Die„Schwerter Zeilung“ erscheint täglich, ausser Feiertags. : mk. 1.6s vierteljährlich, bei der Post 42 Pf. für Bestellgeld mehr. Wöchentliche Gratis-Beilage:„Ilustrierter Auzeigenpreis: Die sechsgespaltene Petitzeile oder deren Raum 19 P., Anzeigen von auswärts 18 Pf., Reklamezeile 40 Pl. Erstes und älteltes Cagesorgan des Kreises. Haupt-Annoncenblatt. Alie Kreis- und Lokalpolizeilichen Verordnungen für den Kreis durch Verössentlschung in der„Schwerter Teltuag“, rechl. Drucu. Verlag von Gar. Pien:, Schessgt, Frn:r s a-Apssuz; Nr. 62 Ami Schwerte. Celegr.=Kuresve: wraus, Ichwerte-Ruhr Guter Wille. Der deutsche Reichstag tritt in der nächsten zu neuem Raten und Taten wieder in Berlin zusammen Wie seine praktischen Leistungen in Wahrheit beschaffen sein werden, das kann natürlich niemand voraussagen, aber eins ist doch zu konstatieren, daß es beim Reichskanzler wie den Mehrheitsparteien nicht ar gutem Willen sehlt, zu ersprießlichen Beschlüssen zu kommen. Für die neue Flottenvorl#ge, welche die aktive Dienstzeit der großen Panterschiffe verkürzt, hat sich namens der Zentrumspartei ja auch, wie erinnersein wird, deren Führer, der Abg. Spahn, in einer Rede in Bonn ausgesprochen. So ist denn tatsächlich viel Bereitwilligkeit zu konstatieren, die Session mit anderem als mit uferlosen Debatten auszufüllen, und der übliche sozialdemokratische Redestrom wird sich wohl verschiedene Eindämmungen gefallen lassen müssen. Es kann bei dieser Sachlage nicht viel ausmachen, wenn sich wirklich einmal einige Meinungsverschiedenheiten zeigen; so leicht fällt die Reichstags=Mehrheit nicht auseinander, und ernste Versuche, sie zu sprengen, werden bei den Interessenten jedenfalls unterlassen werden, dafür ist früher zu viel Lehrgeld bezahlt. Wenn die Blockparteien schon länger in dieser Weise sich„angefreundet“ hätten, wären manche Ereignisse in unserem politischen Leben ungeschehen, viele Beschlüsse ungefaßt geblieben. Leistungen, praktische, positive Taten, darum handelt es sich! Auch in der großen Einigungsversammlung der linksliberalen Parteien in Frankfurt am Main ist das ausgesprochen, mit dem Kritisieren allein ist es nicht mehr getan, es handelt sich um das Vollbringen. Dem deutschen Volke muß gezeigt werden, daß der Reichstag befähigt ist, den Reichskarren vorwärts zu bringen; eine gesunde Politik hebt das Vertrauen auf günstigen Verlauf von Handel und Wandel, kräftigt das Rückgrat des Nährstandes. Die Zerfahren heit in der Politik lähmt und fördert nur die sozialen Kämpfe, die dem Gewerberfleiß doch wahrlich genug Wunden geschlagen haben. Wenn in dieser großen Hauptsache Einvernehmen besteht, dann mag ruhig in Einzelheiten jede Fraktion ihre bestimmte Ueberzeugung haben. Das muß so sein und schadet auch nicht. Nicht die verschiedenen Parteigrundsätze haben früher so viel zur Vergiftung des politischen Lebens beigetragen, sondern die Schroffheit, mit welcher anders Denkende angegriffen wurden. Namentlich auf wirtschaftlichem Gebiet war das der Fall. Nicht unter einen Hut sollen die Angehörigen der verschiedenen Fraktionen, wohl aber haben sie eine andere Meinung zu achten. Eine Anerkennung der abweichenden Anschauungen liegt darin nicht, nur ein Entgegenkommen gegenüber der Persönlichkeit, an dem es bei uns viel mehr fehlte wie z. B. in England. Probieren geht über Studieren. Zahlreiche Neurungen sind bei uns Tatsache geworden, die früher für unmöglich erachtet wurden. Selbst die letzte Wahlperiode des Fürsten Bülow war ja eigentlich ein großes Probieren. Politiker, wie z. B. der aus dem Amte geschiedene Graf Posadowsky, haben nicht an einen Erfolg des Reichskanzlers bei den letzten Wahlen geglaubt, wenigstens nicht in dem Maße, in welchem er eingetreten ist. Daß„etwas nicht geht“, kann man vorher schwer behaupten, heute sind in manchen Punkten die Befürchtungen größer, alls sie zu sein brauchen. Die Zukunft des Deutschen Reiches ist seit 1871 wer weiß wie oft schon äußerst pessimistisch hingestellt, und es ist immer noch besser gekommen. Wir hören viele Klagen, aber schließlich tauschen diese„Stöhner" noch lange nicht mit Zeitgenossen in anderen Ländern. Der Reichstag soll eine im besten Sinne des Wortes moderne und nationale Politik in Angriff nehmen und zum guten Willen muß dabei Wagemuk sich gesellen. Wenn noch einer daran gezweifelt hat, so haben die letzten Wahlen doch bewiesen, daß das Reich fest steht und einen Puff vertragen kann. So können wir auch bei der gesetzgeberischen Arbeit getrost es auf das Probieren ankommen lassen; kein Lavieren, kein ZickZackkurs, sondern gerade drauf los! Wir merken schon, wo alles hinaus will. Neueste. Die mit einem“ versehenen Nachrichten sind unten weiter ausgeführt. N 19 * Prinz Arnulf von Bayern it in Venevig ge* Das Enteignungsrecht in Polen soll sich auf die Mittel der Ansiedlungskommission beschränken. * Mit einer Leuchtgranate macht man zurzeit in o IZu Newyort setzt eine Lohnbewegung von 25000 Weichenstellern ein. 45r 46r 46t i Aict erschschogne Bosdoner Wüclien der üich oue den Premierminister Campbell Bannermann von dem ruhebedürftigen Kaiser sprechen. Der Kaiser ist, wie auch die„Münchener N. N.“ auf Grund authentischer Informationen mitteilen können, vollkommen gesund. Seine Stimme ist keineswegs bedeckt, sondern durchaus klar, wie noch die Ansprache bei der jüngsten Rekruten=Vereidigung in Berlin bewies. Die Ueberraschung Portsmouths, so kann man die Ankunft in jenem englischen Hafen als Extrakapitel der Kaiserreise überschreiben. Man lese nur folgende Schilderung von dort: Der gestrige Tage in mouth war infolge der durch den Nebel geschaffenen Situation ein Tag der Irrungen und Wirrungen: das Militär wurde, da man nach den Berechnungen annahm, die Hohenzollern könne nicht vor 2dreiviertel Uhr einlaufen, entlassen, die Offiziere und der Lordmayor zogen ab, und absolute Ruhe trat an die Stelle des militärischen Treibens. Da plötzlich wird gemeldet, die Hohenzollern sei nahe, und schon hört man den Donner der salutierenden Geschütze. Der Kaiser fährt die Kriegsschiffallee der Kanalschiffe ab. Um 1 Uhr 30 Minuten, ehe man sichs versah, läuft die Hohenzollern Politische Uebersicht. Deutschland. Zur Kaiserreise. Windsor, 12. Nov. Der Nebel verschwand heute früh vollsständig, und die Sonne schien von einem herrlich blauen Himmel hernieder. Rtach einer Avo) tuf H der Ahnig nach Eranhorneto=sstolz Hasen ein und macht im umsehen fest. Der o te g gm auch die Kaiserin, die Kö= ganze Akt vollzieht sich ohne Sang und Klang. Nicht wer zum Frühstick, an venn. u.2, v.—.; Eöniglichen einmaf die nigin und die Prinzessin und Damen der Familie teilnahmen. Nach dem Frühstück kehrten die Königin mit der Kaiserin und den Prinzessinnen nach Windsor zurück, während der Kaiser und der König mit den anderen anwesenden Herren die Jagd bis zum Eintritt der Dunkelheit fortsetzten und sich dann nach dem Schloß zurückbegaben. Das Programm für das weitere Verweilen des Kaisers in England nach Beendigung des offiziellen Besuches am Montag steht noch nicht fest. Die Kaiserin dagegen wird sich am Sonnabend oder Sonntag an Bord der Hohenzollern nach Holland begeben. Staatssekretär von Schoen kehrt am Montag nach Berlin zurück. Portsmouth, 12. Nov. Bei dem von den Marinebehörden veranstalteten Mahle für die deutschen Mannschaften wurden Trinksprüche auf Kaiser Wilhelm und König Eduard sowie auf die deutsche Marine ausgebracht. Während des Mahles konzertierte die Artillerie=Musikkapelle, mit der auch die deutschen Mannschaften abgeholt und zum Festlokal geleitet worden waren. Rotterdam, 12. Nov. Die Kaiserin wird am Sonntag gegen Mittag an Bord der Hohenzollern in Ymuiden ankommen, wo der kaiserliche Sonderzug für die Reise nach Het Loo bereit steht. Die Kaiserin reist abends zehn Uhr mit dem nämlichen Zuge nach Deutschland. Die politische Bedeutung des Kaiserbesuchs wird natürlich viel erörtert. Einige Blätter möchten am liebsten eine Umwälzung dergesamten europäischen Politik aus dem Besuche herauskonstruieren, andere wieder sprechen ihm alle und jede politische Bedeutung ab. Die Wahrheit liegt sin der Mitte: Keine neuen politischen Abmachungen, wohl aber, gleich dem Besuche des Königs Eduard in Wilhelmshöhe, eine Krönung der Verständigungs= und Annäherungsbestrebungen, die schon seit Jahr und Tag in die Erscheinung traten. Der Kaiser und die Kaiserin, die in dem gewaltigen Schlosse von Windsor die ältesten und mit auserbesener Pracht ausgestatteten Gemächre bewohnen, haben als Gäste des englischen Königspaares ein gerüttelt Maß voll Repräsentationspflichten zu erfüllen. Nach den Empfangsfeierlichkeiten am Montag und dem großen Festmahl sand am Dienstag Jagd im WindsorWalde statt, abends Staatsbankett in der St. GorgeHalle. Heute vormittag geht die Fahrt nach London. Vom Bahnhof aus begibt sich der Kaiser im feierlichen Zuge zum Rathaus, wo ihm eine Huldigungsadresse in goldener Kassette üüberreicht wird. Nach einem Galafrühstück in der Bibliothek kehrt der Kaiser nach Windsor zurück, wo abends wiederum großes Diner im Staatssaal stattfindet. An die abendlichen Diners schließen sich regelmäßig musikalische oder theatraltsche Aufführungen. So geht es Tag für Tag. Ein derartiges Festprogramm durchzuführen, bedeutet eine strapaze, der nur eine ganz gesunde Konstitution gewachsen ist. Um so unbegreiflicher erscheint es daher, einmal die Willkommen=Nationallhymne wird gespielt, da keine Musik zur Stelle ist. Alles wird zusammengetrommelt, Matrosen, Artilleristen und die rotröckige Marineehren=Kompagnie. Der Lordmayor stellt sich wieder mit seiner Adresse ein und der Marinestab erscheint auch wieder. Inzwischen wird auf der Hohenzollern unter den Klängen ihrer eigenen Kapelle dejeuniert. Sodann beginnt die Ausschiffung. Die ersten Passagiere, die erscheinen, sind des Kaisers braune Teckel. An Deck wird es inzwischen lebendig, man trinkt Kaffee. Endlich erscheint der Kaiser mit dem Prinzen von Wales, er schreitet die Front der Marineehrenkompagnie ab, an dem rechten Flügel stehen einige Journalisten, die der Kaiser freundlich grüßt. Der Kaiser scheint in bester Stimmung. Das Befinden der Kronprinzessin Cäcilie, die in diesen Tagen zum zweiten Male Mutter geworden ist, und des neugeborenen Prinzen ist andauernd so günstig, daß Berichte nicht mehr ausgegeben werden. Wechsel im Reichsschatzamte? Berliner Blätter nahmen, wie wir bereits durch Telegramm meldeten, von einem Börsengerüchte Notiz, wonach der Geheime Kommerzienrat Ernst v. Mendelssohn=Bartholdy, der vor kurzem aus der Firma Mendelssohn u. Co. ausschied, alls Nachfolger des Frhr. von Stengel zum Staatssekretär des Reichsschatzamtes ausersehen sei. Gleich Dernburg sollte also wieder ein Kaufmann an die Spitze eines Reichsamtes gestellt werden. Der Gedanke sist keineswegs unsympathisch, nur besitzt das Gerücht vom bevorstehenden Rücktritt des Schatzsekretärs v. Stengel angesichts der Abwesenheit des Kaisers und der in der kommenden Woche erfolgenden Eröffnung des deutschen Reichstags wenig Wahrscheinlichkeit. Die Neugestaltung der Arbeiterversicherung. Der Staatssekretär des Reichsamts des Innern v. Bethmann und der preußische Handelsminister Dr. Delbrück hatten am Montag in Berlin mit VenwaltungsBeamten der Provinz Brandenburg eine Besprechung über die Neugestaltung der Grundlagen der ArbeiterVersicherung. Aehnliche Beratungen haben, wie wir zur Zeit meldeten, bereits in Breslau, Danzig und Düsseldorf stattgefunden. Die Ergebnisse sollen jetzt zusammengesaßt werden. Nach der amtlichen Lebensmittelpreistabelle sind im Oktober die Preise für Brotgetreide überall weiter gestiegen, während die Fleischpreise, insbesondere der für Schweinefleisch, an vielen Orten einen Rückgang zeigen. Der Preis für Geu und Stroh steigt sangsam, der für Hafer zeigt nach dem scharfen Rückgang des September starke lokale Schwankungen, bei denen die Herabsetzungen noch überwiegen. Auch der Kartoffelpreis hat sich in seiner Bewegung noch nicht einheitlich gestaltet. Die Abschlußkonferenz über die Neugestaltung der Grundlagen der Arbeiterversicherung wurde vom Staatssekretär v. Bethmann und dem preußischen Handelsminister abgehalten. Der Entwurf eines Besoldungsplanes für die Reichsbeamten ist laut der Voss. Ztg. vom Reichsschatzamt fertiggestellt. Der Begin der kommissarischen Benatungen wird bald erfolgen. In Preußen sind die Beratungen über den vom Finanzminister aufgestellten Besoldungsplan in enster Lesung beendigt. Er wird nach den Komissionsbeschlüssen umgearbeitet. Zu dem Vereinsgesetzentwurf, der dem Bundesrat seit einigen Wochen vorliegt, haben die einzelnen Bundesregierungen Stellung genommen. Nach der Beratung durch die Ausschüsse wird sich das Plenum des Bundesrates noch vor dem Zusammentritt des Reichstags am 22. d. Mts. mit dem Gesetzentwurf beschäftigen. Der Reichsetat sieht eine Gehaltsaufbesserung der Offiziere nicht vor. Eine solche wird jedoch gleichzeitig mit der Aufbesserung der Reichsbeamten im Februar k. J. vom Reichstage gesordert werden. Die Gehaltserhöhung soll sich aber nur auf die Leutnants, die Hauptleute und die Bataillonskommandeure erstrecken. Italien. Der ehemalige italienische Minister der öffentlichen Arbeiten Gianturro ist gestorben.— Der Senat beschloß, im Prozeß Nasi auch der von der Kammer absichtlich bei Seite gelassenen Angelegenheit der „Subsidiengelder“ auf den Grund zu gehen. Es handelt sich um eineinviertel Millionen Lire, die Nasi für seine Anhänger und Freunde verschleudert hat. Rußland. Auch die dritte Duma wird trotz ihrer Regierungsfreundlichkeit am Donnerstag nicht vom Zaren persönlich, sondern in dessen Auftrage vom Vizepräsidenten des Reichsrats Gobubzew eröffnet. Vielleicht lassen den Zaren Attentatsbefürchtungen die Vorsicht angezeigt erscheinen. Schlimm genug steht's fort und fort: In Radow wurde der Polizeikommissar während der Theatervorstellung erschossen. In Bialystrov wurde im Hause eines reichen Kaufmanns eine für Lodz bestimmte Waffensammlung von 150 Pistolen, Munition und 10 Bomben entdeckt. In Wladiwostock kam man einer revolutionären Militär=Organisation, die sich im Besitz von Waffen und Bomben befand, auf die Spur. Frankreich. Das Land wird durch einen vierten Spionagesall innerhalb weniger Tage in Aufregung versetzt. Es soll sich um eine internationale Organisation für Spionage im Küstengebiete handeln.4 Japan. Die Folgen der Ausschreitungen gegen die japanischen Einwanderer in Amerika machen sich in Japan! bemerkbar. Es wird dort beabsichtigt, eine Gesellschaft für Auswanderung nach Korea unter dem Namen „Tokio Imiro Kaisha zu gründen, um den Strom der japanischen Auswanderer in erster Linie nach Korea zu lenken. Aus Stadt und Umgebung. Schwerte, dden 13. November. Ein Stück Kulturgeschichte und Volkswirtschaftslehre) steckt auch in den Zeitungs=Annoncen, und wer sie richtig zu lesen versteht, der wird aus iihnen weit mehr entnehmen, als er glaubt. Denn am Ende spiegelt sich auch in der kleinsten Anzeige ein Stück Leben aus der Gegenwart wieder, und besonders wird das deutlich, wenn man einst und heute miteinander vergleichen kann. Das stellt sich bei den allereinfachsten Dingen des bürgerlichen Lebens heraus. Nehmen wir schon Stellengesuche und Angebote. Da haben wir schon einen ganz anderen Ton, wie vor einem ViertelJahrhundert, und aus den Anzeigen, die Hauspersonal betreffen, erzielt sich ohne weiteres die himmelhohe Veränderung, die sich auf diesem Gebiet sin den vorhandenen guten Kräften in der Bezahlung vollzogen hat. Das Gleiche erleben wir in den Wohnungs=, Haus= und Grundstücks=Insseraten, die erkennen lassen, welche Ansprüche heute nicht allein gemacht, sondern auch erfüllt werden. Die Geschäfts=Ankündigungen stellen uns den ganzen großartigen Siegeszug der Industrie vor Augen, denn jedes neue Fabrikat hat doch die Vorbedingung seiner Ausklügelung. Welchen immensen Wechsell stellt schon das einzige Kapitel„Licht und Beleuchtungsgegenstände" dar? Und bei den Lebensmitteln finden wir als etwas Alltägliches für den Bürgertisch, was früher als Luxus angestaunt, aber nicht etwa verzehrt wurde. Dazu war kein Geld da. Wir sprechen von teueren Zeiten, und dabei konstatieren die Riesen=Inserate der großen Champagner=Firmen, wie sie in illustrierten Journalen zu finden sind, einen ununterbrochen steigenden Umsatz. Wir hörten aus dem Vorjahr, dem Bierkriegsjahr, mit betrübter Miene verkünden, daß die Betriebe die Kosten kaum noch aufbringen könnten; heuer aber lesen wir eine Bierempfehlung, deren Brauerei siebenzehn Prozent Dividende gibt. Dabei braucht man doch noch nicht gerade Hungers zu sterben. Und so ist’s mit manchem anderen! Das sind Stichproben aus dem Inseratenteil, die noch weit ausgedehnt werden könnten. So z. B. deuten die oft nicht geringen Verlust=Anzeigen zum Anfang der Woche auf die„zeitgemäße“ Sonntagsruhe hin. Wer sehen kann, sieht die Zeit, wie sie ist, ohne allen Schein. Denn in den Annoncen gibt sich unfreiwillige Offenheit. *(Behandlung beschädigter Münzen.) Die Behandlung beschädigter Münzen gibt häufig Anlaß zu Klagen. Mehrere Handelskammern haben an die preußische Finanzverwaltung Gesuche eingereicht, in benen um eine mildere Ausübung der Vorschriften über die Behandlung derartiger Münzen gebieten wird. Darauf sist vom preußischen Finanzminister in einer Verfügung an die Regierungen angeordnet worden, eine mildere Handhabung der gesetzlichen Vorschriften eintreten zu lassen, da diese selbst nicht geändert werden könnten. Grundsätzlich müsse es jedem überlassen bleiben, sich vor Verlusten dadurch zu schützen, daß er die Annahme beschädigter Münzen verwegere; das müsse auch im gewerblichen Leben die Richtschnur sein. Immerhin lasse sich nicht verkennen, daß bei den öffentlichen Kassen durch zu streges Verfohren, besonders durch das Einschneiden der Münzen, Härten erwachsen können; deshalb erscheine es angebracht, solche Unzuträglichkeiten auf ein möglichst geringes Maß zu beschränken. Danach sollen die nicht erheblich beschädigten echten Münzen zum Nennwerte angenommen und, falls die Beschätlgung so geringfügig ist, daß dadurch die Umlaufsfähigkeit nicht beeinträchtigt wird, dem Münzmetalldepot des Reiches zugeführt werden. Ein mildes Verfahren solle auch dann angewendet wer den, wenn die Beschädigung durch Brand erfolgt ist. Bei Zweifel über die Einlösbarkeit einer beschädigten Münze soll das Münzmetalldepot über die Annahme entscheiden, das auch ermächtigt worden ist, den Verkauf solcher Münzen, die nach den behördlichen Bestimmungen einzuschneiden sein würden, zu besorgen, wenn es dazu von dem Besitzer beauftragt wird. *:(Das Herz des niederrhein.=westfälischen Industriegebietes.) Verbindet man die Städte Köln, Duisburg=Ruhrort und Hamm in W. durch gerade Linien so entsteht ein fast rechtwinkliges Dreieck, dessen Hypothenuse die Linie zwischen Köln und Hamm bildet. Dieses Dreieck, welches die industriereichsten Gebiete der drei Regierungsbezirke Köln, Düsseldorf und Arnsberg in sich schließt, bildet den am dichtesten bevölkerten Teil des ganzen deutschen Reiches. In dem nur 2350 Quadratkilometer umfassenden Gebiete liegen nämlich die zehn Großstädte Köln, Düsseldorf, Essen, Duisburg, Dortmund, Elberfeld, Barmen, Gelsenkirchen, Bochum und Müllheim a. der Ruhr mit einer Gesamteinwohnerzahl von rund 2 Millionen. Außerdem gibt es in demselben eine große Anzahl Industriestädte mittlerer Größe, wie Solingen, Remscheid, Ronsdorf, Lennep, Hagen, Hamm, Oberhausen, Herne, Witten, Hörde, Wattenscheid, Schwerte u. a. Rechnet man hierzu noch die zahlreichen Kleinstädte und industriereichen Landgemeinden, so erhält man in diesem Dreieck eine Bevölkerungszahl von rund 3 Millionen, sodaß auf den Quadratkilometer durchschnittlich etwa 1275 Seelen entfallen. Das wirtschafftliche und Verkehrsleben, das in diesem Dreieck pullsiert, ist sonst nirgends im deutschen Reiche sin gleicher Großartigkeit mehr zu finden. Man darf mit Rücksicht hierauf dieses geographische Dreieck wohl mit vollem Recht als das eigentliche Herz des ganzen niederrheinisch=westfälischen Industriebezirks bezeichnen, zumal es auch den Zentralpunkt des Kohlenbergbaues, der Eisen= und sonstiger blühender Industrien bildet. Umgeben wird dieses wirtschaftliche Zentralgebiet im Westen und Osten von landwirtschaftlichen, im Norden und Süden von gewerbreichen Gebieten, die in wirtschaftlicher Beziehung von ersterem fast ganz abhängig sind. Von dem gesunden Pulsschlag dieses großartigen wirtschaftlichen und Verkehrslebens hängt auch die Gesundheit der benachbarten Gewerbe und landwirtschaftlichen Betriebe fast allein ab, denn ist das Herz gesund, so sind es auch die benachbarten Teile des ganzen Körpers, hier des ganzen niederrheinisch=westfälischen Industriebezirks. **(Warnung vor der Beteiligung an dem sogenannten Serien= und Prämienlosgesellschaftsspiel.) Dieses Spiel wird in Deutschland seit längerer Zeit durch sogenannte„Bankgeschäfte“ in der Weise betrieben, daß die Bank ffür je 12 Lose verschiedener fremder Staats= oder Privatanleihen, die sie in ihrem Besitz hat und über die iihr allein die Verfügung und Kontrolle zusteht, eine Gruppe von 200 lbis 400 Spielern bildet. Der monatliche Betrag beträgt durchweg für einhundertstel Anteil 10 Mark, für ein zweihundertstel 5 Mark, für ein vierhundertstel 3 Mark und muß vor der betrefffenden Monatsziehung eingezahlt werden. Während hiernach der Einsatz, namentlich für die mittleren und unteren Stände, auf welche das Unternehmen hauptsächlich berechnet ist, als besonders hoch bezeichnet werden muß, hat die Erfahrung gelehrt, daß nirgends mehr Nieten gezogen werden, als bei dieser Verlosung und in den allermeisten Fällen den Spielbeteiligten am Schlusse der Spielzeit von ihrem hohen Einsatz nur einige Pfennige oder Mark als„Gewinn“ zurückgezahlt werden. Zudem sehlt den Spielern jegliche Kontrolle über die gezogenen Gewinne, wie auch darüber, ob die Lose überhaupt im Besitze der Bank sind; sie sind darum für ihr gutes Geld auf das blinde Vertrauen zu einem ihnen ganz unbekannten, womöglich ganz mittellosen Unternehmer angewiesen, das, wie die Erfahrung gelehrt hat, leider nur zu oft getäuscht worden ist. Nach alledem kann das ganze Spiel nur als ein auf die Ausbeutung des Publikums gerichtetes Unternehmen bezeichnet werden, vor dem nicht eindringlich genug gewarnt werden kann. (Stenographen=Verein Arends.) Die gestrige Generalversammlung beschäftigte sich in der Hauptsache mit dem diesjährigen Winterkränzchen, das am 7. Dezember im Saale des Herrn Schulze=Selmig gefeiert werden soll. Den Vorbereitungen nach zu urteilen wird das Fest alle bisherigen an Abwechselung bei weitem übertreffen. (Theater in Schwerte.) Am nächsten Sonntag wird die Direktion des Stadttheaters Iserlohn nach hier einen Abstecher machen und im Saale des Hotel Ostermann eine Vorstellung veranstalten. Zur Aufführung kommt ein Schwank in drei Akten„Der llustige Witwer". Die Kräfte, welcher der Direktion zur Verfügung stehen, erfreuen sich in Iserlohn seitens des Publikums freundlichen Beifalls u. seitens der Presse wohlwollender Kritik.(S. Inserat.) *(Ein Bücherschwindler) ging gestern hier auf Raub aus. Kommt da zur Frau eines hiesigen Obermeisters ein adretter junger Mann und bringt ihr ein Werk, daß ihr Mann bestellt habe. Davon war der Frau nichts bekannt und sie verwies den„Herrn“, an ihren Mann. Sofort erklärte er sich bereit denselben auf dem Werke aufzusuchen. Nach kurzer Zeit kommt er zurück mit der Bestellung, die Frau solle ihm fehlende 20 Mb. aushändigen, da der Mann nur 12 Mk. gehabt hätte. Leider fiel die Frau auf den Schwindel hinein, gab die 20 Mk. heraus und der Schwindler verduftete.— Im Anschluß daran sei überhaupt vor diesen Bücherreisenden nachdrücklich gewarnt. Man wird in fast allen Fällen übers Ohr gehauen. Konnte doch zur Zeit noch die Braussche Buchhandlung feststellen, daß ein Werk im Werte von 3 Mk. mit 10 Mk. vertrieben wurde. Bücher kauft man in Buchhandlungen am Platze. **(Zu großem Schaden) kam gestern abend ein Fuhrmann auf der Strecke nach Hörde durch eigene Schuld. Der wackere Rosselenker, der eins über den Durst getrunken hatte, zottelte mit seinem Fuhrwerk von rechts nach links und umgekehrt. Als er wieder einmal unversehens die Gleise der Elektrischen kreuzte, kam ein Wagen derselben, erfaßte sein Fuhrwerk und fuhr es mitten durch. Glücklicherweise kamen Menschen nicht zu Schaden. Bei Besichtigung des Schadens wird der Rosselenker wohl nüchtern geworden sein. **(Unfall.) Der an der Bahnhofstraße wohnende Obermeister Edelhoff, ein schon bejahrter Herr, wollte in seiner Wohnung einen Gegenstand vom Schranke nehmen. Dabei fiel er aber vom Stuhl und zog sich nicht unbedeutende Verletzungen zu, welche ihn für die nächste Zeit arbeitsunfähig machen. **(Personenstandsaufnahme.) Die Personenstandsaufnahme in der Stadt Schwerte ergab am 15. Oktober 1907 eine Bevölkerungszahl von 13.629 Personen, gegen 13015 am 1. Dezember 1905. Es bedeutet das also einen Zuwachs von 614 Seelen. Westhofen, 13. Nov.(Repräsentantenwahlen.) Bei der Neuwahl der größeren kirchlichen Vertretung wurde anstelle des Herrn Oekonom Dahlbüdding Herr Fabrikarbeiter Fritz Brinkmann zum Repräsentanten gewählt. Die übrigen ausscheidenden Mitglieder wurden wiedergewählt. *c* Berghofen, 12. Nov.(Amtsjubiläum.) Heute waren es 25 Jahre, seitdem Herr Pfarrer Banke hierselbst ordiniert wurde. Weit üüber die Grenzen unserer Gemeinde hinaus ist der Jubilar, der nun schon 24 Jahre am hiesigen Orte wirkt, bekannt und belliebt. Eine Feier seines Ehrentages wünscht er nicht, und nur durch Zuftll wurde etwas darüber laut. Sicherlich aber haben viele mit uns dem hochverehrten Jubilar gewünscht, daß er noch recht vielle, wills Gott, noch weitere 25 Jahre, im Segen in seiner Gemeinde wirken möge. * Hörde, 12. Nov.(Betrug.) Seit einiger Zeit treibt sich hier in Wirtschaften und Privathäusern ein fremder Reisender umher, der für eine uswärtige Firma allerlei Musikinstrumente vertreibt. Bei der hiesigen Polizeiverwaltung sind sschon mehrere Fälle wegen Betruges zur Anzeige gebracht. Meldungen weiterer Geschädigten werden bei der Polizeiverwaltung entgegengenommen, damit dem Betreffenden das Handwerk gelegt werden kann.— Das Messer. Aus Anlaß eines Kartenspiels in der Gabelsbergerstraße kam es zwischen dem Maurer H. und dem Dachdecker St. Slawinski zu einem Wortwechsell, der in eine Schlägerei, bei der das leidige Messer wieder eine Rolle spielte, ausartete. Der Dachdecker wurde am Kopfe und an der linken Hand schwer verletzt, sodaß er ärztliche Hülfe in Anspruch nehmen mußte. Der Messerheld ist zur Anzeige gebracht. Westfalen und Rheinland. Hagen, 12. Nov. Zwei Fallschspieler, die sich eines unglaublich einfachen Tricks bedienten, um die Taschen anderer zu erleichtern, hatten sich hier vor der Strafkammer wegen Betruges zu verantworten. Der Hausdiener Arnold Bri wußte im Oktober vor. Is. ein paar Würfel so zu präparieren, daß die 3 und 5 doppelt vorhanden waren und der Bankhalter stets verlieren mußte. Auf diese Weise sind anderen Hausdienern von dem Br. und seinem Freunde Gottlieb H. namhafte Summen abgewonnen worden, bis nach einigen Tagen der Schwindel bemerkt wurde. Br. flüchtete zwar nach Amsterdam, wurde jedoch später verhaftet und nunmehr vom Gericht ebenso wie sein Kollege zu 5 Monaten Gefängnis verurteilt, welche Strafe durch die Untersuchungshaft als verbüßt erachtet wurde. * Dortmund, 12. Nov.(Tausend Mark Belohnung) hat der Regierungspräsident zu Arnsberg, wie bereits mitgeteilt, auf Ermittelung des Mörders der zweijährigen Elise Brambrink ausgesetzt. Vier Wochen sind bereits seit der schrecklichen Tat ins Land gegangen und noch immer erfreut sich der ruchlose Mörder der Freiheit. Sehr gut gemeint ist die Auslobung der 1000 Mark durch den Regierungspräsidenten, ob sie Erfolg haben wird, ist fraglich. Jeder, der irgend etwas angeben kann, das zur Ermittelung des Täters führen könnte, müßte sich doch freiwillig melden. Vor 28 Jahren, als die entsetzlichen Mädchenmorde(neun an der Zahl) im Bochumer Bezirke stattfanden, da führte die Auslobung von 10000 Mark allerdings zur Ermittelung des Mörders Besenbinder Schiff, der mindestens drei Morde begangen hatte. Habsucht verleitete nämlich den Mörder, einen anderen des Mordes zu denunzieren. Der Beschuldigte, ein Knecht aus Hofstede bei Bochum, konnte aber nachweisen, daß er zu der Zeit, als der Mord begangen wurde, im Gefängnis zu Münster gesessen hatte. Schiff hatte sich aber durch eingehende Angaben selbst verdächtigt, er gestand schließlich auch ein, die drei Mädchen ermordet zu haben. Statt der erhofften Belohnung von 10.000 Mark wurde dem Schurken durch den Scharfrichter Kraus der Kopf vor die Füße gelegt. * Iserlohn, 12. Nov. Daß es zu Unannehmlichkeiden führen kann, wenn aus unserer deutschen Sprache die Fremowörter nicht ausgemerzt werden, zeigt folgender Vorfall. In einer tkeinen Gemeinde Westsalens erhielt ein Schutzmann, der auch die Geschäfte eines Vollziehungsveamten versieht, den Auftrag, einen säumigen Steuerzahler zu mahnen bezw. zu pfänden. Es stellte sich jedoch inzwischen heraus, daß die Steuerkasse sich geirrt hatte und der Steuerbetrag entrichtet war. Schleunigst wurde dem Vollziehungsbeamten der Auftrag erteilt, die Pfändung zu inhivieren. Inhibieren?— Ach so, sofort ausfuyren. Den gepfändeten Schrank aufladen und den Verkauf beschleunigen, das war in kurzer Zeit geschehen. Auf die Beschwerde des Steuerzahlers mußte der Schrank wieder an Ort und Stelle gebracht werden, was nicht geringe Kosten verurfachte. Warum auch inhibieren und nicht das deutsche Wort„aufheben“? * Hattingen, 12. Nov.(„Das war aber nicht kavaliermäßig.“) In einer hiesigen Wirtschaft unterhalten sich einige junge Herren mit Kartenspiel, als der Vater eines derselben an den Tisch herantritt und einem Mitspieler seines Sohnes kurzer Hand einen an die linke Backe watscht, daß ihm der Kopf brummt. Aber ehe der„besorgte Papa“, es sich versehen, hat er von dem Geschlagenen zwei Maulschellen zurück. Papa meint zwar, zu den anderen Gästen gewendet:„Das war aber nicht kavaliermäßig"; doch der Backpfeifen=Zurückzahler entgegnet lakonisch: „In solchen Fällen bin ich gewohnt, mit 100 Prozent heimzuzahlen; ich will nichts geschenkt haben.“ * Haspe, 12. Nov.(Bluttat.) Gestern abend brach unter den im Armenhause untergebrachten städtischen Arbeitern ein Streit aus. Als der Aufseher Krebs Frieden stiften wollte, griff ihn der 72jährige Arbeiter Schilken an und verletzte ihn durch einen Messerstich in die lüinke Brustseite tödlich. Der Täter wurde verhaftet. Gevelsberg, 12. Nov.(Die andauernde Trocken= heit) macht sich auch in hiesiger Staddt bemerkbar. Die sonst so wasserreiche Ennepe enthält seit einigen Tagen so wenig Wasser, daß man trocken hindurch gehen Etnn. Die hhier zahlreich vorhandenen Hammerwerke leiden auch schon unter dem Wassermangel. Wenn die Trockenheit noch länger anhält, so wird unsere Stadt sehr bald an Wassermangel leiden. * Wanne, 12. Nov.(Gräßlicher Selbstmord.) Auf gräßliche Weise hat hier die Arbeiterfrau P. ihrem Leben ein Ende gemacht. Sie begoß ihre Kleider und ihr Bett mit Petroleum und llegte Feuer an. Die Frau erlitt so schwere Brandwunden, daß sie in wenigen Minuten ihren Tod fand. Der entstandene Brand konnte gelöscht werden, ehe er größeren Umfang angenommen hatte. * Kray, 12. Nov. Gestern fand hier eine Besprechung der Vertreter mehrerer evangel. Arbeitervereine des Evangelischen Arbeiterbundes Bochum statt. Diese hatte den Zweck, über die Bildung eines neuen Kreisvereins zu beraten, dem hauptsächlich die rheinischen Vereine angehören sollen unter Ausscheidung aus dem jetzigen Kreisverband Gelsenkirchen=Bochum. Sämtliche Vertreter sprachen sich für die Neubildung aus und beschlossen, folgenden Antrag an den nächsten Bundesvertretertag einzureichen:„Unterzeichnete Vereine stellen den Antrag, aus dem Kreisverbande Gelsenkirchen=Bochum auszuscheiden und einen neuen Kreisverband in der Reihe dieser Vereine, hauptsächlich der rheinischen, zu gründen.“ Da verschiedene Vorsitzende erst mit ihren Vereinen bezw. Vorständen Rücksprache nehmen wollen, wurde die Unterzeichnung des Antrages bis nächsten Sonntag vertagt. Forderungen im Militäretat. Die„Militärisch=politische Korrespondenz“ schreibt: „Der Militäretat von 1908 wird u. a. eine Anzahl von Forderungen bringen, die sich auf technische Vervollkommnung der Kriegsrüstung beziehen. So sind neu eingestellt nicht unerheblüche einmalige und laufende Ausgaben für llenkbave Militärluftschiffe und Automobile für die höheren Stäbe usw. Die Umgestaltung des Trains wird durch die im kommenden Etat angeforderte Errichtung von neuen Stäben sinngemäß vorbereitet. Eine durchgreifende Neugestaltung wird, vorbehalltlich der budgetrechtlichen Genehmigung durch die Volksvertretung, vom 1. April 1908 an das Stallservisgeld der berittenen Offiziere erfahren. Zurzeit besteht eine Einteillung in fünf Klassen, deren fast jede einzelne völlig unzureichend ist, wie auch schon im Reichstag von allen Parteien zugegeben wurde. Jeder Offizier soll in Zukunft mindestens die erste Serzisklasse, möglichst aber den alten Servis A, von 108 Mark für das erste, 36 Mark für jedes weitepe Pferd, erhalten. Entsprechend der geplanten Gehaltserhöhung für die Reichsbeamten hat der Herr Kriegsminister beim Reichsschatzamt eine Aufbesserung der Gehaltsbezüge der Offiziere, zunächst bis zum Stabsoffizier beantragt. Sollten die Gehälter der höheren Beamten in die allgemeine Erhöhung einbezogen werden, so wird die Heeresverwaltung die gegebenen Konsequenzen auch für die Stabsoffiziere und Generäle ziehen und für sie ebenfalls gesteigerte Bezüge verlangen. Wir geben diese Mitteilungen wieder, weil sie voraussichtlich durch die Presse gehen werden, möchten aber keine Gewähr für ihre Richtigkeit übernehmen. Geldmarkt und Haudel. Weitere Diskouterhöhungen in Sicht? Der Kampf ums Gold, der zwischen Amerika und Europa entbrannt ist, wird vielleicht noch weit schlimmere Formen annehmeit als bisher. Schon jetzt hört die„Tägl. Rösch.“ es werde allen Ernstes an maßgebenden Stellen damit gerechnet, daß der Reichsbankdiskont bis zum Jahresschluß auf 9 Prozent und der LombardZinsfuß auf 10 Prozent steigen werde. Während Amerika Gold aus Europa zu erhalten versucht, überschwemmt es Europa mit Eisen= und Stahlerzeugnissen, für die im eigenen Lande keine Nachfrage mehr besteht. Auch hierin biegt eine ernste Gefahr.— Die amerikanische Regierung hat eine Untersuchung über die Gewährung von Darlehen bei fünf großen Newyorker Banken eingeleitet. Gleichzeitig soll festgestellt werden, ob sich die Reservefonds in Ordnung befinden.— Der Inhaber der Schwammgroßhandlung Leiserowitsch in Leipzig ist dortigen Blättern zufolge mit Hinterlassung großer Schulden verschwunden. Die Verpflichtungen betragen 150 000 Mark, das Warenlager wurde von einem Gläubiger gepfändet. Vermischtes. * Ein neuer Serenissimus. In der Petersburger Gesellschaft viel belacht wird augenblicklich der Ausspruch eines sehr hohen Herrn, dem das Fürstenblut vieler Generationen in den Adern fließt und der si mehr auf den Pariser Boulevards und in den Palästen der Champs Elysees sehen lläßt wie in seinem Heimatlande. Besagter hoher Herr besand sich wieder einmal in den elegant ausgestatteten Restaurationsräumen von Paillard in Begleitung seines Adjutanten. Die Herren hatten dem Champagner flleißig zugesprochen und befanden sich in angeregtester Unterhaltung, als der Fürst, sein Taschentuch ziehend, in die Worte ausbrach: Welche Hitze hier herrscht, mon cher, welche Hitze, es sind mindestens fünfundzwanzig Grad. Ganz recht — erwiderte der Adjutant respektvoll, seinen kleinen Taschenthermometer betrachtend— ich habe zwanzig Grad Reaumur. Und darauf der Fürst gönnerhaft lächelnd:„Ach nein, glauben Sie mir, Sie irren sich— gebrauchen Sie niemalls Reaumur, den hallte ich für— total veraltet.“ * Wie die Japaner zu Bett gehen. Genau genommen gehen sie garnicht zu Bett: das Bett kommt zu ihnen. Man braucht, so schreibt eine englische Revue, nur den Wunsch auszusprechen, zu schlasen oder sich zur Nachtruhe zurückzuziehen, man braucht nur in die Hände zu klatschen und zu rusen„Futon mette kai“ Bringe die Polster— und die Sache ist erledigt. Das kleine Mädchen, das herbeigeeilt kommt, huscht zum fukuro dana, zum Schrank, in dem am Tage das Bett verwahrt wird, im Handumdrehen sind die futon, die auf die beiden Betten gevollt sind, herausgenommen und auf dem lichten Mattenboden ausgebreitet. Sie werden eines über das andere gelegt, und wenn die Familie besondere Linnentücher hat, so wird es über das Futon gezogen. Dann kommt das große Hauptpolster, das Yagu, das wie ein Kimono zwei Armschleifen hat und länger ist als die unteren Polster. Es wird zurückgerollt, am Fußende befestigt, sodaß man es überziehen kann„wenn man sich niederlegt. Am Kopfende des Bettes befindet sich ein makura, eine Art ausgehöhlte Kopfunterlage, von der Größe einer Zigarrenkiste; bei den vornehmen Familien ist sie aus kostbarem Holz gefertigt. * In letzter Stunde. Vor dem Gericht in Chicago hatte sich ein Italiener wegen Raubmordes an einem Landsmann zu verantworten. Die Tat war ihm nicht direkt nachzuweisen, der Ankläger stützte sich vielmehr auf Indizien. Der Angeklagte hatte mit dem Ermordeten zusammengewohnt und in seinem Besitz wurde ein Revolver mit einer abgeschossenen Patröne gefunden. Gegenüber dem Belastungsmaterial konnte der Beschuldigte nur seine Unschuld beteuern und bekunden, daß ein gewisser Louis der Mörder sei. Die Verhandlung ging bereits zu Ende, da fragte der Verteidiger den Arzt, der die Leichenöffnung vorgenommen hatte, nach der todbringenden Kugel. Sie war zur Stelle. Der Verteidiger versuchte sie in den Lauf des Revolvers des Angeklagten zu schieben und entdeckte dabei, daß sie viel zu groß war. Das Gericht überzeugte sich ddavon und setzte dann den Angeklagten auf freien Fuß. Zudem hat sich herausgestellt, daß der Ermordete tatsächlich einen Feind namens Louis hatte. Nach diesem forscht jetzt die Polizei. * Ungeheure Aufregung. Der„Gil Blas“ schreibt: Die Szene spielt in Laisecg, einem bleinen Ort im Departement Jonne. Es ist 8 Uhr abends, der Nebel ist dicht. Jemand sieht in der Ferne einen Lichtschein und ruft:„Feuer!". Die helltönende Feuerwehrtrompete bläst Alarm und— wir lassen das Wort einem Lokalblättchen:„Der Feuerwehroffizier schirrte sein Roß an, um es an die Spritze zu spannen, während zwei junge Leute sich zu dem Feuerwehrmann begaben, der die Schlüssel zu der Spritzenremise hatte. Da einen Tag vorher Markttag gewesen war, lag ein Teil der Leute schon im Schlafe. Natürlich entstand infolgedessen ein großer Wirrwarr, und man fragte die ersten, die herbeigeeilt waren:„Wo ist das Feuer?“— „In Sainte Colombe!“, sagten die einen.—„In Jarloy!“ sagten die anderen... Der Lichtschein wurde immer größer und kam näher: es war das Licht eines — Autos, eines ganz gewöhnlichen Autos.“ f Herr Toselli, der Gemahl der Gräfin Montignoso, hat sich nun doch entschlossen, eine Konzertreise durch Mitteleuropa und Nordamerika zu unternehmen, ehe der Lärm seiner fürstlichen Heirat völlig verrauscht ist. Durch sein Zögern hat er sich ohnehin schon einen empfindlichen Geldverlust verursacht. Hätte er sich unmittelbar nach dr Hochzeit öffentlich sehen und hören lassen, so würde ihm sein Impresario 15000 Lire pro Konzert gezahlt haben. Gegenwärtig bietet er nur noch 10000 Lire, und auf dieser Grundlage ist gestern der Kontrakt unterzeichnet worden. Die Signont Lusse Toselli begleitet ihren Gemahl auf der Konzertreise nicht, sondern bleibt inzwischen in Florenz bei ihren Schwiegereltern. Herr Toselli wird hauptsächlich eigene Kompositionen zu Gehör bringen. Das erste Auftreten des Künstlers ist für Anfang Dezember in einer süddeutschen Stadt geMlant. Letzte Drahlmeldungen. Prinz Arnulf von Bayern F. München, 12. Nov. Prinz Arnulf von Bayern ist heute abend um 7 Uhr 40 Min. in Venedig nach 12stündigem Todeskampfe gestorben. Die Toaste in Windsor. London, 13. Nov. Bei der gestrigen Galatafel tauschten die Majestäten herzlich geyaltene Trinksprüche aus, in denen beide, neben der Betonung der familiären Gefühle auch deutliche Kundgebungen für den Weltfrieden folgen lließen. Die Brillanten. Wien, 13. Nov. Der Kaiser verlieh dem Grafen Wedell die Brillanten zum Großkreuz des Stephansordens. Duma. Petersburg, 13. Nov. Die Thronrede wird unbedingt das Oktobermanifest aufrecht erhalten. Der Zar äußerte:„Was einmal gegeben ist, wird nicht wieder genommen.“— Dumapräsident wird Radsjanko, Vizepräsident Graf Dobrinski. 12 Tote. Budapest, 13. Nov. Bei einem Hauseinsturz, es handelt sich um einen zweistöckigen Neubau in Großwardein, wurden bis jetzt 12 Tote und 7 Schwerverletzte aus den Trümmern hervorgezogen. Vom Dampfe verbrüht. Forbach, 12. Nov. In dem Düdeldinger Walzwerk platzte ein Dampfrohr, wobei acht Personen so schwer verunglückten, daß vier davon vollständig verbrühten und die anderen vier so starke Brandwunden davontrugen, daß man an ihrer Heilung zweifelt. Abschied Wedells. Wien, 12. Nov. Der Kaiser hat heute vormittag im Schönbrunner Schlosse den bisherigen deutschen Botschafter Grafen Wedell in Abschiedsaudienz empfangen. Graf Wedel bleibt noch eine Woche in Wien, reist sodann nach Tarvis, von wo er sich nach Berlin und dann auf seinen neuen Posten als Statthalter nach dem Elsaß begibt. o Marokko=Debatte. Paris, 12. Nov. In der Deputiertenkammer begann heute die Beratung der Interpellation über Marokko. Graf Boni de Castellane kritisierte bei Begründung der von ihm eingebrachten Interpellation die Art und Weise des französischen Vorgehens in Marokko; durch diese Aktion sei Frankreich eine große Bürde auferlegt worden, während die übrigen Mächte den Gewinn daraus zögen. Redner verlangt von der Regierung Auskunft über die zweideutige Haltung der spanischen Truppen, welche darauf schließen lasse, daß die diesen Truppen erteilten Instruktionen mit denjenigen nicht übereinstimmten, welche den französischen Truppen gegeben worden seien. Der zweite Interpellant Trouin stellte fest, daß Frankreich bisher keinerlei Genugtuung für seine Forderungen erhallten habe und ddaß auch die Akte von Algeciras, über deren Rahmen hinaus Frankreich übrigens habe gehen müssen, keine Aenderung erfahren habe. Der Sozialist Vaillant ist der Ansicht, daß Frankreich sich in eine gefährliche Aktion eingelassen habe„auf welche es verzichten müsse. Redner bedauert dann die Nebenbuhlerschaft zwischen französischen und deutschen Handelsleuten und vergleicht die Zustimmung Tschireschkys zu dem französischen Vorgehen mit den Worten Bismarcks, der seinerzeit erblärt habe, Frankreich möge sich in Marokko entschädigen. Schließlich spricht Redner den Wunsch aus, man möge die militärische Aktion in Marokko internationalisieren. Diese Aeußerung ruft lebhaften Widerspruch hervor. Roosevelt. London, 13. Nov. Die„Morning Post“ meldet aus Washington, man mache große Anstrengungen, den Präsidenten Roosevelt zu überreden, sich ein drittes Mal als Kandidat aufstellen zu llassen. Man hofft ihn dazu zu bewegen. Man weist darauf hin, daß Mr. Taft nicht über genügenden Anhang im Lande verfügt und daß nur eine Kandidatur Roosevelt einen republikanischen Sieg sichern würde. Vom Balkan. Konstantinopel, 12. Nov. Nunmehr haben fast sämtliche Großmächte zu den Vorschlägen Englands bezüglich der von der mazedonischen Finanzkommission zu ernennenden christlichen Justizinspektoren in Mazedonien, sowie zur Ernennung eines europäischen Oberjustizkontrolleurs ihr Einverständnis erklärt. Leuchtgranaten. Paris, 12. Nov. Nach Berichten verschiedener Zeitungen macht die Prüfungskommission in Lorient zurzeit Proben mit einem neuen Geschoß, das beim Einschlagen ins Ziel durch einen Lichtstrahl dieses beleuchtet. Diese Leuchtgranate soll, wie man hofft der französischen Marine zur Nachtzeit gute Dienste leisten. 25 000 Weichensteller. Newyork, 12. Nov. 25000 Weichensteller verlangen durch ihre Union von 23 Bahnen eine Lohnaufbesserung. Theater. Städtisches Schauspielhaus Hagen. Donnerstag, 14 Nov., 8 Uhr:„Dus beste Mittel“. (Neuheit.) Dortmunder Stadttheater. Donnerstag; 14. Nov., 7 Uhr:„Die Walküre“ Stadttheater Barmen. Donnerstag, 14. Nov. 8 Uhr: Der Zigeunerbaron. Venantwortl. Redakteur: Friedbelm Kemder. Für den Inseraten= und Reklameteil verantwortlich: Jac. Christ. Druck u. Verlag von Surl Braus, samtlich zu Wetterfeste Kleidung Wetterkragen, echt Bayrische Ledennäntel u. Pelerinen Barelocks, Oelmäntel## , u n d b i l l i g e n aaltermantel, Kragen Preisen. Bekanntmachung. Die Ausführung nachstehender Bauarbeiten und Lieferungen zu einem einklassigen Volksschulgebäude mit Lehrerwohnung für die Gemeinde Opherdicke=Hengsen soll an leistungsfähige Unternehmer getrennt vergeben werden u. zwar: 1. Erd= und Maurerarbeiten, 2. Zimmerarbeiten, 3. 4. Klempnerarbeiten, 5. Dachdeckerarbeiten, 6. Schreinerarbeiten, 7. Anstreicherarbeiten, Zeichnungen, Angebotsformulare und Bedingungen liegen auf dem Bauamte des Amtes Aplerbeck zur Einsicht auf. Die Angebotsformulare können von dort gegen Erstattung der Schreibgebühren bezogen werden. W Die Angebotsformulare sind verschlossen, mit entsprechender Aufschrift versehen unter Beifügung der vorgeschriebenen Materialproben bis zum 21. November d. Is., vorm. 11 Uhr an das Amtsbauamt einzureichen, woselbst die Eröffnung in Gegenwart der etwa erschienenen Bewerber erfolgen wird. Zuschlagsfrist 4 Wochen. Die aufliegenden Bedingungen sind vor dem Termine durch persönliche Unterschrift anzuerkennen, andernfalls das Angebot ungültig ist. Der Amtmann: Leonhard. Ausverkauf wegen Geschäftsaufgabe! Sämtliche Schuhwaren in den bekannten, nur guten Qualitäten werden zu = billigsten Preisen— abgegeben. Carl Schumacher, Hüsingstrasse 16. Freie Fleischer=Innung Schwerte Donnerstag, den 14. d. M. abends 9 Uhr: Außerordentliche Versammlung beim Kollegen K. Wilkes. Tagesordnung: Viehversicherungsangelegenheiten. Der Vorstand Die Versammlung ist unter allen Umständen beschlußfähig. Glusgefuße passend für Aquarien etc. per Stück 1.50 Mr. zu verkaufen. Wo, sagt die Geschäftsstelle der Schrerter Zeitung. H517 54656 Empfehle mich als Glanz-Büglerin. Frau Marmann, Kampstr. 21. Cheater in Schwerte. Hotel Ostermann.(Brückner.) Sonntag, den 17. Novbr. 1907 1. Ensemble=Gastspiel des Iserlohner — Stadt=Theaters.— (Direktion: Max Sandhage.) Großer Lacherfolg! Der füsnige Gnwer“. 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Die moderne Zeit hat viellerlei Anschauungen totall über den Haufen geworsen, die früher ganz unerschüttevlich feststanden. Ueber„viel Geld“, über„Aufwand und Luxus“, über„Arbeit und Verdienst" denkt man erheblich anders wie vor 15 Jahren, und die gend von heute wird vielleicht, wenn sie erwachsen ist, an unsere Gegenwart wieder mit lächlndem, überlegenem Achselzucken zurückdenken. Wir avancieren in einem halben Menschenalter jetzt ungefähr so schwell, wie sonst in einem ganzen, und dies Tempo mag noch mehr zunehmen. Kaum größer ist der Unterschied wie in den Anschauungen darü ber, was wlt sein heißt, heute und vor etwa einem Menschenalter. Vierzig Jahre klangen damalls schon bedenklich, und die Fünfziger gelten bereits alls alt. In dem bekannten Volksspruch heißt es ja:„Fünfzig Jahr geht's Alter an!“ Und heute? Mit fünfzig Jahren will noch niemand auf Lebensfreude und Lebensgenuß verzichten, die sogen.„besten Jahre“ sind bis weit in die Fünfzig hineingerückt; und sind die Sechziger erreicht bei leidsicher Gesundheit, na, dann sind sie auch noch keine schlechten. Hinterher wird es ja wohl etwas brenzlich, aber davon spricht man nicht nur nicht, sondern man denkt gar nicht weiter daran. Die allgemeine Volksgesundheit hat sich ja sdoch bedeutend gehoben, sie verstärkt noch die veränderten Anschauungen üüber das Alter. Was am meisten gegen früher in Betracht zu ziehen ist, sist der Umstand, daß es heute niemandem mehr einfällt, an eine Pflicht des Alters, alt zu sein, zu denken. Wer sich z. B. an die siebziger Jahre noch einigermaßen genau erinnern kann, der wird wissen, welches Aufsehen beinahe es gab, wenn Leute, die man „alt“ nannte, also um die Fünfzig herum waren, sich „jugendlich“ kleideten. Das war verpönt und hat oft noch lange nach den sechziger Jahren angehallten. Ein jugendlicher Hut, hellere Kleidersarben bei den Damen, forsche Kleidung bei den Herren, das fand man nicht für angemessen; die Jugend hatte schon nicht einmal ihre unbestrittenen Rechte, das sogen. Alter durfte sich erst recht nichts herausnehmen. Schon fünfzig und noch so jugendlich? slautete das Urteil. Heute höDer Biene gleiche, die sich labt An holden Blumen duftbegabt; Sie sagt auf ihrem Wandern Nicht eine von der andern. Mae du nicht meißt dar„ Fr. Bodenstedt. Wus du fahl weigt, dus wolle nicht sagen, Weißt du was halb, laß noch einmal fragen; Weißt du was ganz, tu auf den Mund. Bring's an den Mann auch voll und rund. Friedrich Oelker. Durch die Schule der Liebe. Roman von Wilhelmine von Hillern. (Nachdruck verboten.) 16. „Sie hat mir geredet," berschtete Angelika. u war sie bei sich?“ fragte der Geheimrat mit freuviger Ueberlaschung. „Jg, in.# wir haben uns eine Menge erzählt und dann schlief sie wiever ein. Der Geheimrat rieb sich die Hände:„Das ist ja herrlich! Schien sie dir denn völlig bei Vernunft zu sein?“ „Ja, ja— sie war ganz vernünftig!“ bestätigte Angelika. „Schade, daß ich nicht da war! zetzt hoffe ich sie durchzuaber“ Hetrachste Herrn Neuenstein; dieser Ghprlich, Klummernde Kiad wahrscheinlichs““ suhr der Arzt fort,„das scheint Ihnen unMer solch eine wey denzoch glaube ich es mit Bestimmtheit. Wer folch eine welke, verdummerte Knospe daliegen sieht, der hat wohl kaum eine Ahnung von den wunderbaren HilfsquelInnern. Und ich sage Ihnen, in diesem Kinde wohnen solche geheime Lebenskräfte, sonst wäre es dieser tierquälerischen Erziehung längst erlegen. Das wird noch was— glauben Sie mir, das wird was!“ „Nun, es soll mich von Horzen freuen, wenn Ihre Bemühungen nicht vergebens sind. Also wollen Sie das Mädchen wirklich mit sich nehmen?“ „Ja, wenn der heuchlerische Oheim sie mir überläßt, will ich sie aus seinen Klauen befreien und sie so erziehen lassen, wie es ihrer Gesundheit zuträglich und ihrem großen Vermögen entsprechend ist!“ „Sie sind ein wahrer Menschenfreund, Geheimrat.“ „Ein Menschenfreund bin ich— aber dabei ist ja gar kein Verdienst. Viele lieben es, junge Hunde und Katzen aufzuzieren wir: Erst fünfzig, also noch lange nicht alt kleiden! Und wenn wir die Gegenwart mit der Vergangenheit vergleichen, macht diese Heraussetzung der Alversgrenze etwa Nachteiliges aus? Im Gegenteil! Wir haben anregenderes Leben, frischeren Sinn, freilich auch ein bischen mehr Ausgaben, aber den jüngeren Generationen gereicht es wahrlich nicht zum den, wenn diie älteren mit ihnen noch länge vereint bleiben. 21 2 Am besten zeigt sich diese Verschiedenheit der Anschauungen über das, was allt ssein heißt, bei den Hochzeiten. Auch da ist die Altersgrenze sehr heraufgerückt. Im vorigen Jahrhundert heiratete das wesbliche Geschlecht recht früh, junge Frauen von 18, 19 Jahren waren sehr häufig. Selten sind sie ja auch jetzt noch nicht, aber bei weitem nicht mehr so zahlreich, denn es muß ja nicht so früh sein. Und diejenigen, die sich um die Dreißig und Vierzig herum, auch später noch verheiraten, sind viel, viel zahlreicher wie einst, und zwar bei beiden Geschlechtern. Früher spöttelte man über angejahrte oder bejahrte Brautpaare, heute findet man ihren Entschluß natürlich. Sie fühlen sich noch jung und frisch, also können sie es auch betätigen. Minder schön ist ja nun freilich die Uebergescheidtheit der wirklich jungen Welt. Die Frucht der Frühreise, die in der modernen Zeit erwachsen ist, ist wurmstichig und hält bei der Prüfung nicht aus, was sie verspricht. Damit könnte es allerdings wieder anders werden. Aber ob es das wird? Wir sind— das ist zu fürchten— schon zu alt dafür in der modernen Zeit geworden. Kleine Chronik. — Frankfurt a. M., 12. Nov. In der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag wurde im Flur des Hinterhauses Neugasse 26 die 29jährige Prostituierte Auguste Sutor aus Bürgel tot ausgefunden. Sie war mit dem im gleichen Hause wohnhaften Schreiner Höfling aus Schweinfurt in Streit geraten; im Verlaufe des Wortwechsels stieß dieser die Sutor die Treppe hinunter. Das Mädchen erlitt einen Schädel= und Genickbruch und war auf der Stelle tot. Höfling stellte sich selbst der Polizei und wurde in Haft genommen. hen, viele schwärmen für Blumenpflege— ich ziehe und pflege gern junge Menschen. Wo mich ein paar bedeutsame Kinderaugen aus einem verkümmerten Gesicht anschauen, da möchte ich sie wie eine interessante Blume in mein Herbarium stecken und mitnehmen. Ja, wenn die Pflege eines Kindes so wenig kostete wie die einer Pflanze,— ich hätte schon längst ein ganzes Menschentreibhaus angelegt. Die Geschichte ist nur so verwünscht teuer.“ „Und man weiß, daß Sie fast Ihre sämtlichen Einkünfte zu solchen Zwecken verwenden. Sie könnten längst ein Millionär sein, wenn Sie nicht so fürstlich freigebig wären.“ „Ach was, der eine wirft sein Geld für die Passion hinaus, der andere für jene. Das ist nun einmal meine Passion und die lasse ich mich soviel kosten, als ich nach Pflicht und Gewissen meinem Adoptivsohn, der meinem Herzen am nächsten steht, entziehen darf. Tun Sie mar aber den Gefallen und gehen Sie jetzt; das unnütze Geschwätz stört den Schlaf des Kindes. Ich will noch ein Stündchen hier bleiben und beobachten. „Komm, Angelika,“ sagte Neuenstein:„Onkel Heim beißt heute. Wir wollen nach Hause.“ Er nahm das Kind bei der Hand und nickte Heim freundlich zu:„Soll ich Ihnen den Wagen schicken?“ „Rein, danke. Ich nehme mir ein Gefährt nach der Residenz, der König hat mich auf heute Nachmittag befohlen. Morgen komme ich aber wieder.“ „Adieu, lieber Onkel,“ sagte die kleine Angelika, sich auf die Zehen stellend und ihm das rote Mäulchen zum Kuß hinhaltend.„Nicht wahr, du beißest mich nicht?“ fragte sie, ihr londes Lockenköpfchen an den struppigen Graukopf schmiegend. „ich bin ja so artig!“ Dann hüpfte sie auf den Zehen mit Herrn Neuenstein hinaus. Als Heim allein war, setzte er sich neben das Bett und betrachtete schweigend das schlummernde Kind.„Ich will wetten, daß die einmal bildschön wird," dachte er.„Ihr Gesicht ist ihren Jahren vorausgeeilt, es ist alt und das ist an einem Kinde häßlich, wenn aber ihre Jahre dem Ernst auf dieser hohen Stirn entsprechen und sich die scharfen, bitteren Züge bei besserer Behandlung verlieren, dann wird es ein herrlicher Kopf. Ei, ei, ei, solch ein Kind zu haben und es halb tot zu schlagen! Solch ein Kind!“ In den Augen des alten Mannes blinkte etwas wie eine Träne und er nahm leise eine Prise Tabak, um sich zu sammeln, denn durch seine Seele zog bei diesen Gedanken ein altes. tiefes Weh, das er nicht Herr über sich werden lassen wollte. Die Prise half aber diesmal nichts. Er sah hier vor sich liegen ein kostbares Gut, das ein Unwürdiger, dem es in den Schoß gefallen, verächtlich von sich gestoßen hatte, und er dachte, wie — Paris, 12. Novv. Die hiesigen Blätter wollen wissen, daß sich unter den Papieren, welche bei den fünf, in der neuen Touloner Spionageangelegenheit Verhafteten, beschlagnahmt worden sind, auch solche befinden, die nachweisen sollen, daß Ullmo militärische Geheimnisse auch an Deutschland ausgessiefert hat. — St. Etienne, 12. Nov. In der Grube Rambaud sind 17 Grubenarbeiter infolge Reißens des Förderseiles 200 Meter tief abgestürzt. Die Leichen konnten noch nicht geborgen werden. — München, 12. Novv. Infolge großer Verluste durch gewagte Spekulationen im Betrage von über 50 000 Mk. hat sich der Privatier Kröner in seiner Wohnung durch einen Schuß getötet. Landau, 12. Novv. Das Landgericht verurteilte heute den Winzer Karl Jung aus Rhodt wegen Weinfälschung zu drei Monaten Gefängnis und 3000 Mk. Geldstrafe. 24 000 Liter Wein wurden beschlagnahmt. — Spandau, 12. Nov. Ein Revolverattentat ereignete sich am Sonntag abend in dem Hause HoherSteinweg 4. Bei einem Rekontre zwischen dem Hauswirt, dem Maurer Gramm und einem seiner Mieter, dem Arbeiter Dürrel zog Gramm seinen Revolver, angeblich zu seiner Verteidigung und gab zwei Schüsse auf Dürvel ab. Einer dieser Schüsse verletzte D. in der rechten Hüfte, der andere den rechten Arm. Dürrel, ein Oesterreicher, wurde sofort in das Krankenhaus gebracht, wo er einige Wochen verbleiben muß. Gramm wurde verhaftet. — Hannover, 12. Nov. Aus dem dritten Stockwerk stürzte sich gestern in selbstmörderischer Absicht die Witwe Weidner und war sofort tot. Sie hinterläßt zwei Kinder. Vermuttlich beging sie die Tat infolge geistiger Störung. — Brüssel, 11. Nov. Hiesigen Blättern zufolge, hat sich bis sjetzt die Hoffnung der Prinzessin Louise, die notwendige Geldsumme zum Rückkauf der Juwelen ihrer Mutter, der verstorbenen Königin, zu erlangen, nicht verwirklicht. Falls ein sollcher nicht stattfindet, wird der Verkauf der Juwelen am 15. cr. erfolgen. Toulon, 12. Novv. Zu der Spionageangelegenheit Ullmo wird berichtet, daß die vier in Marseille verhafteten Personen gestern verhört wurden. Aus dem Verhör ging hervor, daß es sich um eine internationale Spionageorganisation handelt. Die fünfte Vergrenzenlos ihn dies Besitztum beglückt hätte, wäre es ihm zu teil geworden. Er dachte, daß es ihm hätte werden können wenn sein Herz nicht eigensinnig an der einen gehangen, die ihm nicht angehören durfte. Nun war's zu spät, er war al u. unwiederbringlich lag die Zeit hinter ihm, in der er die Lieb hatte säen sollen, die er jetzt oft gern ernten wollte. Die Leiden schaft, die so lange sein Herz erfüllt hatte, war überwunden un mit den Jahren gestorben, aber in der alten Brust lebten die ewig jungen Triebe eines Gefühls, das stärker ist als alle Leidenschaft.„Wem sein geliebtes Weib stirbt,“ dachte er.„dem steht es wieder auf in seinen Kindern, wer aber nicht Weib nock Kind hat, der ist doppelt arm.“ So viele Menschenleben waren in seine Hand gelegt, keines aber sollte er„sein“ nennen: ei hatte so manches Wesen am Leben rhalten, aber keinem hatt er das Leben gegeben. Die schwersten Leiden hatte er durch Liebe lindern sehen, nur er sollte dereinst sterben, ohne ein liebes Kind zum Abschied an sein Herz zu drücken, ohne von ihm beweint zu werden. Und wie er so davüber nachdachte, da wa es ihm wirklich, als läge er auf dem Totenbette und er fühlt einen weichen Arm sich um seinen Hals schlingen und hörte ein süße, schluchzende Stimme„Vater“ rufen. Es war wohl Ole Luköje, der von Ernestines Lager he diesen schmerzlich schönen Traum über ihn ausgegossen; er wai so schnell zerronnen, als er gekommen, und nichts ließ er zurück als eine Träne auf der gefurchten Wange des alten Mannes. Da begann leise die Tür im Schlosse zu zittern, wie wenn ein Lastwagen vorbeiführe, und endlich nahten wuchtige Schritimmer, welche das Geräusch verursacht hatten. Ehe es der Geheimrat hindern konnte, ward die Tür soweit aufgerissen, als nötig war, um die gigantische Gestalt der Frau Berta hindurch zu lassen. Sie war in ein funkelnagelneues schwarzes Tibetgewand gekleidet, dessen steifes Kattunfutter rauschte und raschelte, während sie auf das Bett zuschwenkte, so daß das is schlafende Kind erschrocken auffuhr und der Geheimrat ein mißbilligendes Schnalzen mit der Zunge nicht unterdrücken konnte. „Guten Tag, Herr Geheimrat, guten Tag. Tine!“, sagte sie mit burzem Kopfnicken.„Na, Tine. du lebst ja immer noch? Da hätten sie auch kein so großes Geschrei um dich zu machen gebraucht.“ Ernestine warf sich bei dieser barschen Anrede auf die andere Seite und rief:.O, die Tante fort,— ich will sie nicht sehen— ich will nicht!“ Der Geheimrat bot der Ruhestörerin gefällig den Arm und führte sie, ohne ein Wort zu sprechen, aus dem Zimmer. Berta fragte verblüfft:„Na, was soll denn das heißen? Ich werde doch nach meiner Nichte sehen dürfen?“ haftung hat großes Aufsehen erregt. Es ist unmöglich, von den Beyörden zur Zeit in dieser Angelegenheit weitere Einzelhelten zu erhalten. Im Lause des heutigen Tages sollen eine ganze Anzahl Haussuchungen volgenommen werden. — Rom, 12. Nov. Meldungen von der Insel Elba berichten, daß Ueberschwemmungen dort großen Schaden anrichten. Alle Wege sind unpassierbar, die Felder verwüstet. Bis jetzt zählt man 6 Menschenopfer. — Rom, 11. Nov. Wie es heißt, beabsichtigt die Verteidigung Nasis einen Hauptcoup durch Veröffentlichung von Briefen und Quittungen Zanardellis, des damaligen Kabinettschefs, dr von Nasi aus dem Pressefonds Gelder verlangte und erhielt. — Nancy, 12. Nov. Eine Feuersbrunst zerstörte gestern einen Teil der hiesigen Docks. Der Schaden wind auf 100 000 Fr. geschätzt. Warschau, 12. Nov. In Radom wurde der Polizeikommissar während der Theatervorstellung erschossen. In Bialystock entdeckte in der Wohnung des reichen Kaufmans Mayer Schonberg die Geheimpolizei 150 Pistolen, eine Menge Patronen, sowie 10 Bomben, deren eine vierzig Pfund schwer ist. Diese Waffen ladung war für Lodz bestimmt. Acht Personen wurden verhaftet, bei denen viele Waffen beschlagnahmt wurden. — Madrid, 12. Nov. In Bilbao waren gestern rund 10000 boskische Fischersleute zusammengekommen. Auf Booten waren sie aus allen Tellen des Baskenlandes mit Fahnen angelangt, viellfach begleitet von Pfarrern, Altalden, Weibern und Kindern. Der Zug von hunderten von Booten den Nervionfluß hinauf war äußerst malerisch. Ein Meeting fand in der riesigen Ballspieshhalle statt. Verschiedene Redner protestierten im Namen der Versammlung gegen die Raubfischerei mit Schleppnetzen und verlangte seitens der Regierung Abwehrmaßregeln, besonders gegen französische Eindringlinge. — Madrid, 12. Nov. Der„Heraldo“ berichtet aus Barcelonia, daß der italienische Dampfer„Amaro“ in der Nähe des Obregatflusses üinfollge starken Nebels auf Grund gelaufen sei. Die Lage des Dampfers sei kritisch. Vom Napoleon=Kultus. Der„Rhein.=Westf. Ztg. wird geschrieben: Seit einigen Jahren wird Deutschland in steigender Weise mit einem unbegreiflichen Napoleon=Kultus überschwemmt. Man kann in Wiesbalen, Frankfurt, München durch keine vornehme Straße gehen, ohne daß man unzählige Male auf Büttenpapier, Tellern, Vasen das Bildnis Napoleons I. sieht, seine Büste in Bronze oder Marmor bewundert, ihn anstannt, wie er reitet oder kommandiert, wie er siegt oder in tragischer Größe stivbt. In Essen hat es eine Buchhandlung sogar sertig bekommen, ihren ganzen Laden mit einem oder zwei Dutzend Napolleonbilder auszuschmükben. Napoleon, wie er besi Arcolli die Fahne trägt, Napoleon, wie er grübelt, Napoleon, wie er sein Söhnchen lausen lehrt usw. Man saßt sich ob sollcher nationaler Entgleisung an den Kopf. Ist es denn wirklich möglich, daß irgend ein Deutscher in der ganzen Welt ein Napoleonbiild oder eiine Napolleonbüste in seinem Hause alls schöne und angenehme Erinnerung hinstellt oder aufhängt? Und es muß doch wohl sein, denn sonst würden die Buchhandlungen und Kunsthandllungen uns nicht dermaßen mit Napoleons in Druck, Stich, Marmor, Stahl, Porzellan, Emaille und Bronze beglücken. Eine solche scheinbar nebensächliche Erscheinung zeigt, daß dem Deutschen das instinktive Gefühl für nationale Ehre und nationale Größe fehlt. Wir wollen wohl in Napoleon den großen Mann erkennen; wir wollen ihn nicht mit Dreck bewerfen, weill das eines großen Mannes unwürdig ist. Aber jedes Mitglied eines von ihm so fürchterlich mißhandelten Volkes muß unverändert ihhn alls einen verhaßten Gegner empfinden, dem man nicht verzeihen und den man nicht vergessen lann, vor allem, vor dem man nicht knien und vor dem man nicht opfern kann. Und es sollte duch sellstverständlich ssein, daß es keinem Deutschen einfallen kann, durch Mitarbeit an diesem Napoleon=Kultus und durch Aufstellung seiner Büsten und Bilder den nachfolgenden Geschlechtern das nationale Empfinden weiter auszutreiben. Sicherlich ist sehr viel an diesem Napolleon=Kultus französische Mache; vor allem die französischen Porzellaufabriken und Emaillefabriken schleudern auf die ganze Erde jährlich tausende vom Napclleon=Basen und NapoleonTellern; sie mögen sie jenen Völkern verlausen, die Napoleon dankbar sein wollen. Wir haben doch wahrhaftig dazu keinen Grund. Aber freilich, ein Volk, das, wie das deutsche, moch immer unklar oder schwach sich als Rasse empfindet und daher allem Fremden sich leicht auftut, läuft überall Gefahren; können doch viele sonst patriotische Männer in dem Eroberer Gustav Adolf, welcher Deutschland zerreißen half, oft nichts anderes erblicken alls den Vorkämpfer ihres Glaubens. Da wird auch schließlich ein Napoleon zum Heros. Dies und Das. 30 Jahre Telephon. Am 12. November 1877 wurde der Telephonbetrieb in Berlin eröffnet, sodaß jetzt 30 Jahre seit dem denkwürdigen Tage verslossen sind. Der Aufschwung, den das Fernsprechwesen in dieser Zeit genomnsen hat, ist gewaltig. Wir finden heutzutage das Telephon in den tleinsten Orten, mannigfaltige Verbesserungen sind bereits vorgenommen worden und weitere werden sicher folgen, Daneben bemüht sich der Erfindergeist um drahtlose Telegraphie und Telephonie, telegraphische Bilderübertragung und ähnliches. Eine wichtige Bahnverbindung soll im schlesischen Riesengebirge geschaffen werden. Der schbesische Provinzialausschuß beschloß, eine elektrische Straßenbahn vom Staatsbahnhof in Schmiedeberg(442 Meter Höhe nach den Grenzbauden(1050 Meter) anzulegen. Die neuen Reichskassenscheine zu 10 Mark werden in kürzester Zeit ausgegeben werden. Die Scheine sind aus graugeriffelltem Papier hergestellt und tragen auf der Vorderseite neben der Zahl 10 ein rundes Wasserzeichen. Die Frage nach der Sicherheit der Schiffsdampfkessel ist aus Anlaß des Unglücks auf dem Schulschif „Blücher", leicht gestellt. Halbamtlich ist bereits gemeldet worden, daß ein Versehen der Bedienung vorlag. Nun betont auch der Kaiiser in seiner Antwort auf ein Beileidstellegramm des Prinzregenten von Bayern:„Ein Trost bei dem Unglück ist, daß es, wie die Ermittelung der Ursachen ergeben hat, in keiner Weise Befürchtungen für die Sicherheit unserer Schiffsdampfkessell im allgemeinen wachrufen kann.“ * Der Kronprinz und die Polizeihunde. In GroßLichterfelde bei Berlin wurden dem Kronprinzen Wilhelm am Montag Polizeihunde vorgeführt, die bereits praktisch Dienst getan haben. Die Veranstaltung ging wvon dem Verein zur Förderung der Zucht und Verwendung von Polizeihunden aus und wurde zu einem hochinteressanten Ereignis. Die Hunde betätigten sich auf der Suche und bei der Verso'gung von Verbrechern und Spitzbuben, überbrachten Meldungen und Gegenstände, durchschwammen Wasser, verweigerten die Annahme von Futter aus fremder Hand, verteidigten ihren Führer usw. Der Kronprinz, mit dem der Minister des Innern von Moltke und der Berliner Polizeipräsident von Borries erschienen waren, hielt mit seiner Anerkennung über die hervorragenden Leistungen der Polizeihunde nicht zurück. Briefkasten. R. K., Düsseldorf. Nur mutig weiter, aber auch im Gegensatz zu dem von geschwollener Selbstzufriedenheit erfüllten Individuum, das jede Selbstkritis für überffbüssig hält, sich so weitere Entwicklungsmöglichkeiten abschneidet und sich so schon auf abschüssiger Bahn befindet. Gruß B. Bürge. Wenn Sie nicht etwa selbschuldnerische Haftung übernommen haben, können Sie von dem Gläubiger verlangen, daß er erst bei dem Hauptschuldner durch Zwungsvollstreckung zu seinem Gelde zu kommen sucht. A. B. 100. Der Schulbschein genügt, um die Erben des Schuldners zur Zahlung evtl. auf gerichtlichem Wege zu zwingen. Die Nichtstempelung tut hierbei nichts zur Sache, nur können Sie unter Umständen zu einer Stempelbuße verurteilt werden. Lotteriespieler. Da Ihr Mitspieler seine Beiträge trotz wiederholter Mahnung u. Fristsetzung Ihrerseits nicht bezahlt hat, hat er auch keine Ansprüche auf Weiterspielen desselben und auf einen evtl. Gewinn, der auf dasselbe entfällt. R. M. 150. Gemeinschaftlliche Testamente können nur von Eheleuten errichtet werden. Wenn Sie sich also mit Ihrem Verrobten gegenseitig zu Erben einsetzen wollen, so müssen Sie zwei getrennte Destamente errichten. Wetterbericht der Deutschen Geewarte. 14. Nov.: Deils heiter, Nebel, kalter Nachtfrost. 15. Nov.. Früh Nebel, dann wolkig mit Sonnenschein, normall kalt. Bekanntmachung. Mit Bezug auf die Allerhöchste Verordnung vom 6. November 1907, durch welche die beiden Häuser des Landtages der Monarchie auf den 26. November dieses Jahres in die HHaupt= und Residenzstadt Berlin zusammenberusen worden sind, mache ich hierdurch bekannt, daß die besondere Benachrichtigung über den Ort und die Zeit der Eröffnungssitzung in dem Bureau des Herrenhauses, hier Leipzigerstraße Nr. 3 und in dem Bureau des Hauses der Abgeordneten, hier Prinz Albrechtstraße Nr. 5 u. 6, am 25. November dieses Jahres in den Stunden von 9 Uhr früh bis 8 Uhr abends und am 26. November d. Is. in den Morgenstunden von 9 Uhr früh ab offen liegen wird. In diesen Bureaus werden auch die Legitimationskarten zu der Eröffnungssitzung ausgegeben und alle sonst erforderlichen Mitteillungen in Bezug auf dies gemacht werden. Berlin, den 7. November 1907. Der Minister des Innern: gez. von Moltbe. Bekanntmachung. Seit dem Monat Juli dieses Jahres sind in den verschiedenssten Städten Deutschlands salsche Reichskasssenschesine von 1882 üüber 20 Mark verbreitet worden, deren Versertüiger und Verbreiter bisher nicht ermittellt werden konnten. Die Scheine sind auf lithographischem Wege hergestellt und lleicht an dem dunkleren Druck— namentlich auf der Rückseite— alls Fallschstücke zu erkennen. Wir sichern demjenigen, welcher einen Verfertiger oder wissentlichen Verbreiter dieser Falschstücke zuerst ermittelt und der Polizei= oder Gerichtsbehörde dergestalt nachweist, daß der Verbrecher zur Untersuchung und Strafe gezogen werden kann, eine Belohnung von 1000 Mark zu. Berlin, den 13. September 1907. Reichsschuldenverwaltung: v. Bitter. Verantwortl. Redakteur: Friedhelm Kemper. Für den Inseraten= und Reklameteil verantwortlich Jac. Christ, sämtlich zu Schwerte. Druck und Verlag von Carl Braus, Schwerte. „Wenn Sie nicht selbst fühlen meine Gnädige, daß dies geknickte Leben der äußersten Schonung und Liebe bedarf— so muß ich, der Arzt, Ihnen sagen, daß die Verantwortung Sie trifft, wenn meine Sorgfalt an dem Kinde zuschanden wird und es trotz meiner Bemühungen stirbt. Ich bitte Sie also. entweder Ihre Besuche bei der Kleinen einzustellen, oder ihr etwas milder zu begegnen. „Na, um Gottes Willen,“ rief Berta,„ich habe ja nur einen Spaß gemacht!— Herr Jesus, meinetwegen wickeln Sie sie in Baumwolle, ich habe nichts dagegen. Der Geheimrat seufzte unwillkürlich.„Armes Kind.“ dachte er,„wenn du in solche Hände kommen sollst!“ Da ward plötzlich die Tür aufgerissen und herein schaute ein Gesicht so erdfahl, leichenhaft, daß Berta erschrocken zurückfuhr. Es war Leuthold, zur Unkenntlichkeit entstellt. Als er den Geheimrat erblickte, grüßte er ihn mit gewohnter Höflichkeit, dann streckte er seine zitternde Hand nach Berta aus und sagte, indem ihm hörbar die Zähne zusammenschlugen:„Liebe Berta, sei so gütig und komm hinauf!“ Sie folgte ihm in höchster Angst, denn so hatte sie ihn noch nie gesehen, und das an dem frohen Tage von Hartwichs Begräbnis! Was konnte da vorgefallen sein? Er zog sie an der Hand nach sich die Treppe hinauf, seine Finger umklammerten die ihren kalt und starr wie Totenfinger; ihr graute, als sie so stumm miteinander dahinschritten. Jetzt standen sie an der Tür des Wohnzimmers, er trat ein, riß die zögernde Frau jäh mit sich, schloß ab, und ehe sie wußte, wie ihr geschah, hatte die furchtbare kalte Hand ihre Kehle umfaßt wie ein eisernes Band. „Soll ich dich erwürgen?“ fragte er tonlos, einen Blick auf sie heftend, wie den einer Schlange, wenn sie ihr Opfer umringelt. Barmherziger Gott,“ schrie Berta und siel auf die Knie. um sich loszureißen. Da wurde ihr der Hals zugeschnürt, daß sie zu ersticken glaubte. „Wenn du einen Laut von dir gibst, den die Magd hören kann, so erdrossele ich dich!“ knirschte Leuthold.„Darum sei ruhig— oder—“ Berta hörte auf zu ringen, sie verlor fast das Bewußtsein. Nun ließ er sie los und schleuderte sie auf das Sofa, wo sie betäubt sitzen blieb. Einige Minuten hielt er sich die kahle Stirn, dann haucht er mühsam Wort für Wort hervor:„An dem Tage, wo das Unglück mit Ernestine geschah und Heim ins Haus kam, dem ich ausweichen wollte, trug ich dir auf, streng über alles, was vorging, zu wachen, weißt du das noch?“ „Ja, stöhnte die geängstigte Frau. „Tatest du das?“ Keine Antwort. „Du tatest es nicht!“ „Ach, ich fürchtete mich so vor dem sterbenden Hartwich— deshalb blieb ich oben!“ stotterte Berta. „Und deshalb,“— Leutholds Brust rang nach Atem, während seine Hände krampfhaft zuckten,„deshalb ließest du's geschehen, daß Hartwich uns“— sein Mund öffnete und schloß sich ein paarmal, ehe er das Wort herausbrachte,„enterbte— und Ernestine das Vermögen vermachte.“— Seine Züge verzerrten sich, sein schlanker Korper begann zu wanken wie eine gefällte Pappel, er griff nach einem Stuhl, um sich zu halten, und stürzte ohnmächtig zu Boden. „Allmächtiger Gott,“ schrie Berta und schüttelte den leblosen Mann,„das ganze Vermögen? so sag doch— das ganze? Ach, du Schwächling, wie kann man nur gleich Krämpfe bekommen! Rede doch,— daß man wenigstens weiß, ob man denn ganz leer ausging?“ „So rede doch endlich!“ rief Berta.„Den Mund wirst du doch noch auftun können,— nicht ein Legat, nicht einmal eine Rente?“ Leuthold hob langsam den Kopf, sie half ihm auf und trug ihn mehr, als sie ihn führte, zum Sofa. Sie holte Eau de Cologne und goß sie ihm über die Stirn, daß sie ihm in die Augen lief. Er stieß einen Schmerzenslaut aus und bemühte sich, die brennende Flüssigkeit abzuwischen.„Soll ich auch noch blind werden durch dich?“ stöhnte er, und als der Schmerz vorüber war, blieb er in sich zusammengesunben sitzen und starrte vor sich hin. Leuthold sah die unzärtliche Gattin mit einem Blick an. der ihr unwillkürlich das Blut in die Wangen trieb. Es lag etwas Unbeschreibliches in diesem Blick, etwas halb Schmerzliches, halb Verächtliches, wie man etwa die Leiche einer Selbstmörderin betrachtet. „Eine Rente von sechshundert Talern!“ murmelte er dann und legte die Stirn in die Hand, um seine Umgebung nicht mehr sehen zu müssen und sich in sich selbst zu sammeln. „Das ist ja zuviel zum Sterben und zu wenig zum Leben!“ klagte Berta und warf sich laut weinend auf einen Sessel in der fernsten Ecke des Zimmers, als ob sie schon kein Anrecht mehr auf ihre Lehnstühle und Sofas hätte. Leuthold blieb lange regungslos, das Gesicht in den Händen verborgen, kein Atemzug war zu hören, seine Brust hob und senkte sich kaum. Es war. als brauche er all seine Körperkraft zur Bewältigung des furchtbaren Schmerzes, der ihn erfaßt hatte, als habe er nicht mehr Stärke übrig, nur ein Glied zu rühren. Der Glücksmensch sucht sich im Unglück Luft zu machen, durch Klagen und Toben, er kämpft mit physischen Mitteln gegen den Schmerz, indem er hin und her rennt, sich die Haare rauft, den Kopf an die Wand schlägt, die Hände ringt und ihn so gewissermaßen durch eine starke Muskeltätigkeit nach außen ableitet. Der Verstandesmensch aber verarbeitet ihn geistig und bedarf dazu der völligen körperlichen Ruhe. Einen Augenblick nur konnte die erste Wut einen Mann wie Leuthold zu einer Tätlichkeit gegen die verhaßte Urheberin seines Unglücks hinreißen, dann aber stellte sich das geistige Gleichgewicht wieder her und sein Elend wurde ihm zu einer harten Denkarbeit, über deren Bewältigung er wohl den Verstand verlieren konnte, von der er sich aber durch nichts ablenken lassen wollte. So saß er in tiefes Brüten versunken. Dann und wann fuhr ihm, wie ein Blitz durch die Wolken, ein Gedanke an Selbsthilfe durch den Kopf. uber er erlosch ebe#i#so schnell wie er ; n d e n, u n d m i t j e d e m M u l e n a r### e s d u n k l e r e N a c h t i n s e i ner Seele. „Die Opser von zehn langen Jahren verloren!“ murmelte er endlich mit gepreßter Stimme.„Das Haar auf meinem Haupte ist verblichen vor der Zeit im schweren Dienst um das eine Ziel, und nun es mir auf Armeslänge nahe gerückt, versinkt mir's vor den Augen; wieder soll ich mich beugen unter das Joch der Notwendigkeit und mit einnem Geiste, der befähigt ist, die kostbarsten Schätze der Wissenschaft zu heben,- Brot verdienen!— Die besten Lebensjahre hingegeben— um nichts um jetzt als alternder Mann von vorn anzufangen. Das war eine verfehlte Spekulation! Wenn sonst meine Kräfte erlahmen wollten, dann war es die Hoffnung auf die nahe Exlösung, die mich aufrecht erhielt, aber was soll mich von nun an starken, da keine Erlösung mehr winkt? Keine Erlösung. nichts als lebenslange Fronarbeit im Dienste des knurrenden Magens! O— o!“ Mit diesem Todesseufzer begrub der gequälte Mann das Gesicht in den Kissen des Sofas, und wieder trat eine lange Stille ein, die nur von den vereinzelten Tränenstößen Bertas unterbrochen ward. Endlich hielt diese das Schweigen nicht mehr aus.„Was soll denn nun werden?" fragte sie halb jammernd, halb trotzta. „Laß mich,“ sagte Leuthold,„laß mich— du siehst, wie ich leide und ringe.“ „Woher weißt du denn die ganze Sache?“ forschte sie weiter. „Der boshafte Chirurg Lederer flüsterte es mir bei der Rückkehr vom Begräbnis zu. Er hat das Testament als Zeuge mit unterschrieben. Die Leute drängten uns vor der Haustür auseinander, ich konnte ihn nicht einmal fragen, ob man mir die Vormundschaft ließ. Wenn ich nur wenigstens Vormund wäre“— er schwieg und versank wieder in ein tiefes Sinnen. (Forts. folgt.)