Westhofener Zeitung Aplerbecker Zeitung Langscheder Zeitung Holzwickeder Zeitung den Kreis Hörde. Die„Schwerter Zeitung“ gewährt ihren Avdonnenten für jeden mit Tod endenden Unfall gemäß dren Se. 500 Mark Anfall. Nagunge Druck u. Verlag o Carl Braus. Schwerte(Ruhr) Fernsprech-Anschluß Nummer 62. Telegramm=Adresse: Braus, Schr.erte(Tuhr). Postscheckk.: Dortmund 3 2, Konnere: 21274. Die„Schwerter Zeitung“ erschein“ säglich auße: F#lertags. Bezugspreis monatlich 14.— der Pos 14.— M., ohre Bestellgeld. Anzeigenpreise Die 1 mm hobe. 35 mm breite Jei“ 80 p„auswärts 1.- M. Bei Wiederho ungen entsprechender Nachlaß It. Tarif. Jeder Radatt gill als Kassenrabalt und erlischt bei Konkursen, Zwangsvergleichen, gerichtlichen Klagen u. Nichtbeachten der gemachten Jahlungsbedingungen. Schwerter Dolksblatt Amtliches Kreisblatt für den Kreis Börde. Erstes und ältestes Tagesorgan des Kreises.— Generalanzeiger für Nr. 10 Donnerstag, 12. Januar 1922 55. Die tellen Slederentwurf?. Reicheminister dr. hermes über die Finanzreform. In einer gemeinsamen Sitzung der beiden Steuerausschüsse des Reichstages wies Reichsfinanzminister Dr. Hermes darauf hin, daß alles geschehen müsse, um unseren Verpflichtungen aus dem verlorenen Kriege so weit wie möglich nachzukommen, und daß bei dem vorgelegten Steuerentwurf davon ausgegangen sei, daß die steuerliche Belastung so weit angespannt werden müsse, als es mit der Aufrechterhaltung des Wirtschaftslebens irgend vereinbar sei. Die in den Ausschüssen in einer Reihe von Entwürfen beschlossenen Aenderungen würden das finanzielle Ergebnis nicht unwesentlich beeinflussen. Die Reichsregierung müsse daher dringend bitten, die Beschlüsse der ersten Lesung einer Nachprüfung zu unterziehen. Die Zölle auf Kakao, Kaffee und Tee müssen mindestens auf die vom Reichswirtschaftsrat vorgeschlagene Höhe gebracht werden. Bei der Tabaksteuer wird die Herabsetzung und Ermäßigung der Steuersätze für Zigaretten und für Zeinschnitt=Tabak von 20 auf höchstens 10 Prozent unbedingt notwendig sein. Bei der Biersteuer wird die Steuervergünstigung für Bier mit einem Stammwürzgehalt bis zu 9 Prozent beseitigt werden. Der Gesamtertrag aus der vorgeschlagnen Biersteuer soll dem Reich zufließen können. Den Gemeinden wird daneben die Befugnis zur selbständigen Erhebung eines bestimmten Zuschlages einzuräumen sein. Die Zuckersteuer muß auf den im Entwurf vorgeschlagenen Satz von 100 Mark auf einen Doppelzentner gebracht werden. Bei der Kohlensteuer muß der größte Wert darauf gelegt werden, daß die vorgeschlagene Erhöhung auf 40 Prozent bewilligt wird mit der Maßgabe, daß nach Lage der wirtschaftlichen Verhältnisse eine Ermäßigung der Höhe dieses Satzes eintreten kann. Die Umsatzsteuer bildet das Rückgrat der vorgeschlagenen Finanzreform. Der vorgeschlagene Satz von 2½ Prozent ist unbedingt notwendig. Bezüglich der Luxus=Gaststättensteuer könnte vielleicht ein Rahmen=Gesetz im Sinne des Entwurfs geschaffen werden, innerhalb dessen die Gemeinden für eine selbständige Regelung befugt, erklärt werden. Bezüglich des Vermögenssteuer Gesetzes erkennt der Minister an, daß eine Abänderung des Tarifes aus den angegebenen Gründen notwendig ist. Es werde aber zu prüfen sein, ob diese Aenderung in dem Umfange, wie sie in erster Lesung beschlossen wurde bestehen bleiben könne. Auch bei der Vermögenszuwachssteuer sei die weitgehende Ermäßigung des Tarifes nicht ratsam. Bezüglich der Abgabe von Vermögenszuwachs der Nachkriegszeit bittet der Minister bei den Bewertungs=Vorschriften die Regierungsvorlage wieder hinzuzuziehen. Durch die Abstreichung und Abschwächung, die in erster Lesung an den Regierungsvorlagen gemacht worden sind, entstehen bei den Verbrauchssteuern, Ausfälle von rund 12 Milliarden Mark. Auch die Ausfälle bei den Vermögenssteuern dürften erheblich sein. Die Kritit des Auslandes an der Abänderung des Einkommensteuergesetzes sei vollständig unberechtigt. Sie trägt dem Umstande Rechnung, daß die Aenderung dadurch ein Gebot der Notwendigkeit war, daß die Kaufkraft der Mark seit dem Zeitpunkt, in dem der ursprüngliche Tarif der Einkommensteuer aufgestellt worden ist, eine wesentliche Sentung erfahren hat. Die Ermäßigung der Einkommensteuer auf eine den Wertverhältnissen der Mark entsprechende Höhe wird nach Auffassung der Reichsfinanzverwaltung die günstige Wirkung haben, daß bei der bisher überaus hohen Belastung zutage getretene Bestreben der Steuerpflichtigen, das Einkommen auf legalem oder illegalem Wege der Besteuerung zu entziehen, einzudämmen. Trotz der durch die Geldentwertung gebotenen Senkung des Einkommensteuer=Tarifes ist zu erwarten, daß das im Etat für 1922 vorgesehene Aufkommen an Einkommensteuer einen Betrag von mindestens 23 Milliarden erreichen wird. finanzämter ist damit zu rechnen, daß die Veranlagung zur Einkommensteuer für das Jahr 1920 bis Ende dieses Monats fast überall vollendet ist. Es ist Anordnung getroffen worden, daß an die Veranlagung für 1920 sich unmittelbar die Veranlagung für das Jahr 1921 schließt, die dann spätestens bis Mitte 1922 zu Ende geführt werden muß. Von neuen steuerlichen Maßnahmen über die Vorschläge der Reichsregierung hinaus müsse mar wegen der Geschäftslage bei den Steuerbehörden absehen. Das Jahr 1922 müsse für die Reichsfinanzverwaltung ein Jahr der inneren Konsolidierung ihres gesamten Betriebes sein, da hierin die erste und wichtigste Voraussetzung für ein starkes und regelmäßiges Fließen der Steuerquellen liege. * Um das Steuerkompromis. : Seit mehreren Tagen tauchen in der Berliner Presse immer wieder Gerüchte auf, daß es in den Steuerfragen zu einem Kompromiß gekommen sei. Die Meinungsverschiedenheiten bestehen bekanntlich darin, daß die Sozialdemokratie eine stärkere Heranziehung des Besitzes fordert. Dieser Forderung steht die Auffassung der bürgerlichen Parteien gegenüber, daß der Besitz bereits genügend stark belastet sei. Die Behauptung, daß es in der Steuerfrage zu einem Kompromiß gekommen sei, ist, wie wir wiederholt festgestellt haben, unrichtig. Richtig ist lediglich, daß eine Besprechung der Parteiführer mit dem Reichskanzler stattgefunden hat. Im Interesse der Sache wäre es allerdings dringend erwünscht, wenn es möglichst bald zu einer Verständigung unter den Parteten käme. Denn schon mit Rücksicht auf die Konferenz in Cannes und auf die Wirtschaftskonferenz in Genua ist es erforderlich, daß der Reichshaushalt in Ordnung gebracht wird. Wir haben einstweilen zu den Parteien noch das Vertrauen, daß sie sich im Interesse des ganzen Volkes leiten lassen von den großen volitischen Gesichtspunkten, die eine Verabschiedung der Steuervorlagen dringend erforderlich machen. Wie man in rechtsstehenden Kreisen über die Frage denkt, dafür ist eine Auslassung der Täglichenlichen Rundschau sehr bezeichnend, die über die Besprechungen beim Reichskanzler eingehend unterrichtet sein will. Da aber die Besprechungen sehr vertraulich waren, so beruhen die Mitteilungen des Blattes offensichtlich auf Kombinattonen. Wir sehen daher davon ab, sie hier wiederzugeben und beschränken uns nur darauf, lediglich die Stellungnahme des Blattes zu den Steuerfragen überhaupt hier folgen zu lassen. Das Blatt schreibt: Die Hauptschwierigkeit bildet nach wie vor das Verlangen der Sozialdemokratie nach einer Besitzsteuer. Der Vorschlag der Regierung, das zweite Drittel des Reichsnotopfers schleunigst einzuziehen und dadurch den Besitz noch vorweg zu belasten, ist von der Sozialdemokratie schlankweg als nicht weitgehend genug abgelehnt worden. Was sie aber selbst vorschlägt, darüber hat sich die Sozialdemokratie selbst noch nicht geäußert. Wenn jedoch(in Leipzig) eine engere Annäherung zwischen den Unabhängigen und den Sozialdemokraten erfolgt, dann hat das notwendig zur Folge, daß die sozialdemokratischen Forderungen weiter radikalisiert werden, womit die Möglichkeit eines Kompromisses immer weiter entschwindet und die Gefahr einer Reichstagsauflösung wächst. Denn der Gedanke, mit wechselnden Mehrheiten zu arbeiten, den Herr von Bethmann im alten Regime vergebens durchzuführen suchte, ist heute im Zeichen des Parlamentarismus so abwegig, daß er sich bei dem ersten Versuche der Durchführung selbst wiberlegen muß. Die Konferenz von Cannes. 720 Millionen Goldmark. Die Verhandlungen in Cannes scheinen zu dem Ergebnis geführt zu haben, daß Deutschland im Jahre 1922 720 Millionen Goldmark zahlen soll, von denen Belgien 580 und Frankreich 540 erhalten werden. England werde auf seinen Anteil verzichten. Außerdem soll Frankreich Sachleistungen für die Summe erhalten, die durch Gewährung des Moratoriums in Fortfall kommt. Die zwischen Frankreich und Belgien bestehenden Meinungsverschiedenheiten über die Höhe der Frankreich zu zahlenden Summe und die Gutschriften für Frankreich auf dreihundert Millionen Goldmark wurden durch Vermittelung Loucheurs beigelegt. Nach einer Unterredung Loucheurs mit Briand wurde Millerand telephonisch um Rat gefragt und dieser erklärte sich mit der Zahlung von 140 Millionen Goldmark einverstanden, falls die Saargruben nicht in Anrechnung gebracht würden. Es wird angenommen, daß Belgien diesem Kompromiß auch zustimmen wird. Italien soll die auf der Banca d'Italia liegenden 170 Millionen Lire, die als deutsches Eigentum seinerzeit der Entente gutgeschrieben wurden, erhalten. Der Schrei nach neuen Sanktionen. Die französischen Nationalisten sind gegen die Zurücknahme der Besatzungstruppen im Rheinlande. Schon aus den Zeitungsstimmen war zu erkennen, daß die französische Presse mit Unruhe den Besprechungen in Cannes folgte. Es ist bemerkenswert, daß diese Unruhe weit mehr den Bestimmungen des Sicherheitsvertrages gilt, der zwischen England und Frankreich abgeschlossen werden soll, als der im Prinzip bereits abgeschlossenen Verminderung der deutschen Zahlungen. Die Zeitungen berichten, daß England die Zurückziehung der Besatzungstruppen am Rhein verlangen werde. Der Korrespondent des„Petit Journal“ widerspricht dieser Auffassung und erklärt, daß ein derartiger Wunsch nicht geäußert worden sei. Allerdings war die Frage aufgeworfen worden, ob nicht bald die neuen Bestimmungen über die Wiedergutmachung in Kraft treten, wonach Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort von der ihnen im Mai auferlegten Besatzung befreit würden. Diese Forderung erscheint eigentlich als selbstverständlich, aber die öffentliche Meinung klammert sich an Briands Erklärung, nicht eine der Garantien aufzugeben, noch an irgend einem Zugeständnis zu rütteln. Lloyd George gegen ein Diktat. Briand hatte eine stundenlange Unterredung mit Lloyd George, an der nur die Privatsekretäre teilnahmen. Lloyd George ist bemüht, die Form eines Diktats unter allen Umständen zu vermeiden und den Deutschen Gelegenheit zu einer Erklärung zu geben, die den guten Willen Deutschlands unterstreicht und die wahrscheinliche Unmöglichkeit der Erfüllung prophezeit. Deutsche Gegenvorschläge? In Cannes ist die Ansicht verbreitet, daß die Deutschen Gegenvorschläge mitbringen u. a. einen eigenen Plan für die wirtschaftliche Reparation Europas. Sie sollen auch angeblich neue Sicherheiten für Frankreich anbieten. Lloyd George. scheint der Meinung zu sein, daß die Frage der Wiedergutmachung ebenso wie die des Sicherheitsvertrages zwischen Frankreich und England innerhalb der nächsten 48 Stunden geregelt sein werde, denn er hat die Absicht ausgesprochen, am Donnerstag nach London zurückzureisen. Ueber die Aufgabe der deutschen Abordnung will der„Petit Parisien" aus Berlin erfahren haben, daß der Staatssekretär die Aufgabe habe. sich darauf zu beschränken, dem Obersten Rat die Auskünfte zu erteilen, die von ihm verlangt werden. Die Abordnung habe nicht die Aufgabe, sich in Verhandlungen einzulassen. Es scheint allerdings, daß Rathenau persönlich genügend Vollmachten habe, um an etwaigen Verhandlungen teilzunehmen. Was die Bedingungen für einen teilweisen Zahlungsaufschub anbetreffen, so wird jetzt bereits erwähnt, daß die deutschen Delegierten erklären werden, es sei unmöglich, Zoll=, Eisenbahn= und Posttarife, sowie die Kohlenpreise zu erhöhen, ohne gleichzeitig die Kosten der Lebenshaltung in die Höhe zu treiben. Alles in Frage gestellt! Cannes, 12. Januar. Die letzten Stunden haben die ganzen bisher erzielten Einigungen wieder in Frage gestellt. Es ist alles wieder schwankend geworden. Neuerdings sollen von Deutschland mindestens 800 Millionen Goldmark bar und Sachlieferungen in weit höherem Maße verlangt werden, und zwar für 1250 Millionen Goldmark allein an Frankreich, für 480 Millionen an England, für 240 Millionen an Italien, für 425 Millionen an Belgien, für 7 Millionen an Japan und für 28 Millionen an die anderen Alliierten. Der Kampf um das Versailler Machwerk. Ein französischer Delegierter erklärte: Es handelt sich in Cannes und Genua um nichts Geringeres als um einen Verzweiflungskampf um den Versailler Vertrag. Das amerikanische Kapital zeigt sich jeder Kreditaktion unwohlfährig. Der amerikanische Botschafter in London soll in einem Privatgespräch erklärt haben, er sei persönlich der Meinung, daß das amerikanische Großkapital nur dann einer internationalen Kreditaktion zustimmen würde, wenn der Versailler Vertrag revidiert werde. Ein Moratorium bedeute gar nichts. Man möge Deutschlands Schuld auf ein erträgliches Maß reduzieren. Der Botschafter erklärte, er habe diese persönliche Meinung aus Gesprächen mit amerikanischen Finanzleuten geschöpft. Das neue Bündnis. Englische Forderungen. Der Sonderberichterstatter des„Echo de Paris“ in Cannes meldet zu den Verhandlungen über den englisch=französischen Garantievertrag; Das britische Angebot sei von drei Fragen abhängig: 1. Frankreich müsse sich nicht nur an die internationale Konferenz von Genua für gebunden erklären, sondern müsse auch die von Lloyd George vorgeschlagene Resolution annehmen. 2. Frankreich müsse eine befriedigende Regelung der Tangerfrage gemäß dem Friedensvertrage herbeiführen, d. h. die Forderungen, die seit dem Waffenstillstand gestellt worden sind, aufgeben. 3. Frankreich müsse sich mit England hinsichtlich des Vertrages von Angora einigen. In einem besonderen Memorandum fordert die britische Regierung noch die gemeinsame Regelung der Frage der Unterseebootsflotte. Der Pakt selbst enthält die Verpflichtung, im Falle eines nicht provozierten Angriffes seitens Deutschlands, Frankreich mie allen seinen Streitkräften zu unterstützen und die Erfüllung der Artikel 42, 43 und 44 des Friedensvertrages von Versailles. Italien beteiligt sich am Garantievertrag. Der Sonderberichterstatter des„Secolo" meldet aus Cannes, daß Italien sich an dem englisch=französischen Garantievertrag beteiligen würde Lloyd George habe sich in einer Unterredung mit Bonomi Italiens Teilnahme gesichert. Der italignische Ministerpräsident nahm den Vorschlag günstig auf. der ein Friedenswerkzeug der europäischen Politik werden könnte. O. H. T. und Bethmann. Ludendorffs angeblicher Gegensatz zum Kaiser. General Ludendorff hat im„Militärwochenblatt“ eine Auseinandersetzung mit den Erinnerungen des früheren Kanzlers von Bethmann Hollweg begonnen. Ueber seine Stellung zur Frage der Reform des preußischen Wahlrechts bemerkt General Ludendorff, daß über den Segen oder Unsegen eines erweiterten Parlamentarismus in Deutschland jetzt wohl in breiten deut 1. 157 55 0 schen Kreisen erfreuliche Einsicht herrsche. Er sei früher für eine berufsständische Volksvertretung eingetreten, ihn aber als einen Gegner politischer oder sozialer Reform zu bezeichnen, entspräche nicht der Wahrheit. Er habe nur solche„Reformen“ in der Politik für falsch gehalten, die uns schädigten, im Krieg also solche, die als Schwäche nach innen wie nach außen wirkten. In dieser Hinsicht wollten gewisse Kreise, auf den Bethmannschen Erinnerungen fußend, einen gewissen Gegensatz zwischen Ludendorff und dem Kaiser konstruieren. Dieses Bemühen sei rergeblich. Gewiß— schreibt Ludendorff hierzu— war Seine Majestät häufig anderer Ansicht als ich. sah damals keinen anderen Ausweg, als mich zu fügen. Nur im Juli 1917 glaubte ich auf die Entlassung des Herrn von Bethmunn unter vollem Einsatz meiner Person bestehen zu müssen, damit ein geeigneterer Mann, den die 1). H. L. in dem Fürsten Bülow sah, die Politik des Reiches in Uebereinstimmung mit den Anforderungen des Krieges brächte. Daß ich heute der Ansicht bin, daß die 9. H. L. mit Zustimmung der Krone die Initiante hitte ergreifen müssen, habe ich in meinem Buch„Kriegführung und Politik“ klar ausgesprochen. Das hätte vielleicht das Vaterland und die Macht der Krone gerettet, die eine Politik der Diagonale, d. h. der Schwäche zerschlug. Daß ich heute die Gnade Seiner Majestät besitze, ist für mich ein wertvolles Gut". Stadt und Land. Schwerte, den 12. Januar. ** Bauernregeln im Jannar. Januar muß vor Kälte knacken, wenn die Ernte soll gut sacken. Reichlich Schnee im Januar, macht Dung für's ganze Jahr.— Im Januar viel Regen, wenig Schnee, tut Saaten, Wiesen und Bäumen weh. — Viel Regen im Januar, viel Eiszapfen im Mai.— Ist der Januar gelind, Lenz und Sommer stürmisch sind.— Ist der Januar hell und weiß, wird der Sommer sicher heiß.— Ist der Januar warm und naß, bleibt leer Scheun' und Faß.— Wenn das Gras wächst im Januar, wächst es schlecht das ganze Jahr.— Liegt die Katze im Januar in der Sonne, so liegt sie im Februar hinterm Ofen.— Wie das Wetter an: Markatus(2.) war, so wird's im September trüb oder klar.— Fabian und„Sebastian(20.), fängt der Winter erst recht an.— Vinzenz(22.) Sonnenschein, bringt viel Korn und Wein. ** Unsere Brotversorgung. Wie wir von gut unterrichteter Seite erfahren, hat sich die von der Landwirtschaft garantierte Getreidemenge außerordentlich günstig gestaltet, so daß die Brotversorgung bis zur kommenden Ernte gesichert ist. Besonders Weizen ist in zufriedenstellender Weise geliefert worden. Die Mühlen sind auf riele Wochen hinaus beschäftigt. Man ist in maßgebenden Kreisen der Ansicht, daß zur endgültigen Sicherung der Brotversorgung keine umfangreichen Käufe im Auslande vorgenommen zu werden brauchen. ** Weihnachtsfeier. Ueber eine am Sonntag im Kösterschen Saale stattgefundene Weihnachtsfeier der Hinterbliebenen=Abteilung der Ortsgruppe Schwerte des Einheitsverbandes der Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen geht uns noch folgender Bericht zu: Zahlreich waren sie, die bei der Sorge um das tägliche Leben vielfach einen eigenen Baum nicht schmücken konnten, erschienen. Der strahlende Weihnachtsbaum begrüßte sie. Musikvorträge und Deklamationen leiteten die Feier ein; alte Weihnachtslieder erklangen durch den Saal. Die rührige Vorsitzende der Abteilung, Frau Elisab. Fieseler hieß die Erschienenen willkommen und gab dem Wunsche Ausdruck, daß die Feier die Herzen der Verlassenen für einige Stunden erfreuen möge. Nachdem folgten die Darbietungen der Kleinen. Weihnachtsmärchen zoen an unseren Augen vorbei. Es war eine Lust zu sehen, mit welchem Eifer sich die Kleinen für die Feier vorbereitet hatten. In Erwartung des Weihnachtsmannes wollten sie sich nur von der besten Seite zeigen. Die Arbeit wurde denn auch bald belohnt. Schellengeläute kündete das Nahen des Weihnachtsmannes an. Da gab es warme Sachen für den Winter, Spekulatius, Nüsse und andere Leckerbissen fehlten nicht Freude glänzte auf jedem Gesichte und frohgemut wanderten die Kleinen nach Hause mit dem Wunsche: Ach, wenn doch alle Tage Weihnachten wäre. Eine kleine Nachfeier hielt dann die Mitglieder für einige Stunden noch in gemütlicher Weihnachtsstimmung zusammen. *n: Starkes Anschwellen der Elternbewegung. Der Reichsschulgesetzentwurf, der aller Voraussicht nach in der 2. Hälfte des Januar im Reichstag zur Behandlung kommt, scheint in der evangelischen Elternschaft in aller Teilen des Reiches die Gemüter stark zu bewegen. Ueberall schließen sich die Eltern zu Elternverbänden und Vereinigungen zusammen, Die evangelische Elternschaft ist offenbar entschlossen, die Entfaltungsfreiheit der evangelischen Schule auf keinen Fall beeinträchtigen zu lassen. Auch in Wesisalen ist ein Evangelischer Provinzial=Elternbund in der Lildung begriffen. ** Volkshochschule. Die Vorlesung von Frl. Dubois:„Erzähler des 19. Jahrhunderts" beginnt erst am Donnerstag, den 19. d. M., nicht bereits heute, wie gestern irrtümlich bekannt gegeben wurde. Im übrigen sei nochmals auf den Arbeitsplan hingewiesen, der in der Samstags=Ausgabe veröffentlicht ist.— Hörerkarten sind auch jetzt noch in den einzelnen Unterrichtslokalen zu haben. ** Eigener Hausstand im möblierten Zimmer. Ein eigener Hausstand kann auch im möblierten Zimmer geführt werden. Diesen Bescheid hat der Reichsarbeitsminister dem Minister fürVolkswohlfahrt erteilt. Die Frage, ob jemand einen Hausstand führt, sei in erster Linie eine wirtschaftliche Frage und nach den Anschauungen des täglichen Lebens zu beantworten. Wenn auch im allgemeinen das Vorhandensein eines Hausstandes mit dem Besitz einer eigenen Wohnungseinrichtung verbunden sein wird, so sei der Besitz einer solchen doch kein unbedingtes Erfordernis für die Führung eines Hausstandes. Wegen der Wohnungsnot und der hohen Preise für Möbel sind viele Familien gezwungen, möblierte Wohnungen zu mieten. Wenn sie dort selbständig wirtschaften, so können sie bei den Unterstützungen nicht anders behandelt werden, als Personen, die eigene Möbel besitzen oder auf Abzahlung entnommen haben. ** Die erste Kreistagssitzung im neuen Jahre findet Montag, den 23. d. M., vormittags 10 Uhr im Sitzungssaale des Kreisd'enstgebäudes statt. Auf der Tagesordnung stehen 9 Punkte, darunter Einrichtung des Amtes eines Kreissundikus, Errichtung von 5 neuen Sekretärstellen beim Kreisausschuß, Einrichtung von 2 ctatsmäßigen Stellen für Fürsorgeschwestern beim Wohlfahrtsamt, Auflösung der Kreisobstbauanlage in Aplerbeck, Anfrage Hurlbrink über die Errichtung eigener Geschäfte beim Wirtschaftsumt, für die eine Zwangsbewirtschaftung nicht besteht, Nachtrag zur Besoldungsordnung für die Beamten und Angestellten des Kreises u. a. m. Erhöhung des Milchpreises. Vom 13. d. M. ab wird der Kleinhandelspreis für Vollmilch auf 6,70 Mark pro Liter erhöht.(Wie lange soll die Schraube eigentlich noch angedreht werden? Heute Milch, morgen Brot, Kartoffeln, Fleisch, Kohlen usw. Wir leben im Zeitalter des Preis„Abbaues"! Schriftl.) ** Aerztliche Kurse. Die theoretischen und praktischen Kurse von Herrn Medizinalrat Dr. Polten beginnen im Kreishaus Hörde Dienstag, den 17. Januar; im Gemeindehaus in Aplerbeck Freitag, den 20. Januar zur gewohnten Zeit. ** Die Ausprägung von Lartgeld zum Ersatz des wohl überall mißliebigen Papicrgeldes ist, wie bereits mitgeteilt, von der Reichsregierung beabsichtigt. Es sollen im Fruhjahr d. J. Münzen zum Werte von 1, 2 und 5 Mark aus Kupfer hergestellt werden, die eine Aluminiumlegierung erhalten sollen. Auf der Rückseite wird der neue Reichsadler angebracht, während die Vorderseite eine lateinische Inschrift tragen soll. Das Fünfmarkstück wird etwa so groß, wie das frühere Dreimarkstück, während die Ein= und Dreimarkstücke etwas größer wie die ehemaligen Geldstücke sein werden. Der Metallwert dieser neuen Geldstücke wird natürlich ganz erheblich geringer sein, als der Münzwert. Das ist sehr zweckmäßig, denn sonst würde durch die überaus törichte Hamsterei von Geldstücken die Ausprägung dieser neuen Münzen ihren Zweck verfehlen. Die bisher in Umlauf befindlichen Papierscheine sollen nur allmählich aus dem Verkehr gezogen werden, um nicht einen Mangel an Zahlungsmitteln eintreten zu lassen. ** Neue und alte Markensorten. Neue Briesmarken werden für die erhöhten Gebühren zu 125 Pfg., 6 und 9 Mark hergestellt. Es sind auch noch ältere, größere Bestände zu 75 Pfg. und 1¼ vorhanden, die früher mit einem Ueberdruck zu 5, 10 und 8 Mark versehen worden sind. Sonst sollen die Sorten aufgelmnucht werden, die man nicht mehr brauch!. Postkarten müssen vora.ssichtlich noch geraume Zeit geklebt werden. Das soll aber vor dem Verkauf bei der Post geschehen, ebenso bei den Kartenbriefen, Rohrpostbriefumschlägen und Karten. Kartenbriefe, Postanweisungen mit Wertstempel und Markenbriefe werden vorläufig überhaupt nicht mehr hergestellt. In Rollenform bleiben die Werte zu 40, 75, 100 Pfg., 1¼, 2 und 4 Mark. Neu hergestellt werden solche von 1,25 Mark, 3, 6 und 9 Mark. Die Ausgabe wird aber noch auf sich warten lassen. Die Barfreimachungs=Maschinen erhalten Stempel zu 50, 75, 100, 125 und 200 Pfg. im Lokale Schneider statt. Der Jahresbericht und Rechnungslage boten ein recht erfreuliches Bild von der Feuerwehrsache hierselbst. Die ausscheidenden Vorstandsmitglieder wurden einstimmig wiedergewählt und setzt sich der Vorstand wie folgt zusammen: August Michel, Brandmeister; Heinrich Kritzler, Brandmeister=Stellvertreter; Anton Schneider, Kassenführer und Zeugwart; Karl Geilhorn, Schriftführer; Theodor Kleinsorg, 1. Steigerführer; Wilh. Ehrhardt, 2. Steigerführer; Joh. Kruse, 1. Spritzenführer; Otto Hegenscheid, Ordnungsführer. Am Sonntag, den 29. Januar, soll das Winterfest, bestehend aus Konzert, Theater, Verlosung und Bali, im Lokale Mölders in den Rosen stattfinden. Es konnte wiederum eine Anzahl neuer Mitglieder ausgenommen werden ** Refflingsen, 11. Januar. Wegen Nahrungsmittelfälschung stand der Landwirt E. K. von hier in der Anklagebank Bei der 11. Oktober in Iserlohn stattgefundenen Milchnachprüfung durch die Behörde wurde die Milch des Angeklagten stark verwässert befunden. Eine Untersuchung durch das Nahrungsmittelamt ergab 15 v. H. Wassergehalt, während die Stallproben von guter Beschaffenheit waren. Der Angeklagte gab die Möglichkeit zu, daß die beschlagnahmte Milch während der Nacht im Brunnen, woselbst sie zum Kühlen hineingestellt wurde(?) durch plötzliches Steigen des Wassers den Wasserzusatz erhalten konnte, der durch den Verschluß eingedrungen sein muß. Wegen fahrlässiger Nahrungsmittelfälschung wurde der Angeklagte zu einer Geldstrafe von 600 Mark verurteilt. ** Westhofen, 11. Januar. Kirchenkonzert. Am Sonntag, den 22. d. M., wird allen Freunden geistlicher Musik wiederum ein Konzert in der hiesigen Kirche geboten werden, das ausgeführt wird von dem Kuhlo'schen Posaunen=Sextett aus Bethel unter persönlicher Leitung des als„Posaunengeneral“ weit über die Grenzen unserer Provinz bekannten Pastors Kuhlo. Wo das Sextett aufgetreten ist, hat es stets eine dankbare Zuhörerschaft gefunden. Es befindet sich zur Zeit auf einer Konzertreise durch Schleswig=Holstein. Bei seiner starken Inanspruchnahme wird man es hier besonders dankbar begrüßen, daß es der Bitte, nach hier zu kommen, entsprochen hat. Ueber das, was geboten wird, soll demnächst an dieser Stelle weitere Mitteilung ergehen. ** Holzen, 11. Januar. Freiwillige Feuerwehr. Vorgestern fand unter sehr reger Beteiligung die Hauptjahresversammlung den Hüsten, 11. Januar. Mordbuben. In der Nacht zum Sonntag wurde auf den Gemeindevorsteher Landwirt Babylon in Höve bei Hüsten von den beiden 19jährigen Arbeitern Franz Papke und August West aus Hemer ein Revolverattentat verübt. Sechs Pistolenschüsse trafen den Landwirt in den rechten Oberschenkel und die linke Hüfte, doch besteht für ihn zurzeit keine Lebensgefahr. Der Mordüberfall ist als ein Racheakt anzusehen. Die hoffnungsvollen Burschen, deren Mordwaffen aus Einbruchsdiebstählen herrührten, haben die Tat eingestanden. Arnsberg, 11. Januar. Landgerichtsrat a. D. Dinslage f. Am Sonntag abend verschied hierselbst infolge eines Schlaganfalles der Geheime Justizrat, Landgerichtsrat a. D. Anton Dinslage, im Alter von 69 Jahren. Der Verstorbene war 18 Jahre lang Mitglied des Landtages(Zentrumspartei) und vertrat seit 1919 den Wahlkreis Westfalen=Süd, früher den Wahlkceis Lippstadt=Arnsberg=Olpe. Die Zentrumspartei erleidet durch den Heimgang des Verstorbenen einen großen Verlust. Datteln, 11. Januar. Ermittelte Mörder? Die Räuber Piplack, Klein, Samora und Konopinski aus Röhlinghausen, die bei einem Raub in der Nähe von Münster abgefangen wurden und sich in Haft befanden, haben auch sehr wahrscheinlich den Landwirt Luthe in Marfeld bei Datteln am 13. November 1921 in seinem Gehöft ermordet und beraubt. Bielefeld, 11. Januar. Ein hoher Prozentsatz Frauen im Stadtparlament. Anstelle eines zurückgetretenen Stadtverordneten der Deutschen Volkspartei tritt jetzt eine Frau in das Stadtverordneten=Kollegium ein. Von den 42 Stadtverordnetenmandaten befinden sich neun in den Händen der Frauen. ssn Zwischen Himmel und Erde. Ronumn von Otto Ludwig. 57)(Nachdruck verboten). Oben, seitwärts, über der ersten Sprosse der Leiter, hüpften bläuliche Flammen mit gelben Spitzen unter der Lücke und leckten unter den Rändern der Schiefer hervor. Zwei Fuß tief unter der Lücke hatte der Blitz eingeschlagen. Vor einer Stunde noch war er vor dem Gedanken der bloßen Möglichkeit erschrocken, hierher könnte der Glitz schlagen und er müsse herauf— eine Reihe dunkler, tödlicher Fiebergebilde hatten sich daran geschlossen— jetzt war alles geschehen, wie er sich's vorhin nur gedacht; aber die Lücke war ihm wie jede andere Stelle des Turmdachs, schwindellos stand er auf der Leiter und nur ein frisches, tapferes Gefühl erfüllte ihn: der Drang, von Kirche und Stadt die drohende Gefahr zu wenden. Ja etwas, was ihm die dunkle Furcht durch Sorge erhöht hatte, erwies sich nun sogar als heilvoll und glücklich. Er erkannte nur das Wasser, welches die Lücke wochenlang geschluckt, und das nun im Holze gefroren, ließ die Flamme nicht so schnell überhand nehmen als ohne dies Hindernis geschehen wäre. Der Raum, den der Brand bis jetzt einnahm, war ein kleiner. Der Frost in der Verschalung warf die hartnäckig immer wiederkehrenden, hüpfenden Flämmchen lange zurück, ehe sie bleibend einwurzeln und von dem Wurzelpmikte aus weiter fressen konnten. Hatten sie sich einmal zu einer großen Flamme vereinigt und diese den durch Frost gefeiten Raum unter der Lücke überschritten, dann mußte der Brand bald riesig über die Turmspitze hinauswachsen, und die Kirche und vielleicht die Stadt erlag der vereinten Gewalt von Feuer und Sturm. Er sah, noch war zu retten; und er brauchte die Kraft, die ihm dieser Gedanke gab. Die Leiter schaukelte nicht mehr bloß herüber und hinüber, sie wuchtete zugleich auf und ab. Was war das? Wenn der Dachbalken locker war— aber er wußte, das konnte nicht sein— diese Bewegung war unmöglich. Aber die Leiter hing ja gar nicht an dem Haken; er hatte sie an ein hervorspringendes Eichenblatt der Blechverzierung angehängt, nahe an einem der Befestigungspunkte; aber das andere Ende des Guirlandenstücks, an dem die Leiter hing, war das, welches er zu befestigen vergessen hatte. Sein Gewicht wuchtete an dem Stücke und zog es mit der Leiter immer mehr herab und bog die Seite nach vorn, an die er die Leiter gehängt. Noch einen Zoll tiefer, und das Blatt lag wagerecht und die Leiter glitt von dem Blatte herab und mit ihm hinunter in die ungeheure Tiefe. Jetzt mußte sich sein neugewonnener Lebensmut bewähren und er tat's. Sechs Zoll weit neben dem Blatte war der Haken. Noch drei leichte Schritte die schwankende Leiter hinauf und er faßte mit der linken Hand den Haken, hielt sich fest daran und hob die Leiter mit der rechten von dem Blatt herüber an den Haken. Sie hing. Die linke ließ den Haken und faßte neben der rechten Leitersprosse; die Füße folgten; er stand wieder auf der Leiter. Und jetzt beginnen schon die Schiefer unter der Lücke zu glühen; nicht lange und sie rollten sich schmelzend, und die brenrenden Schlacken trugen das Verderben fliegend weiter. Apollonius zog die Klaue aus dem Gürtel; wenig Stöße mit dem Werkzeug, und die Schiefer fielen abgestreift in die Tiefe. Nun übersah er deutlich den geringen Umfang der brennenden Fläche; seine Zuversicht wuchs. Züge an dem Schlauch, und die Spritze begann zu wirken. Er hielt das Rohr erst gegen die Lücke, um die Verschalung oberhalb des Brandes noch geschickter zum Widerstande zu machen. Die Spritze bewies sich kräftig; wo ihr Strahl unter den Rand der Schiefer sich einzwängte, splitterten diese krachend von den Nägeln. Die Flammen des Brandes knisterten und hüpften zornig unter dem herabfließenden Wasser; erst dem unmittelbar gegen sie gerichteten Strahl gelang es, und auch diesem mehr durch seine erstickende Gewalt, als durch die Natur seines Stoffes, die hartnäckigen zu bezngen. Die Brandfläche lag schwarz vor ihm, dem Strahl der Spritze antwortete kein Zischen mehr. Da rasselte das Getriebe der Uhr tief unter ihm. Es schlug Zwei. Zwei Schläge! Zwei! Und er stand und er stürzte nicht! Wie anders war es nun in der Wirklichkeit gekommen, als die fiebertschen Ahnungen gedroht! Wenn er oben war, da schlug es Zwei; da packte ihn der Schwindel und riß ihn hinab, eine dunkle Schuld zu büßen. Das hatten ihm seine schweren, wachen Träume gezeigt. Und er stand doch wirklich oben, und die Leiter schwankte im Sturme, Schneestaub umwirbelte ihn, Blitze umzuckten ihn, mit jedem flammte die Schneedecke der Dächer, der Berge, des Tals, die ganze Gegend in einer ungeheuren Flamme auf, und nun schlug's Zwei unter ihm, die Glockentöne heulten, vom Sturme gezerrt hinaus in den Aufruhr, und er stand, stand schwindellos, er stürzte nicht. Er wußte, keine Schuld lag auf ihm; er hatte die Stadt, an der er mit ganzer Seele hing, er allein, von der furchtbarsten Gefahr befreit. Aber aller Stolz dieses Gedankens war in dieser Seele nur ein Dankgebet. Er dachte nicht an die Menschen, die nun wieder aufatmen durften, an das Elend, das verhütet, an das Glück, welches erhalten war. Und er fühlte selbst nach Monden wieder, was frei aufatmen heißt. Diese Nacht hatte ja auch ihm die Lust wieder gebracht. Mit Freudigkeit erinnerte er sich jetzt wieder an das Wort, das er sich gegeben. Menschen wie Apollonius ist der höchste Segen einer braven Tat, daß sie sich gestärkt fühlen zu neuem braven Tun. Die Menge unten schrie noch immer: Wo? Wo? und drängte sich durcheinander, als der zweite Einschlag geschah. Alles stand einen Augenblick von Schrecken gelähmt.„Gott sei Dank! es war wiederhalt!" rief eine Stimme. „Nein! Nein! diesmal brennt's! Erbarme sich Gott!" entgegneten andere, scharfe Augen sahen, wenn zuweilen zwischen den Blitzen Dunkel eintrat, die kleinen Flammen wie Lichterchen über die Schiefer hüpfen. Sie suchten sich und lobten, wenn sie sich fanden, zuckend in einer größeren Flamme zusammen auf; dann flohen sie sich tanzend und schlugen wieder zusammen. Der Sturm bog und dehnete sich hin und her, zuweilen schienen sie zu verlöschen, dann züngelten sie noch höher auf, als vorhin. Sie wuchsen, das sah man; aber rasch war ihr Wachstum nicht. Viel schneller und gewaltiger schwoll das neue Feuerjo durch die ganze Stadt. In angstvoller Spannung bohrten sich alle Blicke auf der kleinen Stelle fest. „Jetzt Hilfe, und es ist noch zu verlöschen!“ Und wieder klang angstvoll der Ruf:„Nettenmair! Wo ist Nettenmair?" durch Sturm und Donner. Eine Stimme rief:„Er ist auf dem Turm"".„Alle Gemüter fühlten das wie eine Beruhigung. Und die meisten kannten ihn nicht, selbst die meisten unter den Rufern. Und die ihn nicht kannten, schrien am lautesten. (Fortsetzung folgt). Buer, 11. Januar. Vorgetäuschter Ueberfall. Ein fünfzehnjähriger Bursche, der für einen Verband Gelder eingeholt hatte, erstattete bei der Behörde die Anzeige, daß er von drei Männern überfallen und beraubt worden sei. Der Zustand seiner Kleidung und zwei Messerstiche auf der Brust schienen seine Angaben zu bestätigen. Jetzt hat sich aber herausgestellt, daß der Schlingel die ganze Geschichte erfunden hat, um die Unterschlagung des Geldes zu verdecken. Die Messerstiche hitte er sich selbst beigebrucht. Buer, 11. Januar. Schwerer Zusammenstoß. Hier fuhr ein Auto mit voller Wucht in einen fahrenden Straßenbahnzug, Straßenbahnwagen und Anhänger entgleisten und kippten auf den Marktplatz, während das Auto zurück geschleudert wurde und einen Straßenbahnmast umriß. Vier Fahrgäste der Straßenbahn erlitten mehr oder weniger schwere Verletzungen. Sie wurden nich Anlegung von Notverbänden ins Krankenhaus gebracht. Elberfeld, 11. Jan. Beseitigte Streikgefahr. In der hier auf Einladung des deutschen Eisenbahnerverbandes abgehaltenen Konferenz von Bevollmächtigten der Eisenbahner des unbesetzten Gebietes wurde beschlossen, sich mit den Kollegen im besetzten Gebiet solidarisch zu erklären, aber zuerst noch zu versuchen, durch Verhandlungen mit den maßgebenden Stellen zum Ziel zu kommen. Bekanntlich waren Unstimmigkeiten entstanden, weil die Teuerungszuschüsse im besetzten Gebiet nur für Köln und Aachen ausgezahlt werden sollten. Durch diesen Beschluß ist die erneute Streikgefahr für den Augenblick beseitigt. Bentheim, 11. Jan. Für 30000 Mark Goldwaren gestohlen. Vor einigen Tagen wurden bei einem Uhrmacher in Bentheim durch Einbruch für 30000 Mark Goldwaren gestohlen. Einem münsterischen städtischen Kriminalbeamten gelang es, einen Lehrling des Geschädigten als Täter festzustellen. Die gesamte Beute wurde von dem Beamten in Osnabrück beschlagnahmt und dem Eigentümer zurückgegeben. Bei dem Täter wurden weitere 25000 Mark gefunden, die er seinem Meister unterschlagen hatte und in einer Kassette aufbewahrte. Auch dieses Geld erhielt der Geschädigte zurück. Mörs, 11. Januar. Sprengstoff=Attentat. Am Samstag feierte der Homberger Ruderklub„Germania“ in den oberen Räumen der Erholung in der Augustastraße sein Winterfest. Gegen 11 Uhr abends wurde ein Sprengkörper in den Saal geworfen. Die Folgen waren furchtbar. Sieben Personen verletzt. Dazu erfahren wir noch: Gegen 11 Uhr, kurz vor Beendigung der Feier, flog plötzlich ein Sprengkörper durch das Fenster in den Saal und explodierte. Sieben Personen, zwei Männer und fünf Frauen, wurden zum Teil erheblich verletzt. Durch die Explosion wurden die Fensterscheiben zertrümmert, in den Parkettfußboden ein großes Loch gerissen und eine Anzahl Tische und Stühle, sowie Flaschen und Gläser stark beschädigt. Die Verletzten wurden ins Krankenhaus gebracht, wo sich glücklicherweise herausstellte, daß es sich nur um Fleischwunden handelte. Vier schwerer verletzte Frauen mußten im Krankenhause verbleiben. Die Täter konnten bisher nicht festgestellt werden. Andernach, 11. Januar. Großer Talsperrenbau im Ahrtale. Im Ahrtal steht der Bau einer Talsperre mit einem Kostenaufwande von mehr als 320 Millionen Mark bevor. Der Hauptzweck der Talsperre ist auch hier der Schutz vor Hochwasser, der besonders im Ahrtale erforderlich ist. Auch vom Staat wird der Bau der Talsperre befürwortet. Das Niederschlagsgebiet umfaßt 186 Hektar Wald und Wiesen, das Staubecken wird 6 Kilometer lang und 1 Kilometer breit. Elne Staumauer von 31 Meter Höhe ist erforderlich. Auch der Bau eines Kraftwerks ist geplant. neswegs in Uebereinstimmung mit den Sätzen des Artikels 148 der Weimarer Verfassung erteilt, d. h. im Sinne der Völkerversöhnung, son dern hält sich in einem entgegengesetzten Sinne. Infolgedessen hat die Rheinlandkommission beschlossen, elnen Untersuchungsausschuß für den im besetzten Gebiet erteilten Unterricht einzusetzen". Die gallische Furcht treibt immer groteskere Blüten. Wiederverheiratung der Prinzessin August Wilhelm. Prinzessin August Wilhelm von Preußen, deren Ehe im Jahre 1920 geschieden worden war, hat sich mit dem Kapitänleutnant a. D. Rümann wieder verhciratet. Das Ende der Demobilmachung. TU. Das Reichsarbeitsministerium teilt mit, daß die Bestimmungen der Demobilmachungsverordnungen, so weit sie noch bestehen, am 31. März ablaufen. Es ist aber nicht damit zu rechnen, daß alle Einzelbestimmungen sofort außer Kraft treten werden. Verschiedene dieser Bestimmungen, zum Beispiel solche über die Arbeitslosenversicherung, werden dem Gesetz überführt werden. Ueberlebte Forderungen werden auf alle Fälle gestrichen. Neue Dokumente für Deutschlands Nichtschuld am Kriege. TU München, 10. Januar. Die neuen Münchener Monatshefte bringen in der ersten Hälfte des neuen Jahres neues bisher unbekanntes und unveröffentlichtes Material über die Schuldfrage am Kriege. Diesmal handelt es sich um Material aus den Akten der russischen Diplomatie und zwar ist der Herausgeber der Dokumente der frühere Sekretär der russischen Botschaft in London, Siebert. Man kann sagen, daß dieses neue Material, das als beweiskräftig anzusprechen ist, wiederum die Schuldfrage zugunsten Deutschlands beantwortet, zum mindesten eine Schuld in dem von unseren Feinden mit den unlautersten Mitteln konstruierten tendenziösen Sinne vollkommen ausVorläufig keine deutsche Gesandtschaft in Moskau. Das Auswärtige Amt bestreitet die Richtigkeit der Meldung eines Berliner Mittagblattes, daß Deutschland in kürzester Zeit in Moskau eine Gesandtschaft errichten werde. Der bisherige Vorsitzende der deutschen Handelsvertretung in Moskau, Professor Wiedenfeldt, wird in gleicher Eigenschaft auf seinen Posten zurückkehren. Auch soll in Petersburg kein deutsches Generalkonsulat, sondern nur eine Nebenstelle der Handelsvertretung in Moskau errichtet werden. Aus dem Die mutmaßlichen Einnahmen Preußens im Jahre 1922. Nach dem neuen preußischen Etat, der dem Landtage am 20. d. M. zugehen wird, beziffern sich die Steuereinnahmen Preußens wie folgt für 1922: a) Anteile an Reichssteuern: Einkommensteuern 9200000000 Mark, Körperschaftssteuer 1600000000 Mark, Erbschaftssteuer 84000000 Mark, Grunderwerbssteuer 247 500000 Mark, Um satzsteuer 1 140000000 Mark, Zuwachssteuer 2000000000 Mark. Mehrbetrag gegen 1921: 6742 400000 Mark). b) Preußische Steuern: Stempelsteuer 65000000 Mark, Grundsteuer 948000000 Mark, Abgabe zur Förderung des Wohnungsbaues 140000000 Mark, Preußische Erbschaftssteuer 200000 Mark, Wandergewerbesteuer 15000000 Mark, Eisenbahnabgabe 515 320 Mark.(Mehrbetrag gegen 1921: 1288284 70 Mark. Schulkontrolle am Rhein! Die Rheinlandkommission gibt bekannt:„Die Rheinlandkommission ist aufmerksam gemacht worden auf das dauernd zunehmende Anwachsen der im besetzten Gebiet ernannten, aber aus dem unbesetzten Deutschland stammenden Beamten. Aus den hier vorgelegten Statistiken geht hervor, daß dieses Anwachsen bei dem Lehrpersonal besonders bemerkbar ist. Der Unterricht wird keiLetzte Drahtmeldungen. Eigener Depeschendienst. Der Zahlungsaufschub. TU Cannes, 12. Januar. Die halbamtliche Bekanntgabe der Bedingungen, unter denen Deutschland das Moratorium bewilligt wird, enthält noch folgende Zusätze: Die Fristen für die Zahlungen müssen fixiert werden. Im Falle des Versäumnisses der Fristen werden Santkionen festgesetzt und die Totalsumme von 2 Millionen Goldmark wird gefordert. Nach dem zuletzt vorliegenden Vorschlag, der mit großer Wahrscheinlichkeit vom Obersten Rat den Deutschen als bindend vorgelegt wird, sollen 720 Millionen Goldmark in folgender Weise gezahlt werden: 150 Millionen am 15. 3., 150 Millionen am 15. Juni, 200 Millionen am 15. September und 220 Millionen am 15. Dezember. Es wird versichert, daß es auch jetzt noch keineswegs sicher ist, ob die Deutschen wirklich zur Erstattung von Vorschlägen kommen werden. Die erste Sitzung mit den Deutschen. TU Cannes, 12. Januar. Bei der gestrigen Besprechung mit den Deutschen scheint es sich nur um Informationen über den Verhandlungsmodus gehandelt zu haben. Von anderer Seite wird behauptet, daß die Beratungen von Wichtigkeit gewesen seien und daß das Resultat von den Mitgliedern der Kommission dem Regierungschef mitgeteilt worden sei. Der Oberste Rat erwartet jedenfalls erst Donnerstag die offizielle Erklärung der Deutschen. Briand optimistisch. TU Cannes, 12. Januar. Während der Abwesenheit Brinnds in Paris wird Lloyd George in den Sitzungen des Obersten Rates in Cannes präsidieren. Vor der Abreise erklärte Briand Journalisten, er habe bei seiner Ankunft in Cannes nicht geglaubt, daß die Verhandlungen einen so glänzenden Verlauf nehmen würden, er sei vollkommen befriedigt; alles sei im Gange. Briand nimmt den Text des Entwurses für das französisch=englische Abkommen mit. Die Beratung der Verbrauchssteuern. TU Berlin, 12. Januar. Im Reichstagsaus. schuß für Verbrauchssteuern wurde gestern die Höhe einzelner Verbrauchssteuern beraten. Leuchtmittelsteuer wurde Unverändert in zweiter Lesung angenommen. Bei Beratung der Zündwarensteuer stellte Abg. Diedrich(Dem., den Antrag,§ 3 zu streichen. Die Abstimmung hierüber und die gesamte Beschlußfassung über die Zündwarensteuer wurden noch ausgesetzt, um eine Klärung der bezüglichen Fragen zuvor herbeizu führen. Der Ausschuß überließ es dem Vorsitzen den, den Zeitpunkt der nächsten Sitzung zu bestimmen. Kreditbeschaffung der Landwirtschaft. TU Stettin, 12. Januar. Auf Einladung der pommerschen Landwirtschaftskammer haben am Montag und Dienstag in Stettin Besprechungen über die Kreditbeschaffung für das Hilfswerk der deutschen Landwirtschaft stattgefunden. Neben provinziellen, öffentlichen und rechtlichen Landwirtschafts=Kreditanstalten, den Genossenschaften und dem Landbund waren vertreten der Landeshauptmann, die Landwirtschaft, das preußische Landwirtschaftsministerium und der Reichsausschuß der deutschen Landwirtschaft. Die Beratungen bezweckten die Schaffung der Grundlage f die provinzielle Durchführung des Hilfswerke Die hierbei zutage getretene völlige Uebereinstim mung wird bei den weiteren Vorarbeiten des Reichsausschusses der deutschen Landwirtschaft von Bedeutung sein. Denkmalschänder in Berlin. TU Berlin, 12. Januar. Rohlinge haben in der letzten Nacht die beiden Bronzekronen vom Denkmal Friedrich Wilhelm des Ersten in der Siegesallee abgebrochen und mit fortgenommen. Am Denkmal Friedrich des Großen versuchten sie gleichfalls die beiden Bronzetconen zu stehlen, wie die teilweise Zerstürung des Murmorsockels beweist. An fast allen Deakmäleen sind Beschadigungen wahrzunehmen. Iranrige Schandbuben. Die Lawinengefahr in den Alpen. TU Wien, 12. Janua:. Die ungeheuren Schneefälle der Vorwoche und das inzwischen eingetretene Tauwetter haben in den Alvenläindern eine ungewöhnliche Lawinengefahr hervorgerufen. Aus den letzten Tagen wird gemeldet, daß im Etsch=Tale eine große La##ine, die das Flußbett der Acht verschüttet hat, nun das Tal bei Lenenfeld überschwemmt hat.— Im Jall=Taie bei Insbruck wurde ein Salzbergwerkarbeiter durch eine Lawine verschüttet.— Im Salzburgischen ging eine Lawine bei Saalfeld nieder und begrub 5 Holzarbeiter, von denen 3 noch unter der Schneelast verschitet liegen. Für die Redaktion verantwortlich: Friedr. Kraas Druck und Verlag: Carl Braus, beide in Schwerte Jeder Arbeitnehmer ist verpflichtet, innerhalb des Monals Januar 1922 seine Steuerkarte und die losen Markenblätter, die für den in der Zeit vom 1. April bis zum 31. Dezember 921 bezogene Arbeitslohn zum Einkleben und Entwerten von Steuermarken verwendel worden sind, der für ihn zuständigen Sieuerhebestelle (Kämmereikasse, Stadlkasse, Amtskasse) zu übergeben oder zu übersenden. An Stelle des Arbeitsnehmers kann der Arbeitgeber die Einlieferung der Steuerkarten oder Markenblätter übernehmen. Die Einlieferung kann gemäß § 202 der Reichsabgabenordnung erzwungen werden. § 2 Auf die Verpflichlung nach§ 1 hat der Arbeitgeber durch Anschlag in den Arbeitsund Geschäftsräumen hinzuweisen. S 3 Arbeitnehmer. deren Steuerkarten oder Markenblätter nicht eingeliefert sind, werden für das Rechnungsjahr 1921 zur Einkommenkeuer veranlagt. § 4 Die eingelieferten, für die Zeit vom 1. April bis zum 31. Dezember 1921 verwendeten Steuermarken werden auf die für das Rechnungsjahr 1921 zu entrichtende Einkommensteuer angerechnet Die für die Zeit bis zum 31. März 1921 verwendeten Steuermarken können auf die Einkommensteuer für das Rechnungsjahr 1920 gemäß§ 48 des Einkommensteuergesetzes auch weiterhin an Zahlung Stalt hingegeben werden. § 5 Ueber den Rennbetrag der eingelieferten Steuerkarten ist eine Quittung zu erteilen. Berlin, den 21. Dezember 1921. Der Reichsminister der Finanzen. Bekanntgegeben: Hörde, den 10. Januar 1922 Das Finanzamt: Dr. Schmidt, Regierungsrat. K Bekanntmachung. Als Sonderzuteilung wird in den Mehlkleinhandlungen des Landkreises Hörde auf die Mehlmarke(Brotmarke d) der Woche Nr 52, gültig vom 29 Januar 1922 bis 4 Februar 1922 je 50 Gramm(1 Psd) Kochmehl(amerik Weizenwehl) zum Preise von 3,75 Mt. für d9s ,)., Das Kochmehl kann auf diese Marte sofott oizum 4 Februar 1922 ausgegeben werden. Eine Doppetbelieferung anderer Mehlmarken mit gewöhnlichem Mehl findet nicht statt. Hörde, den 10. Januar 1922. De Keisausschuß des Landkreises Hörde. Hoter der Voms beziehen ihren ganzen Bedarf an Schreidwaren von der Bachhäudiung Eart Braus. Bücher, die in den Kursen erwähnt und empfohlen, werden, wenn nicht am Lager, schnellstens besorgt K Schönes H. Schönste Zier! Und dabei so leicht zu erwerben: Durch regelmäßige Pflege mit Javol. Das Kräuterhaarwasser Javol macht das Haar seidenweich, voll, duftig und locker, frei von Kopsschuppen und Schinnen. Javol ist überall erhältlich. Höchstpreise für Brot. Auf Grund des§ 34 Abs. a des Gesetzes über die Regelung des Verkehrs mit Getreide vom 21. Juni 1921(R. G. Bl. S 737) wird in Abänderung der Anordnung des Kreisausschusses des Landkreises Hörde vom 16 Dezember 1921 betr Höchstpreise für Brot und Mehl folgendes bestimmt: I. Die Höchstpreise für die nachstehend aufgeführten rationierten Backwaren werden wie folgt festgesetzt: a) G aub ol mit einem Verkaufsgewicht von 6 Pfd. 11,90 Mk. mit einem Verkaufsgewicht von 8 Pfd. 6.— Vik. im Anschnitt für 500 Gramm(1 Pid.) 2.10 Dik im Anschnitt für 250 Gramm(½/8 Psd. 1/10 Mt. b) Kosseler Beot und mit einem Verkaufsgewicht von 6 Pid 12, mit einem Verkaufsdewicht von 8 Bfd, im Anschnitt für 500 Gramm(1 Pfr., J Mt im Anschnitt für 250 Gramm(½ Pfd)„/10 Mik Im übrigen bleiben die Bestimmungen der oben angezogenen Anordnung bestehen. II Diese Verordnung tritt mit dem 12 Januar 1922 in Kraft. Hörde, den 9. Januar 1922. Der Kreisausschuß des Landkreises Hö de. * ∆ MAEW MANNNN — das lustige vortragsbuch! Se* betreffend Einlieferung der für die Zeit vom j. April bis zum 31. Dezember 1921 verweldeten Steuerharten und markenblätter. (2 Auf Grund des§ 444 Abs. 3, der Reichs gabenordnung vom 13. Dezember 1919 S. 1993) wird foigendes bestimm! Preis: Gebunden Nark 24.20 was deutscher Humor jemals geschaffen hat! Beiträge von mehr denn 80 Schriftstellern: darunter Greins, P. Keller, Löns Rosegger, Wedekind usw. usw. Bachhauriung e. Braud. Gründ., Aechich.,; Rechnungsführ., Amtsset## Prosp. frei 64 Es ist bestimmt in Gottes Rat, Dass man vom Liebsten, was man hat, Muss scheiden! Gestern nachmittag 8¾ Uhr entschlief sanft nach kurzem, schworem, mit grosser Geduld ertragenem Leiden, gestärkt durch den Empfang der heiligen Sterbesakramente, meine liebe Frau, unsere gute Tochter und Schwester * 1 85 Schlummre santt du gute Mutter. Die du uns so sehr geliebt, Du wirst uns ja wohl verzeihen, Wenn wir haben dich betrübt. Ach, du hast jetzt überwunden Manche schweren, harten Stunden. Mapchen Tag und manche Nacht Hust d in Sorgen zugebracht, Standhaft hast du sie getragen, Deine Schmerzen, deine Plagen, Bis der Tod dein Auge bricht. Doch vergessen wir dich nicht. Rube sanft! Gott dem Allmächtigen hat es in seinem unerforschlichen Ratschlussgefallen, gestern abend 9 Uhr 45 Min. nach langem, schwerem Leiden, meine unvergessliche, liebe, treusorgende Frau, Mutter, Tante, Schwester, Tochter und Schwiegertochter für Rbgratschnitte und Schraubenwerkzeuge gesucht. Dortmunder bulk an .9) Rktiengesellschaft Abteilung Nietenfabrik Straßenbahnhaltestelle Zeche Schleswig. Wochenabreißkalender Tagesabreißkalender Neuk. Abreißkalender 6,50 M. Ralenderblocks 1,50, 2,30 u. 4 M. Wandkalender Rontorkalender Tägl. Notizbuch für kontor Notizkalender Brieftaschenkalender Geldbörsenkalender Schülerkalender Sönneckenkalender Buchkalender Lahrer Hinkende Bote, Hermann Luens Kalender, Paynes Familienkalender Kunstkalender geb. Kost im blühenden Alter von 20 Jahren. Um stille Teilnahme bitten: Die trauernden Hinterbliebenen. Schwerte, Villigst, Weger, ErgsteSteinberg, Düsseldort und Kabel, den 11. Januar 1922. 168 gesucht. Zu melden am Wasserwerk in Langschede. 175 geb. Hammer, verwitwete Severin im blühenden Alter von 29 Jahren zu sich in die Euigkeit zu rufen. In tiefer Trauer: Familie Karl Bauer. Westhofen, Schwerte, Auf der Höhe, Mayen, Hagen, den 11. Januar 1922. Die Beerdigung fndet Preitag, den 18. Januar 1922, nachmittags 6½ Uhr, vom Evangelischen Krankenhause aus statt. DasSeelenamt istSamstag 8¼ Uhr vormittags. MMIT LOSD MAe W## vermindere ich die Kosten P 9 0 V HU für Schuhreparaturen 6 6 6 " Nur dadurch, daß ich„schwarze Schlen verwenden lasse, da diese doppelt so lange halten wie andere Sohlen Dieselben sind zu haben bei H. Bläzegrad, Schuhmachermeistm Aelteres, besseres * Die Beerdigung findet am Samstag, den 14. Januar 1922, nachmittags 3 Uhr. vom Sterbebause, Westhofen, Wilhelm. strasse 6, aus statt. 169 Spezialltät: Anfertigung von orthopädischem Schr gerk für Kriegsbeschädinte und Kassenmitglicde Wir retten Ihre Haare! Verlangen Sie kostenlos Prospekt. Kur- und Hellanstalt Schloß Falkenbe., bei Geünau 980(Mark). 5888 Bedeutendstes Institut für Haarwissenschaft. Kark Belohnung-Kampolda“ nic rurn Geldgnung in einigen Minuten radika“ Läuse Flöde, Wanzen samt Brut(Nissen bei Mensch und Tier vertilgt. Emp' Am fiehlt: Fa. L. Strack, Hülingstr. 16= zur selbständigen Führung eines Haushaltes und ein tüchtiges Mädchen sofort gesucht. Zu erfragen in der Geschäftsstelle der Zeitung. Familie! würde jungem, gebildeten Heern ein gutmöbliertes dimmer (Licht und Heizung) mit Morgenkaffee abgeben. Offerten unter R. R. 100 an die Geschästsstelle erbeten. A Dortmund. Nur Königswall 6,1 Treppe kein Laden. Nach beende. der Saison gewähre auf! mein Restlager Unser diesjähriger furentur-Aus! findet vom 18. bis 25. Januar einschliesslich statt. In diesem sollen sämtliche Restbestände von Damen-Mäntel Damen-Strickjacken Dattien-lauschjäcken Herren-Paletots Herren-Raglans Herreil-Senapter (mit Morgenkaffee) an anständigen Herrn zu vermieten. Schriftl. Angeb. unter W. 20 befördert die Geschäftsstelle der Zeitung. trotz billigster Preise 103 Lladchen nurkurze Zeit! von 14 bis 16 Jahren von 9 bis 11 Uhr vorm. gesucht Wo, sagt die Geschäflsst mit ganz geringen Anzahlungen * Mk. verkauft werden. Damen=Kostüme Kostüm-Röcke Damen=Kleider Ausserdem kommen noch 1 Treppe, kein Laden, gegenüber der Bahnpost am Burgtor. auf Aluminium=Wasserkessel eingearbeitet, sofort oder zum 1. Februar für Dauerstellung und hohen Lohn gesucht. 167 Aluminiumwerk Gebr. Henke Sölderholz. Lutaway estr. Hosen neu eingetroffen. Reiche Auswahl von den einsachsten dis zu den seinsten Lederbänden. Buchhandlung Carl Braus, Schwerte sum Verkauf. Auf sämtliche Damen- und Herren-Mäntel gewähren wir einen welcher von der Kaufsumme in Abzug gebr von 10% Wegen Moloranlage eine für Hand= und Göpelbetrieb zu verhausen. 166 Glcher Für auswärtige Käsfer wird bei Vorzeigung dieser Anzeige die Fahrt vorgütet. En zut ehobener 1r 700 Mu. zu verkaufen. Franz Schimowsky, Schwerte, Ileibenstr. 8. CRLBRAUS SCWERTE Croße Marktstraße 1 m. b. H., fräher Lobal der Firm Friedrich Holl& C Elekleisches Bügeleisen, Kocher, Wärmekissen, Birnen, z. T. unbenußt. sowie geie. Mililärzeug zu verk. Wo. sagt d. Geschst. Hörde, Piepenstockplatz Ein 2½ Monate tragendes srieslänoisches 164 auch Benediktiner=, Rognak- und Gold. wasserflaschen kauft Kraumendahl, Westenort 1. saten alhe une echete. Albert Hass, Holzen=Rosen Friedrichstraße 13. R M M E S S #3 55 8 5 9 25 S1 ann 0 8 ** * 50 5 S S. 82 5 S 6 FEBan B# c0 ö* 6 n 2*# 0. S 0Na9 g g 0 3 *R** J 3 S 1 9 3 lssg 28 1 oaß durch die beiden gleichen, aber etwas ganz Verschiedenes bezeichnenden Namen manche Mißverständnisse hervorgerufen wurden. Da aber der Brauch des Todaustreibens überall immer mehr im Schwinden begriffen ist, so wird schließlich die Bezeichnung Totensonntag doch dem wirklichen Totensonntag im November ganz vorbehalten bleiben. Wenn es in dem angeführten Liede heißt:„Den Sommer bringen wir wieder“, so liegt hier die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Sommer vor, das einst ganz allgemein die wärmere Jahreszeit im Gegensatz zu der kalten Jahreszeit, dem Winter, bezeichnete und also auch den Frühling mitumfaßte. Die treueste Erinnerung an die alte Bezeichnung hat sich in dem durch den großen Krieg von uns wiedergewonnenen, einstmals ganz deutschen Gebiet von Flandern bis auf den heutigen Tag bewahrt. Dort heißt der Sonntag Lätare ganz allgemein Zomerdag, das ist Sommertag. An ihm werden die Kinder mit Pfefferkuchen und anderen Süßigkeiten beschenkt. Die unverheirateten Mädchen erhalten an ihm von ihren Verehrern die sogenannten Greefs, ein Gebäck in Form eines Reiters aus Pfefferkuchenteig oder Marzipan. Aus der Zahl der ihr gewöhnlich anonym übersandten Greefs kann die junge Flamin die Zahl ihrer Anbeter berechnen, an der Größe und Güte der Greefs die Stärke der Liebe erkennen, die sich in dieser Huldigung ausdrückt. Dort, wo die alte Sitte des Todaustreibens schon längst abgekommen ist, hat sich vielfach als Ueberrest davon noch der Brauch des Sommersingens bis zum heutigen Tage erhalten, so namentlich in Schlesien. Die Kinder ziehen mit schön ausgeputzten Tannenbäumchen oder Fichtenreisern von Haus zu Haus, sich kleine Geschenke zu ersingen. Je nach der Person, an die sie sich wenden, singen sie: „Der gnäd'ge Herr hat'ne hohe Mützen, Er hat sie voll Dukaten sitzen, Er wird sich wohl bedenken Und wird mir eine schenken.“ Oder: „Die gnäd'ge Fräul'n steht wohl in der Tür, Sie hat'ne schöne Schürze für, ’ne Schürze mit'nem Bande, Sie ist die Schönste im Lande.“ Oder: „Rote Rosen, rote, Die blühn auf einem Stengel, Der Herr ist schön, der Herr ist schön, Die Frau ist wie ein Engel.“ Auch in mehreren Orten der Pfalz hat sich die Sitte des Sommersingens bis heute erhalten; in anderen Orten ist sie mit Erfolg neu belebt worden. In Schlesien aber erlassen merkwürdigerweise alljährlich verschiedene Polizeiverwaltungen Verbote gegen das Sommersingen, in denen dieses als Bettelei bezeichnet und mit Bestrafung bedroht wird.—üh— Der Hochzeitsbraten der Tanzfliege. Die Untersuchung der Lebensgewohnheiten gerade der niedrigstehenden, kleinsten Insekten, denen der Laie meist so gut wie gar keine Beachtung zu schenken scheint, fördert oft die wunderbarsten Ergebnisse zutage, an denen man von neuem erkennt, daß jeder Gebrauch im menschlichen Leben, ja fast jede moderne Sitte nur die Wiederholung eines Vorganges in der Natur darstellt. Es in schon viel über das Liebesleben der verschiedensten Insektenarten berichtet worden, ziemlich unbekannt aber dürfte es sein, daß es sogar eine Gattung von Insekten gibt, die den Brauch des Hochzeitsgeschenkes üben und pflegen. Und da die Insekten wie alle Tiere weniger geistigen als materiellen Genüssen zugetan sind, handelt es sich auch hier um ein materielles Geschenk, nämlich den Hochzeitsbraten, den der Freier aus dem Insektenvolke der von ihm Erkorenen überreicht. Diese Sitte des Hochzeitsbratens, die Wilhelm Bölsche in„Ueber Land und Meer“ höchst anschaulich schildert, ist dem Geschlecht der sog. Tanzfliegen zu eigen. Diese Fliegen fallen dadurch auf, daß sie dem Auge als schnell dahinschwebende, wunderbar irisierende Lustschleier, oft als regelrechte, ziemlich durchsichtige Ballonkugeln erscheinen. Dieses Bild erinnert einigermaßen an die silbernen Flöckchen und Fädchen, die man im Herbst in freier Natur beobachten kann und mit dem Namen Altweibersommer belegt hat. Es handelt sich dabei um eine besondere Gruppe kleiner Spinnen, die aus ihrem Körper von rückwärts einen langen Wickel ihres Gespinnststoffes ausstoßen, dann sich selber von ihrem Sitz abstoßen und au den Schwebefaden klammern, der sie wie ein Aeroplan, oder besser Falischirm, durch die Luft dahinträgt. Einen solchen Vorgang kennen auch die Tanzfliegen, die sich neben ihrem wirklichen Flügelpaar noch eines solchen Spinnenschleiers bedienen, wodurch das eingangs erwähnte Bild erzeugt wird. Vemerkenswert ist, daß nur die Männchen der Tanzfliegen einen solchen Luftschleier besitzen, und da sie ja Flügel haben, nahm man an, daß der Schleier seinen Zweck als Lockmittel dem Weibchen gegenüber zu erfüllen hat. Dies ist auch richtig, doch dienk das fadenartige Gewebe insosern als sehr prosaisches Lockmittel, als es zum Einfangen des als Hochzeitsgeschenk bestimmten Bratens verwendet wird. So wird das fliegende Netz zu einer sehr raffinierten Jagdfalle, zu einem Fadenknäuel, das als eine Art klebriges Lasso um andere, als Speise begehrte Insekten geworfen wird. Das schleierartige Gebilde des Männchens der Tanzfliege stellt also einen Apparat im Dienste des Freß- und Liebeslebens zugleich dar. Während bei den Mücken bekanntlich nur das Weibchen ein Fleischfresser ist, während das Männchen sich im Durchschnitt mit einem dünnen Schluck Pflanzenaufguß begnügt, jagt bei den Tanzfliegen ausschließlich das Männchen auf eigene Rechnung und Gefahr. Doch in Wirklichkeit ist es hierbei nur für das Weibchen tätig, für das der Braten bestimmt ist. Der kleine Fliegenheld umgarnt ein schwächeres Insektenwild mit seinem klebrigen Lasso, beginnt aber nicht selbst den Schmaus, sondern zieht mit seinem Opfer durch die Luft dahin. Nun begegnet er der Braut, die schon von ferne den luftigen Schleier, das für sie bestimmte Hochzeitsgeschenk erblickt. Der Hochzeitsbraten wird in dem Ballonschleier wohlverpackt angebracht, und der irisierende Schimmer des Schleiergebildes stellt also nur eine hübsche Umrahmung für das eigentliche, der Eßlust dienende Geschenk dar. So läßt sich selbst bei einer so winzigen Insektenart wie den Tanzfliegen die Wahrheit des von den Menschen erfundenen Sprichwortes erkennen, daß die Liebe oft durch den Magen geht. Humor. Ein aufmerksamer Ehemann.„Minna,“ ruft der unzufriedene Dienstherr, als die Köchin auf sein Klingeln erschienen ist,„was in aller Welt haben Sie denn mit den Koteletts gemacht? Sie sind so hart wie Stein! Das, was ich hier habe, kann man kaum dem Hund vorsetzen, und das, was ich der gnädigen Frau gegeben habe, ist noch schlimmer!“ — Erstes und ältostes Cagesorgan des Kreises. General-Anzeiger für den Kreis Haupt-Annoncenblatt. Donnerstag, den 12. Januar 1922 Ehher Roman von Max Esch. a. Joslsetzung.) (Nachdruck verbolen.) * Ganz andere, frohlockende Gefühle beseelten Ehlert, glaubte er doch den Worten der von ihm so heiß Geliebten, überwunden schien er die Qualen der Eifersucht zu haben, alles in ihm jubelte, als das geliebte Mädchen in seinen Armen auf seine eindringliche Frage:„Liebst du mich, Klara?“ lächelnd mit dem Kopfe nickte. Aber dann stellte Dämon Eifersuck sich wieder ein, obwohl der junge Mann sich gewaltsam aus seinen Krallen befreite, ließ er sich nicht abschütteln, er blies und flüsterte dem jungen verliebten Manne allerlei in die Ohren, und so sehr er sich dagegen sträubte, es half ihm nichts. Die Eifersucht blieb siegreich, höhnisch wies sie auf das Bild im Zimmer des Barons hin, das Ehlert vorhin erschaut. Unvermittelt wandte sich Ehlert an die Geliebte:„Klara, warum ginget ihr beide, du und der Baron, vorhin so schnell vom Fenster fort?“ Mit tränenerstickter Stimme antwortete Klara, die auf diese Frage gefaßt gewesen:„Weil ich dem Baron sagte, ich wollte es der gnädigen Frau erzählen, wie dreist er mich überfallen habe, ließ er mich los. Ich drohte ihm auch, ich würde um Hilfe rufen.“ „Das hättest du geantwortet, Schatz?“ rief freudig bewegt Ehlert aus, auf das Nicken Klaras hin sortfahrend:„So hast du den Baron also wirklich kein bißchen lieb, Klara? Der Gedanke daran und daß du alle Tage um ihn herum bist, könnte mich rasend machen, und ich weiß nicht, was ich täte, wenn ich noch einmal eine solche Szene wie heute beobachten würde." „Du großer, dummer Mann,“ schmeichelte das junge Mädchen, Ehlert an den Schnurrbartspitzen zupfend, irn kokett anlächelnd,„für was hältst du mich eigentlich? Der Baron wird sich hüten, mir noch einmal zunahezutreten, denn ich habe es ihm ordentlich gesteckt. Und dir, du lieber, guter, dummer Schatz, werde ich es auch ordentlich stecken, wenn du noch mal darauf zu reden kommst. Die Geschichte mit dem Baron und mir geht uns beide nur etwas an. Sie ist zu Ende, und wenn der Baron mir noch mal zunahe tritt, sage ich es bestimmt der gnädigen Frau. Das weiß er und wird sich also in Zukunft danach betragen. So, du dummer, lieber Mann, hier hast du für heute den Abschiedskuß, ich muß zur Gnädigen.“ Zu gleicher Zeit fühlte Ehlert Klaras Lippen flüchtig auf den seinen ruhen, dann war das junge Mädchen fortgeeilt. Lange stand er und starrte nach der Tür, durch die Klara, die endlich klipp und klar erklärte, die Seine zu werden, ins Haus geschlüpft war. Ihm war so froh bewegt zumute, so glückstrahlend leuchtete sein Antlitz. als bätte er das große Los gewonnen. * Frohe Lieder pfelsend, schrikt er nach dem Forsthause. Nur mit halbem Ohre hörte er dem Förster zu, der über den Zusammenstoß des Barons mit Ruschke berichtete. Es litt den Forstgehilfen nicht lange in den engen vier Wänden, er pfiff nach kurzer Zeit seinem Hunde, schulterte seine Büchse und schritt wieder in den Wald hinein. Nicht weit lenkte Ehlert seine Schritte durch den prächtigen Hochwald. Bald kletterte er eine mit dichtem, jungem Buchenbestand bewachjene, ziemlich steile Erhebung hinan. Oben ließ er sich am Abhange ins Gras fallen. Von hier aus konnte der Blick ganz Wossin übersehen. Silbern leuchtete das ferne Meer hinter der schwarzdüsieren Dünenkeite, die sich einige Meilen nördlich mit ihren Kuppen und kulizenartigen Einschnitten dahinzog. Das Land davor mit dem erstklassigen Acker, den saftstrotzenden Wiesen und dem großen Waldbestande, der sich zwar in der Hauptsache noch aus Jungholz zusammensetzte, aber in nicht zu langer Zeit reiche Erträge abwersen würde, gehörte zum Majorate Wossin, dessen weizes, rotbedachtes Herrenhaus und langgestreckie masiive Wirtschaftsgebäude aus dem Baumkranze, in dem sie formlich eingebettet erschienen, hervorlugten. Fast ganz unter Bäumen versieckt lagen die Häuser und Gehöfte des eine Strecke abseits vom Gute liegenden Dorfes Wossin. In dem weißen Herrenhause da drüben wußte er ein Herz schlagen, das ihm gehörte, sein eigen war. Bald wollte er sich nach einer selbständigen Forsierstelle umsehen und sich dann das Glück, den Sonnenschein ins Haus holen. Würde das eine Lust und Wonne sein. Hinaus hätte es Ehlert jubeln mögen, wie glücklich er war. Da er aber weit und breit keine Menschenseele gewahrte, beschränkte er sich darauf, seinem braunen Hühnerhunde von einer Herrin zu erzählen, die er demnächst bekommen würde. Verständnislos gloßte der Hund seinen Herrn an. Nach einiger Zeit erhob sich der Forstgehilfe, immer wieder schweifte sein Blick über das schöne Fleckchen Erde vor ihm, dann aber riß sich Ehlert gewaltsam los. Nochmals warf er einen letzten Blick nach dem im Glanz der untergehenden Sonne mit vergoldeter Dachfirste daliegenden Herrenhaus von Wossin, dann kleiterte er behutsam den Hang hinunter und schritt quer durch den Wald dem Forsthause zu. Diesem war er schon ziemlich nahe, als er auf einem Wege dem Müller Ilgen begegnete, der recht verärgert aussah. Er gestikulierte wild mit seinen Armen. Erstaunt betrachtete Ehlert, durch dichten jungen Baumbestand verdeckt, den daberkommenden, oftmals stehen (3 —.5 S— bleibenden Müller. Was mochte der nur haben? fragte Ehlert erstaunt und überlegte, ob es ratsam sei, ion anzureden. Nun, schaden kann es ja nichts, sagte der ilfe. Rasch aus dem Dickicht hervortretend, rief er nach dem Wege hinüber:„Hallo, Vater Ilgen, was habt Ihr denn gehabt, daß Ihr Faxen macht, als ob Ihr Theater spielen wolltet?" Erschrocken fuhrder Angeredete zusammen, seinen Bück nach allen Richtungen schweifen lasseno. Die Stimme war ihm als die des Forstgehilfen bekannt, doch wußte er noch nicht, wo letzterer steckte. Endlich löste sich Ehlert aus dem Dickicht hervor, hinter ihm trottete sein Hund; bald war er an der Seite des Müllers, dem er freundlich die rechte Hand schüttelte:„Guten Abend, Vater Jigen, wo drückt denn der Schuh!“.„rnegung. „Guten Abend, Ehlert," erwiderte der Mauer ven Gruß des jungen Mannes.„War eben bei Fröhlich, ihn zufragen, ob er's auch schon weiß, daß der junge Herr mir die Mühlpacht kündigen will,“ setzte er hinzu. „Das kann er ja gar nicht, Ilgen,“ unterbrach ihn DDer kann alles,“ gab bitteren Tones der Müller zurück.„Im Kontrakt befindet sich eine Klausel, daß ich die Mühle nach einem halben Jahre gegen eine Entschädigung abzutreten habe, fans eine gewerbliche Anlage oder ein Elekirizitätswerk daraus gemacht werden sollte. Und ein solches Ding will der Baron angeblich in der Mühle anlegen.“ „Woher wißt Ihr denn das, hat der Baron den Vertrag gelüigzdigt?“ frggte, Chlert,, u das 2 twartete Die Jeute auf Wossin erzahlen sich dus, anlbbllele der Müller.„Der Verwalter soll es gesagt haben, daß der Baron in Zukunft alle Maschinen elektrisch betreiben will.“ „Dazu benötigt er doch nicht die ganze Wasserkraft, zumal das Wehr ja jetzt noch nicht einmal voll ausgenutzt wird," warf Ehlert ein. „Das stimmt schon,“ bestätigte der Müller,„darum ist's dem Baron auch gar nicht zu tun, sondern um erhöhte Pacht. Der will Geld sehen, dann geht alles. Aber so gutwüllig geht der Ilgen doch nicht. Ich lasse es zur Klage kommen und gehe selbst bis aus Reichsgericht. Wenn er ein Elektrizitätswerk aus der Mühle machen will, dann werde ich sie räumen. Das aber soll er mir erst vor Gericht beschwören, und ich glaube, das kann oder will er nicht. Nun, der junge Vengel, der da denkt, es müßte alles genau so gehen, wie er pfeift, wird sich ja noch seinen Dickschädel zeitig geuug einrennen. Ich glaube, meiner ist auch nicht von Pappe und kann einen schönen Stoß vertragen, wenn wir zusammenrennen, denn daß wir beide, der Baron und ich; zusammenkommen, ist ganz klar. Ich wanke nicht, und selbst, wenn ich auch in Leipzig unrecht bekommen sollte, dann gibt es noch eine Instanz, in der mir mein Recht werden muß, und das ist für den Baron das fatalste, wenn ich ihn das unter die Nase reibe und mir mein Recht tron Reichsgericht nehme. Biegen lasse ich mein Recht nicht. Der junge Bengel mag sich nur vorsehen, daß er mir nicht unter die Finger gerät, dann hätte ich die günstige Gelegenheit, mir Recht und Gerechtigkeit zu schaffen.“ Er hatte sich in ordentlichen Zorn hineingeredet, der brave Müller, da er es für die schreiendste Ungerechtigkeit hielt, daß ihm die Mühle entzegen werden solite, die er nun über zwanzig Jahre erpachtet und in der er es zu behaglichem Wohlstande gebracht hatie. Nur um den Aufgeregten in etwas zu berubigen, erwiderte Ehlert:„Der gnädige Herr wird sich wohl die Sache noch erst ordentlich überlegen, ehe er solche Pläne auszuführen beschließt, die ihn schweres Celd kosten und deren Rentabilität noch gar nicht feststeht, deshalb glaube ich, daß der Baron die sichere Einnahme, die ihm die Verpachtung der Mühle bringt, der unsicheren, die er aus einem Elektrizitätswerk ziehen könnte, vorziehen wird.“ So recht glaubte ja der Forstgehilfe nicht daran, denn auch er hatte von Plänen des Barons erzählen hören, war aber gutmütig genug, dem Müller nicht den letzten Trost zu rauben. Doch Ilgen schüttelte trüb mit dem Kopfe.„Ihr meint es gut, Ehlert,“ sagte er,„aber Ihr kennt den Baron noch nicht. Ich kenne ihn von Jugend auf. Was der sich einmal vorgenommen, führt er auch durch. Sein Wille muß der maßgebende sein. So war er bereits früher, weshalb er oft genug mit seinem Vater und seinen Brüdern zusammengeraten ist. Daß er sich nicht geändert hat, sehen wir ja alle Tage. Dazu kommt noch, daß er mich haßt, denn ich habe ihm einmal das Leder vergerbt, und zwar wegen einer Tierquälerei. Kommt der Bengel eines Tages, er war schon Fähnrich, in Zivil über meine Wiese geschlendert, die hinter dem Wehr an der Birne liegt. Nun hatte sich auf der Ufermauer mein alter Sultan ausgestreckt und läßt sich die Sonne auf den Pelz scheinen. Da er den jungen Bengel kannte, läßt das dumme Tier ihn ganz nahe herankommen. Anscheinend wollte er den Hund streicheln, wenigstens nahm ich das an, als der Schnösel sich über ihn beugte. Entsetzt aber lief ich aus der Mühle, als ich sah, daß Sultan im nächsten Augenblicke im Wasser lag und trotz seiner verzweifelten Anstrengungen, das Ufer zu erreichen, dem Wehre zutrieb. Schon glaubte ich das treue Tier verloren, als es meinem Gesellen, der die rohe Tat ebenfalls mit ansah, gelang, den ganz ermatteten Sultan vor dem Mühlenrachen aus dem Wasser zu ziehen. Als ich das teuflische Lachen des rohen Burschen sah, mit dem er die vergeblichen Versuche des armen Tieres, sich aus dem Wasser zu befreien, begleitete, konnte ich mich nicht enthalten dem Lümmel ein paar derbe Ohrseigen zu geben und dann, als er auf mich losgehen wollte, noch ein paar, worauf er dann eiligst davonlief. Sein Vater, demer das erzählte, natürlich auf seine Weise, bedankte sich, als er von mir den wahren Sachverhalt erfuhr, für die prompte Jusiiz. Der junge Baron aber hat mir das nicht vergessen. Das wird er bald genug zeigen. Ich weiß aber, was ich zu tun habe. Bekomme ich, wenn er auf der Kündigung bestehen sollte, ihn einmal in die Finger, dann bekommt er es aber ordentlich!“ „Redet Euch nicht unnötigerweise in Zorn, Vater Ilgen. Noch wißt Ihr nichts Bestimmtes. Wenn Ihr erst genaueres erfahren, dann handelt als Mann, das ist meine Meinung. Am meisten würde es mich freuen, wenn Ihr den Prozeß gewinnt, damit der drüben sieht, daß er sich nicht alies herausnehmen darf, betrachtet er uns doch beinahe als Leibeigene, mit denen er ganz nach Belieben umspringen zu dürfen vermeint," beschwichtigte der Forstgehilfe. Dem Müller die Hand schüttelnd, setzte er hinzu:„Nun guten Abend, Meister Ilgen. Laßt mich es wissen, ob Eure Vermutung oder die meine zugetrossen ist, wenn ich an der Mühle vorübergehe.“ Der Müller schüttelte die rechte Hand des jungen Mannes, versprach, ihm Bescheid zu geben und verabschiedete sich ebenfalls. Lange noch hörte ihn Ehlert zornig vor sich hin reden. Die Zeit verstrich. Ilgen bekam die Kündigung des Pachiverhältnisses in der Tat zugestellt und beantragte richterliche Entscheidung, die zu seinen Gunsten ausgefallen war, das Oberlandesgericht hob das Urteil auf und erkannte die Kündigung als zu Recht erfolgt an und setzte die zwangsweise Räumung der Mühle im Uirieile fest. Durch einen Irrtum des Mülkers war dann die Berufungsfrist für die höchste Instanz verstrichen, so daß das Urteil die Rechtskraft erlangt hatte. Ilgen raste vor Zorn und sprach es gegen jedermann erregt aus, daß er sich sein Recht schon seider nehmen werde. Der Baron solle sich nur vorsehen, daß er ihm nicht in die Hände gerate. Dann kamen wieder Zeiten, in denen der Müller wie geistesabwesend einherging. Darüber war reichlich ein Jahr verstrichen. (Fortsetzung folgt.) 1 #S# OgSSg S 9•95 ESTEESS ASSSSE SSSEE — 8.-*"— rFEgERS S SS TNENSE ## *- EZHEETSEE S rauess Aus Oktilie Wildermuths Leben. (Nachdruck verboten.) Ottilie Wildermuth ist am 22. Februar 1817 in der anmutig am Neckar gelegenen württembergischen Bischofstadt Rottenburg geboren. Ihre Jugend verbrachte sie in Marbach am Neckar, wohin ihr Vater, als sie zwei Jahre alt war, als Oberamtsrichter versetzt ward. Der Vater, Gottlob Rooschüz, ein Jugendgenosse von Uhland und Justinus Kerner, hatte sich durch sein trockenes Amt die Empfänglichkeit für dichterische Schönheit nicht rauben lassen; er las gern in freien Stunden, was der Büchermarkt an Neuem und Wertvollem brachte. Vom Vater hatte Ottilie namentlich auch die Liebe zur Dichtkunst geerbt; für Poesie hatte sie ein leicht fassendes Gedächtnis, und all die mit Begeisterung ausgenommenen Eindrücke, die sie den Meisterwerken der Literatur verdankte, blieben als fester Besitz in ihr haften. Schon früh regte sich auch in ihr die Lust zum eigenen Schaffen:„Solange ich denken kann, habe ich auch zu dichten versucht,“ schreibt sie einmal an eine Freundin. Im Frühling des Jahres 1840 ging Ottilie Rooschüz nach Tübingen, um dort bei einer bewährten Lehrerin neuere Sprachen zu studieren. Als sie dann später im Februar 1843 zum Besuch bei einer befreundeten Familie Eisenlohr nach Tübingen zurückkehrte, traf sie dort öfters mit Dr. Johann David Wildermuth, einem jungen Philologen und Mathemaliker, zusammen, dessen Bekanntschaft sie flüchtig schon im elterlichen Hause zu Marbach gemacht hatte. Mehr und mehr fühlte Wudermuth, der aus einer ehrbaren, tüchtigen Vauernsamilie in Pleidelsheim, einem Dorfe nahe bei Marbach stammte, sich zu Ottilie hingezogen, die an seinem ernsten, offenen und edlen Wesen Gefallen fand. Bald trat die Entscheidung an Ottilie heran, und sie selbst erzählt den glücklichen Abschluß ihres Kämpfens und Ringens in ihrem Tagebuch, erzählt es innig und sinnig, wie das so ihre Art war. Ob ihr wohl eigen und bange zumute war, nun ihr Schicksal sich erst entschieden hatte fürs Leben, so war doch„ein heiliger, seliger Friede in ihr Herz gekommen, und all ihr Denken wurde zum Gebet“. Vor Jahren schon hatte Otiilie auf einem gemeinsamen Gang ins Freie mit ein paar Freundinnen ein vierbläitriges Kleeblatt gesunden.„Lege es in den linken Schuh und frage den nächsten Knaben, der uns begeguet, wie er heißt. Das ist der Name deines zukünftigen Verlobten!“ riet eines der jungen Mädchen, und heiter befolgte Ottilie diesen Rat. Sie zogen weiter miteinander, singend, scherzend und lachend, als ein kleiner Junge angetrabt kam.„Wie heißt du denn, Kleiner?“ fragte ihn Ottilie in kaum verborgener Erregung.„David! Gerade wie mein Vater!“ lautete die kecke Antwort, die mit hellem Lachen aufgenommen ward.„Nun weiß ich ganz gewiß, daß ich nie heirate,“ rief Ottilie.„Einen, der David heißt, würde ich gar nicht nehmen, zudem hat ja kein Mann diesen Namen mehr." Als sie nach der Verlobung den Vornamen des Bräutigams erfuhr, den sie zufällig vorher nie gehört hatte, da vernahm sie, daß sie sich nun doch einen David auserkoren und der kleine Prophet recht behalten hatte. Nur wenige Monate währte die Verlobungszeit; am 5. September 1843 bereits— es war ein klarer, goldener Herbsttag— ward in Marbach die Hochzeit gefeiert, ein Fest für die ganze kleine Stadt. Nach der Trauung fand in der elterlichen Wohnung der Braut ein Festmahl statt, bei dem auch der Dichter Hermann Kurz sich unter den Hochzeitsgästen befand. Am anderen Morgen reiste das neuvermählte Paar an den Geufer See. Jahre nachher hat Ottilie Wildermuth diese Reise, die erste, die sie über die Grenzen Württembergs hinaus gemacht hatte, anschaulich und eindrucksvoll geschildert. Ueber Naumburg, Basel und Straßburg ging es dann nach Tübingen zurück, wo Dr. Wildermuth fortab als Professor der französischen Sprache und Mathematik lebte.. Ihre ersten novellistischen Arbeiten veröffentlichte Ottilie Wildermuth seit 1847 unter einem Decknamen im „Morgenblatt". Ihre besten Leistungen gab sie in der Jugenderzählung; sie erzählt da ohne falschen Aufputz, liebenswürdig, oft im Märchenton und fesselt durch den raschen Gang der Darstellung. Doch auch ihre nicht für die Jugend geschriebenen Geschichten sind bescheidene, aber echte Lebensbilder; zumal ihre„Schwäbischen Pfarrhäuser“ mit ihrem Wechsel der verschiedensten Pfarrercharaktere sind ein bleibendes Werk. Eine Sammlung ihrer Schriften veransialtete sie noch selbst; nach ihrem Tode erschienen Gedichte von ihr unter dem Titel„Mein Liederbuch". Am 12. Juli 1877 ist Ottilie Wildermuth gestorben. An einer hochgelegenen Stelle Eöttern am ähnlichsten zu machen. M. Elaudius. des Tübinger Friedhofes, von der aus man über die alte Neckarstadt und die umgebenden Höhen bis zu den blauen Bergen der nahen Alb weit hinausschaut, ruhen die sterblichen Ueberreste der Dichterin und ihres Gatten, der acht Jahre später ihr gefolgt war, in einer gemeinsamen Gruft. Die deutsche Frauenwelt hat das Andenken Ottilie Wildermuths durch einen schlichten Gedächtnisstein geehrt, der auf dem alten Lieblingsspaziergang der Tübinger, dem grünen, neckarumrauschten Wöhrd, seinen Platz gefunden hat. Der Stein, der das Bild der Dichterin in erhabener Bronze und ihren Namen trägt, wurde am 10. August 1887 feierlich eingeweiht. Innige Dichterworte hat Karl Gerok dem Andenken Ottilieus zu diesem lage geweiht. Denkspruch. Die Genügsamkeit ist ein großes Ding und sieht selt; sie hat keine Reider und Verfolger, und deswegen scheint lie uns auch den Todauskreiben und Sommersingen. In vielen ländlichen Gegenden unseres Vaterlandes herrscht am Sonntag Lätare die Sitte des Todaustreiben in der man ohne jeden Zweifel einen uns aus altheidnischer Zeit überkommenen Brauch zu erblicken hat. Mit dem Tod ist der Winter gemeint; dieser wird durch eine Puppe aus Stroh oder Holz dargestellt, die unter Gesang in einem kleinen Sarge, auf dem Arm oder an einer Stange im Dorfe umhergeführt, dann aus dem Orte herausgebracht und schließlich ins Wasser oder in ein Feuer geworfen wird; der Brauch heißt daher auch„den Tod verbrennen" oder„den Tod wegwerfen." Die Lieder, die dabei gesungen werden, beginnen gewöhnlich mit dem Verse:„Nun treiben wir den Tod hinaus.“ Man treibt oft, sehr wenig galant, den Tod„den alten Weibern ins Haus“, oder man treibt ihn möglichst weit fort: „Wir treiben ihn über Berg und tiese Tal, Daß er nicht wiederkommen soll, Wir treiben ihn über die Heide, Das tun wir den Schäfern zuleide." Bei der Rückkehr in das Dorf singt man: „Den Tod haben wir ausgetrieben Den Sommer bringen wir wieder. Das Leben ist zu Hause geblieben, Drum singt fröhliche Lieder.“ Von der Sitte des Todaustreibens her führt der Sonntag Lätare in verschiedenen Gegenden Deutschlands noch den Namen Totensonntag; diese Bezeichnung ist dort so eingewurzelt, daß daneben die gleichlautenve Benennung für den dem Gedächtnis der Toten gewidmeten Sonntag im November schwer aufkommen konnte, und