Abonnementchreis Bielefeld und Umgegend, sowie bei sämtlichen Agenturen frei ins Haus gebracht 60 Pfg. monatlich. Durch die Post bezogen 1,80 Mk. vierteljährlich exelusive Bestellgeld Einzelnummer 10 Pfg. Erscheinungstage mit Ausnahme der Sonn= u Feiertage täglich nachmittags. Fernsprech=Anschluß Nr. 353. GerUeTolTooee Organ der Sozialdemokratie für das östliche Westfalen und die lippischen Fürstentümer. Buchhandlung, Druckerei, Erpedition und Redaktion: Schulstraße Nr. 20. Insertionspreis für die einspaltige Petitzeile oder deren Raum 15 Pfg. Bei Wiederholungen entin vender Rabatt. Inseraten=Annahme bis ½29 Uhr vormittags. Größere Inserate müssen bis 5 Uhr abends tags zuvor aufgegeben sein. Druck und Verlag der Buchdruckerei und Buchhandlung „Volkswacht“ Gerisch& Co., Vieleseld, Nr. 17. Montag, 21. Jauuar 1907. 18. Die heutige Nummer umfaßt 8 Seiten. Angriffe gegen das Koalitionsrecht. Gesetzliche Arbeiterschutzvorschriften und ein die gesamte Arbeiterklasse umfassendes, gesichertes, geschütztes Koalitionsrecht ist dringend erforderlich zum Schutz gegen eine willkürliche und schrankenlose Ausbeutung der Arbeitskraft, zur Erringung besserer Lohn= und Arbeitsbedingungen und zur Hebung der Kultur. In wachsendem Maße hat die herrschende Klasse sich gegen die Arbeiterschutzvorschriften, gegen eine Erweiterung, gegen eine Ausübung des Koalitionsrechts gewandt. Die Unternehmerklasse hat die Tendenz, die persönliche Arbeitskraft zu vergegenständlichen, die Arbeiter zu Wesen degradieren, die wesentlich als Arbeitsmaschinen des Kapitalisten Dienste zu verrichten haben. Der Heißhunger der Kapitalistenklasse nach Profit hat den biblischen Satz:„Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ in den Satz umgewandelt:„Im Schweiße deines Angesichts will ich mein Brot essen und mein Kapital vermehren. Lebe, um für mich zu arbeiten.“ Ein Rückblick zeigt klar, wie die bürgerliche Klasse unverrückbar das Ziel der Beseitigung des Koalitionsrechts im Auge hält und es der Regierung vorschreibt. Wie in der letzten Reichstagssession, so wird auch in der künftigen Tagung ein Versuch der bürgerlichen Parteien, das Koalitionsrecht direkt oder indirekt zur Aufhebung zu bringen, nicht unterbleiben. Einen Rückblick auf einige Tatsachen zeigt uns, wie die durch die Großindustrie beherrschten Parteien und Regierungen dem Koalitionsrecht feindlich gegenüberstehen. Als am 8. Juli 1861 im preußischen Abgeordnetenhause die Abgeordneten Dr. Faucher, Michaelis und Genossen eine Resolution einbrachten, welche die Ausnahmegesetze gegen das Koalitionsrecht der gewerblichen Arbeiter aus der preußischen Gewerbeordnung von 1845 beseitigen sollte, begründeten sie ihre Antragsteller u. a. damit:„Die Folgen versuchter Arbeitseinstellung sind die beste Abschreckung gegen die Wiederholung des Versuches.“ Als im Jahre 1869 für die gewerblichen Arbeiter das Koalitionsrecht im§ 152 der Gewerbeordnung zur Einführung gelangte, wurde daneben statt einer Sicherung des Koalitionsrechtes der Galgen des§ 153 der Gewerbeordnung gegen die Ausübung des Koalitionsrechts errichtet. Freilich, allemal wurde von bürgerlichen Parteien, selbst vom nationalliberalen Professor Gneist noch im Jahre 1878, das Koalitions= recht als ein„Grundlage der bestehenden Gesellschaftsordnung" hingestellt. Verweigert wurde es aber insbesondere den ländlichen Arbeitern, den Staatsarbeitern, den Eisenbahnarbeitern ufw. Verweigert entgegen aller preußischen Verfassung, die das Vereinigungsrecht für alle Bürger festlegt; verweigert, wiewohl die preußische Regierung vor dem österreichischen Kriege unter dem 10. Februar 1866 die Aufhebung der Strafbestimmungen wegen Ausübung des Kaolitionsrechts der Landarbeiter als dringend notwendig anerkannte und die Aufhebung des§ 3 des gegen die ländlichen Arbeiter gerichteten Ausnahmegesetzes vom 24. April 1854,„aus Gründen des Gemeinwohls" beantragte. Der berüchtigte§ 3 bedroht bekanntlich mit Gefängnis bis zu einem Jahre die gemeinsame Verabredung zur Arbeitsniederlegung zwecks Erlangung besserer Lohn= und Arbeitsbedingungen. Völlig vorenthalten bis heute ist das Koalitionsrecht weiten Klassen der Bevölkerung, wiewohl noch im Jahre 1867 der konseroative Abgeordnete Wagner ausdrücklich erklärte, daß er es für völlig unzulässig hält, nachdem man das Vereinsrecht in der größten Ausdehnung bewilligt hat, dem Arbeiterstande noch denjenigen Teil des Vereinsrechts vorenthalten zu wollen, der allein für ihn ein wertvoller ist.“ Das bißchen Koalitionsrecht ist widerwillig gegeben, und in immer schärferer Weise wird versucht, es durch neue Gesetze, durch die Verwaltungspraxis und durch die Rechtsprechung außer Wirksamkeit zu setzen. Als das schandbare Sozialistengesetz am 9. Oktober 1878 in zweiter Lesung zur Beratung stand, äußerte der damalige Reichskanzler Fürst Bismarck gegen die Bedenken, daß nach Inkrafttreten des Sozialistengesetzes den Arbeitern das durch§ 152 der Gewerbeordnung garantierte Koalitionsrecht genommen würde: „Ich habe schon bei der ersten Lesung mir erlaubt, zu bemerken, daß ich eine jede Bestrebung fördern werde, welche auf die Verbesserung der Lage der Arbeiter gerichtet ist, also auch einen Verein, der sich den Zweck gesetzt hat, die Lage der Arbeiter zu verbessern, den Arbeitern einen höheren Anteil an den Erträgnissen der Industrie zu gewähren und die Arbeitszeit nach Möglichkeit zu verkürzen, soweit die Grenzen, die durch die Konkurrenz und die absatzfähige Fabrikation gegeben sind, beide Bestrebungen noch gestatten.“ „ Der nationalliberale Herr v. Bennigsen betonte damals ahnliches, lobte die englischen Trade Unions und forderte die Arbeiter auf, diesen nachzustreben, um„gemeinschaftlich ihre Forderungen, wenn nicht heute, so doch nach und nach gegenüber den Kavitalisten durchzusetzen.“ Und was geschah? Sofort nach Inkrafttreten des Schandgesetzes wurden sämtliche Gewerkschaften, mit Ausnahme des Buchdruckerverbandes, verboten. Diese älteste deutsche Arbeiterorganisation entging der Auflösung nach vielerlei Schikanierungen nur dadurch, daß sie sich freiwillig unter polizeiliche Kontrolle stellte. Gewerkschaftsversammlungen wurden aufgelöst, Führer der Gewerkschaften ausgewiesen; das war die„Förderung“ der gewerkschaftlichen Bestrebungen. Der Minister v. Puttkamer erklärte, hinter jedem Streik lauere die Hydra der sevolution, er werde jeder derartigen Bestrebung mit allen Machtmitteln des Staates entgegentreten. Aus Anlaß des Maurerstreiks von 1885 wendete sich eine Deputation der Berliner Bauinnungsmeister an den Junkerminister und überreichte eine Liste der„Rädelsführer" des Streiks von 1885. Daraufhin wurden die Führer der Maurerbewegung ausgewiesen, der Maurerfachverein aufgelöst und es erging der berüchtigte Puttkamer=Erlaß vom 11. April 1886. Der Erlaß wendete sich gegen das Streikpostenstehen und selbst dagegen, daß die Arbeiter durch„Ueberredung“ ihre Genossen zum Beitritt veranlassen sollten. Um dieselbe Zeit, als die Staatsgewalt gegen die Betätigung des Koalitionsrechts mobil machte, begann die Rechtsprechung ihre Interpretationskünste zwecks Unmöglichmachung der Streiks. Im Jahre 1888 wurde zum ersten Male vom Reichsgericht eine jener Entscheidungen erlassen, nach der die Drohung mit einem Streik zwecks Verhütung des Streiks unter Umständen als Erpressung geahndet werden durfte. Das den wirtschaftlichen Kämpfen der Arbeiterklasse wildfremd gegenüberstehende Reichsgericht erklärte gar, in dem Urteil des vierten Strafsenats vom 3. Dezember 1889, daß die Koalitionsfreiheit ein„strafrechtliches Privilegium“ sei. Das Sozialistengesetz fiel. Unter dem Ministerium des Herrn von Berlepsch wurde noch im Jahre 1890 in der Gewerbeordnungsnovelle eine erhebliche Verschärfung des§ 153 beantragt. Der Tatbestand sollte ausgedehnt, als Minimalstrafe ein Monat festgelegt und die heutige Maximalstrafe von drei Monaten auf ein Jahr erhöht werden. Der§ 153 fiel, keineswegs ähnliche Bestrebungen. Es genüge, nach der Richtung zwei Zitate der Vergessenheit zu entreißen. Beim Buchdruckerstreik 1891 schrieb die„Freisinnige Zeitung“ unter dem 13. Dezember 1891: „Hiernach kann es für keinen Unbefangenen mehr ein Zweifel sein, daß es sich bei diesem Streik allgemein darum handelt, die bestehende Gesellschaftsordnung zu vertreten gegenüber einer frechen, sozialdemokratischen Kriegserklärung. Diejenigen Buchdruckereibesitzer, welche unter solchen Umständen noch die Forderungen der Streikenden bewilligen, machen sich der Begünstigung der Sozialdemokratie und der Untergrabung der bestehenden Gesellschaftsordnung schuldig.“ Am 14. Januar 1893 erklärte der spätere Minister, damalige nationalliberale Abgeordnete Möller: „Ueberhaupt sind Streiks dieser Art wie eine Art Geisteskrankheit, eine Epidemie, die über die Menschen fällt, ohne verständliche Gründe.“ Das Bohren der Großindustrie gegen die Gewerkschaften ging unablässig weiter und hatte Erfolg. Im Februar 1889 hatte der deutsche Kaiser geäußert, es sei notwendig,„den Arbeitern die Ueberzeugung zu schaffen, daß sie ein gleichwertiger Stand sind und allseitig als solche anerkannt werden.“ In den kaiserlichen Erlassen vom 4. Februar 1890 wurde ausdrücklich betont,„daß es eine der Aufgaben der Staatsgewalt ist, die Dauer und die Art der Arbeit so zu regeln, daß die Erhaltung der Gesundheit, die Gebote der Sittlichkeit, die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Arbeiter und ihr Anspruch auf gesetzliche Gleichberechtigung gewahrt bleiben.“ Der Zentralverband deutscher Industrieller tobte gegen Arbeiterschutz und erklärte:„In wirtschaftlicher und sozialer Beziehung ist der Arbeiter von der Gleichberechtigung durch unsere bestehende Wirtschafts= und Gesellschaftsordnung unbedingt ausgeschlossen.“ Und die Bestrebungen des Zentralverbandes siegten. Am 17. Juni 1897 wurde die bekannte Rede Kaiser Wilhelms II. auf dem Sparrenberge bei Bielefeld gehalten, in der er„rücksichtslose Niederwerfung jedes Umsturzes und die schwerste Strafe dem androht, der sich untersteht, einen Nebenmenschen, der arbeiten will, an freiwilliger Arbeit zu hindern.“ Am 11. Dezember 1897 erließ der Minister von Posadowsky auf Veranlassung von Großindustriellen ein vertrauliches Schreiben, in dem er die Behörden zu Vorschlägen„gegen den Terrorismus“, gegen„Postenaufstellen",„Arbeitsstätten, Zugänge zu denselben, öffentliche Straßen und Plätze(Bahnhöfe, Hafenplätze), überwachen" usw. aufforderte. Am 13. Dezember erklärte derselbe Minister sich unumwunden gegen das Koalitionsrecht. Er führte wörtlich aus: „Meine Herren, der Abgeordnete Bebel ist dann auch auf das bestehende Koalitionsverbot für Vereinigungen von Arbeitern zu sprechen gekommen. Ich glaube, wenn es in irgend einem Lande weniger nötig ist, solche Arbeiterkoalitionen zuzulassen, so ist das in Deutschland. In einem Lande, wo das direkte, allgemeine Wahlrecht besteht, werden schon durch die Schwerkraft der Tatsache, daß die Arbeiter die große Masse der Wähler bilden, die Interessen der Arbeiter eine lebhafte und wirksame Unterstützung finden. Infolgedessen ist eine Vertretung der Arbeiter, wie sie in den Koalitionen liegt, bei uns nicht annähernd so notwendig, wie in anderen Staaten mit anderem Wahlmodus.“ Der Lübecker Senat erließ am 24. April 1900 eine rechtsungiltige Verordnung gegen das Streikpostenstehen. Sie wurde im Reichstage gekennzeichnet und später in dem Strafverfahren gegen den Genossen Molkenbuhr auch vom Reichsgericht als mit der Reichsverfassung unvereinbar erklärt. Trotzdem sind die Einzelstaaten, Preußen voran, mit landesgesetzlichen Polizeiverordnungen gegen die Ausübung des Streikpostenstehens bis in die neueste Zeit hinein vorgegangen. Gegenüber den ländlichen Arbeitern versuchte der deutsche Landwirtschaftsrat seit dem Jahre 1894 durch ein Netz einzelstaatlicher Gesetze die preußischen Ausnahmegesetze gegen ländliche Arbeiter auf ganz Deutschland zu übertragen und die Ausnahmevorschriften noch zu vermehren. Dem ersten nach dieser Richtung erlassenen Gesetze, dem anhaltischen Gesetze vom 16. April 1899, welches den Kontraktbruch mit Strafe bedroht und ländliche Arbeiter mit Gefängnis bis zu einem Jahre bedroht wissen will, wenn sie durch Verabredung der Einstellung der Arbeit bessere Lohn= und Arbeitsbedingungen zu erringen suchen, stimmte auch ein Freisinniger, der anhaltische Abgeordnete Irmer, zu. Der geschäftsführende Ausschuß der Freisinnigen Volkspartei erklärte unterm 7. Juli 1902, daß das Nürnberger Parteiprogramm das zulasse. Andere Staaten folgten dem anhaltinischen Vorgehen; das im Jahre 1904 für Preußen versuchte Hörigkeitsgesetz scheiterte an dem Widerstande der Arbeiter. Der Kampf gegen die Gewerkschaften seitens der bürgerlichen Parteien hat neue, verstecktere und gehässigere Formen angenommen. Die beiden durch die Auflösung des Reichstags beseitigten Entwürfe, der Entwurf eines Gesetzes betreffend die Hilfskassen und das Antigewerkschaftsgesetz sind direkt gegen die Gewerkschaften gerichtet. Das Antigewerkschaftsgesetz sollte nach Posadowskys Erklärung vom 24. Dezember die Grundlage für ein neues Arbeiterrecht bilden. Behördlich genehmigte Arbeitervereine, die tatsächlich als Schutztruppe der Unternehmerklasse fungieren und die am polizeilichen Halfterband geführt werden, sollten durch dies Gesetz zu offiziellen Vertretern der Arbeiterklasse erhoben werden! Den Landarbeitern, den Eisenbahnarbeitern, den Staatsbeamten sollte auf immer das Koalitionsrecht, der wesentlichste Teil des Vereinsgesetzes, reichsgesetzlich vorenthalten werden. Die Aktionsfähigkeit der Gewerkschaften sollte unmöglich gemacht werden. Man täusche sich nicht darüber, daß die bürgerlichen Parteien einschließlich des Zentrums der Grundlage dieses Gesetzes zustimmen wollten. Die „Tägliche Rundschau“ hat dieser Tage behauptet, der Zentrumsabgeordneten Trimborn habe einen Herrn v. Schönberg dem Minister v. Posadowsky als brauchbaren Arbeiter empfohlen. Herr v. Schönberg sei Regierungsrat geworden und werde von seinen Kollegen als der„schwarze Kurier" bezeichnet, der zwischen dem Reichsamt des Innern und dem Zentrum hin und her pendele. Tatsächlich ist die Verbindung zwischen dem Zentrum und dem Reichsamt des Innern eine sehr enge. Hierbei mag Trimborn glauben, zu lenken, tatsächlich wird er durch das vom Zentralverband deutscher Industrieller beeinflußte Reichsamt selbst geleitet. Daher ist seine Bereitwilligkeit erklärlich, der Grundlage der Antigewerkschaftsvorlage zuzustimmen, einer Vorlage, die in so hinterhaltiger und ungeheurer Weise gegen das Menschenrecht der Arbeiter vorgeht, wie kein Gesetz der Welt. Wir wiesen oben auf das Hilfskassengesetz hin, es sei auch darauf hingewiesen, daß in dem ebenfalls unerledigt gebliebenen Gesetze über den Versicherungsvertrag unter ausdrücklicher Zustimmung des Zentrums landesgesetzliche Vorbehalte für die Versicherungsgesetzgebung eingeräumt wurden. Der Plan des Zentralverbandes deutscher Industrieller, vorgetragen durch die Regierung und unterstützt durch das Zentrum, ging offensichtlich dahin: nachdem man die Streikbrecherkolonnen als gesetzliche Vertreter der Arbeiterklasse nominiert hatte, wollte man die ohne polizeiliche Genehmigung erfolgten Unterstützungen von Gewerkschaftsmitgliedern, gerade wie unterm Sozialistengesetz, unmöglich machen und bestrafen. So hoffte man jede Aktionsfähigkeit einer Gewerkschaft lahmlegen zu können. Aus dem kurzen, keineswegs vollständigen Ueberblick über die Bestrebungen der bürgerlichen Klassen auf dem Gebiete des Koalitionsrechtes geht klar die Feindseligkeit, ja, der Haß der herrschenden Klasse gegen das Koalitionsrecht hervor. Die Antigewerkschafsbewegung muß einen jeden Arbeiter, er stehe politisch auf welchem Boden es sei, zu den Ueberzeugung gebracht haben, daß die gesamten bürgerlichen Parteien als eine reaktionäre Masse dem Menschenrecht der Arbeiter entgegenstehen und die höchste nationale Ware, die Arbeitskraft, aufs äußerste gesetzlich zu mißhandeln bestrebt sind. Auf die gesamten bürgerlichen Parteien paßt das Wort, das Professor v. Treitschke über das System schmutziger Geldgier der französischen Bourgeoisie in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts prägte: In derselben Rede führte er aus, daß die Regierungen gegenwärtig den Arbeiterkoalitionen skeptisch gegenüberstehen; dazu trage auch die Entwicklung der Verhältnisse in England bei. Am 26. Mai 1899 wurde das berüchtigte Zuchthausgesetz, betitel:„Entwurf eines Gesetzes zum Schutze des gewerblichen Arbeitsverhältnisses", vorgelegt. Das Reichsamt des Innern ersuchte den Zentralverband deutscher Industrieller:„Daß die Industrie 12000 Mk. zum Zweck der Agitation zum Entwurf zur Verfügung stellen möchte." Das Zuchthausgesetz wurde verscharrt. Von nun au wurden andere Wege zur Beseitigung der Ausübung des Koalitionsrechtes eingeschlagen. Während Rechtsprechung und Verwaltung immer mehr die Ausübung des Koalitionsrechts durch Auslegung von Gesetzen zu verhindern suchten, wurde gleichzeitig auf Umwegen, durch die Einzelstaaten, gegen das Koalitionsrecht und seine Ausdehnung vorgegangen. „Als diese in gehässigen Klassenkämpfen verbildete Bourgeoisie die Zügel des Staates in die Hände nahm, da begann ein Regiment ständiger Selbstsucht, das manche Sünde des französischen Sozialismus entschuldigt... Frohlockend nennen die Fabrikanten und Kaufleute in der Kammer sich selber Feudalherren der neuen Gesellschaft. Für das Elend des kleinen Mannes hat die Staatsgewalt kein Auge. Er muß zusehen, wie ihm die unentbehrlichsten Waren verteuert werden durch Schutzzölle, deren Ertrag in die Taschen der Unternehmer wandert, und wird durch parteiische Gesetze verhindert, mit vereinten Kräften seine gerechten Ansprüche auf höheren Lohn durchzusetzen.“ Am 25. Januar gilt es, mit den Bedrängern des Koalitions. rechts gründlich aufzuräumen. * Politische Uebersicht. Deutsches Reich. Der Kadi im Wahlkampf. Köln, 20. Januar. Der Abg. Noeren veröffentlicht in der„Kölnischen Volkszeitung“ eine Erklärung, nach der die Klage gegen den Bezirksamtmann a. D. Leo A. Schmidt bereits am 28. Dezember beim Gericht eingereicht sein soll. Roeren erklärte, er werde in der Verhandlung den Beweis liefern, daß alles, was er gegen Schmidt vorgebracht habe, auf voller Wahrheit beruhe. Grund zur Klage ist zweifellos der„offene Brief“, den Schmidt am 17. Dezember 1906 in der„Nationalzeitung“ an Roeren richtete, und der in scharfer Weise das Verhalten Roerens kritisiert. Trotz der Grenzsperre. Die Maul- und Klauenseuche tritt in Westdeutschland in großem. Umfange auf. Der Regierungspräsident von Köln hat sämtliche Viehmärkte aufgehoben, ausgenommen die Pferdemärkte und die Schlachtviehmärkte. Exzellenz Breitenbach bei der Wahlarbeit. Den Arbeitern und Beamten des Eisenbahndirektionsbezirks Essen wurde gestern ein Erlaß des Eisenbahnministers zur Kenntnis gebracht, worin dieser vor sozialdemokratischer Agitation warnt. Der Minister betont, daß er jeden ihm zur Kenntnis kommenden Fall untersuchen und streng ahnden werde. Wenn das Verbot nur nicht die entgegengesetzte Wirkung hat, als es haben soll. Apothekenmonopol und Sozialdemokratie. Darmstadt, 18. Jan. In einer Eingabe an die zweite Ständekammer beantragen die Abgeordneten Ulrich und Genossen. daß für Avotheken keine weiteren Konzessionen mehr erteilt werden und die jetzt bestehenden Apotheken allmählich käuflich vom Staat übernommen werden. Die Regierung hat es abgelehnt, in dieser Sache zu verhandeln, da ein Reichs=Apothekengesetz in Kürze zu erwarten sei. Der Vierte Ausschuß stellte daher den Antrag, den Antrag Ulrich als erledigt anzusehen, die Regierung aber zu ersuchen, keine weiteren Konzessionen zu erteilen und die anheimfallenden Apotheken Gemeinden und Verbänden zu überlassen. Majestätsbeleidigung. Berlin, 20. Januar. Der Arbeiter Paul Blaszinowska, der gestern der zweiten Strafkammer des Landgerichts I aus dem Arbeitshause vorgeführt wurde, hat nicht weniger als 22 Jahre Zuchthaus hinter sich und verrichtet zurzeit Zwangsarbeit in Rummelsburg. Er sehnte sich nach einem Domizilwechsel. Aus diesem Grunde hat er wohl die Eingabe an den Kaiser gerichtet, in der er sich über angebliche Vorenthaltung ihm gehöriger Gelder beklagte. In dem Schriftstück war eine beleidigende Aeußerung über die Person des Kaisers enthalten. Der Gerichtshof erkannte auf ein Jahr Gefängnis. Der Darm und nicht der Hals. Frankfurt a. M., den 20. Januar. Die„Frankfurter Zeitung“ meldet aus Berlin: Prinz Heinrich ist gestern im Westsanatorium in der Joachimstalerstraße von Professor Sonnenberg an einer Blinddarmentzündung operiert worden. Es gingen Gerüchte, die Operation habe wegen eines Halsleidens vorgenommen werden müssen. Das wäre sensationell gewesen im Hinblick auf das Halsleiden seines Vaters, Friedrich III., und seines Bruders, Wilhelm II.= Wilhelm II. und das parlamentarische Regiment. Vor 14 Tagen veröffentlichte Herr Harden, der in seiner „Zukunft“ die journalistischen Geschäfte vieler und verschiedener Leute besorgt, einen Artikel, in dem er kein parlamentarisches Regiment für die nächste Zeit nach den Reichstagswahlen in Aussicht stellte. Der Freiherr v. Zedlitz antwortete jetzt, nach 14 Tagen, im„Tag“ durch einen Artikel, der ein Warnungssignal für seine Leute sein soll, weil nach der Ansicht des Verfassers wirklich Bestrebungen im Gange seien, um Wilhelm II. für das System der parlamentarischen Regierung zu gewinnen. Herr v. Zedlitz scheint etwas läuten gehört zu haben, sonst würde er nicht jetzt, nach 14 Tagen, auf den damals wenig beachteten Artikel Hardens zurückgekommen sein. Den Kaiser soll, nach der Darstellung v. Zedlitz', die Rolle locken, die angeblich sein Onkel Eduard in London spielt, dessen Einfluß auf die auswärtige Politik Großbritanniens ja vielfach überschätzt wird. Dadurch, daß einer Regierung, die der Parlamentsmehrheit entnommen wurde, freie Hand auf dem Gebiete der inneren Politik gelassen wird, soll sich der Kaiser desto größeren Einfluß auf dem Gebiete der auswärtigen Politik sichern wollen. Diese Rechnung ist sicherlich falsch. Denn eine parlamentarische Regierung, die wirklich und ernsthaft die Verantwortung für die deutsche Politik vor dem Volke und seiner Vertretung tragen wollte, müßte nach den Erfahrungen des letzten Jahrzehnts gerade darauf das Hauptgewicht ihrer Tätigkeit legen, der auswärtigen Politik des Reiches jene Stetigkeit und Ruhe zu sichern, die man zum Schaden des Volkes an dem bisherigen Regime vermißt hat. Herr von Zedlitz hat also gar nicht so unrecht, wenn er meint, daß der Kaiser, dem er einen Versuch, den Hardenschen Plan durchzuführen, zutraut, bei diesem Handel„das Nachsehen haben“ würde. Ganz abgesehen davon, daß die bürgerlichen Parteien des deutschen Reichstags überhaupt gar nicht die Last einer verantwortlichen parlamentarischen Regierung tragen wollen, sondern sich gerne mit jener Rolle der„Nebenregierung" begnügen, die in diesem Wahlkampfe so laut verfemt wird! Wenn aber Herr von Zedlitz vorgibt, mit der Möglichkeit zu rechnen, daß eine— sozialdemokratische Regierung sich mit der Rolle begnügen würde, die Herr Harden im Auftrage von Unbekannt der künftigen Parlamentsregierung zuschreibt, so mutet er damit der Sozialdemokratie ein Maß von Bescheidenheit zu, das er sonst an ihr zu entdecken keineswegs gewohnt war. Herr von Zedlitz verwendet das Schreckgespenst der fackeltanzenden sozialdemokratischen Minister nur zu dem Zweck, um„den Mann des Hardenschen Zukunftsprogramms, wie 1900, auch jetzt wieder in die Versenkung verschwinden zu lassen". Dieser Mann, dem der Frhr. von Zedlitz so ungeheuere Pläne zumutet, ist nämlich kein anderer als— Graf Posadowsky. Wir haben von dem Vater des Gesetzentwurfes über die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine manches Schlimme erlebt und erwartet. Die heimtückische Absicht, Bebel und Singer zu kaiserlichen Staatssekretären zu machen, hätten wir ihm aber doch nicht zugetraut. Bismarck und das Reichstagswahlrecht. Nach dem Erscheinen der Denkwürdigkeiten des Fürsten Hohenlohe hat bekanntlich der Herausgeber der„Preußischen Jahrbücher", Professor Hans Delbrück, die in diesen Denkwürdigkeiten enthaltene Mitteilung, Bismarck hätte 1890 den Reichstag auflösen wollen, dahin ergänzt, daß Bismarck beabsichtigt habe, das allgemeine Stimmrecht aufzuheben. Gegen diese Mitteilung wendete sich am heftigsten die nationalliberale und freisinnige Presse, da ihnen eine solche historische Aufklärung nicht in ihre feile, auf Betörung der Massen gerichtete Politik paßt. Jetzt wird jedoch die sogen.„Delbrücksche Legende“ von dem Professor Dr. Otko Kaemme! bestätigt, der im Oktober 1892 Bismarck aufsuchte, um ihn wieder für die„Grenzboten“, die lange mit ihm in Verbindung gestanden hatten, zu interessieren. Herr Kaemmel schreibt darüber in den„Grenzboten": „Ich sagte ihm also, die„Grenzboten" betrachteten die Sozialdemokratie als ein notwendiges Erzeugnis des Kapitalismus und hielten die Emanzipationsbestrebungen des vierten Standes grundsätzlich für ebenso berechtigt, wie seinerzeit des dritten. Auf diese theoretische Betrachtung ging der Fürst nicht weiter ein, sondern er faßte die Frage sofort in ihren praktischen Konsequenzen.„Was ist sozialistisch?“ sagte er.„Wenn der Unternehmergewinn unter ein gewisses Niveau herabsinkt, dann zieht der Unternehmer sein Kapital eben zurück, schließt die Fabrik und schneidet Coupons. Die Sozialdemokratie will den Umsturz, ihre Führer fahren nun einmal auf diesem Bahnstrange und streben nach der Herrschaft. Wenn sie die haben, werden sie alles umwerfen. Wer also einen geordneten Staat will, der muß die Sozialdemokratie bekämpfen. Als Deichhauptmann mußte ich nach dem Satze verfahren: „Wer nicht will mitdeichen, muß weichen. In Rom war aquae et igni interdictus, wer sich außerhalb der Rechtsordnung stellte, im Mittelalter nannte man das ächten. Man müßte die Sozialdemokratie ähnlich behandeln, ihr die politischen Rechte, das Wahlrecht nehmen. Soweit würde ich gegangen sein. Die sozialdemokratische Frage ist eine militärische. Man behandelt jetzt die Sozialdemokratie außerordentlich leichtsinnig. Die Sozialdemokratie strebt jetzt— und mit Erfolg— danach, die Unteroffiziere zu gewinnen; die Führer machen es jedem Sozialdemokraten zur Pflicht, zu bleiben, wenn er Unteroffizier werden kann. In Hamburg— ich kenne die dortigen Verhältnisse ganz denau— besteht jetzt schon ein guter Teil der Truppen aus Sozialdemokraten, denn die Leute dort haben das Recht, nur in die dortigen Bataillone einzutreten. Wie nun, wenn sich diese Truppen einmal weigern, auf ihre Väter und Brüder zu schießen, wie der Kaiser verlangt hat? Sollen wir dann die hannöverschen und mecklenburgischen Regimenter gegen Hamburg aufbieten? Dann haben wir dort etwas wie die Kommune in Paris. Der Kaiser war eingeschüchtert. Er sagte mir, er wollte nicht einmal„Kartätschenprinz“ heißen, wie sein Großvater, und nicht gleich am Anfange seiner Regierung„bis an die Knöchel im Blute waten". Ich sagte ihm damals:„Ew. Majestät werden noch viel tiefer hinein müssen, wenn Sie jetzt zurückweichen. Nun hielt er mich künstlich fern. Darin bestärkte ihn der Großherzog von Baden, der das jetzt bitter bereut, und Bötticher, der.... zu weiter gar nichts da war, als dazu, meine Ansicht im Staatsministerium zur Geltung zu bringen. Gerade im gegenwärtigen Wahlkampf beansprucht diese Darstellung größeres Interesse. Sie zeigt, wie die Regierungskreise über das Reichstagswahlrecht und die wirtschaftlichen Bestrebungen der Arbeiter denken. Um sich die Herrschaft zu sichern, sind sie nicht nur zum Verfassungsbruch, sondern selbst dazu bereit, bis an die Knie im Blut zu waten. Und diese Kreise wollen dem' Arbeiter glauben machen, daß sie sein Interesse vertreten! Minister Polonyi in Ungarn. Budapest, 20. Januar. Die Affäre Halmos=Polonyi hat eine neue unerwartete sensationelle Wendung genommen. Nachdem gestern der Hausarzt Halmos' erklärt hat, der ehemalige Bürgermeister würde wegen der Aufregung der letzten Tage binnen dreier Tage im Irrenhause sein, greift heute der Chefredakteur des„Magyar Ssto“ den Minister Polonyi heftig an. Er beschuldigt ihn der Hehlerei, der Erpressung und des Diebstahls. Außerdem habe Polonyi einen Falscheid geschworen. Der Chefredakteur, Dr. Palyi, ist bereit, für seine Angaben den gerichtlichen Beweis zu erbringen und fordert Polonyi auf, gegen ihn gerichtlich vorzugehen. Die Wahlkreis Bielefeld=Wiedenbrück. Staatsminister Möller und die Sozialdemokratie lautete der zweite Punkt der am Freitag in der„Centralhalle" abgehaltenen Volksversammlung. Genosse Severing hatte das Referat übernommen. Er teilte zunächst mit, daß zu dieser Versammlung der Reichstagskandidat der vereinigten bürgerlichen Parteien, Staatsminister von Möller, von unserem Wahlausschuß schriftlich eingeladen worden sei, um ihm Gelegenbeit zu geben, seine in Bielefeld und Umgegend in Wahlversammlungen aufgestellte Behauptung, die Führer der Sozialdemokratie redeten in bezug auf die Ertragsfähigkeit unserer südwestafrikanischen Kolonien wider besseres Wissen, zu beweisen, oder zurückzunehmen. Auf diese Einladung hat Möller mit folgendem Schreiben geantwortet: Berlin W., 16. Januar 07. An den Wahlausschuß der sozialdemokratischen Partei z. H. Herrn Adolf Zenker, Bielefeld. Ihr gefälliges Schreiben vom 15. d. M. erreicht mich hier. Abgesehen davon, daß ich am 18. d. M. noch hier sein muß, lehne ich es ab, mich in Ihrer Versammlung zu verantworten. Die Zeiten, wo man solche Schauspiele aufführte, sind lange vorbei. Ich habe in allen meinen Wahlversammlungen auf alle an mich gestellten Fragen bereitwilligst Antwort gegeben und werde dies auch in Zukunft tun. Auf die Angriffe Ihres Flugblattes gegen meine Person werde ich auch in Zukunft antworten, da sie direkt oder indirekt unwahr sind. Solange mir dieses Flugblatt nicht zur Hand gekommen war, habe ich Ihre Partei überhaupt nicht angegriffen. Hochachtungsvoll v. Möller, Staatsminister. Severing fährt dann fort: Nach diesem Schreiben würde ich am liebsten darauf verzichten, mich mit der Person Möllers noch weiter zu beschäftigen. Aber nachdem sich der Kuddelmuddel nicht scheut, uns der Verleumdung zu zeihen, zu sagen, wir behaupteten wider besseres Wissen die Unwahrheit, ist es meine Pflicht, denn doch einmal durch Tatsachen festzustellen, auf wessen Seite die Unwahrheit ist. Bei Eintritt in die Wahlbewegung haben wir im Wahlausschuß uns gesagt, wir wollen uns, was Anständigkeit anlangt, von keiner bürgerlichen Partei übertreffen lassen. Wir haben es deshalb vermieden, Privatverhältnissen nachzuforschen, um die uns gegenübertretenden Gegner und ihre Beschuldigungen ganz besonders scharf zu kennzeichnen. Wir sagen also in bezug auf die Ertragsfähigkeit unserer südwestafrikanischen Kolonien bewußt die Unwahrheit, lautet Möllers Anschuldigung. In einer Versammlung nun, wo Möller diese Behauptung aufstellte, erbat sich einer unserer Genossen das Wort. Er wollte Möllers Anschuldigung zurückweisen und Beweise für die Richtigkeit unserer Behauptungen erbringen. Unserem Genossen wurde aber das Wort verweigert. Wie traurig muß es wohl um Beschuldigungen bestellt sein, wenn man nicht einmal den Mut hat, dem Angegriffenen das Wort zur Beweisführung für seine Behauptungen zu gestatten. Herr Möller hat nicht einen einzigen Beweis für die Richtigkeit seiner Behauptungen vorgebracht. Es ist ihm aber höchst unangenehm, wenn ein anderer den Beweis für die Unrichtigkeit seiner(Möllers) Behauptungen führen will. Und diese Beweise liegen ziemlich nahe. Zwar haben wir keine Reise mit einem Wörmann=Dampfer nach Südwestafrika gemacht. Wir haben einwandfreiere Zeugen. Ganz abgesehen davon, daß Südwestafrika uns bis jetzt nichts eingebracht, sondern von Jahr zu Jahr wachsende ungeheuere Summen, die man dem Volke abzwackt, verschlungen hat, sei es mir gestattet, eine Erklärung Dr. Peters heranzuziehen. Dieser Mann, der jedenfalls durchaus nicht in den Geruch kommen kann, sozialdemokratische Anschauungen zu kultivieren, behauptete nämlich seinerzeit, daß unsere südwestafrikanischen Kolonien nicht an das ärmste englische Gebiet heranreichten. Das ist jedenfalls ziemlich deutlich. Aber ich erinnere noch an eine andere Tatsache. Als nämlich anläßlich des letzten Burenkrieges der Vorschlag gemacht wurde, die Buren sollten sich in unseren Kolonien ansiedeln, erklärten jene, daß sich diese Kolonien für eine Ansiedelung nicht eigneten. Aber auch in wissenschaftlichen Kreisen hegt man keine Hoffnung, daß sich aus diesen Kolonien ein wirklicher Nutzen für das Mutterland ziehen lasse. So äußert sich der Geogr. Daniel in seinem Buche über Deutsch=Südwestafrika durchaus in unserem Sinne. In Jöllenbeck erklärte Herr Möller, die Sozialdemokraten treten gegen die Interessen der Arbeiter auf. Herr Möller erbrachte auch hierfür keinen Beweis, aber auch hier verhinderte er, daß einer der unseren zum Worte kam, und das war gut für ihn, sonst hätte ihm gleich dort bewiesen werden können, daß nicht die Sozialdemokraten, sondern Möller selbst bisher gegen die Interessen der Arbeiter aufgetreten ist. Möller selbst war es, der am wütendsten gegen unsere Verbesserungsanträge zur Gewerbeordnung auftrat. Möller war es, der im Reichstag zu wiederholten Malen eine Verschärfung des§ 153 der Gewerbeordnung forderte. Möller war es, der im Jahre 1901 das Scheitern der Zuchthausvorlage bedauerte usw. usw. Herr Möller mag nur die Reichstagsberichte zur Hand nehmen, wenn seinem Gedächtnis das alles entfallen sein sollte. Herr Möller verschweigt wohlweislich auch, daß die Sozialdemokraten es waren, die schon im Jahre 1867 im damaligen Norddeutschen Reichstage einen Gesetzentwurf zum Schutze der Arbeiter einbrachten, der, wenn er angenommen worden wäre, bis heute alle Verbesserungsanträge überflüssig gemacht hätte. Es mag ja recht unangenehm sein, wenn einem in dem Augenblick, wo man sich um ein neues Reichstagsmandat bewirbt, nachgewiesen wird, wie sehr man die Interessen des Volkes mit Füßen getreten hat, und doppelt unangenehm in einem Wahlkreise, der wie der unserige eine so große Arbeiterbevölkerung umfaßt. Aber deshalb hätte Herr Möller gerade doppelt vorsichtig mit seinen Beschuldigungen sein sollen. Wie war es denn mit den Sozialgesetzen? War es nicht Herr Möller, der im Zentralverband der Industriellen gegen die Selbstverwaltung der Krankenkassen zu Felde zog? Wie war es mit der sogen. Witwen= und Waisenversicherung, die aus den Erträgnissen des im Dezember 1903 angenommenen Zolltarifs aufgebaut werden sollte? Die Regierung wollte diese Erträgnisse nicht dazu hergeben, und die bürgerlichen Parteien ließen es sich gefallen, daß die Regierung eine Position nach der anderen von der genannten Bestimmung ausgenommen haben wollte. Es blieben schließlich statt 91 Millionen Mark nur noch 60 Millionen übrig. Im Reichshaushaltsetat für 1905 vermißt man aber einen diesbezüglichen Posten ebenso wie im Etat des Jahres 1906. Erst jetzt im Etat für 1907 findet sich ein solcher Posten vor. Aber es sind nicht 60 Millionen, sondern bloß 17 Millionen. Es müssen also die Arbeiter zu dieser Versicherung, die ursprünglich eine beitragsfreie sein sollte, wenn was daraus werden soll, neun Zehntel an Beiträgen aufbringen, während ein Zehntel aus den Zöllen dazu kommt. Wo bleibt nun dieser seinerzeit so sehr gepriesene Nutzen der Zölle für das arbeitende Volk? Und hat Herr Möller etwas getan, um die durch die Zölle hervorgerufene enorme Steigerung aller Lebensmittelpreise herabzumindern? Er sagt einfach, man muß sich mit der bestehenden Teuerung als etwas Unabänderlichem abfinden, die Arbeiter hätten ja auch höhere Löhne. Ganz richtig. Aber abgesehen davon, daß die durch jahrelange Kämpfe erreichten Lohnerhöhungen nicht entfernt an das heranreichen, was die Arbeiter durch die eingetretene allgemeine Teuerung wieder einbüßen, ist Herr Möller doch bestrebt, den Arbeitern bei ihren Kämpfen um die Erreichung höherer Löhne möglichst viel Knüppel zwischen die Beine zu werfen, das beweist seine Stellung zum§ 153 der G.=O., dessen Verschärfung er, wie schon gesagt, verlangte, das beweist ferner sein Bedauern über das Scheitern der Zuchthausvorlage. Wenn ferner Herr Möller von Hungerlöhnen in sozialdemokratischen Konsumvereinen und sozialdemokratischen Druckereien spricht, so bleibt er auch hier den Beweis schuldig. Tatsache ist, daß in den unter Leitung von Sozialdemokraten stehenden Konsumvereinen und in den sozialdemokratischen Druckereien die Tarife resp. Forderungen der Gewerkschaften zur Durchführung gelangen, und daß dort Verhältnisse angestrebt werden, die als wahrhaft ideale bezeichnet werden müssen. Herr Möller kann sich freuen, daß wir uns, wie ich anfangs meiner Rede schon sagte, in punkto Anständigkeit von keiner anderen Partei übertreffen lassen wollen. Ich würde sonst mal von den Mitteilungen, die mir in meiner Eigenschaft als Gewerkschaftsbeamter über einen gewissen Betrieb in unserer Nachbarschaft gemacht werden, etwas an die Oeffentlichkeit bringen. Ich erkläre aber, daß, wenn die Herren vom Mischmasch fortfahren, derartige Verleumdungen über uns auszustreuen, dann werden wir mal in verschiedene, jenen Herren unterstellten Betriebe hineinleuchten, und zeigen, wie Leute ihre Arbeiter entlohnen, die uns Hungerlöhne vorwerfen. Nun habe ich Ihnen, verehrte Anwesende, gezeigt, was es mit den Möllerschen Beschuldigungen auf sich hat. Ich glaube, Sie können sich nun selbst ein Urteil darüber bilden, wer wissentlich die Unwahrheit sagt, wir oder jemand anders. Gerade zur rechten Zeit ist mir noch ein für die nationalliberale Partei und Herrn Möller Propaganda machendes Flugblatt in die Hände gefallen. Anonym allerdings. Der Fabrizierer dieses Machwerks hat nicht den Mut gehabt, seinen Namen darunter zu setzen. Es fehlt sogar die Druckfirma. In diesem Flugblatt heißt es an einer Stelle: „Die bisherigen Untersuchungen(in der Kolonialaffäre) erwiesen, daß der allergrößte Teil der Beschwerden elende Verleumdung war. Was wäre von den Sozialdemokraten nach ihrer Vergangenheit auch anders zu erwarten gewesen?“ Nach dem Vorangegangenen hierzu noch ein Wort zu verlieren, halte ich für überflüssig. Der Verfertiger dieses Flugblattes hat den Herren vom Kuddelmuddel keinen guten Dienst 1 damit erwiesen. Besonders nicht, wenn er am Schluß so kurz vor der Wahl von einer„treuen Liebe bis zum Grabe“ spricht. Wir wollen allerdings bestrebt sein, dem Mischmasch ein Grab zu bereiten und darauf einen Denkstein setzen mit der Inschrift:„Hier ruhen die Konserpativen, die Nationalliberalen und die Freisinnigen. Sie sind gestorben an ihren Sünden“. (Stürm. Beifall.) In dieser Zeit müssen alle Kräfte angestrengt werden. Kein Zittern und Zagen, sondern mit Mut und Kraft in den Kampf hinein, dann muß der Sieg auf unserer Seite sein. Drum auf, Kameraden, die Rappen gezäumt, Die Brust zum Gefechte gelüftet. Die Jugend brauset, das Leben schäumet, Frisch auf, eh' der Geist noch verdüftet, Setzet ihr selber das Leben nicht ein, Wie kann euch das Leben gewonnen sein. Brausender Beifall wurde Genossen Severing für seine Ausführungen gespendet. Eine Diskussion wurde nicht gewünscht. Genosse Heitland schloß um 10 Uhr die Versammlung mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie, in das die Anwesenden begeistert einstimmten. k. Wahlkreis Herford=Halle. Wer ist Wallbaum, der christlich=soziale Kandidat? Diese Frage wird jetzt oft aufgeworfen. Bald heißt es, er sei Metallarbeiter, bald, er sei Seidenweber. In den Flugblättern wird er der Arbeiter Wilhelm Wallbaum genannt. Das„Minden=Lübbecker Kreisblatt“ dagegen stellt in seiner Nummer vom 7. Januar fest, daß der christlich=soziale Kandidat im Wahlkreis Herford=Halle Wilhelm Wallbaum Hausvater auf Bethel bei Bielefeld ist. Zu dieser untergeordneten Stellung paßt auch seine öde, geistlose Agitation, seine Art, jeden zu verleumden, der ihm widerspricht. Interessant aber ist es, daß Pastor v. Bodelschwingh es also war, welcher der hiesigen christlichen Bewegung den„Führer" gegeben hat, und was für einen! Pastor v. Bodelschwingh hilft bekanntlich den Arbeitern nur, wenn sie mit tränenden Augen, den Hut in der Hand, vor ihm stehen. Deshalb ist er auch der Protektor der christlichen Gewerkschaften und der christlichsozialen Partei und hat ihr nun auch einen Reichstagskandidaten seiner Couleur beschert. Wahlkreis Warburg=Hörter. Am Mittwoch fand in Brakel eine Wählerversammlung des Zentrums statt. Der Referent, Reichstagskandidat Landgerichtsrat Schmidt, erging sich in langen Ausführungen über die Stellung des Zentrums zum Kolonialetat, streifte die Sozialgesetzgebung und tat sich ganz besonders etwas darauf zugute, daß es mit Hilfe des Zentrums gelungen sei, den Zolltarif durchzudrücken, wofür die Wähler dem Zentrum ganz besonders zum Dank verpflichtet wären. Der Mann rechnet auf die Indifferenz der hiesigen Arbeiter, Handwerker und kleinen Geschäftsleute. Aber er irrt sich. Auch in unserem Wahlkreise empfinden die kleinen Leute in ihrem Geldbeutel die Wirkungen des Zolltarifs durchaus nicht als einen Segen, darüber helfen alle schönen Redensarten und alle Phrasen nicht hinweg. Wenn das Zentrum auf der einen Seite die kleinen Leute mit Wassersuppen abspeist und auf der anderen ihnen zugunsten weniger Großgrundbesitzer durch Verteuerung der Lebensmittel das Vielfache aus der Tasche zieht, so fangen auch hier die Arbeiter und alle übrigen kleinen Leute an, die Zentrumspolitik nicht mehr als der Weisheit letzten Schluß zu betrachten. Sie haben alle die Folgen des Zolltarifs zu spüren bekommen. Und dafür sollen sie dem Zentrum auch noch dankbar sein. Ist das nicht der reine Hohn?! Die kleinen Leute können hieraus ersehen, wie geistig minderwertig sie vom Zentrum eingeschätzt werden. Zeigt demselben am 25. Januar, daß ihr durchaus nicht mehr gewillt seid, zugunsten der besitzenden Klassen aus eurer Haut Riemen schneiden zu lassen und gebt eure Stimme dem Kandidaten der Sozialdemokratie, Stadtverordneten Carl Schäsermeier, Bielefeld. Auf zur Wahl! Wählt rot! Das ist der beste Protest gegen die Lebensmittelverteurer! der Stadt und * Bielefeld, 21. Januar. d.— Gewerbegericht(Land.) Vergleichsverhandlung vom 19. Januar unter dem Vorsitz des Herrn Landgerichtsdirektors Löher. Es klagt der Arbeiter T. gegen den Plüschfabrikanten Meier in Sieker auf Ausstellung eines Zeugnisses und auf Zahlung einer Entschädigung von 4 Mk. pro Tag für 6¼ Arbeitstage, insgesamt 25 Mk. Für diese Forderung macht der Kläger geltend, daß er andere Arbeit angenommen habe, dieselbe aber vor Beibringung eines Zeugnisses nicht antreten könne. Der Beklagte führt demgegenüber aus, daß der Kläger plötzlich die Arbeit eingestellt habe, trotzdem achttägige Kündigung bestand. Nach einigen Tagen habe Kläger dann das verweigerte Zeugnis verlangt. Er beanspruche vom Kläger wegen Kontraktbruches die limitierte Entschädigung von 15 Mk. Der Vorsitzende macht einen Vergleichsvorschlag, da von beiden Parteien Fehler gemacht seien. Der Kläger hätte die Kündigungsfrist einhalten müssen, während der Beklagte zur Ausstellung des verlangten Zeugnisses verpflichtet war. Der Vergleich kommt auf folgender Basis zustande: Der Beklagte stellt noch heute das verlangte Zeugnis aus und zahlt außerdem an den Kläger 5 Mk., damit sind alle beiderseitigen Ansprüche beglichen.— Der Schuhmacher S. klagt gegen den Schuhmachermeister Elbracht in Sieker wegen kündigungsloser Entlassung auf Zahlung der limitierten Entschädigung von 15 Mark. Der Kläger war zu einem Wochenlohn von 6,50 Mark und freie Station beim Beklagten beschäftigt. Vom 27. Dezember bis 14. Januar war er krank und wurde ihm beim Wiederantritt der Arbeit vom Beklagten das Logis verweigert. Der Beklagte führt zu seiner Entschuldigung an, daß er während der Krankheit des Klägers einen andern Gehilfen eingestellt habe und deshalb dem Kläger wohl Arbeit, aber kein Logis hätte geben können. Demgegenüber macht der Vorsitzende darauf aufmerksam, daß die dem Kläger gewährte freie Station ein Teil des Arbeitsvertrages war und der Beklagte mit dem Ersatzmann hätte andere Vereinbarungen treffen müssen. Der Vorsitzende macht auch in diesem Falle den gesetzlich vorgeschriebenen Vergleichsversuch. Unglaublicherweise ging der Kläger auch einen Vergleich ein, wonach ihm die Hälfte des geforderten Betrags gezahlt wird. "— Stadttheater. Aus dem Theaterbureau wird uns geschrieben: Heute, Montag,„Hasemanns Töchter“ mit dem Kgl. Hofschauspieler Herrn August Junkermann als Hasemann. Friedrich Hebbels hochbedeutendes dramatisches Werk„Maria Magdalena“ kommt am Dienstag zur Aufführung. Nachdem des Dichters Nibelungen und Judith hier großen Erfolg hatten, wird man der ergreifenden Dichtung Maria Magdalena gewiß das größte Interesse entgegenbringen. Die Junkermann=Gastspiele bringen am Mittwoch eine Wiederholung des„Onkel Bräsig“ am Donnerstag als letztes Gastspiel„Hanne Nüte“. Freitag geht zum siebenten Male„Husarenfieber“, das sich immer mehr in der Gunst des Publikums befestigt, in Szeue. * Detmold, 20. Januar. Einbruch. Ein äußerst frecher Einbruch wurde in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag in das Geschäftshaus des Kaufhauses H. Moses ausgeführt. Der Dieb hatte eine Scheibe in dem Kontorraum mit gelber Seife eingeschmiert und dann das Glas zertrümmert. Er gelangte nun in den Raum für Schuhwaren, wo er zunächst einige Paar Schnürschuhe anprobiertee Sodann holte er einen großen Koffer und packte diesen voll von Schuhwaren. Nachdem er dann noch die Kasse erbrochen hatte, wobei ihm nur einige 20 Mk. in die Hände fielen, da die Firma jeden Abend den Betrag bis auf das zum Wechseln nötige Geld in den Geldschrank verschließt, schloß er die Ladentür auf und brachte den Koffer nach dem Bahnhofe, hier gab er den Koffer nach Altenbeken auf. Auf sofort aufgenommene Nachforschungen wurde ermittelt, daß in Altenbeken der Koffer abgeholt ist. Die bestohlene Firma schätzt den Verlust auf annähernd tausend Mark. * Dortmund, 19. Januar. Vergangene Nacht versuchten Einbrecher bei einem Metzger in der Hochstraße einzudringen. Einer der Diebe stand draußen Schmiere, während der andere das Hoftor überklettert hatte. Polizeibeamte, welche die Einbrecher längere Zeit unauffällig beobachtet hatten, konnten den im Hofe befindlichen Einbrecher festnehmen, während der Begleiter flüchtete. * Recklinghausen, 20. Januar. Mehrere Kinder erkrankten an Genickstarre. Die Behörde hat umfassende Vorsichtsmaßregeln gegen eine weitere Ausbreitung der Krankheit ergriffen. * Elberfeld, 20. Januar. Verurteilter Kinderschütze. Zu welchem Unglück es führen kann, wenn Kinder mit Schießgewehren umgehen, beweist folgender Vorfall. In diesem Sommer fanden einige Knaben in den Nutzenberger Waldungen ein Zwanzigmarkstück. Anstatt das Fundobjekt abzuliefern, kauften sie dafür eine Flobertbüchse und unternahmen damit im Walde Schießversuche. Der Schüler Hugo Chr. von hier hantierte dabei so unvorsichtig mit dem Schießprügel, daß die Kugel einem seiner Kollegen in die Stirn fuhr und zur Folge hatte, daß dieser bereits andern Tages starb. Nach dem Unglück stob die Knabenschar erschreckt auseinander. Der unvorsichtige Schütze wurde wegen fahrlässiger Tötung zu einer Woche Gefängnis verurteilt, während sein mitangeklagter Kamerad freigesprochen wurde. Gerichtliches. ** Bielefeld, 19. Januar. Strafkammer. Ein ganz entschiedenes Pech scheint der Fabrikant Louis Wernscheid von hier mit der Anstellung seiner Reisenden und Agenten schon seit Jahren zu haben. Es sind in den letzten Jahren wiederholt derartige Angestellte seines Geschäfts wegen Unterschlagung bezw. Untreue von den Strafgerichten bestraft worden und ist in den meisten Fällen von den Angeklagten der Vorwurf gegen Wernscheid erhoben worden, daß seine Buchführung nicht zuverlässig sei. Heute nun handelte es sich wiederum um einen Angestellten dieser Firma, den Agenten und Provisionsreisenden Heinrich Lübking von Rodenbeck, einen bisher unbescholtenen Mann, der beschuldigt wurde, in den Jahren 1900 bis 1902 dem Wernscheid 104,92 Mk. unterschlagen bezw. veruntreut zu haben. Vor Jahresfrist stand schon einmal Termin in dieser Sache an, es wurde aber dem Angeklagten damals aufgegeben, durch Zivilprozeß festzustellen, ob und wie viel Wernscheid noch zustehe. Dieser Prozeß ist dann auch in der Vorinstanz entschieden und hat denn das Gericht den Angeklagten verurteilt, an den Wernscheid die Summe von 75,20 Mk. zu zahlen, und zwar auf den dem Wernscheid zugeschobenen Eid hin. Dieser Prozeß schwebt aber noch in der Berufungsinstanz. Der Angeklagte behauptete, daß er dem Wernscheid einmal noch 100 Mk. persönlich überreicht habe, die aber zu buchen vergessen worden seien. Eine früher Buchhalterin von W., als Zeugin vernommen, sucht die Unredlichkeiten der jungen Leute auf den geringen Lohn, der denselben gezahlt würde, zurückzuführen. Wernscheid sucht heute an der Hand seiner Bücher die Schuld des Angeklagten festzustellen. Der Gerichtshof nahm an, daß wohl Differenzen vorgekommen sind, hielt aber trotz der Beweisaufnahme die Sache füre nicht aufgeklärt und sprach den Angeklagten frei.— Gegen den 26 Jahre alten Bilohauer Johannes Haring von Wiedenbrück, welcher sich wegen Majestätsbeleidigung, Widerstandes gegen die Staatsgewalt usw. zu verantworten hatte, wurden während der Verhandlung Bedenken an seiner Zurechnungsfähigkeit laut. Es wurde beschlossen, die Sache zu vertagen und den Angeklagten auf seinen Geisteszustand hin untersuchen zu lassen.(Schluß folgt.) Glücklich abgelaufen. Antwerpen, 20. Januar. Der gestern mit dem Dampfer„Naworth Castle“ zusammengestoßene Dampfer„Vaderland“ ist in den Hafen von Vlissingen mit 560 Passagieren an Bord eingelaufen. Seine Beschädigungen sind nicht so umfangreich, wie zuerst angenommen wurde. Schiffszusammenstoß. London, 20. Jan. Der Dampfer „City of Dresden“, nach Hamburg unterwegs, ist auf der Höhe von Dunegeneß mit dem Dampfer„Eshcolbrook" zusammengestoßen. Die„City of Dresden“ sank sofort, die Mannschaft wurde gerettet. Grund des Zusammenstoßes ist dichter Nebel. Folgen des Nebels. London, 20. Januar. Im Aermelkanal herrscht dichter Nebel. Die Postdampfer zwischen Dover und Calais haben die Fahrten einstellen müssen. Schreckliche Szenen in China. Dem Bureau„Reuter“ ging ein vom 16. datierter Spezialbericht aus Schanghai über die Lage in dem chinesischen Hungersnotgebiete zu. Hauptmann Kirton, der Vertreter des ausländischen Unterstützungskomitees, berichtet, daß der Ausbruch von schwarzen Pocken dazu zwang, das Hungersnotlager bei Tsingkiangpu aufzubrechen. 300000 mittellose Leute wurden erbarmungslos daraus gejagt. Es spielten sich auf der ganzen Straße herzzerreißende Szenen ab. Die meisten der Hungernden zeigten allerdings stoische Resignation. Der englische Korrespondent ist davon überzeugt, daß aus diesem Lager allein etwa eine Viertel Million Menschen umkommen würden. Bei Antung würden wohl 400000 Menschen ihr Leben einbüßen. Die von der Regierung getroffenen Maßnahmen seien kindisch und vollständig wertlos. Der Hauptfehler sei der, daß man keine Verbindungsmittel habe. Die reichen Chinesen erklärten, sie möchten ihr Geld nicht zu öffentlichen Arbeiten hergeben, weil in jedem Augenblick ein neuer Regierungsbeamter auftauchen und das auf diese Weise verwendete Kapital sich aneignen könnte. Die sämtlichen Dämme sind verfallen und neue Ueberschwemmungen sind unvermeidlich, wenn sie nicht ausgebessert werden. In der Umgegend von Antung besuchte die Unterstützungskommission kein einziges Haus, ohne Tote und Sterbende zu finden. Das einzige noch vorhandene Getreide ist etwa ein Drittel des notwendigen Aussaatkornes. Der mandschurische Zweigverein des Roten Kreuzes gab einen Ueberschuß von 44 500 Taels zu dem Hungersnotfonds, der in Schanghai dadurch die Höhe von 150 Taels erreichte. Das auswärtige Komitee versucht, durch Bieten von Arbeitsgelegenheit in Suchien und Hsuchoufa Hilfe zu bringen. Erdbeben auf Jamaika. London, 20. Januar. Aus Kingston wird telegraphiert: Ein Lotse erklärte, daß ein Teil von Port Royal am Hafeneingang und die frühere Flottenstation jetzt 25 Fuß unter Wasser liegen. Viele Hausfundamente versanken sechs Fuß tief. Die Sondierungen ergeben, daß der Boden des Hafens und seiner Einfahrten sehrt verändert ist. Das Leuchtschiff auf Plum Point und der alte Kirchhof sind verschwunden. Zwei neue, 92zöllige Geschütze im AugustaFort an der gegenüberliegenden Seite versanken in die Erde. Anderen Berichten zufolge versank nur die Hälfte von Port Royal, der Rest liegt in Trümmern. Bei der Apostel=Batterie sank das Land acht Fuß. London, 20, Januar. Ein Telegramm berichtet, daß der Dampfer„Prinz Eitel Friedrich“ mit 160 Passagieren nach New=York weitergegangen ist. Es war behauptet worden, daß der Dampfer bei Kingston gestrandet sei. Kingston, 20. Januar. Für heute und morgen sind vier Dampfer mit Lebensmitteln, Aerzten, Krankenpflegern und Medikamenten avisiert. Es mangelt immer noch an Lebensmitteln, die Not ist groß. Die Bevölkerung verhält sich aber ruhig und zeigt großen Mut. Parteigenossen! Parteigenossinnen! Denkt an den Wahlfonds! Wahlkampf kostet Geld! Geld! Geld! Letzte Nachrichten. (Depeschenbureau Hirsch.) München, 21. Januar. Aufsehen erregt hier folgende Veröffentlichung der„Münchener Post“: Eine Anfrage an den Kolonialdirektor Dernburg in seiner Eigenschaft als finanzkundiges Mitglied der Berliner Regierung. Aus Großindustriellenkreisen geht uns folgende Zuschrift zu: „Geehrte Redaktion! Für den Fall, daß der Kolonial= direktor Herr Bernhard Dernburg wirklich nach München kommt, um dort seine Werbung in kaufmännischen und industriellen Kreisen fortzusetzen, bitten wir Sie, ihm auch folgende Fragen vorlegen zu wollen: 1. Ist es Herrn Dernburg aus seiner früheren finanziellen und jetzigen amtlichen Tätigkeit bekannt, daß ein Kollege von ihm im preußischen Ministerium, nicht ohne Mühe, die Verbände der Eisenbahn=Waggon=Vereinigung und die Radsatz=Vereinigung(für Eisenbahnräder) veranlaßt hat, 1400000 Mark an ein dem Verkrachen nahes Danziger Stahlwerk à fonde perdu zu zahlen? 2. Weiß Herr Dernburg, daß das Ergebnis dieses Aderlasses ein fünfzehnjähriger Lieferungsvertrag des preußischen Staates oder der preußischen Eisenbahnverwaltung war mit Lieferungsbedingungen, bei, denen die 1 400 000 der bekannte Hut des Bürgermeisters und noch„ein Rock“ dazu, in der Rechnung aufgehen konnten? Zur Erläuterung: Den Vertretern der Verbände ist gesagt worden, der Kaiser persönlich interessiere sich für das Danziger Werk, dessen Entstehung seiner eigenen Auregung zu verdanken sei und dessen Zusammenbruch unter allen Umständen verhindet werden müßte. Die angegebene Summe ist dann eines bestimmten Tages dringend eingefordert worden mit dem Vermerk, daß bei Verzögerung das zu sauierende Werk sonst seine Zahlungen einstellen müsse. Durch diese auch außerhalb der Radsatz=Vereinigung bekannt gewordenen Vorgänge ist eine nicht geringe Bennruhigung in verschiedenen Gruppen der Großindustrie eingetreten. Man hegt nach diesen und anderen in Erfahrung gebrachten Affären dort die Meinung, es sei besser, Herr Dernburg bemühe sich, zunächst im Heimatlande zu sanieren, ehe er die Industrie veranlasse, sich in gewagte Kolonialunternehmungen einzulassen, deren Kosten schließlich die Industrie selbst zahlen müßte, wenn eines Tages die Parlamente müde wären, die Ueberwälzung solcher unvermuteter Geschäftsspesen auf die Steuerzahler zu ratifizieren. So weit Anfrage und Zuschrift. Wir bezweifeln nicht, daß Herr Dernburg entweder selbst oder durch den beteiligten Kollegen im preußischen Ministerium rasche und klare An vort den Reichstagswählern verschaffen wird. Die„Norddeutsche Allgem. Zeitung“ hat ja weißes Papier genug. *** Hamburg, 21. Januar. Die Hamburger Bark„Herkules“ kollidierte im englischen Kanal mit der Bremer„Adelaide". Die „Herkules“ wurde fast bis zur Wasserlinie aufgeschnitten und mußte nach Plymouth gebracht werden.„Adelaide“ ist nur leicht beschädigt. Oldenburg, 21. Jan. In der Nähe von Mariensiel wurde im Kanal der Obermaschinist Hart ermordet und beraubt aufgefunden. Sein Hals war durchschnitten, Kopf und Unterleib verstümmelt. Dem Ermordeten der völlig bekleidet war, sind die Uhr und die gesamte Barschaft geraubt worden. Der Mörder, der sein Opfer nach begangenem Verbrechen in den Kanal geworfen hat, wurde bisher nicht ermittelt. Berlin, 21. Jan. Die erste Petition an den neuen Reichstag wird vom allgemeinen deutschen Musikerverband ausgehen. Unter Hinweis auf die vom Kaiser genehmigten neuen Bestimmungen über das Anpreisen und Auftreten von Militärkapellen soll nicht weniger als das vollständige Verbot des gewerblichen Musizierens von Militär= und Beamtenmusikern verlangt werden. Kuxhaven, 21. Jan. Infolge Nebels stockte die Schiffahrt auf der Unterelbe vorgestern abend und gestern nachmittag. Die regelmäßigen Wochendampfer auf englische Häfen erlitten zwölfstündige Verspätung. Auf der Unterelbe sind fünf Dampfer angerannt. Hanau, 21. Jan. Auf dem Hünfeld=Bahnhof wurde gestern der Schaffner Arnold von einem Zuge erfaßt und getötet. London, 21. Januar. Ueber die augenblicklichen Zustände in Kingston wird berichtet: 25 bei dem Erdbeben Verwundete sind gestern gestorben. 20000 Menschen sind ohne Mittel und Obdach. 30 hervorragende Kaufleute werden noch vermißt und sind vermutlich tot. Der Dampfer Prinz Waldemar ist ein vollständiges Wrack, Passagiere und Mannschaften sind jedoch gerettet. Unter anderen wurden bei den Aufräumungsarbeiten viele Juwelen aufgefunden. Verantwortlich für den redaktionellen Teil: Willy Floerke, für den Inseratenteil: Wilhelm Böttcher, beide in Bielefeld. Heute nachmittag 3 Uhr beginnen wir mit dem Verkauf von 331 zu Inventur-Preisen. Wir empfehlen dieses Angebot einer besonderen Beachtung und bemerken ausdrücklich, dass in absehbarer Zeit eine gleiche Kaufgelegenheit von keiner Seite geboten werden kann. Großer Posten farbiger Damenpaletots und Frauen-Gerics Serie! Serie!I Serie III 7.75, 15.75, 19.50 früherer Wert bis 39. Taillenkleider elegante aus prima Stoffen früherer Preis bis 85.00 Serie 1 Serie II Serie 111 1950 29,39 K Theater-Capes e mit Pelzkragen, schöne helle Abendfarben früherer Preis bis 33.00 jetzt zum Aussuchen Stück me Iamfratter ushertenenr Gaden. 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Falsche weltpolitische Argumente. Zwei Gründe sind es, die hauptsächlich für die deutsche Weltpolitik ins Treffen geführt werden. Das starke Wachsen der Bevölkerung einerseits, die starke Zunahme des Kapitals andererseits. Beides erfordere, heißt es, die Erwerbung von Kolonien, die dem deutschen Auswanderer Schutz, dem deutschen Kapital sichere Anlagemöglichkeit gewähren. Beides liege im Interesse auch der deutschen Arheiter. Wenn sie auswanderten, blieben sie unter deutschem Recht, und die Gelegenheit zu vorteilhaster Anlage gäbe dem deutschen Kapital die Möglichkeit, mehr deuliche Arbeiter auszubeuten, oder wie man so schön sagt: zu„beschästigen“. Nur schade, daß das letzte Argument, das auch Herr Der burg jüngst seinem Professorenkollegium vorsetzte, schon längst als alter Schwindel allen Arbeitern bekannt ist. Sie wissen, daß das Kapital nicht verloren geht, auch wenn es zu anderen als zu unproduktiven Arbeiten für die kolonialen Sandwüsten verwendet wird; sie wissen, daß das Kapital, ohne in koloniale Anlagen gesteckt zu werden, auch dann seine Funktion, Arbeit auszubeuten, erfüllen würde, und sie bedanken sich zudem mit aller Entschiedenheit dafür, das Kapital, das sie ausbeuten soll, sich zum allergrößten Teil auf dem Wege der indirekten Besteuerung aus ihren eigenen Taschen herausholen zu lassen. Ganz abgesehen hiervon, sind überdies die beiden Hauptgründe, die für die deutsche Weltpolitik angeführt werden, bei näherer Betrachtung absolut nicht stichhaltig. Richtig ist die Tatsache des starken Anwachsens der deutschen Bevölkerung und dieses Wachstum ist zugleich auch eine Quelle der steigenden Macht und Größe Deutschlands, eine wichtige Bedingung des Aufschwunges der deutschen Volkswirtschaft. Dieses Wachstum zu befördern, aber auch die wachsende Bevölkerung in Deutschland selbst zu erhalten, ist dei wichtigste Aufgabe einer wahrhaft nationalen Politik. Für diese Politik haben jedoch die„nationalen“ Parteien nie etwas übrig gehabt. Die noch immer erschreckend hohe Kindersterblichkeit— ein Drittel der unehelich, fast ein Fünftel der ehelich geborenen Kinder sterben im ersten Lebensjahre— läßt sie gleichgiltig und der ausgiebige Schutz der arbeitenden Frauen stößt auf ihren heftigsten Widerstand. Politik ist gerade in dem wichtigsten Punkte antinational, nationalfeindlich. Ebenso ist es eine Forderung wirklich nationaler Politik, die Nation im Mutterlande selbst festzuhalten. Die Entscheidung über die Geschichte Deutschlands, einer Landmacht, kann nur in Europa selbst fallen. Jene„Patrioten“, die stets von den Gefahren sprechen, die Deutschland angeblich von allen Seiten bedrohen sollen, denen nie genug gerüstet wird, sie müßten alles vermeiden, was die deutsche Volkszahl vermindert. Neben dem vollständigen Stillstand der Sozialpolitik bedroht in erster Linie die deutsche Handelspolitik das Anwachsen der Bevölkerung und ihr Festhalten in Deutschland. Die deutsche Handelspolitik vermindert die Exportmöglichkeit der Industrie, verlangsamt ihr Wachstum in Deutschland und schränkt damit in der kapitalistischen Gesellschaft die Lebensmöglichkeiten des Proletariats in Deutschlands ein. Wird das Wachstum der deutschen Industrie nicht künstlich gehemmt, dann reicht es vollkommen aus, um die zuschüssige Bevölkerung aufzunehmen, allerdings innerhalb der Grenzen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die stets eine industrielle Reservearmee in einem gewissen Umfange für die wechselnden Verwertungsbedürfnisse des Kapitals bereit halten muß. Aber innerhalb dieser Grenzen ist es ganz falsch, daß in Deutschland irgend ein größerer Ueberschuß an Bevölkerung vorhanden wäre, der alljährlich auswandern müßte. Vielmehr ist die deutsche Auswanderung ständig zurückgegangen. Seit dem Jahre 1881, wo sie die Zahl 120089 oder 2,11 pro Tausend der Bevölkerung erreichte, ist sie stetig und rasch gefallen, sie betrug 1905 nur 28075 oder 0,47 Tausendstel der Bevölkerung, also eine verschwindende Ziffer. Dieser Auswanderung gegenüber steht eine viel größere Einwanderung ausländischer Arbeiter, die von den patriotischen Kapitalisten zu dem Zweck herangezogen werden, um die Lohnansprüche der deutschen Arbeiter nicht befriedigen zu müssen— von denselben Patrioten; die fortwährend über angeblichen Arbeitermangel, d. h. über Mangel an genügend bedürfnislosen Arbeitern jammern und damit drohen, deutsche Arbeiter durch chinesische Kulis zu ersetzen. Nicht besser steht es mit dem anderen Grund, der für die Kolonialpolitik angeführt wird, mit der Notwendigkeit des Kapitolexports. Auch hier ist der Betrag, der exportiert wird(genaue Zahlen können leider nicht angegeben werden), gering im Verhältnis zu den Kapitalien, die alljährlich im Inlande neu angelegt werden. Aber auch hier wird fortwährend von denselben Leuten, die die Kolonialpolitik befürworten, die Klage erhoben, daß in Deutschland Kapitalmangel herrsche. Und in der Tat, die deutsche Volkswirtschaft ist auch heute noch bis zu einem gewissen Grade auf den Zuschuß fremden Kapitals angewiesen. Ebenso wie die deutschen Auswanderer flieht auch das auswandernde Kapital die deutschen Kolonien. Außer den paar Landgesellschaften mit ihren paar Tausend Mark wirklich eingezahlten Kapitals, weigert sich das deutsche Kapital standhaft, sich in den Kolonien zu„verwerten". Es weiß warum und überläßt es der Regierung, die„werbenden“ Anlagen zu machen. Deutsches Kapital geht zwar ins Ausland, doch nicht in die deutschen Kolonien, sondern nach Mittel= und Südamerika, nach Kleinasien, nach Britisch=Südafrika, in andere europäische Länder überallhin, nur nicht in deutsche Kolonien. Doch der Kapitalexport ist überhaupt kein Vorteil für die Arbeiterklasse des betreffenden Landes. Neue Kapitalanlage, das bedeutet unter sonst gleichen Umständen: neue Nachfrage nach Arbeitskräften. Verminderung der Arbeitslosigkeit, Steigen des Lohnes. Das Kapital wird exportiert, nicht weil keine Anlagemöglichkeit im Inlande überhaupt mehr zu finden wäre, sondern weil die Anlage im Auslande zu einer höheren Profitrate erfolgen kann als daheim. Der Kapitalexport verhindert deswegen das Steigen des Lohnes im Inlande, das Sinken des Profites infolge der Lohnsteigerung. Er ist unmittelbar ein Nachteil für die Arbeiterklasse. Er bedeutet für sie, daß der Lohn und die Arbeitsgelegenheit im selben Maße vermindert wird, in dem das Kapital auswandert. Alles dies gilt selbst, kapitalistisch betrachtet, für eine vernünftige Kolonialpolitik; es gilt aber in erhöhtem Maße für die deutsche Kolonialpolitik. Die deutschen Kolonien sind in jeder Beziehung bedeutungslos und wertlos für die deutsche Volkswirtschaft. Sie sind für Deutschland keine Quelle der Bereicherung, wie etwa Indien für die englische Bourgeoisie, sondern ein Schwamm, der einen immer größeren Anteil der Steuergelder des deutschen Volkes aufsaugt. Sie sind ferner ein Vorwand, die unerträglichen Lasten der Rüstung zu Lande und zur See zu vermehren. Die deutsche Arbeiterklasse, die von Anfang an dieser sinnlosen, opfervollen Politik mit ganzer Kraft entgegengetreten ist, sie wird ihren Protest am 25. Januar mit verstärkter Wucht erneuern. Die objektivste Behörde der Welt. In Nummer 141 vom 21. Juni v. J. brachte der„Vorwärts“ unter dem Titel„Die Zustände im südwestafrikanischen Expeditionskorps“ eine Notiz, in der er auf Grund von Briefen von Mitgliedern des Expeditionskorps die Behandlung der Mannschaften durch ihre Vorgesetzten beleuchtete. Unter anderem waren aus der„Augsburger Abendzeitung“ einige dort veröffentlichte Briefe wörtlich abgedruckt, von denen der letzte schließt: „Das eine ist sicher, wer von Südwestafrika heimkommt, der kommt als Sozialdemokrat wieder.“ Der Schreiber des Artikels in der„Augsburger Abend(Nachdruck verboten.) * Z w e i B r ü d e r. Roman von Jens Z. Kielland. Rasman hatte Reisefieber bekommen und ließ sich nicht im Haus halten. Er hatte sich in den Gedanken verrannt, daß nichts zur rechten Zeit fertig werden würde, und daß die Jungen alles mögliche nicht mitbekommen würden, wenn sie überhaupt fort kämen, was er noch zu bezweifeln geneigt war. Den ganzen Sonnabend ging er herum und nörgelte und fragte und sah nach, so daß Ane und Tabitha ihn dahin wünschwo der Pfeffer wächst; und als es sich zeigte, daß Tollus' Seemannsstiefel zu Mittag noch nicht gekommen waren, zog er slost wie ein Unwetter zum Schuhmacher und blieb dort sitzen. bis er mit den Stiefeln in der Hand nach Hause zurückkehren konnte. In der Zwischenzeit hatten die Frauenzimmer Ruhe gehabt, alles instand zu bringen, und das Gepäck stand gepackt und fertig draußen in der Küche, wo es von Rasman und den beiden Besitzern besichtigt wurde. Da war ein Sack aus Segeltuch mit Kojenzeug für sie beide, eine vollständige Ausstattung von Oeltuchkleidern und Seemannsstiefeln, und jeder hatte eine Schiffskiste von der gewöhnlichen Sarkophagsorm, grün angestrichen und mit einem nicht aufzubrechenden Schloß. Sie waren von dem alten Anders verfertigt, der Tischler war, wenn er nicht das Postboot ruderte, und waren aus Cichenholz mit Eisen beschlagen und so schwer, daß nicht viel Unterschied war, ob sie voll oder leer waren. Sie waren indessen so voll gepackt, daß man sich auf den Desel setzen mußte, um das Schloß zuzubekommen, und alles, on par, war nagelneu und von der besten Sorte. Neue biaue Anzüge und Seemannsröcke lagen bereit, durften aber erst am nächsten Tag, wo sie abreisen sollten, angezogen werden. Der„Alligator“ ging früh am Montag morgen, und Rasman wollte sie Sonntag nachmittag mit dem Postboot nach der Stadt begleiten, um sie glücklich an Bord zu sehen und um bei der Abreise zugegen zu sein. Während Rasman und die beiden Frauen niedergeschlagen und unruhig waren wegen des bevorstehenden Abschiedes, schienen die beiden Brüder nicht sonderlich viel an das, was bevorstand, zu denken. Tollus ging in einem geistesabwesenden Zustand herum und sah aus, als ob er über irgend etwas grübelte, und Martin war froh und heiter wie gewöhnlich. Gegen Abend schlug er sogar vor, daß man zum Tanz gehen sollte, was Tabitha sehr empörte, die fragte, ob er nicht Spaß machte, den letzten Abend, den sie zu Hause wären, ausgehen zu wollen! Aber Rasman, der hörte, wovon die Rede war, erklärte, daß er froh wäre, wenn sie nur gehen wollten; es wäre doch kein Vergnügen, zu Hause zu sitzen und sich gegenseitig anzustarren in der Stimmung, in der sie sich befänden, und morgen wäre Zeit genug, um sich Lebewohl zu sagen. Er und Ane wollten zu Bett gehen, dann könnten die Jungen nach Hause kommen, wann sie wollten. Tabitha hatte noch immer keine Lust, aber Martin wollte sie durchaus mit haben; und als sie gegessen hatten, und der Mond aufgegangen war, zogen sie alle drei nach der Oerenäswiese. Dort war eine große Versammlung und ein allgemeiner Jubel erhob sich, als sie kamen; denn Tollus und Martin waren eifrige und ausdauernde Kavaliere, und Tabitha galt für die Zierde des Balles, sie bekam keinen Augenblick Ruhe, wenn sie erst da war, und war schon die unschuldige Ursache von manchem Herzenskummer und von mancher Schlägerei hinter dem Schuppen gewesen. Die Oerenäswiese war ein prächtiger Tanzplatz. Sie lag geschützt und versteckt zwischen zwei niedrigen Felsrücken, und der Boden war eben und fest, mit kurzem, dichtem Gras bewachsen, das sich Sommer und Winter beinahe unverändert hielt, es wurde wenigstens im Sommer nicht höher, ob es nun daher kam, daß es jeden Sonnabend niedergetanzt wurde, oder daher, daß das Kleinvieh den Rest der Woche sich da aufhielt. An dem einen Felsrücken sprang der nackte Stein hervor und bildete eine Art Gesims, wo der Ziehharmonikaspieler seinen Platz hatte, und wo außerdem so viele, wie Raum hatten, zu sitzen und mit den Beinen zu baumeln pflegten, wenn sie nicht tanzten. Es war ziemlich hart und scharf da zu sitzen, und es tat auf die Dauer weh, aber man hatte von dieser Galerie aus einen ausgezeichneten Ueberblick über den Tanzplatz. Es wurde gerade Polka=Mazurka gespielt, als die drei hinzukamen, und Tollus legte ohne weitere Zeremonien den Arm um Tabitha und schwenkte sie herum, während Martin sich neben die Musik setzte. Zehn, zwölf Paare tanzten im Mondschein und stampften den Takt, daß man es weithin hörte. Der Ziehharmonikaspieler war ein Virtuos auf seinem Inzeitung“, einem liberalen Organ, hatte diesem Briefe hinzugefügt: „Ich wiederhole, der Mann ist ein Soldat von tadelloser Führung und aus einer Familie, keine Sozialdemokraten kommen.“ Anbetracht der besonderen Aufmerksamkeit, deren sich der„Vorwärts“ seitens der„objektivsten Behörde der Welt“, der Staatsanwaltschaft, erfreut, erhielt unser Verantwortlicher, Genosse Weber, eine Einladung zum Untersuchungsrichter, der ihm mitteilte, daß die königl. Staatsanwaltschaft auf Ersuchen des Oberkommandos der Schutztruppen Strafantrag wegen Beleidigung gestellt habe. Ganz erstaunt wies der Sünder darauf hin, daß er es eigentlich nicht verstehe, warum das Oberkommando der Schutztruppen ihn anklage. Es sei doch nicht gut anzunehmen, daß bürgerliche, regierungsfreundliche Preßorgane die Unwahrheit schrieben; wenn aber angeklagt werden müsse, solle der Staatsanwalt sich nur an die Adresse der„Augsburger Abendzeitung“ wenden. Aber was nützen manchmal die treffendsten Argumente? Ende vorigen Jahres erließ der„Vorwärts“ einen Aufruf in der Parteipresse, in dem derselbe um Ueberlassung von Briefen von Schutztrupplern ersuchte, die für den in Aussicht stehenden Prozeß Verwendung finden könnten. Die Fülle der Einsendungen, die aus Anlaß des Aufrufes zuflossen, hätte genügt, um drei solche Prozesse damit führen zu können. Mit Seelenruhe sah daher unser Verantwortlicher der Entwicklung der Dinge entgegen. Aber die Dinge wollten und wollten sich nicht entwickeln. Die Lösung wurde unserem Genossen Weber klar, als er vor einigen Tagen folgendes Schreiben erhielt: Der Erste Staatsanwalt bei dem Königl. Landgericht I Berlin 32. I. 471 06./17. Berlin, den 11. Januar 1907. Das gegen Sie eingeleitete Verfahren wegen Beleidigung, begangen durch den Abdruck des der„Augsburger Abendzeitung“ entnommenen Artikels unter„Politische Uebersicht" im Hauptblatt der Nr. 141 des„Vorwärts“ vom 21. Juni 1906 ist eingestellt. Isenbiel, Oberstaatsanwalt. Den Lesern aber, die über das nüchterne Schreiben des Oberstaatsanwalts hinaus auch Gründe für die Einstellung des Strafverfahrens hören möchten, wollen wir ein gleichzeitig mit ven Briesen von Schutztrupplern zugeflattertes Schreiben nicht vorenthalten. Vielleicht bietet es auch unseren Genossen bei der Wahlagitation ein nicht zu unterschätzendes Material in Punkto „Rechtspflege“. Das Schreiben lautet: 32. J. 471 06. Berlin, 8. November 1906. In der Anlage beehre ich mich Reinschrift der Anklage, die ich der Strafkammer einzureichen gewillt bin, zur gefälligen Kenntnisnahme zu übersenden. Für den Ausgang des Verfahrens glaube ich nicht einstehen zu können, auf eine Freiheitsstrafe ist kaum zu rechnen, vielmehr wird die Strafkammer voraussichtlich auf eine Geldstrafe erkennen. Es handelt sich im vorliegenden Falle nicht um vom „Vorwärts“ hämisch dargestellte und entstellte Vorkommnisse oder um selbständige gehässige Urteile, sondern um die wörtliche Wiedergabe eines Artikels der„Augsburger Abendzeitung“, einer den Ordnungsparteien zugehörigen Zeitung. Da nun gegen die Quelle des„Vorwärts" selbst aus den in dem Schreiben der Staatsanwaltschaft in Augsburg vom 19. und 22. September erörterten Gründen nicht vorgegangen werden wird und diese Tatsache der Verteidigung des Redakteurs des„Vorwärts“ nicht unbekannt bleiben kann, wird diese Tatsache allein schon zu scharfen Erörterungen führen. Es ist ferner mit Sicherheit zu erwarten, daß der„Vorwärts“ mit Hilfe der Parteipresse unzustrument und augenscheinlich in festlicher Laune, und er spielte die lustige Melodie mit so vielen Trillern und Schnörkeln, daß sie beinahe nicht mehr wiederzuerkennen war; aber Takt hatte er, daß es einem in allen Gliedern zuckte. Martin sah sich nach Ingvald um und entdeckte ihn inmitten einer Schar junger Seeleute, die etwas abseits standen und sich heimlich aus einer Flasche, die herum gegeben wurde, stärkten. Ingvald war laut, wie gewöhnlich, und wahrscheinlich auch witzig, denn er und seine Zuhörer bekamen von Zeit zu Zeit heftige Lachanfälle, und Martins geschärftes Feindesohr fing einzelne abgerissene Worte auf, wie„grüne Jungen" und „Taugenichtse“, so daß er unwillkürlich die Hände in der Tasche bollte. 4asch Unterdessen war der Musiker ermattet und schloß die zurka mit einem Akkord, den er so sehr in die Länge zog, wie die Harmonika gedehnt werden konnte, und alle die tanzenden Paare lösten sich auf, worauf sich an dem einen Ende des Tanzplatzes ein großer Knäuel Mädchen bildete, während sich die Burschen um den Musikanten versammelten, der in den Pausen von einem der Seeleute mit einem kräftigen Schnaps bewirtet wurde. Tollus und Martin hatten nur gute Freunde unter der Jugend auf der Insel, und daß sie den Tag darauf reisen sollten, machte die Stimmung noch freundschaftlicher; man scharte sich um sie und fragte und erkundigte sich nach allen erdenklichen Dingen, ob sie sich auf die Reise freuten? ob sie ein paar chinesische Briefmarken mitbringen wollten, wenn sie nach Hause kömen, denn es gav einen, der sammelte, ob sie glaubten, daß sie Sehnsucht haben mürden? Ingvald war auch in der Nähe; er mußte sich sicher ein wenig zu sehr gestärkt haben, denn sonst würde er sich wohl nicht so unmöglich benommen haben, wie er tat. Er stand mit den Henden in der Tasche da und warf Bemerkungen in das Gesprüch, mit der deutl'chen und offentundigen Absicht, ei# beiden Brüder zu beleidigen, es war rein unangenehm für alle, die dabei standen, aber die beiden taten, als ob sie nichts davon hörten. Dies machte ihm Mut, und, als einer der Burschen fragte, ob es wahr wäre, daß sie nach den chinesischen Plätzen fahren würden, sagte Ingvald ganz laut, wenn solche kleine Jungen nach China kämen, so würden sie mit der Paketpost wieder nach Hause geschickt werden. Das war beinahe zu viel! Der Musiker, der eine taktvolle Natur war, wollte der peinlichen Situation ein Ende machen und fing mit großer Bravour an, einen Rheinländer zu spielen, Friedene Elemente aus den entlassenen Afrikakriegern ermitteln und als Zeugen zur Führung des Wahrheitsbeweises, der gar nicht abzuschneiden ist, stellen wird. Die von den Zeugen geschilderten Einzelheiten würden kaum durch den mir gütigst benannten Sachverständigen zu widerlegen sein. Die Beweisaufnahme wird daher bei der Allgemeinheit der beleidigenden Behauptung(die alten Mannschaften werden schlechter als die Schwarzen behandelt) vom„Vorwärts“ mit Leichtigkeit verschleppt werden können. Der„Vorwärts“ hätte somit gegen Zahlung einer geringen Geldstrafe die ihm äußerst willkommene Gelegenheit, sich als Schutzpatron der Mannschaft aufspielen zu können und in der Presse selbst die Beweisergebnisse für seine Zwecke auszuschlachten. Unter diesen Umständen stelle ich vor Absendung der Anklage nochmals Erwägung ehrerbietigst anheim. gez. Isenbiel. Fürwahr, treffender kann die Objektivität der deutschen Rechtspflege wohl nicht charakterisiert werden als durch vorstehendes Schreiben. Die Revolution in Rutzland. R. K. Die Verpflegungskampagne nach offiziellen Angaben. Man schreibt uns aus Petersburg:„Der„Regierungsbote“ veröffentlicht soeben einen langen offiziellen Bericht über den Verlauf der Verpflegungsoperationen und über die Fürsorge für die Aussaat. Das Ministerium gibt selbst zu, daß die flüchtige Darstellung nicht imstande sei, viele Fragen bezüglich einer so komplizierten und umfangreichen Angelegenheit zu beantworten. Eine genauere Uebersicht wird erst für die Zukunft versprochen. Wir unterlassen es daher, die Ziffern im allgemeinen, da sie unvollständig sind, sowie die ganze finanzielle Seite der Operation vorläufig hier zu besprechen, und berühren nur den allgemeinen Plan des Getreideankaufes sowie die Art und Weise, wie letzterer ausgeführt wurde. Die diesjährige Verpflegungsoperation übertrifft bei weitem sämtliche Operationen der früheren Jahre, u. a. auch die des Jahres 1891: der diesjährige Verpflegungsbedarf wurde auf 70 Millionen Pud und der Saatbedarf auf 39 Millionen Pud berechnet, gegen 61,5 Millionen Pud Verpflegungs- und 31 Millionen Pud Saatgetreide im Hungerjahre 1891. Die Praxis der früheren Verpflegungskampagne zeigte nun, daß selbst in Ortschaften, die von der Mißernte betroffen sind, fast immer gewisse Vorräte vorhanden sind, die man am Orte zu annehmbaren Preisen kaufen und schnell und bequem verteilen kann, wenn nur die zentralen Organe über Getreidemassen verfügen, die im fruchtreichen Rayon erworben wurden und nach jenen Orten versandt werden können, wo die Verkäufer allzu hohe Preise verlangen. Eine so vereinbarte Tätigkeit der lokalen und zentralen Organe führte stets zu zufriedenstellenden Resultaten. Aber dies Jahr bevorzugte das Ministerium, dessen führender und leitender Geist Herr Gurko war, neue Wege: der ganze Ankauf wurde in der Hand der Zentrale konzentriert, und von nun an erhielten die Handlungen des Ministeriums einen sonderbaren und später einen direkt verdächtigen Charakter. Am Horizonte des zentralen Ressorts erscheint Herr Lidval. Verschiedene sonstige Angebote werden unter allerlei Vorwänden abgelehnt. Herrn Lidval wird die Lieferung von 10 Millionen Pud Korn zuerteilt. Er soll, laut Ordre, im Oktober und November 6410 368 Pud in die am meisten durch die Mißernte betroffenen Gouvernements liefern. Nach Abschluß des Vertrages mit Lidval beruhigte sich das Ministerium vollständig: bis zum 1. Februar war es mit Getreide versehen. Zum Unglück wurden die Berechnungen des Ministeriums durch Lidvals Nachlässigkeit erschüttert: wie der Bericht feststellt, lieferte Herr Lidval bis zum 22. November statt 6,4 Millionen bloß etwa 110 Tausend Pud und noch etwa 100 Tausend Pud sind zum Laden bereit. Die bisher veröffentlichten Ziffern enthalten leider nicht die wichtigsten Angaben: Wir wissen nicht, wieviel Brot an die hungernde Bevölkerung verteilt wurde, und wie die„Nachlässigkeit“ Gurkos und Lidvals an die hungernden Bauern in den Gouvernements Pensa, Samara, Simbirs u. a. wirke. Wenn man aber bedenkt, daß die an Lidval erteilten Ordres auf Oktober und November lauteten, daß andere Lieferanten noch nicht verpflichtet waren, in diesen Monaten Brot zu liefern, daß Lidval bis zum 22. November nur etwa 5 Prozent seiner Lieferung leistete; so wird man schließen müssen, daß Millionen Menschen schwer infolge der Nachlässigkeit des ministeriellen Günstlings litten. Nach der mißlungenen Affäre mit Lidval wurde endlich den Gouverneuren zu ermitteln empfohlen, wieviel Verpfledem niemand widerstehen konnte, und mit frischen Kräften begann man diesen beliebten, aber anstrengenden Tanz. Ingvald machte sich bereit; er zog seine Hosen in die Höhe, rückte seinen Schlips, ein feuerrotes Seidentuch, das zu einer großen Schleife gebunden war, gerade, setzte die Mütze noch schiefer und steuerte in seiner ganzen Unwiderstehlichkeit gerade auf Tabitha los, die unter den Mädchen stand. Dies hatte Martin vorausgesehen, und als Ingvald hinkam, hatte er schon den Arm um Tabitha gelegt. Weg mit dir, du Grünschnabel! sagte Ingvald und segte Martin beiseite; aber in demselben Augenblicke bekam er von Martins Faust einen Schlag unter das linke Auge. Er kam unerwartet und mit viel Kraft, und Ingvald taumelte einen Schritt zurück, stolperte und fiel. Alle Mädchen schrien, und Tabitha sah sich erschreckt nach Tollus um, der zu ihr hineilte. Es bildete sich ein Ring um die beiden Feinde, und sobald Ingvald wieder auf die Beine gekommen war, fuhr er auf seinen Gegner los, und es entwickelte sich eine herrliche Schlägerei. Martins Entschluß, Ingvald durchzuprügeln, war tapfer, aber nicht wohlerwogen. Erstens war Ingvald mehr als vier Jahre älter als er, und außerdem hatte er sich auf seiner auswärtigen Fahrt eine Anzahl Kenntnisse im Schlagen angeeignet, die Martins einheimische Kunstgriffe gänzlich wertlos machten. Martins langer, schlanker Körper war geschmeidig und kräftig, und wenn er einmal mit einem Schlag recht gut traf, war es klar, daß sein Gegner Mond und Sterne sah; aber es geschah nicht oft, während er selbst einen schlimmen Schlag nach dem andern bekam, ohne auch nur daran zu denken, sie zu parieren. Martins Gesicht war schon blutig, und der Ausfall mußte für ziemlich entschieden angesehen werden. Die Zuschauer standen atemlos und ohne ein Wort zu sagen dabei, so daß man den unheimlichen Laut der Faustschläge und den Atem und die Flüche der Kämpfenden in der Abendstille deutlich hören konnte. Alle verstanden notürlich den wirklichen Grund der Schlägerei, und die meisten Burschen und alle Mädchen waren auf Martins Partei; denn trotz seiner glänzenden Eigenschaften war Ingvald selbst seinen eifrigsten Bewunderern zu eingebildet geworden, und nachdem seine Herzensangelegenheiten kein Geheimnis mehr waren, hatte er selbstverständlich für den weiblichen Teil der Bevölkerung kein Interesse mehr. Tabitha klammerte sich an Tollus Arm und sah mit Schrecken gungs- und Saatgetreide an Ort und Stelle erworben werden könne. Gemäß den zwischen dem 15. und 22. Dezember eingelaufenen Antworten wurde gestattet, 19,5 Millionen Getreide zur Verpflegung und 12,7 Millionen für Saat zu kaufen, so wurde die Wohlfahrt auf dem Papiere wieder hergestellt. Der Bericht teilt mit, daß noch 30,4 Millionen Pud Verpflegungsgetreide und 29½ Millionen Pud Saatgetreide zu kaufen bleibt. Am Tage der Vertragsschließung mit Lidval, sowie am Tage der Berichtveröffentlichung besaß das Ministerium auf dem Papiere genau so viel Brot, wie es für die Bevölkerung erforderlich ist. Der Bericht bewahrt jedoch ein hartnäckiges Schweigen in bezug auf die Frage, wie viel Brot im Laufe der schweren vier Monate an die Bevölkerung wirklich verteilt wurde. Das ist ein höchst verdächtiges Schweigen: Im Zusammenhange mit den entsetzlichen Nachrichten aus dem notleidenden Rayon muß man annehmen, daß die Hilfe zu spät kam: die höchst unüberlegten und leichtsinnigen Handlungen des Ministeriums und die Uebergabe der Verpflegungsfürsorge an Herrn Lidval zeigten ihre Früchte. Die begangenen Fehler kann man nicht wieder gut machen: Typhus, Skorbut, Verelendung— sie kennzeichnen die fürsorgliche Tätigkeit des zentralen Organs des Ministeriums. Der Bericht kann nicht als Bürgschaft für die Zukunft gelten: ebenso wie das jetzt gekaufte Brot wurde das von Lidval gekaufte im September=Bericht vor der Welt ausposaunt. Wir wissen aber nicht, wie viel Brot an die Hungernden gelangt ist. Wir wissen auch nicht, warum der Bericht sich darüber ausschweigt. Geschieht es etwa, weil das Ministerium es für unwesentlich erachtet, oder weil man es nicht mitteilen darf? Auch zögert man verdächtigerweise mit der Veröffentlichung des Berichts der Kommission über die Affäre Gurko=Lidval. Willkür der Administration. Wie weit die Willkür der russischen Provinzatrapen geht, kann man aus folgendem Telegramm aus Ekaterinoslaw vom 10. Januar ersehen:„Auf Befehl des Generalgouverneurs werden diejenigen Hausbesitzer und Wohnungsmieter, in deren Wohnräumen Bomben oder Explosivstoffe entdeckt worden sind, dem Kriegsgericht übergeben. Falls die Hausbesitzer den unumstößlichen Beweis erbringen können, daß sie völlig im Unwissen waren, werden sie nur zu einer Geldstrafe von 3000 Rubel, bezw. drei Monaten Gefängnis verurteilt(!!). Die Wohnungsmieter aber werden vom Kriegsgericht nicht befreit. Diejenigen, die das Auffinden von Explosivstoffen vor der Entdeckung durch die Polizei zur Anzeige bringen, werden nicht bestraft. Nach der Aufnahme des Protokolls werden die Bomben und Explosivstoffe an Ort und Stelle vernichtet, selbst in bewohnten Räumen, wobei die Hausbewohner vorher das Haus verlassen müssen. In jedem einzelnen Falle der Entdeckung von Explosivstoffen wird die Frage entschieden, ob das betreffende Haus oder Gebäude konfisziert werden soll. Die hungernden Bauern verkaufen ihre Töchter. Das Komitee der Kais. Freien ökonomischen Gesellschaft zur Hilfeleistung für die Hungernden hat an seine Filiale in Kasan die Anfrage gerichtet, ob die Zeitungsmeldungen zutreffend seien, daß die mohamedanischen Bauern ihre Töchter verkaufen. Darauf ist folgende Antwort eingelaufen:„Die Kasaner Filiale hat auf die Nachricht, daß im Kreise Tetjusch(Kaukasus) und an anderen Orten Rußlands die mohamedanischen Bauern ihre Töchter verkaufen, sofort alle Maßregeln ergriffen, um genaue Auskunft zu erhalten. Aus vielen Gründen ist es uns aber erst gestern gelungen, etwas Zuverlässiges zu erfahren. Zwei Mullas(mohamedanische Priester), die aus den Dörfern Bolschaja=Turma und Bolschaj=Meret=Kasin eingetroffen sind, bestätigen den Verkauf mohamedanischer Mädchen als authentisch. Vorläufig konnte man nur den Verkauf zweier Mädchen aus dem Dorfe Tetjusch und zweier kleiner Mädchen aus dem Dorfe Bolschcja-Turma feststellen. In dem letztgenannten Dorfe hat ein Bauer(im Original ist der Name angeführt) seine 12jährige Tochter nach Baku, ein anderer(gleichfalls genannt) hat seine 13jährige Enkelin nach Orask verkauft.“ Todesurteil gegen Graf Witte. Aus zuverlässiger Quelle wird der„Strana“ mitgeteilt, daß die äußersten monarchistischen Parteien den Grafen Witte zum Tode verurteilt und bereits zwei Personen gewählt haben, die das Urteil vollstrecken sollen. Der Graf wurde von Personen, die mit ihm sympathisieren, auf die ihm drohende Gefahr aufmerksam gemacht und sogar mit den Photographien seiner künftigen Henker versehen. In einem Gespräche mit dem Gewährsmann der„Strana" erzählte Graf Witte, daß er aus den Fenstern seiner Wohnung zwei Männer bemerkt habe, die vor seinem Hause auf= und abgehen und die den ihm zugestellten Photographien sehr ähnlich sind. der Schlägerei zu. Jeden Schlag, den Martin bekam, glaubte sie zu fühlen, so daß sie ein wenig schreien mußte, und je schlimmer es ging, desto verzweifelter wurde sie. Kannst du ihm nicht helfen! flüsterte sie Tollus zu. Das konnte er ja anstandshalber nicht, aber als er seinen Bruder nach einem gewaltigen Stoß in die Herzgegend taumeln sah, sprang er doch hervor und drängte sich zwischen die beiden Raufer. Jetzt kann es genug sein! sagte er und stieß seinen Bruder beiseite. Ingvald war wild und siegesstolz. Ja, kommt nur her! rief er triumphirend, ich habe keine Angst, wieviel ihr auch seid! Du wirst schon auch genug bekommen, du Räkel: und damit gab er Tollus einen ernstlichen Stoß zwischen die Rippen. Aber Tollus war ihm zu kräftig. Er tat einen festen Griff in die Gegend von Ingvalds feinem Schlips, schüttelte ihn eine Weile, daß ihm Hören und Sehen verging und schleuderte ihn über das Feld hin, so daß er zum zweitenmal auf den Rücken fiel, die Beine in der Luft. Willst du mehr haben, so bin ich bereit! sagte Tollus mit großer Ruhe. Aber Ingvald zog sich mit ein paar guten Freunden zurück und begnügte sich mit einem Strom von Schimpfworten, um die sich niemand kümmerte. Tabitha wollte, daß sie nach Hause gehen sollten; sie war nahe am Weinen und zitterte am ganzen Körper vor Aufregung. Aber Tollus hatte keine Eile, es ging nicht an, so ohne weiteres das Schlachtfeld zu räumen, und während Martin sich das Blut abwischte, tanzte Tollus noch ein paar Tänze, um die Ehre zu retten; aber dann gingen sie alle drei fort. Sie gingen über die Felder, und Tabitha hatte es so eilig, fortzukommen, daß sie den anderen beiden um einige Schritte voraus war, und sobald sie ein Stück vom Tanzplatz entfernt waren, brach sie in ein krampfhaftes Weinen aus. So gingen sie eine Weile im Gänsemarsch auf dem engen Pfad, ohne mit einander zu reden, die schluchzende Tabitha an der Spitze; aber in einem kleinen abseits gelegenen Tal hinter dem Leuchtfeuer bat Tollus sie, stehen zu bleiben. Bu mußt versuchen, ruhig zu werden, Tabitha, denn es ist am besten, wenn der Vater nichts davon erfährt. Sie wischte sich die Augen und wandte sich nach Martin um. Warum hast du das getan? fragte sie in drohendem Ton. Martin wandte die Augen ab und blickte zum Leuchtfeuer hinR. K. Volksschullehrer=Verfolgungen. Man schreibt uns aus Minsk: Im Gouvernement Minsk sind in der letzten Zeit die Volksschullehrer einer ganzen Reihe von Repressalien seitens der Volksschul-Direktion ausgesetzt. Die Repressalien begannen, als der Direktion bekannt wurde, daß in Minsk eine Abteilung des Allgemeinen Russischen Lehrerverbandes gegründet wurde. Vor allem wollte die Direktion herausfinden, wer diese Abteilung organisierte, und sie fing an, die Lehrer aufs Geratewohl zu entlassen, um so auf die Schuldigen zu stoßen. Die Organisation breitete sich dessenungeachtet aus, und es fanden mehrere Lehrerversammlungen statt. Eine solche Versammlung, bestehend aus 14 Mann, wurde von der Polizei im Dorfe Nikolaewskoe entdeckt und alle Lehrer wurden entlassen. Etwas später sind zwei Lehrer in den Kreisen Nowogrudki und Pinsk entlassen worden aus dem einzigen Grunde, weil dort, wo sie wohnten, eine Bauernbewegung sich bemerkbar machte. Die Direktion sieht auf die Lehrer mit Mißtrauen und hält ihnen bei jedem Schritt ihre abhängige Stellung vor. In den Zeitungen zu schreiben, ist den Lehrern nicht gestattet. Jede Mitteilung in den Zeitungen, die den betreffenden Ort berührt, wird den Lehrern zugeschrieben, und man verlangt von ihnen Erklärungen. Viele Kreisinspektoren suchen jetzt die Lehrer durch Lehrerinnen zu ersetzen, da man die letzteren für ruhiger und für politisch zuverlässiger hält. Die Lehrer entläßt man massenweise. R. K. Wahlmachinationen in der Provinz. Man schreibt uns aus Starodub(Gouvernement Tschernigow): Die hiesige Stadtverwaltung(das Stadthaupt ist zugleich Vizepräsident der Filiale des„Verbandes des Russischen Volkes", der bei den letzten Wahlen nur durch zwei Stimmen gewählt worden ist), hat ganz willkürlich aus der alten Wählerliste 20 Prozent der Wähler, hauptsächlich Juden, gestrichen. Unter den Gestrichenen befinden sich Hausbesitzer, Wohnungsmieter, von denen manche schon zwei Jahre Wohnungssteuern zahlen. Es sind gegen 400 Klagen eingereicht, und es ist ein Telegramm an den Ministerpräsidenten Stolypin geschickt worden. Die mit dem„Verbande des Russischen Volkes“ sympathisierende Stadtverwaltung will die Stadt in einige Bezirke teilen und die Wahlurnen in jeder der fünf Vorstädte aufstellen, wo die Altgläubigen wohnen, mit deren Hilfe man den Sieg der Reaktionäre zu erlangen hofft. Die Versammlungen der Kleingrundbesitzer will man in der Stadt abhalten, und dann werden viele, um an diesen Versammlungen teilnehmen zu können, eine Reise von 100 Werst machen müssen. Parteinachrichten. Zum vierten Parteitage der kroatisch=slawonischen Sozialdemokratie. Die kroatisch=slawonische Sozialdemokratie führt schon einige Jahre schwere Kämpfe um ihr Dasein in ihrem von Klerus und Bureaukratie bedrückten„Vaterlande". Trotz aller Verfolgungen gelang es ihr doch, sich so weit zu behaupten, daß sie mit Selbstbewußtsein den weiteren Kämpfen entgegensehen darf. In den Weihnachtstagen hielt sie ihren vierten Kongreß in Ossek ab, dessen Bedeutung insbesondere darin gipfelt, daß beschlossen worden ist, alle Bande mit den bürgerlichen Parteien zu lösen und sich einiger an die Internationale anzuschließen. Der Kongreß beauftragte das Zentralkomitee, mit den übrigen sozialistischen Parteien, welche in dem internationalen Bureau zu Brüssel vertreten sind, Beziehungen anzuknüpfen, damit die Partei„ein lebendes Glied der roten Internationale, ein Posten des solidarischen internationalen Proletariats werde.“ Die Entwicklung der Parteikräfte während der Berichtsperiode geht aus folgenden Daten hervor: Die Agitationskosten erreichten einen Betrag von 3000 Kronen; es wurden 77 öffentliche, ausschließlich der politischen Propaganda gewidmete Versammlungen und zirka 2000 vertrauliche Agitationsversammlungen abgehalten. Zur Maifeier wurden 25000 Flugblätter herausgegeben. Die Propaganda undAgitation umfaßte nicht nur Kroatien und Slawonien, sondern auch Dalmatien und das okkupierte Gebiet Bosnien und Herzegowina, wo überall die kroatisch sprechende Arbeiterschaft zahlreich angesiedelt ist. Die Parteipresse besteht aus zwei Organen(„Napred" und „Slobodnaja Rietsch“), die zweimal monatlich erscheinen und zusammen ein Wochenblatt bilden. Im Parteiverlage„Uasa Snaga“ wurden zahlreiche sozialistische Agitations= und Propagandazwecke verfolgende Broschüren und Bücher herausgegeben. auf, das seine feuerroten, warnenden Strahlen gerade über die Stelle, wo sie standen, hinsandte, um die Schiffe vor den gefährlichen Felsen zu schützen. Martin, warum hast du das getan? Oh, antwortete er, und seine Stimme zitterte; ich wollte nicht reisen, ehe ich ihn gezeichnet hätte, ihn, deinen Liebsten! Und wenn er mein Liebster wäre, so wäre das doch wohl meine Sache! antwortete sie stolz. Du hättest es uns doch sagen können, wandte Tollus sanft ein, während er ihr in seinem Innern vollständig recht gab. Tabitha wurde gleich wieder gut und dachte an ihr Gespräch mit Rasman. Hört einmal, Jungens, ihr könnt ganz ruhig sein; Ingvald ist nicht mein Schatz, und er wird es auch nicht werden! Ist es wahr! jubelte Tollus. Nein, vielleicht jetzt noch nicht, argwöhnte Martin, aber wenn wir weg sind. Ich verspreche euch, sie sprach langsam und feierlich, ich verspreche euch, daß ich mich nicht mit Ingvald verloben werde, während ihr weg seid! Tollus seufzte erleichtert auf, aber Martin platzte heraus Auch nicht mit jemand anderem! Alle drei verstanden im selben Augenblick, daß das ein gefährliches Wort sei; aber Tabitha parierte wie ein Meister. Sie reichte jedem von ihnen die Hand. Ich verspreche euch, daß ich mich mit niemand verloben werde, ohne daß ihr erst Bescheid wißt! Nun! lachte sie neckend, könnt ihr jetzt beruhigt reisen? Sie war so schön und so reizend, wie sie im Mondschein dastand und lachte, daß Tollus furchtbar große Lust hatte, sie zu umarmen, aber er ließ es sein. Martin dagegen legte den Arm um sie und gab ihr einen Kuß auf die Wange. Tabitha, du bist— du bist— aber da er in der Eile kein Wort finden konnte, das alles, was er sagen wollte, enthielt, vollendete Tollus den Satz und sagte mit Nachdruck: Ja, das bist du! Sorglos und glücklich wanderten sie alle drei Arm in Arm nach Hause. Seit langer Zeit waren sie sich nicht so nahe gewesen; und es war ihnen so leicht ums Herz und so heiter und unbekümmert zu Mute; die Schatten der Zukunft, die sie einen Augenblick gestreift hatten, waren von Tabithas hellem Lachen in die Dunkelheit zurückgejagt worden.(Fortsetzung folgt.) 60 * Gewerkschaftsbewegung. Wer übt Terrorismus? Darauf gibt das Ergebnis einer Verhandlung gegen den verantwortlichen Redakteur der„Fränk. Volkstribüne", Genossen Paul Schlegel, vor dem Schöffengericht Kulmbach Auskunft. Im Jahre 1905 brach in Kulmbach ein allgemeiner Streik der Böttcher aus, der ungünstig verlief. Einer der damaligen Streikenden, der Böttcher Hofmann, konnte lange keine Arbeit mehr erhalten, bis ihn im Oktober vorigen Jahres der Böttchermeister Neubauer in seiner Wohnung aufsuchte, und ihn bat, bei ihm auszuhelfen, wobei er ihm Arbeit bis März 1907 versprach. Kaum hatte jedoch Hofmann einige Tage gearbeitet, als Neubauer vor die Sitzung der Böttchermeistervereinigung geladen und aufgefordert wurde, den Hofmann wieder zu entlassen, da er beim Streik in Versammlungen gegen die Meister aufgetreten sei und auch Streikposten gestanden habe. Der Meister Neubauer erklärte darauf am Sonnabend dem Hofmann, es tue ihm leid, aber er müsse ihn entlassen, weil er sonst von den Brauereien, von denen sämtliche Böttchermeister abhängen, keine Arbeit mehr bekomme. Diesen Fall hatte die„Volkstribüne" als unerhörten Terrorismus bezeichnet, dabei wurde auch darauf hingewiesen, daß die Entlassung auf den Druck der Brauereibesitzer hin erfolgt sei, weshalb den Herren die Bezeichnung„Kapitalsprotzen“ beigelegt wurde. Aus der eidlichen Aussage des Meisters Neubauer war auch zu entnehmen, daß tatsächlich die Brauereivereinigung der treibende Keil sei. Trotzdem wurde Schlegel zu acht Tagen Gefängnis verurteilt. Das Gericht hielt zwar für festgestellt, daß der Meister gezwungen wurde, den Arbeiter, mit dem er nach eigenem Zeugnis sehr zufrieden war, aufs Pflaster zu werfen, doch sei nicht erwiesen, daß die Brauereibesitzer dahinterstäten. In dem Urteil ist auch von der„gefährlichen Tendenz“ der„Volkstribüne“ die Rede, der es nur um die Verhetzung der Arbeiter zu tun sei. Viel„verhetzender“ als tausend Zeitungskritiken wirkt dieses Urteil und seine Begründung. Soziales. Die Versteigerung eines armen Kindes. In einem Dorfe bei Augsburg wohnt ein armer Besenbinder, der sich ehrlich durchs Leben zu schlagen versuchte. Er arbeitete fleißig. Oft war der Verkauf von Besen in der Stadt aber gering. Er mußte dann betteln. Betteln ist jedoch verboten. Er wurde bestraft und— ausgewiesen! Ausgewiesen aus dem Stadtgebiet, in dem er bisher fast ausschließlich seine Besen verkaufen konnte! Jetzt ging es bergab mit ihm, jetzt wurde er„ein vielfach vorbestrafter Mensch“— er war ja ausgewiesen und seines Verdienstes beraubt! Sein einziges Kind, das er bis zu seiner Ausweisung aus der Stadt rechtschaffen erzog, verfiel nun mit dem Vater der Armenpflege des Heimatdorfes. Der Bürgermeister veranstaltete alle Jahre eine Versteigerung des Armenkindes— 9 Pfennig zum ersten— 9 Pfennig zum zweiten— 9 Pfennig zum— drittenmal! Der Wenigstnehmende mit neun Pfennig pro Tag erhielt den Zuschlag und das Kind dafür zur „Erziehung“— zur Ausbeutung! Die Folgen dieser„Erziehung“, dieser freudlosen, schrecklichen Jugend sind nun da— der verwahrloste Knabe, jetzt 13 Jahre alt, wurde jüngst wegen Diebstahls zu Gefängnis verurteilt.— So erzieht die herrliche Gesellschaftsordnung zu Verbrechen und tobt dann über die „wachsende Verwahrlosung".— Dienstbotenelend. Der Gastwirt Lendle in Augsburg war arg verschnupft, als seine Dienstmagd auf ihrem nur 2 Stunden währenden 14tägigen Sonntagsausgang bestand. Als sich das Mädchen dann anzog, überfiel er sie in ihrer Bodenkammer, schlug sie mit den Fäusten einigemale ins Gesicht und sperrte sie dann zwei Stunden im Dachboden ein, wo sie dann von fremden Personen zufällig befreit wurde. Das Landgericht Augsburg erkannte für diese Brutalität des Dienstherrn auf die Mindeststrafen von 3 Mk. für die Körperverletzung und 1 Tag Gefängnis für die Freiheitsberaubung. Arbeiterausschüsse in Staatswerkstätten. Die Maschinenputzer der Betriebswerkmeisterei Lehrter Bahnhof in Berlin haben seit Mai vorigen Jahres zu wiederholten Malen durch ihre Vertreter im Arbeiterausschuß beantragt, daß ihnen Teuerungszulagen gewährt werden möchten. Daß derarige Zulagen für die Maschinenputzer eine dringende Notwendigkeit sind, kann nicht zweifelhaft sein, enn sie erhalten einen Anfangslohn von drei Mark täglich un erst nach zwölfjähriger Tätigkeit steigt der Lohn auf 3,60 Mk. Daß das Gesuch der Arbeiter begründet ist, hat man auch an maßgebender Stelle nicht bestritten, man hat auch das Gesuch nicht abgelehnt, aber bewilligt ist es bis jetzt auch noch nicht. Die Arbeiter dürfen immer noch auf die erbetene Zulage hoffen und sich derweil mit dem Lohne von 3 bis 3,60 Mk. durchhungern. So oft inzwischen im Arbeiterausschuß angefragt wurde, wie es denn mit der Zulage stände, erhielten sie den Bescheid, die Sache sei im Gange. Nachdem die Arbeiter monatelang gehofft und gehart hatten, schien es ihnen doch unwahrscheinlich, daß ein so lange begründetes Gesuch sich so lange im Gange befinden könne, ohne in der einen oder anderen Weise als erledigt zurückzukommen. Die Arbeiter glaubten, ihr Gesuch werde wohl im Papierkorb eines Inspektionsbureaus seinen Gang beendet haben. Sie setzten deshalb eine Eingabe an die Direktion auf.— In einem staatlichen Musterbetriebe herrscht natürlich militärische Ordnung. Demzufolge dürfen die Arbeiter ihre Eingabe nicht direkt an die Direktion einreichen, ondern sie müssen sich dazu der Vermittelung des Vorstehers der zuständigen Maschineninspektion bedienen. Die Eingabe wurde also in einer Sitzung des Arbeiterausschusses dem Bauinspektor Bode mit der Bitte um Weitergabe vorgelegt. Der Inspektor fragte den Beauftragten der Arbeiter, ob er diese Beschwerde wirklich(!) an die Direktion richten wolle. Als der Betreffende darauf bestand, bezeichnete ihn der Inspektor als „frechen Patron“, und der Werkstattvorsteher machte dem Arbeiter, der die Interessen seiner Kollegen im Ausschuß vertrat, den Vorwurf, er sei ein„Aufwiegler“. Es ist recht bezeichnend für die Wertschätzung des Arbeiterausschusses in einem staatlichen Betriebe, wenn ein Ausschußmitglied, weil es im Interesse und im Auftrage von vielleicht hundert Arbeitern handelt, als„frechen Patron" und„Aufwiegler" bezeichnet wird. Seit diesem Vorfall ist wieder einige Zeit vergangen. Das Gesuch um Gewährung einer Teuerungszulage ist immer noch nicht bewilligt. In der letzten Sitzung des Arbeiterausschusses am 17. Dezember v. J. wurde dem Vertreter der Maschinenputzer auf seine Anfrage nach dem Schicksal des Gesuches wieder der Bescheid gegeben, es sei alles im Gange. Es ist nicht zu glauben, daß die Entscheidung darüber, ob man Arbeiter mit einem Tagelohn von 3—3,60 Mk. Teuerungszulagen gewähren will oder nicht, eine Zeit von 6—8 Monaten oder noch mehr in Anspruch nehmen sollte. Die Sache wird immer so liegen: Gewähren will man nichts, vor einer Ablehnung scheut man sich, denn sie läßt sich wirklich nicht begründen und deshalb vertröstet man die Arbeiter mit der Versicherung, es sei alles im Gange. Inzwischen können die Arbeiter weiter darben. Die Herren, welche über die Zulage zu entscheiden haben, leben ja in guten Verhältnissen. Sie fühlen nichts von der Not, mit der schlecht entlohnte Arbeiter zu kämpfen haben. Wenn dann am Wahltage die Quittung für solch Verhalten in der Abgabe von Millionen sozialdemokratischer Stimmzettel erfolgt, schrecken sie ja aus ihrem Sicherheitsgefühle auf. Aber nicht in ihrem eigenen Verhalten suchen sie eine Erklärung dafür, sondern in der„Aufwiegelung“ der Arbeiter, dieser „frechen Patrone“, die sich erdreisten, Menschen mit menschlichen Gefühlen und Ansprüchen zu sein! Kunst und Die Bekämpfung der Kindersterblichkeit. Die hohe Kindersterblichkeit ist zum großen Teil auf eine völlig verkehrte Behandlung der Kinder durch ihre Mütter zurückzuführen, die oft nicht einmal dafür Sorge tragen, daß die Flaschen, aus denen der Säugling seine Nahrung nimmt, sauber sind. Eine Belehrung der Mütter erscheint demnach durchaus geboten. Einen hübschen Versuch, die Kindersterblichkeit durch Anspornung des Ehrgeizes der Mütter zu bekämpfen, hat der Stadtälteste von Huddersfield in England unternommen. Wie dem„Journal der Amerikanischen Medizinischen Vereinigung" berichtet wird, setzte er für jedes neugeborene Kind des ihm unterstehenden Distrikts, das seinen ersten Geburtstag erlebt, eine Prämie von 20 Mk. aus. Der Versuch erstreckte sich über zwei Jahre und fiel überaus ermutigend aus, obgleich die äußeren Verhältnisse nicht günstig waren, da Kenchhusten und Masern herrschten. Den Müttern von 107 Kindern wurde die Prämie ausgezahlt. Die Kindersterblichkeit belief sich nur auf 35 von 1000, während sie im Laufe des letzten Jahrzehnts im selben Distrikt 122 von 1000 betragen hatte. Die Sänglinge gehörten allen Schichten der Bevölkerung an. Das Experiment beweist, daß die hohe Kindersterblichkeit sich innerhalb weiter Gernzen mit sehr einfachen Mitteln bekämpfen läßt. Gambetta wegen seiner Kunst des Improvisierens von pblitischen Reden berühmt. Eines Tages aber fand er seinen Meister. Er war in Spanien und frühstückte bei seinem Freunde Emilo Castelar, dem ehemaligen Präsidenten der spanischen Republik und Abgeordneten der Cortes. Beim Dessert sagte Castelar zu Gambetta:„Ich glaube wirklich. Du hast mich noch niemals öffentlich reden hören. Willst du das?... Ja? Nun, dann komm' in die Cortes.“ „Worum handelt es sichz“ fragte Gambetta.„Ich weiß nicht,“ antwortete Castelar.„Aber ich will mit dir wetten, daß ich zwei Stunden lang über jeden beliebigen Gegenstand reden und meine Meinung durchsetzen werde." Die Wette kam zustande und Castelar meldete sich in den Cortes sogleich zum Wort. Es wurde gerade ein Gesetz über die Schließung von Kirchhöfen verhandelt. Kaum hatte der erregte Redner seinen Antrag begründet, so trat Castelar auf die Rednertribüne und sprach über diesen Gegenstand, von dem er vorher garnichts wußte, drei Stunden lang so beredt und hinreißend, daß sich allgemeiner Beifall erhob, als er geendet.„Lieber Freund.“ sagte Gambetta, als er zu ihm trat,„du hast zweifellos viel rednerische Begabung; aber ich habe kein Wort verstanden: Ich kann nicht spanisch.“ Uhr, 1. b) Feuilleton. Die tragische Wirtung eines Theaterstücks. Aus NewYork wird berichtet: Ein junger Blumenhändler namens George Fallon besuchte am letzten Montag des Broadway=Theater; schon während des ersten Aktes nahm er mit Entsetzen wahr, daß alle die Vorgänge auf der Bühne sein eigenes Leben merkwürdig treu widerspiegelten, und diese Entdeckung regte ihn derart auf, daß er sofort nach Schluß des Aktes aus dem Theater fortstürzte und sich zu entsetzlichen Taten hinreißen ließ. Er eilte zu der Frau seines Freundes, in die er sich verliebt hatte, und flehte sie an, wie er es in dem Stück gesehen, mit ihm zu entfliehen. Als die Frau ihn aber abwies, riß er den Revolver aus der Tasche und schoß sie nieder. Der Lärm und die Schüsse lockten Nachbarn herbei, die den rasenden Fallon zu entwaffnen versuchten. Aber dieser setzte sich mit seinem Revolver und einem Rasiermesser zur Wehr und verwundete einen Mann und eine Frau schwer. Als schließlich ein Polizist herbeigeholt wurde, schnitt sich Fallon mit dem Rasiermesser in die Kehle und feuerte noch einen Revolverschuß gegen sich ab. Tödlich verletzt, wurde er in das Hospital gebracht. Ueber Temperaturschwankungen im menschlichen Körper infolge völliger Schlafentziehung hat M. N. Vaschide Beobachtungen gemacht und der französischen Akademie der Wissenschaften mitgeteilt. Schlafentziehung bewirkt ein Sinken der Temperatur, und zwar besonders an der Körperoberfläche. Wenn der betreffende Mensch sich geistiger und körperlicher Tätigkeit hingibt, so ist die Temperaturerniedrigung weniger merklich. Wird die Schlafentziehung längere Zeit fortgesetzt, so treten Fieberzustände ein. Das Fieber kann schon in der zweiten Nacht auftreten. Nach einer einzigen schlaflosen Nacht konnte Vaschide. Temperaturdifferenzen von 1½ Grad feststellen. Demnach ist die Aufrechterhaltung des thermischen Gleichgewichts im Organismus als erste physiologische Wirkung des Schlafs zu betrachten, mag es sich um einen tiefen oder leichten Schlaf oder gar nur um ein nicht allzu kurzes Schließen der Augen handeln. „Das Leben für den Zaren!" Im Theater Marinski in Petersburg wurde die bekannte russische Nationaloper„Das Leben für den Zaren“ von Glinka aufgeführt. Da war es nicht uninteressant, den schroffen Gegensatz der überall im Hause verteilten Wachen zu der in der Oper selbst zum Ausdruck kommenden blinden Ergebenheit des russischen Volkes gegen den ersten Romanow wahrzunehmen. Am Eingang der kaiserlichen Loge standen zwei Soldaten mit gezogenen Säbeln, die in ihrer Bewaffnung mit dem eleganten Publikum seltsam kontrastierten. In der ersten Reihe des Balkons saß der Polizeipräsident von Petersburg mit zwei Unterbeamten; in einer kleinen benachbarten Loge hatten sich die Söhne des Großfürsten Konstantin eingefunden, und durch das ganze Publikum zerstreut waren eine Menge von Polizeiagenten, die das Zeichen zum Beifall geben und jeden Ausdruck des Mißfallens unterdrücken mußten. Auf der Galerie drängte sich ein Haufe schmutziger und schlecht gekleideter Zuschauer aus dem Arbeiterstande, die alle zu den sogenannten„Schwarzen Hundert“ gehören, die bekanntlich als Gegenrevolutionäre im Solde der Polizei stehen. Keiner von ihnen würde aus freien Stücken den Preis von anderthalb Rubel gezahlt haben, um die Oper von Glinka zu hören. Die für den Kaiser bestimmten Logen sind seit mehr als zwei Jahren geschlossen und vom Hofe nicht mehr betreten worden. Als die Oper zu Ende war, wurde nur geringer Beifall laut; einer aus der bezahlten Claque forderte mit lauter Stimme die Hymne:„Gott schütze den Zaren", aber während Chor und Orchester die Hymne anstimmten, verließen die Zuschauer das Haus, und nur die Polizisten, einige Offiziere und die Angehörigen der„Schwarzen Hundert" blieben zurück.... Der Yankee im Louvre. Ein Mitarbeiter des„Intransigeant“, der sich als Fremdenführer und Erklärer des Louvre vermietet hat, erzählt von seinen lustigen Erfahrungen mit einem älteren Amerikaner, dem er sich vor den Toren des Louvre anbot. Der Yankee fragte:„Wieviel?“„Zwei Dollar,“ war die Antwort.„Wie lange?“ „Zwei Stunden.“„All right,“ sagte der Amerikaner. Sie gingen an dem leeren Sockel vorbei, der noch auf die Statue Lafayettes wartet, die aus Amerika kommen soll. Dabei sagte der Yankee: „Amerika bleibt mit nichts im Rückstand. Sie ist sicher schon hier. Ihr habt sie wahrscheinlich in irgendeiner Dachkammer stehen.“ Der Amerikaner zog dann aus seinem mit einem dicken Pack Banknoten beschwerten Portefeuille einen kleinen Papierzettel, auf dem aufgeschrieben war, was er sehen wollte: Die Venus von Milo, den Gladiator, die Mona Lisa, die Krondiamanten.„Ich habe nicht viel Zeit zu verlieren,“ sagte er dabei.„Machen Sie rasch. Ich muß uoch nach Florenz, Rom und Neapel gehen.“ Vor der Venus meinte der Yankee:„Sie ist viel zu dick, und ihre Füße sind zu groß.“ Bei dem Gladiator sagte er und dachte dabei an ein ihm naheliegendes Beispiel aus der Gegenwart:„Haben Sie schon Sandow gesehen?" Die„Gioconda“ entlockte ihm folgende Bemerkung:„Ach, das ist die lächelnde Frau von Lionardo da Vinci? Meinen Sie wirklich? Ich würde für dieses Bild nicht zwei Cents ausgeben. Kommen Sie weiter!" Dann fragte er noch nach Rubens und Murillo und sagte zum Erstaunen seines Führers, der letzte erinnere ihn sehr an Longfellow. Vor dem Bilde der„Krönung Napoleons“ von David rief der Mann aus der neuen Welt aus: „Der gefällt mir! Das war ein Selfmademan.“ Die beiden verließen den Louvre durch einen Saal, in dem ägyptische Mumien ausgestellt waren.„Mumien,“ meinte der Yankee im Vorbeigehen,„o, die haben wir in New=York auch. Die machen wir.“ Ein spanischer Demostheues. Politische Redner, die eine oratorische Leistung über irgend einen Gegenstand unvorbereitet vollbringen, sind ja nicht selten, und in Frankreich war besonders c) 3. 4. 5. 6. c) d) Tages-Ordnung für die am Mittwoch, den 23. Januar 1907, nachmittags stattfindende Stadtverordneten=Sitzung. Neuwahl des Vorsitzenden, des stellvertretenden Vorsitzender und des stellvertretenden Schriftführers der Stadtverord netenversammlung.(Zettelwahl.) Anträge und Mitteilungen des Magistrats: Neuwahl der Mitglieder nachstehender Ausschüsse: a) des Finanz=Ausschusses, des Ausschusses zur Prüfung der Haushaltspläne uno Jahresrechnungen: 1. der Armen= und Schulkassen, 2. der Krankenhaus=, Kleinkinderbewahranstalts= und Wilhelm=Augusta=Stifts=Kasse, der Servis= und Einquartierungs=, sowie der Gasund Elektrizitätswerks=Kasse, der Sparkasse(4 Mitglieder, möglichst Kaufleute), der Friedhofskasse, der Wasserwerkskasse, der Abordnung für die Kassenrevisionen(Kämmereiund Betriebskasse). 3. Wahl von 2 Mitgliedern des Bauausschusses(Zettelwahl). 4. Entlastung des Rechnungslegers der Kasse der Friedhöfe für das Rechnungsjahr 1905; Nachbewilligung der Ueberschreitungen im Betrage von 816,23 Mk. und Zustimmung dazu, daß der Ueberschuß von 2953,36 Mk. auf KämmereiRechnung A übernommen wird. 5. Desgl. des Rechnungslegers der Straßenneubaurechnung für das Rechnungsjahr 1905 und Nachbewilligung der Ueberschreitungen im Betrage von 3815,95 Mk. 6. Festsetzung von Haushaltsplänen für das Rechnungsjahr 1907: a) der Armenkasse(Rechnung B), b) der Kaiserin Auguste=Viktoriaschule der gewerblichen Fortbildungsschule, der kaufmännischen Fortbildungsschule, und Zustimmung zu der Gründung einer 4. wissenschaftlichen Handelsfachlehrerstelle, e) des Krankenhauses. 7. Genehmigung der Satzungen für den Verwaltungsausschuß für die städtische Auskunftsstelle(Arbeits- und Wohnungsnachweis, Rechtsberatungsstelle und Verkehrsbureau) sowie Festsetzung des Haushaltsplans für das Rechnungsjahr 1907. 8. Genehmigung eines mit dem Maurermeister W. Klarhorst abgeschlossenen Vertrages über den Verkauf des alten Gasanstaltsgrundstückes an der Herforderstraße und Zustimmung dazu, daß der Erlös zur Deckung der Kaufpreise von der Stadt erworbener Grundstücke verwendet wird. 9. Zustimmung dazu, daß für die Abtretung von Grundflächen des Armenkorpus an die Stadtgemeinde für den Erweiterungsbau der II. Bürgerschule, Marktplatz an der Siegfriedstraße und Fuhrpark eine Entschädigung in Höhe von 143 278 Mk. in Anrechnung gebracht und zur Bezahlung die Kaufpreise für verkaufte Grundstücke verwendet werden. 10. Genehmigung eines mit der Altstädter Kirchengemeinde abgeschlossenen Vertrages über den Verkauf eines Grundstückes an der Petristraße. 11. Desgl. eines mit dem Maurermeister H. Walkenhorst abgeschlossenen Vertrages über den Verkauf eines Bauplatzes an der Ecke der Roland- und Weststraße. 12. Bewilligung von 30 663 Mk. 5 Pfg. auf Vorschußkonto für das im Zwangsverfahren erstandene Hausgrundstück Heinrichstraße 13. Desgl. von 320 Mk. an den Holzhändler Oldemeyer zu Spenge für die Abtretung einer von ihm von Meyer zu Olderdissen gekauften und bisher nicht gefällten Eiche. 14. Aufnahme der Friedhofstraße zwischen Johannistal und den Friedhöfen in die städtische Reinigung. 15. Abänderung der Fluchtlinien der projektierten Straßen zwischen Schildescher- und Engersche=Straße. * Genehmigung eines Abkommens mit den Gebr. Heinrich und Emil Pauck und der Witwe Pauck über Grundabrretung zur Erweiterung der Burgstraße. 17. Bericht der am 5. Dezember 1906 gewählten Kommission über die Bewilligung von 1000 Mk. für die Fortsetzung der Pumpversuche auf dem Bollbrinkerschen Grundstücke. 18. Zustimmung zu der Bewilligung eines Zuschusses von jährlich 360 Mk. zu der Pension der Witwe des Verwaltungssekretärs Schäfer. 19. Desgl. zu der Ergänzung des§ 1 des Ortsstatuts vom 3./9. Januar 1901, betr. die Anstellung und Versorgung der Kommunalbeamten, durch Aufnahme der Markthallen. 20. Desgl. zu der Anstellung eines Verwalters der Markthallen als Betriebsbeamter zum 1. April 1907. 21. Desgl. zu der Anstellung des Gesanglehrers Schwarz an der Kaiserin Auguste=Viktoria=Schule zum 1. April 1907 mit dem Diensteinkommen der ordentlichen Seminarlehrer, nach einem Besoldungsdienstalter vom 1. Avril 1904 ab. Desgl., daß das Gehalt des leitenden Arztes des städtischen Krankenhauses, Geh. Sanitätsrat Dr. Kranefuß, für ruhegehaltsberechtigt erklärt wird. 23. Desgl., daß der Polizei=Sergeant Aug. Kipp zum 1. April 1907 mit einer Pension von jährlich 1066 Mk. in den Ruhestand versetzt wird. 24. Enthüllung des Kaiser Wilhelm=Denkmals. Bielefeld, den 17. Januar 1907. Der Vorsitzende der Stadtverordneten=Versammlung. Lohmeyer. 13. 16. *„ mit der Tagesordnung. Die Doverstenende docienstar. tinden am Dienstag, den 22. Januar, abenas 8 Uhr, statt in den Lokalen von Apenbrink, Herforderstrasse, Flassbeck, Breitestrasse, Holz(Siegfried), Siegfriedstrasse, Lohmann, Schildescherstrasse, Sittig, Detmolderstrasse, Tuxhorn, Bleichstrasse. Referenten: Zuse, Floerkee, Naupt, Köhne, Köllner, Mademann. Ferner findet am Dienstag, den 22. Januar, abends 7 Uhr, im Saale des Herrn Freese, Heeperstrasse, eine Tolksvversammang statt. Tagesordnung wie oben. Referent: Reichstagskandidat Carl Severing. In allen Versammlungen freie Diskussion. Arbeiter! Parteigenossen! Agitiert für einen starken Besuch dieser Versammlungen! Das Wahlkomitee. Stadt-Theater. Montag, 21. Januar 1907, Anfang 8 Uhr. Gastspiel August Junkermann. Hasemanns Töchter. Dienstag, 22. Januar 1907, Anfang 7½ Uhr: Maria Magdalena. Ein bürgerliches Trauerspiel in 5 Akten von Friedrich Hebbel. Eine nochmalige Aufführung des Märchens: Die Zeise ins Schlarassenland, findet Sonnabend. 26. Januar, zu ganz kleinen Preisen statt. (Parkett u. II. Rang 60 Pfg., Amphitheater 50 Pfg., I. Rang und Fauteuil 1 Mk. inkl. Garderobe und Vorverkauf). Billettverkauf hierzu beginnt Dienstag. Neue reizende Muster in Ranielagagser zum Selbstankleben an Türen und Fenster empfichlt Kahters Papierhandlung und Buchdruckerei. Obernstrasse 24. Wochenmarkts=Preise in Bieleseld am 19. Januar 1907. Butter Eier Rindfleisch Schweinefleisch Speck Kalbfleisch Hammelfleisch Gänsefleisch Hasen Zwiebeln Tafeldirnen„„ Aepfel„„ Pflaumen„„ Vietsbohnen„„ Rüben„„ Wurzeln, neue, pr. Bund Kartoffeln pr. 1 Psd. per Pfd. 100—110 „„ 75— 85 „„ 75— 80 „„ 75— 90 „ 90 „ 80 "" 80— 90 „„ 90 pr. Stück 300—350 1/3 Kile 7 „„ 15 "„ 15— 20 Blumenkohl Kopfsalat Wirsing Kappus Rottohl Koblrabi Steckrüben Gachen pr. Stück 5 5 3— 4 20 15 20— 30 15 20— 30 4— 8 Zuschuss-Kasse für die Arbeiter der Bielefelder Maschinen-Fabrik vormals Dürkopp& Co. Sonntag, den 27. Januar, vormittags 9 Uhr, im Lokale des Herrn Stockbrügger, Brunnenstraße. Tagessordnung im Lokale. Der Vorstand. Apollo-Theater: Café Bansmann. Heute, 21. Jannar, sechster Tag der internationalen Damen-Ringkampf-Konkurrenz um die Meisterschaft von Westfalen und 1500 Mk. Geldpreise. 2 Entscheidungskämpfe. Außerdem ringt ein Bielefelder Friseur und Perückenmacher gegen Miß Smith=Neu=Seeland. Zum 2. Male! Der- Zum 2. Male! 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Rempel und allen Teilnehmern unseren innigsten Dank. Bielefeld, im Januar 1907. Witwe Hüttler 335] und Kinder. Peschichechen und 328 Arbeiterinnen (14 bis 16 Jahre alt) für leichte Arbeit gesucht. Arbeitszeit: Morgens 7 bis 12 Uhr, nachmittags 1 bis 5 Uhr. Schuhfabrik„Westfalia“, Kröger& Co., Herforderstraße 99/101. Kleine AnzeigenJedes Wort Worte mit sosiet 2 Psa, C. 4 uchr als 15 in der fetten##/10 Buchstoben lieberschrift WIIL, werdendoppelt 10 pfg. S## gerechnet. Anzeigen unter dieser Rubrie werden nur bei Vorausbezahlung angenommen. Oefen und Kochherde, gebrauchte, sowie eine aus einem Konkurse erworbene Partie gebe spottbillig ab. Adolf Heine, Ritterstraße 57. s22= grüne. C. Reinte. Heringe,(333= Futterkartoffeln, sehr schöne. Zentner 2 Mk. 30 Pfg. C. Reinke, Notpfortenstr. 11.[334“ Kartoffeln, rote Heidelberger. Magnum bonum, alles hiesige Ware, sowie einen Posten gelbe Steckrüben verkauft billig Heitmeier, Detmolderstr. 73. 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