BERSe UaUUTaadaare Mlktwvodks, 12. Oktober 1932 Nummer 67 Beilage zum Allender Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeittung Wie sie ihn wiederfand. Erzählung von Marie Rese Dreihann. Martha hatte die Fahrt nach der Stadt durchgesetzt. Sie hatte Eltern und Bräutigam von der Notwendigkeit verschiedener Besorgungen überzeugt. Aber es war eigentlich nur der Brief, der sie verlockt hatte. Erst im Abteil des Zuges fühlte sie sich sicher. Kein Mensch konnte sie zurückhalten. Es gab keine Umkehr, auch wenn sie selbst gewollt sie hatte gewollt— so wankelmütig ist der hätte. Und Mense — so wankel Nartha setzte sich an das Fenster sah ein bißchen hinaus, kand es sehr schön, alles Bedrückende hinter sich lassen zu können. Das Leben, das sich gestern voller Verwirrungen vor ihr aufgetürmt hatte, wog wieder leicht. Ob Viktor Zeit hatte, auf den Bahnhof zu kommen? Wie mochte er aussehen? Und sie selbst? Hatte sie sich in den zwei Jahren seit dem letzten Beisammensein verändert? Vielleicht fand er sie hübscher. Es war doch noch die Zeit des Im Anfang war das Wort##ize von Paul Zech Auf der großen grauen Marmortafel der Vorhalle des Stadthauses stand auch der Name Franz Funda in der langen Reihe der Gefallenen. Ein Name, der das Gedächtnis nur noch weniger Menschen berührte. Ein Mensch, für den nur in den wenigen Stunden lichter Besinnung die Erinnerung im Bewußtsein einer Frau flackerte, die als unheilbar geisteskrank abgesondert vom normalen Betrieb der Welt lag. Zwei Wesen, ausgelöscht aus der Gemeinschaft der Lebenden und nur noch Vermerke in den Personallisten der Behörde. 1914 und 1931; dazwischen der tragische Irrweg des Schicksals, Paragraphen, Instanzen und die unendliche Weite asiatischer Wälder. Krieg und die fortzeugende Gewalt seiner Folgen. Franz Funda war aus dem von einem Volltresser zerschlagenen Unterstand nach fünf Tagen als der einzig Erblühens für sie. Vor zwei Jahren war sie vom Studium siehersehende, zine gafß, nach fünf Tagen als der einzig etwas überanstrengt gewesen, und das Warten, diese alte Leverlevende einer halben Kompagnie, von den feindlichen ##eyy zu gammt i Harzag, Hhatt 5 gumid. Sanitatern geborgen worden und mit einem zerquetschten Bein in den bereitstehenden Lazarettzug gekommen. Er versäumte die einzige noch bestehende Gelegenheit, ein LebensQual in einem jungen Herzen, hatte sie ermudet. Es hatte mit Viktor so wunderschön angefangen. Sie wußte sich erkannt in ihrem tiefsten Wesen, erkannt—, aber nicht gerufen; das erlösende Wort blieb aus. Es war nur gut, daß sie daheim nichts wußten; sie hätte die schonende Fürsorge ihrer Mutter nicht ertragen. Berufliche Beschäftigung nahm sie an sich, lenkte sie ab, wurde Gewöhnung, und eines Tages tauchte Fritz Scheller auf. Er arbeitete im selben Büro; es ging, wie es manchmal geht: Martha und Fritz verlobten sich. Martha schickte Viktor eine Verlobungsanzeige. Als er nicht schrieb, wunderte sie sich nicht weiter. Wir sind einander gleichgültig geworden, dachte sie. Aber sie ertappte sich bei Vergleichen, die sie zwischen Viktor und Fritz anstellte. Verwundert merkte sie, daß Vikkor noch immer ihr Wertmaßstab für Menschen war. Und als nach Monaten ein Brief von Viktor kam, las sie ihn immer wieder. Er rief zu alten Träumen zurück und war voll neuer Verheißungen. Schwindelnder Augenblick, der sie die Bestimmung ihres Lebens erkennen ließ. Wie hatte sie Ansprüche aufgeben können, die mit ihrem Recht auf das Dasein so innig verknüpft waren! Flucht zu Viktor war das einzig Mögliche. Sie mußte ihn wiedersehen. Sie schrieb ihm. Träume häuften sich hoch, kürzten die Fahrt. Die Landschaft kündete Stadtnähe, bald dunkelte die Einfahrtshalle über dem Zug. Türen flogen auf. Martha wurde mit weitergetrieben. Sie erschrak, als sie sich am Arm erfaßt fühlte, Viktors Gesicht wiedersah. Sie überließ sich seiner Führung. Blumen dufteten in nächster Nähe. Viktor hatte ihr ein Bündel Mimosen in den Arm gedrückt. Er rettete sie beide in das Alltägliche, fragte, erzählte. Sie gingen durch ein paar belebte Straßen: er führte sie, es war ihr gleichgültig, wohin. Sie saßen sich dann an einem weißgedeckten Tisch gegenüber. Die raffinierte Eleganz des Raumes, Licht, Wärme, Glanz gaben Martha ein Gefühl der Entspannung. Sie wurde freier, aufnahmefähiger für Viktors Worte. Hatte sie anfangs nur den Klang der Stimme vernommen, so lauschte sie jetzt den Worten. „Martha, es ist alles bereit. Du brauchst bloß zu kommen. Wie ich mich gesehnt habe! Ich mußte dir endlich schreiben. Es ließ mir keine Ruhe“, begann Viktor jetzt das Gespräch. Martha lehnte sich zurück, ein glänzender Schein legte sich über ihr Gesicht. Sie hätte Viktors Hand ergreifen und wider ihr Herz drücken können. Doch sie tat wie die anderen, die an den weißgedeckten Tischen in diesem Saale saßen. Sie plauderte heiter gleich den übrigen, aß und trank, wurde ein hungex, fröhlicher, Gast. „Weißt du, Martha, ich habe ein wunderschönes Programm gemacht „Ach was. Programm!“ wehrte sie lachend. Er ergriff ihre Hand, küßte sie.„So gefällst du mir, Martha. Es kommt nur auf den Augenblick an, er enthält die ganze Glückseligkeit. Bist du auch dahintergekommen, kleine Martha?“ Sie schüttelte den Kopf.„Erzählen sollst du!“ bettelte sie.„Ich weiß ja gar nichts von dir.“ Die Zeit der 2r. gewesen. etwas bracht. Diese Ehe war etwas, etwas— er suchte nach einem zeichen dorthin zu geben, wo man mit der grauenhaften Ungewißheit in einem heldenhaften Kampf lag und die vorläufige amtliche Meldung„Gefallen" als nicht zutreffend ansah. Erst als der Tag sich jährte und die Todeserklärung von Franz Funda den Behörden geläufig war, nahm auch Frau Bertha die Tatsache als eine unabänderliche in ihr Bewußtsein hinein und brachte nicht mehr die Kraft auf, das Wirkliche vom Unwirklichen zu scheiden. Eine fixe Idee(für die Aerzte schon längst kein Einzelfall mehr) legte sich quer und verwirrte Bewegung und Ordnung der Gedanken. Dazu kam noch ein reißend schneller Verfall der körperlichen Kräfte und als einzig mögliche Endstation vor dem Absterben: die Anstalt. Während dieser, für Bertha Funda und die Behörden aufregenden, Monate wurde Franz Funda von Lazarett zu Lazarett geschafft, lag länger in Narkosen und Verbänden; als eine ordnende Klarheit in seinen Gedanken war, hatte er das linke Bein vollständig und vom rechten die ausschließliche Bewegung verloren. Er landete endlich in einer kleinen Stadt am nördlichen Amur und begann hier, am Ende einer für ihn noch begreifbaren Welt, mit den ersten Gehversuchen auf roh gearbeiteten Krücken. Hier schrieb er auf braunem Strohpapier seitenlange Briefe, die nie an die angegebene Adresse gelangten, und hier erfuhr er das Ende des Krieges erst, als der bereits zwei Jahre wirklich vorüber war. Obwohl die Bekanntgabe auf einem der vielen Umwege geschehen war und zuerst nicht viel mehr bedeutete als alle die unkontrollierbaren Gerüchte und Hiobsposten, ließ sich Franz Funda nicht dovon abhalten, bei dem Kommissär des Nord=West=Bezirks anzufragen, inwieweit sie auf Tatsachen ese es aisc heice Sehie e Sie saß vornübergebeugt, passenden Ausdruck. Martha hörte ihn gar nicht. starr wie eine Steinfigur. Was sollte das heißen?— Der Mann, dem sie Leben und Schicksal zugetragen, verlangte es ja gar nicht. Ein Glaube zerbrach. Mit übermenschlicher Kraft hielt Martha sich aufrecht. War es nicht die letzte Faser, die getroffen war? Es war nicht mehr Schmerz, den sie fühlte— alles war erloschen. Viktor hielt im Erzählen inne. Verdammt, jetzt steckte das Mädel doch noch so tief im Bürgerlichen, daß sie über eine Kleinigkeit, wie etwa das Verheiratetsein, nicht hinauskam! Da hieß es nur, gute Miene zum bösen Spiel machen. Viktor hörte nicht auf zu erzählen, und Martha war es, die ihn mahnte, daß Zeit zu ihrem Zug sei. Er ließ es sich nicht nehmen, sie zum Bahnhof zu begleiten. In ihrem Abteil fiel Martha mit dem Kopf auf die Seitenlehne ihres Sitzes. Sie brach in wildes Schluchzen aus und ahnte nicht, daß sie nun erst frei geworden war von einem heimlichen Verbundensein mit einem Menschen, ihr zufällig begegnet und sie längst vergessen gehabt... Als Martha sich wieder aufrichtete, grußten draußen aus dem Dunkel die freundlichen Lichter eines Dorfes oder einer kleinen Stadt. Martha nahm ihren Schein wahr, und sie erlebte die heiligen Schauer eines Menschen, der nach schwerer Qual in das Dasein zurückkehrt. Leibensgefährten Mut, ihre Namen und Kontrollnummern beizufügen. Sie hatten dies schon Dutzende Male in den fünf Jahren dieser Lagergemeinschaft getan und doch noch nie einen Bescheid bekommen. Höchstens, daß der Aufseher, der weder schreiben noch Gedrucktes lesen konnte, immer das eine gleiche Wortgemengsel fallen ließ:„Weshalb belästigt Ihr Schweine immerzu unseren Herrn? Wenn Befehl von oben da ist, daß Ihr Eure Läuse zusammenpacken könnt, dann wird man Euch keine Stunde länger hier behalten. Sollen wir Euch bloß festhalten, damit Ihr uns das Salz vom Brot, freßt? Haben wir Euch überhaupt gerufen, herzukommen?“ Und die zwölf deutschen Kriegsgefangenen im Lager von Obolensko, seit fünf Jahren zur Arbeit in der Sägemühle kommandiert, von allem abgeschnitten, was sich in der weiteren Welt bewegte, letzte Nummern in einer von den Kreisbehörden längst nicht mehr beachteten Liste, hätten auch auf den Bescheid der neuerlichen Eingabe bis zum Nimmermehrstag warten müssen, wäre nicht eines schönen Tages die Sägemühle, mit allem, was im Umkreis von einem Kilometer brennbar war. vom Erdboden verschwunden. Die Panik streute alle Lebewesen in die vier Winde der Welt. Franz Funda begann zu wandern. Die ersten Monate noch im Kreise herum, die folgenden aber schon mit dem Willen, die südwestliche Richtung einzuhalten. Er hatte nichts mehr an sich, was ihn von den Bettlerscharen der Landstraße abhob. Er klapperte mit dem Holzbein, wie tausend andere seiner Leidensgenossen. Er brauchte Monate, um eine Strecke zurückzulegen, die von der Bahn an einem Tage bewältigt wurde. Er ließ sich einfangen und in das Elend wieder zurückstoßen. Es vergingen Jahre, ohne daß er seinem Ziel soweit nahe gekommen war, in der Abenddämmerung die Türme der Heimat zu erkennen. Er wäre vielleicht noch bis zu seinem Lebensende durch die unermeßlichen Weiten der Steppe gegeistert, hätte ihn nicht ein Wolgabauer aufgelesen und auf dem schmalen Wägelchen mit in die Stadt zum Wochenmarkt genommen. In dieser Stadt, die viele große Häuser hatte und in der alles nach einem neuen Sinn geordnet schien, die eine Behörde besaß und Menschen, die wenigstens in großen Zügen wußten, was sich zwischen 1914 und 1930 ereignet hatte, bekam er endlich Ausweispapiere ausgestellt, die ihn zu einem Menschen stempelten. Er erfuhr, daß die Bahnen wieder nach einem richtigen Fahrplan gingen und daß man in sechs Wochen sehr wohl in der Heimat sein konnte. Das mit den sechs Wochen war zwar reichlich übertrieben gewesen. Vier Monate lang durfte er sich noch mit dem Gedanken herumschinden: Morgen werde ich eine Faust m ihm ausdr m Auf einer und die Glocken das Gefühl einer Verwandtschaft in lösten, war der arme ausgemergelte Körper doch schwach, das Fieber der Erregung zu überstehen. A Tragbahre zog Franz Funda in die Heimat ein, spürte nur den Geruch der Blumen und sah sie nicht. Und hörte die Klänge einer Musikkapelle, verstand aber die Bedeutung nicht. Neue Operationen hielten ihn noch viele Monate auf der Matratze fest. Kreuz= und Querfragen machten sein Bewußtsein immer unsicherer. Jede Stunde fast erfuhr er, daß er doch verstorben wäre. Man versuchte ihm auch klar zu machen, daß er sich in dem Namen, den er als den seinen ausgab, geirrt haben müsse. Er bestand aber auf seinem Rechte, Franz Funda zu sein. Er brachte Instanzen und Paragraphen in eine heillose Unordnung. Aber die Daten und Geschehnisse, die er aus seinem Leben zum Beweis angab, stimmten haargenau mit den Personalien des als gefallen gemeldeten Franz Funda überein. Nur die Bekannten von früher, die er als Kronzeugen anrief, konnten Franz Funda in dieser Elendsgestalt nicht mehr wiedererkennen. Die Aktenstücke des Falles waren auf drei Bände angeschwollen. Er sorgte für einen weiteren Zuwachs, als er verlangte, endlich seiner Ehefrau Bertha, geborenen Borchert, gegenübergestellt zu werden. Man hatte ihm verheimlicht, daß sie als unheilbar geisteskrank in einer Anstalt untergebracht war. Man hielt es auch nicht für ausgeschlossen, daß er einer gleichen Anstalt entstammte. Die Kreisärzte konnten keine endgültigen Merkmale feststellen. Die Psychiater studierten wochenlang an einem wenig ergiebigen Objekt herum. Franz Funda bestand über alle Quälereien und Verhöre hinweg unentwegt auf die Gegenüberstellung mit Frau Bertha Funda. Er fand mit seinem Begehren endlich Unterstützung bei einer irrenärztlichen Autorität. einem Gelehrten, der sich von diesem Experiment großartige Ergebnisse versprach. Die Behörden gaben nach. Die Zusammenkunft dieser beiden Außenseiter der normalen bürgerlichen Lebewesen fand unter Aufsicht von Dutzenden von Aerzten und Vertrauenspersonen statt. Die armen Alltagsworte„Franz“ und„Bertha“ und ein terhaft. gurgelndes Geshluichz, armung Die armen Alltagsworte„Franz“ und„Bertha“ tierhaft gurgelndes Geschluchz in minutenlanger Uming überzeugten die Wissenschaftler noch in dieser denknatürliche Bewegung des Blutes über die Formel gesiegt. Und erlöste unwiderruflich zwei arme Wesen aus den Irrungen und Wirrungen der Bürokratie zu einem friedfertigen Leben inmitten einer gar nicht mehr erstaunten Gesellschaft. 85 bs# a. Und es fand auch niemand etwas dabei, daß der Name Franz Funda auf der Ehrentafel stehen blieb. Gesicht der Straße. Skizze von Hans Horst Claus=Halle. Breitheinig, den Degen in die Erde gestemmt und trotzie aufgerichtet steht der erzgegossene Soldat auf dem Vorplatz des Kriegermuseums und sieht unbeweglich auf das Treiben in der breiten Hauptstraße. Könnte er nur den hartgefügten Kopf wenden, er würde rechts und links ein unermeßliches Anstürmen und Abfluten, ein Jagen, Hasten, ein Vorwärts=, Seitwärts= und Durcheinanderschieben der Menschen beobachlen, und könnte er hören, ihm würde das Dröhnen der Lastwagen, das weiche Gleiten der Automobile, das Quietschen und Zerren der Fuhrwerke, ein Stöhnen, ein Schrei, auch einmal ein Lachen, meist aber ein wirres Geplauder der Menschen vielleicht ein Kopfschütteln abnötigen. Vierstöckige Häuser begrenzen die andere Seite und sehen echnlatig und zugeschlossen auf das grüne Eiland vor dem Kuseum. Hin und wieder durchbricht eine Nehenstraße die gepanzerte Front, die aus der Ferne ein graues Einerlei darstellt, aber in der Nähe sich durch prächtige Läden und durch Menschen, die ein= und ausgehen, einen eigenartigen Hauch von Leben und Wirken erhält. Kaum einer jedoch unter zehn Fußgängern achtet darauf. Gerade jetzt, wo die Glocken sieben schlagen, gleichen die müde vom Werk heimkehrenden Menschen einer trüben Prozession. Annie wirft das Händchen hoch und sieht auf die Uhr.— Sieben Uhr fünfzehn!— Da hebt auch die Glocke der Marienkirche dumpf an zu schlagen—.— eins——; eine, zwei andere Glocken follen ein. Annie knöpft ihre Tasche nervös auf und zu. Sie geht drei Schritte hin und zurück. Sie wartet seit sieben. Zweimal macht sie eine schroffe Bewegung, als wollte sie gehen; aber sie bleibt. Noch eine Minute, noch zwei Minuten. noch fünf Minuten. Ein dauerndes Summen liegt in der Luft; der Wind fliegt leicht dahin, er ist gefangen zwischen den Häuserreihen. Manchmal nimmt er einen stärkeren Anlauf, dann berührt er die wenigen Bäume auf der Straße; die Aeste nicken ihm nach, als wollten sie ihm folgen. Annie sieht nieder und sieht hoch, dann lächelt sie ganz schnell und heimlich. Heinz Therze kommt eilig die Hauptstraße herunter, er blickt müde drein und grüßt.„Na— und?“ fragt Annie langsam und werbend um ein liebes Wort. „Es ist später geworden, der Chef war da“, meint er kurz und streicht mürrisch über die Stirn. „... und das ist alles?“ Er horcht auf, verwundert:„Was hast Du?“ „Ach nichts“, sie streicht sanft über ihren weichen weißen Pelz,„ich glaube nur, es ist zu spät jetzt für, ja—— für uns. Ich muß nach Haus...„. E 5ert mnkirig u. Heinz sieht sie verwirrt an. er berührt mechanisch ihre Hand und weiß nicht, daß ein Wort der Entschuldigung gefehlt hat. Er sieht dem weißen Pelz nach, der leuchtet mitten im Fahrweg, jetzt neben einem Auto, ein Radfahrer klingelt. Jetzk ist sie drüben und gebt mit ihr#####eren leichten Schritt die Hauptstraße entlang. Da pendelt auch Heinz mude die große Straße hinunter. Je näher der rauschende Strom dem Zentralplatz kommt, desto stärker wird das Sausen und Tosen. Desto höher werden die Häuser, die rechts und links den Weg einengen, bis Paläste zuletzt aus dem Boden steigen. Lichtreklamen flammen auf. Eine Nebenstraße hemmt die Eilenden. Auto um Auto zieht vorüber, gleitet in die Hauptstraße und verschwindet in dem endlosen Strom. Ueber dem Eingang der Straße leuchtet grünes Licht, nach den Seiten wehrt rot; Heinz steht in der Menge, ungeduldig überblickt er die Reihe der Autos. aber seine Sinne lauschen nach rechts. Er glaubt, durch das Dröhnen und Tosen ganz fern und klar ihren kurzen, lichten Schritt zu hören, er glaubt sie zu sehen.— Unbeweglich starrt er in die Menge der vorüberflutenden Fahrzeuge.— Ihr Schritt ist langsamer geworden, sie geht dahin ohne sich umzusehen.— Da wechselt das Licht über dem Straßeneingang. aus Rot wird Orange und dann plötzlich Grün. Die Menschen schieben sich durcheinander und Heinz wird willenlos mitgerissen. Zur Rechten schießt ganz plötzlich ein Riesengebäude in die Luft, eine Fahne weht oben, noch höher; glatt und schmucklos ist die Front des Riesen, er liegt schräg vor dem Zentralplatz, hochfahrend, trotzig; was ihm an Stil abzeht, ersetzt er durch Wucht. Vor ihm brandet in einem immer währenden Ringsherum, Rechtsherum das Leben des Platzes Fächerförmig gehen die Straßen von ihm aus, Fahrzeuge, Meuschen strömen von allen Seiten; in der Mitte beherrschi ein Turm den Verkehr. Eben fliegt ein Vogel ängstlich auf den Rand seines Geländers, einen Augenblick nur, dann steigt er in spitzem Flug über das Gewimmel und verschwindet hin. ter den Häusern. Die harten Augen eines Schutzmanns werden eine Sekunde weich und träumerisch, dann fragt ihn jemand and noch einer, er blättert in einem Buche, er spricht und versihzt das keine Erlebnis.„#. acun in in. J. Anni zögert. Ein heißes Gefühl der Scham ist in ihr Im Traum ist sie gegangen und hat sich gewundert, wie sicher sie durch den Menschenstrom fand. Sie will wieder gut sein scheu blickt sie nach links. Sie ist am Ende der Hauptstraße Stoß um Stoß rollte der Verkehr um die Ecken des platzes. Annie wartet mit der Menge auf das grüne Zeichen Sie blickt einmal auf und sofort wieder zu Boden. Da beweger sich die Menschen. Das Licht wechselt in Orange. Ein ver spätetes Auto knirscht, eine Frau schreit, schwankt, fällt. Allstürzen vor. Der Wagen hällt. Jemand springt heraus, heb: die Frau auf. Die lächelt scheu und weint zugleich. Die Stimmen schwirren um das Mädel, Annie ziert,— als sick eine warme Hand um ihre Rechte legt. Während rasselnde Mo. toren sprungbereit vor ihnen dröhnen, während die Menge um sie herum schiebt und drängt, finden sich zwei Menschen wieden und verlieren sich schweigend in der Masse, die weiter treibt und schiebt, ohne auf das einzelne Schicksal zu achten. Das zweite Leben beginnt. Das Todesurteil. Eine Skizze aus dem Berchtesgadener Lano=, erzählt von Karl Perktold=Traunstein. Ueber das tiefgrüne Wasser des Königssees gleitet ein Kahn. Das letzte Leuchten spielt um die Felsen= und Schneepyramide der Schönfeldspitze, und die Schneebänder der Watzmann=Ostwand gleichen Streifen violetter Seide. Dunkelblau starren die Hochwälder in den Spiegel des Wassers. In das Tal des Bergsees ist schon die Dämmerung eingezogen, und alle Farben sind verwischt. Nur oben liegt noch Sonne, und weit hinten am See flimmert ein Licht. Dort liegt Bartholomä. Die Furchen, die der Kohn durch das stille Wasser zieht, nähern sich immer mehr dem klösterlich einsamen Jagdschloß. Es wird Nacht, als der Kahn dem schmalen Uferstreifen entgegenstreicht. So friedlich=still ist es, daß man das Knirschen des Kieses weit über den See hört, als der Kahn am Ufer auffährt. Ein Bauernbursche springt zum Steg hin und läuft in hastiger Eile zum Jagdschloß. Schrill läutet die Glocke. Eine Tür fliegt auf. Stimmen werden laut.„Was gibt's?“ schreit ein alter Jäger dem Burschen zu. „Eine Botschaft für Seine Königliche Hoheit.“ „Kreuzkruzitürk'n— dös geht no ab. Der Prinzregen: will nicht gestört sein“, setzt der alte Jäger hochdeutsch zu seinem Dialektausruf hinzu. Der Bursche gibt den Brief ab und eilt zu seinem Kahn zurück. Zögernd, mit dem Briefe in der Hand, steht der alte Jäger vor der Tür des großen Jagdzimmers. Er wagt es nicht, mit diesem Brief einzuNervös läßt er den weißen, schweren langen Brief Heute hatte er einen schweren Jagdtag, hoch oben im Revier des stolzen Watzmanns. Und nach so einem Jagdtreten. Nervos laßt er den weißen, schweren, langen Brief ndr. durch seine knochigen, faltigen Hände spielen. setzt an Prinzregent stören. Der is doch so müd' „Jetz nüd'. Wa sei Beisk in der Gud fäack. Ro der beneigang Glei der. wissermaßen eine Entschuldigung für die unliebsame Störung. Der Prinzregent greift nach dem Briefe, besieht sich stirnrunzelnd die verschiedenen Stempeln und Aufschriften. Im Jagdzimmer ist es mäuschenstill geworden. Hätten die Fäger, statt verlegen auf den Tisch zu sehen, ihren hohen Jagdherrn angeblickt, sie würden ihn nicht wieder erkannt haben. Krankfahl ist plötzlich sein Gesicht geworden. Die Augen blicken müde auf die Schriftzüge des Briefes. Dann händen an der am geigt, lich augen viilen mube uuf die Schtisggrg erhebt er sich langsam, stützt sich mit beiden Tischkante, verweilt einen Augenblick noch. grad War an ganzen Tag auf der Jagd“, murmelt er in seinen mächtigen grauen Bart. Alle Jäger von St. Bartholomä haben aus Verehrung für ihren hohen Jagdherrn, den Prinzregenten Luitpold, einen langen Bart wachsen lassen.„Dös geht doch nöt, daß man den alten Herrn mit derer Regiererei stört. An Neunzigjährigen no so plag'n, dös is doch allerhand.“ Dann entschließt er sich doch, einzutreten. Langsam geht er auf den Tisch zu, wo seine Jagdkollegen um den Prinzregenten herumsitzen und über irgend ein Jagderlebnis plandern. Der Prinzregent sitzt etwas zurückgelehnt in seinem eichen geschnitzten Stuhle. Die Augen blicken noch frisch. Die Stirne wölbt sich fast faltenlos. Nur das schneeweiße Haar auf dem großen, prächtigen Kopfe und der lange silbergraue Bart verraten das hohe Alter. Die Hände ruhen auf dem Tische. Seine Königliche Hoheit lieben es, einige Stunden mit den Jégern zu plaudern. Lebhaft spricht er, voll Begeisterung für das Weidwerk und die Schönheit der Berge. Und zum Erzählen wünscht er sich steis das gleiche, was seine Jäger sich wünschen: den Steinkrug mit dem kühlen, braunen Naß guten davorischen Bieres. ante, verweilt einen Augenblick noch.„Dann zeigt sich wieder die Rüstigkeit des Neunzigjährigen: Er reißt Körper herum und geht festen Schrittes aus dem Jagdzimmer.„Wia kann Du jetzt den Brief abgeben, Wastl?“ „Dös hab i doch tun müssin. Ihr wißt doch, was der Prinzregent gesagt hat:„Wenn ich auch schon ein Neunziger din, aber meine Pflicht muß ich als Regent von Bayern eve„„„„ Nach Weur gamsd- tabt# „Scho, scho, dös hat er g'sagt. Aber gerade jetzt...“ Die Jäger brechen ihre Unterhaltung ab und verabschieden sich. Sie wissen, daß der Regent, wenn er zu arbeiten hat, nicht mehr so schnell zurückkehren wird. Prinzregent Luitpold arbeitet nicht, er ist in die Kirche hinübergegangen, um zu beten. Ein Todesurteil soll er unterschreiben.„Es ist zu bedenken“, heißt es in diesem Briefe seines Ministerpräsidenten,„daß diesmal das Todesurteil vollstreckt werden muß. Das Volk würde es nicht verstehen, wenn dieser Massenmörder begnadigt werden würbe:, Lun 9.5 Auns urächeg mfkenEr soll über das Leben eines Menschen entscheiden. Keuchend ringt sich der Atem empor. Wie kalt es in der Kirche ist! Fröstelnd schüttelt er die Schultern. Seine Hände, die zum Gebet ineinander verkrampft sind, lösen sich. Schlaff werdend gleiten sie herab über den Betstuhl. Unendliche Müdigkeit liegt in dem Blick seiner Augen, die zum Kerzenlichte am Altar emporsehen. Im rötlichen. flackernden Lichte zuckt der Schatten des Regenten die kahle Kirchenwand entlang. Halblaut kommt es von seinen Lippen:„Herr vergib uns...“ Die Worte singen leise wie feines Geigenspiel durch das Gotteshaus. Ganz still steht nun die Flamme sers am hinein... das Säuseln der großen, hlanken Tannen, als flüsterten sie, um das Gebet des Regenten nicht zu stören. Das Volk wünscht es,„. es würde nicht verstehen, wenn der Massenmörder benadigt werden würde.“ Noch nie hat der Prinzregent ein Todesurteil unterschrieben. Diesmak muß er es tun. Tränen tropfen auf den Betstuhl nieder.„Was hab' ich getan, daß ein Mörder unter meinem Volke ist?“ Des Regenten Blick irrt zum Fenster hin. Ueber dem Hochwalde leuchtet ein Stern. Wie diese Gottesblume ihm zunickt, als nickte der Ewige dort oben ihm zu! Der Herrscher erhebt sich, schreitet zum Altar hin, sinkt in die Knie und spricht das Gebet für den, der morgen oder übermorgen — Ruhig geworden, verläßt der Regent das Gotteshaus. Knarrend schließt sich die Tür. Als er über den Schloßplatz geht, schlägt von irgendwoher eine Uhr die MitternachtsNoch ehe der Morgen graut, stößt ein Kahn vom ab. Mit eiligen kräftigen Ruderschlägen bahnt sich der Schloßbote seinen Weg durch den See. Der Brief, den er nach Berchtesgaden zu bringen hat, enthält die Bestätigung eines Todesurtells. Sie war die erste und die letzte.