BEI, WLUMTEGGGGAS Diemetad. 15. Nonember 1982 Nummer** Beilage zum Allender Kreisblait zugleidt Neuenrader Zeitung Der Bordhund. Skizze von Helene Kaminski=Königsberg. Matrosen standen vor der kleinen Seemannsschenke und trommelten mit den Fäusten gegen die verschlossene Tür. „Mach auf, Vater Holder, wir wollen noch einen Trunk haben — mach auf, Käpten!“ Heut war mal wieder der Tag, an dem Vater Holder Tür und Fenster verschlossen hielt, wie in jedem Jahr einmal, keinen einließ, keine Antwort gab, wer da auch pochen und rufen mochte.„Ich will auch mal einen Tag meine Ruhe haben und keine Blaujacken sehen“, gab er zur Antwort, wenn man ihn fragte. Aber sie glaubten ihm nicht, denn Vater Holder liebte seine Matrosen wie Kinder; und wer da Rat brauchte, fand ihn bei Vater Holder, und wer Hilfe brauchte, fand sie auch bei Vater Holder. Nur eben diesen einen Tag im Jahr verschloß er sich ihren Freuden und Klagen.„He, Vater Holder“, rief einer laut gegen die Tür, „bist nun bald an die siebzig und hast viel vergessen, was Dir im Leben geschah, vergiß auch, was Dir an diesem Tag geschehen ist, was Gutes wird's ja nicht gewesen sein, red's Dir von der Leber, Vater Holder. Wir gehen auf lange Fahrt und wollen noch einen Abschiedstrunk in der Heimat nehmen, mach auf!“— Da wurde der Riegel zurückgeschoben, und Vater Holder stand in der Tür. Die Matrosen drängten lachend an ihm vorbei. Den. der gesprochen hatte, hielt er an der Jacke fest. „Recht hast Du, Junge, mein alter Kopf hat schon soviel vergessen, da soll auch das Bitterste mit dieser Stunde vergessen sein; es tut nicht gut, über schwere Stunden nachzusinnen. Kommt Jungens, trinkt und eßt, heut seid Ihr Vater Holders Gäste.“ Da saßen sie nun um den runden Tisch, und Vater Holder tischte auf, was seine kleine Schenke nur hergeben wollte. Als alle satt waren und die Groggläser dampften, zogen sie den Alten in ihre Mitte.„Nun vertell, Vater Holder! Man soll nichts halb tun.“ „Ja, Jungens, heute ist es gewesen vor manchem Jahr und hat mir am Herzen gefressen Tag um Tag. Denn wer wie ich nicht Weib und Kind hat, nicht Schwester und Bruder, der verliert viel, wenn er den einzigen Freund verliert. Hier, von diesem will ich Euch erzählen.“ Er zeigte ein Bild reihum, auf dem ein weißer Spitz klug in die Welt sah.„Von diesem Hund will ich erzählen, der mein Freund war, und von meinem Freund, der ein Hund war—ein Hundsfott, Jungens!“ Die Fäuste des Alten ballten sich.„Ja, der Pitter Buttenschön stammte aus dem Hamburgschen und war mein Freund, Wir haben alle Meere zusammen befahren und der Heuerbaas hätte seine liebe Not mit uns. Wir wöllten nur auf dem gleichen Schiff anheuern, und wenn's schon nicht ging, auf Schiffen, die den gleichen Hafen anliefen. Wir haben zusammengehalten in Freud und Leid. Aber man bleibt nicht timmer jung, die Knochen wurden morsch, und da zog es mich mit Allgewalt zur Heimat— der Pltter fuhr weiter auf SeeIch hatte genug beisammen, um auf einen guten Kahn die Anzahlung zu leisten. Auf Land wollte es mir nicht behagen, und wenn ich als Binnenschiffer gewissermaßen auch nur auf Tumpeln herumfuhr, es war doch wenigstens Wasser. Zu einem, Binnenschiffer aber gehört ein Skipperke. Ihr Meerfahrer wißt nicht, was das ist, ich habe es damals auch nicht gewußt. Skipperke nannte man den Bordhund, den jeder Binnenschiffer auf seinem Kahn hat. Klug und treu ist ein Stipperke— ich hab's erfahren. Der Schiffer kann ruhig mal druseln— der Bordhund wacht und gibt Laut, wenn sich was Ungewöhnliches zeigt. Mein Skipperke war ein weißer Spitz und hieß„Pfiff“. Nun stand da eines Tages wie vom Himmel gefallen der Pitter Buttenschön vor mir. Statiös sah er nicht gerade aus, abgerissen und elend. Aber es kann nicht jeder Glück haben in der Welt. Ich war bloß glücklich, daß ich ihn wieder hatte, und das Leben bekam für mich wieder einen rechten Sinn. Er wurde mein Bootsmann, und als wir so ein Jahr in Frieden und Freundschaft zusammen gefahren waren, sagte ich zu ihm: Pitter, Du bist allein, ich bin allein— was soll werden, wenn einer von uns zur letzten Fahrt abmustert? Ich meine, was soll aus dem Kram werden, den wir hier lassen müssen? Ich schlage vor, Du bist mein Erbe, ich bin Tein Erbe. Er schlug ein. Es wurde viel gebaut hier in der Gegend, und wir hatten gute Lohnfrachten, Ziegel, Holz und Mörtel. Es war an diesem Tag vor manchem Jahr. Ich wollte erst im Morgengrauen übers Haff. Der Pitter aber drängte auf die Fahrt am Abend. Ich ließ mich überreden, und wir warfen los. Das Wetter war unsichtig. Der Nebel kam mit Gewalt auf, und wir verbiesterten ganz und gar und mußten fürchten aufzurennen, denn auf dem Haff ist es nicht wie auf dem Meer, wo ein paar Striche rechts oder links nichts ausmachen.“ Vater Holder atmete schwer.„Holt neuen Grog, Jungens! Es wird mir doch schwer, den Pitter so anzuklagen. Aber er ist lange tot, von den Grenzern beim Paschen abgetan, und kann keinen Schaden mehr davon haben.— Ich stehe also und neige mich über die niedrige Reling, um Sicht zu gewinnen, da packt mich der Pitter in den Kragen und gibt mir einen richtigen Stoß vorwärts. Ich will noch gerade rufen:„Mensch, bist Tu des Teufels, beinahe wäre ich kopfüber zu Wasser gegangen!“— da bekomme ich einen zweiten Stoß und liege im Wasser. Das war gewiß kalt, aber was mir da übers Herz kroch, war kälter. Ich habe nicht gerufen— ich habe die Fäuste geballt und gefleht: Himmel, laß dem Hundsfott das schandliche Werk nicht gelingen! Die Lichter waren gelöscht. Von meinem Kahn sah ich kaum mehr etwas. Da fuhr es wie ein weißer Streifen auf mich zu— der Skipperke, mein Stipperke war über Bord gegangen und suchte mich. Ich fuhr ihm mit der Hand über das nasse Fell. Ja, Skipperke, wir haben dem nassen Tod manchmal ins Auge gesehen— auch das Haff kann tückisch werden und hochgehen. Nun ist es eben soweit... Ta war der Hund verschwunden! Ich weiß nicht, wie lange das so gedauert hat, da war es mir, als wenn ich aus langem Schlaf erwachte. Ich hörte den Skipperke dellen, jaulen, kläffen, die Stimme überschlug sich.„Land— Land! durchzuckte es mich. Ich hieli auf das Kläffen zu. Nach kaum zwanzig Meiern spürte ich Schilf. Ich lag ausgepumpt an Land. Der Skipperke umkläffte mich, leckte mir Gesicht und Hände, biß mir in die Jacke vor unmäßiger Freude. Da habe ich das Tier in die Arme genommen, und wir haben uns guten Tag gesagt im neugewonnen Leben. Naß war ich ja, was machte es, wenn ein paar Tränen noch dazu Lamen“ Vater Holder schwieg. Die Matrosen ließen das Bild von neuem kreisen und sahen„Pfiff“ in die klugen Hundeaugen. „Prost, Skipperke!“ sagten sie mit gepreßten Stimmen.— „Ja“, fuhr Vater Holder fort,„den Kahn haben wir am nächsten Tag geborgen, dicht am Ufer aufgerannt. Geld und Wertsachen waren verschwunden, der Handkahn auch. Die Grenze ist hier nah. Ich habe Pitter nicht gesucht, mag der Himmel mit ihm abrechnen!“ So schloß Vater Holder und reichte den Matrosen reihum die Hand:„Prost, Jungens, und auf die Fahrt gebe ich Euck den Spruch meiner Heimat„Gut Glück, hia und zurück. Und vergeßt min Voter Holder nicher. Eine von vielen von Rudolf Auf dem Fundament der Volksschulbildung hatte er, Buch um Buch aus Bibliotheken leihend. als Autodidakt mit Bienenfleiß ein ganz beachtenswertes Wissen und Können aufgebaut. War erst in der Schreibstube einer Nervenheilanstalt beschäftigt, dann Privatsekretär bei einem meiner Freunde, der ein bißchen eitel, aber ein anständiger Kerl, eines Tages erklärt hatte:„Sie sind zu schade, lieber Winkler, acht Stunden am Tage meine zwar guten, aber Ihre Bildung nicht weiter fördernden Romane abzuschreiben. Ich habe Ihnen bei einer Vorortzeitung das Pöstchen als Redakteur für das Lokale und Allgemeine verschafft.“ So kam der junge Winkler in die journalistische Laufbahn. Er nahm seinen neuen Posten ernst. Schrieb nette Artikelchen über den ersten Maikäfer, die letzte Rose, den frühen Schnee und die alten Sylvesterbräuche. Strich den Reportern ihre Greuel=Berichte zusammen, gedachte der goldenen Hochzeiten in den westlichen Vororten, beerdigte die„verdienstvollen Mitbürger“ und warnte in den Hundstagen die Jugend vor dem Trinken von zu kaltem Wasser. Nebenher aber bereitete er sich fleißig, mäßig und strebsam, wie er war, auf die Nachlieferung des Abiturs vor. Büffelte Lateinisch, lernte nach einer aus 52 Lehrbriefen bestehenden Methode„perfekt Französisch“ und nahm bei einem wegen Trunksucht zwangspensionierten Oberlehrer billigen Unterricht in der höheren Mathematik. Ganz in der Ferne seiner Hoffnungen winkte wohl der Doktorhut. Das alles hatte mir mein Freund. der Romanschriftsteller, angedeutet, durch den ich Willi Winkler auch persönlich kennen lernte. Wir beide wohnten damals im Südwesten, Winkler und ich. Durch Zufall Haus an Haus in der Großbeerenstraße. Ich mit meiner jungen Frau in einer hübschen aber dunklen Erdgeschoßwohnung, er oben vier Treppen hoch, sehr hell, in einem kleinen aber sauberen Zimmerchen. Das hatte er als anspruchsloser Vollpensionär einer reichlich gezierten, aber gutmütigen, ehemaligen Schauspielerin abgemietet, einem Fräulein Linda Latusch, die ihn— vielleicht mehr aus Sparsamkeit, als aus innerster Ueberzeugung— zur vegetarischen Lebensweise bekehrte und mit Obstsuppen, Gemüsekoteletten und Rübenpudding— für meine Begriffe schauerlich— ernährte. Ich fand Gefallen an dem strebsamen jungen Burschen, stellte ihm gelegentlich meine Bibliothek zur Verfügung und ließ von meiner Frau sein durch die 52 Uebungsbriefe redlich erworbenes Französisch in der Aussprache, die sich denn doch„brieflich“ nicht ganz pariserisch entwickeln täßt, zurechtrichter: Für das alles war er mir sichtlich dankbar. Als ich den darob Hocherfreuten einmal in seiner bescheidenen Behausung laufsuchte, fand ich ein mit peinlicher Sorgfalt gehaltenes Junggesellenzimmer. Die schadhafte giftgrüne Tapete war durch schlicht gerahmte Steindrucke von Hans Thoma gemildert und erträglich gemacht. Die Bücher in zwei Schlachtordnungen aufgestellt. Auf der altmodischen Kommode. bescheiden im Dunkel, die geliehenen und mit sichtbarem Stolz im Hintergrunde eines zum Schreibtisch erhobenen mit Stoff überzogenen Küchentisches aufgebaut, die mit eigenem Geld— Vor Jahren lernte ich einen netten jungen Menschen meist antiquarisch erworbenen Werke. Eine Dantebüste in kennen. Gips zierte den Kleiderschrank.— Es roch ein wenig nach ######g er(Grünkohl. „Verwandte haben Sie hier in Berlin wohl keine, Herr Winkler?“ Es dauerte eine Weile, bis er antwortete. Dann sagte er: „Nein, Verwandte habe ich nicht.“ „Und heiraten wollen Sie auch nicht?“ „Dafür“, er reichte in einem Kästchen nicht sehr ansehnliche Zigarren,„dafür ist wohl noch Zeit, wenn ich einmal wirklich etwas bin. Ein Mädchen aus gutem Hause macht doch seine berechtigten Ansprüche. Nicht wahr?“ So schlicht das vorgebracht war— es klang deutlich hörbar aus den Worten von„Mädchen aus gutem Hause“ der Ehrgeiz, der dort auf dem Tisch das lateinische Lexikon neben die Odyssee, die Edda neben Goethes Faust gestellt hatte. Der Ehrgeiz, auch gesellschaftlich sich mit der Zeit eine Stellung zu erkämpfen. Häufig morgens, wenn ich mit meinem alten Jagdhunde den unser beider Knochen zuträglichen Morgenspaziergang machte, traf ich Willi Winkler, der, die Mappe unter dem Arm, stets um dieselbe Minute sein Büro aufsuchte. Wir gingen dann wohl ein Stück Wegs zusammen. Sprachen von Politik und Literatur und aktuellen Nichtigkeiten. An der Ecke der Königgrätzerstraße trennten wir uns dann meistens. Dort, wo auf einem dürftigen Feldstuhl die alte Zeitungsfrau, im Sonnenschein nicht anders wie bei Wind und Wetter, saß und ihre Morgenblätter und illustrierte Wochenzeitungen feil hielt. Es war eine betuliche kleine, rundliche Frau. Auf dem schlohweißen scharf gezogenen Scheitel saß ganz oben, wie ein schwarzes Krönchen, eine altmodische kleine Haube. Aus dem von Sonne und Wind geröteten und vom Leben reichlich gefälteten Gesicht aber leuchteten, klar und gutmütig zugleich, zwei ganz blaue zwei wirklich veilchenblaue Augen. Und diese Augen erzählten, was man sonst schwer geglaubt hätte. Diese alte verwitterte Frau ist einmal ein hübsches, ein durch den Aufschlag dieser veilchenhellen Augen vielleicht manchem Männerherzen gefährliches Mädchen gewesen... Während ich dann mit meinem Hektor den Rückweg antrat, kaufte sich Winkler hier bei der Altenistets eine Reihe von Morgenblättern, die er in seiner Mappe mitnahm. Wenn ich manchmal zurücksah, stand er noch bei der Alten, die ihren guten Kunden aus den im verwitterten Gesicht jung gebliebenen Augen anstrahlte.. Es war drei Wochen etwa nach meinem Besuch, da wurde ich eines Morgens vom Fernsprecher gerufen. Als ich mich meldete, hörte ich eine Stimme die ich sofort wieder erkannte. Eine pathetische, etwas gezierte Frauenstimme rief:„Mein Zimmerherr ist schwer erkrankt.“— Dann war das Gesprachschon abgebrochen. Ich wartete eine Weile. Nichts mehr. I# Das Unglück wollte es, daß mich auf der Treppe noch ein Bekannter in einer wichtigen Sache aufhielt. So stand ich erst reichlich eine halbe Stunde später im vierten Stock vor der Flurtür, an der ein blankes Messingschild meldete:„Linda Latusch, Schauspielerin“. Darunter eine Visitenkarte:„Willi Winkler, Redakteur“. Die Tür wurde geöffnet, ehe ich klingelte. Die all Komödiantin, ungeschminkt und verweint, öffnete und verschwand sofort wieder nach ihrer kleinen Küche. Ich tastete mich im Halbdunkel nach der Tür zu Winklers, Zimmer. Den Anblick, der sich mir bot, werde ich mein Lebtag nicht vergessen! Der junge Mensch saß halb aufgerichtet, im Bett. Seine wachsblassen Hände weit von sich gestreckt auf der verschossenen Wolldecke. Das Gesicht spitz und schmal geworden, die Wangen eingefallen. Die Backenknochen schienen herausgetreten zu sein. Ich sah sofort, er schlief nicht— er war tot. Auf dem Bett aber, bei seinen Knien, hockte gebückt, unbeweglich, ihr dunkelblaues Wolltuch um die Schultern, eine alte verwitterte Frau. Die hellblauen Augen klar, ruhig und ohne Tränen sahen zu mir auf. „Sie kommen zu spät“, nickte die alte Zeitungsfrau,„zu spät. Er hat noch Ihren Namen genannt— da lief die gute Latusch Sie rufen... Aber ich— ich bin so gekommen. Drei Tage war er nicht bei mir gewesen an der Ecke. Und das letzte Mal hat er schon so gehustet. Da bekam ich's mit der Angst, und bin hier hinaufgeklettert, heute früh. Und die Latusch hat mir gesagt, er phantasiert schon die ganze Nacht. Und„Mutter“ hat er gerufen, zweimal, früh am Morgen:„Mutter“... Und. sehen Sie, das habe ich gehört— etwas in mir hat's gewußt, daß er jetzt„Mutter“ rief... daß ich kommen sollte,— wo ich doch nie hier oben gewesen bin. Und nun hab' ich ihm die Ausreise dort hinüber leicht machen können.— Die entzündeten Lungen war so voll. Als Kind hat er sie ja schon zweimal gehabt, die Lungenentzündung. Und der Arzt hat damals gesagt.., aber es ist ja jetzt so gleichgültig, was der, Arzt damals... Jch hab' mir sagen lassen, im Krieg, wenn da, so ein Soldat zerrissen wird von der Kugel— dann liegt er am Grabenrand und die andern müssen vorbei. Er aber ist gar nicht mehr in der Schlacht— er ist ganz weit weg, ist zu, Haus— ist wieder ein kleiner Bub... Ja das ist er— und da ist alles vergessen, Krieg und Ehre und Sieg— und er stöhnt bloß:„Mutter“... Und die Mutter ist weit— und sie. kann nicht kommen... Aber ich— ich hab' ihm die Augen zugedrückt— und hab's ihm verziehen, daß ich ihm doch nicht. gut genug war. Nein, ich klag' ihn nicht an. Einen Kiosk hat er mir kaufen wollen für meinen Kram— und von der zugigen Ecke habe ich weg gesollt. Aber er hat's doch noch gebraucht, das Geld. Er wollte doch Doktor werden,— ja, was wollt er wohl noch alles! Und nun— nun hat er am Graben gelegen, wie von der Kugel getroffen, und aller Hochmut war weg und aller Ehrgeiz... Nein, nein, mein Junge. es war gar kein Hochmut, du hast mich ja noch lieb gehabt— du hast noch einmal„Mutter“ gestöhnt, ehe du auf die große Reise.:. Aber jetzt“— sie griff nach einer alten abgeschabten. Ledermappe, die am Boden lag—,„jetzt muß ich gehen. Jetzt kommen die Mittagsblätter, und die Fahrer rechnen ab...“ Ich ergriff ihre Hand:„Mutterchen, Sie sind eine starke, eine tapfere Frau.“ „Das bin ich wohl nicht“, sagte sie leise, und ihre veilchenblauen Augen in dem alten Gesicht ruhten noch einmal auf dem toten Sohn,„Ich bin nur— eine von vielen.“ Und damit ging die alte Frau nach der Tür. Der Narr auf der Tofana. Skizze von F. Liesegang. Betriebsleiter Dirksen war über seine Arbeit am Schreibkisch gebeugt und antwortete auf das leise Pochen an mechanisch„Herein!“. Er sah überrascht auf, als Fräulein Magnus vor ihm stand. „Verzeihen Sie die Störung, Herr Dirksen— ich wollte mich verabschieden. Morgen beginnt mein Urlaub.“ Er nickte freundlich:„Und wohin soll die Reise gehen?“ Sie blickte ihm frei ins Gesicht:„Welche Frage! Wie alle Jahre; zur Tofana.“ „Nun, ich glaubte, einmal würden Sie— auch dieses Weges müde werden.“ Erika Magnus schüttelte abwehrend den blonden, schlicht gescheitelten Kopf.„Es känte mir wie Verrat vor, wollte ich einmal das Grab meines Verlobten nicht in jedem Jahre einmal mit Blumen schmücken, die ich ihm selber bringe.“ „Es ist aber schon lange her, seit Ihr Verlobter dort im Kriege fiel. Einmal muß auch die schwerste Wunde vernarben.“ „So sagt man wohl. Gewiß, es ist lange her. Manchmal aber ist mir, als sei es erst gestern oder vorgestern gewesen.“ Er schwieg einen Augenblick, gab ihr dann die Hand und sagte leise und herzlich:„Ich wünsche Ihnen gute Reise.“ Aufrecht, ohne Ziererei ging sie hinaus, zog die Tür behutsam hinter sich zu. So war ihr ganzes Wesen: schlicht, behutsam, bestrebt, niemandem wehe zu tun. Vor zehn Jahren war sie in die Betriebsverwaltung eingetreten, still, arbeitsam ihren Weg gegangen. Ihr Leben lief wie ein Uhrwerk ab. Jedes Jahr aber, wenn ihr Urlaub kam, reiste sie in die schroffe Bergwelt der Tofang an ein einsames Grab.— Wie alljährlich, wurde sie am Bahnhof von Cortina d'Ampezzo von Ricardo erwartet. Er brachte ihr das Gepäck bis zum nächsten Gebirgsdorf, wo sie in einem kleinen Gasthaus für die Ferientage Unterkunft fand. Vor neun Jahren hatte sie Ricardo als etwa dreizehnjährigen aufgeweckten Buben kennen gelernt, den für kargen Sold Bergziegen und Schafe hütete. Er wußte jeden Pfad in dieser Bergwildnis. Er kannte die Stellen, an denen Edelweiß und Enzian ihre schönste Pracht entfalteten. Zum ersten Male bemerkte Erika, daß es nicht mehr der Bub von einst war, der vor ihr stand, sondern eine schlanke, sehnige, kräftig gebräunte Gestalt, die ihr zu herzlichem Willkomm die Hand bot und ihr das Gepäck abnahm. Eriko fühlte sich zuerst ein wenig befangen, fand aber bald die ungezwungene Sprache wieder, fragte nach den Seinen, nach dem alten Wirt und vielen Dingen, die ihr gerade einfielen. Nach vierstündiger Wanderung, die ihr durchaus nicht schwer fiel, erreichte man das Gasthaus. Alles war nett und sauber vorbereitet: Erika fand ihr Zimmer wie sonst, hell, freundlich, und auf dem kleinen Tisch einen herrlichen Strauß Edelweiß. Natürlich Ricardos Werk! Sie streckte ihm bankbar die Hand hin:„Schade, Ricardo! Draußen im Freien nehmen sie sich noch schöner aus. Aber es war so gut gemeint—“ Seine Augen leuchteten auf, keinen Blick ließ er von ihr, als sie sich daran machte, ihre Sachen auszupacken. „Weißt Du, Ricardo, die Blumen werden wir mit nach oben nehmen.“ Der Glanz in seinen Augen erlosch, er fragte leise:„Wann geht es binauf““.#### u in 2e um2 I. Sie überlegte:„Morgen will ich mich noch ein wenig verschnaufen. Sagen wir also: übermorgen um fünf Uhr.“ Er zögerte.„Fünf Uhr ist etwas zu spät. Um zehn Uhr sind wir dann erst am Einstieg, und um die Zeit ist es mit dem Steinschlag besonders arg. Besser um vier Uhr—“ Sie nickte:„Also um vier Uhr.“ Endlich war das breite Felsband erreicht. Von hier aus wurde in gefahrloser Kletterei der kleine Grat erklommen, auf dem man schon von weitem ein kleines weißes Holzkreuz herüberleuchten sah. Jäh stürzten die Felswände zweihundert Meter in die Tiefe— aber Erika kannte keine Furcht. Hier war ihre zweite Heimat, denn jenes Grab barg das, was ihr einst das Liebste gewesen. Sie legte einen Strauß blutroter Rosen, den Ricardo für sie von Cortina geholt hatte, auf den kleinen Hügel. auch die prächtigen Edelweißsterne. Lauilos bewegten sich Erikas Lippen. Ricardo stand verlegen daneben, drehte unschlüssig seinen Hut, preßte die Lippen zusammen. Allerlei Gedanken gingen ihm durch den Kopf... Endlich wandte sich Erika zum Gehen. Unvermittelt wandte er sich um:„Erika— soll es immer so bleiben zwischen uns?“ Sie sah ihn erstaunt an.„Sei nicht böse— aber meine Sehnsucht ist mit mir gewachsen. Ich bin ja nicht mehr der arme Hirtenjunge. Ich habe gedarbt und gespart und kann an ein eigenes Heim denken, nur—“ Er faßte nach ihrer Hand— die entzog sie ihm mit hartem Ruck.„Ricardo— kein Wort davon! Es soll immer so bleiben.“ Wortlos richtete er seine dunklen Augen auf sie, durchdringend. Sein Gesicht kam ihr näher, namenlose Angst schnürte ihr die Kehle zu— sie schlug ihm ins Gesicht. Er verzog keine Miene, aber in seinen dunklen Augen war ein zorniges Flackern. Schweigend machten sie sich an den Abstieg. Erst dachte Erika daran, sofort abzureisen. Ohne Gruß hatte sich Ricardo entfernt und sie grübelte, ob sie ihm nicht unrecht getan. Aber besser war es, törichte Träume mit herber Hand zu zerstören, als sie durch Unentschlossenheit zu nähren. Sie hatte in ihrer Abgeschiedenheit vergessen, daß Knaben zu Männern werden. Doch es war nicht ihre Art, feige zu flüchten. So blieb sie. Auch ohne Ricardos umsichtige Führun unternahm sie einsam Wanderungen in die zerllüftete Tofano... gKa 1—5—8 Als eines Abends die Dunkelheit anbrach, war sie nicht zurückgekehrt. Der besorgte Wirt ließ Ricardo rufen, doch der zuckte kühl abweisend mit den Achseln:„Sie wollte es eben nicht anders.“ Lange blieb er auf der alten Holzbank vor dem Gasthause sitzen, als kämpfe er mit sich einen schweren Kampf. Endlich erhob er sich und rief dem Wirt durch das halb geöffnete Fenster zu:„Ich will nachschauen, wo sie ist.“ Den mittleren Turm der Tofana hatte Erika aufgesucht; der war ein heimtükischer Gesell. Wer den rechten Anstieg verfehlte, kam in größte Gefahr. Ricardo prüfte sorgfältig Seil und Steigeisen, nahm auch die Windlaterne mit, um noch vor Tagesanbruch recht dicht unter den Grat zu kommen. Er wünschte seinen Füßen Flügel— aber es wäre töricht gewesen, die Kraft vorher zu verschwenden. Von Zeit zu Zeit rief er ihren Namen in die Dunkelheit. Kein Echo klang zurück. Nach stundenlangem Anstieg hatte er ein breites Kriechband erreicht, seilte sich an und wartete auf die Dämmerung, um seinen Weg fortzusetzen. Unablässig suchte sein geübtes Auge die Felswände ab... Da entdeckte er Erika auf einem schmalen Felsvorsprung. Ihm schlug das Herz. Er schrie ihren Namen— die Gestale bewegte sich. Fieberhaft überlegte Ricardo. Von jenem Felsvorsprung gab es kein Zurück; nur vom Grat her konnte er sie mit dem Seil erreichen. Endlich, nach mühsamer Kletterei, hatte er ihn erreicht, sicherte das Seil und rief ihr zu, sie möge sich anseilen. Doch die eisige Kälte der Nacht hatte ihre Kräfte erschöpft. Bald stand er neben ihr auf dem schmalen Bandeg das kaum für einen Raum bot. 8 S Sie blickte ihn mit mattem Lächeln an.„Komm, Erika!, Du mußt Dich zusammennehmen.“.u.. Sueue##### Er seilte sie an, schlang kunstgerecht den Knoten. DerDuft ihres Haares betäubte ihn— er hauchte einen Kuß auf sihren erschöpften Mund. Das jagte ihr Flammen in die Wangen:„Nicht— um diesen Preis!“ Ricardo biß die Lippen zusammen.„Dann um einen anderen—“ Fest stemmte er sich gegen die Felswand, eiserner Wille gab ihm Riesenkräfte. Wie eine weiße Feder schwebte Erikas Körper an der grauen Wand empor. Ihre Energie erwachte wieder— mit letztem Wollen überwand sie die Felskante, sank neben dem Felsblock nieder, um den Ricardo das Seil schlang. Und wartete auf Ricardo. 1 Sie wartete lange, lange. Zog am Seil— ohne Widerstand kam es herauf, nur die Windlaterne hing daran, und in ihrem Gehäuse lag ein kleiner Zettel mit schwer leserlichen Worten:„Dann um diesen Preis. Der Narr auf der Tofana.“ Lange starrte Erika in die wunderliche Bergwelt um sie her, alles war wie ein böser Traum. Der berühmteste Hund der Erde. Der Bergführer Marcel Mousillon aus Courmayeur tst über Nacht der bekannteste Mann seines Standes geworden. Und zwar hat er dies seinem treuen, ausdauernden und findigen Hunde zu verdanken. Das Tier hatte seinen Herrn verloren, als er einige Wanderer die Gletscher des Montblane hinaufführte. Nachfolgende Bergsteiger fanden den kleinen Kerl winselnd in einer Unterkunftshütte. Er ließ sich abet nicht fangen, sondern trabte durch Schnee und Eis von dannen, dem Gipfel zu. Dreißig Stunden später trafen ihn dieselben Touristen vor der Vallot=Hütte. Natürlich war der Foxterrier völlig entkräftet, halb erfroren, und die Pfoten bluteten jämmerlich. Man verband ihn. Aber er gestattete es nicht daß man ihn auf den Arm nahm. Er brachte es tatsächlich fertig, zu Fuß den Montblanc, den höchsten Berg Europas, der 4807 Meter weit in den Aether hinausragt, zu erreichen. Längst waren die Verbände wieder durchgeblutet. Eissplitteo hatten das Fell des Tieres zerrissen. Klagend blickte es sich nach dem vorlorenen Herrn um. Dann brach es zusammen:: Denn natürlich war Mousillon bereits weiter gezogen. Dies mitleidigen Bergsteiger nahmen den Hund auf den Arm und trugen ihn mit sich nach Chamonix hinab. Erfreulicherweise war der erste Mensch, der dieser Gesellschaft begegneteg Mousillon, der seit fünf Tagen verzweifelt nach dem treuen# Gefährten gesucht hatte. Gedanken. Von Richard von Schaukal. Die einen legen Träume aus, andere begründen * Urteilen heißt: das Wahre vom Schein unterscheiden. * Schlechtigkeit ist Willensschwäche. *