BEL, WoisPaaa—— Samslag, 22. Ollober 1239 Nummer 70 Beilage zum Altender Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung Wiedersehen in Hammerfest. Skizze von Alfred Petto=Fraulautern. Sie wissen— erzählte er— daß ich voriges Jahr mit der „Monte Olivia“ nach Spitzbergen fuhr. In Hammerfest hatt ich ein eigenartiges Erlebnis.— Es interessiert Sie doch?— Nun Hammerfest liegt gewissermaßen an der Dachspitze des Hauses Europa. Grau=weiße Holzhäuser, zu ein paar Straßen zusammengestellt, lehnen an einem kahlen Berghang. Im Hafen standen die Leute wie zu irgend einer Feier versammelt und t winkten, als unser Schiff anlegte. Ich sage Feier. Vielleicht kann es kein festlicheres Ereignis für die Hammerfester geben, als dies, daß die großen Dampfer und die Menschen aus den bunten, bevölkerten Städten kommen. An Bord befand sich eine ältere Lehrerin aus Thüringen. Wir photographierten dieselben Gegenstände, wählten dieselben Speisen und machten dieselben Landausflüge. In Hammerfest kniff sie mir aus. Ich ging über den Fischmarkt und wollte den Hang hinauf, = um einen Rundblick zu bekommen. Da sah ich in einer Seitenstraße meine Lehrerin. Sie stand vor einem Hause und buchstabierte dessen Aufschrift, die sie mit einem Zettel in ihrer Hand verglich. Ich rief:„Hallo, Fräulein Seldegast, was treiben Sie denn da?“ „Ich besuche eine meiner früheren Schülerinnen“, sagte sie stolz. „Ihrer Schülerinnen?— Hier?“ Ich las nun die Inschrift über der Ladentür.„Slagter“ stand da. Zu Deutsch: Metzgerei. Und darunter der Name des Inhabers David Torgersen. „Kommen Sie doch mit!“ bat sie mich. Wir betraten den Metzgerladen. Es roch auch hier nach Tran. Ganz Hammerfest riecht nach Tran. Fräulein Seldegast war sehr erregt und ah schweigend die Tür an, die in die Stube führte. Nach einer Weile kam ein Mann heraus, groß, schlank, strohblondes, drahtiges Haar. Er redete uns in seiner Sprache an. Fräulein Seldegast fragte frischweg auf deutsch:„Ist Ihre Frau zu Hause?“ Der Metzger hob die Schultern: er verstehe nicht. Da siel ich ein. Ich dachte, das Wort hat überall Klang: „Madam!“. Nun lächelte er verständnisvoll, betrachtete uns eine Weile kritisch, sein Blick verfiel rasch, er ging in's Nebenzimmer. Es währte eine Weile. Mit einem Male knarrte die Tür eine Frau, jung, hübsch und rundlich, trat heraus. Blieb stehen. Ihre Augen sperrten sich auf. „Ohhh“, kreischte sie,„Fräulein Lehrerin!“ Sie gab ihr die beiden Hände. Nein, sie flog ihr in die Arme, ein unbändiges, schütterndes Lachen kam aus ihrem Mund. Es scholl durch das ganze Haus. Sie streichelte die arme, die Hände, den Rücken von Fräulein Seldegast. So was habe ich noch nie erlebt. Mir zog es heiß durch die Adern. Fräulein Seldegast war keines Wortes mächtig, ihre Augen hatten rote Ränder. Der Metzger stand hilflos in der Tür. Als seine Frau ihn herrief, trat er näher. Sie stellte ihn uns als ihren Mann vor: Herrn Torgersen, gebürtigen Hammerfester. Er gab uns allen die Pranke, ging jedoch gleich wieder hinter den Ladentisch. Seine Stirne war gerunzelt Frau Torgersen war rein närrisch. Sie drängte uns in die gute Stube. Da war so viel Heimatliches, Thüringisches Frau Torgersen tischte auf. Der Mann blieb im Laden. Mitunter warf er einen Blick herüber. Der hatte etwas Hartes, Feindliches... Die Zeit verging mit Plaudern und Trinken Frau Torgersen wurde immer stiller. Ihr Körper schien schlaffer, müder zu werden Wie sie's denn hier aushalte? fragte Fräulein Seldegast. Die Frau flennte ein Stückchen in die Schürze hinein. „Ich habe oft Heimweh“, brach es aus ihr hervor, „grenzenloses Heimweh.“. nach der Mutter, den Brüdern... nach unserem Städtchen. Wenn ich einmal durch hohe Tannenwälder gehen könnte! Wir haben nichts hier... nur Wasser, Kälte, Fische. Und immer das gleiche. Oft ist es mir als müßte ich sterben. Ich hab oft im Hafen gestanden, im Sommer, wenn die Touristendampfer kamen. In der ersten Zeit habe ich geglaubt, ich müßte mal einen sehen, den ich kenne..“ Ich schlich mich fort. Herrn Torgersen gab ich im Laden die Hand, er nahm sie und kargte heraus:„God dag!“. Es klang rauh und knapp. Ich habe den Mann verstanden und verzieh ihm seine Kälte. Nun schlenderte ich zum Schiff zurück. Es gefiel mir nicht mehr in der Stadt. Ich stellte mich an die Reling. Das Wasser gluckste um die Pierpflöcke, die Segel* kutter schaukelten mit geneigten Masten gegeneinander. Ich vergesse das Bild von Hammerfest nicht: kleine kastenförmige I Häuser, darüber die schroffen. splitternden Hänge. Kein Baum, kahl, still, verträumt. Und das grüne Meer. Die Stunden vergingen. Die Dampfersirene heulte. Um acht Uhr sollten wir weiterfahren. Die Reisenden trotteten an Bord. Der Zeiger rückte auf acht. Die letzten Säumigen liefen. Der Matrose fuchtelte mit den Armen. Wo blieb sie nur? Ich war von einer furchtbaren Unruhe befallen; ich wußte, das Schiff würde keine Minute warten. Ich suchte eben den Kapitän, als ich sie heranlaufen sah. Frau Torgersen hinter ihr her. Mit fliegenden Röcken.„Los. los!“ brüllte der Matrose außer sich. Fräulein Seldegast lief wie auf Schlittschuhen. Ihre Augen sahen stier auf das Schiff. Ihre Arme cuderten verzweifelt. Sie sah sich nicht mehr nach Frau Torgersen um, sie keuchte den Landungssteg hinauf. Oben sing ich sie auf. Sie war keines Wortes fähig, das Herz hämmerte ihr bis in die Zunge. Es wurde mir später von Fahrgästen erzählt, Frau Torgersen habe am Kai gestanden und gerufen:„Holt mich mit!“ In einem fort, mit kreischender, gellender Stimme. Ein Mann in weißer Met: schürze habe sie am Arm genommen und weggeführt. Als is wieder an Bord kam, war Hammerfest im Dunst versunken. Wir fuhren durch den Sörösund nach Süden... Zurück in die geschmückten Stuben von Europa. Die Falle im Stall. Stizze von Arthur=Heinz Lehmann. „Einquartierung“, wetterte der alte Bauer Christian,„an die zehn Jahre lang schlagen sie sich schon die Köpf blutig, die Kriegsleut! Uns Bauern plündern sie das letzte Hab und Gut, dabei geht's uns'nen Dreck an! Katholisch oder Lutherisch, was schert's mich? Ich weiß alleweil selber, was ich zu machen hab! Auf mein' Hof kommt weder Roß noch Reiter!“ Maria, des Bauern junge Tochter, kniete vorm Wäschespind und hatte sich zum Vater umgewandt. „Wirst nix ausrichten können, Vater. Sind's ihrer viel?“ „n Obrist mit elf Offizieren!" „Das werden doch feine Herren sein. Vater, Offiziere!" „Feine Herren!“ knurrte der Bauer,„saufen und fressen genau wie die Landsknecht und nach den Weibern...“ er brach plötzlich ab. „Weißt, Mariele“. fuhr er mahnend fort,„solang die Kerle hier sein, läßt Dich nimmer im Haus blicken. Verschmier Dein Gesicht mit Ruß, zieh Lumpen auf'n Leib, daß keiner Lust nach Dir kriegt. Im Viehstall wirst zu allerletzt gesucht“ Maria, das hübsche, wohlgebaute Mädchen, gehorchte, ob* Surcht und Fürforge nicht recht einsah. Die Herberge der Schiüggter? Stizze von Johannes Jegerlehner=Grindelwald Zwei Stunden diesseits vom Paß liegt sie grau wie das Schiefer und Geschiebe der Steinwüste, aber dem Untergang geweiht. Eine Sperrmauer staut den See, die Fluten steigen und bedrohen die Herberge am Paß. Morgen wird sie ausgeräumt; dann kommen die Arbeiter und legen sie nieder. Aus dem Schuppen tritt der Wirt und späht besorgt in die pfadlosen Höhen, von wo die Schmuggler gewöhnlich herunterklommen. Nebel trüben den Fernblick, der Nordost klärt für die Nacht.„Das beste Schmuggelwetter“, raunzt er,„und kein Bein nirgends.“ Verdrossen setzt er sich auf die Holztrommel und trampelt mit den Füßen. Auf Chechin war sonst Verlaß. Säume an Waren herauf, was der Schuppen faßt, hatte er ihm das letzt. Mal dringend geboten. Bevor sie dein Haus abtragen, bin ich mit zwanzig Mann zur Stelle, und wir krönen unsern Tauschhandel mit einem Bombengeschäft. „In zwanzig Traglasten abgeteilt lag die Ware, Zucker, Kaffee, Tabak, zum Schmuggel bereit. Hält Chechino sein Wort nicht, so bleibt sie ihm auf dem Hals. Lassen sie mich am letzten Abend im Stich, heiliges Donnerwetter, so ist mein Vermögen des Teufels. Es dunkelt ein, seine Aufregung wird zur Qual. Da klirren Stöcke, italienische Laute schwirren ihm entgegen, mit den ersten der Schmuggler tritt er ins Haus. Zuletzt ist's eine stattliche Schar, darunter die Tochter Chechinos in dem Blust ihrer maifrischen Jugend. Mit dem Anführer und drei Zeugen begibt sich der Wirt hinaus; beim Schein der Laterne werden die italienischen Schmuggelwaren abgeschätzt und wird der Tauschhandel vollzogen. Schmunzelnd kehren alle in die Stube zurück, die Tische sind gedeckt, von der Küche her weht der Duft von Gebratenem. „Du hast mich lange warten lassen“, sagt der Wirt,„ich zählte nicht mehr auf Euch.“ Chechino schlägt seine dunkelumbuschten Augen zu ihm auf.„Das Wetter war unpaß, und dann haben die Grenzwächter einen neuen Brigadiere erhalten. Einen Heißsporn und Streber, da heißt es Fuchs gegen Fuchs. Aber um einen Chechino abzusangen— mit den Schnüren am Aermel und dem großen Maul ist noch nichts erreicht. Und für den schlimmsten Fall habe ich vorgesorgt.“ Der Braten wird aufgetragen. Der Wirt spendet den Wein umsonst und verteilt Zigaretten. Da kracht die Tür, und herein stampft mit rotem Gesicht ein italienischer Grenzer. Höhnisch verzieht er die Lippen, geht nach der Ecke, wo noch ein Tischchen unbesetzt ist, hängt Pistole und Ueberwurf an den Nagel und setzt sich mit dem Rücken gegen die Wand. Der Brigadiere! Mit keiner Miene verraten die Schmuggler ihre Bestürzung. Im Gegenteil, als ob ein frischer Wind die Glut ihrer Munterkeit schürte, erhebt sich Geschnatter und Pokulieren. Tabakrauch kräuselt auf. Der Brigadiere bestellt vom gleichen Essen und eine Flasche Soda. Nerina, die Tochter Chechinos, huscht zu der Wirtin in die Küche hinaus, tänzelt mit der Zigarette im Mund wieder herein, wandert von einer Gruppe zur andern, fährt einem Gesellen mit der Hand durch die Lockenwirrnis und lehnt sich buhlerisch an den Rücken eines eifrig gestikulierenden Burschen „Musik, Musik!“ Nerina schleift ans Büfett und legt die Schallplatte auf. Schmetternd übertönen rauhe Kehlen die Melodie. Neue Zurufe. Die Tische werden an die Wand gerückt, der Raum in der Mitte ist frei. Nerina tanzt. Ihre Bergschuhe hat sie abgelegt und rotlederne Pantöffelchen angezogen, die ihre rehzarten Gelenke umschließen. Die Platte leiert, vogelleicht schwebt die Tänzerin, wird Rhythmus, Schönheit, Sinnenreiz. Der Brigadiere in seiner Ecke lächelt überlegen in sich hinein. Sein Vorgänger in der Grenzschutzhütte hatte ihn vor der Sirene gewarnt. Tanzt die Schöne für mich? Will sie mich betören und der Bande den Weg frei machen? Es soll ihr nicht gelingen. Gelassen bläßt er Kringel in die Luft. Wagen sie es dennoch, sich zu beladen, so hefte ich mich an ihre Fersen, und der Fang ist mir gewiß. „Darf ich dem Herrn Brigadiere von meinem Wein eingießen?“ Mit Glas und Flasche steht der Wirt vor ihm. Ungnädig winkt der Grenzer ab. Er wälzt Gedanken in seinem Kopf. Seine Blicke streicheln verstohlen das Mädchen. Vielleicht ließe sich mit dem Capo auch ein Händelchen anspinnen. Knirschend beißt er auf die Zähne. Die verdammte Pflicht— Beförderungsaussichten— seine Hand wischt über das Tischbrett. Versucher, wende dich von mir! „Nerina“, schreien die Burschen,„il rombaglione!“ Eine schwermütige Weise bricht aus den Hälsen. Die Maid flügelt mit den Armen und bewegt sich mit zierlichen Schritten, die Hüften hin und her wiegend, durch die Mitte des Saales. Plötzlich wechselt das Tempo. Gejohle hämmert den Tak ein Klapperholz trommelt, Hände klatschen auf die Oberschenkel. Nerina, von dem schwellenden Tumult berauscht, walzt und dreht sich, streift das Tischchen, hinter dem der Grenzer zwischen Pflicht und Begierde schwankt. Bei der nächsten Runde fährt ein Blitz aus ihren Wimpern in die Ecke. Er fängt ihn auf, wird Blut und Feuer, reckt sich, beuge sich über den Tisch. Die Tanzende hat den Teufel im Leibe. Immer wilder fliegt und kreist sie. Seine Pulse klopfen, seine Blicke zehren an ihr. Noch eine Runde, und er packt ihrer Arm und zieht sie neben sich auf den Stuhl. Die Tänzeris lacht ihm ins Gesicht und neigt den Kopf gegen seine Schulter „Herr Wirt— Spumante!“ ruft er und preßt sie in seinen Arm. Der Wein perlt in den Kelchen. Aus der vernebelten Stube schleichen die Schmuggler einer um den andern davon. Der Brigadiere sieht nur zwei Funkelsterne und den gewährenden Mund. Br. 1.gt Em mini. Die Stube nebenan ist gerichtet. Nerina folgt ihm willig hinüber. Gierig will er sie umschlingen. Aber sie entwindet sich seinen Armen.„Laß, laß, eine Minute, dann bin ich die Deinel“ Schon ist sie weg.— uach der E. Mit brennenden Nerven harrt er und starrt nach der Tür. Ist die Hexe am Ende... Im Gang stößt er mit der Wirtin zusammen.„Wo ist sie? Gebt Antwort““ „Nicht so hitzig, Herr Brigadiere! Sie ist nach oben gegangen. Sie will sich schön machen. Gut Ding will Weile haben.“ Sachte schiebt sie ihn in die Kammer zurück. Verdammt, sie kommt nicht. Gewißheit muß er haben. Ungestüm rennt er in den Flur, die Treppe empor, reißt alle Türen auf und leuchtet mit seiner Taschenlampe die Zimmer ab. Weh ihr, wenn sie ihn narrte! Wieder im Saal, schlauft er den Revolver um und wirft die Mantille über die Schultern.„Canaglie!“ wettert er gegen die Küche und stürmt binaus.„ 9„ g 924, Mirtin mann— G. „Um Himmelswillen“, stottert die Wirtin,„wenn er sie erwischt!“ Seelenruhig legt ihr Mann den abgenagten Knochen in den Teller zurück und ergreift das Glas.„Er soll nur den Berg hinauf jagen“, erwidert er boshaft grinsend,„er kommt noch früh genug an den falschen Ort. Nerina ist gemächlich bergab gepilgert, zu ihren Verwandten im Dorf. Nicht dem Brigadiere, uns ist der Fang gelungen. Prost!“ Am Abend, als der Oberst der Kaiserlichen mit seinen Herren Quartier im Gutshof nahm, schlief sie wohlbehalten zwischen zwei Mägden, welche durch ihre Häßlichkeit selbst vor den wüstesten Landsknechten geschützt waren. Bauer Christian hatte die Stalltür von innen verammelt und war durch die Bodenluke in den Hof zurückgestiegen. Die Leiter hatte er versteckt und glaubte seine Tochter in Sicherheit. Trotzdem konnte er es nicht verhindern, daß der hübsche Kornett Jörg das Mariele auf der Rasenbleiche traf und unter ihrer Dienstmagdmaskerade ein anmutiges Mädchen erkannte. Als der Kornett nachts auf halsbrecherische Weise über den Boden zu ihr in den Stall geklettert war, küßten sie einander und sagten sich Liebes und Gutes. Am nächsten Morgen aber gaben die beiden Mägde, die sich schlafend gestellt hatten, dem Bauer vom nächtlichen Besuch neidvoll Kunde. Christian fluchte, nahm das Mariele in hochnotpeinliches Verhör und sann auf sicheren Schutz. Zu diesem Behuf errichtete er eine hinterlistige Falle, schloß in der Nacht, da er sie gestellt, die Augen niemals gleichund ließ den armdicken Eichenknüppel nicht aus der Weil die Zeit und der nachkommende Feind drängten, rückten die Offiziere mit ihrem Landsknechtsfähnlein ab, nicht wissend, daß ihre vermißten Kameraden wohlbehalten eingesackt in einem der Troßwagen mitfuhren. Erst als die beiden allmählich zur Besinnung kamen, als die zerdroschenen Glieder zu schmerzen begannen, so daß die Herren anhuben, ganz unsoldatisch zu wehklagen, befreite man sie aus ihrem engen Verließ zum Gaudium der lachenden Landsknechte, denen vor allem der kreuzlahme Oberst eine vergnügliche Augenweide bot. Der Streich des Bauern Christian ist nie im Heer bekannt geworden. Die beiden Herren glaubten, sie wären dem Satan in den Sack gekrochen, denn der konnte selbst den wackersten Kriegsmann übertölpeln, aber nie ein dummer Bauer. So blieben die beiden denn bei dem tröstlichen Glauben, vom Teufel vertobackt worden zu sein, und dies gereichte ihnen im ganzen Heer zu hohem Ansehen, hatte sie doch der Teufel ils gar zu hartgesotten sogar für seine Hölle verschmäbt. ∆ 25 Indessen waren der Oberst und seine Offiziere über des Bauern Wein hergefallen, und gedachten, den Christian restlos von dem feurigen Teufelszeug zum Nutzen seiner Seele zu befreien. Dabei waren die Herren arg in Laune und Hitze geraten und zu allerlei tollen Verrichtungen aufgelegt. Zuerst versuchten sie unter der Führung ihres Befehlshabers über den großen Misthaufen auf dem Hofe zu springen. Da viele der Herren zu kurz und mitten in den Haufen hinein sprangen, verbreiteten sie denn auch alsbald einen durchdringenden Tuft, der Flöhe und Läuse in den Wämsern einer ganzen Rotte Landsknechte glattweg erstickt hätte. Sei es, daß sich die rote Nase des Herrn Obersten gegen den allzu irdischen Geruch empörte, sei es, daß ihn sein kapitaler Affe zum Klettern verleitete: kurzum, er faßte den kühnen Entschluß, auf dem Giebeldach des Stallgebäudes reitend, in dämmernder Nacht Ausguck nach den Lagerfeuern des Feindes zu halten. Da Christian die Leiter wiederum wohl verborgen hielt, halfen sich die wackeren Krieger damit, daß sich einer auf des anderen Schultern setzte. Allein als der Oberst auf dem Rücken des dritten Herrn herumkraxelte, sing der Untermann an zu wanken. Der Oberst ergriff flugs einen Mauervorsprung, um die Luke des Heubodens zu erklimmen. Die Offiziere warteten unten geraume Zeit, daß er zurückkommen sollte, aber es war vergebens. Da wandten sie sich wieder anderen sinnigen Zerstreuungen zu. Nur der brave Kornett Jörg klomm seinem Vorgesetzten nach, teils aus Sorge um ihn, teils aus Verliebtheit. Er irrte im Stockduster des Bodens herum, holte sich Kopfnüsse an den Balken und rutschte plötzlich in eine Versenkung, allwo er den Oberst duftend und schnarchend fand. Dem nacheifernd und mit der nötigen Bettschwere sing der Kornett gleichermaßen an zu schlafen. Weder ihm noch dem Oberst war die ungewöhnliche Stellung aufgefallen, in der sie Morpheus in den Armen hielt. Der Gott des Schlafes hatte die beiden regelrecht im Sack.. 84—6 Der Bauer betrat mit einer brennenden Kienfackel den Stall und sah seine Falle wohlgefüllt, den Sack, dessen Oeffnung er rings um das Schlupfloch im Heuboden festgenagelt hatte. Christian rieb sich die Hände, einmal aus Freude über den gelungenen Fang, zum anderen, weil er vorher hineingespuckt hatte, damit ihm der Eichenknüppel keine Blasen prelle. Nach dieser Vorbereitung bearbeitete er den Sack mit wohlgezielten Hieben, so daß das Schnarchen drinnen bald in Grunzen überging und der Sack in Drehung geriet, auf welche Art beide Insassen sich kameradschaftlich in die Prügel teilten. Als Christian die Arme schmerzten, hielt er ein, nahm seinen Kienspan aus der Oese an der Wand und verließ den Stall. Bald aber kam er mit einem Knecht zurück. Beide nahmen den schweren Sack ab, banden in sorglich zu und verluden ihn in einen Proviantkarren des Trosses. Die zwei Herren schliefen unterdessen ihren Rausch weiter aus, als wären ihnen die Hiebe Schlafmittel gewesen. Der Bauer legte sich ins Bett und druselte ein, im Bewußtsein, eine gute Tat vollführt zu haben. Am nächsten Morgen suchten die verwaisten Offiziere ihren Obersten. Sie fanden ihn nicht, und auch der Kornett Jörg blieb verschwunden. konnte er war mehr Eine kleine Zeitungsmeldung. Skizze von Werner Bartels. Der Oktobertag war traurig und häßlich. Kalter Reger peitschte gegen die Windschutzscheibe, und der Herbststurm riß die letzten fahlen Blätter von den Bäumen. Irrsinn eigentlich, an einem solchen Tag einen Ausflug mit dem Wagen zu machen; g.., gn. ute Fickt. 18 Hick. Gelrg, Einen Ausflug? Nein! Hans Mente liebte es, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein. Nein, einen Ausflug diese herbstliche Sturmfahrt nicht nennen. eine Pluch.„ p. I4 Egg 9.— Nu. Srin Vor wem? Vor sich selbst. Vor der Erinnerung. Tenn heute war es ja gerade ein Jahr her, seit jenem Tage, da Hans Mente geglaubt hatte, vor der Erfüllung seiner Wünsche zu stehen. Ein Jahr war gerade vergangen, seitdem aus dieser erhofften Erfüllung die große Enttäuschung wurde. Aber er wollte ja nicht daran denken. Er war doch gerade deshalb in den Herbststurm hinausgefahren, um auf andere Gedanken zu kommen. Also weiter hinein in den Regen, weiter fort von der Erinnerung an das Verlorene! Den Gashebel herunter, daß die rasende Fahrt alle anderen GeHanken ausschlob:„.2 uE Licht k. 5us Baltus ans. Doch die Erinnerung ließ sich nicht so ohne weiteres aus. schalten. Sie kehrte immer wieder zurück, sie verlangsamte die Fahrt. Sie wurde in den Bäumen an der Straße, in jedem Seitenweg, auf den herbstlichen Feldern wieder lebendig. Und dann war nur sie noch da, und der Wagen schlich, mechanisch gelenkt, die Straße entlang. Gerade vor einem Jahr! Da hatte Ria Enders neben ihm im Wagen gesessen und gelacht. Vielleicht ahnte sie damals, daß gerade auf dieser Fahrt das von ihr ungeduldig ersehnte Wort fallen sollte. Die Menschen nannten Ria Enders und Hans Mente schon in einem Atemzug, als seien die beiden verlobt Jetzt war sie dessen Frau. geee Sie hatten einen Jagdausflug mit einander verabredet. Von einem Freund war Hans Mente das Revier zur Verfügung gestellt worden:„Ihr seid allein, ungestört, und bei der Gelsgen)= F.3;, Lastien F. Au—, Wogen steben lassen Pi. An der Straße hatten sie den Wagen stehen lassen, die Schrotflinten geschultert. Und da war es Ria Mente eingefallen:„Da gehen wir zur Rebhuhnjagd und haben noch nicht einmal einen Hund mitgenommen.“ Sie lachte laut und unbesorgt, wie es ihre Art war:„Und wer soll das Apvortieren besorgen?.## un 5n u. b.. u. Deutlicher konnte sie es nicht sagen, daß sie an diese vor geschützte Jagd nicht recht glaubte, sondern etwas anderes vom Tag erwartete. Nun lachte sie über sein verdutztes Gesicht und half ihm über die leichte Verlegenheit hinweg. Aber sie fühlte, daß sie ein ungeschicktes Wort gesagt hatte, das die ersehnte Frage sicher ein wenig hinausschgk.### Sie gingen weiter über die Felder. Ein Volk Rebhühner ging lärmend hoch. Ria Enders war ein guter Schütze. Ihr Schuß fiel, bevor Hans Mente seine Flinte an die Schulter gerissen hatte. Nun senkte er die Waffe und brachte dem Mädchen die beiden Hühner. Ria Enders lachte ihm autasam. Sie freute sich über ibr Jagdglück. Sie war in diesem Augenblick das unbesorgte blühende Leben selbst, und Hans Mente würde am liebsten, Beute und Flinte hingeworfen und das Mädchen in die Arme Zest, ein Jahr stäter, fragte sich Hays Mente umsonst „Warum habe ich es damals nicht getan?“ Irgend etwas hattihn daran gehindert. Seine Schwerfälligkeit vielleicht? ESie waren damals weiter über die Felder gegangen. Doch Ria Enders schien die Lust am Hühnerschießen vergangen## sein. Sie schwieg ein paar Minuten. Dann kehrte ihre Launwieder. Sie hatte das Gewehr über die Schulter geworfen und sah jetzt viel frauenhafter aus als vorhin. Und dann deutete sie mit der Hand hinüber zum Wald:„Sieh doch die wundervolle Färbung der letzten Blätter!“ Der Zufall wollte es, daß unter ein paar Eichen ein einfache Holzbank stand. Sie setzten sich dorthin, und Hans Mente wußte, daß er jetzt endlich das entscheidende Wort sprechen mußte. Er sah einen Augenblick zu Ria hinüber Ihre Wangen waren röter, als der frische Herbstwind#s## hätte machen können. Diese Erkenntnis freute Hans Mente so sehr, daß er ein wenig lächeln mußte. Da raschelte es über beiden im Baum.„Ein Eichhernchen“, sogte er und deutete hinauf in die Zweige, wo das Ties auf den Hinterbeinen saß und den Menschen einen Augenblich Auch Ria Enders bückte auf. Doch sie wor bleich gn worden, und ihr Mund hatte plötzlich tiese, harte Winkel. Dann riß sie die Flinte hoch und schoß, fast ohne zu zielenDas Tierchen siel beiden vor die Fuße. Einen Augenblick sohen sich Hans Mente und Ria Enders Dann fragte der Mann:„Warum nur?“. Sie zuckte die mich! So ein dummes, gleichgültiges au Achsel:„Es argerte Eichhörnchen!.. g, I gestanden: Komm Wi. Eia Da war Hans Mente aufgestanden:„Komm, Ria, win wollen nach Hause fahren!“„ Einen Monat später hatte sie sich mit einem anderen verlobt. Jetzt war sie dessen Frau... Und nun quälte Hans Mente die Erinnerung. Warum hatte er sich damals von einer Verstimmung beeinflussen und um Rias Besitz bringen lassen? Er wußte doch, daß sie nun einmal anders beschaffen war als er, aber gerade diese unbekümmerte Sorglosigkeit, dieser gesunde Egoismus hatten ihm so an Ria Enders gefallen. Warum mußte er sich damals alles selbst verscherzen? Ein Wort, und sie würde jetzt ihm gehört haben statt einem anderen. 25 8 Der Regen rann. Es war kalt im Wagen. Ein Dorf kam. Hans Mente hielt vor dem Gasthaus. Hier hatten sie einmal zusammengesessen auf einer ihrer Fahrten. Er wollte etwas genießen, weil ihn fröstelte.., 844 Die Wirtin nahm die Bestellung entgegen. Sie legte dem Gast eine Zeitung auf den Tisch:„Es dauert ein paar Hans Mente überflog das Blatt. Er war mit seinen Gedanken nur halb bei der Lektüre. Doch dann stutzte er: Irgendwo hatte sein Auge im Vorüberfliegen über die Meldungen den Namen Ria aufgefangen. Er suchte. Er fand eine fleine Notiz: Eheliches Drama. Gestern hat eine Frau Ria Mahn nach kurzem Wortwechsel ihren Mann erschossen. Die Täterin zeigte keinerlei Reue. Nach dem Grund zur Tat gefragt, sagte sie nur:„Er ärgerte mich.“ Hans Mente stand auf. Die Stube war ihm plötzlich zu eng. Es trieb ihn hinaus in den Regen. Dort war er wenigstens allein mit sich und mit seiner Erinnerung an ein Eichhörnchen, das ihm vielleicht das Leben gerettet hatte. Jetzt spielt er Skat. Der äußerst gewissenhafte und tüchtige Theaterdirekton Friedrich Gumtau, der in den siebziger und achtzigen Jahren das Nationaltheater in Berlin leitete und später in Halle wirkte, war ein Freund der klassischen Kunst; dagegen konnte er Possen durchaus nicht leiden. Weil diese aber die Kassen füllten, durfte er zu seinem Aerger auf sie nicht verzichten. Als in seinem Theater wieder einmal eine Komödig gegeben wurde, schaute er durch das Guckloch des Vorhanges und sagte zornig:„Da sitzen nun die Kaffern, Kopp bei Wenn ick aber meine Klassiker jebe, dann jehn se in und spielen Skat. Na, heute jehe ick in de Kneipe und spielt Skat.“ 4 k Das Kartendnell. Skizze von Arthur Koetz=Berlin. Der alte Geheimrat Professor F. an der Universität T., dessen verdienstvolles Werk und guter Name sich zwar in Fachund Verwaltungskreisen großer Achtung erfreuten, der indes als Zeitpersönlichkeit ziemlich unbekannt war, besuchte eines Tages in einer amtlichen Angelegenheit seinen jüngeren aber berühmten Kollegen, den Professor H., den der Minister auf Grund aufsehenerregender Leistungen in öffentlicher Praxis an die Universität berufen hatte. Als der kleine Geheimrat eintrat, empfing ihn Emil, das Faktotum des Professors, und sagte grob und kurz angebunden:„Der Professor arbeitet. Den kann ich jetzt nicht stören.“—„So, so“, erwiderte der kleine Geheimrat mit seiner mädchenhellen Stimme und blickte sanft an Emil empor.„Das freut mich zu hören. Indes vermute ich, daß Sie mich trotzdem melden werden, weil ich Sie gütigst darum ersuche.“—„Wer sind Sie denn eigentlich, Herrr...?“ —„Bitte sehr“, sagte der kleine Geheimrat und überreichte ihm seine Visitenkarte. Emil legte die Visitenkarte in seine haarige Klaue und führte sie dicht an die Augen. Dann griente er, wie er es seinem Herrn abgesehen, und las umständlich vor: „Geheimer Regierungsrat Professor Dr. jur. et phil. Dr. h. c. Ministerialdirektor a. D. Präsident d. A. D. V...“ und dann den Namen.„War wohl so richtig? Nischt vergessen?“— „Na, Emil, was ist los?“ erkundigte sich der berühmte Professor, der in einer burschikosen Joppe am Schreibtisch saß, und drehte sich um.„Ein kleener vermeckerter Mann mit'ner langen Visitenkarte." Der junge Professor lächelte jovial. „Das ist ja ein ganzer Roman—.—“. Er lachte.„Diese verknöcherten Affen! Emil, hier liegt's“, und er schlug sich an die breite Stirn. Während Emil schon die Tür geoffnet hatte, rief er:„Ich lasse den Herrn Geheimrat Dr. jur. et phil.... bitten".—„Guten Tag, Herr Professor“, begrüßte ihn der kleine Geheimrat mit seiner mädchenhellen Stimme freundlich. „Sie haben da einen— hm, hm— sehr— hm, hm— originellen Diener.“— Ja“, lachte der berühmte Professor,„auf den lasse ich nichts kommen. Der ist klüger als mancher Professor.“—„So, so“, erwiderte der kleine Geheimrat,„das kann schon sein.“ Er sah den großen Kollegen sanft an.„Hm, hm— höflicher bin ich jedenfalls.“ Im übrigen unterhielten sich die beiden Professoren überraschend gut miteinander, der alte kaum bekannte und der junge berühmte, nachdem sie sich eine Zeit lang mißtrauisch beäugt hatten, und stellten eine weitgehende Uebereinstimmung ihrer wissenschaftlichen Ansichten fest. Nicht unfreundlich verabschiedeten sich die beiden endlich voneinander.— Eines Tages war der junge Professor seinerseits gezwungen, den alten Geheimrat aufzusuchen. Die alte Haushälterin des Geheimrats kam mit wippendem Spitzenhäubchen auf ihn zugetrippelt.„Na— der Herr Geheimrat arbeitet wohl“, erkundigte sich der junge Professor.—„Aber bitte sehr“, wisperte die Alte und strich ihr weißes Schürzchen sorgsam glatt.„Der Herr Geheimrat arbeiten immer. Wen habe ich die Ehre zu melden?"—„Ach so“, sagte der junge Professor, zog eine weiße Karte aus der Tasche und schrieb mit großen Buchstaben in Rotstift einfach seinen Namen quer über die Karte. „Herr H.?“—„Jawohl, H.“—„Ich bitte Sie, Herr H. sich einen Augenblick zu gedulden.“— Der alte Geheimrat las Karte und machte:„Hm, hm.“ Dann lächelte er leise und ein ganz wenig verächtlich. Zuvorkommend öffnete er selbst die Tür.„Ich freue mich sehr, Herr Professor", begrüßte er den berühmten Gast mit seiner mädchenhellen Stimme Man unterhielt sich wiederum zuerst mit kühler Zurückhaltung, schied jedoch wie beim ersten Mal im besten Einvernehmen.— Die kleine Anekdote, anscheinend so kennzeichnend für den verknöcherten alten Geheimrat alten Stiles und die großartig einfache und menschliche Linie des jungen berühmten Professors, machte ihre Runde und wurde unter Augurenlächeln von Mund zu Mund und von Semester zu Semester weiter erzählt. Indessen hat das lustige Kartenduell in Wirklichkeit noch ein Nachspiel gehabt, das, weniger bekannt, um der Gerechtigkeit willen nicht verschwiegen werden darf. Bei dem nächsten Besuch, den der alte Geheimrat dem jungen Professor zu machen hatte, legte er, ehe Emil sich versehen konnte, ihm ohne Umstände seine Visitenkarte in die Hand.„Na, den Salm kennen wir schon“, brummte Emil unverständlich und schlürfte davon.—„Also, Herr Professor“, nieldete er,„der kleene Komische mit dem langen Salm ist wieder da.“ Der junge Professor warf einen launigen Blick auf die Karte, drehte sie herum und hielt verwundert eine weiße unbedruckte Karte in seiner Hand:„Ich lasse den Herrn Geheimrat Professor Dr.—— bitten.“—„Guten Tag, Herr Geheimrat.“—„Guten Tag, Herr Professor.“—„Sie haben in die falsche Tasche gegriffen, Herr Geheimrat“, sagte der unge Professor spitzbübisch und wies auf die Karte.—„Hm, ym, hüstelte der kleine Geheimrat freundlich,„keineswegs.— „Nanu“, der junge Professor drehte die weiße Karte suchend herum.—„Hm, hm“, lächelte der kleine Geheimrat unmerklich,„als Persönlichkeit bin ich— hm, hm,— im Vergleich zu Ihnen, Herr Professor,— hm, hm, doch ein völlig unbechriebenes Blatt.“ Der berühmte Professor biß sich auf die Unterlippe und lachte, im Augenblick außer Fassung, ein wenig ärgerlich und gezwungen auf. Dann aber erkannte er unversehens, daß im Grunde er der Eitlere von den beiden gewesen, als er großsturig, einfach seinen bekannten Namen über die Karte geschrieben, während der alte Geheimrat, dessen Verdienste und menschliche Einfachheit er inzwischen erfahren, der Bescheidenere war weil er gewissermaßen seine Person in Titel und Amt ausgehen ließ, die für seine Lebensauffassung und Tradition nur der sachliche Ausdruck von Leistung und Aufgabe waren, welche er würdig zu vertreten für seine Pflicht gehalten. Blötzlich lachte der junge Professor, in seinem Kerne ehrlich und menschlich aufgeschlossen, fröhlich los, schlug sich knallend auf den Oberschenkel und bot, froh, sich auf so humorvolle Weise seiner eigenen Schwäche überführt zu sehen, mit offener Jungenhaftigkeit dem alten Geheimrat seine Hand, indem er sagte:„Das haben Sie mir wirklich gut gegeben, Herr Geheimrat. Ich kapituliere. Wenn Sie es mir nicht übel nehnen: von nun an— Kollege!“ Der alte Geheimrat umschloß die große Faust des jungen Professors einige Augenblicke lang warm mit seinen beiden zierlichen Händen und erwiderte mit mädchenheller Stimme: „hm, hm— so hatte ich mir das auch gedacht!“— Seit diesem Zwischenfall waren die beiden gute Freunde und sprachen vonetnander nur mit großer Wärme und voller Hochachtung. Mitleid mit Pulwermann. Kriminalskizze von Gerd Land. So wenig ein Zweifel an der Schönheit der Lady Wuster bestand, so fest stand bei ihr selbst der Entschluß, das nächste Schiff zu nehmen, das geraden Kurs auf Antwerpen hielt... So sehr sie sich bemühte, das nervenmarternde Hofmachen der Herren als etwas Unvermeidliches in Kauf zu nehmen, so sehr sie fühlte, wie ihre raffiniert schlichte Gewandung das Gezisch der Damen erregte, so mächtig wuchs in ihr der Wille, Helouan den Rücken zu kehren und nach Antwerpen zu entkommen... Nun, Daisy Wuster konnte sich den Luxus erlauben, den ägyptischen Prinzen und den Lordschaften mit vernichtend=gleichbleibender Freundlichkeit zu begegnen, ohne bombastischen Schmuck in Kleidern einherzugehen, deren Einfachheit auf eigene Art mit den Umrissen ihrer Gestalt übereinstimmte. Antwerpen, dies Ziel ihrer Träume, war für die Lady eine Hafenstadt wie jede andere... Aber dort harrte ihrer weder ein Jungling, um sie mit seiner Liebe zu beschenken, noch ein Halbgott dieser Zeitläufte, der ihr seinen Mammon zu Füßen legen wollte. Es war in einem Hause einer engen, giebeligen Gasse eine schmutzige Etagenwohnung, die sie mit einer solchen Sehnsucht, erfullte. Hier hauste ein alter Diamantenschleifer, den der Inhalt eines ihrer Koffer mit sichtlichem Behagen erfüllen würde. Der Alte war ein Hehler, der über die besten Beziehungen zu Anbietenden und Nachfragenden verfügte... Die Lady schätzte er als seine beste Lieferantin.“ Wer traute auch der zartbäutigen, schmalhüstigen und scheuLaub an der Straße] Eine Herbststize von Werner Krueger Er lag neben vielen auf den grünschimmeligen Quader= steinen eines düsteren, winkeligen Hofes, die flußlahmen Glieder zusammengekrümmt auf dem Rest einer alten Zeitung, und starrte durch das blinde, schmutzverklebte Fenster. Der fauligsüße Geruch ungereinigter Därme drang aus den Lägern der Darmsortierei, die hinter ihnen lag. Hier lagen sie, die Ritter der Straße, auf schmutzigen Papiersetzen. Und der alte Mann am Fenster schlief, wie sie alle, unruhig, gehetzt, in den Flanken das Gefühl eines Fußtrittes, der sie wieder emporjagte. So war ihr Leben; nicht schlafen können und am Tag nicht wachen. Um ihn herum war das Dunkel, auf seiner keuchenden Brust lag der stickende Dunst von den schimmeligen Wänden kraftlos zur Erde flatternder Seufzer. Jede Kreatur hat den Schlaf, der ihr Kraft zu weiterem Leben verleiht. Dem Menschen gab der Herr als furchtbarsten Feind seine Seele; die qualt ihn nun Tag und Nacht. Aber—, in dieser dumpfen Nacht fiel aus dem brütenden Schweigen ein silberhell funkelnder Stern in das Hirn des alten Kunden unter dem Speicherfenster. Er riß seine Augen weit auf, und er sah ihn, diesen Stern—— o, Herr im Himmel, schicke sie zu uns, diese Reinheit—— Stern in der Nacht—— o, Stern—— leuchte—— leuchte! Seine gichtigen Finger krümmten sich ineinander. Dann sammelte er seine müden, schmerzenden Glieder und ging hinaus, vorbei an den schlafenden Leibern der Männer, immerfort diesem Stern nach, der ihn auf frühnebelfeuchte Straße führte, diesem Stern, der aus seiner eigenen, im Trunk erlöschten Vergangenheit gestiegen war. Alle, die da wandern, tragen die Erwartung eines Wunders in ihrer Seele. Sie finden es nie, aber——, bevor sie sterben,—— ja, da schenkt ihnen ihre Seele das größte Wunder, die Erinnerung an das, was war und nun——— na ja, nicht mehr ist... Als der Staatsanwalt Michael Noorden aus seinem Hause trat, glitt sein Blick bekümmert über die schmalen Gartenwege. Da hatte der Herbststurm in der Nacht ja tüchtig gehaust. Jetzt lagen die Blätter übereinander, aufgeweicht und braun, bedeckten die Straße und die Beete, auf denen gestern noch Georginen, Astern und der zierliche Kopf der Herbstzeitlose in bunten Farben geprangt hatten. Noorden watete langsam durch das Laub zur Gartenpforte. Wie er sie hinter sich schließen wollte, sah er vor sich einen alten Mann, der in zerrissener Kleidung mit schlappernden Füßen und gichtigen Händen vor ihm stand. „Sie könnren mir das Laub fortfegen!“ sagte Noorden. Einen Augenblick sah er in die weit aufgerissenen, kleinen, schwimmenden Augen des Bettlers, die unter buschigen Brauen minutenlang zwischen ent##indeten roten Lidern zitterten.„Gehen Sie zum Mädchen in die Küche und lassen Sie sich den Strohbesen geben!“ sagte der Staatsanwalt und wandte sich ab. Von der Plattform der Straßenbahn noch sah er, wie der Alte zur Küche schlich.— Der Bettler stand mit dem Besen vor der Tür des weißen, kleinen Landhauses. Er hatte den struppigen Kopf darauf gestützt. Als wäre er in tiefen Gedanken. Und plötzlich— wie unter einem Zwang— holte er aus seiner zerrissenen Kleidung eine abgegriffene Tasche heraus. Er hielt sie zwischen den zitternden Händen, daß niemand vom Hause es sehen konnte, öffnete sie vorsichtig einen Spalt und lugte mit zwinkernden Augen hinein. Ja, da, da stand es: Carl Noorden, Amtsgerichtsrat. Derselbe Name, wie auf der Tür des Landhäuschens. Dann war also der große, ernste und doch freundliche Mann sein Sohn!—— Hm! Hm! Das freute ihn. So war der Bengel doch etwas geworden! Aus eigener Kraft. Er, der alte, hatte es besser gehabt. Ihm ebnete der Vater die Wege. Aber dann kam der Schnaps. Ja, ja, wie das so geht... Und wieder schaufelte der Bettler das Laub auf die Karre. Bis er mit einem Ruck wieder anhielt. Der Stern! Da war er ja wieder, der Stern! Hier also hatte sie gelebt, seine Frau, seine kleine, zarte Hedwig, ehe sie starb—— Hier! Ah, jetzt—.— jetzt wußte er es: Das war der Stern, der ihn geführt hatte. Die Magd in der Küche sah mit aufgerissenen Augen, wie der alte Bettler plötzlich vorsichtig in das Haus schlich. Da ließ sie die Milch auf dem Feuer stehen und schlich nach. Der Mann kletterte hüstelnd die Treppe empor, die zum Schlafzimmer führte. Auf der Diele blieb er einen Augenblick stehen und strich wie liebkosend über den schweren Schrank. Flinten standen darin, darüber hingen Geweihe. Das war ja der Schrank, der noch von dem Vater des gnädigen Herrn geblieben war. Aber—, der alte Mann ging langsam vorbei. Im Schlafzimmer stand er lange mit andächtig gefalteten Händen vor dem Kinderbettchen, in dem der kleine Karl schlief. Seltsam! Der alte Penner mußte nicht normal sein. Die Lina sah genau, wie große, schwere Tränen in seinen Bart kollerten. Und da, leise schrie das Mädchen auf, jetzt hatte der alte Bettler ein Bild von der Wand genommen, ein kleines Bild, das über dem Kinderbettchen hing, und schnell, ängstlich sich umsehend, in die Tasche gesteckt. Da lief das Mädchen die Treppe hinunter und holte die gnädige Frau und lief über die Straße und holte einen Schutzmann und dann klingelte sie noch im Bureau des Herrn Staatsanwaltes an... Wie sie alle so vor ihm standen, war es einen Augenblick, als wollte der alte Mann zu reden anfangen. Seine Blicke gingen von dem Polizeibeamten auf das Ehepaar— die große blonde Frau und den Staatsanwalt. Seine Lippen bewegten sich. Seine Hand fuhr schnell nach den Augen, um eine Träne wegzuwischen. Das da vor ihm war sein Junge, der sich durch eigene Kraft emporarbeitete. Der hatte es nicht verdient, daß jetzt einer kam, ein verlauster, dreckiger Landstreicher, der sich für seinen alten Vater ausgab. Nein, das hatte er wirklich nicht verdient. „So sagen Sie doch wenigstens, alter Mann, was Sie denn mit dem für Sie wertlosen Bilde beginnen wollten!“ sagte Noorden halb ärgerlich, halb hilflos.„Das Bild stellt meine Mutter dar, die haben Sie doch gar nicht gekannt.“ Der Bettler zitterte wieder leicht im herben Winde des Oktobertages.„Nein“, sagte er mit blassen Lippen,„nein, gnädiger Herr, hab' ich nicht gekannt. Aber, bitte, schenken Sie mir das Bild! So kalt in der Nacht— immer frieren,—— das Bild,—— ja,—— mein Stern——.“ „Schenk ihm das Bild!“ sagte die blonde, schlanke Frau. „Sagen Sie doch wenigstens, wer Sie sind! Zeigen Ihre Papiere, damit der Wachtmeister Sie nicht zur Wache bringen muß!“ Der Alte schüttelte den Kopf. Einen Augenblick krallte sich seine Hand fester in die alte Jacke, unter der er die abgegriffene Brieftasche verborgen hatte— und das Bild. „Hab' keine Papiere. Ich bin ein alter Mann. Hab' nur meinen Stern!“ Wieder kollerte eine Träne in seinen Bart. Da zog der Staatsanwalt die Achseln hoch und wandte sich zu dem Polizisten.„Wir wollen den alten Mann laufen lassen, Herr Wachtmeister. Ich schenke ihm das Bild.“ Der Beamte grüßte und ging. Noorden aber wandte sich zu dem Alten.„Behalten Sie das Bild! Aber— jetzt gehen Sie, bitte, weiter!“ Einen Augenblick stand der Bettler regungslos. Die Hand preßte er fest auf das Bild in seiner Tasche. Dann plötzlich fuhlte der Staatsanwalt seine herabhängende Hand ergriffen. Der Bettler küßte sie, ehe Noorden es verhindern konnte. Dann schlich der Alte davon. Ueber den Gartenweg kam das Mädchen mit dem kleinen Karl. „Gib mir doch die Hand, kleiner Junge!“ sagte der Bettler. Das Mädchen aber riß den Knaben mit sich. „Kleiner blonder Junge“, murmelte der Alte,„kleiner, lieber Junge!“ Er wischte mit der gichtigen Hand über die Augen und schlich weiter, mit müden Füßen durch das welke Laub, die Hand auf das Bild gedrückt; er schlich in das Leben, wo Nachts nicht Schlaf ist und Tags nicht Wachen. Und seinen Stern hielt er gefangen, das Bild einer ernsten schönen Frau, das drückte er an sein Herz, wie einstmals äugigen Marquise de I’Otard=Foullaise, Verzeihung, der Lady Wuster..., doch machen wir's kurz: Wer traute der einstigen Modistin Ilse Vontell die mit unerhörter Geschicklichkeit ausgeführten Schmuckdiebstähle zu, die seit einiger Zeit die Polizeistationen in Atem hielten? Eine ägyptische Hoheit bemühte sich ausdauernd um die Lady. Es war Nacht. Im Orchideenhain wurde getanzt. Die Instrumente sangen süße Zwitscherlaute, und Hoheit Achmed im weißen Smoking legte die Hand fester um die schmale Hüfte der schönen Frau. Sie tanzten. Ueber die Schultern ihres königlichen Tanzpartners hinweg äugte Lady Daisy scharf, aber unauffällig in den magisch erhellten Saal, wo dicht an der geöffneten Tür ein älterer Biedermann mit Glatze und Plusterbäckchen und einer stattlich gewölbten Weste die Börsenkurse in den„Times“ studierte. Armer Pulwermann!— dachte die entzückende Verbrecherin. Vor lauter Verzweiflung studierte er schon die Börsenkurse. Armer, armer Pulwermann! „Lassen Sie mir einen Eisdrink kommen, mein Prinz!“ kommandierte sie, und als der Mann mit den glutenden Augen aufstand, befahl sie ihm, den Namen und die Zimmernummer des kleinen Dicken zu erkunden. Achmed eilte davon. Daisy wußte: Die Zeit des alten Pulwermann war endgültig vorbei. Seit seiner letzten Entlassung aus dem Zuchthaus hatte er die Sicherheit des Zugreifens verloren, zauderte; überließ die sichere Beute Geschickteren, wie einmal ihr; es war ihm nicht zu verdenken. Mit seinem Vorstrafenregister wollte er sein Leben nicht im„Zet“ beschließen. Sie, der jahrelang alle menschlichen Regungen fremd gewesen, sie, fur die das Wort„Liebe“ ein abgeschmackter Begriff war, fühlte plötzlich Mitleid, aufrichtiges und— wenn man so sagen darf— kollegiales Mitleid für den alten Hochstapler... Ein Kellner rollte ein Eistischchen mit einer Eisbar heran. einen Mister Mißner aus Neu=Ruppin“, sagte er.„Der Herr ist Lederwarenfabrikant und bewohnt die Zimmer einundzwanzig und zweiundzwanzig.“ „Wer? Ach so... Richtig. Ich bat Sie ja... Ich danke Ihnen, Prinz. Setzen Sie sich doch... Sie sollten sich, wenn Ihr Hausboot im nächsten Frühling die Riviera anläuft, als Mixer für Mandelmilchspezialitäten betätigen. Wundervoll haben Sie das gemacht.“ So täuschend echt war ihr Erstaunen, so geschickt der Uebergang gewählt, daß Achmed gar nicht dazu kommen konnte, über den Zweck seiner Erkundigungsmission nachzudenken. Sie aber hatte einen Entschluß gefaßt. Wenn Pulwermann auch als Lederwarenfabrikant Mißner aus Neuruppin die Leute zu bluffen versuchte, ein kundiger Hoteldetektiv sah doch die Falten im heiteren Biedermannsgesicht, die unzweifelhaft von Zuchthausentbehrungen herrührten. Nein, sicherlich konnte Pulwermann nicht einmal die Hotelrechnung begleichen. Deshalb wollte sie, die Lady Wuster, ihm helfen, bevor sie nach Antwerpen fuhr, um den erbeuteten Schmuck im Köfferchen „verschärfen“ zu lassen. Und wenn dies der ganze Sinn ihres Aufenthalts in Helouan wäre, dem alten Kollegen aus der Klemme zu helfen, sie wurde sich nicht davon abhalten lassen, ihm einige Banknoten unbemerkt in sein Zimmer zu legen. Um den Zweck dieses Aufenthaltes wußte ja nur sie allein: der Aegyptentrip war nichts als ein Ablenkungsmanöver für die Polizei, nichts als ein Umweg über ungefährliche Zonen nach Antwerpen, zu dem kleinen Giebelhause... Mit ihrem Nachschlüssel öffnete sie sicher die Tür zu Pulwermauns Zimmer. Es war wohl das einzige Mal, daß sie sich über einer guten Tat ertappte, als sie, die schweren Kabinenkoffer öffnend, ohne Erstaunen feststellte, daß sie mit Feldsteinen gefüllt waren, als sie angesichts der bereits vor zwei Tagen ausgestellten Hotelrechnung in der Schublade die Banknoten aus dem Täschchen nahm und sie hinauflegte. Die Summe reichte zur Begleichung, zur Heimreise und zur Eröffnung eines kleinen Lederwarenladens in— Neuruppin! Sie beschloß, nicht mehr zu der Gesellschaft im Orchideenhain zurückzukehren. Sie war müde, wollte schlafen, denn morgen schon mußte sie fort. Als sie zu ihrem Zimmer kam, erschrak sie jäh. Das Schloß war erbrochen. Sie stürzte zu dem Koffer, der die Juwelenbehälter barg. Er war leer, ausgeraubt... Pulwermann! kam es ihr in den Sinn. Pulwermann, mit dem sie Mitleid gehabt, hatte sie bestohlen. Sie wurde froh über diesem Gedanken. Mit dem wurde sie fertig, mit dem bestimmt! Aber Pulwermann saß noch in seinem Sessel und studierte die Kurse, hatte nicht das für ihn wertlose Gepäck im Stich gelassen, sondern war geblieben. Was sollte das heißen? Hilfesuchend sah sie sich nach dem Prinzen um. Er war verschwunden. Und jetzt kam ihr ein fürchterlicher Verdacht. Vom Pförtner erfuhr sie alles: Der Prinz war, nachdem er sich nach dem Namen des Misters Mißner e###ndigt hatte, vor den Zimmern der Lady gesehen worden, deen, um keinen Verdacht zu erregen, zu ihr zurückgekehrt, um schließlich von der Bildfläche zu verschwinden. Ilse Vontell alias Lady Daisy Wuster grub die Zähne in die Lippe, bis sie von Blutstropfen genetzt wurde. Die ägyptische Hoheit, der Prinz Achmed, den sie wie einen der anderen Elegants zu sich befohlen, hatte ihr die in mühevoller Kleinarbeit erbeuteten Juwelen geraubt. In ihrem Schmerz suchte sie Trost bei Pulwermann. Sie erzählte ihm alles. Er aber lachte kurz auf:„Ich hätte Dir mehr Menschenkenntnis zugetraut, Ilse“, erklärte er,„Du solltest doch wirklich schon den Smaragdenwilly von einem echten Prinzen unterscheiden können. Smaragdenwilly ist getürmt!“ Die schöne Frau verließ den alten Pulwermann. Sie ging in das Zimmer, das er bewohnte, und nahm die Tausender wieder an sich. Der hat mein Mitleid bestimmt nicht nötig! entschied sie... Dann suchte sie ihre Räume auf. Sie hatte es nun nicht mehr eilig, nach Antwerpen zu kommen. Die Liebesbotschaft des optischen Telegraphen. Skizze von G. W. Beyer. Nun sind es bald an die hundert Jahre her, daß zwischen Berlin und Magdeburg das erste Telegramm gewechselt wurde. Nicht etwa eines von den heutigen, die der fingergewandte Beamte in den Schnellschreiber hineintippt, sondern eines nach dem System des klugen Herrn Postrat Pistor. Der hatte nämlich den Vorschlag gemacht, eine hohe Generalpostdirektion nöge in gewissen Abständen zwischen Berlin und Magdeburg ragende Masten errichten und mit je einem Beamten bemannen. Dieser könnte dann mit Hilfe beweglicher Signalarme die Nachrichten weitergeben, die ihnen vom nächsten Mast übermittelt würden. Auf diese Weise sei es möglich, die veradezu phantastische Geschwindigkeit von vier Zeichen in der Minute zu erreichen. Dann brauchten Depeschen für den Weg aur ein paar Stunden und nicht, wie bisher bei der Beförderung durch Staffetten, einen ganzen Tag. Das Praktische des Vorschlages leuchtete den Herren in der Generalpostdirektion ein, und eines schönen Julitages wurde mit dem Setzen der Masten begonnen, über die sich die Leute nicht genug wundern konnten. Lin November 1832 jlog Die Welt ward sektsam leer. Von Nebelschwaden, Mit feuchter Kälte grau und schwer beladen, Sind Wald und Feld nun Tag für Tag ummauert Bis jede Pflanze voller Angst erschauert Und sich zurückzieht in die dunkle Scholle Der Erde, daß die ewig Lebensvolle Dies kleine Leben möge treu bewahren Vor bald'gen Winters bitteren Gefahren. Und sie birgt wärmend Wurzel, Keim und Samen, Nimmt alle, die schutzsuchend zu ihr kamen, In ihre mutterliche Kraft und Güte Und segnet sie zu selig=neuer Blüte. Zoe Droysen. das erste optische Telegramm vom Dach der alten Berliner Sternwarte, wo die Linie begann, hinüber nach dem Turm der Johanniskirche in Magdeburg. Mit den vier Zeichen in der Minute klappte es zwar nicht ganz, aber man konnte immerhin zufrieden sein. Nun stand so ein Mast auch bei Burg im Altmärkischen, und wenn die Offiziere vom Feldartillerieregiment sich mit ihren Geschützen beim Exerzieren herumplagten— im Winter war es bei der Gelegenheit manchmal recht schön kalt—, dann jahen sie den Telegraphisten dort oben stehen und beneideten ihn, weil sich der Mann beim Winken warmturnen konnte. Besonders einer unter den Offizièren interessierte sich für den Mast und seine Bemannung. Das war der Leutnant Hildebrandt. Der sah dem Telegraphieren manchmal versonnen zu und dachte dabei:„Könnt' ich nur auch eine Botschaft nach Magdeburg schicken!" Denn dort drüben, gar nicht weit von der Johanniskirche entfernt, saß die Tochter des Oberstleutnants Weidlich, während ihre Gedanken sicher recht oft in Burg weilten. Daß sie selbst einmal dorthin kam, dafür waren freilich die Aussichten recht schlecht. Denn der Vater gefiel sich darin. noch mehr als streng zu sein, und wenn der Leutnant Hildebrandt einmal nach Magdeburg kam und seine Aufwartung machte, dann ließ man die beiden jungen Leute niemals allein. Es gab noch etwas anderes, was den Leutnant mit Interesse der Arbeit der Telegraphisten zusehen ließ. Die Beförderung war schlecht, und eines schönen Tages konnte der Leutnant Hildebrandt sich gezwungen sehen, um eine etwas einträglichere Stellung im Zivildienst des Königs von Preußen nachzusuchen. Da gefiel ihm der Postdienst wohl am besten, und es tonnte ihm oann nicht schaden, wenn er in die Geheimnisse des Telegraphierens eingeweiht war. So sah er dem Winken dort oben auf dem Mast zu, und nachdem er sich außerdem ein paarmal mit dem Obertelegraphisten unterhalten hatte, war es ihm nicht schwer, hinter das Geheimnis des Telegraphierschlüssels zu kommen. Von nun an las er mit Vergnügen die hochwichtigen Staats telegramme, die täglich nach Magdeburg gingen, und von denen er dachte, sie wären doch zum größten Teil Kohl. Eines Tages aber fand er Gelegenheit, seine heimlich erworbenen Kenntnisse praktisch zu verwerten. Der Kommandeur hatte seinen Offizieren nach einer erstaunlich gut verlaufenen Besichtigung eröffnet, sie könnten fast alle ein paar Tage in Urlaub fahren. Für den Leutnant Hildebrandt gab es natürlich kein anderes Ziel als Magdeburg. Aber mit Wehmut dachte er daran, daß es dort wohl kaum zu einem ungestörten Plauderstundchen kommen würde. Da hatte er plötzlich einen Einfall. Den begann er am gleichen Tag noch zur Ausführung zu bringen. Der Obertelegraphist vom Mast wunderte und freute sich zugleich, daß der Herrn Leutnant ihn mit einer Einladung zu einem abendlichen Glas Wein im„Kronprinzen“ beehrte. Er wußte diese Ehre so sehr zu würdigen, daß er am nächsten Morgen mit halbstündiger Verspätung auf seinen Mast kletterte und nichts von dem Telegramm ahnte, das schon nach Magdeburg weiter gegangen war. Drüben an der Elbe aber hatte die Nachricht helle Aufregung hervorgerufen. Denn da war ein Bote zum Garnisonkommandeur gekommen und hatte eine Meldung vom Telegraphisten auf dem Johanniskirchturm gebracht:„Heute mittag treffen seine Königliche Hoheit der Kronprinz zur Besichtigung sämtlicher Truppen ein.“ Der General raufte sich die wenigen Haare. Sein Entsetzen pflanzte sich auf die Obersten fort:„Eine unvorbereitete Besichtigung!“ Der Oberstleutnant Weidlich aber wurde kreidebleich um die Nase, denn er wußte, daß sein Bataillon miserabel abschneiden würde. Aber da war nichts zu machen. Drei Stunden später stand die ganze Garnison angetreten und wartete auf den hohen Besuch und das erlauchte Donnerwetter, das kommen mußte. Der Oberstleutnant Weidlich auf seinem Gaul, rutschte im Sattel hin und her und schwitzte trotz der Winterkälte, daß ihm die Tropfen in den Nacken rannen. Dabei ließ er ein Stoßgebet nach dem anderen zum Hifhmel steigen:„Nur keinen Vorbeimarsch in Kompagnie= front, denn dabei macht die Bande den größten Unsinn!" Mittag kam. Die Garnison wartete. Es wurde zwei Uhr. Die Garnison wartete noch. Es schlug drei. Die Garnison wartete noch immer auf den Kronprinzen. Es wurde vier Uhr, und die Sonne verschwand im Westen. Da sagte der General ruhigen Gewissens:„Meine Herren, wir rücken ein.“ Dem Oberstleutnant Weidlich fiel ein Stein oom Herzen. Als er nach Hause kam, war er so gut aufgelegt, daß er keine Lust zum Schimpfen hatte. Grund genug dazu wäre vorhanden gewesen. Denn auf dem Sofa in der guten Stube saß seine Tochter und unterhielt sich sehr angelegentlich mit diesem Luftikus, dem Leutnant Hildebrandt. Der stand auf, verbeugte sich höflich und sagte— bevor der alte Herr ein Wort gefunden hatte—, er sei auf Urlaub und hätte die Gelegenheit benutzen wollen, um dem Herrn Oberstleutnant und den Damen seine Aufwartung zu machen. Da habe er denn gehört, daß der Herr Oberstleutnant draußen bei der Besichtigung sei, und deshalb warten wollen, um sich untertänigst zu erkundigen, wie die Sache verlaufen. „Gut“, sagte der Oberstleutnant ganz unwillkürlich und rieb sich die Hände,„gut, sehr gut! Der Kronprinz ist gar nicht da gewesen.“ Dann fiel ihm wohl ein, daß er sich etwas vergeben hatte, und er wollte grob werden. Doch zum Glück kam die Frau Oberstleutnant herein und zog ihn in eine Ecke: „Ein sehr netter junger Mann, dieser Hildebrandt. Weißt Du, wenn Du da warst, ist er nie aus sich herausgegangen. Es war ganz gut, daß Du zur Besichtigung mußtest, denn da haben wir uns aussprechen können, und wir Drei sind uns einig.“ Worauf der Oberstleutnant als guter Ehemann und Vater sagen mußte:„Na, dann darf ich wohl auch nichts dagegen einzuwenden haben.“— Später unterhielten sich der General und der Postrat über den sonderbaren Fall mit dem Telegramm. Der Posten auf dem Mast in Burg hatte es— wie er hoch und heilig beschwor— nicht aufgeben. Daß er am fraglichen Tag zu spät zum Dienst gekommen war, bekannte er reumütig und geknickt. Auf diese Feststellungen beschränkte sich die Untersuchung. Denn sowohl der General als auch der Rat waren der Ansicht, es hätte keinen Zweck, wenn die Sache hohen und höchsten Ortes bekannt würde. Im Grunde genommen habe man sich doch ein wenig blamiert. Donatello hat nichts dagegen. Der berühmte Bildhauer Donatello arbeitete ar einem Denkmal für den Condottiere Gattamelata, das heute in Padua steht. Den Auftraggebern schritt die Arbeit nicht schnell zenug voran, sie mahnten und drängten den Künstler, bis dieser schließlich wütend wurde und mit einem Hammer den Kopf des Bildwerkes zerschlug. Der Doge von Venedig ließ den Künstler zu sich kommen und sagte ihm:„Eigentlich hätten Sie verdient, daß man es mit Ihrem Kopfe ebenso machte.“— „Ich habe nichts dagegen“, sagte der Bildhauer,„vorausgesetzt, daß Sie imstande sind, meinen Kopf ebenso tadellos wieden