Die„Schwerler Zeitung" erscheint wöchentlich sechs mal. Bezugspreis haldmonatlich 1.20 Mark, Einzelnummer 13 Pfg. Druck u. Verlag von C. Braus, Schwerte(Rudr Postscheckkonten: Dortmund 2632 und Hannover 21871. Geschäslsstelle: Große Marktstr. 3—5 Verantwortlich für die Schriftleitung H. Linner, Schwerte. Fernruf 2770 Verbunden mit: Schwerter Tageblatt und Anzeiger Schwerter Volkszeitung „ Westhofener Zeitung Aplerbecker Zeitung Langscheder Zeitung Holzwickeder Zeitung Aazeiggrpeis finr ds achizespol. mmien: 8 Plg, Ausper. tige, finanzamtliche u. gerichtliche Anzeigen 10 Pfg., Reklamezeile 40 Pf: Für teleson aufgegedene Inserate üdernehmen wir keine Gewähr. Bei unvorhengesehn. Beiriedesthrungen, dervorgerufen durch bödere Gewalten, übernedmen wir keinene Gewähr für günktliches Erscheinen der Jeitung u. kann auch keinerlei Anspruch auf Schadenersatz oder Nachlieferung erboden werden 5. Einmuer, Schwerz. Hermum Arto Schwerter Volksblatt— Kreisblatt für den Kreis Hörde= Erstes und ältestes Cagesorgan des Kreises. Generalanzeiger für den Kreis Hörde. Nr. 10(Srites Wland) K K Schwerte(Ruhr), Montag, den 8. Juli 1929 Neues in Kürze. *" Beamtenbeförderungen zum Verfassungstag. ow Berlin, 8. Juli.(Tel.) Der demokratische #ichstagsabgeordnete Schuldt(Steglitz) hat in einem Schreiben an die Reichsregierung angeregt, Beamtenernennungen und=Beförderungen alljährlich zum Verfassungstag auszusprechen, um auch so das Beamtenschicksal mit dem Festtag der Republik innig zu verflechten. Vor der Auswanderung tödlich verunglückt. pw. Berlin, 7 Juli.(Tel.) Auf der Bahnstrecke Hannover—Bremen ereignete sich ein besonders tragischer Unfall. Ein junges Mädchen von 16 Jahren, das sich auf der Reise nach Amerika befand, um ihrer Mutter dorthin zu folgen, stürzte während der Fahrt aus einem Personenzug. Wahrscheinlich ist das junge Mädchen aus Unvorsichtigkeit an den Türverschluß gekommen. Das Mädchen war sofort tot Das holländische Wahlergebnis. wib. Amsterdam, 8. Juli.(Funkspruch.) Das nunmehr vom Hauptwahlbüro festgestellte amtliche Gesamtergebnis der Wahlen für die zwetie Kammer weicht nur in geringen Einzelheiten von den gemeldeten vorläufigen Gesamtergebnis ab, so daß sich in Bezug auf die auf die einzelnen Parteien entfallenden Sitze keine Veränderungen ergeben. Internationaler Kongreß für Rettungswesen. wtb. Paris, 7. Juli.(Tel.) In Trouville=surMer ist ein internationaler Kongreß für Rettungswesen eröffnet worden, der von 29 Nationen, darunter Deutschland, beschickt ist. Die Verhandlungen und Vorführungen finden am 11. Juli ihren Abschluß. Aman Unlah in Marseille eingetroffen. wtb. Paris, 7. Juli.(Tel.) König Aman Ullah von Afghanistan ist mit seiner Familie und einem zahlreichen Gefolge heute an Bord des englischen Dampfers Moolion, von Indien kommend, in Marseille eingetroffen. Er beabsichtigt, am Montag, einer Einladung des Königs von Italien und Mussolinis folgend, nach Italien zu reisen. Deutsche Ferienkinder in Frankreich. wtb. Paris, 7. Juli.(Tel.) Am Samstag sind in Paris 35 deutsche Schulkinder unter Führung von Professor Krüger eingetroffen, die ihre Ferien in französischen Familien verbringen werden. Zur Begrüßung war ein Beamter des Außenministe= riums am Bahnhof erschienen. In einigen Wochen werden sich französische Schulkinder nach Deutschland begeben, um in deutschen Familien in Südund Norddeutschland untergebracht zu werden. MacDonalds Regierung rechnet mit zehn Sessionen wtb. London, 7. Juli.(Tel.) In einer Rede, die er in Durham hielt, erklärte MacDonald, die Regierung setze nicht alles auf eine Karte und werde ihr gauzes Programm nicht in einer Session herausbringen; sie rechne vielmehr mit fünf Sessionen und mit fünf weiteren danach. Die Ministerorzuge in Neichf. pw. Berlin, 8. Juli.(Tel.) Der Gesetzentwurf über die Neuregelung der beamtenrechtlichen Stellung der Reichsminister wird von der Zeitschrift„Der Beamtenbund“ veröffentlicht. Im§ 1 wird bestimmt, daß die Vorschriften des Reichsbeamtengesetzes, des Reichshinterbliebenengesetzes, des Unfallfürsorgegesetzes für Beamte und des Besoldungsgesetzes auf die Reichsminister und den Reichskanzler keine Anwendung finden. Reichsministers. Die Reichsminist Vorstand, Verwaltungsrat oder aufsichtsrat eines auf Erwerb gerichteten Unternehmens nicht angehören, auch keine Nebenbeschäftigung, mit der eine Vergütung verbunden ist, berufsmäßig ausüben. Weiter dürfen die Reichsminister während ihrer Amtszeit gegen Entgelt weder als Schiedsrichter tätig sein, noch außergerichtliche Gutachten abgeben. Reichsminister, auch wenn sie nicht im Amt sind, dürfen über Umstände, auf die sich ihre Pflicht zur Amtsverschwiegenheit bezieht, gerichtlich nur mit Genehmigung der Reichsregierung vernommen werden.„„ 5 9mts. Die weiteren Paragraphen regeln das Amtsgehalt, das Uebergangsgeld und die Amtswohed. A#r mm i n. stergensionen wird Die Frage der Ministerpensionen wird im§ 18 geregelt, der folgenden Wortlaut hat: Ehemalige Reichsminister erhalten von dem Zeitpunkt an, bis zu dem ihnen Amtsbezüge zustehen, Uebergangsgeld. Das Uebergangsgeld wird für die gleiche Anzahl von Monaten gezahlt, für die der Berechtigte ohne Unterbrechung Amtsbezüge erhalten hat, jedoch mindestens für ein Jahr und höchstens für fünf Jahre. Die nach Satz 1 sich ergebende Zahl erhöht sich um die Zahl der iu Reichskanzler keine Anwendung sgrn., 1.18 Ponate, für die §2 regelt die Form bei der Ernennung eines ab, in dem er das 50. Lebensjahr vollendet hat, eichsministers. Die Reichsminister dürfen dem ohne Unterbrechung Amtsbezüge erhalten hat. Das as Aufsichtsrat eines Uebergangsgeld beläuft sich für die ersten drei Monate auf den vollen Betrag der Amtsbezüge, für die spätere Zeit auf die Hälfte dieser Beträge. Minister, die bei der Ausübung ihres Amtes oder im Zusammenhang mit ihrer Amtsführung ohne eigenes Verschulden eine ernstliche Gesundheitsschädigung erlitten haben, können eine Ruherente erhalten, die vom Reichspräsidenten auf Vorschlag der Reichsregierung bewilligt wird und 40 v. H. des Gehalts nicht übersteigt. Darüber hinaus kann der Reichspräsident auf Vorschlag der Reichsregierung in Fällen besonderer Art eine solche Rente bewilligen. Stirbt ein Reichsminister, so stehen seinen Hinterbliebenen für drei Monate die vollen Amtsbezüge und alsdann Hinterbliebenenbezüge zu. Nach dem Entwurf wird das Gesetz rückwirkende Kraft nicht haben. 62. Jahrgang 350 Menschen in Seenot. pw. Berlin, 8. Juli.(Funkspruch.) Die Montagspost meldet aus Neuyork: Der Dampser„Prinz George“ von der Boston and Yarmouth Steamship Co. kollidierte am Sonntag früh, 65 Meilen östlich von Boston mit einem noch unbekannten Dampfer. Der Dampfer„Prinz George“, der 350 Passagiere an Bord hat, sinkt. Auf seine SOS=Rufe haben drei Dampfer geantwortet, doch ist der nächste von ihnen über 100 Kilometer entfernt. Die Boote des„Prinz George“ sind bereits zu Wasser gelassen worden. Tagung der Vereinigten Landsmannschaften Eupen=Malmedy=Monschau in Bonn. wtb. Bonn, 7. Juli.(Tel.) Ueber 200 deutsche Männer und Frauen aus Eupen und Umgebung waren gestern und heute zur Tagung der Vereinigten Landsmannschaften Eupen=Malmedy=Monschau nach Bonn gekommen. Sie kamen in sechs Autobussen mit größerer Verspätung, da sie infolge belgischen Mißtrauens länger an der Grenze aufgehalten worden waren. Die Vereinigten Landsmannschaften und der Bonner Männergesangverein Apollo entboten ihnen vor dem Beethoven=Denkmal unter großer Beteiligung der Bevölkerung einen herzlichen Willkomm. Die Eupener Sängervereinigung dankte durch Vortrag zweier Lieder und legte einen Lorbeerkranz am Denkmal nieder. Im Mittelpunkt der Tagung stand ein von der Stadt Bonn gegebener Heimatabend. Beigeordneter Dr. von Gartzen begrüßte die Erschienenen namens des Regierungspräsidenten, der Stadtverwaltung und der Bürgerschaft. 853 Eranglichen Sr Der einstige Landrat des preußischen Kreises Malmedy, Geh. Regierungsrat Dr. Kaufmann hielt die Festrede. Er erinnerte an die Zeit vor dem in Triewb * Berlin, 7. Juli.(Tel.) Der Prozeß gegen die russischen Dokumentenfälscher hat im bisherigen Verlauf zwar nicht gerade die Sensationen gebracht, die man sich von ihm versprach, nämlich genauere Einblicke in die Methoden, mit denen einmal die russische Tscheka, die Geheimpolizei der Sowjetregierung, und zweitens die in den europäischen Staaten domizilierte weißrussische Gegenbewegung arbeitet, aber es hat dafür nicht an anderen Sensationen gefehlt, die freilich mehrfach vom Hauptthema abwichen. Dieses besteht bekanntlich in der Beschuldigung, daß die Orlow und Genossen Geheimdokumente, durch welche die Sowjetregierung belastet und die amerikanischen Senatoren Borah und Moris der Bestechung verdächtigt wurden, gefälscht haben. Der Kriminalfall selbst ist so verwickelt, die Angeklagten sind so verschlagen, die Zeugen zum Teil so unzuverlässig, daß sich aus dem Kuddelmuddel von einander schroff widersprechenden Aussagen bisher noch kein positiver Kern herausschälen ließ und die Urteilsfällung deshalb auch auf die größten Schwierigkeiten stoßen dürfte. Es kommt hinzu, daß die Hauptverhandlung teils durch den Verlauf der Dinge selbst, teils durch die Verteidigungstaktik der Angeklagten mit so viel Nebenhandlung belastet wird, daß der Fall dadurch immer verworrener wird und dauernd neue Sensationen auf die Tagesordnung gebracht werden, die aber immer wieder unaufgeklärt bleiben. So die Behauptung des Angeklagten Pawlonowski, wonach vor etwa fünf Jahren in der Sowjetbotschaft Unter den Linden drei Männer, die in Deutschland sowjetfeindliche Spionage getrieben hätten, erschossen worden seien. Da das Gericht diese Dinge als nicht zum Beweisthema gehörig ablehnte, blieb die schon früher erhobene Beschuldigung weiter in Dunkel gehüllt. Immerhin ersah man aus manchen anderen Einzelheiten, wie robust sowjetrussische Methoden sind. So gab der Zeuge Siewert offen zu, daß er, während er sich von Pawlonowsti das„Geständnis“ ließ, einen Revolver aus dem Tisch liegen hatte Schon in der Oper„Carmen“ erklärt der Leutnant“ Von unserem Berliner k=Mitarbeiter. Zuniga, als die Schmuggler ihm den Revolver auf die Brust setzen:„So gewichtigen Gründen widersteht man schwer.“ Jedenfalls haben die bisherigen Enthüllungen des Prozesses gezeigt, daß die Methoden der Tscheka sich von denen der zaristischen Ochrana in keiner Weise unterscheiden. Besonders auch was die umfassend betriebene Spionage betrifft. Freilich unterliegt sie hierbei den gleichen„Betriebsunfällen", deren wesentlichster die beliebte Doppelspionage ist. Das heißt, daß ein und derselbe Agent für die Tscheka und zugleich gegen diese arbeitet, sich also von Sowjetrußzland und von der weißrussischen Gegenbewegung bezahlen läßt. Ein Musterbeispiel hierfür ist der Angeklagte Pawlonowski, den die Weißgardisten mit der Mission betraut hatten, bei der Tscheka einzutreten, um für die gegenrevolutionäre Bewegung zu spionieren, und den die Sowjetrussen gleichzeitig als Spitzel bei den Weißgardisten verwendeten. Von solcher Doppelspionage bis zur Fälschung der Nachrichten, wenn man nicht mit hinreichend wichtigen aufzuwarten hat, ist dann, wie man aus dem Orlow=Prozeß ersieht, nur noch ein kleiner Schritt. Wie es gemacht wird, hat man ja erst unlängst aus der Fälschung des tschechisch=französischen Militärvertrages und aus dem Fall der Utrechter Dokumentenfälschung ersehen. Außerordentlich peinlich berührt es, daß die Fäden der Tätigkeit dieser russischen Spione und Fälscher allem Anschein nach auch in eine deutsche Reichsbehörde hineingereicht haben, nämlich in das Reichskommissariat für öffentliche Ordnung, das am 1. Juli dieses Jahres einigermaßen plötzlich aufgelöst worden ist. Der Zeuge Siewert, der freilich nicht als klassisch zu bewerten ist, behauptete, daß er vom Chef der Grenzpolizei beauftragt worden sei, gegen den preußischen Staatskommissar Weismann und den Regierungsrat Bartels Material zu beschaffen! Da den Kriminalkommissaren von der politischen Abteilung Polizeipräsidiums nur eine beschränkte Aussagegenehmigung erteilt wurde, wird auch diese sensationelle Beschuldigung wohl unaufgeklärt bleiben. Kriege, in der er in achtjähriger Amtszeit Zeuge gewesen sei, wie sich in den abgetretenen Gebieten allerorts sowohl bei der wallonischen wie bei der deutschsprechenden Bevölkerung die Hände geregt hätten, wie dankbar man die Hilfe Preußens anerkannt habe und wie die fleißige Arbeit von Jahr zu Jahr reichere Früchte getragen habe. Diese dankbare Gesinnung der Anhänglichkeit an den Staat hätten die Bewohner dieser Kreise dem Vaterland auch bewahrt, nachdem neue Notzeit über sie gekommen sei, eine Not, die die Herzen zerbrochen und ihnen das Schönste, das Land der Väter, geraubt habe. Gerade in der Abgelegenheit dieser Landstriche habe sich ureignes Volkstum und alte Sitte unverfälschter erhalten, als in Gebieten mit schnellerem Verkehr. Der Schmerz wegen der gewaltsamen Trennung vom Vaterland werde ungeheilt fortbestehen, bis das Unrecht wieder gutgemacht sei, das diesem unglücklichen Lande durch den grausamen Machtspruch von Versailles und durch die schmähliche Mißachtung des Selbstbestimmungsrechtes angetan worden sei. Dann rollte der Redner die geschichtliche Vergangenheit der abgetretenen Gebiete auf. Durch 12 Jahrhunderte bis zur französischen Revolution habe Eupen unnnterbrochen zum Deutschen Reiche gehört, seien seine Bewohner in Sprache und Sitte, in Denken und? Fühlen stets nur deutsch gewesen und geblieben.; Noch viel mehr als die kulturelle und politische Zugehörigkeit zeige sich die kirchliche Verbundenheit mit dem Deutschen Reich. Durch 11 Jahrhunderte hätten diese Gebiete immer nur zur alten Kölner Kirche gehört, und erst vor wenigen Jahren sei dieses Band trotz aller Proteste des Kardinals Schulte zerrissen worden. Es sei deshalb die vornehmste Pflicht der Landsmannschaften, sich in die Geschichte ihrer Heimat zu vertiefen und sie überall zu verbreiten. Ihre Bewegung sei vor allem gerichtet auf die Erhaltung des Heimatgedankens. Die Rede wurde oft durch spontane Aeußerungen der Zustimmung unterbrochen. Alsdann berichtete der Vertreter der Vereinigten Landsmannschaften über die nachfolgende Entschließung, die dem Auswärtigen Amt, dem Reichsministerium für die besetzten Gebiete und dem preußischen Ministerium des Innern zugeleitet wurde. „Die Jahresversammlung der Vereinigten Landsmannschaften Eupen=Malmdy=Monschau, die am 6. Juli in Bonn tagte, richtet an die Reichsregierung die dringende Bitte, bei den kommenden Verhandlungen mit Belgien dafür Sorge tragen zu wollen, daß der bei den belgischen Wahlen am 26. Mai klar und unverfälscht zum Ausdruck gekommene Wille der abgetretenen Gebiete, wieder mit dem deutschen Vaterland vereinigt zu werden, gehört und mit allen Mitteln zur Geltung gebracht wird.“ 5 Minuten Arbeitsruhe als Protest gegen Eingemeindung. wp. Hamborn, 7. Juli.(Tel.) Die bürgerlichen Parteien aller Richtungen Hamborns, die verein. Kaufmannschaft, die gewerkschaftlichen Organisationen, der Deutsche Beamtenbund, Ortsgruppe Hamborn und der Eingemeindungsausschuß erlassen einen Aufruf, worin sie Industrie, Behörden und Einwohnerschaft Hamborns auffordern, als Protest gegen die Eingemeindungsbeschlüsse des Landtagsausschusses, denen zufolge Hamborn zu Duisburg kommen soll, am Montag vormittag 11 Uhr 5 Minuten lang jede Arbeit in Industrie, Handel und Handwerk ruhen zu lassen und jeglichen Verkehr für die gleiche Zeitspanne stillzulegen. Die Sirenen der Werke werden Anfang und Ende der Protestaktion ankündigen. In dem Aufruf wird weiter betont, daß die Unterzeichneten mit aller Energie weiterhin gegen jede Vergewaltigung der Selbständigkeit Hamborns ankämpfen werden. Feuerüberfall auf ein MinisterAuto in Bulgurien. wtb. Sofia, 7. Juli.(Tel.) Die bulgarische Telegraphenagentur meldet: Auf der Straße Kritschim—Plovdiw(Philippopel) 9 Kilometer von Plovdiw entfernt wurde in der vorigen Nacht um 1 Uhr ein Regierungsauto, in dem sich der Präfekt des Bezirks Plovdiw, ein der Regierungspartei angehörender Abgeordneter, der Generalsekretär im ge= Ministerium für öffentliche Arbeiten und einige bis Polizeibeamte befanden, von Banditen überzur französischen Revolution habe Eupeszsenupter-; Fahr befinbliche Auto abgaben. Der mit der Leibrochen zum Leutschen Reiche gehört, seien seine: B09. 5„fönlichen Sicherheitsdienstes des liche Auto abggven, Heifg.giteer Lei tung des persönlichen Sicherheitsdienstes des Ministers für öffentliche Arbeiten Wassileff betraute Beamte, Simeon Alexandrow, wurde von den Kugeln getroffen und erlag seinen Verletzungen. Eine Stunde vorher hatte Minister Wassileff in demselben Auto auf der Fahrt nach Plovdiw die Stelle passiert, ohne von irgend jemand angehalten worden zu sein; der Minister kam von Kritschim, wo er mit Ministerpräsident Liaptscheff der Feier aus Anlaß der Inangriffnahme des Baues der neuen Staatsstraße Kritschim—Divlen beigewohnt hatte. Der Ministerpräsident ist von Plovdiw mit der Eisenbahn nach Sofia zurückgekehrt. Die eingeleitete Untersuchung hat bisher nicht ergeben, ob es sich um einen Ueberfall von Wegelagerern oder um ein politisches Attentat gehandelt hat. wtb. Sofia, 7. Juli.(Tel.) Zur Beschießung eines Regierungsautos auf der Straße KritschimPlovdiw meldet die bulgarische Telegraphenagentur ergänzend, daß Ministerpräsident Liaptscheff bereits in Kritschim die Rückreise mit der Bahn angetreten hatte und sich also nicht in dem Regierungsanto befand, das eine Stunde vor der Beschießung der Minister für öffentliche Arbeiten, Wassileff, für die Fahrt nach Plovdiw benutzt hatte. ronnnendr Konserens. Unterredung zwischen von Hoesch und Berthelot. wtb. Paris, 7. Juli.(Tel.) Petit Parisien berichtet, daß der deutsche Botschafter von Hoesch gestern eine Unterredung mit dem Generalsekretär des französischen Außenministeriums, Philippe Berthelot, hatte, die der Frage der Vorbereitung der Regierungskonferenz galt. Die englische Note über den Tagungsort der Konferenz. wtb. Paris, 7. Juli.(Tel.) Minister des Aeußeren Briand hat am Samstag nachmittag den englischen Botschafter Lord Tyrrell empfangen, der ihm eine Verbalnote mit der Auffassung der englischen Regierung über den Zeitpunkt, den Tagungsort und das Verfahren der Regierungskonferenz zur Ingangsetzung des Young=Plaues überreichte. Im Anschluß an diesen Schritt des englischen Botschafters verössentlicht die Agentur Havas felgende Mitteilung: Sowohl nach den Mitteilungen der anderen interessierten Mächte als auch nach dem heutigen Schritt Lord Tyrrells scheint es, daß man im Begriffe ist, sich für die Einberufung der Konferenz auf die ersten Augusttage zu einigen. Was andererseits den Tagungsort betrifst, so hält die englische Note, wie verlautet, an dem Standpunkt der englischen Regierung fest und schlägt demgemäß nochmals London vor. Die Verfahrensfrage soll bisher nur in unbestimmter Form ins Auge gesaßt worden sein; es wird jedoch bekannt, daß die englische Regierung sich den französischen Vorschlägen über eine Prüfung der der Konferenz zu unterbreitenden Probleme in mehre#ren Etappen nicht angeschlossen hat. Kleinarbeit im Landtag.] Die deutsche Landwirtschaft zum Young=Plan. B###fig e Juli /T-1) P.r breuhische Gaud.„„„ W" 44 0.* W" ApM, gi. S4schen 90“ vdz. Berlin, 6. Juli.(Tel.) Der preußische Landtag erledigte am Samstag die zweite Lesung des Polizeikostengesetzes. Die Vorlage sand in der Ausschußfassung, wonach nicht nur für die mit kummunaler Polizei der Lastenausgleich neu geregelt werden soll, mit großer Mebrheit nur gegen die Kommunisten Annahme Das Gesetz wird aber erst am 1 April 1930 in Kraft treten, bis wohin der gleitende Zustand verlängert wird. Auch dann soll die Durchführung auf drei Jahre verteilt werden, damit die Belaftung, die die Orte mit staatlicher Polizei durch die Kürzung ihrer Fonds zugunsten der Orte mit kommunaler Polizei erfahren, nicht auf einmal zu stark wird. Weiter wurde mit großer Mehrheit endgültig das Gesetz verabschiedet, das dem Staat einen Eigentumsvorbebalt für Land in der Mark Brandeuburg; sowie in den Provinzen Sachsen und Niederschlesien sichert, wo Steinkohlen= und Erdölvorkommen festgestellt sind. Eine Entschädigungsmöglichkeit ist, unter Ausschaltung eines Anspruches wegen des etwaigen Wertzuwachses des Geländes, vorgesehen. Das Gesetz tritt an die Stelle jener Notverordnung, die die gleiche Materie regelte, vom Staatsgerichtshof aber zurückgewiesen worden war. Weiter stimmte das Haus endgültig der Novelle zum Ausführungsgesetz über das Reichsgefetz für Jugendwohlfahrt zu, die nur die Neuwahl der Mitglieder der Jugendämter regelt. Außerdem wurden zahlreiche Ausschußanträge angenommen, die u. a. für 1930 ausreichende Mittel für Stipendien zur Heranbildung von Berufsschullehrern aus den Reihen Minderbemittelter, ferner eine Gleichstellung von Stadt und Land bezüglich der Staatszuschüsse für die Berufsschulen verlangen und außerdem Sozialsorderungen für die Kleinfischer auf der Oder, die oberschlesische Industrie und das oberschlesische Handwerk usw. verlangen. Dagegen wurde der wirtschaftsparteiliche Antrag uf Einführung einer Warenhausteuer abgelehnt. Am Montag soll die große rheinisch=westfälische Umgemeindungsvorlage zur zweiten Lesung gestellt werden. Das Urteil im St. Ingberter Spurkassenprozes. wib. Saarbrücken, 7. Juli.(Tel.) Am Samstag nachmittag wurde im St. Ingberter Sparkassenprozeß nach fünftägiger Verhandlung das Urteil verkündet. Es lautet gegen Pircher wegen fortgesetzter grober Amtsunterschlagung und fortgesetzter schwerer Untreue sowie wegen Betruges auf insgesamt 4½ Jahres Gefängnis, gegen Omlor wegen fortgesetzter schwerer Amtsunterschlagung, fortgesetzter Untreue und wegen Betruges auf 3½ Jahre Gesängnis. Beiden Angeklagten ist auf die Dauer von fünf Jahren die Fähigkeit zur Ausübung öffentlicher Aemter abgesprochen worden. Ein formeller Antrag der Verteidigung auf vorläufige Haftentlassung wurde abgelehnt. Sein eigener Zeuge. Ein betrügerischer Bergwerksdirektor. wib. Berlin, 7. Juli.(Tel.) Der Deutsche Landwirtschaftsrat teilt mit: Die im Reichsausschuß der deutschen Landwirtschaft vereinigten landwirtschaftlichen Spitzenverbände haben zu den Vorschlägen der Pariser Sachverständigenkonferenz folgende Stellung genommen: „In dem Bericht der Pariser Sachverständigenkonferenz vom 7. Juni 1929 sind den beteiligten Regierungen Vorschläge für eine vollständige und endgültige Regelung des Reparationsproblems unterbreitet worden. Ohne zu der grundsätzlichen Frage der Reparationsforderungen überhaupt Stellung zu nehmen, hält der Reichsausschuß der deutschen Landwirtschaft an dem Grundsatze fest, daß Reparationszahlungen nur im Rahmen der Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft möglich sind. Die im Reichsausschuß der deutschen Landwirtschaft vereinigten Spitzenverbände halten sich für verpflichtet, ihrer Ueberzeugung Ausdruck zu geben; daß die im Young=Plan der deutschen Wirtschaft zugemuteten Leistungen, für deren Bemessung nicht die wirtschaftliche Prüfung der Leistungsfähigkeit Deutschlands, sondern politische Gesichtspunkte ausschlaggebend gewesen sind, und zu denen noch die ständig steigende Verzinsung und Tilgung der von Deutschland ausgenommenen Anleihen hinzukommt, über die Leistungsjahigkeit der deutschen Wirtschaft weit hinausgehen. Die Landwirtschaft ist unter der Herrschaft des Dawes=Planes in eine immer drückender werdende unproduktive Neuverschuldung hinabgeglitten, deren Höhe sich mit dem Betrage der an die ausländischen Gläubiger Deutschlands abgeführten Zahlungen ungefähr deckt. Sie ist infolgedessen schon über die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit hinaus belastet und unter den gegenwärtigen Produktionsbedingungen nicht imstande, weiterhin unmittelbare und mittelbare Reparationslasten, insbesondere nicht durch weitere Eingriffe in die Substanz, zu tragen. Der Reichsausschuß der deutschen Landwirtschaft erwartet daher von der Reichsregierung, daß sie diesen Tatsachen bei ihrer Entscheidung über den Bericht der Pariser Sachverständigenkonferenz und insbesondere auch bei den diplomatischen Verhandlungen Rechnung tragen und keine Verpflichtungen und Regelungen annehmen wird, die nicht der Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und den besonderen Verhältnissen der deutschen Landwirtschaft entsprechen.“ Diese Stellungnahme der deutschen Landwirt= schaft wurde durch den Präsidenten des deutschen Landwirtschaftsrats der Reichsregierung zur Kenntnis gebracht. wurde teilweise zerstört und zahlreiche Häuser wurden abgedeckt. Die Zahl der Verletzten steht noch nicht fest. Die Saazer Hopfenanlagen weisen Verwüstungen von 80 bis 100 Prozent auf. Auf den Straßen sieht man umgestürzte Lastwagen und Automobile. Unter einem Wagen wurde ein Fuhrmann tot hervorgezogen. Bei Neuhaus in Südböhmen entgleiste infolge des Sturmes ein Lokalzug, wobei 10 Personen teilweise schwer verletzt wurden. Verbrecher von der Polizei auf der Flucht erschossen. wtb. Berlin, 7. Juli.(Tel.) Schutzpolizisten, welche gestern in eine Gastwirtschaft gerufen wurden, um zwei unliebsame Gäste zu entfernen, wurden auf der Straße von etwa 30 bis 40 Personen, die sich angesammelt hatten, angegrissen. Als der eine Festgenommene die Flucht ergriff, schossen die Beamten, nachdem sie einige Schreckschüsse abgegeben hatten, scharf und trafen ihn, sodaß er zusammenbrach. Der im Polizeikrankenhaus inzwischen Verstorbene ist ein von der Kriminal= polizei bereits gesuchter Einbrecher. wtb. Kottbus, 7. Juli.(Tel.) Der im 62. Lebensjahre stehende Bergwerksdirektor a. D. Otto Mosch, der, wie kurz gemeldet, unter dem dringenden Verdacht, in zahlreichen Aufwertungsprozessen vor auswärtigen Gerichten unter Eid als sein eigener Zeuge unter falschem Namen aufgetreten zu sein bezw. andere Personen zum Meineid angestiftet zu haben, vor einigen Tagen verhaftet wurde, hat nunmehr ein Geständnis abgelegt. Ueber seine Verfehlungen wird mitgeteilt: Mosch hatte in einer Aufwertungssache mehrere Frauen des Meineids bezichtigt. Im Verlaufe der Voruntersuchung gegen diese Frauen stellte sich heraus, daß Mosch, um seine Hypotheken zu retten, die er vorwiegend an kleine Leute gegeben hatte, weit über 100 strafbare Handlungen, Abgabe falscher eidesstattlicher Versicherungen, Urkundensälschung und Anstiftung zum Meineid, begangen hatte. In seinem Treiben wurde er von seiner Frau, deren 80jähriger Mutter und seiner Schwägerin unterstützt. In der Voruntersuchung stellte der Untersuchungsrichter, Landgerichtsrat Dr. Nitze aus Erfurt, fest, daß Mosch mit einem von ihm benannten Zeugen Alfred Scharf identisch sein müsse. Die Verfolgung dieser Spur führte zur Aufdeckung der zahlreichen Verfehlungen Moschs. Unter der Wucht der Beweise hat er ein Geständnis abgelegt. Veruntreuungen bei einem Innsbrucker Bandeschuft. wtb. Innsbruck, 7. Juli.(Tel.) Der Prokurist des Manufaktur= und Bankgeschäftes Bederlunger, der Sohn des gleichnamigen Firmeninhabers, ist mit dem Betrag von 120000 Schilling, der aus einer zur Auszahlung gelangten Hypothek stammte, geflüchtet. Das Bankhaus, das sich seit seiner Gründung im Jahre 1790 im Besitz der Familie befindet, ist dadurch in Schwierigkeiten geraten und hat das Ausgleichsverfahren anmelden müssen. Der Vater hat gegen den Sohn bei der Staatsanwaltschaft Anzeige erstattet. Eisenbahnunglücksfälle. Eisenbahnunfall in Regensburg. wtb. Regensburg, 7. Juli.(Tel.) Gestern 22.58 Uhr stieß bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof Regensburg ein Personenzug auf eine dort stehende Schnellzugslokomotive. Durch den Ausprall entgleisten der Tender der Lokomotive des Personenzuges und der Packwagen. Außerdem wurde die Stirnwand des vordersten Abteils des ersten Personenwagens zum Teil eingedrückt. Die Reisenden wurden von den Sitzen geschleudert, wobei 27 Personen leicht verletzt wurden, die sämtlich die Reise fortsetzen konnten. Durch die Entgleisung war im Bahnhof Regensburg die Ausfahrt behindert. Die Nachtschnellzüge nach Berlin erlitten Verspätungen; die Aufräumungsarbeiten waren nach dreieinhalb Stunden beendet. Ueber die Ursache des Unglücks, die auf ein Versehen eines Beamten zurückzuführen sein dürfte, ist die Untersuchung eingeleitet. An der Unfallstelle trafen sofort mehrere Aerzte sowie freiwillige Sanitätskolonnen ein, die den Verletzten Hilfe zuteil werden ließen. Eisenbahnbetriebsunfall in Gotha. wtb. Gotha, 8. Juli.(Funkspruch.) Sonntag vormittag entgleisten aus noch nicht aufgeklärter Ursache beim Vorziehen von der Nord= nach der Südseite zwischen zwei Weichen vier beladene Güterwagen. Zwei Wagen legten sich um. Vier Rangierer wurden verletzt. Autounglück im Oberbergischen. wtb. Ründeroth, 6. Juli.(Tel.) In der vergangenen Nacht platzte an einem Auto, das von Niedersetzmar kam und mit fünf Personen besetzt war, an einer Kurve der Reisen eines Vorderrades. Das Auto überschlug sich; der am Steuer sitzende Bieragent Rudolf Roetger aus Niederseßzmar, der verheiratet und Vater von zwei Kindern ist, und die neben ihm sitzende Hilde Müller aus Dieringhausen waren sofort tot. Dagegen sind die übrigen drei Insassen sämtlich nur leicht verletzt worden. Schweres Motorradunglück. wp. Krefeld, 6. Juli. Gestern abend 10 Uhr stießen auf der Landstraße von Krefeld nach MGladbach zwei Motorräder mit Sozius in dem Augenblick zusammen, als sie einen Handwerkerkarren überholen wollten. Ein Fahrer, ein Herr aus Krefeld, blieb sofort tot liegen, eine weitere Person wurde schwer verletzt ins Willicher Krankenhaus gebracht. Motorradunfälle in Berlin. pw. Berlin, 8. Juli.(Funkspruch.) Der Sonntag war für Berlin trotz des unfreundlichen Wetters wieder ein Tag erschreckend schwerer Verkehrsunfälle. Nicht weniger als acht, zum größten Teil schwere Motorradunfälle haben sich in den Straßen Berlins und in seiner nächsten Umgebung ereignet. Diese Unfälle forderten ein Todesopfer und sechs Schwerverletzte. Sechs weitere Personen wurden leicht verletzt. Geistesgegenwart eines Augenzeugen. pw. Berlin, 7. Juli.(Tel.) In der vergangenen Nacht wurden am Prager Platz in Wilmersdorf zwei Passanten von einem rasenden Privat= auto überfahren und schwer verletzt. Der Führer hielt nur einen Augenblick an, suchte dann aber, ohne sich um die Verunglückten zu kümmern, in schneller Fahrt das Weite. Einem Augenzeugen gelang es jedoch, das hinten am Wagen befindliche Nummernschild, das die Zahl 1 A 68.103 trägt, im letzten Augenblick abzureißen und der Polizei zu übergeben. Wie ermittelt worden ist, gehört das Auto einem gewissen Kaufmann K. Der Bruder des Chauffeurs, der als Wagenwäscher tätig ist, hat in der vergangenen Nacht ohne Wissen des Chauffeurs und des Kaufmanns K. das Auto zu einer Schwarzfahrt benutzt. Er ist seitdem nicht mehr aufzufinden. Auto in eine Arbeitergruppe gefahren. wtb. Leipzig, 7. Juli.(Tel.) Auf der Chaussee Die Unwetterkatastrophen. Brände. Die Unwetterverheerungen in Bayern. wtb. München, 7. Juli.(Tel.) Die Unwetterkatastrophe, die vor kurzem fast ganz Bayern heimsuchte, ist noch viel größer als die bisherigen Meldungen erkennen ließen. Die Getreideernte, die Obst= und die Kartoffelernte ist in vielen Gegenden nahezu vollständig vernichtet. Man rechnet mit einem Gesamtschaden von vielen Millionen. Auch der Bayerische Wald ist durch das Unwetter schwer heimgesucht worden. Der Schaden an Feldern, Wäldern und an den Straßen ist ungeheuer. Durch die Gewalt des Unwetters wurden mehrere Personen verletzt. Am stärksten wütete der Sturm im Bayerischen Wald in den Städten Deggendorf und Zwiesel. Weite Kreise der Landbevölkerung haben unter den wirtschaftlichen Folgen der Katastrophe schwer zu leiden. Neues Hagelunwetter im Chiemgau. wtb. Traunstein, 7. Juli.(Tel.) Am Samstag nachmittag gegen 2 Uhr ging über viele Gegenden des Chiemgaues ein neues schweres Hagelunwetter nieder. Zehn Minuten lang prasselten riesige Hagelkörner auf die Fluren nieder. Mehrere Gemeinden wurden vollständig verhagelt. Die Ernte wurde zu 100 Prozent vernichtet, die Felder wurden dem Erdboden gleichgemacht. In dieser Gegend wütet nun drei Jahre nacheinander der Hagel, sodaß nun zum dritten Male die Ernte vollständig vernichtet ist. Die Unwetterkatastrophe in Nordböhmen. wtb. Warnsdorf in Böhmen, 7. Juli.(Tel.) Die Unwetterkatastrophe im nördlichen Böhmen am Donnerstag hat alle Befürchtungen übertroffen. Infolge der zerstörten Telephonlinien ist es erst jetzt möglich, einen Ueberblick über die angerichteten Schäden zu erhalten, die in die Millionen gehen. Auch Menschen sind dem Unwetter zum Opfer gefallen. Das Riesengebirge sowie das gesamte Elbtal wurden durch Wolkenbrüche und Hagelschlag aufs schwerste betroffen. Ganze Alleen sind umgelegt, Dächer abgedeckt und bis 50 Meter weit fortgeschleudert worden. Bei Königgrätz liegen hunderte von Bäumen auf der Straße und sperren den Verkehr. An vielen Stellen mußte Militär eingreisen und die Hindernisse beseitigen. Bei Pardubitz gab es sechs Tote. Ein Kirchturm Brand in einer Hamburger chemischen Fabrik. wtb. Hamburg, 6. Juli.(Tel.) Am Samstag nachmittag entstand im großen Destillierraum der am Billbrookdeich gelegenen Vauillinfabrik dadurch ein großes Schadenfeuer, daß das Glas eines der Destillierapparate, das mit etwa 100 Kilogramm Heliothrypin gefüllt war, mit starkem Knall platzte. Die auslaufende Masse fing, wie man vermutet, an einem zum Erhitzen bestimmten Gasapparat Feuer. Der Brand griff auf andere Apparate über, und es erfolgten mehrere Detonationen. In dem Raum befanden sich einige Angestellte und Arbeiter, die durch den Luftdruck ins Freie geschleudert wurden. Zwei Arbeiter sind leicht, einer ist schwer verletzt. Die Löschversuche mit Kohlensäure mißlangen. Die Feuerwehr konnte den Maschinenraum schützen. Der Destillierraum brannte aus. Brandstiftung im Uebermut. wtb. Berlin, 7. Juli.(Tel.) Der in einer Tanzdiele im Zentrum der Stadt angestellte 22jährige „Page“ K. landete mit einigen Freunden nach einem Bummel, der sie durch verschiedene Lokale geführt hatte, in Treptow, wo er auf ein Laubengelände geriet. Um zu sehen, welchen Anblick eine brennende Laube biete, legte er an eins der unbewohnten Häuschen Feuer an und weidete sich an den Flammen. Aus einer Nachbarlaube, die gleichfalls unbewohnt ist, nahm er eine gefüllte Petroleumlampe, goß den Inhalt über ein Bett und zündete alles an. Kolonisten riefen die Feuerwehr, die nicht mehr viel zu retten vermochte. Der Brandstifter ist festgenommen und beim Amtsgericht Neukölln eingeliefert. Vier Pferdepfleger und 140 Pferde Aeroram. wtb Neuyork, 8. Juli.(Funkspruch.) In einem mehrstöckigen Stallgebäude brach Feuer aus, das mit solcher Schnelligkeit um sich griff, daß es nicht mehr gelang die 140 Pferde zu retten, da die Feuerwehr lediglich die Ausdehnung des Brandes auf die Nachbarhäuser verhindern konnte. Anscheinend sind auch vier Pferdepfleger dem Feuer zum Opfer gefallen. Rathsrichtendtenst durch Hulesprauft Tätlicher Angriff gegen einen Musikkritiker. wotb. Essen, 8. Juli.(Funkspruch.) Auf dem Tonkünstlerfest in Duisburg ereignete sich am Sonntag ein tätlicher Angriff auf einen Musikkritiker. Der Königsberger Generalmusikdirektor Hermann Scherchen versetzte in einem Duisburger Lokal dem Musikkritiker der Rheinisch=Westfälischen Zeitung, Friedrich Wilhelm Herzog, einen Faustschlag ins Gesicht und beschimpfte außerdem den Angegriffenen. Herzog wurde dabei die Brille zerschlagen und das Gesicht verletzt. Nach der Rheinisch=Westfälischen Zeitung soll es sich um einen Racheakt Scherchens handeln, der sich kürzlich durch eine Kritik Herzogs beleidigt gefühlt und Klage Machern—Wurzen fuhr am Samstag vormittag gegen ihn angestrengt hatte. Diese Klage wurde ein Privatauto beim Ueberholen eines anderen Wagens in eine Gruppe von vier Landarbeitern hinein. Zwei wurden schwer, die beiden anderen leichter verletzt. Alle vier wurden ins Krankenhaus übergeführt. Tödlicher Unfall bei einem Autorennen in Belgien. wtb. Brüssel, 7. Juli.(Tel.) Während des vom belgischen Automobilklub veranstalteten 24=Stundenrennens auf der Rennstrecke Spa—Francor= champs verlor der bekannte Rennfahrer Charlier auf Bugatti die Herrschaft über seinen Wagen und verunglückte so schwer, daß er nach kurzer Zeit seinen Verletzungen erlag. Charlier war kurz vorher auf der Strecke von einem Konkurrenten gestreift worden und war der Ansicht, daß an der Achse seines Wagens dadurch ein Defekt herbeigeführt worden sei. Er hatte sich aber dann doch entschlossen, das Rennen fortzusetzen. Nicht lange danach fuhr der Rennfahrer Karvyn auf einem Minerva=Wagen in die Umzäunung der Rennstrecke hinein, wobei 3 Gendarmen schwer verletzt wurden. Auch der Fahrer selbst wurde verwundet. wtb. Brüssel, 8. Juli.(Funkspruch.) Einer der vier Gendarmen, die bei der Wettfahrt des Belgischen Automobilklubs durch den Wagen des Fahrers Karvyn verletzt wurden, ist auf dem Transport nach dem Krankenhause gestorben. Die drei anderen dürften mit dem Leben davonkommen. Gegen eine Mauer gefahren. wib. Budapest, 7. Juli.(Tel.) In der Nähe von Kiskunhalas fuhr ein von einem des Lenken unkundigen jungen Mann gesteuertes Auto an einer Straßenbiegung mit voller Gewalt gegen eine Mauer. Der Lenker und drei Insassen erlitten schwere Verletzungen; der Chaufseur des Wagens, der auf dem Trittbrett gestanden hatte, wurde so schwer verletzt, daß er wenige Augenblicke nach dem Unfall stard. vom Amtsgericht Berlin=Mitte als unvegründet kostenpflichtig abgewiesen. Der Vorfall, der sich im Kreise zahlreicher Musikkritiker aus dem Reiche zutrug, hat größte Empörung hervorgerufen. Der Verband deutscher Musikkritiker e. V. hat sich des Falles angenommen. Zwei Tote bei einem Kran=Einsturz. wtb. Berlin, 8. Juli.(Funkspruch.) Gestern stürzte in einer Fabrik im Norden der Stadt bei Vornahme von Bauarbeiten ein Kran ein. Zwei Arbeiter wurden dabei so schwer verletzt, daß sie bald darauf starben. Zwei andere Arbeiter wurden leichter verletzt. Die Fortführung der Arbeiten wurde vorläufig untersagt. Abbruch des Fluges Le Bourget=Insterburg. wtb. Königsberg, 8. Juli.(Funkspruch.) Das Samstag morgen zum Fluge nach Insterburg in Le Bourget gestartete deutsche Leichtflugzeug, das infolge Gewitters bei Stralsund notlanden mußte, ist auf seinem Weiterfluge am Sonntag um 6½ Uhr abends wegen schlechten Wetters und besonders wegen Benzinmangels in Danzig abermals notgelandet. Der Flieger wird den Flug nach Insterburg nicht mehr fortsetzen, sondern von Danzig aus zurückkehren. Dankgottesdienst zur Genesung des englischen wib. London, 8. Juli.(Funkspruch.) In allen Kirchen des Reiches wurden gestern Dankgottesdienste für die Genesung des Königs abgehalten. Der König und die Königin, der Prinz von Wales und Mitglieder der königlichen Familie wurden auf der Fahrt zur Westminster=Abtei von einer dichten Menschenmenge lebhaft begrüßt. Die Messe wurde vom Erzbischof von Canterbury zelebriert. Ihn wohnten die Minister und Exminister, ferner das diplomatische Korps bei. Auch der König von Spanien nahm an der Messe teil. Vertagung des Prozesses Ulitz? wtb. Warschau, 8. Juli.(Funkspruch.) Der frühere Abgeordnete zum Schlesischen Seim und Vorsitzende des Oberschlesischen Volksbundes, Dr. Ulitz, gegen den die Gerichtsverhandlung für den 23. Juli angesetzt war, hat am Samstag dem Gericht ein ärztliches Zeugnis vorgelegt, in dem seine Unfähigkeit, im Verlaufe der nächsten sechs Wochen einer Gerichtsverhandlung beizuwohnen, bestätigt wird. Das Gericht hat eine nochmalige ärztliche Untersuchung des Gesundheitszustandes von Dr. Ulitz angeordnet. Zusammenstoß zwischen Kommunisten und Polizei in Amsterdam. wtb. Amsterdam, 8. Juli.(Funkspruch.) Dem Telegraf zufolge wurde am Samstag abend von etwa 25 deutschen Kommunisten, die zur Besatzung des im Hafen liegenden deutschen Dampfers „Diana“ gehören, unter Mitwirkung holländischer Kommunisten ein verbotener Demonstrationszug durch die Stadt veranstaltet. Es kam zu einem Zusammenstoß mit der Polizei, die mit Gummiknüppel und Säbel die Menge auseinandertrieb. Mehrere holländische Kommunisten wurden festgenommen, während sich die deutschen Kommunisten durch schnelle Flucht der Verhaftung entzogen. Deckeneinsturz in einer Kirche auf Sardinien. wtb. Rom, 8. Juli.(Funtspruch.) Wie aus Sassari(Sardinien) gemeldet wird, stürzte Gemeinde Pattada während der Messe ein Teil des Gewölbes der Kirche ein. Von den 200 Andächtigen, größtenteils Frauen, wurden viele unter den Trümmern begraben. Zwei Frauen wurden tot, elf schwer verletzt geborgen. Der Priester blieb unverletzt. Erkrankung d'Annunzios. wtb. Rom, 8. Juli.(Funkspruch.) Nach einer Meldung der Agenzia Stefani aus Gardone (Riviera) muß Gabriele d'Annunzios infolge einer Unpäßlichkeit das Bett hüten. am Montag einen Bericht über das Befinden des Patienten veröffentlichen. Weiterflug der Untin Bowler? wtb. Chicago, 8. Juli.(Funkspruch.) Direkte Nachrichten von dem Flugzeug liegen hier nicht vor, jedoch wurden heute in der Funkstation der Tribune von 7,40 bis 13,04 Minuten Motorengeräusche des Flugzeuges gehört, woraus geschlossen wird, daß sich das Flugzeug in der Luft befindet. Es wird angenommen, daß das Flugzeug von Greatwhale aus den Weiterflug nach dem 700 Meilen entfernten Kap Whidley angetreten hat. eg und suchte sich dann bei einem Steinmetz Grabstein aus. Die Inschrift legte er so* i m L e b e n d u r c h E r h ä u g e n e i n E n d e. zeinem Leben Lulch Eihlligen ein Ende. Bentheim. Gefährliche Situation. In der hiesigen Eisenbahnrepggetzusger tigt gen, und um seine Geschicklichkeit zu probieren, schaltete er solange daran herum, bis sich die Maschine in Bewegung setzte. Trotzdem der kleine Gernegroß die verschiedensten Hebel herumlegte, die Lokomotive brachte er nicht zum Stehen. Die Geschwindigkeit steigerte sich von Augenblick zu Augenblick. Glücklicherweise machte eine Steinmauer der gefährlichen Fahrt ein Ende. Der Anprall war aber noch so heftig, daß die Mauer durchbrochen wurde und die Maschine am anderen Ende herauskam. Der 13jährige Lokomotivführer kam glücklicherweise ohne Verletzungen davon. die Autoraserei ist schon viel geschrieben worden. Auch haben es die Behörden an Warnungen und Vorschriften nicht fehlen lassen. Leider mit wenig Erfolg! Gewisse Leute, die einzig nur„ihre“ im Auge haben, scheinen sich absolut nicht um Vorschriften zu kümmern. Ihnen gilt es offenbar wenig, daß durch ihr„Rennen mit doppelter Geschwindigkeit“ der Verkehr der Straße aufs äußerste gefährdet und die Nervosität des Straßenlebens beträchtlich erhöht wird. Sie fahren eben rücksichtslos drauf los—; sie, sondern andere Leute, die sich im letzten Augenblick durch einen kühnen Sprung ium mögen. Ja, wenn es mit dem Sprung in.m### abgetan wäre! Manchem Kranten, gge Greisin zittern noch lange danach die Glier##c, und Herzkranke können sich infolge der leicht erklärlichen Aufregung den Tod holen. Auch auf Kriegsinvalide, Schwerhörige.. g oder Ganzblinde und Kinder ist Ruchtcht zu nehmen! Müssen wir schon den Staub und Gestank schlucken und das Heulen der Hupen als lästige Zugabe zum Straßenradau mit in Kauf nehmen, so sollten wir doch wenigstens vor unsinnigen Rennproben der Kraftwagen in den verkehrsreichsten Straßen geschützt sein. Das Publikum wird den besten Selbstschutz ausüben, indem es sich die Nummer des rücks drauflos sausenden Kraftwagens notiert und jeden Fall von Autoraserei bei der Polizei zur Anzeige bringt. Schwerte, den 8. Juli 1929. Gedenktage. 8. Juli: 1621: Der französische Fabeldichter Jean de Lafontaine in Chateau=Thierry geboren(gestorben 1695).— 1709: Sieg Peters des Großen über Karl XII. von Schweden hei Poltawa.— 1826: Der Musikgelehrte FAicblich Chrysander in Lübtheen geboren(gestorben 1901).— 1836: Der englische Staatsmann Jos. Chamberkain in Camberwell geboren(gestarhen 1914).— 1838: Ferdinand Graf von Zep##elin in Konstanz geboren(gestorben 1917).— Der amerikanische Großindustrielle John Davison Rockeseller geboren. Die Tage nehmen ab. Man merkt Mitte Juli schon, daß die Abende länger werden. Denn während am 1. J##ie Sonne 8 Uhr 24 Minuten unterging, verlaßt sie uns am 31. Juli bereits 7 Uhr 52 Minuten. Die Tageslänge beträgt Mitte Juli noch 16 Stunden, wird sich bis Mitte August auf 14 Stunden und Ende August gar nur auf 1. Stunden verringem. Die FHuenhgon mert hrese immer mehr„zunehmende Abnahna der geslänge auch an der zunehmenden Abnahme ihres Wirtschaftsgeldes, das in oen mristen Fällen auch zur Bestreitung von Beleuchtungs= und Heizungsbedürfnissen herhalten muß. Da heißt es: sich hier und da etwas einschränken, um die vermehrten Ausgaben decken zu können. Vorläufig tritt allerdings nur die Beleuchtungsfrage in Erscheinung, denn noch immer ist die„blühende, goldene Zeit“. Das gestrige Sonntagwetter war alles andere als julimäßig, man fühlte sich vielmehr in den April zurückversetzt. Gewitterschauer gingen wiederholt über unserer Stadt nieder und es regnete, regnete zeitweise ohne Unterlaß. Die Sonne blickte nur hin und wieder matt auf die feuchte Welt hinab. Die Regenfrau huschte gespenstisch und grau durch die Straßen und Gassen. Sie trommelte mit spitzigen Fingernägeln und knochigen Händen gegen die Fensterscheiben. Es klang aber durchaus nicht schadenfroh und boshaft, wie es eigentlich ihrem Charakter entspricht. Es war mehr eine geheimnisvolle Ankündigung als eine höhnische Drohung... Ein Wolkenvorhang sank für den Tag,— thatralisch aufwallend auf die Erde herab. Hinter dem vorhang aber vollzog sich rätselhafte Wandlung... Brrr... War das ein Sabbelwetter, kühl und regnerisch! Prozession der kath. Gemeinde. Unsere katholischen Mitbürger hatten gestern einen großen Festtag, wurde doch, begünstigt von leidlichem Wetter, die diesjährige Prozession abgehalten. Die Beteiligung war eine gute und der imposante Zug der Männer und Frauen und Jünglinge und Jungfrauen, der mit seinen zahlreichen flatternden Fahnen und der großen Zahl weißgekleideter Kinder(Engelchen) auch äußerlich ein farbenfrohes Bild darbot, schie gar kein Ende nehmen zu wollen. An den einzelnen Stationen, an denen der Segen gegeben wurde, brachte der Kirchenchor unter Birkefelds Leitung prächtige Choräle zum Vortrag und hat dadurch nicht wenig zur Hebung der eindrucksvollen kirchlichen Feier beigetragen. gen 12 Uhr langte die Prozession wieder auf dem prachtvoll geschmückten Kirchplatz an und mit einer Schlußandacht in der Kirche und dem ambrosianischen Lobgesang erreichte die Prozession ihr Ende. Schützentag des Bürgerschützenvereins. Und wiederum sind sie verrauscht, die festfröhlichen Stunden am gestrigen Schützentag im „Freischütz". Die ungünstige Witterung konnte die vielen Teilnehmer nicht zurückhalten, das tradionsmäßige Fest zu begehen, es war ein stattliche Anzahl erschienen, die im festlich geschmückten Saal in froher Stimmung beieinander war. Die Ruhrtaler Jäger= und SchützenKapelle hatte ein vorzügliches Programmm aufgestellt, das mit viel Schneid zum Vortrag gelangte und immer wieder ungeteilten Beifall auslöste. Am Abend begeisterte jung und alt der Festball, zu dem man sich kannte und dem man bis über Mittemnacht hinaus unentwegt huldigte und immer wieder neu Opfer brachte. Im ganzen genommen muß gesagt werden, daß der diesjährige Schützentag des Bürgerschützenvereins würdig in die Fußstapfen seiner Vorgänger trat und keine Wünsche offen ließ. Er bewies auf's Neue, daß Einmütigkeit und Geschlossenheit innerhalb der Reihen des Bürgerschützenvereins vorherrschen, womit dieser Tag seinen Zweck vollauf erfüllt haben dürfte. Man wird ihm gern eine angenehme Erinnerung bewahren. : Ausflug der Postbeamten. Gestern unternahmen die Beamten der Post, Ortsgruppe Schwerte, einen Ausflug nach der Schwerterheide(Wirtschaft Ende). Pünktlich um 2,30 Uhr versammelten sich etwa 50 Herren mit ihren Damen und Kindern an der Töchterschule, Ostenstraße. Von hier aus ging es in geschlossenem Zuge zur Heide. Herr Emde hatte es gu verstanden, alle Teilnehmer auf das beste zu bewirten. Nach dem Kaffee gab es gemütliche Unterhaltung und Spiele für klein und groß, u. a. Schießen für Damen und Herren, sowie der Aufstieg eines Ballons. Dieser hatte einen Durchmesser von 2 Metern und ist von Herrn Otto Plath angefertigt worden. Nach einem glatten Aufstieg verschwand er in etwa 400 m Höhe in südlicher Richtung. Gegen 10 Uhr abends marschierten alle Teilnehmer mit Fackeln nach Schwerte zurück. Dieser Ausflug wird allen noch recht lange in Erinnerung bleiben. Burschen greifen ein Auto an. Gestern abend gegen 7 Uhr griffen stark angeheiterte Burschen in der Brückstraße ein kleines Auto im Uebermut an. Die Autoinsassen aber wehrten sich und es entstand eine Schlägerei, die eine große Menschenansammlung hervorrief. ha. Gegen Parteilichkeit beim Arbeitsamt. Ueber eine unsachliche Behandlung von Personalfragen bei den Dienststellen der Reichsanstalt der Arbeitslosenversicherung und Arbeitsvermittlung wird geklagt. Der Vorstand der Reichsanstalt hat sich in seiner letzten Sitzung nochmals eingehend damit beschäftigt. Schon im vorigen Jahre hatte der Präsident auf die Notwendigkeit der strengsten Unparteilichkeit hin gewiesen. Der Vorstand würde jede Bevorzugung oder Zurücksetzung von Kräften der Reichsanstalt aus parteiischen Gründen sehr mißbilligen. Jetzt ist insbesondere zum Ausdruck gebracht worden, daß es ebenso unzulässig sei. wenn in den Dienststellen der Reichsanstan eine Bevorzugung oder Berücksichtigung von Organisationsinteressen einzelner Angestelltenverbände stattfinde. Der Vorstand will jeden Fall als eine grobe dienstliche Versehlung ansehen, wenn er sich mit diesen Grundsätzen nicht vereinbaren läßt. ha. Die Lasten der Invalidenversicherung einst und jetzt. Die steigenden Lasten der Invalidenversicherung zeigt eine neue Zusammenstellung. Die gesamten Einnahmen find von 1913 bis 1928 von 419,3 auf 1516,7 Millionen gestiegen, die eigentlichen Beiträge von 290,0 auf 1075,8 Millionen. Der Reichszuschuß hatte einst 58,5 Millionen betragen, jetzt 195,7. Der Zinsertrag ist dagegen von 67,5 auf 50,5 Millionen zurückgegangen usw. Der Ueberschuß der Einnahmen über die Ausgaben stieg von 176,4 auf 392 Millionen. Die Rentenleistungen beanspruchten einst nur 188,5, jetzt dagegen 991,4 Millionen. Für freiwillige Leistungen wurden einst 29,8, jetzt 78,0 Millionen verausgabt. Die Verwaltung kostete vor dem Kriege 24,4, jetzt 52,2 Millionen Mark. ha. Tennis staatlich befördert. Für die Anlage von Tennisplätzen wurden mehrfach staatliche Beihilfen nicht gewährt, weil der Tennissport ein Sportzweig sei, der nicht d Allgemeinheit zugute komme. Diese Auffassung erklärt der Wohlfahrtsminister gec. als unzutreffend. Gerade in den letzten Jahren sei dies Sport aus einem Gesellschaftsspiel zu einem Volkssport geworden. Er ist deshalb damit einverstanden, wenn an leistungsschwache Tennivereine Beihilfen aus den Mitteln gewährt werden, die zur Verfügung stehen. ha. Kreuzotterserum. Kreuzotterbisse werden neuerdings mit Serum behandelt. Bei der Staatlichen Universitätsapotheke in Berlin ist jetzt eine Niederlage für antitoxisches Serum gegen diese Bisse eingerichtet worden. Kranken= und andere Anstalten. Aerzte usw. können von dort die nötigen Mengen gegen Erstattung der Kosten unmittelbar beziehen. Ein Fläschchen enthält 10 ccm Schlangengiftserum. Diese Menge reicht im allgemeinen aus. Nur in verspäteten Fällen werden 20 cem gebraucht. Von den Krankenanstalten, die Kreuzotterserum verfügbar halten, hat man ein besonderes Verzeichnis aufgestellt. Sie befinden sich in allen Regierungsbezirken, u. a. in Königsberg i. P., Oranienburg, Stralsund, Beuthen, Gleiwitz, Liegnitz, Bremervörde, Osnabrück usw. Die sauerste Zeit im Jahre ist für den Geschäftsmann die Sauregurkenzeit. Sauer ist sie nicht etwa durch ihre Arbeit, sondern durch den wenig einnehmenden Charakter der Ladenkasse und des Geldschrankes. Geschäftsleute, die schon vor Monaten zu klagen hatten, werden jetzt noch mehr zu klagen haben— im Falle sie nicht g rade mit Selters= und Fruchtwässern, Obstweinen, Flaschenbierenz, au'sHhaaharter und deroleichen„Sommerartikem handemn sbllten. stille Zeit ist bereits angebrochen. Die Städte leer; die Kunden ausgezogen. Niemals im Jahre ist das Land gleichmäßiger mit Menschen versehen. Bis in die entlegensten Gründe und Schluchten des unwegsamen Gebirges rieselt der Verkehr. Ströme und Seen sind mit Salondampfern belebt; das elendeste zur schönsten Sommerfrische. Sogar an Felswänden und Gletschern kribbelts und krabbelts von Menschen, die in ihrer Verzweiflung vor der Sonnenglut im wahrsten Sinne des Wortes„an den Wänden in die Höhe laufen". So seyr oi Pelzhändler auf diese Zeit schimpfen, so sehr freuen sich über sie die Bergwirte, die in den paar Sauregurkenwochen fürs ganze Jahr entschädigt zu werden hoffen. Auch die Besitzer der Kafseegärten und Kinderbelustigungsorte in den Vorstädten können wohl mit den Sommermonaten zufrieden sein und zeigen sich in zweierlei Art von„einnehmendem“ Wesen. : Wetterbericht der Wetterwarte Essen vom 7. Juli 1929. Das Tiefdruckgebiet ist ziemlich der Nordsee nach Polen gezogen. Mit einem Ausläufer erstreckt es sich jedoch über liche Nordsee bis Nordwestdeutschland. Ueber England ist der Luftdruck stärker gestiegen, und es strömen hier sehr kühle Luftmassen aus dem Norden nach Mitteleuropa. Die von dem östlichen Tief ausgehenden Störungen werden auch das Gebiet des Niederrheins und Westsalens zunächst noch beeinflussen, während später vorübergehend eine Besserung des Wetters wahrscheinlich ist. 9.. g. 66.8 me Wetteraussichten bis Dienstag: Vielfuch wolkig und zunächst noch strichweise geringe oder kurz anhaltende Regenfälle, zum Teil bei schwacher Gewitterneigung, später zeitweise stärker aufheiternd und vorübergehend trocken. gen Tagen ein schwarzbuntes, etwa 1½jähriges Rind aufgegrissen. Das Tier ist gezeichgst dem rechten Horn mit den Buchstaben-.. 4. Auf der linken Seite trägt es ein Brandzeichen O oder E. Der Eigentümer wird aufgefordert, sich mit der Polizeiverwaltung Westhofen in Verbindung zu setzen. I. Syburg. Anstellung eines neuen Friedhofsgärtners. An Stelle des kürzlich verstorbenen Friedhofsaufsehers tritt der Berginvalide Richard Einhaus aus der hiesigen Gemeinde. Amt Aplerbeck Hengsen. Blutige Schlägerei. Am Freitag abend gegen 24 Uhr entstand vor der Wirtschaft G. zwischen dem Arbeiter H. B. dem H. O. ein Wortwechsel, welcher in eine blutige Schlägerei ausartete. O. griff zum Messer und brachte B. mehrere Mesterstiche bei, wodurch er am Arm und im Rücken schwer Von Bekannten wurde B. in die Wirtschaft G. getragen und notdürftig abgebunden, da schei bar eine Schlagader verletzt war. Der aus Holzwickede herbeigerusene urzt legte B. ei Notverband an und sorgte für die Ueberführung des Schwerverletzten nach dem Krankenhaus in Unna. Amt Westhofen I. Wandhofen. Eine Kuh wurde auf der hiesigen Hagenerstraße, kurz vor der Iserlohner Brücke, von schweren Krämpfen befallen. Erst nach längerer Zeit und vielem Bemühen gelang es, das Tier wieder aufzurichten und weiterzuführen. Wandhofen. Zusammenstoß. Auf der Straße nach Westhofen stießen Samstag nachmittag unweit der„Rettelmühle" zwei Radfahrer so unglücklich zusammen, daß der eine mit einer schweren Schädelverletzung besinnungslos liegen blieb und später ins Krankenhaus gebracht werden mußte. Das Unglück ist auf ein Versagen der Steuerung des einen Rades zurückzuführen. I. Westhofen. Blutvergiftung. Vor einigen Wochen erlitt ein auf einem hiesigen Werk beschäftigter Arbeiter einen Unfall. Er kam mit dem linken Ellenbogen einer Bohrmaschine zu nahe. Da er die Verletzungen als geringfügig betrachtete, schenkte er denselben weiter keine Beachtung. Nun entzündete sich der Arm stark. Der erst jetzt hinzugerufene Arzt stellte eine schwere Blutvergiftung fest. I. Westhofen. Betriebsunfälle. In hiesigen Werken gelangten in der vergangenen Woche verschiedene Unfälle zur Anmeldung. Aerztliche Hilfe mußte in allen Fällen in Anspruch genommen werden. I. Westhofen. Wem gehört das Rind? In den hiesigen Ruhrweiden wurde vor einiTurnen, Spiel, Sport Um die deutsche Meisterschaft. 1. FC. Nürnberg— Hertha Berlin 0:0. (zweimalige Verlängerung. Vg. Fürth— SC. Breslau 08 6:1. Schwimmen. Deutschland— Frankreich unentschieden. Allgemeiner Deutscher Turnerbund Seit 5 Jahren hält der Verband RheinlandWestfalen alljährlich mehrtägige Lehrgänge ab. Betrachtet es doch der Verband als seine vornehmste Pflicht, für tüchtige Führer Sorge zu tragen, denn nur dann, wenn Spitze sämtlicher Turn= und Sportvereine geprüfte Führer stehen, können die Vereine wirklich Aufbauarbeit zum Wohle der Jugend leisten. Darum sollte jeder Verein tüchtige Leute zu diesen Kursen entsenden. In diesem Jahre findet der Lehrgang in Langenberg statt. Termine sind folgende: Turner, Jugendturner, Turnerinnen und Leichtathleten vom 5. bis 10. August; Schwimmer und Schiedsrichter vor 5. bis 7. August einschließlich; Schwerathleten vom 8. bis 10. August einschließlich. Turnverein„Jahn“ Schwerterheide v. 1900. Zu dem am Sonntag in Hattingen stattgefundenen Kreisfest hatte auch der obige Verein seine Wettkämpfer entsandt, und konnten dieselben wiederum mit guten Erfolgen heimkehren. Allerdings trug das schlechte Wetter vuzu bei, daß nicht alle gemeldeten Wettkämpfer am Start erschienen. Nachfolgend die Siegerliste: Turnerinnen=Geräte=Fünfkampf: Aenne Tie mann 8. Kranz; Elf. Scheibel 10. Kranz; Ed. Lange 11. Kranz. Jugend=Geräte=Sechskampf: Günter Wüsthoff 1. Kranz; W. Broer 4. Kranz; H. Henning Volkstüml. Vierkampf: Rudolf Heimbeck 8. Kranz; Otto Reinert 10. Kranz. Volkstüml. Dreikampf(Schüler): Fr. KraIm Ringen(Mittelgewicht): Walter Tiemann 1. Sieger und somit Kreismeister. Einen besonderen Erfolg hatte Heinrich Brenne. Selbiger holte überlegen den Kreismeistertitel im 800= und 1500-Meter=Lauf. Apothekennachtdienst. Von Montag, den 8. bis Sonntag, den 14. Juli verrichtet die Adlerapotheke, Hüsingstraße, Nachdienst. Dienstag, den 9. Juli 1929. Münster. 07,15—22,30: Uebertragung von Köln. Langenberg. 07.15—22.30: Uebgrtzagung von Köln. chen, Tagesdienst.— 13.05—1430,ie zert.(Leitung Epsob),.— 15.00: Els Vordemrocexnderspielstunde.— 15.30: Wirtschaftssoee bun, gg. Sgunz Pauper: Wand., gieun. dienst.— 16.00. 4—.. g,. Wirtschaftewuen. 16.30: Lebende Dichter. Jos. Magnus Wehner: 18.30: Privatdozent Dr. Logig;,„Prggmärtige Entwicklungstendenzen der Wirtzschafis, Sportund Wetterdienst.— Leute von Ostar Wilde.— Wistesthrge, aus Meldungen und Sportdienst. n der Geschäftswest * Dangsagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme beim Hinscheiden # meines heben Gaten, unseres guten #Vaters, sprechen wir hierdurch allen seren herzlichsten Dank aus. Familie Lehmkuhl Bahum-Schwerte. möbl. Zimmer sucht kinderl. berufstätiges Ehepaar. Zu erfr. in d. Geschäftsst. ds. Zig. Möbllertes zu vermieten. Zu erfragen in der Geschäftsstelle dieser Zeitung. 2651 reischütz 20., 21. Juli u. 18. August Militär-Konzerte 23. Juli Gastspiel des Groß-Russisch. National-Orchesters Tüchtiges sehr sauberes Alleinmädchen welches gut kochen kann nicht unter 20 Jahren sofort nach Köln in ganz modernes Einfamilienhaus gesucht. Wäsche außer dem Hause Ferner ein sauberes Zweitmädchen vorzustellen am Dienstag, den 9. Juli bei Frau Vollbach, Restaurant zum Amtsgericht Schwarte, Hagnerstraße 38. B TIETVETTERHTE arbeitet, auch wenn Du schläfst, Druckerschwärze ist das Blut des geschäftlichen Lebens Sarum inschiere Suche für mein Spezialgeschäft ein Lehrmäschen mit guter Schulbildung und angen. Außeren, nicht unt. 15 jahren. Angebote mit selbstgeschrie: benem Lebenslauf unter Nr. 1136 a. d. Geschäftsst. ds. Ztg. Technikum Lomgo I. Lippo Hoch-, Tief- u. Sisenbetonbau Maschinenbau. Elektrotechnik Selten günstige Gelegenheit! Eine große Anzahl gebr. 2578 Ralles 2 SchmittResoval-Pianos gebr., fast neuwertig, zu sehr günstigen Preisen, auch gegen Ratenzahlungen abzugeben. Carr schmitt Hagen, Hofpianofabrik. Während der Ferien brauchen Sie die Lektüre nicht zu entbehren. Geben Sie uns bitte, bevor Sie verreisen, Ihre FerienAdresse auf, damit wir Ihnen die Schwerter-Zeitung täglich pünklich nachsenden können. Bel wechseinder Reise- Adresse oder kürzerem Aufenthalt als 14 Tage emplichlt sich die Nachsendung unter Streilband. Bei länger als 14 tägigem Aufenthalt in einem Orte ist es angebracht, die Schwerter Zeitung vier Tage vor der Abreise In unserer Geschäftsstelle umzubestellen. Bedienen Sie sich hierfür bitte des nachstehenden Formulares. Für die Nachsendung werden von uns nur die entstandenen Postgebühren berechnet. Leser die die Schwerter Zeitung durch die Post beziehen, müssen die Nachsendung vor Antritt der Reise beim Postamt ihres Wohnortes unter Beifügung von 50 Pfennig Ueberweisungsgebühr beantragen(Formulare hierfür werden vom Postamt unentgeltlich abgegeben). Die Rücküberweisung ist kostenlos und muß 2 Tage vor der Heimreise beim letzten Aufenthaltspostamte, also nicht beim Verlag, beantragt werden. Das Heimatblatt darf auch in der entlegendst. Sommerfrische nicht fehlen. Verlag der Schwerter Zeitung Hier abtrennen! An den Verlag Schwerter Zeitung (Vertriebsabteilung) Schwerte(Ruhr) Ich bitte, mir die Schwerter Zeitung vom. Ots Hac (Postanstalt) Strale oder nähere Adresse unter Streifband— durch den Postzeitungsdienst*) nachzusenden. (Ort Name . den.— stralle 1929 *) N i c h t g e w ü n s c h t e s d u r c h s t r e i c h e n. liefert schnellstens u. preiswert Buchdruckerei Carl Braus Ehpin. Charlie Chaplin ist 1889 in Frankreich von englischen Eltern geboren und verbrachte eine schwere Kindheit im Armenviertel Londons. Mit 10 Jahren half er seinen Eltern schon auf der Varietébühne mit kleinen Tricks, mit 15 Jahren wanderte er allein von Varieté zu Varieté in England, mit 20 Jahren wurde er Mitglied der bekannten Truppe„Karno“, die mit der Nummer„Eine Nacht im Londoner Varieté“ die Bühnen der Welt bereiste. Charlie Chaplin spielte darin die Rolle eines betrunkenen Zuschauers in der Loge. Im Jahre 1910 kam die Karno=Truppe nach Amerika, löste sich aber auf, als Charlie zum Film ging. Der Führer der Truppe, Alfred Reeves, ging mit ihm. Er ist heute Generaldirektor des Chaplinschen Filmbetriebes. Das hervorstechende Element in Chaplins Charakter ist Treue. Daß er seiner Mutter treu geblieben ist, wie kaum ein anderer großer Mann, ist vielleicht nicht so bemerkenswert. Aber es hat eine beföndere Bewandtnis mit seiner Mutter. Sie war eine kleine Tingeltangelsängerin, die ihr ganzes Leben lang mit schwerer Not zu kämpfen hatte. In den Jahren, als Charlie ihr als kleiner Junge auf der Tingeltangelbühne half, wußte sie oft nicht, wo sie das Geld zur nächsten Mahlzeit hernehmen sollte. Man schlug sich durch, so gut man konnte. Von jener Zeit her aber datierte ein beinahe krankhafter Wunsch der Mutter Chaplins nach Seide. Seide, die sie niemals haben konnte. Nur ihre Finger durch seidene Stoffe gehen lassen in einem Warenhause, das war ihr heißester Wunsch. Chaplin vergaß das nie. Und als er an dem Tage, an dem er sein erstes Geld verdiente, seine Mutter nach Amerika kommen lassen konnte, kaufte er ihr ein Häuschen in Santa Monica, in dem sie glücklich sein sollte. Die Jahre des Hungers hatten ihre Spuren bei der Frau hinterlassen und die Sucht nach Seide in ihr in krankhafter Weise gesteigert. Da nahm Charlie sie in die größten Warenhäuser von Los Angeles und ließ sie dort Seide kaufen. Seitdem geht die Mutter Charlie Chaplins ein paarmal in der Woche in diese Warenhäuser, geht an den Seidentisch, sagt zum Verkäufer: „Wieviel Meter haben Sie da auf dem Tisch?“, der Verkäufer sagt: 20 bis 100 Meter, was eben auf dem Tisch liegt, und mit einer lässigen Handbewegung sagt die Mutter Charlie Chaplins:„Bitte, schicken Sie alles, was hier auf dem Tisch liegt, nach meinem Haus.“ Das Haus in Santa Monica, in dem Chaplin seine Mutter hegt und pflegt, ist vom Boden bis zum Keller mit Seide gefüllt, und als Alfred Reeves in meiner Gegenwart einmal zu Charlie sagte:„Das kann doch nicht so weitergehen, wir können doch nicht jeden Monat Hunderte Dollars für Seide bezahlen?" Da lächelte Charlie und sagte:„Warum nicht? Meine arme Mutter hat ein ganzes Leben lang gehungert und sich nur eines gewünscht: Seide. Warum soll ich ihr diesen Wunsch nicht erfüllen?“ Ein Mann, der in Breslau geboren wurde, Heinrich Bergmann, Henry, wie man ihn in Hollywood nennt, der kam vor 15 Jahren als deutscher Tenor nach San Franzisko, und plötzling ging es nicht mehr mit dem Singen. Von Atelier zu Atelier suchte Heinrich in Hollywood Arbeit. Charlie engagierte ihn, und alle kennen wohl den dicken Mann in den ChaplinFilmen, der jetzt in„Zirkus“ den dicken Clown spielt. Das ist Heinrich Bergmann. Bergmann bezieht seit Jahren ein ansehnliches Gehalt von Chaplin, ob er arbeitet oder nicht. Außerdem hat Chaplin ihm aber ein kleines Restaurant am Hollywooder Boulevard eingerichtet, und „Henrys“ ist heute in Hollywood der beliebteste Trefspunkt auch unserer deutschen Künstler und Künstlerinnen und Regisseure, die in den letzten paar Jahren nach Hollywood gewandert sind. Ich könnte noch manches Beispiel dieser Chaplinschen Treue erzählen. Ich möchte aber gern von seiner Großmut sprechen, die sich besonders im Fall von Jackie Coogan erwies. Als Charlie Chaplin„The Kid“ vorbereitete, suchte er in Los Angeles nach einem Kind für diese Rolle. Er fand es in einem Varietétheater von Los Angeles, wo die Eltern von Jackie Coogan auftreten mit Jackie selbst, der sechs Jahre alt war. Der Junge gefiel ihm. Er ließ Probeaufnahmen machen und engagierte Jackie mit einem Wochengehalt von 150 Dollar. Die Eltern Jackies gaben ihre Nummer auf und blieben in Los Angeles. Sie waren überglücklich. Nach vier Wochen erhöhte Charlie Jackies Gehalt auf 300 Dollar, nach weiteren zwei Monaten auf 500 Dollar und kurz vor Beendigung des Films bot er den Eltern Coogans einen fünfjährigen Kontrakt an mit einem Wochengehalt von 750 Dollar für Jackie.— „The Kid“ trat seine Laufbahn durch die Welt an und machte über Nacht Jackie Coogan berühmt. Charlie war im Begriff, einen zweiten Film mit Jackie Coogan zu drehen, als dessen Vater zu ihm kam und ihm das Angebot einer großen amerikanischen Filmgesellschaft zeigte, die bereit war, Jackie Coogan sofort mit einem Wochengehalt von 1500 Dollar zu engagieren. Chaplin lächelte wie immer und zerriß den Kontrakt, den er vor zwei Tagen mit dem Vater Coogan auf fünf Jahre unterzeichnet hatte. Er wollte Jackie nicht die Möglichkeit nehmen, ein höheres Gehalt zu bekommen, als er selbst ihm zu zahlen in der Lage war. Großmut? Es gibt einen modernen Schriftsteller, der heißt Jim Tully. Vor ein paar Jahren war er, was man in Amerika einen Tramp, einen Landstreicher, nennt. Charlie Chaplin las ihn auf der Landstraße auf, setzte ihn in sein Atelier, bezahlte ihm ein Monatsgehalt für nichts— heute ist Jim Tully der viel gefeierte Verfasser von„Bettler des Lebens“,„Die Zirkusparade" und anderer in Amerika viel gelesener Werke. Großmut? Keiner arbeitet wie Chaplin in Hollywood. Er arbeitet, wenn ihm der Geist danach steht. Manchmal 48 Stunden hintereinander, ununterbrochen ohne Manuskript, ohne bestimmten Plan, mit ein paar Notizen im halbzerrissenen Notizbuch. Aber er arbeitet. Dann geht er fischen, irgendwohin, verschwindet, und der Betrieb, der im Atelier mindestens 30 bis 40000 Dollar die Woche verschlingt, läuft nicht, weil Charlie nicht erscheint. Charlie ist menschenscheu. Man hat ihm oft vorgeworfen, daß er Verabredungen nicht einhält. Es ist wahr, wenn er zu einer festgesetzten Stunde eine Verabredung hat, bekommt er oft in der letzten Minute ein Angstgefühl, den Mann, den er treffen soll, irgendwie zu enttäuschen. Dann versteckt er sich, und es ist oft vorgekommen, daß wir ihn im Ateliergebäude in Hollywood eine Stunde lang gesucht haben, während im Warteraum irgendeine bedeutende Persönlichkeit vergeblich auf ihn wartete. Dieses Angstgefühl beherrscht Charlie in solchem Maße, daß manchmal die merkwürdigsten Verwicklungen eintreten. Vor mehreren Jahren kamen Mary Pickford, Douglas Fairbanks und Charlie Chaplin nach Philadelphia. Philadelphia ist eine Stadt, in der mehrere Familien von weltbekannten Namen den gesellschaftlichen Ton angeben. Eine dieser sehr aristokratischen Damen von Philadelphia, deren Name auch in Deutschland bekannt ist, ließ sich trotz ihres Vorurteils gegen den Film wirklich dazu herab, ein exklusives Gesellschaftsdiner in ihrem Palast in Philadelphia für die drei Filmgrößen Mary, Doug und Charlie zu arrangieren. 300 Einladungen wurden ausgesandt. Mary, Doug und Charlic sagten ihr Erscheinen zu. Um 6 Uhr 30 waren Mary und Doug im Hotel bereit, warteten auf Charlie— es wurde 7 Uhr, noch kein Charlie. 300 blaublütige Menschen warteten. Die erregte Dame des Hauses konnte ihre Verstimmung nicht mehr verbergen. Nur Mary und Doug waren eschienen. Kurz und gut, das Diner fand ohne Charlie Chaplin statt, und seit jenem Tage sieht sich die blaublütige Dame von Philadelphia überhaupt keinen Film mehr an. Wo aber war Charlie den Abend? Er hatte auf der Straße einen Landstreicher getroffen, sich mit ihm in ein philosophisches Gespräch eingelassen, Diner — Diner und Aristokraten— Aristokraten sein lassen.— Das ist Charlie Chaplin. In Neuyork machte ich ihn einmal mit einem jungen vielversprechenden Karikaturisten bekannt: Milton Groß. Das war um 4 Uhr nachmittags. Für 7 Uhr hatte Charlie eine Dinerverabredung, die er natürlich nicht einhielt. Statt dessen speiste er mit Milton Groß in einem kleinen Restaurant und wanderte dann mit ihm von 8 Uhr abends bis 4 Uhr morgens die fünfte Avenue Neuyorks auf und ab, ununterbrochen, und ununterbrochen diskutierend über Politik, Literatur, Philosophie und alles Mögliche. Das ist Charlie Chaplin. Charlie hat ein wunderbares Heim, eine Villa, die er sich auf den Anhöhen von Beverly Hills bei Hollywood neben der Besitzung Pickfair, d. i. die Villa, in der Mary Pickford und Douglas Fairbanks wohnen, gebaut hat. Aldas Haus fertig war, sagte Charlie zu mir: „Weißt du, ich selbst brauche gar nichts zum Leben, ich könnte auch schon weiter in einer Dachmansarde wohnen, aber man kann nie wissen, vielleicht kommt einmal Bernard Shaw oder H. G. Wells von England auf Besuch zu uns. Für solche Gäste haben ich diesen Palast gebaut, da sollen sie wohnen, nicht aber ich.“ Und ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, daß Chaplin wochenlang sein prächtiges Heim nie betritt und entweder im Athletic=Club von Los Angeles oder selbst in seinem Atelier seine Nächte verbringt. Wenn Mary und Douglas große Besuche haben, wenn Lords und Herzöge aus Europa kommen und der Platz in Pickfair nicht ausreicht zur Beherbergung der Gäste, dann wohnt ein Teil von ihnen immer im Chaplin=Hause. Aber Charlie selbst ist nicht da, wenn diese gekrönten Gäste bei ihm wohnen, wenn aber Dichter, Denker, Wissenschaftler, große Künstler nach Hollywood kommen, dann steht ihnen nicht nur das Chaplin=Haus offen, sondern Chaplin selbst bemüht sich um sie und weicht kaum von ihrer Seite. Nr. 157(Zweites Blatt) „Schwerter Zeitung Ruttentenig der Konserenzen Auslandskontrollen trotz des Youngplanes. Von Paul Oskar Seidl. Der zu den wenigen sympathischen Teilen des Versailler Vertrages gehörige Artikel 43. lautet kurz und bündig:„Leistet Deut vor Ablauf von 15 Jahren allen ihm aus dem gegenwärtigen Vertrag erwachsenden Verpflichtungen Genüge, so werden die Besatzungstruppen sofort zurückgezogen. Der Youngplan ist der Schlußstrich unter die zahlreichen schmerzlichen Abschnitte der Genügeleistung, die sich Deutschland im letzten Jahrzehnt abgerungen hat. Mit dem Augenblick seiner Unterzeichnung muß also die Räumung der besetzten Gebiete sofort(immédiatement) durchgefühl werden. Ein Zweifel daran besteht weder bei England, bei Frankreich noch bei Belgien, das sich auf jeden Fall den Umzug seiner zur Zeit nur in der zweiten Zone vertretenen Truppen nach der dritten am 10. Januar 1930, dem vertragsmäßigen Räumungstermin der zweiten Zone, ersparen kann. Deshalb ist auch die Zusage der Rheinlandräumung in der englischen Thronrede kein irgendwie überschwenglicher, deutsch=freundlicher Gesinnungsausdruck der neuen englischen Regierung, sondern die selbstverständliche und unvermeidbare Schlußfolgerung aus der Lage, wie sie durch die Sachverständigenkonferenz geschaffen worden ist. Logischerweise hätte die Räumung schon am Tage der Unterzeichnung des Locarnovertrages erfolgen müssen, weil mit ihm die bis dahin noch bestrittene militärische Genügeleistung restlos durchgeführt war, während die wirtschaftliche und finanzielle Genügeleistung, um beim Wortlaut des Versailler Vertrages zu bleiben, ja bereits im Dawesvertrage gelegen hat. Das Verfahren der gegnerischen Regierungen seit Locarno ist bezüglich der Rheinlandräumung nichts anderes gewesen, als eine gröbliche, unrühmliche Rechtsverletzung der Art, wie sie sich der Schwerbewaffnete gegen den militärisch Wehrlosen erlauben kann. Der schlechte Eindruck, dieser Gewaltmethode trotz Genf, Locarno und Kellogg wäre einigermaßen verwischt worden, wenn die Einleitung der Räumungsmaßnahmen unmittelbar nach der Zustimmung der deutschen Sachverständigen zum Youngplan erfolgt wäre, so daß die verbündeten Gegner am Tage der endgültigen Unterzeichnung des Vertrages den Deutschen wenigstens den Trost der vollzogenen Säuberung ihres Landes von Auslandstruppen für die ersten Leidensabschnitte des neuen Tributplanes mit auf den Weg gegeben hätten. Aber davon ist keine Rede mehr, Anläufe der neuen englischen Regierung sind im Keim erstickt worden, eine schwankende Haltung, die eher noch schlimmer anmutet als der klare Wille der französischen Regierung, so lange Macht vor Recht gehen zu lassen, wie das nur irgend möglich ist. Sie hat dafür eine ganze Reihe von„Anregungen“ gegeben, obwohl Poincaré der einzige vom Youngplan voll befriedigte Staatslenker ist. Aber Zeit gewonnen, alles gewonnen. Deshalb hält Frankreich zur Vorbereitung der Inkraftsetzung des neuen Ech warte auf dich Roman von Fr. Lehne. 2. Fortsetzung. Nachdruck verboten. „Ah, der ist gut! Während der zwei Jahre habe ich nicht solche Köstlichkeit über die Lippen gebracht! Man merkt Mutters Küche!" „— oder vielmehr des Klärchens, da ja sie den Kuchen gebacken— darum ist er so gut!“ „Wirklich?" Da muß ich ihr zur Belohnung gleich einen Kuß geben,“ rief Andreas übermütig, faßte Klara, die die Kaffekanne in der Hand hatte, um ihn zu bedienen, um dem Arm und drückte ihr einen Kuß auf die frischen Lippen. Da fühlte er, wie ein Zittern durch ihre schlanken Glieder lief, so ein jähes Erbleichen ihrer Wangen, dem ein glühendes Erröten folgte— er erschrack beinahe. Was war das? Es war doch nicht der erste Kuß gewesen, den er ihr in spielerischem Uebermut gegeben— er hatte sich wahrhaftig nichts dabei gedacht. Es war nur ein Ausfluß seiner unbändigen Freude, wieder daheim zu sein. Die ihm überkommene leichte Verlegenheit löste er durch ein lautes, etwas erzwungenes Lachen. „Ja, ja Klärchen, da verwöhnt man mich in der Heimat und macht mir dadurch den Abschied, der doch wieder kommen muß, umso schwerer.— Ja, bitte, gieße mir noch eine Tasse Kaffee ein —und— Mutterchen— noch ein Stück Kuchen! Er ist wirklich ausgezeichnet.“ Klara hatte ihre Erregung überwunden; es war ja kindisch, daß sie sich hatte so erschrecken lassen, und sie zwang sich zu ihrer Unbefangenheit. „Du sprichst von Abschied, mein Sohn, und bist doch kaum erst gekommen—“ ein leiser Vorwurf klang aus der Stimme der Pastorin „Abschied ist ein Wort, das ich nicht gern höre—“ Planes eine Politikerkonferenz für die Richtlinien, dann eine neue Sachverständigenzusammenkunft für die technische Ausgestaltung dieser Richtlinien und endlich eine zweite Staatsmännerberatung zwecks endgültiger Festlegung des Plans für erforderlich. Da die Sachverständigenkonferenz schon vier Monate gedauert hat und auch England sich anschickt, den Youngplan für verwickelt und ergänzungsbedürftig zu erklären, können wir uns ungefähr ausmalen, was noch alles zu erwarten ist, ehe wir den geringen Ertrag dieser ganzen Konferenzfolge einfahren tönnen. Es handelt sich dabei um ein Spiel mit den Nerven Deutschlands. Wir sollen unter Druc gebracht werden mit Rücksicht auf den Septembertermin für die Inkraftsetzung des Youngplanes. Aber wir sollten die Bedeutung des 1. Septembers doch nicht überschätzen. Wir brauchen auf keinen Fall einen Vertrag zu unterschreiben, der für die Beendigung der Dawesleistungen einen späteren Wirkungstermin enthält. Erinnern wir uns an den harten kampf, den es bereits in Paris gegeben hat. Wir haben uns mit dem 1. April 1929 nicht durchsetzen können und dann den 1. September nur als äußersten Termin angenommen. Wenn einige englische Regierungsstellen entdeckt haben und davon auch Mac Donald, wie seine ersten Parlamentsreden erkennen lassen, zu überzeugen wußten, daß England bei dem Youngplan zu schlecht wegkommt, so ist das eine interne Angelegenheit der Gegenseite. Sie kann ja dann das Pariser Würselspiel um den Beuteanteil wieder aufnehmen, hat sich aber nach der Finanzdecke zu strecken, die der Sachverständigenentwurf vorschreibt. Die bereits in Paris betonte Material= knappheit Deutschlands für die Maße dieser Decke zu betonen ist naturgemäß dringliche deutsche Pflicht ohne Rücksicht auf die Schwierigkeiten im Lager der anderen. Darüber hinaus bleibt Deutschlands Hauptsorge die Erfüllung der mit dem Youngplan verbundenen politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen, durch die Deutschland vor allem wieder in den Vollbesitz seiner Souveränität gelangen soll. Dieses Ziel des Youngplanes wird aber nach der jetzigen Fassung nicht einmal erreicht für die Befreiung unseres Landes von ausländischen Kontrollorganen. Der Wille des Auslandes greift in die Unabhängigkeit Deutschlands mächtig genug schon durch den Zwang zur Aufrechterhaltung der Zölle und der Verbrauchssteuern für Zucker, Tabak, Alkohol in einer Gesamthöhe bis zu etwa 2,5 Milliarden ein. Von den beiden Organisationsaus. schüssen des Youngplanes wird der eine die kommende Welttributbank organisieren, der andere sich mit Aufgaben befassen, für die verfassungsmäßig nur die gesetzgebenden Körperschaften Deutschlands als maßgeblich in Frage kommen. Sie sollen auch gar nicht ausgeschlossen werden, aber widerspruchs= und einflußlos Gesetzentwürsen zustimmen, die ihnen von den drei Unterausschüssen des zweiten Organisationsausschusses vorgelegt werden. Diese Gesetze betreffen ausdrücklich die„Angleichung der für die Durchführung des Dawesplanes erlassenen deutschen Gesetze", und zwar über die Angleichung der verpfändeten Einnahmen, des Reichsbahngesetzes und des Bankgesetzes an den Youngplan. Reichsbahn und Reichsbank sollen also dauernd jedenfalls für zwei Generationen— der unmittelbaren Einwirkung der deutschen Gesetzgebung entzogen bleiben. Bezüglich der Reichsbahn genügt dem Ausland noch nicht die sehr einschneidende Bestimmung des Youngplanes, daß sie weiterhin 660 Millionen zu den Reparationslasten beisteuert, und die Reichsbank wird gerade in ihrer Funktion als Zentralnotenbank der Beeinflussung durch die deutsche Regierung und durch deutsches Gesetz entzogen bleiben. Man kann dazu nach den Erfahrungen der ReichsMontag, 8. Juli 1929 finanzwirtschaft in den letzten Monaten gewiß anmerken, daß Wirtschaft und Bevölkerung durch das Dawesgesetz vor einer zweiten Inflation bewahrt worden sind, da ein Finanzminister wie Hilferding ja zweifellos die Notenpresse zur Befriedigung des Arbeitslosenheeres und anderer öffentlicher Geldsorgen in Tätigkeit gesetzt haben würde. Die Finanzmißwirtschaft eines sozialdemokratischen Ministers braucht aber doch nicht als Dauerzustand betrachtet zu werden. Deutschland wird um so eher wieder auch nach innen gesunden, je früher seine Selbständigkeit und Selbstverantwortlichkeit wiederhergestellt wird. In diesem wichtigen Punkte müssen wir die gleiche volle Kraft zur Verbesserung des Youngplanes einsetzen wie hinsichtlich seiner Finanz=, Räumungs=, Kolonial= und Wirtschaftsvoraussetzungen und uns durch Drohungen mit zeitraubenden Verschleppungsmanövern nicht schrecken zu lassen. Aus den Nachbar-Städten Aus Groß=Dortmund — Eine neue Bluttat! Einen folgenschweren Ausgang nahm ein Streit, der Samstag abend zwischen dem Ehepaar Mertens Hause Stollenstraße 3 entstand. Der Ehemann griff zu einem Messer und stach auf seine Frau ein. Die gestochene Frau lief, von einem Messerstich in die Brust getroffen, in die Wohnung ihres Sohnes, die sich im gleichen Hause befindet. Sie traf ihren Sohn aber nicht an. Dasi Angst hatte, in ihre eigene Wohnung zurückzukehren, wartete sie auf die Rückkehr des Sohnes. Als dieser nach etwa einer halben Stunde erschien, gingen Mutter und Sohn in die elterliche Wohnung. Hier trafen sie den Vater erhängt an. Die Tat hatte er wohl aus dem Grunde verübt, weil er annehmen mußte, daß er seine Frau erstochen hatte. Glücklicherweise ist der Messerstich nicht sonderlich gefährlich. Die Polizei wurde benachrichtigt, die einwandfrei einen Selbstmord feststellte. Die Leiche wurde daraufhin freigegeben. — Selbstmord aus Liebeskummer. Sonnabend nachmittag verübte im Stadteil Derne der Bermann C. einen Selbstmordversuch, der glücklicherweise noch im letzten Moment keine schlimmeren Folgen zeitigte. Er benutzte das Alleinsein in der elterlichen Wohnung zu seinem Vorhaben. Er schnitt sich mit dem Rasiermesser die Pulsadern an beiden Armen auf. Als die Eltern wieder heimkehrten, fanden sie den unglücklichen Mann im Schlafzimmer in seinem Blute liegend auf, und veranlaßten die Abtransportierung zum Krankenhaus in Derne. Hier liegt der Bedauernswerte in bedenklichem Zustande darnieder. Das Motiv zur Tat ist ein unglückliches Liebesverhältnis des jungen Mannes. * Niederhofen. Eine leichtsinnige Wette. Junge Burschen im Alter von 14—16 Jahren kamen aus der Badeanstalt. Einer wollte sich recht zeigen, er machte mit einem seiner Kumpanen eine Wette, diese galt: Wer von uns beiden zuerst an dieser Felswand herausgeklettert ist, bekommt 50 Pfg. Beide legtei Badezeug nieder, und nun ging es los. Als einer in der Witte der Wand war, trat er auf einen Stein, der wohl nicht ganz fest saß, er rutschte aus und fiel herunter. Der Junge erlitt schwere Wunden am Kopfe und an den Händen, außerdem verstauchte er sich den Fuß. Witten. Ein unverschämter Geselle. In den Gemüsegarten der Wwe. Pingel drang nachts ein Kerl ein, hackte ein Beet mit Salat ab, stach alle Gurken aus, vernichtete sämtliche Erbsen u. a. m. Bereits vor zwei Jahren wurde die gleiche Tat verübt. Anscheinend handelt es sich um einen Racheakt. Lüdenscheid. Vor Schrecken stumm geworden. Bei einem schweren traf ein kalter Blitzschlag ein Haus an der Ludwigstraße. Dieses ungewöhnliche Ereignis erregte eine zufällig im Hause anwesende Frau so sehr, daß sie einen Nerverzusammenbruch erlitt u. außerdem die Sprache verlor und vollständig gelähmt wurde. Finnentrop. Rückkehr eines Fremdenlegionärs. Der Arbeiter Franz St. aus Altfinnentrop ließ sich vor 3 Jahren in Metz zur Fremdenlegion anwerben. Jetzt glückte es ihm, durch eine abenteuerliche Flucht die Freiheit wiederzubekommen. Lüneburg. Ein gewissenhafter Selbstmörder. Aus einem größeren Orte des Regierungsbezirks Lüneburg wird dem Osnabrücker Tageblatt eine eigenartige Geschichte erzählt, die trotz ihrer Tragik einer gewissen Komik nicht entbehrt. Eines Tages kommt ein Mann zum Geistlichen und bestellt für sich eine Leichenrede, wobei er erklärte, daß er innerhalb weniger Tage eines plötzlichen Todes sterben werde. Bei der Kirchengemeinde kaufte er sich einen Grabplatz, bestellte beim Tischler einen „Ah, du meinst, Mutterle, ich lege mich jetzt so auf die Bärenhaut, hätte nun schon genug für die Unsterblichkeit getan?" lachte Andreas; „nein, jetzt soll das Arbeiten erst anfangen—. „Gewiß, gewiß, mein Sohn, dennoch brauchst du nicht von Abschied sprechen! Denn wenn du hier am Gymnasium als Lehrer—“ Er fuhr sich durch das dichte blonde Haar. Erschreckt sah sie ihn an. „Nicht? Ich denke, das war alles abgemacht! Mehr als einmal habe ich mit dem Direktor Rußlein darüber gesprochen, der ein so großes Interesse an dir hat, weil du der Sohn seines besten Freundes bist—.“ „Das kommt auch noch, Mutterle! Aber ein Jahr möchte ich noch für mich haben. Ich muß meine Tagebücher ausarbeiten— und an eine Lehrtätigkeit muß ich mich auch erst wieder gewöhnen— und darum habe ich mir vorgenommen, erst noch für einige Zeit eine Hauslehrerstelle anzunehmen—— ach, erschrecke doch nicht liebes Altchen— es ist doch nicht außer der Welt— ist sogar hier in Deutschland—“ lächelte er. „Ach Gott, Andreas, und ich hatte mich schon gefreut, daß du nun ganz hier bliebest— der Direktor hat schon alles so schön eingeleitet— und ich hätte dann wieder für dich sorgen können—.“ Die Pastorin war ganz traurig geworden. „Das läuft dir nicht davon, Muttchen— vielleicht nehme ich dich dann so in Anspruch, daß es dir bald zu viel wird.“ und ich dachte, du würdest bald heiraten—.“ „Daran dachte ich noch nicht, Altchen! Das hat noch gute Weile!" Zufällig streifte sein Blick Klara Stettner; ihm fiel da eine merkwürdige Blässe ihres zarten Gesichts auf, ein wehes Zucken des Mundes, und der vordem so belebte Blick ihrer Augen war matt geworden. „Mutterchen, welche Phantastereien— ich und heiraten!— Ich als Schulamtskandidat ohne feste Anstellung. Worauf soll ich meinen Hausstand gründen? Jeder Vater, um dessen Tochter ich anhielte, müßte mir ja Gewissenlosigkeit, Leichtsinn oder Spekulationsabsichten auf seinen Geldbeutel vorwerfen— und das ließe mein Stolz nicht zu! Siehst du das nicht ein, Mutterchen?" Gewiß, sie sah es ein, wenn sie auch eine Enttänschung fühlte. B.8.2ur 7.5 Und da saß noch jemand— die Pastolin suh auf Klärchen; doch auf dem ruhigen Gesicht war nichts zu lesen, wie sehr sie sich auch von Andreas Worten berührt fühlte. „— und weiß du schon wohin?“ „Ja, Mutterchen, alles ist schon abgemacht! Am ersten Mai gehe ich nach Rittergut Darwitz bei Karlstadt auf ein Jahr als Hauslehrer zu zwei Söhnen des Barons Darwitz. Ich lernte die Herrschaften in Tegernsee kennen; Professor v. Baumgarten wollte dort einen Freund treffen; aus diesem Grunde fuhren wir von München dorthin. Auf einer Tour nach dem Wallberg schloß sich uns ein Herr mit zwei Söhnen an; wir kamen ins Gespräch— und so hat sich die Sache entwickelt! Ich freue mich darauf!" „Wenn du dich freust, mein Andreas— aber ganz einverstandn war die Frau Pastor diesmal doch nicht. „Ich werde dich recht oft besuchen, Mutterle — aber nur unter der Bedingung, wenn es jedesmal einen so leckeren Kuchen gibt wie diesen hier.— Ich muß Ihnen nochmals meine Anerkennung aussprechen, Klärchen.“ Sie errötete, als er sie mit seinen feurigen blauen Augen ansah, die von seltener Ausdrucksfähigkeit waren. Als sie die Bitte aussprach, ihr die Aufnahme von seinen Reisen, die er heute mittag erwähnte, zu zeigen, kam er bereitwillig ihrem Wunsche nach. Anregend und fesselnd gab er die Erklärungen dazu und atemlos lauschten die beiden Frauen seinen Berichten über ferne, fremde Gegenden, die ihnen durch die anschaulichen, lebendigen Schilderungen des jungen Gelehrten so nahe gerückt wurden. Klaras bescheidene, aber gescheite Fragen und Bemerkungen zeigten ihm warmes Interesse und Verständnis. Er freute sich darüber und gar bald fand er den harmlosen Neckton wieder, der bisher in all den Jahren zwischen Ihnen herrscht, und unbefangen und fröhlich ging Klurn darauf ein, nachdem sie endlich eine ihr selbst unerklärliche Befangenheit überwunden. Sie wußte doch, wie fröhlich Andreas war — und hatte sich durch seinen harmlosen Kuß so erschrecken lassen— noch dazu in Gegenwart seiner Mutter gegeben!— Törin, die sie doch Und das Jahr würde auch vergehen— dann kam er ja wieder! Ihr Vater würde des jungen Hammerschmidts Ansichten nur billigen— ein Schulamtskandidat ohne Anstellung und Gehalt kann doch nicht gleich an Verlobung und Hiirat denken!„ 69 sich Das Gefühl der enttauschung, vas sich anfangs bei seinen Worten ihrer bemächtigte, war gewichen, und für den Rest des Nachmittags war sie wie immer von einer wohltuenden Heiterkeit und Schlagfertigkeit, so daß oft helles Lachen von den Wänden des Witwenstübchens widerhallte. Als sie sich verabschiedet halse, suy Frau stor Hammerschmidt erwartungsvoll den Sohn an. Nun—?“ „Du bist erkannt, Altchen! Zur Diplomatin b'st du nicht geboren. Ich weiß jetzt, warum du so geme möchtest, daß ich bald heirate— „Wäre denn Klärchen Stettner nicht die für dich geeignete Frau? Keine paßt besser zu dir— keine ist so tüchtig und eine so gute Hausfrau dabei— du kennst doch die Stettnerschen Verhältnisse—— sie würden dir gestatten, ganz deinen wissenschaftlichen Neigungen zu Die Universitätslaufbahn, was du gern möchtest * (Fortsetzung folgt.) ROMANvoR KKTE LUBOWSK! * i 10 1 (16. Fortsetzung.) „Da haben sich wohl sämtliche Kurgäste, die herumstanden, dabei beteiligt?“ forschte die Gräfin spitz. „Das stimmt nicht, Tante Gräfin. Aber der Fürst hat so herzlich gelacht, wie ich ihm das bei seiner sonstigen Ernsthaftigkeit nie zugetraut hätte. Und ordentlich lieb hat er dabei ausgesehen. „Und dann hast du wohl deinen wahren Namen genannt,“ argwöhnte die Gräfin. Ist mir nicht eingefallen. Wie wäre ich dazu gekommen? Man ist doch nicht aus Körlinchen an der Persante. Hatte er sich mir vielleicht vorgestellt? Was ging mich zuerst an, wie er hieß oder was er trieb? Nachher hätt' ich's freilich gern gewußt.“ „Was war denn inzwischen geschehen?“ „Eigentlich nichts. Wir hatten miteinander geplaudert. So recht harmlos, wissen Sie. Nicht gerade vom Wetter und der Brunnenparade, aber auch nicht von Doktor Bornokofs Verjüngungsmethode, die übrigens schon wieder veraltet sein soll oder von Paneuropa, dem bei unserem Table d’haute üblichen Unterhaltungsstoff. Von Berlin und was man da halt tut und nicht tut, wenn man fesch und gesund ist und das nötige Kleingeld hat.“ „Darüber hast du ihn natürlich belehrt und er hat andächtig oder gelangweilt zugehört, nicht wahr?“ „O nein! Der weiß besser Bescheid als ich! Ich habe ja noch nicht einmal ein Rennen auf der Avus mitgemacht. Schließlich, nur um ein anderes Thema aufzubringen und ihn noch etwas zu halten, habe ich gefragt, ob er Tennis spiele„Alsdann ist die Partie jetzt präzise fünf Uhr verabredel. Nachher habe ich natürlich wissen wollen: mit wem. In Berlin sage man das vorher. „Nun... und da hat er dir einen Decknamen angegeben?“ „Da würde ich jetzt nicht zum Tennis gehen. Das können Sie mir glauben. Verlegen, sehr verlegen ist er gewesen. Und das hat ihm wieder so gut gestanden. Dazu wäre er leider nicht willig, hat er alsdann gesagt und dabei geseufzt. Aber ich solle deswegen nicht gering von ihm denken. Er sei ein ehrlicher Mensch und begehe bei dem Verschweigen seines Namens keinerlei Unrecht. Länger als höchstens zehn Tage bleibe er nicht mehr hier. Wären sie zu Ende, würde ich seinen wahren Namen aus seinem Munde erfahren oder auch nicht Er wünschte aber schon heute, daß er frei herausreden dürfe. „Nun, verlangst du wirklich noch andere Beweise für die Richtigkeit meiner Erzählung? Es ist klar. Du gefällst ihm, aber er will dich und wohl auch sich selbst erst prüfen. Vielleicht hat er schwere Enttäuschungen in punkto Liebe erfahren müssen, ist nur um Rang und Besitz erhört worden... und hat bei solcher Einsicht Schluß gemacht.“ „Nehmen wir es an, Tante.“ „Ja, und was sagt denn nun deine Mutter dazu, Anita?“ „Den ganzen ausführlichen und wahrheitsgemäßen Hergang, wie Sie ihn jetzt kennen, habe ich ihr natürlich nicht gebeichtet. Das Notwendigste weiß sie aber. Sie war gegen dies Treffen zum Tennis, weil... ich doch noch verlobt bin.“ Die letzten Worte überhörte die Gräfin geflissentlich. „Ich verstehe die gute Adelheid in der letzten Zeit so gar nicht mehr,“ jagte sie mehr zu sich als zu Anita. „Seitdem sie hier ist, finde ich sie unbegreiflich erregt,“ klagte Anita. „Was sagt der Arzt dazu?“ „Der ist sehr wortkarg und streng, seitdem sie vorgestern zweimal ihren Anfall hatte.“ „Was für einen Anfall? Davon hat sie mir kein Wort gesagt.“ „Vielleicht nennt man diese Schwäche, der eine Ohnmacht folgt, medizinisch auch anders. Ruth bestimmt. Muschi liegt alsdann wohl eine Viertelstunde starr und bleich da. Heute fühlt sie sich besonders schlecht.“ „Ich beabsichtigte sie nachher ohnehin zum Kurkonzert abzuholen Das wird sie zerstreuen Musik erheitert stets.“ Anita Krumbholz machte ihr demütigstes Gesicht. „Wollen Sie mir bei dieser Gelegenheit einen sehr großen Gefallen tun, Tante Gräfin?“ „Ich errate deinen Wunsch, kleine Anita. Ich soll Mama wegen des Fürsten beruhigen Ist's nicht so?“ „Muschi vertraut ihrem Taktgefühl und Scharfsinn jetzt genau wie früher,“ schmeichelte Anita und erwarb dadurch in dieser Angelegenheit eine fortan stets bereite Helferin. „Ich besitze lediglich eine natürliche, allerdings nie trügende Menschenkenntnis, mein liebes Kind. Und damit ein Feingefühl für jedes Echte oder Gegenteilige. Das wird nicht nur durch die Geburt vermittelt. Es bildet sich vielmehr erst durch den vornehmen Umgang heraus. Man wird, ich muß das leider, so hart das klingen mag, sagen, unsicher, sobald man gezwungen ist, weniger exklusiv im Verkehr zu sein" „Das geht auf Muschi," dachte Anita belustigt, ohne etwas dagegen einzuwenden und weiter:„wenn ich einmal wirklich Glück haben sollte werde ich ihr schon die richtige Antwort darauf geben. Im Augenblick wäre es höchst unklug.“ Und sie ließ es mit einem lieblichen Lächeln zu, daß die Gräfin den überreichten Blumen eine besonders rote Nelke entnahm und sie damit schmückte Trotzdem Anita Krumbholz erst fünf Minuten nach der vereinbarten Zeit vor dem Eingang zu den Tennisplätzen stand. kam sie noch zu früh Ihr Partner zeigte scheinbar keine Ungeduld, sie wiederzusehen. Bei jeder anderen Verabredung hätte sie dies empört Das typisch weiblich Gebliebene verlangte in ihr, so sehr sie sonst die Gesetze männlicher Freiheit zu den ihren machte, diejenige Ritterlichkeit, deren Ausbleiben letzten Endes die Frau wieder langsam von der fremden Domäne vertreiben wird. In diesem Falle aber faßte sie die Sache anders auf Obschon auch ihr Name ihm bis jetzt unbekannt war, mochte er in ihr doch das Bürgerliche IRHEBERREGHTSSCHUTZ DURCH VERLAG OSKAR WEISTER WERDAU SA. empfunden haben, dem gegenüber er sich immerhin eine kleine Rücksichtslosigkeit gestatten durfte. Allmählich versetzte sich diese Erwägung in kriegerische Stimmung Sie war fest entschlossen, diesem Fürsten nicht um Haaresbreite entgegenzukommen, sondern abzuwarten, bis er ernstlich Feuer gefangen habe, oder. sobald sie merkte, daß es sich bei ihm um eine bloße Zerstreuung handle, mit einer großartig erhabenen Geste— übrigens zum erstenmal— für ihn unerreichbar zu werden. Nervös drehte sie die kostbare Armbanduhr hin und her und begann mechanisch zu zählen. Bis einhundert wollte sie noch warten. Alsdann könnte er sie vergeblich suchen. Die Tennisplätze waren zur Zeit sämtlich besetzt. Es waren fast ausnahmslos erstklassige Spieler am Netze, die kein Interesse für Anita Krumbholz' entzückende, wenn auch ein wenig herausfordernde Person zeigten. Diese unbestreitbare Tatsache erhöhte die ohnehin schlechte Laune der Ungeduldigen. Als sie bis neunzig gezählt hatte, warf sie den Kopf zurück, reckte das kecke Stumpfnäschen hoch und machte Miene zu verschwinden. In dem nämlichen Augenblick durchschnitt das pfeifende Sausen eines Motors die Sommerluft. Ein Kraftwagen hielt. Eine schmale, elegante Gestalt sprang herunter, stellte ab, riß einen Tennisschläger vom Ledersitz und wandte ihr ein Gesicht mit verträumten Augen, niederer Stirn zu, dem eine schmale, zierlich zu nennende Nase und ein sehr keusch wirkender Mund zwar etwas ungemein Anziehendes, aber durchaus nicht ausgesprochen Männliches verliehen. Er trug ein hochelegantes Autodreß, das er, trotz des Schlägers, nicht Miene machte abzulegen. Anita Krumbholz stellte fest, daß er sie neun Minuten habe warten lassen und versuchte möglichst hochmütig auszusehen. Seine Liebenswürdigkeit aber entwaffnete sie. Mit ausgestreckten Händen, den Schläger unter den linken Arm geklemmt, trat er auf sie zu, als seien sie alte gute Bekannte, neigte sich zum Kuß über ihre Rechte und sagte zerknirscht: „Nicht schelten, gnädiges Fräulein! Wenn Sie wüßten, wie unglücklich ich bin, unpünktlich sein zu müssen, würden Sie mich trösten, anstatt mir zu zürnen. „Weshalb„mußten“ Sie denn?“ fragte Anita spöttisch. „Weil die Pflicht mich dazu zwang!" „Pflicht?“ Sie zog das Wort in die Länge. „Von rechtswegen hätte ich noch zuvor einen sehr umständlichen Brief verfassen müssen. Weil es mich aber unwiderstehlich zu Ihnen zog, sauste ich pfeilgeschwind aufs Postamt und erledigte das Schreiben durch ein Telegramm.“ Die Frage, weshalb er das nicht seinem Diener übertragen habe, brannte ihr auf den Lippen Sie unterdrückte sie jedoch. Völlige Harmlosigkeit gehörte zu dem neuen Spiel, das ganz gewiß den Erfolg aller bisherigen übertreffen würde. Denn dieser Fürst erschien ihr— vielleicht durch seine ländliche Abgeschlossenheit— von einer Gefühlsfähigkeit, wie sie, zum Beispiel in Berlin, längst aufgehört hatte. Sie hielt ihn für etwa fünfunddreißig Jahre. Der schwärmerische Ausdruck seiner Augen und die Beweglichkeit seines Mienenspiels verleihen ihm jetzt aber das Aussehen eines Jünglings, der inbezug auf das Weib recht wenig Erfahrungen einsammelte. „Gedenken Sie übrigens in dem Ledermantel zu spielen?“ forschte sie, dadurch versöhnt, nun wieder in dem neckischen Ton der verflossenen Tage. Er wies mit der schmalen Linken, an der auch heute wieder der Wappenring saß, zu den vollbesetzten Plätzen hin. „Wollen Sie wahrhaftig ausharren, bis diese leidenschaftlichen Sportfexe geruhen, uns heranzulassen?“ „Sie etwa nicht?“ Er sah sie bittend an. „Ich hoffte auf eine gemeinsame Fahrt. Die Umgegend ist zauberhaft. Oder kennen Sie bereits alles zur Genüge?“ „Ueber einen Kilometer hinaus bin ich noch nicht gekommen.“ „Herrlich,“ freute er sich.„Sagen Sie ja! Anvertrauen dürfen Sie sich mir schon. So habe ich es mir nämlich brennend gewünscht. Würde selbst im Laufe der nächsten halben Stunde ein Platz für uns frei, dann sind die übrigen immer noch voll besetzt. Zur Rechten und Linken schreien und springen also fremde Menschen. Von einer Unterhaltung könnte nicht die Rede sein. Bälle zischen, Lungen keuchen, Flüche werden mit Anstrengung unterdrückt.“ „Sie scheinen mir ein außerordentlich passionierter Spieler zu sein!“ neckte sie. „Vor fünf Jahren spielte ich das letztemal,“ gestand er beschämt ein. „Und vorher?“ „Höchstens drei= oder viermal. Versuchsweise. Ohne inneren Drang und daher ohne Hoffnung, mich jemals zu einer Leuchte zu entwickeln.“ Nun mußte sie hell auflachen. „O. das hätte ich früher wissen sollen.“ Sein Gesicht nahm einen ängstlichen Ausdruck an. „Hätte das etwas an Ihrer Sympathie ändern können?“ Das klang ehrlich naiv. So etwas sagt ein gewöhnlich sterblicher Kavalier selbst dann nicht zu seiner Angebeteten, wenn er sicher ist, auf sie Eindruck gemacht zu haben. Dann fiel ihr zum Glück ein, daß sie ja bisher auch noch niemals mit einer Durchlaucht in engeren Beziehungen gestanden und deshalb doppelt vorsichtig sein müsse. Geflissentlich überhörte sie deshalb seine letzten Worte. „Wenigstens hätten Sie mir das unkleidsame Tennisdreß sparen sollen.“ schmollte sie. Prüfend glitt sein Blick über die hauchdünne Seide ihrer modernen Westenbluse. Das fröhliche Lächeln machte sein Gesicht knabenhaft jung. Seine Augen verloren das Träumerische und strahlten in heller Verwunderung. „Sie sehen darin aber noch reizender aus als heute, gestern und vorgestern am Brunnen," stellte er fest. „Vorgestern haben Sie sich noch gar nicht um mich bekümmert.“ „Nur scheinbar nicht. Ich bin nämlich gräßlich schüchtern. Lachen Sie jetzt nicht, so allerliebst es Ihnen steht. Die Stadt und die vielen geputzten Menschen beengen mich. Ich entstamme der ländlichen Einsamkeit, die ich nur verlasse, um immer wieder, und jedesmal mit erneuter Dankbarkeit, dorthin zurückzukehren. „Natürlich," dachte sie,„die Einsamkeit auf solchem Herrensitz, wo man reiten, jagen, segeln und spazierengehen kann, Cercle abhalten, Besuche befehlen darf, ei ja, die mag sich wohl durch nichts anderes ersetzen lassen.“ Laut entgegnete sie, obschon sie noch niemals auf dem Lande gelebt hatte: „Ach ja, das muß herrlich sein!“ „Das gestehen Sie mir zu und wollten trotzdem in dieser heißen, staubigen Luft neben völlig fremden Leuten ein oder gar zwei Stunden der köstlichen Zeit verlieren.“ Vielleicht mußte ein Fürst so empfinden und handeln, wie er es tat. „Gut, dann will ich nachgeben!“ Mit einem kleinen Jubelruf lief er zum Wagen und hob einen federleichten Pelz in die Höhe. „Daß er nicht für Damen bestimmt ist, müssen Sie ihm schon verzeihen. Erlauben Sie mir..“ Und er hüllte sie in die herrlichen Felle des australischen Maulwurfs ein. Zuerst war sie entsetzt, obschon der richtig abgeschätzte Wert sie berauschte. „Bei einer Temperatur von— nun, ich denke, es werden wohl dreißig Grad Celsius sein? Wofür halten Sie mich nur?“ „Für eine sorgsam zu behütende Köstlichkeit", flüsterte er und hob sie in den Wagen. „Wohin soll denn unsere Fahrt gehen?“ konnte sie noch gerade fragen. Seine Antwort zerriß schon das fauchende Zischen des Motors. Unterwegs verharrten sie in tiefstem Schweigen. Die Sonne spiegelte sich wohlgefällig im blitzenden Steuerrad. Weinberge hüpften an ihnen vorüber. Das Gesicht des Fahrers gemahnte, streng eingerahmt von der Kappe, an das eines jungen Ritters. Kurz erwog Anita Krumbholz, ob diese Fahrt am Ende doch ein Wagnis wäre. An den„Hohen Wurzel“ stolperte der Wagen. „Den Aussichtsturm müssen wir unbedingt besteigen,“ befahl er demütig und sprang bereits ab. 618 Meter von allem, was„Welt“ genannt wird, entfernt, schauten sie— Schulter an Schulter— in das flache Land hinab. Glühend heiß empfanden sie es auf der Höhe. Aber es war der Strom der Jugend, der durch ihre Körper kreiste und sie erhitzte. In der Ferne rauschte— geahnt nur und dennoch ganz nahe— der Rhein. Der deutsche Rhein, um dessentwillen die lange, schwere Schlacht mit den leichten Papierscheinen, die man damals auch noch„Geld“ hieß, verloren ging. Eine rötliche Wolke stand dort, wo der Taunus ragte. Herztränen am Rhein, Main und Neckar in diesen letzten Jahren aus deutschen Augen geweint. Fühlte sich Anita Krumbholz von alledem ergriffen? Ihr Gesicht war blasser als sonst. Aber sie dachte nur an das eine: ob der Mann sie jetzt in die Arme reißen und küssen werde, wie es wohl jeder andere an seiner Stelle getan hätte, und ob sie sich ihm alsdann ergeben sollte oder nicht. Die rötliche Wolke schien näher zu schweben. Das Auf blinken eines Wassers von irgendwoher— gehemmt und verschleiert durch Geäst und Buschwerk— warnte sie. Es bemühte sich umsonst. Der Mann dachte im Augenblick an andere Dinge. Er war wie außer sich vor selbstlosem Glück . winkte mit beiden Armen in die Ferne und begann zu singen: „Am Rhein... am Rhein, am deutschen Rhein...“ Anita Krumbholz entspannte sich. Zurzeit war wohl nichts zu befürchten oder zu hoffen: Wie seltsam, daß es auch noch solche Männer gibt. In Berlin wären sie undenkbar gewesen. Hier wirkten sie fast natürlich. Zudem— ein Fürst! Sie konnte sich nicht entschließen, mitzusingen, obwohl sie fühlte, daß er es erwartete. Ohne es sich einzugestehen, empfand sie sich enttäuscht. „Nun werden wir auf dem Nero den Kaffee trinken,“ sagte er endlich und das war wiederum ein Befehl, wenn auch in einem bittenden und unwiderstehlich eindringenden Ton gegeben. „Herrlichen Kuchen, wie ihn schöne Elfchen gern naschen, habe ich mitgebracht,“ verriet er. Nun lachte sie zwar gleich ihm, im Stillen aber wunderte sie sich über alle Maßen, daß jetzt die Fürsten sogar Kuchen einbesorgen. 10. Frau Adelheid Krumbholz war durch den Besuch ihrer Jugendfreundin im wesentlichen über diese Tennispartie beruhigt worden. Nur soweit, daß sie die Verehrung des ihr vom Ansehen durchaus sympathischen Fürsten für ihre jüngste Tochter als eine besondere Ehre ansah, hatte sie die Gräfin noch nicht gebracht. Die mit den spanischen Granden gemachten Erfahrungen wirkten in ihr nach. Die vom Arz diktierte Ruhe gewährte ihr reichlich Zeit zum Nachdenken Nun die selbstgeschaffene Unrast, mit welcher der große Ben liner Haushalt sich ziemlich geräuschvoll abwickelte, in dieser beängstigenden Mattigkeit nicht einmal ein Gedenken mehr fand. wollten sich viele ihrer Gepflogenheiten— sa. das meiste von dem, was sie bislang durchaus als notwendig für eine Frau angesehen hatte, als Mißgriff darstellen. Mehrfach ertappte sie sich, nachdem sie die Freundin doch schließlich zum alleinigen Besuch des Konzertes zu überreden gewußt, im lebhaften Herbeiwünschen ihrer Tochter aus erster Ehe. Daheim war ihr Ruth nicht selten unbequem geworden. (Fortsetzung folgt.) Las SF: 8.— Bas 3a-. Bs T5SLES SESR ESSSSS Was der Laie von der Rechtspflege wissen muß? Handels= oder Handwerkskammer? Eine aus 40 Gesellschaftern bestehende Gesellschaft m. b. H., die sich mit der technischen Herstellung von Waren befaßt, war zu den Kosten der Handelskammer herangezogen worden. Die Gesellschaft war damit nicht einverstanden, vielmehr war sie der Meinung, für sie könnten lediglich Beiträge zur Handwerkskammer in Frage kommen.— Wie schon wiederholt in solchen Zweifelsfällen, hatte sich nun das Preußische Oberverwaltungsgericht mit der Entscheidung der Frage zu befassen„ob der in Rede stehende Betrieb zu den Kosten der Handels= oder der Handwerkskammer beizusteuern habe. Das Gericht hat dahin entschieden, daß hier eine Pflicht zur Zahlung von Beiträgen an die Handelskammer bestehe. An einen Handwerksbetrieb stelle die Rechtsprechung des Oberverwaltungsgerichts übereinstimmend mit der Wissenschaft vor allem die Forderung, daß bei ihm eine Beteiligung des Unternehmers an dem technischen Hergange der Warenerzeugung— sei es durch Mitarbeit oder durch Leitung und Aufsicht — stattfinden müsse. Richtig ist allerdings, daß unter Umständen ein Handwerksbetrieb auch in der Rechtsform einer juristischen Person betrieben werden kann. Dem steht nicht entgegen, daß juristische Personen nicht Mitglieder einer Zwangsinnung sein können. Der früher allgemein eingenommene Standpunkt, der Handwerker müsse unbedingt eine natürliche Person sein, steht mit der Entwicklung der neuesten Zeit nicht mehr im Einklang und ist daher nicht mehr aufrechtzuerhalten. Fast sämtliche deutschen Länder vertreten denn jetzt auch den Standpunkt, daß auch juristische Personen, sofern sie ein Handwerk betreiben, zu den Organisationen des Handwerks gehören. Ein Betrieb kann jedoch, auch wenn er in der Form einer juristischen Person geführt wird, nur dann als Handwerksbetrieb gelten, wenn die Beteiligung des Unternehmers am technischen Hergange der Warenerzeugung stattfindet. Zweisel könnten darüber obwalten, wie diesem Erfordernis in einem Falle wie dem vorliegenden— also bei einer Gesellschaft m. b. H.— genügt werden kann. Zwei Möglichkeiten lassen sich denken. Einmal könnte man annehmen, daß die Beteiligung durch Mitarbeit des Vertretungsorganes der Gesellschaft m. b. H. des Geschäftsführers, hergestellt werden müsse. Dagegen scheint allerdings zu sprechen, daß dann derselbe Betrieb— je nachdem als Geschäftsführer ein Handwerker oder Nichthandwerker bebestellt wird— bald einen Handwerks=, bald einen Handelsbetrieb darstellen würde.— Sodann könnte man von der Rechtsform, in der der Betrieb geführt wird, absehen und die Frage allein darauf abstellen, ob die natürlichen Personen, die sich unter der Rechtsform der juristischen Person zusammengeschlossen haben, Handwerker sind und als solche mitarbeiten. Hierbei können wieder Zweifel bestehen, ob das Erfordernis der Mitarbeit an alle Gesellschafter oder nur an einen Teil von ihnen zu stellen ist. Im vorliegenden Falle braucht zu diesen Fragen keine Stellung genommen zu werden, da einmal der Geschäftsführer der Ges. m. b. H. kein Handwerker ist, und auch die Gesellschafter am technischen Hergang der Warenerzeugung nicht beteiligt sind. Von den 40 Gesellschaftern arbeite nur zwei handwerksmäßig mit und zwar lediglich als Angestellte der Gesellschaft m. b. H. Nach alledem muß der Betrieb als Handelsgewerbe im Sinne des Handelskammergesetzes angesehen werden. (Preuß. Oberverwaltungsgericht, VIlI. C. 33. 28.) Erbbaurecht. Benutzung von Bodenbestandteilen. Dem Beklagten war an dem ca. 4 Morgen großen Grundstück des Klägers ein Erbbaurecht für 60 Jahre eingeräumt worden mit der Befugnis und zu dem Zweck, auf dem Grundstück eine Fabrik für Dachpappen= und Teerdestillation zu betreiben. Ausdrücklich war dem Beklagten das Recht eingeräumt worden, den für Bauwerke nicht erforderlichen Teil„zu sonstigen, dem genannten Betriebe dienenden Zwecken zu benutzen.“ Das Erbbaurecht war auch ordnungsgemäß im Grundbuch eingetragen worden. Nun verwandte der Beklagte für seine auf dem Grundstück betriebene Dachpappenherstellung Sand, den er dem nichtbebauten Teil des Grundstückes entnommen hatte, und füllte die auf diese Weise entstandenen Aushöhlungen mit Schutt und Abfall aus, und das veranlaßte den Eigentümer des Grundstückes, gegen den Inhaber des Erbbaurechtes die Klage anzustrengen, mit der er die Sandentnahme unter Androhung einer Geld= oder Haftstrafe untersagen wollte. Im Gegensatz zum Landgericht hat das Oberlandesgericht Hamburg die Klage abgewiesen, und das Reichsgericht hat die Abweisung bestätigt. Es stehe fest, daß das Erbbaurecht gerade zu dem Zweck der Errichtung einer Dachpappenfabrik bestellt wurde, und daß die Sandentnahme für die Zwecke der Fabrik notwendig ist. Danach bedurfte es für die Entnahme des Sandes nicht einer besonderen Dienstbarkeit, wie der Beklagte meint. Mag auch bei der Erstreckungsmöglichkeit aus§ 1013 BGB. zunächst an die gewöhnliche Benutzung der Umgebung eines Hauses als Hof, Garten und dergl. gedacht sein, so liegt doch nach dem Sprachgebrauch des Gesetzes auch in der Gewinnung von Bodenbestandteilen eine„Benutzung“ des so ausgenutzten Grundstückes. Es ist allgemein anerkannt, daß dem in§ 1019 BGB. aufgestellten Erfordernis, die Grunddienstbarkeit müsse für die Benutzung des herrschenden Grundstücks vorteilhaft sein, auch dann genügt ist, wenn der Vorteil des herrschenden Grundstücks vermittelt wird durch ein auf ihm betriebenes Gewerbe, für das das Grundstück eingerichtet ist. Dasselbe muß für§ 1013 BGB. gelten, wenn die Erstreckung des Erbbaurechts auf Gewinnung von Bodenbestandteilen aus dem nichtbebauten Grundstücksteil Vorteile bietet für ein Gewerbe, für das das kraft Erbbaurecht gehaltene Bauwerk eingerichtet ist. Nur diese Auslegung wird dem Zweck des§ 1013 gerecht, durch den der Abschluß besonderer Verträge auf Bestellung von Dienstbarkeiten neben der Bestellung des Erbbaurechtes unnötig gemacht werden sollte. Reichsgericht, V. 6. 28.) Ueberlassung von Räumen zum Zweck des Betriebes einer Pension. Eine Dame, die in einer gemieteten AchtZimmer=Wohnung eine Pension betrieb, verkaufte ihr Geschäft, und die Käuferin trat auch in den Mietvertrag ein. Bald darauf kündigte der Hauseigentümer den Vertrag mit der neuen Pensionsinhaberin, indem er behauptete, hier liege ein Pachtvertrag vor, auf den die Bestimmungen des Mieterschutzgesetzes keine Anwendung zu finden hätten. Da die Mieterin hiermit nicht einverstanden war, so klagte der Hauseigentümer auf Räumung, doch drang er vor Gericht mit seinem Anspruch nicht durch. Allerdings ist es richtig, so meinte das Kammergericht, daß die Ueberlassung von Räumen zum Betriebe einer Pension dann Pacht ist, wenn die Räume zu diesem Betriebe baulich geeignet sind und die dazugehörige Einrichtung mitüberlassen wird. Ob die Ueberlassung der Einrichtung von demselben erfolgt, der die Räume überläßt oder von einem Dritten, ist unerheblich. Indessen hat durch den Vertrag, den die frühere Pensionsinhaberin mit der Beklagten geschlossen hat, der in Frage kommende Mietvertrag keine Aenderung erfahren, er ist lediglich verlängert worden, und die Anschauung, daß durch den Eintritt der Beklagten in den Mietvertrag unter Uebernahme der Einrichtung von der Vorgängerin ein Pachtvertrag entstanden sei, kann nicht geteilt werden. Es sollen, durch den Eintritt der Beklagten an die Stelle ihrer Vorgängerin, auf die Beklagte keine anderen Rechte und Pflichten übergehen, als ihre Vorgängerin gehabt hatte 1— der Vertrag blieb also das, was er vorher gewesen war: ein Mietvertrag, und der Beklagten steht daher für ihre Räume der Mieterschutz zu. (Kammergericht, 17. U. 8460. 28.) Versagung der Witwerrente. Nach§ 1261 der Reichsversicherung=Ordnung steht dem erwerbsunfähigen und bedürftigen Ehemann nach dem Tode seiner versicherten Ehefrau Witwerrente zu, wenn die Ehefrau den Lebensunterhalt der Familie ganz oder überwiegend aus ihrem Arbeitsverdienst bestritten hat. Eine verheiratete Frau hatte etwa 5 Jahre lang Invalidenrente von monatlich 24 Mk. und eine Sozialrente von monatlich 38 Mk. bezogen. Als sie dann starb, forderte der an beiden Beinen gelähmte Ehemann der Verstorbenen die Witwerrente gemäß§ 1261 der Reichsversicherungs=Ordnung, indem er behauptete, der Unterhalt der kinderlosen Familie sei ganz aus den Einkünften der Frau, die Rente bezog, bestritten worden. Alle Instanzen haben den Anspruch des Ehemannes abgewiesen. Das Gesetz schreibe vor, daß Witwerrente nur gewährt wird, wenn die verstorbene Ehefrau den Lebensunterhalt aus ihrem„Arbeitsverdienst" bestritten hat. Im vorliegenden Falle hat die Verstorbene nun aber den Unterhalt der Familie vorwiegend aus ihrer Invaliden= und Sozialrente bestritten. Es ist zuzugeben, daß diese Renten an die Stelle des Verdienstes getreten sind, den die Frau früher erarbeiten konnte. Aber aus dem Gebrauch des Wortes„Arbeitsverdienst" im§ 1261 der Reichsversicherungsordnung muß gefolgert werden, daß das Gesetz den Anspruch auf Witwerrente nur gewähren wollte, wenn die Frau vor ihrem Tode in der Lage war, an Stelle des erwerbsunfähigen Ehemannens eine erwerbende Tätigkeit auszuüben und dadurch den Lebensunterhalt der Familie ganz oder überwiegend zu bestreiten. (Reichsversicherungs=Amt, lla. 532. 28. „ 2S3yg Ta: 8g anas S ESS BSERS — 62. Jahrgang Nr. 157 Johann von Soest Ein Sonderling. Ein überaus abenteuerliches Dasein, wie es selbst in damaliger Zeit, das heißt im 15. Jahrhundert, noch zu den größten Seltenheiten gehörte, bietet uns der Lebenslauf dieses Johan von Soest, der namentlich auch in kultureller Beziehung damaliger Zeit höchst bemerkenswert ist. Der Vater Johann von Soest hieß Rotger Gruncelkut und gehörte der Steinmetzzunst in Unna an. Er heiratete die Jungfrau Wendel Husselyn, im Jahre 1444. Aus der Ehe ging, als ältester von drei Geschwistern, Johann hervor. Als zartes Kind zog er sich eine schwere Verbrennung zu, weswegen seine Mutter mit ihm eine Wallfahrt machte, der Johann seine Heilung zuschrieb. Frühzeitig starb der Vater und die Mutter heiratete wieder und lebte abwechselnd in Menden oder Soest. In Soest fiel Johann durch seine schöne Stimme auf. Unter anderem fand auch ein Gaukler gefallen daran, der die dortige Messe besuchte und der Stimme des jungen Sängers lauschte. Und in dem Gedanken, diesen ausnutzen zu können, schilderte er ihm das Leben eines fahrenden Gesellen so verlockend, daß sich Johann entschloß, heimlich aus Soest zu entweichen und mit dem Gaukler zu entfliehen! Schon waren die beiden eine Strecke Wegs von Soest entfernt, als die Mutter des Flüchtlings seine Flucht entdeckte. Alsbald gab sie zwei oder drei handfesten Kerlen den Auftrag, den beiden nachzusetzen und den flüchtigen Sohn festzunehmen und ihn der Mutter wieder zuzuführen. Und die Verfolger hatten Glück, und es gelang ihnen zur größten Freude der Mutter, den Ausreißer festzunehmen und ihn wieder zuzuführen. Dem Jüngling sollte ein besseres Los beschieden werden, als der Geselle eines fahrenden Gauklers zu sein. Bei einem Besuche der Stadt lauschte eines Tages der Herzog Johann von Kleve den Weisen des jugendlichen Sängers und war davon so entzückt, daß er sogleich Veranlassung nahm, Johann für sich an seinen Hof zu gewinnen. In der Erwartung eines glänzenden Lebens war dieser sofort und freudigen Herzens dazu bereit, dem Herzog zu folgen. Aber die Mut ter mochte sich nicht von ihrem Sohn trennen. Allein am Ende gab sie doch zur Trennung ihre Einwilligung, nachdem ihr von allen Seiten zugeredet war, daß sie dem Glücke ihres Sohne nicht im Wege stehen dürfe. Und hoffnungsfroh gab Johann seinem hohen Gönner, dem Schutzherrn von Soest, das Geleit nach Kleve an dessen Hof. Der junge Herzog war stets ritterlicher Art und ein vielgereister Mann. Er hatte ein Stück glänzenden Hoflebens in Italien und auch anderwärts kennengelernt und gab sich Mühe, etwas ähnliches bei sich einzuführen. Dabei konnte man dem Herzog keineswegs den Vorwurf der Weichlichkeit machen. Die Sangeskunst Johann von Soest ließ diesen bald zum Liebling des Fürsten und der Hofgesellschaft werden. Und solches machte den jungen und verwöhnten Sänger stolz und leichtlebig und ließ ihn bald seine schlichte Heimstätte in der Soester Börde vergessen. Sagte er doch selbst von sich:„Meyn gemutt (Gemüt) wart davon hoffertig.“ Die Sangeskunst Johanns immer mehr auszubilden, war des Fürsten eifrigstes Bestreben. Und deshalb führte er seinen Günstling einer Singschule in Kleve zu, in der dieser außerordentliche Fortschritte machte, wie vieles ihm noch an vollendeter Meisterschaft fehle. Und ohne zu zögern drang er in die Sänger, ihm noch weiteren Unterricht in ihrer Kunst zu geben. Seine Bitte wurde ihm gewährt, allerdings daran Bedingung geknüpft, daß er ihnen nach Flandern folge. Allein damit war sein Herr, der Fürst, nicht einverstanden, der den Bitten Johanns gegenüber taub blieb. Und als dieser immer wieder aufs neue in ihn drang, wurde der Fürst ungnädig und wünschte ihn gar an den Galgen. In dieser gereizten Stimmung ließ er den Günstling greisen und in den Turm sperren. Allein der eingesperrte Sänger blieb fest und beharrte darauf, sich weiter in der Sangeskunst auszubilden. Da war es mit der Geduld und Gunst des Fürsten vorbei und alsbald gab er Befehl, Johann zu greifen und außer Landes zu bringen. Und solches wurde auch sogleich ausgeführt. Allein kaum war dieses geschehen, als der Fürst seinen Befehl bereute und er einem Boten den Auftuag gab, hinter Johann herzustellen, ihn seiner Verzeihung und alten Gunst zu versichern und ihn zu bitten, an des Fürsten Hof zurückzukehren. Umsonst. Höher als die Gunst des Herzogs und das Wohlleben und die Aussicht, sich in seiner Kunst vervollkommnen zu können. Unverzüglich zog er nach Bruck in Flandern und ließ sich von den beiden Sangesmeistern unterrichten, die er in Kleve kennen gelernt hatte. Nach längerem Studium dort zog er zunächst nach Ardenburg, verließ aber schon nach Jahresfrist den Ort, trotzdem man ihm das Gehalt verdoppelte. Unruhigen Blutes, leichtlebig, wie manche seiner Zeitgenossen, besonders solcher an den Höfen, verbrachte er manche Stunde seines Künstlertums in dulei jubilo und kam eines Tages nach Köln am Rhein. Hier erfuhr der Erzbischof von ihm und seiner Kunst und ersuchte ihn, vor ihm eine Probe seiner Sangeskunst abzulegen. Und nach dieser veranlaßte er Johann. als Hossänger bei seinem Bruder, dem Landgrafen Ludwig in Kassel, einzutreten. An diesem Hof herrschte ein überaus lockeres Leben, waren Maitressenwirtschaft und Völlerei an Wontag, 8. Juli 1929 der Tagesordnung. Und dort lebte sich Johann völlig aus, dabei stand er sich mit dem lebenslustigen Landgrafen vortrefflich. Aber die Herrlichkeit sollte nicht lange dauern, denn dieser verlor bei einer Fehde mit dem Coadjutor des Stiftes Fulda, wie man sagt durch Gift, im Jahre 1471 sein Leben. Da fortab Johannes Bleiben in Kassel nicht mehr war, zog er südwärts und gelangte an den Hof des Kurfürsten Friedrich I. von der Pfalz in Heidelberg. Auch dieser Fürst war ein lebenslustiger Herr, der aber, neben der Minne, auch ernsten wissenschaftlichen Studien huldigte. Hier verweilte Johann manches Jahr gleichfalls in dulci jubilo. Und als es ihm sein Gehalt gestattete, heiratete er. Und bei seiner Veranlagung zur Leichtlebigkeit kann man es fast als ein Wunder betrachten, daß er fortab jegliche Ausschweifungen mied und ein Muster von Ehemann wurde. Um so mehr wurde Johann getrofen, als ihm der Tod seine über alles geliebte Frau raubte. Er beschloß sogar, seiner Künstlerlaufbahn zu entsagen und Geistlicher zu werden. Diesen Zweck zu erreichen, trat er an seinen Herrn den Kurfürsten, heran und bat ihn ihm dazu behilflich zu sein. Allein es wurde nichts daraus, die Sache zerschlug sich. Und nun endlich entschloß sich Johann, als Arzt tätig zu sein, obwohl er sich nie mit äztlichen Studien irgendwelcher Art befaßt hatte. Allein den Kenner damaliger Verhältnisse barucht dieses nicht Wunder zu nehmen, denn derzeit praktizierte alles: zweifelhafte Aerzte, Barbiere, Schäfer, Bader, Kirmeskrämer, alte Weiber und dergleichen mehr. Dabei erforderte das medizinische Studium, beziehungsweise der Besuch der Universität, keinerlei Vorkenntnisse, wie etwa das Abschlußexamen einer höheren Schule, auch stand der ärztliche Beruf im großen und ganzen inn fast gar keinem Ansehen. Denn die sogenannten Aerzte betrieben neben diesem Beruf noch Kramläden und Schankwirtschaften. In dieser Zeit lernte Johann in Heidelberg Margareta, die schöne Schwester seines Bekannten Melcher Hecht kennen und ließ noch am selben Tage um ihre Hand werben. Und sie wurde ihm zugesagt. Zur Hochzeit lieferte der Kurfürst reichen Schmaus. Bettelleute mußten zur Nachfeier tanzen, da Johann, wegen Sterbefalls seiner Frau nicht tanzen lassen wollte. Bald nachher überwarf sich Johann mit seinem Herrn und bat um seine Entlassung, aber diese wurde ihm erst nach Jahresfrist gewährt. Da tat sich ihm ein neuer Lebensweg auf. Er zog nach Worms und praktizierte dort als Arzt, während des Reichstags, wohin Kaiser Maximilian im Jahre 1495 viele Ritter zur Beratung über den „ewigen Landfrieden“ geladen hatte, die sich aber, wie der Chronist bemerkt,„ziemlich säuisch" benahmen. Sie gerieten— eine herr liche Illustration zum ewigen Frieden— tagtäglich in blutige Händel und Raufereien, so daß die Aerzte allerlei zu flicken hatten. Und Johann zog davon seinen Nutzen. Als aber im Jahre 1499 die Geistlichen die Stadt verließen und bald darauf auch ein Teil der Ritterschaft folgte, war es in kurzer Zeit mit der lohnenden ärztlichen Praxis vorbei. Und deshalb kehrte auch Johann der Stadt Worms den Rücken und übersiedelte nach Frankfurt am Main als Stadtarzt. Dort scheint er sich sehr wohl gefühlt zu haben, denn er besang das Lob der Stadt in einer ausführlichen Dichtung, die ihm mancherlei Gunst einbrachte. Mit der Sangeskunst verband Johann schon lange die Dichtkunst und besaß eine gute Beobachtungsgabe, namentlich für Sitten und Gebräuche. Von seinen Dichtungen, die, wie alle anderen der damaligen Zeit nicht von Belang sind, wurden außer jenem Loblied auf Frankfurt a. M. die Geschichte Margaretens von Limburg in Versen, eine Erklärung der Evangelien in Reimen, ferner: wie man eine Stadt regieren soll, mehr oder weniger bekannt. In der alten Reichsstadt Frankfurt beschloß Johann sein abenteuerliches Leben im Jahre 1506. Jedenfalls bildet er einen interessanten Beitrag zur Kulturgeschichte unseres deutschen Volkes im 15. Jahrhundert. K. P. Heimatklänge Friedrich Harkort. Was unserer Zeit nottut, sind Männer, ##ark an Geist, tief im Gefühl, sittlich=ernst im Wollen, deutsche Männer, die das zersplitterte Volksganze wieder zu einen vermögen; denn nur ein geschlossenes Deutschland wird sich wieder seinen Weg zur Höhe bahnen. Reich ist unsere Geschichte an Männern, denen nachzueisern vornehmstes Gebot sein sollte. Wir, die wir aus dem Boden der Heimat die starken Triebe für vaterländisches gemeinschaftliches Fühlen und Wollen ziehen, haben ein Vorbild von höchster Vollendung in Friedrich Harkort, Westfalens„altem Fritz“. Unser kleines Charakterbild will versuchen, uns seine reiche, allumfassende Persönlichkeit nahezubringen; sie soll selber zu uns reden in klaren festen Worten, die es verdienen, unserm Wägen und Wagen in traurig=ernster Zeit als Leitsterne vorzuschweben. „Wer seine Zeit begreift, ist reif für die nächste.“ In eine Epoche gestellt, die zu neuen Formen auf allen Gebieten drängte, in Staat, Wirtschaft und Bildung, trieb es Harkort, überall tätigen Anteil zu nehmen, wertvolle Steine zum Aufbau herbeitragen. Widerstrebende Tendenzen vermochten ihn nicht zu entmutigen; denn er wußte,„daß die Entwicklung des Menschengeschlechts nur langsam fortschreitet durch Vermehrung der Einsicht und Mittel, ähnlich dem Wuchse der Eiche, deren mächtige Krone der Pflanzer, nicht schaute, dessen Enkel sie heute überschattet.“ Ferner stützte ihn das Bewußtsein, für kommende Geschlechter den Boden zu bereiten, wie er überhaupt den Menschen ansah ale Glied einer ewigen Kette.„Die Frucht, welche wir heute genießen, ist den Keimen entsprossen, welche unsere Väter einst mühsam bearbeitetem Boden anvertrauten. D halb sollen wir nicht allein selbstsüchtig für uns leben, sondern uns auch als Vorkämpfer derer betrachten, die nach uns kommen werden." Jedes Geschlecht muß weiterstreben und nicht auf alten Lorbeeren ausruhen wollen. „Edler und besser ist es, man zehrt von den eigenen Werken, als von dem Ruhme der Vorfahren.“ Als liberaler Fortschrittsmann, der den extremseitigen Radikalismus haßte, bewahrte er sich seine monarchische Gesinnung, die ihn aber nicht hinderte, freimütig für die Rechte des Volkes einzutreten.„Ich bin Rovalist. Allein eben im Interesse der Monarchie halte ich fest an den Grundsätzen, daß man ein Königswort nicht drehen soll, noch deuteln, daß heilige Versprechungen und Eide binden nach oben unten; daß es außer dem Rechte der Fürsten noch Rechte der Völker gebe,“ lautet sein mutiges, unzweideutiges Bekenntnis. So fordert er ein gerechtes Maß volitischen Einflusses für die bislang politisch entrechtete Masse des Volkes.„Die Bibel sagt: im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen. Das ist die rechte Bürger= und Bauernregel. Allein, ich will, daß Leuten, die so leben und handeln, auch die Freiheit zustehe, über ihr Wohl und Wehe ein Wort mitzureden." Dabei zieht er einen scharfen Trennungsstrich zwischen sich und gewissenlosen Maulhelden, die verhetzend im Volke wühlten.„Nicht die Phrasenmacher und ihre Trommler tun uns not, sondern Männer von festem Charakter, eine Volkserziehung, die mit dem Wissen die Entschlossenheit zum Handeln und unbeugsamen Rechtssinn verbindet. Das ist gesundes, rechtes Staatsbürgertum. Zeitlebens blieb Harkort ein warmer Förderer der Volksbildung. Nur im Gleichschritt mit ihr kann sich das Dasein des einzelnen heben, können die Gegensätze im Volksganzen ausgeglichen werden.„Die Unwissenheit ist es, welche die Arbeit knechtet, nicht das Kapital, denn die Geschichte lehrt, daß nur mit der Volksbildung die materielle Wohlfahrt steigt.“„Die Arbeit ohne Intelligenz gleicht einer schlecht befruchteten Aehre; deshalb widme man vor allen Dingen den Schulen die gebührende Sorgfalt.“ Bildung ist auch die Voraussetzung für verständige politische Betätigung. Dem Arbeiter ist„durch das allgemeine Wahlrecht die gebührende Teilnahme an den Beratungen der Volksvertretung zugesprochen worden; allein ohne Bildung ist er gar zu leicht den Hetzereien der Agitatoren zugänglich und schädigt die eigenen Interessen, wenn er Leuten vertraut, die ihm goldene Zeiten versprechen und bequem aus seiner Tasche leben.“ Daß bei solcher Einstellung Harkort offenen Blick für soziale Schäden, die nun einmal als Folge wechselnder Industrialisierung auftreten, besitzt, nimmt uns nicht wunder.„Der Staat muß einschreiten, um ferneren Verderben zu wehren, damit der Strom des Pauperismus nicht unaufhaltsam wachsend die gesegneten Auen des Vaterlandes unheilbringend überschwemme. Auch hier leistet die Bildung wichtige Hilfe; denn es ist die Hauptursache der Vernachlässigung der Nationen der Mangel an Unterricht.“ Harkort kennt„Gegenden des Vaterlandes, wo Kartoffeln, Sauerkraut und Branntwein Bedürfnisse sind, dagegen Schuhe, Strümpse, Brot zum Lurus gehören— dort lag auch Nacht über geistigen Menschen!" Doch sind schon setzt die Zeiten„humaner und besser geworden, und die Bedürfnisse des Volkes, seine Wunden und sein Elend werden jetzt öffentlich besprochen, während die Vergangenheit sie mit dem Vergessen des Grabes deckte." Vor allem nahm sich Harkort der Kinder an, deren Jugend häusig in harter Fabrikarbeitverkümmerte,„Freiheit, Natur, gutes Beispiel und Unterricht sind Elemente, die Menschen erziehen, tüchtig an Leib und Seele; nicht der Kerker der Arbeit taugt für die Jahre der ersten Entwicklung.“ Ganz modern mutet noch heute das Prinzig der Beteiligung am Arbeitsgewinn an.„Außer den festen Löhnen wäre dem Arbeiter ein Anteil am Gewinn zuzugestehen, und Fleiß und Tätigkeit würden Wunder tun.“ Hebung der Bildung und soziale Fürsorge, der beiden Dinge, lassen eine Versöhnung der sozialen Gegensätze erhoffen.„Mühe und Arbeit entfremden dem Gemeinwesen nicht; allein das unwissende Kind des Armen, welches am Weihnachtsabend hungrig und frierend durch die erleuchteten Fenster des Reichen schaut,— wird nicht Frieden machen mit der Gesellschaft.“ Dieser Friede muß geschaffen werden, denn erst dann kann die Krone aller Bürgertugenden in Erscheinung treten: der Gemeinsinn. Zwar muß Gemeinsinn„eine sehr teure Ware sein, denn sie ist an wenig Orten zu finden,“ und doch gilt:„Ohne Gemeinsinn kann das Gemeinwesen nicht gedeihen.“ Der Arbeit für das Gemeinwohl darf sich keiner entziehen. „Gemeinsinn, Eintracht, Beharrlichkeit und Fleiß haben Dörfer und Städte erbaut und Wüsten in blühende Fluren verwandelt. Deshalb halte sich keiner in der Gemeinde für zu gering, als daß er nicht sein Scherflein zu ihrer Wohlfahrt beizutragen vermöchte.“ Umgekehrt dient der Gemeinsinn, mit Einsicht gepaart, wieder dem sozialen Frieden.„Der Ruf der leiblichen Not wird nicht aufhören, solange es noch Menschen gibt; allein ein großer Teil Uebel kann, durch Intelligenz und Gemeinsinn gelindert, oft beseitigt werden.“ Gemeinsinn bildet die Brücke, auf der sich alle Schichten der Bevölkerung einträchtig finden können.„Gemeinsinn möge alle Stände brüderlich einen, damit jeder erkenne, daß ihm die Laufbahn offenstehe und auch der Geringe ein echtes Mitglied der Gemeinde sei, welche auf dem ewigen Fundamente der Lehre Christi, Nächstenliebe, begründet ist!" In unserer Zeit regiert der Schein, gilt die Mittelmäßigkeit, herrscht die Selbstsucht. Daß Echtheit, Geistigkeit und Gemeinsinn dafür eintreten müssen, wenn gesunde, harmonische Zustände geschaffen werden sollen, das lehrt uns Harkort. Deshalb ist er, dessen Leben ein ganzes Aufgehen im Ganzen und für das Ganze war, berufen wie nur einer, heute unser Vorbild zu sein. Wir rufen nach staatsbürgerlicher Erziehung und streiten über die einzuschlagende Methode. Vielleicht ist der Weg gangbar, die Unterweisung anzuschließen an vorbildliche Personen der Heimat, die Staatsbürger im vollsten Sinne gewesen. Jeder deutsche Gau hat einen solchen Mann. Möge für uns Harkort die Bedeutung gewinnen, die Emil Rittershaus bei der Einweihung des Harkort=Turmes auf dem Alten Stamm bei Wetter am 19. Okt. 1884 dichterisch umrissen hat: „Sei du der alte Stamm, darin bewahrt Für künft'ge Reiser liegt noch Lebenskraft; Mit dem gefall'nen Recken gleicher Art Heb' aufwärts sich der jungen Sprossen Schaft. Sei du der alte Stamm, des Krone zwar Vom Tod gebrochen, niedersinken muß, Doch der mit seinen Wurzeln wunderbar Noch wächst und wuchert in des Volkes Brust. Sei du der alte Stamm, daran sich hält, Wenn hoch des Tages wilde Woge steigt, Im Sturm der Zeiten fest die junge Welt, Daß sie sich deiner immer würdig zeigt!“ Wilhelm Blome. Häusliche Gewöhnung auf Von Otto Ebner. Vor einigen Jahren las ich den Bericht über eine Gerichtsverhandlung, in der ein Metzgerlehrling verurteilt werden mußte, weil er seinem Meister Geld entwendet hatte. Dabei sprach der Richter beherzigende Worte, die nicht bloß die Lehr= und Dienstherrschaften, sondern auch die Eltern berühren. In jener Verhandlung wurde nämlich festgestellt, daß die Meistersfrau ihr Erl, meist ihre Tageseinnahme, ungemein sorglos, ja leichtfertig liegen ließ, statt es sorgfältig zu verwahren. Zudem wußte sie kaum einmal die Höhe des Betrages anzugeben, der ihrer Obsorge anvertraut war. Darauf wies nun der Richter hin und bedauerte den Leichtsinn der Frau, die damit auch teilgehabt hätte an dem Vergehen des Lehrjungen. Zusammenfassend hieß es: „Durch leichtsinnige Geldverwahrung böse Gelegenheit, Anreiz, Verführung für Leute zu schaffen ist eine Verfehlung an unserer Jugend, die böse Früchte tragen Es ist ohne weiteres einzusehen, daß auch die Eltern darauf bedacht nehmen müssen, das Bargeld, das im Hause ist, sorgfältig zu verwahren und zu verwalten. Damit ist jedoch nicht alles getan; es ist im Gegenteil erst der Anfang des Weges, auf dem unsere Kinder zu fester, redlicher Gesinnung geführt werden sollen. Anschließend daran besteht eine Reihe von Möglichkeiten, an denen die Eltern, die ihren Kindern die beste Erziehung angedeihen lassen wollen, nicht achtlos vorübergehen dürfen. Das Leben, der Beruf verlangen Persönlichkeiten, die darin geübt sind, fremdes Eigentum zu verwalten, es in die Hand nehmen ohne das heißes Verlangen Frieden und Ruhe raubt. Nur wer das kann, dem wird das Glück heiterer Zufriedenheit zuteil, das auf dem Grunde jener Gewöhnung an redliches Tun und Wollen heranwächst. Redliche Verwaltung fremden Eigentums darf man vor allem von jenen erhoffen, die eigenen Besitz sorgsam zu verwalten wissen. Laß daher das Kind auch den Segen des eigenen Besitzesverspüren! Gib ihm neben ausreichender Nahrung und Kleidung auch etwas Taschengeld. Je nach den Verhältnissen mögen 50 Pfennig bis 2 Mark monatlich bei Kindern etwa vom 10. Lebensjahre ab genügen. Das Kind soll über das Geld frei verfügen dürfen. Es wird sich jedoch empfehlen, die elterliche Führung möglichst unauffällig so zu gestalten, daß das Kind aus freiem Willen darauf verzichtet, sein Geld für Leckereien oder gänzlich überflüssige Dinge auszugeben. Als gutes Zeichen darf es gewertet werden, wenn das Kind darauf bedacht ist, nicht für Kleinigkeiten Geld zu verzetteln, sondern es zusammen hält, um für größere und wirklich bedeutsame Zwecke(Bücher usw) Mittel an der Hand zu haben. Eine ähnliche Erziehungsabsicht kann im Garten verwirklicht werden, namentlich dort, wo z. B. Beerenfrüchte in größeren Mengen reisen. So bewährte es sich nach meiner Beobachtung schon wiederholt trefflich, wenn man dem einzelnen Kinde eine gewisse Zahl von Beerensträuchern oder auch einen Teil des Erdbeerbeetes ganz zur Nutzung überläßt. Dabei darf und soll man die Erwartung aussprechen, daß verbotene Frucht unberührt bleibe. Bei Ungehorsam haben die Eltern auch gleichzeitig ein natürliches, aus der Sache selbst erwachsendes Strafmittel— Entzug des überlassenen Gartenteils für kürzere oder längere Zeit— zur Verfügung. Solche Anordnungen setzen freilich in der Regel voraus, daß das Kind von kleinauf daran gewöhnt wurde, im Garten nichts ohne elterliche Erlaubnis zu pflücken oder zu brechen. Durch derartige häusliche Gewöhnungen werden die Grundlagen geschaffen für weitere häusliche Uebungen, die das Kind befähigen sollen zur rechten Verwaltung fremden Eigentums, vor allem fremden Geldes. Dazu ist in jedem Haushalte schönste Gelegenheit geboten. Die größeren Mädchen insbesondere werden ja von der Mutter schon vielfach dazu angehalten, z. B. Lebensmittel zu besorgen. Das könnte leicht derart geregelt werden, daß es etwa gegen wöchentliche Abrechnung geschähe. Dem Kinde würde zu diesem Zwecke ein entsprechender Barbetrag anvertraut, den es etwa in seinem Zimmer zu verwahren hätte. Davon würden dann die Ausgaben bestritten, die durch Rechnungen, Quittungen belegt werden müßten. Selbst verständlich wären hierzu auch noch sorgfältige Einträge in ein Abrechnungsbuch zu verlangen. Eine wohlgeordnete Kontrolle sichert den vollen erzieherischen Wert jener kindlichen Uebung im Rahmen der Haushaltsarbeit. Sie sollte aber nicht bloß regelmäßig am Schlusse der Abrechnungsperiode, sondern auch von Zeit zu Zeit während derselben vorgenommen werden. Das Kind ist über den Zweck der Kontrolle aufzuklären. Es genügt im allgemeinen der Hinweis auf die Gepflogenheit des Geschäftslebens, wobei vielleicht erwähnt werden könnte, daß solche Vorsicht und Aufsicht dem Untergebenen in allen Versuchungen, denen jeder Mensch ausgesetzt sein kann, Stab und Stütze gewähren. Natürlich könnten auch Knaben mit ähnlichen Aufträgen bedacht werden, insbesondere wäre dies möglich beim Einkauf von Lebensmitteln, wie von Büchern, Heften, Federn usw. Des Kindes gesamte Charaktereinstellung kann durch einfache Erziehungshilfen günstig beeinflußt werden und so können die Eltern auch derart den Grund legen für eine glückliche Zukunft ihrer Kinder. Freilich gibt es damit für die Eltern manche neue Arbeit. Sie wird sich jedoch in vielen Fällen reichlich lohnen. Eine weitere Arbeit, neue Mühe? Ja. Was wäre uns Eltern auch zu viel, wenn es das Wohl, das Glück unserer Kinder gilt.! Das„uninteressante“ Kind „Wie ist doch dieser Paul so langweilig und„uninteressant?“ sprach Tante Lotte zu Onkel Hans.„Kaum daß man ein vernünftiges Wort aus ihm herausbringt; und wenn man ihn etwas frägt— nur dieser große Blick, diese kurzen Antworten! Da muß du einmal Werners Ludwig hören; der ist doch erst vier Jahre alt und so intelligent; er kann in einem fort geradezu übersprudelnd plaudern, unterhält ein ganzes Zimmer, und wenn er auch manchmal seine Einfälle wiederholt, er plaudert doch wenigstens!“ Dieses Gespräch hörte ich einmal in einem Wartezimmer. Und ich hätte was drum gegeben, den kleinen Paul zu kennen. Er ist mir das sympathischere Kind. Vielleicht aus Schüchternheit und unverstandenen Zurechtgewiesenzuwerden schweigsam geworden, wird er von seinen nächsten Verwandten so abgetan.—— Es ist eine Erfahrungstatsache, daß Kinder, die in ihrer Jugend für dumm, ja sogar für beschränkt gelten, hervorragend tüchtige Männer wurden. Rousse bringt dies in seinem„Emilie" so zum Ausdruck:„Vielversprechende, sich bemerkbar machende Kinder pflegen gewöhnliche Menschen zu werden; das ist ein anerkannter und richtiger Erfahrungsgrundsatz. Nichts ist so schwieriger, als bei den Kindern die wirkliche Beschränkheit von der scheinbaren und trügerischen, welche das Anzeichen starker Seelen ist, zu unterscheiden. Es scheint anfänglich befremdend, daß die beiden Extreme einander so ähnliche Kennzeichen haben, in des ist dies gar nicht anders möglich; denn in einem Alter, in welchem der Mensch noch keine wahren Ideen hat, besteht der ganze Unterschied zwischen dim Begabten und Beschränkten darin, daß sich der letzte falsche Ideen aneignet, der erstere dagegen, da sich ihm keine andere darbieten, lieber auf alle verzichten.“— Nur durch recht liebevolles, geduldiges Zureden wird solch verschüchterten Kindern die Zunge gelöst. Der pädagogische Takt, mit verstehender Güte gepaart, wird den Erzieher seinerwogene Maßnahmen treffen lassen. Maria Ernst. Erziehung zur Wahrheit Wahrhaftigkeit ist die göttliche Blüte auf irdischen Wurzeln. Jean Paul. Bildung der Menschen zur Wahrheit, du bist Bildung ihres Wesens und ihrer Natur zu beruhigender Weisheit. Joh. H. Pestalozzi. Die Weisheit ist nur die Wahrheit. Goethe. Das reine Sterben, die reine Liebe zur Wahrheit ist ein untrügliches Zeichen eines reinen oder eines nach Warheit strebenden Menschen. Diesterweg. Wahrheit ist das feste Fundament aller sittlichen Erziehung. Das sicherste Mittel, daß das Kind nicht in Lügen gerate, ist, wenn es uns selbst immer wahr findet. „ Raumer. Das Kind lügt selten früher, als bis es bei anderen die Lüge entdeckt hat. Und so tief begründet ist auch in dem Kinde das Wesen der Wahrheit, daß es an dem, was ihm heute als wahr gilt, auch morgen festhält. P. Rosegger. Der Erzieher hat gegen die.e eifrig zu arbeiten, weil sie eigentlich das sittliche Gefühl des Menschen so stark schwächt und deshalb jeder Sünde den Eingang bereitet. W. Harnisch.