Bezugspreis: Erscheint wöchentlich sechsmal.— Preis monatlich.25 und 0 38 Bestellgebühr, beim eigenen Postamt bestellt.— Füro Ausland unter Streifband.95(inkl. Postgeld). Preis der Einzelnummer 10 Pfg. Postscheckkonto Hannover 67877. Tageblatt mit den Beilagen„Für Herz und „Rndengebek zond„Josen Blel. Nr. 3. Anzeigenpreis: Reklame 20 Pra. Veilagen. Psengi Schlus der Anzeigen=Annahme nagmittags3 Uht konto Hannover 671 unter Wg je tausend 15. ichmit:= 3 Ubt. PostscheckBielefeld=Bethel(Verlagsort Vielefeld) Sonnabend, den 4. Januar 1930. Ich träume nicht von alter Zeiten Glück, ich breche durch und schaue nicht zurück. Hutten. i giiign Kritische Fragen der britischen auswärtigen „Imperialismus“ ist das häufig gebrauchte Schlagwort, mit welchem die Labour Party früher gegen die auswärtige Politik der damaligen Regierung ankämpfte. Imperialismus bedeutet nichts anderes als Ausübung der Herrschaft von der englischen Basis aus. So steht der Imperialismus als Grundsatz im Gegensatz zu der Unabhängigkeit der Völker und Rassen. Norman Angell sagt in„Foreign Affairs“, es läge eine Art poelischer Gerechtigkeit in der Tatsache, daß die gegenwärtigen Schwierigkeiten, die England in der auswärtigen Politik hat, im Grunde Erben der unaufrichtigen und wenig ehrenhaften Phrasen der Kriegszeit seien. Während des Krieges hätte man immer gesagt, man kämpfe für die Selbstbestimmung der Völker und die Rechte der Nationen. Die gegenwärtigen Schwierigkeiten aber kommen eben daher, daß man unmöglich mit der Selbstbestimmung der Völker überall Ernst machen kann. Norman Angell übersieht, daß auch die Labour Party diese„poetische“ Gerechtigkeit an sich selber erfahren muß. Sie vermag als Regierung den Kampf gegen den Imperialismus in der alten Weise nicht aufrecht zu erhalten, sondern setzt im Grunde die alte britische auswärtige Politik nur wenig abgewandelt fort. Die Schwierigkeiten nun, um die es sich handelt, sind von weltgeschichtlicher Bedeutung und es ist darum auch für uns von hohem Interesse, diese Schwierigkeiten kennen zu lernen. Daist zunächst die Lagein Palästina.„Die neuesten Nachrichten aus dem Morgenlande“ bringen einen erschütternden, ausführlichen Bericht von den Kämpfen zwischen Arabern und Juden, wie sie vor einigen Monaten in Palästina stattgefunden haben. Ströme von Blut sind auf beiden Seiten nicht nur in Jerusalem, sondern auch in anderen Teilen des heiligen Landes, besonders in Hebron, geflossen. Der Grund zu der Feindschaft zwischen Arabern und Juden wurde schon 1927 durch die sogenannte Balfour=Deklaration gelegt. In dieser heißt es,„seiner Majestät Regierung betrachtet die Schaffung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk mit Wohlwollen und wird die größten Anstrengungen machen, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei Klarheit darüber herrschen soll, daß nichts getan werden wird, was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina beeinflussen könnte“. Von altersher hat in England eine merkwürdige Sympathie für das jüdische Volk bestanden. Die groteske Meinung, daß das englische Volk von den zehn verlorenen Stämmen Israels abstamme und schon darum das auserwählte Volk sei, wird nicht nur von einigen frommen britischen Damen gehegt. Darum wurde der Gedanke, den Juden in Palästina wieder ein eigenes Vaterland zu schaffen, mit Begeisterung aufgenommen und die Schwierigkeit, daß das Land ja inzwischen von Arabern besetzt war, gering angeschlagen. Nun strömten durch den Zionismus, der schon längst die Idee eines jüdischen Nationalstaates propagiert hatte, jüdische Einwanderer in Mengen nach Palästina. Im Jahre 1925 betrug die Zahl allein 34000. Die Einwanderer kauften den Arabern das Land ab. Einrichtungen kultureller Art, vom Kindergarten bis zur Universität, wurden für die Juden geschaffen. Der Zionismus nahm immer mehr die Haltung an, als wenn das Land ihm gehörte. Der Kampf um die Klagemauer, über welchen schon früher im„Aufwärts“ berichtet ist, war nur der äußere Anlaß, um die schon lange bestehenden Gegensätze zur Explosion zu bringen. Die aufständische Bewegung, bei welcher beide Teile sich bewaffneten und aufeinander losschlugen, ist inzwischen durch Herbeiziehung englischer Truppen bewältigt. Aber die große schwierige Frage bleibt, wie nun weiter die Regierung des Landes gestaltet werden soll. Juden sowohl wie Araber, welch letztere bei weitem in der Mehrzahl sind, beanspruchen den Haupteil an der Regierung. Es ist ganz unverkennbar, daß auch jetzt noch die Sympathien Englands nach jüdischen Seite hinneigen, während mehr unparteiische Beobachter, wie unsere deutschen Evangelischen braußen, den Beschwerden der Araber mehr Recht zuerkennen. Was ist nun der Ausweg für die Labour Party? Im Grunde Imperialismus. Es kommt darauf an, so heißt es, daß überhaupt eine feste Regierung da ist, der sich dann beide Seiten zu fügen haben. Den Rat, das ganze Mandat von Palästina aufzuheben, der auch von einigen englischen Politikern gegeben wird, hält Norman Angell für unausführbar. Die Beibehaltung dieses Mandats sei eine„Ehrensache" für Großbritannien. Die„Ehrensache“ hat freilich auch eine gewaltige politische Bedeutung. Aegypten mit dem Suezkanal(!) ist der Nachbar Palästinas. Ob mit dem Ausweg, daß weder Araber noch Juden, sondern England in Palästina regieren soll, das glimmende Feuer gelöscht ist? Sollten die Araber durch die erfahrene Bedrückung den mohammedanischen Fanatismus der umliegenden mohammedanischen Bevölkerung, besonders der Türken, entfachen, so könnte aus dem glimmenden Funken gar leicht ein großes Feuer werden. Nicht minder schwierig ist die Lage in Indien. Hier handelt es sich darum, ob Indien dieselbe Stellung bekommen kann, wie etwa Kanada, nämlich die Stellung des„Dominions“, welches sich selbständig regiert. Schon die Regierung Mr. Baldwins hat den Weg dazu beschritten. Baldwin drückte sich so aus: Das Geheimnis und die Romantik des wirklichen Lebens geht weit hinaus über das Geheimnis und die Romantik der Dichtkunst. In der Morgendämmerung der Geschichte entstand die größte Rasse der vielen Menschenrassen und jetzt, nachdem Jahrhunderte vovübergegangen sind, werden die Kinder aus den fernsten Generationen dieser Urahnen (also Hindus und Engländer) durch den unerforschlichen Beschluß der Vorsehung Gottes zusammengebracht, um die schwierigste und komplizierteste Frage zu lösen, die jemals einem Volke in der Welt gestellt worden ist.“ Er fährt dann fort, daß man freilich nicht wissen könne, wann Indien fähig sei, sich als Dominion selber zu regieren; jedenfalls aber dürfe sich am Endziel das Land nicht mit einer geringeren Regierungsform begnügen. Die Schwierigkeiten sind freilich überaus groß. Schon der Gegensatz zwischen Mohammedanern und Hindus scheint eine gemeinsame Regierung fast unmöglich zu machen. Die Lösung, welche auch von Extremen vorgeschlagen wird, daß England sich einfach ganz von Indien zurückziehen solle, würde wahrscheinlich zunächst ein Chaos hervorrufen. Ja, man fürchtet auch die Gefahr, daß dann Rußland die freigewordene Stelle einnehmen würde. Eine Folge— man denke nur an die russische Einmischung in China— die das Chaos nur vermehren könnte. Wohl sieht die Labour Party das große Unrecht ein, welches früher an den Indern dadurch begangen ist, daß man sie als Wesen niederer Ordnung behandelt hat. Wohl ist auch ein starkes Verständnis dafür da, daß die Inder mit Recht die westliche Zivilisation ablehnen und endlich frei in ihrer nationalen und kulturellen Eigenart werden wollen. Aber vorläufig bleibt auch hier kein anderer Ausweg als Imperialismus, wenn er auch von Norman Angell so ausgedrückt wird:„Da wir einmal Imperialisten sein müssen, wollen wir es als Gentlemen sein.“ Nach den neuesten Nachrichten ist die indische Frage noch schwieriger geworden, da durch den indischen Nationalkongreß die Stellung als Dominion abgelehnt und volle Selbständigkeit gefordert wird. Für den Engländer nicht ganz auf der gleichen Höhe wie die Fragen Indien und Palästina, aber für uns von näherliegender Bedeutung ist die Frage der Regierung Ostafrikas. Der durch die Entsendung der Hilton=Young=Kommission ausgesprochene Plan Englands, die verschiedenen Teile Ostafrikas, Uganda, Kenya, Nyassa und Nordrhodesia mit dem ehemaligen DeutschOstafrika unter einer Zentralregierung zu vereinigen, sind uns bekannt. Der Satz, daß„die vorgesehenen Maßnahmen nicht die für das Mandat aufgestellten Bestimmungen beschränken sollen“, ist eine sehr geringe Zustimmung zu dem Mandatscharakter des uns genommenen Gebietes. Daß England nicht daran denkt, das Mandat wieder herauszugeben, ist ja klar. Die Schwierigkeiten, um die es sich nach dieser Seite hin handelt, werden auch nicht mit einem Wort von„Foreign Affairs“ erwähnt. Wichtig werden nur die Schwierigkeiten der Regierung genommen, die Weißen und Schwarzen, wozu in Ostafrika noch die wichtige Klasse der indischen Kaufleute kommt, Gerechtigkeit widerfahren lassen soll. Der Zustrom der europäischen Einwanderer nach Ostafrika ist doch recht beträchtlich. Ueber kurz oder lang wird die Frage eine Rolle spielen, wieviel Land von den Weißen noch besetzt werden kann, ohne die Schwarzen ganz zu verdrängen. Ein Beispiel dafür ist Südrhodesia. Dort hat eine Regierungskommission vorgeschlagen, das Land so zu verteilen, daß 62 Prozent den 42000 weißen Ansiedlern zufallen und 38 Prozent den 850000 Eingeborenen(!). Noch mehr sind die Schwanzen in Südafrika zurückgedrängt, wo ihnen(z. B. in Natal) überhaupt nicht erlaubt wird, eigenes Land zu besitzen. Nun sollen die Schwarzen in Afrika auf ein sogenanntes civilisation test hin(Zeugnis, daß sie die notwendigen Bildungselemente Lesen, Schreiben usw. besitzen) Heimatrecht bekommen. Die Weißen aber möchten auch dort die Rechte der Schwarzen möglichst beschränkt haben. Was ist der Ausweg? Wieder Imperialismus d. h. eine Regierung von England her, die ihr Schwergewicht so geltend machen kann, daß die Rechte aller möglichst gewahrt werden.— Was ist für uns hieraus zu lernen? Einmal dies, daß auch die Labour Party drüben sich den Notwendigkeiten, die ein geordnetes Regiment auf Grund bestimmter Traditionen erfordert, nicht entziehen kann, und manche Ideale von Freiheit und Gerechtigkeit diesen Notwendigkeiten unterorden muß. Ein zweites aber ist, daß in dem Grundsatz, der hier überall mit durchschlägt„der Vorteil des von uns regierten Landes ist auch unser Vorteil“, eine politische Weisheit liegt, mit welcher das englische Imperium sich trotz aller Schwierigkeit immer wieder hat aufrecht erhalten können.—m. Die Staatsgewalt geht vom aus. Man braucht nicht allem zuzustimmen, was die„SozialWirtschaftliche Korrespondenz“ der Christlichen Gewerkschaften in den nachfolgenden Ausführungen sagt. Unsere politischen und wirtschaftlichen Zustände machen es aber nötig, auch einmal in diesem Tone zu reden. Die Zeiten sind ernst genug, um zur Warnung zu zwingen. Wenn die Gemeinden, insbesondere die ganz großen, private Wirtschaftsunternehmen wären, hätten sie ihr Geschäft schon längst wegen unsoliden Geschäftsgebarens und aus Mangel an Kreditwürdigkeit zumachen müssen. In manchen Städten, beispielsweise Berlin, haben Unfähigkeit, Größenwahnsinn und eine phantastische Gehaltsmultiplikation der leitenden Beamten einen Augiasstall schaffen helfen, der nicht mehr zu reinigen ist, wobei die Begriffe des Erlaubten und Unerlaubten soweit verwischt sind, daß man offenbar Korruption nicht mehr als solche erkennt. Eine kurzfristige Anleihe muß das Loch der anderen stopfen. Die Zinsenlast wächst lawinenartig und kann durch die laufenden Einnahmen nicht mehr gedeckt werden. Darum nimmt man neue Anleihen auf, baut riesenhafte Verwaltungs= und Finanzpaläste für die Schuldenverwaltung, macht in Verkehr, Ausstellungen, großartigen Empfängen, sektreichen Festgelagen und Repräsentation. Bei einer solchen Sachlage kommt man natürlich nicht zu irgendeiner positiven Arbeit. Was noch an freier Zeit zwischen Ausstellungsgeschäftigkeit und Repräsentations=„verpflichtung“ liegt, braucht man dringend zur Ausfindigmachung neuer Gläubiger, womit man dann recht gern und oft noch eine Amerikareise verbindet. „Anknüpfung freundschaftlicher Beziehungen“ nennt man das. Kann man sich vor Schulden und Pleiten gar nicht mehr retten, dann werden Gesellschaften gegründet und mit städtischen Geldern fundiert. Die Hauptabnehmer dieser städtischen Gelder bilden die Herren Direktoren, deren Tätigkeit damit erschöpft ist. Diejenigen, die weiter nichts tun, sind dabei noch die sparsamsten. Wo einer einmal außer in Gehaltserhöhung aktiv wird, da kommt meist grober Unfug heraus. Die Berliner Kleiderverwertungsgesellschaft von Sklareks Gnaden war ein solches Gebilde. Sie hatte das eine Gute, daß sie den Stein ins Rollen brachte. Denn nun entdeckte Berlin, wieviel solcher städtischen Gesellschaften mit Riesendirektorengehältern es eigentlich besitzt. Alle sind sie noch nicht entdeckt. Selbst der städtische Kämmerer, der die Gehälter dafür zahlt, kennt sie noch nicht alle. Aber die meisten hat er jetzt herausgekriegt. Da ist beispielsweise so eine kleine Grundstücksgesellschaft.„Berolina“ nennt sie sich, weil sie die Häuser am Alexanderplatz, wo ehedem das Berliner Wahrzeichen, die„Berolina“, stand, aufkaufte. Die Stadt Berlin gab ihr einen ungedeckten Kredit von 150 Millionen RM. und besoldete außerdem noch die fürstlich dotierten Direktoren. Von dieser Gesellschaft wußte keiner der Verantwortlichen so recht etwas. Sie war eben eine„vollendete Tatsache". So konnte es kommen, daß Berlin an kurzfristigen Anleihen etwa 500 Millionen RM. laufen hat. Und nun mußte, um das Schlimmste abzuwenden, Berlin sich seiner finanziellen Selbständigkeit begeben und sich unter das Kuratel von Schacht und vom preußischen Staate stellen. Die diktieren nun und sanieren nach der Seite des geringsten Widerstandes, nämlich des Bürgers, der die Sünden der Stadtväter büßen muß. Es ist doch furchtbar,„Volk“ zu sein. Ob unter kaiserlicher, sozialistischer oder kommunistischer Herrschaft—„immer zahlen muß der Sachse". Alle städtischen Tarife(Gas, Wasser, Elektrizität) werden durchschnittlich um 25 Prozent gesteigert. Die Verkehrsmittel verlangen jetzt für eine Fahrt 25 Pfennige. Der Berliner ist auf die städtrschen Verkehrsmittel einfach angewiesen. Der Weg von und zur Arbeitsstelle kostet ihm 50 Pfg., und so ein Familienvater noch so rückständig ist, zu Hause Mittag essen zu wollen, 1 RM. Die hochmögenden Regierungsrren diktieren Wucherpreise für ihre„gemeinwirtschaftlichen“ Unternehmungen, um die Folgen einer skandalösen Kommunalwirtschaft zu„überwinden“. Sie tun sich und den Herren Beamten nicht wehe. Es ist auch niemand unter ihnen, der auf einen Teil seines anormal hohen Gehaltes verzichtet zugunsten der Sanierung. Im Gegenteil, wahrscheinlich noch bevor die Tarifverteuerung in Kraft tritt, werden alle Beamten höher eingestuft, kommen somit ohne offizielle Gehaltserhöhung in den Genuß höherer Gehälter als Ausgleich für die Verteuerung. Da kann man denn lustig weiter verteuern. Das Volk ist geduldig und murret nicht. Den Erwerbslosen rechnet man jeden Pfennig vor, sucht bei allem und jedem zu knapsen, und oben werden die Gelder der Steuerzahler verpulvert. Das Volk erstickt unter den öffentlichen Abgaben. Es wird ihm immer weniger belassen. Oben aber findet niemand den Mut, die Unfähigkeit abzusetzen und den Besoldungserhöhungsfimmel einzudämmen. Wenn es nicht mehr geht, dreht man die Steuer= und öffentliche Preisschraube an. Und dann geht's wieder. Fürwahr ein probates Mittel nach Dr. Eisenbart. So findet das Wort, das im Volke umgeht, immer neue Nahrung:„In die höheren Verwaltungsstellen werden nur Leute aufgenommen, die zu sonst nichts nutze sind, und die Unfähigkeit schiebt der Unfähigkeit immer neue Posten und Stellen zu. Vor allen Dingen muß man einen ordentlichen Stiefel vertragen können. Dann steht man auf der Liste der Bewerber für die höchsten Stellen.“ Warum wehren sich die tüchtigen und soliden Beamten nicht gegen diese Volksäußerungen, indem sie alle Beamten, die ein immer erneutes Vorbild für ein solches dummes Gerede bilden, rücksichtslos an den Pranger stellen und ausmerzen. So geht das nicht weiter. Eine gründliche und radikale Resorm der kommunalen Verwaltung ist eine zwingende Notwendigkeit, deren letzte Stunde schon beinahe verpaßzt ist. Eine besonders klägliche Rolle spielt bei allen diesen Vorgängen das, was sich„Volksvertretung“ nennt. Entweder waren sie völlig ahnungslose Engel, die im brennenden Hause sich harmlose Witze erzählten oder mit und ohne Trunk an Kleinlichkeiten ihren Mannesmut erprobten, oder aber sie mimten irgendwo aktiv mit. Teils in der naiven Freude, in der Gesellschaft so hoher Beamter und Persönlichkeiten mit dabei sein zu dürfen, wobei diese dann ihre ganze Gönnerhaftigkeit auf sie auszugießen nicht verfehlten. Diese„Volksvertreter“, die ihre Lakaiengesinnung nicht verleugnen konnten, waren die besten Kreaturen der Sklarekgenossen, da sie mit ihnen durch dick und dünn gingen. Die anderen mit dem spekulativen Geschäftsinteresse waren schon kostspieliger. Merkwürdige„Volksvertreter“, alle miteinander. Besser schon, sie wären überhaupt nicht dagewesen. Denn sie haben das Pleitegeschäft nur verteuert. Und das Volk? Es schimpft. So jedoch der Herr Volksvertreter sich herabläßt, in einer Versammlung ein paar passende Worte über seine„Leistungen", von denen außer ihm kein Mensch etwas weiß, zu reden, dann ist wieder alles in Butter. In seinem eigenen Interesse sollte das Volk sich seine Vertreter bei der Arbeit ansehen. Dann würde es bald erkennen, nach welchen falschen Prinzipien es sich zumeist seine Vertreter ausgesucht hat. Daß reichlich die Hälfte aller Volksvertreter überflüssig ist, das heißt, nichts tut, als herumreden, herumsitzen und Diäten verzehren, darunter leiden die fleißig Schaffenden Evangelische Romane. Johann Bojer, Der neue Tempel. Roman aus dem Norwegischen, 336 S. Geh. Mk. 5,25, Leinen Mk. 7,—. Hildur Dixelius, Sara Alelia, Roman aus dem Schwedischen, 511 S. Geh. Mk. 6,—; Leinen Mk..50. Evangelische Romane— der Ausdruck und die Sache sind in dem Kreis von uns Amtsbrüdern nicht sehr beliebt. Und das mit Recht. Denn was man gewöhnlich unter diesem Schlagwort vorgesetzt bekommt, das ist sehr oft langweilig oder kitschig, sentimental=erbaulich oder unkünstlerisch. Der Dualismus, der so unheilvoll unser ganzes Geistesleben, vor allem aber auch die Welt der Kunst durchzieht, herrscht auch auf dem Gebiet der Literatur. Wir haben großes Können, wunderbare Einfühlungs= und Gestaltungskraft, aber das alles kommt nicht aus dem Glauben, dient nicht dem Glauben, sondern muß der eigenen Größe, der Herrlichkeit des Menschen dienen, wenn es nicht gar in Blasphemie oder dämonische Gewalt wider Gott ausartet. Auf der andern Seite begegnet uns heute in Theologie und Kirche ein lebendiges, wieder erwachtes Verständnis für die Gottesfurcht und Vergebungsgewißheit der reformatorischen Frömmigkeit, aber dieser heilige Geistesfrühling bleibt eng beschränkt auf wissenschaftliche Bücherleistungen, die kaum bis in die Kreise unserer besten Gemeindeglieder hineinwirken. Und doch ist das Evangelium nicht nur Facharbeit für Theologen, ist nicht nur Anliegen vererbter, frommer Tradition, sondern Lebenswahrheit, die das Ganze der Welt mit allen Höhen und Tiefen, Nöten und Leidenschaften des Heute umfassen, reinigen, richten und retten will. Unwillkürlich frag. man sich da: Was müßte das geben, wenn einmal zusammenkämen evangelisches Welt= und Glaubensverstehen und hohe, künstlerische Formungs= und Empfindungskraft! Wie könnte sich eine solche Ehe von starker dichterischer Begabung und gottgebundener Ehrfurcht fruchtbar auch an der Oeffentlichkeit all den vielen Fernstehenden gegenüber auswirken, eindrucksvoller ale manches noch so bedeutende theologische Unternehmen, das durch seine Sprachgebundenheit nur allzu bald immer wieder an die Grenzen des Verstandenwerdens stößt. unter ihnen, die die anderen als meckernden, die Arbeit aufhaltenden und inaktiven Ballast mitschleppen müssen. Wir brauchten weniger Volksvertreter. Worauf es ankommt, ist, daß diese Wenigen sehen, was los ist, wissen, was sie wollen, und aktiv die Interessen des Volkes zu wahren gewillt und befähigt sind. Seht euch eure Leute daraufhin an! Der Christlich=soziale Volksdienst erließ folgenden Aufruf an das deutsche evangelische Christenvolh! Der Christliche Volksdienst und die Christlich=soziale Reichsvereinigung haben sich im Christlich=sozialen Volksdienst vereinigt zu gemeinsamem Dienst am deutschen Volk, um im Gehorsam gegen Gottes Willen, im Glauben an Jesus Christus und in lebendiger Verbindung mit seiner Gemeinde die Kräfte des Evangeliums im öffentlichen Leben wirksam werden zu lassen. Die große Not unseres Volkes fordert dringend diesen Dienst von der evangelischen Christenheit. Die verheerenden Auswirkungen eines ungerechten Friedensvertrages bedrohen die staatliche und wirtschaftliche Existenz Deutschlands auss schärfste. Nach innen verzehren Parteihader und rücksichtslose Interessenkämpfe die wertvollsten Kräfte. Die öffentliche Meinung, die Grundlage der staatlichen Willensbildung, wird geformt von einer Presse, die weithin unter dem entscheidenden Einfluß der im Geheimen wirkenden Geldmächte steht. Eine unchristliche Auffassung von Freiheit bedroht alle von Gott geschaffenen Ordnungen in Gesellschaft und Staat mit völliger Auflösung. Die Grundlage des Staates, die Unauflöslichkeit der Ehe wird durch bolschewistische Einflüsse in Presse, Literatur und Kunst aufs schärfste erschüttert. Alkohol= und Wohnungsnot zehren am Mark unseres Volkes. In dieser Stunde höchster Not rufen wir unsere evangelischen Volksgenossen auf, in unsere Reihen zu treten und sich zum Dienst an unserem Volk zur Verfügung zu stellen. Nur in der entschiedenen Abwendung vom heutigen, innerlich faulen Parteiwesen kann der politische Weg zur Rettung gefunden werden. Uns treibt die große Not, uns treibt die Schwere der Verantwortung für das Schicksal unseres armen Vaterlandes, uns treibt die Liebe, die nicht sehen kann das Sterben unseres Volkes. Laßt uns in brüderlicher Verbundenheit die Hand reichen und eine Mauer bilden gegen die anstürmenden Wellen der äußeren und inneren Not. Laßt uns in den Riß treten und unseres Volkes vor Gott gedenken. Laßt uns aber auch, auf dem Boden des heutigen Staates stehend, die Hand anlegen bei der Gestaltung unseres staatlichen und wirtschaftlichen Lebens, laßt uns arbeiten und kämpfen unter der Losung: Nicht Revolution, sondern Resormation! Durch Beugung unter Gott zur Freiheit nach außen! Im Namen Gottes für Gerechtigkeit in Staat und Gesellschaft! In der Gebundenheit des Gewissens an Gottes Wort für die Reinheit in Familie, Presse und Kunst! Alles für Deutschland— Deutschland für Christus! Wenn die Aufgabe der Vermählung von Evangelium und Kunst unserem Geschlecht des Uebergangs auch nie in letzter Reinheit und Vollendung gelingen wird, so freut man sich doch aufrichtig über jeden Versuch, der nach diesem Ziel ernsthaft ringend strebt und ihm näherkommt als das, was wir bisher in dieser Richtung zu bekommen gewohnt waren. In diesem Zusammenhang verdienen die beiden Bücher von Johann Bojer und Hildur Dixelius dankbar und warm empfehlend genannt zu werden. Der Geist des nordischen Protestantismus hat sie kraftvoll, herb und gewissensernst beeinflußt. Die Sprachgewalt, die die ausgezeichnete deutsche Uebersetzung in nichts mindert, ist bei beiden gleich groß und hinreißend. Das Leben in seiner brausenden, verwirrenden Fülle, in seiner Gegensätzlichkeit und Schmerzlichkeit, mit seinen Abgründen und rätselvollen Führungen zieht in breitem Stromlauf an dem Leser vorüber. Aber es ist hier eben mehr als nur wundervolle, wirklichkeitsnahe Situationsschilderung. Es wird immer wieder jene dritte Dimension sichtbar, die Realität Gottes, die ihren Schatten über das flächenhafte Geschehen unseres bunt bewegten Lebensspiels wirft. Sie zwingt stillzuhalten mitten im Rausch des Glücks, sie überführt und drängt die Gewissen, daß wir Schuld statt Schicksal sagen müssen, sie zerbricht tausendmal unsere stolzen, natürlichen Träume, bis wir endlich schweigend gehorchen und nach der Vergebung der Sünden fragen lernen. Wie bei Johann Bojer vier eigenwillige, starke Menschen am Leben und aneinander zerbrechen, um sich schließlich zu finden im„neuen Tempel“ Gottes, in der Abendmahlsfeier der Gemeinde, das muß man in seiner ganzen Würde, Schönheit und Wucht selbst nachgelesen haben. Fast noch mehr staunt man über die inhaltliche Fülle und religiöse Kraft der„Sara Alelia“. Man könnte dieses Buch geradezu den Roman von der Rechtfertigung aus Gnaden nennen. Was die einzigartige Frauengestalt, die im Mittelpunkt der erzählten Vorgänge steht, am Ende ihres Lebens im Angesicht des Todes ausspricht, könnte als Leitwort über dem ganzen Buch stehen:„Wir wollen alle in deine Hände fallen, Herr; denn deine Barmherzigkeit ist groß.“ Weil den beiden Werken jeder Zug von aufdringlicher Erbaulichkeit fehlt, dafür aber meisterhafte Sprach= und Beobachtungsgabe mit wahrhaft Bauweise und Volkskraft. Ihre Bedeutung für die Kleinstädte und Landgemeinden. Von Dr. von Mangoldt. In unseren großen und mirtleren Städten hat sich in der Nachkriegszeit das Kleinhaus mit Garten in viel größerem Maße als früher Bahn gebrochen, andererseits drängen dort aber auch wieder starke Kräfte auf das große Miethaus, etwa in der Gestalt einer reformierten Mietkaserne hin. Eine Entwicklung, die nicht gleichgültig ist. Ein Volk bildet immer einen lebendigen Organismus, wo Gesundheit und Kraft jedes einzelnen Gliedes von der der anderen Glieder weitgehend abhängt! Wer daher der Meinung ist, daß die Zusammendrängung der großstädtischen Bevölkerung in großen Miethäusern für die davon Betroffenen in gesundheitlicher, seelischer, wirtschaftlicher und politischer Hinsichtt schädlich ist, der wird ohne weiteres annehmen müssen, daß sich hieraus ungünstige Rückwirkungen auch für die Bevölkerung des Landes ergeben werden. Zu diesem allgemeinen Gedanken gesellen sich aber einige wichtige besondere Gesichtspunkte. Wenn das System des großen Hauses, wie überhaupt der zusammengedrängten Siedlungsweise in unseren großen und mittleren Städten wieder wesentliche Fortschritte machen sollte, so wird die natürliche Folge sein, daß die räumliche Ausbreitung und Ausweitung dieser Städte eine erheblich geringere bleibt, sich weniger weit ins Land hinein erstreckt, als es bei der anderen Siedlungsweise der Fall sein würde. Infolge davon wird den Vorteil höherer Bodenpreise, wie sie bei städtischer Siedlungsweise natürlich sind, auch nur ein sehr viel kleinerer Kreis von Landbesitzern haben, während bei weiträumiger Siedlungsweise auch zahlreiche weiter draußen gelegene Landbesitzer einen Anteil an diesen höheren Preisen gewinnen würden. Natürlich darf man dabei nicht an absolut sehr hohe Preise denken, da diese sich mit einer guten städtischen Siedlung nicht vertragen würden, und auch davon kann und darf natürlich keine Rede sein, daß die Landwirte der betreffenden Gegenden durch eine solche Entwicklung etwa dazu geführt würden, in größerer Zahl ihre landwirtschaftlichen Betriebe aufzugeben; aber die Möglichkeit, daß viele Landwirte für einen Teil ihrer Erzeugnisse den Absatz dann unmittelbar vor der Tür hätten, würde voraussichtlich gegeben sein. Sehr wichtig ist ferner der Einfluß des Beispiels der Bauweise der großen und mittleren Städte auf die kleineren Orte. Dringt in den ersteren das große Miethaus vor, so wird immer die Gefahr bestehen, daß der gleiche Vorgang sich allmählich auch in den kleinen Orten vollzieht. Das aber wäre im höchsten Grade bedauerlich, denn das Vorherrschen des Kleinhauses, des kleinen Grundeigeniums und der Gartenmäßigkeit hat sicher für unser ganzes Volkstum bedeutsame Vorzüge. Schließlich läßt es aber auch unsere allgemeine wirtschaftliche und soziale Lage dringend erwünscht erscheinen, daß ein möglichst großer Teil der stäotischen wolkerung zur sogenannten halbländlichen Ansiedlung kommt, d. h. zur Ansiedlung in Kleinhäusern mit einer Landbeigabe und auf diesem Besitz einen erheblichen Teil des eigenen Nahrungsbedartes selber erzeugt und unter Umständen auch noch darüber ja schon vielfach in Deutschland vorhanden ist, eine wesentliche Ausbreitung erführe. Die zu einer solchen Entwicklung berufenen örtlichen Stellen sind aber vor allem naturlich unsere kleineren Orte! Wenn indes in den großen und mittleren Städten mehr und mehr wieder das Mietkasernensystem den Sieg davontragen sollte, so werden aller Voraussicht nach in der dortigen Bevölkerung die Kähigseit wie der Wille, zu ein reformatorischer, kraftvoll lebendiger Frömmigkeit sich eindrucksvoll verbindet, darum darf man sie gerade zu Weihnachten aufrichtig begrüßen als das, was wir heute brauchen: den evangelischen Roman. Dr. Adolf Köberle=Leipzig. Der Toten Werk*). Die Leser des„Aufwärts“ kennen Gustav Sondermann, den fränkischen Arzt, Politiker und Schriftsteller. den Herausgeber des„Dritten Reichs“, den Verfasser des aufrüttelnden und mahnenden Buches vom„Sinn der völkischen Sendung“ und des Pfarrer= und Bauernromans„Wir wandern alle unsern Weg“, der seit dem Erscheinen vor zwei Jahren bereits eine Uebersetzung ins Holländische erfahren hat. In allem, was aus Sondermanns Feder, und das heißt, aus seinem Herzen, fließt. lebt und kämpft das Bemühen um eine wahre Gemeinschaft der Menschen. Er weiß wohl, daß soche Gemeinschaft letztlich ein Geschenk der Gnade ist, und die Wirklichkeit Christi steht richtend und verheißend im Hintergrund seiner Werke. Aber fertige Lösungen vermag er uns nicht in die Hand zu geben. Viel zu tief ist er erschüttert von der Not dieser aufgewühlten Zeit, als daß er sich und uns auf eine Insel der Ideologie zu flüchten vermöchte. So tritt er vor uns hin in seiner jüngsten Dichtung „Der Toten Werk“, als der Kämpfende, der Mitleidende und der Hoffende. Die fünf zu einem Band vereinigten Novellen heben sich ab von dem furchtbaren Geschehen des großen Krieges, an dem der Verfasser zuerst als Insanterist, dann als Arzt teilgenommen hat. Das Entsetzliche, das dem Menschen Unbegreifliche, namenlose Qual und Vernichtung ohne Maß und Grenze, sie stehen wieder vor uns auf wie in jenen Tagen, da wir selbst ihnen ins Auge sahen. Aber dennoch: Sondermann gehört nicht zu denen,„die der Krieg zerbrochen hat, auch wenn ste seinen Granaten entkamen“. Nicht was der Einzelne erlebt, ist *) Gustav Sondermann: Der Toten Werk. Fünf Novellen vom Tod zum Leben. Sigt u. Berlin 1930. J. G. Cotta. 282 S. Ganzleinenbd..50 #ichen halbländlichen Siedlungssystem überzugehen, allmählich erlahmen. Umgekehrt, wenn in den genannten Städten das Kleinhaus und die Gartenmäßigkeit im Siedlungswesen sich ausbreiten, so wird von da aus der Uebergang zum System der eigentlichen halbländlichen Siedlung viel leichter und natürlicher sein, und der Strom der in diese ganze Richtung drängenden Entwicklung wird dann stark den kleineren Orten zugute kommen, wo die Durchführung solcher Bestrebungen selbstverständlich sehr viel leichter ist. Es ist nicht ausgeschlossen, daß uns der Zwang der Umstände mit der Zeit stark in diese Richtung drängt und daß so auch dieses Moment erhöhte Bedeutung gewinnt. Konferenzbeginn im 6 Mächte vertreten.— Errichtung eines Tributschiedserichts geplant.— Auch England gegen Sanktionen. — Haag, 3. Januar. Am heutigen Freitagnachmittag wird im Saale der Zweiten holländischen Kammer die Haager Schlußkonferenz eröffnet; aus den Tag genau drei Monate nach dem Tode des Reichsaußenministers Dr. Stresemann. Der Kreis der Konferenzteilnehmer hat gegenüber der August=Tagung eine Erweiterung erfahren. (lußer den einladenden Großmächten— Deutschland, Frankreich, England, Italien, Belgien und Japan— haben diesmal auch Oesterreich, Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Südslawien, Polen, Portugal, Griechenland die Tschechoslowakei Abordnungen entsandt. Insgesamt sind 16 Mächte auf der Haager Schlußkonferenz vertreten. Die Ankunft der Deutschen. Die deutsche Delegation hat unter Führung der Reichsminister Curtius, Wirth, Moldenhauer und Schmidt Berlin am Donnerstag in zwei Abteilungen verlassen und ist in den Vormittagsstunden des Freitags im Haag eingetroffen. Vor der Abreise tagte noch einmal das Reichskabinett in Berlin und verhandelte über einige Punkte des Haager Programms; ferner wurde über den Nachtragsetat für 1929 und den Haushaltsplan für das neue Jahr diskutiert. Das Ergebnis der Vorverhandlungen. Das Schicksal der französischen Versuche, noch in letzter Stunde Sanktionsbestimmungen in den Youngplan hineinzubringen, gilt in den der deutschen Delegation nahestehenden Kreisen als besiegelt. Wie auch das französische Gewerkschaftsblatt„Le Peuple“. anerkennt, sind Sanktions= oder Strafbestimmungen für den Fall der Nichterfüllung des Youngplans mit dem Charakter dieses Planes einfach nicht vereinbar! Außerdem wird die internationale Finanz kaum geneigt sein, deutsche Schuldverschreibungen zu zeichnen, wenn Frankreich jederzeit unter irgendeinem Vorwand deutsches Gebiet wieder besetzen darf. Sollte Briand trotzdem im Haag die Sanktionsfrage aufrollen, dann wird es dabei kaum Unterstützung finden, zeigt doch auch das ostentative Fernbleiben des englischen Außenministers Henderson, daß England im Haag politische Fragen nicht erörtern will. Im übrigen soll die Sanktionsfrage dadurch gegenstandslos geworden sein, daß es gelungen ist, in den Vorverhandlungen ein grundsätzliches Einvernehmen dahin zu erzielen, etwaige Meinungsverschiedenheiten über die Zahlungsfähigkeit Deutschlands schiedsgerichtlich zu schlichten. Ein Entwurf für die Zusammensetzung und das Verfahren dieses Gerichtshofs soll von den Rechtsberatern der Auswärtigen Aemter bereits fertiggestellt sein. Berusung gegen die Entscheidung des Schiedsgerichts dürfte es nicht geben. Dauer und Aussichten der Konferenz. In Deutschland rechnet man damit, daß die Konferenz mehrere Tochen dauert; auch die Möglichkeit einer zeitweiligen Unterbrechung der Verhandlungen ihm das Entscheidende, sondern wie er es erlebt. Es gehört zu den eindrücklichsten Stellen des Buches, wie der junge Soldat, den das Grauen vor der ausgereckten Hand des Todes überwältigen will, die aufsteigende Angst niederkämpft:„Gewiß, ich will leben wie alle, aber nur tapfer leben, tapfer und treu, und dazu gehört auch ein tapferes Ende.“ Aber Sieg der Männlichkeit ist noch nicht das Letzte. Wie in großer seelischer und leiblicher Not die Menschen zueinander finden und sich helfend die Hände reichen, da erfüllt sich ihr Sinn. Darum scheint mir die Erzählung„Der Fremdling“ die bedeutsamste zu sein. Ihr Held— jawohl: Held— ist der Jude Elieser Rabinowitsch. Mit Bewußtsein und Willen trägt er das Schicksal seines Volkes. Als ein Fremder lebt er unter den Kameraden, weiß nicht warum und wofür er kämpft und ringt sich doch durch, dieses Schicksal als einen göttlichen Auftrag zu erfüllen und in solcher Erfüllung erlebt auch er nach qualvollem Leiden die Gemeinschaft. Ein völkischer Führer versucht hier die Judenfrage von der Seite des Juden her zu sehen, des edelsten Juden, der nun freilich selbst wieder in scharfem Gegensatz zu ganz anderen Typen seines Volkstums gezeigt wird. Der geistige Inhalt dieser fünf Erzählungen spricht zu uns in glänzend gezeichneten Charakteren und mitreißender Handlung. So waren sie, unsere fränkischen Infanteristen. Wer unter ihnen gefochten hat, dem klingen beim Lesen des Buches allenthalben eigene Erinnerungen auf und er erkennt Menschen und Landschaften wieder, die er einst erlebt. Jede der fünf Novellen bildet wohl für sich ein geschlossenen Ganzes, aber alle sind zu einer festen Einheit gefügt durch den visionären Eingang„Der Auftrag“ und durch die mahnende Deutung„Der Toten Werk“ am Ausgang. Was dort angekündigt und hier noch einmal ausgesprochen ist, durchzieht als Grundton das ganze Werk und gibt ihm Geschlossenheit des Geistes und der Form. Nach der Gestalt des Ganzen— im Dreitakt— sind auch die einzelnen Novellen gebaut. Das gewaltigste Geschehen, das in eigenkräftiger und von Leidenschaft bebender Sprache vor uns tritt, ist gebändigt in der künstlerischen Form. E. Mehl. gilt als nicht ausgeschlossen. Vorhersagen über das voraussichtliche Ergebnis der Schlußkonferenz sind solange verfrüht, als die letzten Vereinbarungen der Gläubigermächte noch nicht bekannt sind. Erschwert wird der deutschen Delegation die Arbeit dadurch, daß zwei Minister sich erst im letzten Augenblick auf die Haager Konferenz vorbereiten konnten, ferner ist nicht zu übersehen, daß Dr. Stresemann, der auf den früheren Konferenzen alle Fäden in seiner Hand vereinigte, der Haager Schlußkonferenz nicht mehr beiwohnt. Läßt man die noch nicht endgültig bereinigten Fragen außer Betracht, dann handelt es sich im Haag jetzt nur noch darum, die bereits vorliegenden Abmachungen von der ersten Haager Konferenz und von den Kommissionssitzungen in Baden=Baden, Brüssel, Lausanne und Paris zu ergänzen oder von den Regierungen offiziell zu genehmigen. Weygand Generalstabschef. Im letzten französischen Ministerrat vor der Haager Konferenz vollzog Präsident Doumergue mehrere wichtige, vom Kriegsminister Maginot vorgelegte Ernennungen. Danach wird Marschall Pétain für das Jahr 1930 Vizepräsident des Obersten Kriegsrates und Generalinspekteur des französischen Heeres bleiben. General Weygand, der frühere Stabschef des Marschalls Foch, ist zum Chef des ganzen Generalstabes an Stelle des Generals Debeney, und General Gamelin zum ersten Unterchef des Generalstabes ernannt worden. gegen Versailles. Generaloberst von Seeckt für Wiederaufrichtung Deutschlands als Machtstaat. — Wien, 3. Januar. Unter der Ueberschrift:„Deutschland muß wieder Machtstaat werden", veröffentlicht das„Neue Wiener Journal“ einen Artikel über eine Unterredung mit dem früheren Chef der deutschen Heeresleitung Generaloberst von Seeckt, in dem es u. a. heißt: Deutschland ist auf unbestimmte Zeit nicht nur seiner militärischen Angriffskraft, sondern auch der Verteidigungsfähigkeit gegenüber Frankreich und dem Osten beraubt. Es ist gut, sich diese Lage, die der Vertrag von Versailles geschaffen hat, vorzuhalten, denn allein aus ihr läßt sich die Grundlage für eine deutsche Politik ableiten. Grundlage ist der Kampf gegen den Vertrag, der Friedensver die Zukunft sperrt und sperren soll. Der Fenernevertrag ist trotz allem Raffinement Stückwerk, ein Werk politischer Psychose. Der Vertrag ist auf falschen Voraussetzungen aufgebaut. Falsch ist die Annahme, daß man ein Volk wie das deutsche auf Generationen ungestraft versklaven könne, salsch eine Grenzziehung, die Zusammengehöriges willkürlich trennt. Die Friedensvertrage haben an Stelle eines Europas, in dem einige große Gegenbestanden, ein neues Europa gesetzt, in dem eine Reihe von Brandherden geschaffen sind, die kaum zu bewachen sind. Diese Verträge gehen auf dem einen oder anderen Weg ihrer Auflösung entgegen, und diese Auflösung ergibt das Kampffeld der deutschen Außenpolitik, die für diesen Kampf der Macht bedarf, die zu schaffen ihre erste Aufgabe ist. Indien fordert Anabhängigkeit. Sieg Ghandis auf dem Nationalistenkongreß in Lahore. — London, 8. Januar. Der indische Nationalkongreß in Lahore hat mit der Annahme der von Ghandi eingebrachten Entschließung seinen Abschluß gefunden. In dieser Resolution wird über den von England in Aussicht gestellten Dominion=Status hinaus die völlige Unabhängigkeit Indiens verlangt. Zugleich wird der Boykott über die gesetzgebenden Versammlungen ausgesprochen und die von der englischen Arbeiterregierung vorgeschlagene Konferenz abgelehnt. Für die Entschließung stimmten 942 Kongreßmitglieder dagegen 792; 30 weit rechtsstehende Deleierte sagten sich von dem Kongreß los und beschlossen ie Gründung einer neuen Partei. Da der indische Kongreß auf das Entgegenkommen der englischen Arbeiterregierung ablehnend geantwortet hat, wendet sich der„Daily Herald“ heftig gegen Ghandi, beront aber, daß die freundschaftliche Politik der Labour=Regierung gegenüber Indien keine Aenderung erfahren werde. * Die England=Politik der ägyptischen Nationalpartei. Der Führer der aus den Wahlen siegreich hervorgegangenen ägyptischen Wafd=Partei, Nahas Pascha, hat die Nacht übernommen und ein neues Kabinett gebildet. Ueber sein Programm befragt, erklärte er, das erste Ziel der neuen Regierung werde in der Herstellung der vollständigen Unabhängigkeit Aegyptens bestehen. Die Regierung werde versuchen, zu einem Abkommen mit England zu gelangen. Man erwartet eine Reise Nahas Pascha nach London Italiener=Verhaftung in Auftakt einer italienisch=französischen Annäherung?— Angebliche Vereitelung eines für Genf geplanten Anschlags? — Paris, 8. Januar. Großes Aufsehen erregt in Paris die Verhaftung von drei italienischen Flüchtlingen durch die französische Polizei, die auf Anzeige der italienischen Botschaft in Paris erfolgte. Es ist das erstemal, daß die französische Regierung auf Anregung Italiens die Ruhe der vor Mussolini nach Frankreich geflüchteten Italiener gestört hat! Man schließt daraus, daß Frankreich gegenwärtig um eine Verbesserung seines Verhältnisses zu Italien eifrig bemüht ist. Die Persönlichkeiten der Verhafteten geben der Affäre ein interessantes Aussehen. Nach der Darstellung der französischen Polizei sind drei„Anarchisten“ verhaftet worden, in Wirklichkeit handelt es sich aber um den ehemaligen Chefredakteur des„Corriere della Gera“, Tarchiani, den ehemaligen Chefredakteur des „Monvo“, Cinnca, und den ehemaligen soztalistischen Abgeordneten Sardelli, der dem Vorstand der Zweiten Internationale als Verireter des Transportarbeitergewertschaft angehört. Bei den Verhafteten sollen sieben Pakete und 2 Kilogramm Sprengstoff, zahlreiche Zündkapseln, mehrere Meter Zündschnur und sonstiges zur Herstellung von Bomben geeignetes Material gefunden worden sein. Auch will die Polizei Beweise dafür in Händen haben, daß die Verhafteten anläßlich der Eröffnung der Ratstagung in Geuf das dortige Haus der italienischen Delegation in die Luft sprengen wollten. Abgesehen von den Sprengmitteln sollen bei den Haussuchungen noch zahlreiche Dokumente gefunden worden sein, die auf die Existenz einer großen gegen die faschistische Diktatur in Italien gerichteten Verschwörung schließen lassen. Die Finanzierung der Gruppe, der etwa 150 Mitglieder angehören sollen, soll ein bekannter Bankier übernommen haben. Den Anstoß zu der ganzen Aktion gaben die Aussagen des in Brüssel beim Attentat auf den italienischen Kronprinzen verhafteten Italieners di Rosa. Die Sozialpolitik im neuen Jahr. Die nächsten Arbeiten des Reichsarbeitsministeriums. — Berlin, 3. Januar. u Reichsarbeitsministerium veröffentlicht eine uebersicht über seine Arbeiten im Jahre 1930. Danach soll, das im alten Jahre nicht mehr erledigte Areitsschutzgesetz im Laufe der nächsten Monate verabschiedet werden. Das Gesetz erstrebt eine umfassende Neuregelung des gesamten öffentlich=rechtlichen Arbeitsschutzes und betrifft den Betriebsschutz, die Arbeitszeit, die Sonntagsruhe, den erhöhten Schutz der Frauen und Jugendlichen, den Ladenschluß und die Arbeitsaufsicht. Dem Reichstag gleichfalls zugegangen ist das Berufsausbildungsgesetz, das im Januar im Ausschuß beraten werden soll; dem Reichsrat liegt der Entwurf eines Hausgehilfengesetzes vor. Das Sorgenkind des Ministeriums ist nach wie vor die Arbeitslosenversicherung. Geplant ist der Ausbau der Arbeitsvermittlung, ferner soll bei den Maßnahmen der wertschaffenden Arbeitslosenfürsorge insbesondere auf die Förderung des Landarbeiterwohnungsbaues Rücksicht genommen werden. Auf dem Gebiete der Sozialversicherung wurde dem Reichstag ein Gesetzentwurf über den Ausbau der Angestelltenversicherung zugeleitet, ferner wurden Grundsätze für die Krankenversicherungsreform aufgestellt. Ein gegenwärtig dem Kabinett vorliegendes Kleinrentnergesetz soll dem Kleinrentner wesentliche Vorteile bringen und sie an der Durchführung der Fürsorge beteiligen. Die bei den Sozialversicherungen verfügbaren Kapitalien sollen noch mehr als bisher für die Förderung des Wohnungsbaues verwendet werden. Hinsichtlich des Abbaues des Mieterschutzes steht das Reichsarbeitsministerium auf dem Standpunkt, daß unter den heutigen Verhältnissen an einen beschleunigten Abbau nicht zu denken ist. Die Fertigstellung eines Gesetzes über Zuschüsse aus Reichsmitteln für die Ansiedlung von Landarbeitern und die Bereitstellung von Einrichtungsgegenständen für Zwecke der landwirtschaftlichen Siedlung sollen mit größter Energie gefördert werden. Ferner soll die Pachtschutzordnung im neuen Jahre eine endgültige Fassung erhalten. Landbund und Reichsausschuß. Der Landbund betrachtet die Aufgaben des Ausschusses als erledigt.— Für eine breite nationale Front. — Berlin, 3. Januar. Wie die„Landvolk=Nachrichten“ mitteilen, haben die Präsidenten des Reichslandbundes Schiele, Hepp und Bethge, an die geschäftsführenden Präsidenten der Reichsausschusses für das Volksbegehren, Dr. Hugenberg und Seldte einen Brief gerichtet, in dem erklärt wird, daß der Reichslandbund in dem Kampf gegen die Kriegsschuldlüge und den Tributplan seine ganze Kraft für das Volksbegehren und den Volksentscheid eingesetzt habe, obwohl diese Hilfe nicht ohne Gefahren für den inneren Bestand des Landbundes und für eine Zusammenarbeit mit anderen Parteien und Wirtschaftsgruppen gewesen sei. Sodann betont der Brief, daß nach Auffassung des Reichslandbundes der Reichsausschuß eine für die besondere Aufgabe des Volksentscheides geschaffene Einrichtung gewesen sei, die nach Erledigung dieser Aufgabe aufgehört habe zu bestehen. Schließlich wird in dem Brief noch hervorgehoben, der Reichslandbund vertrete die Auffassung, daß für den Kampf um die deutsche Zukunft eine breite Front gebildet werden müsse. Der Reichslandbund sei bereit, die kommenden Aufgaben gemeinsam mit allen nationalen und christlichen Kräften im Volk in Angriff zu nehmen. * Politische Bedeutung kommt der Erklärung des Reichslandbundes deshalb zu, weil Bestrebungen im Gange waren, die auf die Erhaltung des Reichsausschusses abzielten. Die christlich=nationale Bauern= und Landvolkpartei soll dem Vernehmen nach die geeiche Auffassung wie der Reichslandbund ve#relen. Staat gegen Kirche. Staatliche Forderung auf Beschaffung von Räumen für die Kirchenaustritte. Braunschweig, 2. Januar. Der braunschweigische Justizminister Sievers hat in den einzelnen Gemeinden, in denen kein Amtsgericht vorhanden ist, die Verwaltungen aufgefordert, ein besonderes Zimmer zur Verfügung zu stellen, zu beleuchten, zu heizen und zu reinigen, in dem ein Beamter des Amtsgerichts sich aufhalten kann, um Kirchenaustrittserklärungen entgegenzunehmen. Eine Gemeinde des Kreises Wolfenbüttel hat das Ersuchen abgelehnt, da für derartige Zwecke bei der schlechten Finanzlage der Gemeinde kein Geld zur Verfügung stände. eine Fahrt 25 Pfennige. Der Berliner ist auf die städtischen Verkehrsmittel einfach angewiesen. Der Weg von und zur Arbeitsstelle kostet ihm 50 Pfg., und so ein Familienvater noch so rückständig ist, zu Hause Mittag essen zu wollen, 1 RM. Die hochmögenden Regierungsherren diktieren Wucherpreise für ihre„gemeinwirtschaftlichen“. Unternehmungen, um die Folgen einer skandalösen Kommunalwirtschaft zu„überwinden“. Sie tun sich und den Herren Beamten nicht wehe. Es ist auch niemand unter ihnen, der auf einen Teil seines anormal hohen Gehaltes verzichtet zugunsten der Sanierung. Im Gegenteil, wahrscheinlich noch bevor die Tarifverteuerung in Kraft tritt, werden alle Beamten höher eingestuft, kommen somit ohne offizielle Gehaltserhöhung in den Genuß höherer Gehälter als Ausgleich für die Verteuerung. Da kann man denn lustig weiter verteuern. Das Volk ist geduldig und murret nicht. Den Erwerbslosen rechnet man jeden Pfennig vor, sucht bei allem und jedem zu knapsen, und oben werden die Gelder der Steuerzahler verpulvert. Das Volk erstickt unter den öffentlichen Abgaben. Es wird ihm immer weniger belassen. Oben aber findet niemand den Mut, die Unfähigkeit abzusetzen und den Besoldungserhöhungsfimmel einzudämmen. Wenn es nicht mehr geht, dreht man die Steuer= und öffentliche Preisschraube an. Und dann geht's wieder. Fürwahr ein probates Mittel nach Dr. Eisenbart. So findet das Wort, das im Volke umgeht, immer neue Nahrung:„In die höheren Verwaltungsstellen werden nur Leute aufgenommen, die zu sonst nichts nutze sind, und die Unfähigkeit schiebt der Unfähigkeit immer neue Posten und Stellen zu. Vor allen Dingen muß man einen ordentlichen Stiefel vertragen können. Dann steht man auf der Liste der Bewerber für die höchsten Stellen.“ Warum wehren sich die tüchtigen und soliden Beamten nicht gegen diese Volksäußerungen, indem sie alle Beamten, die ein immer erneutes Vorbild für ein solches dummes Gerede bilden, rücksichtslos an den Pranger stellen und ausmerzen. So geht das nicht weiter. Eine gründliche und radikale Reform der kommunalen Verwaltung ist eine zwingende Notwendigkeit, deren letzte Stunde schon beinahe verpaßt ist. Eine besonders klägliche Rolle spielt bei allen diesen Vorgängen das, was sich„Volksvertretung“ nennt. Entweder waren sie völlig ahnungslose Engel, die im brennenden Hause sich harmlose Witze erzählten oder mit und ohne Trunk an Kleinlichkeiten ihren Mannesmut erprobten, oder aber sie mimten irgendwo aktiv mit. Teils in der naiven Freude, in der Gesellschaft so hoher Beamter und Persönlichkeiten mit dabei sein zu dürfen, wobei diese dann ihre ganze Gönnerhaftigkeit auf sie auszugießen nicht verfehlten. Diese„Volksvertreter“, die ihre Lakaiengesinnung nicht verleugnen konnten, waren die besten Kreaturen der Sklarekgenossen, da sie mit ihnen durch dick und dünn gingen. Die anderen mit dem spekulativen Geschäftsinteresse waren schon kostspieliger. Merkwürdige„Volksvertreter", alle miteinander. Besser schon, sie wären überhaupt nicht dagewesen. Denn sie haben das Pleitegeschäft nur verteuert. Und das Volk? Es schimpft. So jedoch der Herr Volksvertreter sich herabläßt, in einer Versammlung ein paar passende Worte über seine„Leistungen", von denen außer ihm kein Mensch etwas weiß, zu reden, dann ist wieder alles in Butter. In seinem eigenen Interesse sollte das Volk sich seine Vertreter bei der Arbeit ansehen. Dann würde es bald erkennen, nach welchen falschen Prinzipien es sich zumeist seine Vertreter ausgesucht hat. Daß reichlich die Hälfte aller Volksvertreter überflüssig ist, das heißt, nichts tut, als herumreden, herumsitzen und Diäten verzehren, darunter leiden die fleißig Schaffenden unter ihnen, die die anderen als meckernden, die Arbeit aufhaltenden und inaktiven Ballast mitschleppen müssen. Wir brauchten weniger Volksvertreter. Worauf es ankommt, ist, daß diese Wenigen sehen, was los ist, wissen, was sie wollen, und aktiv die Interessen des Volkes zu wahren gewillt und befähigt sind. Seht euch eure Leute daraufhin an! Christlich=soziale Volksdienst erließ folgenden Aufruf an das deutsche evangelische Christenvolk! Der Christliche Volksdienst und die Christlich=soziale Reichsvereinigung haben sich im Christlich=sozialen Volksdienst vereinigt zu gemeinsamem Dienst am deutschen Volk, um im Gehorsam gegen Gottes Willen, im Glauben an Jesus Christus und in lebendiger Verbindung mit seiner Gemeinde die Kräfte des Evangeliums im öffentlichen Leben wirksam werden zu lassen. Die große Not unseres Volkes fordert dringend diesen Dienst von der evangelischen Christenheit. Die verheerenden Auswirkungen eines ungerechten Friedensvertrages bedrohen die staatliche und wirtschaftliche Existenz Deutschlands aufs schärfste. Nach innen verzehren Parteihader und rücksichtslose Interessenkämpfe die wertvollsten Kräfte. Die öffentliche Meinung, die Grundlage der staatlichen Willensbildung, wird geformt von einer Presse, die weithin unter dem entscheidenden Einfluß der im Geheimen wirkenden Geldmächte steht. Eine unchristliche Auffassung von Freiheit bedroht alle von Gott geschaffenen Ordnungen in Gesellschaft und Staat mit völliger Auflösung. Die Grundlage des Staates, die Unauflöslichkeit der Ehe wird durch bolschewistische Einflüsse in Presse, Literatur und Kunst aufs schärfste erschüttert. Alkohol= und Wohnungsnot zehren am Mark unseres Volkes. In dieser Stunde höchster Not rufen wir unsere evangelischen Volksgenossen auf, in unsere Reihen zu treten und sich zum Dienst an unserem Volk zur Verfügung zu stellen. Nur in der entschiedenen Abwendung vom heutigen, innerlich faulen Parteiwesen kann der politische Weg zur Rettung gefunden werden. Uns treibt die große Not, uns treibt die Schwere der Verantwortung für das Schieksal unseres armen Vaterlandes, uns treibt die Liebe, die nicht sehen kann das Sterben unseres Volkes. * Laßt uns in brüderlicher Verbundenheit die Hand reichen und eine Mauer bilden gegen die anstürmenden Wellen der äußeren und inneren Not. Laßt uns in den Riß treten und unseres Volkes vor Gott gedenken. Laßt uns aber auch, auf dem Boden des heutigen Staates stehend, die Hand anlegen bei der Gestaltung unseres staatlichen und wirtschaftlichen Lebens, laßt uns arbeiten und kämpfen unter der Losung: Nicht Revolution, sondern Reformation! Durch Beugung unter Gott zur Freiheit nach außen! Im Namen Gottes für Gerechtigkeit in Staat und Gesellschaft! In der Gebundenheit des Gewissens an Gottes Wort für die Reinheit in Familie, Presse und Kunst! Alles für Deutschland— Deutschland für Christus! Bauweise und Volkskraft. Ihre Bedeutung für die Kleinstädte und Landgemeinden. Von Dr. von Mangoldt. In unseren großen und mittleren Städten hat sich in der Nachkriegszeit das Kleinhaus mit Garten in viel größerem Maße als früher Bahn gebrochen, andererseits drängen dort aber auch wieder starke Kräfte auf das große Miethaus, etwa in der Gestalt einer reformierten Mietkaserne hin. Eine Entwicklung, die nicht gleichgültig ist. Ein Volk bildet immer einen lebendigen Organismus, wo Gesundheit und Kraft jedes einzelnen Gliedes von der der anderen Glieder weitgehend abhängt! Wer daher der Meinung ist, daß die Zusammendrängung der großstädtischen Bevölkerung in großen Miethäusern für die davon Betroffenen in gesundheitlicher, seelischer, wirtschaftlicher und politischer Hinsichtt schädlich ist, der wird ohne weiteres annehmen müssen, daß sich hieraus ungünstige Rückwirkungen auch für die Bevölkerung des Landes ergeben werden. Zu diesem allgemeinen Gedanken gesellen sich aber einige wichtige besondere Gesichtspunkte. Wenn das System des großen Hauses, wie überhaupt der zusammengedrängten Siedlungsweise in unseren großen und mittleren Städten wieder wesentliche Fortschritte machen sollte, so wird die natürliche Folge sein, daß die räumliche Ausbreitung und Ausweitung dieser Städte eine erheblich geringere bleibt, sich weniger weit ins Land hinein erstreckt, als es bei der anderen Siedlungsweise der Fall sein würde. Infolge davon wird den Vorteil höherer Bodenpreise, wie sie bei städtischer Siedlungsweise natürlich sind, auch nur ein sehr viel kleinerer Kreis von Landbesitzern haben, während bei weiträumiger Siedlungsweise auch zahlreiche weiter draußen gelegene Landbesitzer einen Anteil an diesen höheren Preisen gewinnen würden. Natürlich darf man dabei nicht an absolut sehr hohe Preise denken, da diese sich mit einer guten städtischen Siedlung nicht vertragen würden, und auch davon kann und darf natürlich keine Rede sein, daß die Landwirte der betreffenden Gegenden durch eine solche Entwicklung etwa dazu geführt würden, in größerer Zahl ihre landwirtschaftlichen Betriebe aufzugeben; aber die Möglichkeit, daß viele Landwirte für einen Teil ihrer Erzeugnisse den Absatz dann unmittelbar vor der Tür hätten, würde voraussichtlich gegeben sein. Sehr wichtig ist ferner der Einfluß des Beispiels der Bauweise der großen und mittleren Städte auf die kleineren Orte. Dringt in den ersteren das große Miethaus vor, so wird immer die Gefahr bestehen, daß der gleiche Vorgang sich allmählich auch in den kleinen Orten vollzieht. Das aber wäre im höchsten Grade bedauerlich, denn das Vorherrschen des Kleinhauses, des kleinen Grundeigentums und der Gartenmäßigkeit hat sicher für unser ganzes Volkstum bedeutsame Vorzüge. Schließlich läßt es aber auch unsere allgemeine wirtschaftliche und soziale Lage dringend erwünscht erscheinen, daß ein möglichst großer Teil der städtischen Bevölkerung zur sogenannten halbländlichen Ansiedlung kommt, d. h. zur Ansiedlung in Kleinhäusern mit einer Landbeigabe und auf diesem Besitz einen erheblichen Teil des eigenen Nahrungsbedarses selber erzeugt und unter Umständen auch noch darüber hinaus Lieferungen für den Markt. Es wäre in wirtschaftlicher wie in sozialer Beziehung eine große Erleichterung für uns, wenn diese Ansiedlungsform, die ja schon vielfach in Deutschland vorhanden ist, eine wesentliche Ausbreitung erführe. Die zu einer solchen Entwicklung berufenen örtlichen Stellen sind aber vor allem natürlich unsere kleineren Orte! Wenn indes in den großen und mittleren Städten mehr und mehr wieder das Mietkasernensystem den Sieg davontragen sollte, so werden aller Voraussicht nach in der dortigen Bevölkerung die Fähigseit wie der Wille, zu ein Evangelische Romane. Johann Bojer, Der neue Tempel. Roman aus dem Norwegischen, 336 S. Geh. Mk. 5,25, Leinen Mk. 7,—. Hildur Dixelius, Sara Alelia, Roman aus dem Schwedischen, 511 S. Geh. Mk. 6,—; Leinen Mk. 8,50. Evangelische Romane— der Ausdruck und die Sache sind in dem Kreis von uns Amtsbrüdern nicht sehr beliebt. Und das mit Recht. Denn was man gewöhnlich unter diesem Schlagwort vorgesetzt bekommt, das ist sehr oft langweilig oder kitschig, sentimental=erbaulich oder unkünstlerisch. Der Dualismus, der so unheilvoll unser ganzes Geistesleben, vor allem aber auch die Welt der Kunst durchzieht, herrscht auch auf dem Gebiet der Literatur. Wir haben großes Können, wunderbare Einfühlungs= und Gestaltungskraft, aber das alles kommt nicht aus dem Glauben, dient nicht dem Glauben, sondern muß der eigenen Größe, der Herrlichkeit des Menschen dienen, wenn es nicht gar in Blasphemie oder dämonische Gewalt wider Gott ausartet. Auf der andern Seite begegnet uns heute in Theologie und Kirche ein lebendiges, wieder erwachtes Verständnis für die Gottesfurcht und Vergebungsgewißheit der reformatorischen Frömmigkeit, aber dieser heilige Geistesfrühling bleibt eng beschränkt auf wissenschaftliche Bücherleistungen, die kaum bis in die Kreise unserer besten Gemeindeglieder hineinwirken. Und doch ist das Evangelium nicht nur Facharbeit für Theologen, ist nicht nur Anliegen vererbter, frommer Tradition, sondern Lebenswahrheit, die das Ganze der Welt mit allen Höhen und Tiefen, Nöten und Leidenschaften des Heute umfassen, reinigen, richten und retten will. Unwillkürlich frag. man sich da: Was müßte das geben, wenn einmal zusammenkämen evangelisches Welt= und Glaubensverstehen und hohe, künstlerische Formungs= und Empfindungskraft! Wie könnte sich eine solche Ehe von starker dichterischer Begabung und gottgebundener Ehrfurcht fruchtbar auch an der Oeffentlichkeit all den vielen Fernstehenden gegenüber auswirken, eindrucksvoller als manches noch so bedeutende theologische Unternehmen, das durch seine Sprachgebundenheit nur allzu bald immer wieder an die Grenzen des Verstandenwerdens stößt. Wenn die Aufgabe der Vermählung von Evangelium und Kunst unserem Geschlecht des Uebergangs auch nie in letzter Reinheit und Vollendung gelingen wird, so freut man sich doch aufrichtig über jeden Versuch, der nach diesem Ziel ernsthaft ringend strebt und ihm näherkommt als das, was wir bisher in dieser Richtung zu bekommen gewohnt waren. In diesem Zusammenhang verdienen die beiden Bücher von Johann Bojer und Hildur Dixelius dankbar und warm empfehlend genannt zu werden. Der Geist des nordischen Protestantismus hat sie kraftvoll, herb und gewissensernst beeinflußt. Die Sprachgewalt, die die ausgezeichnete deutsche Uebersetzung in nichts mindert, ist bei beiden gleich groß und hinreißend. Das Leben in seiner brausenden, verwirrenden Fülle, in seiner Gegensätzlichkeit und Schmerzlichkeit, mit seinen Abgründen und rätselvollen Führungen zieht in breitem Stromlauf an dem Leser vorüber. Aber es ist hier eben mehr als nur wundervolle, wirklichkeitsnahe Situationsschilderung. Es wird immer wieder jene dritte Dimension sichtbar, die Realität Gottes, die ihren Schatten über das flächenhafte Geschehen unseres bunt bewegten Lebensspiels wirft. Sie zwingt stillzuhalten mitten im Rausch des Glücks, sie überführt und drängt die Gewissen, daß wir Schuld statt Schicksal sagen müssen, sie zerbricht tausendmal unsere stolzen, natürlichen Träume, bis wir endlich schweigend gehorchen und nach der Vergebung der Sünden fragen lernen. Wie bei Johann Bojer vier eigenwillige, starke Menschen am Leben und aneinander zerbrechen, um sich schließlich zu finden im„neuen Tempel“ Gottes, in der Abendmahlsfeier der Gemeinde, das muß man in seiner ganzen Würde, Schönheit und Wucht selbst nachgelesen haben. Fast noch mehr staunt man über die inhaltliche Fülle und religiöse Kraft der„Sara Alelia“. Man könnte dieses Buch geradezu den Roman von der Rechtfertigung aus Gnaden nennen. Was die einzigartige Frauengestalt, die im Mittelpunkt der erzählten Vorgänge steht, am Ende ihres Lebens im Angesicht des Todes ausspricht, könnte als Leitwort über dem ganzen Buch stehen:„Wir wollen alle in deine Hände fallen, Herr; denn deine Barmherzigkeit ist groß.“ Weil den beiden Werken jeder Zug von aufdringlicher Erbaulichkeit fehlt, dafür aber meisterhafte Sprach= und Beobachtungsgabe mit wahrhaft reformatorischer, kraftvoll lebendiger Frömmigkeit sich eindrucksvoll verbindet, darum darf man sie gerade zu Weihnachten aufrichtig begrüßen als das, was wir heute brauchen: den evangelischen Roman. Dr. Adolf Köberle=Leipzig. Der Toten Werk*). Die Leser des„Aufwärts“ kennen Gustav Sondermann, den fränkischen Arzt, Politiker und Schriftsteller, den Herausgeber des„Dritten Reichs“, den Verfasser des aufrüttelnden und mahnenden Buches vom„Sinn der völkischen Sendung“ und des Pfarrer= und Bauernromans„Wir wandern alle unsern Weg“, der seit dem Erscheinen vor zwei Jahren bereits eine Uebersetzung ins Holländische erfahren hat. In allem, was aus Sondermanns Feder, und das heißt, aus seinem Herzen, fließt. lebt und kämpft das Bemühen um eine wahre Gemeinschaft der Menschen. Er weiß wohl, daß soche Gemeinschaft letztlich ein Geschenk der Gnade ist, und die Wirklichkeit Christi steht richtend und verheißend im Hintergrund seiner Werke. Aber fertige Lösungen vermag er uns nicht in die Hand zu geben. Viel zu tief ist er erschüttert von der Not dieser aufgewühlten Zeit, als daß er sich und uns auf eine Insel der Ideologie zu flüchten vermöchte. So tritt er vor uns hin in seiner jüngsten Dichtung „Der Toten Werk“, als der Kämpfende, der Mitleidende und der Hoffende. Die fünf zu einem Band vereinigten Novellen heben sich ab von dem furchtbaren Geschehen des großen Krieges, an dem der Verfasser zuerst als Infanterist, dann als Arzt teilgenommen hat. Das Entsetzliche, das dem Menschen Unbegreifliche, namenlose Qual und Vernichtung ohne Maß und Grenze, sie stehen wieder vor uns auf wie in jenen Tagen, da wir selbst ihnen ins Auge sahen. Aber dennoch: Sondermann gehört nicht zu denen,„die der Krieg zerbrochen hat, auch wenn ste seinen Granaten entkamen“. Nicht was der Einzelne erlebt, ist *) Gustav Sondermann: Der Toten Werk. Fünf Rovellen vom Tod zum Leben. Sigt u. Berlin 1930. J. G. Cotta. 282 S. Ganzleinenbd..50 #schen halbländlichen Siedlungssystem überzugehen, allmählich erlahmen. Umgekehrt, wenn in den genannten Städten das Kleinhaus und die Gartenmäßigkeit im Siedlungswesen sich ausbreiten, so wird von da aus der Uebergang zum System der eigentlichen halbländlichen Siedlung viel leichter und natürlicher sein, und der Strom der in diese ganze Richtung drängenden Entwicklung wird dann stark den kleineren Orten zuKonferenzbeginn im Haag. 6 Mächte vertreten.— Errichtung eines Tributschiedserichts geplant.— Auch England gegen Sanktionen. — Haag, 3. Januar. Am heutigen Freitagnachmittag wird im Saale der Zweiten holländischen Kammer die Haager Schlußkonferenz eröffnet; auf den Tag genau drei Monate nach dem Tode des Reichsaußenministers Dr. Stresemann. Der Kreis der Konferenzteilnehmer hat gegenüber der August=Tagung eine Erweiterung erfahren. flußer den einladenden Großmächten— Deutschland, Frankreich, England, Italien, Belgien und Japan— haben diesmal auch Oesterreich, Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Südslawien, Polen, Portugal, Griechenland die Tschechoslowakei Abordnungen entsandt. Insgesamt sind 16 Mächte auf der Haager Schlußkonferenz vertreten. Die Ankunft der Deutschen. Die deutsche Delegation hat unter Führung der Reichsminister Curtius, Wirth, Moldenhauer und Schmidt Berlin am Donnerstag in zwei Abteilungen verlassen und ist in den Vormittagsstunden des Freitags im Haag eingetroffen. Vor der Abreise tagte noch einmal das Reichskabinett in Berlin und verhandelte über einige Punkte des Haager Programms; ferner wurde über den Nachtragsetat für 1929 und den Haushaltsplan für das neue Jahr diskutiert. Das Ergebnis der Vorverhandlungen. Das Schicksal der französischen Versuche, noch in letzter Stunde Sanktionsbestimmungen in den Youngplan hineinzubringen, gilt in den der deutschen Delegation nahestehenden Kreisen als besiegelt. Wie auch das französische Gewerkschaftsblatt„Le Peuple“. anerkennt, sind Sanktions= oder Strafbestimmungen für den Fall der Nichterfüllung des Youngplans mit dem Charakter dieses Planes einfach nicht vereinbar! Außerdem wird die internationale Finanz kaum geneigt sein, deutsche Schuldverschreibungen zu zeichnen, wenn Frankreich jederzeit unter irgendeinem Vorwand deutsches Gebiet wieder besetzen darf. Sollte Briand trotzdem im Haag die Sanktionsfrage aufrollen, dann wird es dabei kaum Unterstützung finden, zeigt doch auch das ostentative Fernbleiben des englischen Außenministers Henderson, daß England im Haag politische Fragen nicht erörtern will. Im übrigen soll die Sanktionsfrage dadurch gegenstandslos geworden sein, daß es gelungen ist, in den Vorverhandlungen ein grundsätzliches Einvernehmen dahin zu erzielen, etwaige Meinungsverschiedenheiten über die Zahlungsfähigkeit Deutschlands schiedsgerichtlich zu schlichten. Ein Entwurf für die Zusammensetzung und das Verfahren dieses Gerichtshofs soll von den Rechtsberatern der Auswärtigen Aemter bereits fertiggestellt sein. Berusung gegen die Entscheidung des Schiedsgerichts dürfte es nicht geben. Dauer und Aussichten der Konferenz. In Deutschland rechnet man damit, daß die Konferenz mehrere Tochen dauert; auch die Möglichkeit einer zeitweiligen Unterbrechung der Verhandlungen ihm das Entscheidende, sondern wie er es erlebt. Es gehört zu den eindrücklichsten Stellen des Buches, wie der junge Soldat, den das Grauen vor der ausgereckten Hand des Todes überwältigen will, die aufsteigende Angst niederkämpft:„Gewiß, ich will leben wie alle, aber nur tapfer leben, tapfer und treu, und dazu gehört auch ein tapferes Ende.“ Aber Sieg der Männlichkeit ist noch nicht das Letzte. Wie in großer seelischer und leiblicher Not die Menschen zueinander finden und sich helfend die Hände reichen, da erfüllt sich ihr Sinn. Darum scheint mir die Erzählung„Der Fremdling“ die bedeutsamste zu sein. Ihr Held— jawohl: Held— ist der Jude Elieser Rabinowitsch. Mit Bewußtsein und Willen trägt er das Schicksal seines Volkes. Als ein Fremder lebt er unter den Kameraden, weiß nicht warum und wofür er kämpft und ringt sich doch durch, dieses Schicksal als einen göttlichen Auftrag zu erfüllen und in solcher Erfüllung erlebt auch er nach qualvollem Leiden die Gemeinschaft. Ein völkischer Führer versucht hier die Judenfrage von der Seite des Juden her zu sehen, des edelsten Juden, der nun freilich selbst wieder in scharfem Gegensatz zu ganz anderen Typen seines Volkstums gezeigt wird. Der geistige Inhalt dieser fünf Erzählungen spricht zu uns in glänzend gezeichneten Charakteren und mitreißender Handlung. So waren sie, unsere fränkischen Infanteristen. Wer unter ihnen gefochten hat, dem klingen beim Lesen des Buches allenthalben eigene Erinnerungen auf und er erkennt Menschen und Landschaften wieder, die er einst erlebt. Jede der fünf Novellen bildet wohl für sich ein geschlossenen Ganzes, aber alle sind zu einer festen Einheit gefügt durch den visionären Eingang„Der Auftrag“ und durch die mahnende Deutung„Der Toten Werk“ am Ausgang. Was dort angekündigt und hier noch einmal ausgesprochen ist, durchzieht als Grundton das ganze Werk und gibt ihm Geschlossenheit des Geistes und der Form. Nach der Gestalt des Ganzen— im Dreitakt— sind auch die einzelnen Novellen gebaut. Das gewaltigste Geschehen, das in eigenkräftiger und von Leidenschaft bebender Sprache vor uns tritt, ist gebändigt in der künstlerischen Form. E. Mehl. gilt als nicht ausgeschlossen. Vorhersagen über das voraussichtliche Ergebnis der Schlußkonferenz sind solange verfrüht, als die letzten Vereinbarungen der Gläubigermächte noch nicht bekannt sind. Erschwert wird der deutschen Delegation die Arbeit dadurch, daß zwei Minister sich erst im letzten Augenblick auf die Haager Konferenz vorbereiten konnten, ferner ist nicht zu übersehen, daß Dr. Stresemann, der auf den früheren Konferenzen alle Fäden in seiner Hand vereinigte, der Haager Schlußkonferenz nicht mehr beiwohnt. Läßt man die noch nicht endgültig bereinigten Fragen außer Betracht, dann handelt es sich im Haag jetzt nur noch darum, die bereits vorliegenden Abmachungen von der ersten Haager Konferenz und von den Kommissionssitzungen in Baden=Baden, Brüssel, Lausanne und Paris zu ergänzen oder von den Regierungen offiziell zu genehmigen. Weygand Generalstabschef. Im letzten französischen Ministerrat vor der Haager Konferenz vollzog Präsident Doumergue mehrere wichtige, vom Kriegsminister Maginot vorgelegte Ernennungen. Danach wird Marschall Pétain für das Jahr 1930 Vizepräsident des Obersten Kriegsrates und Generalinspekteur des französischen Heeres bleiben. General Weygand, der frühere Stabschef des Marschalls Foch, ist zum Chef des ganzen Generalstabes an Stelle des Generals Debeney, und General Gamelin zum ersten Unterchef des Generalstabes ernannt worden. gegen Generaloberst von Seeckt für Wiederaufrichtung Deutschlands als Machtstaat. — Wien, 3. Januar. Unter der Ueberschrift:„Deutschland muß wieder Machtstaat werden", veröffentlicht das„Neue Wiener Journal“ einen Artikel über eine Unterredung mit dem früheren Chef der deutschen Heeresleitung Generaloberst von Seeckt, in dem es u. a. heißt: Deutschland ist auf unbestimmte Zeit nicht nur seiner militärischen Angriffskraft, sondern auch der Verteidigungsfähigkeit gegenüber Frankreich und dem Osten beraubt. Es ist gut, sich diese Lage, die der Vertrag von Versailles geschaffen hat, vorzuhalten, denn allein aus ihr läßt sich die Grundlage für eine deutsche Politik ableiten. Diese Grundlage ist der Kampf gegen den Vertrag, der Triedensner die Zukunft sperrt und sperren soll. Der Fen benevittrag ist trotz allem Raffinement Stückwerk, ein Werk politischer Psychose. Der Vertrag ist auf falschen Voraussetzungen aufgebaut. Falsch ist die Annahme, daß man ein Volk wie das deutsche auf Generationen ungestraft versklaven könne, salsch eine Grenzziehung, die Zusammengehöriges willkürlich trennt. Die Friedensvertrage haben an Stelle eines Europas, in dem einige große Gegensätze bestanden, ein neues Europa gesetzt, in dem eine Reihe von Brandherden geschaffen sind, die kaum zu bewachen sind. Diese Verträge gehen auf dem einen oder anderen Weg ihrer Auflösung entgegen, und diese Auflösung ergibt das Kampffeld der deutschen Außenpolitik, die für diesen Kampf der Macht bedarf, die zu schaffen ihre erste Aufgabe ist. Indien fordert Sieg Ghandis auf dem Nationalistenkongreß in Lahore. — London, 3. Januar. Der indische Nationalkongreß in Lahore hat mit der Annahme der von Ghandi eingebrachten Entschließung seinen Abschluß gefunden. In dieser Resolution wird über den von England in Aussicht gestellten Dominion=Status hinaus die völlige Unabhängigkeit Indiens verlangt. Zugleich wird der Boykott über die gesetzgebenden Versammlungen ausgesprochen und die von der englischen Arbeiterregierung vorgeschlagene Konferenz abgelehnt. Für die Entschließung stimmten 942 Kongreßmitglieder dagegen 792; 30 weit rechtsstehende Delegierte sagten sich von dem Kongreß los und beschlossen die Gründung einer neuen Partei. Da der indische Kongreß auf das Entgegenkom men der englischen Arbeiterregierung ablehnend geantwortet hat, wendet sich der„Daily Herald“ heftig gegen Ghandi, betont aber, daß die freundschaftliche Politik der Labour=Regierung gegenüber Indien keine Aenderung erfahren werde * Die England=Politik der ägyptischen Nationalpartei. Der Führer der aus den Wahlen siegreich hervorgegangenen ägyptischen Wafd=Partei, Nahas Pascha, hat die Nacht übernommen und ein neues Kabinett gebildet. Ueber sein Programm befragt, erklärte er, das erste Ziel der neuen Regierung werde in der Herstellung der vollständigen Unabhängigkeit Aegyptens bestehen. Die Regierung werde versuchen, zu einem Abkommen mit England zu gelangen. Man erwartet eine Reise Nahas Pascha nach London Italiener=Verhaftung in Auftakt einer italienisch=französischen Annäherung? Angebliche Vereitelung eines für Genf geplanten Anschlags? — Paris, 8. Januar. Großes Aufsehen erregt in Paris die Verhaftung von drei italienischen Flüchtlingen durch die französische Polizei, die auf Anzeige der italienischen Botschaft in Paris erfolgte. Es ist das erstemal, daß die französische Regierung auf Anregung Italiens die Ruhe der vor Mussolini nach Frankreich geflüchteten Italiener gestört hat! Man schließt daraus, daß Frankreich gegenwärtig um eine Verbesserung seines Verhältnisses zu Italien eifrig bemüht ist. Die Persönlichkeiten der Verhafteten geben der Affäre ein interessantes Aussehen. Nach der Darstellung der französischen Polizei sind drei„Anarchisten“ verhaftet worden, in Wirklichkeit handelt es sich aber um den ehemaligen Chefredakteur des„Corriere deila Sera“, Tarchiani, den ehemaligen Chefredakteur des „Mondo“, Cianca, und den ehemaligen soztalistischen Abgeordneten Sardelli, der dem Vorstand der Zweiten Internationale als Verireter des Transportarbeitergewertschaft angehört. Bei den Verhafteten sollen sieben Pakete und 2 Kilogramm Sprengstoff, zahlreiche Zündkapseln, mehrere Meter Zündschnur und sonstiges zur Herstellung von Bomben geeignetes Material gefunden worden sein. Auch will die Polizei Beweise dafür in Händen haben, daß die Verhafteten anläßlich der Eröffnung der Ratstagung in Geuf das dortige Haus der italienischen Delegation in die Luft sprengen wollten. Abgesehen von den Sprengmitteln sollen bei den Haussuchungen noch zahlreiche Dokumente gefunden worden sein, die auf die Existenz einer großen gegen die faschistische Diktatur in Italien gerichteten Verschwörung schließen lassen. Die Finanzierung der Gruppe, der etwa 150 Mitglieder angehören sollen, soll ein bekannter Bankier übernommen haben. Den Anstoß zu der ganzen Aktion gaben die Aussagen des in Brüssel beim Attentat auf den italienischen Kronprinzen verhafteten Italieners di Rosa. Die Sozialpolitik im neuen Jahr. Die nächsten Arbeiten des Reichsarbeitsministeriums. — Berlin, 3. Januar. Da. Reichsarbeitsministerium veröffentlicht eine Uebersicht über seine Arbeiten im Jahre 1930. Danach soll das im alten Jahre nicht mehr erledigte Arbeitsschutzgesetz im Laufe der nächsten Monate verabschiedet werden. Das Gesetz erstrebt eine umfassende Neuregelung des gesamten öffentlich=rechtlichen Arbeitsschutzes und betrifft den Betriebsschutz, die Arbeitszeit, die Sonntagsruhe, den erhöhten Schutz der Frauen und Jugendlichen, den Ladenschluß und die Arbeitsaufsicht. Dem Reichstag gleichfalls zugegangen ist das Berufsausbildungsgesetz, das im Januar im Ausschuß beraten werden soll; dem Reichsrat liegt der Entwurf eines Hausgehilfengesetzes vor. Das Sorgenkind des Ministeriums ist nach wie vor die Arbeitslosenversicherung. Geplant ist der Ausbau der Arbeitsvermittlung, ferner soll bei den Maßnahmen der wertschaffenden Arbeitslosenfürsorge insbesondere auf die Förderung des Landarbeiterwohnungsbaues Rücksicht genommen werden. Auf dem Gebiete der Sozialversicherung wurde dem Reichstag ein Gesetzentwurf über den Ausbau der Angestelltenversicherung zugeleitet, ferner wurden Grundsätze für die Krankenversicherungsreform aufgestellt. Ein gegenwärtig dem Kabinett vorliegendes Kleinrentnergesetz soll dem Kleinrentner wesentliche Vorteile bringen und sie an der Durchführung der Fürsorge beteiligen. Die bei den Sozialversicherungen verfügbaren Kapitalien sollen noch mehr als bisher für die Förderung des Wohnungsbaues verwendet werden. Hinsichtlich des Abbaues des Mieterschutzes steht das Reichsarbeitsministerium auf dem Standpunkt, daß unter den heutigen Verhältnissen an einen beschleunigten Abbau nicht zu denken ist. Die Fertigstellung eines Gesetzes über Zuschüsse aus Reichsmitteln für die Ansiedlung von Landarbeitern und die Bereitstellung von Einrichtungsgegenständen für Zwecke der landwirtschaftlichen Siedlung sollen mit größter Energie gefördert werden. Ferner soll die Pachtschutzordnung im neuen Jahre eine endgültige Fassung erhalten. Landbund und Reichsausschuß. Der Landbund betrachtet die Aufgaben des Ausschusses als erledigt.— Für eine breite nationale Front. — Berlin, 3. Januar. Wie die„Landvolk=Nachrichten“ mitteilen, haben die Präsidenten des Reichslandbundes Schiele, Hepp und Bethge, an die geschäftsführenden Präsidenten der Reichsausschusses für das Volksbegehren, Dr. Hugenberg und Seldte einen Brief gerichtet, in dem erklärt wird, daß der Reichslandbund in dem Kampf gegen die Kriegsschuldlüge und den Tributplan seine ganze Kraft für das Volksbegehren und den Volksentscheid eingesetzt habe, obwohl diese Hilfe nicht ohne Gefahren für den inneren Bestand des Landbundes und für eine Zusammenarbeit mit anderen Parteien und Wirtschaftsgruppen gewesen sei. Sodann betont der Brief, daß nach Auffassung des Reichslandbundes der Reichsausschuß eine für die besondere Aufgabe des Volksentscheides geschaffene Einrichtung gewesen sei, die nach Erledigung dieser Aufgabe aufgehört habe zu bestehen. Schließlich wird in dem Brief noch hervorgehoben, der Reichslandbund vertrete die Auffassung, daß für den Kampf um die deutsche Zukunft eine breite Front gebildet werden müsse. Der Reichslandbund sei bereit, die kommenden Aufgaben gemeinsam mit allen nationalen und christlichen Kräften im Volk in Angriff zu nehmen. * Politische Bedeutung kommt der Erklärung des Reichslandbundes deshalb zu, weil Bestrebungen im Gange waren, die auf die Erhaltung des Reichsausschusses abzielten. Die christlich=nationale Bauern= und Landvolkpartei soll dem Vernehmen nach die geeiche Auffassung wie der Reichslandbund ve#relen. Staat gegen Kirche. Staatliche Forderung auf Beschaffung von Räumen für die Kirchenaustritte. Braunschweig, 2. Januar. Der braunschweigische Justizminister Sievers hat in den einzelnen Gemeinden, in denen kein Amtsgericht vorhanden ist, die Verwaltungen aufgefordert, ein besonderes Zimmer zur Verfügung zu stellen, zu beleuchten, zu heizen und zu reinigen, in dem ein Beamter des Amtsgerichts sich aufhalten kann, um Kirchenaustrittserklärungen entgegenzunehmen. Eine Gemeinde des Kreises Wolfenbüttel hat das Ersuchen abgelehnt, da für derartige Zwecke bei der schlechten Finanzlage der Gemeinde kein Geld zur Verfügung stände. Rundschau. — Die im 72. die älteste Zeitung müssen. — Berlin, den 3. Januar 1930. Jahrgang stehende„Danziger Zeitung" Danzigs, hat ihr Erscheinen einstellen :: T e l e g r a m m w e c h s e l H i n d e n b u r g s m i t a u s l ä n d i schen Staatsoverhäuptern. Anläßlich des Jahreswechsels hat ein Glückwunschaustausch stattgefunden zwischen dem Reichspräsidenten und verschiedenen Oberhäuptern fremder Staaten, so mit den Königen von Bulgarien, Dänemark, Norwegen und Schweden, ferner mit dem österreichischen Bundespräsidenten, dem Schah von Persien, dem Präsidenten der chinesischen Republik und dem Verweser des Königreiches Ungarn. :: 10 Jahre Freie Stadt Danzig. Die Freie Stadt Danzig trat mit dem Jahre 1930 in das zehnte Jahr ihres Bestehens. Am 8. Februar 1920 verließen die letzten deutschen Truppen Danzig, am 15. November 1920 wurde dann das deutsche Danzig zwangsweise zur Freien Stadt proklamiert. : S t a a t s s e k r e t ä r F u n k e b a y r' s c h e r B e v o l l m ä c h t i g ter im Reichsrat. An Stelle des zurückgetretenen bayrischen Staatssekretärs Oswald wurde der neuernannte Staatssekretär Funke als Bevollmächtigter Bayerns zum Reichsrat bestellt. :: Roch keine Spur von Geheimrat Becker. Der seit dem 28. Dezember spurlos verschwundene Geheimrat Becker vom Auswärtigen Amt ist trotz eifrigster Bemühungen der Berliner Kriminalpolizei und trotz der in der gesamten Presse erfolgten Veröffentlichung noch nicht gefunden worden. Ein Verbrechen wird als kaum im Bereiche des Möglichen liegend bezeichnet. :: Rücktritt des Oberbürgermeisters von Leipzig? Lie aus Leipzig gemeldet wird, hat und ganzen eine gute Durchschnittsernte ergeben, wobei die Ergebnisse hinter der als sohr gut anzusprechenden Ernte von 1928 zurückbleiben. Es wurden geerntet: Winterroggen 8 052 000 Tonnen, Winterweizen 3 067000 Tonnen, Sommergerste 2800000 Tonnen, Hafer 7383000 Tonnen, Erbsen aller Art 132.000 Tonnen, Frühkartoffeln 2826000 Tonnen, Spätkartoffeln 37251 000 Tonnen, Zuckerrüben 11091000 Tonnen, Runkelrüben 24208000 Tonnen, Kohlrüben 6679000 Tonnen, Klee 8121000 Tonnen. Schurman über Deutschland. cktrittsgesuch eingereicht und gebeten, beAm 15. April 1930 seinen Posten niederlegen zu ..:: Die Normalarbeitsordnung im Ruhrbergbau getundigt. Die vier Bergarbeiterverbände haben die Normalarbeitsordnung für den Ruhrbergbau zum 31. März . 30 gekündigt. Wie wir erfahren, hat der Zechenverband inzwischen bei den Bergarbeiterorganisationen die Kündigung bestätigt. Die jetzt gekündigte Normalarbeitsordnung war seit dem Jahre 1921 in Kraft. Das Ende einer französischen Zeitung im Elsaß. — Straßburg, 3. Januar. Das bisher mit großen Zuschüssen gespeiste„Journal de'Est“ ist mit dem Jahreswechsel mit einer anderen französischen Zeitung zusammengelegt worden, mit dem als gehässig antideutsch bekannten„Journal'Alsace et de Loraine". Die Leitung des Gesamtblattes ist dem bisherigen politischen Direktor des aufgesogenen Organs übertragen worden, woraus man schließen darf, daß die französischen Geldgeber ihm auch weiterhin ihr Vertrauen schenken. „Das Land des unbegrenzten Fortschritts" Der bisherige amerikanische Botschafter in Deutschland, Jakob Schurman, äußerte sich auf die Frage des„Hannoverschen Kurier" nach seinem Urteil über Deutschland u. a. wie folgt: "„Ich habe in den letzten Jahren Deutschlands wirtschaftliche Gesundung mit angesehen. Deutschland ist abermals auf dem Wege zu jenem Welthandel, auf welchem es schon vor dem Kriege so staunenswerte Fortschritte gemacht hat. Ich weiß wohl, daß Deutschland durch finanzielle Lasten schwer behindert ist, aber ich spreche, wie jemand, der es fünf Jahrzehnte lang kennt und es in den letzten fünf Jahren scharf beobachtet hat. Ich bin daher überzeugt, daß nichts ein so fähiges, intekligentes und fleißiges Volk wie die 65 Millionen Einwohner Deutschlands hindern kann, den Aufstieg einer großen Zukunft zu vollenden. zenn wir die Zukunft danach beurteilen wollen, was wir bisher beobachten konnten, müssen wir sagen, das Deutschland das Land des unbegrenzten Fortschrittes ist. Von Amerika sagen wir auch, es sei das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Möge also auch eine unbegrenzte Fortentwickelung der freundschaftlichen und herzlichen Beziehungen bestehen bleiben, die jetzt so lebhaft zwischen den beiden Völkern im Gange sind.“ Kundschau im Auslande. * Im Alter von 66 Jahren starb in Rom Graf mo Ratti der Brieder des N Spanien geht nicht nach London. Die spanische Regierung vo fentlicht soeben eine Erklärung, in der es heißt, es sei nicht zutreffend, daß Spanien den Wunsch ausgesprochen habe, zur Londoner Flottenkonferenz eingeladen zu werden. Spanien habe nur seine Stellungnahme für den Fall, daß die anderen Mächte die Mittelmeerfrage aufwerfen sollten, sowohl Frankreich wie England und Italien deutlich zum Ausdruck gebracht. Seine Stellungnahme sei die, daß bei einer Behandlung der Mittelmeerfrage die spanische Regierung vom ersten Augenblick einer solchen Beratung an beteiligt sein müßte. Ferme Nuln, der Brader der Papstes. * Die Sowjetregierung hat der Fernöstlichen Roten Armee und ihrem Oberbefehlshaber Blücher den„Orden der Roten Fahne" verliehen. Die deutsche Ernte 1929. Gute Durchschnittsernte. Nach den endgültigen, soeben zum Abschluß gekommenen Erhebungen hat das Jahr 1929 im großen Kein Rücktrittsgesuch Ein neuer Arbeitsplan. Die Gerüchte von einem bevorstehenden Rücktritt des spanischen Diktators Primo des Rivera haben auch diesmal keine Bestätigung gefunden. Nach der Unterredung, die er am Donnerstag mit dem König hatte, erklärte der Ministerpräsident: Es hat sich nicht darum gehandelt, eine Vertrauensfrage oder eine drohende Krise zu lösen. Alle Alarmgerüchte dieser Tage waren ganz unbegründet. Der König hat den ihm unterbreiteten politischen Arbeitsplan gutgeheißen, und so werde zunächst die Union Patriotica ceorganisiert. Dann werden die Stadtreorganisiert. Dann werden die Stadtra##= unv Provinzialverwaltungen durch Teilwahlen Außerdem werde die Nationalversammlung wieder tagen. Im Juni oder Juli werde die Regierung dem König einen neuen Plan vorlegen, und dann lich darüber einig werden ob würde man sich darüber i# krtrnn, ov die Nationalversammlung weiter arbeiten oder durch einen Neujahrsgeschenk. Neuregelung des Verkehrs. Der 1. Januar hat den Römern eine einschneidende Neuerung gebracht. Aus dem Zentrum der Stadt sind ab heute sämtliche Straßenbahnen verbannt und durch große Autobusse ersetzt worden. Die Straßenbahnen bleiben auf die Vorstädte und die äußeren Stadtteile beschränkt, die sie strahlenförmig durchqueren und mit der Ringbahn verbinden, die das Straßeninnere umfährt. Der Verkehr des Stadtzentrums wird lediglich durch Autobusse bewältigt. Da die Straßenbahnen und Autolinien neue Nummern führen, zum großen Teil neue Strecken befahren und neue Haltestellen erhalten haben, herrschte unter Publikum eine große Verkehrsunsicherheit. Alles studierte Fahrpläne und fuhr trotzdem falsch. Auch die Fahrpreise sind geändert. Die Vorteile der Neuerung haben sich jedoch bereits gezeigt, da der Verkehr sich schneller abwickelt, so daß die äußeren Stadtnäher an das Stadtzentrum herangerückt sind. Als besondere Wohltat wird die Befreiung der engen und krummen Straßen der Innenstadt von den kreischenden Straßenbahnen empfunden. Am Mittwoch sind ferner die Tarife für die Autodroschken herabgesetzt Kirchennachrichten für Zion. Sonntag, den 5. Januar(S. u. Neujahr). Vorm. 8½ Uhr: Pastor Tegtmeyer. Vorm. 9 Uhr: Pastor Burckhardt. Anschließend Beichte und Abendmahl. Vorm. 10 Uhr: Pastor Küßner. Vorm. 11½ Uhr: Kindergottesdienst. Montag, 19½ Uhr: Epiphaniasfeier, Pastor. D. Johanssen. Abordnung von 2 Missionsgeschwistern durch Miss.=Insp. Trittelvitz. Kirchennachrichten für Schildesche. Sonntag, den 5. Januar 1920. 10 Uhr vorm.: Pastor Neuhaus; 1½ Uhr nachm. Kindergottesdienst. Christliche Gemeinschaft Schildesche, am Krug. Versammlungen: Sonntag ½2 Uhr Kinderstunde. 5 Uhr Evangelisation. Donnerstag 8 Uhr Bibelstunde. Versammlungen werden jetzt von Prediger Heistermann gehalten. Schriftleitung: W. Kraa; Wirtschafts= und Weltpolitik: Dr. H. Huttel; Anzeigen: K. Diekmann; alle in Bethel. Für die vielen Beweise wohltuender Teilnahme während der Krankheit und beim Heimgange unserer lieben Entschlafenen danken wir herzlichst. Familie Ludwig Klütmeier. Deutschen=Not und Terror in.=Rußland. Mnnmmmmnmainnninnn Erschütternde Berichte von Augenzeugen bringen die soeben erscheinenden Bilder aus Sowjetrußland von Abr. Kroeker(früher, Halbstadt Südrußland) 160—180 S, f. kart. m. 5 Bildern von der Hungersnot ca. Mk. 2 (Die erste Auflage erschien im Selbstverlag des Verfassers in Amerika.) Der Verfasser darf nun offen über seine und Gewährsmänner Erlebnisse und über die schauerlichen #er dem bolschewistischen Terror reden, wovon undere im Auslande lebende Russen aus bestimmten Gründen schweigen müssen. Bei Vorausbestellg. und Voreinsendg. von Mk..— portofrei. Verlag Th. Urban, Striegan in Schles. Postscheck 2714 Breslau. E. Münch Brackwede Hauptstraße 81 Ruf 2426 Seit 1886 ZentRa-Uhren Die Garantie-Uhr deutscher Uhrmacher WMF Bestecke Schmuck Uhren aller Art Moderne Augenoptik Anerkannter Lieferant sümtl. 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In unserer bewegten Zeit ist es Pflicht der gläubigen Kaufleute, in ihrem Berufsleben ein entschiedenes Zeuanis für posiEnnsdnleuches Leugins für Pesr tives Christentum aufzurichten, um dem ins Wanken gekommenen alten Grundsatz von Treu und Glauben im Erwerbsieben wieder volle Geltung zu verschaffen und die gesunkene Geschäftsmoral zu heben. Dazu ist der Zusammenschluß aller gleichgesinnten Berufsgenossen beiderlei Geschlechts erforderlich. Jeder deutsche Kaufmann, ob Chef oder Angestellter. welcher auf dem Boden eines lebensvollen, biblischen Christentums sicht, sollte daher die Mitgliedschaft unseres Verbandes bei der nachstehenden Geschäftsstelle beantragen: Verband gläubiger Kaufleute Geschäftsstelle Walter Brinck, Essen-Bredeney, Einigkeitstr. 25Erst prüfen, dann kaufen! tanhss Harmoniums Gallenstein-Tee Eine Monatskur Nachnahme .10 Mk. Hervorragendes Vorbeugungsmittel bei chronischen Gallensteinerkrankungen. Apotheke, Christlanstadt am Bober. erstklassige und sollde Fabrikate. 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Ophir, vereinigte Verkaufstellen. Bethel=Kanzlei befindet sich wegen Umbau ihres jetzigen Hauses vorübergehend in der früheren Wohnung von Herrn Pastor Kuhlo. — Handtasche mit Inhalt verloren. Bitte abzugeben in der Anstaltspost. Nr. 3. Sg Das Epiphan Sitte noch gefeie gottesdienst, hat Jahren eine neue nur von der Heid auch meistens ein findet. Auch in d kleine Schar von zuziehen. Das B Diakonen nach B Müller das in ki gewachsene Missi durch unser Diako hinausgefunden h aber gezeigt, daß um die große An unseres Missionsh den Dienst der är eine Tochter von Bukobaland. Frl. gesellschaft, ist die Bumbuli und folg feld. Arztliche Mi Zweige unserer A neuen Kräftezuflu Kein einziger Ausziehenden. Un Gabe Bethels für unserer Bethel=M man sich vielleicht Kultur=Mission v während die Zah geringe zu sein daß ärztliche Mis reiche der Mission am wenigsten ent sind in Afrika nich nare aus Europa die große Schar sehen von den un wir jetzt zehn sch Missionare. Aber auch au der Kulturmission legt ein Brief Zeu Usambara hier in Mission in Usamb daß eine Reihe se standen haben. E Afrika kein Exame der Lehrer und de die Lehrerin, sie a Mit einem unterst ßen jederzeit ausu Nur das Sprachex es bestanden haben dienst angenommer oder in der Schu Prüfung unterzieh examen in der Sch sich auch der Tischle schwestern. Sogar durch die Prüfung dem Leiter der Mit der Suahelisprache mancher darüber, Auch in Missionsk Examen nicht besse großer Wichtigkeit, die wir der Erlern alle unsere Mitarb trieb für jeden un mit den Eingebore sondern gründlich i Mittel werde zu e mit unseren schwar, Als ich durt einen Herrn, der hatte. Er sagte:„ nehmer hier so se immer so viel L machen Sie das strenge und verla rede mit ihnen!" daß man mit ihn ihm nicht. Wenn auch ihn zu Wor Wohlwollen für dann ist es garn er ist gern bereit Nr. 3. Sonnabend, den 4. Januar 1930. 12. Jahrgang. „Derle=Heldett Werbert Shtl Pretselt! Bethels größte Gabe für Afrika. Das Epiphaniasfest, das in Bethel nach alter kirchlicher Sitte noch gefeiert wird, wenigstens durch einen Abendgottesdienst, hat für unsere Zionsgemeinde in den letzten Jahren eine neue Bedeutung dadurch gewonnen, daß nicht nur von der Heidenmission an ihm die Rede ist, sondern daß auch meistens eine Abordnungsfeier am 6. Januar stattfindet. Auch in diesem Jahre verabschiedet sich wieder eine kleine Schar von Missionsleuten, um nach Afrika hinauszuziehen. Das Brüderhaus Nazareth sendet einen seiner Diakonen nach Bumbuli. Dort leitet der Missionsarzt Dr. Müller das in kurzer Zeit zu stattlichem Umfange herangewachsene Missionskrankenhaus. Vier Schwestern, die durch unser Diakonissenhaus Sarepta den Weg nach Afrika hinausgefunden haben, stehen ihm zur Seite. Es hat sich aber gezeigt, daß auch eine männliche Kraft noch nötig ist, um die große Anlage richtig zu verwalten. Als Verwalter unseres Missionshospitals zieht Bruder Schröer hinaus. In den Dienst der ärztlichen Mission tritt Frl. Martha Söhlke, eine Tochter von Bethel. Sie geht als Krankenschwester ins Bukobaland. Frl. Luise Seidel, die dritte der kleinen Reisegesellschaft, ist die Braut unseres Tischlermeisters Schelp in Bumbuli und folgt jetzt ihrem Verlobten auf das Missionsfeld. Arztliche Mission und Kultur=Mission— zwei wichtige Zweige unserer Arbeit— erhalten durch diese Aussendung neuen Kräftezufluß. Kein einziger Diener des Wortes befindet sich unter den Ausziehenden. Und doch ist und bleibt das Wort die größte Gabe Bethels für Afrika. Wenn man den Mitarbeiterkreis unserer Bethel=Mission in Afrika überschaut, so wundert man sich vielleicht darüber, wie sich ärztliche Mission und Kultur=Mission verhältnismäßig stark entwickelt haben, während die Zahl der eigentlichen Wortverkündiger eine geringe zu sein scheint. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß ärztliche Mission und Kultur=Mission diejenigen Bereiche der Missionsarbeit sind, in denen europäische Kräfte am wenigsten entbehrt werden können. Diener am Wort sind in Afrika nicht nur diejenigen, die als eigentliche Missionare aus Europa hinausgezogen, sondern neben ihnen steht die große Schar eingeborener Diener des Wortes. Abgesehen von den unordinierten Lehrern und Gehilfen haben wir jetzt zehn schwarze Pastoren als Mitarbeiter unserer Missionare. Aber auch auf dem Gebiete der ärztlichen Mission und der Kulturmission behält das Wort seine Bedeutung. Davon legt ein Brief Zeugnis ab, der gerade zu Weihnachten aus Usambara hier in Bethel eintraf. Der Leiter der BethelMission in Usambara, Missionar Wohlrab, berichtet darin, daß eine Reihe seiner Mitarbeiter das Sprachexamen bestanden haben. Sonst brauchen unsere Missionsleute in Afrika kein Examen zu machen. Der Theologe und der Arzt, der Lehrer und der Handwerker, die Krankenschwester und die Lehrerin, sie alle legen ihre Prüfung in der Heimat ab. Mit einem unterstempelten Zeugnis können sie sich draußen jederzeit ausweisen über das, was sie gelernt haben. Nur das Sprachexamen wartet noch auf sie. Erst wenn sie es bestanden haben, werden sie endgültig für den Missionsdienst angenommen. Nicht nur die, die das Wort predigen oder in der Schule unterrichten sollen, müssen sich der Prüfung unterziehen. Unter denen, die jetzt das Sprachexamen in der Schambalasprache bestanden haben, befinden sich auch der Tischlermeister von Bumbuli und vier Missionsschwestern. Sogar der Missionsarzt hat sich nicht geschämt, durch die Prüfung hindurchzugehen. Er ist zusammen mit dem Leiter der Mittelschule in Luandai, Pastor Personn, in der Suahelisprache geprüft worden. Vielleicht wundert sich mancher darüber, daß ein solches Examen gefordert wird. Auch in Missionskreisen hat man wohl gefragt, ob dies Examen nicht besser abzuschaffen sei. Aber es ist doch von großer Wichtigkeit, weil es die Bedeutung ins Licht stellt, die wir der Erlernung der afrikanischen Volkssprache durch alle unsere Mitarbeiter beilegen. Es ist ein heilsamer Antrieb für jeden unter ihnen, nicht nur durch den Verkehr mit den Eingeborenen ein wenig Radebrechen zu lernen, sondern gründlich in die Sprache einzudringen, damit sie ein Mittel werde zu einem wirklich verständnisvollen Verkehr mit unseren schwarzen Leuten. Als ich durch Usambara reiste, traf ich eines Tages einen Herrn, der mit dem Bau der Usambarabahn zu tun hatte. Er sagte:„Ich weiß nicht, warum die meisten Unternehmer hier so sehr über Arbeitermangel klagen. Ich habe immer so viel Leute wie ich brauche!“ Ich fragte:„Wie machen Sie das denn?“ Er antwortete:„Ich bin sehr strenge und verlange auch viel von meinen Leuten, aber ich rede mit ihnen!" Das war das Geheimnis! Der Neger will, daß man mit ihm redet. Der kurze knappe Befehl genügt ihm nicht. Wenn man aber sich mit ihm zusammensetzt und auch ihn zu Worte kommen läßt, wenn er merkt, daß man Wohlwollen für ihn hat und auf seine Fragen eingeht, dann ist es gar nicht schwer, mit ihm fertig zu werden, und er ist gern bereit zu gehorchen. Das Wort muß es machen! Daraus ergibt sich, wie wir das Wort nötig haben, nicht nur für die Predigt des Evangeliums und die Seelsorge, auch nicht nur für den Unterricht, sondern für jede Arbeit, die wir draußen tun. Sicherlich wird die Kenntnis der afrikanischen Sprache bei den einzelnen Missionsarbeitern in verschiedenem Maße erfordert. Der Prediger und Lehrer muß die Sprache besser lernen als der Handwerksmeister. Aber ein Erzieher soll jeder sein, und darum muß jeder imstande sein, sich mit den Eingeborenen verständigen zu können. Darum fordern wir auch von unseren Krankenschwestern das Sprachexamen. Die größte Gabe Bethels an Afrika ist und bleibt das Wort! Das Wort schlägt die Brücke von Herz zu Herz. Die Tat der Liebe wird durch das Wort erst recht wirksam. Ohne das Wort wird das Erlernen unserer Künste und Fertigkeiten nur zu leicht zu einem äußerlichen Nachahmen. Durch die Erlernung der Sprache aber wird jeder unserer Mitarbeiter zu einem Missionar im eigentlichen Sinne des Wortes. Auch der Missionsarzt hat wohl schon zuweilen eine Predigt gehalten. Wenn einer unserer Handwerkerbrüder Gabe und Freudigkeit hat, den Eingeborenen auch mit dem Worte zu dienen, so hindern wir ihn gewiß nicht. Hier und da ist einer aus dieser Schar, auch ohne daß er Theologie studiert hatte, zum Diener am Wort in der Heidenwelt geworden, weil ihm Gott die Gabe des Wortes in ausreichendem Maße verliehen hatte. In diesen ersten Januartagen war es gerade 25 Jahre her, daß in Usambara zum erstenmal die„Sprachkommission" unter dem Vorsitz von Missionar Wohlrab tagte. Auch unter den Missionaren, deren Handwerkszeug in erster Linie das Wort ist, sind die sprachlichen Gaben verschieden. Als es galt, das Neue Testament in die Schambalasprache zu übersetzen, wurde Missionar Roehl ausgewählt, der im besonderen mit dieser Aufgabe betraut wurde. Aber die anderen wirkten mit. Alle Übersetzungen wurden dem Urteil der Sprachkommission unterbreitet. Jetzt wird das Neue Testament in der Schambalasprache in neuer Auflage von unserer Missionsdruckerei in Wuga gedruckt. In Deutschland läuft zu gleicher Zeit das Neue Testament in der Suahelisprache, so wie Missionar Roehl es übersetzt hat, durch die Presse und der Druck desselben Buches, dessen Übersetzung in die Sprache des Hayavolkes Missionar Döring begonnen und D. Johanssen vollendet hat, wird vorbereitet. Auch Bethel darf mithelfen, daß Afrika das Wort Gottes in seiner Sprache empfängt. Das ist die größte Gabe, die wir ihm geben können. Tr. Mohammedanermission in Die 1886 gegründete Missionsgesellschaft für DeutschOstafrika(jetzt Bethel=Mission) hatte zunächst auf der Insel Sansibar und an den Küstenplätzen Daressalam und Tanga Missionsstationen eingerichtet. Erst nachdem P. von Bodelschwingh 1890 in die Leitung der Missionsgesellschaft eingetreten war, wurde im hügeligen Usaramo im Hinterland von Daressalam und in dem bis zu 2000 Meter hohen Gebirgsland Usambara mit der Missionsarbeit begonnen. Pastor von Bodelschwingh trat mit der ganzen Kraft seiner Persönlichkeit für diese Missionsarbeit im Innern von Ostafrika ein, nicht nur aus Fürsorge für die Missionare und ihre Familien, die im gesunden Berglande viel leistungsfähiger sein würden als in den ungesunden Küstenstädten, sondern hauptsächlich aus der grundsätzlichen Erkenntnis von der Notwendigkeit und Wichtigkeit der baldigen Christianisierung der vom Islam noch nicht oder doch erst wenig beeinflußten Volksstämme im Inneren von Ostafrika. Trotzdem seit 1891 Usambara das Hauptarbeitsfeld der ostafrikanischen Missionsgesellschaft war, wurde doch die Missionsarbeit an der Küste nicht ganz unterlassen: Tanga und Daressalam waren die notwendigen Stützpunkte für die Missionsstationen in Usambara und Usaramo. In Tanga und Daressalam und ihrer näheren Umgebung trafen die Missionare auf eine mehr oder weniger mohammedanisierte Bevölkerung, und so kam es hier ganz von selbst auch zur Mohammedanermission. In den kleinen Volksstämmen an der Küste von Ostafrika, welche seit Jahrhunderten durch den Verkehr mit den Arabern in unmittelbarer Berührung mit dem Islam stehen, hat sich hier ein eigenartiges Gemisch von Islam und Animismus herausgebildet. Fast in jedem Dorf findet man eine Moschee, in welcher die täglichen Gebete gehalten werden. Fast überall sind die einflußreichen und wohlhabenden Leute Mohammedaner und zeigen durch ihre mehr oder weniger regelmäßige Teilnahme an den Gebeten und durch strenges Einhalten des Fastens im Monat Ramasan, daß sie gläubige Mohammedaner sind. Ihre religiösen Erkenntnisse sind freilich oft recht gering, in Sitten und Anschauungen stecken selbst die äußerlich eifrigen Mohammedaner noch tief im Aninismus, in heidnischem Aberglauben und im Banne heidnischer Furcht. In viel höherem Maße ist das bei den einfachen Leuten der Fall. Auch sie halten den Fastenmonat ein, in welchem am Tage nichts gegessen und nicht einmal ein Schluck Wasser gegen den Durst getrünken werden darf, während nach Sonnenuntergang Essen und Trinken erlaubt ist und in diesem Monat sogar besonders reichlich genossen wird. Im übrigen kümmern sich die einfachen Leute nicht um die religiösen Vorschriften und noch weniger um die Lehren des Islams, sondern leben im althergebrachten Heidentum nach väterlicher Weise. Als mohammedanisierte Animisten kann man daher die Volksstämme an der Küste von Ostafrika bezeichnen. Weil diese aber seit Jahrhunderten unter dem Einfluß des Islams stehen und dessen Formen, z. B. auch die Beschneidung, angenommen haben, fühlen sie sich den rein heidnischen Volksstämmen des Innern weit überlegen und stehen auch, von ihren Führern beeinflußt, dem Christentum ablehnend gegenüber. Das zeigt sich auch in der Missionsarbeit der BethelMission im Digolande. Schon der erste Missionar von Tanga, Missionar Krämer, suchte unter den Digo, die das Hinterland von Tanga bewohnen, mit dem Evangelium Eingang zu finden; in Jaje und Mwensange, zwei Dörfern bei Tanga, verkündigte er regelmäßig das Evangelium und legte kleine Schulen an, die aber nur wenige Jahre bestanden. Seit 1903 ist die Missionsarbeit am Digo=Volke wieder aufgenommen und so weitergeführt worden, daß im Laufe der Jahre eine ganze Reihe von Buschschulen gegründet und mit eingeborenen Lehrern aus dem Digo=Volke besetzt werden konnten. Einige Jahre(1910—1914) waren auch deutsche Missionare dort tätig, und es kam zur Bildung einer kleinen Gemeinde in Vunde, nahe bei Gombero, einem Hauptort des Digo=Landes, etwa 25 Kilometer nördlich von Tanga. Je länger am Digo=Volk gearbeitet wurde, desto mehr zeigte sich der Widerstand der Führer des Volkes. Nachdem durch den Krieg und die Vertreibung der deutschen Missionare deren Einfluß ausgeschaltet war, kamen keine Kinder mehr in die Missionsschulen; die Verkündigung des Evangeliums wurde abgelehnt, indem die Leute z. T. von vornherein den eingeborenen Evangelisten das Predigen in ihren Dörfern untersagten, oder daß doch nur wenige Zuhörer sich dazu einfanden, und oft Störungen vorkamen. Wenn die kleinen Gemeinden in Bunde und Kilulu, etwa 30 Kilometer nordöstlich von Gombero, trotz mancher Verfolgungen in der Kriegszeit und trotz der feindlichen Haltung der Führer des Volkes zusammengehalten haben und langsam zunehmen, so ist das in erster Linie dem Wirken von Paulo Mwamriba zu verdanken, der durch die Macht seiner echt christlichen Persönlichkeit und durch die hervorragende Stellung, die er einnimmt, einen großen Einfluß auf Christen und Nichtchristen hat. Aus angesehener Familie stammend, war dieser Mann durch wunderbare Führung Gottes als Kind nach Jaje bei Tanga und dort in die Schule von Missionar Krämer gekommen. Als Missionsschüler kam er zum Glauben und wurde 1899 in Tanga getauft. Nachdem er das Tischlerhandwerk erlernt hatte, kehrte er 1903 in seine Heimat in die GomberoGegend zurück. Bald fing er dort an, das Evangelium zu verkündigen und Kinder zu unterrichten. Sieben seiner ersten Schüler konnten 1906 getauft werden. 1912 wurde Paulo von der deutschen Regierung zum akida— eingeborenem Amtsvorsteher für den Gombero=Bezirk ernannt. Als solcher hat er sich das Vertrauen der Leute so erworben, daß er trotz falscher Anklagen ihm feindlich gesinnter Leute, als die Engländer den Tanga=Bezirk besetzten, von diesen doch in seinem Amte als akida belassen wurde. Im Jahre 1925 wurde er, der Christ, zum Sultan= Oberhäuptling des Digo=Volkes von dessen mohammedanischen Führern gewählt und von der englischen Regierung als solcher bestätigt— ein Beweis dafür, welcher Hochachtung Paulo bei Europäern und Eingeborenen sich erfreut. Durch sein ganzes Leben und Wesen ist er seinen Landsleuten eine lebendige Predigt und ein Wegweiser zu Christus. Ein Zeugnis dafür ist folgendes Erlebnis des Paulo. In dem kleinen Dorf Mkinga wohnt der frühere Oberhäuptling des Digo=Volkes mit seinem Enkel Djalala; beide waren bisher fanatische Mohammedaner. Vor nicht langer Zeit übernachtete der christliche Sultan Paulo in Mkinga bei dem Djalala. Dessen Schlafdecke war verloren gegangen, Paulo gab ihm die seine. Beide kamen in ein Gespräch über den Wert des Christentums, veranlaßt durch Fragen des Mohammedaners.„Als du neulich in Tanga vor Gericht standest— so begann er— und immer wieder böswillig verleumdet wurdest, sah ich dich nach Schluß der Verhandlung, wo niemand für dich eintrat, wie du deine Verleumder nachher freundlich grüßtest und, statt voll Zorn davonzugehen, ruhig fortgingst. Das können wir Mohammedaner nicht; hängt das mit dem Christentum zusammen?“ In seiner bedächtigen Art erwiderte der Sultan Paulo:„Mein Amt als Sultan habe ich aus Gottes Hand bekommen. Wird es mir genommen, so will Gott nich nicht mehr haben als Sultan. Ich habe meinen lebeniigen Heiland Jesus im Herzen; das läßt mich stille sein.“ Djalala dachte an die Decke, die ihm Paulo gegeben, um elbst ohne Decke zu schlafen; er dachte daran, wie oft er dem Jaulo feindlich begegnet war. Und es sollte doch im ganzen digo=Land niemand dem Heiland der Christen dienen; das ar ihr fester Beschluß. Am nächsten Morgen wanderten sie zwei zusammen nach Moa; von nichts anderem wollte Djalala wissen, als wie es sich verhielt mit dem, was er heimlich schon im Neuen Testament gelesen hatte. Er war chon einmal zu dem eine Stunde von Mkinga entfernt vohnenden Lehrer Mateo gegangen und hatte ihn gebeten, hm von dem Wert des Christentums etwas zu sagen. Vor inem Jahr hatte Djalala, als der eingeborene Pastor von Langa, Yakobo Ngombe, mit Missionar Gleiß durchs Land og, um an früheren Schulplätzen wieder Beziehungen mit lem Digo=Volk zu suchen, überallhin den Befehl ergehen sissen: Laßt euch in keinerlei Verhandlungen mit dem Rissionar ein, gebt ihm eure Kinder nicht in die Schulen! ein Jahr später fragt derselbe Djalala in dunkler Nacht den Zaulo:„Was ist der Wert des Christentums?"— Das lare Zeugnis lebendiger christlicher Persönlichkeiten durch Port und Wandel ist das wirkungsvollste Missionsmittel uch in der Mohammedanermission, nach dem Wort des Heilandes:„Lasset euer Licht leuchten vor den Leuten, daß e eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel reisen. D. Land und Volk der Batuinseln. Die 70 Batuinseln, an der Westküste von Sumatra, wischen Nias und den Mentaweiinseln gelegen, haben eine berfläche von 30 geogr. Meilen. Es sind meist fruchtbare inseln mit einer üppigen Vegetation. Selbst die großen selsen im Meer, sind, soweit die Wellen nicht darüber hinbegschlagen können, mit allerlei grünen Gewächsen bedeckt. das viele Holz in den Urwäldern hat bis jetzt nur wenig Wert, weil der Transport, besonders das Herausschaffen us den Wäldern so kostspielig und schwierig ist. Fast alle Zatuinseln sind mehr oder weniger hügelig; die höchsten Erhebungen mögen einige hundert Meter betragen. Flüsse, ie den Namen verdienen, gibt es nur auf den drei großen Inseln, Pini, Tanah Masa und Tanah Bala, und in den Flüssen wimmelt es oft von Krokodilen. Wenn man mit inem Dampfer an den Batuinseln vorbei, resp. hindurchährt, so hat man ein ganz herrliches Panorama. Man kann ich gar nicht satt sehen an all der Schönheit und Uppigkeit der Natur. Immer wieder neue Bilder in den mannigfaligsten Formen und Farben. Will man aber die Schönheit n der Nähe ansehen, dann wird man etwas enttäuscht, weil nan fast nirgends ohne Beil und Hackmesser durch das Dickicht kommen kann.— Das gilt natürlich nur von den Inseln, die noch nicht bewohnt und kultiviert sind.— Hohes Gras und Strauchgewächse von unten und Baum= oder Luftwurzeln von oben hindern uns am Vorwärtskommen. Je schwieriger für die Menschen, um so leichter für die Tiere, die da ein ungestörtes Leben führen. Große wilde Tiere, wie Löwen und Tiger gibt es dort nicht, wohl aber Schlangen, Affen, Eichhörnchen, Ratten, Mäuse und dergl. Die Affen, Eichhörnchen und Ratten sind die eigentlichen Feinde der Kokospalmen, womit die Eingeborenen denn auch fortwährend zu kämpfen haben. Von Zeit zu Zeit bekommt man auch Zwerghirsche zu sehen. Das sind ganz reizende Tierchen, die einen so ängstlich bittend anschauen können, daß man sie kaum töten mag. Vögel und wilde Tauben sind in Menge vorhanden, auch Schwalben, welche die eßbaren Nester bauen, aber verhältnismäßig wenig Singvögel. Von Haustieren wurden von den Niassern früher, außer Hühnern, Hunden und Katzen, nur Schweine gehalten. Die Malayen führten etwas später Ziegen ein. Vor etwa 30—70 Jahren hat die holländische Regierung auch Kühe eingeführt. Wie der Civil=Gezaghebber, der Herr van den Brink, mir 1890 erzählte, hatte die Regierung einige Jahrzehnte vorher, um auf den Batuinseln die Rinderviehzucht einzuführen, jedem Oberhäuptling eine Anzahl Kühe gechenkt. Damit hatte man den Niassern aber keine rechte Freude gemacht. Schweine hätten sie lieber gehabt. Die Folge ist denn auch gewesen, daß alle Häuptlinge, mit Ausnahme des einen auf Pulu Tello, nichts Besseres zu tun wußten, als ihre Kühe zu schlachten und aufzuessen. Und die Kühe auf Pulu Tello würden demselben Schicksal verfallen sein, wenn der holländische Beamte nicht dafür gesorgt hätte, daß sie erhalten blieben. Ein Malaye mußte anfangs als Hirte angestellt werden, weil die Niasser es unter ihrer Würde hielten, Kühe zu hüten. Mit der Zeit haben sie sich aber doch daran gewöhnt, und manche haben auch schon den Nutzen eingesehen und halten nun selber Kühe. Das erste Pferd habe ich im Jahre 1898 aus dem Battaklande eingeführt. Jetzt sind schon Dutzende von Pferden da, und auch Fahrräder und Kutschen fehlen nicht mehr. Sogar ein Auto ist schon da, womit Reisende, die mit dem Schiff nach Pulu Tello kommen, für 8 Gulden eine Tour von 60 Kilometern rund um die Insel machen können. Der größte Teil der Batuinseln ist noch Urwald; nur ein kleiner Bruchteil ist in Kultur gebracht und mit Kokosund Sagopalmen bepflanzt. Nachdem nun aber die Regierung den meisten Grund und Boden der Urwälder an Plantagengesellschaften verpachtet hat, wird der Urwald bald verschwinden. Von den Kokos= und Sagopalmen haben die Eingeborenen bis jetzt hauptsächlich ihr Bestehen gehabt. Die besten und größten Kokosanpflanzungen sind in Händen der Chinesen. Das ist im Blick auf die Niasser, als der eigentlichen Bevölkerung der Batuinseln, zu bedauern. Diese sind im allgemeinen zu träge und gleichgültig gewesen, und sind es zum Teil noch.„Wer hat unsere vielen Inseln mit Palmen bepflanzt? Wir. Und wer sind die Besitzer? Fremde. Nur das Unterhalten ist unser Anteil geblieben. So schrieb mir vor 25 Jahren einer von unsern niassischen Lehrern. Das war bittere Ironie. Vom Pflanzen bis zum Ernten— 6 bis 7 Jahre— ist eine verhältnismäßig lange Zeit, und diese Zeit haben viele Niasser nicht abwarten können. Sie begannen damit, ihre Palmen in hare mboea zu geben, d. h. zu verpfänden. Hatten sie aber für eine Anpflanzung, die 500 Gulden wert war, erst 200 Gulden ausgenommen, dann war von Einlösen keine Rede mehr. Der Chinese gab noch einige hundert Gulden dazu und wurde Eigentümer. Jetzt geht das nicht mehr so leicht wie früher. Vor etwa 15 Jahren ließ die holländische Regierung bekannt machen, daß die Niasser ihre Palmen einlösen könnten, wenn die Chinesen keine dokumentierten Kaufbriefe darüber in Händen hätten. Das war gut gemeint und hätte manchem Niasser helfen können, seine verpfändeten und so halb und halb verkauften Palmen wieder in Besitz zu bekommen, wenn er das nötige Geld dafür gehabt hätte. Das war aber nur bei wenigen der Fall, und so ist es denn auch im großen und ganzen so geblieben, wie es war. Es kam wohl vor, daß ein Niasser seine Palmen von dem einen Chinesen einlöste mit dem Gelde, das er von einem andern Chinesen dafür geliehen hatte. Damit war ihm natürlich nicht geholfen. Die Chinesen haben früher aber nicht nur Palmen von den Niassern gekauft, sondern haben auch für sich anpflanzen lassen. Sie nahmen dafür eine Anzahl Eingeborene in Dienst, welche die Bäume im Urwalde fällen und verbrennen mußten. Für ein Stück Grund, worauf 100 Kokospalmen gepflanzt werden konnten, bekamen sie 25 Gulden, und, solange sie daran arbeiteten, auch etwas Reis, Sago, Tabak, Salz, Streichhölzer usw. War das Geld, die 25 Gulden, eher auf, als die 100 Palmen gepflanzt waren, was sehr oft der Fall war, so mußte der Chinese Vorschuß geben. So arbeiteten die Niasser am liebsten, und die Chinesen waren damit gern zufrieden, denn solange die Niasser ihre Schulden nicht abverdient hatten, waren sie verpflichtet, weiter zu arbeiten. Wenn dann endlich mal abgerechnet wurde, so stellte es sich gewöhnlich heraus, daß die Niasser mehr Geld aufgenommen als verdient hatten. Sie behaupteten dann wohl, daß sie nicht soviel schuldig wären, wie der Chinese sagte; weil der aber lesen und schreiben konnte und alles schwarz auf weiß in seinen Büchern stehen hatte, so mußten die Niasser sich schließlich wohl oder übel damit zufrieden geben. Ob das, was in den Büchern stand, immer richtig war, ist eine andere Frage.— Nachdem die Niasser dann eine Zeitlang unzufrieden hin und her gelaufen, ohne Arbeit und natürlich auch ohne Geld gewesen waren, wurde ein neuer Kontrakt geschlossen. Der Chinese gab wieder Vorschuß und die Niasser begannen wieder zu arbeiten. So war es vor 40 Jahren, als die Niasser noch nicht lesen und schreiben konnten. Jetzt ist es nicht mehr so. Die Eingeborenen sind durch Schulunterricht verständiger geworden und lassen sich nicht mehr so beschummeln wie früher, wo die Chinesen sogar zweierlei Gewicht halten durften, ein leichtes und ein schweres, wie die Niasser sagten. Das leichte gebrauchten sie beim Verkauf, das schwere beim Einkauf. Was glauben nun die heidnischen Niasser? Sie sprechen oft von Lowaleni als dem höchsten Wesen. Sie haben also einen Gottesbegriff, aber sie kennen Gott nicht, und darum verehren und fürchten sie ihn auch nicht. Böse Geister sind es, die verehrt und gefürchtet werden. Und woher kommen die bösen Geister? Eine befriedigende Antwort dürfen wir auf diese Frage nicht erwarten. Nach niassischer Vorstellung wird die Seele, resp. der Geist des Menschen nach dem Tode ein Bechu— böser Geist. Die Niasser glauben also an die Unsterblichkeit der Seele— Seele und Geist ist wohl nach ihrer Ansicht dasselbe—, aber nicht an die Auferstehung des Fleisches; mir ist wenigstens nichts davon bekannt geworden. Und was das Fortbestehen der Seele betrifft, so ist auch das noch ein recht zweifelhafter Zustand. Etwas Bestimmtes kann darüber nicht gesagt werden. Als ich einmal einen Niasser fragte, wann es nach ihrer heidnischen Vorstellung am besten zu leben sei, jetzt oder später, da antwortete er: jetzt, denn wie es später sein wird, das wissen wir nicht. Was die Bechus angeht, so möchten die nach dem Tode des Menschen am liebsten in ihrer alten Wohnstätte zurückbleiben oder immer wieder dahin zurückkehren. Das dürfen sie aber nicht, weil sie, da sie böse sind, den Hausbewohnern Unglück bringen würden. Es wird ihnen darum vor oder nach dem Begräbnis des Toten feierlich verboten, da zu bleiben oder dahin zurückzukehren. Kommt dennoch einer heimlich zurück und macht die Menschen krank, dann kann nur der Priester durch ein Opfer Hilfe bringen. Nach niassischer Vorstellung müssen die Bechus, nachdem sie ihren Körper verlassen haben, auch noch Hunger und Durst haben, wenigstens in der ersten Zeit. Es werden ihnen nämlich nach dem Begräbnis, außerhalb des Dorfes, allerlei Lebensmittel hingestellt, wie z. B. ein Teller mit Reis, eine Flasche mit Wasser, einige Kokosnüsse, ein Kopfkissen, eine Kiste usw. Solche Sachen rührt niemand an; sie bleiben da solange stehen und liegen, bis sie vermodert sind. Als der frühere Radja Si Tipu im Jahre 1902 beerdigt wurde, hat man ihm eine ganze Kiste mit Lebensmitteln mit ins Grab gegeben. Das Wort Bechu wird auch als Schelt= und Schimpfwort gebraucht. Bechu ndaugö, d. h. du bist geizig, du bist schlecht. Beim Schimpfen und Schelten ist es eigentümlich, daß die betreffenden Personen in erster Linie nicht sich selbst, sondern ihre gegenseitigen Eltern beschimpfen, ob die noch leben oder schon tot sind, ist einerlei.„Ma ilele Ninagu“, d. h. er hat meine Mutter ausgeschimpft, habe ich oft hören müssen. Am meisten gefürchtet werden die Bechus von Frauen, die bei der Niederkunft gestorben sind. Sie heißen Matjiana, und wenn sie sehr böse sind, kann man sie des Nachts schreien hören, sagen die Niasser. Was den Charakter der Niasser betrifft, so sind sie im allgemeinen gutmütig, aber dabei auch etwas träge und gleichgültig, besonders die Männer. Die Frauen sind fleißiger. Ich habe selten eine niassische Frau in ihrem Hause stillsitzen sehen. Wenn sie nichts anderes zu tun haben, dann nehmen sie ihr Flechtwerk zur Hand, so wie die fleißigen Frauen hier bei uns zum Näh= und Strickzeug greifen. Wenn Mann und Frau gemeinsam fleißig arbeiteten, so würden sie bald von aller Not und Sorge frei sein, aber das tun bis jetzt nur wenige, und die Folge ist, daß die meisten Familien Schulden haben. Einige Tage tüchtig arbeiten, wenn sie dabei viel verdienen können, das tun Niasser gern, aber zum beständigen Durcharbeiten fehlt ihnen die Geduld. Wodurch mögen diese Menschen so geworden sein? Ich denke, durch das Aussaugesystem der Häuptlinge und Wohlhabenden, die immer dafür gesorgt haben, daß die Masse des Volkes von ihnen abhängig blieb. Und als die Leute sahen, daß sie doch nicht vorankommen und selbständig werden konnten, da fehlte ihnen schließlich auch die Lust zu selbständigem Schaffen und Wirken. Man arbeitete nur, wenn man dazu angetrieben wurde. So entstand die Sklaverei, die nach dem holländisch=indischen Gesetz nun wohl schon lange abgeschafft ist, den Eingeborenen aber doch noch in Fleisch und Blut sitzt. Durch das energische Eingreifen der Regierung dürfen die niassischen Häuptlinge ihre Untergebenen jetzt nicht mehr so schinden wie früher, als jeder Häuptling seine Leute mit Gold und Schweinen bestrafen konnte. Die bürgerliche Ordnung auf den Batuinseln, so wie sie jetzt ist, darf wohl eine musterhafte genannt werden. Jedes Dorf hat seinen Häuptling, dem einige Männer, die mit den Sitten und Gebräuchen gut bekannt sind, zur Seite stehen. Etwa zehn bis zwölf solcher Dörfer stehen unter einem Oberhäuptling, wovon es im ganzen sieben gibt. Alle Oberhäuptlinge stehen unter dem Demang— früher Radja— und der Demang ist dem holländischen Beamten unterstellt. Einmal monatlich, am ersten Tage nach dem Vollmonde, kommen sämtliche Häuptlinge im Hause des Demang zusammen und gehen, mit diesem an der Spitze, nach dem Gouvernementsbüro, wo der Beamte ihnen etwaige neue Gesetze und Gouvernementsbestimmungen mitteilt. Geringe Sachen, wie Streit um Geld und Gut bis 50 Gulden, um Frauenentführung und dergleichen kann der Demang mit den Häuptlingen behandeln, wogegen wirkliche Verbrechen wie Mord und Totschlag vom holländischen Gericht untersucht und bestraft werden. Mord und Totschlag kommen selten vor. Zank und Streit um das Mein und Dein, besonders um Gold und Fruchtbäume, sehr oft. Frauenentführung ist etwas Gewöhnliches und nach niassischen Begriffen auch nichts Besonderes. Mag eine Frau ihren Mann nicht mehr leiden und ein anderer Mann will sie haben, so entführt er sie, hält sie eine Zeitlang verborgen und zahlt, wenn er dazu aufgefordert, resp. gezwungen wird, eine gewisse Summe Gold als Entschädigung für den Brautpreis, den der erste Mann für die Frau gegeben hatte. So erfordert es die niassische Gerechtigkeit. Zum Schluß muß ein Schwein geopfert werden, welches von den versammelten Häuptlingen gemeinsam verzehrt wird. Ist das geschehen, dann ist alles in Ordnung. Durch das Opferschwein, Bawi wemondi genannt, d. h. Schwein zur Reinigung oder Abwaschung, ist dem Gesetz Genüge getan. Mehr kann ein heidnischer Niasser nicht leisten und mehr wird auch nicht von ihm verlangt. Sittlich stehen die Niasser nicht besser und nicht schlechter als andere Heidenvölker auch. Uneheliche Kinder sind freilich eine Seltenheit, das hat aber wohl darin seinen Grund, daß die Niasser jung heiraten, und da es nicht mehr Frauen als Männer gibt, auch alle heiraten können. Die Polygamie ist erlaubt, doch wird davon nur wenig Gebrauch gemacht, weil das Gold für mehrere Frauen nicht vorhanden ist. Viele Kinder haben ist eine Ehre und wird als ein Segen Gottes angesehen. Die Niasser sind kinderlieb und haben auch viele Kinder, so daß die Bevölkerung von Jahr zu Jahr zunimmt, trotz wiederholter epidemischer Krankheiten. Im Jahre 1840 wurden auf den Batuinseln etwa 3000 Seelen gezählt. 1889 waren es 8627. Bei der Volkszählung 1920 12 154, wovon 8684 Niasser, 2774 Malayen und 696 Chinesen waren. Jetzt werden es in runder Zahl 13000 sein. Die Buginesen, die vor langer Zeit von Celebes herübergekommen sein sollen, wohnen in dem Dorfe Kotto auf der großen Insel Tanah Masa. Sie haben früher ihre eigene Sprache gehabt und bis zum Jahre 1916 über alle andern Bewohner der Batuinseln geherrscht. Jetzt sprechen sie alle niassisch und sind darum auch mit diesen zusammengezählt. Wie wir auf beifolgenden Bildern sehen können, sind die Niasser jetzt keine Wilden mehr, die halbnackt in den Wäldern hausen, sondern anständig gekleidete Menschen, die man wohl liebgewinnen kann. Ihr Körperbau ist von mittlerer Größe, sie haben eine bräunliche Hautfarbe und angenehme Gesichtszüge. Die Frauen und Mädchen schmücken sich gern mit goldenen und silbernen Haarpfeilen, die sie in ihrem dunklen Haar recht würdevoll zu tragen verstehen. Auch große, künstlich gearbeitete Ohrringe tragen sie gern. Sie machen im allgemeinen einen sauberen Eindruck. Was die Begabung betrifft, so können die niassischen Kinder auf den Schulen gerade so gut lernen wie die chinesischen und malayischen Kinder. Gegenüber Europäern ist der Niasser höflich. Will z. B. jemand an uns vorbeigehen, so bittet er erst um Erlaubnis. Da die niassischen Mädchen alle heiraten und als Bräute gekauft werden, so sind allein die Knaben erbberechtigt. Außer ihrer Aussteuer können die niassischen Mädchen nur dann etwas von ihren Eltern erben, wenn der Vater das auf einer öffentlichen Volksversammlung als seinen Wunsch ausgesprochen hat. Der Niasser ist gewöhnt so zu sprechen, wie er glaubt, daß es für ihn gerade am besten ist. Ob das, was er sagt, wahr ist, wird wohl nur selten bedacht. Der Zukunft gehen Niasser sorglos entgegen. Hochzeiten und Totenfeste sind Höhepunkte in ihrem Leben. Sie können wohl mal ausgelassen fröhlich sein, aber glücklich sind ste nicht. Nein, die Heiden sind nicht so glückliche Menschen, wie man früher oft angenommen hat; glücklich werden sie erst dann, wenn sie das Evangelium gehört haben und durch Christum Kinder Gottes geworden sind. W. Frickenschmidt. Erscheint wö .36 Bestellge Ausland un Einzelnum Nr. 4. Gott ist n Er ist der Groß ist Und alle Ist Gott Will Gott So frag i Und biete Cig Maleachi 8 Alles wechse ten.„Kein Ding dem, der dabei der über allem Freunde können nicht von der Se verlassen und e und legt den A Gott.“„Jedesm sor,„wenn ich n ließ, sind diese E entzogen worden les erinnern, in völlig enttäuscht und Kraft des 0 nicht in des Zu allein in der Hut dann und wann sondern stets un selber betrifft, sch hat. Und kkeinen gehören will. G der Taufe und briefte Zusage Mensch, daß er — wer Gottes G kann Gott dafür er zwingt uns beim Wort nimm und zusagt. Er h zelne bloß hat er zelne Lieblinge; wie der andere. ihm nicht mehr bung und als die Seele wohnt. Ge Blicke dich einma einem ganzen S# mußt eine Verhei mögen sagen, was wir alle so lebten len, so wären wir Herrn Treue ist's guten Vorsätze u rechten Wege hält schwach und und Stütze zur eigenen gehen ins neue Ic „Führ' Und ma Steh sel Und führ Schriftleitung: W. Kraa, Wirtschafts= und Weltpolitik: Dr. H Huttel, Anzeigen: K. Diekmann, alle in Bethel. Zuschriften für die Schriftleitung: Bielefeld. Schließfach 28. Für Geldsendungen Postscheckkonto: Hannover 67377,„Aufwärts“, Christliches Tageblatt, Bethel v. Bieleseld. Fernruf 3911/3916, Am Bielefeld. Druck und Verlag: Anstalt Bethel. Wie Jahr br von Mu führende zu dieser ben 3 Geister worten Sie der haben ir dert, da