. 284.478.92. Die Steigerung gegenüber dem Vorjahr wird darauf zuruckgeführt, daß die Gemeinschaft der Freunde Bustenrot angesichts der zahlreichen, vielfach mit nicht einwandfreien Mitteln agitierenden Neugründungen, die sich infolge des Ablaufs des Depot= und Depositengesetzes noch andauernd vermehren, zu wirksamer Aufklärungserbeit in noch größerem Umfange als früher genötigt war. Das Betriebsergebnis kann unter Berücksichtigung der schwierigen allgemeinen wirtschaftlichen Lage als burchaus befriedigend bezeichnet werden. Die Bausparkasse Gemeinschaft der Freunde Wüstentoh, die allein in den letzten dreiviertel Jahren über 90 Millionen Reichsmark Baugelder dem darniederliegenden Baumarkt zuführen konnte, stellt einen sehr vertvollen Faktor im Kampf gegen die bestehende Wohnungs= und Wirtschaftsnot dar. T. Unn., Wriart. Vertrauens=Appell der Regierung.— Bekanntgabe der Wahl der Schriftführer. — Berlin, den 16. Oktober 1930. Auch heute wieder erfreute sich der Reichstag eines regen Besuchs, so bemerkte man in der Loge des Reichspräsidenten den japanischen Prinzen Takamatsura, einen Bruder des Kaisers von Japan, der mit seiner Gemahlin interessiert die Verhandlungen verfolgte. Auf der Tagesordnung stand die Entgegennahme einer Regierungserklärung. Gleichzeitig mit dieser Erklärung standen die Juli=Notverordnungen des Reichspräsidenten, das Kredit= und Schuldentilgungsgesetz sowie 21 Anträge zur Beratung, die Fragen der Außen= und Innenpolitik behandeln und u. a. die Aufhebung der Notverordnungen, die Revision des Youngplans und die Durchführung eines Straferlasses verlangen. Noch vor der Kanzler=Rede gab der Präsident das Ergebnis der gestrigen Schriftführerwahl bekannt. Danach entfallen von den zwölf Schriftführern des neuen Reichstags drei auf die Sozialdemokratie, je zwei auf die Nationalsozialisten und das Zentrum, und je einer auf die Deutsche Volkspartei, die Wirtschaftspartei, das Landvolk, den Bayrischen Bauernbund und den Christlich=sozialen Volksdienst. Reichskanzler Dr. Brüning, der von den Kommunisten mit dem Ruf:„Nieder mit dem Hungerdiktator!“ empfangen wurde, begann seine Rede mit einem Hinweis auf die schwere Wirtschaftskrise, die sich nicht auf Deutschland allein beschränke. Die Reichsregierung legt ein Wirtschafts= und Finanzprogramm vor, mit dem sie die schlimmsten Wirkungen der wirtschaftlichen Krise zu beheben gedenkt. Voraussetzung für die Durchführung dieses Wirtschafts= und Finanzreformprogramms ist die Aufrechterhaltung der Notverordnung, die die Reichsregierung am 26. Juli 1930 erlassen hat. Die Reichsregierung fordert die Ablehnung der Anträgt= auf Aufhebung der Notverordnung. Diese Verordnung ermöglicht die Balanzierung des Reichshaushalts und damit eine Durchführung der Sozialpolitik. Die Reichsregierung wird sich der Beratung der Notverordnung im Reichstagsausschuß nicht widersetzen. Das Defizit des laufenden Jahres wird auf eine Milliarde geschätzt. (Hört, hört!) Mit neuen Steuern und Lasten ist die Not nicht zu beheben. Daher hat die Regierung sich bisher mit Anleihen beholfen. Aber inzwischen hat der Geldmarkt sein Gesicht verändert. Viele deutsche Kapitalisten haben in Verblendung und mangelnder Staatsgesinnung ihr Geld ins Ausland gebracht. Hätte das Treiben dieser Elemente nicht unsere Finanzen aufs schwerste geschädigt, dann wäre der deutsche Geldmarkt wohl in der Lage gewesen, unseren dringendsten Finanzbedarf zu befriedigen. So aber waren wir genötigt, uns an das Ausland zu wenden. Vom Ausland haben wir die erforderlichen Mittel zu befriedigenden Bedingungen erhalten unter der Voraussetzung, daß die Ermächtigung zur Aufnahme und Tilgung der Anleihe durch Gesetz planmäßig festgelegt wird. Ich richte an Sie, meine Herren, die Aufforderung, dasselbe Vertrauen zur deutschen Wirtschaft und zur Regierung zu haben wie das Ausland. (Lärm und lebhafte Zurufe rechts und bei den Kommunisten.) Die Reichsregierung hat ihr Sanierungsprogramm bereits veröffentlicht. Seine Grundlage ist ein vollkommen ausgeglichener Haushalt für 1931, die Selbständigmachung der Arbeitslosenversicherung, Sparsamkeit auf allen Gebieten, auch bei den Gehältern(Unruhe), Vereinfachung des behördlichen Apparates, besonders auf dem Gebiete der Steuerverwaltung, sowie die Vorbereitung eines endgültigen Finanzausgleichs, durch den den Gemeinden auch die Verantwortung für die Einnahmen auferlegt wird. Die Reichsregierung will keine dauernde Genkung des Reallohnes, sie will aber das unhaltbar gewordene deutsche Preisgebäude unter allen Umständen ins Wanken bringen. Das ist nicht zu erreichen, wenn nicht auch eine gewisse Beweglichkeit in die Gehälter und Löhne gebracht wird.(Unruhe links.) Alle Schichten des deutschen Volkes müssen Opfer bringen. Dazu brauchen wir auch die Mithilfe der Beamtenschaft. Eine blutleere Volkswirtschaft und ein zusammengebrochener Staatshaushalt wären nicht mehr in Lage, die Sozialpolitik weiter durchzuführen. Die Regierung wird alles tun. um möglichst viele Arbeitswillige und Arbeitsfähige wieder in Arbeit und Bros zu bringen. Unter allen Umständen aber wird sie eine ausreichende Unterstützung der Arbeitslosen sicherstellen. Unsere Preispolitik wird vor allem einen wichtigen Schritt zur Wiederherstellung des weltwirtschaftlichen Gleichgewichts bedeuten. Die Kohlenpreisbildung ist für die Selbstkosten der ganzen Produktion grundlegend. Die Bergbauindustrie hat sich bei den von der Regierung eingeleiteten Verhandlungen jetzt bereit erklärt, vom 1. Dezember ab die Preise um 6 Prozent zu senken. Besonders leidet die Landwirtschaft. Die Regierung betrachtet es daher als ihre Aufgabe, die Ueberschwemmung Deutschlands mit ausländischen Agrarprodukten einzudämmen. Ferner ist eine Hebung des Verzehrs des Roggens des Produktes unserer heimischen Scholle, notwendig. (Beifall rechts.) Ein Spritbeimischungszwang für Treibstoffe soll eine Verwertung des Kartoffelüberschusses ermöglichen. Höchstes Ziel aller deutschen Innen= und Außenpolitik ist die Wiedererringung der nationalen Freiheit. (Großer Lärm bei den Nat.=Soz. Abg. Dr. Goebbels(Nat.=Soz.) ruft:„Festungsstrafe gibt es für nationale Willensbekundung!“ Abg. Straßer(Nat.= Soz.) erhält wegen eines Zurufs einen Ordnungsruf). Der Weg dazu kann nur der Weg des Friedens sein, eine Abenteurerpolitik lehnt die Reichsregierung ab. (Beifall in der Mitte.) Nachdem die internationalen Sachverständigen ihr Urteil abgegeben haben, ist die deutsche Wirtschaftslage von Monat zu Monat schlechter geworden. Der Internationalen Bank für Zahlungsausgleich ist in voller Absicht die Aufgabe zugewiesen worden, im Falle von Schwierigkeiten rechtzeitig Maßnahmen zur Behebung dieser Schwierigkeiten zu treffen. Die Reparationslast darf nicht bazu fuyren, daß das deutsche Volk seiner sittlichen und sozialen Grundlage beraubt wird. Die unmittelbare Aufgabe der deutschen Rezierung ist es, zunächst Ordnung im eigenen Hause zu schaffen.(Rufe rechts: Erst Brot!) Das ist auch die Voraussetzung jeder gesunden Außenpolitik. Die Versailler Vertragsbestimmung, daß der erzwungenen Abrüstung Deutschlands die freiwillige der anderen folgen werde, ist bisher nicht eingehalten worden.(Abg. Dr. Goebbels(Nat.=Soz.):„Und Sie bestrafen den Wehrwillen mit Festung!“) Wir werden uns stets für die Erhaltung der Wehrhaftigkeit des deutschen Volkes einsetzen.(Beifall.) Wir werden aber auch dafür sorgen, daß die Wehrmacht als festester Rückhalt unserer Volks= und Staatsgemeinschaft freigehalten wird von Einflüssen der Politik.(Beifall und Unruhe.!“ Reichskanzler Dr. Brüning beschloß seine Ausführungen mit einem Appell an die Parteien, die Gegensätze aus dem Wahlkampf zu vergessen und den Weg freizumachen für die Freiheit und den Wiederaufstieg des deutschen Volkes. Nach der Kanzlerrede entspann sich eine langwierige Geschäftsordnungsdebatte, die schließlich damit ihren Abschluß fand, daß die Aussprache über die Kanzlererklärung, die anfangs in einer Abendsitzung beginnen sollte, auf Freitag 10 Uhr festgesetzt wurde. Gleichzeitig soll am Freitag das Schuldentilgungs= und Kreditgesetz als besonderer Punkt der Tagesordnung beraten werden. Die gleichzeitige Vornahme der zweiten Lesung, gegen die Widerspruch erhoben worden war, wurde im Hammelsprung mit 295 gegen 219 Stimmen beschlossen. Nachdem dann noch der Präsident den Eingang eines Mißtrauensautrags der Fraktion Deutsches Landvolk gegen den Reichsaußenminister Dr. Curtius bekanntgegeben hatte, wurde die Sitzung geschlossen. * Reichstagspräsidium bei Hindenburg. Reichspräsident von Hindenburg empfing das neue Präsidium des Reichstags, den Präsidenten Löbe und die Vizepräsidenten Stöhr, Esser und Graef. Der Reichspräsident bat die Mitglieder des Reichstagspräsidiums, in Ernst und Einigkeit ihres Amtes zu walten und dafür zu sorgen, daß bei den Verhandlungen die Würde des Reichstages gewahrt werde. Zusammenstöße zwischen Kommunisten und Polizei im Norden Berlins. Drei Beamte verletzt. Berlin, 17. Oktober. Am Donnerstag abend zog ein kommunistischer Demonstrationszug durch die Kösliner Straße im Norden Berlins. Als Polizeibeamte wegen des Singens verbotener Lieder einschreiten wollten, wurden sie von den Demonstranten beschimpft und mit Steinen beworfen. Aus einem Haus wurde auch ein Schuß abgegeben. Die Polizei trieb darauf die Ansammlung mit dem Gummiknüppel auseinander. Kurz darauf kam es zu neuen Ansammlungen, so daß die Polizei abermals einschreiten mußte. Als sich die Vorgänge etwas später wiederholten, wurde die Straße geräumt. Dabei wurden wiederum sechs Schüsse auf die Beamten abgegeben, die darauf mit Schreckschüssen erwiderten. Drei Polizeibeamte wurden durch Steinwürfe verletzt. Ob Demonstranten Verletzungen erlitten haben, ist nicht bekannt. Die Polizei nahm sechs Zwangsgestellungen vor. Die Festgenommenen wurden der Abteilung IA des Polizeipräsidiums zugeführt. Anträge der Opposition. Nationalsozialisten für einen Höchstzinssatz.— Deutschnationale Forderungen auf Osthilfeaktion. Dem Reichstag sind für seine weiteren Arbeiten zahlreiche Anträge der verschiedensten Fraktionen zugegangen. So liegt ein Antrag der nationalsozialistischen Fraktion vor, nach dem ein Höchstzinssatz von 5 Prozent festgesetzt und nach Ablauf von 50 Jahren jedes Darlehen als getilgt gelten soll. Im Ausland angelegte Vermögenswerte sollen dem zuständigen Finanzamt angezeigt und auf Verlangen zurückbeschafft werden. Ferner soll in Zukunft der börsenmäßige Handel mit Wertpapieren aufgehoben und jedes Termin= und Blankogeschäft verboten werden. Für Zuwiderhandlungen sieht der Antrag strenge Strafen vor. Ein weiterer Antrag der Nationalsozialisten ersucht die Reichsregierung, Schritte zur Aufhebung des Versailler Vertrags und der Tributabkommen zu unternehmen. In ähnlicher Weise fordert ein Antrag der Christlich=sozialen und der Konservativen die Einleitung von Verhandlungen zur Revision des Houngplaus. Die deutschnationale Fraktion fordert neue Maßnahmen zu einer durchgreifenden Osthilfe, so z. B. die Erhöhung der Mittel für Kredithilfe, Betriebssicherung, Lastensenkung und Siedlung. Durchzuführen seien die neuen Hilfsmaßnahmen vom Reich, ersaßt werden müßten die sechs preußischen Ostprovinzen und die beiden Mecklenburg. In einem weiteren deutschnationalen Antrag wird die Aufhebung der Notverordnungen des Reichspräsidenten verlangt. * Der Fraktion„Deutsches Landvolk“ sind nunmehr auch die Abgeordneten des Bayrischen Bauernbundes beigetreten. Die Mitgliedszahl der Fraktion ist damit auf 27 gestiegen. Wißtrauensantrag Mit 233 gegen 198 Stimmen.— Freitag Abstimmung über die Auflösungsanträge. — Berlin, den 16. Oktober 1930. Der Preußische Landtag verhandelte heute über die Anträge auf Auflösung des Landtags. Gleichzeitig wurde über den kommunistischen Mißtrauensantrag gegen das Staatsministerium abgestimmt. Die Stim menauszählung ergab die Ablehnung des Mißtrauensantrags mit 233 gegen 198 Stimmen. Ueber die Anträge auf Auflösung des Landtazs soll nach Schluß der Aussprache möglichst noch am Freitag abgestimmt werden. Bon den gegen den Mißtrauensantrag abgegebenen Stimmen stammten 138 von den Sozialdemokraten, 71 vom Zentrum und 20 von den Demokraten, so daß also nur ein Abgeordneter der Regierungsparteien bei der Abstimmung gefehlt hat. Von der Opposition hatten drei ehemalige Kommunisten und ein Auflvertungsparteiler gegen den Mißtrauensantrag gestimmt. der Debatte über die Auflösungsanträge sprach sich Abg. Dr. Heß(Ztr.) gegen die Auflösung des Landtages und der Kommunalparlamente aus. Nach der Reichstagswahl müsse jetzt erst wieder eine Beruhigung eintreten. Abg. Steuer(Dntl.) erblickte in der Ablehnung der Landtagsauflösung durch die Staatsregierung einen Verstoß gegen die Verfassung. Ferner wandte sich Redner gegen das Uniformverbot, das, wie er sagte, eine betimmte Hembentuchfarbe als staatsgefährlich hinstelle. Abg. Stendel(D. Vv.) erklärte, in der Angelegenheit des Uniformverbotes gegen Nationalsozialisten habe die Regierung keine glückliche Hand gezeigt. Abg. Riedel(Dem.) sprach sich gegen Auflösung des Landtages aus. Abg. Mentz Wirtschaftsp.) verlangte die Auflösung mit der Begründung, em Willen des Volkes müsse entsprochen werden. Abg. seller(Christl.=Nat. Bauernp.) forderte die Auflösung des Landtags zwecks Ausschaltung der Sozialdemokratie. * Der Aeltestenrat, der vor Beginn der Plenarsitzung zusammengetreten war, beschäftigte sich mit dem Ausschluß des nationalsozialistischen Abgeordneten Lohse für die Dauer von acht Tagen. Nach längerer Auseinandersetzung wurde der Einspruch.s Abgeordneten Lohse von der Mehrheit des Aeltestenrats abgelehnt. Wiederholung der Abstimmung im Reichsrat. Der Reichsrat erledigte am Donnerstag zunächst einige kleine Vorlagen. Der Vertreter der Provinz Ostpreußen, Freiherr v. Gayl, kam dann noch einmal auf die am Dienstag in einer Sondersitzung erfolgte Verabschiedung des Pensionskürzungsgesetzes zurück. Er betonte, daß die nicht in Berlin wohnenden preußischen Provinzialvertreter zu der plötzlich angesetzten Dienstag=Sitzung weder rechtzeitig erscheinen, noch drahtlich einen Vertreter bestellen konnten. Er verlangte deshalb Wiederholung der Schlußabstimmung über dieses Gesetz Diesem Wunsche wurde stattgegeben. In der wiederholten Schlußabstimmung wurde das Pensionskürzungsgesetz mit 52 gegen 11 Stimmen des Landes Sachsen und der preußischen Provinzen Ostpreußen, Brandenburg, Pommern und Hannover bei Enthaltung der drei Stimmen des Landes Thüringen und der Provinz Schleswig=Holstein, also wiederum mit der für Verfassungsänderungen notwendigen Zweidrittelmehrheit angenommen. Aushebung des Steuerabzugs vom Kapitalertrag bei festverzinslichen Wertpapieren. — Berlin, 17. Oktober. Auf Grund des Ermächtigungsgesetzes vom 9. Juni 1930 über steuerliche Erleichterung auf dem Gebiete des Steuerabzugs vom Kapitalertrag und der Verkehrssteuern hat die Reichsregierung eine Verordnung erlassen, wonach der Steuerabzug vom Kapitalertrag für die Erträge aus festverzinslichen Wertvavieren und aus Vorzugsaktien der Deutschen Reichsbahngesellschaft aufgehoben wird. Die Verordnung gilt erstmals für die Zinsscheine, die nach dem 2. Januar 1931 fällig werden. Zusammentritt des Auswärtigen Ausschusses. — Berlin, 17. Oktober. Der Auswärtige Ausschuß des Reichstags ist für Montag nachmittag 3 Uhr zu einer Sitzung einberufen worden. Auf der Tagesordnung steht eine Aussprache über die Genfer Völkerbundsverhandlungen. Koch=Weser resigniert. Er legt sein Reichstagsmandat nieder. Reichsminister Koch=Weser hat in einem an den demokratischen Parteivorstand gerichteten Brief mitgeteilt, daß er sein Reichstagsmandat niederlegt. Der Brief hat folgenden Wortlaut: Ich erkenne dankbar an, daß der Parteivorstand in sehr gerechter und vornehmer Weise mein Verhalten bei der Gründung der Staatspartei beurteilt und mir den Dank für meine jahrelange Tätigkeit an der Spitze der Partei einmütig zum Ausdruck gebracht hat. Ich habe nach wie vor die Zuversicht, daß es gelingen wird, in der Staatspartei das notwendige Sammelbecken für diejenigen zu gewinnen, die auf dem Boden der Republik und ohne Konzessionen an die nationalsozialistischen Staatszerstörer die deutsche Zukunft gestalten wollen; ich selbst aber fühle mich nach den schweren politischen Entscheidungen der letzten Monate nicht imstande, an dieser Arbeit führend und im Parlament mitzuarbeiten. Ich werde deshalb mein Reichstagsmandat niederlegen. Koch=Weser ist auf der Reichsliste gewählt worden. Sein Hintermann ist der Jungvolksparteiler Winschuh, der soeben seinen Austritt aus der Staatspartei angekündigt hat. Sollte er unter diesen Umständen auf die Annahme des Mandats verzichten, so wäre Frau Dr. Lüders die nächste Anwärterin. Werkspionage bei Verhaftung zweier Ingenieure und eines Zeichners des Krupp=Gruson=Werkes. — Magdeburg, 17. Oktober. Großes Aufsehen erregt hier die Verhaftung der Ingenieure Erich Bär und Walter Mieth sowie des Zeichners Kallenbach. Die Verhafteten, die im KruppGruson=Werk beschäftigt waren, sollen durch Auslieferung entwendeter Zeichnungen Fabrikationsgeheimnisse des Werkes an das Ausland— genannt wird Rußland— verraten oder doch die Absicht dazu gehabt haben. Aufgedeckt wurden die Verfehlungen durch die Werkspolizei, die den Zeichner Kallenbach überraschte, als er mit einer großen Papierrolle das Werk verlassen wollte. Bei der sofort vorgenommenen Untersuchung stellte sich heraus, daß die Papierrolle Zeichnungen von neuen Maschinen enthielt, auf deren Geheimhaltung das Werk besonders großen Wert legte. Haussuchungen sollen weiteres Material zutage gefördert haben. Sachsens Landtag fordert Tributrevision. — Dresden, 17. Oktober. Im Sächsischen Landtag wurde nach Ablehnung eines kommunistischen Antrages, die Youngzahlungen sofort einzustellen ein gemeinsamer Antrag der Nationalsozialisten, der Deutschnationalen, der Landvon, volkpartei, der Deutschen Volkspartei, der Wirtschaftg, parteiler, der Demokraten, der Christlichsozialen und der Volksnationalen angenommen, auf die Reichsregi, rung einzuwirken, daß sie angesichts der wirtschaftlichen Lage mit allem Nachdruck und beschleunigt sich be. müht, Verhandlungen zur Revision des Youngplang einzuleiten.—4plans 171 französische Fischer im Sturm umgekommen. Paris, 16. Oktober. Die Hafenbehörde von Lorient stellt amtlich fest, daß die letzten Stürme unter den fran, zösischen Fischern 171 Todesopfer gefordert haben. Davon waren 94 verheiratet. Sie hinterlassen 121 Waisen. 3. Ehren der Toten soll ein nationaler Trauertag angesetzt werden.0 Lokal=und Provinzialnachrichten. — Bielefeld. Dichterabend: Von seiten des Christlichen Metallarbeiterverbandes Deutschlands, Verwaltungsstelle Bielefeld, wird am Sonnabend, dem 18. Oktober, abende 8 Uhr in der Aula der Cecilienschule Eingang Brüder, straße, ein Dichterabend veranstaltet. Der bekannte Ar. beiterdichter Christoph Wieprecht wird aus seinen eigenen Werken vortragen, während seine Tochter Aenne Rezitationen moderner Arbeiterdichter gibt. Dem Arbeiterdichter Wieprecht geht es wirtschaftlich leider recht schlecht und es empfiehlt sich deshalb dringend diese Veranstaltung besonders bei dem niedrigen Eintrittspreis von 50 Pfennig zahlreich zu besuchen. Um diesen Abend recht gediegen auszugestalten, haben sich in uneigennütziger Weise Frau Hilde Wild=Geer und die Herren Leon Geer und E. Neiger vom hiesigen Stadttheater zur Mitwirkung zur Verfügung gestellt. Dieselben werden Lieder von Joseph Haas und Hugo Kaun zum Vortrag bringen. Eintrittskarten sind durch Gewerkschaftssekretär Hiemisch, Bielefeld, Alleestr. 2 zu beziehen. Kirchennachrichten für Zion. Sonntag, den 19. Oktober 1930. 18. S. u. Trin. 8½ Uhr: Pastor Michaelis; 9 Uhr: Pastor Wilmanns; 10 Uhr: Pastor Brandt; 11½ Uhr: Kindergottesdienst. Montag 20½ Uhr: Gosen, Gemeindebibelstunde. Donnerstag 19½ Uhr: Pastor Vischer. Kirchennachrichten für Schildesche. Sonntag, den 19. Oktober 1930: 10 Uhr vorm. Gottesdienst: Pastor Dahlmann; 1½ Uhr nachm. Kindergottesdienst. Dienstag, den 21. Oktober 1930: 8 Uhr abends Bibelstunde im Hellingskamp. Mittwoch, den 22. Oktober 1930: 8½ Uhr abends Bibelstunde im Gemeindehause. Bethel. — Christl. Verein junger Männer. Heute keine Bibel stunde. Teilnahme an der Kundgebung in der stellungshalle. Sonntag abend 7½ Uhr: Musikalischer Teeabend in Gosen. Gebäck bitte mitbringen. Unsen Familien mit allen Angehörigen sind sehr herzlich eingeladen. Posaunenchor. Die Bläser fahren pünktlich um .30 Uhr abends von der Bethelecke ab mit einem dazu bestellten Autobus. Schriftleitung: W. Kraa; Wirtschafts= und Weltpolitik: Dr. H. Huttel; Anzeigen: K. Diekmann: alle in Bethel. Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen. Psalm 118, 17. Heute nachmittag, 5 Uhr, entschlief nach schwerer Krankheit mein lieber Mann, unser guter, treuer Dater, der Pfarrer Tudwig Dütemeper im Alter von 61 Jahren. „Er hat getragen Christi Joch, er ist gestorben und lebet noch.“ Mennighüffen, den 16. Oktober 1930. Anna Dütemeper, geb. Höhne Heinrich, Martin, Annemarie, Margarete, Käthe, Wilhelm Dütemeper Die Crauerfeier findet am Dienstag, dem 21. Oktober, nachm. 2½ Uhr in der Kirche zu Mennighüffen statt. K Bieleielder Musilkinstrumenien-Fabrik ERNSTBATIB * Gegründet 1885 prämilert mit Ehrendiplom und goldner Medaille liefert als Spezialltät die von den = Posaunen-Chören= bevorzugten Flogelhörner(System Kuhlo) sowie in bester Qualifät auch alle anderen Blechinstrumente, empfohlen durch Pastor Kuhlo in seinen„Posaunenlragen“.— Seite 20—26 —-atalos und Preisliste gratis. Sährungslote Obltund Traubenlätte aloholfrei, naturrein, ohne jede Probekiste mit 12 Flaschen . 3 F l a s c h e n T r a u b e n m o s t( r o t) WT 3 Flaschen Traubenmost(weiß) S 2 Flaschen Typ Burgunder einschließlich Flasche, Kiste und Verpackung 19.20 RM gegen Nachnahme oder Voreinsendung auf Postscheckkonto: Hannover 21365. Internationale alkoholkreie Industrie G. m. b.., Bückeburg. Lehrer Obsts Nerventee Anerk. unübertroffen! In Apoth. erhältl.(.20 Mk.) Drucks. sämtl. Tees d. R. Obst, Haus=Tee=Kuren, Krummhübel(Rsgb.) Bienenhonig, eigener Ernte, gar.rein, a Pfund 1,50 RM gibt in 9 Pfd.=Dosen ab Lehrer i. R. W. 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Es ist eine geschichtliche Tatsache, daß im Laufe der Jahrtausende immer dann die Nationen zugrunde gingen, wenn sie sich rühmten, den höchsten Grad an Intelligenz zu besitzen— wenn das Reich des Geistes nicht mehr von wenigen, auserwählten Männern gepflegt und behütet wurde, so daß von diesen her das Volk soviel an Wissen und an belebender Kraft empfing, wie es ihm zuträglich war, sondern das Geistige schon popularisiert, schon in Stadt und Land von Berufenen und Unberufenen wahllos beschlagnahmt war. Niemals verlor eine Nation ihren Ruhm, solange die Zahl der Weisen nur gering war und von dieser Weisheit das Herz des Volkes befruchtet wurde, immer aber war es um die Kultur geschehen, wenn die Zahl der„Weisen“ ins Unendliche stieg und jeder Emporkömmling danach trachtete, sich den Mantel des Geistigen umzulegen. Das ist ein altes Naturgesetz. Wenn eine Menschheit wirklich auf den Höhen der Kultur wandelt, stehen auf der einen Seite ein paar Wenige, die an die nackten Felsen schlagen, aus denen das Wasser hervorquellen soll, d. h. sie mühen sich ab, mit den Gaben ihres Geistes die Gesetze offenzulegen, wonach die Gemeinschaft ihres Stammes handeln soll. Sie sind das Haupt, das erkennt. Und die anderen sind die Millionen Herzen, die mit ihnen brennen sollen und zu Werke gehen müssen, um die Weltordnung praktisch zu erfüllen. Das Wichtigste im Leben ist immer die gute Tat — und der Wille zu ihr. Unter diesem Gesichtspunkt hat derjenige, der mit gläubigem Herzen irgend etwas vollbringt, auch wenn er intellektuell nur eine geringe Befähigung aufweist, die gleiche Bedeutung wie der geistig Höherstehende, der ihn vielleicht zu seiner Tat begeistert. Der Arme im Geiste, der einen großen Glauben an seine Sendung und an sein Vollbringen hat, der das ganze Feuer seines Herzens in den Dienst des guten Werkes stellt, ist womöglich größer als der andere, der Intellektuelle.„Dummheit" und„Intelligenz“ sind Begriffe, die nur mit großer Vorsicht zu werten sind, und sie tauchen in dem Sprachschatz eines Volkes immer erst dann auf, wenn man anfängt, die wahre Ordnung der Natur über den Haufen zu stoßen— diese Ordnung, die sich aufbaut auf die kleinsten und unscheinbarsten Dinge; um erst ganz allmählich immer größere und andere einzureihen, langsam und vorsichtig, bis sie sich endlich in ihrer höchsten Potenz mit den wenigen größten Meisterwerken krönt. Und zudem: Je tiefer wir in die Geheimnisse der Natur eindringen, je feinere Instrumente wir erfinden, um in sie hineinzusehen, desto erstaunter wird unser Auge, wenn in der unscheinbarsten Zelle sich das volle Wunder des Lebens zu wiederholen scheint. Nicht nur scheint, sondern in Wahrheit sich wiederholt. Vielleicht ist die Welt des Kleinen erhabener als die des Großen. Denn der Begriff der Kleinheit ist in diesem Fall ein äußerlicher Begriff, gebildet vom Auge, das nur relative Maße festsetzt. Das Unscheinbare und das „Dumme“(es ist hier nicht das geistig Degenerierte, sondern das von der Natur ursprünglich Einfachst=Geschaffene gemeint) erfüllt die Ordnung nicht weniger als das Strahlende und weithin Sichtbare. Das Wesentliche an jedem Element ist die richtige Verwendung der ihm innewohnenden Kraft. Ob das bei dem einen auf Grund der eigenen Erkenntnis geschieht und bei den anderen nur in dunklem Drange des Herzens, des Gewissens und in Befolgung weiser Lehren, hat zunächst keine Bedeutung. Hätte Europa nicht bereits das Stadium erreicht, in dem die Intelligenz populär, das Geistige, statt sich in wenigen Auserwählten zu sammeln, über die breiten Massen wie ein Blendwerk sich ergossen hat, so wäre es leicht, die gewollte Ordnung der Natur mit ihren Weisen und Unweisen, ihren Kleinen und Großen den Menschen ins Gedächtnis zu rufen. Aber der Rausch des Geistigen, der Wahn, Besseres zu wissen und zu erkennen als alle vor uns Dagewesenen, weit„gebildeter“ zu sein als unsere Erzeuger und die Reihe aller Ahnen, hat schon Besitz ergriffen vom Abendland. In jener Zeit, Deutschland anfing, seine Schulweisheit aus dem schönen Griechenland und aus dem waffenklirrenden, alten Rom zu beziehen, als es anfing, die Sprachen und die Heldenkaten, die Schlachten und Heereszüge und die Gastmähler der olympischen Götter samt allem, was blendend an den Sitten eines Volkes erscheint, sich geistig einzuprägen, und als es diesen geistigen Besitz als einen Besitz an Weisheit empfand, wurde das deutsche Wesen infiziert. Die Fülle des Stoffes und das Bestrickende an ihm erstickte allmählich die deutsche Seele. Denn man vergaß ein Doppeltes: die tiefe Ergründung alles Heroischen an den alten Völkern, d. h. die Aufzeigung des Weges, auf dem die Nenschwerdung jener vor sich ging, die die Träger des Heroischen in Rom und Griechenland wurden. Man vergaß ihre Seelenkräfte freizulegen, die geheimnisvollen Krafte, die im Wesen der Rasse und im Wesen der Landschaft liegen, und die nur dann von einer großen Idee befruchtet werden können, wenn sie ganz in eben dieser heimatlichen Atmosphäre bleiben und sich auswirken. Wer ar, als er die höchsten Taten vollbrachte— sei es zu Däuse, sei es in fernen Ländern— enger mit den Banden des Geistes und des Fleisches an seine Heimat gefesselt, uis der Grieche und der Römer? Wer sammelte sich mehr in sich selbst, und wer liebte mehr seine Vaterstadt, seine Flüsse und seine Gestade des Meeres, die das griechische und das römische Land umrauschten, als diese beiden Nationen? Als die Weisheit unserer Schule vergaß, dies Kostbarste aller Erdengüter aus der Geschichte der Alten loszulösen und zu empfinden, da vergaß sie notwendig auch das zweite: die Fruchtbarmachung des deutschen Geistes nach dem Vorbild eben dieser griechischen und römischen Menschwerdung. Und das Unabänderliche trat ein: das Feuer der deutschen Seele brannte langsamer, weil es nicht mehr oder allzu wenig aus sich selbst genährt wurde, und weil das, was es von außen zum Antrieb erhielt, nicht einmal das Wesen, sondern nur das Aeußere des fremden Herrentums war. Von da an fiel die große Idee des schon anderthalb Jahrtausende alten Christentums so häufig auf einen ausgedörrten Boden. Zwar wissen wir alle, daß die Geschichte der griechischen Helden uns wohl begeisterte zu kühnen Taten, aber diese Begeisterung erlebte schon die erste Enttäuschung, als wir erfuhren, daß das normale Leben der Menschen sich nicht bei kriegerischen Ereignissen und bei königlichen Festgelagen, nicht in den Hallen der Akropolis, in den Königsburgen von Athen und Korinth abspielt, sondern in den bescheidenen Werkstätten des Lebens, in denen es darum Es fallen die Blätter, Es stürmen die Wetter; Es legt die Natur ab ihr Sommergewand. Die Blumen verblühen, Die Vögel— sie ziehen Nun wieder von dannen in sonniges Land Bald legt sie sich wieder Zum Winterschlaf nieder, Die Erde, die müd' von der Arbeit und Müh'. Sie hat ja gegeben, Was not ist zum Leben Für Menschen sowohl, als nicht minder fürs Vieh. Den Guten wie Bösen Ist Gott ja gewesen Ein Vater voll Güte, voll Treue und Huld. Es schien ja die Sonne Zur Freude und Wonne Sowohl für Gerechte, als die, die voll Schuld. Es füllten sich reicher Die Scheunen und Speicher, Die Keller und Kufen, als man es gedacht, Mit köstlichen Gaben, Sich dran zu erlaben, Was lebet und webet, was weinet und lacht. So fallet ihr Blätter Und brauset ihr Wetter Und singet der Erde die Herbst=Melodien! Sie künden vom Scheiden— Von Sterben und Leiden, Doch endlich auch wieder vom Grünen und Blüh'n. A. Wagner. geht, ob einer ein Meister seiner Arbeit ist, ob er es versteht, sich ganz in sich selbst zu sammeln und mit der Liebe zu seinem angeborenen Wesen und der angeborenen deutschen Heimat das Vollendetste zu leisten. Wahrhaftig: der Glaube an die deutsche Kraft hat sich vermindert, das Herz ist krank geworden. Aber zu gleicher Zeit ist auch der Geist erkrankt. An die Stelle der Weisheit ist die Intelligenz getreten, dieser fast undeutbare Begriff, der nicht in das Wesen der Wissenschaft, der Kunst, der gesellschaftlichen Ordnung, nicht einmal mehr in das eigene Wesen der Wirtschaft und der Politik eindringt, sondern sich an der Oberfläche hält, wo die Scheinhaftigkeit die Tiefe der Probleme überdeckt. Da waren die Plätze geschaffen für die stetig steigende Zahl der Schulen und Universitäten. Da mußte sich ja die Schule ins Unbegrenzte weiten, anstatt die Heimat der wenigen Begabten zu sein. Und in der Tat: je höher ihre Zahl gestiegen ist, um so weniger oft wurde die Stufe wahrer, letzter Erkenntnis erreicht, und um so matter wurde das Herz, wenn es galt, sich zum Heroismus der großen und weltbeglückenden Taten aufzuschwingen. Je mehr Menschen, die von Natur aus dumm sind(in diesem Falle auch die geistig Degenerierten), sich an der Wissenschaft beteiligen, um so weniger intensiv kann sie offenbar betrieben werden, und um so schneller muß der Verfall kommen. Und wir haben das Eigentümliche oder vielmehr das Selbstverständliche erlebt: diese seichtgewordene Wissenschaft leugnet Gott. Ohne Zweifel! Mit voller Konsequenz! Weil sie gar nicht einzudringen vermag zu den letzten Gesetzen des kosmischen Lebens. Sie ist so oberflächlich geworden, daß sie weder die Struktur der Menschenseelen, also das uns selbst Bedingende und Belebende in seinen unfehlbaren Regungen, noch auch die Struktur des Gesamtkosmos nach seinem letzten Sinn ergründen kann. Sie registriert die Einzelausschnitte, analysiert die Seelen und treibt gewandte Experimente auf dem Gebiet der Biologie, der Psychologie und der Pathologie, sie kennt die Einzelkräfte des Kosmos, die Wirkung der ultravioletten Strahlen, die Reihe der elektrischen Ströme und die Explosivkraft aller Gase, aber sie entbehrt der Fähigkeit, aus der Summe dieser einzelnen Symptome die Größe jenes Gottes zu beweisen, der als Urbeginn, als Erzeuger und Beweger das ganze Meisterwerk der Natur in seinen Händen hält. Sie setzt statt seiner sich selbst, ihr Blickfeld wird allmählich so eng, daß sie nur noch den„Erfinder" dieser und jener Naturkraft rühmt. Die früheren Generationen hatten den hundertsten Teil der einzelnen Symptome, der Erfindungen zur Verfügung, aber ihr Denken ging so tief, daß sie schon aus diesem Wenigen den Herrn der Welt erkannten. So wurde es ein Leichtes für gewisse Gruppen, ihre Herrschaft aufzurichten. Es konnte, weil das Geistige sich verflüchtigte und demzufolge die letzten Ziele und Zwecke des Menschenlebens aus der höheren Betrachtungsweise ausschieden, eine weniger hohe Art menschlicher Bestimmung schon für diese Erde propagiert werden. Es kam die Industrialisierung Europas auf, die den Menschen von seiner Scholle lockt, den natürlichsten Beruf: die Bebauung des Ackers, die Pflege eines Gartens und die Betreuung aller nahrungspendenden Tiere als etwas Minderwertiges erscheinen läßt und die Söhne der Bauern in das Labyrinth der Fabriken und Großstädte treibt. Hier produzieren sie in immer steigenderem Maße„Güter“, die in Wirklichkeit keine Güter sind, weil sie weder ihnen selbst noch ihren bedürftigen Brüdern im Lande erreichbar werden. Sie vermehren das, was der Mensch nicht notwendig braucht, all das, was außerhalb der wirklichen Bedürfnisse an Speise und Trank und an Kleidung liegt. Durch die größere Zahl ihrer Produktionsstücke und durch deren einnehmende Form kam eine Täuschung über den Aufschwung menschlicher Kult## und über das Wachsen menschlicher Leistungen zustand Jedoch diese Täuschung entspricht ja ganz der verflüchtigten Geistigkeit, in der die Massen erzogen werden, sie befriedigt ja diese„Geistigkeit“ in erschreckend hohem Maße. Wie viele erkennen bereits nicht mehr, daß in Wirklichkeit soviel menschliche Kraft an eine unnütze Welt verschleudert wird, und daß der„Wert“ der produ zierten Güter erst„begreiflich“ gemacht werden muß durch den Organismus der Reklame, der in sich genommen und in seinem modernen Auswuchs das lebendigste Abbild eines geknechteten Geistes ist, der zu gleicher Zeit die Gesamtheit aller Güter verteuert, also den Irrsinn seines Handelns sogleich auch praktisch beweist. Was spielt sich ab unter dem Motto der Gewerbefreiheit? Nicht nur in der Produktion, sondern auch im Handel. Diese Freiheit ohne Grenzen blendet die Welt wie ein Irrlicht, sie blendet nicht weniger als das Tempo des Verkehrs, das schon heute in jedem Staate Europas jährlich Hunderttausende von Toten fordert— von Toten, die das gleiche Recht auf Leben haben wie die, durch die sie sterben. Es ist ein Wunder(oder wieder besser: eine Selbstverständlichkeit), daß so viele Gebildete des 20. Jahrhunderts nicht einmal mehr an dieser wirtschaftlichen Entwicklung, die sie doch von allen Seiten so unerhört und fühlbar umklammert, den ganzen Widersinn der geistigen Entwicklung europäischer Völker, d. h. die Ungeistigkeit Europas erkennen. In dieser Ungeistigkeit konnte auch jene Art von Politik aufkommen, die durch die Menge der Abgeordneten, durch Debatten, die endlos sind, durch Krisen, die sich stetig wiederholen und durch eine Mehrheit von Stimmen, die in ihren Einzelträgern gar nicht der geistigen Ueberlegenheit bedürfen, das Niveau des Staates präsentiert. Es konnte jene„Kunst“ aufkommen, die so häufig weiter nichts ist als ein Spiel mit den Problemen. Die Bühnen Europas sind entehrt von ihr. Oder noch mehr: die„schöne Literatur“ verlor in einer Reihe ihrer Vertreter den letzten geistigen Halt, jenen Halt, der wenigstens immer noch das Gute vom Bösen unterscheidet. Sie haben sich so weit erniedrigt, daß sie das, was in der Tiefe liegt— das Dunkle und Gemeine— herauf bis an den Rand des Gefäßes steigen lassen. Nicht nur steigen lassen, sondern es auch noch mit dem letzten Rest ihrer Geistigkeit umgeben und es wie ein schönes Bild der Menschheit präsentieren. Sie scheinen rettungslos verloren. Die Tiefe, woraus in allen Jahrtausenden die edelsten der Menschen mit den Kräften ihres Geistes und dem Feuer ihrer Herzen emporzusteigen sich bemühten, triumphiert nun über sie— mit ihrer eigenen Hilfe. Es ist nicht nötig, die ganze Skala menschlicher Systeme und Berufe in diesem Sinne durchzugehen. Die Beispiele liegen für jeden, der sehen will, völlig offen. Zwei Prozesse laufen nebeneinander her. Der erste: die oberflächliche Bildung des Europäers, die Ausgießung des Geistigen über Berufene und Unberufene, die Herausreißung des einfachen Menschen aus der Welt seines Glaubens— des Glaubens an die wenigen wirklich Weisen aller Zeiten und an sein Gewissen— in der seine Väter die Dinge bezwangen und das Schicksal meisterten. Der zweite: die Beeinflussung des Volkes durch bestimmte Systeme, von denen soeben einige genannt wurden, durch Gruppen von Menschen, durch solche, die eigentlich Erzieher, Ordner, Vermittler der Weisheit, die eigentlichen Repräsentanten der Autorität und des Wahren und Schönen sein sollten. So wird also die Volksseele von ihrer ureigensten und wahren Bestimmung abgelenkt, sie wird in ihren Tiefen nicht selten vergiftet. Was ist die Folge? Die Grundsünde des 20. Jahrhunderts konnte sich vorbereiten: Der Hochmut des Geistes führte den Menschen dahin, daß er sich nicht mehr um die Vergebung seiner Sünden bemüht. Die Eitelkeit hat die Tiefe der Erkenntnis so sehr verdrängt, daß sie nicht einmal mehr weiß, daß der Mensch sich reinigen muß in seinem Innern, wenn er sein letztes Ziel— die Klarheit des Lichtes erreichen will. Diese seine Schuld wäre geringer, wenn er sie nicht durch die Preisgabe seiner eigenen Geistes= und Herzensgaben mitbewirkt hätte. So aber scheint sie zu jener Schuld zu werden, von der es heißt, daß sie nicht vergeben werden kann. Wer dieses„Nicht=vergebenwerden=können“, richtig erfaßt, sieht am tiefsten in den geistigen Abgrund des Jahrhunderts. So sind unzählige Menschen innerhalb der Nationen aus ihrer Gebundenheit an die inneren und äußeren Gesetze des Lebens herausgerissen. Die Grenzen, die jedem einzelnen gesetzt sind durch die natürliche Begabung und durch das Gesetz von der intensiven Konzentrierung alles Geistigen, bevor es sich zur wahren Erkenntnis verdichten und Geist und Herz zum Lichte führen kann, sind durchbrochen. Unzählige im 20. Jahrhundert sind „Freigelassene“— aber nicht wie jene Sklaven, die das Joch der Knechtschaft abschüttelten und von da an frei und unbehindert ihre eigenen Herren waren. Der Prozeß auf geistigem Gebiet ist umgekehrt. Wer sich von der Wahrheit freimacht und die Wege, die zu ihr führen, nicht gehen will, gerät im selben Augenblick in die Knechtschaft dieser Welt. Er nennt sich„freigelassen“ und ist eingespannt in die Begierden seiner Zeit. Der ganze Schein einer„intelligenten“ Epoche umgibt ihn, aber er ist ein armer Mensch, er ist krank am Haupt und matt im Herzen. Er redet, gestikuliert und behauptet mehr, als er versteht und vollbringt. Er erlebt sofort die Tragik: wer sich der geistigen Fesseln entledigt, versinkt auch wieder zurück in die körperliche Sklaverei. Sklaven der Maschine, des Tempos, der Leidenschaften bevölkern Europa. So haben zunächst Freigelassene der oberen Schichten, die von Natur aus zu Führern und zu Vermittlern der Weisheit bestimmt waren, ihre Seher= und Vermittlergabe allmählich preisgegeben und sich zu„Aufgeklärten“ umgewandelt. Und langsam ziehen sie die Massen des Volkes mit sich— in ihren Bann. Da ging das Natürlichste, was der Mensch besitzt, was dem Gesunden am teuersten ist, zugrunde: Religion, Liebe zum Vaterland, die Kunst und die Verbundenheit mit der Natur. Der Abfall von der Natur ist immer der erste Schritt, den die Menschheit tut, wenn sie sich in ihrer Entwicklung bergab bewegt. Dieser Abfall ist heute soweit vollzogen, daß er in der ganzen Weltgeschichte kein Analogon aufweist. Wie wenige kennen noch die geheimnisvollen Wunder unserer Erde, die Sprache der Landschaft, die in so deutlichen Lauten redet, das herrliche, unnachahmbare Lied der Ströme, die die Täler erklingen lassen, daß an ihren Ufern selbst das unvernünftige Tier von Zeit zu Zeit verweilt und stehen bleibt. Wer sieht die Herrlichkeiten Gottes greifbar, ganz in seiner Nähe, wenn er an einem Sonntagmorgen durch die einfache Pracht der Fluren wandert, die in halber Höhe die Stadt und das Dorf überwogen. Wer erkennt das Wesen der Schönheit, wenn er in einem Wald die tiefsten und die höchsten Stimmen der Natur zugleich vernimmt: das dunkle, langsam kommende Brausen der Bäume und das helle Klingen einer nahen Quelle. Wer endlich weiß es doch, wer hört und sieht es deutlich, wenn er auf dem Gipfel eines Berges steht, daß all die Wunder der Natur in seiner Seele widerklingen; wer begreift es, daß sie widerklingen können in seiner menschlichen Brust. Sie können es nur, wenn sie der Hauch dessen sind, der alle drei zugleich: die Erde, mich und sich selbst umfängt. Konzentrierung ist die Voraussetzung für alles Geistige und für alle Höherbildung der Seele. Diese Konzentrierung hinwiederum setzt Zeit voraus, sie setzt Vertiefung und Anspannung aller zur Verfügung stehenden Kräfte voraus. Es geht nicht anders zu, als wenn die Natur in Winternächten voll tiefer Einsamkeit all ihre Säfte sammelt und sie allmählich von Tag zu Tag aus dem dunklen Schoß der Erde höher führt— an einzelne Stellen der Erdoberfläche heran, damit sie in jenem Augenblick, wenn der Strahl des Himmels im Frühling diese Erde wieder trifft, wie lichte Geisteskinder in die Freiheit der Natur entspringen. Wer dieses Frühlingswunder, in dem nicht nur die Erde, sondern auch der Himmel mit seinem Strahl die wirkenden Faktoren sind, richtig zu fassen weiß, der versteht, daß letzten Endes überhaupt kein menschlicher Geist zur wirklichen Freiheit des Erkennens gelangt, wenn nicht die Gnade des Himmels ihn berufen hat und ihm die Wege ebnet, genau wie die frühlinghafte Sonne des März. Wird die Wahrheit den emporziehen, der sich„geistreicher“ dünkt als die Wahrheit? Für die Klugheit Europas gibt es keine andere Rettung mehr als diese: zurück zur einfachsten Natürlichkeit! Die Einfältigen sind klüger als die„Wissenden". Man muß sich die Mühe nehmen, einen primitiven Menschen, den man als zurückgeblieben bezeichnen könnte, zu beobachten. Dieser Zurückgebliebene hat sich wenigstens jene Gabe erhalten, die die Natur an alle ohne Ausnahme verteilt: den Instinkt. Und mit diesem Instinkt mißtraut er jedem Menschen, der mit vielen Worten und mit angelernten Gesten an ihn herantritt. Er hält ihn nicht für echt und für unfähig, andere zu führen. Aber sofort wird er ruhiger und aufmerksam, wenn einer kommt, der ohne Verstellung aus dem Primitiven und Natürlichen heraus die Erkenntnisse des Lebens gewonnen hat. Wer noch im Zweifel ist, ob die„offizielle“ Geistigkeit des 20. Jahrhunderts in der Tat das Wesen der Ungeistigkeit bedeutet, stelle folgende Ueberlegung an. Jeder wirkliche Fortschritt hat zwei Ausstrahlungen: die eine ist geistiger Art und die andere materieller Natur, denn mit der fortschreitenden Erkenntnis finden sich auch leichter die Methoden zur Hebung der rein technischen Kultur. Der Endzweck des Fortschritts nach der rein geistigen Seite ist notwendig das höhere, seelische Glück des Menschen. Jede höhere Erkenntnis der Wahrheit bringt wirkliches, inneres Glück, das sich gleichzeitig auf andere Menschen überträgt. Und jede Hebung der rein technischen Kultur bringt ihrerseits, wenn sie wirklich echt ist, einen besseren Lebensstandard der Menschen mit sich, nicht einzelner, sondern aller zugleich. Wo sind bis jetzt diese beiden Phänomene: des Glücklichwerdens und des höheren, materiellen Wohlstandes der europäischen Völker in ihrer Gesamtheit? Zu welchem Zeitpunkt werden sie in Zukunft zu finden sein, wenn dieses System der Täuschung bleibt, wonach ein kleiner Teil der Menschen im öffentlichen Leben Glück und Kultur so darzustellen in der Lage ist, als wäre es wirklich vorhanden und beides schon Gemeingut aller? Um die wirkliche Höhe einer Kultur festzustellen, muß man die Gesamtheit aller Symptome nehmen, nicht aber einzelne in die Augen springende. Die Gesamtheit aller medizinischen Fortschritte z. B. darf uns nicht täuschen über jene immer mehr zunehmenden, schleichenden, äußeren und inneren Krankheiten, die die Industrialisierung zur Folge hat. Es kann niemals von einem absoluten Fortschritt die Rede sein, wenn auf der einen Seite zwar hohe und edle Versuche zur körperlichen Gesundung der Menschen angestellt werden, auf der anderen aber gleichzeitig diese selbe Menschheit mit immer neuen Krankheitskeimen infiziert wird, die aus den offiziell geduldeten Methoden der Arbeit entspringen. Eine Menschheit, die zuerst die Infizierung duldet und erst dann ihre Bekämpfung lobt, ist ihre eigene Anklägerin. Natürlich ist auch heute noch wahres Glück der Seele und ein gesunder Lebensstandard wohl zu finden, und eine Reihe edler Menschen ist auch heute noch bestrebt, ihr Volk aus der kulturlosen Atmosphäre zu befreien. Aber diese Glückszustände und diese wahrhaft gebildeten Menschen sind immer nur dort zu finden, wo die Satzungen wirklich menschlicher Erkenntnis und göttlicher Offenbarung— sei es in alter oder neuer Art, sei es auf Grund der Autorität einer überragenden Person, einer religiösen Gemeinschaft, einer Kirche oder eines Buches, einer Schrift— noch in Geltung sind. Alles, was außerhalb liegt, ist entweder ein Streben, ein Verlangen nach eben diesen Satzungen hin oder Verstocktheit, Konfusion— verbunden mit dem Blendwerk einer vorgetäuschten Wahrheit. Oder es ist Verzweiflung. Selbst denen aber, die in unserem Jahrhundert noch als Hüter der Wahrheit, der Religion, des Schönen und alles Erhabenen gelten wollen, nähert sich jenes Blendwerk immer aufdringlicher. Wahrlich: bereits ein allzugroßer Teil der„auserwählten“ Führer ist den Lockungen fast zur Hälfte erlegen. Sie sind angesteckt, sie sind nicht mehr konsequent, und ihre Wege machen viele Windungen, auf denen sie dem Augenschein nach Erfolge haben. Aber in Wahrheit weichen sie dem Kampfe aus, der keine Kompromisse kennt. Und das ist das Verderblichste. Nur in dem Maße, wie die Reihe der Männer, die als letzte Säulen christlich europäischer Kultur zu gelten haben, sich wieder befreien oder auch fernerhin freihalten von der„Geistreichigkeit“ unserer Tage, nur in dem Maße, wie die gesunde Gläubigkeit ihrer Seelen wächst— wird Europa noch einmal eine Zukunft haben. Weder die Wahrheit im allgemeinen noch die des Christentums im besonderen ist an Europa gebunden. Die Völker, die die Gabe ihrer Erkenntnis preisgaben und zugleich mit einer vorgetäuschten Weisheit all jenen, die von Natur aus gläubig und einfach waren, ihre Schwungkraft nahmen, werden zugrunde gehen, ob sie sich christlich nennen oder nicht. Die Wahrheit, von der es heißt, daß sie in alle Ewigkeit von keiner Macht Satans überwunden werde, sucht sich die Geister und die Herzen anderer Völker— die der unverdorbenen, um ihr Evangelium weiter durch die Welt der Verdorbenen zu tragen. Dr. J. A. (Eine Randbemerkung zu der politischen Wochenschrift „Der Ring.“) Man kann die Ueberschrift auch mit einem Fragezeichen oder einem Ausrufezeichen schreiben; und man wird geneigt sein, ihr von vorneherein so mit skeptischer Geringschätzung oder aufrufender Uebernahme gegenüberzutreten. Allem Anschein nach hat der Konservativismus in unseren Tagen nicht eben viel bestimmenden Einfluß. Anziehende Kraft offenbaren die äußersten Extreme zur Rechten wie zur Linken, die jedenfalls nicht konservativ sein wollen. Die erschütterndste Niederlage trugen die davon, die unter dem Feldgeschrei konservativ in den Kampf um die Gunst der Stimmen des Volkes zogen. Die Ueberschrift kann aber auch weder mit fader Geringschätzung noch mit falscher Ueberschätzung gesagt sein, als sachliche Ueberlegung und Aufgabe. Erwachen, zum Bewußtsein kommen, seiner selbst bewußt werden. Konservatives Erwachen ist dann die Selbstentdeckung des konservativen Menschen. Und da wir geneigt sind, das Wort konservativ sogleich auf die Sphäre des Politischen einzuschränken, so entdeckt sich heute dieser Mensch in den verschiedensten politischen Lagern. Darüber wenigstens nachzudenken dürfte sich wohl verlohnen, wenn anders eine Erneuerung an Haupt und Gliedern zustande kommen soll. Konservativ kann bei der Interessengruppierung unserer heutigen Parteien keine Parteitrennung bedeuten. Der„Demokrat“ Max Weber zeigt größeres konservatives Verständnis und trägt mehr konservative Elemente in sich als manch Einer, der sich unter seinen Zeitgenossen mit diesem Parteinamen zubenannte. Es wäre eine würdige soziologische Aufgabe, dem nachzugehen, wie weit auch die Sozialdemokratie grundsätzlich konservative Elemente in sich trage, noch mehr aber, diese selber aufzuweisen und ihre Auswirkung zu zeigen. Beginnt doch die Arbeiterbewegung ihren Kampf um die Existenz allerorten mit einem Kampf auch gegen die„fortschrittliche“ Maschine. Die Entwicklun, läßt den nachgeborenen Sohn„kein Hüsung“ mehr finden, das er doch bis dahin daheim gehabt hat. Di „moderne“ Zeit macht den Besitzlosen heimatlos und arbeitslos, indem sie ihm eben diese Werte nimmt, an den er zuvor Anteil gehabt hat. Die„konservativen“ volkhaften Elemente bei Ferd. Lassalle sind oft angemerkt worden, und sie haben doch nicht bloß bei ihm Aufnahme gefunden, sondern müssen ja doch zu allen Zeiten um Beachtung und Anerkennung im Kampf stehen. Gerade der Konservative darf auch diese Stücke der Arbeiter, bewegung nicht übersehen und damit seinerseits der Vernachlässigung und Pflegelosigkeit aussetzen. Einwand: Der Proletarier hat nichts zu„erhaltendenn er hat nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen: zu verlieren hat er höchstens seine Ketten. Ob und wie, weit dieser Satz richtig sei, kann hier gänzlich außer Ansatz gelassen bleiben(wiewohl er heute schwerlich allgemeine Gültigkeit haben möchte, weder in den großen Städten, noch auf dem Lande,— geschweige daß er richtig gewesen wäre zu der Zeit, da er zuerst so gesprochen wurde—). Konservativ sein heißt nicht, das Bestehende in seiner bestehenden Form bewahren, noch weniger, es gewaltsam auf einen früheren Zustand(oder vermeintlichen Zustand) zurückführen(Reaktion); seinem Wortsinn nach heißt es vielmehr: etwas in guter Ordnung halten, wirklich„bewahren.“ Das heißt„mit der Zeit“ gehen; nicht das Triebgewicht der Uhr, aber auch nicht das Hemmgewicht sein, sondern in dem Einen umsichtig der Zeit voraussein, in dem Andern das Vergangene nicht vergessen haben; in dem Einen nicht überfliegend vorneweg sein, in dem Andern nie gewissensberuhigt sein, sondern wach und„in Ordnung“ haltend. Konservativ sein heißt, nicht nach vorgefaßten Denkbegriffen oder wesenlosen Jdeologieen die Welt verbessern wollen, sondern wissen, daß du mit deinem Leben je schon in einen Lebenszusammenhang hineingestellt bist, der vor dir war und größer ist als du. Diese Bemerkungen sind auf den Rand einer neuen „konservativen“ Wochenschrift„Der Ring“ geschrieben, als deren Herausgeber H. v. Gleichen und als deren Schriftleiter Fr. Vorwerk zeichnen. Erscheinungsort ist Berlin. Die Zeitschrift bringt nach einer kurzen Uebersicht über die politischen Ereignisse der Vorwoche in jedem Heft eine ausführliche Behandlung der politischen Situation durch den Herausgeber, und etliche größere Schriftsätze grundsätzlicher Art oder die jeweils akuten politischen Fragen der Gegenwart betreffend; in den letzten Heften etwa„Prognosen der Weltwirtschaft",„Die Wahlen und die Wirtschaft",„Konsumwille und Leistungswille“ u. a. m. Ausführlich behandelt wurden vorher u. a. auch die mit dem Art. 48 der Reichsverfassung gegebenen Fragen mit dem Ergebnis, daß nach Art. 48 Abs. 2 nur die dort ausdrücklich erwähnten Grundrechte durch den Reichspräsidenten„außer Kraft“ gesetzt werden können; aber zu„durchbrechen“ vermag er im Wege von„Maßnahmen"(d. i. durch konkrete Zweckmäßigkeitserwägungen bestimmtes faktisches Handeln)„die meisten der Einzelregelungen der Verfassung, also auch und gerade die Grundrechte. Sind die Notverordnungen echte Gesetze, so ist das Vorgehen des Reichspräsidenten und der Regierung mit der Verfassung unvereinbar. Sind sie aber Maßnahmen(dafür spricht, daß sie z. B. teilweise zeitlich befristet sind),„so durften sie erlassen werden, und es war nicht nur gleichgültig, sondern falsch, wenn der Gesetzgeber einen Eingriff in seine Kompetenz behauptete.— Neben solch großem Geschütz stehen in jedem Heft dann die Kleinkaliber„Zeitbemerkungen“, kurze politische und gesellschaftliche(soziologische) Schriftsätze(Innenpolitik, Außenpolitik, Ausland, Wirtschaft und Kultur). N..: Die schlagwortartige Kritik an der Bodenreform durch Kritik am Wohnheimstättengesetz in Nr. 30:„Entschädigung nach Steuerwert kann nicht als solche bezeichnet werden" fordert hier geradezu die Schlagwortentgegnung„doppelte Moral!“ heraus und die Gegenfragen: Und der unverdiente Wertzuwachs?, und die andere nach dem Verhältnis von Gemeinwohl und Privatinteressen zumal in Notzeiten.— Eine Eigenar der Zeitschrift ich der Abdruck von Zuschriften an Herausgeber, die hier und da nicht nur beachtenswert Kritik an Einzeldingen, sondern beachtliche positive Hinweise zu Tage fördern, wie etwa wieder in Heft 30 ein Beitrag über Kants Schrift„Vom ewigen Frieden",5 darauf hinweist, daß für den Philosophen Voraussetzung für den Völkerfrieden die Idee des„ehrlichen Gegners“, der„Friede durch Ritterlichkeit“ ist, alle Ideologie 0 „Strafkrieges" aber, die ein Zweierlei=Maß für und Frieden der Sieger und Besiegten schafft, von Ka als gefährlichste Völkerverhetzung erkannt ist Bismarcks Grundsatz der Befriedung Europas überemn stimmt). Jeden Monat erscheint ein Beiheft geschlossen Inhalts; bisher ein staatspolitisches Sonderheft, ein Rub landheft, jetzt im Oktober ein Heft mit Darbreitung b Fragen nach Sinn, Recht und Aufgabe des Eigentums. Ein theologisches Sonderheft ist in Vorbereitung denn die kirchlichen und theologischen Fragen grü sätzlich und umfassend Berücksichtigung finden(Aufsah u. a. von Gogarten, Forsthoff, Generalsuperinten Karow, Bischow Schreiber). Die ganze Haltung der Zeitschrift ist Entscheidung heischend. Nicht weil er nur„interessant“ ist, befass wir uns mit dem„Ring". Aber wir verdeutschen einmal Fremdwort als: das, was fesselt, was verhaftet, was ansprucht. Dann müssen wir aufmerken, was das für Ruf sein möge, unabhängig davon, welche Stellung nachher einnehmen werden, ob wir dem Rufe stehen oder uns abwenden, oder den Gegenruf tun. Bergen, Kr. Hanau. Karl Wessendorft.