Nummer 11 Sonntag, den 17. März 1940 9. Jahrgang fen sollten, du und ich, keinen Bau, keine Brücke, keine Straße, noch gar einen Staat, so ist doch dieses unser kleines Leben, deines wie meines, das Pfand, das uns Gott gab und das wir in Treue verwalten müssen, wenn wir bestehen wollen. Unser Leber ist unser Werk. Wir wollen es redlich aufbauen, jeder an seinem Platze, und in Ehren alt werden. Dann wird uns, in unserer letzten Stunde, tröstend das Lied der Treue auf seine Schwingen nehmen und uns zu Vater und Mutter tragen, in den Kreis der Auserwählten, die sich bewährt haben. Denn die Treue ist die Tugend der Auserwählten. Deutsche Arbeitskameraden im heimgekehrten oftoberschlesischen Kohlenrevier beim Schichtwechsel Rechts: Die Sonne wird die Saat bald zum Grünen bringen.(Scherl=Bilderd.=Autoflex, 2) Wech arten StaRUwERE Die Geschichte eines deutschen Bauern im Weichselland vx der Neue Das Maß der Treue bestimmt den Wert des Charakters Von Josef Magnus Wehner Die Treue ist die Tugend der Auserwählten. Der treue Mensch ist recht eigentlich dazu auserlesen, Sinnbild und Beispiel der hohen Lebensordnung zu sein, die immerfort aus dem goldenen Lebenshintergrunde ausfließt. Stark und beharrlich steht er inmitten einer schwankenden und treulosen Welt, der inneren Stimme gehorsam, die ihn wie aus weiter Ferne, wie aus endloser Vergangenheit, aus der Tiefe seines Wesens heraus anruft und ihn ermächtigt, im gleichen Schritt mit dem Schicksal seinen Weg zu gehen bis zum Ende. Wenn die Liebe stärker ist als der Tod, dann ist sie es vermöge der Treue, die jeder wahrhaften Liebe innewohnt. Liebe und Treue, sie werden immer zusammen genannt in Volkslied und Spruch, sie sind die liebsten Kinder alter Sagen, unzertrennliche Geschwister gleichsam, von denen die Liebe die Schwester, die Treue der Bruder ist. So gehen sie Hand in Hand über unser deutsches Lebensgefild, umrauscht von zahllosen Heldengesängen und schlichten Liedern von der ältesten Zeit an bis auf unsere Tage: ein einziger Bogenstrich verbindet Kriemhilds treue Klage um Siegfried mit dem süßen Liede Solveigs, die ihr Leben lang auf den treulesen Peer Gynt gewartet hat, und das Lied der Greisin, die nun endlich den müden Weltwanderer in ihrem Schoß birgt, ergreift uns mit tränenschimmernder Gewalt. Denn hier wird ein Ton angeschlagen, der so alt ist wie die Welt selbst; ein Urlaut der menschlichen Seele wird frei und entbindet unsere Flügel gleichsam zum Fluge ins Vaterhaus, wo wir ewig daheim sind, wo eins zum andern hält, wo es weder Trennung noch Tod gibt. In reinen, ungebrochenen Farben strahlt dort die Märchenflur, weder Verrat noch Tücke wagen sich in den Bereich, den die Treue umfriedet. Und dies sind die bittersten Tränen, die als Reue der gebrochenen Treue entfließen, und dies sind die süsesten Tränen, wenn man einen Mitmenschen als treu erkennt. Die Welt ist auf Treue gebaut. Menschliche Treue beruht auf dem Glauben an den Wert, sie kann immer nur einem wertvollen Menschen oder einer guten Sache dienen. Sie versteht weder zu schmähen noch zu schmälern, sie ist ohne Widerspruch und ist die Tugend der Menschen, die in ihren Herzen einfach geblieben sind. Ihr gilt ein Wort oder ein Handschlag so viel wie der feierlichste Eid, sie ist unbeirrbar, wie viel Verleumdungen und üble Nachrede man ihr auch zutragen möge, und hat sie einmal ja oder nein gesagt, dann steht ihr Wort für alle Ewigkeit. Die Werktreue, die Pflichttreue. die Sippentreue, die eheliche Treue, die Staatstreue, die Treue zum eigenen Blut und Wesen— immer tritt dieses heilige Wort in Verbindung mit den höchsten Einrichtungen und Besitztümern auf, die sich ein Volk schuf und die seinen Wert und seine Unzerstörbarkeit ausmachen, so daß wir sagen können, die Ewigkeit eines Volkes beruhe auf der Treue seiner Menschen. Treu und beständig sollst du sein— in diesem Mahnwort des alten Liedes verhüllt sich der Kern der Unsterblichkeit. Treue besteht; sie gehört zu den bleibenden Mächten, während die Untreue verweht wie ein schlechtes, rauchiges Feuer. Treue ist das Gold im Urgestein des Lebens, sie ist sein höchster Wert und seine klare Ehre. Die Bindekraft der Treue offenbart sich in der Not; hier erst wird sichtbar, wieviel echtes Gold in einem Menschenherzen schlummert. Wenn wir Soldaten des Weltkrieges in der Sturzflut von Feuer und Eisen lagen, hungernd. dürstend und oft halb verzweifelt, wenn dann in solchen aussichtlosen Nächten von weither hinter der feindlichen Front die Tanzmusik erklang, die uns anzeigte, daß dort drüben alles zu haben war, woran wir Mangel litten — was hielt uns denn ab, hinüberzulaufen und aller Not ein Ende zu machen? Es war die einfache soldatische Treue, die wir dem Kameraden und in ihm der ganzen Heimat hielten. So haben auch die Volksdeutschen an der Ostgrenze ausgehalten, dreihunderttausend Menschen besten Blutes, und es gibt nichts Erschütternderes in unseren Tagen als die Züge ostdeutscher Menschen, die unaufhörlich ausziehen, um ihre von den Polen erschlagenen und irgendwo verscharrten Toten heimzuholen und in heimischer Erde zu betten. Diese Treue über den Tod hinaus zeigt einen Grad menschlicher Vollkommenheit an, wie er nur in Hochzeiten völkischer Gemeinschaft erreicht wird. Der Zug der Soldaten an die Front, der Arbeiter, wenn sie zu ihren Werkstätten, der Frauen, wenn sie zu ihrem Alltagswerk eilen, ist ein Zug der Treue zum Ganzen. Erst die Treue macht den Menschen ganz. Er mag noch so viele glänzende Eigenschaften des Geistes und des Körpers besitzen, so bleibt er doch ein eitler Blendet, wenn ihm die Treue fehlt. Erst durch das Bindemittel der Treue schießen die Eigenschaften des Menschen zum Kristall der Persönlichkeit zusammen, wird der Mikrokosmos zum Abbild des Makrokosmos, des Alls. Darum seid still in der Treue! Auch die Treue gehört zu den stillen, den lautlosen Tugenden, die wie stumme Götter unser Dasein durchwirken. Gib deinem Nachbarn, deiner Frau, deinem Kinde die Hand. Und wenn du ihm nun in die Augen blickst, dann soll in euer beider Augen alles aufleuchten, was an heiligen Werten im Seelengrunde schlummert. So gaben sich unsere Vorfahren die Hand, wenn sie zu ernstem Werke schritten; so gaben sich die Kameraden des Krieges die Hand, wenn sie den Marsch antraten in die siegreiche Todeslohe der Front. Es geht jetzt nicht um den Tod, sondern es geht um das kommende Leben, das völlig und willig in deine Hand gegeben ist, mein lieber Kamerad im Lebenskampf der Heimat! Halte die stille Treue: deinem Nachbarn, deinem Weibe, deinem Kinde. Sie ist der Mutterboden für die große Treue, die das Schicksal der Völker bestimmt. Unser Werk wird uns einst richten, dich wie mich. Und wenn wir auch nichts überragend Großes schafJahrelang hatte der alte Brander nicht mehr gepflügt und geeggt. Diese Arbeit hatte er ganz seinem Sohne überlassen. Er hatte dazu nicht mehr die geringste Lust verspürt. Seitdem das Weichelland an Polen verlorengegangen war, hatte er sich in sein Altenteil und in sich selbst zurückgezogen. Er mochte nicht mehr seine alten Knochen und seinen Schweiß der polnischen Erde opfern. Die Welt hatte ihn und er hatte die Welt verloren. Wohin der alte Brander mit seinen Blicken ging, wußte niemand, ob nach rückwärts oder ob nach vorwärts. Einige im Dorfe meinten sogar, er sieht bloß noch nach seinem Grab. Heute wissen wir, daß er nicht nach rückwärts, auch nicht bloß nach seinem Grab schaute, sondern daß sein Blick allein einer hellen Zukunft gehörte, in der nicht mehr das, was wir verloren hatten, verloren war. Der alte Brander hatte es in seinem Leben nicht leicht gehabt. Und auch nicht leicht haben wollen. Er hatte gewirtschaftet, wie kaum ein zweiter. Schulden hatte er durch alle seine Tage nicht gekannt. Wer was von ihm zu bekommen hatte, ob Staat, ob Privatperson, bekam es von ihm zur rechten Zeit. Und ein Mahnzettel über Steuern und Abgaben ist nie in sein Haus gekommen. Dabei sah sein Bauernhof aus wie ein Schmuckkästchen. In jedem Jahr erhielten das Wohnhaus und die Wirtschaftsgebäude einen neuen Kalkanstrich, und an der Scheune wurde alljährlich getan, was es zu erneuern gab. Und auch der Storch auf dem Scheunendach hatte sich nie über seinen Wirt zu beklagen. In jedem Frühjahr fand er sein Nest zurechtgemacht vor; denn der Bauer Brander lebte der vererbten Lehre:„Wer den Storch nicht ehrt, ist der Kinder nicht wert.“ An dem Gartenzaun und um das Gehöft herum hatte er Birken angepflanzt, und auch der Zufahrtsweg zum Bauernhof hatte Birken, weil der Bauer Brander in der Birke den Lebensbaum sah, der ihm in seiner weißen Rinde und in seiner ganzen Gestalt vom Schwung und von der Freude des Lebens redete. Darum hatte der Bauer Brander in seinen Stuben auch nur Birkenmöbel. Und die Felder, ja, die Felder! Auf denen war kein Stein zu sehen.„Man muß den Teufel durch Arbeit vertreiben. Und das kann man durch Ausdauer und Fleiß. Was der über die Felder an Steinen hinweggesät hat, das läßt sich durch Bücken und Lesen beseitigen, und so ist zuletzt unser der Sieg, auch gegen den Teufel. Und ein Bauer läßt sich nicht kleinkriegen.“ Und die Gräben waren bei dem Bauer Brander immer sauber, und Unkraut kaum zu finden. Doch die Kornblume, die Kornrade, den Mohn und die Winde wollte er vereinzelt in seinem Felde haben. In so gepflegtem Haus, Hof und Feld wuchsen die Kinder und Tiere ohne Fehl heran, und der Bauernhof Brander war in allem eine Lust und Freude. Stand dann der Bauer Brander am Abend nach getaner Arbeit an seinem Hoftor, und hatte er seine Wiesen, Felder und das lichte Band der Weichsel mit dem Goldglanz des Himmels in den Fluten vor sich, dann mochte er manchmal zu sich im stillen gesprochen haben:„Dieses Stückchen Gotteserde ist genug, um glücklich zu sein. Es kam der Weltkrieg. Mit ihm kam Not, Elend und Tod auf den Bauernhof. Der Hof wurde Zufluchtsort für Flüchtlinge vom Pregel her. Die schauten durch Wochen voller Sehnsucht nach der verlorenen Heimat und lehrten den Bauer noch mehr sein Weichselland lieben. Und dann kan die Winterschlacht in Masuren. Die nahm dem Bauern den ältesten Sohn, den Erben. Und dann kam nach Trübem und Trübstem wieder Sonne: der Abstimmungssieg. Und dann kam das Schlimmste: Es kamen trotz Sieg und Abstimmung die Polen. Da mochte der Bauer nicht mehr Bauer sein.„Nur an deutscher Erde kann ich Freude haben. Die Straßen und Wege gerieten ringsum im Land ins Arge. Die Weichsel versandete. Brükken schwanden, und Eisenbahnen hörten auf. Darum zog sich der Bauer in sein Altenteil und in sich zurück. Doch er blickte nicht rückwärts und nach seinem Grab, wie die Nachbarn meinten, nein, nach vorn und nicht anders als nach vorn. Und Glaube erlebte den Sieg. Die deutschen Truppen zogen im Herbst 1939 ins Weichselland ein. Der Alte meint:„Die auferstandenen Ordensritter sind wieder im Land. Die von vor 1410. Denn wer kämpfte, Bauernland, Nährboden, Handel, Wandel und Wirtschaft schuf, hat ein Recht auf dieses Land.“ Auch der zweite Sohn ist nun nicht mehr. Den haben die Polen irgendwo ermordet und geschädelt. Der Bauer weiß darüber nichts Genaues. Und es ist auch besser so. Doch der dritte Sohn wird nun aus der Stadt zurückkehren, und mit dem wird er den Hof wieder zu einem deutschen Hof machen Und wenn auch die 80 Jahre da, sind, das Sitzen im Altenteil hat ein Ende. Schon im Winter hat sich der Alte um die Pflüge und Eggen bekümmert und dem Schmied Arbeit verschafft. Und wenn die Felder nicht mehr Schnee tragen und der Frost aus der Erde heraus ist, will der Alie noch einmal pflügen.„Und es sollen gerade Furchen werden wie früher.“ Und ich meinte im stillen:„Der Erdgeruch deutscher Erde wird ihn trunken machen, auf daß sie ihn bald ganz habe.““ Möge sich dann seine deutsche Kraft der Kraft deutscher Erde hinzugesellen! A. G. E. Broscheit=Pfeiffer. Der Kranke strich über die Decke hin— sein Herz begann immer unruhiger zu schlagen. Als die Schwester das Zimmer betrat, sah er sie mit glänzenden Augen beschwörend an.„Schwester, habe ich wirklich keine Post erhalten?“. Sie schüttelte den Kopf, während sie sorgsam die Schlaftropfen abzählte:„Nein, heute nicht, aber morgen wird schon ein Brief kommen! Jetzt müssen Sie die Nacht fest schlafen, das andere kommt alles von selbst!"... Es war wieder an einem blauen Vorfrühlingsabend, als am Bett des Leutnant jene Frau saß und sanft seine ruhelosen, blassen Finger mit ihren ruhigen Händen festhielt. Seine großen Augen hingen an ihrem Gesicht. Hinter seinen Schläfen arbeitete es fieberhaft. Und dann erzählte er ihr von jener Fiebernacht mit dem Veilchenduft! Die Frau sah an ihm vorbei, dann beugte sie sich herab, und ihre Hand legte sich kühl auf seine Stirn. Ihre weiche dunkle Stimme kam zu ihm in der Dämmerung:„So waren es wohl meine Veilchen, die ich eines Abends für dich gekauft hatte und deren süßer Duft mich in jener Nacht keine Stunde schlafen ließ! Stark weckte dieser Geruch alles, was ich für dich empfand, und ich spürte, es ging dir nicht gut. Ich stand am Fenster und sah in die Nacht hinaus— eine kalte, sternfunkelnde Winternacht! Und sah doch nur deine Augen, sa! Und mir war, als habest du in jener Nacht nach mir gerufen!"f Nikolaus hob langsam die Augen zu dem geliebten Gesicht. Und in erwachender Lebensfreude sah er durch das offene Fenster voll Frühlingsschein— hörte er Amselrufe, atmete er den frischen und zarten Duft der Veilchen, die ihm die geliebte Frau mitgebracht. Nikolaus lächelte ein stilles Knabenlächeln. CorGatengau Was wir im Dämmerlichte von dir fanden, das war dein Helm, um den sich Blüten wanden, auf einem Kreuz, das sinnend wir umstanden, und erst das Dunkel hieß uns schweigend gehen Als wir dann in der Frühe zu dir traten, vor uns dein Kreuz, inmitten junger Saaten, da war's dein Tod, daß wir nun als Soldaten tief in den Lebensstrom des Reiches sehen. Hermann Boekhoff. Srleben An Der,, Erzählung von Farin Wilde Der Verwundete, ein junger Leutnant, lag reglos in seinen Kissen, welche die Schwester eben aufgeschüttelt hatte. Seine Schläsen hoben sich kaum von dem weißen Linnen ab— und die Schwester wandte sich noch einmal. ehe sie das Zimmer verließ, nach dem Kranken um.„Soll ich nicht lieber das Fenster schließen, Herr Leutnant?“ meinte sie besorgt, und ihr frisches Gesicht unter der weißen Haube schien zu überlegen. Eine Geste der blassen Hand auf der Decke wehrte ab. Die Schwester lächelte gutmütig:„Nun ja, heute spüren wir schon ein wenig den Frühling!“ Sie nickte nochmal freundlich und verschwand dann lautlos mit wehenden Haubenflügeln. Der Leutnant lächelte und sah verloren vor sich hin. Sanft strichen schon die ersten zarten Schatten der Dämmerung in den Raum— alles verwandelte sich in diesem ungewissen blauen Schein, der so viel Frühlingszärtlichkeit verhieß nach einem langen und strengen Winter. Vor dem offenen Fenster standen die alten Linden des Lazaretts— sie waren noch unbelaubt, aber die Zweige glänzten warm und rötlich in dem blauen Abendschimmer. Nikolaus versuchte, sich etwas zu erheben— aber stöhnend sank er in die Kissen zurück: nein, es ging noch nicht, er war noch zu erschöpft. Seine Augen hingen unverwandt an dem Lindengeäst — und weiter an den fernehin verschwimmenden Linien der Höhenzüge, die in dem blauen Zwielicht mählich vergingen. Und während Nikolaus müde und abgezehrt so lag— spürte er, wie in sein Herz die erste Regung einer tiefen Sehnsucht zurückkehrte— wie er damit gleichsam endgültig dem Leben wiedergegeben wär, dem Leben, dem er so viele Wochen hindurch verloren schien. Er war wohl schon ganz nahe dem anderen Ufer gewesen und sann darüber nach, was ihn in das Leben zurückgerufen haben mochte. Einmal— ach, er erinnerte sich sehr gut daran, in einer schlimmen Fiebernacht, in der sein Herz rasend schlug und die Lungen keuchend arbeiteten— hatte es ihn jäh gestreift wie der süße, reine Duft frischer blühender Veilchen. Mühsam hatte er die Augen aufgeschlagen und versucht, den Kopf zu wenden. Die Schwester beugte sich sanft über ihn:„Wünschen Sie etwas, Herr Leutnant?“ Er sah sie an— er hatte angestrengt versucht, nochzudenken, dann aber die Augen wieder fortgewandt. Und dann, als er wieder so lag mit geschlossenen Lidern— wehte es wieder kühl und süß über ihn hin— der zarte, scheue Veilchenduft, so nahe, als ständen sie neben ihm, die kleinen Veilchen! Und es war ihm, als legte sich dieser leise, bittersüße Duft wie eine kühle Hand auf seine heißen Schläfen. Und dieser Duft war es wohl, der ihm das Leben gerettet hatte und ihn vor dem Ende bewahrte. Nikolaus lächelte— sein stilles und sehnsüchtiges Lächeln. Veilchen hatte sie auch immer so sehr geliebt! Ob sie wohl auf seinen Brief etwas hören ließ? Die Frau, an der er hing seit vielen Jahren und die seit Monaten verstummt war, weil er sie in seinem Unverstand bitter gekränkt hatte. Alle Briefe ließ sie seit jener Stunde unbeantwortet. Um Katbra Lustige Erzählung um Alfred Rother-Carlowitz Die versteinerten Lilger Ein Histörchen von Ludwig Bäte Als 1648 zu Osnabrück und Münster der Westfälische Frieden abgeschlossen wurde, gelang es der erstgenannten Stadt, in einer seltsamen Bestimmung die zwischen evangelischem und katholischem Bekenntnis abwechselnde Fürstbischofsfolge durchzusetzen, nicht aber die Anerkennung als reichsfreie Stadt zu erreichen, obwohl sie schon seit Jahrhunderten als unmittelbar behandelt worden war, also Sitz und Stimme im Reichstag besaß. Desto ängstlicher hielten die Bürger an einem anderen Rechte fest, dem nämlich, vem Landesherrn, der im benachbarten Iburg residierte, zu verbieten, eine Nacht in der Hauptstadt seines kleinen Staates zu verbringen. Nun hatte es Ernst August., der als erster evangelischer Bischof dem Katholiken Franz Wilhelm von Wartenberg gefolgt war, doch durchgesetzt, sich in Osnabrück ein geräumiges Schloß zu erbauen, wie es einem Herrn aus dem reichen Hause der Welfen zustand, der zudem von den Lehren des heraufkommenden Absolutismus ganz durchdrungen war. Er war zwar, um die aufgeregten Bürger erst einmal zu beruhigen, darauf eingegangen, dieses Schloß nur bei Tage zu bewohnen, die Nacht aber in Iburg oder auf dem Landsitz eines seiner Adligen zu verleben. Ja, er hatte sogar zustimmen müssen, daß einer der beiden Bürgermeister und mehrere Ratsherren in einem besonderen Raume des Palastes die Ausführung eines verpfändeten Wortes überwachten und dabei während dieser Zeit aus Schloßküche und=keller verpflegt wurden. Doch war Ernst August, der spätere erste Kurfürst von Hannover, ein sehr weltgewandter und lebenskluger Herr. Er hoffte deshalb, sogar mit der dickköpfigen Zähigkeit eines Osnabrücker Bürgers fertig zu werden, für die er nebenher ein aus Wohlwollen und Humor gleichermaßen gemischtes Verständnis besaß. Er lud also eines Abends den gesamten Rat zu fröhlichem Mahle ein und meinte, als es auf dem Uhrbogen des stattlichen Ehrenhofes Mitternacht schlug, es sei doch eigentlich schade, schon so früh aufzubrechen, ob man nicht lieber noch einige Stunden zusammenbleiben wolle. Das fanden die meisten auch, und der freundliche Herr wußte sie mit feurigem Tokaier und ebenso lieblich eingehendem Malvasier so trunken zu machen, daß sie, schon um nicht unhöflich zu sein, im Morgengrauen ein bereitgehaltenes Schriftstück unterfertigten, das dem Bischof ein volles und eindeutiges Wohnrecht gestattete. Einige, die noch nicht ganz der bacchantischen Verstrickung erlegen waren, hatten das Ueberalterte ihrer Forderung längst eingesehen und stimmten gern zu. Andere trösteten sich damit, daß sie ihre Unterschrift ja nur dem evangelischen Bischof, keineswegs aber seinem katholischen Nachfolger gegeben hätten, der sowieso wieder in Iburg wohnen würde, da das Osnabrücker Schloß Privateigentum der Welfen sei. Wieder andere machten in der Ausgelassenheit des Abends so mit, ohne sich erst Rechenschaft über ihr Tun und Treiben abzulegen. Einige aber lehnten cundweg ab, ohne sich um Gunst oder Mißgunst Serenissimi zu kümmern. Alle waren aber nicht wenig erstaunt, als sie sich einige Wochen darauf in den Fensterstürzen des Hauptbaus in Stein gemeißelt wiederfanden, keine sterbenden Krieger, wie sie bald darauf Andreas Schlüter für das Berliner Zeughaus schuf, das Ernst Augusts Tochter Sophie Charlotte so liebte, sondern brave Bürger, in deren behaglichen Gesichtern sich schmunzelndes Einverständnis und derbe Verblüffung, Lachen und Aerger die Waage hielten. Die Masken sind heute noch zu sehen; es ist möglich, daß sie der jungen Liselotte von der Pfalz, die bei der Tante„Bischöfin“. eine unbeschwerte Jugend verlebte, ehe sie nach Versailles ging, ebensolche Freude bereitet haben wie dem Meister, der sie unter Putz und Tünche späterer Jahre aufs neue entdeckte. Eine Anekdote um Sven Hedin Als Hedin 1906 im Bettlergewand nach Tibet vordrang, unterhielt er sich einmal mit einem tibetanischen Gouverneur, der ihm die Weiterreise verbot. Eine Sonnenfinsternis ereignete sich gerade, und Hedin meinte, sie sei ein Zeichen des Zornes der Götter. Da sah der Tibetaner ihn mitleidig an und rief:„Du willst ein gelehrter Mann sein und weißt nicht einmal, daß ein großer Hund am Himmel spaziert, der bei seinen Sprüngen zuweilen die Sonne verdeckt.?“ Dem findigen Einfall, Speiseabfälle durch Schweinezucht zu verwerten, verdankte die Baukompanie das Erscheinen einer jungen munteren Sau; und weil diese eine rosige Schnauze besaß, wurde sie auf den schmeichelhaften Namen„Aurora"(bedeutet Morgenröte) getauft. Sie war die verkörperte Lebendigkeit. Sobald jemand den Stall betrat, hob sie die Schnauze und quiekte so lange, bis sie etwas zu fressen bekam. Oh, sie hatte Ausdauer darin. Waren genug Zuschauer da, pflegte Aurora kleine Kunststücke vorzuführen, die stampfte mit dem Fuß auf oder rollte sich wie ein Zylinder auf der Erde herum. Sie war auch musikalisch und hörte gern den Tönen des Schifferklaviers zu. Es gab keinen, der nicht auf Auroras Klugheit schwor. Goldzahn— so genannt, weil er einen hatte und mächtig stolz darauf war— meinte, man müsse Aurora erziehen können wie einen gelehrigen Hund. So sah man ihn in freien Stunden oft auf dem abseits von den Holzhäusern gelegenen eingezäunten Wiesenstück neben dem Stall um Aurora bemüht. Er legte ihr eine Kartoffel auf die Schnauze, und Aurora sollte auf den Befehl warten, bevor sie fraß. Die andern sahen zu. Geduldig legte Goldzahn eine Kartoffel nach der anderen auf die Schnauze— umsonst. Aurora ging nicht darauf ein. Schließlich stellte sich der Erzieher neben sie und probierte es von der Seite, und als auch dies nichts fruchtete, setzte er sich auf ihren Rücken und klemmte seine Knie fest gegen ihre wohlgenährten Seiten. Bei diesem Anblick brüllten die Zuschauer vor Lachen. Plötzlich wurde Aurora wild und rannte im nächsten Augenblick zum offenen Gattertor hinaus. Goldzahn immer noch auf ihrem Rükken. Unwillkürlich hatte er sie vorn an den Ohren gepackt, um sich selber festzuhalten, aber wohl nicht bedacht, daß Aurora dies kaum als Liebkosung auffassen würde. Während sich— es war Sonntag nachmittag— überall Fenster und Türen öffneten und die Männer herausströmten, nahm der kühne Sauritt seinen Fortgang. Wie besessen raste Aurora um den Hof herum. Alles lachte und lärmte, Zurufe ertönten, und ein Truppführer, die Situation verkennend, schrie:„Aufhören zu reiten! Herunter von Aurora!“ Es war ein Anblick für Götter. Der Reiter, der vor Aufregung schwitzte, ließ auf Grund des Befehls seine Hände los, und im nächsten Augenblick kollerte und rollte er über die Erde. Dies war der Höhepunkt der Vorstellung. Aurora aber, tief beleidigt, zog sich grollend in den Stall zurück. Zur Belohnung für das wilde Rennen erhielt sie eine Extraration. Nun sind Schweine, auch wenn sie Aurora heißen, nicht für Belustigungen, sondern für einen bestimmten Zweck da. Der Schlachttag rückte also immer näher heran, und daran konnten die schönsten Kosenamen wie„Nuckelchen“ und„Schmuckelchen“ auch nichts ändern. Man trauerte um die muntere Aurora, ja, zartbesaitete Gemüter erklärten, keinen Bissen von ihr essen zu wollen, und Säumenicht— auch„Schweinebirt“ genannt— klopfte ihr gerührt auf den riesigen Schinken herum. Eines Sonnabends umringten alle den Schweinestall, denn der große Tag der Schlachtung war gekommen.„Der Bart ist ab“ sagte schmunzelnd der Zugführer, als er die Arbeitsmänner auf den Exerzierplatz befahl. Kurz darauf wurde Aurora, die fürchterlich quietschte, als ob sie ihr Schicksal ahnte, aus dem Stall gebracht; ums linke Hinterbein war ein Strick gebunden, dessen anderes Ende der Schweinehirt in der Hand hielt. Plötzlich gab es ein großes Hallo, denn Aurora hatte sich losgerissen, und nicht der Bart, sondern der Strick war ab. Aurora raste trotz ihrer zweiundeinhalb Zentner Lebendgewicht wie besessen über den Hof und erspähte— gerade war ein Lieferwagen gekommen— das offene Lagertor. Im nächsten Augenblick war sie draußen. Zu ihrem Unglück schlug sie den Weg nach dem Exerzierplatz ein. Hei, gab das einen Aufruhr! Wie die wilde Jagd preschten die Männer hinter ihrem Wellfleisch her, die Landstraße entlang, dann quer über die Wiesen, um dem Flüchtling den Weg abzuschneiden. Es gelang Aurora, zwei Bäuerinnen umzureißen, dann wurde sie eingefangen. Widerstandslos ließ sie sich jetzt von Säumenicht abführen, und als der Schweinehirt beim Koch eintraf, wurde er mit den scherzhaft strafenden Worten empfangen:„Du kannst heut abend zusehen, deine Wellfleischportion hat sich Aurora nun abtrainiert!“ Abends fand das große Schlachtfest statt. Unerschöpflich schienen die Fleischmassen von Aurora gewesen zu sein, denn alle wurden mehr als satt. Nach dem Essen hielt Schmuskopp, der Spaßvogel, eine launige Rede auf die geliebte Aurora, in der er alle Streiche noch einmal ins Gedächtnis zurückrief und endete schließlich mit den Worten aus dem„Metzelsuppenlied“ von Ludwig Uhland: „Wir haben heut' nach altem Brauch Ein Schweinchen abgeschlachtet; Der ist ein jüdisch ekler Gauch, Der solch ein Schwein verachtet: Es lebe zahm und wildes Schwein, Sie leben alle groß und klein, Die blonden und die braunen.“ Nur einen freute das Schlachtfest nicht: Goldzahn. Als Schmuskopp ihn wegen seines Saurittes feiern wollte, merkten alle, daß er nicht anwesend war. Er hatte am Vortage wegen Blinddarmentzündung ins Lazarett gemußt. Nach seiner Rückkehr sagte er zu Säumenicht, dem Schweinehirten außer Dienst:„Daß sie mir den Blinddarm herausgenommen haben, ist nicht weiter schlimm; daß ich nicht beim Schlachtfest dabei war, ist auch nicht weiter schlimm, aber daß ich fünf Pfund abgenommen habe, das ist schlimm.“ Nach einer kleinen Pause fragte der boshafte Säumenicht: „Ja, wiegt denn ein Blinddarm so viel?“ „Ich heiße doch nicht Aurora“, lautete die empörte Antwort. Der illustrierte Sonntag Hauptschriftleiter: Emil Reuber Verlagsleiter: Fr. Carl Laumanns, Verlag: C. Jos. Laumanns, alle Lippstadt „Hicoton“, gegen Bettnässen Preis RM..90. Apotheke, Nieheim (Krs. Höxter). Prospekt gratis. Beamten=Witwe ohne Anhang, Rheinländerin, 41 Jahre, kath. mit gut eingerichteter=ZimmerWohnung und 5000 Mk. wünscht einfachen, soliden kath. Herrn als Lebenskameraden Gefl. Zuschriften unter C. D. 190 an die Geschäftsstelle des„Patriot“ in Lippstadt erbeten. 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