= Bezugspreis= Theistläcbes Tageblatt= Anzeigenpreist= .25 Bestellgebähr Pe Peei peese 1. und 29234#ge Wc#ggen Fün Gers und Sdaus“. 91e.einspahtgz, Vtsteslagen unter“ se tausend 15 Pik. Sh en ucter Streiir..95(imis. dniir den Heilagen„Für Hers und Fhälm, Prksame 30, Pfg. Bellagtn,#uter W. e, ggpen We Azersumtes, Streüiten),########. Bostgeld), Preigder 42, Heau o allig#l ggged: Loge Pkas er Schluß der Anzelgen=Annghme nachmitzags 3 Uhr. PosischecEinzelnummer 18 Pfg. Postscheckkonto Hannover E737.„Rinbese Un„MAen Rei.“ konto Hannover u7 un. Nr. 15. Bieleseld=Bethel(Verlagsort Bielefeld) Sonnabend, den 18. Januar 1930. 12. Jahrgang. SOorhelluer Ewpesewes mitt den=Genagen„Für Herz und un mter Ziel.“ Anzeigenpreis: Die einspaltigs, Milstzeziggznilg oder deren Raum 10 Psennig. Reklame 90,'.gncchnggzn, unter W. a se, tauseng 15 Ml. Schluß der Anzeigen=Annahme nachmittags 3 Uhr. Postscheckkonto Hannover 67877. Menschen bau'n, die Türme sollen Ein Jahrtausend überdauern; Doch der Rost zerfrist das Eisen Und das Moos zernagt die Mauern. Fr. W. Weber. umisiihiiiiiiigihi Zum 18. Januar. Von Hermann Trebbin. Der Geburtstag des Deutschen Reiches— und daran kann kein 9. November und kein 11. August auch nur das geringste ändern— ist und bleibt der 18. Januar, und wir ehren uns, obwohl nun loyale Bürger der Deutschen Republik, nur selbst, wenn wir diesem Tage mit dankbarem Gedenken begegnen. Geschähe dies allerdings mit ohnmächtiger Klage und ratlosem Zurückstarren in den erloschenen Glanz, so handelten wir damit am wenigsten im Sinne jener vorwärtsschauenden, werkmächtigen und schicksalzwingenden Schöpfer unserer nationalen Einheit. Es gibt in der Geschichte der Völker kein ungestraftes Zurück. Einzig und alleinim rastlosen, zuversichtlichen Vorwärts und Aufwärts liegt das Heil. Erst wenn wir im Glauben an unsre Berufung verzweifeln oder an der Arbeit für unsre Zukunft zerbrechen, trifft uns die ganze zermalmende Wucht unseres Enkelschicksals. Aber nicht Enkel und Erben wollen wir in erster Linie sein, sondern Ahnen und Erblasser. Mit dieser verantwortungsbewußten Einstellung müssen wir uns großgesinnt und tatentschlossen an unser unendlich schweres Werk machen. Eins steht für uns fest! Die verhängnisvollen Ereignisse, die in den letzten 15 Jahren über uns hereingebrochen sind, wirken fort als unwiderrufliche Bestandteile unsers volklichen Geschehens. Wir müssen mutig und vorurteilslos zu erkennen suchen, wo wir heute überhaupt stehen, um hier, soweit es noch nicht geschehen ist, unter Herübernahme alles dessen, was im alten Deutschen Reiche gut, tüchtig und ehrwürdig war, mit schöpferischer Kraft einen neuen Anfang zu setzen. Das kann nicht anders geschehen, als daß wir uns zunächst mit beiden Füßen auf den Boden der Tatsachen stellen, auf den uns das Schickfal mit eherner Unerbittlichkeit verwiesen hat. Die Frage ist nur: Sollen wir uns von dem Strom, der uns unwiderstehlich ergriffen hat, einfach treiben lassen, oder trauen wir's uns noch zu, ihn in unbeugsamem Trotzdem und Dennoch zu unserm Heil zu meistern? Und nicht minder eindringlich und schicksalträchtig steht eine zweite Frage vor uns auf: Hat das deutsche Bürgertum noch Lebenskraft, Lebenswillen und Lebensschwung genug in den Knochen, die Schicksalswage unseres Volkes in Zukunft entscheidend mitzubestimmen, oder verzichtet es freiwillig oder unfreiwillig auf seine weitere geschichtliche Sendung? Will es dies letztere Verhängnis aber von sich abwenden, so muß es mit Einsatz seines gesamten Könnens, Wollens und Vermögens alle diejenigen Lügen strafen, die da sagen, das Bürgertum befinde sich hinsichtlich seiner staatsformenden und kulturzeugenden Kraft hoffnungslos im Zustande der Ermattung. Leider jedoch hat es den Anschein, als sei man im bürgerlichen Lager nur unzureichend von dem Gefühl der Verantwortung durchdrungen, die ihm die gegenwärtige Weltstunde auferlegt hat. Schwer zu begreifen wäre es sonst, wie es nach wie vor in kleinlicher Interessenjägerei, in Lauheit, selbstmörderischer Gespaltenheit und parteipolitischer Verranntheit verharren wie es noch immer säumen kann, sich zu einer einheil!#in volksnationalen politischen Weltanschauung und einem dementsprechend geschlossenen Tatwillen, wenigstens in den Fragen volklicher, wirtschaftlicher und kultureller Selbstbehauptung, aufzuraffen. Es gibt keine andre Möglichkeit: Nur durch die werbende Kraft großer Ideen und die überzeugende Sprache hervorragender Gesamtleistungen kann es ihm gelingen, moralische Eroberungen auch im Lager derer zu machen, die heute einer andern Weltanschauung huldigen. Nie und nimmer aber kann dies geschehen durch ewig mißmutiges Sauersehen und ablehnendes Beiseitestehen weiter Kreise auf bürgerlicher Seite. Es ist gar nicht auszudenken, welcher Schade ihm bereits dadurch erwachsen ist, daß ihm durch die unerbittlich negative Einstellung seiner Inhaber wertvollstes politisches Kapital nun schon seit Jahren vorenthalten blieb. Positionen sind indessen verlorengegangen, die nur schwer oder überhaupt nicht wieder einzubringen sind. Nichts verhängnisvolleres kann es für uns geben als das abwartende Harren auf„unseren Tag“. Nicht herangewartet will dieser werden, etwa mit wohlfeilen Versprechungen, sondern herangewirkt durch tüchtige, polittsche, wirtschaftliche und kulturelle Taten. Dazu aber sind alle Gutgesinnten berusen in welchem Berufs= oder Parteilager sie sich auch befinden mögen. Ebensowenig dürfen wir hoffen, daß der ersehnte „große Mann“ jemals einem kleingesinnten Volke erscheinen werde. Nur den wohlvorbereiteten, würdigen Boden wird er einst betreten. Erst wenn jeder von uns bemüht ist, in seinem Bereiche ein großer Mann zu sein, ist die Zeit dessen da, der da kommen soll. Aber heute schon müssen wir uns unbarmherzig von jenem leider nur zu oft gehegten Wahn befreien, daß der große Führer unser Volk im Sturm hochreißen werde. Die dem Volke in dieser Hinsicht übertriebene Hoffnungen machen, sind Phantasten, die den Boden unter den Füßen verloren haben, oder sie sind nicht ganz ehrlich. Nein, auch der„große Mann“ wird sich erst mühsam durchbeißen müssen, um uns in rastloser, zernagender und opferwilliger Kleinarbeit aus all den inneren und äußeren Verstrickungen zu lösen, die uns heute übermächtig am Boden halten. Aber nichts wird für ein erfolgreiches Wirken unserer Führer so unerläßlich sein, als eine respektheischende, kraftvoll zusammengeschlossene und zielklar wollende Gefolgschaft. Nirgends ist sie uns so bitter vonnöten als in den Fragen, die in erster Linie unseres Volkes Leben und Ehre angehen, d. h. in den Angelegenheiten unserer Außenpolitik. Noch lange müssen wir uns darauf gefaßt machen, eine abwehrentschlossene Kampf= und Notgemeinschaft zu sein. Darum ist Kastengeist und Standesdünkel ebenso verrucht wie Klassenhaß und parteipolitische Verbohrtheit. Man spricht heute soviel von Völker versöhnung. Eine Flut von Schriften ist darüber erschienen, und in allen Schulen soll darüber unterrichtet werden. Das ist recht so, denn der Völkerfriede ist die unerläßliche Voraussetzung für die Wohlfahrt der Völker. Aber dabei soll man doch nicht vergessen, daß es zum mindesten ebenso des Schweißes der Edlen wert ist, nach besten Kräften für Volks versöhnung zu wirken. Wir kennen uns gegenseitig viel zu wenig. Und weil dies der Fall ist, ist uns das Gefühl für Recht und Billigkeit, für Leben und Lebenlassen weitgehend verloren gegangen. Wir würden es sonst nicht zulassen, daß dieser oder jener Stand einfach unter die Räder gerät, wie wir dies gegenwärtig z. B. bei dem ehrwürdigen, staats= und volkserhaltenden Bauerntum sehen. Das ist ein Verhalten, das einen ganz bedenklichen Mangel an lebendigem Volksgefühl, an Verantwortungsbewußtsein und Solidarität offenbart. Es wird sich einst bitter an uns rächen, wenn wir im gegenwärtigen deutschen Reiche den Bauernstand, aber auch andere bürgerliche Berufe, schutzlos der Verelendung preisgeben. Das ist nun allerdings keine erfreuliche Geburtstagsbetrachtung, wie wir sie hhier anstellen möchten, aber noch viel weniger sollte es eine verzweifelte und miesmachende Jeremiade sein. Noch haben wir keinen Grund, zu verzweifeln. Und haben wir gegenwärtig auch nicht die Kraft, unser Schicksal von Grund auf neu zu gestalten, die Möglichkeit zu einer weitgehenden Umgestaltung desselben ist uns noch immer verblieben. Des wollen wir uns besonders freuen am Geburtstag unseres noch immer lebenswürdigen deutschen Vaterlandes. Gerade der 18. Januar kann uns sagen, wohin unser Volk es zu bringen vermag, wenn es sich in opferwilliger Hingabe an große Ideen hochlebt, um dieses hohe Wollen zu gegebener Zeit und unter mitreißender genialer Führung durch die vollbringende Großtat zu krönen. Möchte diese Krönung ein volk= und völkerversöhnendes Werk des Friedens sein! Gegersatz, Von E. von Ungern=Sternberg. Der französisch=italienische Gegensatz, der so oft in den Lauf der Weltpolitik eingegriffen hat, wirft nun auch auf den Gang der Konferenz im Haag einen Schatten. Man hört aus italiewischen Quellen, daß Mussolini in sofern mit dem bisherigen Verlauf der Haager Verhandlungen nicht zufrieden ist, weil in der Kommission für Ostreparationen wieder ein Franzose(Loucheur) zum Vorsitzenden ernannt wurde. Praktisch wird sich aber der Gegensatz vermutlich erst auf der bevorstehenden Flottenkonferenz auswirken. Die übereilte Meldung, daß Mussolini mit Briand eine persönliche Zusammenkunft in Locarno haben werde, hat sich als unrichtig erwiesen, und der schöne französische Traum des Abschlusses eines Mittelmeerlocarno zwischen Italien, Spanien und Frankreich droht im Traumreiche zu verbleiben. Bereits vor ungefähr zwei Jahren wurden zwischen der französischen und der italienischen Regierung. begleitet von gewissen Feierlichkeiten, diplomatische Verhandlungen aufgenommen, die darauf hinzielen sollten, zwischen den beiden lateinischen Schwesternationen ein Verhältnis des gegenseitigen Vertrauens und der dauernden Freundschaft zu sichern. Zur Verhandlung standen die Tangerfrage, die Berichtigung der Grenzen zwischen Tunis und Tripolitanien, der Schutz der italienischen Kolonisten in Tunis, das Problem der italienischen Vorherrschaft im adriatischen Meere und schließlich auch die Frage der italienischen Einflußzone auf dem Balkan. Eine befriedigende Lösung fand allein die Tangerfrage, und zwar hauptsächlich deshalb, weil auch England und Spanien an ihrer Lösung stark interessiert waren, die übrigen Streitpunkte aber sind in dem Status quo ante geblieben oder haben sich noch mehr verschärft. Man darf nicht außer acht lassen, daß der latente französtsch=italienische Gegensatz nicht etwa eine Zufallserscheinung der letzten politischen Ereignisse ist. Er wurzelt vielmehr tief in der geschichtlichen Entwicklung der beiden Länder. Die Außenpolitik Frankreichs folgt getreu den Richtlinien Ludwigs XIV., dem bereits die Vorherrschaft des französischen Einflusses vorschwebte. Frankreich sollte gefolgt von kleinen Satelliten sein, die sich jederzeit dem französischen Karren vorspannen ließen, und die verhindern halfen, daß eine Macht emporwuchs, die fähig gewesen wäre, die französische Vorherrschaft zu kreuzen. Wenn Thiers seinerzeit Napoleon III. den Vorwurf machte, die italienische Wiedergeburt gefördert und dadurch mit der Tradition der französischen Politik gebrochen zu haben, so trifft dieser Vorwurf nicht ins Ziel. Frankreich nahm zwar das Bündnisanerbieten Cavours gegen Oesterreich an, es geschah aber hauptsächlich, um den Aufstieg der österreichischen Großmacht zu hemmen, und Napoleon gewann als Entgelt die reichen Provinzen von Nizza und einen Teil Savoyens. Die französischen Gewehre hielten den Vormarsch Garibaldis auf Rom auf, und von 1870 bis 1875 ankerte ein französisches Kriegsschiff im Hafen von Civitavecchia als Zeichen des Protestes gegen die Abschaffung der weltlichen Macht des Papstes und der Erklärung Roms zur Hauptstadt des geeinten Italiens.— Mit dem Sturz des zweiten Kaiserreichs zeigte Paris eine unverhüllte Feindseligkeit gegen alle italienischen Großmachtbestvebungen, die auf dem Berliner Kongreß zum Ausdruck kam und die in der Besetzung von Tunis ihren Gipfelpunkt fand. Der Dreibund war die Folge. Italien suchte im Deutschen Reich eine Stütze gegen Frankreich. Gewiß, Italien wurde seinen Bundesgenossen in schwerer Stunde untreu und stand während des Weltkrieges an der Seite Frankreichs. Die Gründe dafür und die moralische Beurteilung mögen unerörtert bleiben. Tatsache aber ist, daß die Waffenbrüderschaft der beiden Völker ihre latente Feindseligkeit nicht beseitigen konnte. Auch während des Weltkrieges selbst blieb Frankreich in manchen Fragen der politische Gegner Italiens. Man braucht bloß an die hinter dem Rücken Italiens geführten geheimen Verhandlungen mit dem Prinzen Sixtus von Bourbon über einen Sonderfrieden Österreichs auf Kosten Italiens zu erinnern, oder an die Verletzung der Bestimmungen des Londoner Abkommens, auf dessen Grundlage sich Italien bereit erklärte, in den Krieg einzutreten. Im Balkan mit seiner Neuordnung von Staaten und mit seinen gewaltsamen Grenzschiebungen, stehen sich Frankreich und Italien wiederum als Gegner gegenüber. Italien hat Albanien unter sein Protektorat gebracht und durch die Verträge von Tirana auf dem Gebiet König Zogus eine Aufmarschplattform geschaffen. In Bulgarien heißt es, daß sich gewisse Gruppen der Kommitatschi der italienischen Protektion erfreuen. Südslawien stützt sich auf Frankreich, und es ist noch gar nicht lange her, so wurde in Belgrad die Alarmglocke geläutet und von der Absicht Mussolinis gesprochen, Südslawien mit Krieg zu überziehen. Ungarn sollte im Falle eines Sieges Italiens einen Teil der geraubten Länder zurückerhalten und auch Bulgarten wurde eine mazedonische Grenzrevision versprochen, falls es offen an die Seite Italiens treten würde. Die Belgrader Regierungskreise mögen allzu pessimistisch gewesen sein, aber die Kassandrarufe bleiben dennoch ein Beweis für die latente Spannung, die wieder ihren Urgrund in den französtsch=italienischen Gegensätzen findet. Frankreich ist der Zufluchtsort mehrerer antifaschistischer Organisationen und von italienischen Anarchisten, die die Regierung Mussolinis mit Bombe und Dolch bedrohen. Wenn auch die französische Regierung dafür nicht verantwortlich gemacht werden kann, so entstehen doch Reibereien, die sicherlich nicht zur Besserung des Verhältnisses beitragen. Wenn nun von einem Mittelmeer=Locarno die Rede war an dem auch Spanien beteibigt sein sollte, so muß daran erinnert werden, daß Spanien und ztalien im Madrider Vertrage vom Jahre 1926 ein Freundschaftsbündnis geschlossen und sich über die Mittelmeerpolitik geeinigt haben. Auch Frankreich sollte aufgefordert werden, sich diesem Abkommen anzuschließen, aber die Angelegenheit blieb in der Luft hängen. Nur in der Tangerfrage einigte sich Spanien nach mühseligen, schleppenden Verhandlungen. Seitdem haben sich die Verhältnisse nicht viel geändert. Neue Splitterpartei. Herr Reichstagsabgeordneter G. Hülser bittet uns um Aufnahme der nachfolgenden Ausführungen: In den„Bremer Nachrichten“(Bremer Neueste Nachrichten für Nordwestdeutschland) vom Sonnabend, dem 4. Januar 1930, 188. Jahrgang, Nr. 4 stand folgendes: Der Reichstagsabgeordnete Hülser, der dem Vorstand des Christlich=sozialen Volksdienstes angehört, veröffentlicht einen längeren Aussatz:„Politischer Aufbruch im evangelischen Deutschland". Diesem Aufsatz ist zu entnehmen, daß der Christlich=soziale Volksdienst gewillt ist, in den nächsten Reichstagswahlkampf mit eigenen Listen einzugreifen. Die Frage und Form eines Zusammengehens mit benachbarten Gruppen unterliegt noch der Prüfung. Die Aufgabe der eigenen Selbständigkeit kann dabei jedoch nach dem ganzen Wesen der Bewegung nicht in Frage kommen. Der Christlich=soziale Volksdienst will keine Partei sein. Er betrachtet sich als eine politische Bewegung, die es daher auch ablehnt, als„rechts", „links“,„Mitte“ oder„bürgerlich“ bezeichnet zu werden. Der Christlichsoziale Volksdienst will neue, wahrhaftigere Maßstäbe rein weltanschaulicher Art in das politische Leben einführen helfen. Maßgebend für die Wertung der politischen Dinge ist für die Bewegung ihr eigener, entschieden christlicher und sozialer Charakter. * Die Feststellung Hülsers, daß die neue„Bewegung“ nicht„bürgerlich“, d. h. also, auch nicht antimarxistisch sein will, dürfte für die Wähler sehr interessant sein. Ebenso, daß die„Bewegung“ nicht„Partei“ sein, aber trotzdem im nächsten Wahlkampf mit eigenen Listen hervortreten, sich also doch als Partei betätigen will. Dieses Auftreten ist vom gesamtbürgerlichen, nationalen Standpunkt aus durchaus zu bedauern, da hierdurch nicht nur die nichtmarxistische Front weiter zersplittert, sondern ihr auch ein kräftiger Blutverlust beigebracht wird. Bekanntlich werden auf der Reichsliste bei Reichstagswahlen trotz Ansammlung erheblicher Reststimmenmengen nicht mehr Mandate zugeteilt, als die betreffende Partei in den Wahlkreisen Sitze selbst erobert hat. Auf diese Weise hatte der Christlich=soziale Volksdienst zwar, wie Hülser selbst schreibt, bei der letzten Reichstagswahl bereits 400 000 Reststimmen erzielt, doch Hülser vergaß hinzuzufügen, daß hierauf nicht ein einziges Mandat entfiel. Der „Erfolg“ war also lediglich eine Schwächung des Bürgertums(zu dem sich ja der Volksdienst nicht mehr rechnen will) um Mandate. Der nichtsozialistische Wähler wird sich also überlegen müssen, ob er zu diesem nichtbürgerlichen, nicht=„parteilichen“. Splitter=BewegungsMischmasch halten soll. 10 Jahre Volkshochschularbeit in Bethel. Unter starker Anteilnahme ihrer Glieder veranstaltete unsere Volkshochschule Lindenhof in Bethel vom 2. bis 5. Januar ihre diesjährige Volkshochschulwoche, die ihre besondere Note diesmal dadurch erhielt, daß dieses Werk, ein Glied in der vielgestaltigen Erziehungsarbeit, die Bethel seit Jahren in immer verstärktem Maße an der Jugend unseres Volkes tun darf, jetzt auf 10 Jahre seiner Arbeit zurückblicken kann. Wenn wir auch nicht viel Aushebens von diesem Jubiläum machen möchten, so bildet es doch einen Denkstein in unserer Arbeit, der uns nötigt, still zu stehen und sich zu besinnen, Rückschau und Vorschau zu halten. Jede Arbeit, die von uns Menschen begonnen wird, hat ihr inneres Recht erst einmal zu erweisen, durch die Frucht, die sie hervorbringt. Ein Werk zumal, das wie unsere christliche Volkshochschularbeit im Aufblick zu Gott begonnen und unter seinen Augen geführt wurde, hat ständig mit der Frage zu ringen, ob es sich als von Gott gewollt und gebraucht ansehen darf. Nur aus der ständigen Selbstkritik kann die innere Berechtigung und letzte Legitimation erwachsen. In diesen Tagen wurde es einmal so ausgesprochen: Nur wenn wir bereit sind, zu sterben, haben wir das Recht, weiterzuleben. Hat nun unsere Arbeit den Erweis gebracht, daß sie eine Aufgabe hatte, und hat sie bisher diese Aufgabe erfüllt? Noch einmal: Eine letzte Antwort auf diese Frage steht uns nicht zu. Sie geben wollen, hieße ein Urteil fällen, das nur dem Herrn zusteht, dem wir mit unserer Arbeit dienen möchten, und das würde bedeuten, sein Urteil gegen sich haben. Dennoch glauben wir, icht stolz, aber demütig und dankbar sagen zu dürfen, daß unsere Arbeit nicht vergeblich gewesen ist. Wir glauben, daß das erste Jahrzehnt unserer Arbeit es erwiesen hat, daß unsere christliche Volkshochschule unserer Landjugend einen bestimmten wichtigen Dienst tun darf. Aus der Not und dem Zusammenbruch unseres Volkes ist ja vor 10 Jahren unsere Volkshochschule erwachsen. Damals las Pastor von Bodelschwingh mit den Kandidtaen im Kandidatenkonvikt das Buch von Hollweg über die Geschichte der Volkshochschulen in Dänemark, ihrem Mutterlande, und das wurde das Samenkorn, aus dem diese neue Arbeit Bethels auf dem Lindenhof hervorwuchs. Pastor Burckhardt, jetzt Pfarrer in Barmen, hielt mit den ersten 16 Schülern im November 1919 seinen Einzug. Diese erste Zeit war eine besonders schwere. Stand sie doch unter dem Druck deutscher Wirtschafts10. Januar 1330. un die Schriftleitung der„Bremer Nachrichten“, Bremen. Sehr geschätzte Schriftleitung! In ihrer Ausgabe vom 4. Januar 1930 bringen Sie im Anschluß an einen kurzen Bericht über meinen Aufsatz„Politischer Aufbruch im evangelischen Deutschland“ kritische Bemerkungen, die von salschen Voraussetzungen ausgehen. Da ich von Bremer Freunden um Berichtigung dieser Irrtümer gebeten bin, teile ich Ihnen dazu folgendes mit: Der Christlich=soziale Volksdienst will nicht eine Partei in der alten Form sein; daß er die staatsrechtlichen Funktionen einer Partei auszuüben entschlossen ist, ist natürlich richtig. Einen„gesamtbürgerlichen“ Standpunkt erkennen wir nicht an, da es dafür weder eine klare Abgrenzung noch einen einheitlichen Sinn gibt. An unserer nationalen Gesinnung darf kein ehrlicher Mensch zweifeln. Antimarxistisch ist der Christlich=soziale Volksdienst durchaus, er sieht und bekämpft den marxistischen Geist aber nicht nur bei den Linksparteien, sondern auch bei den Mittel= und Rechtsparteien, wo er ebenfalls stark vertreten ist. Es ist unrichtig, daß ich von 400000 für den Volksdienst bei der letzten Wahl erzielten Stimmen geschrieben habe, die Ziffer bezog sich auf die Landtagswahlen in Bayern, Württemberg und Baden sowie auf die Kommunalwahlen. Davon sind nur die bayerischen Landtagswahlstimmen wegen des besonders ungünstigen bayerischen Wahlgesetzes ausgefallen, worüber der Entscheid des Staatsgerichtshofes noch aussteht. Bei der kommenden Reichstagswahl wird der Christlich=soziale Volksdienst unbedingte Sicherheit dafür treffen, daß seine Wählerstimmen nicht ins Leere fallen. Das Reichswahlgesetzt und seine Beziehungen zu verwandten Gruppen bieten ihm dazu alle Voraussetzungen. Ueber die geschmackvolle Bezeichnung„Splitterbewegungs=Misch= masch“ wollen wir uns besser nach der nächsten Reichstagswahl weiter unterhalten. Wir dürfen wohl erwarten, daß Sie von dieser Richtigstellung Ihren Lesern Kenntnis geben werden, ohne daß wir eine preßgesetzliche Berichtigung einreichen. Mit größter Hochachtung(gez.) Gustav Hülfer,..R. Der äußerste Fall. Die Regelung der Sanktions=Frage. — Berlin, 17. Januar. A. S. Nach den letzten Meldungen aus dem Haag findet die zweite Reparationskonferenz, soweit sie die Frage der deutschen Tributzahlungen betraf, am heutigen Freitag ihren Abschluß. Die deutsche Delegation wird bereits für Sonntag in Berlin zurückerwartet; sie wird alsdann dem Reichskabinett Bericht erstatten, worauf Reichstag und Reichsrat in den Gang der Verhandlungen eingeschaltet werden. Auseinandersetzungen dürfte es in Deutschland noch über die Sanktionsformel geben. Die Vereinbarungen, die in dieser Frage im Haag getroffen wurden, besagen im wesentlichen folgendes: Der Youngplan erfordert die Zusammenarbeit aller Mächte und ist ohne guten Willen und Vertrauen auf beiden Seiten nicht zu verwirklichen. Als Garantie für die Erfüllung des Blanes gilt deshalb not, unter der Not der ersten Nachkriegsjahre und der Inflation, und hinzu zu diesen allgemeinen Schwierigkeiten kam, daß es in dem neuen Volkshochschulheim noch ganz an den zweckentsprechenden Räumlichkeiten fehlte, und daß die ganze Arbeit denen, die sie tun sollten, noch so völlig neu und unbekannt war, daß man erst tastend und fragend die neuen Pfade bahnen mußte. Aber gerade diese erste Zeit der geringen Anfänge und der großen inneren und äußeren Schwierigkeiten hat unsere Arbeit begründet. Es waren damals zumeist Kriegsteilnehmer, jene ersten Schüler in den ersten Kursen, die aus dem Felde und z. T. aus der Gefangenschaft kamen und durch dieses Kriegserleben besonders zubereitet waren für das, was die Volkshochschule ihnen bieten wollte. Seitdem hat also die Volkshochschule in regelmäßigen Sommer= und Winterlehrgängen ihre Arbeit tun dürfen. Es fanden im ganzen statt: 11 Jungmännerlehrgänge und 17 Jungmädchenlehrgänge mit insgesamt 465 Teilnehmern. Aus 33 Familien kamen je 2 Schüler, aus 5 Familien je 3 und aus einer Familie kamen 4 Schüler. Diese Zahlen beweisen, daß die Volkshochschularbeit im Lande schon Arbeit gefunden hat. Im Jahre 1925 bekam der Lindenhof sein neues äußeres Gewand, das ihm ein neues Wachstum ermöglichte. Fast zur gleichen Zeit trat ihm auch eine Tochterschule in Lienen im Kreise Tecklenburg an die Seite. Die Volkshochschule in Lienen hat bis heute sehr um ihren Bestand zu ringen, da ihre Schülerzahl bisher sehr klein geblieben ist. Aber auch der Lindenhof hat immer noch um sein Dasein zu kämpfen. Die wachsende Not unseres Landvolkes versagte manchem die Mittel, die zum Besuch der Volkshochschule nötig sind, und hält den Sinn im Irdischen, Wirtschaftlichen fest, sodaß kein Bedürfnis mehr vorhanden ist für die Pflege des inneren Menschen. Das ist eine ernste Gefahr, der es zu begegnen gilt. Unser Volk geht unter, wenn es seine Seele verliert. Wir vom Bunde Betheler Volkshochschüler geloben darum an der Jahrzehntwende unserer Arbeit, hinfort noch mehr unserer Verantwortung für dieselbe bewußt zu werden und noch treuer sie zu tragen. Und unsere Freunde bitten wir um die gleiche Treue. Daß unsere Volkshochschule sich bemüht, in verselben Weise wie bisher ihre Arbeit weiter zu treiben, das hat unsere Tagung wieder bewiesen, über die nun noch in kurzen Zügen berichtet werden soll. Von drei Männern unserer Zeit wurde zu uns gesprochen, Männern, die die Geschichte unserer Gegenwart bestimmen: Lenin, Gandhi und Mussolini. Ihnen allen ist das gemein, daß sie, jeder in seiner Weise, ihrem Volke lediglich die feierliche Verpflichtung der deutschen Regierung, den Youngplan auszuführen. Sollte jedoch eine deutsche Regierung den Youngplan zerreißen, dann haben die Gläubiger ihre Handlungsfreiheit zurückgewonnen, vorausgesetzt, daß der internationale Haager Gerichtshof die Zerreißung des Younoplans als gegeben anerkennt. Die Konsequenz dieser Vereinbarung ist die, daß es während der Gültigkeit des Youngplans keine Sanktionen oder Strafmaßnahmen geben kann! Damit entfällt die Ungeheuerlichkeit, daß die Franzosen nach dem Beispiel von 1923 wegen einer rückständigen Reparationslieferung von Telegraphenstangen mit bewaffneter Macht in das Ruhrgebiet einbrechen können, ohne damit den Frieden zu verletzen. Allerdings ist Deutschland gegen Sanktionen nur solange geschützt, als es den Youngplan ganz oder teilweise ausführt. Zerreißt es ihn, oann haben die Gläubigermächte ihre Handlungsfreiheit zurückgewonnen, „um die Ausführung der sich aus dem Neuen Plan ergebenden Verbindlichkeiten des Schuldnerlandes sicherzustellen. Für diesen„äußersten Fall“ hat die deutsche Delegation nur die Einschränkung erreichen können, daß zuvor ein ordentliches Gericht sprechen muß, also verhindert, daß die Westmächte auch in Zukunft nach der von ihnen bisher so gern angewandten Methode in eigener Person als Kläger, Richter und Henker auftreten können. Wie man hört, sollen ferner nur finanzielle und wirtschaftliche Maßnahmen„zulässig“, die Möglichkeit der Wiederbesetzung deutschen Landes aber ausgeschlossen sein. Die Richtigkeit dieser Darstellung als wahr unterstellt, entbehrt die Sanktionsformel aber auch so der inneren Berechtigung. Deutschland hat bisher in guten und schlechten Zeiten und unter schwersten Opfern seine Tribute jahraus, jahrein entrichtet. Es hat also keinen Anlaß gegeben, für den äußersten Fall, von dem die Gläubiger selbst sagen, sie seien überzeugt, daß er nie eintreten werde, Vorkehrungen zu treffen. Welchen Regierungen auch das Schicksal des deutschen Volkes noch in die Hand gegeben wird, so ist es doch sicher, daß jede deutsche Regierung die Abänderung oder Ueberwindung des Youngplans nur auf diplomatischem Wege erstreben kann! Die Franzosen hätten sich also die Verdächtigungen Deutschlands ersparen sollen, in der Erkenntnis, damit nur Unruhe hervorzurufen. Zudem wird ja die Macht, die vielleicht einmal Gefal len daran finden könnte, als Kläger aufzutreten, vo der Anstrengung der Klage sich weniger mit dem Studium der Rechtslage, als vielmehr mit dem der europäischen Machtverhältnisse befassen. Nach der Haager Konferenz müssen sich nun die Parlamente darüber schlüssig werden, ob sie den Youngplan in der vorliegenden Form annehmen oder ablehnen wollen. Abänderungen einzelner Bestimmungen des Planes werden kaum noch möglich sein..“ Wahrscheinlich zum 23. Januar.— Zusammentritt des Cleltestenrats am Sonnabend. Der Präsivent des Reichstags hat die Mitglieder des Aeltesteurates für Sonnabend nach Berlin einberufen, um über den Wiederzusammentritt des Reichstags Beschluß zu fassen. Wie verlautet, wird der Präsident des Reichstags als Tag der Reichstagseröffnung Donnerstag, den 23. Jannar, vorschlagen. K helfen möchten in den Nöten wirtschaftlicher, sozialer und politischer Art, unter denen dasselbe leidet, ja, daß sie meinen, darüber hinaus eine Sendung an die Welt zu haben und ihr den Weg zu zeigen aus diesen Nöten heraus. Die Wege, die sie gehen, und die nach ihrer Meinung zum Ziel führen, sind aber sehr verschieden. Der erste, Lenin, will auf dem Wege des gewaltsamen Umsturzes alter Ordnung und der gewaltsamen Umkehrung alter Verhältnisse sein Ziel erreichen. Auf lange Sicht hat er mit einer bewundernswerten Zähigkeit und einer alles bedenkenden Genauigkeit sein Werk vorbereitet. Durch nichts ließ er sich vom Wege abdrängen, durch keine Unbilde und keine Verfolgung wurde er mürbe gemacht, bis seine Stunde kam. Ganz anders geht Gandhi zu Werk. Er will nicht durch Gewalt, sondern durch„Gewaltlosigkeit“, durch williges Dulden und Leiden seine Feinde überwinden. Diese“ Art des„passiven Widerstandes“ liegt einmal tief in der indischen Natur Gandhis begründet, und ist auf der andern Seite dadurch zu erklären, daß Gandhi tief beeinflußt ist von der Bergpredigt, wo Jesus fordert: So dich jemand auf den rechten Backen schlägt, so reiche ihm den andern auch dar. Gandhi hat das Neue Testament oft gelesen, aber er ist dennoch kein Christ. Vom Christentum hält ihn im letzten Grunde sein Idealismus fern. Gandhi glaubt, daß der Mensch im tiefsten Grunde gut sei, daß in ihm etwas Gutes und Göttliches wohne. Jesus ist ihm wohl der Sohn Gottes, aber im letzten Grunde ist das jeder Mensch. Wir tragen alle etwas von Gott in uns, wie der Sohn etwas vom Vater in sich trägt. Deshalb bedarf es für Gandhi keines Erlösers, der uns Abgefallene zu Gott zurückführt, und das ist es, was Gandhi letztlich vom Christentum trennt. Ob Ghandi mit seinem Idealismus, wie überhaupt mit seinem Grundsatz der Gewaltlosigkeit in dieser Welt durchkommt, das ist eine Frage, die noch nicht beantwortet ist. Wieder einen andern Weg geht Mussolini. Er berührt sich mit Lenin darin, daß er wie dieser mit Gewalt die Macht im Staate an sich gerissen hat, um so seinem Lande zu helfen. Aber ebenso scharf trennt er sich von Lenin dadurch, daß er dem Sozialismus den Rücken kehrte und sich nach der entgegengesetzten Seite wandte. Er vereinigte in seiner Hand eine unumschränkte Machtfülle und erhob den Staat und das Wohl des Staates zum höchsten Maßstab seiner Politik. Alles, was dem Staate dient, gilt auch als gut und annehmbar. So wird uns am Wirken dieser Männer deutlich, wie sie es von sich aus in eigener Kraft versuchen, der Well Die Stellungnahme des Reichstags zu den Haaager Vereinbarungen dürfte noch einige Zeit auf sich waarten lassen. Deutschland muß zur Ausführung des Yodungplans eine Anzahl neuer Gesetze erlassen, die zumächst vom Reichskabinett verabschiedet und, ehe sie dem Reichstag zur Beschlußfassung vorgelegt werden können, noch den Reichsrat passieren müssen. Die[Ausarbeitung dieser Gesetze kann natürlich erst nach) der Berichterstattung der Delegation erfolgen. Wahrsacheinlich wird deshalb vor der Haager Debatte im Pleenum des Reichstags noch dem Auswärtigen Ausschuß Gelegenheit zur Aussprache gegeben werden. Von den Fraktionen hielt die soztaldemolkratische bereits am Donnerstag eine Sitzung ab undd erörterte die bisherigen Ergebnisse der Haager Konfeerenz. In erster Linie wurde dabei der Schacht=Zwischeenfall im Haag behandelt. Abgesehen von den Abgeordnneten wohnten der sozialdemokratischen Fraktionssitzung auch die in Berlin anwesenden sozialdemokratischen Minister bei. Die Ausgabe der Reparationsanleiihe. Der Generaldirektor der Reichsbahn im Haass.— 500 Millionen für Bahn und Post? — Haag, 17. Janutar. Die letzten Besprechungen im Haag galten deer Regelung der geplanten Ausgabe der Reparationssschuldverschreibungen. Die französische Delegation waar bemüht, Frankreich rasch zu barem Gelde zu verhhelfen. Schwierigkeiten bereite dabei der Umstand, daß Deeutschland sich wegen der Reparationsanleihe nicht deen internationalen Geldmarkt verbauen durfte. Zur Klärung der Angelegenheit finden am heutigen Freitag im Haag neue Besprechungen statt, zzu nen auch der Generaldirektor der Reichsbahn=Gesellschaft, Dr. Dorpmüller, hinzugezogen werden wird. Praktisch handelt es sich dabei darum, neben deer Reparationsanleihe, die ja in die französischen KKassen fließen wird, der deutschen Reichsbahn und derr Post Anleihemittel in Höhe von etwa 500 Millionen Mark bereitzustellen. Wie verlautet, hat Reichsfinanzminister Dr. Moldenhauer vorgeschlagen, eine gemeinschaftliche Regelung für die Reparations=, die Reichsbahn= undd die Postanleihe zu treffen. Da es sich hierbei vorwiiegend um eine geschäftliche Transaktion größten Maßßstabes handelt, stellten die Minister ihre Beschlußfassung zurück, bis sich die im Haag weilenden Bankiers über die Aussichten einer solchen Anleihe klar gewoorden sind. Beschlüsse des Landbundess. Für politische Selbständigkeit.— Bevenken gegen Haag. — Appell zur Behebung der Preiskrise. Der Bundesvorstand des Reichslandbundes hiielt in Berlin eine Sitzung ab und faßte drei Beschlüssee, von denen der erste besagt: Der Reichslandbund kann zur Erfüllung seiner eigenen satzungsgemäßen Aufgaben und zur Entfaltung aller in ihm vorhandenen Kräfte und Miöglichkeiten im nationalen Befreiungskampf keine WDauerbindungen an einengende politische Gruppierungeen eingehen. Der Bundesvorstand stellt ausdrücklich fetst, daß die Beteiligung von Einzelpersönlichkeiten der Landbünde au irgendwie gearteten volitischen Unternerhmuneine neue Gestalt zu geben. Der eine stützt sich dakbei auf das Volk, auf die Masse, der andere auf sich selbbst und seine Macht, der dritte endlich auf die innere Glüte des Menschen. Es soll nicht bezweifelt werden, daß ees jeder von ihnen ganz ehrlich meint und sein Ziel mit letzter Selbsthingabe verfolgt. Ob ihr Werk bestehen wirkd, muß die Zukunft uns lehren.— Neben den Vorträgen über das Leben und Wirken dieser Männer brachte die Volkshochschule noch manches an Wertvollem und Beachtenswertem. So gleiich am ersten Abend einen Vortrag über die Bücherei aruf dem Lande, der uns die Wichtigkeit und Dringlichkeitt dieser Arbeit zeigte, die von anderer Seite längst in Anggriff genommen wurde. Das geschriebene Wort der Zeitunng und vor allem auch das des Buches ist ein wichtiges Mittel der Volkserziehung und der Volksbildung, das in seinem Werte als Mittel zur Verbreitung der Idee von sopzialistischer und katholischer Seite längst erkannt wurde?. Heute ist es hohe Zeit, daß auch von uns Evanggelischen auf diesem Gebiete etwas getan wird. Der Bücheereiausschuß für Westfalen, der seinen Sitz in Witten hatt, berät und unterstützt jeden, der hier mithelfen möchte. Sehr wertvoll war auch am Sonnabend diie Aussprache über die Fragen: Was erwarten wir voon der Kirche? Was erwartet die Kirche von uns? Es nwurden, wie nicht anders zu erwarten war, mancherlei Wünsche und mancherlei Klagen laut. Um so schöner war es, als am Schluß doch alles wie in einem gewaltigen Schlußakkord zusammenklang: Was die Kirche von unns und was wir von der Kirche zu erwarten und we nvir einander zu geben haben, das ist Liebe. Die Kirche ssoll uns das Evangelium von Christus sagen, das haben nwir von ihr zu erwarten, und wir sollen sie in diesem Dienste unterstützen, durch unser Gebet, durch unsere Arbeeit, das erwartet die Kirche von uns. Die Kirche dientt einem Herrn, so hieß es am Schluß, und kann darum keinem Menschen und keiner Gruppe zuliebe reden. Dochh dürfen wir erwarten, daß sie uns zu verstehen und zun helfen sucht. Der Sonntag war, abgesehen von dem Nachmittagsvortrag über Mussolini vor allem dem Gedächttnis der Zehnjahrfeier gewidmet, so der Morgengottesdiernst, den Pastor Burchhardt in Sarepta hielt, dann die Schlußfeier am Abend mit ihrer Fröhlichkeit und ihrenm Ernst. So ist denn unsere Arbeit in einen neuen Lebensabschnitt eingetreten, für den wir ihr weiteres Gedeihen und neuen Segen wünschen und erbitten. Heinrich Ssteege. gen keinerlei Bindung für den Reichslandbund und die Landbünde als Organisation enthält. Der zweite Beschluß befaßt sich mit den Haager Verhandlungen, in deren bisherigem Ablauf der Bundesvorstand schwerste Gefahren sieht. Der Anspruch auf Aufrechterhaltung von Sanktionsmöglichkeiten, die Mehrbelastung des deutschen Volkes durch finanzielle Zusatzabmachungen, die unerhörte Bedrohung des deutschen Ostens durch Verquickung der Polenfrage mit der eparationsfrage stellten ungeheuerliche Verschlechterungen des an sich schon untragbaren Youngplanes dar. Der Reichslandbund erblickt ferner in der Aufrechterhaltung der parteipolitischen Unabhängigkeit für die Führung der deutschen Zentralnotenbank ein unentbehrliches Gegengewicht gegen die Auslieferung des gesamten Wirtschaftslebens an parteipolitische Machenschaften. Der dritte Beschluß erwartet vom Reichsernährungsminister die Einsetzung aller Mittel zur Behebung der untragbaren Preiskrise wichtigster landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Der Raub Eine Entschließung des Kreistags Namslau.— Das Unrecht muß wieder gutgemacht werden. — Ramslau, 17. Januar. Der Kreisausschuß des schlesischen Kreises Namslau nahm in seiner letzten Sitzung eine Entschließung an, in der es u. a. heißt: In wenigen Tagen wird ein Jahrzehnt verflossen sein, seitdem am 20. Januar 1920 das dem Kreise Namslau seit altersher zugehörige„Reichthaler Ländchen“ auf Grund des Versailler Diktats in polnischen Besitz übergeben werden mußte. Unvergessen ist es, wie an diesem Tage das polnische Militär bei seinem Einrücken in die Stadt Reichthal die Straßen menschenleer, die Türen verschlossen und die Fenster verhängt vorfand, ein Zeichen, welche Empfindungen die dortige Bevölkerung beseelte. Die Presse berichtete über den Einzug der Polen in die„tote Stadt“. Die Losreißung des„Reichthaler Ländchens“ geschah unter Mißachtung des von der Entente selbst feierlich proklamierten Grundsatzes des Selbstbestimmungsrechtes der Völker ohne Abstimmung und obwohl sich die wahlberechtigte Bevölkerung des„Reichthaler Ländchens“ bei einer Probeabstimmung zu 93 Prozent durch Eintragung in ausliegende Listen offen für ein Verbleiben bei Deutschland erklärt hatte. Der heute versammelte Kreistag des Kreises Ramslau gedenkt aus dem vorliegenden Anlaß in Trauer und Treue des ihm nach wie vor innerlich verbundenen kerndeutschen Reichthaler Länochens" und benutzt auch diese Gelegenheit, aufs neue vor aller Welt gegen die abstimmungslose gewaltsame Losreißung des „Reichthaler Ländchens“ vom deutschen Vaterlande zu protestieren und zu sordern, daß dieses schwere Unrecht wieder gutgemacht werde. Die nenen Saarverhandlungen im Gange Die deutsch=französischen Saarverhandlungen, die wegen der Weihnachts= und Neujahrsfeiertage verschoben wurden, sind nunmehr in Paris wieder aufgenommen worden. Im Arbeitszimmer des Leiters der französischen Delegation, Arbeitsminister Pernot, fand eine erste Unterredung nach den Feiertagen statt. weitere Haager Programm. Besprechung zwischen Tardien, Snowden, Jaspar und Pirelli. Am Donnerstagnachmittag fand eine längere Besprechung zwischen Snowden, Tardieu, Jaspar und Pirelli statt, in der die Mobilisierungsfrage und die übrigen noch zur Verhandlung stehenden technischen Fragen sowie der weitere Verlauf der Konserenz erörtert wurden. Die Sachverständigen, die an dieser Besprechung nicht direkt teilnahmen, wurden von Zeit zu Zeit hinzugezogen. Der Sonderausschuß für die BJZ. hat am nerstag mit den Vertretern der Schweiz den Treuhändervertrag und die genauen Bedingungen zur Begründung der Bank erörtert. Die Ergebnisse dieser Besprechungen wurden um sieben Uhr in einer Sitzung mit den Vertretern der sechs Mächte weiter behandelt. * Die ungarische Reparationsfrage. Der ungarischen Regierung soll, wie verlautet, durch Vermittlung des Präsidenten des Ostreparationsausschusses, Loucheur, ein Einigungsvorschlag vorgelegt worden sein, der im wesentlichen die Aufrechterhaltung der gemischten Schiedsgerichte für die Entschädigung der privatrechtlichen ungarischen Ansprüche enthält, jedoch eine direkte Verständigung zwischen den enteigneten Grundbesitzern und den Regierungen der Kleinen Entente in der Entschädigungsfrage vorsieht. Es verlautet indessen, daß die Mächte der Kleinen Entente diesen Vorschlag nicht für annehmbar halten und nach wie vor auf ihrer Forderung nich einem endgültigen Verzicht Ungarns auf die gemischten SchiedsDie Verhandlungen in der Ostreparationsfrage werden jetzt mit verstärktem Druck weitergeführt, da man auf französischer Seite einen beschleunigten Abschluß auch dieser Verhandlungen wünscht, um eine Gesamtunterzeichnung des Haager Schlußprotokolls durch sämtliche beteiligten Staaten herbeizuführen. Da die bulgarische und die österreichische Frage in einem, wenn auch nicht direkten, Zusammenhang mit der ungarischen Reparationsfrage stehen, soll die Reparationsfrage für Bulgarien und Oesterreich bis zur endgültigen Einigung mit Ungarn verschoben werden. Grzesinski vor dem Die blutigen Zusammenstöße.— Einige neue Umgemeindungen.— Einschränkung der Polizeiverord. nungen. — Berlin, 17. Januar. Im Hauptausschuß des Preußischen Landtags nahm Innenminister Grzesinski bei der Beratung des Etats seines Ministeriums das Wort und betonte u. a. die radikale Agitation der Flügelparteien habe im Zusammenwirken mit der wirtschaftlichen Notlage auch in der letzten Zeit zu blutigen Zusammenstößen geführt. Er mahne zur Ruhe, werde sich aber nicht scheuen, notfalls mit Verboten einzuschreiten. Um den staatlichen Organen die notwendige gesetzliche Handhabe zur durchgreifenden Verhinderung von Ausschreitungen zu geben, sei die schnelle Verabschiedung des Republikschutzgesetzes im Reichstag dringend erforderlich. Im weiteren Verlauf seiner Rede teilte der Minister noch mit, daß neue Umgemeindungs gesetze für Waldenburg, Trier und erseburg=Leuna in Ausarbeitung begriffen sind. Ein anderes, dem Landtag in Kürze zugehendes Gesetz soll die Zahl der Polizeiverordnungen und der zum Erlaß von Polizeiverordnungen ermächtigten Behörden einschränken. In der Debatte kritisierte Abgeordneter Kenkel das Verhalten des Landrats von Tilsit=Ragnit gegenüber einem Zeitungsverleger. Der Minister sagte die Untersuchung des Falles zu. :„In absteigender Richtung". Der neue Bericht des amerikanischen Handelsattachés in Berlin über die deutsche Wirtschaftslage. — Berlin, 17. Januar. Der amerikanische Handelsattaché in Berlin, Growes, stellte in einem Kabelbericht an seine Regierung fest, daß sich die deutsche Industrie während des ganzen abgelaufenen Jahres in absteigender Richtung entwickelt habe, obwohl die Produktion zahlreicher wichtiger Industriezweige ähren hohen Stand gehalten habe. Die Geschäftslage bei Jahresschluß sei gekennzeichnet von vielseitigen Klagen über hohe Besteuerung, teures Geld, zurückgehende Inlandsverkäufe und geringe Aufträge im Exportgeschäft. Ein großer Teil dieser Klagen sei zweifellos wohl begründet. * Die Flinsberger Bank zusammengebrochen. — Bad Flinsberg, 17. Januar. Die Flinsberger Bank hat ihre Zahlungen eingestellt und das gerichtliche Vergleichsverfahren beantragt. Ein genauer Status liegt noch nicht vor. Den Gläubigern hat die Bank 30 v. H. angeboten. Die Geschädigten sind vor allem Angestellte, Lehrer, Beamte und Fremdenheimbesitzer, die ihre gesamten Spareinlagen verlieren dürften. Auch einzelne Vereine dürften Einbußen erleiden. Der Inhaber der Bank, Emil Nowack, soll seit Sonntag mit seiner Familie verreist sein. Schiele 60 Jahre alt. Am Freitag feiert der Präsident des Reichslandbundes, Reichsminister a. D. Dr. Martin Schiele, seinen 60. Geburtstag. Schiele erblickte am 17. Januar 1870 in Groß=Schwarz= losen im Kreise Stendal als Sohn eines Gutsinspektors das Licht der Welt. Er wurde später kaufmännisch ausgebildet und übernahm dann, noch in jungen Jahren, das von seinen Vorfahren bewirtschaftete Rittergut NeuSchollehne im Kreise Rathenow. 1897 wurde Schiele in den Kreistag gewählt, als dessen Mitglied er 1917=18 das Landratsamt Genthin verwaltete. Außerhalb seines Heimatkreises wurde Schiele erstmals 1913 bekannt, als er bei einer Ersatzwahl als konservativer Abgeordneter in den Reichstag gewählt wurde. Nach der Staatsumwälzung wurde Schiele einer der Gründer der Deutschnationalen Volkspartei, als deren Fraktionsmitglied er seitdem dem Reichstag angehört. 1924 übernahm Schiele als Nachfolger Hergts den Vorsitz der deutschnationalen Reichstagsfraktion; 1925 trat er als Innenminister in das Kabinett Luther ein, aus dem er im Oktober desselben Jahres mit den übrigen deutschnationalen Ministern wegen des Locarno=Vertrages wieder ausschied. Am 28. Januar 1927 übernahm er im dritten Kabinett Marx das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft, das er bis zum Juni 1928 inne hatte. Wegen seiner Verdienste um das Notprogramm verlieh ihm die Landwirtschaftliche Hochschule Bonn=Poppelsdorf den Titel eines Doktor e. h. Nach seinem Ausscheiden aus dem Kabinett wurde Schiele zum geschäftsführenden Präsidenten des Reichslandbundes gewählt. Die Schlußsitzung in Genf. Erledigung ostoberschlesischer Minderheitenfragen.— Jubiläums=Reden. Die 58. Ratstagung in Genf wurde mit einer Schlußsitzung beendet, die auf den Tag genau zur gleichen Stunde stattfand, in der vor zehn Jahren die Mitglieder des Rates sich zum ersten Male in Paris versammelt hatten. Der polnische Außenminister und Ratspräsident Zaleskt hielt eine Gedenkrede und glaubte darin feststellen zu können, daß der Völkerbund sich auf dem rechten Wege befindet. Der Bund habe in den ersten zehn Jahren an Bedeutung und zahlreiche neue Aitglieber gewannen. 1 Von den Teilnehmern der ersten narssigzung wielt gegenwärtig nur noch der spanische Botschafter Qutnones de Leon im Rate mit. zn der die auf seiner Tageeganganen Suhung hatte der Rat noch..—, stall.Mordnung stehindm oberschlestschen Minderheitende#ctwerden veremigt, mit der einzigen Ausnahme der rechtswidrigen Eutlassung von 32 Knappschaftsärzten, die zur deutschen Minderheit gehören. Die Beschwerde mußte bis zur Raitagung verschoben werden, da der Berichterstatter, Adatchl=Japan, seiner Teilnahme an den Haager Verhandlungen nur für wenige Stunden nach Genf kommen konnte. Briand hatte vor seiner Aoreise eine Unterredung mit dem italienischen Anzenminister Grandi über die Flottenkonferenz in Lonvon. Wie verlautet, beharrte Grandi darauf, daß die italienische Flotte der frangösischen gleichwertig sein müsse. König Georg empfängt die Flottendelegierten. Loudon, 17. Januar. Die Abgeordneten für die Londoner Flottenkonserenz werden am Montagnachmittag im Buckinghampalast vom König empfangen werden. Die Oberkommissare der britischen Dominien in Lonbon werden, wie amtlich bekanntgegeben wird, an der konferenz als Vertreter teilnehmen. Nach Brasilien unterwegs. Weiterreise des ersten Transports der Kolonisten.— Abschiedsansprache des Reichskommissars. — Hamburg, 17. Januar. An Bord des Dampfers„Monte Oliva“ trat ein erster Transport der nach Deutschland geflüchteten deutsch=russischen Bauern die Weiterreise nach Brasilien an. Es handelt sich um 180 Männer, Frauen und Kinder, die bieher im Lager Mölln untergebracht waren und denen durch Vermittlung einer deutschen Siedlungsgesellschaft die Ansiedlung in Südbrasilien ermöglicht worden ist. Weitere Transporte nach Brasilien und Kanada werden in den nächsten Wochen folgen. Zur Verabschiedung der Kolonisten hatten sich Reichskommissa. Stücklen, Vertreter des Roten Kreuzes und der brasilianische Einwanderungskommissar eingefunden Reichskommissar Stücklen betonte in seiner Abschiedsansprache, Deutschland habe alles getan, um den Flüchtlingen ihr hartes Los zu erleichtern und fuhr dann fort: „Es ist gefragt worden, weshalb lasse man die Flüchtbinge nicht in Deutschland? Darauf möchte ich Ihnen antworten: Wir haben in Deutschland zwei Millionen Asbeitslose, die vom Reich unterstützt werden müssen. Es wäre unmöglich, das Heer der Arbeitslosen noch zu vergrößern. Weiter bin ich gefragt worden, warum die Flüchteinge nicht in Deutschland angesiedelt werden. Darauf habe ich zu antworten, die Flüchtlinge sind aus Rußland nur mit dem zu uns gekommen, was sie am Leibe tragen. Die Ansiedlung in Deutschland kostet jedoch viel Geld. Wenn man die Flüchtlinge in Deutschland ansiedeln würde, so würden Zehntausende von Söhnen reichsdeutscher Bauern und Landarbeiter, die jahrelang auf ihre Ansiedlung warten, benachteiligt werden.“ Z. m Schluß bat der Reichskommissar die Flüchtlinge, ihr deutsches Mutterland auch in Uebersee stets im Gedächtnis zu behalten. * In Triest lief ein neues italienisches.Boot vom Stevel; die Wasserverdrängung beträgt 1090 Tonnen. K. Greder ; Rieisfeld, Gütersloherstraße 18 teinsprecher 1012 Geislinger Bestecke : : Mercedes-Benz Omnibus 18 bis 20 Personen für Ausllüge aller Art empiehlen Fricdhofl& Hoch, Bielcield Teleion 5550. In urserer bewegten Zeit ist es Pflicht der gläubigen Kaufleute, in ihrem Berufsleben ein entschiedenes Zeugnis für posttives Christentum aufzurichten, um dem ins Wanken gekommenen alten Grundsatz von Treu und Glauben im Erwerbsleben wieder volle Geltung zu verschaffen und die gesunkene Geschäftsmoral zu heben. Dazu ist der Zusammenschluß aller gleichgesinnten Berufsgenossen beiderlei Geschlechts erforderlich. Jeder deutsche Kaufmann, ob Chef oder Angestellter, welcher auf dem Boden eines lebensvollen, biblischen Christentums sicht, sollte daher die Mitgliedschaft unseres Verbandes bei der nechstehenden Geschäftsstelle beantragen: Verband gläubiger Kaufleute Geschäftsstelle Walter Brinck, Essen-Bredeney, Binigkeitstr. 28Rundschau. Verschiedenes. :: Das Landwirtschaftskammergesetz vom Staatsrat augenommen. Der preußische Staatsrat verabschiedete den Enturf des Landwirtschaftskammergesetzes, das als einschneidende Aenderung die Einbeziehung der Arbeitnehmer in die Landwirtschaftskammern bringt. Nach Erledigung einiger anderer Vorlagen vertagte sich der Staatsrat auf den 18. Februar. :: Geheimrat Dr. Zapf 60 Jahre alt. Am heutigen Freitag feiert Geheimrat Dr. Zapf, der stellvertretende Vorsitzende der volksparteilichen Reichstagsfraktion, seinen 60. Geburtstag. Geheimrat Zapf, ein geborener Pfälzer, gehört dem Reichstag seit 1920 an. Zuvor nahm er als Sachverständiger für pfälzische und rheinische Fragen an der Versailler Friedenskonferenz teil. im Auslande. Ostsiedlung Marienfelde. Der Westdeutsche Siedlerver. band veranstaltet in der nächsten Woche eine Besichtigungsfahrt zu dem Siedlungsgut Marienfelde in der Ostmark, das sich besonders für evangelische Siedler eignet. Der Ort ist rein evangelisch. Die evangelische Kirche und Schule befindet sich im Ort. Es werden eingerichtet: eine Großbauernstelle, 19 Vollbauernstellen und 8 Arbeiterstellen. Die evangelischen Mitglieder des Westd. Siedlerverbandes, sowie befreundete Interessenten, welche an der Fahrt teilnehmen wollen, wollen sich rechtzeitig bei der Geschäftsstelle des Westd. Siedlerverbandes, Münster in Westfalen, Aegidiistraße 60, anmelden. Gleichzeitig wird die evangelische Siedlung Friedrichshof zur Besichtigung gelangen, welche in 22 Bauernstellen und Halbbauernstellen aufgeteilt wird. * In Rußland ist das Deutsche die meistgelernte Fremdsprache: der Staatsverlag setzte 1928 383 892 deutsche und 9545 französische Lehrbucher ab. * In Cleveland in den Vereinigten Staaten von Nordamerika wurde dieser Tage die erste deutsche Volksschule Amerikas eröffnet. Tscherwonzenfälscherprozeß in Leningrad. * In Leningrad, dem früheren Petersburg, begann am Freitag ein Prozeß gegen den früheren Rittmeister Schiller ere zaristische Offiziere. Die Anklageschrift Kirchennachrichten für Sonntag, den 19. Januar(2. S. n. Epiph.). Samstag, 19,10 Uhr: Beichte und Abendmahl in Zion, Pastor Kirschsieper.— Sonntag 8½ Uhr: Pastor Wilmanns; 9 Uhr: Pastor Wilm; 10 Uhr: Pastor Meyer; 11½ Uhr: Kindergottesdienst.— Montag, 20¼ Uhr, Gosen: Gemeindebibelstunde.— Donnerstag 19½ Uhr: Pastor Voigt. Versammlung der Konfirmierten: der Mädchen am Montag, den 20., der Knaben am Mittwoch, den 22. Januar, abends 8 Uhr bei Herrn Pastor Wilm, Bethelweg 56. und andere zaristische Eiseziere. Die Anitageschrift beschuldigt die Offiziere, von den gegenwärtig in Berlin vor Gericht stehenden Georgiern gefälschte Tscherwonzen empfangen und in Umlauf gesetzt zu haben. Der Anklagevertreter beantragte Todesstrafen. Ein Riesenprojekt. Kirchennachrichten für Schildesche. Sonntag, den 19. Januar 1930, 10 Uhr vorm.: Pastor Dahlmann; 1½ Uhr nachm.: Kindergottesdienst. Mittwoch, den 22. Januar 1930, 8 Uhr abends: Bibelstunde im Gemeindehause. Vor dem Bau des Elbe=Oder=Donau=Kanals. In absehbarer Zeit soll eines der größten Werke auf dem Gebiet der Wasserbauten in der Tschechoslowakei verwirklicht werden. Es ist dies der Bau der Kanalverbindung zwischen Elbe, Oder und Donau tschechoslowakischem Gebiet. Christliche Gemeinschaft Schildesche, am Krug. Versammlungen: Sonntag ½2 Uhr Kinderstunde. 5 Uhr Evangelisation. Donnerstag 8 Uhr Bibelstunde. Versammlungen werden jetzt von Prediger Heistermann gehalten. auf Der Gesamtkanal ist für 1000=Tonnen=Schiffe veranschlagt. Die Ueberwindung der Höhenunterschiede soll durch Schleusenkammern mit—10 Meter Wasserspiegelunterschied mit einer Breite von 12 Mater, einer Länge von 85 Metern und einer Tiefe von 3 Metern geschehen. Die anfängliche Leistungsfähigkeit dieses Kanals bei einfachen Schleusenkammern und täglichem Betrieb beträgt 5 Millionen Tonnen jährlich und könnte bei einer nachträglichen Errichtung von Zugkammern auf 10—12 Millionen Tonnen jährlich erhöht werden. Der Gesamtkostenaufwand für die Durchführung dieser Absicht dürfte sich auf ungefähr 3,5 Millionen Kronen stellen. Durch die Verwirklichung dieses Planes würden neue Schiffahrtsstraßen in einer Länge von 426 Kilometern geschaffen, wobei zu betonen ist, daß durch die Errichtung einer derartig verhältnismäßig kurzen Strecke ein einheitliches Schiffahrtsnetz in einer Gesamtlänge von 5000 Kilometern hergestellt werden würde, das ganz Nordwest=, Mittel= und Südeuropa umfassen würde. — Christlicher Verein junger Männer. Heute, Freitag, 8¼ Uhr Bibelstunde; Herr Pastor Schlatter über den Schluß des„Propheten Amos“ Sonntag, 1½ Uhr, Spaziergang. Treffen an Gosen. Abends 7½ Uhr im großen Saal des Assapheums (unterer Eingang): Plattdeutscher Abend mit Herrn Konrektor Brinkmann, Herrn Engelbertz mit seiner singenden Säge und dem Kleinen Chor.(siehe Inserat vom Donnerstag). Die gesunde Gemeinde ist herlich willkommen. Programme im Vorverkauf 50 u. 25 Pfg.; abends 60 u. 30 Pfg — Vom„Christlichen Erzähler“, 5. Band, fehlen mir die Hefte 4 und 5. Wer wäre so freundlich, sie mir zu überlassen? G. Harr, Neu=Pniel. — Kleine schwarze Katze entlaufen. Gegen Belohnung abzugeben bei Bürgermeister Schenk, Bethelweg, — Schirm stehen geblieben bei der Filmvorführung, Abzuholen in der Anstaltspost. Gährungslose # Obltund Traubenlätte alkoholfrei, naturrein, ohne jede Konservierung. Probekiste mit 12 Flaschen 4 Strauchheimer(Apfelsüßmost Auslese) 2 Trauben(rot) 2 Trauben(weiß) 2 Heidelbeer 2 Typ Burgunder einschließlich Flasche, Kiste und Verpackung 19.20 RM gegen Nachnahme oder Voreinsendung auf Postscheckkonto: Hannover 21365. Internationale alkoholkreie Industrie G. m. b.., Bückeburg. unsmmmmszzunmsnununnmgausrasususnungaunnununmssuungnunummunmununmuunm Friedrich von Bodelschwingh=Schule Oeffentliche Deutsche Oberschule in Aufbauform. 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Letzthin hatte ich die Freude, als Gast in einer geschlossenen Vereinigung einen zweimal zweistündigen Vortrag Drieschs über die Autonomie des Lebens genießen zu können. Vielleicht ist es interessant, mit einigen Gedanken daraus bekannt zu werden. Driesch ist ein Schüler Haeckels. Aber ganz und gar nicht kann und will er ein Anhänger von ihm sein. „Schon in den neunziger Jahren lehnten meine Freunde und ich den Materialismus und Mechanismus Haeckels ab. Wir wurden deshalb mit dem schlimmsten Namen, den es damals gab, bezeichnet:„Sozialdemokraten“. Es war ungemein reizvoll, und mit wachsendem Staunen hörten wir, wie Driesch den Haeckelianismus als eine völlig unhaltbare und unter aufrichtigen Forschern nicht mehr diskutable Auffassung behandelte. Der Materialismus gehört als Afterweisheit der Vegangenheit an. Einen breiten Raum nahm im Anfang der Vorlesung die Embryologie ein. Der Gelehrte hat in jüngeren Jahren gründliche Studien an dem bekannten Forschungsinstitut für Seetiere in Neapel gemacht. Driesch ließ uns an seinen Untersuchungen teilnehmen. Eins der gewöhnlichsten Tiere des Mittelmeeres ist der Seeigel. Man kann die sich entwickelnden Zellen des befruchteten Seeigeleies verschieden behandeln: voneinander trennen oder auch einzeln abtöten. Wäre die mechanische Auffassung Haeckels richtig, so müßte bei solchen Manipulationen ein halber Seeigel, ein viertel Seeigel usw. entstehen. Aber wie man auch vorgehen mag, bei jeder Behandlung der Zellen entwickelt sich nicht bloß ein Bruchteil von einem Tiere, sondern stets ein ganzer Seeigel. Eine Fülle neuer naturwissenschaftlicher Kenntnisse und die Arbeit von allerlei Forschern auf diesem Gebiete wurden uns fortgesetzt übermittelt. Im weiteren Verlauf des Vortrages setzte sich der Professor mit dem psychophysischen Parallelismus Theodor Fechners auseinander. Fechner geht von der Lehre aus, daß Seele und Leib ein und dasselbe sei, also Seele= Leib, nicht aber Seele und Leib. Ihm, Fechner, bedeutet Seele soviel wie Leib, das will heißen: dasselbe Ding nur von der andern Seite gesehen, man denke sich als Beispiel konkav und konvex. Der Mensch ist nach Fechner nichts als ein maschineller Apparat, was, wie Driesch gut gelaunt bemerkte, zu der Scherzfrage veranlassen könnte:„Ist der Mensch ein Grammophon?“ In längerer und ausführlicher Bestimmtheit legt Driesch das Falsche und Törichte der Fechnerschen Theorie dar und führte sie ad absurdum.„Kein Gelehrter“, rief er mit Nachdruck aus, kein Gelehrter in Deutschland, Frankreich und England glaubt heute noch an diese Absurdität mit einziger Ausnahme eines Philosophen in Halle. Merkwürdigerweise hält man in Amerika noch ziemlich fest daran. Doch beginnt es auch da neuerdings stark abzubröckeln. Das Erstaunliche an der Sache ist nur, daß sich der Unsinn so lange hat halten können.“ Der Begriff des Lebens in breitester Form wurde von Hans Driesch hierauf zum Ausgang genommen. Der Leipziger Professor hat ein neues Wort gebildet: Psychoid (vom griechischen Wort Psyche— Seele). Unter Psychoid faßt er das seelische Vorhandensein in allen Lebewesen zusammen, vom, man möchte sagen, Embryo der Seele bis hinauf zum Menschen. Es ist bekannt, daß der Philosoph Cartesius, der beim Menschen den Sitz der Seele in die Zirbeldrüse verlegte, dem Hund eine eigentliche Seele abgesprochen hat. Der Vortragende gab feine Unterschiede zwischen dem Instinkt und anderen Lebensäußerungen und=verhaltungen der Tiere. Sonderlich in Amerika sind seit ungefähr 10 Jahren Beobachtungen angestellt worden, die in hohem Grade merkwürdig sind. Driesch erzählte davon. Z. B. wie reagieren gewisse Tiere(in dem einen Falle war es der„stentor", ein kleines Meertier) auf eine Störung, die ihnen zum ersten Mal verursacht wird? Wie verhalten sie sich am., wie am 3. Tage bei gleicher Einwirkung? Sie haben beim dritten Male ersichtlich, wie das Beispiel zeigte, gelernt, man kann demnach nicht mehr von Instinkt sprechen. So auch beim Krebs: Man hatte labyrinthartige Gänge angelegt und an deren Ende ein Stück Fleisch angebracht. Der Krebs riecht das Fleisch, kann es aber nicht ohne weiteres finden. Er läuft erst nach der einen Seite, dann nach der anderen und so im Zickzack, bis er schließlich an das Gesuchte doch noch herankommt. Beim zweiten Mal sind der Umwege weniger und am dritten Tage hat er den kürzesten Weg zu dem Fleisch entdeckt.— Als Driesch von der Seele des Menschen sprach, lag ihm vor Sonnabend, den 18. Januar 1930. allem daran, den reinen Begriff festzustellen.„Man verwechsle Seele nicht mit dem Bewußtsein des Ich. Letzteres ist etwas Untergeordnetes, viel Kleineres. Man denke sich etwa eine große durchsichtige Kugel. Darin in einem entfernten Winkel ist ein kleiner Punkt: das ist das Bewußtsein des Ich. Aber die Seele ist etwas ungemein Größeres, Reicheres.... Man erinnere sich nur des Unterbewußtseins.“— Eine hervorragende, wesentliche Bedeutung kommt in der Philosophie Driesch's, die man gemeinhin Vitalismus nennt, wenn schon er den Ausdruck nicht gerade bevorzugt, der Entelechie zu. Driesch hat das Wort von dem großen Denker des Altertums, Aristoteles, herübergenommen, bei dem es nicht völlig deutlich ist, was er damit meint. Entelechie ist Driesch soviel wie Zielstrebigkeit, Entwicklungsrichtung, Zielpunkt. Die Entelechie beherrscht als großes Natur= und Weltgesetz den Gesamtbereich der Lebewesen. Die Descendenztheorie ist nur eine Hypothese. Wie sich die Vorwärtsentwicklung von Stufe zu Stufe vollzogen hat, wissen wir nicht. Niemand ist dabei gewesen, und es ist nur einmal geschehen, was wir als Resultat vor uns sehen. Es wiederholt sich nie wieder. „Der Mensch nennt sich so gern die Krone der Schöpfung. Ist er es wirklich? Oder gibt es vielleicht noch höher entwickelte Arten? Denkbar wäre es. Weiter: Ist die Entelechie teilbar? Ist sie schon zum Abschluß gekommen?" Lauter Fragen und Rätsel, die der Beantwortung und Lösung spotten und Driesch zu dem Geständnis nötigten:„Wir wissen nichts, gar nichts, absolut nichts! Ich möchte sagen: Wir wissen nur, was falsch ist.“ Am Schluß machte uns Driesch in flüchtigen Umrissen mit den Problem=Behandlungen neuester Philosophen bekannt, die aber zu sehr wie wilde Phantasien anmuten, als daß sie den„Aufwärts“lesern übermittelt werden sollen. Ein Schriftsteller der jüngsten Vergangenheit hat geschrieben:„Die Philosophie ist keine schöpferische Kraft für das Leben. Sie zerfasert und entwertet das Bild der lebendigen Dinge, ohne uns die Wahrheit über sie zu sagen.— Ich fand bei der Philosophie nur tanzende Worte, die Nomenklatur des Unerklärlichen.“ Ein berühmter Denker, der zuleich ein frommer Christ war, Blaise Pascal, sagt:„Se moquer de la philosophie, cest vraiment philosopher“, die Philosophie belächeln heißt, in Wahrheit ein Philosoph sein. Gewiß ist solches richtig. Aber sollen wir deshalb überhaupt verzichten, Philosophie zu betreiben? Gewiß nicht. Die Philosophie ist eine unvergleichliche Schulung des Geistes für folgerichtige Ideenentwicklung, eine Verstandesschärfung. Allein mehr gibt die Philosophie nicht, kann sie letzten Endes nicht geben. Friede, Freude, Gewißheit schenkt nur der siegeshafte Gottesglaube:„Ichaber weiß...“ Wie Driesch zum Gottesglauben steht, läßt sich nicht fundamentieren. Sicher nur ist jedenfalls, daß er kein Gegner ist. Einmal, vor mehreren Jahren, hörte ich Driesch im Kolleg sagen:„Der Beweis für die Existenz Gottes ist nur durch die innere Erfahrung zu erbringen.“ Georg Meyer(Wurzen). Cyankali. In den letzten Wochen des Jahres 1929 erschien im internationalen Arbeiter=Verlag das Bühnenstück„Cyankali“, dessen Verfasser ein sozialistischer Arzt namens Friedrich Wolf ist. In diesem unter dem begeisterten Beifall der großstädtischen Massen ausgenommenen Stücke wird Sturm gelaufen gegen den§ 218 des Str. G. B. des Deutschen Reiches. Derselbe lautet:„Eine Schwangere, welche ihre Frucht vorsätzlich abtreibt oder im Mutterleibe tötet, wird mit Zuchthaus bis zu 5 Jahren bestraft. Dieselben Bestimmungen finden auf denjenigen Anwendung, welcher mit Einwilligung der Schwangeren die Mittel zur Abtreibung oder Tötung bei ihr angewendet hat.“ Wenn man rein bühnentechnisch über das Stück Wolfs urteilen will, so kann man nicht anders, als das Geschick anerkennen, mit dem es dem Verfasser gelungen ist, die Menge zu packen und in ihr eine leidenschaftliche Erregung gegen den„barbarischen und heuchlerischen“, Paragraphen wachzurufen. Das Milieu, in welches uns der Verfasser hineinführt, ist das eines Berliner Scheunenviertels, in dem die Menschen ohne Luft, Licht, ohne Ideale leben, oder man müßte besser sagen vegetieren. Es ist das gleiche Milieu, in das uns Remark durch sein Buch„Im Westen nichts Neues“ führt. Die Menschen im Berliner Scheunenviertel sind genau dieselben wie im Schützengraben. Auch ihre Grundsätze sind dieselben:„Es gibt nur eins auf der Welt,“ sagt in diesem Bühnenstück eine typische Vertreterin,„was kein Schwindel ist: Fressen, Pennen und Kinder kriegen.“ Von diesem Standpunkt aus wird alles beurteilt. Als eine unglückliche Mutter, die der Geburt ihres 7. Kindes entgegensieht, in der Verzweiflung sich aus dem Fenster stürzt, sagt Frau Klee, eine typische Vertreterin des Berliner Proletariats:„Ja, ja, schnell tritt der Tod den Menschen an. Ich sagte doch gleich, man solle die Witt nicht alleine lassen. Sie hatte eine ganz weiße Nase und in ihrer Pupille war ein Kreuz.“ Daraufhin antwortet der lachende Philosoph des Stückes namens Kukuk:„Nase hin, Pupille her, die Sache hängt mit den roten Blutkörperchen zusammen. Wer die„Koralle" liest, der weiß genau, daß der Mensch fünf Millionen rote Blutkörperchen hat. Fehlt aber davon ein Teil, sagen wir eine Million, so gibt zuerst die Leber ihre aufgespeicherten Blutzellen her. Das dauert so—3 Wochen, dann in der 4. Woche kommen die Muskel dran und schließlich der Herzmuskel. Der wird dann immer dünner und schrumpft dann ein.“ Die Hauptsache im menschlichen Leben ist also das Essen, bezw. Fressen. So ist ein Höhepunkt des Stükkes, eine Schilderung der Lebensmittelvertilgung, um nicht zu sagen, Fresserei, welche beginnt, als bei einem Streik Lebensmittelläden gestürmt sind und die Vorräte unter den Hungrigen aufgeteilt werden. Es sind geradezu Orgien der Eßlust, die uns vorgeführt werden, und damit die Philosophie nicht fehlt, beginnt Kukuk mit folgendem Sermon:„So'n Rollmops, ein wundervolles Tier, das ist ein wahrer Lebensretter. Da sprudeln die Magensäfte, da feiern die Blutkörperchen Hochzeit, enorme Vermehrung, mindestens 5 Millionen. Da lacht das Herz und wird wieder gut. Weißt du, Minna, mit 3 Millionen Blutkörperchen, da bist du ein hungriges Biest, ein Verbrecher, mit 4 Millionen bist du einer, der stempeln geht, aber mit 5 Millionen Blutkörperchen bist du ein sittliches Wesen, ein Mensch.“ So dreht sich das Leben dieser Menschen in erster Linie ums Essen. Aber ebenso wie bei Remark ist auch hier der andere Pol, um den sich das Leben bewegt, die Sexualität. Alle die Menschen, um die es sich hier handelt, sind im wesentlichen sexuell eingestellt. Zum großen Teil bringen sie das in der rohesten Weise zum Ausdruck. Der niedrigste Vertreter der Sexualität ist wohl der Hausverwalter. Aber auch fast alle Frauen, die auftreten, haben einen nahezu dirnenhaften Charakter. Das gilt ganz besonders von der Frau Klee. Aber auch die Mutter der eigentlichen Heldin des Stückes, Hede, die von guter Herkunft ist, ist nicht viel besser. Mitten in dieser Umgebung steht nun das junge Paar, Hede und Paul, deren Schicksal uns vorgeführt wird. Es sind an sich nicht gerade unliebenswürdige Menschen. Hede, ein junges nettes Mädchen, welches etwas auf sich hält, Paul, ein klassenbewußter Arbeiter, der auch seiner Braut gegenüber die Verantwortung fühlt. Und doch ist schrankenloser eller Verkehr zwischen Hede und Paul selbstverständlich. Mitten in dieses Milieu von Armut, Wohnungsnot, Hunger und Sexualität tritt nun auch einmal das Problem „Kind“ ein. Hede fühlt sich Mutter. Was soll mit dem Kinde werden? Für Paul ist es von vornherein selbstverständlich, daß das Kind aus dem Wege geräumt wird. Erschütternd ist die erste Unterredung zwischen den Brautleuten. Es ist unmöglich, die Ausdrücke wiederzugeben, die Paul braucht. Er schließt mit folgenden Worten:„Viecherei auf dieser... Welt. Die andern haben Platz und Ruhe und wissen's, wie man's macht. Aber uns hängt so ein verfluchter Balg.....“ Die werdende Mutter ist ihrem Kinde gegenüber nicht ohne Gefühl. Sie meint, da sie beide verdienen und gut verdienen, könnten sie ihr Kind behalten. Aber die Sache wird anders, als Paul und Hede ihre Arbeit verlieren. Nun ist es selbstverständlich, daß für das Kind kein Raum ist. In dieser Ansicht stimmt natürlich die ganze Umgebung überein. Am frivolsten ist wieder der Hausverwalter, der mit Kündigung droht. Aber auch die Mutter will„keinen Fresser mehr, der nichts verdient". Also, das Kind muß fort, das ist ganz selbstverständlich. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Das Vernünftigste wäre nun, wie der Verfasser uns durch den Mund dieser Proletarier verkünden läßt, eine sachgemäße Geburtenregelung, vie es in Rußland üblich ist. Demgegenüber steht nun der unglückliche Paragraph 218. So bleibt nichts anderes übrig, als eine Umgehung desselben. Der erste, der dazu helfen soll, ist der Hausverwalter. Er hat Praxis in der Sache, hat auch ein diesbezügliches Instrument, aber er hat Angst vor dem Zuchthaus und stellt die niedrigsten Bedingungen. Er ist bereit, die Abtreibung zu vollziehen, wenn das Mädchen seinen sinnlichen Gelüsten nachgibt. Seine Absicht wird verhindert. So bleibt dem Mädchen nichts anderes übrig, als die Kurpfuscherin und schließlich der Arzt. Die Szene bei der Kurpfuscherin ist eine der widerwärtigsten. Nachdem sie ihr unsauberes Geschäft begonnen, weigert sie sich, weil sie einen Selbsteingriff der unglücklichen Mutter bemerkt. Die Szene beim Arzt bewirkt beim Zuschauer den Höhepunkt der leidenschaftlichsten Entrüstung. Im Sprechzimmer des Arztes ist Dr. Möller gerade den Wünschen einer Dame der Gesellschaft, die von einem Kind befreit sein will, nachgekommen. Jetzt kommt die Arbeiterin herein. Der Arzt verweigert der Armen dasselbe, was er der Reichen zugestanden hat. Die Ursache ist, daß die eine bezahlen kann, die andere nicht. Das ist niedrig, aber der Verfasser begnügt sich nicht nur, den Arzt als einen niedrigen Charakter darzustellen, er stellt ihn dadurch gerade als verächtlich hin, daß er ihm moralische Phrasen in den Mund legt, die in Wirklichkeit sinnlos sind. Freilich ist es sehr billig, das Publikum auf solch eine Weise zur Entrüstung aufzupeitschen. So nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Was die anderen nicht tun, was das Mädchen selbst vergeblich versucht hat, tut die Mutter. Sie gibt der Tochter, die sich durch den vergeblichen Selbsteingriff infiziert hat, das Cyankali ein, welches die vorzeitige Geburt verursacht. Das Mädchen windet sich in Krämpfen und stirbt, nicht ohne daß Kriminalkommissar und Arzt ihre letzten Augenblicke vergiften. Hede stirbt, die Mutter wird ins Zuchthaus abgeführt, in dem übrigens der Bräutigam wegen Aufruhrs und Empörung schon gelandet ist. An allem ist natürlich der Paragraph 218 schuld, der beseitigt werden muß. Mit dieser gewiß oberflächlichen Lösung schließt das Theaterstück, das nicht anders als eine inerfreuliche Erscheinung bezeichnet werden kann. Oder gibt es wirklich keine andere Lösung, als diejenige, von der Dr. Wolf weiß? Vom materialistischen Standpunkt aus, auf dem Dr. Volf steht, allerdings nicht. Da ist der Standpunkt, der n dem vorliegenden Bühnenstück vertreten wird. Ein ieuerer Dichter drückt es folgendermaßen aus: „Ich denke doch, der Leib ist mein, und mein sind auch die Nächte, die ich beim Würfelspiel und Wein mit Weibern toll durchzechte. Es ist das Recht über den eigenen Leib, welches dem Mann erlaubt, sich auszuleben und welches auch der Frau die gleichen Rechte gewährt. Es ist derselbe Gedanke, der der Kameradschaftsehe zugrunde liegt. Junge Leute, die ich zueinander gezogen fühlen, mögen ruhig eine Zeitoder Probeehe eingehen, damit sie sich gut kennen lernen. Damit keine Kinder kommen, werden ihnen gleich bei der Eheschließung Vorbeugungsmittel in die Hand gejeben. Das ist ganz konsequent gedacht. Ebenso konsejuent ist es, daß den Eheleuten Geburtenbeschränkung mpfohlen wird. Denn nach der materialistischen Weltinschauung ist es ja nicht Gott, welcher den Eheleuten kinder gibt, sondern es ist der Mann, bezw. die Eheleute, velche, um den Jargon des Bühnenstückes zu gebrauchen, „die Bälger machen". Warum sollte man dann, wenn die Vorbeugungsmaßregeln nicht funktioniert haben, also um ines Zufalles willen, wie Wolf sagt, nun nicht auch einfreifen dürfen und die Geburt verhindern? Das liegt illes in einer Linie und zwar der Linie des schrankenosen Materialismus, der freilich die letzte Konsequenz ioch scheut, die eben darin besteht, daß man auch die jeborenen Kinder tötet oder doch ihre Tötung straflos ein läßt, Konsequenzen, die, so ungeheuerlich sie auch cheinen, dennoch bald Wirklichkeit sein werden, wenn nan auf der Linie weiter geht. Mit Christentum freilich hat diese Anschauung nichts u tun. Das sollten sich alle Christen klar machen und sich süten, irgendwelche Kompromisse mit der materialistichen Eheauffassung abzuschließen. Leider hat man das atsächlich von christlicher Seite aus versucht, und ernstlich darüber gesprochen, ob nicht Selbstbefriedigung auf der inen Seite, Anwendung von Vorbeugungsmitteln, ja sozar Vernichtung des keimenden Lebens auf der anderen Seite unter Umständen erlaubt oder sogar zu raten sei. Sogar das Wilhelm Schreinersche Ehebuch ist in dieser Beziehung nicht völlig einwandfrei. Nach dem letzten Becicht im„Aufwärts“ scheinen auf der sexualpädagogischen Woche Aeußerungen gefallen zu sein, die man nur bedauern kann. Vom christlichen Standpunkt aus ist die materialistische Eheauffassung auf das Bestimmteste abzulehnen. Nicht die Menschen sind es, die die Kinder machen, sondern Gott ist es, der den Eheleuten Kinder schenkt. So ist der Gedanke, Kinder im Mutterleibe zu töten, für den Christen einfach unvollziehbar. Töten im Mutterleibe ist für ihn genau das Gleiche wie Töten außerhalb des Mutterleibes. So lange der Staat in seiner Gesetzgebung von christlichsittlicher Auffassung ausgeht, muß er an einem Paragraph 218 festhalten. Mord, wie Selbstmord kann vom christlichen Standpunkt aus nicht gebilligt werden. Daß dabei große Schwierigkeiten entstehen können, zumal bei wirtschaftlicher Notlage, liegt auf der Hand. Daß Eltern in großer Notlage auf den Gedanken kommen können, mit ihren Kindern ins Wasser zu gehen oder den Gashahn aufzudrehen, kann nicht geleugnet werden. Wenn sie es un, werde ich als Christ sie nicht verdammen. Aber wenn sie es noch nicht getan haben, so werde ich sie bitten, es zu unterlassen und vor der Sünde warnen. Ebenso werde ch als Christ eine Mutter, welche ein Kind erwartet und n wirtschaftlichen Schwierigkeiten steht, bitten, auch in wirtschaftlichen Schwierigkeiten Gott zu vertrauen und werde sie warnen, Mörderin am Ungeborenen zu werden. Mit dem Gesagten soll keineswegs verantwortungsoses und schrankenloses Kinderzeugen und=gebären empsohlen werden, was Wolf in seinem Bühnenstück Cyankali geschmacklos„Karnikelei“ nennt. Kommen wir aber damit nicht wiederum in die Linien der Vorbeugungsbezw. Abtreibungsmittel hinein? Keineswegs. Nach unsrer Ueberzeugung ist der Weg für den Christen nicht die Anwendung künstlicher Mittel, sondern heilige Zucht. Das gilt schon vom Eingehen der Ehe. Müssen denn notwendigerweise die Ehen so frühzeitig geschlossen sein? Ist es nicht vielmehr der Weg zur Bildung kraftvoller Charaktere, wenn man wie ein Ernst Moritz Arndt sich nicht gehen läßt in seiner Männlichkeit, sondern auch seine Männlichkeit unter die Zucht des Geistes stellt? Was vom jungen Mann gesagt ist, gilt ebenso vom jungen Mädchen. Ist nicht ebenso wie beherrschte Männlichkeit eine geheiligte Jungfräulichkeit Ziel einer christlichen Charakterbildung? Davon weiß freilich Wolf nicht Bescheid. Nach seiner Ansicht bleibt eben nichts anderes übrig, als daß junge Männer und junge Mädchen zusammen laufen und sich zusammenfinden auf rein natürlicher Basis. Wir aber kennen eine andere Basis, auf die wir uns stellen, ohne an der natürlichen Bedingtheit des Menschen vorüberzugehen. Auch im Eheleben kennen wir eine andere, als nur die natürliche Basis. Auch hier gibt es ein Beherrschtsein vom Geiste Gottes und nicht von den Trieben. Was sollte sonst ein Mann machen, dessen Frau vielleicht monate=, ja jahrelang krank ist? Wollen ihm da vielleicht die christlichen Kompromißethiker einen Ersatz empfehlen? Wir wenden uns entrüstet von dem Gedanken ab, ohne deshalb den Blick zu verlieren für die Wirklichkeit. Ja, es mag sein, daß die Wirklichkeit oft schwer ist und eheliche Enthaltsamkeit für Mann oder Weib oft ein Kreuz ist. Aber sagt Christus nicht: Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, kann nicht mein Jünger sein? Wo steht geschrieben, daß ein Christ ohne Leiden ins Reich Gottes kommen soll und daß der Ehestand nicht auch ein Wehestand sei? Aber wir wissen auch, daß die Gnade Gottes ausreicht, auch zur Beherrschung der Männlichkeit, bezw. der Weiblichkeit im Ehestande, und daß Christus seinen Jüngern bzw. Jüngerinnen die Kraft zum Verzicht darreicht, wenn es Liebe, die Rücksicht auf den Ehegatten oder auch die Verantwortung gegenüber dem werdenden Kind gebietet. Es mag bei Menschen unmöglich sein, bei Gott dagegen sind alle Dinge möglich. Es würde noch die Frage bleiben, in welchen Fällen der Christ sich von Gott die Gnade zur ehelichen Enthaltsamkeit schenken lassen soll. Wann ist es genug mit der Kinderzahl und wann darf ein neues Kind gezeugt, bezw. geboren werden? Darüber können allgemeingiltige Regeln überhaupt nicht aufgestellt werden. Jedenfalls ist die Gefahr des Kleinglaubens z. Zt. größer, als die Sorglosigkeit. Schreiber obiger Zeilen wuchs in einem einfachen Pfarrlandhaus auf. Unsre Mutter war schwach, aber sie gab elf Kindern das Leben, von denen einer als Leutnant im Felde fiel, alle andern am Leben und in geachteten Stellungen sind. Vielleicht waren die Zeiten damals noch nicht so schwierig, wie heute, aber wenn auch die Zeiten nicht mehr dieselben sind, so ist der Gott derselbe, und ihn gilt es zu fürchten, lieben und vertrauen, auch in den z. Zt. so schwierigen Familien= und Ehefragen. Wenn es Dr. Friedrich Wolf gewußt und verstanden hätte, so hätte er dem deutschen Volke kein Cyankali verabreicht. Viele werden daran zugrundegehen. Möchten es nicht allzuviele sein. L. Thimme. Welches Interesse haben wir vom volks. wirtschaftlichen Standpunkt aus an der Bekampfung des Alkoholismus? Von Erich Rundt, Duisburg. In Frankfurt a. M. führte kürzlich in einem spannenden Vortrag einer unserer ersten Volkswirtschaftler, Universitätsprofessor Dr. Keßler=Leipzig, folgendes aus: In jüngster Zeit haben wir Gelegenheit gehabt, uns mit allerlei wichtigen Fragen zu befassen. Die Konferenz im Haag, mit dem für Deutschland so folgenschweren Abschluß, zwingt alle ernsten Kreise mit großer Notwendigkeit, auch die volkswirtschaftliche Seite dieses Problems durchzudenken. Es ist zu bedauern, daß bei dem Ernst der Lage letzteres so gut wie gar nicht geschieht. Der Youngplan hat uns auf Geschlechter hinaus zu Tributleistungen verpflichtet. Diese Leistungen bekommen eine besondere Bedeutung dadurch, daß sie ohne Gegenleistung bleiben und von einem durch einen unglücklichen Kriegsausgang und wirtschaftlichen Niedergang nach dem Kriege stark geschwächten Volkskörper verlangt werden. Um dem von unseren Feinden gewünschten Untergang zu entgehen, müssen wir zu äußersten Sparmaßnahmen aller wirtschaftlichen Werte greifen. Sodann müssen wir die Idee über das Interesse stellen. In dem Maße, wie wir uns um eine befreiende Idee sammeln, werden wir Idealisten. Idealisten betrachten die Wirtschaft nur als eine unentbehrliche Einrichtung. Weil diese Einrichtung aber unentbehrlich ist, gilt es für uns Betrachtungen anzustellen. Das Zeitalter der Gegenwart hat eine kapitalistische Richtung. Das Zusammenfließen des Unternehmerkapitals in die Hände weniger Einzelner birgt die Gefahr des Kapitalismus in sich. Wo Kapitalismus besteht, da lebt die Gesamtheit des Volkes in Gefahr, durch die Gewinnsucht einzelner Personen übervorteilt zu werden. Praktische Wirtschaftspolitik ist auch für den Idealismus möglich und notwendig. Politik nennt man die Klugheit in der Auswahl des Mittels zur Erreichung eines Zieles. werden in der Volkswirtschaftspolitik mit besonderer Klugheit die Abwägung des Interesses einzelner Wirtschaftsgruppen wahrnehmen müssen und das Ergebnis in Vergleich zu dem Allgemeininteresse zu bringen haben. Um unserem Thema gerecht zu werden, wollen wir nunmehr unser Interesse der alkoholkapitalistischen Wirtschaftsgruppe zuwenden; hierbei machen wir folgende Beobachtungen: Einzelne kapitalistische Unternehmer haben ihr ganzes Kapital für die Herstellung des Alkohols festgelegt. Der kapitalistische Unternehmer kennt nur den Profit als erstrebenswertes Ziel und kämpft darum mit zäher Ausdauer. Hinzu kommt, daß die Verzinsung des Braukapitals weit über den Durchschnitt gut ist. Von einer so rentablen Industrie die freiwillige Umstellung zu erwarten, ist aussichtslos. In diesen Motiven finden wir auch die Begründung für die Leidenschaftlichkeit im Kampfe gegen die Alkoholgegner. Und doch ist eine Umstellung nach und nach möglich, und dieses um so eher, als heute schon ein großer Teil der Aktienbesitzer auch an anderen Betrieben auf Gewinn beteiligt ist. Wesentlich einfacher liegen die Verhältnisse bei dem Alkohol handelskapital. Handelskapital ist viel beweglicher als Industriekapital. Rückgang eines Artikels ist im Handel unangenehm, er bedeutet aber für das bewegliche Handelskapital noch lange nicht den Ruin, denn es findet sich immer wieder ein Ausgleich. Gerade hierfür liegen aus jüngster Zeit schlagende Beweise vor. Werden z. B. die Kleider kürzer, so hebt sich das Geschäft der Strumpfabrikanten. Wie steht es nun aber mit den Erzeugnissen unserer mit ihrer Existenz schwer ringenden Landwirtschaft? — Der landwirtschaftliche Betrieb ist um so gesicherter, je vielseitiger er ist. Der Landwirt ist also durchaus nicht allein auf die Erzeugung von Hopfen und Gerste angewiesen; baute er statt Gerste mehr Weizen, so brauchten wir weniger Weizen vom Ausland zu kaufen und unsere Handelsbilanz würde schon allein dadurch aktiv. Das Geld bliebe im Lande, und es fände wieder eine gewaltige Kapitalansammlung statt. Bei dem jetzigen Zustand beziehen wir je nach dem Ausfall der deutschen Ernte ¼ bis ⅛ des Weizenbedarfes vom Auslande. Eine Bodenfläche von etwa der Größe Württembergs, die wir heute mit Braugerste bebauen, könnte mit Weizen bebaut werden!— Wir sehen also an diesem schlagenden Beispiel. wie leicht sich der Landwirt umstellen könnte.— Auch der Winzer ist durchaus nicht allein auf die Herstellung von vergorenem Wein angewiesen. Es könnten viel mehr Trauben in unvergorener Form genossen werden. Hinzu kommt das Fortschreiten der alkoholfreien Früchteverwertung. Auch scheint die Umformung weiterer Weinbauflächen in Obstbauflächen unaufhaltsam. Hierzu trägt vor allem die Witterungsveränderung bei, wie wir sie schon länger beobachten können. Heute wird es keinem Unternehmer einfallen, etwa sein Kapital in dem ehemaligen Weinbaugebiet an der Elbe gewinnbringend festzulegen.— Seitens der Brennereien ist man schon bescheidener. Man weist hier besonders auf die Abfallprodukte und ihre Verwertung zu menschlichem Genuß hin; hier kommt uns die Konservierungsmethode mit ihren verschiedenartigen epochemachenden Erfolgen zur Hilfe.— Nunmehr hätten wir das Alkoholgewerbe zu beleuchten. Seine Abhängigkeit vom Alkoholkapital hat als Grund folgende Erklärung: Wes Brot ich esse, des Lied ich singe. Ein weiterer Grund ist die Möglichkeit, ohne Berufskenntnis Wirt zu werden. Der denkende Gastwirt sollte doch stutzig werden, wenn er sieht, wie immer mehr solcher alkoholfreier Gaststätten entstehen, wie Tausende abströmen in alkoholfreie Erholungsheime und wie ein immer größerer Teil der aufwachsenden Jugend den Alkoholverkaufsstellen fernbleibt. Wenn heute Tausende von Jugendherbergen bestehen, so ist das eine Folge davon, daß das jetzige Gastwirtschaftsgewerbe in seiner Zurückgebliebenheit überlebt ist. Das Baukapital beschäftigt bei einer Million Mark Umsatz viermal soviel Arbeiter als das Braukapital. Das Baukapital gibt außerdem fast allen Industrien und allen Handwerkern große Verdienste, während das bei dem Braukapital nur sehr beschränkt zutrifft. Durch Einschränkung des Alkoholumsatzes würde also Tausenden Arbeitsmöglichkeit gegeben und viele kleine Einzelunternehmungen, die heute kümmerlich vorwärtskommen, wieder aufblühen. Jede Volkswirtschaft setzt sich aus einer unendlichen Reihe von Einzelwirtschaften zusammen und bedeutet das Wohl und Wehe einer Einzelwirtschaft oft sehr viel für die ganze Volkswirtschaft. Die Bedeutung des Alkoholgewerbes ist aber deshalb durchaus nicht ausschlaggebend, weil das Bedürfnis nach Alkohol kein natürliches ist. Der Unterschied in natürlichen und unnatürlichen Bedürfnissen und seine Bedeutung für die Volkswirtschaft wird in folgendem gekennzeichnet. Der Bedarf der Kartoffel und des Schnupftabaks ist etwa um die gleiche Zeit in Deutschland entstanden. Die deutsche Volkswirtschaft ist aber „dank der Kartoffel" und„trotz des Schnupftabaks“ emporgestiegen. Das Alkoholgewerbe hat den Jahresumsatz von vier Milliarden Mark längst überschritten. Es gilt nunmehr, wenn unsere Volkswirtschaft wieder aufblühen soll und wir unsere von den Feindländern aufgebürdeten Sklavenketten in verhältnismäßig kurzer Zeit abschütteln wollen, diese für vier Milliarden künstlich erzeugter Bedürfnisse in andere Kanäle umzuleiten, wo sie wirklichen, dringenden und nötigen Bedürfnissen ausschließlich dienen. Für diese vier Milliarden Mark jährlicher Ausgabe, die durch das Alkoholkapital künstlich erzeugt aber durchaus nicht lebensnotwendig ist, könnten wir unsere gesamte Wohnungsnot beheben und würden damit gleichzeitig den größten Teil des Familienelends sittlicher und gesundheitlicher Art ausschalten. Alle jene Hunderttausende, die jetzt den Gesundheit und Sitte zerstörenden Alkohol herstellen und anpreisen, würden gesunde und volkswirtschaftlich wertvolle Aufgaben zu erfüllen haben. Kein Fuhrmann oder Bauer kommt auf den Gedanken, sein Vieh im Interesse der Wirtschaftlichkeit mit Alkohol zu stärken. Aber das Alkoholkapital sucht, trotzdem die Wissenschaft die Schädlichkeit des Gesundheit und Sitte zerstörenden Alkoholgiftes längst bewiesen hat, immer wieder die arme Menschheit zum Genuß dieses Giftes als tägliche Nahrung anzuregen. Wir bieten die Hand dem Weinbauern, wenn er Trauben für das Volk erzeugt, dem deutschen Gastwirt, wenn er die Bewirtung des Gastes übernimmt. Wir bitten den Sänger, den Turner, den Wandernden, den kämpfenden Gewerkschaftler, den Bauer, den Handwerker, den Kaufmann, den Beamten, den Fabrikanten, glaubt nicht mehr dem profitlüsternen Alkoholkapital, daß es euren Vorteil will. Wir warnen die deutsche Jugend, die sich frei gemacht hat von den Sklavenketten des Alkoholkapitals, laß dir diese Ketten nicht wieder anlegen, sondern bleibe stark in der Ueberwindung von Widerständen. Kämpfe gegen die Scheinkultur unserer heutigen veralkoholisierten Gesellschaft, glaube nicht, eine Geselligkeit ohne Alkoholgenuß sei unmöglich. Ein„ganzer Mann und ein ganzes Mädel“ widersetzen sich einer hohnlachenden Kommilitonenschaft. Unser Vaterland aber braucht nicht eine schwächliche, sondern eine zur Kampfbereitschaft erzogene Jugend, die begeistert„gegen den Strom schwimmt“, die ihren Willen stärkt durch Ausscheidung aller willensschwächenden Kräfte. Der Alkoholgenuß vernichtet den Willen, Widerstände zu beseitigen, er ist ein narkotisches Gift, das sittliche Hemmungen ausschaltet, er ist ein künstlich erzeugtes Bedürfnis, das unseren Volkswohlstand vernichtet, die Einzelwirtschaften verelendet und zerstört Für diese Erkenntnisse gilt es zu kämpfen, dann winkt unserem armen geprüften Volke Befreiung von seinen Sklavenketten. Noch nie ist bisher einer deutschen Jugend ein solch' hohes und großes Ziel gestellt worden. Deutsche Jugend, zeige dich würdig dieses Zieles!— Schriftleitung: W. Kraa Wirtschafts= und Weltpolitik: Dr. Huttel. Anzeigen: K. Diekmann, alle in Bethel. Zuschriften für die Schriftleitung: Bielefeld. Schließfach 28. Für Geldsendungen Postscheckkonto: Hannover 67377,„Aufwärts“, Christliches Tageblatt. Bethel d. Bielefeld. Fernruf 3911/3916, Amt Bieleseld. Druck und Verlag: Anstalt Bethel.