Bezugspreis: Erscheint wöchentlich sechsmal.— Preis monatlich.25 und .86 Bestellgebühr, beim eigenen Postamt bestellt.— Fürs Ausland unter Streifband.95(inkl. Postgeld). Preis der Einzelnummer 10 Pfg. Postscheckkonto Hannover 67377. mit den Beilagen„Für Herz und Haus“, „Kindergabe“ und„Anser Anzeigenpreis: Die einspaltige Millimeterzeile oder deren Raum 10 Pfennig. ge 30 Rfg. Beilagen unter 25 gte tausend 15 Mk. Rerlame 30 Schluß der 0 Pfg. Beilagen unter 25#g te, tausend. Anzeigen=Annahme nachmittags 3 Uhr. Postscheckkonto Hannover 67377. Nr. 215. Bielefeld=Bethel(Verlagsort Vielefeld), Sonnabend, den 13. September 1930. 12. Jahrgang. Tue, was des Lohnes wert ist und begehre keinen. M. Claudius. Ein letztes Wort! Der Wahlkampf neigt sich seinem Ende zu. Wer ihn aufmerksam verfolgt hat, muß leider gestehen, daß alle Mahnungen zur Ruhe, Besonnenheit und Sachlichkeit vergeblich gewesen sind. Der Wahlkampf ist, insbesondere von den radikalen Parteien rechts und links mit einer Leidenschaft geführt, die außerordentlich bedauerlich ist. Nicht nur, daß dc Wort„Wahrheit" dem Gegner gegen'her vielfach ein unbekannter Begriff geblieben ist, sondern mehr, wie bei früheren Wahlen, bearbeiteten sich die politischen Gegner nicht nur mit geistigen, sondern auch mit anderen Waffen, so daß Schwerverletzte und Tote keine Seltenheit in diesem Wahlkampf darstellten. Was aber an Lügen und Verdrehungskunst geleistet worden ist, spottet jeder Beschreibung, wobei wir es als besonders traurig bezeichnen möchten, daß auch solche Parteien mit ihrer Presse sich daran beteiligt haben, denen man früher ein gewisses Maß von Wahrheit und Sachlichkeit nicht absprechen konnte. Wenn man, wie es beim Schreiber dieser Zeilen zutrifft, sich einige Tage im Ausland befand und dort die Berichte über den deutschen Wahlkampf las, mußte man sich schämen angesichts der Tatsache, daß das schwerbedrängte deutsche Volk, welches unter der Ungunst anderer Völker, unter einer wirtschaftlichen Depression und einem unerhörten Steuerdruck zu leiden hat, wie kaum ein anderes Volk der Erde, sich gegenseitig in geradezu unflätiger Weise bekämpfen kann, wo doch die innere Einigkeit das höchste Gebot sein sollte. Darüber noch viel zu schreiben, erscheint jedoch nicht mehr nutzbringend zu sein, da der Wahlkampf so gut wie vorüber ist und der Tag der Entscheidung bevorsteht. Darauf kommt es nun an, wie diese Entscheidung ausfällt. Pessimisten befürchten ein starkes Anwachsen der rechts= und linksradikalen Parteien. Es mag sein, daß diese Befürchtung berechtigt ist. 3 Mill. Arbeitslose geben keine geeignete Basis für einen guten Wahlausfall, ebenso wird die ungeheure Not der Landwirtschaft viele Wähler in das Lager der extremen Rechtsparteien treiben. Man hat eben den Maßstab dafür verloren, was möglich und nicht möglich ist, und diejenigen Parteien, die in unverantwortlicher Weise das Blaue vom Himmel herunter versprechen, erhalten aus den oberflächlich denkenden Teilen des Volkes den Zulauf. Das ist seit Jahrzehnten so gewesen und wird sich auch bei dieser Wahl wahrscheinlich wieder bewahrheiten. Trotzdem brauchten wir den Mut nicht zu verlieren, wenn das denkende Bürgertum seine Pflicht voll und ganz erfüllte....,... Teins:. Hier entsteht uns jedoch ein gefährlicher Feino in Form einer Partei, die als„Partei der Nichtwähler“ auf dem Plan erscheint und alle Bemühungen nach einem guten Ausfall der Wahl zu durchkreuzen in der Lage ist. Mehr als ein Viertel der wahlberechtigten Männer und Frauen sind bei den verschiedenen Wahlen der letzten Jahre der Wahlurne ferngeblieben. Diese Stimmen sind bei der ungeheuren Disziplin der extremen Parteien nicht diesen, sondern fast durchweg den Parteien verloren gegangen, welche hinter der gegenwärtigen Reichsregierung stehen und mit dieser gewillt sind, einen neuen Kurs zum Besseren zu steuern. Es ist daher Aufgabe aller, diese Säumigen aufzurütteln und die sogenannten Mitglieder ser„Partei der Nichtwähler“ an die Wahlurne zu bringen. Viele von ihnen werden von einem Pessimismus beherrscht, der da sagt: Es nützt ja doch alles nichts, so, wie es kommen soll, so kommt es und daher lassen die Dinge laufen, wie sie laufen wollen. Andere aus Trägheit und Nachlässigkeit zurück und lachen wieder über diejenigen, denen der Wahlkampf 34 und Geld gekostet hat. Beide Motive sind zu verurteilen. Würden die Nichtwähler aktiv we sich ebenfalls dem Dienst am Vaterlande zur Vergung stellen, dann brauchte uns um den Ausgang der Wahl wahrhaftig nicht bange zu sein. Der Rerr, wurde dann eine Mehrheit bekommen, zu der man Vertrauen haben könnte und durch die die Extremen vor rechts und links schachmatt gesetzt würden. Es wäre dann eine Regierungsbildung möglich, die im Sinne Hinden burgs die großen Reformen durchführte, die wir für Volk und Nation als Lebensnotwendigkeit bezeichnen, übder die aber im Wahlkampf herzlich wenig geredet worGedlsch boen. Die Trägen und Gleichgultigen sind den, die am Biertisch oder anderswo am meisten über die schlechten Zeiten räsonnieren, aber nicht begreifen, daß durch ihre eigene Faulheit und Saumseligkeit dieser Zustand sich hat soweit entwickeln können. Aus allen diesen Gründen ist es die höchste Pflicht aller, nicht nur selbst das Wahlrecht auszuüben, sondern auch die bisherigen Nichtwähler an die Wahlurne zu bringen. Nun entsteht die Frage: Welcher Partei soll ich meine Stimme geben? Schreiber dieses ist persönl. der Meinung, daß am Vorabend der Wahlen darüber nicht mehr zu reden ist, auch darüber nicht, wer die meiste Schuld an der Auflösung des Reichstages trägt oder wer in bezug auf die Zersplitterung der Deutschnationalen Volkspartei das größere Maß von Verantwortung zu tragen hat und wer nicht. Alle diese Fragen haben wohl den größeren Teil des Wahlkampfes ausgefüllt. Auch im„Aufwärts“ sind diese Fragen viel erörtert worden. Es kann deshalb Schluß damit gemacht werden. Besinnen wir uns lieber nur noch einmal auf das, was wir als Christenleute und als gute Deutsche vom nächsten Reichstag erwarten! Wie tief wir auf allen Gebieten gesunken sind, ist in vielen im„Aufwärts“ erschienenen Artikeln eingehend besprochen. Es sei daher nur noch kurz zusammengefaßt betont, daß wir einen Reichstag brauchen, der durch Gesetzgebung in Zukunft nicht mehr gestattet, daß die christlichen Schulen unterbunden und das Christentum aus dem öffentlichen Leben weiter verdrängt wird. Wenn die Lebenskraft des Evangeliums, wie es Hofprediger Stöcker immer betont hat, weiter untergraben wird, dann hat das deutsche Volk aufgehört, ein christliches Volk zu sein. Darum brauchen wir Parteien, die sich schützend und fördernd vor diese Aufgabe stellen! Wir brauchen einen Reichstag und eine Reichsregierung, die den Mut aufbringt, endlich dem deutschen Volke die Augen zu öffnen, die Wahrheit zu sagen und ihm zu zeigen, wo wir in Wirklichkeit stehen. Bisher ist unter dem großen Einfluß der sozialdemokratischen Regierung fortgewurstelt und Verschleierung betrieben worden. Man hat Opportunitätspolitik betrieben und sich von den Massen hin und her werfen lassen. Das muß aufhören! Vom zukünftigen Reichstag erwarten wir, daß er mutig der Not ins Auge schaut und darauf seine Wirtschafts= und Finanzpolitik aufbaut unter dem Gesichtspunkt: Allmähliche Gesundung, ohne Furcht vor der Kritik, die bisher vom Interessenhaufen der Regierung ein unsicheres und unstetiges Gepräge gab. Daß dabei in erster Linie die Wiedergesundung der Landwirtschaft zu den ersten und wichtigsten Vorbedingungen gehört, braucht hier nicht weiter betont zu werden. Wir brauchen ferner einen Reichstag, dessen Regierung zielsicher und mit Würde auf die gänzliche Befreiung deutscher Landesteile hinarbeitet. Fremdländisches Joch ewig zu tragen, ist eines Deutschen unwürdig und unerträglich. Wir haben zu der gegenwärtigen Reichsregierung das vollste Vertrauen, daß sie in diesem kurz gekennzeichneten Sinne arbeiten wird und auch bereit ist, die sich möglicherweise daraus ergebende Unpopularität zu tragen, denn ohne harte Maßnahmen wird es nicht abgehen. Wir sagen daher nicht: Wählt diese oder iene Partei, sondern bitten, noch einmal die Frage zu prüfen. was rur un serem Volke not? Dann wird man angesichts der Entwicklung in den letzten Monaten bestimmt eine Partei finden, der man mit gutem Gewissen seine Stimme geben Hierbei sei auf eines hingewiesen, daß die Extremen von links und rechts ungeheuer viel Versprechungen gemacht haben, die zu verwirklichen ein Ding der Unmöglichkeit ist. Was ist von diesen Parteien zu erwarten? Nach den großen Versprechungen im Wahlkampf werden sie nachher im Reichstag erleben, daß sie unfähig sind, ihre Versprechungen einzuhalten, wie ja auch die sozialdemokratische Partei am 9. November 1918 durch Scheidemann verkünden ließ:„Wir bringen Euch Freiheit, Friede und Brot!“ Und diese Versprechungen haben sich wiederholt von einer Wahl zur anderen, ohne daß es den Sozialdemokraten trotz starker an der Regierung möglich gewesen wäre, diese Versprechungen einzulösen. So erleben wir bei diesen Parteien immer wieder dasselbe: Viele Versprechungen, nachher nichts halten. Und im nächsten Wahlkampf haben viele Wähler diese Lüge vergessen und folgen neuen VerspreMehr Vertrauen verdienen die Parteien, die im Verbesseren Zukunft abhängt. uuaf der Gamaft Darum sei in letzter Stunde noch einmat der Appell an alle Männer und Frauen gerichtet, im Sinne des Hindenburgprogramms die Parteien zu unterstützen, die sich hinter die von Hindenburg bestimmte Reichsregierung stellen. Wir dürfen uns dabei allerdings nicht der Hoffnung hingeben, daß das, was ernste und verantwortungsvolle Männer heute schaffen wollen, noch voll und ganz der gegenwärtigen Generation zum Vorteil gereicht; aber nach uns kommt die Jugend, die noch Jdealismus hat und in sich den Glauben an Deutschlands Zukunft bewahrt hat. Dieser Idealismus der Jugend muß auch uns ergreifen und Begeisterung erwecken, damit wir am 14. September unsere Stimme abgeben in einer Weise, die Deutschlands Zukunft verbürgt. Dieser Aufgabe sollte sich keiner entziehen, weder die Trägen noch die Verzagten, sondern alle Männer und Frauen gehören am 14. September an die Front, um für Deutschlands Wiederaufbau und Weltgeltung zu kämpfen. W. W Evang. Jugend im Wahlkampf. Der Wahlkampf, der diesmal auf allen Seiten mit besonderer Schärfe geführt wird, stellt auch uns Junge vor die Entscheidung. Und es geht in diesem Ringen, das merkt jeder, der auch nur einigermaßen imstande ist, unsere Zeit und ihre Fragen zu verstehen, um schwerste Entscheidungen, die die Zukunft unseres Volkes und damit auch unsere eigne Zukunft in nachhaltigster Weise bestimmen werden. Wie sollen wir uns entscheiden? Wohin sollen wir uns wenden? Umworden werden wir von allen Seiten, von rechts und links. Verständnislos steht zunächst mancher dem bunten Jahrmarkt der Parteien und Gruppen, die zum Wahlkampf aufmarschieren und ihre Parolen ausgeben, gegenüber. Es ist das Recht der Jugend, daß sie Klarheit und Entschiedenheit verlangt. Sie möchte ein klares Ziel sehen, dem sie sich ganz hingeben kann. Sie will heraus aus dem Halbdunkel unseres modernen Parteilebens, das doch letzten Endes nur noch ein Widerspiel der verschiedenartigsten Interessen und Interessengruppen deutet, ohne daß darüberhinaus positive Aufbauar eit geleistet würde. Darum nimmt es uns nicht wunder, wenn die Jugend, auch die evangelische Jugend, heute am meisten jener Partei sich anschließen möchte, bei der sie jen klare Linie, um die es hier geht, zu erkennen glaubt. Wir meinen den Nationalsozialismus. Ist es doch das Wesen dieser Bewegung, daß sie nichts mehr erwartet vom alten, heillos zerfahrenen System, sondern anstelle desselben eine neue Grundlage für einen Neu= und Umbau unseres gesamten öffentlichen Lebens schaffen möchte. Wie stellen wir uns als evangel. Jugend zum Nationalsozialismus? Die folgenden Ausführungen versuchen Gedanken und Eindrücke wiederzugeben, wie sie der Besuch einer nationalsozialistischen Versammlung brachte. Der nationalsozialistische Redner legte unter dem Leitgedanken„Was will Adolf Gitler“ die Hauptforderungen des nationalsozialistischen Programms dar. Es mag vorweg bemerkt werden, daß die nachfolgenden Darlegungen Gedanken eines durchaus politisch ungeschulten Jugendlichen sind, der in keiner Weise für sich ein reifes politisches Urteil in Anspruch nehmen möchte... Menrtzitung Man muß, wie mir scheint, in der Beurteilung der nationalsozialistischen Bewegung vor allem vom evangelischen Standpunkt aus grundsätzlich unterscheiden zwischen dem Nationalsozialismus als Partei und als Weltanschauung. Die parteipolitischen Forderungen des Nat.=Sozialismus, wie sie uns im Einzelnen gekennzeichnet werden, lassen sich von jedem deutsch empfindenden Menschen durchaus vertreten, ja, sie erscheinen auch uns als der Weg, der einzig und allein aus der immer beängstigender werdenden Notlage unseres Volkes herausführen könnte. Die Ausführungen des Parteiredners gipfelten in den folgenden Forderungen: Kampf allem ungerechten Besitztum, nicht dem Eigentum überhaupt, wohl aber allem Besitz, der auf unrechtmäßige Weise erworben und vermehrt und in volksschädigender Weise dem Dienst des ganzen Volkes entzogen wurde. Ferner: Kampf dem Judentum und seinen zersetzenden Einflüssen auf unser Volksleben, wieder nicht in der Weise, wie es von gegnerischer Seite immer wieder dargestellt wird und wie es uns manche Fanatiker der Bewegung selbst glauben machen. Man will den Juden unter das Fremdenrecht stellen, das ihm alle Rechte und Pflichten, die auch sonst für den unter einem fremden Volke lebenden Ausländer gelten, gewährt, darüber hinaus aber will man ihm verwehren, in der Weise, wie es jetzt der Fall ist, unser ganzes öffentliches Leben zu beherrschen. Es wird da aber doch noch eine wesentliche Vertiefung und Weiterführung des an sich richtigen Gedankens nötig sein. Es geht nicht an, daß man die jüdischen, unchristlichen Ein flüsse etwa auf dem Gebiet unseres Geisteslebens(Presse, Literatur, Theater, Kino) nur von außen abzuwehren sucht, wenn wir nicht in erster Linie eine innere Erneuerung unseres ganzen Volkslebens anstreben. Wenn, um ein Beispiel anzuführen, das der Redner selber anwandte, das Bielefelder Theater in seinem Spielplan diejenigen Stücke bevorzugen muß, die soeben an der Grenze des sittlich Einwandfreien stehen, weil das Theater sonst wirtschaftlich sich nicht halten könnte, dann hilft es doch nicht, daß man nur die fremden jüdischen Einflüsse, die hier bestimmt vorliegen, unterbindet. Es wird vor allem darauf ankommen, bei dem Volke, das ins Theater geht, die Aufnahmefähigkeit für Besseres und Höheres zu schaffen. Nur die positiven, aufbauenden Kräfte, die aus dem Christentum und dem eigenen Volkstum wieder erwachsen müssen, vermögen uns wirklich von den uns beherrschenden fremden Mächten frei zu machen. Der Redner sprach dann von der Stellung des Nationalsozialismus zu den kulturpolitischen Fragen(Kirche und Schule). Er bemühte sich, die grundsätzlich bejahende Einstellung des Nationalsozialismus zum Christentum, gleichviel, welcher besonderen konfessionellen Ausprägung, darzutun. Von jedem Mitglied der Partei würde diese positiv christliche Haltung verlangt. Dementsprechend tritt die N....P. auch für die christliche Schule ein. Damit waren wir nun hart an die Grenze des Weltanschaulichen der Bewegung geführt. Leider blieb uns eine restlos befriedigende Antwort hier versagt. Der einzige Diskussionsredner, der sich zu Worte gemeldet hatte, fragte nach der Stellung des National=Sozialismus' zur Botschaft des Christentums, zur Botschaft von Sünde und Gnade, von der Rechtfertigung des Sünders vor Gott. Der Referent antwortete ausweichend und begründete das damit, daß er theologisch nicht genug geschult sei, um auf diese Frage eingehen zu können. So blieb für uns diese Frage offen. Sie wird aber zur Genüge beantwortet durch das, was sonst über den Nationalsozialismus bekannt ist. Nun könnte man fragen, ob es überhaupt angeht, Christentum und Politik irgendwie in die rechte Beziehung zu einander zu setzen. Der nationalsozialistische Redner lehnte eine solche unmittelbare Verquickung von Christentum und Politik, wie sie etwa der Evangelische Volksdienst anstrebt, klar und entschieden ab. An einigen Beispielen suchte er nachzuweisen, wie die Vertreter dieser Gruppe bei der Ausübung ihrer parlamentarischen Tätigkeit in größte Schwierigkeiten und innerste Konflikte geraten, ein Beweis dafür, wie unmöglich dieses Unternehmen sei. Damit stehen wir von selbst vor der Frage nach dem Recht des Evangelischen Volksdienstes und unserer Stellung zu ihm. Die Einstellung der evangelischen Jugend dieser neuen Bewegung gegenüber wird eine verschiedene sein. Die einen sehen hier die Partei, die nun einmal gebildet ist, das Evangelium und seine Belange ganz positiv im öffentlichen Leben zu vertreten und zur Geltung zu bringen und möchten ihr darum freudig ihre Stimme geben. Indessen sehen die anderen die Fragwürdigkeit und Problematik der Sache, um die es hier geht und stehen zunächst abwartend und kritisch zur Seite. Wir tun gut, wenn wir die Einwände und Fragen der letzteren ganz ernst nehmen. Denn nur aus dem kritischen Nein läßt sich hier ein volles Ja gewinnen. Kann es, so fragt man, überhaupt so etwas wie eine christliche Partei geben? Ist nicht das Evangelium eine alles beherrschende und alles durchdringende Lebensmacht, die sich niemals in irgendein Parteiprogramm fassen läßt? Wird nicht ihre wirkende Kraft bald verloren gehen, wenn man es doch versucht? Unsere Antwort muß hier nein und ja sein. Eine Gruppe, die es wagt, das Christentum auf ihre Fahnen zu schreiben, und die es unternimmt, für die Sache des Evangeliums einzutreten, bedeutet immer ein großes Fragezeichen und schließt stets eine Gefahr in sich, die nie übersehen werden darf. Wir meinen die Gefahr, daß man allzu selbstsicher die Sache Gottes und seines ReiMarie von Ebner=Eschenbach. Zum 100. Geburtstage. Von Dr. Ernst Schmidt. Als der feinsinnige Julius Rodenberg um 1880 der 50=jährigen österreichisch=mährischen Dichterin Maria Ebner=Eschenbach Erzählungen aus der Heimat in seine „Deutsche Rundschau“ aufnahm und ihnen damit einen Platz neben längst anerkannten Dichtern der Zeit wie C. F. Meyer, Thecdor Storm und Gottfried Keller anwies, ahnte er kaum, daß er mit seiner entschlossenen Hilfe einer Schriftstellerin zu Ruhm und Ansehen verhalf, die 10 Jahre später schon über ihr engeres deutsches Vaterland hinaus berühmt und mit 80 Jahren zu den erlesensten Schriftstellerinnen deutscher Zunge gehörte, der nun ein Platz bei der Droste=Hülshoff gebührt. Auf dem Gute Zdißlavitz in Mähren wurde Marie am 13. 9. 1830 von einer evangelischen Mutter als der zweiten Frau des Grafen Dubsky geboren, um in jenen vormärzlichen, selbstbewußten, feudalen Kreisen des österreichischen Adels mit der human=pedantischen Staatsgesinnung Josefs II. aufzuwachsen. Das begabte junge Mädchen befaßte sich schon früh mit dem Aufschreiben von Parabeln, Märchen und Novellen, auch als sie längst schon mit ihrem Vetter, dem Offizier Moritz v. Ebner, verheiratet war. Schon früh war ein ihr gleichsam angeborener leichter Stil und eine angenehme Unterhaltungsgabe, gepaart mit scharfer Beobachtungsanlage zu bemerken. Formsicherheit, namentlich in feinerer Dialogführung, sichere Gegenständlichkeit, eigene Verstandesklarheit haben alle ihre Werke, die meist in der feinen, lässigen, oft müßigen österreichischen Gesellschaft spielen, in deren Sphären sie bisweilen seltsame Menschen als Streber und Glücksritter emporsteigen läßt. Ein äußerst feines, durchches zu vertreten glaubt, und dabei geht es im letzten Grunde um die eigene Sache und um die eigene Partei. Christliche Politik ist u. E. überhaupt nur möglich, wenn man sich stets dieser Gefahr, die auf uns lauert, bewußt bleibt, wenn man in jedem Augenblick bereit ist, sich unter jene kritische Frage des göttlichen Gerichtes, der jede christliche Lebensbetätigung untersteht, zu stellen. Aus dem allen ergeben sich zwei Forderungen, wie sie die evangelische Jugend aus dem Wahlkampf heraus zu stellen hat. Wir müssen auf der einen Seite die innerste Freiheit wahren, uns nach bestem Gewissen und Wissen aus der letzten Verantwortung heraus zu entscheiden. Wir können und dürfen uns grundsätzlich nicht für irgendeine Richtung unbedingt festlegen. Keine Partei darf für sich in Anspruch nehmen, die christliche zu sein und umgekehrt darf heute wohl kaum noch behauptet werden, daß der Christ als solcher irgendeiner Partei sich nicht anschließen könnte, da uns die Verbindung von Weltanschauung und Parteipolitik allzu fraglich geworden ist. Die zweite Forderung richtet sich an den Evangelischen Volksdienst, dem vielleicht viele aus der evangelischen Jugend am liebsten ihre Stimme geben möchten. Wir müssen verlangen, daß der Evangelische Volksdienst insofern wirklich hält, was er verspricht, daß er evangelische Männer und Frauen in die Parlamente entsendet, die in keiner Weise parteipolitisch gebunden sind, sondern die in unbedingter Gewissensfreiheit und wirklicher Verantwortlichkeit ihre Entscheidungen treffen. Mag dann ihre Politik auch noch so verloren und erfolglos erscheinen, wir sind des Glaubens, daß sie dennoch als ein rechtes Salz zum Leben unseres Volkes wirken. H. St. Wahren ist Pflicht. Der Wahlkampf ist jetzt in das letzte, das entscheidende Stadium eingetreten. Das Heer der Redner, das in den letzten Wochen allerorts in den Sälen aufmarschiert ist und den Wählermassen die ungeheure Bedeutung der Reichstagswahl für Gegenwart und Zukunft mit beredten Worten geschildert hat, wird jetzt zum letzten Male aufgeboten, denn nur noch einige Tage trennen uns vor dem 14. September. Ein wahrcs Trommelfeuer aus allen Wahlpropagandageschützen vom größten bis zum kleinsten Kaliber geht auf die Wähler nieder, Flugblätter besäen die Straßen und von den Litfaßsäulen leuchten in grellen Farben die unzähligen Wahlplakate, auf denen die Parteien von ganz rechts bis ganz links um die Stimmen des Wählers werben. Diese Wahlschlacht kostet sehr viel Geld, und derjenige, dessen politische Meinung feststeht, schüttelt vielleicht den Kopf über den ungeheuren Aufwand, der hierbei vertan wird. Wessen politische Meinung steht aber unbeirrbar fest? Bei Beantwortung dieser Frage ergibt sich zunächst, daß nur 10 Prozent der Reichstagswähler eingeschriebene Mitglieder einer Partei sind. Das ist die sogenannte„aktive“ Armee der Wähler, die man auf ungefähr vier Millionen Mann schätzen darf. Diesem aktiven Heer stehen etwa 38 Millionen weiterer Wahlberechtigter gegenüber, von denen ungefähr 15 Millionen ziemlich sichere Mitläufer bestimmter Parteien sind. Der Rest von 23 Millionen Wahlberechtigter umfaßt— nach den Ergebnissen der Reichstagswahl von 1928— etwa 10 Millionen Nichtwähler, sodann das Heer der Unentschiedenen, die noch zwischen den Parteien schwanken, und die Jungwähler, die erst jetzt das Wahlalter erlangt haben. Angesichts dieser Millionenziffern begreift man den Eifer der Parteien bei der Wahlpropaganda für den 14. September. Bedenkt man fernerhin, daß gerade bei dieser Wahl durch Parteiumbildungen innerhalb der Wählermassen eine starke Bewegung entstanden ist, die vor allem die Mittelparteien und die Rechte ergriffen hat, so darf man sagen, daß für die bevorstehende Reichstagswahl genügend Ueberraschungsmomente vorhanden sind, die die verstärkte Werbearbeit der Parteien hinreichend rechtfertigen. Aus dieser Zusammenstellung heraus erkennt oder besser gesagt, müßte auch der Nichtwähler seine Bedeutung erkennen. Wohlgemerkt, annähernd 10 Millionen Stimmen sind im Mai 1928 durch die Wahlaus frauenhaftes Einfühlen und Miterleben, auch mit niedrigeren Gesellschaftsschichten, war und blieb ihr eigen. Bei stark kritischer Veranlagung blieb sie sich in selbstbewußtem Ringen um Anerkennung ihrer schriftstellerischen Werte stets unentwegt gleich, bis ihr endlich, mit fünfzig Jahren, das lange ersehnte Glück hold wurde, und sie nunmehr bis zu ihrem Tode(1915) nicht mehr verließ. Als Kind hatte die Ebner schon den festen Vorsatz gefaßt, nicht ohne Hinterlassung— wenn auch der leisesten Spur— aus dem Leben zu scheiden. Freilich dauerte es lange, bis der große Ruhm herbstlichen Alters sich bei ihr einstellte. Aber sie vermochte sich noch bewegten und frischen Herzens darin zu sonnen. Als Erzählerin ist eben Marie Ebner=Eschenbach unmittelbar neben die freilich herbere und wortkargere Droste zu stellen. In der Erzählung offenbart sie jenen leichten Wiener Plauderton, der an Adalbert Stifter geschult war und dem sie Eingang in die deutschen Familien verdankte. Welch eine liebenswürdige, warme und poetische Natur zeigt sich uns in ihren Werken! Und wie sozial kann diese Aristokratin empfinden! Nicht, daß Marie das Volk verhimmelt; sie sagt ihm im Gegenteil deutlich und stark ihre abweichende Meinung über Volkswohlfahrt und=glück. In ihrem wohl noch heute bekanntesten Werke„Das Gemeindekind“ schildert sie uns mit viel warmer Anteilnahme das Wachsen, Streben und Werden eines Gemeindekindes, eines armen Jungen aus dem Hause eines Raubmörders. Das vielbewegte Leben läßt sie uns hier wie in ihren„Dorf= und Schloßgeschichten“ sehen und zu einem Zeitbild von bezaubernder Klarheit und Schönheit werden, trotz allen realen Scheinlebens und schicksalschweren Erleidens an sich und der Umwelt. In edler Sprache erzählt die Ebner ihre Geschichten aus Österreich und Mähren und den angrenzenden Slawengebieten, führt uns in die Kreise des Adels und der Bauern und auch der handwerklich schaffenden Dörfmüdigkeit, Gleichgültigkeit oder— sagen wir es rußig — Faulheit der Wahlberechtigten verlorengegangen; ein Recht, das einst so heiß erstrebt wurde, wird jetze — wo es von größtem Werte ist— von Millionen von Wahlberechtigten mit einer Gleichgültigkeit behandelt. die jeder Beschreibung spottet. Würde man ihnen aber das Wahlrecht, dieses wichtigste Recht des Bürgere wieder nehmen wollen, weil sie ja doch nicht davon Gebrauch machen, dann würden sie sich sicher mit Händen und Füßen wehren. Erst wenn es zu spät ist, wenn man in der gewählten Volksvertretung kurzer Hand über ihre Wünsche hinweggeht, merken sie, welch ein wertvolles Recht sie achtlos beiseite geworfen Nichtwählen heißt Verrat üben an all denen, die mit uns die gleichen Ziele und die gleichen Ideale haben. Wenn auch die Zänkereien der Parteien oft häßlich und abstoßend waren, so haben wir damit noch durchaus kein Recht, am Wahltage einfach zu Hause zu bleiben, sondern wir haben als Staatsbürger die Pflicht, durch unsere Stimmabgabe zu einer Besserung der gegenwärtigen Zustände beizutragen. Blei ben wir der Wahlurne fern, so haben wir uns nicht nu nicht unseres wichtigsten Rechtes als Staatsbürger begeben, sondern wir machen uns mitschuldig daran, das eine klare Willenskundgebung des gesamten Volkes nicht zustande kommt. Wir haben dann auch jedes Recht zur Kritik verwirkt. Daß die gegenwärtige Lage am deutschen Arbeitsmarkt, wie in der Wirtschaft eine ziemlich trostlose ist und manche Vorgänge in unserem politischen Leben in der letzten Zeit nicht gerade erfreulich waren, wird heute wohl von niemand bestritten werden; derjenige aber, der diese traurigen Zustände nicht bessert, sondern sie vielmehr verewigt, ist der Nichtwähler! Was der Wähler— diesmal also jeder— wissen muß. 1. Die Neuwahl des Reichstags findet am kommenden Sonntag, den 14. September 1930 in der Zeit von —17 Uhr(8 Uhr vormittags bis 5 Uhr nachmittags) statt. 2. Wählen darf und muß(Wahlrecht ist Wahlpflicht!) jeder deutsche Mann und jede deutsche Frau, die am 14. September ihr 20. Lebensjahr vollendet haben, im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte sich befinden und in den Wählerlisten stehen. Bei Soldaten ruht das Wahlrecht; Angehörige der Schutzpolizei besitzen es. 3. Jeder Wähler darf nur in dem für ihn zuständigen Wahllokal seine Stimme abgeben. 4. Wer während der Abstimmungszeit sich aus zwingenden Gründen außerhalb seines Stimmbezirks aufhält, erhält auf Antrag einen Stimmschein, der von der zuständigen Behörde ausgestellt wird. Mit diesem Stimmschein kann er an anderer Stelle wählen. Anträge auf Ausstellung eines solchen Scheins werden nur bis zum 12. September abends 7 Uhr entgegengenommen..,.. g8 v5 7n i mm h 5. Den Stimmzetter erhalt der Wahler im Wahllokal gleichzeitig mit einem amtlich abgestempelten Umschlag. 6. Mit Stimmzettel und Umschlag begibt sich der Wähler allein(!) in die Wahlzelle. Dort macht er mit einem Bleistift, den er am besten selbst mitbringt, ein Kreuz in den Kreis neben demjenigen Wahlvorschlag, dem er seine Stimme geben will. Es wird davor gewarnt, irgendwelche Zusätze oder sonstige Kennzeichnungen anzubringen, da der Stimmzettel damit unter Umständen ungültig wird. 7. Noch innerhalb der Zelle muß der gekennzeichnete Stimmzettel zweimal zusammengefaltet und in den Umschlag geschoben werden. Der Umschlag ist nicht verklebbar! 8. Mit diesem Umschlag, der den angekreuzten Stimmzettel enthält, begibt man sich zum Abstimmungsleiter. 9. Hier nennt man zuerst Straße und Hausnummer, dann seinen Vor= und Zunamen. Nachdem festgestellt ist, daß der Wähler in der Wählerliste steht, steckt der Wahlleiter den Umschlag mit dem Stimmzettel in die Urne. 10. Da der Abstimmungsleiter verlangen kann, daß sich der Wähler legitimiert, ist es zu empfehlen, Ausweispapiere mitzubringen. ler mit liebevoller Anteilnahme und Verständnis für die Nöte und Kümmernisse des kleinen Mannes ein. Geschichten wie das oben erwähnte„Gemeindekind“ oder auch das schlichtbürgerliche Stück„Lotti, die Uhrmacherin" oder in ihrem humorvollen„Komtesse Muschi“ liest man auch heute noch gerne. Die große Weite und Reinheit des edlen Frauenherzens offenbart sich in diesen Geschichten aus dem Leben ihrer und vergangener Zeit. Die stille und doch so bewegte Ausgeglichenheit in der Dichterin harmonischem Leben und ihrem Dichtergemüt weiß uns immer von neuem in ihren Bann zu ziehen. Ebner=Eschenbach hat das vor vielen Schriftstellern und Schriftstellerinnen voraus, daß sie durch tiefes Weltverstehen geläutert und mitleidig gemacht, doch nie verbittert ist, und durch ihren goldigen Humor auch den übelsten Dingen des Alltags noch etwas von lichten Sonnenfäden anzuhängen weiß. Ohne Schwärmerin zu sein, ist ihre Dichtung edel, klat und wahr. Es ist eine deutsche Erzählkunst, die sich meines Erachtens noch lange erhalten wird. Und das erst recht, weil sie eine deutsche Schriftstellerin ist, die um jeden Preis sauber in ihrer Absicht wie auch in der wahrlich nicht geringen Gestaltungskraft ihrer Kunstwerke ist. Daß sie auch die Gebiete menschlicher Leidenschaft zu gestalten und glaubwürdig lebendig zu bringen weiß, zeigt## „Kleiner Roman“ und manche der bei uns noch bekann“ ten mit Humor, ja, leiser Ironie durchwebten„Geschichten“: Religiöse und vor allen Dingen soziale Probleme sind es, die sie in ihren Geschichten aus dem Leben uns vorführt. Ebner=Eschenbach ist eine durchaus ernst zu nehmende Schriftstellerin, die auch jetzt noch in jedes deutsche Haus gehört und um ihrer unbedingten Reinheit und ihre? herrlichen Frauengemütes willen es verdient, immer ne ben der norddeutschen Annette Droste=Hülshoff genan und— vor allen Dingen gelesen zu werden. .... und Besicgie über Paneuropa. — Genf, 11. September. Heute ist Genfs großer Tag. Die Friedenskundgebung der Weltpolitiker, die jedes Jahr im Septemher erfolgt, hat die prominentesten Politiker, Staatsmänner, Parlamentarier und Presseleute, die berühmtesten Wirtschaftler und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens angelockt. Um 10,45 Uhr wird die Sitzung eröffnet. Titujescu thront in seiner bekannten Grandezza auf dem Präsidentenstuhl. Der kanadische Politiker Borden, einer der heftigsten Gegner der Ruhrbesetzung, spricht die ersten Friedensworte, die erste Verurteilung der Rüstungen aus. Wozu Locarno, wozu Kellogg=Pakt, wozu Kriegsverzichtsakte, wozu der Ruf nach moralischer Abrüstung, wenn die Riesenrüstungen nicht aufhören? * D e r f r a n z ö s i s c h e A u ß e n m i n i s t e r B r i a n d, der hierauf an das Rednerpult trat, stimmte seinem Vorredner darin zu, daß alle Friedensbemühungen etwas Unbestimmtes bleiben, wenn sie nicht als Gegenstück die Einschränkung und wenn möglich sogar die Beseitigung der Rüstungen haben. Um ja nicht etwa den Eindruck aufkommen zu lassen, daß Frankreich etwa seine Rüstungen vermehre, verwies Briand rasch auf die Londoner Flottenabrüstungskonferenz, auf der man einen erfreulichen Anfang erzielt habe. Weiter spielte er auf seine Besprechungen mit dem Vertreter eines benachbarten und befreundeten Landes"(gemeint ist Italien, d. Red.) an und sprach die Hoffnung aus, daß durch diese Verhandlungen weitere Möglichkeiten zur Seeabrüstung geschaffen werden. Ich habe mich, so rief Briand mit starker Betonung aus, in den Gedanken geradezu verbohrt, daß es so lange ich bin und wirke, keinen Krieg geben darf. Wenn irgendwelche Schwierigkeiten auftauchen, werden wir sie in Frieden und durch den Frieden regeln. Das ist eine Ehrenpflicht gegenüber den Nationen, die ihr Vertrauen auf uns setzen. Mit der Bemerkung, daß der Völkerbund sich mit allen, die internationalen Beziehungen berührenden Strömungen in Fühlung halten müsse, leitete Briand auf seinen Europaplan über. Er wolle dem Völkerbund keine Konkurrenz machen. Seine Pläne seien nur im Rahmen des Volkerbunds durchzuführen, ganz gleichgültig, ob es regionale oder Gruppenabkommen würden. Briand erstattete dann Bericht über seinen Fragebogen und die Antworten von 26 Regierungen, die teils günstig, teils weniger günstig gewesen seien. Alles in allem lasse sich nicht verschweigen, daß es Schwierigkeiten gegenüber seinen Plänen gebe, die sich nicht von vornherein erkennen ließen. Einig sei man in dem Gedanken und einig sei man darin, daß der Völkerbund allein berufen sei, diesen Gedanken der europäischen Union zu verwirklichen. Einen Gegensatz zwischen dem Völkerbund und einer europäischen Union gäbe es nicht. Der Völkerbund sei universal. Die bekanntesten Friedenspolitiker hätten erklärt, daß man nur verlieren und nichts gewinnen könne, wenn nicht der europäischen Zerrissenheit ein Ende bereitet würde, unter der Sieger und Besiegte gleich stark leiden. Die wirtschaftliche Depression weise den Weg des Zusammenschlusses. Briand schloß mit einem Appell an die Vollversammlung, die europäischen Nationen in ihren Bestrebungen, sich zusammenzufinden, zu unterstützen und den Gedanken einer Konkurrenz fallen zu lassen. Europa wünsche aus Genf zu hören:„Vorwärts, ihr seid auf dem Weg zum Frieden!“ * Briands Echo in Frankreich. Alle Pariser Blätter loben Briand. — Paris, 12. September. Die große Pariser Presse hat Donnerstag abend nur Platz für die Genfer Rede Briands. Alle Blätter zollen seinen Ausführungen volle Anerkennung. Der„Temps“ behauptet, der Einfluß Briands auf den Völkerbund erweise den französischen Interessen und den Fragen, die Frankreich zum Besten der gesamten Menschheit verteidige, große Dienste. Briand habe die Frage von Paneuropa mit nicht zu übertreffender Klarheit dargelegt. Der Völkerbund müsse jetzt das Seine tun. Die„Liberté“ stellt fest, daß Briand aus Höflichkeit dem englischen Außenminister bereits am Mittwoch die große Linie seiner Rede mitteilen ließ, damit er dementsprechend antworten könne. Der KUugn...., Kundgebung der Staatspartei im Berliner Sportpalast. Bei einer großen Kundgebung der„Deutschen Staatspartei“ im Berliner Sportpalast, bei der Angehörige des „Jungdo“ und des„Reichsbanners“ den Saalschutz stellten, sprachen Koch=Weser, Oskar Meyer, Mahraun und Finanzminister Dr. Dietrich. Dr. Dietrich, dessen Ausführungen angesichts der trostlosen Finanzlage besondere Bedeutung zukommt, führte u. a. aus, der kommende Reichstag werde die Notverordnungen bewilligen müssen, wenn anders er überhaupt arbeitsfähig sein und große Gefahren abwenden wolle. Der Minister erklärte weiter, das deutsche Volk habe unter der Republik trotz aller noch bestehenden Fesseln mehr geleistet als irgend ein anderes europäisches Volk unter der Diktatur. Er wandte sich weiter gegen die Wahlagitation der Gegner und vor allem der Wirtschaftspartei, wobei man aber Herrn Dr. Dietrich daran erinnern darf, daß die Agitationsmethoden der Staatspartei auch nicht gerade vorbildlich sind. Reichsjustizminister Dr. Bredt über die Air. In einer Wahlversammlung der Wirtschaftspartei in Stettin erklärte Reichsjustizminister Bredt, seit der Stabikifierung seien die Rescheau. von 6 auf 13 Milliarden Mark gestiegen. Die Arbei### losigkeit bereite uns heute die größte Sorge. Ob wir bereits den Höchststand erreicht haben, sei schwer zu sagen. Die Steuern seien in der heutigen Höhe nia### mehr einbringbar. Ohne Ausgabensenkung könne nicht mehr weiter gearbeitet werden; wir seien mit unserer Steuerkraft zu Ende. Schiele zur Agrarpolitik. Reichsernährungsminister Schiele Fagskggen Rundfunk über„Gegenwarts= und Zukunfte-greg. der Agrarpokitir“. Er sagte u..: Es; ein Antang von entscheidender Bedeutung auf dem tzrigergerum gemacht. Das Steuer in der Agrarpotitn is 9. geworfen. Ob wir den Kurs auch künftig werden halten können, hängt von der politischen Kräfteg rung nach den Wahlen ab. Agraxpolitik Wahrung des bäuerlichen, bodenstanvigen Elementes im Staatsleben. Bauer und Staat müssen eine Einheit bilden, wenn das Vaterland in Kraft und Freiheit bestehen soll. 7115 Reichstagskandidaten. Weniger Wahlvorschläge, aber mehr Nach Feststellungen des Reichswahlleiters sind für die Reichstagswahl 565 Kreiswahlpgeggge Reichewahlvorschläge, insgesamt schläge zugelassen, gegenüber 642 gen und 31 Reichswahlvorschläge gleich 673 Wahl; vorschlägen bei den Reichstagswahlen am 20. M 1928. Die Zahl der Wahlvorschläge ist mithin zur Die Zahl der Bewerder beträgt auf zag freiß, den Reichswahlvorschlägen 464 (427 männliche und 37 weibliche Bewerber), zusammen 7115(6478 männliche und 637 weibliche Bewerber). Bei der Reichstagswahl am 20. Mai 1928 waren 6209 Bewerber vorhanden, davon 5718 männliche und 491 weibliche Bewerber. Die Zahl der Bewerber insgesamt ist mithin um 906, die der männlichen Bewerber um 760, und die der weiblichen Bewerber um 146 gestiegen. Die Bedeutung des Abstimmungsvorstandes. Das Tragen von Abzeichen untersagt. Wie der Reichsinnenminister in einem Schreiben an die Landesregierungen betont, ist der Abstimmungsvorstand ein staatliches Organ zur Vornahme der Wahl. Seine Mitglieder bekleiden ein staatliches Ehrenamt. Sie werden durch Handschlag verpflichtet. Ungeachtet des Umstandes, daß bei Berufung der Beisitzer die verschiedenen Parteien zu berücksichtigen sind, sind die Mitglieder des Abstimmungsvorstandes zu strengster Unparteilichkeit verpflichtet. Die Mitglieder des Abstimmungsvorstandes haben bei ihrer Amtsführung diejenigen Rücksichten zu nehmen, die durch ihre Stellung als Mitglieder eines staatlichen Organs bedingt sind. Sie haben besonders parteiliche Kundgebungen zu vermeiden, die wie das sichtbare Tragen gewisser Abzeichen sind, bei Andersdenkenden berechtigten Anstoß zu erregen. Der Abstimmungsvorsteher wird den Mitgliedern des Abstimmungsvorstandes, die mit tischen Abzeichen erscheinen, nahezulegen, haben, Abzeichen während der Ausübung ihrer Lalchlen al zulegen. Wird diesem Ersuchen nicht entsprochen, so hätte der Abstimmungsvorsteher den rend der Abstimmungshandlung durch einen anderen Wähler zu ersetzen. Henderson für Abrüstung. Sicherheit erst möglich durch Abrüstung. Der englische Außenminister Henderson griff heute nachmittag in der Völkerbundsversammlung mit einer großen Rede in die Aussprache ein. Er ebenfalls ausführlich die Paneuropa=Frage, stellte ihr aber mit einer zweifellos berechneten Entschiedenheit die Frage der Abrüstung an die Seite. Hiervei ließ er deutlich durchklingen, daß der französische Standpunkt, wonach für das Maß der Rüstungen die Sicherheit ausschlaggebend sei, der englischen Auffassung nicht entspricht. Nach Hendersons Darlegungen wird die Sicherheit erst gewährleistet, wenn die im Bölkerbundsstatut vorgesehene allgemeine Abrüstung durchgeführt ist. Die Rede Hendersons klang aus in den Wunsch, daß das kommende Jahr endlich die seit langem fällige Weltabrüstungskonferenz bringen möge. Henderson widmete zunächst den verstorbenen Staatsmännern Stresemann und Nansen ehrende Nachrufe und kam dann auf den Europaplan Briands zu sprechen. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß nach Unterbreitung dieses Planes vor der Versammlung ein Gedankenaustausch einsetzen werde, der zu praktischen Ergebnissen führe. Hierbei müßten sich die Regierungen darüber vergewissern, daß der endgültig vorgeschlagene Plan völlig vereinbar mit den internationalen Verpflichtungen des und daß der Plan die Abrüstungspolitik der Versammlung erleichtern verde. pirtschaftlichen Arbest Henderson ging dann zur Wittschchtlichen Ardeit des Völkerbundes über. Die Ereignisse der,## Monate hätten klarer denn je bewiesen, daß die Welr eine wirtschaftliche Einheit sei, daß die einzelstaatliche Aktion an sich den Ursachen der Weltdepression ohnmächtig gegenüberstehe. Zur Frage der Schiedsbarkeit übergehend, erklärte Henderson, England bringe allen Maßnahmen zur Verhütung und Bekämpfung des Krieges Symexgtezigoate gegen. Es sei bereit, alle derartige Sicher-ußnahmen zu ratifizieren, doch unter daß ein allgemeiner Vertrag zur Herabsetzung und Beschränkung der nationalen Rüstungen durchgefuhr werde. Nur dann seien die Völker wirklich von der Bedrohzung durch den Krieg frei. Die Spizigzzeiz, unmöglich, wenn der Wettbewerb in den Vorbereitungen, wie er jetzt im Gange sei, fortdauere. Es ist, so rief Henderson aus, doch niemand unter uns, der nicht wüßte, daß von allen Sicherheitsmaßnahmen die Abrüstung an sich die wichtigste Wir können den Zweck, für den der Völkerbund geschaffen worden ist, nur dann erfüllen, wenn wir bereit sind, einen allgemeinen Abrüstungsplan durch internationale Verständigung durchzuführen. Die in Artikel 8 der Völkerbundssatzung enthaltene Verpflichtung, eine allgemeine Herabsetzung zuter, Ctipsngrartzeng der nationalen Streitkräfte durch international Verträge herbeizuführen, ist noch nicht eingelöst worden, obwohl sie vor elf Jahren eingegangen worden ist. Die Jahre gehen dahin, und doch bildet diese Bei pflichtung einen Teil des Friedensvertrages und ist nicht weniger geheiligt als irgendeine, andere Verpflichtung, die in diesen Verträgen enihntten ist. Durch diese Verpflichtung ist jede Regierung im Völkerbund gebunden. Die Völker der Welt werden ungeduldig und zweifeln an unserem guten Willen. Henderson fügte unter Bezugnahme auf die Londoner Konferenz hinzu, er wolle nicht jeden Fortschritt auf diesem Gebiete der Abrüstung in Abrede stellen. Wenn die Flottenabrüstung aber nicht allgemein durchgeführt werden kann, wenn sie nicht ergänzt werden kann durch die Einschränkung und Begrenzung der Land= und Luftstreitkräfte, so werden die Friedensverträge nicht ausgeführt worden sein. Die Völkerbunds. satzung wird unerfüllt bleiben und der Friede Europas und der Welt wird nicht gesichert sein. Die Zeit für praktische Ergebnisse ist jetzt gekommen, und wir hossen daher, daß der vorbereitende Ausschuß im November seine Aufgabe tatsächlich endgültig vollenden wird. Wir hoffen, daß die Weltabrüstungskonferenz vom Völkerbundsrat auf nächstes Jahr einberufen werden kann und daß wir in absehbarer Zertzefigen, denden Schritt zur Erfüllung gi, die wir hier veruns alle binden, tun werden. En, ei wir hier vei sammelt find, sind Hüter des Friedens der Welt und des Lebens und Glückes nicht nur der gegenwärtigen Generation, sondern unserer Kinder und noch ungeborener Geschlechter. Solange die Erinnerung an den großen Krieg noch unter uns ist, haben wir eine unschätzbare Gelegenheit, jenen nächsten Krieg unmöglich zu machen, der, wenn er kommt, noch schrecklicher und zerstörender sein wird als der letzte. Ich appelliere an alle hier versammetten Nationeu, sich zusammenzuschließen in dem gemeinsame starten Bemühen, das große Ziel, für den der Vötlerbund geschaffen ist, zu erreichen. :: Wiedervereinigung des Zentrums und der Bayerischen Volkspartei? In einer Zentrumsversammlung in Bonn ergriff dieser Tage auch der Vorsitzende der Reichstagsfraktion der Bayerischen Volkspartei, Prälat Dr. Leicht, das Wort. Es ist dies das erste Mal seit der Trennung der beiden Parteien, daß ein Führer der Bayerischen Volkspartei in einer Zentrumsversammlung erschienen ist und die Politik der Zentrumspartei verteidigt hat. Die Wiedervereinigung der beiden Parteien scheint danach nur eine Frage der Zeit zu sein. Verstärkter Pokizeischutz in Berlin. Mit Rücksicht auf die gestrigen Krawalle vor dem ein Seamter von rissen purde, hat die Polizei verod Für den kommenden Wahlsonntag ist die getürten,„erftne, höchse Alarsamte Berliner Schutzpolizei auf die höchste bomentote gesellt wnden. seiner Wahlpflicht uu genügen. Hoffentlich weiß der deutsche Außenminister sich den klaren Standpunkt Hendersons zunutze zu machen. Vorstoß in der Minderheitenfrage. Deutscher Antrag in der Bölterbundsversammlung. — Genf, 11. September. Die deutsche Völkerbundsabordnung hat beim Präsidium der Völkerbundsversammlung einen Antrag gestellt, der die Behandlung der Minderheitenfrage in dieser Tagung sicherstellen soll. Deutschland beantragt, den Teil des Jahresberichts des Generalsekretärs, der sich auf die Minderheitenfrage bezieht, dem zuständigen 6. Ausschuß zu überweisen.„ gsellung Minderheitenfrage wiederbelt, B. gasierungen des Schutze der Minderheiten mit dem Ziele, ihre restlose Durchführung zu sichern. Reichsaußenminister Dr. Cuct#us hat übrigens in den letzten Tagen mit den Minderhefteitgenportern, die an dem Venser Rattonak iunß sicheuger die Wünsche haben, Fühlung genommen und fia, arer die Wunig. und Beschwerden der Aeinoerheiten unterrichtet. Miunuunununnuungunungumnunsch Fällt der Saarbahnschutz? Italienischer Bericht an den Bölkerbundsrat. Die vom Völkerbundsrat angeregten Ausschußverhandlungen über die Frage der Zurückziehung der 250 französischen„Bahnschutz=Soldaten“ aus dem Saargebiet führten zunächst zu dem Beschluß, den Präsidenten der Saarregierung, Wilton, zu beauftragen, Vorschläge vorzulegen, wie die Aufrechterhaltung der Ruhe im Saargebiet nach Abzug der französischen Besatzungstruppen gerantiert werden könnte. Tarauf hat Wilton eine Reihe von Vorschlägen unterbreitet. Scialoja wird nunmehr einen Bericht ausarbeiten, der einem Ratsentscheid als Grundlage dienen soll, der am Freitagnachmittag fallen wird. Die Vorschläge Wiltons werden vorläufig geheimgehalten, doch soll Wilton, dem Pariser„Journal“ zufolge, erklärt haben, daß es gar nicht schwierig sei, diese Soldaten zurückzuziehen. Unter diesen Umständen würde die Annahme der deutschen Forderung am Freitag, also vor den Reichstagswahlen, angekündigt werden. * Englisches Arteil über das Saarproblem. „Der Bahnschutz eine Verletzung des Friedensvertrages.“ Das bekannte englische Blatt„Manchester Guardian“ schreibt, die Debatte im Völkerbundsrat über die Beibehaltung der französischen Truppen im Saarjebiet werde die Aufmerksamkeit Europas von neuem sarauf lenken, daß nach wie vor auf dem Kontinent eine ernste Ursache zu Reibungen bestehe, die weiterhin Deutschland und Frankreich trenne. Jetzt, wo die Franzosen nicht länger im Rheinland stehen, sei es schwer einzusehen, mit welcher Berechtigung ihre Truppen weiter im Saargebiet verbleiben, denn der Schutz des Saargebiets selbst sei allein eine Frage für die Verwaltungskommission des Völkerbundes. Die augenblickliche Lage verletze deutlich den Geist des Artikels 30 des Anhangs zum Friedensvertrag, der sich mit der Verwaltung des Saargebiets befaßt. Das Blatt zweifelt nicht daran, daß im Jahre 1935 die Bevölkerung des Saargebiets fast einmütig für den Wiederanschluß an Deutschland stimmen wird. Dies werde in Paris ebenso klar erkannt wie in Berlin.„Manchester Guardian“ hält weiter die technischen Schwierigkeiten, die einer baldigen Regelung des gesamten Saarproblems im Wege ständen, nicht für bedeutend, glaubt aber, daß die politischen Differenzen die Aussichten auf eine vernünftige Regelung gefährden. Die Anwesenheit zweier so versöhnlicher Staatsmänner wie Curtius und Briand biete in Genf eine Gelegenheit zu einer allgemeinen Vereinbarung, die die Lösung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten ziemlich leicht machen müßte. Französische Manöver in Lothringen beendet. * Die Manöver in Lothringen sind abgeschlossen worden. Kriegsminister Maginot wohnte der letzten Phase der Kämpfe persönlich bei, die sich um die Ferme de Léomont abspielten, die im September 1914 der Schauplatz eines erbitterten Ringens war. Indische Konferenz am runden Keine Vertreter des allindischen Kongresses. Die englische Regierung veröffentlicht jetzt das Verzeichnis der britischen und indischen Vertreter, die an der allgemeinen Konferenz„am runden Tisch“ teilnehmen werden. Der„Allindische Nationalkongreß", die stärkste Partei Indiens, hatte es abgelehnt, Pertreter zu entsenden. Das Verzeichnis der Delegierten zeigt jedoch, daß alle anderen politischen Parteien, alle Gemeinschaften und Rassen, sowie die Landwirtschafts= und Handelsorganisationen bei der Konferenz vertreten sein werden. Bemerkenswert ist, daß die Frauen Indiens sowie die„Ausgestoßenen"(Parias), deren Zahl 60 Millionen ausmacht, Delegierte entsenden werden. „Morning Post“ meldet aus Simla, der indische Flügel der Delegierten für die Konferenz am runden Tisch zeige eine derartige Zusammensetzung, daß der Simon=Bericht auf der Konferenz die schärfste Kritik erfahren werde. In einem Leitartikel schreibt das Blatt, es würde noch interessanter sein, die Liste derer zu besitzen, die die Einladung zur Konferenz abgelehnt haben. Nachdem die indische Regierung eine Absage von den Extremisten erhalten habe, versuche sie es nach Möglichkeit mit den Gemäßigten. Wieder Unruhen im nördlichen Annam. —Paris, 12. September. Nach einem Bericht des Generalgouverneurs von Indochina ist es in verschiedenen Ortschaften von Nord=Annam in den drei Tagen dieser Woche wieder zu Unruhen gekommen. Die Polizei mußte von der Schußwaffe Gebrauch machen. Dabei wurden 5 Personen getötet und 5 verletzt. macht Schule. Rußland will ein Luftschiff bauen. — Kowno, 12. September. Wie aus Kowno amtlich gemeldet wird, hat der Rat der Volkskommissare Volkssammlungen von Geldern für den Bau eines großen Luftschiffes nach dem Muster des„Grafen Zeppelin“ gestattet. Das Luftschiff soll noch Ende dieses Jahres in Leningrad gebaut werden und den Namen„Lenin“ erhalten. Verschiedenes. „Heissa— wir sind jung!“ So heißt der neue Jungscharfilm, den die Filmstelle des Reichsverbandes der evangelischen Jungmännerbünde in diesen Wochen fertiggestellt hat. Er ist nach einem Manuskript von Dr. Wilkes, Barmen, bearbeitet worden. Völlig lebenswahr, mit feinen, oft glänzend gelungenen Aufnahmen kann er als ausgezeichnetes Werbemittel empfohlen werden. Die Handlung ist durchweg lebendig. Großaufnahmen charakterisieren wirkungsvoll besondere Momente. Im Film wird die Welt der Jungen wiedergegeben, wie sie heute ist: Großstadtnot in den Straßen und Höfen Hamburgs, Irrwege, Spannungen, Erlebnishungeim Leben der Jungen. Deutlich tritt der selbstlose Führer dienst in der evang. Jungschararbeit in die Erscheinung Durch Spiel, gemeinsames Singen, spannende Erzählung und Andacht, werden die Zusammenkünfte der Jungen ge. zeigt. Ein frohes Zeltlager wird lebendig: Weckruf, Lei. besübungen, Flaggenaufzug, Morgenandacht, Baden uim Den Film steigert dann ein Geländespiel, als dessen Höhe, punkt ein heißer Kampf mit Wurfspeeren gezeigt wird Der Film schließt mit dem Zeichen des Ankerkreuzes und der über einer marschierenden Gruppe erscheinenden Lg. sung:„Mutig voran!“. Die Filmlänge beträgt 1400 m Vorführungsdauer 1½ Stunde, Leihpreis 25.— RM. Es ist zu wünschen, daß der Film in unseren Gemeinden rechte Beachtung findet und zur Förderung unserer Jungschararbeit beiträgt. Der Film kann durch die Filmstelle des Reichsverbandes, Dresden A 1, Kaulbachstraße 7 bezogen werden. G. Kirchennachrichten für Zion. Sonntag, den 14. September 1930. 13. S. n. Trin. 8½ Uhr: Pastor v. Bodelschwingh; 9 Uhr: Pastor Tegtmeyer anschließend Beichte und Abendmahl; 10 Uhr: Pastor Wilmanns: 11½ Uhr: Kindergottesdienst; 16½ Uhr, Sarepta: Beichte und Abendmahl für Alte und Gebrechliche der Gemeinde.— Montag 20¼ Uhr, Gosen: Gemeindebibelstunde.— Donnerstag 19½ Uhr: Pastor Bischoff. Eine Abendmahlsfeier mit vorhergehender Beichte besonders für Alte und Gebrechliche der Gemeinde findet am Sonntag um 16½ Uhr in Sarepta statt. Kirchennachrichten für Schildesche. Sonntag, den 14. September 1930, 8 Uhr vorm.: Frühgottesdienst, Pastor Hopmann; 9 Uhr vorm.: Kinderlehre für die Konfirmierten von Pastor Hopmann; 9 Uhr vorm.: Kinderlehre für die Konfirmierten von Pastor Dahlmann; 10 Uhr vorm.: Hauptgottesdienst, Pastor Neuhaus; 1½ Uhr nachm.: Kindergottesdienst. Dienstag, den 16. September 1930, 8 Uhr abends: Bibelstunde in Untertheesen. Bethel. Christlicher Verein junger Männer. Heute, Freitag, 8½ Uhr Bibelstunde in Gosen. Hebr. 12, 18—24. Am Sonntag, den 14. Sept., 7½ Uhr findet im Assapheum ein Lichtbild=Abend statt, gehalten von Herrn Direktor Manger, ausgewiesen aus dem Elsaß.„Land und Leute im Elsaß“ ist das Thema des Abends. Unsere Augen und Gedanken werden hingelenkt auf ein verlorenes Land. Als Abschluß des unruhigen Wahlsonntages können wir diesen Lichtbildabend nur herzlich begrüßen. Im Programm noch musikalische Beigaben.— Herr Manger singt ein Lied in der Original=Uniform eines Fremdenlegionärs. Programm 40 und 20 Pfennig. Schriftleitung: W. Kraa, Wirtschafts= und Weltpolitik: Dr. H. Huttel, Anzeigen: K. Diekmann, alle in Bethel. Zuschriften für die Schriftleitung: Bielefeld. Schließfach 28. Für Geldsendungen Postscheckkonto: Hannover 67377,„Aufwärts“, Christliches Tageblatt, Bethel b. Bielefeld. Fernruf 3911/3916, Amt Bielefeld. Druck und Verlag: Anstalt Bethel. unserer Klisabeth wurde uns am heutigen Sonntag eine gesunde Ruth geschenkt. Kigalama(Ostafrika), den 7. September 1930, Dastor Otto Hagena und Frau Adelheid geb. 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Jedenfalls wirkt ein Bekenntnis wie eine Fahne, wie ein Zeichen, um das man sich schart; wie ein Zeichen, das auch dem Gegner kund tut: hier sind wir, wir stellen uns, stellen Wahrheit und Recht unsres Wollens offen heraus, wir rechtfertigen, was wir denken und tun. Gewiß, es gibt Menschen, die unter falscher Flagge segeln. Politisch so gut wie kirchlich. Mit denen haben wir es hier nicht zu tun. Ihr Vorhandensein ändert nichts an dem Lebensgesetz, daß alle wirkliche Gemeinschaftsverbundenheit sich ein Bekenntnis formt, in dem sie ausspricht, was der tragende Grund ihrer Gemeinschaft ist. Selbst die Behauptung, bekenntnislos zu sein, wäre noch ein, wenn auch negatives, Bekenntnis. So stark ist das Formgesetz, nach dem sich aller Geist einer Gemeinschaft durch die Aussprache dessen, was die Gemeinschaft begründet, immer ein Bekenntnis schafft. Darum kann man auch die Geschichte einer Gemeinschaft am Tiefsten verstehen als das immer neue Ringen um die Erfüllung des Anspruchs, der in ihrem Bekenntnis von dem Geist her, der sie begründete, an sie selbst gestellt wird. Deshalb ist es schon recht: „An ihrem Bekenntnis werden Wahrheit und Recht der gesamten Lebenseinstellung einer Gemeinschaft offenbar.“ Und zwar: nicht nur so, daß ein in Worte gefaßtes Bekenntnis allein Maßstab der Lebensberechtigung der Gemeinschaft wird, sondern immer zugleich so, daß der Einklang zwischen verfaßtem Bekenntnis und tatsächlich praktischem Lebensverhalten dabei mitentscheidet. Denn: klafft eine Kluft zwischen dem Geist des verfaßten Bekenntnisses und der wirklichen Lebensbewährung der Gemeinschaft, dann ist über eines von beiden das Urteil gesprochen. Das alles gilt selbstverständlich auch von der Gemeinschaft der Kirche, ja von ihr in besonderem Maß. Nur im Augenblick des Entstehens eines Bekenntnisses kann is ohne weiteres als Ausdruck der vorhandenen Lebenshaltung der Gemeinden angesehen werden, so daß jene beiden Fragen zusammenfallen. Jedes geschichtliche Zurückschauen auf ein aus der Vergangenheit übernommenes Bekenntnis stellt aber unabweisbar die entscheidende Frage nach dem Sinnzusammenhang von einst verfaßtem Bekenntnis und gegenwärtiger tatsächlicher Lebenshaltung der Kirche. Das gilt ebenso bezüglich der aus den Jugendtagen der Christenheit übernommenen Bekenntnisfassungen des christlichen Glaubens als von den reformatorischen Bekenntnissen, etwa dem Augsburger von 1530. An ihnen ist mit ganzem Ernst das gegenwärtige Lebensverhalten der Kirche zu messen. Historische Erinnerungen sind notwendig und nützlich, und wenn es stolze sein dürfen, so begründet das besonderen Dank. Aber wenn die Erinnerung der Frage aus dem Weg geht, ob und in welchem Sinn denn unsre kirchliche Gegenwart jenen Zeiten des neugebornen, evangelisch reformatorischen Willenslebens verbunden sei, ob unser kirchliches Lebensverhalten dem Geist jener Bekenntnisse entspreche—, dann bleibt sie eitel, leer und oberflächlich, trotz aller großen Worte. Nicht also das ist die Frage, ob die Fahne von einst noch weht, sondern vielmehr, ob es noch unsre Fahne ist, die da weht. Dann allerdings soll sie auch wehen! Nicht aufgerollt verstauben, sondern führen, einen, verbinden und binden, nicht Museumsstück aus der Vergangenheit, sondern die Kräfte sammelndes Sinnbild im gegenwärtigen Lebenskampf. E. M. S. Verstehen! Als das letzte Völkerringen soweit vorgedrungen war, daß bald die ganze Welt in Brand stand, und es klar wurde, daß diese Zustände nur auf Zerrüttung aller Lander herauslaufen würden, da beschloß man,— mit den Waffen des Geistes gerüstet zusammenzutreten zur Herbeiführung der Aussprache und der Verständigung unter den Völkern. Es fanden sich Vermittler unter den Stämmen, die im Dienste dieser Idee wirken wollten und so einen Bund der Völker bildeten. So wurde und wird an diesem Werk gearbeitet; und die Zukunft soll weiter daran bauen, bis das einigende Ziel erreicht ist, dessen Bestreben allerdings trotz der vergangenen Jahre bis heute noch keine Frucht zeitigte. Ja, man sagen, daß das Verstehen in keiner Weise durchdringend gefördert wurde. Es bildeten sich vielmehr im Einzelvolk nur neue Meinungsverschiedenheiten durch das zustimmende oder ablehnende Verhalten der Bürger, den Arbeiten der Reichsvertreter gegenüber. Und so rollt die Zeit weiter mit ihren vielen Schwierigkeiten und Gegensätzen, die durch die Not, ja durch die zu frühe Notreife der Menschenkinder, in ihr lebendig werden, die bei einem jeden das starke Selbstbewußtsein, die vorzeitige Selbständigkeit und die daraus erwachsende Selbstsucht stark erwecken. Damit ist nun auch die naturgeborene Gemeinschaft der„Familie“ untergraben. Denn„Familie“ heißt: verkraulich, und dies sollte so ein Zusammenschluß der körperlich und geistig verbundenen Menschen sein, von denen jeder zum Bestehen des Ganzen sein Teil beitragen muß. Ja, besser gesagt, einen Teil seiner selbst aufgeben muß, damit ein harmonischer Vielklang entstehen kann. Aber da die Basis des Gegenwartsmenschen mehr denn je Egoismus wurde, der nur auf das Einzelfortkommen bedacht ist, so muß auch davon die Familiengemeinschaft untergraben werden, denn keiner findet Zeit zum Verstehen der anderen Glieder, wonach sich doch im tiefsten Grunde ein jeder sehnt. Aber kannst du Einzelmensch zum Verstehen der Mitmenschen untereinander beitragen? Du, der du dich selbst nicht verstehst??? Ja, vermagst du denn deiner eigenen Seele Sehnen zu erhorchen? Ihrer Sprache zu lauschen??!— Wenn,— dann würde sie, die sich nach Freiheit und Reinheit sehnende, nicht so unruhig umherflattern, wie ihr Spiegelbild— die Augen— es verraten, deren Blick die Unstetigkeit auslebt! Vermagst du das Widerspiel der guten und bösen Mächte in dir zu entwirren?? Kannst du Herr werden deines Gedankenlebens?, ist es da nicht oft, als wenn sich eine dir unbekannte Macht eingeschlichen hätte, die dich befremdend, aber zugleich beherrschend erfaßt—?? Nun, was tust du als denkender Mensch, wenn du den Sinn eines Kunstwerkes nicht erfassen kannst? Du wirst doch auf allerlei Weise versuchen, den Schöpfer und seine Zeit kennenzulernen, um dann seinen Gedankengängen tiefer nachgehen zu können, die dir das Verständnis für sein Werk erschließen. Also darum wage dich dem Schöpfer, dem Meister deiner selbst zu nahen, damit Er dazu verhelfe, den tiefen Sinn deines Lebens vor dir klarzulegen. Er, von dem geschrieben steht: „Er schuf den Menschen Ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf Er ihn.“ Aber das ist ein Wort, das fast das Mißverstehen noch größer werden lassen könnte. Denn in keinem seiner Geschöpfe kann doch der Meister heute sein Ebenbild finden. Seine göttlichen Augen vermögen wohl das Wesen seiner Geschöpfe durchdringend zu erkennen; jedoch uns wurde und wird der Blick zu Ihm verdunkelt durch die dunkle Sündenwolke, die sich seit Jahrtausenden trennend zwischen Mensch und Gott lagert und den Menschen hindert, klar seine Seele zu erfassen und zu erkennen, wie ihr Leben sein sollte. So wandert er unsicher und gegen sich selbst verständnislos dahin und muß darunter zusammenbrechen, wenn er nicht ein Verstehen für die Not seiner Vereinsamung findet. Die Einen suchen die aufklärende Wahrheit darüber bei Menschen der Vergangenheit und Gegenwart und forschen in ihren Nöten, um auch die eigenen darin wiederzufinden und den Weg ihrer Erlösung zu erfassen. Aber sie, die den Menschen durch Menschengeist und Verstand erlösen wollen, geraten in die Tiefen des Nichtverstehens, die Gemüt und Seele zu verwirren und ersticken drohen. Die anderen, die nicht wagen in die Lande des Unsichtbaren, der Verantwortung zu steigen, aus geheimer Furcht vor sich selbst, bleiben darum an der Oberfläche und leben den Tag so, wie er kommt, die Ursachen der Schwierigkeiten bei anderen und den Dingen der Umwelt uchend..5 Und durch beide, die Selbsterloser und die oberflächlich dahin lebenden, wird die große Reibung im Zusammenleben der Menschen untereinander nur verstärkt, so daß die Funken des Mißverstehens dahinstoben, und daraus die vernichtenden Flammen der Mißgunst und der Verhärtung der Sinne gegeneinander, aufzüngeln; so wie wir es erleben in Volk und Familie. Ja, es gibt kein Verstehen von Mensch zu Mensch, wenn nicht der Geist des Verstehen=wollens lebendig ir9. g Tchen ven Teinem.t und kein Erkennen des Menschen von seinem Gött, wenn nicht der Geist der Schuld und der Demut aufwacht! Und die Kraft dazu läßt sich nicht finden durch Menschendenken und Schaffen. Sondern sie liegt alleine verankert in dem, der auf die Erde kam als fleischgewordenes Verstehen und lebendige Liebe, die langmütig ist und freundlich, die nicht das Ihre sucht und sich nicht erbittern läßt, das Böse nicht zurechnet, die alles verträgt, glaubet, hoffet und duldet! Duldet und liebt nicht aus Schwäche, sondern aus Stärke, aus Gottesstärke, und die darum diese Kraft trägt von Ihm zu der, durch die Gottesferne verworrenen, Menschheit, daß sie sehen werde dafür, wo ihr Weg des Mißverstehens sie hinführte und was der wahre Weg des Lebens sein sollte, denn Er, Jesus Christus, ist selbst der Weg, die Wahrheit und das Leben, und nur durch Ihn finden die verirrten Kinder wieder zurück ins Vaterhaus. Wenn der Menschheit das Verstehen dafür zum Erlebnis wird, daß der Sinn dieses Lebens, auch bis in seine kleinsten Auswirkungen, alleine darin liegt, daß die durch den Sündenfall belastete Menschheit wieder zu ihrem Vater zurückfinden soll, dann erwacht auch das Verstehen für den Erlöser=Heiland; und alle Kraft, die bisher auf das Vielerlei verwendet wurde, das zur Stillung der Sehnsucht nach Befreiung dienen sollte—, und es doch nicht vermochte—, all die Körper=, Geistes= und Seelenkräfte werden sich dann nach dem einen Ziel hinrichten, nämlich nach dem Erstreben der Verbindung mit Gottvater, Sohn und Heiligem Geist, und das daraus folgende Freiwerden von der Schuld. Frei von dem eigenen Ich. Frei für das Du, den Mitmenschen, der sich danach sehnt, daß ihn ein Mensch versteht, ihm zuhört, besonders wenn er das größte göttliche Verstandenwerden noch nicht erlebte, das auch die verborgensten Regungen und Fehler kennt, erkennt, um zu helfen——. Und weil es nur ein Verstehen untereinander gibt, wenn das eigene Ich zurückgestellt wurde; und dieses wiederum nur errungen werden kann aus Gotteskräften, so gibt es nur da wahres Verstehen, wo Gottes Geist, der Geist der Jesusliebe lebendig ist! Also liegt nicht die Not unserer Zeit im Mangel an den Notdürften dieses Lebens, die unter den Menschen das Mißverstehen und Entfremdung auslösen! Nein, die Not unserer Zeit liegt viel tiefer, nämlich in dem Mangel an dem alle Not besiegenden Christusgeist. Und dadurch, daß Menschen und Völker menschlich und völkisch redend und arbeitend zusammenkommen, dadurch wird keine vermittelnde Brücke geschlagen, sondern nur dadurch, daß der Einzelne sein Ich bezwingt und mit dem„Du“ des Christusgeistes den Bund schließt und so das Mißverstehen verwandelt wird in die einigende Erkenntnis, daß der Sinn des Lebens nur darin liegt, daß Christus groß werde, und daß alles dazu dient. Auch die Dinge, die keinen Anschein danach haben können, denn als Bewohner dieser vergänglichen Erde müssen wir uns in der hiesigen Wanderzeit ihren Gesetzen unterwerfen. Jedoch können auch sie, in der Art, wie sie erfüllt werden, im Dienste des Christus stehen; so daß dieser größte Gedanke alles durchdringt und die Menschen verstehend zusammengeführt werden, damit die Kraft dieses Heiligen Geistes Menschen, Familie, Volk und Länder regiere, der alleine Verstehen und Frieden bringen kann. Bücher über Religion. Von Pfr. Lic. R. Wielandt. Zufällig sind mir jetzt zwei Bücher in die Hand gefallen, die vor kurzem erschienen sind, beide glänzend geschrieben, beide bedeutsam viel zum Wesen und zur Cewalt der Religion besagend— und zugleich das eine eine tiefe Warnung vor schweren Gefahren, die auch wieder im Schoße des eigenen Glaubens schlummern können. Man hätte es von Arthur Holitscher nicht erwartet, was er in seinem mit Spannung erwarteten kleinen, mit gewohnter Meisterschaft geschriebenen Buch „Wiedersehn mit Amerika“(Berlin, S. Fischer, 1930) über die Religion sagt. Man muß wissen, daß Holitscher seit seinem ersten Buch über Amerika(Amerika heute und morgen. Reiseerlebnisse, erstmals 1912, jetzt 14. Auflage), einem der allerbesten Bücher über die Vereinigten Staaten, aus einem radikalen Sozialisten inzwischen Verfechter der bolschewistischen Ideale geworden war. Das neue Buch über Amerika gibt merkwürdig viel zu denken. Holitscher ist ein Mann, dessen Denken nicht stille steht. Er hat vor achtzehn Jahren das noch nicht gesehen, was ihm, dem immer tiefer Bohrenden, jetzt fast wie eine Entdeckung erscheint. Er erzählt, was für einen tiefen Eindruck er von der Wirksamkeit des christlichen Glaubens im amerikanischen Denken gehabt habe. Es mag wundernehmen, daß es ihm vor achtzehn Jahren entgangen ist. Seine Seele hat etwas wahrgenommen.„Ich selber habe eine interessante und tiefgehende Entdeckung gemacht, als ich an der Vorstandssitzung einer amerikanischen Körperschaft teilnahm, die in ihren Idealen... als eine Schwesterorganisation der europäischen„Liga für Menschenrechte“ angesehen werden darf. Bei allen Vorschlägen auf Abstellung oder Milderung von Institutionen, die dem Rechtsgefühl des die heutige Zeit, und ihren Drang begreifenden Menschen widersprechen, kam der religiöse Standard, die Verpflichtung der amerikanischen Kirche... zum Vorschein. Eine beträchtliche Anzahl der Vorstandsmitglieder gehörte dem aktiven geistlichen Stand an.“ Holitscher stellt das noch einmal unumwunden fest und zieht daraus Folgerungen.„Tatsache ist, daß nicht allein auf die meisten politischen Fragen und alle benachbarten des öffentlichen Lebens in Amerika die Auffassung religiöser Pflicht einen größeren Einfluß hat, als das in Europa wahrzunehmen ist, sondern daß anerkannte, bedeutende wissenschaftliche Forscher und Denker Amerikas heute an der Stelle, wohin der Europäer Dubois=Reymond sein „Ignorabimus“ gesetzt hat, den übersinnlichen Begriff „Gott“ stehenlassen und ihn dort sogar noch befestigen.“ Und er wird schließlich ganz ernst. Eine tiefe Sehnsucht öffnet sich.„Es wäre schön, in einer Kirche unter gläubigen, einfältigen Menschen und solchen, die ihre Vielfalt überwunden haben, sitzen zu können, glauben zu können.“(Er selbst war während der fünf Monate, die er jetzt in Amerika verlebt hat, wie er schreibt, fast jeden Sonntag in der Kirche!) In strenger, allzustrenger Selbstbeurteilung schreibt er:„Längst habe ich meinen Gott verloren“, aber es ist nur der Unterbau zu dem für ihn Wichtigeren:„Weil ich Gott verloren habe, sollte er darum nicht existieren?“ Und dann wird er ganz deutlich:„Wenn ich Dilettanten den lieben Gott wegdekretieren sehe, sällt mir das Büschel Gras ein, von dem Tolstoj in einem nachgelassenen Werk spricht: der ganze Gutshof ist eng mit Ziegelsteinen gepflastert, nur an einer Stelle wächst Gras zwischen den Spalten eines geborstenen Ziegels hervor. Der Gutsherr herrscht die Knechte an: das Gras; Sie rausen es aus, es wächst wieder. Sie ersetzen den geborstenen Ziegelstein durch einen ganzen, das Gras wächst zwischen den Rändern des Ziegels und des Nachbarziegels heraus. Der Ziegelstein wird aufgehoben und das Gras mitsamt den Wurzeln ausgerissen. Bald sind die Halme wieder da. So geht es mit Gott.“ Zu gleicher Zeit bekam ich Joseph Bernhart, Der Vatikan als Thron der Welt, Verlag Paul List, Leipzig, 1930, in die Hand. Es ist ein stattliches, schön gedrucktes Werk mit 16 Bildtafeln. In sehr eindrucksvoller Weise schildert es die Geschichte des Papsttums. Die letzten sechzig Seiten stellen den Aufbau der heutigen Kurie dar. Die photographischen Bilder zeigen hier die Unterzeichnung der Lateranverträge von 1929 und den gegenwärtigen Papst Pius XI., auf dem Thron, zu beiden Seiten von der großen Schar der diplomatischen Vertreter in ihren Prunkuniformen eingerahmt. Das Buch will durchaus ein wissenschaftliches Werk, d. h. zwar für den breitesten Leserkreis, aber unbedingt auf der Grundlage der gegenwärtigen Forschung, geschrieben sein. Es nennt am Schluß die benützten Werke der Gegenwart. Auch die anerkannten evangelischen Namen sind darunter: H. Böhmer, A. Deißmann, E. v. Dobschütz, E. Gotheim, K. Hampe, A. v. Harnack, K. Holl, G. Krüger, C. Mirbt, K. Müller, H. v. Schubert, R. Seeberg, P. Wendland und W. Wrede. Für den Leser scheinen also alle Grundlagen gegeben, damit er wirklich ein unbefangenes Bild vom Vatikan, besonders von der Geschichte des Papsttums, erhält. Das ganz kurze Vorwort berührt angenehm.„Nach der Mahnung Leos XIII. an die Geschichtsschreiber sollte nichts Unwahres gesagt, nichts Wahres verschwiegen werden. Indes, wieviel Wahres mußte auf so wenigen Blättern ungesagt bleiben— Gutes und Böses. Denn dieses und jenes kommt hier zur Rede. Ich diene weder den einen, die nur an läßliche Sünden der Päpste glauben, noch den andern, bei denen mehr Freude ist über einen Sünder, als über neunundneunzig Gerechte. Man darf also eine gediegene, in die Tiefe dringende und vor allem Verständnis suchende Darstellung erwarten. Man liest sie denn auch dankbar für viel Förderung. Das Papsttum im Wandel der Zeiten und in der Vielgestaltigkeit seiner Vertreter wird mit bemerkenswerter Gestaltungskraft gezeichnet. Ich nenne nur die Charakteristik Gregors des Großen und Gregors VII.; aber auch die anderen Päpste, die hervorragenden wie die unbedeutenden und die elenden, werden, soweit ich sehe, sehr recht, mit Versenkung in ihre Eigenart, beurteilt. So gewinnt die Geschichte der Päpste wirklich Leben. Man ist hier ja sonst in Gefahr, über der Einrichtung die Verschiedenheit der Persönlichkeit zu übersehen, die oft mehr, als man wohl denkt, auch dem pästlichen Handeln Richtung und Inhalt gegeben hat. Auch für die ausgedehnte Schilderung der heutigen Kurie ist man recht dankbar. Zwar zeigt diese besonders deutlich, was auch das übrige Buch nicht verhehlen kann, daß das Werk für den„Thron der Welt“ gewinnen will; aber auch der Nichtkatholik findet hier eine von ihm erwünschte Bereicherung seines Wissens. Aber mitten in diesem Buch, das im Uebrigen rühmliche Gerechtigkeit zu wahren scheint, auf kurzen sechs Seiten eine Behandlung Luthers und der Reformation, die mit tiefem Schmerz erfüllt.„Sacco di Roma“ lautet die Ueberschrift dieses Kapitels, das etwa von 1450 bis 1530 reicht.„Sacco di Roma. Das nächste, das mit Ignatius und den Päpsten des Tridentinums beginnt, dann:„Laetare Jerusalems!“„Sacco di Roma!“„Ausplünderung Roms!". Der Verfasser, der vorher und nachher so vornehm den Lauf seiner Kirche verfolgt, wird, so durfte man doch erwarten, gewiß auch dem Zwiespalt der Konfessionen nach Kräften gerecht gegenüberstehen? Er wird doch zum mindesten das Wollen der Reformation so zeichnen, wie sie selbst es sich gedacht hat? Wird er nicht die Tragik herausstellen, die in dem gewaltigen Zusammenstoß zwischen dem weltpädagogischen Gedanken der kirchlichen Heilsanstalt, für den er sich entschieden hat, und dem Grundsatz der Reformation, dem des der Wahrhaftigkeit allein dienenden Gewissens, liegt? Wir werden leider tief enttäuscht. Was ist für den Verfasser der Grund der Reformation? Lassen wir ihn selbst über Luther reden.„Zwischen den Zeilen seiner Schriften verrät sich ein steter Kampf mit der sinnlichen Leidenschaft, der endlich zum unverhohlenen Bekenntnis führt: die Begierlichkeit ist unüberwindlich.“ „Luther hängt mit ganzem Gemüt so fest an Gott, als sein Leib an den Ketten der Begehrlichkeit. Jetzt in den Jahren der voll ausreifenden Männlichkeit fühlt der unbändig sinnliche Bauernsproß, der unwiderrufliche Gelübde auf sich geladen, die Macht des Fleisches wie Feuer aus dem Innern schlagen. So erhebt sich denn Luther, „vom eigenen Aufruhr aufgejagt“.— Das der Führer.— Dann der Ertrag der Reformation!„Bald sah sich der Cottesmann in die allgemeine Revolte aller gemeinen Triebe verstrickt, und die Losung Freiheit öffnete dem aufgestauten Unrat der Gesellschaft die Schleusen zum Abzug...:„Was den verworfensten Päpsten nicht gelungen war, die Christenheit in der Seele zu zerreißen, gelang dem Widersacher Roms.“— Aber Luther hat doch Glaubens= und Gewissensfreiheit gebracht?— Nein! antwortet der Verfasser hart.„Das Neue, das aus ihm gekommen ist, hat er nicht gekannt und nie gewollt. Glaubens= und Gewissensfreiheit, die er gebracht haben soll, lagen ihm so fern, daß er lieber sich selbst widersprach, als einem Widersprechenden Recht gab.“— Aber die große evangelische Christenheit der Gegenwart zeugt doch von seinem Werk und dessen Segen?„Auf dem Wrack, auf dem man sich noch zusammendrängt, tobt der wüste Streit um das Wort Gottes, um die halbzertretene Hostie, um die Pfützen des verschütteten tausendjährigen Weines.“ Ist das die gleiche Stimme, die jauchzend und inbrünstig ihren eigenen Glauben erhoben hat? Hat der Verfasser das etwa bei dem Dutzend erster evangelischer Forscher gelesen, die er als von ihm benützt ernst mit Namen anführt? So vermag man also zu lieben und blind zu verdammen, zu gleicher Zeit? Mit Erschrecken legt man das Buch aus der Hand. Es ist ein warnendes Denkmal, wie schwer der den Glauben schädigt, der wohl seine eigene Ueberzeugung groß und schön darzustellen weiß, dem„Gegner“ aber alle Billigkeit, alle Gerechtigkeit, alles Verständnis versagt. So wirbt man nicht; sondern so reißt man alles nieder. Man nimmt jenes kleine Buch wieder. Sein Verfasser schreibt: „Längst habe ich meinen Gott verloren.“ Er irrt. Er redet in hoher Ehrfurcht von der Unsterblichkeit des Gottesglaubens. Wir wünschen uns solche Gegner. Von ihnen wollen wir lernen. Mutter und Kind. Der Muttertag, der vom Ausland zu uns gekommen ist und öffentlich einen Tag festsetzt, an dem die Kinder der Mutter ihre Liebe und ihren Dank zum Ausdruck bringen sollen, regt im Hinblick auf den Niedergang des Familienlebens und den verheerenden Sittenverfall zu der Frage an: sind sich wohl alle Mütter der Aufgabe bewußt, die sie ihren heranwachsenden Kindern und durch diese ihrem Volke gegenüber haben? Ich begegne einer ganz jungen„Freundin“, die ich lange nicht gesehen habe. Das ernste, gedankenvolle Gesicht des Mädchens veranlaßte mich, sie anzureden. Sie kommt von einer bekannten Dame, mit der sie ein Zwiegespräch gehabt hat.„Wir lernen in der Schule, in der Lebenskunde alles so anders wie in der Konfirmandenstunde, ich finde mich gar nicht mehr zurecht. Da mußte ich mit jemand darüber sprechen. Mutter interessiert sich gar nicht für diese Fragen.“ Ein junges Mädchen kommt zu mir, um mir strahlend mitzuteilen, daß sie es endlich erreicht hat, einen Beruf ergreifen zu dürfen. Sie will Säuglingsschwester werden. Bis jetzt haben sich die Eltern, hat sich besonders die Mutter dem immer widersetzt.„Wie alt sind Sie nun inzwischen geworden?“ frage ich.„25! Ja, es war so schwer, es zu erreichen, weil Mutter immer gleich so aufgeregt wurde, wenn man davon anfing; ich mochte kaum davon reden.„Was hatte sie denn dagegen?"„Ja, einen bestimmten Grund hatte sie eigentlich nicht; sie meinte nur, es sei nicht nötig. Ich spreche einer jungen Lehrerin, die mit ganzer Seele bei ihrem Beruf ist, meine Freude darüber aus, daß sie nun ein behagliches Heim hat, da ihre Mutter mit der jüngeren Schwester in unsere Stadt gezogen ist. Sie machte ein bedenkliches Gesicht. Ja, es hat seine zwei Seiten“, sagt sie.„Meine Mutter kann gar nicht verstehen, daß ich müde und erschöpft bin, wenn ich aus der Schule komme; sie will mich dann gleich zu häuslichen Arbeiten anstellen, da ich nach ihrer Meinung noch nicht gearbeitet habe. Und dabei haben wir ein Mädchen. Mutter kann so vieles nicht verstehen. Immer wieder erlebt man es, daß Mutter und Kinder sich im Laufe der Jahre auseinanderleben, weil die Mutter „so vieles nicht verstehen kann“, weil sie den reiferen Altersstufen noch gegenübersteht wie den Kleinen, die sie hegte und pflegte und nach ihrem Sinne lenkte, die keinen Augenblick ohne sie sein konnten— ihre kleinen Geschöpfe, für deren Bedürfnisse ihre Liebe und nimmermüde Sorgfalt ausreichend waren. Verständnislosigkeit ist für die empfindliche, unklare, hin und herschwankende Seele des jungen Menschen der Todfeind, dem gegenüber sie sich scheu oder trotzig verschließt, um an anderer Stelle Verständnis zu suchen, so daß das Elternhaus ihr kein Heim wird. Das aber ist die Aufgabe der Mutter: für die Kinder das Heim zu schaffen, in dem ihnen gegeben wird, was sie für ihres inneren Menschen Wachstum brauchen, das Heim mit seinen Segenskräften als Ausrüstung fürs Leben, die richtunggebend sie begleiten auf allen seinen Wegen. Von ihrer inneren Kraft, von den Kräften, die sie dabei zu Hilfe ruft, hängt die Gestaltung des Heims ab; materielle Verhältnisse kommen erst in zweiter, dritter Linie in Betracht; dafür haben wir viele Zeugnisse bedeutender Menschen, die aus den einfachsten Schichten des Volkes hervorgegangen sind. Wohlstand, äußeres Behagen, verfeinerte Lebensbedingungen sind nicht nötig; aber das ist nötig, daß die Frau, die das Heim ihrer Kinder gestalten will, eine Persönlichkeit ist, die dem Ganzen einen Stempel höchster Werte aufzuprägen weiß, eine reine, reife, reiche, zielbewußte, immer wachsende Persönlichkeit, die die Verantwortung wie für das körperliche, so für das seelische Wachsen und Gedeihen ihrer Kinder in steter Selbstzucht als heilige Gabe und Aufgabe mit sich und in sich trägt, Hüterin der unersetzlichen, geistigen und seelischen Werte, die das Wort Familie in sich schließen soll, und die das Heim zu dem köstlichsten Erdengute machen. Auf das Heim, aus dem ein junger Mensch hinausgeht ins Leben, kommt alles an. Der eine kommt aus der beglückenden Stille, in der er tiefe Wurzeln geschlagen hat, in der er viele Jahre lang alle lebendigen Ströme hat rauschen hören und aus reinen Quellen seinen Durst gestillt und Kraft und Festigkeit getrunken hat, aus einem Heim, in dem alle Tage, ob Arbeits= oder Feiertage, durchsonnt sind von der sieghaften Freude, die an allem erstarken macht, sowohl am Ruhen und Feiern wie am Arbeiten und Kämpfen und Entbehren; in dem alles Ver, zichten getragen ist von dem Gedanken, daß dadurch ein um so wertvolleres inneres Gut gewonnen wird, in dem aber keine Freude eine Stätte findet, die auf die Lauter, keit der Seele den leisesten Schatten werfen kann— eine Hütte Gottes bei den Menschen. Und dem anderen Hause sucht das junge, lebenshungrige Menschenkind sich zu entziehen, weil es ihm nichts bieten kann für seinen Hunger und Durst, als immer wieder grauen Alltag, über den niemand im Hause Herr wird, nichts als ewige Unrast und Zerstreuung, die keine innere Leere auszufüllen vermag, als Ratlosigkeit und Gleichgültigkeit, wo es sich um ewiges Gut handelt. Die Jugend kann nicht immer im Schatten leben; mit ihrem robusten Lebensgefühl flieht sie vor den Schatten, um sich nach ihrer Art den Platz an der Sonne zu suchen, den das Haus ihr versagt. Die Mutter muß mit der Kraft aus ihrer Seele Diefen die Schatten vertreiben, und die Kraft wächst, je mehr sie zum Leuchten gebracht wird, je mehr die Mutter die selbstverständliche, emporziehende Führerin, das„Maß der Dinge“ für ihre Kinder ist, je mehr sie in einer Zeit, die gegen alle alten Ideale Sturm läuft. als Hüterin dieser Ideale im Mittelpunkte des Heims steht und ihnen durch die Harmonie und Kraft ihres Wesens Leben und Wert verleiht, je mehr in diesem Heim ihre Auffassung in allen sittlichen Fragen— und welche Fragen wären da nicht sittliche?— zur Geltung kommt. Wo dies alles der Fall ist, da wird den Kindern. lange, ehe ihnen der Begriff und das Wort Ehrfurcht bekannt ist, das Wesen der Ehrfurcht durch die Mutter, an der Mutter offenbar werden, die Ehrfurcht, die nach Goethes Wort„niemand mit auf die Welt bringt, und die doch das ist, worauf alles ankommt, damit der Mensch nach allen Seiten ein Mensch werde“. An der Mutter muß dem Kinde die Ahnung davon aufgehen, daß in der Seele des Menschen Kräfte am Werk sein können, die ihn fortziehen vom Staube in eine Welt der Klarheit und Reinheit, wo nichts Gemeines gedeihen kann. Eine Welt der Freiheit muß es da kennen lernen, erworben durch die selbstverständliche Beugung unter göttliches Gesetz und durch unbeirrbares Streben erhalten und gefestigt; eine Welt starker Liebe, die alles mit verstehendem, fürsorgendem Herzen betrachtet, eine Welt des Lichts, die auch das dunkelste Schicksal durchstrahlt, daß es zu einem Quell des Segens wird. So hebt in dem natürlichen, ehrfurchtslos geborenen Menschen das ehrfurchtsvolle Verstehen dessen an, was hinter den Dingen, hinter den Menschen liegt, was die feinsten Fühlfäden der Seele erst ertasten müssen. Und die Mutter, von der die Kinder diese Mitgift fürs Leben erhalten haben, wird nicht um die Ehrerbietung und Beachtung ihrer Kinder zu kämpfen haben wie manche, die durch verkehrte Selbstlosigkeit, durch ein Hinabgleiten zur Dienerin, durch„rührende Güte" und Bescheidenheit ihre Kinder systematisch dazu erzieht, ihr Opfer als selbstverständlich hinzunehmen und den eignen selbstsüchtigen Trieben zu folgen. Wie aber will die Mutter, deren nutzlose Selbstlosigkeit sich z. B. sogar im Gegensatz zu ihrer Tochter, in ihrer äußeren Erscheinung kundtut, an deren mehr als bescheidene Kleidung die Kinder so gewöhnt sind, daß sie ihnen mit dem Begriff Mutter verschmilzt— wie will sie die erbarmungslose, am Aeußeren haftende Jugend, die Aufopferung und Entsagung unter dem abgetragenen Kleide zu schätzen nicht gelehrt wurde, an sich fesseln, um mit ihr durch die Seylla und Charybdis des heutigen Lebens zu schwimmen und ihr Heim den seine Macht bedrohenden Gewalten entreißen?„Ich lebe noch immer von Dir und lasse mich von Dir leiten auf allen meinen Wegen“, schreibt ein mir bekannter junger Arzt an seine Mutter— und eine junge Juristin:„Ich fühle mich Dir noch immer verantwortlich in allem meinem Tun“. Solche Worte bekunden die rechte Stellung der Jugend gegenüber der Mutter, aber allerdings, und das ist der springende Punkt, erwachsen aus der rechten Haltung der Mutter gegenüber den Kindern, deren tief beglückenden Dank sie auf diese Weise erntet Wenn die menschlichen Beziehungen in der Familie trostlos verflacht sind, so daß von ihrem sittlichen Gepräge in ungezählten Fällen nichts mehr geblieben ist, ist das nicht um so mehr ein Grund, sie zu verteidigen gegen alle feindlichen Gewalten? Die Zelle gesunden zu lassen, damit der Zellstaat nicht hoffnungslosem Untergang geweiht ist? Und ist es nicht Sache der Mutter, die das Heim und die Kinder zu behüten hat, daß sie den harten und ungleichen Kampf gegen die zerstörenden Mächte bewußt und mutig aufnimmt mit der heroischen Entschlossenheit derer, die um Ewigkeitswerte für sich und ihre Liebsten und damit für das Ganze kämpfen? Wenn das Bewußtsein der unbeschränkten Verantwortung für das, was die Kinder an der Mutter sehen, lebenslang iht Denken und Handeln lenkt, wenn damit das ununterbrochene Bemühen, den seelischen Kontakt mit den Heranwachsenden keinen Augenblick zu verlieren, Hand in Hand geht, so hat sie die rechte Kampfstellung, und die beruhigende Kraft und Würde ihres aus den Tiefen schöpfenden, gesammelten Lebens steht eindrucksvoll dem Auseinanderstreben gegenüber, denn sie hat die größte, einzig wahre Macht: die Gewißheit ihrer Seele, Gott nahe zu sein. Die Aufgabe aller, die darum kämpfen, die Seelen der Jugend zu bewahren, ist heute so schwer wie nie. Aber von dem Glorienschein, der das Ideal Mutter umglbi, fallen so viele Strahlen auf jede Mutter, daß sie schon ein großes Maß der an sie gestellten idealen Forderungen erfüllen muß, wenn sie nicht einer Verdunkelung des Ideals schuldig werden will. Und sie als erste trägt auch den Gewinn davon, wenn ihre Kinder sich keine Freude ohne sie denken können, und wenn die erwachsenen Söhne und Töchter im Strudel des Lebens sich noch immer von dem Licht leuchten lassen, das sie ihnen angezündet Vev. M. Schröder. Schriftleitung: W. Kraa; Wirtschafts= und Weltpolktik: Dr. H. Huttel; Anzeigen: K. Diekmann; alle in Betdel.