1— Abonnementspreis für Bielefeld und Umgegend, sowie bei sämtlichen Agenturen frei ins Haus gebracht 60 Pfg. monatlich. Durch die Post bezogen 1,80 Mk. vierteljährlich exklusive Bestellgeld. Einzelnummer 10 Pfg. Insertionspreis für die einspaltige Petitzeile oder deren Raum 15 Pfg. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt, Erscheinungstage mit Ausnahme der Sonn= und Feiertage täglich nachmittags. Fernsprech=Anschluß Nr. 353. Organ der Sozialdemokratie für das östliche Westfalen und die lippischen Fürstentümer. Buchhandlung, Druckerei, Erpedition und Redaktion: Schulstraße Nr. 20. Inseraten=Annahme bis ½9 Uhr vormittags. Größere Inserate müssen bis 5 Uhr abends tags zuvor aufgegeben sein. Druck und Verlag per Buchdruckerei und Buchhandlung „Volkswacht“ Gerisch& Co., Wieleseld. Nr. 128. Bielefeld, Sonnabend, 5. Juni 1909. 20. Jahrg. Die heutige Rummer umfaßt 12 Seiten einschließlich der Unterhaltungsbeilage„Nach Feierabend“. Die Krise des Imperialismus. Nicht nur Deutschland und England, Japan und die nordamerikanische Union sind von der Flottenleidenschaft beherrscht. Im Mittelmeer rüsten Italien und Oesterreich, in Osteuropa suchen die Türkei und Rußland ihre Kriegsflotte wieder„auf die Beine" zu bringen, Frankreich und Spanien, China und Brasilien, Mexiko und Argentinien, Chile, Kanada, Australien und Neuseeland, alle, alle stellen sie Flottenprogramme auf, legen sie Mordschiffe auf Stapel. Oft sind es nur kleine Kreuzer und Torpedobootzerstörer, aber gleichviel: Alle wollen sie ein Wörtlein mitreden, alle glauben sie etwas schützen zu müssen. Es scheint manchmal, als ständen wir noch nicht mitten drin, sondern erst im Anfang eines ungeheuerlichen internationalen Wettrüstens. Und die Tatsache, daß selbst sehr friedlich und weltbürgerlich gesinnte Leute, aufrichtige Bekenner zur internationalen demokratischen Gleichberechtigung, daß selbst Sozialdemokraten von dieser internationalen Weltrüstungsunruhe angesteckt werden können, läßt den Kampf gegen den Flottenchauvinismus gelegentlich als eine politisch undankbare, um nicht zu sagen unfruchtbare Illusion erscheinen. Aber gerade jetzt gilt es für die Sozialdemokratie, an der alten Parole zäher als je festzuhalten, ja den Kampf gegen Imperialismus und Chauvinismus mit doppelter Energie zu führen. Denn wenn nicht alles täuscht, stehen wir nicht fern von einer Krisis, und zwar einer Krisis, die, weit entfernt davon, den grundsätzlichen Standpunkt der Sozialdemokratie als falsch zu erweisen, ihn im Gegenteil glänzend rechtfertigt. Wer zuletzt lacht, lacht am besten, und wer in der Flottenfrage zuletzt recht behält, der wird eine gewaltige Ernte des Volksvertrauens in seine Scheuern sammeln. Denn so weit ist es heute gekommen, daß die Entscheidung über Flotten- und Weltpolitik geradezu in erster Linie die Entscheidung über Vertrauen und Mißtrauen großer Volksteile in sich birgt. Je toller aber der Rüstungsfanatismus jetzt angeschwollen ist, und je höher er in den unmittelbar bevorstehenden drei bis fünf Jahren möglicherweise noch steigen kann, um so gründlicher wird die Ernüchterung danach sein. Wenn irgend wo, dann wird sich auf diesem Gebiete die Idee von der historischen Dialektik bewahrheiten, das heißt, jene durch vielfache Beobachtungen gestützte Vorstellung, daß eine Triebkraft der geschichtlichen Entwicklung sich gewissermaßen bis zum Erbrechen durchsetzt, um dann in ihr Gegenteil umzuschlagen: aus einem Hilfsmittel der Entwicklung zu einem Hemmnis zu werden, und damit aus einem die Menhen beherrschenden Ideai zu einer Marotte der Altväterischen und Zurückgebliebenen. Unmittelbar bevor aber ein Ideal zur Marotte wird, pflegt es die stärkste suggestive, agitatorische und politische Kraft zu entfalten, zu einer Zeit, in der seine sachlichen, in diesem Falle ökonomisch=politischen Grundlagen bereits ins Wanken geraten sind und in der es aus einem Förderungsmittel tatsächlich zu einem Hemmnis der geschichtlichen Entwicklung geworden ist. Diesen kritischen Zeitpunkt aber hat die imperialistische Flottenpolitik mit dem russisch=japanischen Kriege und der türkischen Revolution für Europa und die nordamerikanische Union (noch nicht für Japan und China) erreicht. Mit dem Siege Japans über Rußland war dem russischen, dem amerikanischen, dem westeuropäischen Imperialismus in Ostasien ein zwingendes Halt geboten, und mit der türkischen Revolution hat der Unabhängigkeitskampf der mohammedanischen Welt gegen die abendländische Ober= und Vorherrschaft begonnen. Beide, japanischer Sieg und türkische Revolution, begegnen sich mit ihren Wirkungen in Indien, um dort das mächtigste aller Weltreiche, das britische, an seiner Lebensader zu treffen. Von nun an kann es keine russischen, keine britischen, keine nordamerikanischen, keine französischen oder deutschen Eroberungskriege großen Stils mehr geben. Alle diese Großstaaten sind mit ihren politischen Uebersee- resp. bei Rußland Ueberlandinteressen in die Verteidigungsstellung gedrängt, und selbst das russische Vorgehen in Persien, das englische in Siam trägt wie das österreichische in Bosnien lediglich den Charakter, vor Toresschluß noch schnell zu retten, was allenfalls zu retten ist. Die Ironie der Weltgeschichte ist auch diesmal, daß die kapitalistische Ausdehnung selber wirtschaftlich die Kräfte des Widerstandes entfesselt hat, die ihrem politischen Vordringen ein Ziel setzen. Wie der Kapitalismus im Innern die mächtige Gegenwehr der Arbeiterbewegung hervorruft, so entfesselt er im Auslande die Kräfte nationaler Erneuerung. Nicht immer und zu allen Zeiten ist ja der Nationalismus reaktionär: Wie er in Europa die bürgerlichen Verfassungsstaaten geschaffen hat, so hat er Amerika zur Unabhängigkeit verholfen, so befreit er die asiatischen Völker vom enropäischen Herrschaftsdruck, so wird er schließlich auch Afrika den Afrikanern zurückerobern. Die imperialistische Weltmachtpolitik aber hat angefangen,„öde“ zu werden. Deswegen sind auch die Flottenrüstungen verschieden zu bewerten: die der„Schwachen" als Zeichen ihrer wachsenden Stärke, die der„Starken" umgekehrt als Beweise ihrer Schwäche und zunehmenden Unruhe. Aber alle Unruhe kann den Starken nichts helfen. Ueber kurz oder lang werden sie zu dem Eingeständnis gezwungen sein, daß ihre Rüstungen viel zu klein geworden sind für die Aufrechterhaltung weltmachtpolitischer Ansprüche, und viel zu groß für die Verteidigung der wirklichen„nationalen“ Interessen, die durch ehrliche Anerkennung internationaler Gleichberechtigung am besten gewahrt sind. Die Sozialdemokratie aber, die die Rüstungen zunächst nur aus dem einen Gesichtspunkt heraus bekämpft hat, daß die Arbeiterklasse als natürliche Gegnerin aller Unterdrückung auch Gegnerin machtpolitischen Ausdehnungsbestrebens sein muß, erhält die Bestätigung und Unterstützung ihrer Politik durch die Erfahrung, daß das machtpolitische Ausdehnungsstreben je länger desto unrettbarer an dem wachsenden Selbstbewußtsein gerade der wirtschaftlich wichtigsten„Objekte“ der Machtpolitik scheitert. Deutsches Wird der Familiensinn durch die Erbschaftssteuer zerstört? Auf diese Frage antwortet der freisinnige Abgeordnete Prof. Dr. Doormann in der„Vossischen Zeitung“ vom 3. Juni. Der deutschsoziale Reichstagsabgeordnete Dr. Böhme hatte vor einiger Zeit seine agrarischen Freunde, die Großgrundbesitzer, als Güterspekulanten bezeichnet, deren Familiensinn keiner besonderen Schonung bedürfe, und in deren Munde derartige Worte lediglich Schlagworte sind. Dem Dr. Böhme ist dies sehr übel gedeutet worden; er hatte aber recht. Prof. Dr. Doormann weist an der Hand der Statistik nach, daß der Besizwechsel durch Kauf um ein Beträchtliches häufiger ist als durch Erbgang. Er schreibt: „Was zunächst den Eigentumswechsel einerseits durch Erbgang, Vermächtnis usw., andererseits durch Kauf, Tausch und Enteignung anlangt, bei allen land= und forstwirtschaftlichen Grundstücken über 2 Hektar Umfang, so lieferte das Jahrzehnt 1896 bis 1905 im Durchschnitt insgesamt 62 255 Fälle jährlich; davon entfallen 24.852 oder 39,7 v. H. auf Erbfälle, der Rest auf Käufe. Verfolgt man die einzelnen Jahre, soweit das vorliegende Material es gestattet, so stellten sich die entsprechenden Prozentsätze in den Jahren 1903 bis 1905 auf bezw. 38,1 v. 38,4 v. H., 36,6 v. H. Es scheint demnach keinem Zweifel zu unterliegen, daß der Anteil der Erbgänge und ähnlicher Fälle des Besitzwechsels zurückgeht, dagegen der Besitzwechsel infolge Kaufs usw. nicht nur absolut, sondern auch relativ zunimmt.“ Gegen den Entwurf der Reichsversicherungsordnung werden auch die Aerzte auf dem in einigen Wochen stattfindenden Aerztetag in Lübeck Stellung nehmen. Der Leipziger Verband, dem über drei Viertel aller deutschen Aerzte angehören, trilt schon jetzt mit bestimmten Vorschlägen hervor: „Jeder Arzt soll erklären, daß er bei der Ein= und Durchführung des„Entiourfs seine Mitwirkung versagt und nötigenfalls jede Tätigkeit bei den Krankenkassen einstellt, wenn die Bestimmungen über den ärztlichen Dienst in der vorliegenden oder in gleichbedeutender Form Gesetz werden. Sollte der Aerztetag die Bestimmungen für unannehmbar erachten, so soll von dem Wahlrecht zu den sogenannten Schiedsinstanzen kein Gebrauch gemacht werden; an der Aufstellung der Arztordnungen sollen nicht die einzelnen Aerzte, sondern nur die ärztlichen Organisationen mitwirken, ebenso soll die Bewerbung um eine Kassenarztstelle oder die Annahme einer angebotenen Stelle nur durch Vermittlung der Organisation geschehen. Sollten trotzdem Arziordnungen aufgestellt und sogenannte Schiedsinstanzen gebildet werden, so soll ihnen die Anerkennung versagt und es soll das Recht zum Rücktritt von Verträgen vorbehalten werden; jede direkte Vertragsverhandlung soll abgelehnt, Kassenkranke sollen lediglich als Privatpatienten behandelt werden, nach Sätzen, die die örtliche Aerzteorganisation aufstellt; es sollen keinerlei Zeugnisse für die Kassen ausgestellt, keinerlei Kassenformulare für Rezepte usw. benutzt werden.“ Das Einfuhrschein=Geschäft. Wenn die Agrarier Getreide nach dem Auslande ausführen, dann erhalten sie den Getreidezoll, den sie natürlich garnicht bezahlt haben, rückvergütet und zwar in der Form, daß sie einen Gutschein bekommen, der auf den Betrag des Zolles lautet, und mit diesem Gutschein dürfen sie dann den Zoll für eine Reihe anderer Produkte, die sie aus dem Auslande einführen, bezahlen. Diese Einfuhrscheine sind ein direktes Geschenk an die Agrarier. Im Jahre 1908 wurden nicht weniger als 99,26 Millionen Mark an solchen Einfuhrscheinen ausgestellt und im Monat April ist für den ausgeführten Roggen 4,23 Millionen Mark mehr an Einfuhrscheinen bezahlt worden, als das Reich für den eingeführten Roggen an Zoll eingenommen hat. Diese Einfuhrscheine tragen ganz wesentlich mit dazu bei, daß die Einnahme aus dem Getreidezoll fast regelmäßig hinter den Voranschlägen zurückbleibt. Der Reichsverband„erklärt". Zu dem in der Parteipresse veröffentlichten geheimen Briefwechsel zwischen dem fürstlich Pleßschen Grubendirektor Regierungsrat Keindorff und dem Schulinspektor Dr. Seehausen in Waldenburg, in dem die Volksschullehrer als unfähige Elemente bezeichnet wurden, gibt der Generalsekretär des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie, Daerr=Breslau, eine Erklärung ab. Im Auftrage der Hauptleitung des Reichsverbandes und des Vorsitzenden des schlesischen Landesausschusses, Fürsten Pleß, erklärt er, daß sowohl der Reichsverband wie auch der Schlesische Landesausschuß mit dem Inhalte des Briefes in keiner Weise einverstanden seien, im Gegenteil seien die Lehrer im Kampfe gegen die Sozialdemokratie garnicht zu entbehren. Der Brief Keindorffs enthalte nur die persönliche Ansicht des Verfassers; ein Beschluß, Volksschullehrer nicht zu den Ausbildungskursen des Reichsverbandes zuzuziehen, sei nicht gefaßt worden. Die preußischen Schullehrer werden nach dieser Erklärung vermutlich in Massen unter die Fahnen des Reichsverbandes eilen, um die Sozialdemokratie vernichten zu helfen. Die hohen Mehl= und Getreidepreise und die Leipziger Bäckerinnung. Kürzlich ließen die Leipziger Bäckermeister in der Leipziger Presse ein Inserat los, in dem sie auf die durch die hohen Mehl- und Getreidepreise notwendig gewordene Verkleinerung des Gebäckes hinwiesen und die Schuld an dem Zustande den Agrariern zuschoben, also den Brotwuchern, denen gerade die Bäckermeister die treueste Gefolgschaft geleistet haben. Mittwoch, 2. Juni, hat nun eine Versammlung der Leipziger Bäckerinnung zu der Situation Stellung genommen und nach Anregung einer anderweitigen Gebäck-Preisregelung eine Resolution angenommen, in der die Versammlung sich gegen das„verwerfliche System der Ausfuhrprämien in Form von Einfuhrscheinen und deren Verwendung bei Einführung anverer Produkte, sowie der Begünstigung der Ausfuhr von Getreide durch Ausfuhrtarife" wenden. Der deutsche Bäckerinnungsverband„Germania“ soll eine Petition an den Reichstag und die Regierung richten, in der gefordert wird, daß der Identitätsnachweis wieder eingeführt und jeder Export= und Ausnahmetarif für Brotgetreide aufgehoben werde. Keine Beteiligung der Behörden am Wahlkampf. Heidelberg, 3. Juni. Der Minister des Innern, Freiherr von Botmann, hat, dem„Heidelberger Tageblatt“ zufolge, angeordnet, daß die ihm unterstellten Amtsvorstände bei den für den kommenden Herbst bevorstehenden Landtagswahlen sich neutral verhalten und sich nicht an den Wahlkämpfen beteiligen sollen. Protest gegen die Reichswertzuwachssteuer. Die Vorstände der Vereine der Freisinnigen Volkspartei in Elberfeld haben beschlossen, den Oberbürgermeister und das Stadtverordnetenkollegium in einer Eingabe zu ersuchen, beim Reichstage gegen die beabsichtigte Reichsumsatz= und=wertzuwachssteuer Einspruch zu erheben. In dem Antrage wird hervorgehoben, daß damit„gegen eine weitere Belastung des städtischen Grundbesitzes und gegen die ungeheuerliche konservativ-ultramontane Gesetzesmacherei protestiert werden soll". Regierungen und Finanzreform. Die„Nationalzeitung“ behauptet in ihrer Nummer vom 4. Juni, sie habe von unterrichteter Seiter erfahren, „daß die Regierung entschlossen ist, die Kotierungssteuer, die Mühlenumsatzsteuer und den Kohlenausfuhrzoll mit aller Schärfe zu bekämpfen. Die Kotierungssteuer entspreche der Forderung der verbündeten Regierungen nach 100 Millionen Besitzsteuern aus dem Grunde nicht, weil sie nicht allgemein wirkt. Eine Steuer, die in einseitiger Weise ein einzelnes Gewerbe belastet, sei keine Besitzsteuer. Die Kotierungssteuer könne aber weder als Ersatz für die Erbansallsteuer, noch überhaupt ats Besitzsteuer in Betracht kommen. Sie müsse von der Regierung abgelehnt werden. Was von den 100 Millionen die Erbschaftsbesteuerung nicht decken könne, sei durch allgemeine Besitzsteuern zu ergänzen und nicht durch einseitige Belastung von Handel und Industrie. Dabei bleibe es. Die Mühlenumsatzsteuer sei im Reichstage verlangt worden als eine wirtschaftliche Maßregel zum Schutz der kleinen Betriebe. Da es aus diesem Grunde verfehlt sei, sie in das Finanzgesetz hineinzuarbeiten, wie der Schatzsekretär in der Rumpfkommission nachdrücklichst betont hat, sei sie für die verbündeten Regierungen im Namen der Finanzreform gleichfalls nicht annehmbar. Der Kohlenausfuhrzoll endlich würde in die ganze Konstruktion der Grubenindustrie in unmöglicher Weise eingreifen. Da die Zechen ihn selbstverständlich auf die Konsumenten abwälzen wurden, würde eine Verteuerung des inländischen Kohlenmarktes die unvermeidliche Folge sein. Die Regierung wird auch hier nicht mitgehen. Aufs bestimmteste wird uns(der„Nationalzeitung") versichert, daß der Reichskanzler, dessen Stellung zu diesen drei Steuern sich mit den hier wiedergegebenen Ausführungen deckt, aus dieser Position nicht weichen werde. Darauf könne man sich unbedingt verlassen.“ Nach Mitteilungen der bayerischen Zentrumspresse haben zwischen dem Kammerpräsidenten v. Orterer und anderen Mitgliedern der Zentrumsfraktion geheime Besprechungen mit dem bayerischen Finanzminister stattgefunden, um diesen zu veranlassen, den Bundesrat für die Beschlüsse der ultramontankonservativen Mehrheit der Reichstagsfinanzkommission gefügig zu machen. Die Besprechungen scheinen aber auf den bayerischen Finanzminister bis jetzt noch nicht den nötigen Eindruck gemacht zu haben, denn die Zentrumspresse droht der Regierung, daß sie sich politisch isoliere, wenn sie auf ihrer Vertretung der Erbschaftssteuer und der Ablehnung der Produkte der Finanzkommission beharre. Aber auch diese Drohungen werden wohl deswegen wirkungslos bleiben, weil— wie die„Münch. Post“ sicher zu wissen glaubt— bestimmte Abmachungen zwischen den süddeutschen Bundesregierungen bestehen, von denen Bayern nicht zurückkann, ohne wortbrüchig zu werden. Nach der„Frankf. Zeitung“ unterliegt es keinem Zweifel mehr, daß die nächsten Dienstag in Berlin zusammentretende Finanzministerkonferenz im Sinne der verbündeten Regierungen dasjenige, was die konservativ=klerikale Mehrheit als angebliche Besitzsteuer beschlossen hat, in allen wesentlichen Teilen als undurchführbar, als ungerecht, Handel, Verkehr und Industrie schädigend, erkennen und verwerfen wird. Im weiteren werden die Finanzminister sowohl über die Erbschaftssteuer als über die von der Regierung vorgeschlagenen Ersatzsteuern zu beschließen haben. Ueber neue Steuervorschläge der Regierung weiß die „Frankf. Zeitung" zu berichten, daß eine Erhöhung des Effektenstempels und eine Aenderung des Wechselstempels für Wechsel, die länger als drei Monate laufen, in Aussicht genommen ist. Einige 20 Millionen sollen von den Banken erhoben werden; außerdem soll die Wertzuwachssteuer auf Immobilien noch kommen. Zuguterletzt kommt die„Neue gesellschaftliche Korrespondenz“. und erzählt der Welt, daß sie„zu wissen glaube, daß die Bundesfürsten, den Kaiser nicht ausgenommen, es als eine Art von Ehrenpflicht dem deutschen Volke gegenüber ansehen, die Erbanfallsteuer durchzusetzen, und daß das Verhalten der Mehrheit in der Finanzkommission bei ihnen eine sehr starke Verstimmung gezeitigt habe.“ M 4 Der Krach zwischen den Nationalliberalen und dem Bund der Landwirte in der scheint angesichts der bevorstehenden Reichstagsersatzwahl im Wahlkreise Neustadt=Landau perfekt zu sein. Wie schon kurz mitgeteilt, verlangt der Bund der Landwirte, daß der Kandidat— falls man den Nationalliberalen die Präsentation des Kandidaten überlassen sollte— in wirtschaftlichen Fragen das Programm des Bundes anerkennt und sich insbesondere in der Frage der Reichsfinanzreform auf dem Boden der agrarischen Anschauungen stellt. Eine entsprechende Resolution, die auf einer Vertrauensmännerkonferenz des Bundes, die am Pfingstmontag tagte, einstimmig angenommen wurde, gibt der freisinnig=liberalen„Neuen Bürgerzeitung“ in Neustadt in ihrer Nummer vom 2. Juni Veranlassung zu folgender, nicht mißzuverstehender Absage an die Bündler: „Der Pfingstbeschluß der Bündler bedeutet in unserem Wahlkreise eine reinliche Scheidung zwischen rechts und links, die längst hätte kommen müssen. Wir glauben nicht, daß der größte Teil der vorderpfälzischen Bauern diese Politik des nackten Klassenegoismus mitmachen wird. Jetzt ist endlich einmal Klarheit geschaffen und der Weg für einen zielbewußten Liberalen frei.— Ein liberaler Mann kann die Interessen der Pfälzer Bauern besser vertreten, als ein Vollblutagrarier, der bei allen seinen Schritten nur die Interessen des ostelbischen Großgrundbesitzes vertritt.... Mit der albernen Phrase vom Schutze des deutschen Familiensinnes kommt man nicht über die Tatsache hinweg, daß vier Fünftel der pfälzischen Landwirte von der geplanten Erbschaftssteuer garnicht betroffen werden...“ So energisch, wie diese Worte sich anhören, so„echt liberal“ klingt der Artikel aus: „Der Wahlkampf... muß so geführt werden, daß alles persönliche streng ausgeschaltet wird und daß zwischen Liberalen und Bund noch der Weg einer Verständigung für die Stichwahl offen bleibt.“ Entschiedener und kampfeslustiger drückt sich die altliberale „Zweibrücker Zeitung" zu der Bundesresolution aus. Sie schreibt: „Sie(die Resolution) ist ein gutes Beispiel für die Anmaßung der Bundesführer und für die jesuitischen Gepflogenheiten, die im Bund der Landwirte immer mehr in Schwung kommen.... Die Resolution kommt einer Kriegserklärung gleich und es wird im Wahlkreise Neustadt=Landau zum Kampf kommen, der infolge des bündlerischen Uebermutes und des Umstandes, daß es sich für die Nationalliberalen um die Behauptung des letzten pfälzischen Mandates handelt, voraussichtlich sehr erbittert geführt werden wird.“ Es wird weiter darauf verwiesen, daß der Wahlkampf nicht ohne Einfluß auf die nächsten Wahlen sein wird, dann heißt es in bezug auf die Kandidatur Roesicke in Kaiserslautern: „Daß die Liberalen eine Kandidatur Roesicke nicht zum dritten Male schlucken werden, darüber ist man sich wohl auch beim Bund klar... Vom parteipraktischen Standpunkt ist es sogar erwünscht, wenn es zu einer Klarstellung der beiderseitigen Machtverhältnisse käme.“ Nach diesen Preßäußerungen erscheint die Spaltung zwischen Bund und Liberalen unüberbrückbar, wenn nicht im letzten Momente die Liberalen doch noch den Kotau vor dem Bunde machen. Frankreich. Reform der Kriegsgerichte. Paris, 3. Juni. Die Kammer beriet heute den Gesetzentwurf betr. die Reform des Kriegsgerichts. Es wurden angenommen: Artikel 4, welcher verlangt, daß Geschworene der Militärpflicht Genüge geleistet haben müssen, Artikel 5, der bestimmt, daß die Geschworenen entsprechend dem Range der Angeklagten gewählt werden müssen, Artikel 6, der die Beanstandung des Obmannes der Geschworenen betrifft, und Artikel 7, der verlangt, daß zu einer Verurteilung eines Angeklagten der Spruch der Geschworenen mit 5 gegen 2 Stimmen erforderlich ist. Ein Defizit. Brüssel, 4. Juni. Der fortschrittliche Abgeordnete Emyl erhob gegen den Finanzminister die schwere Anklage, mit Absicht ein Defizit von 10½ Millionen in der Kasse für Alterspensionen zu verbergen. Der Minister bestritt zwar das Defizit und will an einen Ueberschuß von 27 Millionen glauben machen, in Wirklichkeit aber schuldet der Pensionsfonds der Post, die die Pensionen vorschußweise auszahlt, 38 Millionen. Die Dumakommission über die Dubrowin=Interpellation. Das erdrückende Beweismaterial, das die Opposition wegen der meuchelmörderischen Tätigkeit der echtrussischen Bundesgenossen des Zaren der Kommission unterbreitete, zwang diese, die Interpellation fast einstimmig anzunehmen. Die Kommission erachtete es als möglich, folgende verbrecherischen Taten, an welchen Personen teilnahmen, welche zu gleicher Zeit Mitglieder des russischen Volksverbandes und Agenten der Regierung waren, in die Interpellation aufzunehmen: 1. Die Organisation von Kampfgenossenschaften, welche mit id Unterstützung der Lokalbehörden mit Waffen ver4. Die Organisation der Ermordung des Mitgliedes der ersten Reichsduma 5. Die Organisation des Mordversuches gegen den früheren Vorsitzenden des Ministerrates, Graf Witte. 6. Die Verbergung einer Reihe von Personen, welche an diesen verbrecherischen Taten teilgenommen hatten. Unabhängig von diesen Thesen tatsächlichen Inhaltes mußte die Kommission mit der Nowwendigkeit rechnen,„volles Licht auf eine Reihe von Erscheinungen verbrecherischen Charakters zu werfen, welche die öffentliche Meinung im höchsten Grade beunruhigten und bis jetzt ohne autoritative Einmischung und energische Bekämpfung der Staatsgewalt geblieben sind, wenn man nicht die schwachen Versuche der finnländischen Rechtssprechung in Betracht zieht". Man kann sich keine ärgere Brandmarkung der Politik des Zaren und der Regierung denken, als diese Anklageschrift seitens der treuergebenen dritten Reichsdumg. Kommunales. Wissen und Unterstützung der Lakalbehörden mit Waffen sehen wurden. 4 2. Die Vorbereitung von politischen Morden durch Mitglieder des russischen Volksverbandes, die in einigen Fällen zu gleicher Zeit Agenten der politischen Schutzabteilung waren. 3. Die Organisation der Ermordung des Mitgliedes der ersten Reichsduma, Herzenstein, und die Teilnahme an der— Bielefelder Sommertheater. cn. Freitag, 4. Juni: Comtesse Gucker!, Lustspiel in 3 Akten von Franz von Schönthan und Franz Koppel=Ellfeld. Wir haben das Stück schon einmal im Sommertheater gehört und zwar in vorzüglicher Besetzung. Etwas Besonderes ist nicht daran. Eine ziemlich fade Liebesgeschichte, die genießbar nur wird durch die Comtesse Guckerl und dadurch, daß die Handlung nach Karlsbad in das Jahr des Besuchs Goethes gelegt wird. Die Hauptsache ist, daß sie sich kriegen, der Schwerenöter Horst von Neuhoff, der natürlich Offizier sein muß, kriegt die Comtesse Guckerl und der Badekommissar Leopold von Mittersteig die Cilli, Tochter des Hofrats Alois von Mittersteig. Auf die Comtesse Guckerl kommt es für den Erfolg des Stückes an, Guckerln muß sie eben haben, und die fehlten Renée Imrey. Im übrigen war die Aufführung in ihrer Gesamtheit recht gut. Walter Neumann gab den Schwerenöter und sand für die rührseligen Stellen die richtigen Herzenstöne. Willy Schneider markierte recht gut den Hofmann mit den beiden Schultern, auf welchen er zu tragen hat, und Milada Walden war eine treffliche Hofrätin. Die Cilli war bei Käte Mallincourt gut aufgehoben und auch der Badekommissar bei Josef Kießlich. Endlich auch den Generat. Emögischeff#ur. Ognnd Genning byne —d. Von der Westfälischen Landgemeinde=Ordnung. Die Aufsicht des Staates über die Verwaltung der Angelegenheiten der Landgemeinden, der Aemter in der Provinz Westfalen, sowie der Gutsbezirke wird, unbeschadet der Vorschriften der Kreisordnung und der in den Gesetzen geordneten Mitwirkung des Kreisausschusses und des Bezirksausschusses, in erster Instanz von dem Landrate als Vorsitzenden des Kreisausschusses, in höherer und letzter Instanz von dem Regierungspräsidenten geübt. Beschwerden bei den Aufsichtsbehörden in den vorbezeichneten Angelegenheiten sind in allen Instanzen innerhalb zwei Wochen anzubringen. Der Landrat ist, wenn er es in besonderen Fällen für nötig findet, befugt, in der Gemeinde= und Amtsversammlung den Vorsitz, jedoch ohne Stimmrecht, zu übernehmen, imgleichen die Einberufung einer solchen Versammlung anzuordnen. Zur Gemeindeversammlung dieser Art muß der Amtmann eingeladen werden. Für alle dem Amtmann obliegenden Geschäfte, mit Ausnahme der ihm etwa übertragenen Funktionen als Amtsanwalt, ist der Landrat dessen unmittelbarer Vorgesetzter. Durch Königliche Verordnung auf den Antrag des Staatsministeriums kann eine Gemeindeversammlung, sofern diese nicht aus sämtlichen stimmberechtigten Gemeindemitgliedern, sondern aus gewählten Gemeindeverordneten besteht, aufgelöst werden. Demselben Schicksal kann die Amtsversammlung verfallen. Es ist sodann eine Neuwahl anzuordnen, und dieselbe muß binnen sechs Monaten, vom Tage der Auflösungsverordnung an, erfolgen. Wird eine Amtsversammlung aufgelöst, so sind nur die gewählten Amtsverordneten erneut zu wählen, die Vorsteher der Gemeinden und Gutsbezirke treten kraft ihres Amtes wieder in die neue Amtsvertretung als Mitglieder ein. Bis zur Einführung der neugewählten Mitglieder der Gemeinde= oder Amtsversammlung beschließt an Stelle der letzteren der Kreisausschuß. Ueber die Gründe, welche zu einer Auflösung der Gemeindeoder Amtsversammlung führen können, enthält die Westfälische Landgemeindeordnung keinerlei Bestimmungen. In betreff der Dienstvergehen der Amtmänner, Gemeindevorsteher und Stellvertreter, sowie der sonstigen Amtsund Gemeindebeamten und Diener, kommen die darauf bezüglichen Gesetze mik der Maßgabe zur Anwendung, daß der Amtmann befugt ist, die Unterbeamten des Amts, sowie der Gemeinden mit Ordnungsstrafen bis zu 9 Mark, und die bloß zu mechanischen Dienstleistungen angestellten Diener mit Arreststrafen bis zu drei Tagen zu belegen. § 36 des Zuständigkeitsgesetzes vom 1. August 1883 ist diese Materie noch näher geregelt, es erübrigt sich aber, in diesem Zusammenhange darauf weiter einzugehen. Die zur Ausführung der Landgemeinde=Ordnung erforderlichen Bestimmungen werden, soweit sie nicht schon in dem Gesetz selbst enthalten sind, durch den Minister des Innern getroffen. Aus der Stadt und Nachbarschaft. 5. Juni. * Bielefeld — Deutscher Metallarbeiterverband. In der Vertrauensmännerkonferenz am letzten Mittwoch wurden die Eintrittskarten zum diesjährigen Stiftungsfeste ausgegeben. Da eine Anzahl von Vertrauensleuten nicht anwesend war, werden diese ersucht, die Karten vom Bureau abzuholen.— Ferner werden die Bezirkskassierer ersucht, die Fragebogen, welche vom Gewerkschaftskartell zur Feststellung erwerbstätiger Angehöriger der Gewerkschaftsmitglieder herausgegeben wurden, in Empfang zu nehmen. — Zur Tarifbewegung der Friseurgehilfen. Bis heute haben die nachstehend verzeichneten Geschäfte den Tarifvertrag unterschriftlich anerkannt:.„„„„ K. Bauerndorf, Breitestr.; G. Diestelkamp, Siegfriedstr.; K. Döries, Bürgerweg; G. Dupke, Rohrteichstr.; K. Elbracht, Mühlenstr. und Webereistr.; Willy Elbracht, Am Bach; Fröchtenicht, Detmolderstr.; G. Goldbeck, Herforderstr.; W. Isermann, Oelmühlenstr.; H. Jahns, Kaiserstr.; O. Kornowski, Herforderstr.; H. Kühn, Teichstr.; A. Kühr, Wertherstr.; A. Löhr, Jöllenbeckerstr.; A. Maas, Jöllenbeckerstr.; K. Nordmann, Heeperstr.; K. Schröder, Arndtstr.; A. Siebert, Spindelstraße; A. Treus, Johannisstr.; Trump, Mellerstr.; E. Werner, Jöllenbeckerstr. und Schildescherstr.; Wolf, Schmiedestraße. (Diese Geschäfte gehören sämtlich der„Freien Vereinigung selbständiger Friseure an.) Ferner erkennen den Tarif an: Wilhelm Landwehr, Herforderstr.; O. Langeworth, Arndtstraße; Johann Mußmann, Rohrteichstr.; Friedrich Schönemann, Ulmenstr.; Wilhelm Schröder, Detmolderstraße; Paul Seidel, Kaiserstr.; Schulz, Kreuzstr.; K. Weiß, Lützowstr. 4, und Ernst Weiß, Marktstr. 2. Arbeiter, Parteigenossen! Es bedarf wohl keiner besonderen Begründung dafür, daß es jedes klassenbewußten Arbeiters Pflicht ist, nur diejenigen Geschäfte zu frequentieren, die den Wünschen der Friseurgehilfen entgegengekommen sind. Tut in dieser Hinsicht jeder seine Pflicht, dann wird das bei den genannten Geschäften jetzt vertraglich festgelegte Arbeitsverhältnis nicht nur hochgehalten werden, sondern euer solidarisches Verhalten wird noch zu weiteren Errungenschaften führen. Arbeiter, Parteigenossen, übt Solidarität. Der Verband der Friseurgehilfen. — Allgemeine Bielefelder Ortskrankenkasse. In der gestern abend im Restaurant Elbracht, Herforderstraße, tagenden Generalversammlung wurde zum ersten Punkt„Endgiltige Geden General Suwatscheff gab Benno Henning ohne jede unan= nehmigung über Erwerb von Grundeigentum und Aufnahme genehme Uebertreivung. Die Inszenierung litt an einem von Darlehen“ vom Vorstande über die Schritte berichtet, weiche Uebermaß von Bildern. Die Pausen hätten kürzer sein können, er bis jetzt getan hat, um eine eigene Badeanstalt zu errichten. hätte eine genügt.. Der Vorstand sei zu der Ansicht gekommen, daß es nicht im Interesse der Kasse liege, die Badeanstalt in gemieteten Räumen unterzubringen, weil die Kasse dadurch zu abhängig vom Vermieter wäre. Es habe deshalb der Vorstand sein Augenmerk darauf gerichtet, geeignete Grundstücke zwecks Erwerb ausfindig zu machen, was ihm auch gelungen sei. Angebote habe er genügend bekommen. Am vorteilhaftesten halte er aber das Haus Marktstraße 19, welches einen 400 Quadratmeter großen Garten hinter sich habe. Der Kauspreis betrage 33000 Mk. und das Haus bringe einen Mietszins von 1750 Mk. Wenn nun die Hälfte des Gartens bebaut würde, könne man eine Badeanstalt für 30- bis 35000 Mk. einschließlich Einrichtung bauen, die nicht nur für die jetzigen, sondern auch für die bei den voraussichtlichen Verschmelzungen in Betracht kommenden Mitglieder auf Jahrzehnte hinaus genügen würde. Das Wohnhaus lasse sich eventuell später als Verwaltungsgebäude der Kasse einrichten, womit auch in dieser Hinsicht für die Zukunft gesorgt sei. Der Vorstand glaubte hierdurch dem Wunsche der letzten GeneralVersammlung in jeder Weise gerecht geworden zu sein. Auf Anfrage wurde dann noch erklärt, daß die Badeanstalt wie alle anderen hiesigen Badeanstalten den ganzen Tag über geöffnet sein werde und nicht, wie behauptet worden sei, nur während der Arbeitszeit; auch werde weibliches und männliches Personal zur Bedienung eingestellt werden. Betreffs der Anzahlungsbedingungen sei noch nichts Definitives beschlossen; der Vorstand glaube aber, aus dem Betriebsfonds und dem Reservefonds einige Tausend Mark zur Anzahlung nehmen zu können, überhaupt würden wegen der Beschaffung der Geldmittel keine Schwierigkeiten entstehen. Zwar habe die Landesversicherungsanstalt abgelehnt, Gelder herzugeben, weil sie ihre Gelder nur zum Bau von Kleinwohnungen hergebe und auch schon ziemlich bis zur Grenze ausgeliehen habe. Der Vorstand habe deshalb versucht, dort Geld zu leihen, weil es billiger sei. Einstimmig wurde hierauf dem Vorstande die Genehmigung erteilt, das Grundstück Marktstraße 19 zu kaufen und die sich notwendig machenden Darlehen aufzunehmen. Dieser Beschluß bedarf auch noch der Genehmigung der Aufsichtsbehörde, welche auch wohl erfolgen wird. Zum zweiten Punkt berichtete Kollege Rothe über die dreitägigen Verhandlungen des Krankenkassenkongresses in Berlin in längeren Ausführungen, denen eine kurze Diskussion folgte. Unterm dritten Punkte„Verschiedenes“ kamen noch einmal die Verhandlungen der Generalversammlung zur Sprache, welche ein Badeanstaltsbesitzer schon beim ersten Punkte vorbrachte, indem er seiner Meinung dahin Ausdruck gab, daß nach dem Bericht der„Volkswacht“ der Vorstand der Generalversammlung nicht wahrheitsgetreu Bericht über die Verhandlungen mit den Budeanstaltsbesitzern erstattet habe. In der Diskussion kam aber zum Ausdruck und wurde auch festgestellt, daß, wenn von Fehlern in dem Bericht gesprochen werden könne, es nur der sei, daß vergessen worden sei zu berichten, daß der Allgemeinen Ortskrankenkasse ebenso wie später der HolzarbeiterKrankenkasse 15 Prozent Rabatt von den Badeanstaltsbesitzern angeboten worden seien. Dabei wurde aber betont, daß der Vorteil dieser 5 Prozent Mehrbewilligung durch die neu einzuführende Bezahlungsweise— kürzeres Ziel— ziemlich wieder verschwinden werde. Wir wollen noch nachtragen, was wir auch in dem damaligen Bericht nicht aufgenommen hatten, daß die Generalversammlung vom 20. April, auch wenn die Badeanstaltsbesitzer 20 Prozent Rabatt geboten hätten, von dem Projekt der Errichtung einer eigenen Badeanstalt nicht abgegangen wäre, denn ein diesbezüglicher Antrag fand keine Gnade vor der Versammlung. Selbst die ursprüngliche Resolution, welche lautete:„Der Vorstand wird beauftragt, veranlaßt durch das Vorgehen der Badeanstaltsbesitzer, die Errichtung einer eigenen Badeanstalt so schnell wie möglich zu verwirklichen". wurde dahin abgeändert, daß der Zwischensatz„veranlaßt durch das Vorgehen der Badeanstaltsbesitzer" trotz Widerspruchs des Einbringers der Resolution und trotzdem die Sache in Wirklichkeit so stand, von der großen Mehrheit der Versammlung gestrichen wurde. Man wollte sich der Oeffentlichkeit gegenüber zu dieser sozialen Tat nicht von den Badeanstaltsbesitzern haben drängen lassen.— Der als Gast anwesende Vorsitzende der Näherei=Ortskrankenkasse berichtete, daß auch sie versucht hätten, die Preise der Bäder etwas zu drücken, aber vergebens. Die jetzige Lage hätten sich die Badeanstaltsbesitzer selbst geschaffen. In einer feinen Badeanstalt in Köln habe er für ein Bad 2,25 Mk. bezahlt, für dasselbe Bad müsse hier die Kasse 3,25 Mark bezahlen. Der Vorstand der Näherei=Ortskrankenkasse sympathisiere mit dem Vorgehen der Allgemeinen Ortskrankenkasse. — Bielefelder Sommertheater. Aus dem Theaterbureau wird uns geschrieben: Heute Sonnabend findet keine Vorstellung statt. Am Sonntag geht das Wilkensche Volksstück „Ehrliche Arbeit“, neu einstudiert, in Szene. Gefällige Musik, eine hübsche Handlung, Abwechslung in Humor und Ernst, das sind die Merkmale dieses wirklich echten Volksstückes.— Montag kommt das hochinteressante Schauspiel„Staatsanwalt Alexander" zum 3. Male zur Aufführung. Der Besuch dieser Vorstellung ist sehr zu empfehlen. — Die Buntpapier=Ausstellung im städtischen Museum ist diesen Sonntag, 6. Juni, zum letzten Male geöffnet. Außer den Buntpapieren des Königlichen Kunstgewerbe=Museums sind noch hiesige Buchbinderarbeiten der Firma: Buchbindermeister Schulze=Bethel, und der Bielefelder Firmen: Wolpers, Bronner, Klinker, Düllberg und Friedrichs, sowie der hiesigen Handwerker= und Kunstgewerbeschule ausgestellt worden. Am Sonnabend, 5. dieses Monats, von 6 bis 7 Uhr, und am Sonntag, 6. dieses Monats, von 12 his 1 Uhr, wird in den Räumen der Ausstellung die Anfertigung der Buntpapiere verschiedener Techniken(Kleister und Tunkpapier) durch 2 Herren der hiesigen Buchbinder-Innung praktisch vorgeführt werden. Die genannten Techniken sind so interessant und lustig, und die Ergebnisse, die oft von Zufälligkeiten abhängen, so vielgestaltig, daß der Besuch auch Nicht=Fachleuten Freude machen wird. Vor allem ist jedem, der sich für geschmackvolle Bucheinbände interessiert, zu empfehlen, die Entstehung der wichtigsten Materialien für eigenartige Einbände selbst zu beobachten. — Polizeibericht. Straßensperrung. Zwecks Versetzen von drei Stück Straßensinkkasten wird die Heeperstraße zwischen Kaiserstraße und Viktoriastraße vom 4. bis 7. Juni für den Fuhrwerksverkehr gesperrt. Raddiebstähle. Am 3. Juni, nachmittags 2½ Uhr, wurde dem Maurermeister W. Sch. ein vor dem Hause Buddestraße 1 aufgestelltes Fahrrad(Marke und Nummer unbekannt) gestohlen. Besondere Kennzeichen: Beschädigter Freilauf.— Am 4. Juni, abends 7 Uhr, wurde dem Arbeiter H. B. ein vor der Bahnpost aufgestelltes fast neues Fahrrad, Marke Nero“, entwendet. Besondere Kennzeichen: Hohe Uebersetzung, Freilauf und die Pedale ohne Gummi. Gefunden: 1 Brosche aus Geldstücken, 1 Damenporte. monnaie mit geringem Inhalt. Zugelaufen: 1 braungetigerter Hofhund. Verloren: 1 grauleinene Wagendecke, 1 kleines, schwar. zes Portemonnaie mit 40 Mk. Inhalt, ein grüner Damenregenschirm mit bunter Kante, ein weißes Kinderjäckchen. Entlaufen: 1 schwarzer löwenartig geschorener Pudel, 1 junger schwarzer Jagdhund. gemieteten Räumen u abhängig vom Verstand sein Augenmerk secks Erwerb ausfindig Angebote habe er gealte er aber das Haus ratmeter großen Gartrage 33000 Mk. und 50 Mk. Wenn nun die man eine Badeanstalt einrichtung bauen, die ür die bei den vorauskommenden Mitglieder Das Wohnhaus lasse bäude der Kasse eindie Zukunft gesorgt sei. sche der letzten Generalrden zu sein. Auf Anadeanstalt wie alle anTag über geöffnet sein sei, nur während der ännliches Personal zur ffs der Anzahlungsbeschlossen; der Vorund dem Reservefonds hmen zu können, überder Geldmittel keine e Landesversicherungsil sie ihre Gelder nur und auch schon ziemlich Vorstand habe deshalb lliger sei. Einstimmig ehmigung erteilt, das ind die sich notwendig r Beschluß bedarf auch irde, welche auch wohl e Rothe über die dreiinkongresses in Berlin urze Diskussion folgte. s“ kamen noch einmal nmlung zur Sprache, m ersten Punkte vorAusdruck gab, daß nach stand der Generalverüber die Verhandlunet habe. In der Disde auch festgestellt, daß, ochen werden könne, es berichten, daß der Alldäter der Holzarbeitern Badeanstaltsbesitzern aber betont, daß der igung durch die neu eres Ziel— ziemlich noch nachtragen, was t aufgenommen hatten, April, auch wenn die eboten hätten, von dem Badeanstalt nicht abgeitrag fand keine Gnade sprüngliche Resolution, ftragt, veranlaßt durch die Errichtung einer lich zu verwirklichen". ensatz„veranlaßt durch trotz Widerspruchs des die Sache in Wirklichder Versammlung geeffentlichkeit gegenüber eanstaltsbesitzern haben esende Vorsitzende der auch sie versucht hätten, aber vergebens. 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Hofhund. decke, 1 kleines, schwar. in grüner Damenregennderjäckchen. irtig geschorener Pudel, Nr. 128. Bielefeld, Sonnabend, 5. Juni 1909. 20. An die bangewerdlichen Arbeiter Lintschlands. Werte Genossen! Die Zahlen des Reichsversicherungsamtes zeigen unzweideutig, daß bei den Baubetriebsstätten von einem Rückgang der Unfälle nicht die Rede sein kann. Im Jahre 1907 sind allein bei den Bauberufsgenossenschaften 69315 Unfälle zu verzeichnen, und davon sind 14391 entschädigte Unfälle mit 1 256 Tödlichverletzten. Die Zunahme der entschädigten Unfälle zeigt sich auch relativ, und nur vereinzelte Landesteile weisen einen bescheidenen Rückgang auf. In den preußischen Provinzen Schlesien, Posen, Rheinland und Westfalen sind die Unfallziffern schon seit Jahren fortgesetzt und im Königreich Sachsen im Zeitraum der letzten zehn Jahren sogar um über 50 Proz. gestiegen. Geradezu erschreckende Zahlen zeigen bei allem Bemühen der Arbeiter, den Zuständen bei den Bauten einen anderen Charakter zu geben, die südlichen Bundesstaaten. An erster Stelle mit diesen Mißständen und in der Mißachtung des Menschenschutzes steht das Königreich Württemberg, wo dem Anscheine nach die berufsgenossenschaftlichen Unternehmer Arbeiterleben und=gesundheit in der willkürlichsten Art verbrauchen können. Wie einerseits durch den Mangel von technischer Unfallverhütung und behördlicher Baubeaufsichtigung diese Unglückszahlen zunehmen, so sorgt andererseits der vernachlässigte Gesundheitsschutz in Verbindung mit der wirtschaftlichen Not für eine Verallgemeinerung des Elends der baugewerblichen Arbeiter. Die Kranken= und Sterbestatistiken unserer Zentralverbände und der Krankenkassen reden ganze Bände. Die Kommentare zur Abkürzung der Lebensdauer unserer Berufskollegen sind hier unschwer nachzulesen. Diese offenkundigen Tatsachen stehen im ursächlichen Zusammenhang mit der intensiven Steigerung der Arbeitsleistungen im Baugewerbe. Der behördliche Bauarbeiterschutz und die Bauaussicht in Deutschland kranken an Halbheiten und Notbehelfen. Seit Jahren fordern wir speziellere Schutzmaßnahmen für das Betonbauverfahren und die verschiedenen Eisenbaukonstruktionen; die amtlichen Organe können zur Prüfung dieser Materie immer noch nicht die nötige Zeit finden. Der Tiefbau verlangt bei der vielfachen Beschäftigung von Gelegenheits= und ausländischen Arbeitern eine ganz besondere behördliche Fürsorge, die aber nur sehr vereinzelt wahrzunehmen ist. Um hier andere Zustände herbeizuführen, bedarf es außergewöhnlicher Anstrengungen und Mittel. Bei der Forderung und dem Kampf um besseren Schutz für Leben und Gesundheit wird die baugewerbliche Arbeiterschaft auf ihre eigene Kraft angewiesen sein. Daß darüber für uns kein Zweifel bestehen kann, das zeigen die Beschlüsse des Verbandstages der Bauberufsgenossenschaften zu Essen im September 1908 und die Verhandlungen im preußischen Abgeordnetenhause im März dieses Jahres, wo die Unternehmervertreter ohne Scheu diese Mißstände bei den Bauten als eine Folge der Indolenz der wirtschaftlich abhängigen Arbeiter bezeichneten. Das Unternehmertum findet dabei in Preußen die ausdrucksvollste Unterstützung der Ressortminister. Der Minister der öffentlichen Arbeiten, Herr v. Breitenbach, konnte unter dem Beifall der bürgerlichen Parteien am 17. März d. J. im Abgeordnetenhause u. a. ausführen, daß ein großer Teil der Unfälle auf das Verschulden, auf die Nichtachtung der Schutzbestimmungen, auf die Nichtachtung der Gefahr von seiten der Arbeiter zurückgeführt werden muß. Das Ministerium in Preußen gibt nur dem äußersten Zwang der Umstände nach und ist der Rückhalt der Reaktion auf dem Gebiete des Arbeiterschutzes. Diese Regierung mit ihrem weitgehenden Einfluß im Bundesrat ist als verantwortlich anzusehen für die geringen Fortschritte der Bauüberwachung durch Mitwirkung der Kontrolleure aus Arbeiterkreisen. Die Stellungnahme der preußischen Regierung zu unseren Forderungen ist bestimmend für eine nicht geringe Zahl von Bundesregierungen. In Elsaß=Lothringen, Hessen, Oldenburg, Mecklenburg 2c. verschleppen die Regierungen nach preußischem Muster die Regelung der Bauarbeiterschutzfrage.— Für die Arbeiterschaft ist deshalb der Weg klar und bestimmt vorgezeichnet. Was wir bis zur Zeit als errungen anzusehen haben, ist als ein Erfolg der unermüdlichen Tätigkeit der Elite der baugewerblichen Arbeiterschaft zu betrachten. Die Indifferenten in den Bauberufen durch Agitation über den Wert des Lebens und der Gesundheit aufzuklären, wird deshalb auch weiter mit Erfolgen begleitet sein. Auch in der nächsten Zeit wird nach dieser Erkenntnis gehandelt werden müssen. Zu diesem Zweck wird die Zentralkommission den einzelnen Vertrauenspersonen und den Vorsitzenden der Bauarbeiterschutzkommissionen eine Anweisung zugehen lassen, die zu befolgen Ehrensache eines jeden denkenden Bauarbeiters sein muß. Arbeitsgenossen! Zeigt dem Unternehmertum und den Regierungen, daß Arbeitslosigkeit und Not Euren Willen zur Erringung wahrnehmbarer Schutzmaßnahmen nicht beugen können, sondern daß Ihr nach wie vor fest entschlossen seid, mit uns für bessere Zustände bei den Baubetriebsstätten zu kämpfen! Hamburg, im Juni Mit Gruß! Die Zentralkommission für Bauarbeiterschutz. I. Efftinge, Maurer. H. Tönnies, Maurer. O. Friedrich, Zimmerer. A. Schönfelder, Zimmerer. A. Tobler, Maler. H. Wentker, Maler O. Werner, Töpfer. H. Homann, Töpfer. Ch. Odenthal, Stukkateur. R. Thielberg, Stukkateur. G. Behrendt, Bauhilfsarb. G. Mohnk, Bauhilfsarb. R. Leineweber, Steinbildhauer. J. Seifert, Modelleur. E. Kühne, Steinmetz. A. Müller, Glaser. A. Friedrichs, Dachdecker. H. Behr, Dachdecker. F. Scheller, Bautischler. R. Fuchs, Bauschlosser. O. Franz, Klempner. C. Schütt, Steinsetzer. NB. Alle Briefe, Sendungen usw. für die Zentralkommission sind an G. Heinke, Hamburg 1, Besenbinderhof 56, 2. Et., zu richten. hielt an den Pfingsttagen in Köln seinen neunten Bundesturntag ab. Der im Druck erschienene Geschäftsbericht, der sich auf zwei Jahre erstreckt, erzählt von erbitterten Kämpfen, die der Bund mit seinen bürgerlichen Gegnern und mit den Behörden zu führen hatte. Aber diese Widerstände haben die weitere Ausbreitung und die innere Erstarkung der Organisation nicht hemmen können; das geht am besten aus der Zunahme der Zahl der Vereinsangehörigen sowie der Leser des Bundesorgans hervor. Am Schlusse des Jahres 1906 waren dem Bund 1236 Vereine mit 97.765 Mitgliedern angeschlossen; diese Zahl stieg im nächsten Jahre auf 1489 Vereine mit 123 268 Mitgliedern und am Ende des Jahres 1908 waren es 1622 Vereine mit 135 828 Mitgliedern." Die wirtschaftliche Krise in vorigen Jahre hat also auch den Arbeiter=Turnerbund nicht verschont. Die„Arbeiter=Turn=Zeitung“ hatte Ende 1908 92118, die„Freie Turnerin“ 7670 Leser Der gehässige, verleumderische Kampf, den die Deutsche Turnerschaft gegen die Organisation der Arbeiterturner seit deren Bestehen geführt hat, nahm in der Berichtszeit an Schärfe ab; um so erbitterter sah man die Behörden, besonders in Preußen, gegen den Bund auftreten. Der Bericht sagt darüber: „Die Reaktion wittert mit Recht, daß in unseren Vereinen die Jugend zu freiheitliebenden Männern und Frauen erzogen wird; wenn dies auch nicht im Sinne einer politischen Partei geschieht, so ahnt man doch instinktiv, daß einst die deutsche Arbeiterschaft die Früchte unserer Erziehung ernten wird. Daraus erklärt sich das von den preußischen Schulbehörden gegen unsere Turnwarte verhängte Verbot, der Jugend Turnunterricht zu erteilen, dem sich in den außerpreußischen Staaten ein Verbot an die Fortbildungsschüler gegen die Teilnahme an dem Turnunterricht unserer Vereine anschließt.“ In Berlin tobt der Kampf schon über ein Jahr, ohne daß ein Ende abzusehen wäre. Die Berliner Turngenossen hatten geprüfte Turnlehrer für die Schülerabteilungen angestellt, jedoch hat man auch diesen gut bürgerlichen Leuten den Unterricht untersagt. Neuerdings geht die Schulbehörde schon so weit, die jungen Leute unter 21 Jahren als schulpflichtig zu behandeln und die Erteilung von Turnunterricht an sie zu verbieten; sie stützt sich hierbei auf eine Kabinettsordre aus dem Jahre 1834 und auf eine Ministerialinstruktion aus dem Jahre 1839! Um allen Schikanen zu entgehen, ist der Bundesvorstand dazu übergegangen, die Jugend zum Turnspiel zu sammeln. In der Berichtszeit hat der Bund ein eigenes Geschäft zum Vertriebe aller für den Turnbetrieb notwendigen Mittel eingerichtet; das hat sich nötig gemacht, weil die Einnahmen aus den Mitgliederbeitragen allein nicht ausreichten, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Die Erwartungen, die bei der Gründung des Unternehmens gehegt wurden, haben sich glänzend erfüllt, bei richtigem Ausbau wird dem Bunde daraus ein bedeutender Gewinn erblühen. Das Vermögen des Bundes betrug am 1. Januar 1909 38 126 Mark, das Vermögen des Geschäfts, das im Jahre 1908 einen Gewinn von 13 305,21 Mark brachte, 17 780,48 Mark. Bei der Zeitung wurde im vorigen Jahre ein Ueberschuß von 9275,77 Mark erzielt. Der Bundestag war von 116 Delegierten, 9 Vorstandsmitgliedern, 16 Kreisvertretern und 15 Kreisturnwarten besucht. Der Schweizerische Rütliturnerbund und der Arbeiterradfahrerbund„Solidarität“ hatten Vertreter entsandt. Der zweite Vorsitzende Steuer(Leipzig=Leutzsch) ergänzte den Bericht noch dahin, daß die„Arbeiter=Turn=Zeitung“ fast eine Auflage von 100 000 Exemplaren erreicht habe. Einen breiten Raum in der Berichterstattung nahm die Angelegenheit des früheren Vorsitzenden Karl Frey ein. Der Bundestag überwies den ganzen Fall zur genauen Prüfung des Materials einer Kommission. Nach dem Bericht des turntechnischen Leiters Koppisch wurde beschlossen, im nächsten Jahre einen Turnlehrkursus auf Bundeskosten zu veranstalten, an dem die Kreisturnwarte und Bezirksvertreter teilnehmen sollen. Dann wurde ein Antrag angenommen, beim preußischen Ministerium die Gewährung eines Zuschusses zur Abhaltung eines Vorturnerkursus zu beantragen mit Rücksicht darauf, daß der Deutschen Turnerschaft eine Subvention zu dem gleichen Zwecke bereits bewilligt worden sei. Auf die Tagesordnung des nächsten Turntages soll ein Vortrag über das Mädchen- und Frauenturnen gestellt werden. Bei dem Bericht der Redaktion und der Preßkommission wurde beschlossen, Lotterieprospekte künftig nicht mehr beizulegen. Die turntechnischen Beilagen sollen in der bisherigen Form weitergeführt werden. Bei den österreichischen Delegierten stieß der Wunsch der Bundesleitung, daß die Arbeiterturner Oesterreichs einen eigenen Bund bilden sollten, auf lebhaften Widerspruch. Es wurde beschlossen, die Abtrennung vom Deutschen Bunde noch hinauszuschieben. Am Nachmittag des zweiten Verhandlungstages erstattete die Kommission über die Frey-Angelegenheit Bericht. Sie schlug dem Bundestag folgende Resolution vor: „Es ist festgestellt, daß einige Handlungen des Turngenossen Frey in bezug auf die Uebertragung von für das Bundesgeschäft bestimmten Aufträgen an Private nicht ganz korrekt sind. Sie sind aber nicht derart, daß sich daraus die scharfen persönlichen Aeußerungen gegen Frey, wie sie im Rundschreiben enthalten sind, rechtfertigen lassen. Nachdem über mehrere Punkte gegenseitige Aufklärung gegeben, nahmen beide Teile die gegenseitigen Beleidigungen zurück. Die Angelegenheit ist hiermit als erledigt zu betrachten und erwartet der neunte Bundesturntag, daß sich beide Teile auch fernerhin in turngenössischer Weise gegenüberstehen. Diese Resolution wurde in namentlicher Abstimmung mit 145 gegen 9 Stimmen angenommen. Ein Delegierter und die Bundesverwaltung enthielten sich der Abstimmung. Hierauf wurde noch folgende Resolution eingebracht: „Turngenosse Frey wird aufgefordert, auch fernerhin im Arbeiterturnerbund agitatorisch tätig zu sein". Für diese Resolution stimmten, wiederum namentlich, 76 Anwesende, dagegen 72; sie ist demnach angenommen. Fünf Delegierte und die Bundesverwaltung übten auch hier Stimmenthaltung. Am dritten Verhandlungstage wurde der Bericht über das Bundesgeschäft entgegengenommen. Turngenosse Backhaus führte dazu aus, daß das Unternehmen sich außerordentlich gut entwickele, allein in den letzten drei Monaten sei der Umsatz wieder um 85 Prozent gestiegen. Das Geschäft soll weiter ausgebaut werden, so daß es allen Anforderungen der Bundesvereine Rechnung tragen könne. Zum Unterstützungswesen wurde folgender Antrag Wildung angenommen:„Zur Durchführung der außerordentlichen Unterstützung wird ein einmaliger Beitrag von allen Bundesmitgliedern über 14 Jahre am 1. Januar 1910 erhoben. Der so erlangte Fonds wird durch einen einmaligen Zuschuß aus der Bundeskasse auf die Höhe von 20.000 Mark gebracht. Ergänzt wird der Fonds durch die Eintrittsgelder der neu eintretenden Mitglieder(§ 14 Abs. a B.=St.) und von 1911 an durch einen jährlichen Zuschuß der Bundeskasse in Höhe von 2000 Mark. Der Fonds dient zur Unterstützung aller außerordentlichen Unfälle nach den Bestimmungen im§ 25 des Bundesstatuts. Die Kosten des Bundesturntages werden in Zukunft vom Bunde bestritten. Auf je 1500 Mitglieder entfällt ein Delegierter; die Wahlkreiseinteilung nehmen die Kreisvorstände im Einverständnis mit den Bezirksleitungen vor. Der Bundesbeitrag wird von 1911 ab auf 25 Pfg. erhöht. Weiter wurden in die Statuten Bestimmungen über die Regelung der Unterstützungen bei Unfällen mit schweren Folgen aufgenommen. Ueber die Höhe der Unterstützungen, auf die ein klagbares Recht nicht besteht, entscheidet der Bundesvorstand. Ferner wurde beschlossen, alljährlich besondere Konferenzen für die Kreisvertreter abzuhalten. Ueber die Zersplitterung der Turnvereine in verschiedenen Städten wurde lebhafte Klage geführt; ein Antrag fand Annahme, wonach bis zum nächsten Turntage zwischen den Vereinen Verschmelzungsverhandlungen stattfinden sollen; der Bundestag wird dann darüber entscheiden. Die Verlegung des Sitzes des Bundes von Leipzig wurde abgelehnt. Zum Vorsitzenden des Bundes wurde Harnisch gewählt, zum Kassierer Backhaus, zum technischen Leiter Koppisch, zum Redakteur Wildung, zum Sekretär Dietrich, zum Obmann des Ausschusses Klügel=Dresden. Hierauf hielt der technische Leiter Koppisch einen sehr interessanten Vortrag über das deutsche Turnsystem und seine körper= und geistbildende Bedeutung für die Arbeiterschaft. Weiter wurde beschlossen, noch einmal eine Urabstimmung darüber vorzunehmen, ob den Kreisen die Abhaltung von volkstümlichen Wett turnen zu überlassen sei. Gegen die Jugendturnverbote durch die Behörden wurde eine Resolution angenommen, ebenso zur Unterstützung der Jugendbewegung. Der nächste Bundesturntag findet in Braunschweig statt. Im Jahre 1912 veranstalten die süddeutschen Kreise in Nürnberg ein deutsches Arbeiterturnfest. Parteinachrichten. Warnung. Die Redaktion des„Hamburger Echo" teilt folgendes mit: Aus verschiedenen Orten der Provinz Brandenburg geht uns die Mitteilung zu, daß sich dort ein junger Mensch unter dem Namen Gierhahn, der sich als Redakteur oder Mitarbeiter des„Hamburger Echo“ ausgibt, Geld, sowie Essen und Getränke erschwindelt hat. Dem„Hamburger Echo“ ging in diesen Tagen auch ein mit dem Namen„Gierhahn“ gezeichnetes Telegramm des Inhalts zu:„Ausführlicher Bericht folgt.“ Die Depesche ist offenbar zu Schwindelzwecken an das„Hamburger Echo" abgesandt. Das„Hamburger Echo“ hat nie einen Redakteur resp. festen oder gelegentlichen Mitarbeiter namens „Gierhahn“ gehabt. Der Redaktion des„Hamburger Echo“ ist die fragliche Persönlichkeit vollständig unbekannt. Gewerkschaftsbewegung. Für den Achtuhr=Ladenschluß und für die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe hatte der Zentralverband der Handlungs=Gehilfen und=Gehilfinnen eine Umfrage an die Gewerkschaftskartelle ergehen lassen. Darauf haben 535 Gewerkschaftskartelle aus allen Gegenden Deutschlands im Namen von über 1½ Mill. Arbeitern erklärt, daß nach Lage der örtlichen Verhältnisse gegen die Durchführbarkeit des reichsgesetzlichen Achtuhr=Ladenschlusses für alle Branchen des Handelsgewerbes vom Standpunkte des konsumierenden Publikums aus keine Bedenken vorlägen. Daß ferner auch die in der Gewerbeordnung an Sonntagen zugelassene fünfstündige Verkaufszeit nicht notwendig sei, das Publikum auch kein Interesse an der Aufrechterhaltung dieser Bestimmung habe, vielmehr eine zweistündige Verkaufszeit für den Kleinhandel von Milch, Backwaren, Fleisch und Eis in den frühen Vormittagsstunden genüge, um die Ansprüche der Konsumenten zu befriedigen, im übrigen aber könnte jede Arbeits- und Verkaufszeit an Sonn= und Festtagen im Handelsgewerbe verboten werden. Im Interesse der Angestellten und Arbeiter in Handelsgeschäften werde daher gewünicht, beiden Forderungen recht bald gesetzliche Geltung zu verschaffen.— Diese Erklärungen hat jetzt der Zentralvorstand des Handlungsgehilfenverbandes dem Reichsamt des Innern übermittelt. Die Scharfmacher gegen die Tarifverträge. In den Mitteilungen der Hauptstelle deutscher Arbeitgeberverbände zieht jemand gegen die Tarifverträge scharf vom Leder. Ein großer Teil unserer politischen Parteien und unserer theoretischen Sozialpolitiker sei gerade in der gegenwärtigen Zeit von der Idee des kollektiven Arbeitsvertrages hypnotisiert und propagiere die Einführung des Tarifvertragsgedankens in fast allen Gewerbezweigen. Alle diese Kreise bedächten aber nicht, daß der Tarifvertrag am letzten Ende einerseits auf eine außerordentliche Beschneidung der Rechte des Arbeitgebers, andererseits aber auf eine Kartellierung des betreffenden Gewerbezweiges auf Kosten der Konsumenten hinauslaufe. Der Buchdruckertarif muß hierfür als abschreckendes Beispiel herhalten. Durch ihn sei bewiesen, in welch schnellem Tempo die Lohnfrage gefördert und die Boykottierung der noch außerhalb der Tarifgemeinschaft stehenden Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu einer allgemeinen Schematisierung und damit scheinbaren Gleichstellung der Konkurrenzverhältnisse gezwungen würde. Wer die gewerkschaftlichen Machtgelüste der Gewerkschaftsführer kenne, der wisse, daß sie danach streben, in den inneren Geschäftsbetrieb mitzureden. Von weiteren Vergünstigungen für die Gehilfen bei einem neuen Tarifabschluß werde als von etwas ganz Selbstverständlichem geredet. Das geschehe aber alles zum Schaden der Konsumenten. Und nun gar die im Reichstage gestellten Anträge, Staatsaufträge nur an tariftreue Firmen zu vergeben, benachteilige die Steuerzasler. Und so geht die Jeremiade fort.— Konsumenten und Steuerzahler werden hier also scharf gemacht, gegen eine Einrichtung Sturm zu laufen, ohne die im gewerblichen Leben in Deutschland auszukommen, kein einsichtiger, sozialpolitisch gebildkter Mensch mehr befürworten kann. Mit dem Vorwande, im Interesse des Vaterlandes und aus Rücksicht auf die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Industrie, mit Rücksicht auf die Konsumenten und Steuerzahler also wirken zu müssen, versuchen die Herren Scharfmacher stets ihre wahren Absichten zu verhüllen: ihren starren Herrn=imHause=Standpunkt zu wahren, und sich unbeschränkt den Säckel zu füllen. Die Finte glaubt nur kein Mensch mehr, und unter der dürftigen Hülle des Prozentpatriotismus schimmert allzu deutlich der nackte Egoismus des profitsüchtigen Kapitalisten hindurch. Zur Aussperrung der Schreiner im Ruhrgebiet wird uns geschrieben: Herr Rath, Beigeordneter der Stadt Essen, hat sich als Friedensvermittler der kämpfenden Parteien erboten. Am 24. Mai hat er an die Zentralvorstände der in Betracht kommenden drei Arbeiterorganisationen nachfolgendes Eilschreiben versandt: Um der Bewegung im Schreinergewerbe im rheinischwestfälischen Industriegebiet im allseitigen Interesse ein tunlichst schleuniges Ende zu bereiten, gestatte ich mir, in meiner Eigenschaft als Vorsitzender des Einigungsamtes für das Baugewerbe in Rheinland und Westfalenoden beteiligten Organisationen folgenden Einigungsvorschlag zu machen: 1. Die Arbeit wird unter Rückziehung aller Kündigungen unter den vor Beginn der Bewegung vorhandenen Bedingungen allerorts wieder aufgenommen; 2. die infolge Beschlusses des Arbeitgeberbundes vom 6. März d. J. eingetretenen Lohnkürzungen werden nachträglich den in die Arbeitsstelle zurückkehrenden Arbeitnehmern ausbezahlt; 3. alle beteiligten Organisationen erklären sich mit der alsbaldigen Aufnahme von Tarifvertragsverhandlungen vor dem Unterzeichneten einverstanden.— Ich bitte um tunlichst schleunige, wenn möglich drahtliche vorbehaltlose Zustimmung, damit die Wiederaufnahme der Arbeit keine unnötige Verzögerung erleidet. Der Vorsitzende des Einigungsamtes gez. Rath, Beigeordneter der Stadt Essen. Herrn Rath wurde darauf am 26. Mai geantwortet: Herrn Rath, Vorsitzender des Einigungsamtes, Essen a. d. Ruhr. Auf Ihr Geehrtes vom 24. d. M. teile ich ergebenst mit, daß wegen Wiederaufnahme der Arbeit erst eine Verständigung mit den ausständigen Arbeitern stattfinden muß. Unsere Stellungnahme zur Frage neuer Verhandlungen ist durch unsere grundsätzliche Stellungnahme zu dieser Frage gegeben, nach welcher wir angetragene Verhandlungen niemals ablehnen. Hochachtungsvoll W. Schneegans, Berlin.=, Auch von den Zentralvorständen der übrigen Arbeiter## nisationen wurde Herrn Rath durch Schreiben ähnlichen##halts geantwortet. Daraufhin hat Herr Rath am 29. Mai ein gleichlautendes Telegramm an die Zentralvorstände gerichtet, folgenden Inhalts: Bitte um umgehende Drahtantwort, wann spätestens Ergebnis über Verständigung mit Ausständigen hierher gelangt. Einigungsamt. Die telegraphische Antwort hierauf lautet unterm 1. Juni: Herrn Rath, Beigeordneter der Stadt Essen. Telegramm kam erst heute in unseren Besitz. Ausgesperrte werden heute und morgen zu Ihren Vorschlägen Stellung nehmen, dann sofort weitere Nachricht. Becker, Berlin. Letzteres ist inzwischen von den Ausgesperrten in Dortmund, Gelsenkirchen und Herne geschehen. Die Beschlüsse kommen in folgendem Telegramm zum Ausdruck, welches Herrn Rath am 3. Juni zugeschickt wurde: Beigeordneter Rath, Essen Ruhr. Die Ausgesperrten erklärten sich in allen Versammlungen zu Verhandlungen bereit, lehnten es jedoch ab, vor Beendigung der Verhandlungen die Arbeit aufzunehmen. Hartung. Schick. Was nun weiter wird, bleibt abzuwarten. Die Stukkateure in Aachen sind am Mittwoch in den Ausstand getreten, um eine Tarifverschlechterung abzuwehren. Die Unternehmer lehnten jede Verständigung schroff ab. Tarifbruch im Leipziger Steinsetzergewerbe. Einen neuen Beweis dafür, daß die Unternehmer Tarife brechen oder umgehen, wo sie nur können, haben drei Leipziger Steinsetzmeister geliefert. Nach bestehenden Vertragsbestimmungen dürfen Arbeiten für den Rai der Stadt Leipzig nicht im Akkord ausgeführt werden. Bei der Verlegung von Kabeln für das städtische Elektrizitätswerk verstanden es aber drei Meister, den Arbeitern plausibel zu machen, daß diese Arbeit keine städtische sei, sondern für eine Berliner Firma ausgeführt würde; somit stände #et Akkordarbeit nichts im Wege. Die Steinsetzer ließen sich von dem Gerede fangen, leisteten Akkordarbeit und obendrein Ueberstunden. Der Verband der Steinsetzer brachte die Sache jedoch vor den Schlichtungsausschuß, vor dem die Unternehmer anfangs zu leugnen suchten, dann aber ihr tarifwidriges Vorgehen zugeben mußten. Transportarbeiterverband. Am Montag, 7. Juni, beginnt in München die 6. Generalversammlung des Deutschen Transportarbeiterverbandes. Die zu erledigende Tagesordnung ist eine reichhaltige und umfaßt außer der Berichterstattung über die gestellten Anträge noch folgende Hauptpunkte: Die Vorschläge des Beirats für Arbeiterstatistik zur Regelung der Arbeitsverhältnisse im Transportgewerbe; Der Gesetzentwurf der Regierung betr. Arbeitskammern; Die Reichsgewerbeordnung; Die Stellung zu den gegnerischen Gewerkschaften; Die Zentralisation der Arbeitgeberorganisation des Berufes und ihr Einfluß auf die Taktik des Transportarbeiterverbandes.— Wir werden laufend über die Tagung berichten. Fortdauer der Krise. Der aus öffentlichen Mitteln subventionierte, paritätische Stellennachweis für kaufmännische Angestellte in Köln stellt in einer Publikation fest, daß in den Industriegegenden Rheinland=Westfalens eine gegen das Vorjahr noch erheblich verstärkte Zunahme der Arbeitsuchenden zu finden sei. Auf je 100 offene Stellen kamen im April bei den kommunalen Arbeitsnachweisen in Hagen 415 gegen nur 69 im April des Vorjahres, in Dortmund 214 gegen 129, in Köln 318 gegen 263. Nur in Düsseldorf war das Angebot ein weit geringeres, dort kamen auf 100 offene Stellen nur 75 Arbeitsuchende. In den benachbarten Großstädten Rheinland=Westfalens aber sei noch ein erschreckendes Ueberangebot von Arbeitslosen vorhanden gewesen. Der Verband Deutscher Hoteldiener vollzieht seine Verschmelzung mit dem Gastwirtsgehilfenverbande Ende dieses Monats. Die letzte Nummer des Verbandsorgans„Der Hoteldiener" erscheint am 15. Juni. Streik der Kanalmaurer in Straßburg i. Elsaß. Kanalmaurer sind am 1. Juni in den Ausstand getreten, weil die Unternehmer es ablehnten, den allgemein üblichen Lohn von 65 Pfg. pro Stunde vertraglich festzulegen. Nun haben die Arbeiter den Spieß umgedreht; sie fordern jetzt 70 Pfg. pro Stunde und einen Vertrag bis 1911. Die Situation für die Ausständigen ist günstig.“ Zum Textilarbeiterausstand im Elsaß. Eine schwere Herausforderung an die Arbeiter hat das in Mülhausen i. E. bestehende Syndikat der Kammgarnspinner(Unternehmerverband) sich geleistet. Es tritt in einer in der Lokalpresse veröffentlichten Erklärung den Feststellungen entgegen, daß bei Engel u. Co., wo der gemeldete Streik der Spinner und Ansetzer ausgebrochen ist, der Lohn gesunken sei, behauptet im Widerspruch mit den Lohnzetteln der Arbeiter, der Fabrikant habe sein Versprechen der Tariferhöhung gehalten und kündigt dann namens der in Mülhausen bestehenden Kammgarnspinnereien an: Die Kammgarnspinner halten es demgemäß für ihre Pflicht, mit allen Kräften die betroffene Firma zu unterstützen, und sie haben beschlossen, für die Firma Engel u. Co. zu arbeiten, sowohl durch Verspinnen ihres Vorgarnes, wie durch Lieferung von Waren an deren Kundschaft, und zwar im Verhältnis der auf die Einzelnen entfallenden Spindelzahlen. Fabrikant Engel, dessen Firma vom Streik betroffen ist, ist Vorsitzender des Mülhausener Syndikats der Kammgarnspinner. Man will es hiernach offenbar auf eine Kraftprobe ankommen lassen. Die Fortdauer des Streiks bei Engel u. Co. wurde sofort— nach dem Bekanntwerden dieser Fabrikantenerklärung— in einer Versammlung der Ausständigen beschlossen. Sollte die Arbeiterschaft der Mülhausener Kammgarnindustrie auf die Herausforderung der Unternehmer hin ebenfalls beschließen, keine Streikarbeit zu leisten, so wäre die Arbeitseinstellung von mindestens 5000 Personen erforderlich, um dem Beschluß den nötigen Nachdruck zu geben. Achtung, Maschinenzwicker! In der Erfurter mechanischen Schuhfabrik Aktiengesellschaft zu Ilvershofen wurde den Maschinenzwickern zugemutet, wegen Verweigerung der Sonntagsarbeit 5 Mk. Strafe zu zahlen. Da sie sich dessen weigerten, wurde ihnen gekündigt. Da die Firma durch Inserate Maschinenzwicker sucht, so wird um Fernhaltung des Zuzuges gebeten. Riesenkampf der englischen Bergleute in Sicht. Durch die Presse läuft gegenwärtig eine Notiz, wonach sich in Schottland ein Riesenstreik der Bergarbeiter vorbereitet. Wir haben sofort Erkundigungen eingezogen und können mitteilen: Die Löhne der schottischen Bergarbeiter sind seit 1908 bis heute um etwa einen Schilling pro Tag gekürzt worden. Vor sechs Wochen haben die Bergwerksbesitzer erklärt, die Löhne abermals um 3 Pence täglich zu kürzen. Die Organisation der Bergarbeiter Großbritanniens hatte aber schon im Oktober 1908 auf ihrem Kongresse beschlossen, unter keinen Umständen zu dulden, daß die Löhne in Schottland unter 6 Schilling pro Tag herabgehen. Eine Konferenz der Unternehmer und der Arbeitervertreter hat über die Lohnreduzierung verhandelt; die Arbeitervertreter weigerten sich, sie anzuerkennen und die Sitzung verlief resultatlos. Das gleiche Schicksal hatte eine Konferenz, die 14 Tage später stattgefunden hatte. Am Montag haben nun die Bergwerksbesitzer in separater Sitzung beschlossen, die Tarifvereinigung mit der Bergarbeiterorganisation zu kündigen. Gleichzeitig wurde eine Kommission gewählt, die den Termin zu bestimmen hat, an welchem die Lohnreduktion eintreten soll. Wenn die Arbeiter die Reduktion nicht anerkennen, dann soll ihnen gekündigt werden. Das Zentralkomitee der großbritannischen Bergarbeiterorganisation, bestehend aus Edward, Abraham und Aston, wird nun nochmals versuchen, eine Einigung herbeizuführen. Zu dem Zwecke soll am 17. Juni eine Konferenz der Bergarbeiter von ganz Großbritannien stattfinden, die sich mit den Differenzen in Südwales und in Schottland beschäftigen und die zu unternehmenden Schritte beschließen soll. In Südwales ist nämlich am 1. Juni sämtlichen Bergarbeitern zum 1. Juli gekündigt worden. An diesem Tage tritt das Gesetz betreffend den Achtstundentag in Kraft und die Bergwerksbesitzer wollen nun anstatt der bisherigen zwei, täglich drei Arbeitsschichten zu je acht Stunden einführen. Darin erblicken die Arbeiter eine Maßnahme, die zur Erhöhung der Produktion und damit auch zu einer Herabsetzung ihrer Löhne führen muß; sie weigern sich, das Dreischichtensystem anzuerkennen. Die Arbeitervertreter hoffen, daß auf der Konferenz am 17. Juni eine Einigung erzielt wird. Sollte das nicht der Fall sein und sollte auch nur in einem Distrikt keine Einigung erzielt werden und es käme zu einem Streik, dann verlangen die Arbeiter der betreffenden Distrikte, daß sämtliche Reviere in den Streik eintreten sollen. Es käme dann also zu einem Generalstreit, an dem ca. 700000 Bergarbeiter beteiligt wären. Die Bergarbeitervertreter wünschen, daß eine Einigung zustande kommt, sie lassen aber auch keinen Zweifel darüber, daß sie eventuell durch den Kampf eine Lohnreduktion oder eine Verschiebung der Schichtzeit ablehnen werden. Genossenschaftsbewegung. ac. Der englische Genossenschaftsbund hielt während der Pfingstfeiertage in New Castle on Tyne seinen 41. Jahreskongreß ab. Anwesend sind zirka 1700 Delegierte. Aus dem Rechenschaftsbericht für das Jahr 1908 ergibt sich, daß trotz der wirtschaftlichen Krisis der Umsatz um zirka 40 Millionen Mark, namlich von 2114 Millionen auf 2152 Millionen Mark gestiegen ist. Die Zahlen der Mitglieder haben um nahezu 100 000 zugenommen. Handel und Ki Preßkorruption. Bei der Beratung des neuen Börsengesetzes, das gerade vor einem Jahre in Kraft getreten ist, haben die Vertreter der Sozialdemokratie im Reichstage wiederholt auf die Notwendigkeit hingewiesen, bei dieser Reform, mit der der Börsenfreisinn für seine Blockhörigkeit abgefunden wurde, auch die Bestimmungen über den Mißbrauch der Presse zu Zwecken der Spekulation zu revidieren. Eine solche Neuregelung wäre um so notwendiger gewesen, da nur wenige bürgerliche Blätter sich dazu entschließen können oder dürfen, selbst die auffälligsten Korruptionen von Handelszeitungen anzugreifen. Eine korrumpierte Presse, die sich willig in den Dienst der Spekulation stellt, die Tatsachen verschweigt oder verdreht, oder falsche Mitteilungen verbreitet, wird nicht nur in den an der Spekulation irgendwie beteiligten Kreisen bedenkliches Unheil anstiften, sie ist vielmehr eine allgemeine wirtschaftliche Gefahr, da die von ihnen unterstützten Ausschreitungen der Spekulation das gesamte Wirtschaftsleben folgenschwer beeinflussen. Die„königlichen Kaufleute“ haben die Versippung der Spekulation mit den ihnen gefälligen Blättern nie ernstlich zu unterbinden versucht, nicht wenige von ihnen sehen eine ausschweifende Preßkorruption als einen durchaus zweckmäßigen, weil ihnen genehmen Zustand an. Stärker als gegen eine feile Presse ist ihre Abneigung gegen eine unabhängige streng objektive Berichterstattung über die Börsenvorgänge. Hat doch der Vorstand der Berliner Börse gegen eine solche Berichterstattung vor kurzem den Weg eines Verfahrens vor dem Börsenehrengericht versucht, um einen Finanzschriftsteller, der sich keiner Borsenklique dienstbar erweist, womöglich von dem Besuch der Börse auszuschließen. Der Finanzschriftsteller Buchwald, gegen den dieser Anschlag gerichtet war, hat sich nicht nur gegen die Spekulantengrößen zu wehren gewußt, er unternimmt es, ihre Presse=Handlanger zu brandmarken. Seit einigen Wochen richtet er in der„Welt am Montag“ die schwersten Angriffe gegen den„Börsen-Courier“, ohne daß die beschuldigten Redakteure sich auch nur mit einem Wort dagegen zu wehren unternahmen, geschweige denn die mit genauen Angaben belegten Anklagen widerlegten. Der Chefredakteur dieses Blattes, er trägt den Namen Salomon, spielte bereits in dem Pommernbank=Prozeß eine gewisse Rolle. Ueber seine Beziehungen zu Bankgeschäften wird festgestellt, daß bereits im Jahre 1907 im „Berliner Tageblatt“, allerdings ohne Nennung seines Numens, Mitteilungen gemacht wurden, die für ein Blatt, das auch nur äußerlich halbwegs auf einigen Anstand sieht, genügen mußten, den Herrn Chefredakteur verschwinden zu lassen. Es handelte sich damals um einen Prozeß zwischen der Bankfirma Samuel Zielenzieger und einem ihrer früheren Börsenvertreter. Dieser verlangte auf Grund seines Anstellungsvertrages die Zahlung höherer Tantiemen mit der Begründung, daß die Firma den Reingewinn am Jahresschluß durch ungerechtfertigte Abschreibungen auf Debitorenkonto verringert habe. Unter den Forderungen, die die Firma für uneinbringlich erklärte, war nun eine solche des Chefredakteurs des„Börsen-Courier". Salomon hat diese Beziehungen nach dem Prozeß, wie Herr Buchwald behauptet, nicht gelöst, sondern bis in die jüngste Zeit hinein ein Konto bei der Firma Zielenziger unterhalten und hierauf Geld geschuldet. Buchwald gibt weiter an, daß dieser Redakteur an einer Emission beteiligt wurde, ohne die Stücke abgenommen oder etwas eingezahlt zu haben; er ersucht ferner Salomon um Auskunft, ob er nicht schon stimulierende Artikel über ein Unternehmen in sein Blatt aufgenommen und wenige Tage nachher von der dieser Gesellschaft nahestehenden Bankfirma über einen ansehnlichen Betrag als„Gewinnbeteiligung“ quittiert hat. Salomon ist noch immer Chefredakteur, er schweigt noch immer, und mit ihm schweigen über diese stinkende Korruption die großen bürgerlichen Blätter. Dividenden in der Textilindustrie. Die Aktiengesellschaft Dollfus Ming u. Co. in Mülhausen i. E. verteilt— wie im Vorjahre— 11 Prozent Dividenden aus einem Reingewinn von 1 387534 Mark. Die 3- bis 4000 Menschen beschäftigende Firma betreibt Baumwollspinnerei, Weberei und Zwirnerei. Literarisches. „Arbeiter=Jugend". Die soeben erschienene Nummer 10 hat folgenden Inhalt: Das Arbeitsbuch. Ein verfehltes Zwangsmittel gegen minderjährige Arbeiter.— Reichsfinanzreform. Ein politisches Zwiegespräch zwischen einem Jungen und einem Alten.— Schiffsjungen gesucht! Von August Freudenthal.(Schluß.)— Die Berliner Jugend in der Natur.(Mit Abbildung.)— Das Werden im Weltall. Von Felix Linke. (Fortsetzung.)— Die Jugendbildung auf sozialdemokratischen Parteitagen. II. Von Wilhelm Schröder.— Eine gewerkschaftliche Lehrlingsorganisation. Von P. Barthel.— Vom Kriegsschauplatz usw.— Beilage: Der blinde Passagier. Von Max Eyth.(Schluß.)— Sprachmißverständnisse.— Ein Held des Alltags. Von Ernst Almsloh.— Aus dem Nachlaß von Wilhelm Busch. Vermischtes. Schnellbahnen. Die„Frankf. Zeitung“ schreibt: Wie die Utopie eines Zukunftsschwärmers liest sich an vielen Stellen eine soeben erschienene Veröffentlichung von August Scherl„Ein neues Schnellbahnensystem, Vorschläge zur Verbesserung des Personenverkehrs". Aber diese Vorschläge sind so detailliert und technisch so genau durchgearbeitet, daß sich die Sachverständigen einer näheren Prüfung nicht werden entziehen können. Scherl will den Personenverkehr vom Güterverkehr gänzlich trennen und für ihn ein großartig angelegtes und einheitliches System von Schnellbahnen für den großen Fernverkehr(mit einer Stundengeschwindigkeit von 200 Kilometer) schaffen, dem sich ein ausgedehntes Netz von Zubringern anschließt. Diese Zubringer sollen teils Nebenbahnen von 120 bis 150 Kilometer Stundengeschwindigkeit, teils Zweigbahnen von 30 bis 60 Stundenkilometern sein, während als letzte Zubringer Automobilomnibusse gedacht sind,die jeden kleinsten Flecken und jedes Dorf berühren. Auf diesem zusammenhängenden System von Bahnen soll nun ein ganz kontinuierlicher Betrieb eingeführt werden. In bestimmten, möglichst knapp bemessenen Zwischenräumen fahren die Züge, wie etwa die Wagen einer Straßenbahn. Besondere Aufmerksamkeit widmet Scherl den technischen Fragen, die durch seine Anregungen aufgeworfen werden. Er macht genaue Vorschläge für Sicherheitsmaßregeln, für die Einrichtung der Linien und der Bahnhöfe und für die Zugkonstruktion. Seiner Idee nach werden die Bahnen der Zukunft Hochbahnen sein, elektrisch betrieben werden und nur auf einer einzigen Schiene laufen. Für das Problem der einschienigen Bahn, die allein eine Schnelligkeit von 200 Kilomeler ermögliche, behauptet Scherl eine Lösung zur Verfügung zu haben. Dies die gröbsten Umrisse des Scherlschen Systems Ausgangspunkt der Vorschläge Scherls ist die Erwägung, daß das jetzige Eisenbahnsystem unökonomisch sei und bald am Ende seiner Leistungsfähigkeit angelangt sein werde. Hierüber macht die Schrift recht einleuchtende Bemerkungen, und wenn das neue „System“ auch im ganzen zu kühn und phantastisch anmutet, so wird es zum mindesten den Wert beanspruchen können, auf die drängenden Probleme des Personenverkehrs nachdrücklich hingewiesen zu haben. Hoteldiebinnen verhaftet. Montreux, 4. Juni. Hier wurden zwei junge aus Thüringen stammende Hoteldiebinnen verhaftet, die in Zürich einer Engländerin Schmucksachen in bedeutendem Werte gestohlen haben. Erdbeben. Lissabon, 4. Juni. Die Erdstöße in der Umgebung von Ribatejo dauern noch immer fort, begleitet von unterirdischem Getöse. Mehrere Mauern und ein Wohnhaus sind eingestürzt. Ungetreue Offiziere. Petersburg, 4. Juni. Der Kommandeur des 12. Orenburgischen Kosakenregiments sowie verschiedene Offiziere des Regiments sind beschuldigt, 500000 Mk. veruntreut zu haben. Das Kriegsgericht händigte ihnen die Anklageakten ein. Briefkasten der Redaktion. W. A., Bielefeld. Der Mieter kann die Schlüssel so lange im Besitz behalten, er muß die Wohnung aber während der Zeit ordnungsmäßig lüften usw. Wenn die Miete beim Auszug nicht gezahlt wird, kann der Vermieter die pfändbaren Sachen des Mieters zurückbehalten. W. P. N. 1. Das Geld kann nicht angegriffen werden. 2. Wenn dem Vormund das nachzuweisen ist, wenden Sie sich an das Vormundschaftsgericht. Dieses wird für Abhilfe sorgen. N., Brackwede. Es besteht in Münster eine Universität, Standesamts-Nachrichten Amt Herford. Nachrichten vom 24. bis 29. Mai Geburten: Mädchen: Landwirt August Meyer=Stedefreund, Gärtner Robert Formel=Bermbeck, Handarbeiter Hermann WächterSchweicheln, Schlosser Hermann Lange=Schweicheln. Eheschließungen: Tischler August Niemeyer=Diebrock und Näherin Alwine Dicks=Eickum, Bahnarbeiter Friedrich Schnittker und Dienstmagd Johanne Rolf=Bermbeck, Landwirt Gustav Niemann= Falkendiek und Anna Rührup=Falkendiek. Sterbefälle: Witwe Anne Ilsabein Riepe geb. DingerdissenElverdissen, 76 Jahre. ** * Stadt Bünde. Geburten: Sohn: Lehrer Hermann August Günther, Feldmark 135.— Töchter: Zigarren=Arbeiter Hermann Friedrich August Tödtmann, Brunnenstraße 13. Klempnermeister Adolf Friedrich Eduard Ellersiek, Fünfhausenstraße 3. Zimmermann Johann Heinrich Grothaus, Feldmark 193. **** Amt Enger. Nachrichten vom 21. bis 27. Mai. Geburten: Söhne: Eisendreher Karl Kramer, Enger. ZigarrenArbeiter Hermann Kleinebrand, Dreyen. Tischler Rudolf Radmann, Enger.— Tochter: Schlosser Gustav Brünger, Herringhausen. Eheschließungen: Landwirt Hermann Riepe, Hücker=Aschen, und Marie Sielmann, Oldinghausen. Amtssekretär Wilhelm Kükenshöner, Enger, und Johanne Metz, Dreyen. Sterbefälle: Magdalene Anna Mathilde Smaglinski, Dreyen, 4 Jahre alt. Witwe Anne Marie Ilsabein Ronsiek geb. Holz, Enger, 65 Jahre alt. Neubauer Friedrich Wilhelm Hötger, Enger, 56 Jahre alt. Hermann Sieks, Herringhausen, 8 Monate alt. für die am Mittwoch, 9. Juni, nachm. pünktl. 5 Uhr, stattfindende Städtverordneten=Sitzung. Anträge und Mitteilungen des Magistrats: 1. Mitteilung, daß der Magistratsassessor Dr. Gepel am 15. v. Mts. ausgeschieden und an dessen Stelle der Gerichtsassessor Heitkamp angestellt werden soll. 2. Wahl von 3 Vertretern zum 30. Westfälischen Städtetage, welcher am 11. und 12. d. Mts. in Minden stattfindet. 3. Wahl von 3 Mitgliedern des Kuratoriums der Handwerkerschule. 4. Wahl von 6 Vertretern zu der Abordnung für die Jubelfeier auf der Hohensyburg. 5. Bewilligung eines Betrages bis zu 2000 Mark für die Jubelfeier der Grafschaft Ravensberg in Jöllenbeck und von 1500 Mark für die Feier in Bielefeld, mit welcher die Einweihung des Leineweberbrunnens verbunden ist, sowie Wahl von 4 Mitgliedern in den Festausschuß. 6. Wahl von 4 Sachverständigen zur Abschätzung der zu vernichtenden oder zu desinfizierenden Gegenstande, gemäß § 21 des Gesetzes betr. die Bekämpfung übertragbarer Krankheiten. 7. Zustimmung zu der Annahme einer Schenkung der Frau Nachtmann im Betrage von 10 000 Mark zum Besten Bielefelder Musiker. 9. Desgleichen des Stadtrats Paul Delius im Betrage von 10000 Mark für die Errichtung eines Hallenbades. 9. Zustimmung dazu, daß die Ersparnisse der Friedhofsrechnung für 1908 bis zum Betrage von 2200 Mark für das Jahr 1909 zur Verfügung gestellt werden. 10. Bericht der Kommission über die Erhöhung der Schulgeldsätze an den höheren Schulen und Beschlußfassung über den Magistratsantrag. 11. Genehmigung eines mit dem Fabrikanten R. Köster abgeschlossenen Vertrages über den Ankauf dessen Wiesengrundstücks am neuen Güterbahnhof und Bewilligung des Kaufpreises nebst Kosten aus Mitteln des Armen- und Stiftungsvermögens. 12. Zustimmung zu der anderweiten Festsetzung der Schlachtgebühren und der Gebühren für die Benutzung der Kühlhalle, der Vorkühlhalle und des Pökelkellers, nach dem Vorschlage der Fleischerinnung. 13. Genehmigung eines Vertrages mit der Eisenbahnverwaltung über Grundabtretung bei der Bürgerwegunterführung und Obernstraße sowie Beschlußfassung über die Verwendung des Erlöses. 14. Anderweite Festsetzung der Fluchtlinien der Planstraße 2 zwischen Planstraße 6 und Mozartstraße. 15. Zustimmung zu der Aufnahme der Königstraße von Borsigstraße bis Albrechtstraße sowie der Straße 485 in die städtische Reinigung. 16. Desgleichen der Arndt= und Brüderstraße bei der Eisenbahnunterführung. 17. Desgleichen der Schildescherstraße von Herforderstraße bis Haus Nr. 24. 18. Desgleichen zu der Abtretung einer Fläche von 1 gm aus der Brüderstraße an den Professor H. Höcker. 19. Bewilligung von 4000 Mark auf Straßenneubaurechnung für einen Schmutzwasserkanal der Mühlenstraße zwischen Kl. Howe und Stadtgrenze. 20. Bewilligung der auf die Stadt entfallenden Kosten des Ausbaues von Straßen im Johannistal. 21. Mitteilung, daß der Stadtverbandsrevisor Weise aus Buchholz hier als Stadtsekretär angestellt werden soll und Zustimmung, daß dessen Dienstzeit bei der Stadt Leipzig und bei dem Städtekassen=Revisionsverbande auf die pensionsfähige Dienstzeit angerechnet wird. 22. Mitteilung, daß der Stadtrevisor Lemme aus Linden hier als Stadtsekretär angestellt werden soll und Zustimmung, daß dessen Dienstzeit bei der Stadt Linden auf die pensionsfähige Dienstzeit angerechnet wird. 23. Mitteilung, daß der Verwaltungsassistent Kramer aus Oberhausen hier als Verwaltungsassistent angestellt werden soll und Zustimmung, daß dessen Dienstzeit bei der Stadt Oberhausen auf die pensionsfähige Dienstzeit angerechnet wird. 24. Mitteilung, daß der Direktor der Handwerkerschule Thiele angestellt werden soll. 25. Desgleichen, daß der Lehrer an der Handwerkerschule Godewols angestellt werden soll. 26. Desgleichen, daß der Verwaltungsassistent Meise zum 1. Juli, der Stadtsekretär Würdemann zum 1. Oktober d. J. in den Ruhestand treten und Zustimmung, daß dem v. Meise die Zeit vom 15. Oktober 1891 bis 31. März 1897, dem p. Würdemann die Zeit vom 1. Oktober 1892 bis 1. November 1894 auf die pensionsfähige Dienstzeit angerechnet wird. 27. Bewilligung einer Abschlagszahlung an die städtischen Beamten und Lehrer, in gleicher Höhe wie 1908, auf die Besoldungsaufbesserung für 1909. 28. Bewilligung von 1340 Mark Beiträge an die Pensionskasse und Witwen= und Waisenversorgungskasse in Münster für Umwandlung von nicht pensionsfähigen Gehaltsteilen des Oberbürgermeisters in pensionsfähige. 29. Außerdem: Antrag des Paul Ziemann, betreffend die Feststellung einer Fluchtlinie für die zukünftige Neubebauung der Brinkstraße. Bielefeld, den 3. Juni 1909. Der Vorsitzende der Stadtverordneten=Versammlung. gez. Lohmeyer. Sowohl in Feinheit des Geschmacks, als auch in Ausgiebigkeit und Billigkeit steht sie unerreicht da. Vorteilhaftester Bezug in großen plombierten Flaschen. 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Tagesordnung: Vortrag des Genossen Max Sachs über„Alkoholfrage und Arbeiterklasse". Ortsgruppe Stieghorst. Sonnabend, den 5. Juni, abends 9 Uhr, bei Klemme. Zahlabend. Ortsgruppe Quelle. Sonnabend, den 5. Juni, abends 8½ Uhr. Tagesordnung im Lokal. Ortsgruppe Uerentrup. Sonnabend, den 5. Juni, abends 9 Uhr, im Vereinslokal. Die Mitglieder sind verpflichtet, in den MitgliederVersammlungen zu erscheinen. Der Vorstand. Tüglicht Frtilnfung der Spareintagen 1 Ilnssuß Unentgeltliche Ausleihung von Heimsparkassen. Unentgeltl. Einziehung der Spareinlagen von auswärt. Kassen. Geschäftsstunden: 8½-1 Uhr vormittags 3—6 Uhr nachmittags. Annahmestellen: Bürgerweg 34. Firma Kleinjung& Westerheyde. Herforderstr. 82. Herr Apothekenbesitzer L. Müller. Verwaltung der Stadtsparkasse. 2502 Toerner. Donnerstag morgen 7½ Uhr entschlief sanft nach kurzem, schweren Leiden meine liebe Frau, unsere gute, treusorgende Mutter, Schwiegermutter, Großmutter, Schwester, Schwägerin und Tante Karoline Diekmann geb. Eichhoff im Alter von 58 Jahren.— Dieses zeigen allen Verwandten und Bekannten mit der Bitte um stille Teilnahme tiefbetrübt an Die trauernden Hiuterbliebenen. Bielefeld, deu 5. Juni 1909. 3163“ Die Beerdigung findet am Sonntag nachm. 5 Uhr vom Trauerhause. Engerschestr. 36, ans statt.— Vorfeier daselbst um 4½ Uhr. Millionen Hausfrauen putzen Putzextract erhält jedermann bei wöchentlicher Abzahlung von 1 Mark an. Möbel- und Waren-Kredithaus Telephon 1459. Brut: Herford. ZerufsKleidung Arbeiter-Gesangverein =„Horstheide“= (Mitglied des Deutschen Arb.-Sängerbundes). Sonntag, den 6. Juni 1909; Sommertheater. (Brinkhoffs Tonhalle.) Heute Sonnabend geschlossen. — Sonntag, den 6. Juni 1909,— Anfang 8 Uhr: Zum ersten Male! Ehrliche Arbeit. Volksstück mit Gesang von H. Wilken. Montag, den 7. Juni 1909, Anfang 8½2 Uhr: Zum dritten Male! Staatsanwalt Alexander. Marktstrasse 11. Heitere = Anfang 8½ Uhr.= Otto Waldemar, Humorist u. Blitzdichter. Hella Bella, Brettl=Diva. Lona Heston, Vortrags=Soubrette. Gertrud Grunow, Scherzlieder=Sängerin. 810 Zentral-Verband der Zimmerer Sonntag, den 6. Juni ues morgens 6 Uhr: Ausstug. Sammelpunkt an der Spiegelstraße. Sonnabend, den 12. Juni 1909, abends 9 Uhr, feiert der „Concordia“ im Lokale der Frau Ww. Kleinert, Detmolderstraße, sein diesjähriges 3151 Stiftungs-Fest durch Konzert u. Ball. ladet ergebenst ein Pex. Vorstand. bei 2524 ErnstZimmermann, Comthurstr. 7. Bochzeits=Einladungen liefert schnell, sauber und billig Buchdruckerei„Volkswacht". 2624 Restaurant u. Gartenwirtschaft = C. Lütkemeier, Wertherstrasse. Schöner, schattiger Aufenthalt für Familien und Vereine. 26 jeden Sonntag: Konzert. Sommerwirtschaft„Waldkrug“ (Sieker Schweiz.) Inhaber: Adolf Wedding. Schöner, auf bequemen Wegen erreichbarer Ausflugsort. 5 Minuten von der Endstation der elektr. Straßenbahn entfernt. Großer Saal. Neue Veranda und Parkett=Kegelbahn. Separate Zimmer. Für Gesellschaften, Vereine bestens geeignet. Kinderspielpletz. ff. Biere. Guter Kaffee. Stets frische Milch. Aufmerksame Bedienung. s2622 Sthnttinge in den hierzu erbauten Zelten beim Vereinswirt = Meier-Dietrich in Theesen unter Mitwirkung mehrerer Brudervereine, des Arbeiter-Turnvereins „Frisch Auf“-Sudbrack und des Radfahrervereins„Transvaal“. Um 5 Uhr: Beginn des Fest-Balles. Für Sitz-Gelegenheit, gute Speisen und Getränke ist bestens gesorgt. Einen Massenbesuch der organisierten Arbeiterschaft erwartet 3141 Das Fest-Komitee. Brackwede. Sonntag, den 6. Juni 1909, feiert der Arb.-Radfahrerverein„Freiheit“ (Mitglied des Arbeiter-Radfahrer-Bundes„Solidarität“) sein diesjähriges Stiftungs-Festßezirks-Gesangsfest B. Bavinke. Sommerwirtschaft„Pappelkrug“. Angenehmster und schönster Aufenthaltsort für Familien und Vereine. Grosser Saal. Schattiger Garten. Auf schattigen Waldwegen über Ochsenberg, Stadtwald oder Lindenallee Wertherstraße in ca. 30 Minuten zu erreichen.[2916 ff. Biere. Guter Kaffee. Telephon 1108. Heinr. Bokermann. im Lokale des Herrn Schröder, Brackwede, Gänsestr. 4. — Anfang 4 Uhr.— Umtrog: Herren im Vorverkauf 40 Pfg., an der Kasse 50 Pfg. Ellerée: Damen„„ 20„„„„ 25„ Zu diesem genussreichen Feste ladet ein 3152 Das Festkomitee. — DPrackwnede. zulll Cark Schröder. Meine aufs beste eingerichtete 3041 :: Garten halte den verehrlichen Vereinen, Ausftliglern sovie allen Freunden Restauration:: großen schatigen und Bekannten bestens empfohlen. Gute Speisen und Getränke. Aufmerksamste Bedienung. Schildesche. Schildesche. Restaurant zur Erholung Inhaber: Aug. Höner. Telephon 1413. Schönster Ausflugsort für Familien und Vereine. Schattiger Garten mit grosser Veranda. Schöne Restaurationszimmer. Eine der Neuzeit entsprechende Kegelbahn. Spezialität: Westfälischen Schinken.— Täglich frische Milch, guter Kaffee.— ff. Biere u. Getränke. Aufmerksame Bedienung. Mässige Preise. 2372 Haltestelle der elektrischen Strassenbahn. # Restaurant Kleinert. Sonntag, den 6. Juni:[3149“ = Grosser Ball.= Entree: Damen 10 Pfg., Herren 20 Pfg. Es ladet freundlichst ein. G. Kleinert Wwr. Frisch auf! Herford. Frisch auf! Am Sonntag, den 6. Juni, feiert der Arbeiter-Radfahrer-Verein„Urania, Abteilung 5, sein diesjähriges s3122 Mlungs-Post 64 = im Saale des Herrn W. Feld, am Bahnhof, verbunden mit Reigenfahren und Ball wou freundicht einladet Der Vorstancl. Rchtung! Lage. Lippisch-Westfälische Kraft-Sport-Vereinigung feiert in Lage, den 6. Juni, auf dem Schützenplatz ihr 9. Dundige Cpartfogt bestehend in 3107 Gevichtheben, Ringkampf, Musterriegen u. Spezialleistungen. Beginn des Wettkampfes 8 Uhr morgens. 2 Uhr Festzug durch die Stadt, nach Ankunft auf dem Festplatz Fortsetzung des Wettkampfes. Abends 6 Uhr Beginn des Fest-Balles. Zu diesen genußreichen Stunden ladet von Stadt und Land ganz ergebenst ein Der Fest=Ausschuß. Deutscher Arbeiter-Sängerbund Gau östliches Westfalen und lippische Fürstentümer feiert am Sonntag, 13. Juni 1909, auf dem städtischen Festplatze (Werl) in Rheda in 3 großen geräumigen Zelten sein Heinr. Bewekenhorn, Bürgerweg 50.[3144 Sonntag, den 6. Juni: Ball. Carl Senker, Herforderstraße. Sonntag, den 6. Juni:(2503 TANZ. S W. Tuxhorn, Bleichstrasse. Sonntag, den 6. Juni:(1641* TANZ. 1 TANZ, ladet freundlichst ein I. Tuxhorn. Sonntag, den 6. Juni: * AN Z. 3155= Hierzu ladet freundlichst ein VV. Vost, Hallerweg. H. Bracksiek, Kallerweg. Sonntag, den 6. Juni: 3156“ Grosser Ball. C. H. Apenbrink, Herforderstr. 242. Jeden Sonntag: 3162“ TANZ. des O. Dezirks. PROGRAMN: Morgens 11½ Uhr: Frühschoppen-Konzert 6. Vereinswirt A. Kipp. Von ½1—½3 Uhr: Empfang der auswärtigen Vereine. Nachmittags 3 Uhr: Aufstellung der Vereine beim Vereinswirt A. Kipp und Abmarsch zum Festplatze daselbst Instrumental- und Vokal-Konzert, Chorsingen, Tanz und Kinderbelustigung. Abends 7Uhr: Grosse Festpolonaise. Einlaßkarte zum Festplatz 30 Pfg. Herren=Festkarte 1.00 Mk. Damenkarte 30 Pfg. Die Wirtschaft ist dem Gastwirt H. Brandt übertragen und wird derselbe für gute Speisen und Getränke bestens Sorge tragen.— Ferner sind auf dem Festplatze Karussells, Knchenbuden usw. aufgestellt. Zu diesem Feste werden Arbeiter von Bielefeld und Umgegend freundlichst eingeladen. 3140 Das Fest-Komitee. Sonntag, den 6. Juni 1909: 3109— Grosses Tanzkränzchen. Es ladet freundlichst ein J. A. dröppel, Ziegelstraße. ist die Verrichtung der Hauswäsche mit dem vollkommenstenselbettätigen Waschmittel von höchster Wasch- und Bleichkraft. Wäscht von selbst ohne jede Arbeit und Muhe, bleicht wie die Sonne, schont das Gewebe und ist absolut unschädlich. s::::: Ueberall erhältlich.:::::: — ALLEINIGE FABRIKANTEN:— Persil Henkel& Co., Düsseldorf. KI Versammlungen. mar. Soz. Verein. Sonntag, 6. Juni, vorm. 10 Uhr: Versammlung. Hunnebrock. Soz. Verein. Sonntag, 6. Juni, nachmittags 2½ Uhr: Versammlung. Deutscher Arbeiter=Sängerbund. Gau Oestliches Westfalen und Lippe. Bezirk 5. Am Sonntag, 6. Juni, feiert der Gesangverein„Frohsinn= Schweicheln sein Gründungsfest, wozu die Bezirksvereine eingeladen sind. Gleichzeitig erinnern wir daran, daß am 15. August das Gaufest in Herford gefeiert wird, was die Arbeitervereine von Herford berücksichtigen wollen. Der Bezirks=Vorstand * Sieker, 5. Juni. Beim Baden ertrunken ist gestern abend der 19jährige Sohn Walter des Wirts Meier hier, beschäftigt bei der Firma Vogelsang in Bielefeld, Dorotheenstraße. Der junge Mann war gestern abend mit mehreren Freunden zum Baden in den Teich auf Hagemanns Ziegelei in Oldentrup gegangen. Er konnte nicht schwimmen und geriet bei seinen Schwimmversuchen an eine tiefe Stelle. Dabei scheint er von einem Herzkrampf befallen worden zu sein, denn die Mitbadenden sahen, wie M. die Arme hochschlug und unterging. Nach langem Suchen wurde seine Leiche nachts 2¼ Uhr gefunden und ins elterliche Haus gebracht. * Theesen, 5. Juni. Große Aufregung herrscht über die plötzliche Beurlaubung des Lehrers Heymer, allerlei Gerüchte sind in Umlauf. Von diesen Gerüchten hat sich bis jetzt folgendes als wahr herausgestellt. Der etwa 35 Jahre alte Lehrer Heymer, verheiratet und Vater mehrerer Kinder, hat seit einiger Zeit mit der 15jährigen Tochter eines Einwohners ein Liebesverhältnis unterhalten, welches nach Behauptung des Lehrers aber ein rein platonisches gewesen sein soll. Als der Vater des Mädchens von der Sache erfuhr, hat er der Schulaufsichtsbehörde davon Mitteilung gemacht, die dann die sofortige Beurlaubung des Lehrers verfügte, der jedenfalls recht bald eine Versetzung folgen wird. * Brackwede, 5. Juni. Erhängt. Gestern abend wurde der Arbeiter Wilhelm Fastabend, Friedrichsdorferstraße wohnhaft, auf seinem Boden erhängt aufgefunden. Der Tote ist 28 Jahre alt, verheiratet und hinterläßt drei unmündige Kinder. * Herford, 5. Juni. Der Streik bei Lucas, Bierdepot und Mineralwasserfabrik, ist nach dreitägiger Dauer mit Erfolg beendet. An den Verhandlungen nahm auch eine Kommission des Gewerkschaftskartellausschusses teil. Es wurde zwischen dem Brauereiarbeiterverband und der Firma ein Tarifvertrag auf zwei Jahre abgeschlossen. Die Herforder Arbeiterschaft hat den Brauereiarbeitern ihr Solidaritätsgefühl bezeugt, was zu dem Erfolg beitrug. Der Kampf ist nun beendet und es soll auch kein Groll zurückbleiben. Es wurde mit ehrlichen Waffen gekämpft. Wir machen deshalb besonders darauf aufmerksam, daß die Firma Lucas die einzige am Platze ist, die in einem Vertragsverhältnis mit der Gewerkschaft steht. Die Herforder Arbeiterschaft wird der Firma den Beweis liefern, daß es kein Schaden ist, wenn man mit den gewerkschaftlichen Organisationen Verträge abschließt. e. Detmold, 2. Juni. Aus dem Bericht der Handelskammer für das Jahr 1908. Die lippische Handelskammer sagt in ihrer allgemeinen Uebersicht über die Geschäftslage des Jahres 1908, daß die 1907 eingetretene Stockung des Absatzes das ganze Berichtsjahr hindurch angehalten hat, und sich nicht nur bei den Industrien, die für den Weltmarkt oder für außerhalb Lippe arbeiten, bemerkbar gemacht hat, sondern auch bei den Gewerben und Geschäften, die in Lippe ihren Absatz haben. Die Handelskammer sieht darin mit Recht einen Beweis, daß wirtschaftliche Krisen heute nicht an dem Punkte haften, wo sie entstehen, sondern sich überraschend schnell überall hin ausdehnen, auch auf Kreise, die anscheinend ganz andere wirtschaftliche Lebensbedingungen haben. Der Berichterstatter der Handelskammer kommt dann betreffend des Detailhandels zu folgenden Schlußfolgerungen: „Daß auch im Detailhandel hier der Rückgang schon so fühlbar geworden ist, hängt allerdings zusammen mit dem Einfluß, den die Ziegler und ihre Familien auf den Konsum ausüben. Diese wiederum sind abhängig von der Bautätigkeit in ganz Deutschland, und da gerade diese im Laufe des Jahres sehr daniedergelegen hat, so ist der Verdienst und damit auch die Kaufkraft der Ziegler zurückgegangen. Wird doch von unserem Berichterstatter über das Zieglergewerbe der Betrag, den der Ziegler als Reingewinn mit nach Hause bringt, für das Jahr 1908 nur auf durchschnittlich 350 Mk. beziffert, während er noch vor zwei Jahren 500 als Durchschnitt berechnete, was für das ganze Gewerbe eine Verminderung des Jahreseinkommens von 1½ bis 2 Millionen ergibt. Daß die Krise nicht noch schlimmere Folgen zeitigte, führt die Handelskammer zum Teil auf die erheblich größere Kaufkraft der Landwirtschaft gegen früher zurück, die noch verstärkt wurde durch eine gute Mittelernte, besonders in Roggen. Es folgen nun die Berichte der einzelnen Industrien. Wir wollen das wissenswerteste der Industrien wiedergeben, die die Hauptlebensader des lippischen Landes bilden. Bank= und Geldwesen. Der Berichterstatter behandelt eingehend die Entstehung der Geldknappheit und richtet folgende Mahnung an die maßgebenden Faktoren: „Eine Lehre und Warnung hat aber die Krise schon gezeitigt: Für den Geschäftsmann, seine Unternehmungen in den Grenzen seines Vermögens zu halten, für die Geldinstitute der so sehr angewachsenen Borgwirtschaft angemessene Grenzen zu setzen. Mit mäßigen und vernünftig erteilten Krediten können Krisen überwunden werden, wogegen angespannte Verhältnisse und Beleihungen bis an den Dachfirst bei dem geringsten Umschlag Zusammenbrüche bewirken müssen. Die Brau=Industrie klagt über die Folgen der Steuergesetzgebung des Jahres 1906, über erhebliche Preissteigerung der Rohmaterialien und über die verminderte Zahlungsfähigkeit der Abnehmer.— Die Lippische Hartstein=Industrie Vierenberg hat infolge guten Absatzes ihre Betriebe vergrößern und bedeutende Neuanlagen schaffen müssen. Wie aus dem Bericht hervorgeht, bezieht eine Anzahl lippischer Behörden, obwohl der Vierenberger KeuperQuarzit haltbarer ist als Basalt, das Vierenberger Produkt nicht als Material zu Straßenbauten, sondern verwenden noch Basalt. Der Berichterstatter sagt zu dieser Tatsache mit Recht: „Für unser Land entstehen dadurch, wenigstens soweit es sich um Straßen in der Nähe unserer Brüche handelt, erheblich höhere Kosten; außerdem sollte aber doch auch seitens der Behörden jede Gelegenheit benutzt werden, eine Industrie zu unterstützen, die geschaffen ist, bisher noch brach liegende Bodenschätze des Landes zu verwerten und dadurch zugleich vielen Arbeitern Beschäftigung in der Heimat gewährt.— Die Holzindustrie hat unter der Krise mit am stärksten gelitten. Die einzelnen Zweige der Industrie: Holzhandel, Holzschneiderei, Möbelindustrie, Stuhlfabrikation, sind gleichmäßig abhängig gewesen von der schlechten Wirtschaftslage. Die Arbeiterverhältnisse werden als im allgemeinen gesunde bezeichnet. Mit der seit August 1908 hervorgetretenen größeren Nachfrage um Arbeit gegen frühere Jahre paart sich die Klage der Arbeiter, daß ihr Verdienst mit den teuren Lebensmittelpreisen nicht in Einklang zu bringen sei. Die Möbelindustrie im besonderen glaubt Ursache zu haben, über Mangel an tüchtigen Leuten hier und da klagen zu müssen. Es kann diesem Mangel, der unseres Wissens nicht besteht, aber nur dadurch abgeholfen werden, daß man den tüchtigen Leuten auch tüchtigen Lohn zahlt. Mit dem Augenblick, wo das geschieht, wird der Mangel behoben sein. Die Stuckindustrie litt unter der schlechten Konjunktur des Baugewerbes und hatte Ueberangebot an Arbeitskräften. Die Tabakindustrie kann über befriedigenden Geschäftsgang berichten, der durch die neuen Steuerprojekte zu Anfang= dieses Jahres beeinflußt wurde. Das Zieglergewerbe, der Haupterwerbszweig der Lipper, wird in längeren Ausführungen behandelt. Die schwierige Lage des Zieglergewerbes, hervorgerufen durch die wirtschaftliche Krise, wird eingehend dargelegt. Der Bericht schließt mit folgenden beachtenswerten Sätzen:„Die Ziegeleien sind— mehr oder weniger— abhängig von den Erfolgen der in mehreren Jahren im Betriebe erworbenen Erfahrungen und von den Fachkenntnissen ihrer Betriebsleiter, Ziegelmeister und Brenner. Da nun wenige unserer Ziegler durch Benutzung der Fachliteratur und der Fachzeitschriften oder durch den Besuch einer Fachschule sich diejenigen Erfahrungen und Fortschritte aneignen, die erforderlich sind, um mit ihren Erzeugnissen aus den engen Grenzen örtlicher Verhältnisse herauszukommen, so beschränkt sich auch, mit wenigen Ausnahmen, ihre Tätigkeit nur auf die Erzeugung von gewöhnlichen Hintermaurungsziegeln, und die von Jahr zu Jahr sich mehrenden besseren und größeren Betriebe bleiben ihnen verschlossen. Vom Jahre 1890 ab bis zum Jahre 1907 haben durchschnittlich 1000—1200 lippische Ziegelmeister etwa 15000 lippische Ziegler und ebenso viele auswärtige Ziegler beschäftigt. Die Zahl der von auswärts herangezogenen Ziegler hat sich aber infolge Einschränkung aller Ziegeleibetriebe wesentlich verringert, und damit auch wesentlich der Verdienst der lippischen Ziegelmeister. Der durchschnittliche Verdienst eines lippischen Zieglers stellte sich nach Abzug der Unterhaltungskosten auf etwa 350 Mark. Zugeführt wurden dadurch Lippe 4½ bis 5 Millionen Mark. * Detmold, 4. Juni. Der Besitzer der lithographischen Kunstanstalt Gebrüder Klingenberg, Geh. Kommerzienrat Willy Hofmann, ist heute hier im Alter von ungefähr 40 Jahren gestorben. Der Verstorbene übernahm im Jahre 1903 mit dem vor einigen Jahren gestorbenen Mitinhaber Staehle die genannte Kunstanstalt. * Detmold, 4. Juni. Seit dem 1. Juni ist auf dem hiesigen Bahnhofe eine Frachtbriefprüfstelle eingerichtet. Bevor die Frachtgüter aufgeliefert werden, müssen die Frachtbriefe geprüft werden. Diese Maßregel soll Verschleppungen und Falschsenden der Frachtgüter verhüten. * Detmold, 4. Juni. Deutschnationale Handlungsgehilfen gegen ihren Führer, den Reichstagsabgeordneten Schack, betreffs seiner ablehnenden Stellungnahme zur Nachlaßsteuer. In einer Versammlung des Ortsvereins Detmold des Deutschnationalen Handlungsgehilfen=Vereins gelangte nach längerer, scharfer Aussorache eine Resolution einstimmig zur Annahme, in welcher die ablehnende Stellung des Vorsitzenden des Vereins, Reichstagsabgeordneten Schack, gegen die von der Regierung geplante Nachlaßsteuer verurteilt wird. In der Resolution, welche sehr scharf gefaßt ist, wird betont, daß eine derartige Stellungnahme im Parlament den Wünschen und Zielen des Vereins entgegenstehe. st. Lippstadt, 4. Juni. Unverfrorene Lügenbeutelei. Das hiesige fromme Zentrumsblättchen, der „Patriot“, bemüht sich wieder einmal im Schweiße seines Angesichts, den Arbeitern und kleinen Leuten weis zu machen, daß das Zentrum noch nie etwas anderes getan habe, als ihre Interessen zu vertreten.„Erbschaftssteuer und Gerechtigkeit" ist der Artikel überschrieben, in dem gelogen wird, daß sich die Balken biegen. Trotzdem die unbemittelten Klassen den„Segen“ des Zolltarifs und der darauf basierten Handelsverträge am eigenen Leibe zu spüren bekommen haben, wird ihnen immer wieder einzureden versucht, daß die Brot= und Fleischwucherpolitik des Zentrums gerade in ihrem Interesse gelegen habe. Tann wird dargetan, wie sehr die Landwirtschaft unter der geplanten Erbschaftssteuer zu leiden haben würde, als Kronzeuge werden dazu die Auslassungen des Fürsten zu Salm=Horstmar im„Tag“ angeführt und dann heißt es wörtlich: „Der kleine Landwirt, der nie viel bares Geld in Händen hat, würde die hohe Erbschaftssteuer nur zahlen können durch Aufnahme einer hochprozentigen Hypothek zu den bereits aufstehenden Hypotheken, Abfindungen und Legaten. Kann es im Interesse des Staates liegen, daß seine Bürger Schulden machen müssen, nur um die Steuern bezahlen zu können? Die Landwirtschaft müßte doch geradezu ruiniert werden. Wir wollen gegenüber diesem unverschämten Schwindel nur die Darlegung eines Mitarbeiters der freisinnigen„Rostocker Zeitung" entgegenhalten. Dieser führt aus: „Wenn jemand 20= bis 30000 Mark hinterläßt, so gehen davon ab— erschrecke man nicht!— 0,5 Prozent, gleich 100 bis 150 Mk., und diese ungeheure Summe soll gezahlt werden — falle niemand um!— in 20 Jahren, also jährlich 5 bis 7,50 Mark.(Die 20 Jahre sind im Entwurf auf 5 Jahre abgeändert, so daß die ungeheure Summe von 20 bis 30 Mark jährlich herauskommt!!) Da behauptete der Bund der Landwirte, diese Abgabe hindere die Vererbung in der Familie, vernotwendige den Verkauf des ererbten Hofes! Für solche, die mit ländlichen Verhältnissen nicht vertraut sind, sei bemerkt— für Landwirte ist es nicht nötig—, daß die meisten Erbpachtstellen 15- bis 20000 Quadratruten enthalten, zurzeit einen Preis von 40 000 bis 100000 Mk. haben und durchschnittlich zur Hälfte bis zu zwei Dritteln des Wertes mit Hypotheken belastet sind, so daß sie durchschnittlich einen reinen Vermögensbestand von 20- bis 60 000 Mk. haben.“ Also erst bei einer Hinterlassenschaft von 20000 Mk. sollen ein paar lumpige Mark dem Staatssäckel geopfert werden. Und da wird frisch, frei behauptet, die Landwirtschaft werde ruiniert und im besonderen der kleine Landwirt,— der doch von der Steuer gar nicht betroffen wird— werde so von derselben belastet, daß er Schulden machen müsse! Dann heißt es am Schlusse des Artikels: „Die Arbeiter wissen, daß das Zentrum stets am besten ihre Sache vertreten hat, daß es bisher seinen alten Grundsatz beibehalten hat: Belastung der starken, Schonung der schwachen Schultern. Daher werden sie ihm auch fernerhin vertrauen".... „Die Arbeiter werden auch bei der jetzigen Reichsfinanzreform mit dem Zentrum sehr zufrieden sein. Sie können versichert sein, daß das Zentrum alles tun wird, was in seinen Kräften steht, daß der Steuerausfall infolge. Ablehnung der Erbschaftssteuer nicht durch indirekte Steuern, sondern durch Besitzsteuern aufgebracht wird.“ Demgegenüber ist nur festzustellen, daß das Zentrum auch jetzt wieder bereit ist, 400 Millionen indirekter, den Massenkonsum belastende Steuern zu bewilligen. Und damit sollen die Arbeiter und kleinen Leute, Handwerker, kleinen Landwirte usw., die in erster Linie davon betroffen werden, zufrieden sein? Das schreibt das Blatt nieder, obwohl es doch wissen muß und auch wohl wissen wird, daß sogar zentrumstreue Arbeiter mit dieser Sorte„Finanzreform durchaus nicht einverstanden sind. Aber der„Patriot“ hält jedenfalls seine unbemittelten Anhänger für blödsinnig, sonst würde er ihnen eine solch unglaubliche Fälschung der wirklichen Verhältnisse nicht vorsetzen.„. 94, u M * Münster, 5. Juni. Gestern abeno 8½ Uhr ernitt im hiesigen städtischen Brausebad ein junges Mädchen einen (Hlag. Unwetter. München, 3. Juni. Heute nacht 11 Uhr ging über München und Umgebung ein furchtbares Unwetter, verbunden mit Hagelschlag, nieder, welches enormen Schaden an den Kulturen verursachte. Die Hagelschloßen hatten die Größe von Taubeneiern und lagen stellenweise noch heute früh in den Straßen. Mehrsach schlug. der Blitz ein, so daß die Feuerwehr wiederholt inTätigkeit treten mußte. In den städtischen Anlagen wurden große Bäume entwurzelt und starke Aeste abgebrochen. Lagerdiebstähle. Hanau, 4. Juni. Im Kaushaus„Zur Weltkugel“ wurden gestern große Lagerdiebstähle aufgedeckt. Die veruntreuten Waren sollen einen bedeutenden Wert repräsentieren. Die Untersuchung nach den Tätern ist noch nicht abgeschlossen. Ein liebevoller Ehegatte. Zabrze, 4. Juni. Der Arbeiter Lippok mißhandelte seine eigene Frau zu Tode. Die amtliche Untersuchung ergab, daß der Tod durch furchtbare Knüppelschläge und durch den Absturz von einer steilen Treppe verursacht war. Die Leiche wurde beschlagnahmt, der Täter verhaftet. Grubenunglück. Rybnik, 4. Juni. In der„Donnersmarckgrube“ lösten sich gestern plötzlich schwere Kohlenmassen aus dem Hangenden und begruben eine Anzahl Bergleute unter sich. Der Häuer Fieletz konnte nur als Leiche geborgen werden, die übrigen wurden gerettet. Mord und Selbstmord. Mühlhausen(Els.), 4. Juni. Der Sergeant Lux von der 4. Kompagnie des 142. InfanterieRegiments erschoß die Kellnerin Müller in deren Wohnung mit seinem Revolver und darauf sich selbst. Beide waren sofort tot. Letzte Nachrichten. Tüsseldorf, 5. Juni. Die Strafkammer verurteilte den früheren Trapistenvater Michael Bentz wegen Urkundenfälschung zu 15 Monaten Gefängnis. Er hatte einen Großkaufmann zu Länderspekulationen in Südafrika animiert und ihn um etwa 13000 Mark betrogen, nachdem er vorher eine Depesche gefälscht hatte. Düsseldorf, 5. Juni. Der Arbeiter Schwedt in Ratingen erstach seine von ihm getrennt lebende Ehefrau in deren Wohnung und durchschnitt sich dann selbst den Hals. Köln, 5. Juni. In der Nähe des Ortes Hersel unweit Bonn wurden gestern abend zwei Radfahrer, ein junger Kölner Kaufmann und ein 65jähriger Betriebsinspektor, die in einem Abstande von 10 Minuten die dortige Chaussee passierten, von mehreren Wegelagerern überfallen und ihrer Barschaft beraubt. In beiden Fällen knebelten die Burschen ihre Opfer und banden sie an einen Baum. Alsdann flüchteten sie auf den gestohlenen Rädern. Als Bauern die Verfolgung der Räuber aufnahmen, gaben diese Revolverschüsse auf ihre Verfolger ab. Ein älterer Radfahrer wurde durch einen Schlag auf den Kopf schwer verletzt. Polizeilicherseits wurden sofort Nachforschungen nach den Wegelagerern angestellt, bisher aber ohne Erfolg. Koblenz, 5. Juni. Ein hier zu Besuch weilender 10jähriger Knabe und die achtjährige Tochter eines hiesigen Kaufmanns spielten am Rhein, als plötzlich der Junge in den Strom fiel. Entschlossen sprang das Mädchen dem Knaben nach und es gelang, diesen zu retten, während das heldenmütige Mädchen ertrank. Magdeburg, 5. Juni. Der Ausschuß des deutschen Handelstages hat in einer gestern abgehaltenen Sitzung ebenfalls aufs schärfste gegen die Steuerprojekte der Rumpfkommission protestiert. Berlin, 5. Juni. Die„Nationalzeitung“ schreibt: Immer wieder tauchen Gerüchte auf, der Reichsschatzsekretär Sydow beabsichtige, seinen Posten zu verlassen. Diese Vermutung ist grundlos. In Regierungskreisen ist man der Ansicht, daß zu einem Rücktritt des Herrn von Sydow nicht der geringste Grund vorliegt, vor allem auch, weil durch einen eventl. Wechsel im Reichsschatzamt nichts gewonnen würde. Berlin, 5. Juni. Die in der Boddingstraße wohnende Frau des Oberpostschaffners Stephan ist seit einigen Tagen mit ihrem 12jährigen Knaben und ihrem 11jährigen Mädchen verschwunden. Man hegt die Befürchtung, daß die Frau, die von ihrem Manne getrennt lebt und die schwermütig ist, sich und den Kindern den Tod gegeben hat. Königsbera i. Pr., 5. Juni. Die Stadtgemeinde beschloß gestern eine neue Wertzuwachssteuer. Ferner sprach sie sich gegen die Reichswertzuwachssteuer aus und beschloß die Absendung einer Eingabe an den Reichstag, den Bundesrat und das Staatsministerium wegen Ablehnung der Reichswertzuwachssteuer. Wien, 5. Juni. Zwischen Rom, Paris, London und Petersburg finden Verhandlungen wegen der Kretafrage statt. Man befürchtet eine bedrohliche Zuspitzung dieser Frage, da der griechische Hof angeblich Gefahr für die Dynastie befürchtet, wenn jetzt nichts zugunsten der Annexion Kretas geschehe. Der griechische König soll jüngst erklärt haben, er will abdanken, wenn Griechenland verhindert werden sollte, für Kreta etwas zu unternehmen. Andererseits soll von den Konstantinopeler leitenden Kreisen der schärfste militärische Widerstand gegen Angliederungsversuche zu erwarten sein. Angesichts dieser Verstimmungen sind die Aussichten der vorgeschlagenen direkten Verhandlungen zwischen Athen und Konstantinopel gleich Null. Rom, 5. Juni. Auf der Straße Terracina in Neapel hat sich, wie gemeldet, ein junger Deutscher erschossen. Sein Paß trug den Namen Georg Graf Lahrisch. Danach scheint es sich um den Leutnant des preußischen Husarenregiments Nr. 6 Georg Graf Lahrisch von Wönnisch zu handeln, der 23 Jahre alt und zur Offizierreitschule in Paderborn kommandiert war. Rom, 5. Juni. Bei Santa Teresa wurde der Leichnam eines französischen Schiffskapitäns namens Roxer aus dem Meere gezogen. Es scheint ein Verbrechen vorzuliegen. Belgrad, 5. Juni. König Peter hat sich in dem Konflikt seines Sohnes, des Prinzen Georg, mit dem Major Okanowitsch entschieden auf die Seite des letzteren gestellt. Er übertrug dem Major mit Zustimmung des Kronprinzen ein Regimentskommando in Nisch. Prinz Georg ist darüber so erbittert, daß er ein Schreiben an den König richtete, in dem er droht, seine Offizierscharge niederzulegen, wenn ihm nicht durch sofortige Ausschließung Okanowitsch' aus der Armee Genugtuung gegeben werde. Prinz Georg schreibt weiter, das ewige Zusammengehen des Königs mit den Verschwörern würde die Dynastie Karageorgewitsch bald vernichten und eine Abstimmung des serbischen Volkes könne den König bald überzeugen, daß das gesamte Volk sich von ihm abgewendet habe. Verantwortlich für den redaktionellen Teil: Max Sachs, für den Inseratenteil: Wilhelm Böttcher, beide in Bielefeld. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. Marke Brennabor ic ist unübertroffen an 2370 Gruig Ueberzeugen Sie hane Lagerbesichugung. Marke Naether. Liebreiz verleiht ein zartes, reines Gesicht, rosiges, jugendfrisches Aussehen, weiße, sammetweiche Haut und blendend schöner Teint.[882“ Alles dies erzeugt die allein echte Steckenpferd=Lilienmilch=Seife v. Bergmann& Co., Radebeul, à St. 50 Pfg. bei I., Schäfer. Visiten-Karten liefert sauber und billig Buchdruckerei„Volkswacht“. u Möbel n n Betten I. Gardinen Teppiche Perren- und s Damen-Garderobe. Kleinste Anzahlung. Bequemste Abzahlung. Rathausstr. 1. 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Wie schon erwähnt, regelt die Reichsversicherungsordnung die Hinterbliebenenversicherung in engster Verbindung mit der Invalidenversicherung. Die neue Fürsorge soll sämtlichen Personen zugewendet werden, die auf Grund der Versicherungspflicht, der Selbstversicherung oder der Weiterversicherung der Invalidenversicherung unterstellt sind oder durch den Entwurf neu unterstellt werden. In diesem Umfange soll nach der Absicht des Entwurfes die neue Versicherung auch manchen Kreisen des Mittelstandes zugute kommen, vor allem denjenigen selbständigen Gewerbetreibenden und Betriebsunternehmern, die früher unselbständig und, abgesehen von der älteren Generation. invalidenversicherungspflichtig gewesen. Auch die vor ihrer Verehelichung versicherungspflichtig gewesenen Ehefrauen kommen hier in Betracht. Aus diesen Kreisen ist wiederholt erklärt worden, daß bei ihnen für die Invalidenund Altersversicherung ein geringeres Bedürfnis bestehe als für die Hinterbliebenenversicherung. Hierin wird ein Grund dafür gesehen, daß von der freiwilligen Versicherung bisher so wenig Gebrauch gemacht worden. Unter der Voraussetzung, daß dies zutrifft, erwartet der Entwurf nach Einführung einer Versicherung für die Hinterbliebenen„ein größeres Verständnis für das Recht der Weiterversicherung und der Selbstversicherung“ Freilich sollen für die Weiterversicherung und die Selbstversicherung die den Pflichtbeiträgen entsprechenden Witwenund Waisenbezüge nicht in vollem Umfange gewährt werden; es wird angenommen, daß nur diejenigen Personen von den freiwilligen Versicherungen Gebrauch machen werden, welche verheiratet sind und Kinder unter fünfzehn Jahren haben. Es würden somit fast in jedem Todesfall eines freiwillig Versicherten Renten zu zahlen sein, während bei den Pflichtversicherten, bei denen auf 100 versicherungspflichtige männliche Personen nur 46 Verheiratete kommen, kaum in der Hälfte der Fälle Ansprüche erwachsen. Allerdings würde eine Begünstigung der freiwillig Versicherten auf Kosten der Pflichtversicherten nicht zu billigen sein. Aber deshalb ist unseres Erachtens doch nicht unbedingt notwendig, die Zahl der freiwillig geleisteten Beiträge bei der Bemessung der Hinterbliebenenfürsorge nur zur Hälfte anzusetzen. Das könnte vermieden werden durch entsprechende Erhöhung der Beiträge der freiwillig Versicherten. Für die Invalidenversicherung hat man ihnen das Recht zugebilligt, durch Zusatzbeiträge eine höhere Rente sich zu sichern, obwohl nach der Entwurfs=Begründung in den Kreisen der kleinen selbständigen Gewerbetreibenden für diese Art von Versicherung ein erheblich geringeres Bedürfnis besteht, als für die Hinterbliebenenfürsorge. Für letztere ist eine Zusatzversicherung ausgeschlossen. Die Hinterbliebenenbezüge, die auf Grund der Pflichtversicherung gewährt werden sollen, sind so wie so schon sehr knapp. Reduziert man sie für de freiwillige Versicherung nun noch auf die Hälfte, so wird das sicher nicht dazu dienen, diese Versicherungsart mehr in Aufnahme zu bringen, als die Begründung des Entwurfs es dünscht. Soll das geschehen, so muß die freiwillige Versicherung gegen Leistung höherer Beiträge denselben Rechtsanspruch begründen, wie die Plichtverscherung, nax dem Entwpurf sein Fürsorgeberechtigt sollen nach dem entwur sein die Hinterbliebenen von verstorbenen Versicherten, welche die Vorbedingungen für die Invalidenrente erfüllt, bezw. die Wartezeit für die Invalidenrente zurückgelegt haben. Für die Selbstversicherer wird eine verlängerte Wartezeit nicht eingeführt. Ist der Tod des Ernährers durch einen Unfall herbeigefühtt, so soll ein Anspruch auf Hinterbliebenenbezüge nur inVerbundene Augen. Roman von Max Kretzer. —(Nachdruck verboten.) Nun änderte sich das Bild. Man fühlte sich plötzlich geehrt durch ihre Anwesenheit, eine Deputation wurde beordert, die es der Schönen„freundlichst“ nahe legte, sich während der Kaffeetafel durch einige Vorträge beliebt zu machen. Die Kunst triumphierte nun. Die besorgten Mütter lächelten beseligt, in der Brust der würdigen Väter aber wurden geheime Wünsche wach. Man fand die Brillanten nun erklärlich, denn eine Schauspielerin, selbst eine junge und schöne, wurde hier nicht mehr zu den Mädchen gerechnet. „Mich übersehen Sie wohl heute ganz?“ wandte sich Frau Dankelberg endlich an Eckler. „Aber meine Gnädige, wie können Sie nur denken... Pardon für mein Versehen. Wie geht's, was macht die glückliche Braut?" Fritz lachte wieder, denn er hatte aus der Betonung der letzten Worte nur zu sehr den Spott herausgehört. Dieser Schwerenöter, der mit allen Hunden gehetzt war, gesiel ihm seiner Unverfrorenheit wegen, die er stets an den Tag legte, sobald er Geld in der Tasche hatte. Und das mußte heute der Fall sein, denn Eckler hatte dem Kellner bereits einen Wink gegeben, und nun brachte der Serviettenschwenker eine Flasche Sekt, was in der nächsten Umgebung allgemeines Aufsehen erregte. „Wir können nicht klagen, und Ihnen scheint's ja auch gut zu gehen,“ gab Frau Dankelberg gedehnt zurück. Sie haßte diesen Menschen, als Frau sowohl wie als Mutter. Denn er war jeuer„möblierte Herr“ gewesen, von dem Guste Trolla erzählt bette, daß er sich für„Fräulein“ interessiert habe. Als„ewiger andidat“ war er zu Dankelbergs gezogen, hatte mit Mühe und Rot seinen Referendar gemacht, rasselte dann aber im Staatsexamen durch. Als er zuzog, war Emmy noch ein halbes Kind. Er hatte es vortrefflich verstanden, sich einzunisten und Frau Dankelbergs Güte gehörig zu mißbrauchen. In ihrem Innern konnte sie sich nicht verhehlen, daß, als Emmy allmählich zur Jungfrau heranreifte, damals der Gedanke sie stark heherrschte, man könnte sich Eckler zum Schwiegersohn erziehen, gerade so wie man jetzt nach Trolla die Netze ausgeworfen hatte. Leider war man damit an einen ganz Unwürdigen gekommen. Später erfuhr man, daß er zur selben Zeit, als er soweit bestehen, als die zu gewährenden Bezüge die gewährte Unfallrente übersteigen. Nach Umfang und Höhe geht die Hinterbliebenenfürsorge nicht so weit, wie die Versorgung, welche die Unfallversicherung den Hinterbliebenen der durch Unfall getöteten Arbeiter gewährt. Läßt sich das rechtfertigen? Wir beantworten diese Frage mit einem entschiedenen Nein. Die Begründung meint: bei der Unfallversicherung rechtfertige sich eine höhere Fürsorge, weil der Tod„nicht im gewöhnlichen Verlaufe der Dinge“, sondern als Folge eines bestimmten Vorkommnisses in der Betriebsarbeit eingetreten sei, für das den Hinterbliebenen eine„Art von Entschädigung" zugebilligt werde. Bei der Hinterbliebenenversicherung aber solle der Frau und den Kindern, die den Ernährer„nach allgemeinem Menschenschicksal" verloren haben, nur eine Beihilfe im Witwen= und Waisenstande gesichert werden. Dieser Vergleich widerspricht ganz gewiß dem sozialpolitischen Verständnis und dem Gefühl der Arbeiterklasse sehr scharf. Die„höhere Fürsorge" durch die Unfallversicherung ist doch auch nur eine durchaus unzulängliche. Im Hinblick auf diese„Fürsorge“ die für die Hinterbliebenen niedriger zu bemessen, das geht vernünftigerweise nicht an. Und weiter: für die starke Mehrheit der Arbeiter, die, Frau und Kinder zurücklassend in Armut und Not, sterben, trifft es nicht zu, daß sie„nach allgemeinem Menschenschicksal“ ihrer Familie verloren gehen. Sie sind ebenso die Opfer des kapitalistischen Ausbeutungssystems, wie die, welche durch Betriebsunfall zu Tode kommen. Uebermäßige Arbeitsleistung unter dem Drucke der Entbehrung, der Not, des Elends; Verwüstung ihrer Arbeitskraft im Dienste des Kapitalismus und schlechte Lebenshaltung überantworten sie frühem Siechtum und Tod. Die große Mehrzahl der Arbeiter erleidet nicht das natürliche allgemeine Menschenschick al; nein, sie trifft das Schicksal ihres Berufes und ihrer Klasse. Es kommen bei der Hinterbliebenenversicherung in Betracht: die Witwenrente bezw. das Witwengeld und die Waisenrente bezw. die Waisenaussteuer. Wegen der„Höhe der erforderlichen Mittel“ will der Entwurf die neue Versicherung auf die„Befriedigung der dringendsten Fürsorgefälle" beschränken. Aus dem Umstande, daß der Schwerpunkt der Belastung die Ansprüche der Witwen bilden, folgert die Begründung, daß bei ihnen die gebotene Beschränkung“ einzusetzen habe. Erwerbsfähige und erwerbsunfähige Witwen werden verschieden behandelt. Nur für erwerbsunfähige Witwen wird ein unbedingtes Fürsorgebedürfnis anerkannt. Von der kinderlosen erwerbsfähigen Witwe wird vorausgesetzt, daß sie mindestens in dem gleichen Umfange tätig zu sein vermag, wie die ledige weibliche Person. Auch die erwerbsfähige Witwe mit Kindern wird einer laufenden Fürsorge dann nicht mehr dringend bedürftig erachtet, wenn die Kinder erwerbsfähig geworden sind. Und selbst während des fürsorgebedürftigen Alters der Kinder kann nach dem Entwurf eine laufende Zuwendung an die Witwe„entbehrt“ werden,„wenn durch die fortdauernde Unterstützung der Waisen die Kosten ihres Unterhalts verringert werden und die Witwe im allgemeinen nur das zu ihrem eigenen Unterhalt Erforderliche durch Lohnarbeit beschaffen muß". Eine Fürsorge für Witwen, welche noch erwerbsfähig im Sinne des Invalidenversicherungsgesetzes sind, nimmt der Entwurf nicht in Aussicht, Die Witwenrente erhält hiernach die engere Bedeutung einer Witweninvalidenrente. Als invalide gilt die Witwe, die nicht imstande ist, durch eine Tätigkeit, die ihren Kräften und Fähigkeiten entsoricht, ein Drittel desjenigen zu erwerben, was körperlich und geistig gesunde Personen derselben Art und ähnlicher Ausbildung in der gleichen Gegend durch Arbeit zu verdienen pflegen. Die knappe Bemessung der Invalidenrente soll nach der Begründung bewirken,„daß für weibsich um Emmy bewarb, einen sehr schlimmen Verkehr mit weiblicher Bedienung hatte und in dieser Beziehung sehr anrüchig war. So gab man ihm denn den Laufpaß und schenkte ihm obendrein die Schulden. Emmy sandte ihm keine Träne nach, denn sie hatte ihn nie geliebt; wohl aber weinte sie schmerzlich darüber, daß sie auf Wunsch der Eltern die Absicht gehabt haben konnte, einem derartigen Menschen die Hand fürs Leben zu reichen. Diese trübe Erfahrung hatte ihr frühzeitig eine gewisse Reife der Anschauung gegeben, die Trolla oftmals an ihr bewundern mußte. Als Eckler immer mehr zu verbummeln begann, wurde er außer dem Hause zu einem Anhängsel Dankelbergs, in dessen geschäftliche Kniffe er eingeweiht war. Alles das wußte Frau Dankelberg, und deshalb gesellte sich zu ihrem Hasse auch noch die Verachtung. Ahnungslos blieb sie nur bezüglich Rosas, wenigstens was ihren Mann betraf. Nur Emmy hatte Kenntnis davon. Ein Brief an Eckler, den sie zufällig in seinem Zimmer fand, hatte ihr die Augen geöffnet. Voll tiefer Scham erfüllt darüber, wagte sie niemals zu der Mutter davon zu sprechen. Uebrigens trug Eckler gegen Dankelbergs die gleiche Verachtung im Herzen. Als Kenner ihrer intimsten Familienverhältnisse behandelte er sie mit der zynischen Offenheit einer unreinen Natur, die das Erröten längst verlernt hat. Deshalb hatte er auch die Alte zuerst geschnitten. „Was der Mensch braucht, muß er haben,“ gab er ihr nun zurück und schenkte drei von dem halben Dutzend Kelchen voll, das der Kellner fürsorglich um die Flasche gruppiert hatte.„Erinnere ich mich recht, Gnädige, so waren Sie niemals für Sekt,“ wandte er sich dabei an Frau Dankelberg, um sich der Notwendigkeit zu entheben, sie einzuladen. „Ich lasse mein Leben für Schampanjer," bemerkte Frau Schneider und ließ ihre kleinen Augen leuchten, als sie mit Eckler anstieß. „Das wäre recht schade,“ dachte er,„denn ich hoffe ihre offene Hand noch recht oft in Anspruch zu nehmen.“ Sie schmatzte nach dem Trinken unsein mit den Lippen, lobte die Marke, um ihr Verständnis zu beweisen, raunte dann aber Fritz das Wort„Söffel“ zu, weil er sein Glas mit einem Zug geleert hatte und es dem„Assessor“ wieder hinhielt „Ah, da ist ja das glückliche Brautpaar,“ sagte dieser plötzlich und machte eine Wendung dem Saale zu. liche Personen ein Interesse daran erhalten bleibt, durch Fortentrichtung der Beiträge während der Ehe und auch im Witwenstande einen Anspruch auf die reichsgesetzliche Invalidenrente zu erwerben“. Diese Rente ist nach den im Entwurf vorgeschlagenen Sätzen allerdings stets höher als die Witwenrente. Was aber soll geschehen, wenn die Voraussetzungen für beide Ansprüche, für die Invaliden= und die Witwenrente, zusammentreffen? Der Entwurf wählt den„Ausgleich", daß in diesem Falle die Witwenrente nicht zur Auszahlung gelangt und der beitragzahlenden Witwe beim Tode des Mannes eine einmalige Barzuwendung in Gestalt eines„Witwengeldes" gewährt wird. Als Ergänzung zum Witwengelde schlägt der Entwurf eine einmalige Zuwendung an die Waisen vor, die „Waisensteuer“, die bei der Schulentlassung der Waisen gewährt werden soll,„weil dann das Bedürfnis, über bare Mittel zu verfügen, für die Familie noch besonders fühlbar wird“. Waisenrenten sollen erhalten nach dem Tode des versicherten Vaters die hinterlassenen ehelichen Kinder unter fünfzehn Jahren und die hinterlassenen vaterlosen Kinder einer weiblichen Versicherten. Nach dem Tode einer versicherten weiblichen Person, die den Lebensunterhalt ihrer Familie wegen Erwerbsunfähigkeit des Ehemannes ganz oder überwiegend aus ihrem Arbeitsverdienst bestritten hat, soll bis zum Wegfalle der Bedürftigkeit den hinterbliebenen ehelichen Kindern unter fünfzehn Jahren ein Anspruch auf Waisenrente und dem hinterlassenen Witwer ein Anspruch auf Witwerrente zustehen. Im Falle der Wiederverheiratung fällt die Witwen= und Witwerrente weg, und zwar ohne daß— wie es nach den Vorschriften der Unfallversicherung geschieht— dem Wiederverheiratenden eine Abfindung gewährt wird. Die Begründung setzt voraus,„daß invalide Witwen und Witwer nur dann eine zweite Ehe eingehen werden, wenn sie die Aussicht haben, ohne eine Zuwendung aus allgemeinen Mitteln die Kosten des Haushalts zu bestreiten". Wie schon bemerkt, werden die Versicherungsleistungen von den Versicherungsanstalten mit Beihilfe des Reiches getragen. Der Reichszuschuß soll betragen: 50 Mark jährlich zu jeder Invaliden. Alters-, Witwen= und Witwerrente; 50 Mark zu jedem Witwengeld; 25 Mark jährlich zu jeder Waisenrente und 163/8 Mark zu jeder Waisenaussteuer. Der Entwurf berechnet nach einer Verteilung der Versicherten über die einzelnen Lohnklassen, die Höhe der Leistungen, wie sie sich nach den Sätzen des Entwurfs nach Ablauf der mittleren Aktivitätsdauer(etwa 1763 Beitragswochen) mit Ausschluß des Reichszuschusses stellt: 1. Die Invalidenrente 274,80 Mark; 2. die Witwenrente 117,60 Mark oder 42,8 Prozent der Rente zu 1; 3. die Waisenrente beim Vorhandensein von einer Waise Mk. 58,80 oder 21/4 Proz. der Rente zu 1, Bei acht Waisen ist mit 273 Mark die Grenze der Waisenrente erreicht. Auf eine größere Zahl von Waisen wird keine Rücksicht genommen, denn der Gesamtbetrag der an die Waisen einer Familie zu zahlenden Rente soll nach dem Vorschlage des Entwurfs nie höher werden dürfen, als die Invalidenrente des verstorbenen Ernährers. Die Begründung glaubt, diese Einschränkung damit rechtfertigen zu können, daß es eine„unbillige Verbesserung der Lage der Familie“ wäre, wenn ihreGlieder nach dem Tode des Ernährers günstiger ständen, als wenn dieser bei IV. Bevor Eckler an den Tisch getreten war, hatte sich Emmy erhoben und ihren Verlobten gebeten, den Walzer mit ihr zu tanzen. Ahnungslos war Trolla darauf eingegangen, und den flotten Tänzer in sich spürend, hatte er sich vergnügt mit ihr im Kreise gedreht. Nun war er überrascht, diesen Gast an der Tafel zu sehen. „Wie kommt der Mensch an unseren Tisch?“ fragte er Emmy, die ängstlich an seinem Arme hing. „Er ist ein Bekannter von Schneiders,“ redete sie sich heraus. „Und von deinem Papa,“ fiel er ein. An ihrem blassen Gesichte merkte er ihre Erregung, unter der sie ihm etwas zu verbergen suchte. Niemals hatten sie beide über Eckler gesprochen, weil keine Veranlassung dazu vorlag. Sie schämte sich seiner einstigen Bekanntschaft, und er befürchtete, dann auch die schlimmsten Seitensprünge ihres Vaters berühren zu müssen. „Nun ja— er besorgt, glaube ich, hin und wieder Geschäfte für ihn,“ kam es zögernd über ihre Lippen. Eingeschüchtert sah sie ihn an, um in seinen Augen nach irgend Etwas zu forschen. „Das sieht ihm auch ähnlich, er ist ein vollendeter Lump,“ preßte er hervor und machte eine Schwenkung, um ihrem Ziele zu entgehen. „Das weiß ich... man erzählt sich so manches von ihm," sagte sie wieder kleinlaut und klammerte sich an ihn fest, als könnte ihr Glück heute ein jähes Ende nehmen, wenn sie ihn von sich ließe. „Wir können mit ihm nicht zusammensitzen. Deine Mutter muß benachrichtigt werden,“ fuhr er fort. „Selbstverständlich.“ Ich tue alles, was du willst. Schon Schneiders sind mir heute unangenehm.“ Ihre Worte klangen bestimmter, denn sie war ruhiger geworden. Innerlich aber zitterte sie bei dem Gedanken, er könnte von ihren einstigen Beziehungen zu Eckler etwas erfahren. Sie durchwandelten den Saal und fanden in einem kleinen Seitenzimmer ein verstecktes Plätzchen, wo sie ungestört sitzen konnten. Plötzlich empfand sie Kopfschmerzen und bat um eine Selter. Dieser Umstand erschien ihm als eine willkommene Ausrede der bisherigen Gesellschaft gegenüber. Er ließ sie allein und kehrte zur großen Tafel zurück. „Ah sieh da, Herr Kollege," begrüßte ihn Eckler, den der Sektrausch bereits erfaßt hatte. Lebzeiten invalibe gewborden wäre“! Die Witwenrente wird auf den Betrag der Invalidenrente des Ernährers nicht mit angerechnet; sie kommt neben der Waisenrente zur Auszahlung, so daß die Hinterbliebenenrenten zusammen das anderthalbfache der Invalidenrente des verstorbenen Ernährers als das Hochstmaß betragen können, dann nämlich, wenn acht Waisen vorhanden sind. Eine erwerbsunfähige Witwe mit vier Kindern würde für sich 117 Mark und für die Kinder 150 Mark, also zusammen 267 Mark jährlich oder 7 Mark weniger als die Invalidenrente erhalten. Davon sollen eine erwerbsfähige Frau und vier Kinder„leben“! Zusammen mit der Witwenrente ergeben die untersten vier Klassen in steigendem Maße nach unten eine Kürzung des Betrages der Invalidenrente; bei einer Waise beträgt diese Kürzung ru: 100 Mark. So will der Entwurf eine „unbillige Verbesserung“ der Lage der Familie verhüten! Wer möchte zu bestreiten wagen, daß diese Hinterbliebenenfürsorge, die natürlich die öffentliche Armenpflege ausschließen soll, durchaus un zulänglich ist?! Die öffentliche Armenpflege würde in Ersüllung der ihr gesetzlich vorgeschriebenen Aufgabe, Unterstützungsbedürftige wenigstens mit dem Nötigsten und Unentbehrlichsten(Wohnung, Nahrung und Kleidung) zu versehen, eine erwerbsunfähige Witwe mit vier Kindern mit 267 Mark jährlich, oder pro Person täglich vierzehn Pfennige nicht abfinden können. Wie die Unfall= und Invalidenrenten, so müssen auch die zu schaffenden Hinterbliebenenbezüge eine erhebliche Erhöhung erfahren, wenn sie dem Begriff einer Hinterbliebenenfürsorge entsprechen sollen. 9. Generalversammlung Leutschenaetauarreierverbander Hamburg, 4. Juni. Im weiteren Verlaufe der Statutenberatung am Freitag ward ein Antrag angenommen, wonach die Staffelungsfrage nicht erledigt ist und der Vorstand beauftragt wird, neue Berechnungen aufzustellen und dem nächsten Verbandstage eine Vorlage zu unterbreiten resp. Bericht zu erstatten. Weiter wurde eine Reihe Aenderungen und Zusätze beschlossen, die den Beitritt, die Beitragsstundung resp. Befreiung und die Legitimationspflicht regeln. Mitglieder, die wegen ihres Verhaltens mit einer gewissen Regelmäßigkeit erwerbslos sind, können der Invalidenklasse(10 Pfg. Beitrag) eingereiht werden; Halbinvaliden verbleiben in der Klasse für Jugendliche und weibliche; die Einreihung in eine höhere bezw. niedere Klasse erfolgt durch Beschluß der Ortsverwaltung, in Zweifelsfällen des Vorstandes. Den weiblichen Mitgliedern zu gestatten, in die höheren Beitragsklassen einzurücken, ward abgelehnt, ebenso die Aenderung der Bestimmung über Gemaßregeltenunterstützung, wo der Vorstand die Streichung des Passus wünschte, daß die Unterstützung bei Maßregelung„infolge Eintretens für vom Verband anerkannter Arbeitsbedingungen“ gezahlt wird. Dagegen ward bezüglich der aus anderen Verbänden mit niedrigeren Beiträgen und Leistungen Uebertretenden beschlossen, daß sie erst nach 52 Wochen Karenzzeit Anspruch auf Unterstützung haben, wenn sie im früheren Verband vor dem Uebertritt ausgesteuert waren, sofern es nicht frühere vollberechtigte Mitglieder des Metallarbeiterverbandes sind, die innerhalb 13 Wochen nach Rückkehr in die Metallindustrie wieder übertraten. Weiter ward beschlossen, daß Jugendliche nach Vollendung des 18. Jahres, wenn sie 4 Wochen nach beendetem Lehrverhältnis beitreten, Reisegeld bis zur Hälfte des den männlichen Mitgliedern zustehenden Mindestbetrages erhalten können, vom Reisegeld dürfen laufende und rückständige Beiträge in Höhe des Grundbetrages ohne Lokalzuschlag abgezogen werden. Die Aenderung der Umzugsunterstützungssätze ward abgelehnt. Bezüglich der Erwerbslosenunterstützung war vom Vorstand und der Statutenberatungskommission beantragt, die Karenzzeit von 52 Wochen auf 78 Wochen, die Aufrückungsfrist für die einzelnen Klassen von 1 auf 2 Jahre hinaufzusetzen. In namentlicher Abstimmung ward die beantragte Erhöhung der Karenzzeit abgelehnt, dagegen eine Erhöhung auf 72 Wochen beschlossen. Gleichfalls in namentlicher Abstimmung ward die Erhöhung der Aufrückungsfrist auf 2 Jahre abgelehnt. Mitglieder, die erst nach vollendetem 50. Lebensjahre beitreten, erhalten nach 52wöchentlicher Beitragsleistung männliche 6 Mk., weibliche 3 Mk. wöchentlich; eine Steigerung findet nicht statt. (Nachmittagssitzung.) Nachdem die Kommission nochmals zusammengetreten war, um die sich aus dem Beschluß zu§ 9(Beibehaltung der Steigerungsfristen) ergebenden Konsequenzen zu prüfen, wird auf Ein kaum merklicher Kopfnicker Trollas war die Antwort. Er wollte jeden Schein vermeiden, als wäre es ihm darum zu tun, den Assessor überhaupt nicht zu kennen. So ließ er sich denn auch herbei, ein paar kurze Worte mit ihm zu wechseln. Dann aber verständigte er rasch Frau Dankelberg. „Emmy ist schlecht geworden? Dann muß ich wohr—. Sie erhob sich sofort und bat um Entschuldigung. Trolla benutzte die Gelegenheit, sich gleich von den übrigen Ein allgemeines Bedauern am Tisch, ein abermaliger Kopfnicker Trollas zu Eckler, und man war glücklich über die Klippe Nun saßen sie alle drei hinten in der Ecke, machten es sich gemütlich und dachten nicht ans Gehen. Man war überein gekommen, später die Ausrede zu gebrauchen, daß sich Emmys Zustand wieder gebessert habe, und daß man daher wieder geblieben sei, ohne den Platz noch einmal zu wechseln. Frau Dankelberg merkte sofort, wie die Sache lag, und so ragte sie hastig, als Trolla ihnen auf ein Weilchen den Rücken zekehrt hatte:„Weiß er etwas davon, daß der Ekel davorn kinmal Absichten auf dich hatte?“ Und als Emmy verneint latte und Trolla wieder bei ihnen saß, setzte sie sich wieder aufs sohe Pferd, indem sie über Eckler sehr entrüstet tat. Sie wisse selbst nicht, wie„dieser Mensch“ dazu komme, sich hrer Gesellschaft aufzudrängen. Schneiders hätten nun aber sinmal einen gewöhnlichen Geschmack. Manchmal müsse man iber mit den Wölfen heulen. Sie werde es ihrem Manne agen, daß er nicht jeden seiner Agenten in„anständige Gesellchaft“ einführen solle.„ „Seien Sie nur ganz ruyig, werter Herr Feux. Es son gewiß nicht wieder vorkommen, schloß sie und klopfte ihm zärtlich auf die Schulter. Trolla nickte zwar freundlich, seine frühere gute Stimmung cehrte aber nicht wieder zurück. Als irgend ein paar ihm gleichgiltige Frauen an den Tisch kamen und ihre Geschwätzigkeit erönen ließen, entschuldigte er sich auf kurze Zeit unter dem Vorbeben, er wolle einmal sehen, wo„der Alte“ stecke. In Wahrheit fühlte er das Bedürfnis, auf wenige Minuten mit sich allein zu sein und den stillen Beobachter zu spielen. Er wand sich glücklich durch das Getriebe, stieg zu der Galerie empor, die öber die eine Querwand des Saales lief, und ließ sich hinter der Gardine nieder, die die erste Logenöffnung abschloß. Unter ihm brodelte die Tanzwut. Glühende Wangen, nackte ihren Antrag dieser Beschluß aufgehoben und der Kommissionsantrag, die Steigerungssätze von 2 zu 2 Jahren eintreten zu lassen, mit großer Mehrheit angenommen. Neunte Generalversammlung der Glasarbeiter und=arbeiterinnen Prutschlands. Kr. Hannover, 3. Juni. 5. Verhandlungstag. Vor Eintritt in die Tagesordnung gelangt eine Resolution zur Annahme, in der das Vorgehen des Herrn Dr. Kupferberg in Budenheim verurteilt wird. Der Herr versucht nämlich, auf eine eigne Art Lohnverschlechterungen einzuführen. Indem er die Weinflaschen sortiert und in verschiedene Qualitäten einteilt, entstehen ganz beträchtliche Lohnreduzierungen. Eine zweite Resolution beschäftigt sich mit dem Vorgehen verschiedener Firmen in Weißwasser. Seit Januar d. J. wurde dort eine Kürzung des Lohnes um 7½ Prozent vorgenommen und die Arbeitszeit um ½ Stunde täglich verlängert. Nach Versicherung der Firmenträger soll die Lohnreduzierung mit dem 1. Juli auf 5 Prozent gemildert werden. Da die Anzeichen aber darauf hindeuten, daß dieses Versprechen nicht gehalten werden soll, so beauftragt die Generalversammlung den Vorstand, auf die Entwicklung dieser beiden Angelegenheiten ein wachsames Auge zu haben und den Kollegen beizustehen, falls es zum Kampfe kommt. Genosse Bauer erhält nunmehr das Wort zu seinem Vortrag über die Reichsversicherungs-Ordnung. Eine gegen den dem Reichstage vorliegenden Gesetzentwurf gerichtete Resolution findet einstimmige Annahme. Den Bericht der Kommission zur Einführung der Krankenunterstützung gibt Kollege Bulke=Leipzig., Dieser empfiehlt die Einführung der Krankenunterstützung bei Zahlung eines Extrabeitrages von 10 Pfg. pro Woche. Die Unterstützung soll täglich 50 Pfg. auf die Dauer von 6 Wochen betragen. Die Karenzzeit betragt für Mitglieder, die ein bis drei Jahre dem Verbande angehören, 6 Monate, für jene, die drei und mehr Jahre Mitglied sind, 3 Monate und für alle neueintretenden Kollegen 1 Jahr. Die Kommission glaubt jedoch, daß augenblicklich nicht die passende Zeit für Erhebung höherer Beiträge ist. Sie empfiehlt daher, die Einführung der Krankenunterstützung auf eine günstigere Zeit zu verschieben und die Festsetzung der Zeit der Beitragserhöhung dem Vorstande zu überlassen. Diese Vorschläge werden mit 58 gegen 3 Stimmen angenommen. Ueber den Internationalen Glasarbeiterkongreß, der im Jahre 1908 zu Paris tagte, referiert Kollege Wußmann. Redner zeichnet ein Bild der Zusammensetzung des Kongresses, es waren 15 Nationen vertreten, die alle vom Geiste brüderlicher Solidarität erfüllt und bestrebt waren, durch internationale Verbindungen die Lebensbedingungen der Glasarbeiter zu verbessern. Durch ein Mißverständnis verließen die Delegierten aus Amerika und Belgien den Kongreß. Der Kongreß beschäftigte sich mit der internationalen Verbindung und mit der Frage: Wie ist die Ueberproduktion zu beseitigen? Als geeignete Mittel hierzu wurde die Anstrebung eines wöchentlichen Ruhetages, AArbeitsruhe während der heißen Jahreszeit, Verkürzung der Arbeitszeit und Beseitigung der Nachtarbeit genannt. Der Erfolg der Verhandlungen war, trotz aller heftigen Debatten, die Einsetzung eines internationalen Sekretariats. Die Wahl fiel auf Kollegen Girbig. Derselbe bemüht sich nun mit Unterstützung der übrigen Vorstandsmitglieder, die internationalen Verbindungen nicht nur hoch zu halten, sondern sie zu erweitern.— Genosse Horn, früherer internationaler Vertrauensmann, der verhindert war den letzten Kongreß zu besuchen, beschwert sich, daß man seinen Bericht nicht dem Kongreß unterbreitet hat. Nach Aufklärung der Delegierten gilt dieser Punkt als erledigt. Es wird nunmehr in die Beratung der einzelnen zum Statut gestellten Anträge eingetreten. Ein heißes Ringen um die Sitzverlegung beginnt, da etliche Orte der Meinung waren, daß, wenn der Sitz in Dresden sei, die einzelnen Branchen besser im Vorstand vertreten sein würden.— Gegen wenige # losenunterstützung wird insofern anders geregelt, als man die 2 zugszeit ändert. Dieselbe soll in einem Jahre 5 bis 10 Wochen bei staffelweiser Steigerung gewährt werden. Sie soll betragen bei einer Mitgliedschaft von 52 bis 312 Wochen in der 30 Pfg.Klase 90 Pfg, und soll bis zu 1.20 täglich steigen, Schultern, weiße Kleider und schwarze Fräcke führten einen tollen Wirbel. Der Dutzendsaal mit dem großen langweiligen Kronleuchter, die Durchschnittsgesichter, die chiclosen Toiletten und das eintönige Gedudle der Musik— alles paßte stimmungsvoll zueinander. Der Geist war in die Füße gesunken. Wer das Tanzbein wacker schwang, der war der richtige Mann. Brütende Hitze stieg zur Decke empor und umflirrte die zahllosen Kerzenhüllen, deren Gasflammen in den Wolken von Tabaksqualm bereits rötlicher strahlten. Mitten im Gewoge der Geigen, aus dem die Kiarinelte zeitweilig laut hervorquietschte, als bekämen ihre Töne einen unerwarteten Ruck, klang abgebrochen helles Mädchenlachen. Rufe nach dem Kellner wurden dann laut. Irgend eine berlinische Redensart vermischte sich damit und erweckte schallendes Gelächter. Ein ältlicher, stark angesäuselter Herr turkelte durch den Reigen, trieb wie ein guter Bekannter seine Späßchen mit den jüngeren Damen und ließ sich dann schwer an der Seite seiner gestrengen Ehehälfte nieder, aus deren ernster Miene nichts gutes sprach.—5 shsch auf Minuten Gi. Trolla lehnte sich zurua und schloß auf Minuten die Augen. Während er seinem Gedankengang eine bestimmte Richtung gab, erklang ihm die Musik wie in weiter Ferne, und er selbst erschien sich wie in einer anderen Welt, losgelöst von dieser Umgebung. Visionär tauchte seine Vergangenheit in ihm auf, mit anderen Sitten, anderen Gesetzen. Er hatte die bestimmte Empfindung, plötzlich einen großen Sprung tun zu müssen, hinweg über diese Gesellschaft, um sich in Einsamkeit zu flüchten und zu retten. Es war ihm, als stünde seine Mutter hinter ihm, führe ihm kosend durch das Haar, beugte sich liebevoll zu ihm nieder, und raunte ihm sanft die Worte zu:„Mein stolzer Junge, kehre um.".. S Jäh fuhr er plötzlich zusammen. Das Wort Hannover schlug deutlich an sein Ohr. Litt er wirklich an Sinnestäuschung, hatte die Gefühlswelt ein Echo in ihm erweckt? Shläfrig starrte er wieder vor sich hin. Eintönig drang das Scharren der Tanzenden zu ihm herauf. Und laut wie zuvor gellte die Musik ihm in die Ohren. Dann verdrängte der Anblick Ecklers mit seinem häßlichen Eindruck das Lichtbild von vorhin. Er fühlte wieder die tausend Fäden, die ihn wie ein gewaltiges Lebensnetz an sein selbst geschaffenes Dasein fesselten, ihn weich umschlangen, als wollten sie symbolisch das Milieu andeuten, das von ihm Besitz ergriff.(Fortsetzung folgt.) in den beiden anderen Klassen von 1,20 bis 1,60 Mark resp. 1,50 bis 2 Mark. Der Vorstand glaubt durch diese Regelung eine Sanierung der Verbandsfinanzen anzubahnen. Der Bezug der Sterbeunterstützung wird insofern geändert, als der Grundbetrag von 30 Mark auf 15 Mark herabgesetzt wird. Der Redakteur soll in Zukunft dem Vorstand mit beratender Stimme angehören. Die Verhandlung wird um eine Stunde aus und der Rest der Tagesordnung in einer Abendsitzung.. Die nächste Generalversammlung soll sich mit der Li.### beit und deren Regelung beschäftigen. Ferner beschließt d. Generalversammlung einen Platz in der Parteischule zu belegen und soll zunächst Kollege Girbig als Parteischüler angemeldet werden. Die übrigen Anträge sind interner Art und eignen sich daher wenig für die Oeffentlichkeit. Die„Vorstandswahl ergibt keine Aenderung, es wird die bisherige Verbandsleitung wiedergewählt. Nach einem kernigen Schlußwort des Vorsitzenden Girbig wird die Generalversammlung abends 10 Uhr mit einem Hoch auf die Organisation der Glasarbeiter sowie auf die allgemeine Arbeiterbewegung geschlossen. Bundestag der Vereine für naturgemäße Lebens= und Heilweise. An den Pfingsttagen fand in Hamburg die Bundesversammlung für Naturheilkunde statt. Einschließlich des Bundesvorstandes waren 177 Vertreter und viele Gäste anwesend. Den Geschäftsbericht erstattete der Bundesvorsitzende BraunBerlin. Daraus ging hervor, daß der Bund zurzeit 140 198 Mitglieder in 859 Vereinen zählt. Das bedeutet eine Zunahme von 9074 Mitgliedern seit dem letzten Berichte. Das Bundesvermögen beträgt 132 465 Mark. Für den Krankenhausbaufonds sind 124 472 Mark bisher eingegangen.— Herr Schirrmeister ergänzt die Mitteilungen zum Geschäftsbericht; nach seinen Darlegungen sind zirka 250 Luftbäder mit Spielplätzen, zirka 40 Dampf= und Flußbäder, zirka 400 Ausleihstellen für Badegeräte zur Krankenpflege und zirka 700 Büchereien im Gesamtwerte von über fünf Millionen Mark von den Vereinen geschaffen worden. Außerdem sind die Naturheilvereine an 5000 Schrebergärten beteiligt und der Bund wird sich dem Zentralverband für Familien= und Arbeitergärten anschließen. In der anschließenden Diskussion vertrat Schreck=Bielefeld die Ansicht, daß die Naturheilvereine mehr die Kommunalpolitik beeinflussen müßten. Aufgabe von Stadt und Gemeinde sei es, in hygienischer Hinsicht alles zu tun, um die Einwohner vor gesundheitlichen Schäden zu schützen. Schwimmund Luftbäder, Spielplätze, Schrebergarten und Volksparks einzurichten und zu unterhalten, sein eine hohe kommunale Aufgabe, die auch in finanzieller Hinsicht für die einzelnen Kommunen kaum große Schwierigkeiten mache. Ferner regte der Delegierte die Herausgabe einer entsprechenden Merkkarte an. — Allseitig wurde den Anregungen zugestimmt. Aus dem Bericht der Abwehrstelle, den deren Leiter, Herr Schirrmeister, erstattete, geht die umfangreiche Tätigkeit der Abwehrstelle hervor. Besondere Aufmerksamkeit schenkte die Abwehrleitung 1907 der Kurpfuscherei=Ausstellung in Berlin, 1908 derselben Sache in Dresden, da die Ausstellung in ihrer Abteilung 7 die Schriften der Naturheilkunde besonders behandelte und auch den Naturarzt mitsamt den Schriften anerkannter Aerzte unserer Richtung als kurpfuscherische bezeichnete. Nach einer Statistik, die dort gezeigt wurde, sollen jährlich 14 Millionen Mark aus der Tasche des Volkes für diese Volkspest ausgegeben werden! P diese Irreführung haben gute Gesetzentwurf zur Bekämpfung sich darum handelt, die freie Heilkunst zu erwürgen— wurde eine umfassende Abwehr organisiert. Auch literarisch hat die Abwehrstelle zu dieser Frage Stellung genommen durch die Ausarbeitung von 2 Eingaben an die Bundesregierungen. Der Impfkampf wurde weitergeführt, weil unsere neuere Rechtsprechung vielfach aus dem Gesetz ein Impfzwangsgesetz gemacht hat. Herr Siegert berichtet über die Schriftleitung.„Wir sind bestrebt, nicht abzustoßen. Eine unkluge Art der Agitation, die eine zu persönliche Note, hat uns niemals etwas genützt. Wir vergessen nicht, Anhänger zu gewinnen durch eine zielbewußte Tätigkeit auf dem Gebiete der Wohlfahrtsbestrebungen. Wir weisen keine Artikel zurück, die etwas taugen.— An die Diskussion über diese beiden Berichte schloß sich die Entlastungerteilung des Gesamtvorstandes. Der Bundesausschuß unterbreitete durch Herrn LeubeGera seinen Bericht. Im Anschluß hieran fordert er Herrn Schirrmeister auf, Anzapfungen des Herrn König, Redakteur der Reformblätter, in Sachen Impfgegnerbund zu widerlegen. Herr Schirrmeister gab leider dieser Aufforderung Folge und behelligte so den Bundestag mit einer Sache, die lediglich die diversen Impfgegnerorganisationen angeht. Gleichzeitig schlug Schirrmeister einen solch scharfen Ton gegenüber den als Gast anwesenden Herrn König an, das der Delegierte Schreck mit aller Energie dafür eintrat, nunmehr die Rede Schirrmeisters als nicht gehalten zu betrachten oder dem Angegriffenen gleichfalls das Wort zu geben. Die Bundesversammlung vermochte nicht, sich auf diesen gerechten Standpunkt zu erheben und lehnte den Antrag Schreck ab. Für die Zukunft dürfen sich solch störende Zwischenfälle nicht wiederholen. Es folgte dann die Beratung der Bundessatzungen. Wegen der wesentlichen Erweiterung der Bundesunternehmungen soll der Bund sich die Rechie einer juristischen Person erwerben. Die Veränderungen bestehen darin, daß künftig die Organisation des Bundes sich aufbaut auf einen Bundes=Vorstand, der aus mindestens zwei besoldeten Personen besteht, auf einem neunköpfigen Verwaltungsrat, ferner auf dem Beirat, der aus den Gruppenvorsitzenden oder deren Stellvertretern und auf die Bundes=Versammlung, die sich wie bisher aus Delegierten (auf je tausend Mitglieder einen Vertreter) zusammensetzt. Die Verwaltung des Bundes lag bisher in den Händen eines neunköpfigen Vorstandes, der ehrenamtlich arbeitete. Nunmehr sind für die Leitung der Bundesgeschäfte zwei besoldete Vorstandmitglieder bestimmt, dem zur Seite ein Verwaltungsrat aus neun Personen steht, der zugleich Aufsichts-Instanz ist. Ein weiteres Prüfungs= und Aufsichtsorgan ist der Beirat.“ Derselbe ist nunmehr zu einem selbständigen Körper geworden mit eigenem Vorstande, und seine Funktionen und Rechte sind in ganz außerordentlicher Weise erweitert worden, daß mit der neu geschaffenen Satzung ein ersprießliches Arbeiten zwischen den verschiedenen Verwaltungsorganen ermöglicht wird.— Zu besoldeten Bundesvorstandsmitgliedern werden einstimmig die Herren Paul Schirrmeister und Seeger gewählt. Als Redakteure verbleiben die Herren Dr. Schönenberger und Siegert. Als Vorsitzender des Verwaltungsrates wird Herr Braun unter großen Vertrauenskundgebungen einstimmig gewählt. Damit waren die Verhandlungen des ersten Tages erschöpft.