Verbunden mit: Schwerter Tageblatt und Anzeiger Schwerter Volkszeitung Schwerter Volksblat: Westhofener Zeitung Aplerbecker Zeitung Langscheder Zeitung Holzwickeder Zeitung Dnzeigenpeise fie de ahigzesot mmene 6 Plo, Anzner. üge, fingnzamtliche u. gerichtliche Anzeigen 10 Plg., Rekiamepeile 40 Pf, Fü teleson, aufgegedene Inserate übernedmen wit keine Gewödr. Bei unvorbergesehn. Betriedestbrungen, dervorgerusen durch bödere Gewalten, öbernebmen oir heinertei Gewädr für pünktliches Erscheinen der Jeitung u. kann auch keinerlei Anspruch auf Schadenersatz oder Nachlieserung erboden werden Die„Schwattr Jeltung“ arscheizt wöchenlich seche nal. Bozugepreis haldmonatlich 1.20 Mark, Eimeinummer 13 Pig. Druck u. Veagoon C. Drau, Schwarte(Kabe), Posschacktkonten: Dormund 2622 und Hannover 21874. Geschöstestelle: Große Marzttr. 3—3. Verantworlich für die Schrifleitung H. Ehmer, Schwerte. Hernus 2rro Tageblatt für die Stadt Schwerte und das Amt Westhofen Gmp; Kreisblatt für den nördlichen Teil des Landkreises Iserlohn Nr. 142(Erstes Blatt) Schwerte(Ruhr), Freitag, den 20. Juni 1930 63. Jahrgang Anderanderte Sttäatien Unterredung Brüning-Scholz- Rücktritt des Reichbfinunzunnisters Dr. Molbenhauer sicher enb. Berlin, 19. Juni.(Eig. Meld.) Wie wir erfahren, hat der Reichskanzler noch keine Entscheidung darüber getroffen, wann er nach Neudeck fährt, um dem Reichspräsidenten über das Rücktrittsgesuch des Reichsfinanzministers Dr. Moldenhauer Bericht zu erstatten. In dieser Woche dürfte die Reise aber nicht mehr erfolgen, da Dr. Brüning die Absicht hat, am Samstag die Länderkonferenz zu eröffnen. Inzwischen ist Staatssekretär Meißner in Neudeck eingetroffen. Er hat an der gestrigen Kabinettssitzung noch teilgenommen und ist also in der Lage, den Reichspräsidenten von sich aus zu informieren. Bis zum Vortrage des Reichskanzlers werden die Arbeiten an der Deckungsvorlage weitergeführt. Solange noch keine Entscheidung über die Annahme oder Ablehnung des Rücktrittsgesuchs vorliegt, sind auch alle Erörterungen über die Nachfolge gegenstandslos. Von unterrichteter Seite wird übrigens in diesem Zusammenhang nochmals bestritten, daß der Kanzler das Finanzministerium gestern dem Reichswirtschaftsminister Dietrich angeboten habe. Es habe zwar zwischen beiden Herren eine Besprechung stattgefunden, die sich aber nur um die allgemeine politische Lage drehte, ohne daß dem Reichswirtschaftsminister ein Angebot gemacht worden wäre. Die Situation hat sich also gegen gestern abend nicht verändert. Die Krise im Reichsfinanzministerium bleibt weiter in der Schwebe. Dr. Scholz beim Kanzler. enb. Berlin, 19. Juni.(Eigene Meldung.) Reichskanzler Dr. Brüning hatte nach der DA3 Donnerstag mittag eine Besprechung mit dem Führer der Deutschen Volkspartei, Reichsminister a. D. Dr. Scholz, der ihm die Forderung seiner Fraktion zum Deckungsprogramm übernittelte. Dazu wird ergänzend gemeldet: In politischen Kreisen verlautet, daß nunmehr nicht mehr damit zu rechnen ist, daß Dr. Moldenhauer im Amt bleibt. Der Reichskanzler wird dem Wunsche der Deutschen Volkspartei, der sich mit dem Dr. Moldenhauers deckt, Rechnung tragen, und deshalb dem Reichspräsidenten nicht vorschlagen, das Rücktrittsgesuch abzulehnen. Damit dürfte Dr. Moldenhauer Anfang nächster Woche aus seinem Amte ausscheiden. Staatssekretär Dr. Meißner nach Neudeck abgereist. anb. Berlin, 20. Juni.(Eig. Nadiomeld.) Wie die Blätter melden, ist Staatssekretär Dr. Meißner gestern abend nach Neudeck gefahren, um dem Reichspräsidenten von dem endgültigen Rücktrittsgesuch des Reichsfinanzministers Dr. Moldenhauer Mitteilung zu machen. * Zurückweisung einer Unterstellung. wtb. Berlin, 19. Juni.(Amtlich.)„Der Jungdeutsche" stellt in seiner gestrigen Ausgabe die Behauptung auf, man höre aus sicheren Quellen,„daß der Reichskanzler Dr. Brüning beabsichtigt hätte, die am 1. Juli fälligen Gehaltszahlungen für die Beamten bis zum 15 Juli zurückzuhalten, falls die Beamtenorganisationen weiterhin mit ihren Protesten gegen die sogenannte Reichshilfe fortführen. Auch in diesem Falle hätte der Reichsbankpräsident Dr. Luther diese selbst in der deutschen parlamentarischen Geschichte einzig dastehende Maßnahme verhindert.“ Hierzu wird uns von zuständiger Seite mitgeteilt, daß diese Darstellung in allen Punkten erlogen ist. Die unerhörte Unterstellung, die in der Mitteilung des„Jungdeutschen“ enthalten ist, muß auf das schärfste zurückgewiesen werden. Reichsminister Dietrich auf der Weltkraftkonferenz Aussprache über die Schaffung eines europäischen Großkraftnetzes wtb. Berlin, 19. Juni. Im Mittelpunkt des vierten Tages der Weltkraftkonferenz stand der Vortrag von Dr. ing. Oskar Oliven über Europas Großkraftlinien. Bevor Dr. Oliven seinen Vortrag begann, sprach Reichsminister Dietrich folgende einleitende Worte: Die Ausnutzung der mechanischen Kraft, welche die Naturgewalten in sich bergen, war von jeher ausschlaggebend für die Geschichte des Fortschritts der Menschheit. In den hinter uns liegenden zehn Jahren hat die Entwicklung der Dampfmaschine, der elektrischen Kraft und des Verbrennungsmotors einen unerhörten Umfang und ein nie geahntes Tempo angenommen. Die heutige Elektrizitätswirtschaft ist imstande, durch Fernübertragung den Bauer im abgelegensten Winkel eines Gebirges ebenso mit Strom zu versorgen wie die großen Unternehmen im Brennpunkt der industriellen Zentren. Es ist eine natürliche Folge dieser Entwicklung, daß die einzelnen Länder, so auch unser Staat, Pläne bearbeiten, die auf einheitliche elektrische Fernnetze, welche das ganze Land überziehen, hinstreben. Aber darüber hinaus überschreitet der elektrische Strom die Grenzen der Völker. Gebiete mit gewaltigen Wasserkräften stellen die von ihnen produzierte Energie schon heute in Europa den Nachbarstaaten zur Verfügung. So wie der Verkehr die Völker in wachsendem Maße näher bringt und miteinander verbindet, wird wohl auch in späteren Zeiten der elektrische Strom als neues Bindeglied sich diesem Gang der Dinge eingliedern. Es sind die dicht bevölkertsten und industralisierten Gebiete Mittel= und Westeuropas, die ebenso, wie sie das dichteste Eisenbahnnetz haben, so auch das entwickeltste Elektrizitätsnetz innerhalb unseres Kontinents besitzen. Dr. Oliven der nach Minister Dietrich das Rednerpult bestieg, stellte in seinem Vortrag die Schaffung eineseuropäischen Großkraftnetzes zur Debatte. Als Vorteile einer solchen Verbindung aller europäischen Länder durch ein einheitliches Großkraftnetz bezeichnete der Redner vor allem die bessere Ausnutzung bestehender Kraftquellen, die Erfassung bisher nicht erschlossener Kraftquellen und die Belieferung weitester Gebiete mit elektrischem Strom. Im einzelnen sieht der von Dr. Oliven gemachte Vorschlag eine Verbindung der äußersten Länder Europas über die anderen kontinentalen Staaten hinweg durch Höchstspannungslinien vor, eine Linie von Skandinavien nach den Alpen und Italien, eine zweite von Calais nach Lissabon, eine dritte von Warschau nach dem Balkan, und in der zweiten Gruppe von Osten nach Westen eine Linie von Polen nach Paris und eine zweite von Rostow am Don über Oesterreich und die Schweiz nach Lyon. In das gedachte Großkraftnetz, in dem bei etwa 10000 Km. Leitungslänge eine elektrische Energie in Form von Drehstrom von 380000 bis 400000 Volt transportiert werden soll, könnten, wie Dr. Oliven nochmals nachdrücklich betonte, nicht nur die bestehenden Werke alle erzeugte Energie abgeben, sondern es könnten auch bisher nicht erschließbare Energiequellen Europas wirtschaftlich nutzbar gemacht werden und den Bedarf an elektrischer Energie decken. Blutiger Vorfall an der ostpreußischen Grenze wtb. Königsberg, 20. Juni.(Funkspr.) Bei Prostken an der ostpreußischen Grenze hat sich ein blutiger Zwischenfall ereignet. Wie sich aus den vorläufigen Meldungen ergibt, wurde ein deutscher Zollbeamter, der sich im Dienstanzug auf einem Kontrollgang befand, im Walde unvermutet von einem Zivilisten beschossen. Der deutsche Beamte griff auch seinerseits zur Waffe und schoß auf den Angreifer, wobei er diesen tödlich verwundete. Bei der Untersuchung der Leiche stellte sich später heraus, daß es sich bei dem Getöteten um einen polnischen Zollbeamten handelt, der in Zivil die deutsche Grenze überschritten hatte. Es ist sofort eine Untersuchung eingeleitet worden, deren Ergebnis zur Beurteilung des Falles abgewartet werden muß. Das deutsch=rumänische Sandielslastamnen enb. Berlin, 19. Juni.(Eig. Meldung.) Von zuständiger Stelle wird bestätigt, daß die Verhandlungen über den deutsch=rumänischen Handelsvertrag gestern mit einem provisorischen Abkommen zum Abschluß gebracht worden sind. Es beruht auf dem Grundsatz der Meistbegünstigung für den Personen= und Warenverkehr und läuft bis zum 28. Februar 1931. Der rumänische Minimaltarif, dessen Geltung für Deutschland mit Rücksicht auf die schwebenden Verhandlungen bis zum 20. Juni eingeräumt worden war, wird automatisch bis zum Inkrafttreten des Abkommens verlängert. Der Austausch der Ratifikationsurkunden erfolgt am 9. Juli mit der Wirkung, daß der Vertrag am folgenden Tage in Kraft tritt. Die deutsche Kommission, die die Verhandlungen in Bukarest geführt hat, wird am Samstag nach Berlin zurückkehren. wtb. Bukarest, 20. Juni.(Funkspruch.)., Der durch den Abschluß des deutsch=rumänischen Handelsprovisoriums geschaffene Vertragszustand tritt am 10. Juli in Kraft. Die Ratifizierung ist bis dahin vorzunehmen. Die Ratifikationsurkunden werden in Berlin ausgetauscht. Der rumänische Mindesttarif ist zugunsten Deutschlands durch Dekret bis zum 10. Juli verlängert worden. Der Vertrag enthält keinerlei Bestimmungen tarifarischer Art oder über vom Reich zu begünstigende Getreidekäufe. Das Provisorium schaltet für beide SeiSchinlelng als Wellileister aueerunnk Sein Name wird in die Boxerstatue nicht eingraviert Startien verlang ainen Zeranchelanot wtb Newyor.k, 19. Juni.(Tel.) Die Newyork Stats Atletie Commission, die zuständige staatliche Sportbehörde, hat in ihrer heutigen Sitzung Schmeling als Weltmeister der Schwergewichtsklasse anerkannt. Sharley wünscht Revanche wtb. Neuyork, 20. Juni.(Funkspruch.) Sharkey erklärte zu der Anerkennung Schmelings als Weltmeister, daß er auf einen Revanchekampf mit Schmeling dränge. Er sei bei diesem Nevanchekampf zu weitestem Entgegenkommen bereit und werde nur 12,5 Prozent der gemeinsamen Börse beanspruchen. Außerdem wolle er noch von seinem Anteil die Forderungen Bülows(Schmelings Trainer) begleichen und für alle Ausgaben und Spesen aufkommen, wenn er wieder einen regelwidrigen Schlag führe. Ueber die Entscheidung der obersten Boxsportbehörde wird noch berichtet, daß sie mit zwei gegen eine Stimme erfolgte. Da für die Eingravierung des Namens Schmelings in den Sockel der Voxerstatue Einstimmigkeit der Kommission erforderlich ist, wird der Name Schmelings an dieser Stelle nicht eingraviert werden. Die Kommission beschloß, von einer Bestrafung Sharkeys abzusehen, da für diesen Kampf die Tiefschlagbestimmungen eigens außer Kraft gesetzt worden waren. * Wie Schmelings Anerkennung erfolgte. Die Anerkennung Schmelings als Weltmeister aller Klassen in der Sitzung der Newyork Staate Athletic=Commission am Donnerstag ging nicht ohne Widersprüche vonstatten. Besonders Muldoon, der Mitbegründer des Tunney=Muldoon=Ehrenpreises, protestierte lebhaft, konnte aber mit seiner einen Stimme nicht viel ausrichten. Der Präsident Farley betonte in Anwesenheit Schmelings und Sharkeys, daß die Commission und die Oeffentlichkeit von dem Ausgange des Kampfes sehr enttäuscht wären und daß die Oeffentlichkeit Schmeling nicht eher als Weltmeister anerekennen würde, bis er einen legitimen Anwärter geschlagen habe. Farley regte aus diesem Grunde an, noch in diesem Jahre zwischen beiden einen Revanchekampf zustande zu bringen. Katastrophaler Erdrutsch in Essen Ein Kind in die Tiefe gerissen. wtb. Essen, 19. Juni.(Tel.) Ein furchtbares Unglück ereignete sich heute abend an der Neubaukolonie in der Helmholtzstraße. Um etwa 8.30 Uhr abends gab plötzlich vor einem Hause der Straße das Erdreich nach und es entstand ein riesiger Krater, der ungefähr 12 bis 15 Meter tief ist und etwa 15 Meter Durchmesser hat. Ein auf der Straße spielendes Kind wurde in die Tiefe gerissen. Die Bemühungen der städtischen Feuerwehr, das Kind zu bergen, mußten als aussichtslos aufgegeben werden, zumal die Erdsturzgefahr noch nicht endgültig beseitigt ist. Außerdem verschwand ein Wagen, der einer Tiefbaugesellschaft gehört, spurlos in der Tiefe. Wie sich in später Abendstunde ermitteln ließ, soll sich an der betreffenden Stelle ein alter Schacht befunden haben, der etwa 40 Jahre außer Betrieb ist. ten den Erlaß neuer Ein= und Ausfuhrverbote aus und verpflichtet beide Teile zur Informierung über die bisher bestehenden Verbote. Das Meistbegünstigungsrecht hat keine Geltung für Begünstigungen, die Deutschland oder Rumänien dritten Staaten im Sinne solcher Verträge einräumen, die nach dem 1. März 1931 unter Führung des Völkerbundes abgeschlossen werden und auch andern Staaten offenstehen. Die Verhandlungen zum Abschluß eines endgültigen deutsch=rumänischen Handelsvertrages sollen am 15. Oktober beginnen. Das Zustandekommen des Provisoriums ist beiderseitigem Entgegenkommen nach Ueberwindung mannigfacher Schwierigkeiten zu verdanken.— Die deutsche Verhandlungsabordnung hat heute unter Führung des Ministerialdirektors Posse Bukarest verlassen. Zur Resorm der Krankenversicherung wtb. Berlin, 19. Juni. Die in der Arbeitsgemeinschaft der für die Sozialversicherung tätigen Berufe zusammengeschlossenen Berufsstände der Aerzte, Zahnärzte, Apotheker. Optiker und Orthopädiemechaniker wenden sich in einer Entschließung gegen die Vorschläge der Reichsregierung zur Abänderung der Reichsversicherungsordnung. Insbesondere bedeute die Erhebung von 1 Mark für den Krankenschein und die Beteiligung der Versicherten an den Kosten für Arznei und Heilmittel eine Abkehr von dem Grundgedanken der deutschen Krankenversicherung. Von den vorgesehenen Eingriffen in die ärztlichen An= und Verordnungen und dem einseitigen Bestimmungs= und Entscheidungsrecht der Kasse auf dem Gebiete des Prüfungswesens sei eine Schädigung der Volksgesundheit und eine Beeinträchtigung der Arbeitsfreudigkeit der Aerzte im Dienste der Krankenversicherung zu befürchten. Auch die in der Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossenen Verbände erkennen die Notwendigkeit von Ersparnissen an, glauben aber, daß die Ersparnisse in anderer Weise erzielt werden können, nämlich durch eine Aenderung der Bestimmungen über die Vermögensanlage, durch eine schärfere Fassung der Vorschriften über Mehrleistungen, insbesondere auch durch den Abbau der Eigenbetriebe und der sonstigen privatwirtschaftlichen Tätigkeit der Krankenkassen, zumal die Krankenkassen mit Eigenbetrieben häufig höhere Beitragssätze haben, als Kassen ohne solche Einrichtungen. Hauptverfahren im Bombenlegerprozeß eröffnet wtb. Kiel, 19. Juni. In dem Altonaer Verfahren wegen der Bombenattentate hat die Strafkammer, wie die Justizpressestelle mitteilt, nach Ablauf der den Angeschuldigten bewilligten Erklärungsfrist nunmehr das Hauptverfahren vor dem Schwurgericht gegen die Angeschuldigten Heim, Volk, Nickels, Schmidt, Nathjen, Rehling, Wiborg, Johnson, Weschke, Matthes, Hennings, Vick jun., Luhmann, Becker, Bönecke, Rieper, die Eheleute Holländer, Bossen, Hamkens und Bruno von Salomon eröffnet. Hinsichtlich der Angeschuldigten Heim, Volk, Nickels, Schmidt, Rehling, Johnson und Rieper hat die Strafkammer Fortdauer der Untersuchungshaft beschlossen. Die übrigen Angeschuldigten, deren Verfahren nach Altona abgegeben worden ist, sind außer Verfolgung gesetzt worden. Die Anberaumung des Hauptverhandlungstermins ist in den nächsten Tagen zu erwarten. Europäische Stickstoffverhandlungen wtb. Berlin, 19. Juni.(Tel.) In einer Konferenz der europäischen Erzeuger synthetischen Stickstoffs, die am 18. und 19. Juni in Ostende getagt hatte, wurde grundsätzlich Uebereinstimmung über die Notwendigkeit eines engen Zusammenarbeitens erzielt. Es wurde ein Komitee gebildet, das die Aufgabe hat, die praktische Durchführung der gefaßten Beschlüsse zur Zusammenarbeit in allen Einzelheiten vorzubereiten. Preußische Grundsteuer vor dem Staatsgerichtshof enb. Berlin, 19. Juni.(Eig. Meld.) Wie die„Nationalliberale Korrespondenz“ mitteilt, hat die Landtagsfraktion der Deutschen Volkspartei wegen der Grundsteuernotverordnung die Entscheidung des Staatsgerichtshofes angerufen, da sie auf dem Standpunkt steht, daß der für ungewöhnliche Notfälle eingesetzte Ständige Ausschuß des Landtages verfassungsmäßig nicht berechtigt sei, seinerseits eine Notverordnung mit Gesetzeskraft zu genehmigen. Die Kosten des Barmat= und Kulisker=Prozesser wtb. Berlin, 19. Juni. ITel.) Wie der preußische Justizminister auf eine Kleine Anfrage im Landtag mitteilte, sind in der Strafsache gegen Barmat und Genossen der Staatsanwalt in Berlin an baren Auslagen insgesamt 182 631,06 Reichsmark entstanden, von denen 119 203,35 Reichsmark auf Zeugen= und Sachverständigengebühren entfallen, in der Strafsache gegen Kutisker der Staatsanwaltschaft 1 * Berlin ein Gesamtbetrag der baren Ausaaten von 57 270,45 Reichsmark, wovon auf die Vergütungen der Zeugen und Sachverständigen 53634,85 Reichsmark entfallen. Internationale Arbeitskonferenz wtb Genf, 19. Juni.(Tel.) In der Kommission für die Regelung der Arbeitszeit im Kohlenbergbau sind heute sämtliche Anträge über die Festlegung einer einheitlichen Arbeitszeit abgelehnt worden. Auch der Antrag der deutschen Regierung hat keine Mehrheit gefunden. Die Verhandlungen in einem der wichtigsten Punkte sind damit vorläufig gescheitert und die Aufstellung einer internationalen Konvention über die Regelung der Arbeitszeit im Kohlenbergbau durch die internationale Arbeitskonserenz ist fraglich geworden. Alarmruf Herriots an Europa wtb. Paris, 19. Juni. Edouard Herriot richtet in der„Ere Nouvelle" angesichts der neuen amerikanischen Zollpolitik einen Alarmruf an Europa, sich zu einigen, wenn es nicht untergehen wolle. Die europäischen Staaten würden den Vereinigten Staaten von Amerika, so schreibt er, gewaltige Kriegsschulden zu zahlen haben, ohne ihnen Waren liefern zu können. Welches Problem und welches Drama! Ein herrliches Arbeitsthema für die Wirtschaftler und für die Staatsmänner. Aber wir Europäer werden diese gewaltige Schwierigkeit nicht dadurch lösen, daß wir ein Geschrei ausstoßen. Die Vereinigten Staaten haben sich in eine ungeheuere Festung umgewandelt. Wenn man nicht gemeinsam vorgeht, werden wir dem Ruin unserer Industrien, der Arbeitslosigkeit und dem Elend zusteuern. Es genügt nicht, Repressalien vorzuschlagen, man muß, und zwar allerschnellstens, eine europäische Ordnung, eine europäische Entente, eine europäische Arbeitsteilung, eine Rationalisierung Europas vornehmen. Es handelt sich um eine Frage von Leben oder Tod. Die Wirren in China Hankau von Nanking abgeschnitten? wtb. Paris, 19. Juni. Die Agentur Indopacifique meldet aus Schanghai: Noch unbestätigten Gerüchten zufolge soll Nanking von Hankau abgeschnitten worden sein. Einigungsbestrebungen in China. wtb. Paris, 19. Juni.(Tel.) Havas meldet aus Schanghai, die militärische Lage habe einen Umschwung zugunsten der Nanking=Regierung gebracht. Die Regierungstruppen hatten die in der vergangenen Woche südlich Nankau verlorenen Stellungen wieder besetzt und verteidigten sie hartnackig gegen das Vordringen der Nordtruppen. Angesichts der Unmöglichkeit, mit Waffengewalt eine Lösung des Konfliktes herbei zuführen, sei das Gerucht im Umlaufe, daß der frühere Präsident der Knomintang, Wangtschinwei, eine Vermittelungsaktion einzuleiten beabsichtige. Mehrere andere Persönlichkeiten der Kuomintang bemühten sich gleichfalls, eine Versöhnung zwischen Wangtschinwei und Tschiangkaischek herbeizuführen, um ein Regime zu schaffen, das die Einflüsse Nord= und Südchinas ausgleiche. Die Lage in Indien Verschärsung des indischen Boykottprogramms. wtb. Bombay, 19. Juni. Der stellvertretende Präsident des Nationalkongresses betonte in einer Massenversammlung vor dem Kongreßhause, man müsse das Boykottprogramm verschärfen. Er beglückwünsche Bombay und Gujerat zu dem guten Geist, den sie der Bewegung des zivilen Ungehorsams gegeben hätDer deursche tbungensche Rirchenag Das Einigungswerk der deutschen Kirchen pw. Berlin, 19. Juni.(Tel.) Im Mittelpunkt der Beratungen des deutschen evangelischen Kirchentages. der am 26. Juni in Nürnberg nach dreijähriger Pause zusammentritt, wird der soeben den Mitgliedern zugegangene Tätigkeitsbericht des Kirchenausschusses stehen. Der unter dem Vorsitz vom Präsidenten D. Dr. Kapler arbeitende deutsche evangelische Kirchenausschuß ist führende Körperschaft des Kirchenbundes der 28 deutschen Landeskirchen. Er hat die Beschlüsse des Kirchentages und des Kirchenbundesrates vorzubereiten und auszuführen und den Kirchenbund nach außen zu vertreten. In der Berichtsperiode(1927—1930) hat der Kirchenausschuß zu zahlreichen Fragen der kulturellen Reichsgesetzgebung, die gemeinsame evangelische Interessen berühren, beschlußmäßig Stellung genommen. Der vorliegende Bericht enthält das Reichsschulgesetz, das neue Strafgesetzbuch, das Gesetz betr. die Rechtsstellung der unehelichen Kinder, die Lichtspielnovelle u. a. Zur schulpolitischen Lage stellt der Bericht erneut fest, daß die Notwendigkeit einer reichsgesetzlichen Regelung des Schulwesens von Tag zu Tag dringlicher werde.— Gegen eine Reihe von Beschlüssen des Strafrechtsausschusses des Reichstages, die das sittliche Gebiet berühren, hat der Kirchenausschuß Einspruch erhoben und bei aller Anerkennung einer nach Lage der Verhältnisse im einzelnen Fall gebotenen Strafmilderung, insbesondere Wiederherstellung der Strafbarkeit des Ehebruchs und der Homosexualität sowie ein Festhalten an der Strafbarkeit der Abtreibung gefordert.— Die vielfachen Bemühungen des Kirchenausschusses um ein Rentner=Versorgungsgesetz haben bis jetzt zu einem positiven Ergebnis nicht geführt. Zur Frage der Staatsleistungen an die Kirchen teilt der Bericht mit, daß der Reichsminister des Innern in einem Schreiben an den Kirchenausschuß„zur weiteren Verfügung der Vorarbeiten zu dem Entwurf eines Ablösungs= gesetzes" um Mitteilungen über das einschlägige Material aus den Landeskirchen und über die ten. Der vormalige Präsident der Gesetzgebenden Versammlung, Patel, forderte die Studenten auf, ihre Studien für die nächsten 12 Monate zu unterbrechen und sich dem Nationalkongreß zur Verfügung zu stellen. Der Präsident des Provinzialausschusses von Bombay, Kapadia, gegen den ein Haftbefehl erlassen worden war, stellte sich nach Schluß der Versammlung der Polizei freiwillig zur Verfügung. wtb. Hamedabad, 19. Juni.(Reuter.) Als gestern die Gujerat=Hochschule zum ersten Male nach den Ferien wieder eröffnet wurde, forderte eine Gruppe Studenten am Eingange des Gebäudes ihre Kommilitonen auf, die Studien einzustellen und sich der Gandhi=Bewegung anzuschließen. Bombenexplosionen in zahlreichen indischen Städten. wtb. Simla, 19. Juni.(Reuter.) In den Städten Lahore, Lyallpur, Gujranwala, Schekuhupura und Amritsar kamen gestern Bomben zur Explosion. Nähere Einzelheiten fehlen noch. Falschgeldfabrik in Köln ausgehoben wgl. Köln, 19. Juni. In der vergangenen Nacht machte die hiesige Kriminalpolizei einen guten Fang. In der Vondelstraße kam man Falschmünzern auf die Spur, und es gelang der Polizei, die Täter zu fassen. Diese schienen jedoch auf einen nächtlichen Besuch vorbereitet zu sein. Denn als die Beamten zur Festnahme schreiten wollten, setzten sie sich energisch zur Wehr, es kam zu einer kleinen Schießerei, wobei einer der Falschmünzer leicht verletzt wurde. Er befindet sich zur Zeit im Krankenhaus. praktisch beschreitbaren Wege der Ablösung gebeten hat. Es ist dies, wie der Bericht feststellt, die erste offizielle Anfrage des Reichs=Innenministers in dieser Sache. Auf Antrag seiner sozialen Kommission hat der Kirchenausschuß den obersten Behörden der Landeskirchen erneut die Förderung der sozialen Arbeit der Kirchen, insbesondere durch Anstellung geeigneter Männer und Frauen des praktischen Lebens, nahe gelegt. Auf Grund des Auslandsgesetzes des Kirchenbundes haben bis heute 55 deutsche evangelische Auslandsgemeinden, zwei Auslandskirchen(die österreichische Kirche und die Rio Grandener Synode in Brasilien) und 20 deutsche Auslandsgeistliche ihren Anschluß an den deutschen evangelischen Kirchenbund vollzogen. Der Bericht hebt hervor,„daß die Daspora=Arbeit der evangelischen Kirchen frei ist von politischen Machtideen und von national=politischen Propagandaformen“, sie geschehe vielmehr in der Ueberzeugung, daß die deutschen evangelischen Auslandsgemeinden durch Erhaltung in ihrer Muttersprache und dem in ihrer Muttersprache verkündeten Glauben dem fremden Staat selbst, in dem sie leben, sittliche Charakter= quellen erschließen. Auch die Beziehungen des Kirchenbundes zu den ausländischen Kirchen Europas, Amerikas und dem orthodoxen Osten, sowie zu den großen ökonomischen Verbänden gestalte sich immer vielseitiger. Mit der Kirche von England und mit dem französischen Kirchenbund ist es in der Berichtsperiode erstmalig zu einer unmittelbaren Fühlung gekommen. Der Präsident des Kirchenausschusses, Dr. Kapler, führt in diesem Jahre den Vorsitz in dem Fortsetzungsausschuß der Stockholmer Weltkirchenkonferenz den„Oekumenischen Rat für praktisches Christentum". Ausführlich geht der Bericht auf die Religionsverfolgungen in Rußland und die Protestbewegung der deutschen Auslandskirchen ein. Er stellt fest, daß„wie immer sich die Verhältnisse in Rußland gestalten mögen, alle Religionsgemeinschaften dieses Landes unermeßlichen Schaden erlitten haben und in einer unüberesehbaren Gefahr stehen.“ hiesigen Krankenhaus. Der unglückliche Schütze entfernte sich aus der Wohnung. Opfer des Rheins. wtb. Hamborn, 20. Juni.(Funkspruch.) Ein schweres Badeunglück ereignete sich gestern an der städtischen Rhein=Badeanstalt. Im offenen Rhein gerieten drei Personen, von denen zwei verheiratet waren, in die Strömung, wurden fortgerissen und ertranken. Die beiden verheirateten Männer konnten bereits geborgen werden, der dritte, ein jugendlicher Arbeiter, ist noch nicht aufgefunden. Kündigungen bei den Klöcknerwerken. wp. Osnabrück, 19. Juni. Im Zusammenhang mit der Aktion der nordwestlichen Eisenund Stahlindustrie auf die Oeynhauser Anregung haben die Klöcknerwerke Osnabrück der Belegschaft ihrer Abteilungen Georgsmarien= hütte und Osnabrück zum 30. Juni zu dem ausschließlichen Zweck gekündigt, eine Neuregelung der Akkord= und sonstigen übertariflichen Verdienste herbeizuführen. Beim Graben eines Brunnenschachtes getötet. wtb. Karlsruhe, 19. Juni. Beim Graben eines Brunnenschachtes wurden ein Landwirt aus Knielingen und sein Sohn durch ausströmende giftige Gase getötet. Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Todesurteil wegen Vatermordes. wtb. Stuttgart, 19. Juni. Der Landwirt Zell aus Zweifelsberg, Gemeinde Oberdorf, Oberamt Biberach, ist wegen der Ermordung seines Vaters durch Urteil des Schwurgerichtes Ravensburg zum Tode verurteilt worden. Der Staatspräsident hat von seinem Begnadigungsrecht keinen Gebrauch gemacht. Drei junge Leute ertrunken? wtb. Malchow, 19. Juni. Drei junge Leute sind hier seit Samstag spurlos verschwunden. Sie hatten sich ein Ruderboot entliehen und waren damit auf den Plauersee trotz stürmischen Wetters und bewegtem Wasser hinausgefahren. Man vermutet, daß die jungen Leute den Tod in den Wellen gefunden haben. Alle Nachforschungen nach den Vermißten waren bishei vergeblich. Beginn des Mordprozesses in Prenzlau. enb. Prenzlau, 19. Juni.(Eig. Meld.) Unter starkem Andrang des Publikums begann heute der Prozeß gegen den Zahnarzt Dr. Guttmann aus Schwedt, der, wie bekannt, des Mordes an seiner zweiten Frau und zugleich der Arkundenfälschung und des Betruges angeklagt ist. Den Vorsitz der Verhandlung führt Landgerichtsdirektor Achilles. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Hart, die Verteidigung liegt in den Händen des Berliner Anwalts Dr. Frey. Familientragödie.-3 Tote wtb. Chemnitz, 19. Juni. Die Familie des Grünwarenhausierers Wilmer in Ebersdorf wurde heute vormittag in ihrer Wohnung mit Gas vergiftet tot aufgefunden. Es handelt sich um die Ehefrau, die 20jährige Tochter und den 17 Jahre alten Sohn. Angeblich ist der Grund zur Tat in sehr schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen zu suchen. Es wird vermutet, daß die Kinder von den Absichten der Mutter nichts wußten. Bei der Auffindung gab die Tochter noch schwache Lebenszeichen von sich, verschied aber alsbald, ohne zum Bewußtsein gekommen zu sein. Sittlichkeitsverbrechen eines Finnen in Berlin enb. Berlin, 20. Juni.(Eig. Radiomeldung.) Wie das Tempo berichtet, ist ein hoher finnischer juristischer Beamter, der sich zu Studienzwecken in Berlin aufhält, unter der schweren Beschuldigung des vollendeten Sittlichkeitsverbrechens an einem zehnjährigen Knaben verhaftet worden. Der Beschuldigte soll im Wellenbad im Lunapark den Jungen in seine Badezelle genommen und sich dort an ihm vergangen haben. Wie das Blatt berichtet, wird das Verfahren mit größter Beschleunigung durchgeführt, sodaß mit der Erhebung der Anklage schon in kurzer Zeit zu rechnen sein wird. Schweres Bergwerksunglück 35 Vergleute ums Leben gekommen. wtb. Moskau, 19. Juni. Auf der Grube Maria bei Artemowsk in der Ukraine ereignete sich gestern eine schwere Gasexplosion, bei der 35 Bergleute ums Leben kamen. Kohlenlager am Südpol wtb. Neuyork, 20. Juni.(Funkspruch.) Die Stadt bereitete dem Südpolforscher Commander Byrd, der gestern mit seinen Begleitern hier eintraf, einen festlichen Empfang, der einer der größten seit dem Empfang Lindberghs und dem der deutschen Ozeanflieger Köhl und Hünefeld gewesen ist. Byrd schilderte Pressevertretern die Ergebnisse seiner Südpolfahrt, bei der 25000 Quadratmeilen neues Land entdeckt und erforscht worden seien. Er habe geologische Formationen festgestellt, die auf große ausbeutbare Kohlenlager schließen ließen. Die amerikanische Antarktis umfasse noch Tausende von Meilen unerforschter Gebiete. Byrd erklärte, er habe vorläufig keine Zukunftspläne und werde keine Forschungsreisen unternehmen, bis die aus der Expedition entstandenen Schulden von 100 000 Dollar gedeckt seien. Nah und Fern Eine Einbrecherbande verhaftet. wp. Düsseldorf, 19. Juni. Im letzten Vierteljahr mehrten sich die Einbrüche, die man auf das Konto einer organisierten Einbrecherbande setzte. Der Kriminalpolizei gelang es, diesen gefährlichen Burschen jetzt das Handwerk zu legen. In einem Hause der Eisenstraße überraschte die Polizei die Bandenmitglieder, als diese sich sorglos ins Bett gelegt hatten. An Hand der vorgefundenen Sachen konnten den Burschen bis jetzt 14 schwere Einbrüche nachgewiesen werden. Eine ganze Sammlung von Einbrecherwerkzeugen neuester Art konnte beschlagnahmt werden. Als die Bande dem Untersuchungsrichter vorgeführt werden sollte, versuchte der Anführer, sich von der Kette des vorführenden Polizeibeamten loszureißen, konnte aber überwältigt werden. Zu der Bande gehört auch eine Frauensperson. Das Spiel mit dem Flobert. wp. Gladbeck, 19. Juni.(Tel.) Bodenloser Leichtsinn hätte am gestrigen Tage in der hiesigen Karlstraße bald ein blühendes Menschenleben gefordert. Der 16jährige Gerhard Ritter hantierte am Fenster mit einer Flobertbüchse. Als die 16jährige Maria Kind, deren Eltern in demselben Hause wohnen, auf den Hof trat, ging der Schuß los. Die ganze Schrotladung ging dem Mädchen ins Gesicht. Es wurde schwer verletzt. Die Sehkraft des einen Auges ist gefährdet. Das Mädchen fand Aufnahme in einem Nachriastenetenst Schwerer Unfall des Generals a. D. von Wildenbruch. enb. Berlin, 20. Juni.(Eig. Radiomeldung.) Gestern nachmittag wurde der 84jährige Generalleutnant a. D. Ludwig von Wildenbruch vor dem Hause Bülowstraße 23 von einer Straßenbahn überfahren. Er erlitt schwere Verletzungen am Kopf und eine Gehirnerschütterung und wurde ins Krankenhaus gebracht. Dort liegt er in bedenklichem Zustande darnieder. Bis zum Abend hatte er das Bewußtsein nicht wieder erlangt. Generalleutnant a. D. von Wildenbruch ist ein Sohn des Gesandten und außerordentlichen bevollmächtigten Ministers Louis von Wildenbruch und ein Enkel des bei Saalfeld gefallenen Prinzen Ferdinand von Preußen, der einzige noch lebende Urgroßneffe Friedrich des Großen. Sein Bruder war der Dramatiker Ernst von Wildenbruch. Verhaftung des Direktors der Breslauer Bank. wtb. Breslau, 20. Juni.(Funkspruch.) Im Zusammenhang mit dem vor einiger Zeit gemeldeten Zusammenbruch der Breslauer Bank sind gestern, laut Schlesischer Zeitung, der Direktor Glinschert und Rechtsanwalt Nathan verhaftet worden. Glinschert steht unter dem dringenden Verdacht, als Vorstandsmitglied der Bank absichtlich zu deren Nachteil gehandelt und den Vermögensstand der Genossenschaft wissentlich unwahr dargestellt zu haben. Der verhaftete Lurch, Funkspeauf. Anwalt wird beschuldigt, zum Nachteil der von ihm vertretenen Bank im Einverständnis mit der Gegenpartei gehandelt und sich zugleich der Begünstigung in einem Falle schwerer Urkundenfälschung schuldig gemacht zu haben. Blinde Passagiere über Bord geworfen. enb. Brüssel, 20. Juni.(Eig. Radiomeldung.) Zu einem unglaublichen Roheitsakt des Kapitäns des griechischen Dampfers„Theodorus Calaquis“, der auf hoher See drei blinde Passagiere über Bord warf, meldet der Soir, daß es sich nach den Ermittlungen der Antwerpener Polizei bei den blinden Passagieren um Spanier handelt, die sich in Huelva an Bord geschlichen hatten. Der eine der beiden Geretteten befindet sich gegenwärtig in Antwerpen. Der Kapitän soll beiden eine größere Summe als Schweigegeld gegeben haben. Unwetter in Samara. wtb Moskau, 20. Juni.(Funkspruch.) In der Umgegend von Samara wütete ein starker Sturm, durch den 90 Häuser vollständig zerstört und 160 beschädigt wurden. Zwei Personen wurden getötet, zehn schwer verletzt. Rund tausend Bauern sind obdachlos geworden. Diskontherabsetzung der Newyorker Bundesbaul wib Newyork, 20. Juni.(Funkspruch.) Die Rediskontrate der Newyork Federal Reservebank, die seit dem 1. Mai d. J. 3 v. H. betrug, wurde heute um ½ v. H. auf 2¾ v. H. herabgesetzt. Aus den Nachbar-Städten WiF AAen Der Sanhrafli Auch zugunsten des Sienerpflichtigen gilt der Einheitswert Aus Groß=Dortmund — Beim Baden tödlich verunglückt. Am Donnerstag nachmittag wurde gegen 17 Uhr aus dem Schwimmbassin des Hardenbergbades in Dortmund die Leiche des 21 Jahre akten Arbeiters Bruno Adam aus Dortmund=Kirchlinde von Schwimmern herausgezogen und ans Land gebracht. Ein zufällig anwesender Arzt konnte nur noch feststellen, daß als Todesursache höchstwahrscheinlich Herzschlag in Frage kommt. Adam, der nicht schwimmen konnte, hatte gemeinsam mit seinen Eltern die Badeanstalt besucht. Die Leiche wurde dem Hauptfriedhof in Dortmund zugeführt. — Ein tödlicher Verkehrsunfall ereignete sich gestern abend in Buer=Erle auf der Bismarckstraße in der Nähe der Straßenbahnhaltestelle Bismarckstraße—Suturnerstraße. Die Ehefrau Maria Wulff aus Dortmund, Wilhelmstraße 31, die zu Besuch in Buer=Erle weilte und an der Straßenbahnhaltestelle einsteigen wollte, überquerte lausend die Bismarckstraße und lief dabei einem Motorradfahrer aus Wanne=Eickel direkt vor das Rad. Sie wurde überfahren und erlitt einen doppelten Schädelbruch. Sie wurde sofort in das Erler Krankenhaus eingeliefert, starb aber kurz nach der Einlieferung. cCastrop=Rauxel. Wanzen im Stadtparlament. In der Stadtverordnetensitzung kam es zu einer kleinen Sensation bei der Beratung eines kommunistischen Dringlichkeitsantrages. Die Kommunisten verlangten die sofortige Einsetzung einer Kommission zur Beseitigung der Mißstände in den Wohnbaracken am Vinckeplatz im Stadteil Ickern. Bei der Schilderung der hygienischen Verhältnisse in den Baracken zog der Kommunist Körbs plötzlich eine Schachtel mit Wanzen aus der Tasche und sorderte das Kollegium auf, die Schachtel zu öffnen und sich von der reinen Rasse dieser Tierchen aus menschlichen,ehnungen zu überzeugen. Die Stadtvuner verzichteten darauf und beschlossen schleunigst die Einsetzung der Kommission. Im übrigen wurde u. a. die Ueberschreitung verschiedener Etatspositionen des ordentlichen Haushaltsplanes für das Rechnungsjahr 1929 in Höhe von 110000 Mark genehmigt. h Lünen. Freiwillig in den Tod. Im Schloßpark Buddenberg im Stadtteil Lippolthausen schoß sich der städtische Flurhüter Herde, der beim Uebergang des Schlosses Buddenberg in städtischen Besitz in den Stadtdienst übernommen worden war, in selbstmörderischer Absicht eine Kugel in den Kopf. Herde, dessen Gesundheit zerrüttet war, starb kurz darauf im Marienhospital. Höfen b. Ergste. Das Fuhrwerk im Stich gelassen. Einen interessanten Scherz leistete sich vor wenigen Tagen ein bei einem hiesigen Landwirt beschäftigter Knecht. Letzterer, der schon in wiederholtem Falle mehrere Milchkannen zum Bahnhof Ergste gefahren und diese für den Weitertransport hier zur Verladung gebracht hatte, machte sich wieder einmal zur Ausführung desselben Auftrages auf den Weg. Am Ergster Bahnhof angekommen, wurde zunächst das Pferd angebunden, der„treue" Knecht löste sich eine Fahrkarte und unbekümmert um das ihm anvertraute Fuhrwerk ist er dann mit dem Zuge in Richtung Schwerte unter Mitnahme seiner ihm gehörenden Utensilien abgefahren, ohne das plötzliche Verschwinden dem erstaunten Landwirt vorher anzukünden. h Rheine. Vom Auto tödlich verletzt. An der Ecke von Bevegern und Sloisstraße wurde der 22jährige Fabrikarbeiter Josef Wegmann von einem Osnabrücker Lieferwagen angefahren und innerlich schwer verletzt. Kurz nach der Einlieferung ins Krankenhaus verschied der Verunglückte. n Warendorf. Vor den Augen der Kameraden ertrunken. In der Nähe der„Herrlichkeit" versank plötzlich beim Baden ein zehnjähriger Schüler vor den Augen seiner Kameraden im Wasser und kam nicht mehr zum Vorschein. Die Leiche wurde mehrere Stunden später geborgen. h Gütersloh. Flugzeugunfall. Das Verkehrsflugzeug auf der Strecke Köln—Hannover rollte beim Auslaufen nach einer Zwischenlandung, welche wegen Motorstörung bei Gütersloh vorgenommen werden mußte, gegen einen Baum und erlitt dabei Beschädigungen. Alle Insassen blieben unverletzt, lediglich ein Passagier zog sich eine Schramme am Auge zu. 1. Rheinisch=westfälische im Volksbildungshaus Hoheneck, vom 3. bis 9. August 1930. Wie entwurzelt und inhaltslos unser Volksleben geworden, zeigt die Armut unseres Volkes an Lied und Spiel. Aber auch in Kreisen, die auf dem Wege einer neuen Lebensgestaltung das Volkslied wieder„entdeckten" tut es vielsach Not, das Werturteil zu schärfen und den Geschmack zu klären. Gerade jetzt, wo die Freude am volksverbundenen Singen wieder weitere Schichten der Jugend erfaßt, droht die Gefahr, daß das echte Liedgut von dem Pseudovolkslied moderner Landsknechte und romantischer Naturschwärmer nicht unterschieden wird. Ferner liegt es im Sinne des Volksliedes, daß es nicht beschränkt bleibt auf doch noch verhältnismäßig kleine, mitunter in sich abgeschlossene Kreise und Gruppen, sondern daß es Allgemeingut des Volkes wird, aus dem es geboren ist. Als Beitrag zur Lösung dieser volksmusikalischen sozialen Aufgabe innerhalb des Industriegebietes ruft das Volksbildungshaus Hoheneck zur 1. Rheinisch=westfälischen Singewoche auf. Aus den Wochenendsingen des letzten Jahres zu den Hochfesten des Kirchenjahres und den Wenden der Jahreszeiten kam der Wunsch, eine gemeinsame Singewoche zu verleben. Darüber hinaus sollen aber alle Freunde volkstümlichen Singens— die Singscharleiter und ihre Singer, Lehrer, Lehrerinnen, Jugendführer und insbesondere die Jugend selbst aus den Bünden und Verbänden— in einer geschlossenen Arbeits= und Lebensgemeinschaft die Gegenwartsfragen der neuzeitlichen Musik erörtern, aus den Erfahrungen des eigenen Lebensbereiches zueinander finden und sich werthaltiges Liedesgut erarbeiten. Die Leitung der Ausspracheund Arbeitskreise haben Professor E. Jos. Müller, Köln, Staatl. Hochschule für Musik und Rektor Hatzfeld, Paderborn, Franz Hitze=Haus übernommen. Die waldreiche Umgebung von Haus Hoheneck mit hübschen Nebentälern zur Ruhr und die gesunde Höhenluft werden diese Woche zu einer rechten Erholung und Ausspannung von den Pflichten des täglichen Berufes machen. Für Lehrbeitrag ist einschließlich Verpflegung und Unterkunft auf Einzelzimmern Mk. 35.—, auf Doppelzimmern Mk. 25.—, in der Jugendher= berge Mk. 20.— zu entrichten. Anmeldungen werden möglichst bald, spätestens bis 15. Juli, an das Volksbildungshaus Hoheneck, Essen=Heidhausen, erbeten. Turnen, Spiel, Sport Handball Holzen 07— Teutonia Westhofen. Wie wir bereits in unserer Mittwoch=Ausgabe mitteilten, sollte am kommenden Samstag das obige Spiel stattfinden. Insolge der anhaltenden Hitze ist das Spiel auf einen späteren Termin verlegt worden und findet vorläufig nicht statt. Die Bindung der Aufbringungsbehörden an die Einheitswertfestellung gilt auch zugunsten des Pflichtigen. Es bedurfte eines besonderen Urteils des Reichsfinanzhoses, um dies festzustellen. Es ist deshalb nicht zulässig, für die Bemessung der Aufbringungsleistungen dem festgestellten Einheitswerte den Wert von Gegenständen hinzuzurechnen, die bei der Einheitsbewertung nicht zum Betriebsvermogen gerechnet worden sind. „Hoffnungslos“ Die Arbeitslosigkeit, die in unseren Tagen erschreckende Formen angenommen hat und unsere Behörden und Volksvertretungen in steigendem Maße beschäftigt, ist nicht erst jüngsten Datums. Schon vor 60 Jahren, bald nach dem siegreichen Feldzug 1870/71, nahm die Zahl der Arbeitslosen sehr fühlbar zu. Damals hat sich Pastor v. Bodelschwingh, der Erbauer der Anstalt Bethel bei Bielefeld, in tatkräftiger Hilfe dieser heimatlosen und brotlosen Wanderer angenommen. Er erkannte, daß ihnen nicht durch Almosen geholfen werden konnte, daß sie vielmehr durch diese Art falscher Barmherzigkeit nur tiefer in ihre sittliche Not hinabgestoßen wurden. Daher war sein Grundsatz: Gebt Arbeit statt Almosen. So gründete er im Jahre 1882 Wilhelmsdorf in der Senne, wo weite Flächen unfruchtbaren Heidelandes in fruchtbares Ackerland zu verwandeln waren. Es gab dort„im hoffnungslosen Land hoffnungsvolle Aufgaben für die Hoffnungslosen“. Zu dieser ersten Arbeiterkolonie sind später andere hinzugekommen: Der Schillingshof, dann Freistatt und Heimstatt im Wietingsmoor(Hannover), die Hoffnungstaler Anstalten vor den Toren Berlins und neuerdings in der Hermannsheide südlich vom Hermannsdenkmal der Wagnerhof und der Heimathof. Sie bieten den heimatlosen Wanderern schützendes Dach und reichliche Gelegenheit zu fröhlicher, ertragreicher Arbeit. In allen diesen Kolonien, zu denen in den letzten Jahren auch das in Bethel liegende Wandererheim gekommen ist, wurden nach der letzten statistischen Aufstellung an 223738 Pflegetagen insgesamt 3932 Arbeitslose und Wanderer verpflegt. Täglich ist die Zahl derer, die hilfesuchend anklopft, im Steigen begriffen. Da heißt es, neue Wege suchen und finden. Tausende von Witwen erhalten Rente Am 1. Oktober 1929 ist ein Gesetz in Kraft getreten, das, obwohl es für sehr viele Witwen von größter Bedeutung ist, doch vielfach nicht die gebührende Beachtung findet und von den Rentenberechtigten in seinem„Gesetzesdeutsch“ auch meist nicht verstanden wird. Dieses Gesetz datiert vom 12. 7. 1929 und bestimmt in seinem Artikel 3 folgendes: Anspruch auf Fürsorge nach dem Vierten Buche der Reichsversicherungsordnung haben vom 1. Oktober 1929 an auch die Hinterbliebenen solcher Versicherten, die am 1. Januar 1912 bereits verstorben oder die an diesem Tage im Sinne des§ 5 Abs. 4 des Invalidenversicherungsgesetzes dauernd erwerbsunfähig waren und dann verstorben sind, ohne inzwischen die Erwerbsfähigkeit wiedererlangt zu haben. Der Laie weiß natürlich mit dieser neuen Vorschrift nichts anzufangen und erkennt ihre Bedeutung nicht.— Um einer möglichst großen Zahl von Hinterbliebenen die Wohltaten der wichtigen Gesetzesänderung nutzbar zu machen, sei folgendes zur Erläuterung und Ausklärung gesagt: Nach der bis zum 30. 9. 1929 gültigen Fassung des Artikels 71 des Einführungsgesetzes zur Reichsversicherungsordnung hatten die Hinterbliebenen solcher gegen Invalidität Versicherten, die entweder am 1. 1. 1912 bereits verstorben waren oder am 1. 1. 1912 bereits invalide waren, und vor dem 1. 1. 1924 verstorben waren, keinen Anspruch auf Hinterbliebenenrente nach dem 4. Buche der Reichsversicherungsordnung. Mit anderen Worten: Während des 17jährigen Bestehens des jetzt aufgehobenen Artikels 71 sind Tausende jetzt noch lebende Witwen, deren Ehemänner vor dem 1. 1. 1912 bezw. 1. 1. 1924 verstorben sind, mit ihren Rentenanträgen abgewiesen worden. Allen diesen Witwen kann nicht dringend genug empfohlen werden„ihren Witwenrentenantrag zu wiederholen oder, wenn sie einen solchen früher aus Unkenntnis überhaupt nicht gestellt haben, dies nachzuholen. Denn der frühere Ablehnungsgrund ist nunmehr weggefallen, nachdem jetzt die Witwenrente ohne Rücksicht darauf, wann der gegen Invalidität versicherte Ehemann verstorben oder invalide geworden ist, gewährt wird. Die in Frage kommenden Witwen erhalten jetzt, und zwar vom 1. Oktober 1929 ab, auch bei früherer Beitragserstattung, nach Antragsprüsung die Witwenrente, sofern sie: a) das 65. Lebensjahr vollendet haben oder b)(wenn sie noch jünger sind) invalide(d. h. in ihrer Erwerbsfähigkeit um mehr als# beschränkt) sind. Hauptbedingung: Der verstorbene Ehemann muß bis zu seinem Tode oder bis zum Eintritt seiner Invalidität ausreichend Beitragsmarken zur Invalidenversicherung verwendet haben. Der Antrag ist bei der Gemeindebehörde (Magistrat, Gemeindevorstand) oder bei dem Versicherungsamt des Wohnortes zu stellen. Einzureichen sind: eine Sterbeurkunde für den verstorbenen Ehemann, etwa im Besitz der Witwe befindliche Quittungskarten und Aufrechnungsbescheinigungen und— wenn möglich— der frühere Witwenrenten=Ablehnungsbescheid. Ueber den Antrag entscheidet die für den Wohnort der Rentenberechtigten zuständige Landesversicherungsanstalt. Auch denjenigen Witwen, denen auf Grund eigener Beitragsmarken=Verwendung bereits Invalideurente bewilligt ist, deren Ehemänner aber selbst gegen Invalidität ausreichend versichert waren, wird die Beantragung der Witwenrente, die sie dann neben ihrer Invalidenrente zur Hälfte als Zusatzrente erhalten, empfohlen. Die Höhe der Witwenrente richtet sich nach den von dem verstorbenen Ehemanne verwendeten Beitragsmarken; sie beträgt durchschnittlich monatlich 20.— RMk., bedeutet also für viele Witwen einen nicht unbeträchtlichen Zuschuß zu den Lebenshaltungskosten. Sie erhöht sich bei Bedürftigkeit noch durch Gewährung eines bei dem zuständigen Bezirks=Fürsorgeverbande (Kreisausschuß, Magistrat) zu beantragenden Sozialreninerzuschusses. Bei ihrer Wiederverheiratung verliert die Witwe die Rente; sie erhält dann aber eine Abfindung in Höhe der Jahresrente. Vom rheinisch=westfälischen Wertpapiermarkt Mitteilungen des Bankhauses Gebrüder Stern, Dortmund. (Vor der Börse). Dortmund, den 18. Juni 1930. Die schwierigen innerpolitischen Verhältnisse und der starke Widerspruch, den das Finanzprogramm der Regierung bei den Parteien und in der Oefsentlichkeit fand, versetzten die Börsen in große Unruhe. Da in diesem Augenblick auch große Kursrückgänge von den Auslandsbörsen, besonders von Newyork gemeldet wurden, trat auch an der Berliner Börse ein stärkerer Kursrückgang ein. Die Mitteilungen aus den Industrien waren nicht dazu angetan, eine Aenderung der herrschenden Mißstimmung hervorzurufen. Angesichts dieser allgemeinen Lage kann der rheinisch=westfälische Wertpapiermarkt noch als einigermaßen widerstandsfähig bezeichnet werden. Auch hier trat natürlich ein stärkeres Angebot in den führenden Werten auf. Die Kursrückgänge sind jedoch nicht allzu bedeutend. Abschlüsse kamen nur vereinzelt zustande. Am Kohlenkuxenmarkte waren die führenden Werte des Aschersleben=Konzerns besonders in Mitleidenschaft gezogen. Hier büßten Mariaglück(8800 MA) 700 M, Hope(9200) 300 M und Neu=Sollstedt(4700.) etwa 400 M ein. Auch Ransbach waren mit 7200 M und Habighorst mit 4600 M 300 A niedriger angeboten. Besser gehalten waren BraunschweigLüneburg(8850 M), die insgesamt nur 150 A verloren. Dr. Wilhelm Sauer=Werte wurden zu abgeschwächten Preisen zum Verkauf gestellt; Abschlüsse kamen nur in Erichssegen zu einem etwa 400 A niedrigeren Preise zustande. Guter Nachfrage erfreuten sich Beienrode(2850 4), für die auf um 50 bis 100 M ermäßigter Preisgrundlage ständig Käufer am Markte waren. Burbach=Kuxe(7850 M) waren dagegen vernachlässigt und mehrere hundert Mark billiger. Die Gewerkenversammlungen des Burbach=Konzerns verliefen ruhig und brachten sachlich, auch in dem Streitfall Beienrode, keine neuen Momente. Hier bleibt der Verlauf des am 25. Juli anstehenden Gerichtstermines abzuwarten. Siegfried l=Kuxe wurden 350 A niedrigerer abgegeben. Am Kaliaktienmarkte gaben Burbach von 187 auf 180 Prozent nach. Dagegen betrugen die Verluste für Hallesche Salze nur 3 Prozent und für Hannoversche Kali 2 Prozent. Am Kohlenkuxenmarkte erlitten die im Preise stark heraufgesetzten Werte wie Heinrich und Carolus Magnus empfindliche Einbußen. Bei nur geringer Aufnahmeneigung sanken Heinrich von 11300 M auf 10 450 M und Carolus Magnus von 8650 auf 8050 M. Von schweren Werten konnten Ewald(16 250) nur 1500 M niedriger und Langenbrahm (16 750) 750 A niedriger untergebracht werden. Diergardt(3450 K) und Graf Schwerin (2700 M) notieren 125 M bezw. 175 M unter vorwöchentlichen Kursen. Am Kohlenaktien=Markt bestand Kaufinteresse für Lothringen, sodaß diese Aktien trotz der allgemeinen Abschwächung ihren Kurs gut behaupten konnten. Dagegen büßten Dahlbusch(87 Proz.) etwa 4 Prozent ein. Am Braunkohlenmarkte waren vereinzelt Gute Hoffnung(4000 M) bei bis zu 350 M niedrigeren Kursen im Verkehr. Die übrigen Werte blieben umsatzlos, waren jedoch mit billigeren Preisen zu hören. Am Terminmarkte wurden von der schwachen Tendenz Kaliwerte besonders betrofsen. Es fielen Salzdetsurth von 407½ auf 382½, Aschersleben von 222 auf 206, Wintershall von 201½ auf 188 Prozent. Aber auch Rheinische Braunkohle(214½ nach 228½ Prozent), Rheinisch=Westfälische Eletrizität 170½ nach 176½ Prozent) und Feldmühle(160 nach 166 Prozent) wurden stärker in Mitleidenschaft gezogen. Sogar Montanwerte erlitten Verluste von bis zu 6 Prozent. Was hören wir im Rundfunk? Samstag, den 21. Juni 1930. 06,45: Leibesübungen. 07,00: Wettervorhersage. 07,05: Morgenkonzert. 07,30: Brunnenkonzert aus Bad Oeynhausen. 10,10: Schallplattenkonzert. 11,20: Schulfunk. 12,10: Mechanische Musik. 13,05: Mittagskonzert. 15,00: Kinderspielstunde. 15,45: Grundlagen der Funktechnik. 16,05: Frauenstunde. 16,30: Wandern und Reisen durch die Zentraleifel. 17,00: Englisch. 17,30: Vesperkonzert. 18,30: Wirtschaftpolitische Umschau. 18,45: Mitteilungen. 19,15: Die Stunde des Arbeiters. 19,40: Der rheinische Lebensraum. 20,00: Lustiger Abend. Anschließend letzte Meldungen, Bericht über das geistige Leben, Sportdienst. Anschließend bis 01,00: Nachtmusik und Tanz. Kannst Du heiter sein, wenn Waschtag ist? Der Waschtag bringt fast in allen Familien Krisenstimmung mit sich. Welcher Mann wüßte das nicht! So war es.— Heute aber weiß die Hausfrau:„Weich ein mit Dr. Thompsons Schwan— die halbe Arbeit ist getan.“ Sie hat tatsächlich nur die halbe Arbeit, wenn sie ihre Wäsche abends in Dr. Thompsons SchwanSeifenpulver einsetzt, nachts ziehen läßt und morgens ein Viertel=Stündchen in Ozonil kocht. Zum Bleichen oder zum Entfernen von Flecken wird dem letzten Aufspülwasser Seifix(das vorzügliche Bleichmittel) zugesetzt und fertig ist die Arbeit. Schneeweiße, frischdustende Wäsche ist der Erfolg. Schnell ist das Haus in Ordnung, der Mann findet alles so, als wenn kein Waschtag wäre. Jetzt ist„er“ und„sie" auch am Waschtag froh und wohl gestimmt. Verantwortlich für Lokales, Kommunalpolstik, Feuilleton, Provinzielles, Gerichtssaal u. Sport Haus Eberhard Lex. Schwerte. X Statt besonderer Anzeige. Es ist bestimmt in Gottes Rat, Daß man vom Liebsten was man hat. Mus schelden Dem Herrn über Leben und Tod hat es gefallen heute mittag 12½ Uhr meinen innigstgeliebten Mann, unsern treusorgenden Vater, Schwiegervater, Bruder, Schwager und Onkel Zugführer Priedrich-Schurman im Alter von 51 jahren, infolge Unglücksfalles, in ein besseres jenseits abzurufen. In tiefem Schmerz: Minna Schürmann geb. Hölken Mimi Schürmann Hedwig Schürmann Holzen bei Schwerte, den 19. Juni 1930. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 22. Juni 1930, nachm. ½4 Uhr, vom Trauerhause, Paulinenstr. 10, aus statt. Hausandacht ½ Stunde vorher. Der Verstorbene war Mitglied des Eisenbahn- und Fahrbeamten-Vereins. Während der Ferien brauchen Sie die Lektüre nicht zu entbehren. Geben Sie uns bitte, bevor Sie verreisen, Ihre Ferienadresse auf, damit wir Ihnen die Schwerter Zeitung täglich pünktlich nachsenden können. Bei wechselnder Reise=Adresse oder kürzerem Aufenthalt als 14 Tage empfiehlt sich die Nachsendung unter Streifband. Bei länger als 14tägigem Aufenthalt in einem Orte ist es angebracht, die Schwerter Zeitung vier Tage vor der Abreise in unserer Geschäftsstelle umzubestellen. Bedienen Sie sich hierfür bitte des nachstehenden Formulares. Für die Nachsendung werden von uns nur die entstandenen Postgebühren berechnet. Leser, die die Schwerter Zeitung durch die Post beziehen, müssen die Nachsendung vor Antritt der Reise beim Postamt ihres Wohnortes unter Beifügung von 50 Pfennig Ueberweisungsgebühr beantragen(Formulare hierfür werden vom Postamt unentgeltlich abgegeben). Die Rücküberweisung ist kostenlos und muß 2 Tage vor der Heimreise beim letzten Aufenthaltspostamte, also nicht beim Verlag, beantragt werden. Das Heimatblatt darf auch in der entlegensten Sommerfrische nicht fehlen. Verlag der Schwerter Zeitung Hier abtrennen! An den Verlag Schwerter Zeitung (Vertriebsabteilung) Schwerte(Ruhr) Ich bitte, mir die Schwerter Zeitung vom Ots Rac (Postanstalt Stralle oder nähere Adresse: unter Streifband— durch den Postzeitungsdienst nachzusenden. (O 1930 . StTdl)e— *) Nichtgewünschtes durchstreichen. Del dieser Eihe leichte Sommerkleidung: Waschjoppen, Lüster- und Tussorjoppen, Tennishosen U. s. W. in allen Größen und Ausführungen Für die Jugend: Waschblusen und Anzüge Sporthemnden und Hosen Ledersportgürtel in größter Auswahl billig- wie immer. 44 Freischütz Sonntag, den 22. Juni im Festsanl Gutenbergfest des Buchdrucker-Verbandes Dortmund. Garten und Gesellschaftszimmer sind frei! Suche evangl. 2400 Marusen aus guter Familie, nicht unter 20 jahren. Persönliche Vorstellung erbeten. Erholungsheim und Kaffeewirschaft Wiegold, Villigst Guter, weiß emailliert. Kerd billig zu verkaufen.? 9# Zu erfragen in der Exped, dieser Zeitung. Wachsamer, guter Schaferhund zu verkaufen. E. Homel o. h. 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Die Regierung hat offizielle Feierlichkeiten versprochen, das ganze Land(es ist so groß wie Deutschland südlich des Mains, hat aber knapp hunderttausend Einwohner!) rüstet dazu, und Reykjavik, die Hauptstadt Islands, erwartet den Strom der Globetrotter, die durch die Feiertagsgeste des Landes herangelockt, sich auch einmal in die Regionen des Eises und„des großen weißen Schweigens" verlaufen wollen. Die Gründung des Isländischen Freistaates fällt in das Jahr 930 und ist aufs engste mit jenem gewaltigen Aufschwung verbunden, den der nordgermanische, also skandinavische Kulturkreis in jenen altersgrauen Tagen überhaupt erfahren hat. Es ist die Zeit, da der Schwedenhäuptling Rurik Rußland beherrschte, die Wikinger die französischen Küstengebiete(Normandie!) und die Insel des heutigen Großbritannien erorberten. Auf einer dieser kühnen und wilden Eroberungsfahrten wurde Island zwar nicht neu entdeckt, aber doch wieder einmal berühmt und von der Existenz dieses etwas abliegenden Landes Kenntnis genommen. Zwar war es unwirtlich und nur von ein paar weltfremden irischen Mönchen besiedelt, die bis hier hinauf den menschlichen Verführungen entflohen waren. Da man günstigeren Boden in Fülle erst eben frisch erobert hatte, ließ man das„Eisland“, wie die Wikinger es geringschätzig nannten, vorerst außer acht. Erst als um das Jahr 872 in Norwegen unter Harald ein absolutistisches Regiment eingeführt werden sollte und sich viele Männer, besonders die Adligen des Landes, dagegen auflehnten und schließlich nach dem Scheitern des Widerstandes gegen den Diktator bei ihnen der Plan auftauchte, eher die Heimat zu verlassen, als sich demütigen lassen, erst jetzt rückte Island in den Mittelpunkt der Ereignisse dieser Tage. Es wurde das Ziel der norwegischen Freiheitskämpfer und Auswanderer! Die Geschicht: der Besiedlung Islands wird uns in einem alten Buche, das um das Jahr 1300 niedergeschrieben wurde, berichtet. Es trägt den klangvollen Namen„Landnama“ und ist die Chronik der ersten Siedler, der Landnehmer. In ihnen wird uns besonders von zwei Männern erzählt, Ingolf und Skillagrim, denen vor anderen der Ruhm gebührt, Gründer des neuen Island gewesen zu sein. Es vergehen Jahrzehnte, bis aus dem wahl= und planlos Zusammengelaufenen eine staatliche Gemeinschaft werden kann. Sie alle haben aus der Heimat einen Haß gegen jede Obrigkeit mitgebracht, und nur schwer setzt sch der Gedanke des isländischen Freistaates in diesen nordischeigenbrötlerischen Köpfen durch. Nach dem Vorbilde dei norwegischen Heimat wird von Ulfjot ein Gesetzbuch ausgearbeitet und nach dessen Fertigstellung im Jahre 1930 das Allthing (ein noch heute gebräuchlicher Name für die oberste isländische Gerichtsinstanz!) einberufen. Allsommerlich kommen nun die Isländer, es mögen in jener Zeit, wie aus dem Sagas zu schließen ist, rund ein halbes Hunderttausend sein, in der Felsenlandschaft von Thingvöll (westlich von Reykjavik und nahe den berühmten Geisern) zusammen, um den Richterspruch zu vernehmen Doch ist sowohl die Autorität des Richters als auch des um 1000 herum angenommenen Christentums nicht stark genug, um den alten Sitten von Blutrache und Zweikampf ein Ende zu machen. Die Rauflust, dieses echte Wikinger=Erbe, ist zu groß und tief eingepflanzt, um sich durch ein Gesetz verbieten zu lassen. Innere Streitigkeiten, Familienfehden bleiben in diesem Lande an der Tagesordnung und zerstören schon im Keim jeden Ansatz zu einer großen Geschichte. Es ist, als wenn dieses gewiß nicht unsähige, nicht müde Volk sich damit hat bescheiden müssen, in der Weltgeschichte nur als Schöpfer des großen Eddaliedes genannt zu werden, daß die alten Isländer nur als die begeisterten Sänger von großer Männer Taten gelten sollen. Schon seit 1262 verliert es seine Unabhängigkeit wieder an den Mutterstaat Norwegen. Seuchen und durch die Vulkanausbrüche entstandene Hungersnöte bedrohten lange Zeiten hindurch ernsthaft den wirtschaftlichen Bestand des Landes. Um 1380 fällt es im Verein mit Norwegen an die Dänen, wird Beute einer skrupellosen Monopolwirtschaft, die auch die letzten Kräfte noch aus dem Lande heraus zu pumpen scheint. Erst in unseren Tagen ist Island, seit der Bundesgesetzgebung aus dem November 1918, ein freier, nur durch Personalunion an das Königreich Dänemart gebundener Staat geworden. Die Ein Einblick in das russische Konzessionswesen. Von Pawel Pawlow. Die Sowjet=Presse gibt von Zeit zu Zeit kurze Nachrichten über fabelhafte Gewinne bekannt, die in den Konzessionen erzielt werden. Kein Wunder, daß sich immer wieder Wagemutige finden, die gar zu gern gewillt sind, Konzessionen in Rußland zu erwerben. Es dürfte wohl nicht allgemein bekannt sein, daß von den 64 Konzessionen, die Rußland Anfang dieses Jahres erteilte, der größte Teil— nämlich 12— an Deutschland fiel. Auch die Einteilung dieser Konzessionen ist nicht ohne Interesse, die wichtigsten sind 13 Bergwerks=Unternehmen, 6 Transport=, 5 landwirtschaftliche, 6 Handels= und 12 Bau=Unternehmen. Davon gehören 22 der verarbeitenden Industrie an. Das gesamte in diesen Konzessionen angelegte Auslandskapital beträgt etwa 80 Millionen Mark. Trotz aller, von der Sowjetpresse verkündeten Riesengewinne sickern doch von Zeit zu Zeit Nachrichten über Reibungen zwischen den Konzessionären und der Sowjet=Regierung durch. Es kommt dann wie im Falle der LenaGoldfelder=Konzession zu Konflikten, die nur ein Schiedsgericht aus Sachverständigen von Weltruf in wahrhaft gerechter Weise zu lösen vermag. Ungeachtet der vorher geäußerten Bereitwilligkeit, das Schiedsgericht anzurufen, erklärte die Sowjet=Regierung eines schönen Tages kurzerhand, den Spruch der Schiedsrich= ter nicht anerkennen zu wollen, und machte damit eine gerechte Lösung dieser Frage zur Unmöglichkeit. Auf welche Weise nun dieser Konflikt beigelegt werden soll, ist schwer zu sagen. Von Interesse dürfte es aber sein, sich einmal mit dem russischen Konzessionswesen etwas eingehender zu befassen. Dazu sollen beifolgende Angaben eines im russischen Bergbau erfahrenen Spezialisten dienen, der längere Zeit dem Zentral=Wirtschafts=Rat in Moskau angehörte und besonders mit der Konzessionsfrage vertraut ist. Alles was hier über die Lena=Goldfelder gesagt wird, gilt mit einigen Ausnahmen für die meisten Bergwerkskonzessionen in Rußland. Die große Entfernung von der Bahnlinie sowie die klimatischen Verhältnisse haben zur Folge, daß die Lena=Goldfelder nur einmal im Jahre mit allen Notwendigkeiten versehen werden. Hierzu gehören außer der Verpflegung und Bekleidung für Arbeiter und Beamtenschaft alle die technischen Dinge, Maschinenteile, Motoren usw. In den Jahren des Kriegskommunismus wurden diese Lager von den Arbeitern gründlich geplündert. Da es an den nötigen Maschinen fehlte, mußte der Betrieb still gelegt werden und geriet langsam in Verfall. Eine Möglichkeit, diese wertvollen Maschinen zu erneuern, bestand nicht, da es diese im Lande nicht gab und die Einfuhr ausländischer Waren verboten war. Endlich gegen Ende 1921 beschlossen die Sowjets, die vollständig in Verfall geratene Industrie wieder aufzubauen. Um das noch im Lande verbliebene Unternehmertum heranzuziehen, schuf Lenin den Nep(Neue=Wirtschaft=Politik). Alles wurde vertrustet, auch die Lena=Goldfelder. Dieser Trust erhielt von der Regierung kostenfrei das ganze übrig gebliebene Inventar von den früheren Lena=Gruben und eine Dotation von 5 Millionen Sowjet=Rubeln, die damals den Wert von etwa einer Million Zarenrubel hatten. Zum Direktor wurde Genosse Ignatiew ernannt, zwar kein Fachmann, aber ein sehr rühriger Parteimann. Von Bergbau und Goldgewinnung hatte er keine Ahnung. Dafür stand ein Stab von Ingenieuren und Technikern zu seiner Versügung. Nachdem also die Maschinen, so gut es eben ging, repariert und einige tausend Arbeiter angeworben waren, konnte die Ausbeute beginnen. Obwohl die Gruben in der ersten Zeit eine verhältnismäßig gute Ausbeute hergaben, merkten die Fachleute doch bald, daß der Goldbestand in den einzelnen Abschnitten schnell abnahm. Gegen Ende des Jahres stellte sich heraus, daß die gewonnene Goldmenge die hohen Betriebskosten nicht mehr deckte. Bevor man jedoch still legte, wurde eine Umfrage bei den alten Ingenieuren der Lenagruben gehalten. Das Ergebnis war die Feststellung, daß es infolge Raubbaus in der oberen Bodenschicht kein Gold mehr gab. Als einziges Mittel, die Ertragsfähigkeit der Gruben zu erhalten, wurde von den Ingenieuren das sogenannte Drague=System(Baggerung) empfohlen, da, wie sie meinten, in der unteren Bodenschicht noch reichlich Gold vorhanden sei. Nach genauer Berechnung mit Heranziehung ausländischer Sachverständiger ergab sich, daß die Einführung der Bagger mit den dazu gehörigen Kraftstationen alles in allem etwa 5 Millionen Dollar kosten würde. Auf eine Anfrage in Moskau erklärte der„Narkomfin“(Finanzkommissar), diese Ausgabe sei für das Reich untragbar, und er empfahl, die LenaGoldfelder einem ausländischen Konsortium in Form einer Konzession anzubieten Nach vieler vergeblichen Versuchen gelang es Krassin endlich, dank seinen Vorkriegsbeziehungen eine englische Kapitalisten=Gruppe für die Sache zu interessieren. Da durch die lange Mißwirtschaft die Konzession notorisch unrentabel geworden war, mußten die Russen sich dazu bequemen, außer den Lena=Goldfeldern den Engländern noch einige andere sehr wertvolle Gruben im Ural zu überlassen. Die Briten verpflichteten sich, die Lena=Gruben mit modernen BaggerAnlagen zu versehen, erhielten dafür aber das Recht, einen Teil des gewonnenen Goldes nach England ausführen zu dürfen. Unter englischer Bewirtschaftung erhöhte sich in den folgenden Jahren die Ausbeute an Gold ganz beträchtlich. Je mehr nun die Ausbeute an Gold sich besserte desto mehr bemühte sich die Sowjet=Regierung, den Konzessionären Schwierigkeiten zu bereiten, sei es durch Gefangensetzung der leitenden Ingenieure, die man der Betriebsspionage zugunsten ausländischer Macht bezichtigte, sei es durch widerrechtliche Konfiskation und Stillegungen, so daß die Engländer sich gezwungen sahen, die Sache einem mit Genehmigung der Sowjet=Behörden einberufenen Schiedsgericht zu unterbreiten. Die Verhandlungen dieses Schiedsgerichts sind durch die Tagespresse gegangen und daher allgemein bekannt. Ebenso die Weigerung der Sowjets, den Spruch dieses Schiedsgerichts anzuerkennen. Der ganze Vorgang aber dürfte als Warnung dienen für die jetzigen Konzessionäre und für solche, die es noch werden wollen. Roman von Pankraz Schuk 13. Fortsetzung. Nachdruck verboten. „Mien, wenn da etwas zu machen wär! Daß die Feuerwehr eine neue Spritze bekommt, daß hie und da eine neue Bank aufgestellt wird, das ist alles, um das die Herren vom Verschönerungsverein sich kümmern.“ Fritz Grössing schlürfte seinen Kaffee. „Dann werde ich etwas unternehmen", meinte er,„und den Herren zeigen, daß man auch mit bescheidenen Mitteln etwas erreichen kann. Ja, ja, Frau Baumann, ich werde etwas unternehmen“, wiederholte er, als er den verwunderten Blick merkte, den sie ihm ob solcher Worte gab. Fritz Grössing verabschiedete sich und verließ wieder die Gaststube. Schlug den Weg ein, der durch blühenden Wieswuchs und dann mit dem Wildbach, der irgendwo in den Bergen entsprang und seine silberklaren Wasser der Ebene zuführte. Dann durch die Straße mit den uralten Eichen, die ihn heimbrachte. Das Schlössel lag wie ausgestorben, heute wie gestern, wie die ganzen Tage, die er schon hier verweilte. Er wunderte sich nicht mehr darüber. In den ersten Tagen, ja, fürwahr, da war es ihm recht sonderbar vorgekommen, und fast hätte ihm dieser Umstand alle Freude an seinem Verweilen in diesem Hause vergällt. Nur war er es aber schon gewöhnt, weder den Oberst noch seine Tochter vor die Blicke zu bekommen, gerade hin und wieder das Mädchen: die Marie. Ob es ihn aber auch gleichgültig ließ, daß sie ihn, er mußte es glauben, mit Absicht mieden? An dem Tage, als er hierherkam und Hildens wundersame Anmut an seinem Herzen rührte wie ein ihm jäh zuteil gewordenes wertvolles Geschenk, da stiegen Gedanken in seiner Seele auf, die in die Tat umzusetzen sein fester Wille war. Da blühte etwas auf in ihm, von dem er glaubte, daß es die Häßlichkeiten des Lebens schon längst erstickt hätten— die Freude an einer reinen Mädchenblüte— und der Erschluß machte ihn damals froh, in all den Tagen, die einen Sommer lang kommen und gehen würden, in Hildens Nähe zu sein und von ihrem Liebreiz seinen Teil zu nehmen. Es war, wenigsten bisher, nicht eingetroffen, was der Traum seiner Seele war. Und es war auch gut, daß Fritz Grössing keine Zeit fand, vielleicht einem hin und wieder auftauchenden Gedanken nachzuhängen: die Schönheiten von Wildeneichens Umgebung nahmen ihn in ihre Arme und öffneten seinen Blicken eine Welt, die ihm bisher unbekannt war. Jeden Tag war er aus, sich ein Stückchen dieser Landschaft einzufangen, und jeden Tag war ihm darüber, als würde auch sein innerer Mensch reicher und reiner, als löse sich etwas Häßliches von ihm, das ihn lange umzwungen hatte. Aber nicht nur der Landschaft trug Fritz Grössing sein Herz entgegen. Auch den Menschen, mit denen er bisher bekannt geworden war, schenkte er seine Freundschaft und Vertrauen. Täglich kam er zum Abendschoppen in den „Schwarzen Adler“, und sie alle, die dort um diese Zeit zuzukehren pflegten, wurden ihm so sehr sympathisch, wie ja auch sie ihm ohne Zweifel herzlich zugetan wurden; Förster Weiser hatte es sich sogar nicht nehmen lassen, ihm schon am dritten Abend das Du=Wort anzutragen und ihm den Bruderkuß zu geben. Auch die Aufnahme, die er im Hause Doktor Hellmers gefunden, als er dort seine Aufwartung machte, hatte ihn überaus freudig berührt. Die herzliche Aufnahme bei Menschen, die ihm bislang fremd gewesen, und seine Hingabe an die Landschaft, die sich ihm täglich in neuen Schönheiten darbot, ließen in ihm den Gedanken nicht vertiefen, daß es hier auch zwei Menschen gab, die ihn mieden, ließen ihn auch vergessen, sich auch ein klein wenig in dem umzutun, was sein Eigentum war. Außer den zwei Stuben, die ihm Oberst Reimann erst nach langen Verhandlungen mit seinem Hausverwalter zur Verfügung stellte, kannte er von seinem Besitz nichts, rein nichts, obwohl es in dem alten Bau allerhand zu sehen gab, und der Park, der sich hinter dem Schlössel dehnte, durch seine eigentümliche Schönheiten den Neid von vielen schon herausgefordert hatte. Fritz Grössing stieg die Stufen zu seinen Zimmern empor. Der heutige Ausflug hatte ihn müde gemacht. Kein Wunder, denn die zehn Stunden, die er durch das Hügel= und Waldgewirre von Wildeneichens Umgebung gewandert war, hätten auch einen, der ans Wandern schon gewöhnt war, müde machen müssen. Als er in das Zimmer trat, fiel sein erster Blick auf den Blumenstrauß, der in einer schlanken Vase auf seinem Tische stand. Es war heute zum drittenmal, daß Blumen in sein Zimmer gebracht worden waren. Er hatte diesem Umstand bisher keine größere Aufmerksamkeit geschenkt, heute aber fiel ihm dies sofort auf und es war ihm darüber, als müsse er länger vor diesen duftigen Dingern stehen und sich in ihrem Anblick versenken. Ob die Blumen von Hildens Hand gepflückt und hierher gestellt wurden, und ihm dann eine kleine Freude bereiten, dachte er. Fritz Grössing kam nicht dazu, diesem Gedanken weiter nachzuhängen, denn ein etwas energisches Klopfen an der Tür riß ihn auseinander. „Herein!“ Doktor Hellmer trat ein. „Muß ich Sie doch einmal in Ihrem Dachsbau aufsuchen, wenn ich schon in Ihrer unmittelbaren Nähe zu tun habe.“ „In meiner unmittelbaren Nähe?" fragte Grössing und bot Hellmer einen der altmodischen Polsterstühle an.„Sie werden doch nicht etwa bei Oberst Reimann oder seiner Tochter zu tun gehabt haben?" „Das hab' ich. Wohl nicht bei se'n:: Tochter, aber bei ihm selbst.“ „Ist Oberst Reimann krank?“ „Er ist in den letzten zwei Jahren eigentlich nie recht gesund gewesen. Das Herz macht ihm viel zu schaffen. Wird sich leider nicht mehr viel machen lassen. Schade um ihn.“ Um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, fragte er:„Sagen Sie einmal, wie stehen Sie mit dem Oberst Reimann? Wie mir vorkommen will, war er ja ein heftiger Gegner Ihrer Person und Ihr Verwalter mußte mit ihm fast raufen, bis er Ihnen die zwei Zimmer hier abtrat. War es nicht so?“ „Es war so und er wird jedenfalls noch heute mein Gegner sein, obwohl ich mir nicht bewußt bin, ihm irgenwie im Wege zu stehen: Wir sind uns nämlich die zwei Wochen, die ich hier bin, noch kein einzigesmal begegnet.“ „Ist das möglich?“ erstaunte Hellmer.„Nun, das sieht ihm ähnlich. Also, man hat mich gerufen, weil sich wieder einer jener Anfälle bei ihm eingestellt hat, wie ihn solche in den letzten Monaten schon mehrere gepackt haben. Waß es wieder gegeben, was ihn hingeworsen hat, weiß ich nicht. Ihnen kann ich es aber anvertrauen, Herr Kollege, den nächsten Anfall hält sein Herz nicht mehr aus.“ „Das ist jedenfalls bedauerlich". „Höchst bedauerlich für sein Mädel, die Hilde. Die tut mir aufrichtig leid. Apropos, und was auch der Grund ist, weshalb ich Sie aussuchte: Sie kommen, ja heute in den„Schwarzen Adler“? Es gilt einen Beschluß zu fassen, wie wir den dreißigjährigen Bestand unserer Feuerwehr am schönsten begehen können.“ „Und was hat das mit meiner Anwesenheit im„Schwarzen Adler“ zu tun?“ „Na, hören Sie mal! Als ob Sie während der kurzen Zeit, die Sie hier sind, nicht schon einer der unsern geworden wären! Als ob nicht schon Ihre Pflicht und Schuldigkeit wäre, dabei mitzutun und— wenn ich ganz offen sein will— dazu auch etwas tieser als bei einer anderen Gelegenheit in den Sack zu greisen!“ Fortsetzung folgt Sommerbild Schwerte, den 20. Juni 1930. Nun sind die Blüten der Kastanien erloschen. Schon stehen die ersten kleinen Früchte auf den Ständern. Auch der Rotdorn und der leuchtende Goldregen, sie haben über Nacht an Glanz und Farbe, an Leuchtkraft und Schönheit verloren und fangen an, unansehnlich und blind zu werden. Aber der Sommer ist unerschöpflich. Indem er nimmt, streut er aus seinem Füllhorn neue Gaben. Und so stehen denn die Holunderbäume über und über bedeckt mit ihren gelbweißen Blütentellern, und an den milden Abenden strömt der Duft ihrer Blüten weithin durch die Lüfte. In den Gärten ist die Schwertlilie, die nur da und dort noch in einigen schönen Stükken ihre aparte Schönheit offenbart, abgelöst worden durch die üppig blühende Lupine, die sich wie von selbst zu prächtigen, hochaufstrebenden Sträußen zusammenfindet. Und dort drüben in der Hecke brechen gar am Jasminstrauch, der sonst oft erst ausgangs Juni zum Blühen kommt, die ersten schneeweißen Blüten auf, denen ein so eigenartig süßer Duft zu eigen ist. Auf den Wiesen ist die Heuernte im Gange. Sausend fährt die Sense des Schnitters durch das Blumen= und Gräserfeld des üppig sprossenden Resens, Rechen und Wender fahren hurtig über das im Sonnenbrand trocknende Heu hinweg, und hochbeladen schwanken große Fuhren duftenden Heues gegen die Dörfer. Wie mild, wie poetisch und träumerisch, wie träumerisch, wie geheimnisvoll ist jetzt der Abend! Das Glühwürmchen schwärmt und trägt sein grünes Laternchen durch das Dunkel der Nacht. Ganz von fern her tönt leise ein sehnsuchtsvolles Lied, das von der Liebsten singt, von roten Rosen und von Glück und Freuden... Gedenktage. 20. Juni: 1520 Luthers Brief an den deutschen Adel erscheint.— 1620 Sieg Tillys über Herzog Christian von Braunschweig bei Höchst. — 1827 Der Theologe Bernhard Weiß in Königsberg geboren(gestorben 1918).— 1849 Der Dichter Franz von Schönthan in Wien geboren (gestorben 1913).— 1868 Der Maler und Architekt Richard Riemerschmid in München geboren.— Der Schriftsteller Walter Bloem in Elberfeld geboren.— 1918 Der Dichter Hermann Essig in Lichterfelde gestorben(geboren 1878).— Der Staatsrechtslehrer Robert Piloty in Würzburg gestorben(geboren 1864). Wetterbericht der Wetterwarte Essen vom 19. Juli 1930. Das Hochdruckgebiet über Südskandinavien hat sich weiter verflacht und südostwärts verlagert, während das Tiefdruckgebiet über Großbritannien nur wenig weiter vorgedrungen ist. In Deutschland dauert das trockene, heitere und warme Wetter fort. Die heutigen Morgentemperaturen lagen zwischen 16 und 22 Grad. Der Kahle Asten hatte leichten Ostwind, heiteres Wetter und 19 Grad. Aussichten bis Samstag: Meist trocken, heiter und warm, stellenweise leichte Gewitterneigung. X Angefahren. Auf der Hörderstraße wurde gestern nachmittag unweit der Wirtschaft Breuker, ein aus Berghofen stammender älterer Mann von einem Motorradfahrer angefahren. Der alte Mann wurde zu Bode geschleudert u. erlitt an Kopf Kopf und Schulter derart schwere Verletzungen, daß er nach hier zum Arzt gebracht werden mußte. Zusammenstoß. Gestern morgen gegen 9,30 Uhr stießen in der Ostbergerstraße in der Nähe des Tunnels ein Omnibus und ein Motorradfahrer zusammen. Der Motorradfahrer erlitt hierbei unerhebliche Verletzungen. + Schwerer Unfall auf dem Schwerter Bahnhof. Gestern vormittag ereignete sich auf dem Bahnhof Schwerte ein schwerer Unfall, der leider einem Menschen das Leben kostete. Der Zugführer Friedrich Schürmann, wohnhaft Holzen, Paulinenstraße 10, ein durchaus pflichttreuer Beamter, wurde gestern vormittag 10,45 Uhr nach Beendigung des Dienstes, als er sich von dem eingebrachten Zuge zum Aufenthaltsraum begeben wollte, von einer allein fahrenden Lokomotive erfaßt und zur Seite geschleudert. Schürmann erlitt schwere Kopfverletzungen und wurde sogleich in hoffnungslosem Zustande zum evgl. Krankenhaus transportiert, wo er kurz darauf, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben, gestorben ist. Der so jäh aus dem Leben Geschiedene stand im 51. Lebensjahr und hinterläßt Frau und 2 Kinder, die an seiner Bahre trauern. Man bringt den Hinterbliebenen allseits herzliche Teilnahme entgegen. Der übliche Verkehrsunfall in der Ostenstraße. Es ist zur Genüge bekannt, daß die Ostenstraße in unserer Stadt zu eine der verkehrsreichsten aber auch unfallreichsten Straße zählt und besonders in der letzten Zeit ist letzteres stark in Erscheinung getreten. Man muß sich wundern, daß die bisherigen Unfälle noch einigermaßen glimpflich abgelaufen sind. Einmal sind die entstehenden Unfälle auf die zahlreichen Verkehrshindernisse in dieser Straße zurückzuführen und zum andern auf das oft übermäßig schnelle Fahrtempo der Kraftwagen,die selbst an den Straßenkreuzungen nicht langsamer fahren und von ihren Fahrern nicht abgestoppt werden. Gestern ereignete sich erneut ein Verkehrsunfall und zwar an der Ostenstraße Ecke Hellpothstraße. Der Bäckermeister Cordes stand gegen 12 Uhr auf einem Heuwagen und hatte Heu abgeladen, als aus der Richtung Schützenstraße der Personenkraftwagen des Kaufmanns Budde herankam. Als sich dieser in der Nähe der Besitzung Cordes befand, bog plötzlich ein Lastwagen aus der Hellpothstraße in die Ostenstraße ein, der zur Schützenstraße fahren wollte. Durch die Unübersichtlichlichkeit dieser Straßenecke, hervorgerufen durch das Tomczak'sche Haus, wurde wahrscheinlich der Lastwagen von dem Personenauto zu spät bemerkt. Letzterer steuerte stark nach links und fuhr mit Heftigkeit gegen den Heuwagen, diesen mit dem Kühler hochhebend. Cordes wurde durch den Stoß vom Wagen auf das Straßenpflaster geschleudert und erlitt stark blutende Gesichtsverletzungen, vor allem ist das rechte Auge durch den Sturz stark mitgenommen worden. C. wurde besinnungslos in das Haus getragen und mußte ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Während das Personenauto mit geringen Schäden davon kam, wurde der Heuwagen erheblich zugerichtet.— Auch das Tomczak'sche Haus bildet ein Verkehrshindernis übler Art; für eine bessere Uebersicht dieser Srtaßenecke sollte man Sorge tragen, damit weitere und schlimmere Unglücksfälle vermieden werden. An die Kraftwagenführer sei die Mahnung gerichtet: Fahrt in den Straßen der Stadt langsamer und seid an den Wegkreuzungen und Straßenecken besonders vorsichtig.— Die Anbringung eines Warnungszeichens am Tomczak'schen Hause erscheint uns ebenfalls angebracht. - S. G. V. Abteilung Schwerte. Am Freitag, den 20. Juni 1930 findet eine Abendwanderung zum Schwerter Wald statt. Treffpunkt: 8 Uhr am neuen Rathaus. Führer: Herr Reinhard Scherff. Frisch auf! X Aus der katholischen Gemeinde. Die Sprechstunden der Fürsorgerin Frl. Sommer, deren Geschäftszimmer sich bekanntlich in der Handarbeitsschule an der Haselackstraße befindet, sind nicht mehr vormittags, sondern nachmittags von 3 bis 6 Uhr. Verding. Der Eisenbahn=Bauverein e. G. m. b. H. erläßt in unserem heutigen Inseratenteil ein Verding, wonach die Ausführung der Klempner=, Dachdecker=, Installations= und elektrischen Installationsarbeiten zur Errichtung von 58 Wohnungen in mehreren Losen vergeben werden soll.(s. Inserat). Wildfang durch Schlingenlegen. Eine der gemeinsten Arten der Wilddieberei ist das Schlingenlegen. Unendliche Qualen werden häufig dem armen Wilde zugefügt, bis es endlich dem elenden Drahte zum Opfer fällt. Das Schlingenlegen ist deshalb gesetzlich verboten, natürlich auch dem Jagdberechtigten(§ 41 J. O.), gleichgültig, ob es sich um jagdbares Wild handelt oder um Kaninchen. Werden die Schlingen zum Fangen von jagdbarem Wild benutzt, so liegt Jagdvergehen unter erschwerenden Umständen vor, das Wilddieben mit Schlingen wird also schwerer bestraft, als solches mit Gewehr. Die Tat ist bereits vollendet, wenn jemand beim Stellen von Schlingen betroffen wird, es braucht sich also noch kein Wild gefangen zu haben. Wird jemand mit fertigen Schlingen an einem zum Stellen derselben geeigneten Ort betroffen, so kann er schon wegen Jagdübertretung(§ 368 10 St. G. B.) bestraft werden. - Vorsicht bei Päckchensendungen. Die Post klagt darüber, daß jetzt häufig Päckchen mit Gegenständen aufgeliefert werden, die unter dem Einfluß der Wärme leicht verderben oder Flüssigkeiten absetzen, wodurch andere Sendungen beschmutzt werden. Für die Absender können daraus leicht Weiterungen und Ersatzverbindlichkeiten entstehen. Die Post ist auch berechtigt, derartige Sendungen von der Beförderung auszuschließen. Es empfiehlt sich daher, solche Gegenstände, wie Früchte, Beeren, Butter und andere leicht schmelzende Fette in der heißen Jahreszeit in Päckchen nicht zu versenden.. Auch zu anderer Zeit ist es ratsam, eine Verpackung anzuwenden, bei der der Inhalt so gesichert ist, daß eine Beschädigung anderer Sendungen nicht vorkommen kann. - Erleichterungen im Paketverkehr nach dem Auslande. Vom 1. Juli an ist es im Verkehr mit Belgien, Dänemark, Freie Stadt Danzig, Frankreich Großbritannien und Nordirland, Litauen, Norwegen, Schweden, Tschechoslowakei und Ungarn gestattet, auch zwei oder drei gewöhnliche, an denselben Empfänger gerichtete Pakete mit einer Paketkarte zu versenden. Die Angaben in der Zollinhaltserklärung sind möglichst für jedes einzelne Paket getrennt einzutragen. Landkreis Iserlohn Krüppelschau. Für den Bezirk der Kreisgesundheitsfürsorgestelle Schwerte(umfassend den Stadtbezirk Schwerte, die Amtsbezirke Westhofen u. Ergste) findet die diesjährige Krüppelschau für den Stadtbezirk Schwerte, Amtsbezirk Ergste,(mit Ausnahme der Gemeinde Berchum) und aus dem Amtsbezirk Westhofen für die Gemeinden Lichtendorf, Geisecke und Villigst am Freitag, den 27. Juni 1930, vormittags 8,30—1 Uhr in Schwerte, Kampstraße(Sparkassengebäude) in den Räumen der Säuglingsfürsorge, für den Amtsbezirk Westhofen(mit Ausnahme der Gemeinden Lichtendorf, Geisecke und Villigst) am Freitag, den 27. Juni 1930, nachmittags 3—7 Uhr in Westhofen, Bruchstraße 3(evangl. Gemeindehaus) statt. Amt Westhofen Holzen. Unfall. Gestern vormittag erlitt ein hiesiger Bewohner beim Mähen seiner Wiese einen bedauerlichen Unfall. Er war damit beschäftigt, die Sense zu schärfen, als er plötzlich ausglitt und sich eine schwere VerKrelelagesthung in Schwerte Wir werden um Aufnahme folgender Zeilen gebeten: Zum ersten Male wird die Kreistagsversammlung des Kreises Iserlohn im Schwerter Stadtverordnetensitzungssaal abgehalten. Die alten Invaliden rufen den Kreistagsabgeordneten ein herzliches Willkommen entgegen, und hoffen von ihnen, daß die Belange der Arbeitsinvaliden so gewahrt werden wie im alten Kreise Hörde. Die Unterstützungssätze und ganz besonders die Richtlinien, die der Kreisausschuß hierzu herausgegeben, lassen jeglichen sozialen Geist vermissen. Die alten notleidenden Arbeitsopfer haben sich gezwungen gesehen, den Kreisausschuß um Erhöhung der Unterstützungssätze zu bitten und hoffen auch beim Plenum ein soziales Verständnis zu finden. Nachstehendes Schreiben ging an den Kreisausschuß: Schwerte(Ruhr), den 18. 6. 30. An den Kreisausschuß des Landkreises Iserlohn zu Hd. des Herrn Landrats Dr. Loos, in Iserlohn. Der Bund christl. Arbeitsinvaliden und Witwen Deutschlands e. V., Bezirksverwaltung Westfalen I, beantragt, der Kreisausschuß wolle die Unterstützungssätze der gehobenen Fürsorge erhöhen. Begründung: Durch die Zuteilung der Stadt Schwerte zum Landkreis Iserlohn sind die Befürchtungen, welche die hiesigen Invaliden gegen die Eingemeindung gehegt haben, voll bestätigt worden. Denn, obwohl die Sätze der gehobenen Fürsorge des Landkreises Iserlohn um RMk. 6.— höher liegen wie im aufgelösten Landkreis Hörde, so ständen sich die Rentenempfänger insofern besser, als die Invalidenrente bei Berechnung der Unterstützungssätze nicht wie im Kreise Iserlohn voll, sondern nur zu ¾ in Anrechnung gebracht werden. Hierzu diene folgendes Beispiel: Der Unterstützungshöchstsatz in der gehobenen Fürsorge des Landkreises Iserlohn beträgt Mk. 72,50. Angenommen, die Invalidenrente beträgt monatlich Mk. 56.—, die Zusatzrente würde betragen, wenn Unterhaltspflichtige nicht vorhanden sind, Mk. 16,50= Mk. 72,50. Im alten Kreise Hörde betrug der Höchstunterstützungssatz 66,50(sollte aber, wenn die Eingemeindung nicht zustande kam, auf 75.— Mark erhöht werden). Die zugrunde gelegte Invalidenrente beträgt auch hier RMk. 56.—, hiervon ¾ der Invalidenrente RMk. 42.— Hierzu w. ob. der Unterstützungssatz„ 24,50 RMk. 66,50 also Mk. 8.— mehr, trotz der Iserlohner höheren Unterstützungssätze. Nun sind in den Monaten März bis Juni auf Grund der vom Kreisausschuß herausgegebenen Unterstützungsrichtsätze Abzüge von der bisher bezogenen Unterstützung gemacht worden, welche monatlich zwischen 3 bis 18 Mk. schwanken. Dies ist u. E. eine unbillige Härte, welche auch die von Not und Sorge abgestumpften Invaliden nicht ertragen können. Wir fragen den Kreisausschuß, ob er solche rigorosen Abzüge verantworten kann? Wir fragen weiter: Kann ein altes Invalidenehepaar in dieser teuren Zeit mit Mk. 72,50 Höchstunterstützung bei Zahlung einer monatlichen Miete bis zu 25.— Mk. auskommen, wenn zur Fristung des Lebens nur Mk. 47.— monatlich verbleiben? In Anbetracht der großen Notlage der Arbeitsinvaliden, bitten wir den Kreisausschuß, die Unterstützungssätze zu erhöhen und die herausgegebenen unhaltbaren Richtsätze auf ihre soziale Einstellung und Wirkung nachzuprüfen. Hochachtungsvoll: J. A.: Th. Bozetti, Bezirksleiter. „hör mit mir“ Durch den Sport kultivierte Körper— das ist heute fast eine Selbstverständlichkeit geworden. Ueberall sucht die geistig arbeitende Jugend einen Ausgleich zu schaffen in froher daseinslebender Körperbewegung. Die nächste Woche steht im Zeichen der 3. Deutschen Kampfspiele. Auch die neue Ausgabe von„hör mit mir“ bringt einige besonders interessante Bilder vom Training bekannter Sportler. Ueberhaupt ist die heute erscheinende Nummer außerordentlich vielseitig. Unsere Leser finden Bilder vom Kaiser=Wilhelm=Hafen in Hamburg, aus zoologischen Gärten, aus Marokko, aus dem Leben der Winzer, von der Jugendburg Freusburg— alte Stiche und zahlreiche Bilder der Mitwirkenden des Rundfunks. Texteinführungen und Liedertexte wechseln ab, die kleinen Rundfunknachrichten bringen alles für Rundfunkhörer Wissenswerte. Der Funkdoktor behandelt diesmal ein besonders aktuelles, viel umstrittenes Thema„Rundfunk und Straßenbahn". Die„kritischen Streiflichter“ sind wie immer lebendig und werden von jedem ernsthaften Rundfunkhörer mit Anteilnahme verfolgt. So bietet„hör mit mir“ für alles etwas, und jeder Rundfunkhörer sollte das billige Blatt halten. Anmeldungen nehmen entgegen die Zeitungsboten und die Geschäftsstelle der „Schwerter Zeitung". letzung des Oberschenkels zuzog, so daß er sofort ärztliche Hilfe, in Anspruch nehmen mußte. ! Geisecke. Zwei Todesopfer der Ruhr. In den gestrigen Nachmittagsstunden ertranken in der Ruhr wieder zwei junge Menschen. Oberhalb des Wellenbades sahen einige Personen vom Ufer aus, daß ein junger Mann untertauchte und nicht wieder an die Oberfläche kam. Nach langen Tauchversuchen gelang es schließlich, ihn leblos ans Land zu bringen. Wiederbelebungsversuche waren erfolglos. Der herbeigerufene Arzt stellte fest, daß der Tote im Wasser einen Herzschlag erlitten hatte. Es handelt sich um den 18jährigen Maurer Karl Olgemann aus Holzwickede.— Fast zur gleichen Stunde wurde gemeldet, daß unterhalb des Ohles an der schmalen Wasserwerksbrücke ein zweiter junger Mann den Tod in den Fluten gefunden habe. Auch hier waren die Versuche, den Mann durch Wiederbelebungsversuche zu retten, erfolglos. Die Personalien dieses Mannes, der aus Aplerbeck stammen soll, und die näheren Umstände des Unglücksfalles werden von der Polizei noch festgestellt. Die beiden Leichen wurden nach Schwerte in die Leichenhalle des Krankenhauses transportiert.— Im Hinblick auf die in den letzten Wochen vorgekommenen bedauerlichen Fälle kann nur geraten wurden, beim Baden in der Ruhr vorsichtig zu sein.— Es wird uns noch mitgeteilt, daß der zweite Ertrunkene der 23jährige Arbeiter Emil Voß aus Aplerbeckermark, Steilwegstr. 31, ist. Auch er hat anscheinend im Wasser einen Herzschlag erlitten und ist dann an eine tiefe Stelle abgetrieben. Das Gerücht, wonach gestern noch eine dritte Person ertrunken sei, hat sich glücklicherweise nicht bestätigt. Wohl war noch ein weiterer junger Mann beim Baden im Wellenbad in den Fluten versunken, er konnte aber schnell aus dem Wasser herausgeholt werden und bei ihm waren die Wiederbelebungsversuche von Erfolg. ! Westhofen. Wochenmarkt. Wie im Winter über allzu strengen Frost wurde gestern über die heiße Juni=Sonne auf dem Wochenmarkte viel gestöhnt. Trotzdem entwickelte sich ein ganz gutes Geschäft. Unter den Warenvorräten fielen besonders die reichen Mengen Obst auf. Kirschen und Erdbeeren sind anscheinend recht gut geraten. Neue Kartoffeln, die allmählig billiger werden, wurden schon viel gekauft. Auch Gemüse fand guten Absatz. Mäßig war das Geschäft in Fleisch= und Wurstwaren. An Blumen gab es hauptsächlich Fuchsien und Geranien. ! Westhofen. Die diesjährigen Sommerferien an den Volksschulen im Amte Westhofen sind wie folgt festgesetzt worden: letzter Schultag Mittwoch, den 30. Juli, Wiederbeginn des Unterrichts Donnerstag, den 28. August. Die Restferien von 14 Tagen werden im Herbst festgesetzt. 1 Westhofen. Waldfest der Freiwilligen Feuerwehr. Zu der vor einigen Tagen gebrachten Notiz wird uns noch mitgeteilt, daß an dem großzügig vorbereiteten Waldfest im Buchenwalde in der sogen. Bodelle am Sonntag außer der hiesigen Wehr auch benachbarte Feuerwehren teilnehmen werden. Zur Abhaltung des Tanzes wird im Walde eine große Tanzfläche gezimmert. Für den musikalischen Teil ist die Kapelle des Musikvereins Schwerte=Ost verpflichtet. Frauchen! Jetzt geht's auf die Reise, Doch stöhne nur nicht über Preise, Denn nirgends, glaub' mir, meine Werte, Ist alles preiswert wie in Schwerte. Und weißt Du noch? In Seebad Bruck, Was gab es dort für Muckefuck! Drum in den Koffer mit hinein Pack' Kaffee nur von Otto Klein. 00 K Arstliche Beiträge für Mensch und Haustier: Der Schlaf des Menschen ist hinsichtlich der Dauer ganz verschieden. Bei einem Erwachsenen ist die Durchschnittslänge etwa 7—8 Stunden(nicht weniger!), bei älteren Leuten noch geringer, während der Schlaf des Neugeborenen fast ein Dauerzustand ist. Obst und sonstige Früchte sollte jeder einzelne stets im Hause haben. Ein Apfel, abends vor dem Schlafengehen verspeist, übt auf den Magen eine wohltuende Wirkung aus. Im übrigen ist Obst, in angemessener Menge gegessen, ein gutes und gesundes Nahrungsmittel. * Bei rheumatischen Schmerzen empfiehlt es sich sehr, die schmerzenden Stellen mit Ameisenspiritus einzureiben; man tue dies möglichst dreimal am Tage. * Schweißhände behandelt man durch öfteres Einreiben mit Talg(Speckstein). Sehr zweckmäßig ist es auch, morgens und abends einen Teelöffel Seifenspiritus zwischen den Handflächen zu verreiben und während der Nacht waschlederne Handschuhe zu tragen, die man vorher inwendig mit Talgpuder bestreut hat. Die Krätze ist durchaus ansteckend. Das unerträgliche Jucken rührt von den Bewegungen der Krätzmilben her, die ihre Wege in der Haut des Menschen bohren. Die Behandlung geschieht folgendermaßen: Abends ein heißes Seifenbad, das nicht nur die Haut reinigt, sondern auch erweicht. Nach dem Abtrocknen die betroffenen Stellen mit Schrisietung, deri Oedlwenn, Venin En 2ch. Aile Jolahtr. 14. Mitigal einreiben und mit wollenen Tüchern umwickeln. So verfährt man mehrere Abende hindurch. Ist die gewünschte Heilung nicht erzielt, wendet man Zinkpuder und Zinksalbe an. Vollwertige Kohlensäurebäder lassen sich in bequemster Weise im Hause herstellen. Die dazu erforderlichen Zutaten sind in Apotheken gleich in den richtigen Mengenverhältnissen verpackt erhältlich. Man braucht nur nach angegebener Anweisung die Zutaten dem Badewasser zuzusetzen. Moorbäder werden immer mit Erfolg bei Gicht, Versteifung der Gelenke, Ischias, Rheumatismus und Lähmungserscheinungen angewandt. Herzkranke dürfen Moorbäder nicht nehmen. Zu einem Bad nehme man 1 Pfund Moorsalz und eine halbe Flasche Moorlauge, beides in den Apotheken zu haben. * Wer an Schwindelanfällen leidet, sorge vor allen Dingen für geregelten Stuhlgang. Starke Aufregungen und das Trinken erhitzender Getränke sind gleichfalls zu vermeiden. Die Ursache der Schwindelanfälle können Blutarmut, Magenstörungen, Augen= und Ohrenkrankheiten sein. * Ein Schwefelbad beseitigt Hautunreinigkeiten, Krätze, Flechten, Gelenkschmerzen und Stoffwechselkrankheiten. Zu einem gewöhnlichen Bad nimmt man 100 Gramm Schwefelkali, dem man 10 Gramm Schwefelsäure zusetzt. Zu diesem Bad bediene man sich nur einer Holzwanne, da andere Wannen von der Säure angegriffen werden. * Daß der Saft der Zitrone Kopfschmerzen leichterer Natur binnen weniger Minuten beseitigt, ist noch viel zu wenig bekannt, wie auch die Tatsache, daß die Zitrone zur Schönheitspflege unentbehrlich ist, viel zu wenig Beachtung findet. Selbst zum Gurgeln ist Zitronenwasser zu empfehlen, besonders dann, wenn Halsschmerzen vorhanden sind. K Der-Rrankezahn Jeder, der mit einem oder mehreren kranken Zähnen behaftet ist, weiß aus eigener Erfahrung, daß die oft kaum auszuhaltenden Schmerzen einem den schönsten Frühlingstag verderben können oder die dringende Arbeit nicht erledigen lassen. Alle möglichen Hausmittel werden angewandt, den kranken Zahn zu beschwichtigen, aber gar zu oft erreicht man damit das Gegenteil. Wenn alle anderen fröhlich lachend einen Ausflug unternehmen, sitzt der arme Geplagte daheim, birgt den Kopf in heiße Kissen, reibt zuweilen die gerötete Wange mit Amol oder dergleichen ein, verstopft sich die Ohren mit Watte, aber nichts will helfen. Warum begibt man sich nicht sofort zum Zahnarzt, der den kariösen Zahn, wenn es noch geht, plombiert oder auszieht? Die Schmerzen sind halb so groß und dauern nur wenige Minuten, während man bei Eigenbehandlung Stunden größter Qual zubringt und außerdem noch die „Hoffnung“ hat, daß das Leiden nach einiger Zeit wiederkommt. Bei einem kariösen Zahn handelt es sich um eine fortschreitende Erweichung und Zerstörung der harten Jahnsubstanz durch Einwirkung von Säuren oder Bakterien. Solange die Schmelzoberhaut auf den Zähnen heil ist, können die entstandenen Zersetzungsprodukte von Nährstoffen nicht schädlich einwirken. Sobald aber die schützende Umhüllung durch heiße Getränke, unvorsichtiges Beißen auf harte Gegenstände oder durch Stochern mit spitzen Nadeln verletzt wird, greifen die Säuren oder Bakterien mit unheimlicher Schnelligkeit an. Die sogenannten„angestockten“ Zähne gehören sofort in zahnärztliche Behandlung. Auf keinen Fall darf man so lange damit warten, bis die Zahnfäule bis zur Wurzel übergreift, Entzündungen, Zahnfleischgeschwülste, Fisteln und dergleichen entstehen und die Behandlung bedeutend erschweren. Sorgfältige Mund= und Zahnpflege schützen vor frühzeitigem Erkranken der Zähne, geben ihnen ein gesundes, blendend weißes Aussehen und sind somit die schönste Zierde im Gesicht. Um das Lockerwerden der Zähne zu verhüten, muß der Zahnstein von Zeit zu Zeit vom Zahnarzt entfernt werden. Dieser bildet sich bei manchem trotz bester Mundpflege. Es wird häufig angenommen, daß Sprachfehler von Nervosität herrühren. In vielen Fällen trifft diese Annahme auch zu. So ist im allgemeinen Stottern oft auf eine krampfartige Störung der Atmungs=, Kehlkopf= und der eigentlichen Sprechmuskeln, also der Zungen= und Lippenmuskeln usw., zurückzuführen. Die verschiedenen Sprachfehler stellen sich schon im Schulalter und früher ein. In diesem Alter sind die Ursachen der Störungen leicht zu erkennen, während sie bei Erwachsenen schwerer zu ergründen sind. Daraus erwächst allen Erziehungsberechtigten, Eltern und Lehrern, die Pflicht, sofort Gegenmaßnahmen zu ergreifen, damit eine chronische Sprachstörung vermieden wird. Ist ein organischer Fehler die Ursache, so sollte unverzüglich ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden. Operative Eingriffe können in vielen Fällen das Leiden beheben. Wie schon oben erwähnt, wird der Sprachfehler gewöhnlich durch Nervosität hervorgerufen. Es ist beobachtet worden, daß nervöse und körperlich wenig widerstandsfähige Kinder zu stottern beginnen, sobald sie, durch eine fremde Umgebung eingeschüchtert, das Vertrauen zu sich selbst verlieren. Auch der Gedanke des Nichtvermögens und Nichtkönnens wird ein Stottern verursachen. Bei diesen Kindern muß in erster Linie das Selbstvertrauen geweckt werden. Sie müssen immer wieder davon überzeugt werden, daß sie den ihnen gestellten Anforderungen gewachsen sind. Haben die Stotterer erst die Schüchternheit überwunden, haben sie erst Selbstvertrauen, dann ist schon viel gewonnen. Eine weitere Notwendigkeit besteht im ruhigen und langsamen Sprechen der Sätze! Auf scharfe Artikulation ist unbedingt Wert zu legen. Dies ist bei einer anderen Ursache des Stotterns, bei zu großer Lebhaftigkeit, ebenfalls nervöser Natur, notwendig. Bei diesen Stotterern überstürzen sich die Worte, die Muskulatur der Sprechwerkzeuge kann die Tätigkeit nicht so schnell bewerkstelligen— und das Stottern ist unvermeidlich. In diesem Falle ist auch„übertrieben" scharfe, deutliche Aussprache nicht zu verwerfen. Ist das Uebel erst behoben, werden sich diese Unschönheiten bald legen. Aber auch bei Erwachsenen ist häufig noch Hilfe vorhanden. Man lasse sich zum Sprechen Zeit, überstürze nicht die Wörter in Eile, und vor allen Dingen bewahre man die inners Ruhe und das Selbstbewußtsein. Ist erst ein zum Stuttern veranlagter Mensch in Unruhe durch irgendwelche Anlässe gekammen, wird es ihm schwer werden, das Stottern zu vermeiden. Also lasse man sich nicht aus der Ruhe rringen, sondern steigere das Selbstbewußtsein durch Autosuggestion. Hauptsächlich gilt dies für Leute, die durch ihren Beruf zu vielem Sprechen gezwungen sind, und für Redner. Ein ähnliches und nicht minder störendes Uebel beim Sprechen ist das Stammeln. Man versteht darunter das Lispeln und alle Störungen der Lautbildung. Im Kindesalter ist das Stammeln eine sehr häufige Erscheinung, die sich oft von selbst wieder zurückbildet. Trotzdem muß man immer wieder den Kindern einschärfen, richtig zu sprechen, und darf keinesfalls ihre Fehler nachahmen (dutes Tind!). Einerseits wird das Kind dadurch eingeschüchtert und wagt nicht, deutlich und laut zu sprechen, andererseits wird das Kind verzärtelt, und die davon ist, daß es bis in das Schulalter hinein die Kehllauteg und k als d und t, l statt r usw. ausspricht. Man soll also durchaus nicht die Kinder in ihrem Stammeln belassen, sondern ihnen schon frühzeitig beibringen, richtig zu sprechen. Das Näseln, das durchaus nichts mit Nervosität zu tun hat, beruht auf Schwellung der Lymphdrüsen an der hinteren Rachenwand und den Rachenmandeln. Dadurch ist der hinter der Nase gelegene Raum verengt, und man ist gezwungen, durch den Mund zu atmen. Die Sprache nimmt daher einen näselnden Ton an. Häufig ist auch das Stottern und Stammeln auf dieses Nasenleiden zurückzuführen. Es ist daher erforderlich, daß diese Polypen durch operativen Eingriff entfernt werden. Man wird stets bemerken, daß Kinder oder auch Erwachsene, die mit Polypen behaftet sind, durch den Mund atmen und ihn auch während des Schlafens ständig offen halten. Wie gesundheitsschädlich dies ist, kann man daraus ersehen, daß solche Menschen viel leichter für Krankheiten(hauptsächlich Erkältungen) empfänglich sind. Sprücke Halte Maß in Speis' und Trank, So wirst du alt und selten krank. * Zur Essenszeit scheuch Sorg und Leid. Wein auf Bier, das lob ich mir. Bier auf Wein, das lasse sein. * Willst du in der Nacht gut ruhn, Gib dem Magen nichts zu tun. * Gut gekaut ist halb verdaut. * Besser einen Tag gefastet, Als den Magen überlastet. * Allzu viel ist ungesund. G R. K. Nach irgendeiner Infektionskrankheit und bisweilen auch nach Fleischvergiftung kommt es nicht selten vor, daß die Augen plötzlich an Sehkraft verlieren. Nach einigen Monaten gehen solche Zustände wieder restlos zurück. P. W. Der Schlaf des Menschen ist ganz verschieden. Ein Kind von 2 Jahren braucht 18 Stunden Schlaf; von 3—6 Jahren nur 14 Stunden; von 6—8 Jahren genügen 12 Stunden; von 8—16 Jahren 10 Stunden. Ein Erwachsener kommt gewöhnlich mit 7 Stunden Schlaf aus, auf keinen Fall aber weniger. Wer seinen Schlaf verkürzt, verkürzt sein Leben. E. Sch. Das Schiefwachsen der Zähnchen kann man dadurch vermeiden, daß die Milchzähne, sobald die zweiten Zähne hervorkommen, gezogen werden. Frau Gerda. In Ihrem Alter wird es sich um rheumatische Erscheinungen handeln. Da wir das Leiden von hier aus nicht genau feststellen können, müssen Sie schon den Arzt aufsuchen und sich gründlich untersuchen lassen. Erw. St. Einen harntreibenden Tee kann man sich aus folgender Mischung bereiten: zerstoßene Wacholderbeeren, Haferstroh und schwarze Johannisbeeren schüttet man in rochenoes Wasser, läßt einige Minuten ziehen und trinkt davon morgens und abends eine Tasse. Frieda W. Gegen Halsentzündung und zum Gurgeln ist Salbei ein altes ausgezeichnetes Heil= und Zauberkraut. Bei Durchfall und gegen Nachtschweiß Lungenkranker wird er vielfach als Tee verwendet. K. L. Das Normalgewicht eines 30 jährigen Mannes soll 135 Pfund betragen. Im Durchschnitt nimmt ein solcher Mensch 5 Pfund an Speisen täglich zu sich. T. 3. Hexenschuß mit den heftigen Schmerzen im Kreuz bei jeder Bewegung, also eine Art Muskelrheumatisnius, befällt Menschen, die dazu neigen, fast bei jedem Witterungswechsel. Die stechenden Gliederschmerzen lassen ofi ebenso schnell wieder nach, wie sie gekommen sind. Besser ist jedoch, eine Kur unter Anleitung des Arztes zu machen. Zu empfehlen sind russisch=römische Schwitzbäder mit nachfolgender Massage, ferner Einreibungen mit flüchtigem Liniment oder russischem Spiritus und Bettwärme. S. C. in Braunschw. Die mit Gallensteinkollk verbundenen heftigen Schmerzen lassen sich in folgender Weise mildern: Auf den Unterleib ist ein heißer Umschlag, der viertelstündlich erneuert werden muß, zu machen, und außerdem nimmt man zwei bis drei Eßlöfsel voll Olivenöl, später stündlich einen Eßlössel voll, ein. sest setze geuen, erarich'icg bin bei alen die. daktionen Hahn im Korbe.“ „Du meinst wohl im Papierkorb?“ Schlecht möglich. „Wo liegt denn die Milz eigentlich, Herr Doktor?“ „Na, ungefähr da. wo Sie Ihre Taschenuhr haben!“ „Nee, das ist nicht gut möglich, die liegt im Pfandhaus!“ Ach so! „Nanu, wie sehen Sie denn aus, Herr Meier? Was ist Ihnen denn passiert? Kommen Sie, ich führe Sie gleich nach Hause zu Ihrer Frau!“ „Auf keinen Fall, von der komme ich ja gerade!“ Jubiläumsgabe. „Zwanzig Jahre sind wir heute verheiratet. Komm her Gottlieb, du darfst mir einen Kuß geben!“ Protest. „Jetzt sollen wir Künstler auch Gewerbesteuern zahlen. Seit wann ist denn Hungern ein Gewerbe!?“ Befürchtung. „Was, dieser Meisterläufer ist Ihr Kassierer! — Haben Sie denn da keine Bange, daß er Ihnen mal auf und davon läuft?“ Zumutung. „Herr Wachtmeister, wollen Sie mir,— hup — nicht bitte mein Haus suchen helfen— hup— Es paßt a u— huv— zu diesem Schlüssel!" Der„Buch=Halter“. „Stun“ läßt mich der Chef hier mit den schweren Geschäftsbüchern warten— unter „Buchhalter“ hatte ich mir eigentlich etwas anderes vorgestellt!“ ##..— Lebmann in de Villa ham'se bei fruo um fünfe injebrochen.“ „Mensch, Neuigkeit— det wußte ick schon stern abend um neune.“ Kritik. „Mutti, guck mal, dem Mann ist der Kopf durch die Haare gewachsen!“ Wenn er das gewußt hätte! Gauner(der wegen geistiger Minderwertigkeit freigesprochen wurde):„Schau, da war ich also gar nicht zurechnungsfähig wie ich den Anzug gestohlen habe! Hätt ich das gewußt, die goldene Uhr wäre gleich mitgegangen.“ Dann allerdings. „Das ist doch reichlich unverschämt! Gestern habe ich Ihnen einen Teller Suppe gegeben, und jetzt bringen Sie gleich noch jemand mit!“ „Ja, gnädige Madame, der ist ab heute bei mir in Kost und Logis!“ nun bist du schon fast ein Jahr in der Klasse und weißt noch nicht den tausendsten Teil von dem, was ich weiß.“ .„Herr Lehrer, Sie sind ja auch schon dreivu Jahre in derselben Klasse.“ Irrtum. „Die Kleine hat sich aber gut erholt! Sehen Sie, wie meine Medizin gebolfen hat!“ „Ach wo, Herr Doktor! Sie hat doch hinter einer Backe einen Bonbon, und in die andere hat gestern eine Wespe sie gestochen!“ Zeitgemäß. „Aber, Minna, wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß Sie besser Staub wischen sollen!“ „Ick habe mehr zu tun, als zu zählen, wie oft Sie mir wat sagen!“ Vergleich. „Du bist wie Zucker!" „So füß?“ „Nein, so ruffiniert!“ Dorsidyll. Vorsicht!— Auto kommt! Nr. 142(Drittes Blatt) „Schwerter Zeitung“ Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt. Dem will er seine Wunder weisen, in Berg und Wald und Strom und Feld. Wem öffnete sich nicht, wie auf geheimen Wink, beim Singen dieses unsterblichen Liedes von Eichendorff eine Wunderszenerie sondergleichen, bei der die beglückenden Wanderwunder dargestellt werden von allegorischen Gestalten, die der Reihe nach den Berg, den Wald, das Tal, den Strom und das Feld verkörpern. Treffend und getreu ließe sich der maiengrüne Laubwald, der über Berg und Hügel hängt wie ein faltenschwerer Mantel aus kostbaren Stoffen, wiedergeben. Etwa durch einen stämmigen Germanenjüngling, der mit Stolz und Würde ihn um seine Schultern geworfen. Anmutig und liebreizend, in duftigen Gewanden, die gewoben aus Nebelschleier und Sonnentau und bestickt mit den strahligen Sternen von Anemonen und Dotterblumen, würde ein Mägdlein das junge Wiesental spielen, über das soeben der geschmückte Lenz geschritten. Und der Strom? Man muß gleich an den prächtigen Alten denken, der, rebenumkränzt und übermütigen Sinnes, unsern Rheinstrom darstellt. Und das Feld? Nun Papa Haydn läßt in seinen Jahreszeiten die urewig bedeutsame, schollenechte und geheiligte Rolle des Landmanns durch den Baß singen und von einem Fagott in ebenso humorvollen wie schelmischen Sprüngen begleiten: Schon eilet froh der Ackersmann zur Arbeit auf is Feld. Nein, ein Theaterspielleiter würde wohl kaum in Verlegenheit kommen, müßte er die Figuren des Eichendorffschen Liedes allegorisch darstellen. Und wie reizvoll würde dieses Spiel sein von Berg und Wald und Strom und Feld! Nun, das Spiel ist Wirklichkeit geworden. Zwar treten nicht allegorische Gestalten auf, schön und stilvoll gewandet, wohl aber die urewigen majestätischen Berge in höchsteigener Person, die blumenübersprenkelten Täler, die sonnenglitzernden Wasseradern, die den Organismus des Berglandes durchrieseln wie ein kunstvolles Blutadersystem, und dann das schollenbraune, saatengrüne und fruchtgoldene Feld. Und der Schauplatz dieser urewigen Handlung ist unser Bergland, das ewig alte und ewig junge, das morgentauschöne und abendrotgoldene Sauerland. Bedeutet es schon eine nicht abzuschätzende Steigerung des Erlebens, hier Original statt Kopie zu sehen, so wird die Steigerung der Freude zum lodernden Jubel, wenn der Wunderselige und Wanderdurstige erfährt, daß ihn Gott der Herr nicht erst in die weite Welt zu schicken braucht, wie Eichendorff es in seinem Liede singt, deeß sich vielmehr die Pforten dieses Wunderlandes ihm, dem Industriemenschen, gerade da öffnen, wo er an Wochenendtagen die eigene, rauchverrußte Haustüre abschließt. Ja, Sauerland, mein Wanderland! Ein gütiges Geschick, das Mitleid empfand mit den in qualvoller Enge und schwefelstickiger Luft sich aufreibenden Menschen der Großstädte des Rheinisch=Westfälischen Industriegebietes, hat hier auf engem Raum einen geradezu bewundernswerten Ausgleich geschaffen. Just an den Toren der Zechen und Fabriken, an den unvollendeten Stümpfen werdender, wachsender Vorstädte und an den Einöden ungeschichteter Erdoberfläche rauschen die glitzernden Boen unserer Gebirgswelt vorüber, die Ruhr, die Lenne, die Ennepe, Wupper und Sieg, und überbringen in Wellenschlag und Wogengemurmel die Grüße unserer Berge. Wer wollte da zu Hause bleiben? Was säumt ihr so lange und drücket euch bange in muffigen Stuben? Es locket die Ferne und winken die Sterne. Holla, ihr Buben! Was säumt ihr so lange und drücket euch bange umher in dem Haus? Es rauschen die Wipfel. und winken die Gipfel. Heraus aus dem Haus! ist sicherer als Abhärtung Kaum taucht eine neue oder eine neuentfachte alte Idee in den Köpfen der Menschen auf, so wird die Lebensanschauung von Grund aus umgekrempelt und mit Zähigkeit bis in das Extrem hinein ins tägliche Leben übersetzt. Ganz besonders gilt das von. Ideen, die Beziehungen zu der Gesundheit des Einzelnen haben. Da nun jeder das Bestreben hat, möglichst sein Leben in Gesundheit zu vollbringen, so können die Menschen sich nicht genug darin tun, neue„Gesundheitslehren“ auf das strikteste zu übertreiben. So ist es in erster Linie mit der Ernährung gegangen. Zuerst hieß der Kampfruf„Nur Fleisch“ dann„Nur Gemüse“ dann„Nur Rohkost“. Und jede dieser drei Ernährungen bis ins Extrem durchgeführt, birgt eine Reihe von Gefahren und Schädigungen für den menschlichen Organismus. Die Idee des Sports, die in unbeschreiblichem Siegeszuge sich über die ganze Welt verbreitet hat, getragen von der unbestreitbaren Logik seiner Gedankengänge, ist heute so in den Vordergrund des Interesses der breiten Masse gerückt, duß Sport einen Raum im öffentlichen Leben einnimmt, der ihm in diesem Ausmaße gar nicht zukommt. Alles, was mit Leibesübungen und Sport, mit Ertüchtigung und Gesundhaltung des Körpers zusammenhängt, wird mit Fanatismus durchgeführt, der an den Beginn einer neuen Religion erinnert. Vorbild für den strengen Verteidiger dieser Idee ist das klassische Griechenland, und wahllos— ohne auf die örtliche oder zeitliche Entfernung von jenem gelobten Lande Rücksicht zu nehmen— werden die Ideale der damaligen Kulturepoche nachgeahmt. Unter der Devise„Abhärtung“ versuchte man, den griechischen Vorbildern nachzueifern und in einem ganz anderen, rauhen Klima und unter anderen Lebensbedingungen dem Körper die schützende Bedeckung zu entziehen. Der Gedanke dabei ist folgender: den Körper langsam an jede Witterung zu gewöhnen, so daß der Witterungseinflus auf den Gesundheitszustand des Menschen keinen Einfluß mehr haben kann. Schutz ist sicherer als Abhärtung. Merkwürdigerweise wurde diese Erkenntnis zuerst von den prominentesten Sportsleuten gefunden. Stand zunächst in der Sportbewegung tatsächlich das griechische Nachtideal im Vordergrund, so fanden die Sportsleute, die ihre Leistungen kontrollierten, bald heraus, daß die abgekühlte Muskulatur nur viel weniger leistungsfähig war als die gut durchwärmte. Wenn man also Rekordleistungen vollbringen wollte, so war man gezwungen, die Muskulatur bis kurz vor Beginn des Sports warmzuhalten. Der Trainingsanzug als Flanell, der zu diesem Zwecke geschaffen wurde ist heute allgemein bei allen Sportsleuten der Welt eingeführt. Erwähnenswert ist ferner der Umstand, daß die Sportsleute, die ja gerade ihren Körper auf Abhärtung eingestellt haben, am meisten unter rheumatischen Beschwerden zu leiden haben. Der Hexenschuß ist eine ebenso gefürchtete wie verbreitete Krankheit des Sportsmannes. Gefürchtet, weil sie ihn absolut leistungsunfähig macht, verbreitet, weil gerade der Sportsmann, der bei seinem körperlichen Training außerordentlich stark schwitzt, häufiger als jeder andere der Gefahr der Abkühlung durch Verdunstung auf der Haut ausgesetzt ist. Infolgedessen zeigt sich auch hier ein deutliches Bestreben, zum mindesten die Oberkleidung bei Ausübung des Sports so zu gestalten, daß die Wasserverdunstung nicht vom Körper, selbst erfolgt, sondern nach Aufsaugung durch die Sportkleidung von dieser ausgedünstet wird. Wenn also schon wirklich durchtrainierte Sportsleute diesen Gefahren ausgesetzt sind, um wieviel mehr ist der Nichtsportler unvorsichtig, der nach eigenem Ermessen glaubt, unzureichende Bekleidung sei gesundheitsfördernd. Grippe, Tuberkulose, gefährliche Mandelentzündungen befallen ebenso die Naturapostel wie die normal gekleideten Menschen, sicher aber ist, daß derjenige, der sich durch vernünftige Bekleidung und richtigen Kleidungswechsel vor Erkältungen schützt, leichter den Infektionen entgeht, als jemand, der ungeschützt, wenn auch abgehärtet, eine Schädigung seines Organismus— man möchte beinahe sagen— provoziert. Die zwangsläufige Forderung, jederzeit zeitgemäße Unterkleidung zu tragen, bedeutet also kein„Verzärteln“, sondern selbstverständlichen Gesundheitsschutz! Die Aufgabe der Bekleidung, abgesehen von dem modischen Zweck, besteht darin, die Erhaltung der Eigenwärme bei kalter Witterung zu fördern, bei warmer Witterung vor zu großer Wärmeaufnahme zu schützen und trotzdem die Abgabe überschüssiger Körperwärme zu ermöglichen, ferner recht viel Feuchtigkeit und Schweiß aufzusaugen und trotz der Wasseraufsaugung für Luft durchlässig zu bleiben. Besonders dringend ist die Erfüllung dieser Ausgaben der Bekleidung bei körperlicher Arbeit oder bei Sport. Der Stoff darf weder zu dick noch zu dünn sein, um die Wärmeabgabe nicht zu verhindern, aber auch den erhitzten Körper nicht zu schnell abkühlen zu lassen... Bei der Unterwäsche ist das Problem wohl gelöst. Man soll auf dem bloßen Körper möglichst keine Leinenwäsche tragen, da Leinen nur die halbe Wasseraufsaugungsfähigkeit besitzt, wie Wolle oder Baumwolle und viel schneller das Wasser wieder verdunsten läßt. Infolgedessen bildet sich Nässe auf der Haut, welche durch die rasche Verdunstung schnell abgekühlt wird. Zahlreiche Unterkleidungsarten erfüllen ihren Zweck, indem sie langsam und stetig die Feuchtigkeit von der Haut aufsaugen und unmerklich ebenso langsam verdunsten lassen. Die Richtlinien für die hygienisch einwandfreie Bekleidung sind gegeben und von der deutschen Textilindustrie in vielfachen Abwandlungen ihrer Fabrikate angewendet worden, so daß für jeden Geschmack und Geldbeutel gesorgt ist. Es muß nur das aufhören, was bei sonst ganz vernünftigen Menschen fast zum„Uufug“ sich entwickelt, die sinnlose, von keiner Sachkenntnis getrübte, Abhärtungsspielerei, die genau das Gegenteil dessen erreicht, was man von ihr erhofft— Aufälligkeit statt Widerstandserhöhung— Krankheitsverschleppung statt eiserner Gesundheit! Vermischtes Lady Astor, die vor einigen Jahren als erstes weibliches Palamentsmitglied ins Unterhaus einzog, scheint nicht wenig von der Wichtigkeit ihrer Person überzeugt zu sein. Die Dame hat kürzlich dem Stadtrat ihrer Heimatstadt Plymouth das Angebot gemacht, dem dortigen Museum das Kleid zu schenken, das sie seinerzeit in der ersten Sitzung als neugebackene Abgeordnete trug. Der Stadtrat schätzte die historische Bedeutung dieses Gewandes keineswegs so hoch ein, hielt sich aber angesichts der hervorragenden Stellung der Spenderin für verpflichtet, das„großherzige“. Geschenk mit Dank anzunehmen. Allerdings kam dieser Beschluß nicht ohne Widerspruch zustande: Ein sozialistisches Stadtratsmitglied stellte nämlich den Antrag, die— Hose des Abgeordneten Moses, des ersten Arbeitervertreters im Plymouther Stadtrat, gleichfalls dem Museum einzuverleiben. Was dem Kleid der Lady Astor recht, sei der Hose der Herrn Moses billig.— Unverständlicherweise wurde indessen dieser vernünftige Antrag abgelehnt. Earl Holdems will eine arme Seele retten. Earl Holmes war ein braver Drechsler und sah mit Abscheu manchen Banditenstreich im heimatlichen Verbrecherparadies Chicago. Als kluger Mann hielt er sich aber von jeder Einmischung in die Geschäfte der„Gangsters“ fern, bis ihn eines Tages seine Nächstenliebe in ein gefährliches Abenteuer stürzte. Lernte da Earl vor einigen Wochen ein junges Mädchen kennen. Anna Larson war hübsch, und es dauerte nicht lange, bis der ehrliche Drechsler sein Herz an sie verlor. Was sie ihm von ihrem augenblicklichen Leben erzählte, gereichte freilich dem biederen Earl zum Entsetzen. Anna war die Freundin eines„Gangsters" und unterhielt enge Beziehungen zur Unterwelt.„Ich muß sie retten,“ sagte sich der Brave und hielt Anna ihre Sünden vor:„Kehre zurück auf den rechten Weg und werde meine Frau.“ Das freundliche Angebot begegnete bedauerlicherweise nur spöttischem Freitag, 20. Juni 1930 Lachen. Anna schien der Ueberzeugung zu sein, daß ein Chicagoer Verbrecher seine Freundin entschieden besser kleiden und ernähren könne als ein bescheidener Drechsler seine Eheliebste. Doch Earl ließ sich nicht entmutigen, und kürzlich erlebte er die große Freude, daß die junge Dame ihn eines Tages aufsuchte und erklärte:„Ja, ich will alle Verbindungen mit den Gangsters lösen und dir zum Altar folgen.“ Earl war selig. Anna sollte sofort ihre Sachen packen und eine andere Wohnung beziehen. Er selbst wollte sie nach ihrem Hause bringen und ihr dabei behilflich sein. Leider erlebte er dort eine peinliche Ueberraschung. Im Hausflur überfielen ihn drei Männer und schlugen ihn nieder. Einer legte Earl freundlich einen Strick um den Hals, und ein anderer wollte ihm gerade die Pistole an die Schläfe setzen. Der arme Drechsler fiel vor Entsetzen in Ohnmacht und hörte gerade noch, wie eine Frau, die ihm als Annas Quartierwirtin bekannt war, schrie:„Nein, nicht hier! Macht Eure Geschäfte draußen ab! Ich will nichts mit der Polizei zu tun haben!" Weit außerhalb der Stadt wachte Earl im Auto wieder auf. Bald darauf hielten die drei„Gangsters" zerrten ihn aus dem Wagen, banden ihn an einen Baum und losten, wer den unglücklichen Seelenretter erschießen sollte. Earl gab alle Hoffnung auf. Doch plötzlich erlebte er die zweite, diesmal freudige Ueberraschung: Vier Schutzleute tauchten unvermittelt auf und nahmen das Verbrecherkleeblatt gefangen, ehe es sich wehren konnte. Durch einen Zufall waren die Polizisten auf den Kraftwagen der„Gangsters“ aufmerksam geworden und hatten seine Spur verfolgt. Den armen Drechsler brachten sie mehr tot als lebendig ins Krankenhaus. Earl Holmes hat nun ein für alle Male genug von der Bekanntschaft mit der Chicagoer Unterwelt und will sich nicht wieder um die Seelenrettung einer Räuberkraubt bekümmern. Außerdem hat ihm die Polizei erklärt, er sei der einzige, der bisher eine Einmischung in die Angelegenheiten der„Gangsters“ nicht mit dem Leben habe bezahlen müssen. Zum zweiten Mal würde er sicher nicht so viel Glück haben. Anna selbst, die beinahe gerettete Seele, sitzt hinter Gittern, weil sie am Ueberfall nicht ganz unbeteiligt zu sein scheint. Den Daheimbleibenden Wer's Geld nicht hat zur Badereise, Der geh' zum nahen Hengsteysee. Dort kann er baden und auch speisen, Wie es erlaubt das Port'monnaie. Er braucht im D=Zug nicht zu fahren, Besteige Schusters Rappen nur. Von Schwerte über Hohensyburg Hat er die schönste Wandertour. Von Hohensyburgs stolzen Höhen Schau' er ins Ruhr= und Lenne=Tal. Ein Panorama voller Wunder Gibt's hier zu sehen, frei nach Wahl. Dann steig' er von den Bergesklippen Herab und geh' zum Badestrand. Von dort aus führt ihn eine Brücke Zur Insel, mit dem Restaurant. Hier ruh' er aus von den Strapazen Die ihm die Reise angetan. Nach Hause geh' er über Kabel, Auch kann er fahren mit der Bahn. Albert Knülle. Verschiedenes Es ist oft den Dämonen der Belanglosigkeiten überlassen, das Kostbarste eines Menschenlebens zu vernichten. Niemand schreitet fort in der Meisterung des Lebens, der löcherige Gefäße mitbringt, um die Begegnungen mit der Außenwelt zu fassen. Höchste Lebenskunst: wesentlich zu sein und zu wissen, was man für seine Person wesentlich zu nennen hat. Soppricht ker Aonig feichtnungen falle Saalel. Wir beginnen morgen mit dem Abdruck dieses spannenden Romans Roman von Liesbet Dill Unser Leben gehört nicht uns Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle(Saale) 21. Fortsetzung. Nachdruck verboten. „Was habe ich hier in meinem Hause, frage ich dich?“ rief er dazwischen.„Hast du dich jemals bemüht, es mir wohnlich zu machen? Hast du je sehen wollen, was ich dich lehrte? Wenn ich mit dir reisen wollte, hast du die Unbequemlichkeiten gescheut! Ich habe dir gute Bücher gebracht, du hast sie nicht einmal aufgemacht! Du bist heute noch so weit wie du warst, als du noch Lottchen Bier hießest und im Laden am Markt Grieß und Reis verkaufen halfst.“ „Da hört's doch auf!“ rief Frau Albius.„Wer hat dir denn deine Praxis verschafft? Wer hat hier unser Haus gekauft? Du doch nicht und der Steiger Albius auch nicht. Damals war ich die beste Partie in der ganzen Umgegend.“ „Ich habe dich nicht des Geldes wegen geheiratet“, sagte Albius. „Hinterher leicht gesagt. Aber damals war ich dir gut genug. Und ich habe mich nicht verändert.“ „Das ist es ja“, rief er.„Ich habe dich gern gehabt“ — geliebt hatte er sagen wollen, aber es kam ihm nicht über die Lippen—„und habe gehofft, etwas aus dir machen zu können. Aber du hast diese Hoffnung nicht erfüllt.“ „Was hast du denn aus mir machen wollen?“ sagte sie.„Eine wie die Eltze? Oder eine Kurtisane? Bilder malen wie die Eltze kann ich auch. Aber daß ich arbeite, hast du in deinem Leben nicht anerkannt. Nur bei anderen Leuten war alles schön. Bei Söllners haben dir die Bilder besser gefallen, bei Rübsamens die Teppiche und in Hamburg die Ledersessel. Die ganze Hochzeitsreise hat mir das Kritisieren verdorben. Deshalb hab' ich auch vom Reisen für mein ganzes Leben genug gehabt.— Wie wir am Markt gewohnt haben, war dir die Gegend zu gewöhnlich; und wie uns der Vater das teure Haus hier gekauft hat, haben dir unsre Möbel nicht mehr gefallen. Das kommt alles von deinen Reisen. Vom Reisen werden die Leute überspannt, und wer überspannt ist, ist unzufrieden. Du hast allen Grund, zufrieden zu sein mit der Praxis und dem schönen Haus.“ Albius packte die Stuhllehne fester.„Habe ich denn etwas in diesem Hause, was mich freut?“ rief er.„Wenn ich heimkomme, finde ich fremde Leute in meinen Zimmern. Du bist nie angezogen oder nicht zu sprechen oder in der Stadt. Sag' mir einmal selbst, was sollte mich hier an das Haus fesseln?" Er hielt inne und trat dicht an den Tisch. Frau Albius hörte auf zu schluchzen.„Verteidige dich nur“, sagte sie.„Du hast ja immer gute Reden halten können.“ Albius schlug mit der Hand auf den Tisch.„Ich habe es nicht nötig, mich zu verteidigen“, rief er,„aber es wäre angebracht, wenn du dich bei mir entschuldigen wolltest. Wenn eine Dame hierherkommt...“ „Dame!“ Frau Albius zuckte die Schultern. „Wenn Frau Makensen dir ihren Besuch machen wollte, hat sie es getan, damit du siehst, wer sie ist!“ „Dazu braucht sie nicht zu mir zu kommen, da brauche ich nur die Liewergats zu fragen, bei der sie gehaust hat. Die weiß es.“ „Wenn es nicht zu spät wäre, könnte ich jetzt hingehen und mich für meine Frau entschuldigen“, fuhr Albius mit bebender Stimme fort. „Woher weißt du denn, daß es zu spät ist?“ unterbrach ihn Frau Albius, ihn groß anblickend. Albius schwieg. Der Brief lag noch uneröffnet vor ihm. Er wußte nicht, was er enthielt. Aber der Tag der Abrechnung war da. Das Schweigen, das wie ein schweres Gewitter über ihnen gehangen hatte, war gebrochen. Plötzlich hielt er inne, trat an das Licht der Hängelampe und betrachtete die Rückseite des Briefes. Es waren Fingerabdrücke auf dem Kuvert, und am Verschluß waren Spuren zu sehen, als ob der Brief geöffnet gewesen wäre. Sein Atem flog, sein Herz begann so stürmisch zu klopfen, daß er kein Wort zu sagen vermochte. Sie war seinen Bewegungen gefolgt. „Der Brief ist geöffnet worden“, sagte er. Seine Frau schwieg. „Du hast ihn erbrochen?— Antworte!“ Frau Albius schwieg. Der Brief knitterte in seiner Hand. Der Brief, der alles für ihn enthielt. Er trat an den Tisch heran und sagte mit Anstrengung: „Du sagtest vorhin, du seiest unglücklich, du hättest dich nie wohl bei mir gefühlt. Ich habe in dieser Ehe auch kein Glück gefunden.“ Er hielt inne. Sie sah ihn mit großen Augen an.„Wenn eine Ehe unglücklich ist, so fällt immer die Schuld auf beide Teile“, fuhr er fort. „Bei uns nicht“, rief Frau Albius, die aus ihrem ersten Schrecken erwacht war.„Bei uns habe ich keine Schuld. Ich habe meine Pflicht getan, ich arbeite von früh bis spät, ich...“ „Sei so gut und höre mich erst an. Ich sage: Wir sind nicht glücklich zusammen geworden. Bestreitest du das?“ „Nein, wahrhaftig nicht. Aber es ist auch ein Kunststück, einem Manne wie dir es recht zu machen, der den ganzen Tag an einem herumkritisiert. Das macht jede Frau nervös, jede Frau, jede!“ „Es wäre vielleicht zu überlegen, ob die Kritik nötig war oder nicht. Es gibt Frauen, die nichts lernen wollen, man mit Fingern zeigen muß, was andere von selbst sehen. Man muß ihre Fehler korrigieren, wenn man nicht will, daß das Leben sie belehrt. Ich habe an mir gearbeitet— du aber bist das geblieben, was du warst! Und daher verstehen wir uns nicht mehr.“ Er schöpfte tiet Atem.„Wenn Menschen sich nicht mehr verstehen, hat es keinen Sinn, daß sie zusammenbleiben. Was wir führen, ist keine Ehe mehr.“ „Das ist eine sehr schöne Predigt“, sagte Frau Albius und strich mit der Hand die Tischdecke glatt.„Wo du sie her hast, weiß ich nicht. In die Kirche gebst du nicht mehr und viel Moral hast du in unserer Ehe nicht bewiesen. Wo sollte ich denn die große Ehrfurcht her haben? Als ob eine Frau in der ganzen Stadt vor ihrem Mann Ehrfurcht hätte. Meinst du, Frau Söllner...“ „Adolf...“. sagte Albius plötzlich mühsam. Eine schwere Stille trat ein. Das Kind verkörperte alle seine vernichteten Wünsche. Albius trat an das dunkle Fenster. Minutenlang sprach niemand ein Wort. Dann stand Frau Albius mit einem Ruck auf und sagte: „Ich habe dir damals am Altar Treue geschworen, und die halte ich auch.“ Damit verließ sie ihn. Frau Albius war kaum in ihrem Schlafzimmer angekommen, als sie ruhiger wurde und das Herzklopfen nachließ. Während sie sich das Haar kämmte, dachte sie noch einmal über die Szene nach. So eine tragische hatten sie doch noch nie in ihrem Leben gehabt. Sonst ging es immer um unbezahlte Rechnungen und verlorene Schlüssel oder dergleichen; jetzt fing er so an! Rein, was man doch mit diesen Männern erlebte! Frau Meier beklagte sich auch bei ihr, es sei nicht mehr auszuhalten mit ihrem Mann. Der dicke Weber fing leichtsinnige Geschichten mit Kellnerinnen an— auch ein Vergnügen für eine Frau. Was er nur heute hatte! Es war schon vier Uhr morgens, und immerzu hörte sie oben auf dem Gang Schritte hallen. Anstatt sich nun endlich ins Bett zu legen. Da konnte man ja kein Auge zutun, wenn man das anhören mußte. Die Schritte klangen schwer und langsam auf und ab. Es war eine warme Nacht, die Fenster standen im ganzen Hause weit offen. Der Gang dort oben war lang und schmal; er mochte ein geeigneter Weg sein für Nachtwandler. In der letzten Zeit war ihr aufgefallen, daß er auf diesem Flur oft des Nachts auf und ab ging wie einer, der keine Ruhe finden kann vor seinen Gedanken. Auch heute hallten dieselben langsamen Schritte durch das nächtliche Haus. Unermüdlich, rastlos! „Das ist das böse Gewissen!“ sagte Frau Albius vor sich hin. Er wird bereuen, was er vorhin gesagt hat. Merkwürdig, so ein Mann! Sie war nun ganz ruhig und kühl. So, wie man nur sein konnte, wenn man an keine Wunder mehr glaubt. War sie es nicht gewesen, die ihn seine angesehene Stellung verschafft hatte? Hatte er nicht alles, was sie besaßen, von ihr? Das bißchen Bildung tut es doch nicht. Nun saßen sie hier sicher und warm, er wie sie, und er wollte Torheiten begehen wegen eine Abenteurerin. Wenn sie an die dachte, bekam sie einen heißen Kopf. Wie sie sich heute gerächt hatte! Gott sei Dank! Es war ja zu amüsant gewesen, die Frau durch das runde Guckfensterchen zu beobachten, wie sie erblaßte, als die Müller sie in kurzem Ton— die Müller wußte Bescheid— abwies. Und dann der Brief! Was Albius wohl für ein Gesicht machen würde, wenn er ihn las? Wie sich ein Mann in seinen Jahren noch solch eine Torheit einbilden konnte! Eisersüchtig war sie längst nicht mehr. Auch nicht mehr auf Mila Eltze. Was kann ein Mann, den eine kleine Stadt bewacht, denn viel anfangen? In Meinau passierten keine Skandale. Sie würden schon nebeneinander weiterleben wie bisher. Andere Ehen waren auch einmal aus dem Gleise und hatten sich dann wieder eingerenkt. Ueber solche Geschichten wächst einmal Gras. Deshalb ließ sie ihn ruhig dort oben auf und ab gehen, denn Frau Albius war eine kluge Frau. Sie wußte, daß die Verhältnisse stärker sind als die Menschen. Beruhigt zog sie die weiße, gestärkte Nachthaube zurecht, ordnete sich ihr Federkissen, löschte das Licht und schlief ein. Und die Nüchternen behalten meist recht. Mit bebenden Händen öf' rete Albius, sobald er oben in seinem Zimmer angekommen war, den Brief. Ein zarter Veilchenduft stieg aus dem Papier auf, den er mit zitterndem Atem einsog. Aber es war noch etwas in dem großen Umschlag. Er nahm ein schmales Bild heraus: eine Radierung. Vom hellen Mondlicht beleuchtet auf weiter, öder, schneebedeckter Ebene„die kleine Stadt“. Eng aneinander gedrängte, spitzgiebelige Häuser, auf der einen Seite noch von der alten Mauer umschlossen; schlanke Türme ragten über die Dächer, und der Schnee leuchtete im Mondschein. Das war mit so sicherer Hand gezeichnet, daß Albius Tränen in die Augen traten. Er hielt das Bild in den Händen und nickte ihm zu. In seiner Brust arbeitete es. So sah nur eine Künstlerin die Stadt! Und sie hatte nie von ihrer Kunst gesprochen. Er war nicht fähig, den Brief zu lesen. Das Bild— das Bild hatte ihn gepackt. Er mußte seiner Bewegung erst Herr werden, dann las er den Brief. „Mein Freund! Sie haben recht gehabt mit Ihrer Voraussage, daß ich nicht länger als ein halbes Jahr hierbleiben könnte. Ich bin im Begriff, die Stadt zu verlassen. Und wenn dieser Brief in Ihre Hände gelangt, hat mich der Zug schon fortgeführt. Ich sagte einmal: Jede Stadt gibt uns etwas, und Sie wollten es nicht glauben. Und nun hat mich diese Stadt so reich beschenkt wie keine andre! Der Zufall führte mich hierher. Ich stand damals vor einer Frage, die für den Künstler Lebensfrage ist, als ich Sie um Ihren Rat bat. Meine Studien waren beendet: es mußte sich nun zeigen, ob sie Früchte tragen würden. Ich verlor den Prozeß. Sie nahmen meine Sache in die Hand, und zum ersten Male kam ein Gefühl der Sicherheit und Ruhe über mich. Nie habe ich zielbewußter und freudiger gearbeitet als in der Winterstille der Luisenstraße. Nun fürchte ich mich nicht mehr vor der Zukunft. wie meine Sache auch ausgehen mag. Ich gehe nach München zurück und finde dort im Künstlerkreise mein Heim. Der mich dort erwartet, ist mein Verlobter. Sie, der mir mit taktvoller Sicherheit zur Seite gestanden hat, werden die Bedeutsamkeit und die Schwere meines Entschlusses verstehen. Aber ich habe mehr in Ihnen gefunden als den„Anwalt“— Sie sind mir ein Freund geworden, den ich nie vergessen werde. Denken Sie nicht, daß Ihr Leben keinen Wert habe. Wer sich aus eigener Kraft so hoch hinaufgearbeitet hat, daß er die anderen überschaut, ist immereinsam. Ich habe wenige kennengelernt, die wie Sie ihr Leben großen Gedanken opfern, deren Ziele über ihre eigene Person hinausgehen. Lassen Sie mich Ihnen noch einmal danken. Hängen Sie das kleine Bild an die Stelle, wo bisher der Spruch hing— Sie wissen, welchen ich meine— und behalten Sie in gutem Angedenken Ilse Makensen.“ Als Albius diesen Brief gelesen hatte, saß er wie betäubt da. Du Tor! Es hatte niemand die Worte gesprochen... aber sie klangen leise im Zimmer und hallten an den Wänden wider. Du Narr! Du hast dir dein Leben allein aufgebaut. Niemand hat dir daran geholfen. Niemand trägt die Schuld, daß du auf diesem Boden stehst— um dich die Mauern dieser Stadt. Dein eigenes Werk! Nun ist es fertig; nun kannst du es übersehen! Das Leben war ein Warten auf dich. Du bist gekommen wie ein Bild, das dem Einsamen im Traum aufsteigt, und bist gegangen — wie ein Traum. Ich bleibe zurück, dort, wo die Tage kurz werden und die Nächte lang. Werde glücklich, Ilse. Ich habe dich liebgehabt, ehe ich dich sah. Verschlungene Wege haben uns zusammengeführt, und wenn es tausendmal zu spät war— ich habe dich gesehen, habe deine schöne Hand in der meinen gehalten. Du hast mir Stunden geschenkt, nach denen ich gehungert habe. Lebe wohl! Du weißt ja nicht, wie ein Mann liebt, der weiß: Es ist das letzte Mal! Es war Morgen. Die Gassen lagen öde da und ein weißer, kalter Frühnebel hatte die schlafende Stadt eingehüllt. Das kalte Licht des Morgens brach durch. Fröstelndes, blasses Frühlicht erfüllte das Zimmer. Albius hatte seinen Kopf in die Hände gestützt. Auf der Straße wurde es laut. Schritte und Gemurmel klangen herauf, als ob sich eine Volksmenge vor dem Hause versammelte. Er hörte es nicht. Seine Augen hingen an dem Bilde— seine Gedanken an dem Briefe. Da klang es hell und festlich durch die Stille des Morgens: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre.“ Er zuckte zusammen, richtete sich auf und lauschte. Das war die Kapelle, die vom Fest nach Hause kam, und die sie begleiteten, waren Bürger der Stadt in fröhlicher Feststimmung. Er stand auf. Es war kein Zweifel mehr. Das galt ihm. Hellauf tönten die schmetternden Klänge durch die klare Luft empor und weckten die Stadt aus dem Schlaf... In den Häusern wurde es lebendig, Fenster öffneten sich, Läden wurden zurückgeschlagen, Köpfe tauchten auf. Aus den Türen traten die Leute heraus. Vor dem Hause des Rechtsanwalts Albius hatten sich die Ginsterstädter Musiker im Halbkreis aufgestellt, und die Tivoligäste, die Nachzügler, die letzten, die vom Fest nach Hause gingen— alle sahen zu den Fenstern hinauf und erwarteten Albius. Er raffte sich auf. Das kleine Bild in der Hand, trat er an das Fenster. Als er die Menschen dort unten vor seinem Hause, und Hunderte von Augen auf sich gerichtet sah, wußte er: Unser Leben gehört nicht uns, sondern denen, die wir lieben! Weise— alt. Nun war die Stunde gekommen, wo er seine eigensten Wünsche und seine Hoffnungen hergeben mußte— stolz— furchtlos— ohne Klagen... Denn alles hat seine Stunde... Er öffnete das Fenster und ließ die Morgenluft und das Licht der Morgensonne hereinströmen. Er atmete tief die frische, kalte Luft. So nahm er Abschied von seinen Träumen, von der Wünschen seiner Jugend und grüßte die kleine Stadt. Die Sonne beleuchtete hell ein altgewordenes Männergesicht und warf über das graue Haar einen silbernen Schein. „Und läuft den Weg Als wie ein Held...“ verhallten die Klänge. — Ende.— Sehnsucht. „Mutti, ist in Afrika das Wasser knapp?“ „Ja, warum fragst du?“ "„Ich muß nur daran denken, wie gut es die Regerkindhaben. Die werden aus Sparsamkeit nicht gewaschen...“ fünfte Rad. ungecg sol ic denn bei die Autopartte, wo Uhr doch zwei wegn seid! Da wür ic la seradezu der sinste Rad am „Det macht nischt. Liseken. Wenn mer dich nich brauchen, setzen mer dir hinten fir quer, war meenste? Denn diste eben unser Reservereisen!" Ma. — 1 e S 6 — 0 7 e 805 2 88 S. 8 9—.40 S. EETSELVSTESEg. * * S 93S 5 5E SG•EyE B 9353 SSaSs 2 S5S S e S 5 8 8 8 5 5 55 6 8 * S a0 ** S 4 8 S. 86 8 3 : E S g *e * e G8 e 507 453 5 % 8 8 S S S 3 5 a EbSs S S 95 99 5 ## 8 5 B LES! S 2 5 8 S SS 8: S 3. 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Nistkästen für ihn hängen an den Giebelwänden der Häuser und Scheunen, an den Obstbäumen im Garten, an den Bäumen der Waldwege. Die Stare, plattdeutsch Spre, Spreihe, Spraolen, vermehren sich bei so günstigen Wohnungsverhältnissen recht stark. Große Scharen versammeln sich oft und halten auf hoher Krone einer Pappel eine lebhafte Ratsversammlung. Dabei ertönt aber ein solches Durcheinander, ein Kauderwelsch, daß man die einzelnen Stimmen schlecht enträtseln kann. Es wird dem Star nachgerühmt, daß er verschiedene Sprachen zu reden verstände, er ahme die Stimmen der anderen Vögel nach und auch der verschiedenen Haustiere, selbst das Geräusch rollender Wagen und arbeitender Maschinen. Man will ihn so weit abrichten können, daß er einige Worte zu sprechen vermöge, wie artige Geschichten erzählen. Dafür das Rätsel: „Et is en Vuegel, et is en Gebriäcken; Man lött'n spriäcken, man lött'n stiäcken.“ Der zierliche Wiedehopf kann als Vorläufer des Autos angesehen werden, wenigstens was das„Hupen" anbelangt. Sein ständiger Ruf„hup, hup", in Verbindung mit seiner angeblichen Unsauberkeit in der Kinderstube haben ihm den unschönen Namen „Schithup“ eingebracht. Aber der Vogel ist sauber und hält auch seine Jungen rein. Der starke, üble Geruch in der Nähe des Nestes rührt von einer stinkenden Absonderung her, den die Nesttierchen aus einer Drüse am Hinterleib ausstoßen, wenn ihnen Gefahr droht. Also ein Schutzmittel für seine Kleinen hat diesen Vogel in„üblen Geruch" und „schlechten Ruf“ gebracht. Durch das Ausrotten der Wallhecken ist dem Wiedehopf die Nistgelegenheit genommen und er ist seit Jahren für unsere Gegend ausgestorben. Dasselbe Schicksal hat mit ihm die„Haubenlerche" teilen müssen, die sonst auf unseren Landstraßen so eifrig für„gute Zerstreuung" und„glückliches Fortkommen“ der Roßäpfel Sorge trug. Die rasenden Autos haben ihren Wirkungskreis, die Straße, zu unsicher gemacht. Wohlauf dagegen fühlt sich noch immer ihre Schwester, die Feldlerche, die unter dem Namen„Lewing" oder„Erdlewing" dem Landmann bekannt ist und ihn durch ihre anhaltenden Triller, die sie, in die Lüfte aufsteigend, unermüdlich herniederschmettert, erfreut. In Heidegegenden bei Sumpf und Moor hat der Kiebitz seine Heimstätte.„Wao de Kiwitt wuhnt, dao is de Ahr(Erde) män halw mähr rund.“ Bekannt geworden sind die„Getreuen von Jewer“(Ostfriesland), die alljährlich dem Altreichskanzler von Bismarck zu seinem Geburtstage(am 1. April) 101 Kiebitzeier mit einer dichterischen Widmung in friesischer Mundart zusandten. Die Kinder freuen sich über den beweglichen leichtbeschwingten Vogel und fragen: „Kiwitt, wao bliw ick?— Wenn de Wiält vergeiht un nix mähr steiht?“ Oder: „Kiwitt, wao bliw ick?— In'n Brümmelbeernbusk. Dao danz ick, dao spring ick, Dao heff ick min Lust.“ Hoch in den Lüften sieht man den Habicht(Hawk) seine Kreise ziehen, von wo aus er seine Beute erspäht(eine Maus, einen Vogel) und mit einem Stoß geschickt herniederschießt, sie zu erhaschen(daher„Stauthawk). Die Kinder suchen ihn durch folgen den Zuruf zu verscheuchen: „Hawk, Hawk, du Hohnerdeif, Hes din Vader un Muder nich leiw.“ Im Frühling und Herbste ziehen die Wandervögel unsere Aufmerksamkeit auf sich, besonders die Kraniche, die in langer Hakenform gen Süden ziehen. Von ihrem Geschrei nennt der Volksmund sie„KruneKrane". „Krune=Krane treckt lange Bahne. Laot't üm es gaohn, laot'n Besten nao vörne gaohn!“ Bekanntlich wechseln auf dem Fluge die Führer(die ersten im Zuge) ihren Posten. Die bekannte rote Preißelbeere heißt„Kronsbeere", Letztere Bezeichnung ist eine Verkürzung von„Kranichsbeere", wie auch„Krammet“, mittelhochdeutsch„kranwit", eigentlich „Kranichholz"(d. i. Wacholder) bedeutet. Der Kranich liebt diese Beeren besonders. Daher auch der Name Krammetsvogel für Wacholderdrossel. Wie die Kraniche, so ziehen auch die wilden Gänse, wenn der Winter droht. „Graute, grise Gause— Gante! Gau, et steiht din Hus in Brande Laot't üm et gaohn, laot't üm es gaohn, Den Aechtersten es vörne gaohn.“ Aus dem Fluge des„Reigers“(Fischreiher) will man auf Witterungswechsel schließen. „Treckt de Reiger nao den Rhin(nach Westen), Giff et hellen Sunnenschien; Doch döht he nao Osten fleigen, Könn em hier'ne Flot bedreigen.“ Die Elster=Jängster ist als Diebin verschrien— diebische Elster. Glänzende Gegenstände trägt sie in ihr Nest oder in Astlöcher. Sie stößt helle ratternde Schreie aus, die ihre Vorliebe zu Fleischkost zum Ausdruck bringen: Speck häbb’n, häbb’n, häbb’n! Die Sucht nach Fleisch verleitet sie dazu, manches„Küksken“ aus dem Hühnerhof zu holen und es mit den gefräßigen Jungen zum Frühstück zu teilen. Ihr Nest auf dem höchsten Wipfel der Eiche gilt als Zierat des Hofes und bleibt ungeschoren. Schlauer dagegen sind die Krähen— Kraihen—, die sich ihren Wigwam tief im Dickicht der Waldeseinsamkeit anlegen. Die Raben, wozu wir unsere Kraihen rechnen, galten einst als heilige Vögel. Zwei Raben— Hugin und Munin—(Gedanke und Erinnerung) saßen dem„groten Wodan“ auf der Schulter und flüsterten ihm der Welt Ereignisse und Schicksale zu. An den heidnischen Opferstätten nährten sie sich von den aufgesteckten Köpfen der Opferfohlen; aus ihrem Geschrei und dem Fluge weissagten die Druden die Zukunft. Eine alte Krähe=Kraih ermahnt die Kinder, die sich mit Brot werfen, zur Sparsamkeit. „Wat is dat för ne Art, Art Art, Dat ji dat Braut nit wahrt, wahrt, wahrt? O Kinner, spart, spart, spart, Süß wätt dat Oller hart, hart, hart!“ Rätsel:„Et satt en Swatten(1.) up den Swatten(2.) und saoh mett Swatten(3.) döhr den Swatten(2.) up'n Swatten,(4.) Un up den Swatten(4.) stonn en Swatten (5.) un in den Swatten(5.) lagg en Swatten.(6.) Doch dacht der Swatte up den Swatten: Härr ick män den Swatten ut den Swatten dähr den Swatten in mienen Swatten(7.). Auflösung:„1. Krähe, 2. Schornstein, 3. Augen, 4. Kochherd, 5. Topf, 6. Braten, 7. Magen. Die bei uns lebenden Eulen, ob große oder kleine, werden als„Uhlen" bezeichnet. Der kleine Kauz trägt noch den Beinamen „Likenhöhnken. Es kommt leicht vor, daß er zur Nachtzeit gegen das erleuchtete Fenster eines Krankenzimmers stößt und den unheimlichen Ruf„Ueitt, ueitt!“ hören läßt, den die Leute als„komm mit, komm mit!" deuten und daraus auf einen baldigen Todesfall schließen. Die Eulen sind bekanntlich Nachtvögel, die das Tageslicht scheuen und dann schlafen. Darum kennzeichnet man faule Leute, die am Tage gern der Ruhe pflegen, als„Daguhlen" oder„Dagsleiper". Als Weckruf für den Langschläfer gilt der Vers: „Halloh, ji Jungs, staoht up! Et reip hall längst de Höhnerbuck. De Knick van'n Dag beginnt— Kick Rü de Küh! Slaopmüske, Uhlenkopp, steiht vör’n Uhr off teihn nich op!“ Besonders die ländliche Bevölkerung züchtei allerlei Vögel(Hausgeflügel)„einesteils des Fleisches wegen, dann auch, weil sie Eier legen“, um mit Wilhelm Busch zu dichten. Da nennen wir an erster Stelle das Huhn (Hahn und viele Hennen). Es gilt vom Hahn ein Spruch:„En stattlicher Herr, ut Eiland geboren, höllt vull Frauen aober nicht vom Trauen.“ Sonst heißt es: „Et ist mi all een Dohn, Off ick Hahn sinn oder Hohn. Wenn ick Hahn sinn, mott ick kraihen; Wenn ick Hohn sinn, mott ick leggen, Drüm ist mi all een dohn, Off ick Hahn sinn oder Hohn.“ Die Henne gackert:„Dat'k, dat'k, dat'k all wir up't Nöst mott!“ Oder:„Alle Dag en Ei un noch kin Paar Schöckes, is dat nich te gäck, gäck, gäck?" Nach dem Legen des Eies klagt das Huhn:„Wat, wat, wat döht mi min Aesken weh!". Der Hahn hat als Trost:„Dat, dat, dat ver—tü—üt sick!“ Um das Wohl und Wehe seiner Hühner ist er recht besorgt; er lockt sie zum Futter:„Gott, o Gott, wat'n lecker Jät'n!“ Fremde Hähne duldet er nicht in seiner Nähe, er fordert sie zum Kampfe auf:„Krigt mi den Schelm es hier=her!"— Wird er verscheucht, so ruft er erschrocken: „So'n Bengel von'n Jungen! dat, dat, dat die der Deiker hal!" Auch als Wetterprophet betätigt er sich, wenn er zu ungewohnter Zeit kräht:„Et giff anner Wiär!". Die Kükskes(junge Hühnchen) und„Gössel"(junge Gänse) gelten als dösig— dumm.„Kükskes te möden, Gössel te höden, Wichter te leiden, mag de Düwel vördreiden.“ Einige Weisheit enthalten die Sprüche:„Et ist kine Henne so klok, off se legg auck wull es'n Ei in de Nietteln.“„En blind Höhnken find't auk wull en Körnken.“ Von der Taubenzucht will der Volksmund nicht viel wissen:„Wer sin Geld will seihn stuwen, mott et leggen an Immen un Duwen.“ Marell=Osterwick. O ·CEEUTTTNTUUGAS ebewEAZeSBabam Ueber Unpünktlichkeit bei Kindern Vor Jahren klagte mir eine Mutter, wie aufregend für sie täglich die Stunde vor Weggang der 7jährigen Luise in die Schule sei:„Obwohl sie schon immer früh erwacht, würde sie nie fertig, wenn ich nicht dahinterher wäre und immerfort, immerfort zur Eile mahnen würde. Am Sonntag, ja, da steht Luise in einigen Minuten gewaschen, gekämmt und angezogen da und ebenso rasch ist auch das Morgenbrot verzehrt. Aber an einem Wochentag verursacht schon die Wahl des Kleidchens und der Schuhe großes Kopfzerbrechen. Wenn wir dann beim Frühstück sitzen, ist die Milch entweder zu heiß oder zu kalt oder Luise will wegen Appetitlosigkeit überhaupt nichts zu sich nehmen. Und dann wieder muß das Kind schnell noch die Puppe umbetten, ankleiden oder der kleinen Schwester die und jene Geschichte erzählen. Dieses Verzetteln der kostbaren Zeit macht mich jedes mal zappelig und ich danke Gott, wenn Luise endlich die Stiege hinabstürmt. Was ist da zu machen? Woher hat das Kind nur diese üble Eigenschaft?“ Einige Monate später traf ich wieder diese Mutter. Da erzählte sie mir hocherfreut, daß Luise jetzt jeden Morgen selbständig sich ankleidet und immer pünktlich zur Schule kommt. Wie hat sich dieser rasche Wandel vollzogen? Weil ich weiß, daß diese Unpünktlichkeit eine Eigenschaft ist, die mancher Mutter die Morgenstunden zur Qual macht, will ich über den Wandel bei Luise Näheres berichten. Die Mutter dieses unpünktlichen Mädchens klagte ihr Leid eines Tages der Lehrerin. Diese lächelte nur und sagte:„Wenn Sie meinen Rat genau befolgen, werden Sie diese Plage bald los sein. Es trifft sich gut, daß wir heute das Ablesen der Zeit von der Uhr üben wollen. Sobald ich merke, daß Luise auf dem Zifferblatt genau Bescheid weiß, werde ich Sie auffordern, alles Ermahnen zur Eile und alles Drängen zu unterlassen. Wenn Luise dadurch einige Male zu spät zur Schule kommt, wollen wir das nicht zu tragisch nehmen.“ So kam der Morgen heran, an dem Luise sich allein zur Schule fertig machen sollte. Die Mutter sagte nur:„Luise, ist es richtig, daß Du schon die Zeit ablesen kannst?"„Ja, natürlich,“ antwortete stolz die Kleine.„Sieh, Mutter, jetzt ist es genau halb 8 Uhr.“ Die Mutter darauf:„Ach, das ist fein! Nun brauche ich dir nicht mehr zu sagen, wann du fertig sein mußt. Das kommt mir sehr gelegen, denn am Morgen habe ich ja an sich schon alle Hände voll zu tun.“— Luise war für den ersten Augenblick etwas erstaunt, welch überraschende Wendung und Folgerung sich da ergeben hatte. Aber wie sie das ruhige, entschlossene Gesicht der Mutter sah und der Zeiger der Wanduhr unerbittlich vorrückte, da griff sie nach den Kleidern und Schuhen und war zur rechten Zeit auf dem Schulweg. Eine Woche lang ging alles nach Wunsch. Plötzlich aber verfiel Luise in ihren alten Fehler des Zeitvertrödelns. Statt sich anzukleiden, holte sie ein Buch hervor und vergaß darüber die Uhr ganz und gar. Die Mutter aber fühlte mit jeder Minute das Unglück näher kommen. Es fiel ihr schwer, zusehen zu müssen, wie ihr Kind geradewegs einer unangenehmen Lage zusteuerte. Weil sie aber der Lehrerin das Versprechen gegeben hatte, jede Ermahnung zu unterlassen, ging sie aus dem Zimmer und überließ Luise ihrem Schicksal. Zwei Minuten vor acht Uhr kam dann das Kind zappelnd und hell weinend zur Mutter in die Küche und stürmte aufgeregt zur Schule. Dort war man eben daran, in den Turnsaal zu gehen. Luise mußte mit Sack und Pack mit. Turnen konnte sie heute nicht, denn ihre Turnschuhe waren ja im Schulzimmer verwahrt und dieses war schon abgeschlossen, als Luise in das Schulhaus kam. Das kostete bittere Tränen. Dieser Morgen war für das Kind gewiß nicht schön. Aber es war auch das letzte Mal, daß Luise sich verspätete. Die Uhr an der Wand hat in diesem Falle mehr erreicht, war eine weitaus bessere Erzieherin als die Mutter. Wie ist das möglich? Sie hat dem Kinde gleich nach dem Erwachen klar und deutlich angezeigt, wie viele Minuten ihm bis zum Schulbeginn zur Verfügung stehen. Als aber Luise dann das Buch vorholte, brachte sie in ihrer grausamen Ruhe es fertig, still zuzusehen, wie die kostbare Zeit verrinnt. Sie fand es nicht für nötig, zu sagen:„Wenn du dich nicht beeilst, dann...“ Denn das wußte ja Luise so gut wie wir alle. Sie tat der Kleinen auch nicht den Gefallen, sich über das Zeitvertrödeln aufzuregen, zappelig zu werden und deshalb zu schimpfen. Sie tickte nur immerzu, immerzu und als dann plötzlich Luise zu ihr erschrocken aufsah, zeigte sie dem Kinde die nutzlos vergeudeten Minuten an, nicht schadenfroh, aber auch nicht mitfühlend. Die Mutter tat so, als würde auf sie ein schiefes Licht fallen, als würde sie bestraft. Sie nahm gleichsam dem Kinde alle Verantwortung für sein falsches Handeln ab und das war der Grund, weshalb die Kleine so wenig Eile zeigte. Wir könnten durch das Mittel, dessen sich die Uhr in diesem Fall bediente, unseren Kindern auch jede andere Unart abgewöhnen, z. B. das Kauen an den Fingernägeln, das Beschmutzen der Kleider, das Streiken beim Essen. Nur müßten wir dabei mit solcher Zielsicherheit und Entschlußfestigkeit vorgehen wie die Uhr. Aber das tun wir eben nur in den seltensten Fällen. Wenn ein Kind an den Nägeln beißt, seine Kleider beschmutzt, dann schämen wir uns für das Kind, wenn es nicht ißt, zeigen wir uns beunruhigt und für seinen Ernährungszustand besorgt. Statt dessen sollten wir nach einmaliger erfolgloser Ermahnung dem Kinde die schlimmen Folgen seiner falschen Handlungsweise erleben lassen. Der Nägelkauer soll nur wissen, daß er nicht länger beim Besuch im Zimmer bleiben kann, nachdem er seine üble Gewohnheit auch dort nicht lassen will. Der Schmutzfink soll erfahren, daß man zu Hause bleiben muß, wenn die Kleider nich: in Ordnung sind und der Suppenkaspar soll ruhig einen Nachmittag hungern, nachdem er die Speise zur Essenszeit abgelehnt hatte. Aber eines ist für den vollen Erfolg solch entschiedenen Handelns unerläßlich: Man bleibe, während das Kind die„Rache ereilt“ ruhig, man schimpfe nicht, beschwöre es nicht, man zeige sich vielmehr ebenso unbeteiligt wie im Fall Luise die Uhr an der Wand. Hugo Zinsinger. „Wart' nur, wenn der Vater heimkommt... Diese Drohung ist meist der letzte Trumpf. den die Mutter ausspielt, wenn sie einen Nachmittag lang vergebens versucht hat, die Kinder zur Ruhe und Ordnung zu bringen. Ach es ist ja auch so ungeheuer schwer neben der vielen Arbeit, die der Haushalt verlangt, noch auf die Kinder zu achten, sie zu erziehen. Freilich, wenn die Mutter sich zu ihnen hinsetzen, wenn sie mit ihnen arbeiten, lesen, spielen könnte, dann wäre alles einfacher. Aber sobald die Kinder auf sich allein angewiesen sind, gibt es allzu leicht Dummheiten u. Zänkereien, kein Reden hilft und kein Warnen, bis irgend etwas passiert, zerblicht, herunterfällt. Da ist es verständlich, wenn die Mutter zappelig wird, wenn sie, ohne viel zu überlegen. schließlich ein gänzlich untaugliches Erziehungsmittel verwendet und mit dem Vater droht. Es bleibt ja auch allzu oft bloß beim Drohen. Bis der Vater heimkommt, hat die Mutter sich vielleicht schon wieder beruhigt. sieht nun die Sache nur mehr halb so schlimm an und will sie nicht neuerdings aufrühren und den Vater damit beschäftigen. Oder es gibt so viele interessante Neuigkeiten aus dem Geschäft, aus dem Beruf zu erzählen, daß darüber die kleinen Mißstimmigkeiten des Nachmittags leicht vergessen werden. Die Kinder nehmen natürlich solch erwünschte Lösungen mit Behagen auf, die Drohung der Mutter wirkt das nächste Mal schon um ein weniges schwächer und schließlich zwinkern sich die Kinder verstohlen zu, nehmen die Worte garnicht mehr ernst, weil sie wissen: die Mutter flunkert ja nur.... Die Drohung mit dem Vater bleibt aber auch dann ein untaugliches Erziehungsmittel, wenn sie ausgeführt wird. Denn nichts schadet der Autorität des Erziehers mehr, als wenn er die Hilfe eines anderen sucht, um sich zu behaupten. Und schließlich: der Vater kommt heim, alles wird ihm rasch erzählt und er soll nun eingreifen. Neben ihm steht die Mutter, gekränkt Genugtuung fordernd, vor ihm stehen die kleinen Sünder, in ihrem eiligen Köpfchen nur mehr ein ganz blasses Bild ihrer Ungezogenheiten. Wird der Vater immer das Richtige treffen, weiß er so genau um den Fall, als es notwendig wäre, ist er nicht verärgert und verstimmt vom Geschäft heimgekommen, unwillig und infolgedessen ein bißchen zu rasch und unüberlegt in seinem Urteil?— Und die Kinder? Werden sie Tat und Strafe(es muß ja durchaus keine körperliche Strafe sein) noch ins rechte Verhältnis zueinander bringen können, werden sie sich nicht manchmal ungerecht und hart bestraft fühlen(auch wenn der Vater ganz gerecht war), weil sie doch gar nicht mehr unter dem unmittelbaren Eindruck ihrer Taten stehen? Wir müssen daran festhalten: in der Erziebung gehören Tat und ihre Vergeltung zusammen. Wenn die Mutter es für notwendig hält, daß gestraft wird, dann muß sie es schon selbst tun. Sie soll sich immer vor Augen halten, daß es ein eindeutiges Eingeständnis ihrer Ohnmacht ist, wenn sie droht:„Wart nur, wenn der Vater heimkommt....