∆ 0 Amtliches Rreisclaft für den kreis börde Verbunden mit der„Schwerter Volkszeitung“ und dem„Scbwerter Volksblatt“ Die„Sowerter Zeitung“ erscheint täglich, ausser Feiertags. Bezugspreis: Mk. 1.6s vierteljährlich, bei der Post 42 Pf. Aür Bestellgeld mehr. Wöchentliche Gratis-Beilage:„Ilustrierter Lambentreund“. o 0 OOOOOOOOOO O 0 Raneigenpreis Die sechsgespaltene Petitzeile oder deren Raum ###R. Auzeigen von auswärts 1S M., Reklamezeile 40 Pf. Die„Schwerter währt ihren jeden mit Cod fall gemäss unungen Zeitung" geAbonnenten für endenden Unseren BedingII. Unterstützung. Alie Kreis- und Lokalpolizeilichen Verordnungen für den Rreis Hörde erlangen gemäss Bekanntmachung der Königl. Regierung durch Verötfentlichung in der„Schwerter Zeitung“ rechtsverbindliche Kraft. o c 0 0 O O O O O O O 0 0 Druck u. Verlag von Carl Braus, Schwerte. Fernsprech-Anschluss Nr. 62 Amt Schwerte. Celegr.-Aäresse: Braus, Schwerte-Rude Erstes und ältestes Tagesorgan des Kreises. Ö Haupt-Annoncenblaut Nr. 129 Sonnabend den 5. Juni 1909 41. Jahrg. Zur 22. Provinzial=Versammlung des Evangelischen Bundes in Schwerte aml6. und 7. Juni 1909 ∆ 0 Eg Willkommen in Schwerte! G## Sg Willkommen in Schwerte! S# 1 Das Fest wird eingeläutet Mit brausendem Glockenklang, Und auch die grüßende Liebe Zieht festlich am Glockenstrang, Im Freudenton es zu künden: Willkommen, kehrt fröhlich ein! Ihr lieben, vielwerten Gäste Sollt uns willkommen sein! Uns jubelt das Herz, zu grüßen Dich, edle Streiterschar, Die unentwegt und mutig Kämpft für des Herrn Altar! Willkommen, Westfalens Männer Aus der Mark, vom Weserstrand! Euch Gruß aus Nord' und Süden, Aus dem Münster= und Süderland! Und Gottes Wort durchstrahle Auch dieses Fest allein! Dann wirds ein rechtes Feiern Im lieben Schwerte sein, Das seine alten Pforten Euch gastlich aufgetan; Dann steigt im rechten Geiste Der Festpsalm himmelan! Herzlich willkommen in Schwerte zur 22. Provinzialversammlung des Westfälischen Hauptvereins des Evangelischen Bundes zur Wahrung deutsch=protestantischer Interessen! Herzlich willkommen, ihr Männer der roten Erde, die ihr tatkräftig, umsichtig, unermüdlich und mit begeisterter Hingebung die Aufgaben des Bundes gefördert; die ihr stärken wollt den protestantischen Geist; die ihr eingedenk seid, daß die Reformation nicht bloß ein Werr der Vergangenheit ist und ein großes Erbe, sondern ein Werk der Gegenwart und eine große Aufgabe! Herzlich willkommen, ihr deutschen evangelischen Männer aus jedem Stande, die ihr ein Herz habt für unseren evangelischen Glauben und unsere protestantische Kirche! Willkomwen ihr Mitglieder der alt=evangelischen Grafschaft Mark zur westfälischen evangelischen Jubelfeier! Euch grüßt das Ruhrtal, von Bergen umsäumt, im schönsten Frühlingsschmuck! Euch grüßen die Häuser im Festgewand und die festlich geschmückten Kirchen! Euch grüßt das gastfreundliche Schwerte! Die Fahnen weh'n, die Glocken klingen, Und Pfingsten ist's und Frühlingszeit; Fürwahr, das deutet froh Gelingen! Frisch auf zur Tat, das Werk gedeiht! Ihr aber, evangelische Glaubensbrüder aus Stadt und Land, helft mit, daß die Gotteshäuser am Morgen bis auf den letzten Platz besetzt sind, daß die Festversammlung am Nachmittag im Schützenhof sich zu einer imposanten, eindrucksvollen Kundgebung deutsch=protestantischen Geistes gestaltet! Nochmals: Cin fröhliches Glück auf! Politische Uebersicht. Deutschland. Die Zwei=Kaiser=Begegnung in der Ostsee wird angeblich in den Formen einer großen politischen Aktion vor sich gehen. Unser Kaiser wird, wie aus Petersburg verlautet, von dem Fürsten Bülow, der Zar von den Ministern Stolypin und Iswolski begleitet sein. Die Londoner wie die Pariser Blätter, denen die Entrevue augenscheinlich überraschend kommt, knüpfen an diese eingehend politische Betrachtungen. Zur Reichsfinanzreform. Die Tage bis zum Beginn der Plenar=Verhandlungen will Fürst Bülow zu einem nochmaligen Versuch, eine Einigung über die Finanzreform zu erzielen, benützen. Zunächst werden am kommenden Dienstag die Finanzminister der Einzelstaaten in Berlin zusammentreten, um zu den Beschlüssen der Finanzkommission Stellung zu nehmen. Der Reichskanzler hat auch die Führer der Blockparteien zu erneuter Verhandlung zu sich eingeladen. Es besteht angeblich die Hoffnung, den gemäßigteren Teil der Konservativen für die Erbanfallsteuer zu gewinnen und damit die Verabschiedung der Reform durch die Blockparteien zu ermöglichen. Gleich den übrigen Bundesfürsten soll es auch der Kaiser für eine Ehrenpflicht halten, die Erbanfallsteuer durchzusetzen. Furst Bülow soll dem Kaiser schon in Wiesbaden erklärt haben: Mein Portefeuille steht Ew. Majestät zu jeder Stunde zur Verfügung, wenn durch meinen Rücktritt eine Klärung der Lage erzielt werden kann. Das leitende Organ der konservativen Partei rühmt die Haltung des Reichsschatzsekretärs während der KommissionsVerhandlungen und meint, daß an den Rücktritt des Herrn Sydow in keinem Falle zu denken sei. Weiter heißt es: entschlossene und entschiedene Mitarbeit des Reichsschatzamtes bei der Gestaltung der Kommissions=Arbeiten, die bis zum letzten Augenblick in der Finanzkommission zu beobachten gewesen ist, hat für alle objektiv Urteilenden den klaren Beweis erbracht, daß Schatzsekretär Sydow entschlossen und gewillt ist, die ihm im Februar 1908 durch allerhöchstes Vertrauen übertragene nationale Aufgabe, die Ordnung der Reichsfinanzen, unter allen Umständen bald zu einem weite Kreise des deutschen Vaterlandes befriedigenden Abschluß zu bringen, ohne Rücksicht auf irgendwelche vorübergehende Partei=Konstellationen, denen gegenüber er sich immer streng verfassungsrechtlich vollkommen freie Hand gewahrt hat. Für die Berliner Landtagswahlen ist der Termin noch nicht bestimmt worden. Es handelt sich hier um die Wahlen der vier sozialdemokratischen Abgeordneten, die bekanntlich kassiert wurden. Sehr gemütlich werden diese Wahlen wohl kaum werden, haben die Sozialdemokraten doch erklärt, daß sie gewillt sind, den bei den vorigen Wahlen geübten Terrorismus noch verstärkt anzuwenden. Der Antimilitarist Dr. Liebknecht wurde am Tage seiner Entlassung aus der Festungshaft durch einen Fest=Kommers von seinen sozialdemokratischen Parteigenossen gefeiert. Der Festredner des Abends nannte Liebknecht, der bekanntlich die „junge Garde“ mit antimilitaristischen Ideen impfte, einen „Märtyrer der guten Sache“. Dr. Liebknecht ist Landtagsabgeordneter. Minister des Innern v. Moltke wird in der kommenden Woche eine Reise in das Ansiedlungsgebiet der Provinz Posen unternehmen.— Am 20. tagt in Gnesen der Ansiedlertag. Der Mädchenhandel, wohl das schmutzigste Gewerbe, ist schon von jeher der Gegenstand ernster Bekämpfung durch die Regierungen der einzelnen Staaten gewesen und es ist denn auch gelungen, eine Besserung gegen früher zu erzielen, obgleich noch genug zu tun übrig bleibt. Auch zwischen Deutschland und Amerika sind neuerdings wieder Verhandlungen, die eine wirksame Bekämpfung des Mädchenhandels zum Gegenstand haben, gepflogen werden. Ein Vertreter der amerikanischen Regierung weilt zu diesem Zweck in Berlin. Amerika ist von altersher von tausenden von Mädchenhändlern überflutet gewesen, die Mädchen aus aller Herren Länder, besonders aber den slawischen, hierher verschleppten. Graf Zeppelins Triumph=Fahrt bildet noch immer ein lebhaft erörtertes Thema für die Presse des In= und Auslandes. Namentlich das Ausland widmet, was ja auch begreiflich erscheint, der sensationellen Fahrt spaltenlange Betrachtungen. Sie sind meist in achtungsvollen u. bewunderten Ton gehalten, daneben sehlt es aber auch nicht an allerhand Unsinn. Der französische Luftschiffer Julliert, der Konstrukteur des „Lebaudy"=Ballons, erklärte den Unfall des Z. 2 bei Göppingen für den Bankerott des starren Systems und wund rte sich, daß Zeppelin so etwas nicht früher passiert sei. Mit der TatA AAE sache, daß der Z. 2 aus eigener Kraft, nur notdürftig ausgebessert, die Reise nach Friedrichshafen zurücklegte, scheint Julliot noch nicht abgefunden zu haben. Ein Kolonialprozeß. Die Mitglieder des Gouvernementsrats von Neu=Guinea, die wegen Beleidigung des Gouverneurs Dr. Hahl angeklagt worden„sind freigesprochen. Schon seit längerer Zeit schwebten zwischen dem Gouverneur und dem aus Kolonisten bestehenden Gouvernementsrat Differenzen wegen des vom Gouverneur angeordneten Zolltarifs, durch den sich die Kolonisten geschädigt glaubten. Durch eine Beschwerde des Gouvernementsrat beim Kolonialamt fühlt sich Dr. Hahl verletzt und klagte. Das Verfahren hat aber mit dem Freispruch des Couvernementsrates geendet. Der sozialdemokratische Parteitag findet vom 12. bis 18. September in Leipzig statt. Die Hauptvorträge halten Fischer über die Maiseier und Robert Schmidt über die Reichsversicherungsordnung. Bebel hat wegen seines leidenden Gesundheitszustandes auch für den diesjährigen Parteitag kein Referat übernommen, auch der Märtyrer Liebknecht ist mit einem solchen nicht bedacht worden. Der deutsche Flottenverein tritt am Sonnabend in Kiel seiner Hauptversammlung zusammen, nachdem der Gesamtvorstand schon am vergangenen Donnerstag unter den Vorsitz des Vizeadmirals v. Köster eine Vorberatung abgehalten hatte Die Preise der wichtigsten Lebensbedürfnisse im April. Das schon im März dieses Jahres beobachtete leise Anziehen der allgemeinen Preisbewegung hat auch im April angehalten, aber wenn man die einzelnen Waren und Warengruppen betrachtet, ergeben sich laut Voss. Ztg. große Verschiedenheiten. Gestiegen sind vor allem die Preise für Getreide und Fleisch. Auch die Textilprodukte beginnen eine leise Aufwärts=Bewegung. Dagegen sind die meisten übrigen Produkte im Preise zurückgegangen. Auf eine kräftigere Steigerung der Getreidepreise ist angesichts des Saatenstandes leider zu rechnen. Aus dem Auslande. Oesterreich=Ungarn. Wien, 4. Juni. Der Manöverbesuch des deutschen Kaisers wird dem Berliner Tageblatt zufolge, in die zweite Septemberwoche fallen. Die großen Kaisermanöver werden zwischen dem 8. und 11. September stattfinden. Kaiser Franz Josef und Kaiser Wilhelm werden im Schlosse des Grasen Harrach bei Groß=Mieseritsch in Mähren Aufenthalt nehmen. Die ungarische Ministerkrise hat bisher aller Beilegungs=Experimente und selbst der persönlichen Bemühungen des Kaisers gespottet. Der Ministerpräsident Wekerle hatte mit Andrassy und Kossuth einen Entwirrungsplan ausgearbeitet, dem er am heutigen Freitag dem Kaiser in Wien unterbreitete. Es galt jedoch schon vor der Audienz als sicher, daß auf der Grundlage der Weckerleschen Vorschläge eine Einigung nicht zustande kommen würde. Als das Wahrscheinlichste wird jetzt angneommen, daß das gegenwärtige Kabinett im Amte bleiben wird, die Wahlreform durchzuführen. Auf Grund des reformierten Wahlgesetzes sollen dann Neuwahlen stattfinden, für welche die Bankfrage die Parole bilden wird. Frankreich. Pares, 4. Juni. In einer schweren Krisis befindet sich zurzeit das wirtschaftliche Leben Frankreichs. Zu der Betriebsunsicherheit auf allen Telegraphenlinien infolge der andauernden Attentate rachsüchtiger Unterbeamten und Arbeiter gesellt sich der Seemannsstreik, der dem Handel namenlich schwere Verluste bereitet. Die von der Regierung eingestellten Marinefahrzeuge erledigen nur den Postdienst von den großen Häfen nach den Kolonien, die Güter bleiben liegen. Frankreich ist ein reiches Land, aber so schweren Erschütterungen hält schließlich auch das wohlfundierteste Geschäftsleben nicht stand. Rußland. Petersburg, 4. Juni. Samstag findet die Enthüllung des Denkmals Alexandere III. statt. Der Zar sowie die beiden Kaiserinnen werden an der Feier teilnehmen. Man kann sich denken, mit welcher Sorge die Petersburger Polizei diesem Ereignis entgegensieht, und welche Vorbereitungen und Sicherheitsmaßregeln zum Schutze der kaiserlichen Familie getrofen werden.— Londoner Blätter veröffentlichen ganz fürchterliche Einzelheiten über die angeblich vom Ministerpräsidenten Stolypin geübte Schreckensherrschaft. Die Hinrichtungen ohne Prozeß nehmen immer mehr zu. Stolypins„Halsbinde", der Galgen, arbeitet unablässig. Ueber 74000 Personen wurden auf bloße Denunziation irgend eines Beamten hin und ohne Prozeß nach Sibirien verschickt. Die Gefängnisse sind überfüllt. Türkei. Konstantinopel, 4. Juni. Die Verhandlungen der Türkei mit der bulgarischen Regierung über die Orientbahn konnten noch nicht wieder aufgenommen werden. Man befürchtet, daß aus dieser Angelegenheit noch ernste Verwicklungen erwachsen können. Auch die Lösung der Kretafrage, die in dem Augenblick aktuell wird, in dem die Schutzmächte ihre Truppen von der Minosinsel zurückziehen, kann zu Schwierigkeiten führen. höheren Mädchenschule zu retten, unternahm die Polizei die eifrigsten Nachforschungen nach dem Grunde jener Behauptungen. Um hiervon dem Kollegium Kenntnis zu geben, zumal auch der„Vorwärts“ von den Behauptungen der„Freien Presse“ bereits Kenntnis genommen hatte, berief Oberbürgermeister Cuno eine außerordentliche Sitzung der Stadtverordneten ein. Die eifrigsten Nachforschungen haben ergeben, daß eine Anzahl Backfische ihrer Verehrung für die Helden der Bühne durch Briefe u. Blumensträuße Ausdruck gegeben haben, daß auch mehrfach mehrere der Mädchen gleichzeitig mit einem der Schauspieler in einer vielbesuchten Konditorei beim Kaffee zusammen gewesen sind, es konnte aber nichts Ungehöriges festgestellt werden, als daß eins der Mädchen von einem Schauspieler einen Kuß erhalten hatte. Der am meisten durch den Artikel der„Freien Presse“ gekennzeichnete Schauspieler hat wegen Verleumdung Strafantrag gegen das Blatt gestellt, andererseits hat der Oberbürgermeister an die Staatsanwaltschaft das Ersuchen gerichtet, ein Strafverfahren gegen Unbekannt wegen Verführung Minderjähriger zu eröffnen mit dem Bemerken, daß die„Freie Presse“ die Namen der verführten Mädchen angeben könne. Schauspieler und Schülerinnen. * Hagen, 4. Juni. Einen eigenartigen Anlaß hatte die auf gestern nachmittag einberufene außerordentliche Stadtverordnetenversammlung, zu der ein solcher Andrang des Publikums stattsand, daß die Polizei den weiteren Zudrang sperren mußte. Seit einigen Wochen liefen in der Stadt die tollsten Gerüchte um, daß es zwischen Schülerinnen der höheren Mädchenschule und Mitgliedern des Städtischen Schauspielhauses zu wüsten Orgien in einem hiesigen Kaffee und anderen Orten gekommen sei. Das sozialdemokratische Organ, die„Freie Presse“ brachte nun am Samstag einen längeren Artikel, in der es sich weidlich über die Vorgänge entrüstete und erklärte, das nicht weniger als 20 Mädchen der höheren Mädchenschule an diesen Orgien beteiligt seien, mehrere Mädchen seien bereits von den Eltern in auswärtigen Entbindungsanstalten untergebracht worden. Das Blatt erkläre ferner, daß es die Liste der in Betracht kommenden Mädchen veröffentlichen werde und wußte schließlich noch, daß ein Schauspieler schon verhaftet worden sei. Auf diese Nachrichten des Blattes hin bemächtigte sich der Bürgerschaft große Erregung und seitens der Angehörigen einiger Mädchen, die den Schauspielern ihre Backfischverehrung gewidmet hatten, fürchtete man Selbstmord der Mädchen. Um die Sachlage zu klären und gleichzeitig den gefährdeten Ruf der Höbel auf Kredit uie zu denkbar günstigsten Bedingungen sert franko überall hin unter strengster Verschwiegenheit das anerkannt größte und älteste 2296 Möbel= u. Waren=Kredithaus R. Fuchs, Dortmund, Ostenhellweg 41. Größte Rücksichtnahme b. Krankheitsfällen u. Arbeitslosigkeit zugesichert. Aus Stadt und Umgebung. Schwerte, 5. Juni. **(Die Bismarckseier auf der Hohensyburg) findet bekanntlich am Sonnabend den 12. Juni statt und wird zweifellos auch in diesem Jahre ihre alte Anziehungskraft ausüben. Die Vorbereitungen sind so gut wie beendet und geben Gewähr für ein gutes Gelingen der allen nationalen Westfalen längst ans Herz gewachsenen Feier. Möge der Wettergott auch dieses Mal dem Feste gnädig sein. **(Königlich Preußische Klassenlotterie.) Die Schließung der Ziehung der 5. Klasse 220. Lotterie erfolgt am heutigen Samstag. Die amtlichen Gewinnlisten werden voraussichtlich nicht vor dem 14. Juni fertiggestellt werden, und kann mit der Auszahlung der Gewinne von 240 und 500 Mark dann begonnen werden. Höhere Gewinne werden erst nach Eingang der Nachschußgelder ausgezahlt, worüber die betreffenden LotterieEinnehmer Auskunft geben. Die Einlösung der nicht gezogenen Lose zur 1. Klasse 221. Lotterie kann vom 7. Juni an geschehen. Den bisherigen Spielern werden ihre Lose bis zum 21. Juni, abends 6 Uhr aufbewahrt. Nach dieser Zeit wird über die nicht eingelösten Lose zugunsten neuer Besteller verfügt. Der Eintritt Braunschweigs und Bremens in die Preußische Lotteriegemeinschaft hat eine Vermehrung der Losezahl und eine dementsprechende Aenderung des Lotterieplanes notwendig gemacht; besonders die Zahl der mittleren Gewinne ist vermehrt worden, doch ist an den alten bewährten Grundsätzen bei der Planaufstellung festgehalten worden. **(Während die Kindersterblichkeit) seit 1896 in den Städten einen Rückgang aufweist, ist auf dem Lande eine Zunahme zu verzeichnen. Die Zunahme ist am größten in den Bezirken Münster, Stralsund und Stettin. Als Ursache ist der mangelnde Ersatz der an Molkereien und Großstädte abgegebenen Milch anzusehen. Die Verbesserungen in der künstlichen Ernährung sind bis jetzt fast nur den Städten zugute gekommen. Es ist darum erwünscht, daß sie auch auf dem Lande eingeführt werden. **(Schulpersonalie.) Die durch den Tod des Herrn Rektors Honsalek an der hiesigen evangelischen Volksschule am Hüsingtor erledigte Rektorstelle wurde Herrn Lehrer Lecking, der seit Beginn des laufenden Schuljahrs auch Leiter der städtischen gewerblichen Fortbildungsschule ist, durch die Schulaufsichtsbehörde übertragen. **(Evangelischer Bund.) Anmeldungen zu dem gemeinsamen Mittagsmahl am Montag 1½ Uhr im„Hotel zur Post“ nimmt bis heute abend Herr Quadbeck noch entgegen.— Zum Feste: Fahnen heraus! **(Der Männer=Gesang=Verein„Cäcilia") kann in diesem Jahre auf sein 40 jähriges Bestehen zurückblicken, und wird aus diesem Anlaß, wie schon früher mitgeteilt, am 19. und 20. Juni eine größere Feier veranstalten. Am 19. Juni findet ein allgemeiner Sänger=Kommers im Vereinslokale„Westf. Hof“(Wilh. Kordeck) statt, zu welchem sämtliche Schwerter Gesang=Vereine ihr Erscheinen bereits zugesagt haben. Für den zweiten Festtag ist der„Freischütz" als Festlokal bestimmt. Bei dem Konzert am Nachmittage wird außer einer Militärkapelle der unter Leitung des Musikdirektors Liersch stehende Männer=Gesang=Verein „Konkordia"=Werl mitwirken. Der übliche Festball am„Freischütz“ wird den Schluß des Festes bilden. Einer Anzahl von Mitgliedern, welche 25 Jahre und länger dem Verein angehören, wird anläßlich des Festes ein Ehrendiplom überreicht werden. **(Um einen schönen Schmuck bereichert) ist die neue kath. Kirche. Frl. Elisabeth Dinkloh und der kath. Gesellenverein haben je ein prächtiges buntes Glasfenster gestiftet, die gegenwärtig zu beiden Seiten des Gotteshauses eingebaut werden. Die Fenster, welche den hl. Josef und die hl. Barbara darstellen, sind in hübscher Glasmalerei hergestellt; jedenfalls werden die Mitglieder der kath. Gemeinde über diese neue Verschönerung der Kirche sehr erfreut sein und den hochherzigen Gebern aufrichtigen Dank zollen. **(Die Marianische Jünglings Sodalität) feiert am Sonntag das Fest ihres 10 jährigen Bestehens. Morgens findet ein feierlicher Festgottesdienst statt. Nach der Nachmittagsandacht werden die neuen Mitglieder ausgenommen und um 5 Uhr ist eine große Festversammlung im„Reiche des Wassers". Für die Festrede ist der Franziskanerpater Laurentius aus Dortmund gewonnen, während im übrigen für die Feier ein sehr reiches Programm(Konzert, Gesangvortäge, Theater) aufgestellt ist. Der Verein, der sich unter der zielbewußten Leitung des Herrn Kaplan Nieke in den letzten Jahren sehr entwickelt hat, zählt zurzeit über 300 Mitglieder und dürfte bei der großen Beliebtheit, der er sich in der Gemeinde erfreut, auf eine zahlreiche Beteiligung zu seiner Feier rechnen können. **(Schon wieder) war gestern das Pferd eines auswärtigen Frachtfuhrwerks mit dem Huf im Geleise der Straßenbahn stecken geblieben und zu Fall gekommen. Es erforderte große Arbeit, um das arme Tier, welches bei dem Sturz eine heftige blutende Wunde am Kniee erlitten hatte, wieder in die Höhe zu bekommen. *(Lebensmüde) war der ca. 60 Jahre alte Arbeiter Schlichthaber von hier, der sich gestern im Ohl in der Nähe der Försterei erhängte. Was den Mann in den Tod getrieben hat, ist noch nicht aufgeklärt, doch wird Teufel Alkohol jedenfalls sehr viel zu der unseligen Tat beigetragen haben. Die brave; fleißige Familie des Selbstmörders wird allgemein bedauert. *(Unsall.) Das etwa fünfjährige Mädchen des Buchhalters Mestendahl in der Märkischen Straße lief gestern nachmittag in seinem Spieleiser direkt vor einen Radfahrer und wurde überfahren. Glücklicherweise kamen sowohl das Kind als auch der Radfahrer, der im Bogen vom Rade flog, mit unerheblichen Verletzungen davon. **(Schöffengericht.) Vorsitzender: Amtsrichter Dellmann, Schöffen: Schreinermeister Rich. Kogelheide u. Schneidermeister Wilh. Ortmann von hier. Der Agent Heinrich V. von hier, der früher bei der Firma Timmann in Dortmund beschäftigt war, hatte sich wegen Unterschlagung zu verantworten. Für die Firma Stutznäcker verkaufte der Angeklagte 1 Nähmaschine und ließ sich den Restbetrag von 46 M darauf auszahlen, ohne zum Inkasso berechtigt zu sein. Den Betrag lieferte er nicht ab, machte aber geltend, daß er noch eine Provisionsforderung von 136 M an die Firma habe. Da diese Behauptung nicht widerlegt werden konnte, sprach ihn das Gericht frei.— Eine mehr als zweistündige Dauer hatte die Verhandlung gegen den Oberbauarbeiter Wilh. T., dessen Ehefrau und 17jähriger Sohn und die Ehefrau F. von Wandhofen. Der Zuhörerraum war von Wandhofenern überfüllt. Die letzte Angeklagte hatte als junges Mädchen mit ihren Eltern mit der Familie T. zusammengewohnt und viel mit der Frau verkehrt. Schließlich kam die Freundschaft zu Bruch und nun denunzierte Frau F. den T. bei der Bahnverwaltung wegen Kohlendiebstahls. Bei der Einleitung des Verfahrens beschuldigte Frau F. auch die Ehefrau T. verschiedener Diebstähle. Diese soll in den Geschäften von Stein, Herz, Messing und Samaskewitz verschiedene Waren gestohlen haben. Da Frau F. bei einem Kohlendiebstahl der im Ladestrang der Eisenbahn stattfand, auf Drängen des T. Hülfe geleistet, kam sie ebenfalls wegen Diebstahls auf die Anklagebank. Obwohl die Familie T. die Diebstähle entschieden in Abrede stellte, wurde sie für überführt erachtet. Das Urteil lautete gegen T. auf 1 Woche, gegen die Frau auf zwei Wochen gegen den Sohn und die Frau F. auf je 3 Tage Gefängnis. Die beiden letzteren sollen auf die Begnadigungsliste gesetzt werden.— Einen nicht erwarteten Erfolg hatte der Bergmann Lorenz G. von Sölde. G. hatte von der hiesigen Polizeiverwaltung ein Strafmandat über 10 M erhalten, weil er am 25 April im Gehrenbach unberechtigterweise gefischt hatte. Die Beweisaufnahme ergab die Richtigkeit der Behauptung und da G. trotzdem leugnete, auch dem Flurhüter Böddicker gegenüber sich sehr renitent benommen hatte, erhöhte das Gericht die Strafe auf 20 M— Der Arbeiter Karl Kr. aus Wandhofen hat am 9. Mai den Arbeiter Kn. überfallen und durch Fußtritte mißhandelt. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu 1 Woche Gefängnis.— Der Arbeiter Aug. B. aus Wandhofen verlangte am 9. Mai in der Kantine am Bahnbau Cigaretten und da ihm ohne Geld keine gegeben wurden, ergriff er eine Eßschüssel und wollte die Wirtin werfen. Der Arbeiter K. fiel ihm in den Arm und nun schlug B. auf diesen ein. Diese Rohheit muß er mit 3 Wochen Gefängnis büßen.— Am 11. Mai geriet der Erdarbeiter Karl H. aus Wandhofen mit einem Arbeitskollegen in Wortwechsel. Schließlich lief er ihm nach, warf ihn in den Graben und schlug und trat den Ueberfallenen. Unter Annahme mildernder Umstände wurde H. zu 2 Woch. Gefängn. verurteilt. Der Fabrikarbeiter Andreas W. von hier hatte sich wegen Mißhandlung des 9jährigen Schülers Wilh. Schöttler zu verantworten, dem er eine Anzahl Hiebe über den Rücken versetzt hatte, weil Sch. sich mit seinem Sohne gebalgt hatte. Das Urteil lautete auf 15 M Geldstrafe. .** Holzen, 5. Juni.(Abholzung.) Seitens der Gräflich Fürstenbergschen Renteiverwaltung werden augenblicklich leider die mehrere Morgen umfassenden Tannenbestände, die in der Talsohle am Fuße der idyllische„Waldesruh, in der Steimke bis zur Besitzung des Herrn Schulte in der„Bodelle“ sich erstrecken, abgeholzt um als Nutzhol verkauft zu werden. Hoffentlich folgt dieser Abholzung eine baldige Aufforstung. ** Höchsten, 4. Juni.(Bestrafter Spitzbube.) Der bei dem Wirt Overkamp auf dem Höchsten in Diensten stehende Knecht August Petrowski von hier kann anscheinend das Stehlen nicht lassen. Der alte Gauner wußte, daß sein Dienstherr eine kleine Münzensammlung hatte. Den Behälter, der zur Aufbewahrung diente, öffnete Petrowski im April d. J. und entnahm der Sammlung einen Siegestaler, Krönungstaler und zwei Mansfelder Bergbautaler. Petrowski machte sich selbst dadurch verdächtig, daß er die seltenen Stücke in den Wirtschaften verausgabte. Ein Gensdarm stellte diese Tatsache fest, und da er wußte, daß Herr Overkamp Münzensammler war, veranlaßte er diesen, die Sammlung zu kontrollieren. Die erwähnten Stücke fehlten; Petrowski hatte den Behälter mit einem Dietrich geöffnet. Der Dieb leugnete heute vor der Dortmunder Strafkammer, wurde aber für überführt erachtet und zu 1 Jahr 6 Monaten Gefängnis verurteilt. ** Ergste, 5. Juni.(Pferdevormusterung.) Auf die am Monag, den 7. Juni d. J. in Ergste vormittags 10,30 Uhr und in Berchum 9 Uhr anfangende Pferdevormusterung wird an dieser Stelle nochmals erinnert. Vorzuführen sind in Ergste 82 und in Berchum 20 Pferde. Westfalen und Rheinland. * Bentrop(Amt Fröndenberg), 4. Juni.(Blitzschlag.) Bei dem gestrigen Gewitter schlug der Blitz in das Wohnhaus des Landwirts Huthof hier. Die Frau des Hofbesitzers wurde vom Blitze erschlagen. Das Haus wurde stark beschädigt. * Meiningsen,(Kreis Soest), 4. Juni. Ein Schützenfest wurde gestern hier gefeiert. Die wackeren Schützen lagen eifrig ihrem Sporte ob, doch wollte der hochthronende Vogel nicht weichen. Schon ging die Munition zu Ende— alles nutzte nichts, obwohl man sogar die Stange heruntergezogen und den hartnäckigen mit einem Beil„bearbeitet“ hatte. Da schließlich keine Munition mehr aufzutreiben war,, schlug ein ganz Schlauer das ersehnte Ziel mit einer Stange herunter. Der Wackere wurde denn auch zum Schützenkönig proklamiert * Cörbecke,(Kreis Warburg), 4. Juni.(An Vergiftung gestorben) ist hier der Sohn des Gutsbesitzers Wilhelm Bremer. Der junge Mann hatte Wasser aus einem Feld;raben getrunken. Bei dem Knecht, der ebenfalls getrunken hatte, trat ein bösartiger Ausschlag auf, doch ist für sein Leben nicht zu fürchten. Nr. 129 Sweites Wrart. Politische Wochenschau. Nun liegt auch die Pfingstwoche mit dem über Erwarten schön verlaufenen Feste, und eins ihrer zahllosen Kongressen hinter uns. Das werktätige Leben, das einen Augenblick verschnauft hatte, befindet sich überall wieder in dem gewohnten Fluß. Seine Wellen fluten ja nicht so reich und so kraftvoll, wie in den Perioden wirtschaftlicher Hochkonjunktur; aus der tiestfen Ebbe sind wir aber doch wohl heraus. Der deutsche Außenhandel weist Ein= und Ausfuhr wieder ein erfreulicheres Bild auf, und es ist zu hoffen, daß wir in absehbarer Zeit an die Uebergangsstation aus den mageren zu den fetten Jahren gelangen werden. Dieses Ziel werden wir allerdings nur dann erreichen, wenn wir in dem Sinne der goldenen Worte handeln, die der frühere langjährige Staatssekretär des Reichsamts des Innern, Graf Posadowsky, auf dem evangelisch=sozialen Kongreß zu Heilbronn über„Luxus und Sparsamkeit" sprach. Der Scheinlurus, dessen Streben dahingeht, nach außen zu glänzen, der leichtsinnige Luxus, der die Hose verkauft, um den Frack zu erwerben, stehen deutschem Wesen nicht an und müssen da, wo sie in unserer modernen Zeit gleichwohl Wurzel gefaßt haben, mit Stumpf und Stiel ausgerotet werden. Deutscher Art entspricht die von Geiz wie Verschwendung gleich weit entfernte Sparsamkeit, die die Werte schafft und aufspeichert. Sie ist einer der allerersten Faktoren des wirtschaftlichen Wohlstandes der Gesamtheit. An ihr gilt es, festzuhalten oder zurückzukehren. An Fleiß, Gründlichkeit und Unternehmermut fehlt es unserem Volke nicht. Und vereinigt auch nicht jeder Deutscher die Eigenschaften eines Grafen Zeppelin in sich, dessen grandiose Pfingstfahrt die ganze Welt mit Staunen erfüllt hat, so sind es doch echt deutsche Wesenseigentümlichkeiten, die den Beherrscher des Luftmeers zu seinen Triumphen verhalfen. Wenn die vorhandenen Anlagen nur überall gestärkt und ausgebildet würden! Für unsere Hoffung auf eine neue wirtschaftliche Blüteperiode ist die Erhaltung des Friedens eine unbedingte Voraussetzung. Und da können wir es nicht hoch genug werten, daß die auf die Erhaltung und Befestigung des Weltfriedens gerichteten Bestrebungen unseres Kaisers einen Erfolg nach dem andern zu verzeichnen haben. Nachdem im vergangenen Monat die Tage von Brindisi und Wien aller Welt die Festigkeit des Dreibundes vor Augen geführt hatten, beweist die um die Mitte des laufenden Monats bevorstehende Begegnung unseres Kaisers mit dem Zaren, daß auch die offiziellen Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland friedliche und freundschaftliche sind. Man braucht bei dieser Zwei=Kaiser=Entrevue durchaus nicht an hochpolitische Abmachungen zu denken, um sie doch als eine äußerst erfreuliche Erscheinung zu begrüßen. Kaiser Wilhelm trifft als der unzertrennliche Verbündete Oesterreich=Ungarns mit d. Zaren zusammen. Das weiß Kaiser Nikolaus II. Sonnabend den 5. Juni 1909 Und wenn er wohl unserm Kaiser zu einer Zusammenkunft eingeladen hat so darf man daraus den Schluß ziehen, daß die russische Balkanpolitik nicht unternehm wird, was nach der so mühevoll erzielten friedlichen Beilegung der Orientwirren neue Beunruhigung zu schaffen geeignet wäre. Da auch die Beziehungen d. deutschen Reiches zu England und Frankreich selten so vertrauensvolle waren wie gegenwärtig, so dürfen wir hoffen, daß uns der bevorstehende Sommer vor Unruhe u. unliebsamen Ueberraschungen auf dem Gebiete der auswärtigen Politik bewahren wird. Leider sind noch immer keine rechten Aussichten dafür vorhanden, daß wir zum Sommer auch der innerpolitischen Sorgen ledig sein werden. Mit der Reichsfinanzreform ist es eine schlime Sache, und obwohl die Kommissions=Beratungen über die Reform=Vorlage seit Pfingsten beendigt sind, weiß doch niemand genau, was werden wird. Die neue, aus Konservativen und Zentrum bestehende Mehrheit bietet dem Reichskanzler zwar ein volles Steuer=Bukett an, und hofft auch, Fürst Bülow werde daran Wohlgefallen finden, obwohl einige seiner Lieblingsblumen in den Strauß nicht mit eingewunden sind. Ausländische Zeitungs=Korrespondenten wollen dagegen aus unanfechtbaren Quellen vernommen haben, der Kanzler werde sich dem Willen der neuen Mehrheit nicht unterwerfen, sondern auf seiner Forderung, die Erbanfallsteuer auf Kinder und Ehegatten auszudehnen, bestehen bleiben. Auch halbamtlich ist Aehnliches mitgeteilt worden. Der Reichskanzler kann ja auch die Entscheidung nicht nach seinem persönlichen Ermessen treffen, sondern muß sich der Mehrheit des Bundesrates fügen. Die einzelstaatlichen Regierungen aber halten an der Erbanfallsteuer als der besten Besteuerung des Besitzers fest. Das hat man vor einigen Tagen wieder von dem bayrischen Thronfolger und nach ganz neuerdings auf dem Heilbronner Kongreß von dem württembergischen Minister v. Pitschuck hören können. Die Lage ist also in hohem Maße ernst und der Eintritt kritischer Ereignisse, besonders Auflösung des Reichstags, keineswegs ausgeschlossen. Nur wenige Tage trennen uns noch von dem Beginn der entscheidenden Pläne, Verhandlungen über die Finanzreform. Es kann daher nur dringend gewünscht werde, daß die von den besten Patrioten ergehenden Bitten u. Aufrufe, eine friedliche Einigung herbeizuführen, nicht ungehört verhallen. Abgesehen von der Sorge um die Reichsfinanzreform herrscht in dem Walde der inneren Reichspolitik tiefes Schweigen, hochsommerliche Stille. Von den emsigen Arbeiten an der Aufstellung des nächstjährigen Etats mird nach außen hin glücklicherweise nichts bemerkbar. Und was im nächsten Jahre kommt, soll uns heute noch nicht bekümmern. 310 Westfäl. Provinzial=Lehrertag. — In der Hauptversammlung des 31. westfälischen Provinzial=Lehrertages, an der u. a. auch der Oberlandesgerichtspräsident Dr Holtgreven=Hamm, Regierungspräsident Dr. KruseMinden und Landtagsabgeordneter Dr. Schepp=Berlin teil41. Jahrg. nahmen, sprach Rektor Hein=Dortmund über:„Was kann die Schule zur Förderung der Fürsorgebestrebungen tun“. Redner stellte folgende Leitsätze auf: 1. Die veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse machen Fürsorgeerziehungsbestrebungen zur Notwendigkeit. 2. Je weniger die Familie imstande ist, ihren erzieherischen Pflichten nachzukommen, desto mehr müssen Schule und Lehrer sich der Jugend annehmen, um einer Verwahrlosung vorzubeugen. 3. Die gesteigerten Anforderungen an die Schulerziehung beziehen sich sowohl auf die Pflege der körperlichen, wie die der geistigen und sittlichen Entwicklung der Kinder. Um die Schule zu befähigen, diese Anforderungen in höherem Maße als bisher zu verwirklichen, sind allgemein folgende Einrichtungen und Maßnahmen zu erstreben: a) Die Anlegung geeigneter Spielplätze. b) Die Einrichtung von Jugendspielen auch in der schulfreien Zeit. c) Die Verabreichung eines warmen Frühstücks an bedürftige Kinder. d) Die sorgfältige ärztliche Ueberwachung der Schulen und der Schüler. e) Die Herabsetzung der Klassenfrequenz. f) Die Einrichtung von Handfertigkeits= und Haushaltungsschulen. g) Die Einrichtung von Klassen für Schwachsinnige. 4. Der erziehliche Einfluß der Schule ist mitbedingt durch eine möglichst enge Verbindung zwischen Schule und Haus. Zur Förderung einer solchen Verdung sind zu empfehlen gelegentliche Hausbesuche, Veranstaltung von Elterabenden, Ratserteilung an Eltern und Kinder bei der Berufswahl. 5. Als besondere Aufgabe des Lehrers in der Pflege der Jugendfürsorge sind zu nennen: a) Die Mitkämpfung der Schundliteratur. b) Die Mitwirkung des Lehrers bei der Ausführung des Kinderschutzgesetzes. c) Die Mitwirkung in Jugendfürsorge= Ausschüssen und Jugendgerichten. Oberlandsgerichtsvat Dr. Kloß=Hamm sprach sodann über„Die Fürsorgeeinrichtungen für die straffällige und gefährdete Jugend und die Beteiligung der Lehrer daran. An der anschließenden Diskussion über beide Vorträge beteiligten sich Oberlandesgerichtspräsident Dr. Holtgreve=Hamm u. Landtagsabgeordneter Dr. Schepp=Berlin. Danach wurde der 31. Westf. Lehrertag mit dem Wunsche„Auf Wiedersehen Ostern 1910 in Dortmund“ geschlossen. Es folgte nun noch das gewohnte Festessen mit den üblichen Toasten und daran anschließend Konzert und gesellige Vereinigung auf dem Johannisberge. Verantwortlich: Für Politik, Feuilleton und verwandte Gebiete: Hans Schlinzigk; für Lokales, Provinzielles und Inserate: Friedrich Kraas: Druck und Verlag von Carl Braus, sämtlich zu Schwerte. Beste Bezugsquche für die Damenschneiderei m. Wietgenstein!“ 1480 Dortmund, Westenhellweg III, Fernruf 2228 Verwaist. Roman von B. Corony. 19 „Noch eins.“ „Was?“ „Kam Ihnen nie der Gedanke, daß jemand des schwerkranken Eltvilles Hilflosigkeit mißbraucht und ihn beraubt haben könne?" Sie zögerte lange mit der Antwort und erwiderte dann: „Der kam mir wohl, aber nach allem zu urteilen, was Frau Meta sagte.. und die lügt nicht, das dürfen Sie glauben.. kam er bettelarm auf dem Gehöfte an. Das bestätigten auch der Pfarrer Bernhard und der Doktor, die beide als Ehrenmänner geschätzt werden. Sie sahen sogar noch den Zehrpfennig, die Lebensmittel, die Wäschegegenstände und Kleidungsstucke, welche Vürkandt seinem Bruder brachte, der bereits vor dem Richterstuhle des Ewigen stand.“ „Und wer weilte denn bei Eltville in dessen letzten Stunden?“ „Niemand. Die Frau war, um Geschäfte abzuwickeln, über Land gefahren und die Dienstboten schliefen. Der Herr, welcher früh aufs Feld wollte, weckte die Leute. Er rief dem Michel Ender, einem Pferdeknecht, der schlaftrunken auf den Hof taumelte, zu: sofort auf der Polizei, bei dem Pfarrer und dem Arzt Anzeige zu erstatten, daß der Fremde.. Vürkandt hatte bis dahin gegen niemand erwähnt, daß es sich um seinen Bruder handle.. in dieser Nacht gestorben sei. Er hatte soeben, in die Kammer des Kranken tretend, diesen als Leiche vorgefunden. „Und einen anderen Zeugen der letzten Vorgänge gab es nicht?“ „So viel ich weiß, nein! Das heißt Michel behauptete ja allerdings, wie mir die auf dem Gütchen bedienstete Magd Liese erzählte, er habe in jener Nacht schlecht geschlafen und Lärm in der Kammer des Kranken gehört, Getrampel, wie von mehreren Personen verursacht, und dann einen schweren Fall.. doch Michel war ein Trunkenbold, der sich auch häufig einbildete, er sähe Ratten und Mäuse die Wände hinaufklettern. Er verrichtete damals schon keine Arbeit mehr ordentlich. Herr Vürkandt verwendete sich, wie ich später erfuhr, dafür, daß er Aufnahme im Armenhause in Saarbrücken fand. Da wird man ihm das Trinken wohl abgewöhnt haben. Also, wenn Sie mich zu Hause treffen wollen, dann zwischen zwei und drei Uhr!“ Flüchtig zurückgrüßend verschwand sie um die Ecke der nächsten Straße. ** Davoust sprach zur festgesetzten Stunde bei Madame Bertonelle vor, die ihn mit Kaffee und Absinth bewirtete. Daß nicht viel von ihrem Landsmann zu halten war, wußte die Direktrice ja sehr gut, dessenungeachtet freute sie sich der Begegnung. Davoust war die Heimat, war Frankreich. Er sprach zu ihr in ihrer Muttersprache, er kannte die Sitten und Gebräuche jener Stadt, in welcher sie ihre Jugend verlebte, ihm war die ritterliche Galanterie des Galliers eigen. Er konnte keine große Geschenke machen, unterließ aber nicht, der alten Bekannten einen Blumenstrauß und eine elegante Bonbonniere zu überreichen, er behandelte sie wie eine Dame der besten Gesellschaft und nicht wie eine Konfektioneuse, die so mancher über die Achsel ansieht. Eda fühlte sich auch wieder als Französin, sie wandelte in Gedanken über die Boulevards von Paris, atmete die berauschende, parfümierte Luft der französischen Hauptstadt und kam sich um viele Jahre verjüngt vor. „Ich dachte gestern nicht daran, daß heute Sonntag ist," sagte sie gut gelaunt.„Da brauche ich überhaupt nicht ins Geschäft, und wir können ein paar Stunden vergnügten Beisammenseins genießen.“ „Das ist ja entzückend,“ rief der Baron.„Wie dankbar muß ich dem Zufall sein, der diese Wiederbegegnung vermittelte!“ „Noch weiß ich gar nicht, was Sie eigentlich nach Frankfurt brachte.“ „Der Wuusch, mir eine Existenz zu gründen.“ „Hier?“ „Hier oder anderswo. Man muß eben überall rekognoszieren. Ich gehe mit dem Gedanken um, mich in einer grotzen, deutschen Stadt als Lehrer der französischen, englischen und russischen Sprache niederzulassen und glaube, mein alter Adel kann mir dabei nur von Vorteil sein. „O ja, das meine ich auch,“ erwiderte sie lebhaft und reichte ihm eine zierliche, mit duftendem Mokka gefüllte Tasse. Er nahm sie, die Fingerspitzen der Geberin küssend. Eda errötete.„Ach, Herr Baron, auf eine so häßliche, verarbeitete Hand drückt man die Lippen nicht.“ „Ihre Hand ist schön und vornehm geformt, Madame,“ entgegnete er,„und daß sie die Spuren des Fleißes zeigt, find ich gerade verehrungswürdig. Aber wie schade, wie beklagens wert, daß Ihnen diese Mühe und Arbeit so wenig einbringt!“ „Ich bekomme einen schönen Gehalt, Monsieur und könnte sehr auskömmlich davon leben, ziehe aber vor, zu sparen und mindestens die Hälfte meiner Einnahmen zurückzulegen.“ „Für wen denn, da Sie ja doch keine Kinder haben?“ „Mein Gott, für mich! Man kann ja krank, kann erwerbsunfähig werden.“ „Sie machten also Ersparnisse und wollen diese nicht dazu verwenden, sich zu etablieren.“ „Nein.“ „Warum denn?“ „Weil ich dann mein kleines Vermögen riskieren würde.“ „Sie können es auch verdoppeln, verdrei=, verzehnfachen!“ „Ja, ja, wenn ich Glück hätte, dann wohl.. ich habe aber keines.“ „Wer weiß? Sie verstanden vielleicht bisher nicht, es zu packen, „Wohl möglich!.. Aber Sie selbst, Herr Baron... „Ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß mir die launige Glücksgöttin noch lächeln wird. Sie tut es ja schon in diesem Augenblick, denn so froh, so zu Hause wie hier, fühlte ich mich seit Jahren nicht mehr. „Mein, Gott, alles muß Ihnen, der in der vornehmsten Gesellschaft verkehrte, in meiner kleinen Behausung doch recht armselig und jämmerlich vorkommen.“ „Nein, nein! Gemütlich, über alle Begriffe gemütlich! Aber Sie dürfen nicht auf solche Weise fortmachen, verehrte Freundin und Ihre besten Kräfte sozusagen verschleudern. Ich habe in der Welt gelebt, kenne die wirklich gute Gesellschaft und jene Sorte, die dafür gelten möchte, gründlich und weiß, wo die Drahtfäden hängen, mittels deren man die Marionetten lenken kann. Vielleicht gestatten Sie mir, Ihnen ein wenig mit Rat und Tat zur Hilfe zu kommen." 165,20 Drell= in allen Grössen empfichlt Ernst Müller, Ostenstr. 18. 2813 Empfehlenswerte Firmen Fahrräder, Sreht von der Fabrik an Private u. Händler von Mk. 62.— an. Zubehörteile, prima Mäntel von Mk. 2.80 an. Reparaturen, n fremdem Fabrikat prompt u. billigst. Nähmaschinen in jeder Preislage. Katalog gratis und franko. Duisburger Fahrradfabrik „Schwalbe, Akt.-Ges. Duisburg-Wanheimerort. Gegr. 1896. 1999 * Prima Speisekartoffel Magnum bonum 1 Vorrat reicht hans Külter u Kleppingstraße. 2957 Kn Otto Marx' 3 Mark Korselt ist das beste. Hamburger Engros=Lager 2153 Schwerte, Ostenstraße 20. S. Tausende Raucher empfehlen moinen garant. ungoschtrefelten. deshalb sehr bekömmlichen und Kegi“ gerunden Nahek. 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Ich finde, unsere heutige Fahrt läßt an Poesie nichts zu wünschen übrig. Nicht wahr, gnädiges Fräulein?“ Hanna wird etwas rot unter den fragenden Blicken des Assessors und meint:„Ich kann Ihnen nicht unrecht geben. Denn daß sogar Großmutters Reisetasche, die mich heute früh noch bittere Tränen gekostet hat, so gute Folgen zeitigt, das ist doch wirklich poetisch. Fast wie in einem Roman.“ In lebhaftem Gespräch gehen die Stunden hin. Professor Horst besteht darauf, daß Hanna mit ihm und seinem Sohn im Speisewagen diniert und macht in der liebenswürdigsten Weise den Wirt für das junge Mädchen, das sich unter solchem Schutz wohlgeborgen fühlt. Nach dem Essen wird der alte Herr müde und hält einen ausgiebigen Mittagsschlaf. Den zwei jungen Menschen wird die Zeit inzwischen nicht lang. Hanna ist zwar in manchen Dingen noch sehr unerfahren, aber sie hat viel gelesen, dank verständiger Anleitung des Pfarrers nur gute Sachen, und sie weiß hübsch darüber zu sprechen. Und ihr Urteil stimmt vollständig mit dem des Assessors überein. Am Ziel angelangt, haben die Reisegefährten bereits gute Freundschaft geschlossen und Tante Anna freut sich, ihr Nichtchen in bekannter Gesellschaft ankommen zu sehen. Der Assessor läßt sich's nicht nehmen, Großmutters Reisetasche höchsteigenhändig an die Droschke zu bringen, und dann verabschiedet er sich mit einem sehr ausdrucksvollen„Auf Wiedersehen!“ „* *„ 5 Vier Wochen später fliegt eine Depesche ins Pfarrwitwenhäuschen:„Habe mich gestern abend mit Otto Horst verlobt. Deine glückliche Hanna.“ Die alte Dame ist gar nicht sonderlich überrascht, denn in Hannas Briefen hat der Assessor eine unverhältnismäßig große Rolle gespielt, und Tante Anna hat auch schon vor acht Tagen vorbereitende Zeilen geschickt, natürlich hinter Hannas Rücken. Nach einem Jahr ist Hochzeit. Zum erstenmal sehen sich die zwei Menschen wieder, in deren Herzen vor einem halben Jahrhundert jener kurze Reisetag eine Liebe hat reifen lassen, die nie aus ihrer Erinnerung geschwunden ist. Das Schicksal hat sie, die für einander bestimmt schienen, getrennt. Nun sind sie vereinigt in ihren Nachkommen, an deren Glück sie sich zusammen freuen. Der Toast des Professors beim Festmahl gilt nicht dem jungen Paar, überhaupt keiner Person, er gilt „Großmutters Reisetasche“. Wo wächst der Wein wild? Dies ist eine Frage, die selbst ein Botaniker kaum beantworten kann. Wir meinen natürlich nicht den wilden Wein, der als Schlingpflanze an Häusern und Veranden wächst, sondern die echte, wilde Weinranke, wie sie ursprünglich von der Natur geschaffen war. In Fachkreisen war man lange der Meinung, daß der wirkliche wilde Wein in Europa nur in Rumänien und den ungarischen Grenzdistrikten vorkommt. Diese Ansicht ist dadurch widerlegt, daß jetzt festgestellt ist, daß die Weinranke in verschiedenen Gegenden Frankreichs wild wächst und das an Stellen, wo eine Arbeit von Menschenhand unmöglich stattgefunden haben kann. Dies gilt in erster Linie von den Wäldern in Bearn(Südfrankreich), dessen Bergabhänge eine üppige, sich durch einen Reichtum an Schlingpflanzen auszeichnende Vegetation aufweisen. Diese hängen in großen Girlanden von den Zweigen der Bäume herab, kriechen an der Erde entlang, versperren dem Wanderer den Weg und schlingen sich um seine Beine, kurz und gut, man sollte glauben, daß man in einen tropischen Urwald versetzt ist. Außer einer Menge anderer Gewächse der verschiedensten Art findet man hier auch die wirkliche ursprüngliche Weinranke mit schmalen Blättern und kleinen Trauben, dieselbe, von der der veredelte Weinstock stammt. Es ist dasselbe Gewächs, das in einem passenden Klima und unter guter Pflege die herrlichsten Weine hervorbringt. Diese wilden Weinranken, die in den dichtesten Wäldern wachsen, wo der Friede nur durch das Wildschwein und wilde Tauben gestört wird, tauchen meilenweit von aller Kultur auf und verdanken ihr Dasein sicherlich nicht der menschlichen Arbeit. Höchstens können sie von Vögeln ausgesäet und dann verwildert sein. Aber selbst dies ist sehr unwahrscheinlich. Man kann mit ziemlicher Sicherheit behaupten, daß die Vorgängerin unserer Weinranke in ursprünglicher Form heute noch im westlichen Europa zu finden ist. * Der Otter gehört zu denjenigen Tieren, die infolge des hohen Wertes ihres Felles nur zu leicht der Gefahr der vollen Ausrottung ausgesetzt sind. Man hat vielfach den Vorschlag gemacht, ihnen auf einer oder mehrerer der aléutischen Inseln eine Freistätte zu gewähren, im Ernst ist aber nie etwas daraus geworden. Vor einigen Jahren haben nun die Russen an einzelnen Punkten, u. a. auf den Kommandorsky-Inseln im Beringsmeer Schonversuche gemacht. So ist ein großer Teil einer dieser Inseln abgesperrt worden. In der Jahreszeit, in der eine Verfolgung des Otters zu befürchten ist, wird hier von dazu bestimmtem Boot ein eigener, streng organisierter Wachtdienst geübt. Der ursprüngliche Otternbestand betrug 30—40 Stück und dieser hat im Laufe weniger Jahre einen derartigen Zuwachs erfahren, daß schon jetzt jährlich mehrere hundert gut ausgewachsene männliche Tiere erlegt werden dürfen. Weibchen und Junge werden geschont. Es wird nur an einem Tage im Jahre gejagt. Dann wird die ganze Küste durch Netze abgesperrt, um ein Entweichen ins offene Mer zu verhindern. Die Tiere werden durch Keulenschlag getötet und die Kadaver, um die Zurückbleibenden möglichst wenig scheu zu machen, schnell entfernt. Da jährlich nur einmal gejagt wird, sind die Ottern für gewöhnlich ganz zahm und fühlen sich bei der Fürsorge, die man ihnen angedeihen läßt, sehr wohl. Ohne Frage wird dies Schonungssystem sich mit der Zeit bezahlt machen. Man darf nicht vergessen, daß ein schönes Otterfell einen Preis bis zu 5000 Mark erzielt. Humor. Ein bedeutender Mann.„Meinen Sie,“ fragte eine junge Dame ihren Partner in der Quadrille,„daß es heutzutage noch wirklich bedeutende Menschen gibt?“ „Ich— äh— weiß wahrhaftig nicht, gnädiges Fräulein. Haben Sie mich vielleicht neulich im Dramatischen Verein — äh— den Hamlet spielen sehen?" * Abwehr. Er:„Haben Sie meine letzten Gedichte gelesen, Fräulein Emma? Sie wissen, Sie waren meine Muse.“ Sie:„O, Herr Klirentat, ich finde es wirklich unrecht von Ihnen, daß Sie die Schuld auf mich schieben wollen.“ Unterhaltungs=Beilage zu Nr. 129 Sonnabend den 5. Juni 1909 As Die Erben von Hohenlinden. 2 Roman von Fr. M. White. [22. Fortsetzung. (Nachdruck verboten. itte— nimm Platz, Artur. Ich hatte dich heute vormittag erwartet; je früher du da bist— umso besser ist es. Und ich fürchte, dein frühes Kommen bedeutet nichts Gutes für unseren lieben Freund.“ Der kleine Herr lachte, daß seine Zähne unter dem buschigen Schnurrbart aufblinkten. „Meine auch, daß sie keine Ursache haben, sich zu freuen!" erwiderte er.„Die Herren Slawik und Konsorten. Der Zufall hat mir da ganz famos in die Hände gearbeitet. Allerdings nicht in deiner Sache, Rudolf— um gleich etwaige hochgespannte Erwartungen herabzudämpfen. Aber doch in einer Sache, die dir, wie ich glaube, beinahe ebensosehr am Herzen liegt.“ Während sie sich beide setzten, zog der Besucher ein Portefeuille hervor und breitete einige Papiere auf einem Tisch aus. „Zunächst mal das Ergebnis meiner Informationen über Herrn Leon Slawik. Dies Ergebnis ist überraschend genug, lieber Freund! Du wie ich haben den Mann zum wenigsten für einen vielfachen Millionär gehalten. Ich glaube dir aber mit Bestimmtheit versichern zu können, daß er das nicht ist— daß er heute in Wahrheit nicht viel mehr besitzt, als was bei seiner Art der Lebensführung etwa ausreichen würde, seinen Unterhalt für ein halbes Jahr zu bestreiten.“ !— Aber unmöglich— unmöglich, Artur!— Denke doch an die Opfer, die er sich sein Spiel hier auf Hohenlinden hat kosten lassen—“ „Die ganze Sache ist einfach eine Spekulation von ihm. Mir kam die ganze Sache mit der übergroßen Liebe dieses Menschen von vornherein verdächtig vor. Daß er dafür so große Mittel aufgewendet haben sollte, erschien doch recht unwahrscheinlich. Und ich bin nun so ziemlich hinter seine Schliche gekommen. Die Opfer, die er gebracht hat, sind in Wahrheit gar nicht so groß gewesen. Er hat allerdings die recht ansehnlichen Pariser Schulden des Grafen bezahlt; nach der Versicherung einwandfreier Leute soll Reignault allein zwanzig= oder dreißigtausend Mark von ihm bekommen haben, und im ganzen mögen es wohl hunderttausend oder etwas darüber gewesen sein. Das ist aus Slawiks eigener Tasche geflossen— damals hatte er Geld, denn bei dem famosen Geschäft mit Dir hat er doch wohl so um eine halbe Million herum für sich ins Trockene gebracht. Der gute Slawik glaubte das, was er dem Grafen gab, gut angelegt. Ehe er sich an den Mann heranmachte, hat er sich genau informiert. Er wußte, wie die Rechtsverhältnisse lagen, wußte, daß Tarnow in absehbarer Zeit Herr auf Hohenlinden sein würde. Und— was denn doch außerordentlich seltsam erscheint: er wußte, wie das Testament des alten Grafen lautete. Von welcher Seite er das erfahren konnte, ist mir vorerst ganz unerklärlich; daß er es aber erfahren hat, weiß ich positiv. Also: er wußte, daß nach weiterer kurzer Zeit Tarnow, dessen Rechte an Hohenlinden vorerst ja nur sehr beschränkt waren, all die ziemlich weitgehenden Befugnisse erlangen würde, die dem Majoratsherrn hier zustehen. Dann aber wurde Tarnow für ihn eine ungeheuer ergiebige Geldquelle— wenn er es verstand, ihn bis dahin in eine gewisse Abhängigkeit von sich zu „ünd das hat er, weiß Got, verstanden!“ sagte Rudolf bitter. „Freilich!— Aber so ganz leicht ist es ihm doch wohl nicht geworden. Denn, wie gesagt, die Mittel gingen ihm schließlich aus. Da gründete er so eine Art„Gesellschaft mit beschränkter Haftung,“ deren Zweck es war, Tarnow zu ruinieren. Du weißt, daß er Tarnow zu einer Spekulation veranlaßte, die ihn dahin brachte, einem gewissen Berchtold über eine halbe Million zu schulden. Dieser Berchtold ist neben einem anderen dunklen Ehrenmann aber nichts als ein Teilhaber der erwähnten Gesellschaft, deren Haupt Slawik ist. Hier— lies diese Papiere durch, die ein Angestellter Berchtolds, der durch eine ungerechte und rücksichtslose Entlassung brotlos gemacht worden war, an mich verkaufte. Sie decken den ganzen Betrug auf, der gegen Tarnow verübt worden ist, und würden den Grafen befähigen, sofort gegen Slawik vorzugehen.“ Sorgfältig und eingehend prüfte Rudolf die Dokumente. Aber als er sie dann dem befreundeten Rechtsanwalt wieder zuschob, meinte er doch bedenklich: „Ich glaube, du siehst die Sachlage zu optimistisch an, Artur!— Es ist möglich, daß dieser Berchtold und Slawik bestraft werden würden, übergäbe man diese Papiere dem Staatsanwalt. Aber mir will es nicht recht einleuchten, daß Tarnow damit seiner Verpflichtungen in ihrem ganzen Umfang enthoben sein würde — abgesehen davon natürlich, daß seine Privatschuld an Slawik bestehen bleibt. Und dann: Tarnow hat gewußt, daß das ihm vorgeschlagene Geschäft nicht ganz ehrenhaft war. Er würde vielleicht sogar bei einem gerichtlichen Verfahren nicht ganz glimpflich davonkommen— von der Gesellschaft aber würde er jedenfalls geächtet werden.“ S SS 353 S G J—So5E SSss: S5s überR Sen SGöSg • 555 E S U: 88 F# S#S S S B S ESoESSSES SEADGUS B2 SH•N 8 68 TL5ß O.SES•: * 65.— ∆ 935 S S 8E * B5 69 3 135 SS5s BSPR 9 2.9 85 KUSS 3 8 5 SSSSE E a 7 F STLS C* EFGS JUE P „Das letztere mag zutreffen; von einer gerichtlichen Bestrafung aber kann keine Rede sein. Allerdings hast du recht: seiner Verpflichtungen würde er keinesfalls ganz enthoben. Die Sache ist leider so geschickt angelegt, daß sie ihn doch wahrscheinlich einige Hunderttausend kosten würde.“ „Du siehst also, daß dem Grafen wahrscheinlich durchaus nicht damit gedient wäre, wollte man sogleich rücksichtslos gegen Slawik vorgehen!“ sagte Rudolf. „Aber ich kann dir im Augenblick wirklich noch nicht sagen, was ich für das Richtige halte. Die Sache kam mir zu überraschend, und ich muß sie mir erst eine gute Weile durch den Kopf gehen lassen, ehe ich mich entscheiden kann.— Du bleibst doch heute in Hohenlinden?“ „Ich habe mich für den Tag freigemacht, und wenn dir damit gedient ist, bleibe ich gern hier. Du wohnst ja auch in dem Wirtshaus, in dem ich abgestiegen bin — dort wirst du mich zu jeder Zeit treffen.“ Eben, als er sich verabschieden wollte, meldete der Diener, daß das Frühstück serviert sei. Rudolf begleitete seinen Besucher hinunter und begab sich dann in das Frühstückszimmer. Das Mahl wurde ziemlich schweigsam eingenommen. Die Gräfin teilte nur mit, daß man sie inzwischen davon benachrichtigt habe, daß das Feuer endgültig gelöscht sei. Allerdings befürchte man, daß noch ein zweiter, bisher nicht auffindbar gewesener Brandherd vorhanden sei, und es dürfe deshalb mit Ausnahme der Feuerwehrleute und der Polizeibeamten vorerst niemand das Schloß betreten. Das Feuer habe sich tatsächlich auf zwei Räume beschränkt; darüber, wie der ungewöhnlich starke Rauch entstanden sei, hätte sie bisher noch keine Auskunft erlangen können. Als Margarete sich nach dem Essen erhob, stand auch Rudolf auf. Die Gräfin aber sagte ruhig: „Bitte— wäre es sehr unbescheiden, Herr Gentner, wenn ich Sie bäte, mir noch auf eine halbe Stunde Gesellschaft zu leisten?— Margarete wird wohl noch ein wenig ruhen wollen. Ich aber hätte gern ein paar Worte unter vier Augen mit Ihnen gesprochen.“ Sie begleitete Margarete hinaus. Und als sie dann das Zimmer wieder betrat, schloß sie die Tür sorgfältig hinter sich. „Bitte— nehmen Sie doch wieder Platz!“ sagte sie. Und nach einem kaum merklichen Zögern: „Ich habe Margarete recht verstanden, als sie Sie Gentner nannte?“ Rudolf blieb so ruhig wie seine Gastgeberin. „Gewiß," erwiderte er.„Komtesse Margarete irrte sich nicht.“ „Nein— aber Sie irren sich.“ Die Gräfin lehnte sich zurück.„Ich will nicht aufdringlich und indiskret scheinen—— Aber haben Sie— haben Sie keinen anderen Namen?“ Der junge Mann lächelte fast unmerklich. „Augenblicklich— nein,“ sagte er. Ernster aber fügte er hinzu: „Wollen Eure Gnaden nicht so gütig sein, die Dinge vorerst so zu belassen, wie sie sind?— Wenn irgend etwas seltsam erscheinen sollte— es geschieht nichts ohne die triftigsten Gründe. Nicht nur mein Glück— auch das Glück anderer Personen beruht darauf. Ich hatte nicht die Absicht, Eure Gnaden zu sehen— wenigstens nicht——“ von mir gesehen zu werden," vollendete die Gräfin. Sie vermochte ihre große Erregung jetzt nicht mehr zu verbergen.„Und doch sehe ich Sie heute nicht zum ersten Male. Muß ich Ihnen sagen, wann ich Sie sah? Draußen bei der Ruine!— Damals wollte mich Walter an eine Geistererscheinung glauben machen. Und ich selbst habe vielleicht wirklich daran geglaubt. Heute weiß ich, daß es ein Mensch von Fleisch und Blut war, den ich gesehen habe—— Ich will Ihnen das Bild eines Mannes zeigen, der vor vielen Jahren sein Elternhaus im Groll verließ. Niemand hat sein Bild seither gesehen: Sie aber sollen es sehen.— Was sagen Sie dazu?“ Mit zitternden Fingern hatte sie ein Medaillon von einer goldenen Kette, die um ihren Hals gelegt war, losgenestelt und es geöffnet. Nun hielt sie es ihm entgegen— und er sah lange, lange schweigend auf das Miniatur=Porträt, das es enthielt. Es stellte einen Mann in der Vollkraft der Jahre dar— einen Mann mit einem ernsten, klugen Gesicht und klaren, tiefen Augen. So lange währte Rudolfs Schweigen, daß die Gräfin sich nicht enthalten konnte, zu sagen: „Haben Sie dies Gesicht je zuvor gesehen?“ Rudolf erhob den Blick von dem Bilde zu ihrem Antlitz. „Sie zwingen mich, zu sprechen, Frau Gräfin!“ „Ich will Ihr Vertrauen nicht erzwingen— denn ich fühle, daß es mir in guter Zeit zufallen wird. Nur die eine Frage sollen Sie mir beantworten. Haben Sie dies Gesicht schon früher gesehen?“ „Oft, oft!“ sagte er halb mechanisch, denn er sah schon wieder auf das kleine Bild.„Ist es mir denn so sehr ähnlich?“ „Aehnlich!— Es ist das gleiche Gesicht— so völlig gleich, daß man dies Bild für Ihr Porträt halten könnte. Als ich Sie heute sah, vermochte die mir in einem langen Leben anerzogene Selbstbeherrschung mich kaum davor zu bewahren, Sie in meine Arme zu schließen und zu weinen! Und niemand erkannte Sie—— Ach, ich vergesse, daß vierzig Jahre verflossen sind seit dem Tage, da mein Sohn von Hohenlinden ging. Und nun sagen sie mir— warum bestehen Sie darauf, sich Rudolf Gentner zu nennen?“ „Man hat mich niemals unter einem anderen Namen gekannt. Vielleicht wird man mich einmal unter einem anderen Namen kennen lernen—.— Aber darüber brauchen wir heute nicht zu sprechen.“ Die Gräfin schüttelte den Kopf. Tränen standen in ihren Augen. „Ich habe kein Recht, Auskunft von Ihnen zu verlangen,“ sagte sie.„Das Recht habe ich vor langen Jahren verwirkt. Und doch— ich weiß es ja so gewiß, daß Sie mir einen lieberen Namen als„Frau Gräfin“ geben könnten. Ich will mich nicht in Ihre Geheimnisse drängen, will den Gründen Ihres Handelns nicht nachforschen— daß Sie gute und ehrenhafte Gründe haben, davon bin ich überzeugt. Das sagt mir Ihr Gesicht. Vor vierzig Jahren verlor ich einen Sohn— einen Sohn, der das Unrecht nicht verzeihen konnte, das seine Eltern ihm angetan hatten. Wie ähnlich er Ihnen war— Sie haben es an dem Bild gesehen, das ich Ihnen zeigte. Mein war die Schuld, daß ich ihn verlor— und ich habe diese Schuld büßen müssen durch ein langes Leben!“ „Es wird mir so schwer, Sie irgendeines Unrechtes schuldig zu glauben,“ sagte Rudolf. Da neigte sie sich hastig vor, und während sie seine Hand ergriff und ihm forschend in die Augen sah, fragte sie: „Sie haben gesagt, daß Sie das Original dieses Bildes oft gesehen haben— hat er Ihnen niemals davon gesprochen, warum er von Hohenlinden fortging?“ „Niemals!— Nicht auf seinem Sterbebett.“ Sie atmete tief und schwer. „Ja— er war trotz allem gütig und edel,“ sagte sie leise.„Und er mochte vielleicht ahnen, wie schwer ich habe büßen müssen. Von dem Tage an, da er Hohenlinden verließ, habe ich nicht mehr gewußt, was es heißt, glücklich zu sein.— Warum ich so offen mit Ihnen spreche?— Ich glaube, Sie wissen es. Als ich Sie oben in der Ruine sah, glaubte ich, der Herr habe mir mein Unrecht verziehen und mir meinen Sohn zurückgegeben.“ (Fortsetzung folgt.) 3 — c2 10 Denkspruch. Klar muß es sein! ich kann entsagen, Wenn mir's das Schicksal zubestimmt, Viel leichter, als den Zweifel tragen, Der Kraft auf Kraft mir ltückweis nimmt. Aus Schmerzen kann ich mich erheben, Und gegen Stürme wächst der Mut, Doch zwischen Furcht und Hoffnung schweben, Das läßt verdorr’n in Sonnenglut. Feigherz'ge Ohnmacht mag sich sonnen An flüchtig trügerischem Licht— Nein, ganze Schmerzen, ganze Wonnen, Nur gegen Schatten kämpf' ich nicht! Cempeltey. Großmutters Reisetasche. Novellette von B. Ritter. (Nachdruck verboten.) Ganz verwirrt bemüht sie sich, die ominöse Tasche im Netz unterzubringen. Der junge Herr springt auf, ihr zu helfen. Sie stammelt ein schüchternes:„Danke sehr“ und drückt sich dann in die Ecke, die Augen schließend. Sie schämt sich entsetzlich. Die Herren haben so elegantes Handgepäck bei sich— alle Leute überhaupt, alle besseren Reisenden. Nur sie muß mit dem greulichen Möbel reisen! Es ist einfach fürchterlich! Sie stellt sich schlafend, aber wenn sie bei einem plötzlichen Stoß des Wagens unwillkürlich die Augen mal öffnet, bemerkt sie jedesmal, wie die Blicke des alten Herrn unverwandt an der Tasche, an Großmutters Reisetasche, hängen. Hanna schämt sich immer mehr. Wenn doch erst die nächste Station erreicht wäre, daß sie heraus könnte. Sie sieht den Zettel nach, auf den ihr der Herr Oberförster alles ganz genau aufgeschrieben hat. Noch fast eine Stunde! Der Schnellzug hält nur an ganz wenigen Stationen. Sie wird nun wieder tun, als wenn sie schliefe. Eben will sie sich in ihrer Ecke zurücklehnen, da beugt sich der alte Herr zu ihr:„Sie entschuldigen eine Frage, mein Fräulein— diese Reisetasche—“ Himmel, jetzt spricht sie der Fremde gar auf die Tasche an!—„stammt wohl aus alter Zeit? Ich meine, damals hatte man solche Taschen, und ich irre auch wohl nicht, wenn ich annehme, daß diese Buchstaben den Namen einer früheren Besitzerin bezeichnen?“ Hanna nickt und murmelt tonlos:„Ja, die Tasche stammt von meiner Großmutter.“ „Verzeihen Sie meine Neugierde, aber die Sache interessiert mich aufs höchste. Hieß Ihre Großmutter mit ihrem Mädchennamen„Melanie Körner" und— lebt sie noch?“. 4u— sich äherlgaud E Wieder nickt Hanna und dann, sich üverlegeno, oaß die Reisetasche nicht eine Zielscheibe des Spottes für den alten Herrn ist, spricht sie nun viel sicherer:„Ja, so hieß meine Großmutter mit ihrem Mädchennamen. Sie kennen meine Großmutter und auch die Tasche?“ „Freilich kenn' ich sie.“ Der alte Herr nimmt die Tasche herunter.—„Die Rosen haben sich ganz frisch erhalten, fünfzig Jahre lang! Ja, ja, so lange ist's her, daß ich als fröhlicher Student über den Thüringer Wald fuhr, im Postwagen, viele Stunden lang. Mit der Besitzerin dieser Tasche zusammen. Und wenn wir umsteigen mußten, dann trug ich die Tasche. Und wenn's bergan ging, dann wanderten wir zu Fuß, das junge Mädchen und ich— ja, ja, liebes Fräulein, Ihre Großmutter war damals ein junges Mädchen, so, wie Sie jetzt, aber sie sah anders aus, blaue Augen hatte sie und braune dicke Zöpfe. Ja, und wir sangen Wanderlieder zusammen, und der Schwager— so nannte man damals den Postillon— blies uns eine Volksweise der andern. Ach, es war ein herrlicher Tag!“ nach „Davon hast du mir ja niemals etwas erzählt, Vater?“ „Es gibt Dinge, mein Junge, über die das Alltagsleben einen dichten Schleier breitet, unter dem sie schlummern. Dann kommt wohl ein Augenblick, der sie wieder wach werden läßt. Bald ist's ein vergilbter Brief, der uns in die Hand fällt, bald ein Geruch, uns zugeweht aus einem Garten, an dem wir vorübergehen, der Längstvergangenes lebendig macht. Diesmal ist's die Reisetasche.“ Liebkosend streicht der alte Herr über die Stickerei, und die beiden jungen Menschen lauschen atemlos, als er nach einer Pause fortfährt:„Ja, es war ein herrlicher Reisetag! Ich stand im letzten Semester, und als ich meinem Ziel nahe war— da war mir's klar: Die oder keine! Die muß deine Frau werden. Ich fragte sie, ob ich nach bestandenem Examen sie aufsuchen und um ihre Liebe werben dürfe. Da wurd' sie ganz blaß und stockend erwiderte sie mir:„Ich bin heimlich verlobt, in sechs Wochen soll die Verlobung bekanntgemacht werden.“ Mir war's, als hätte sich der Himmel plötzlich verdunkelt. So jäh diese Liebe über mich gekommen, so gewaltig hatte sie mich gepackt. Ich hab' lange gebraucht, bis ich die Erinnerung an das liebliche Mädchen aus meinem Herzen bannen und um eine andere, um deine gute verstorbene Mutter, mein Junge, werben konnte. Und nun sagen Sie mir, Kind— ich darf Sie wohl so nennen— wo lebt Ihre Großmutter und ist ihr ein glückliches Alter beschieden? Sie wissen natürlich nicht, ob auch sie noch zuweilen der Postfahrt durch den Thüringer Wald gedenkt?“ „Doch, Herr—“„Professor Horst,“„doch Herr Professor, ich weiß es. Heute morgen vor meiner Abreise hat sie mir davon gesprochen. Ich wollt' die alte Tasche nicht— ich schämte mich so sehr, mit der Tasche zu reisen. Da sagte Großchen, die Tasche habe sie einst auf einer wundervollen Fahrt über den Thüringer Wald begleitet. Und dann setzte sie etwas hinzu, was ich nicht recht verstand. Aber nun versteh' ich, wie sie es meinte. Sie hatte nicht aus Neigung ihren Bräutigam gewählt, sondern um ihrer Eltern Wunsch zu erfüllen. Arme Großmutter! Aber unglücklich ist sie nicht geworden, sie hat eine sehr friedliche Ehe mit Großvater geführt, das hat sie mir versichert.“ „Das freut mich aufrichtig! Nun aber wollen wir die Vergangenheit ruhen lassen und uns der Gegenwart und dieses netten Zusammentreffens freuen. Sie müssen mir erzählen, wie Sie leben und wo Ihre Reise hingeht.“ Hanna nennt ihr Ziel und erwähnt, daß sie eine Besuchsreise zu Verwandten macht. „Ach, das ist ja aber prächtig, dann machen wir die ganze Fahrt zusammen. Und da Ihr Ziel unser Wohnort ist, so ist auch Hoffnung vorhanden auf ein Wiedersehen dort. Vielleicht kenn' ich Ihre Verwandten—“ „Landgerichtsdirektor Reimer ist mein Onkel.“ „O, das wird ja immer besser! Mein Sohn steht direkt unter Ihrem Herrn Onkel. Ja so, ich muß Ihnen den jungen Mann erst mal ordnungsmäßig vorstellen: Dr. jur. Otto Horst, Gerichtsassessor und Leutnant der Reserve, Fräulein— ja, Sie müssen mir nun aber mal helfen, Ihren Namen brauch' ich unbedingt dazu.“ „Hanna Wohlmut.“ „Also Fräulein Hanna Wohlmut. Und Ihre Eltern — es ist nicht Neugierde, sondern wirkliches Interesse, das mich fragen läßt“. g. g# „Meine Eltern sind tot. Ich vin bei meiner Großmutter erzogen worden.“„ g(4 „Ach, so jung schon Waise! Aber bei einer solchen Großmutter, da hat's das Schicksal doch gut mit Ihnen gemeint, Kindchen. Na, nun aber keine traurigen Gedanken mehr. Sehen Sie nur, wie schön die Sonne scheint. Und dort der Fluß und da drüben das stattliche Schloß! Ja, das Reisen ist doch eine Lust! Wenn's Essen, 4. Juni. Heute morgen um 5 Uhr wurde von vorübergehenden Arbeitern in der Berne kurz vor der Schleuse an der Kläranlage die Leiche eines Mannes gefunden. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß der Mann überfallen und dann, noch lebend, in die Berne geworfen worden ist. Der Hinterkopf des Ueberfallenen wies schwere Wunden auf. Drolshagen, 4. Juni.(Tödlich verunglückt.) Infolge Explosion von Sprengpulver wurde im Steinbruche zu Börlinghausen der Bruchmeister Rath aus Harpel schwer verbrannt. An den Verletzungen ist R. gestern gestorben. Letzte Drahtmeldungen. Die Einladung des Jaren an Kaiser Wilhelm. Köln, 5. Juni. Die„Köln. Ztg.“ schreibt aus Berlin:„In der englischen Presse wird unter Kommentaren, die von einer großen Verstimmung zeugen, behauptet, daß der Besuch Kaiser Wilhelms beim Zaren auf die Initiative des ersteren zurückzuführen sei, und das Reutersche Bureau beeilt sich, diese Nachricht in der ganzen Welt zu verbreiten. Die der Wahrheit widersprechende Entstellung war vorauszusehen, da es in London, Paris und Petersburg Leute gibt, die glauben, daß Rücksichten auf England und Frankreich eine russische Initiative hätten ausschließen müssen. Die Einladung ist von Rußland ausgegangen, was russischerseits auch nicht bestritten wird. Erst vor kurzem noch war bei den Reisedispositionen des Kaisers mit dem russischen Besuche nicht gerechnet worden.“ Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit. * Berlin, 5. Juni. In Charlottenburg wurde im Beisein der Kaiserin und der Prinzessin Eitel Friedrich das Kaiserin Augusta=Viktoria=Haus eingeweiht, das der Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit im deutschen Reiche zu dienen bestimmt ist. „Radbod“=Opfer. Hamm, 5. Juni. Gestern wurden auf der Zeche „Radbod“ zwei weitere Leichen geborgen. Kardinal Kopp. * Breslau, 5. Juni. Die Fürstbischöfliche Geheimkanzlei meldet, daß die Krankheit des Kardinals Kopp als überstanden gilt. Die Besserung schreitet sichtlich vorwärts. Begnadigung Herzogs. * Heidelberg, 5. Juni. Der wegen Beleidigung des Fräuleins Olga Molitor zu einem Jahre Gefängnis verurteilte Redakteur Herzog der badischen Presse, wird, nach einer Meldung aus Karlsruhe, am 9 Juli, aus Anlaß des Geburtstages des Großherzogs von Baden, begnadigt werden. Doch Selbstmord. Würzburg, 5. Juni. Die Annahme, der Amtsrichter Gehring aus Schalkau bei Sonneberg, der am Pfingstsonntag im Treuchtlinger Schnellzug schwer verletzt aufgefunden wurde, sei das Opfer eines Raubattentats, entbehrt jeder Begründung. Es liegt lediglich ein Selbstmordversuch vor. Wellengrab Koblenz, 5. Juni. Ein hier zu Besuch weilender 10jähriger Knabe spielte mit der 8jährigen Tochter des Kaufmanns Bertram am Rhein. Plötzlich stürzte der Knabe in die Fluten und kurz entschlossen sprang ihm das Mädchen, um ihm Hülfe zu bringen, nach. Während der Junge gerettet werden konnte, ist das Mädchen ertrunken. Echt russisch. Petersburg, 5. Juni. Der Kommandeur des Orenburgischen Kosakenregiments, sowie verschiedene andere Offiziere des Regiments, sind beschuldigt, 500000 Mk. veruntreut zu haben. Das Kriegsgericht händigte ihnen die Anklageakten ein. Die kretische Frage. * Paris, 5. Juni. Die Kretafrage wird von der Mehrzahl der gestrigen Morgenblätter besprochen. Der „Petit Parisien" erzählt, daß der deutsche Kaiser bei seiner letzten Zusammenkunft mit König Georg sich den Wünschen Griechenlands nach einer Angliederung Kretas an Griechenland geneigt gezeigt habe, doch hätte die deutsche Diplomatie in Konstantinopel inzwischen eine andere Haltung anPöctnes. Wetterbericht der Deutschen Seewarte. 6. Juni: Abwechselnd, sommerlich warm. 7 Juni: Warm, wolkig, teils heiter, strichweise Regen. 8. Juni: Veränderlich, normal, meist trocken. 9. Juni: Kühler, teits heiter, teils bewölkt mit Regen. Das Vertrauen der Hausfrauen besitzt Kntcut-I. weil es hält, was es verspricht Man hüte sich v. NachahmungenPrima Karkessern gibt sehr billig ab Haufhaus für Lebensmittel. Brückstrasse 23. Ein fleißiges 2988 Cagesod. Halbtagsmädchen findet angenehme und dauernde Stellung. Bei wem, sagt die Geschäftsstelle der Schwerter Zeitung. für die bei dem Hengsen— 5 Wohnung Zimmer für sofort oder spä zu vermieten. 498 Hagenerstraße 60. 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Sottesdienstordnung der katholischen Pfarrkirche. Vormittags. 6½ Uhr: Stille hl. Messe. Kaplan Nieke. 7¾ Uhr: Frühmesse mit Predigt. Gemeinschaftl. hl. Kommunion der Jünglings=Sodalität. 9 Uhr: Schulmesse mit Predigt. Pater Orentius. 10¼ Uhr: Oeviten=Hochamt m. Pred. Pfr. Schnurdus. 2½ Uhr: Andacht mit Predigt; nachher Aufnahme in Sodalität. Lichtendorf. ½8 Uhr: Frühmesse. Vikar Böddiker. 10 Uhr: Hochamt mit Predigt. 2 Uhr: Andacht. Einzig am Platze! Spezial-Reparaturwerkstatt für Fahrräder, Motorräder und Nähmaschinen Grosses Lager in 1494 Fahrrädern, Nähmaschinen und Fahrrad-Ersatzteilen. SarrPeit, Hüsingstr. 24. Schwerte. Große Cabewbannen nach Pastor Felke praktisch für jeden Haushalt empfiehlt billigst 2962 K. Weinrerg. Hanier(zum Einwicheln z.) gibt billigst ad Maknlatur-Pupire Buchdruckerei Carl Braus. Zur Haarpflege emgiehle PIxavon p. Fl. 2.00 Mk. Birkenwasser P. Hl. 1.75 Mk. Brennesselspiritus p. Nl. 0.75 Mk. 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Pfarrer Pröbsting, Lüdenscheid. Es wird höflichst gebeten, Kinder unter 12 Jahren nicht mitzubringen. Abends 8½ Uhr: Vereinigung der Abgeordneten und Mitglieder des Evangel. Bundes im Gasthof„Zum alten Rathaus“(Rath). Montag den 7. Juni Vormittags 9 Uhr: Geschlossene Versammlung der Abgeordneten und Mitglieder im Gasthof„Zum alten Rathaus“. Ausweis durch Vollmacht oder Mitgliedskarte 1909 erforderlich. Mittags 1½ Uhr: Gemeinschaftl. Mittag. essen mit Damen im Hotel„Zur Post“. Unsere evang. Mitbürger werden freundlichst gebeten, durch Ausschmückung der Häuser, bezw. Ausbängen von Fahnen zur Verschönerung des Festes beizutragen. Der Festausschuss. Reparaturen an Regenschirmen in eigener Werkstatt ner auch an solchen, welche nicht von mir gekauft sind, prompt und billig. Auf jede Reparatur kann gewartet werden. Bernhard Feit Hüsingstrasse 23. 750 Fernruf 221 Bevor Sie tapezieren sehen Sie sich bitte meine neuesten Muster an. 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