Bezugspreis: Erscheint wöchentlich sechsmal.— Preis monatlich.25 und .86 Bestellgebühr, beim eigenen Postamt bestellt.— Kürs einsland unter Streifband.95(inkl. Postgeld). Preis der Einzelnummer 10 Pfg. Postscheckkonto Hannover 67377. mit den Beilagen„Für Herz und Haus“ „Kindergabe“ und„Anser Ziel.“ Anzeigenpreis: tige Millimeterzeile oder deren Raum 10 Pfennig. Reklame 30 Pfg. Beilagen unter 25 g je tausend 15 Mt Wzeigen=Annahme nachmitte Die einspalt.g. Schluß der Anzeigen=Annuhme Rüchiglitags 3 Uhr. Postscheckkonto Hannover 67377. Nr. 51. Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld) Sonnabend, den 1. März 1930. 12. Jahrgang. Ein großer Baum gibt nur für andre Schatten, Er selber schmachtet in der Sonne Glut, Und seiner Früchte bestes Lebensblut Kommt stets nur andern, nie ihm selbst zu statten. Die zwischeneuropäische Reibungszone von Spitzbergen bis Smyrna. Von Heinz Manthe, Düren. „Zwischeneuropa“ nannte der Geograph und Geopolitiker Penck das langgestreckte Uebergangsgebiet zwischen Mitteleuropa und Rußland, in dem die Völker so Zersplittert durcheinanderwohnen, daß sich bei ihrem Kampf um den staatlichen Raum und dem dabei einsetzenden Wettbewerb der großen Mächte die verwickeltesten politischen Verhältnisse ergeben haben. Durch den Weltkrieg und die Nachkriegszeit sind hier zahllose Reibungsflächen entstanden, die über kurz oder lang zu Neuregelungen führen müssen, wobei stets die Gefahr bewaffneter Lösungsversuche besteht, die Europas notdürftig hergestellte Ruhe verhängnisvoll stören können. England, Rußland und Norwegen rivalisieren um den Besitz der in polaren Breiten liegenden Spitzbergen= und Bäreninseln. Norwegen, Finnland und Rußland berühren sich in einer angrenzenden Reibungszone auf dem europäischen Festlande. Im Gebiet der baltischen Randstaaten ergibt sich ein Störungsfeld erster Ordnung. Einmal steht Rußland drohend hinter den neugeschaffenen Randstaaten Estland, Lettland und Litauen. Letzteres hat mit Deutschland eine böse Reibungsfläche im Memelgebiet. Deutschland und Litauen berühren sich mit Polen— Wilnafrage, Ostpreußen, Korridor, Oberschlesien— in einer Weise, die nach irgendeiner vernunftgemäßen Lösung geradezu schreit. Von Polen aus gabelt sich die zwischeneuropäische Bruchzone. Eine westliche Störungszone erstreckt sich über die Tschechoslowakei über die esterreichisch=ungarische Grenze in die Grenzgebiete Österreichs und Südslawiens, erreicht bei Fiume Reibungsgebiete zwischen Italien und Südslawien und endet bei Alcanien, wo italienische, südslawische und griechische Interessen sich gefährlich berühren. Der östliche Reibungsgürtel verläuft zunächst entlang der polnisch=russischen Grenzgebiete, umfaßt den galizischen Zipfel der Tschechoslowakei und erreicht in Bessarabien wieder ein sehr gefährliches Streitgebiet zwischen Rußland und Rumänien. Bulgarien, Griechenland, die Türkei und Italien berühren sich endlich gefahrdrohend auf dem östlichen Balkan und im westlichen Kleinasien mit der ägäischen Inselwelt. Es fehlt natürlich nicht an Versuchen, die in diesen Reibungszonen möglichen Gefahren zu bannen. Nirgends hat das so gefährliche System der politischen Machtgrupvierungen in Form militärischer Bündnisse wieder derart Wurzeln geschlagen, wie in diesem östlichen Bruchzonengebiet: Man denke an die Bestrebungen Italiens auf dem Balkan, einschließlich Rumänien und Ungarn, an die Kleine Entente und die Pläne für die Errichtung einer Donauföderation mit Einschluß Oesterreichs, an die Verträge der Randstaaten und ihre Versuche, irgendwie mit Polen ins Reine zu kommen. Man weiß, wie stark Deutschland durch die Memel=, die Korridor=, die oberschlesische Frage, weiter durch die Frage der deutschen Minderheiten in den Randstaaten, in Polen, in der Tschechoslowakei, in Rumänien, in Ungarn, endlich durch die Frage des österreichischen Anschlusses an diesen Dingen interessiert ist. Frankreich ist durch sein Protektorat über die Kleine Entente sehr stark beteiligt, Italiens Balkanpolitik im Gegensatz zu Frankreich und Südslawien beobachtet alle Vorgänge im östlichen Reibungsgürtel mit wachsamem Auge. Angesichts dieser Lage ist ein Plan für einen Oststaatenbund von erhöhtem Interesse, der von der Regierung Südslawiens ausgeht. Von amtlicher Seite wurde in dieser Sache folgendes verlautbart:„Die uns vorschwebende neue Staatenkonstruktion würde beim ballischen Meere beginnen und folgende Staaten umfassen: Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, Südslawien, Rumanien und Bulgarien. Das wäre die richtige baltischvonauländisch=balkanische Staatenorganisation; eine Kombination von Mächten, die befähigt wäre, als Bindeglied und Brücke zwischen Osten und Westen zu dienen. Die Verwirklichung dieses grandiosen Planes würde viele Bündnisse überflüssig machen.“ Jugoslawien, Frankreichs Exponent auf dem Balkan, sucht ohne Zweifel auf solche Weise der drohenden Umklammerung Italiens zu entgehen, die durch den Freundschaftsbund mit Oesterreich noch gefahrdrohender geworden ist. Frankreich, das sicher hinter diesen Plänen steht, wurde dadurch seine Stellung gegenüber Italien und Deutschland wesentlich befestigen. Italien aber dürfte keineswegs gewillt sein, eine derartige Gruppierung der kleinen Mächte in der östlichen Bruchzone mit Ruhe zuzusehen, da sie seinen Einfluß auf dem Balkan völlig vernichten würde. Angesichts dieser Lage wird aus dem südslawischen Plan kaum etwas werden. Aber auch, wenn Italien keine Gegenminen legen würde, wäre die Angelegenheit geopolitisch recht aussichtslos. Der Oststaatenbund wäre stets auf mehreren Fronten Druck und Drohung ausgesetzt, also immer zu übergroßen Rüstungen genötigt; zu den meisten Nachbarn bestände ein notorisch schlechtes Verhältnis. Die meisten Glieder des Bundes sind innerlich bedroht durch das schlechte Verhältnis des Staatsvolkes zu den nationalen Minderheiten. Endlich liegen doch die Interessen mancher Glieder zu weit auseinander, ganz abgesehen davon, daß sie auch in zahlreichen Fällen gefährlich gleichgerichtet sind. Die„baltisch=donauländisch=balkanische Staatenorganisation“ darf daher mit ziemlicher Sicherheit als eine geopolitische Utopie angesehen werden. Aber eine geopolitische Erkenntnis scheint ssich doch in diesem Projekt zu offenbaren: So, wie die Grenzverhältnisse in Zwischeneuropa gegenwärtig sind, so, wie die Rechtsverhältnisse zwischen Staatsvölkern und Minderheiten jetzt liegen, kann es auf die Dauer nicht bleiben. Es besteht bei den meisten Staaten ein deutliches Bewußtsein der Unsicherheit und des schlechten Gewissens. Alle Bündniskombinationen werden hier auf die Dauer versagen. Helfen kann nur eine Korrektur all der Gewalttaten, die unter dem Namen von Friedensverträgen und Abstimmungen gerade im östlichen Europa geschehen sind, teils durch Aenderungen der Grenzen, teils durch Schaffung eines befriedigenden Minderheitenrechtes. Steuern und Eigenheime! Im Interesse der Förderung der Neubautätigkeit sind Wohnungsneubauten in Preußen für 5 Jahre von der staatlichen Grundsteuer befreit. Zum ersten Male müssen hiernach die Neubauten aus dem Jahre 1924 jetzt vom 1. April ab Steuern zahlen. Es fragt sich nun, ob die ganzen wirtschaftlichen Verhältnisse im Wohnungswesen sowie die finanzielle Lage des einzelnen Bauherrn danach angetan ist, daß von den Eigentümern von Neubauten eine Steuer von ihrem Besitz verlangt werden kann. Wer die Verhältnisse auf dem Wohnungsmarkt kennt und wer weiß, wie schwer es den Besitzern von Eigenheimen, besonders denjenigen mit mäßigem Einkommen jetzt schon wird, nur die Zinsen aufzubringen, der wird zu der Ueberzeugung kommen, daß an die Zahlung von Steuern vorläufig nicht gedacht werden kann. Nach 5 Jahren ist der Neubauer unter den heutigen Verhältnissen noch lange nicht so aus dem Gröbsten heraus, daß er neben den Zinsen und sonstigen Lasten auch noch Steuern von seinem Besitz zahlen kann. Die Zinsen stehen immer noch auf einer Höhe, daß sie von den meisten Neubauern nur unter den größten Opfern und Einschränkungen aufgebracht werden können. Im Folgenden soll dargelegt werden, wie dringend notwendig es ist, die Steuerbefreiung auf mindestens 10 Jahre auszudehnen und daneben für Eigenheime eine besondere Freigrenze festzusetzen: Es ist eine bekannte Tatsache, daß die Wohnungsmieten in Neubauten viel zu hoch sind. Wenn 20 bis 30 Prozent des Einkommens allein für Wohnungsmiete ausgegeben werden muß, dann ist das ein Zustand, der auf die Dauer nicht zu ertragen ist. Wenn zu allen Lasten nun auch noch die Zahlung von Steuern kommt, dann ist die Folge, daß die jetzt schon viel zu hohen Mieten noch weiter gesteigert werden. Aber auch für diejenigen, die unter größten Opfern und Entbehrungen ein Eigenheim. erworben haben, ist es in den meisten Fällen unmöglich, jetzt schon Steuern zu zahlen. Die gerade für die breite Masse so dringend notwendige Förderung der Eigenheimbewegung wird durch die Festsetzung der Steuer aufs empfindlichste gehemmt. Die große Bedeutung der Eigenheime wird noch viel zu wenig beachtet. Viele andere Staaten sind uns hierin weit voraus. Nach einem Aufsatz von Dr. Bonne haben in Deutschland nur 10 Prozent der Arbeiter ein eigenes Häuschen mit Garten, dagegen in Frankreich über 20 Prozent, in England über 30 und in Amerika über 60 Prozent. Die Wohnungsnot wird ja wohl schneller durch Reihenhäuser und Mehrfamilienhäuser beseitigt. Aber die idealste Wohnform ist und bleibt das Einfamilienhaus. Sehr schön wird das durch einen Spruch von Johannes Trojahn zum Ausdruck gebracht: „Von allem das best“ ist ein Herz heiter und fest, ein gesunder Leib, ein liebes Weib und ein kleines Eigen. Wer das hat, mag sich freuen und schweigen!“ Es muß alles unternommen werden, um immer näher an das Ziel heranzukommen, jedem ein Eigenheim, also nicht nur für die vom Glück Begünstigten, sondern auch für die wirtschaftlich Schwachen. Gerade für die Letzteren ist bei den heutigen unsicheren Verhältnissen so ein„kleines Eigen“ sehr erwünscht. Die vermehrte Errichtung von Eigenheimen schafft aber auch größere Arbeitsgelegenheit, ja, ist mit der Pflege des Gartens eine Quelle immer neuer Arbeitsgelegenheiten. Die Zahl von über 3 Millionen Arbeitslosen redet für alle, auch für diejenigen, die sich in gesicherter Stellung befinden, eine sehr ernste Sprache. Die Arbeitslosigkeit ist für manche um so tragischer, je länger sie dauert und je mehr die Hoffnung auf Wiedererlangung von Arbeit schwindet. Auf manche trifft das Wort Dantes in seiner göttlichen Komödie zu:„Laßt, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren.“ Es muß doch jeder einsehen, daß es so nicht weiter geht, daß einmal etwas energisches unternommen werden muß. Das Verlangen nach Arbeitsmöglichkeiten muß unter allen Umständen erfüllt werden. Vor allen Dingen müssen alle nur irgendwie verfügbaren Mittel dem Wohnungsbau zugeführt werden. Neben die geldliche Unterstützung des Wohnungsbaues gehört aber auch eine weitgehende steuerliche Begünstigung desselben. Die ganze bisherige Entwicklung hat gezeigt, daß die jetzige Begünstigung in Form der Befreiung für 5 Jahre lange nicht ausreicht. Die meisten Besitzer von Eigenmen sind augenblicklich noch froh, wenn sie mit Mühe und Not nur die Zinsen-rechtzeitig zahlen können. Es muß daher mit allem Nachdruck die Forderung erhoben werden, die steuerliche Begünstigung des Wohnungsneubaues durch Befreiung von der Grundsteuer auf 10 Jahre zu verlängern. Daneben wäre zu überlegen, ob es nicht zur besonderen Förderung der Eigenheimbewegung ratsam ist, für letztere eine Freigrenze in der Weise, festzusetzen, daß Besitzer von Eigenheimen, die nur über ein mäßiges Einkommen verfügen, die Steuer erst von einem bestimmten Wert an zu zahlen haben. Stlg.. Konzentration der Kräfte auf dem Gebiet des Bausparwesens. Von der„Gemeinschaft der Freunde“ wird geschrieben: Seit langer Zeit schweben zwischen der bekannten und größten deutschen Bausparkasse„Gemeinschaft der Freunde" in Ludwigsburg und einer Reihe christlicher Organisationen Verhandlungen über eine Konzentration auf dem Gebiete der Bausparorganisation. Diese Verhandlungen haben am 21. Februar 1930 ihren Abschluß gefunden. Zwischen der Bausparkasse der Gemeinschaft der Freunde und einer Reihe bedeutsamer Organisationen(Gesamtverband der christlichen Gewerkschaften Deutschlands, Reichsverband der katholischen Arbeiterund Arbeiterinnenvereine, Gemeinnützige Aktiengesellschaft„Deutscher Heimbau“, Berlin, Verband„Wohnungsbau und Siedlung“ G. m. b.., Köln a. Rh.) ist ein Abkommen getroffen worden. Nach diesem erstreben die Vertragschließenden die Sammlung aller aufbauenden Kräfte in der auf gemeinnütziger Grundlage ruhenden Bausparkasse„Gemeinschaft der Freunde". Künftighin werden seitens der genannten Gruppen keine eigenen Bausparkassen gegründet, sondern es wird ausschließlich die Werbung für die Gemeinschaft der Freunde erfolgen. Zwischen den genannten Gruppen und der G. d. F. ist eine enge Verbindung dadurch geschaffen, daß Vertretern der genannten Vereinigungen Sitz und Stimme in der Gesellschafter=Versammlung und im Aufsichtsrat der G. d. F. eingeräumt wurde. Die Vertragschließenden sind sich darüber einig, daß die Angliederung weiterer Organisationen oder Bausparkassen angestrebt werden soll. Damit wird eine weitere Zersplitterung auf dem Gebiete des Bausparwesens vermieden. Es ist zu hoffen, daß durch diesen großzügigen Zusammenschluß die Bausparbewegung eine Förderung erfährt. Die Erstellung von Eigenheimen wird zum Besten des Volksganzen einen weiteren Aufschwung erfahren. Das preußische Wohlfahrtsministerium ist diesen Zusammenschluß=Verhandlungen mit regem Interesse gefolgt und begrüßt dieses Ergebnis. Die durch einen Teil der Presse gegangene Nachricht über eine politische Verschacherung der G. d. F. entbehrt jeglicher Grundlage. der Gastwirtschaften. Von Fritz Kruse, Geschäftss. des Deutschen Alkoholgegnerbundes, Siegen. Unter dieser Ueberschrift brachte die Siegener Zeitung Nr. 38 vom 14. Februar einen Aufsatz aus Gastwirtskreisen, in dem zu der ersten Lesung des Schankstättengesetzes im Volkswirtschaftlichen Ausschuß des Reichstages Stellung genommen wird. Es wird unter anderem darin behauptet, wir würden künftig stundenlang wandern müssen, um zu einem Glase Bier zu kommen, wir hätten eine Halbtagsreise zu unternehmen, um ein warmes Mittagessen zu erhalten. In den Bädern seien zu wenig Lokale bei der Festsetzung von einer Schankstätte auf 400 Einwohner und der ganze Fremdenverkehr müsse leiden; 70000 selbständige Unternehmer und 210000 Angestellte würden brotlos. Der Gesamtverlust für Reich und Gemeinden an Steuern werde auf jährlich 120 Millionen Reichsmark geschätzt. Deutschland habe mehr als genug Arbeitslose, so daß es untragbar sei, wenn das Heer der Unterstützungsempfänger künstlich noch erhöht werde. Wir möchten rein sachlich diese Behauptungen auf ihre Richtigkeit prüfen. Der in 1. Lesung des Schankstättengesetzes angenommene Absatz 3 des§ 1 lautet: In Gemeinden, in denen auf je 400 Einwohner mehr als eine Schankstätte mit Ausschank geistiger Getränke entfällt, ist das Bedürfnis für neu zu errichtende Betriebe mit Ausschank geistiger Getränke oder zur Ausdehnung bestehender Betriebe auf den Ausschank von Branntwein zu verneinen. In Gemeinden mit weniger als 400 Einwohnern kann die für die Erlaubniserteilung zuständige Behörde beim Vorliegen eines besonderen Bedürfnisses Erlaubnis für insgesamt zwei Schankstätten mit Ausschank geistiger Getränke erteilen. Ueber die in Satz 1 und 2 genannten Zahlen hinaus kann eine Erlaubnis erteilt werden, sofern die oberste Landesbehörde oder die von ihr bestimmte höhere Verwaltungsbehörde das Bedürfnis bestätigt. In den neun Paragraphen des Gesetzes steht aber an keiner Stelle, daß bestehende Schankstätten geschlossen werden sollen. Das Gesetz soll lediglich eine Handhabe schaffen, um der übermäßigen Konzessionierung von Schankstellen einen Riegel vorzuschieben. Das ist nur im Interesse der bestehenden Gastwirtschaften, denen das Gesetz die übermäßige Konkurrenz vom Halse hält. Die Gastwirte hätten also alle Ursache, dafür einzutreten, daß das Gesetz im Reichstag angenommen wird. Besondere Bedürfnisse über die Zahl 400 hinaus werden berücksichtigt, namentlich in Badeorten und Plätzen mit großem Fremdenverkehr. In Siegen haben wir z. B. auf 245 Einwohner, einschließlich der Säuglinge, schon eine Schankstätte. Kein einsichtiger Wirt kann ein Interesse daran haben, daß sich in unserem Ort die Zahl der Schankstätten noch weiter vermehrt, so daß wir schließlich auf 200 Einwohner, einschließlich der Säuglinge, eine Wirtschaft erhalten! Dortmund(die Bierstadt) hatte 1922 aus 438 Einwohner eine Schankstätte, Essen auf 549 Einwohner, Kiel auf 631 Einwohner! Kein folgerichtig denkender Mensch wird behaupten, man müsse in diesen Orten einen halben Tag suchen, bis man ein Mittagsmahl oder ein Glas Bier erhielte! Wozu also derartige Uebertreibungen! Es wird keine Wirtschaft geschlossen, kein Angestellter infolge dieses Gesetzes brotlos werden. Lediglich aus volkswirtschaftlichen und gesundheitlichen Rücksichten solien die Gelegenheiten zum Ausschank des Volksgiftes Alkohol vermindert werden, indem neue Konzessionen, die üiber die Zahl 400 hinausgehen, nur dann bewilligt werden, wenn ein„besonderes Bedürfnis" nachgewiesen wird, was z. B. bei einem stark besuchten Badeplatz der Fall sein dürfte. Der Mindergenuß des Alkohols muß sich in Deutschland trotz der gesteigerten Reklame des Alkoholkapitals bestimmt in den nächsten Jahrzehnten langsam aber sicher vollziehen, weil wir uns als geschlagenes Volk diesen Luxus nicht leisten können, und weil ein immer größer werdender Teil der Jugend und der Frauen diesen Genuß ablehnt. Unsere ganze Wirtschaftsgeschichte ist eine Geschichte der Bedarfsverschiebung, und diese Bedarfsverschiebung wird sich auch eines Tages in Deutschland einstellen, indem der Alkoholumsatz seinen Höhepunkt erreicht und dann nicht mehr weiter steigt, sondern langsam zurückgeht. Der„denkende“ Gastwirt sollte doch stutzig werden, wenn er sieht, wie immer mehr alkoholfreie Gaststätten entstehen, wie Tausende abströmen in alkoholfreie Erholungsheime und wie ein großer Teil der aufwachsenden Jugend den Stellen des Alkoholausschankes fern bleibt. Wenn heute Tausende von Jugendherbergen bestehen, so ist das eine Folge davon, daß das jetzige Gastwirtschaftsgewerbe in seiner Zurückgebliebenheit überlebt ist. Ein weitsichtiger Wirt, der mit der neuen Zeit geht, sorgt für eine reichhaltige Auswahl alkoholfreier Getränke, führt in seiner Wirtschaft ein Zimmer ein, wo nicht geraucht werden darf und man ohne die unangenehmen Rauchbelästigungen seine Mahlzeiten einnehmen kann. Das Alkoholkapital und die Wirte haben wirklich keine Ursache, über die erste Lesung des Gesetzes zu klagen, sind doch die berechtigten Forderungen der Deutschen Reichshauptstelle gegen den Alkoholismus auf Jugendschutz, auf Verbot des Ausschankes auf Turn=, Sport=, Spiel= und Badeplätzen, des Verbots der Alkoholreklame in und an öffentlichen Verkehrsmitteln, des Verbotes des Ausschankes an Personen, die erkennbar unter der Einwirkung geistiger Getränke stehen, der Ausdehnung der Konzessionspflicht auf den Flaschenbierhandel und den Handel mit Likörkonfekt alle unberücksichtigt geblieben; bediglich eine einschränkende Bestimmung im§ 8 wurde eingeschaltet, die lautet: Ein vorübergehendes Bedürfnis auf Gewährung eines Ausschanks ist in der Regel(Ausnahmen sind also auch gestattet) nicht anzuerkennen e) bei Schulfesten, d) bei Sportfesten, an denen vorwiegend Jugendliche beteiligt sind. Die Wirte können also mit gutem Gewissen über die erste Lesung des Schankstättengesetzes die„Fahnen“ heraustun; für uns Alkoholgegner bedeutet die Lesung jedenfalls eine große Enttäuschung, zeigt sie doch, wie wenig sich die Mehrzahl unserer Volksvertreter ihrer Verantwortung gegenüber dem Volksganzen bewußt geworden ist. hat dem deutschen Volk und Reich Industrie und Handel seit 1860—1916 genutzt! So etwa lautet ein Preisausschreiben, an dessen Zustandekommen u. and. auch unser Reichsbankpräsident Schacht beteiligt ist. Wahre Lobgesänge werden in die Hände dieser Herren gelangen, größtenteils wohl mehr aus Liebe zu dem in Aussicht gestellten Preis, als aus überzeugter idealistischer Begeisterung über die Leistungen von Industrie und Handel in dem gekennzeichneten Zeitabschnitt. Was ist denn überhaupt unter dem„Nutzen des Volkes und Reiches" zu verstehen? Für die Materialisten und Oberflächlichen natürlich: Geld, Geld und nochmal Geld gleich Macht! Nach weltgeschichtlicher Erfahrung aber ist großer Reichtum durchweg den Völkern zum Verhängnis geworden, weil all der Kampf, die Entwickelung tüchtiger Eigenschaften und schließlich alle körperliche und geistige Widerstandskraft unter seinen Folgen erschlafft, dagegen Völlerei und Zuchtlosigkeit mehr und mehr zunehmen. Dies führt im Einzelleben, wie in ganzen Familien und letztlich im Völkerleben zum Ruin. Bei England tritt dies freilich kaum in Erscheinung, weil die ganz allmähliche Entwickelung des Riesenreiches durch die Fülle der Aufgaben und Chancen sowohl Regierungen, wie die Einzelnen im Volk dauernd zu großen weltweiten Unternehmungen anreizten, wodurch Müßigkeit und Erschlaffung stark verhütet wurden, dazu kommt die Widerstandskraft des germanischen Blutes und in allererster Linie die Heilwirkung eines wahren Christentums im vorigen Jahrhundert in England. Was ist denn in Wahrheit einem Volk und Staat von Nutzen? Antwort: Die Heranbildung eines urwüchsigen, starken, gesunden und befähigten, besonders aber tugendsamen Geschlechtes, dessen Wesensart nicht gemeiner, niedriger Egoismus ist, der in erster Linie darauf aus ist, möglichst viel den Begierden fröhnen zu können, wohl gar noch auf Kosten seiner Mitmenschen(zum direkten Schaden der Gesamtheit allemal) ja sogar zum Untergang anderer; sondern das gerade Gegentein Hat etwa Industrie und Handel dieser Förderung nich diametral entgegengewirkt durch Bestärkung der mate, rialistischen Richtung, durch Schaffung des sogenannten Proletariats? Städte schossen wie Pilze aus der Erde, mi unheimlicher Schnelligkeit entwickelten sich Großstädtdie christlichen Kirchen erreichten die Menge nicht mehr Nur sehr wenige Fabrik= und Handelsherren hatten ein Herz für die für sie schaffenden Mitmenschen, die anderen nutzten nur für ein nicht ihrer Arbeitsleistung entsore, chendes Entgelt deren Kräfte aus, gewissermaßen alihre lebendigen Maschinen. Darüber, daß der karge Lohn nur reichte, um ein ganz armes Leben fristen zu können, wenigstens in den ersten Jahrzehnte ndes ge, nannten Zeitabschnittes, ließen sie sich kein graues Haar wachsen. Ja, ihre Fürsorge reichte noch nicht einmal so weit, daß sie Lokale gebaut hätten und Anlagen, die auch genügend Rücksicht auf die Gesundheit der Menschen auf. gewiesen hätten. Wurden die Arbeitenden dadurch kranz nun, dann mußten sie sehen, wie sie mit dem Leben fertig wurden, dann kamen eben andere an deren Stelle Anders war es in der Regel auch nicht, wenn durch schwer gesundheitswidrige Zustände in den Betieben oder durch ungenügende Schutzvorrichtungen Menschen ihr hen verloren oder zum Krüppel wurden, bis endlich der Staat sich zum Schutze dieser Opfer gewissenloser Habgier aufraffte und durch Gesetze und Polizeigewalt die Inhaber zwang, entsprechende Rücksicht auf die Gesundheit der Arbeitshelfer(deutsche Bürger- fort mit dem infamen Namen Proletarier) zu üben, auch genügende Schutzvor. richtungen einzurichten usw. Schließlich wurde dann auch noch für die kranken und invaliden Arbeiter Fürsorge getroffen. Ohne diese Staatszwangsmaßnahmen hätte der Einzelne noch einige Tausende, bezw. Zehn= oder auch Hunderttausende mehr im Laufe seines Lebens für sich und seine Nachkommen aufgehäuft und mit diesem Mammon auch entsprechenden Fluch und Verderben für sich und seine Mitwelt. Solche gewissenlose Habgier und bei den so Reichgewordenen auch noch der Standesdünkel schufen den schädlichen Haß und die Zerrissenheit und all das Unselige, was entstanden ist. Wahrlich, ein schlechter Dienst am Volk! Würde jedoch Industrie und Handel in entgegengesetzten Bahnen wandeln, so dürfte man schon von Segensleistungen dieser Stände in der Zukunft reden! Aber aus dem genannten Zeitabschnitt nimmermehr! ein Baugewerte. ie Arbeitgeberverbände des deutschen bes haben unter dem Druck der allgemeinen Wirtschaftskrise und— wie es in einer Mitteilung des rheinisch=westfälischen Baugewerbes heißt—„angesichts der katastrophalen Lage des Baumarktes“ die geltenden Lohntarife zum 31. März gekündigt. Die neuen Verhandlungen mit den Gewerkschaften, zu denen damit der Auftakt gegeben ist, dürften sich schwierig gestalten. Alle Meinungsverschiedenheiten aber dürfen die Parteien nicht vergessen lassen, daß der Ausbruch eines offenen Wirtschaftskampfes im Interesse der deutschen Gesamtwirtschaft vermieden werden muß. Ueber den Ernst der Lage auf dem Baumarkt kann es keine Zweifel geben. Die Verhältnisse sind tatsächlich schlecht! Wenn im vergangenen Jahre der harte Winter die Bauarbeiten erschwerte, so hemmt in diesem Jahre die Finanznot der öffentlichen Verwaltung, unter deren Auswirkungen sich Mitte der die politischen Verhältnisse kritisch eber: und Gemeind markt eine hervorragende Rolle. Die Bedeutung des Baugewerbes erhellt daraus daß jährlich etwa acht bis neun Milliarden Mark i die Bautätigkeit gesteckt werden. Gegenüber der Vor kriegszeit, in der jährlich etwa sechs Milliarden Mar in Bauten investiert wurden, bedeutet das unter Be rücksichtigung der gestiegenen Bau= und Finanzierungs kosten einen Rückgang. Ihren Grund hat diese Er scheinung hauptsächlich in der Verringerung der Auf tragserteilung der öffentlichen Hand. # Aluch, sonst haben sich auf dem Baumarkt er heotiche Wandlungen vollzogen. Nicht nur die Auf träge für Eisenbahn=, Straßen= und Kanalbauten sin geringer geworden, auch der gewerbliche Bau für Han del und Industrie, der vor dem Kriege 1,5 Milliarde Mark in Anspruch nahm, bewegt sich kaum noch au dieser Höhe. Das Kernstück der Bauproduktion in de Nachkriegszeit bildete vielmehr der von der öffentliche Hand unterstützte Wohnungsbau. Die Konjunkturbewegungen auf dem Baumark waren in der Nachkriegszeit weniger klar zu erkennen als in den Jahren vor 1914. Das liegt daran, da das Baugewerbe seit dem Umsturz von Strukturver änderungen betroffen ist, die teilweise noch nicht ab geschlossen sind. In den letzten Jahren sind die Kon junkturphasen, die sich vor dem Kriege meist auf ein Anzahl von Jahren erstreckten und damit der einzelnen Baujahren ein bestimmtes Gepräge gaben schneller verlaufen. Insbesondere bei öffentlichen Ar beiten hat die zunehmende Einsicht in die konjun turellen Zusammenhänge gegenüber der Vorkriegsze gstr sckhrt, daß die öffenttichen Auftraggeber da der Vergebung ihrer imme noch ins Gewicht fallenden Aufträge, ausgleichend Wenn, auch, dieser Konsunkturausgleie ourch östentllige Auftragserteilung sie nicht durchgesetzt hat, so sind doch besonders ir Jahr mancherlei praktische Vorschläge gemach und Urbeiten in die Hand genommen worden, d eine Konsuntturbeeinflussung durch offentliche Au träge sowohl im Baugewerbe wie auch in anderen Ge wervczweigen ermöglichen. Der Umstand nämlich, daß gegenwärtig der Wohnungsbau in stärkster Weise durch eine Finanzierung aus öffentlichen Mitteln, besondert in Form der Hauszinssteuerhypotheken, betrieben wird, gibt die Handhabe, bis zu einem gewissen Grade einen ausgleich der in der Vorkriegszeit besonders schroffen Konjunkturbewegungen herbeizuführen. Gewünscht wird ein solcher Ausgleich sowohl von den Gewerkschaften als auch von der Bauindustrie selbst. In Erinnerung ist wohl noch der Antrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Untersuchungen über die Vergebungsmethoden der Behörden zu veranstalten. Von den Arbeitgebern trat jüngst die Fachgruppe Bauindustrie im Reichsverband der deutschen Industrie, mit einer Eingabe an die Regierung hervor, in der Reich, Länder und Gemeinden— die jährlich für insgesamt acht Milliarden Mark Aufträge vergeben— aufgefordert wurden, Maßnahmen zu treffen, damit das Baugewerbe die diesjährige Krise überwinden könne. „Der Staat— so heißt es in dieser Eincabe— darf. nachdem er zum größten Auftraggeber der durch seine Bürger betriebenen Wirtschaft geworden ist, wenn er sparen will nicht einfach stillegen, will er nicht zugleich die Wirtschaft, die seine eigenen Kosten und Verpflichtungen zum größten Teil aufzubringen hat, gänzlich zugrunderichten. Hinsichtlich der Lohnbewegung Vorkriegszeit das Baugewerbe die Tendenz, den Loy# nen in anderen Gewerbezweigen voranzugehen. Davei waren die Löhne der Baufacharbeiter weniger den Schwankungen ausgesetzt, als die der ungelernten Hilss arbeiter, die besonders im Tiefbau beschäftigt wurden. Dieser besonderen Tendenz in der Lohnbewegung der Bauarbeiter entsprach in der Vorkriegszeit auch der Verlauf der Arbeitskämpfe. Die Unsicherheit, die der neue Lohnkampf hervorrufen kann, wird zeitlich## fentlich begrenzt sein. Eine Entspannung der Lag auf dem Baumarkt müßte schließlich auch dadurch e treten, daß mit dem Hereinströmen neuen Ausland geldes die gesamte Wirtschaft neue Anregung erfährt. Die Mieterschutzgesetzgebung. Der Ausschuß begrenzt ihre Geltungsdauer bis 30. Juni 1931. Im Wohnungsausschuß des Reichstages wurden die beiden Gesetzentwürfe über die Verlängerung Geltungsdauer des Mieterschutzgesetzes und des mietengesetzes beraten. Nach längerer Aussprache schloß der Ausschuß gegen die Stimmen der Sostt## demokraten und Kommunisten, die Verlängerung Geltungsdauer der beiden Gesetze nicht entspregin dem Vorschlage der Reichsregierung bis zum 30. 1932 vorzunehmen, sondern die beiden Gesetze bis zum 30. Juni 1931 zu verlängern. Der Bund deutscher Mietervereine richtete Eingabe an die Reichsregierung, in der er erklärt, lange das Angebot an Wohnraum die Nachfrage übersteige, seien Lockerungen des jetzigen Rechtszustt des nicht tragbar. Jollf: Man erhofft Die von ührenden. Ar in nur lang ber Ende de angen, obwol ahmebestimm lärt ist. In Konf# luffassung, d vassenstillstan rreichen sein vaffenstillstan son den Reg u werden. hauptthema? rogramms fi ungen in der und Herabsetz sebnisse erzie Man ist Zollwaffenstil Voraussetzung lungen angest Einzelfragen veiterung de Zollformalitä somenklature verträge im indgültigen Der urs der allgemei des zu einer nen He jedenf nun ich g einze ing ein Eine Ein Der Ka schen Abändbundspaktes, Bestimmung Mittel zur 9 fortgesetzt, 5 den konnte. brachte eine über den deu kerbundspakt nämlich Haa keit und Bo wenn die 2 schöpft sind. 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Dagegen hofft man, daß bei dem zweiten hauptthema der Konferenz: Herstellung eines Arbeitsprogramms für die weiteren wirtschaftlichen Verhandin der Richtung wirtschaftlicher Verständigung und Herabsetzung der Zolltarise, gewisse praktische Ergebnisse erzielt werden können. Man ist jetzt zu der Auffassung gelangt, daß der Zollwaffenstillstand nicht mehr als eine unbedingte Voraussetzung für die weiteren Verständigungsverhandlungen angesehen werden darf und beabsichtigt daher, Einzelsragen— indirekter Zollprotektionismus, Erweiterung des internationalen Abkommens über die Zollformalitäten von 1923, Vereinheitlichung der Zollnomenklaturen— auf dem Wege kollektiver Handelsverträge im Rahmen von Völkerbundskonferenzen zur endgültigen Entscheidungz zu bringen. Der ursprüngliche Versuch des Völkerbunds, auf der allgemeinen Grundlage eines Zollwaffenstillstandes zu einer wirtschaftlichen Verständigung und allgemeinen Herabsetzung der Zolltarife zu gelangen, dürste jedenfalls zunächst ohne Erfolg geblieben sein und sich nunmehr in der Richtung auf einer Verständigung einzelner Staatengruppen bewegen. Die Anbahnung einer Verständigung zwischen den ten hat aber zunächst noch keine weiteren Fortschritte gemacht; man hält den Zeitpunkt für ein Erzeugungskartell der Agrarstaaten noch nicht für gekommen. * Völkerbund und Kelloggpakt. Eine Einigung über den deutschen Antrag noch nicht erzielt. — Genf, 28. Februar. Der Kampf im Völkerbundsausschuß um den deutschen Abänderungsantrag zum Artikel 12 des Völkerbundspaktes, der die Einfügung der Kellogg=Pakt= Bestimmung über die Anwendung nur friedlicher Mittel zur Regelung eines Streitfalles vorsieht, wurde fortgesetzt, ohne daß jedoch eine Einigung erzielt werden konnte. Der italienische Senator Scialoja brachte einen weiteren Abänderungsantrag ein, der über den deutschen Antrag hinausgeht und die im Völkerbundspakt vorgesehenen drei Vermittlungsarten, nämlich Haager Schiedsgerichtshof, Schiedsgerichtsbarkeit und Völkerbundsrat nur für den Fall vorsieht, wenn die Mittel einer nur friedlichen Regelung erschöpft sind. Cecil=England und Cot=Frankreich bekämpften den italienischen Antrag. Auf englischer und französischer Seite besteht offenbar die Absicht, für einen Streitfall keine endgültige Festlegung auf ausschließlich friedliche Methoden vornehmen zu lassen, sondern die im Völkerbundspakt vorgesehenen Verfahrensarten als allein gültig zu erklären. Ein neuer Antrag von Sokal=Polen, den deutschen Antrag abzulehnen, drang jedoch im Ausschuß nicht durch! Schließlich einigte man sich auf Einsetzung eines besonderen Redaktionsausschusses (Cecil=England, Bülow=Deutschland, Seialoja=Italien) der einen neuen Vermittlungsvorschlag einreichen soll. erhalten Erste Lesung des Ministerpensionsgesetzes im Reichstag. — Berlin, den 27. Februar 1930. Den ersten Punkt der heutigen Tagesordnung des Reichstags bildete die Beratung des Einspruchs des Reichsrats gegen den Reichstagbeschluß, wonach die Rückflüsse aus Hauszinssteuermitteln nur für den Wohnungsbau Verwendung finden dürfen. Die weikeren Verhandlungen über diesen Einspruch sollen im Bohnungsausschuß geführt werden. Im Mittelpunkt der Verhandlungen stand dann der Gesetzentwurf über die Rechtsverhältnisse des Reichskanzlers und der Reichsminister, das sogenannte Ministerpensionsgesetz. Nach den Ausschußbeschlüssen beträgt das Gehalt des Reichskanzlers 45 000, das eines Reichsministers 36 000 Reichsmark im Jahre. Ehemalige Reichsminister sollen zukünftig nicht mehr lebenslänglich die volle Pension erhalten, sondern nur ein Uebergangsgeld für einen Zeitraum von höchstens fünf Jahren, je nach der Dauer der Ministertätigkeit, das in den ersten drei Monaten das volle Ministergehalt und dann die Hälfte beträgt. Hat ein Minister bei Ausübung seines Amtes eine Gesundheitsschädigung erlitten, die seine Arbeitsfähigkeit wesentlich und dauernd beeinträchtigt, so soll er eine Ruherente erhalten, desgleichen wenn ein Minister bei seinem Ausscheiden das 65. Lebensjahr erreicht hat und mindestens vier Jahre Minister war. Die Ruherente soll 12 000 Reichsmark jährlich nicht übersteigen. In einer Entschließung ersucht der Ausschuß die Reichsregierung, darauf Bedacht zu nehmen, daß zurückgetretene Minister, die aus der Beamtenlaufbahn hervorgegangen sind, nach Möglichkeit in für sie geeignete Reichsbeamtenstellen angestellt werden. Abg. Gottheiner(Dutl.) stimmte dem Grundgedanken des Gesetzes zu, daß der parlamentarische Minister keinen Pensionsanspruch haben soll. Redner wandte sich aufs schärfste gegen den von den Sozialdemokraten eingebrachten Antrag, wonach die Ernennung eines neuen Reichskanzlers nicht von ihm selbst gegengezeichnet werden soll, wie es jetzt die Vorlage bestimmt, sondern von dem bisherigen Reichskanzler, wie es bisher der Fall ist. Tardieustößt auf Schwierigkeiten. Keine guten Aussichten für Tardieu. — Paris, 27. Februar. Tardieu empfing am Donnerstag nachmittag verschiedene Persönlichkeiten aus Kammer und Senat, u. a. auch den ehemaligen Kriegsminister Painlevé sowie Marin. In den Wandelgängen des Senats verhehlt man sich die Schwierigkeiten nicht, denen Tardieu gegenübersteht. Der Präsident eines der großen Senatsausschüsse erklärte, er glaube nicht an einen Erfolg Tardieus, da die Radikalsozialisten ihre Mitarbeit in einem Kabinett Tardieu verweigern. In politischen Kreisen spricht man weiterhin von persönlichen und sachlichen Streitigkeiten zwischen Tardieu und Briand. Knapper Sieg der Macdonald=Regierung. 280: 271 — London, 27. Februar. Der liberale Ergänzungsantrag zur Bergbauvorlage ist vom Unterhaus mit 280 gegen 271 Stimmen abgelehnt worden. Die Regierung hat damit seit der parlamentarischen Behandlung der Bergbauvorlage zum zweiten Male einen ganz knappen Sieg errungen. Kabinett prüft Finanzvorschläge Aussprache über Moldenhauers Deckungsprogramm.— Vor der Schlußabstimmung über die Younggesetze im Ausschuß. — Berlin, 28. Februar. Das Reichskabinett begann gestern die Prüfung der von dem Reichsfinanzminister Dr. Moldenhauer eingereichten Deckungsvorschläge. Zu Sitzung, an der auch Reichsaußenminister Dr. Curtius wieder teilnehmen konnte, weil sein Unwohlsein wieder behoben ist, erstattete Minister Dr. Moldenhauer einen längeren Vortrag. In der sich anschließenden Diskussion nahmen der Reichskanzler und die übrigen Mitglieder des Kabinetts das Wort, um„ittags, merkungen vorzubringen. Nach einer wurden die Besprechungen in den Nachmittagsstunden wieder fortgesetzt. Kennzeichnend für die Bedeutung, die man dieser Kabinettssitzung beilegte, war, daß die vereinigten Ausschüsse des Reichstags die Beratung der mit dem Youngplan zusammenhängenden Gesetze beendeten, sich dann aber ohne Abstimmung auf den heutigen Freitag vertagten, um zunächst den Beschluß der Reichsregierung abzuwarten. Im Verlaufe der Aussprache über das amerikanische Schuldenabkommen erklärte der deutschnationale Abgeordnete Dr. Reichert, die Deutschland für einen Zahlungsaufschub auferlegten Zinssätze seien leider mit 3½ und 5 Prozent mehrmals so hoch wie die von Amerika bei den Fundierungs=Abkommen seinen Kriegsschuldnern Frankreich und geräumten Zinssätze von 1,6 und 0,4 Prozent. Dadurch würden die Vorzüge des Abkommens zum großen Teil illusorisch gemacht. Protest des Automodilklubs. Der Allgemeine Deutsche Automobilklub richtete eine Eingabe an die Reichsbehörden, in der er die Einführuna einer Benzinsteuer und gegen e Gottes Gäte gab uns heute ein gefundes Töchterlein. Lo foll Barbara Danna Llisabeth heißen. In dankbarer Freude Karl Goebels, Pfarrer und Frau Llisabeth##b. Wol Frankfurt a. M. Lubeneckstr. 13, den 20. Februar 1030 de. Wreder Bielefeid, Gütersieherstraße 14 Fernsprecher 1912 Sperleichtellung fie moderne Augenopfik — In urserer bewegten Zeit iet es Pflicht der gläubigen Kaufleute, in ihrem Berufsjeben ein entschiedenes Zeugnis für positives Christentum aufzurichten, um dem ins Wanken gekommenen alten Grundsatz von Treu und Glauben im Erwerbsieben wieder volle Geltung zu verschaffen und die gesunkene Geschäftsmorel zu heben. Dazu ist der Zusammenschlub aller gleichgesinnten Berufsgenossen beiderlei Geschlechts erforderlich. Jeder deutsche Kaufmann, ob Chef oder angestellter. welcher auf dem Boden eines lebensvollen, biblischen Christenkums sieht, sollte daher die Mitgliedschaft unseres Verbandes bei der nachstehenden Geschäftsstelle beantragen: Verband gläubiger Kaufleute Geschäftsstelle Walter Brinck, bssen-Bredeney, Einigkeitstr. 25Benzolschutzzoll protestiert. Die Reichsregierung müsse Maßnahmen treffen, um eine Verteuerung der Betriebskosten für das deutsche Verkehrswesen zu verhindern. gegen Groß Der Freispruch im Gotteslästerungsprozeß aufgehoben. Der zweite Strassenat des Reichsgerichts verhaudelte als dritte Instanz den Gotteslästerungsprozeß gegen den Zeichner George Groß. Groß hatte eine Mappe mit Zeichnungen herausgeben lassen, deswegen von der ersten Instanz wegen Gotteolästerung mit dem Herausgeber zu je 2000 Mark Geldstrafe verurteilt worden. In zweiter Instanz waren Zeichner und Herausgeber vom Landgericht III in Berlin freigesprochen worden. Das Reichsgericht hob nunmehr das freisprechende Urteil auf und verwies die Streitsache an die Vorinstanz zu neuer Verhandlung zurück. Das Gericht folgte im wesentlichen dem Antrag des Reichsanwalts Dr. Schneidewin, wich aber insofern von ihm ab, als die Rückverweisung an das Landgericht I erfolgte, während der Reichsanwalt ein anderes Landgericht,„am besten Berlin II,“ gewünscht hatte. Veranlaßt wurde der Prozeß gegen Groß in der Hauptsache durch drei, angeblich der Bekämpfung des Krieges dienende Bilder. Eines zeigte Christus am Kreuz mit Schaftstiefeln und mit vorgehaltener Gasmaske und trug die Unterschrift:„Maul halten und weiter dienen“. Eine andere Zeichnung zeigte einen Geistlichen, dessen Mund Granaten und Geschütze entströmten und dessen Titel lautete:„Ausschüttung des Heiligen Geistes". Die dritte Zeichnung zeigte eine Offiziersgruppe, in deren Mitte sich ein karikierter Geistlicher und ein Richter befanden. In der Begründung der Enscheidung betonte der Vorsitzende des II. Senats des Reichsgerichts, eine scharfe Kritik an Einrichtungen und Bräuchen der christlichen Kirche könne niemandem verboten werden. Andererseits dürfe aber auch das religiöse Empfinden von Millionen deutscher Staatsbürger nicht durch eine rohe Form der Mißachtung verletzt werden. Die Kritik müsse Maß halten, namentlich auch in der Form und dürfe nicht das, was Millionen heilig sei, roh herabsetzen. Das höchste Symbol für die Christenheit sei aber Christus am Kreuz. Die Kunst sei nur ein Zweig am Baum der Kultur und könne für sich nicht ein Vorrecht gegen andere, gleichwertige Zweige des Kulturlebens verlangen. Auch die Kunst habe die religiösen Gefühle und Religionsgesellschaften zu achten. Daß auch eine bildliche Darstellung der Ehre und der Heiligkeit Gottes Abbruch zu tun und daß insbesondere auch eine Darstellung Christi gegebenenfalls den Tatbestand der Gotteslästerung erfüllen könne, sei anerkannten Rechtes. Vorschläge zur Scheidungsreform. Zusammentritt des Unterausschusses.— Wann darf die Ehe getrennt werden? Der Unterausschuß des Rechtsausschusses des Reichstags beriet über die Frage der Reform des Ehescheidungsrechts. Auf Antrag des Berichterstatters, Abgeordneter D. Kahl, kam man dahin überein, den Antrag Rosenfeld, Schuldt=Steglitz, Kahl als Grundlage für den Bericht an den Rechtsausschuß und für weitere Verhandlungen anzunehmen. Ueber einen Antrag, die Scheidung auf Antrag eines Ehegatten nach Ablauf einer dreijährigen Trennungsfrist zuzulassen, konnte vorerst keine Einigung hergestellt werden. Es wurden im Interesse einer späteren Verständigung zwei Anträge dazu gestellt: ein Antrag Dr. Rosenfero(#.), eine solche Trennung„in beiderseitigem Einverständnis" zuzulassen, und ein Antrag Dr. Lüders(22P.), die Trennungsfrist von drei auf fünf Jahre zu erhöhen. Kirchennachrichten für Zion. Sonntag, den 2. März(Estomihi). Vorm. 8½ Uhr: Pastor Jungblut; 9 Uhr: Pastor Geck=Witten anschl. Beichte und Abendmahl, 10 Uhr: Besgogentsegzerze nuz Uhr: Kindergottesdienst. Montag, 20¼ Uhr: bibelstunde. Donnerstag, 19½ Uhr: Passionsgottesdienst: Pastor Wotmanks. Kirchennachrichten für Schildesche. Sonntag, den 2. März 1930. 10 Uhr vorm. Gottesdienft: Pastor Dahlmann; 2 Uhr nachm. Konfirmandenprüfung: Paztor Neuhaus. Freitag, den 7. März. 5 Uhr nachm. Passionsgottesdienst: Pastor Neuhaus. Schriftleitung: W. Kraa; Wirtschafts= und Weltpolitik: Dr. H. Huttel: Anzeigen: K. Diekmann; alle in Ait 25—338 Anzahlung zu verkaufen Galienstein-Tes Eine Monatskur Nachnahme .10 Mk. Hervorragendes Vorbeugungsmittel bei chronischen Gallensteinerkrankungen. Apotheke, Christlansiadt am Bober. EISU- Eüel. Betten Schlafzimm., Kinderbett., Stahlmatretz., Poister. Chaisel. e. Private. Ratenahig. Katael. fr. Eisenmöbelfabrik Sahl(Th.) Stellengesuche u. Angebote haben im„Auswärts“ großen Erfolg Villenkolonte Buchschlag b. Prankfurt Main Einfamilienlandhaus mit 7. 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März abend 8 Uhr: Eröffnung der Konferenz durch einen Gottesdienst in der neuen Kirche. Pastor Wolf, Westkilver. Geleitet Mittwoch, den 12. März 9 Uhr: Morgenandacht mit Gebetsgemeinschaft. von Generalsekretär Veer, Bad Oeynhausen morgens 10—12 Uhr: 1. Vortrag mit anschließender Besprechung: Missionar Pichler, Herford nachmittags—5 Uhr: 2. Vortrag: Dr. Hans Berg, Neustrelitz, mit anschließender Besprechung abends 8 Uhr: Evangelisation in der neuen Kirche. Pastor Vonhof, Bielefeld. Thema: Kulturkrisis der Gegenwart als eine Folge eines Abfalles von Gott. Donnerstag, den 13. März 9 Uhr: Morgenandacht mit Gebetsgemeinschaft, geleitet von Generalsekretär Veer, Bad Oeynhausen morgens 10—12 Uhr: 3. Vortrag: Missionsinspektor Henrichs, Barmen nachmittags-4 Uhr: 4. Vortrag: Pastor Kirschsieper, Sarepta=Bethel abends 5 Uhr: Feier des heiligen Abendmahles in der neuen Kirche. Pastor lic. Prüßner abends 8 Uhr: Missionsversammlung in der neuen Kirche. 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Unter ihren Reisegefährten waren 460 DeutschRussen, deren Vorfahren sich tief drinnen in Rußland angesiedelt und die durch die Geschlechter deutsche Sprache und Sitte und ihren evangelischen Glauben sich bewahrt hatten. Jetzt war über sie um des Glaubens willen, den preiszugeben sie sich weigerten, die Verfolgung hereingebrochen, und sie mußten die Scholle verlassen, an der ihr Herz gehangen. In festem Gottvertrauen fuhren sie übers weite Meer, um von neuem zu beginnen, nachdem man ihnen alles genommen. Die lügenhafte Ausstreuung ihrer alten Feinde, auf dem Schiff sei die Lungenpest ausgebrochen, wird die brasiliantsche Regierung nicht hindern, ihnen Gastrecht zu gewähren. Diese unsere wackeren Stammesgenossen, für die die alte Heimat keinen Raum mehr besaß, werden im I f e r n e n E r d t e i l w e i t e r f e s t h a l t e n, w a s i h n e n d a s T e u e r s t e auf Erden ist, ihren Glauben und ihr Volkstum. Schon auf dem Schiff konnten sich unsere Schwestern der Frauen und Kinder freundlich annehmen. Sie werden auch drüben Belegenheit finden, ihnen zu dienen, da die Auswanderer ) unmittelbarer Nachbarschaft von Orten angesiedelt werden, in denen Wittenberger Schwestern arbeiten. Die evangelische Kirche und in ihr auch die weibliche Diakonie werden berufen sein, ihnen das Erbe Luthers in der Ferne zu erhalten.— Nicht weit von der Gegend im Staate Santa Catharina, wo diese Flüchtlinge eine neue Heimat finden sollen, befindet sich ein weit ausgedehntes Gebiet, das vor 20 Jahren noch von undurchdringlichem Urwald bedeckt war. Es herrschte dort munteres Leben der Affen und Papageien und anderer Tiere des Waldes, aber keines weißen Mannes Fuß drang in diese Wildnis vor. Heute ist durch den Fleiß deutscher Siedler fruchtbares Ackerland dem Urwald abgerungen. Weithin erstrecken sich die Gärten und Acker der Kolonisten, die sich zu einer blühenden evangelischen Gemeinde zusammengeschlossen haben. Auch katholische Italiener haben in großer Zahl den Weg in diese landschaftlich herrliche und überaus gesunde, hochgelegene Gegend gefunden. Still und zäh wird dort der Kampf geführt um Luthers Erbe. Es ist möglich, daß in diesem Kampfe Wittenberger Diakonissen ein entscheidendes Wort mitsprechen werden. Seit etlichen Jahren befindet sich in dieser Gegend ein kleines Krankenhaus mit 30 Betten, das für die Gegend weit und breit von der größten Bedeutung ist. Als im vergangenen Frühjahr die dort beschäftigten, zu keinem Schwesternverband gehörenden Schwestern die Arbeit verließen, trat an Wittenberg die dringendste Bitte heran, sofort zu helfen. Da gleichzeitig ein tüchtiger deutscher Arzt in das Krankenhaus eintrat, war es stets voll belegt. Nun handelt es sich darum: Soll auf diesem vorgeschobenen Posten deutsche evangelische Diakonissenarbeit geleistet werVater Blumhardt und der Maler Ludwig Jum 50. Todestag von Johann Christoph Blumhardt am 25. Februar. Von Dr. Heinrich Schneider. Die Zahl derer, denen Vater Blumhardt zu bleibendem Segen werden durfte, geht in die Tausende. Nicht nur waren es solche, die am Leibe schwach oder vor den Augen der Welt arm am Geiste waren, sondern es gab unter ihnen auch viele, die vom Schöpfer herrliche Gaben und reiche Pfunde anvertraut erhalten hatten. Manche von ihnen haben davon auch in ihren Briefen oder Lebenserinnerungen Zeugnis abgelegt. Es wäre gewiß ein lohnendes Beginnen nach dieser Richtung hin, den von Bad Voll ausgegangenen Segensströmungen einmal nachzugehen, wo sie vielleicht einen literarischen Ausdruck gefunden haben. In den Anmerkungen zur Neubearbeitung des Blumhardtschen Lebensbiedes von Friedrich Zündel ist z. B. schon auf das Zusammentreffen des Dichters Eduard Mörike mit Vater Blumhardt hingewiesen. Sicherlich werden aber manche Freunde dieses Buches nicht wissen, daß ein Mann wie der durch seine feine rekigiöse und deutsche Kunst so volkstümlich gewordene Maler Ludwig Richter gleichfalls Vater Blumhardt kennengelernt hat, von seinem Wesen aufs tiefste berührt wurde und jahrelang mit Bad Voll in enger Verbindung stand. Im Jahre 1872 besuchte Richter Bad Voll zum erstenmal und wurde seitdem ein ständiger Freund und Gast des hauses, wo er auch wiederholt gleichzeitig mit Friedrich Zündel zusammen weilte. Ebenso stand er Blumhardt dem Sohne herzlich nahe. In seinem Tagebuch, aus dem sein sohn Heinrich wichtige Auszüge den„Lebenserinnerungen eines deutschen Malers“ hinzugefügt hat, berichtet Ludwig Nichter über das Bild, das er von Blumhardt empfing, folgendes: den, oder sollen italienische Nonnen, die sofort angeboten wurden, sich dort festsetzen, gewiß um nie wieder zu weichen? Obwohl das Wittenberger Diakonissen=Mutterhaus, wie alle diese Häuser, trotz den großen, dringlichen Aufgaben unter starkem Schwesternmangel leidet, wurde eine Schwester für die Leitung zur Verfügung gestellt, der jetzt eine zweite gefolgt ist. Es geht die evangelische Kirche unserer Heimat sehr viel an, ob solche Vorposten gehalten oder dem Gegner preisgegeben werden sollen. Hier sind Stellen, wo geholfen werden muß. Unsere Brüder und Schwestern in ihrer unsäglich mühevollen Arbeit drüben haben ein Recht auf die Hilfe der Heimat für die Erhaltung ihres heiligsten Besitzes. Wer sein Volk und seine Kirche lieb hat, darf an solcher Not nicht vorübergehen. Wäre sie hier bekannter, würden gewiß mehr junge Kräfte sich dem Haus zur Verfügung stellen, die dann die Erfahrung machen könnten: Ein Leben wird reich durch den Dienst an anderen. Die ganze Wittenberger Schwesternarbeit in dem fast durchweg katholischen brasilianischen Staate ist eingestellt auf den Kampf um die Erhaltung von Luthers Erbe. Da geht der deutsche evangelische Pfarrer von Porto Alegre, der großen Hauptstadt des südlichsten Staates von Brasilien, mit einem bei ihm zu Besuch weilenden Kollegen durch die Straßen der Stadt. Es begegnen ihnen etliche höflich grüßende junge Mädchen, die in ein großes, prächtiges Haus hineingehen.„Sehen Sie diese jungen Mädchen?“ fragt der Pfarrer seinen Amtsbruder.„Es sind meine Konfirmandinnen, und das Haus, in das sie gehen, ist eine katholische Ordensniederlassung, in der diese vom Lande und aus den Kolonien stammenden Schülerinnen durch Nonnen weitergebildet werden. Ich habe die Eltern darüber zur Rede gestellt, und sie haben mich darauf hingewiesen, daß gleichartige evangelische Anstalten ihnen nicht zur Verfügung ständen, sie also, wenn sie ihre Töchter noch etwas wollten lernen lassen, genötigt wären, ein solches katholisches Haus in Anspruch zu nehmen.“ Auf viele dieser deutschen evangelischen Mädchen, die späteren Mütter eines künftigen Geschlechtes, machen die katholtschen Hausgottesdienste mit all ihrem besonderen Zauber einen nachhaltigen Eindruck. Sie werden gewiß einmal nicht Kämpferinnen um Luthers Erbe sein. Man hat es erkannt, daß hier geholfen werden muß, und wieder sind es Wittenberger Diakonissen gewesen, die sich in solchem Kampfe auf Vorposten gestellt haben. Zwei Bahnstunden von Porto Alegre ist eine evangelische Erziehungsanstalt für deutsche evangelische junge Mädchen, die zur Zeit von 82 Schülerinnen besucht wird und unter der Leitung einer Wittenberger Schwester steht. Eine weitere Diakonisse und etliche andere Lehrerinnen arbeiten mit ihr. In der Heimat aber werden Schwestern als Lehrerinnen ausgebildet, die später mit in dieser wichtigen und gesegneten Erziehungsarbeit helfen sollen. Das genannte Stift ist auf bewußt evangelischer Grundlage aufgebaut. Hier erhalten die Schülerinnen einen lebendigen und bleibenden Eindruck von evangelischer Gesinnung und deutschem Familienleben, den sie mit in ihr Leben hineinnehmen. Sie sollen später bewußte Vertreterinnen deutschen evangelischen Glaubens werden. 47 Schwestern des Wittenberger Mutterhauses arbeiten zur Zeit auf zwölf verschiedenen brasilianischen Arbeitsfeldern. Ihre Zahl könnte noch viel größer sein. Wer „Bad Boll(1872) Juni. Blumhardts bedeutende Wirkung auf alle, in denen etwas seiner Art Sympathisches ist, liegt nicht sowohl in einer Lehre, in einem System oder Dogma, sondern in der Macht. seiner ganzen Persönlichkeit. Der Glaube an Christum ist in ihm eine Kraft Gottes geworden, welche ausstrahlend eine Wirkung zur Beseligung ausübt. Sein„Glauben' ist kein dogmatisches Fabrikat, sondern ist zu seiner eigensten Natur geworden, in all seinem Denken, Trachten, Sehnen, Wünschen, Reden und Tun. Er hat einen tiefen Einblick in das Wort der Heiligen Schrift und hält sich fest daran. Ich verstehe die Schrift besser als sonst, wenn er sie einfach, langsam, und Bedeutsames betonend, vorliest, hie und da ein paar Worte beifügend. Ich verstehe auch besser und kann besser schauen den Heiland und sein Wesen und Tun, auch das der Apostel. An seiner Dämonologie stoßen sich viele; und doch muß ich sagen, daß durch dieselbe abermals die Bibel in ein volleres Licht gestellt wird, wie sie auch ganz schriftgemäß genannt werden muß. Der alte und neue Bund steht wie ein lichter Regenbogen auf dem dunklen Hintergrunde einer abgefallenen Welt. Ein Lichtstrahl in die Finsternis, welcher mit der Herrschaft des Lichtes endigen wird.“ „Donnerstag, den 14. August. Früh vor acht Uhr bei Papa Blumhardt. Alle Enkel, die kleinsten auf dem Arm oder an der Hand ihrer Wärterinnen. Der alte, liebe Pfarrer segnet jedes einzelne und nennt es mit Namen.„Annele, Elisaveth, Friedele oder Samuel, der Heiland segne dich.“ Die ganz Kleinen werden von Vater oder Mutter auf dem Arm zum alten Pfarrer hingetragen. Zuletzt kommen die Größeren und ganz zuletzt auch die Alten. Ich machte den Schluß. Dies geschieht alles ohne besonderes Pathos, heiter und ganz einfach natürlich. Zuletzt singt die kleine fidele Schar einen Vers. Halleluja“ usw.; dann heben sie die Händchen in die Höhe, tummeln sich völlig ungezwungen und doch so hübsch durcheinander und ziehen fröhlich plaudernd ab. Was wird aus allen diesen Kindlein werden, die der Heiland so früh gesegnet!? Näheres darüber hören möchte, möge sich an den Hausvorstand des Katharinenstiftes zu Wittenberg wenden. Und nicht nur aus ganz Brasilien kommen Bitten um Entsendung weiterer Schwestern nach Wittenberg. Auch von zahllosen anderen Stellen der ganzen Erde ist um den Dienst der Schwestern schon herzandringend gebeten worden. Stille verborgene Arbeit leisten diese Schwestern und könnten sie noch in ganz anderem Maße leisten, wenn ihre Zahl größer wäre, und die Heimat diese Arbeit stärker stützte. Wir aber wollen uns darauf besinnen, daß das heilige uns gewordene Erbe auch heilige Verpflichtungen uns auferlegt. Eindrücke in einer englischen Public School" Von Gottfried Michaelis, Studienreferendar in Hagen(Westf.). Eine englische Public School? Das wird eine der öffentlichen höheren Schulen in England sein, erwiderte mir mancher, dem ich erzählte, ich habe mich einen Monat in einer solchen aufgehalten; denn es ist nicht mehr unbekannt, daß der englische Staat seit einiger Zeit die Schulfragen tatkräftig angegriffen hat, nachdem er bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein sich nicht von ferne um die Erziehung seiner Bürger gekümmert hatte. Aber: Public Schools heißen in England etwa 200 z. T. hochberühmte Schulen, obwohl sie gerade private Schulen sind. Zu wissen, wie es zu diesem Namen gekommen ist, trägt nichts zur Erkenntnis ihres Wesen bei. Doch ist es bezeichnend für England, wo man nie den alten Namen einer Einrichtung ändern würde, weil er auf die veränderten Verhältnisse der Gegenwart nicht mehr passe.— Bekannter als diese allgemeine Bezeichnung sind in Deutschland die Namen einzelner Schulen wie Eton, Rugby, Harrow. Sie sind uralte auf Grund von Stiftungen der Könige oder wohlhabender Männer bestehende und deshalb unabhängige Erziehungsstätten, verbunden mit Internaten, die den Söhnen der englischen Oberschicht jene Erziehung geben, die sie befähigt hat, der Nation die Dienste zu leisten, die den Aufbau des Weltreiches mit ermöglicht hat. Dieser Satz ist gewiß keine übertreibung und macht vielleicht verständlich, warum ein junger deutscher Lehrer Lust dazu hatte, eine solche Schule näher kennen zu lernen. Als mir ein englischer Freund eine Einladung des Leiters von Marlborough College in Wiltshire vermittelte, schien mir die Reise der Mühe wert. Marlborough College ist jetzt die zweitgrößte der Public Schools und streitet sich nur mit wenigen darum, welche von den 200 im Blick auf den Geist der Anstalt und ihre Leistungen den ersten Platz verdient. Zwar ist es verhältnismäßig jung, 1843 durch einen Kreis von Männern des höheren Mittelstandes gegründet, aber sein Name ist in ganz England und weit darüber hinaus bekannt und beliebt. Marlborough College liegt etwa auf der Mitte der Linie London—Cardiff im Tal des Flüßchens Kennet, neben einer malerischen alten Landstadt, von der die von den Engländern geschätzten Kalkberge der Umgegend(Marlborough Downs), zugleich der berühmte ) Publie= öffentlich, School= Schule. Blumhardts Kraft scheint, außer in tiefer Erfahrung, in dem einfachen Glauben an das Bibelwort— sich eng und bestimmt daran haltend— zu liegen. Die Liebe ist seine Religion. Er schließt niemand aus, hat das weiteste Herz; nach Konfession fragt er nicht. Man freut sich hier jedesmal auf die kurzen, kernigen Morgenandachten und noch mehr auf die Sonntagspredigt. Wie unendlich wohltuend und zurechtbringend ist doch ein solcher Aufenthalt unter Gleichgesinnten und gesegnet durch Gebet und Hausandacht eines so tüchtigen Mannes; aber es gilt, seinen Glauben wieder in die Welt zu tragen, ihn treu zu bewahren unter Andersgesinnten, und an der Heiligen Schrift und mit Gebet und christlicher Ordnung auf eigenen Füßen stehen und gehen zu lernen.“ Und dann noch im Jahr vor seinem Tod, Oktober 1883: „Der Aufenthalt in Bad Boll im Juli und August mit Lieschen und Heinrich wirkte, wie immer, wohltuend für Leib und Seele. Die Tage flossen gleichmäßig und ruhig dahin, gehoben durch Blumhardts(des Sohnes) geistig anregenden Einfluß.“ Selten hat sich wohl das alte Wort, daß Bücher Schicksale wie Menschen haben, so deutlich bewahrheitet, als an der von dem einstigen Winterthurer Pfarrer Friedrich Zündel verfaßten Lebensgeschichte seines Freundes und Geistesverwandten Johann Christoph Blumhardt. Zündel war bald nach dem am 25. Februar 1880 erfolgten Heimgang des Vaters Blumhardt an die Zeichnung des Levensbildes herangegangen und hatte selbst noch in den achtziger Jahren das Erscheinen mehrerer Auflagen seines meisterhaften Werkes überwacht. Dann war das Buch ungefähr dreißig Jahre lang vollständig vergriffen. In den unruhevollen Stürmen nach dem Weltkrieg konnte es aber erneut ans Licht treten und fand einen durch Weltnot vorbereiteten Boden, und heute ist seine sieghafte Hoffnung für viele Tausende lebendige Wirklichkeit geworden. Nun ist eine wohlfeile Ausgabe zum Preise von.60 Mark erschienen, die von jedermann mit einer geringen Aufwendung für den eigenen Bücherschatz erworden werden kann. Die Geschenkausgabe kostet 6 Mark. englische Feldherr, der Herzog von Marlborough, den Namen ableiten.— Fast bildet das Kolleg eine Ortschaft für sich: Kirche, Konzerthalle, Wirtschaftsgebäude mit riesigem Speisesaal, Schulgebäude mit etwa 30 Klassen und mehreren großen Arbeits= und Bibliotheksräumen, wohl 20 stattliche Wohnhäuser für Lehrer und Schüler, Werkstätten und Gebäude für die Leibesübungen, großer Garten und weite Spielfelder bilden den Besitz der Schule, die rechtlich nur von einem Stiftungsrat oder Kuratorium getragen wird, das sich im wesentlichen darauf beschränkt, den Rektor der Schule, genannt Master, zu wählen. Der Master ließ mich mit seinem Auto an der nächsten Bahnstation abholen. Von der ersten Minute an erfuhr ich: Der Lebensstandard ist gerade in den Public Schools, wie in weiten englischen Kreisen, erheblich höher als in den entsprechenden deutschen Schichten, und der repräsentative Aufwand, den der Leiter einer solchen Schule machen muß, drängt sich jemand, der in Deutschland in ganz anderer Weise lebt, natürlich besonders deutlich auf. Der Master ist nicht allzusehr an den Rat seiner Kollegen gebunden. Nicht nur ein zeitweiliges Mitglied seines Mitarbeiterstabes, wie ich es nun für fast fünf Wochen war, sondern alle Lehrer beruft er, ohne jemand fragen zu müssen und eben, daß er mich am ersten Vormittag den angesehendsten unter den Lehrern vorstellt, genügt als Einführung in den gesamten Schulkörper. Als Anfang November zum Lord Mayor') von London ein alter Schüler der Anstalt gewählt wird, da weiß kein Lehrer und kein Schüler, bevor der Master es amMorgen allen verkündet, daß ein ganzer Tag zu seinen Ehren freigegeben wird. Das Freudengeheul aus 750 Knabenkehlen über den nicht in jedem Jahr bewilligten freien Tag nimmt auch erst nach mehreren Minuten auf den Wink des Masters ein Ende. Seine Autorität bei allen Jungen ist sehr bedeutend und die leise Andeutung eines Befehls genügt selbst vor vollzählig versammelter Schule. Die Lehrer. Einige unter den Lehrern sind alte Schüler der Anstalt, sast alle sind aus Public Schools hervorgegangen und haben ihre akademische Bildung in Oxford oder Cambridge erhalten. Es gibt nur wenige Bezirke des deutschen Lebens, in denen der Bildungsgang eines bestimmten Standes und Berufes ebenso streng durch das Herkommen an bestimmte Orte und an einen festen Typus gebunden ist. Man sollte daher eine bedenkliche Enge des geistigen Horizontes erwarten. Aber einmal wachen weitblickende Augen darüber, daß die Inzucht nicht zu weit getrieben wird. Dann weiten viele unter den Lehrern ihren Blick durch häufige Auslandsreisen— wirtschaftlich sind sie, wenigstens die Junggesellen, und diese bilden die überwiegende Mehrzahl— dazu wohl in der Lage. Weiter bringt die Zugehörigkeit zu einem die Welt umspannenden Reiche— das empfindet der schmerzlich, der aus dem im Raum so hart begrenzten Deutschen Reiche kommt— dem Oxforder und Cambridger Studenten einen Sinn für das Große und Bedeutende im politischen und gesellschaftlichen Leben, der manchem Deutschen mit vielseitigeren Bildungsmöglichkeiten abgeht. Es soll jedoch nicht verschwiegen werden, daß hier Schwächen der Public School, auch einer solchen wie Marlborough College, liegen. Aber daß Einseitigkeit und Enge des Horizontes oft drohende Gefahren sind, erkennt man dort selbst. Und Selbsterkenntnis ist auch hier der erste Schritt zur Besserung. Die Jungen. Das Kapitel ist unerschöpflich, und es ließe sich viel berichten von den Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten englischer und deutscher Jungen. Ihr Vertrauen läßt sich wohl gewinnen, wenn man ihr Leben bereitwillig mitlebt. Zwar dauert es einige Zeit, bis sie sich dem Fremden erschließen, denn der Junge zwischen 14 und 18 Jahren ist jenseits wie diesseits des Kanals zurückhaltend. Aber als sie sahen, daß ich ihnen nicht neugierig zugucken, sondern ihr Leben verstehen wollte, um womöglich zu lernen, halfen sie mir alle, Marlborough College so gut kennen zu lernen, wie es in kurzer Frist möglich ist. Dabei wird keiner aufdringlich. Persönlicher Takt und eine von Herzen kommende Höflichkeit und Freundlichkeit scheinen mir charakteristisch für den Zögling dieser Schule zu sein. Sie baten mich, wenn wir uns beim Unterricht— ich gab deutsche Stunden in etwa zehn verschiedenen Klassen— oder beim gemeinsamen Mittagsmahl trafen, in ihr Wohnzimmer zu kommen, um mit ihnen zu plaudern, zu erzählen und last not least?) Tee zu trinken, oder bei den Fußballspielen zuzusehen und selbst mitzuspielen, oder mit ihnen zu wandern u. a. m. Da sah ich denn, welch erziehliche Wirkung vom Schul heim, in dem viele Jungen beieinander leben und die Ordnung durch die älteren fast ganz ohne die Hilfe der Lehrer aufrechterhalten wird, ausgehen kann, und welch bildende Werte im freundschaftlichen Verkehr zwischen Lehrer und Schüler liegen. Nirgendwo habe ich dreiste Vertraulichkeit auf Seiten der Jungen gesehen— aber der unglückselige Typus des steifen Philologen, der bei uns immer noch nicht ausgestorben ist, fehlt eben. Das Leben eines„Hauses“. 750 Jungen können nicht eine Hausgemeinde bilden. Da diese aber unentbehrlich ist im Aufbau einer englischen Public School, so ist die Schülerschaft untergeteilt in mehr als ein Dutzend„Häuser“, die unter der Oberleitung eines Lehrers, des sog. Housemasters, ein Schulheim bewohnen. In einigen haben je zwei oder drei ein kleines Wohnzimmer, in andern ist das ein Vorrecht der„Primaner" und alle jüngeren haben einen gemeinsamen Tagesraum; überall aber sind große Schlafsäle, in deren jedem ein„Präfekt" die Aufsicht führt. Präfekten heißen die vom Rektor bzw. dem Heimleiter ernannten Vertrauensschüler, die verantwortlich für die Disziplin sind, dazu auch Strafbefugnis besitzen und im allgemeinen— aber nicht allein um dieser Tatsache *)= Oberbürgermeister der alten Stadt London, eine der angesehendsten Persönlichkeiten im ganzen Land. *)= ich nenne es zuletzt, doch war es nicht das Gerinaste dabei. willen— ein beträchtliches Ansehen im Haus, oder wenn sie Schulpräfekten sind, in der ganzen Schule genießen. Zwar steht der Heimleiter hinter ihnen, aber er mischt sich möglichst wenig— das hängt von seiner und der Präfekten Persönlichkeit ab— in die täglichen Geschäfte ein. Nicht durch Wahl, das hieße nach den Wünschen der Jungen, sondern nach dem Urteil der Erzieher gelangen die MarlboroughPräfekten in ihr verantwortungsreiches Amt(in andern Public Schools herrschen andere Sitten). Die erziehliche Absicht dabei ist eine doppelte. Die Präfekten werden an die verantwortliche Führung einer Gemeinschaft schon in frühen Jahren gewöhnt, und die große Zahl der jüngeren lernt sich unterordnen auch da, wo die natürliche Überlegenheit noch nicht groß ist, sondern die Autorität erst langsam im Leben dieser Schulen ausgebildet worden ist.— Das„Haus“ nimmt seine Mahlzeiten gemeinsam ein, es stellt seine Spielmannschaften auf und fühlt sich— wenn es in rechter Weise zugeht— als eine große Familie, dessen Vater der Housemaster ist, der auch die Abendandachten leitet. Die Leibesübungen spielen in den englischen Schulen eine hervorragende Rolle aber in einer von deutschen Gewohnheiten ziemlich verschiedenen Weise. Zwar ist eine Turnhalle vorhanden, aber sie dient heute wohl nur noch nichtturnerischen Zwecken. Das Geräteturnen hat man ganz aufgegeben, da es zwar den Körper stählt, aber weniger zu gemeinschaftlichem Handeln und Geistesgegenwart erzieht als die Spiele, die das Leben der Schule jeden Tag nach dem Mittagessen beherrschen. In jedem„Haus“ und für die ganze Schule gibt es je einen Spielobmann, der seine Kameraden in die Mannschaften einteilt, die Plätze bestimmt und mit andern „Häusern". Wettspiele verabredet. Dann zieht man im Sommertertial zum Cricket, dem englischen Nationalspiel (bei uns so gut wie unbekannt), im Herbsttertial zum RugbyFußball, eine besondere Form des Fußballspiels, die auch in Deutschland allmählich eindringt, und im Wintertertial zum Hockey hinaus. Bildung des Willens, der Geistesgegenwart, der Unterordnung unter die Befehle des Spielführers, der Einfügung in das Spiel der ganzen Mannschaft, also Ziele, die der Charakterbildung dienen, sind wichtiger als die Kräftigung des Leibes, die selbstverständlich mit der schnellen Bewegung, der Anstrengung des ganzen Körpers verbunden ist. Rohes Spiel ist selbstverständlich streng verpönt und würde nicht nur von den älteren Jungen, sondern auch von den leitenden, mitspielenden oder zuschauenden Lehrern gerügt werden. Denn einen Gentleman, ein freies und ritterliches Glied der Gesellschaft zu bilden, ist ja ein Hauptziel der Erziehung in den englischen Public Schools.— In einer großen Pause finden vormittags gymnastische übungen statt, wozu auch alle Schüler unter dem Kommando der älteren antreten. Leichtathletik wird im Sommer getrieben, übt aber neben den Spielen doch wohl nicht die Anziehungskraft aus wie bei unsern Jungen. Auch der Waldlauf, der etwa wöchentlich gemacht wird, ist nicht allzu beliebt. Schülerarbeit. Aus dem Gesagten läßt sich schon die für das Verständnis dieser englischen Schule entscheidende Tatsache erkennen: Auf Charakterbildung, vor allem Willensbildung wird ein weit größerer Wert gelegt als in einer durchschnittlichen deutschen Schule. Daß dabei die eigentliche Schularbeit etwas zu kurz kommt— wieder im Vergleich zu den gewöhnlichen deutschen Anschauungen— ist kein Wunder. Die Zahl der Wochenstunden ist zwar ungefähr die gleiche: 30, wozu für schwächere Schüler noch 3 Stunden in Förderklassen kommen. Auch ist reichlich Zeit für die häuslichen Arbeiten vorgesehen. Aber das Arbeitstempo ist durchschnittlich wohl geringer, auch bei tüchtigen Lehrern. Die Universitätsreife wird schon bei einem Kenntnisstand erreicht, der unserer Obersekundareife entspricht. Und zwar gibt es bis zu diesem Zeitpunkt kaum eine Gabelung und Fächerwahl(entsprechend unsern deutschen Schultypen Gymnasium, Oberrealschule uff.), sondern alle lernen: Religion, Englisch, Geschichte, Latein, Französisch, Mathematik und Naturwissenschaft(oder für letztere Griechisch, Deutsch oder Erdkunde). In der Regel machen einigermaßen gutbegabte Jungen mit 16—17 Jahren das Examen, das für den Eintritt in die meisten Berufe genügt und den Nachweis einer gewissen Allgemeinbildung bringt. Wer dann noch auf der Schule bleibt, arbeitet in Klassen, die ein bestimmtes Gebiet ganz stark in den Vordergrund stellen und nur nebenbei noch Religion, Englisch und ein weiteres Fach treiben. Es gibt die Abteilungen: Alte und neue Sprachen, Geschichte, Naturwissenschaften, Mathematik. Das Hauptziel, das aber nur von wenigen erreicht wird, ist ein Examen, das von den Universitäten jährlich abgehalten wird als Voraussetzung für die Vergebung gewisser Studienbeihilfen. Und da das Universitätsstudium noch teurer als die Schulzeit ist(die Pensionssätze betragen in Marlborough College jährlich zwischen 3100 und 3700 Mk.), streben viele nach jenem Ziel. Auf dieser Oberstufe werden in Marlborough College recht gute Leistungen erzielt, wie ich selbst im Unterricht feststellen konnte, wenn sie auch wohl nur selten unsere Spitzenleistungen übersteigen. Gottesdienst. Jeden Morgen sammelt sich vor Beginn des Unterrichts die ganze Schulgemeinde: Rektor, Lehrer und Schüler, zur Morgenandacht. Alle Gottesdienste haben die Form, die seit vier Jahrhunderten die englische Staatskirche beherrscht, denn die Gründer der Schule waren alle treue Anhänger dieser größten englischen Kirchengemeinschaft, der auch die Lehrer angehören. Unter den Schülern sind verschiedene Freikirchler. Daß solche sich in Marlborough College wohlfühlen können, beweist, daß hier nicht die katholische Richtung, die in der Staatskirche in der letzten Zeit starken Einfluß gewonnen hat, vorherrscht, sondern die gemäßigte. Andachten und Gottesdienste sind wesentlich liturgisch, auch der eine sonntägliche Predigtgottesdienst zeigte eine reichliche Beteiligung der Gemeinde durch das gesungene Wort— doch alles in evangelischer Weise. Die religiöse Schulunterweisung beschränkt sich auf ein, Stunde Bibellektüre am Sonntag vor dem Vormittag, gottesdienst. So ist der Sonntag überreich besetzt, da nag englischem Gebrauch viel mehr zur Abendmahlsfeier als bei uns. Boys Clab“). Eins der brennendsten Probleme, nicht nur für Ma, borough College, sondern alle englischen Schulen diese Typus, ist das soziale. Die Jungen, die fast durchweg den oberen Mittelstand entstammen, werden durch den klbster, lichen Abschluß von der Welt— eigentlich nur in den Ferien kommen sie mit andern Menschen als ihren Lehrern und Kameraden zusammen— zu einer gewissen sozialen Be, schränktheit erzogen, die sich mehr und mehr verhängnisvol im Leben der englischen Nation bemerkbar macht. Die in einer Public School Erzogenen fühlen sich überall zusammen. gehörig, und unwillkürlich entsteht ein Gegensatz zu den anderen. Gerade nach dem Krieg haben manche dies gefährliche Lage erkannt und suchen nach Abhilfe. Marl. borough College steht hier gewiß nicht an letzter Stelle, wo es sich um eine Umwandlung handelt, die vielleicht zu einer Lebensfrage des nationalen Lebens werden kann, jedenfalle aber zu einer Lebensfrage für die Publie Schools. Es sollte im vorstehenden nicht gesagt werden, es fehle überhaupt an sozialem Verantwortungsgefühl; durchaus nicht! Schon vor längerer Zeit übernahm die Schule# einer neu entstandenen Londoner Kirchengemeinde reges. mäßig geldliche Hilfe zu leisten, bis sich diese weit genug entwickelt hatte. Dann griff man zu einer andern Aufgabe. In einer benachbarten Stadt ist eine große Eisenbahnwert. stätte und zahlreiche Jungen im Alter von 14—22 Jahren leben als Arbeiter am Ort. Für sie hat Marlborough College einen Knabenklub(Boys Club) gegründet, ein Heim gemietet und eingerichtet. Einige Volksschullehrer nahmen sich der Arbeit an, spielen mit den Mitgliedern, veranstalten Vorträge und gesellige Abende und helfen ihnen in jeder Weise. Einmal wöchentlich schickt eins der„Häuser“ der Schule eine Gruppe von Jungen hinüber, die dann im Klubheim den Abend verbringen. Jährlich im August kommen 100 Arbeiter. jungen zu einer Freizeit nach Marlborough, an der auc ältere Schüler teilnehmen als Leiter der Spiele usw., die vormittags und nachmittags alle vereinen. Das ganze Werk wird finanziell getragen durch die Beiträge der Schüler. Politische Aussprache. In einer Unterrichtsstunde in der obersten Klasse fragten mich eines Tages die Jungen, was ich von ihrem Kadettkorps hielte(an allen diesen Schulen bestehen Lehrgänge zur Vorbereitung auf den Reserveoffiziersdienst in der Armee), und ob wir dasselbe an deutschen Schulen hätten. Da war kaum einer, der sich auch nur von fern klarmachte, welche einschneidenden Veränderungen der Versailler Vertrag für uns gebracht hat, daß das deutsche Volk abgerüstet hat und ein solches Kadettkorps unmöglich sei.— Anders waren meine Erlebnisse mit den Lehrern. Mit manchem oon ihnen kam ich in ausführliche politische Gespräche und fand weitgehendes Verständnis für unsere Lage und Forderungen in der Frage der Kriegsschuld und Reparationen, und zwar, wie ausdrücklich hervorgehoben sei, nicht nur in meiner eigenen Generation, sondern auch bei viel älteren. Solche Bereitschaft zur Verständigung begegnete ich bei den einzelnen Menschen in England häufig. Doch muß es immer wieder gesagt werden: ein völliger Umschwung der Meinungen ist in England noch nicht eingetreten und auf Sand ist die deutsche Politik gebaut, die sich auf solchen Umschwung verläßt, bei so vielen einzelnen er sich auch vollzogen haben mag. Ein älterer Lehrer sprach es mit einer Deutlichkeit aus, die nichts zu wünschen übrig ließ:„Ihr Deutschen hofft immer auf eine englische Arbeiterregierung— deren Politik ist nicht im geringsten deutschfreundlicher als die du Konservativen.“— So ist der Ertrag einer solchen Studienfahrt nicht nur auf pädagogischem Gebiet reich und lohnend, sondern auch die politische Bildung gewinnt. Wer nur irgendwie die Möglichkeit hat, über den Kanal zu fahren, versäume sie nicht— er wird stets eine gute Aufnahme finden! Das religionspädagogische Seminar in Gütersloh. Im Oktober vorigen Jahres wurde in Güterslo# durch Generalsuperintendent D. Zöllner das religionepädagogische Seminar eröffnet, das nunmehr schon in der kurzen Zeit seines Bestehens auf eine segensreiche Wirksamkeit zurückblicken kann. Die neue Einrichtung hat sich, wie damals D. Zöllner in seiner Einführungrede schon ausführte, als ein weiterer Stein auf dem Wege Güterslohs als Schulstadt erwiesen. Das religiontpädagogische Seminar ist angegliedert an das evange#### stiftische Gymnasium in Gütersloh, der in ihrer Art ais evangelische Schule einzigartigen Anstalt. Die Leitung Pastor Florin, der Anstaltsgeistliche des Gymnasiums, inne. Aufgabe des Seminars ist Einführung der Kand“ daten, es wurden zunächst zehn aus Sachsen, Schlesien, Rheinland und Westfalen aufgenommen, in die mit den Rekigionsunterricht der Schule zusammenhängenden Fiegen. Das Arbeitsgebiet ist neben wissenschaftlichen d# mühungen um die mit dem Schulunterricht, insbesonde! mit dem Religionsunterricht zusammenhängenden Erscheint wöch 036 Bestellgebi Ausland unte Einzelnumm Nr. 52. Ja, au Heilan An de Nun u Auf ih Der vr Der hi Und d Wer heute i queren will, dar aufsehen, dann auf, die ihm ar überschreiten ka an den Straßen nau an, wo un nicht gehen kan Ein solches, tendes Lichtsign telt die Passion stenheit wach u kreuzigten zu sie uns auch zu achton, der rich) Es läßt sich vom Christentu Lebenswandel genannte heidn ehren zwar Je ging und um se solche Bewund tadeln, solche L einmal stille un sein, daß das Weg zum wir finden. Und Ihr Ch ist euch wohlbe über Manches euch von Kind es nötig, daß n Aufhorchen. Fü daß ein Gehen! es Euch erst Mi erhörte Gottesl habe so schmach der WohlgefallRettung des G gründliche furd Vaters heiligen Aufsehen! 2 weder Du kümi und fährst in T lich aufzusehen, mern als den bist ein durch Mensch.