BERS** GaULNT BDTENSATS Samsiag, den 16. Juli 1932 Nummer 43 Beilage zum Allender Kreisblait zugleich Neuenrader Zeitung Um Montezumas Thron. . Ciner Begebenheit nacherzählt von Peter Lee. . Die amtlichen Urkunden über das mexikanische Kaiserdrama " sind durch den schriftlichen Nachlaß eines der Ueberlebenden von Querstaro, des letzten Freundes des todgeweihten Kaisers— Oberst Paul Fondeur—. authentisch erweitert 1 worden. Ernste Historiker wollen darin feststellen, daß s Maximilian einen Sohn hatte. Nachstehende Szene gibt 2 eine Schilderung der Begegnung zwischen Vater und Sohn, — soweit sie sich an Hand des gefundenen Materials dar, stellen läßt. * Oberst Fondeur schickt sich an, Abschied zu nehmen. Morden soll Maximilian erschossen werden. Ein letzter Besuch ist allen gestattet, die noch in seiner Nähe weilen. Die Wachen haben Anweisung, jeden zu dem Verurteilten vorzulassen, der danach verlangt. Das Gelaß, in dem Maximilian haust, gehört zu einer von einem gedeckten Gang umgebenen Reitbahn. Gott mag wissen, was die frommen Padres mit diesem kavalleristischen Institut zu schaffen haben. Drei Türen führen ins Innere der Bahn. Man hat dem Kaiser die Aufmerksamkeit erwiesen, ihm einen eigenen Raum zu geben, dessen Einlaß mit einer Portiere verhängt ist. Der Fondeur begleitende Offizier zeigt auf diesen Vorhang und zieht sich zurück. ? Der Oberst will eben anklopfen, da ist ihm, als höre er unterdrücktes Schluchzen. Er steht und lauscht... läßt langsam die Fransen aus den Fingern gleiten. Weich und lautlos schlägt die Seide zusammen. Fondeur verharrt, namenlos ergriffen... vernimmt eine Stimme, die er nie gehört— eine tränenerstickte deutsche Stimme. „Oh, machen Sie meine Hoffnung nicht zuschanden. Sire! Ich beschwöre Sie, nehmen Sie meinen Vorschlag an: fliehen Sie! Die Wache an der Puerta del Sol wird Sie auf das Losungswort„Padilla“ hinaus lassen. Einmal außerhalb der Festung, sind Sie in der Hacienda des Sennor Tiburcio Aurellanos fürs erste sicher. Sie finden dort die besten Pferde. Sennor Tiburcio wird Ihnen einen zuverlässigen Vaquero mitgeben, und da die Relais bis Tampico reichen, so können Sie morgen abend schon an Bord der„Novara“ sein. Bedenken doch Euer Majestät, daß alles überlegt, alles aufs gründlichste vorbereitet ist. Was liegt denn an mir! Ich gebe mein Leben willig hin für ein größeres und habe, glaube ich...“ die Stimme sinkt zu kaum vernehmlichem Flüstern herab,„habe ein— Anrecht darauf.“ „Das Anrecht eines edlen Herzens! Mein lieber George, ich erkenne die Größe Ihres Opfers vollkommen an; indessen, ich kann es nicht annehmen. Begreifen Sie, ich kann, ich mag nicht feige sein.“.. „Und wenn ich mich weigere zu gehen, Sire? Weigere aus Gründen, die ich Ihnen nicht länger vorenthalten darf...!“ Die Augen des jungen Schiffsleutnants glühen rätselhaft. Der Kaiser, ernst:„Ich kenne diese Gründe nicht, George.“ George, schmerzlich erregt:„Und meiner Mutter Herz... Sie haben es ebenso wenig verstanden? Sire!" Der Kaiser, sehr unsicher:„Ihrer... Mutter... Herz? Oh, es darf stolz sein auf diesen Sohn.“ George, vom Sturm ungeheurer Erregung geschüttelt: „So sagt Ihnen dieser Knabe, der alles, was er besitzt, vor Ihnen niederlegen möchte... sagt Ihnen nicht, wer seine Mutter ist: wer Sie ihm sind?“ Der Kaiser, aschgrau im Gesicht, taumelt auf ihn zu: „Ihre Mutter— sagen Sie... natürlich ist sie nicht...“ „.. eine Gräfin Szell? Sie ist es.“ Maximilians Züge sind erloschen. Nur das Auge, das flackernde, weit aufgerissene Auge lebt an ihm. Keiner Bewegung fähig, starrt der Verurteilte auf den jungen Menschen hin. Das Schicksal meint es hart mit ihm. Dieser— Czibis Sohn... sein und Czibis Sohn? Er wußte, daß die kleine ungarische Komteß ihm ein Kind geboren hatte, nie hatte er es gesehen. Es waren seine seligsten Jahre, er damals nicht viel älter als dieser hier. Die Geliebte heiratete dann den englischen Reeder, aber ihr Bild lebte als glühendes, buntes Geheimnis in seinem Herzen fort. Szibis Sohn Maximilian richtet sich auf, nimmt Georges Kopf in beide Hände, schaut ihm lange in die Augen. „So also muß ich Dich gewinnen? Sohn— mein Sohn.“ Zuckend verschlossene Herzensnot will ihn überwältigen. „Vater“, stammelt George. In seinen Augen strahlt der Fackelglanz besessener Freude.„Ich kannte Sie, Vater, noch bevor die Mutter mich auf die Stimme meines Blutes lauschen bieß.“ „Und fandest doch zu spät den Weg zu mir.“ „Ich wußte, daß die Stunde kommen würde. Zu spät? Ich weiß was dieser Augenblick von mir zu fordern hat.“ „Nichts davon! Du bist jung. Du wirst leben. Du trägst mein Blut verjüngt in Deinen Adern. Siehe, das ist viel, unfaßbar viel für mich, der zu hoffen aufgehört hatte. Das Schicksal spendet doch noch Gnaden.“ „Vater, lieber Vater!“ George birgt aufweinend den Kopf an Maximilians Brust. „Höre“, murmelt der Kaiser mit seltsam verglänztem Gesicht,„höre, George, mein Kind: Dein Vater kann Dir nichts als den Segen eines Sterbenden schenken. Daß ich Dein Vater bin— es naacht mich unnennbar glücklich. Daß ich es bald nicht mehr sein werde, das zieht mich zu Boden. Geschenk und Raub in einer kurzen Stunde.“ Maximilian fährt dem Knaben mit einer zarten Gebärde über das Haar:„Und Deiner Mutter— geht es ihr gutt?“. „Sie antworten nicht und wollen nicht antworten!“ „Komteß Czibi“, seufzt Maximilian.„Bringe ihr Grüße, Du. Hörst Du? Ich habe Deine Mutter nie vergessen können. Geh. Lebe wohl, George, lebe wohl...“ „Sire! Bei Tegetthof sind Sie auf österreichischem Boden!“ „Ich kann nicht, George. So begreife mich doch. Begib Dich ruhig an Bord zurück. Sage dem Admiral, er soll nach dem schönen Oesterreich zurückfahren, er soll mir mein liebes Miramare grüßen. Denn wisse, weder flieht ein Habsburger, noch nimmt er Opfer an, deren er sich schämen müßte.“ „Es gibt Sohnespflichten“, beharrt, glühend vor Trotz, George.„Auch ich bin ein Habsburger und dennoch heißen Sie mich Flieher“,. S#m ainh al. 6ä unn „Starrkopf, lieber! Das Leben wird Dir schon noch kreundlicher erscheinen. Fasse Dich, gehe jetzt, nimm mir nicht den letzten Rest von Haltung, deren ich so bitter bedarf. Nein, nicht so, George! Laß Dich küssen! Laß Dich segnen! Und Dank für Deine Güte.“ Er zieht ihn hastig an seine Brust, läßzt jäh ab von ihm. Es ist zu viel. Er erträgt es nicht. „Leb wohl, lebe wohl...“ Seine Stimme ist dunkel und leiderstickt. Die Hand wink letzten Abschied. zuckend, flatternd fällt sie herab. Der sechste Finger# Erzählt von Georg Wagener Im kleinen Seebad, wo bald jeder den anderen kennen lernte, mußten diese beiden Menschen auffallen. Denn sie sprachen ein hartes Deutsch, wie es Balten und Russen eigentümlich ist, sie kümmerten sich nicht um die übrigen Sommergäste und gingen meistens auf einsamen Wegen wie ein Liebespaar. Dabei hatten sie sich als Vater und Tochter in das Fremdenbuch eingetragen, und ihre Züge verrieten deutlich die Verwandtschaft. Man wußte nichts Näheres von den beiden; und deshalb bildeten sie den Mittelpunkt des Interesses, deshalb suchte man das Geheimnis, das man witterte, zu ergründen. Die Bemühungen wären erfolglos geblieben, hätte nicht ein Zufall den Neugierigen geholfen. Eines Tages nämlich fand ein Sommergast neben einer Bank abseits vom großen Badestrand eine Brieftasche. Er fragte ein paar Spaziergänger, ob sie vielleicht wüßten, wer die Tasche verloren haben könnte. Doch keiner vermochte eine Auskunft zu geben. Einer meinte nur:„Sehen Sie doch nach, ob Sie keinen Namen in der Brieftasche finden.“ Der Sommergast befolgte den Rat. Das erste, was ihm in die Hand fiel, war die Röntgenaufnahme einer schmalen Frauenhand. Der Finder wußte nicht, was ihm an dieser Hand auffiel. Er hatte das Empfinden, daß sie nicht so war wie bei anderen Menschen, aber er konnte im Augenblick den Unterschied nicht angeben, und außerdem sagte derjenige, der ihm den Rat erteilt hatte:„Sehen Sie doch, da steht ja schon der Name: Plehwe. Unser geheimnisvoller Freund und Außenseiter.“ So konnte der Finder schon bald darauf dem Russen sein Eigentum zurückgeben. Und weil der Fremde höflich dankte, so benutzte der Neugierige die günstige Gelegenheit, um vielleicht etwas erfahren zu können:„Als ich vorhin in der Brieftasche nach dem Namen des Verlierers suchte, fiel mir eine Röntgenaufnahme in die Hand. Ich bin ein phantastisches Gemüt und denke mir, hinter dieser sonderbaren Knochenhand könnte eine interessante Geschichte stecken.“ Die Aufforderung war deutlich genug. Zuerst schien es, als wollte ihr Plehwe keine Folge leisten. Doch dann sah er wohl ein, daß er dadurch die Neugier der anderen nur steigern würde. So sagte er mit einer Miene, als hoffte er, irgend welche Verpflichtungen damit für immer abzulösen:„Sie haben recht. Die Geschichte, die hinter dieser Aufnahme steckt, ist interessant, zum mindesten für mich. Wie Sie schon entdeckt haben werden, stamme ich aus Rußland, ich bin Balte. Verluste geschäftlicher Art, die ich erlitten hatte, veranlaßten mich dazu, kurz vor Ausbruch des Krieges in Südamerika eine neue Existenz zu suchen. Meine Frau und meinen einzigen Jungen mußte ich einstweilen in Rußland zurücklassen. Sie sollten mir folgen, sobald ich ihnen brüben in Südamerika ein Heim bieten konnte. Der Abschied fiel uns nicht leicht. Denn meine Frau sollte in wenigen Monaten ihrer schweren Stunde entgegen seben. Aber ich durfte nicht länger zögern, weil jeder verlorene Tag meine Aussichten im neuerschlossenen Oelgebiet Argentiniens stark verschlechterte.— Meine Frau habe ich nie wieder gesehen. Der Krieg kam und unterbrach jede Verbindung zwischen uns. Ich arbeitete und arbeitete, teils um die Unruhe zu unterdrücken, die in mir war, teils weil ich sah, daß ich in der Zeit des Warenhungers rasch vorwärts kommen konnte. Ich hatte Erfolge, konnte das Mutungsrecht auf ein neues Oelfeld erwerben. Dann kam der Waffenstillstand. Ich stellte sofort Nachforschungen nach meiner Frau an. Doch im Baltikum ging damals alles drunter und drüber, und ich konnte keine Nachricht erhalten. Als endlich einigermaßen Ruhe und Frieden eingetreten waren, gab man mir Auskunft: Man schickte mir kurzerhand eine Abschrift des Totenscheines für meine Frau! Sie war während der Revolution gestorben. Da ließ ich meine Bohrtürme in Argentinien stehen und fuhr in die Heimat. Denn ich wollte wenigstens meine Kinder wieder haben, den Jungen und das andere Kind, das doch im Anfang des Krieges geboren sein mußte und das ich noch gar nicht kannte. Es dauerte ein halbes Jahr, bis ich in Rußland meinen Jungen fand. Er war durch zehn oder zwanzig Hände gegangen und hatte seit Jahren kein freundliches Wort mehr gehört. Ich fürchtete zuerst, die Freude, als er mich sah, würde ihm den Rest geben. Doch er erholte sich, und dann verließ ich mit ihm so rasch wie möglich das Land, das für das Kind zur Hölle geworden war; ich schaffte meinen Jungen nach Argentinien. Erst langsam stellte sich dort die fast ganz geschwundene Erinnerung wieder ein. Der Junge konnte mir erzählen, daß eine kleine Schwester gekommen war, und dann erinnerte er sich auch an etwas Auffälliges: Das Kind hatte an der linken Hand sechs Finger gehabt. Die wenigen Angaben benutzte ich, um Nachforschungen nach meiner unbekannten Tochter anzustellen. Im Verlaufe von Jahren gab ich ein Vermögen aus, um alle Spuren zu verfolgen, die hier und dort auftauchten und immer irgendwo ergebnislos endeten. Ich konnte Zehntausende opfern, weil ich geschäftlich Glück hatte. Aber das ständige vergebliche Suchen nach der Mädchenhand mit den sechs Fingern fraß an meinen Nerven, Ich konnte es dort drüben in Argentinien nicht mehr Schwere Unruhen beim belgischen Berittene Polizei vor einem Zechentor in Charleroi. Der Streik im belgischen Grubenrevier verschärft sich immer mehr. Mehr als 70000 Arbeiter stehen bereits im Streik. Starke Militär=Abteilungen mußten in das Gebiet entsandt werden, da man einen Marsch der Arbeiter auf die Hauptstadt befürchtet. Bei Charleroi kam es zu schweren Zusammenstößen, wobei mehrere Personen getötet und verwundet wurden. Die Trappe. Eine afrikanische Reitergeschichte von Rudolf de Haas Der Vizewachtmeister aus Oberschlesien, der lange bei einer Schwadron in Dresden gestanden hatte, und der lustige Rheinländer, der ehemalige Münstersche Kürassier, wollten für den Posten, dem sie zugeteilt waren, einen Braten schießen. Sie gaben den Maultieren die Sporen und ritten in die Steppe. Es dauerte nicht lange, da sahen sie eine Riesentrappe durch das Gras dahinspazieren und am Boden picken. Sie kannten den mächtigen Vogel nicht, wollten aber auf alle Fälle dahinterkommen, ob er eßbar sei. Der Vizewachtmeister sprang ab und erlegte die Trappe mit einem glücklichen Schuß. Nachdem sie die Beute nach Gebühr angestaunt hatten, überlegten sie, wie sie den Riesenvogel am zweckmäßigsten heimbrächten. Der Rheinländer wollte ihn auf den Sattel nehmen. Es gelang auch, ihn hinten zu befestigen, aber der Schweißgeruch störte das Maultier, das unruhig wurde. Es machte eine wilde Bewegung, und die Trappe fiel zu Boden. Der entsetzte Mulus tat einen gewaltigen Sprung zur Seite und stieg kerzengerade, als der Reiter einen neuen Versuch unternahm. Auch sein Gefährte hatte mit dem eigenen Maultier kein Glück: es stellte sich ebenso störrisch an, wenn der Reiter mit dem Federvieh von hinten heranschlich. Der Vizewachtmeister war aber nicht umsonst so biele Jahre in dem Lande gewesen, in dem die Leute helle zu sein pflegen. Schneller als der witzige Solinger wußte er Rat. „Ich weiß“, was wir machen“, rief er triumphierend,„wir werden das verfluchte Federvieh nach Hause schleifen.“ Sprach's und wickelte die lange Leine seines Halfters auf. Mit größter Sorgfalt wurde die Trappe angebunden. Dann stiegen die beiden auf die Maultiere, die jetzt stillhielten und keinen Verrat witterten. Der Oberschlesier hatte die Leine hinten an seinem Satel befeltigt, S „So, das hätte tadellos geklappt“, menan der Voter des Gedankens ganz befriedigt.„Jetzt dürfen wir allerdings nur im Schritt reiten, damit der Vogel nicht zu Schaden kommt.“ Der Rbeinländer nickte. Froben Sinnes, ritten die beiden Reiter daßin und saen einem der riesigen Töpfe der Eingeborenen, den sie sich besorgen wollten, schön braun und knusprig werden. Jedoch das Schrittreiten wurde auf die Dauer langweilig.„Wir könnten eigentlich doch einmal einen kleinen Trab versuchen“, meinte einer der beiden,„der Vogel wird ja wohl nicht gleich in die Wicken gehen, wenn er gegen ein paar Steine stößt.“ Der andere war der gleichen Meinung. Die Maultiere trabten an. Plötzlich stieß die Trappe gegen einen großen Feldstein, rollte ein paarmal wie verzweifelt von der einen Seite auf die andere und flog dann gegen einen Felsblock, wobei sie die riesigen Flügel ausbreitete und in die Höhe hopste. Das war zu viel für das Mauktier des Oberschlesiers. Von wahnsinnigem Schrecken ergriffen, sprang es in Galopp über und ging ab, als ob ein Nashorn hinter ihm herdonnerte. In rasendem Tempo setzte es über Stock und Stein. Je toller es fegte, um so wilder wurde der Vogel. Zuweilen flog er zwei Meter hoch in die Luft und wirbelte mit ausgebreiteten Schwingen wie der Albatroß im Sturm über ein durch die Wellen brausendes Schiff. Der Solinger hatte sich gleich anfangs in Galopp gesetzt und versuchte zu folgen. Er fürchtete, es werde ein Unglück geschehen. Sein Gefährte war zwar ein gewandter Reiter, aber das Maultier konnte jeden Augenblick über einen der Blöcke stolpern und sich und dem Reiter das Genick brechen. Von hinten hatte man den Eindruck, der gespenstige Vogel Greif der Sage jage den unglücklichen Reiter in jäher Todeshetze auf der Stelle in die Hölle hinein. Die Trappe schien mit weitausgebreiteten Flügeln sich auf den Vizewachtmeister zu stürzen und ihn mit wilden Schlägen ihrer Schwingen aus dem Sattel schlagen zu wollen. Es war unmöglich, der grausen Jagd zu folgen. Entsetzt hielt der Rheinländer sein Tier an und starrte hinter dem Schauspiel her. Eben stand die Trappe scheinbar senkrecht über dem Reiter wie ein Bote des Unglücks aus einer anderen Welt. In Panik sprang ein Rudel Zebras in rasender Flucht in eine Schlucht hinab, und ein vereinzelter Gaubulle kauste aushälten, und vör jetzt einem halben Jahre fuhr ich kün entschlossen nach Rußland. Ich ließ den Jungen, der sich inzwischen im Geschäft eingearbeitet hatte, in seiner neuen Heimat zurück, um ihm das Wiedersehen mit der Hölle seiner unglücklichen Kinderjahre zu ersparen. Ich forschte nun in ganz Rußland nach der Hand mit den sechs Fingern. Ich besuchte alle Waisenhäuser, alle dunklen Großstadtviertel und fand nichts. Ich war am Verzweifeln. Am Tage, bevor ich Moskau verlassen wollte, ging ich durch die Miaßnizkaja Uliza, um dort im Ausländerladen etwas zu kaufen. Wie immer stand ein Dutzend Frauen und Mädchen in zerschlissenen Kleidern vor dem Geschäft und bot Kleinigkeiten feil. Abgestumpft vom Elend, das ich täglich hatte sehen müssen, glitt mein Blick schon achtlos über die Gestalten hinweg. Doch plötzlich setzte mein Herzschlag aus. Da stand ein junges Mädchen, und das Gesicht unter dem bunten Kopftuch war das meiner Frau! Ich glaube, die Leute hielten mich damals für verrückt, als. ich auf das Mädchen zustürzte und ihre linke Hand an mich riß. Sie hatte— fünf Finger! Ich weiß, daß zwanzig, dreißig Gaffer um mich herumstanden, als ich eine Entschuldigung stammelte, dem Mädchen Dollarscheine in die Hand drückte und weiter gehen wollte. Doch ich konnte nicht gehen. Denn irgend etwas sagte mir: „Das ist doch Dein Kind! Sieh nur das Gesicht an!“ Und da in meiner Not— mitten unter den Gaffenden— tauchte vor meinen Augen ein seltsames Bild auf: Ich sah einen Arzt im weißen Kittel, und er betrachtete eine Hand mit sechs Fingern. Da sagte ich dem Mädchen, es müßte mit mir gehen ins nächste Krankenhaus und seine linke Hand durchleuchten lassen, denn davon hinge für mich so viel ab. Ich war so erregt, daß ich heute nicht mehr weiß, was sich in den nächsten Minuten abspielte, bis wir vor dem Oberarzt des Krankenhauses standen und ich meine Bitte v#brachte. Kopfschüttelnd tat man mir den Gefallen, weil ich ein zahlungsfähiger Fremder war, und hier die Aufnahme ist das Ergebnis. Sehen Sie, es sind nur vier Finger und ein Daumen vorhanden, aber hier zwischen Zeigefinger und Ringfinger ist noch ein fünfter Mittelhandknochen. Der Finger dazu ist nach Aussage der Aerzte im ersten Lebensjahr operativ entfernt worden. So fand ich nach siebzehn Jahren mein Kind, das ich nie gekannt hatte.“ mit allen vier Läufen zugleich in die Luft, ohne erst nach der Weise seiner Sippe durch den Schwanz angeregt zu sein. Ein paar Thomson federten wie tolle Kreisel in Gedankenschnell dahin. Zwei Schakale verschwanden in einem Schweinsloc# Kein Lebewesen hielt diesen Anblick aus. Sogar eine Puffotter, das giftigste, aber auch trägste Reptil der Steppe, fuhr neben den Hufen des Maultiers auf und schoß in einen Spalt Der Rheinländer war weit hinten zurückgeblieben, aber er sah das Ende noch, wennz er auch den Zusammenha zu entschleiern vermochte. Plötzlich ge zu Tode gehetzte Tier nicht weiter rannte. kärte sich der Sachverhalt auf.„.. e7ga## 4 Der Reiter war seinen Vogel los. In der höchsten Not, als er schon selbst für seinen Nacken keinen Heller mehr gabwar ihm ein rettender Gedanke gekommen, hell wie ein Stern in finsterer Nacht. Er hatte ja ein Taschenmesser bei sich, frisch geschliffen und haarscharf. Schnell wie der Gedanke war die befreiende Tat: Im selben Augenblick hatte er die Halfterleine gekappt. Von dem entsetzlichen Phantom erlöst, fiel das unglückliche Maultier in eine gemäßigte Gangart und stand gleich Sarauf fäh.„„.,r Lp a. im uex dr 8. Eine kleine Strecke nur trennte den Reiter noch von dem Posten. Das Lager winkte wie der Himmel nach der Höllenfahrt. Aber nun wollte der Vizewachtmeister wissen, was aus dem Vogel geworden war. Er band sein Maultier an einen Baum und ging zu Fuß auf die Suche. Abgehetzt, wie er warEr mußte doch seinen Vogel wieder haben und seine HalfterLeine Bbgu.„##der Pararfar Calte, Nur. Gigbache Als der Rheinländer herankam, hatte der Vizewachtmeister eben seine Leine wiedergefunden. An der Leine saßen nur noch der Hals und ein Bruststück der Trappe. Wenige Federn staken daran. Das Fleisch war infolge des Schleifenund Stoßens zersetzt und zerhackt, als sei es zu einem Tatarenbeefsteak zugerichtet. Glück wünschend drängten sich auf dem Posten die Kameraden um den Vizewachtmeister. Durch das Glas hatten sie einen Teil der wilden Hatz mitangesehen. Jeder staunte, daß der Reiter mit dem Leben davongekommen war. Das Goldstück. Skizze von Hans Mensler=Würzburg. Heinrich Höfner wußte, daß es mit ihm zu Ende ging. Gedankenlos strichen seine rauhen, knochigen Hände über das weiße Linnen des Bettes, sein Blick ging suchend durch den hohen Raum, in dem sich die letzten Strahlen der untergehenden Sonne fingen. Gerade so, als wollten sie ihm das Sterben erleichtern, als wollte ihm die Sonne Lebewohl sagrr Die Sonne——.„ 91 Lus 9.4 2 Die er so sehr geliebt, daß er Zeit seines Lebens mit ihr durch die Heimat schritt, kreuz und quer, von Nord nach Süd und vom Rhein bis zur Oder... Das war Heinrich Höfners Leben. Der Achtzigjährige lachte still in sich hinein. Das war noch eine lustige Welt, damals, als er dem Elternhaus Ade gesagt, damals—— das war—— das war, na, so ungefähr vor sechzig Jahren! Du lieber Himmel! Wo war die Zeit geblieben? Man war ein Greis geworden und hatte es nicht bemerkt, hatte manches Paar Schuhsohlen auf den Landstraßen abgewetzt, war gelaufen, getippelt, gelaufen—— und doch nie zu einem Ziele gekommen. Der Alte strich sich das schlohweiße Haar aus der Stion. Als junger Bursch auf die Landstraße hinaus, von Hanrburg aus war man an den Rhein marschiert, hatte Deutschland kennen gelernt, wie man sonst nie Land und Leute, Vols und Heimat kennen zu lernen pflegt, wie sich einem sonst niemals Allmutter Natur zu offenbaren vermag! Haha! Er kannte sich aus, da draußen! Hatte noch bis ins hohe und höchste Alter hinauf der Wandertrieb in sich, der ihn nie stillstehen ließ, der ihn vor wärtsdrängte, unbekannten fernen Zielen entgegen. Und unn wußte Heinrich Höfner, daß er bald am wer Par. datte ihr, gefunden, draußen vor den doren der Stadt, iyn, den der Himmel nicht, wie er sich's gewünscht, auf der Landstraße sterben ließ. Hatte ihn ins Krankenhaus gebracht, ins Bett gesteckt. In ein Bett! Das er eigentlich nur vom Hörensagen kannte. 4gentich Und da lag er nun und rüstete sich zum Gehen! Schon, oft, war er nahe daran gewesen, auszusteigen aus der Lebenskutsche, in der er in gemächlichem Trab durchs Dasein bummelte. Damals vor fünfzig Jahren, als er bei einer Keilerei drüben im Schlesischen ein Messer zwischen die Rippen bekam und nach sechs Monaten Spitalzeit noch ebenso lange hinter schwedischen Gardinen über den Zweck solcher Schlägereien nachdenken konnte.. Jvec biche Das waren noch andere Zeiten! Da gab's noch wenig „Konkurrenz“ in den Dörfern draußen, da hatten die Bauern noch eine offene Hand, da stand die Zunft der Walzbrüder noch in Ansehen und Würde. Und wenn man irgendwo bei einem Bauern zum Mittagskisch geladen wurde, da wußte man mit viel Grandezza dieser Einladung Folge zu leisten. Und wenn man wieder abzog, da hatte man den Gastgebern die Heimat geschildert, wie sie wirklich war und trug einen prallen Ranzen auf dem Rücken. Oder in der Stadt! Wenn man in guter Art anklopfte, höflich fragte, dann konnte man ein hübsches Sümmchen— wenns auch nur Kupfer war— in der Tasche klimpern lassen und sich am Abend auch noch einmal ein Wirtshaus von innen besehen. Dann kam der Krieg. Und er, Heinrich Höfner, war bereits ein alter Mann. Die Landstraßen Deutschlands wechselte er mit denen Frankreichs und Rußlands, zog statt des verschlissenen Kittels den seldgrauen Rock an. Er, der alte Mann! Der nichts zu verlieren hatte als sein kümmerliches Leben, der keine Heimat besaß, die ihn hielt— er blieb verschont. —— und kehrte heim! Heim, auf die deutschen Landstraßen, die ihm noch freundlicher schienen, seit der Krieg zu Ende... Aber ihr Gesicht änderte sich bald. Heinrich Höfner empfand mit einem Mal ein brennendes Durstgefühl. Griff zum Wasserglas: Schau an, es ging noch stand noch gar nicht so schlimm mit seiner Krankganz gut, es stand noch gar nicht so schlimm heit. Ja, warum lag er eigentlich hier? wie ein Prinz im schönsten Himmelbett! Ja— in der Nachkriegszeit wurde es anders auf den Landstraßen. Da herrschte nicht mehr der fröhliche Ton, wie man ihn von früher her kannte. Da tauchten verhärmte Gesichter auf. Menschen, welche die Verzweiflung hinaus trieb weil die Heimat kein Brot mehr für sie hatte. Gesellen begegneten einem, denen ein unstetes Flackern aus den Augen blickte, die einem nicht ins Gesicht zu sehen wagten. Es war anders geworden, alles, alles anders... Es wäre vielleicht richtig gewesen, wenn er damals hoch droben im Erzgebirge die junge Witwe geheiratet hätte, die ihn durchaus nicht mehr weiter ziehen lassen wollte. Vorbei—— Heinrich Höfner war's zufrieden so. Wenn man auf der Landstraße schon einmal achtzig Jahre alt geworden ist, dann wirds allmählich Zeit, andern das Feld zu räumen. Er rief nach der Schwester.„Hören Sie, Schwester, do dort, in dem alten Kittel— finden Sie— nein, dort links— so ja,— haben Sie es gefunden? Nicht...?“ „Hahaha! Das glaub ich! Ist auch gut verwahrt. Die Menschen sind so schlecht heute...“ „Schau'n Sie mal her: Hier fühlen Sie? Das Harte? Das ist noch ein Goldstück, mein letztes, zwanzig Mark— das ich mir aufgehoben hab’, um dereinst nicht ein Bettelbegräbnis zu bekommen. Da— nehmen Sie's doch, und wenn man mich eingescharrt hat, ich weiß ja nicht wo— dann, gell, Schwester, dann beten Sie mal ein stilles Vaterunser für einen, für einen— der zu nichts nütze war in der Welt, der keine Heimat hatte, keinen Menschen, der ihm einmal Blumen aufs Grab legen könnt... Und— da, die zwanzig Mark, gell, dafür kaufen Sie mir halt mal ein paar Blumen, die ich immer so gern gehabt hab'... Und nun, Schwester, gut' Nacht!“ Der Alte drehte sich auf die Seite und schlief. Schlief den Schlaf des altersschwachen Menschen, der nicht mehr den Wunsch hat, aufzuwachen.—— Zwei Tage später trug man den Toten auf den stillen Friedhof hinaus. Er hatte endlich die Heimat gefunden. aus Wirl. Erlebnis von Rudolf Behrens. Sommertag in der Silvretta. Die Ballunspitze trauert um die Sonne und hat ihre Wolkenfahnen auf Halbmast gezogen. Im Paznauntale blühen die Kartoffeln im Schnee. hadere mit Zeit und Wetter und steige verdrießlich nach Wirl hinauf. An den Gorfnerwänden hockt ein Gnom und lacht mich unter einem Felsdache freundlich an. Ich schütte den Regen aus meiner Hutkrempe und trete in seine Höhle. Mir ist jedes Wesen recht, um meine Sauwetterstimmung an ihm auszulassen, mag es Mensch oder Schrat sein.„Der Teufel hole Horn und Piz!“, rede ich ihn an.„Was lockt uns auf Eure Berge, wenn der Himmel sie mit Wolken verhängt? Ihr müßt mit Petrus auf schlechtem Fuße stehen, wenn er Euch solches Wetter beschert.“ „Der Herrgott gibt es; der Herrgott nimmt es. Was er tut, ist gut“, antwortet das Mandl. stopft sich eine Pfeife mit billigstem Knaster der Oesterreichischen Tabakregie und hüllt sich in eine Stinkwolke, in der ich fast ersticke. Dabei kämmt er mit den knochigen Fingern seinen grauen Rübezahlbart und blickt mit den schwarzen Augen so lustig in den Nebel, als säße er im hellsten Sonnenscheine auf der Alm und nicht unter der Traufe eines Gneisblockes. „Ihr seid ein sonderbarer Kauz“, sage ich,„lacht das Wetter aus und pfeift darauf, wenn Euer bißchen Winterfutter verfault und die paar Erdäpfel, die Ihr zu ernten habt, erfrieren?“ „Ich bin der Hiobsbauer aus Wirl“, antwortet er, „kenne seit 77 Jahren böses Wetter und weiß, daß die Sonne sich nicht unterkriegen läßt.“ „Wenn Ihr die Berge schon so lange kennt, dann sagt mir, wann das Fluchthorn seine Krone zeigt, das Große Seehorn ohne Stoß sich reiten läßt und der Buin sein Panorama frei gibt?“ „Zwischen Mathon und Vermont liegt meine Straße. Vom Gorfner bis zum Fädner reicht meine Welt. Die Berge hinter der Trisanna kenne ich nicht!“ Ein enges Talgefängnis, anderthalb Stunden lang und eine halbe breit. Ich kann es bei klarem Wetter mit einem Blicke überschauen. Aengstlich ducken sich darin die Tannen unter den Fels, die einzige Kulisse dieser armseligen Lebensbühne. Mut gehört dazu, hier einen lebenslangen Kampf mit den Naturgewalten auszufechten. Er ist dem Walkenscheider Christel, Hiobsbauer aus Wirl, in das Gesicht geschrieben. Es schrumpfte darüber zum Gnomenantlitz ein und verlor seine Menschenähnlichkeit. „Seid Ihr in diesem Tal geboren, Alterchen?“ „Drunten in Vermont steht meine Wiege. Ich bin der siebente Bub gewesen. Mein erster Schrei war meiner Mutter letzter Seufzer.“ „Das Schicksal guckte früh in Eure Wiege. Wer zog Euch grobt., W##u, N. 2.6 1. u. „Die ältere Schwester. Sie ließ in meinem ersten Lebensjahre das Wägelchen den Kirchberg hinuntersausen. Just vor dem Herrgottsbilde unter der Kirchhofsmauer überschlug es sich, begrub mich, ließ mir das Lehen und diesen Buckel.“ Dabei wies er auf den gebeugten Rücken, der ihm mehr Stolz als Unzier schien. „Mich hat der Herrgott unter seinem Bild gezeichnet.“ Aus dem Regen ist ein Schneetreiben geworden. Ich drete näher an den Alten heran und ducke mich unter seine Trauiz.„Habt Ihr allsommerlich solch Hundewetter?“ Das unterhaltende Bodenseeschifflein e#ize von Wihel- Schisfer Ich habe schon manchen stolzen Dampfer in so manches Meer fahren sehen, aber so ein Bodenseedampfschifflein ist halt auf ewig eine besondere Sache. Was ist das doch für ein berückendes Bild, wenn so ein schmuckes, schwanenweißes Fahrzeug in den Duft der bergumrahmten Ferne hinausgleitet und auf der Fahrt sein blitzendes Kielwasser wie eine lange majestätische Schleppe in dem von himmlischen Zitterlichtern wimmelnden blauen See hinter sich herzieht! Und was für eine Herrlichkeit im kleinen Rahmen ist es erst, wenn so ein kühner weißer Riesenwasservogel an dunkler Wetterwand entlangfährt, wenn ein Gewitter über den See braust, wenn grelle Blitze sich in die erregten Wasser stürzen, wenn dumpfe Donnerschläge von den versunkenen Ufern herüberrollen, wenn das Gebirge ultramarindunkel in den Aufruhr der Welt starrt, wenn der See voll Gischt und Flugschaum milchig, grün und grau und dunkelblau und pechschwarz und tückisch gelb überkocht und die Gischtmassen wie Herden tollgewordener Delphine sich jagen! Die Anwohner aber haben für diese weißaufschäumenden, heftig durcheinanderwirbelnden Sturzwellen einen gar lieblich geruhigen, beschaulichen und in mancher Hinsicht sehr treffenden Namen. Sie nennen sie ganz einfach Schäfchen... Wenn der See„Schäflein“ hat, gehört eine Fahrt auf einem dieser wackeren Bodenseedampfer zu den feinsten Dingen in Gottes irdischem Zaubergarten. Den Anblick aber, den ein solches Fahrzeug bietet, wenn es bei Nacht, wie vom eigenen Lichtglanz getragen, mit einem großen, goldenen Stern am Mast, als ein offenkundiges Märchen in einen der stillen kleinen Häfen gleitet, kann man nur andeuten, weil ja die Worte dafür doch nicht ganz ausreichen. Es ist also begreiflich, daß auch Madlener und seine Frau und auch ich so bald als möglich auf ein solches Schifflein kommen wollten. Und da wir den Willen hatten, hatten wir auch bald einen Anlaß. Wir fuhren also eines schönen Tages über das Wasser in die Schweiz hinüber, wo ein Sängerfest stattfand. Allein der Sängerfestzug am anderen Ufer, den wir uns hatten ansehen wollen, war leider gründlich verregnet worden. Auch wir wurden von einem jähen Gewitterregen trotz Regenschirm gehörig eingeseift. Und Frau Madlener hatte also wieder einmal eine treffliche Gelegenheit, ihren Oberrock über Schultern und Kopf hinaufzuziehen und ihren scharlachroten Unterrock leuchten zu lassen. Zuletzt flüchteten wir uns in ein kleines Kaffeehaus, wo Madlener sich so nebenbei auch einen kleinen Vorrat an „Schweizerstumpen“, kaufte, um ihn bei der Rückfahrt ans heimische Ufer hinüberzuschmuggeln. Nun mag man über Zollgrenzen und Grenzzölle und deren Notwendigkeit oder Entbehrlichkeit denken, wie man will, Tatsache ist, daß sie zu der Zeit, als wir uns anschickten wieder aus der nassen Schweiz hinauszufahren, jedenfalls noch in Kraft waren. Madlener stopfte also seine überzähligen Zigarren zuerst in die Taschen, dann zog er sie, weil er den Taschen nicht traute, wieder heraus, wickelte sie ins Schnupftuch und band sie an die Hosenträger, indem er sagte:„Das Hemd werde ich wohl nicht gleich ausziehen müssen.“ „Auch das soll schon vorgekommen sein, man soll zum Beispiel so manche Seidenschmugglerin, die unerlaubte Seide auf ihrem Leib trug, so lange abgehaspelt haben, bis die blanke Eva herauskam“, bemerkte ich launig. „Oho, oho!“ „Mich tät's grad freuen, wenn sie dich erwischen täten“, ereiferte sich nun aber Frau Madlener.„Wozu brauchst du denn ausgerechnet Schweizerstumpen? Bloß wegen dieser dummen Raucherei sein Gewissen beschweren und das Gesetz übertreten, das finde ich sehr einfältig. In früheren Zeiten hat man auch nicht geraucht und dennoch gelebt.“ „Ach was, das hat mit dem Gewissen gar nichts zu schaffen. Es läuft ja doch bloß alles darauf hinaus, daß ein Staat dem andern das Geld abnimmt, und daß man eben die Dummen packt, wo man sie findet. Diese ganze Zollkomödie hört ja auch einmal ganz von selber auf, das sieht ein Blinder ein.“ „Tu, was du willst, aber laß mich in Ruhe damit, ich will mir nicht auch noch die Finger daran verbrennen. Wenn es dir aber Spaß macht, im Hemd vor den Zollbeamten zu stehen, na, meinetwegen. Nun hatte aber Madlener plötzlich einen überaus glücklichen Einfall. Er begab sich also an einen heimlichen Ort und versteckte daselbst seine überzähligen Zigarren in seinem Regenschirm, den er alsdann so kunstgerecht wieder zusammenrollte, daß nach seiner Meinung auch kein noch so geriebener Zollwächter dahinterkommen konnte. Er tat das alles ganz geheim und behauptete nun auch seiner Frau gegenüber, er habe die Schweizerstumpen soeben einem Bettler auf der Straße draußen geschenkt, der ihm zum Dank dafür fast die Hand geküßt habe. „Das finde ich noch viel einfältiger“, tadelte Frau Madlener ihn aber aufs neue,„wenn einer schon einmal etwas kauft, muß er auch den Mut aufbringen, es mitzunehmen. Wenn ich also, gesetzt den Fall, einmal Seide gekauft hätte, hätte ich sie auch mitgenommen. Darauf kannst du Gift nehmen.“ „Vor einer Weile hast du grad das Gegenteil gesagt.“ „Ach was. Ich hab' dich ja auch nicht für einen solchen Hasenfuß gehalten. Ich sag' es noch einmal, wenn ich einmal was gekauft hätte, hätte ich es auch mitgenommen. Das kann ich dir schriftlich geben. Diese paar Zigarren zum Beispiel hätte ich ganz einfach unter meinen Hut genommen, dann hätten sie mich ausziehen können solang sie gewollt hätten.“ „Oho, oho. Ich hätte gute Lust und täf' mir jetzt noch einmal eine Portion kaufen und sie dir dann auf den Kopf unter deinen Hut legen.“ „Das tät' ja grad noch fehlen, daß man zu der alten Dummheit noch eine neue dazu macht. Was mich aber am meisten ärgert, ist das, daß du auch noch lachen magst, wo du nun doch dein Geld zum Fenster hinausgeworfen hast. Du tust grad, als ob du nicht ein armer Schlucker, sondern irgendein Krösus wärst, der sein Geld im Schlaf verdient. Du brauchst wirklich keine Angst vor den Zollwächtern zu haben, denn dir sieht man die Unvernunft ja schon von aller Weite an. So eine Dummheit, etwas zu kaufen und es dann aus reiner Angst wieder zu verschenken!“ „Aber ich habe die Stumpen ja noch“, versetzte Madlener nun plötzlich. „Spar' deinen Witz, du hast nicht zuviel davon. Wo hast du sie denn, hä? Wo?s „Dafür laß mich sorgen, vielleicht stecken sie gerade unterm Hut“, antwortete Madlener pfiffig. —.„Dumm genug wärst du.“ Sie rang heimlich nach Luft. Sie bekam aufs neue Angst; denn man stand nun bereits vor der Sperre. Aber es ging alles glatt. Und ein gerollter Regenschirm war auch in der Schweiz eben ein gerollter Regenschirm und nichts anderes. Allerdings fand nun noch eine Zollrevision beim Aussteigen statt. Nun ja, man würde sich eben wieder zehörig zusammennehmen. Auf dem Dampfer befanden sich bei diesem Wetter wenig Leute. In den blauschwarzen Schweizerbergen drüben war Neuschnee gefallen. Es war plötzlich ziemlich kühl geworden. Man suchte also von selber die Wärme auf. So ein Bodenseedampfer mit diesem anheimelnden, geschlossenen, stubenartigen Raum über dem Maschinenhaus war in der Tat eine sehr feine Sache. Daß man hier überdies auch noch die freigelegte, taktmäßig stampfende Maschine ganz nach Muße betrachten konnte, war doppelt fein. Hier war sozusagen alles beieinander: Kopf und Herz und Arme und Beine, während zum Beispiel bei einem Eisenbahnzug der Gaul für sich allein vorauslief... Das war wirklich fein. Madlener blieb also am Messinggeländer über dem Maschinenraum stehen und sah dem unterhaltenden Schauspiel zu. Da hatten die Augen wirklich vollauf zu tun, da konnte man auch am besten über dies und jenes hinwegkommen. Wenn er übrigens daran gedacht hätte, daß die entscheidende Zollrevision diesmal erst nach der Ueberfahrt stattfand, hätte er tatsächlich die paar Schweizerstumpen lieber an einen Handwerksburschen verschenkt, anstatt sich nun die ganze Seefahrt mit dieser heikeligen Sache zu verderben. Er zog das plötzlich sehr lästige Regendach ärgerlich über das Geländer hinweg und drückte es verdrießlich an sich. konnte ihn wenigstens niemand mehr von hinten her beschnüffeln. So eine widerwärtige Einrichtung wie dieser Grenzzoll! Gab es denn noch nicht genug Plagen in der Welt? Mußte der Mensch noch selber neue dazu erfinden?... Drunten im Maschinenraum löste sich jetzt ein Heizer in Hose und Hemd mit einem großen Schürhaken in der Hand aus dem Halbdunkel, öffnete eine Feuertür und wühlte mit dem Eisen in der herausschlagenden Glut, so daß nun sein Hemd und seine Hose ganz in Gold getaucht waren. Das war höchst unterhaltend und zerstreuend. Auf einer schmalen Eisentreppe, die jetzt gleichfalls im Licht des herausschlagenden Feuers erglühte, kam ein zweiter Maschinist herab, ergriff einen großen Hammer, zerschlug damit einen Haufen Steinkohlen, warf sie in die auflodernde Glut, goß Wasser über die herausgefallenen Kohlen vor dem Ofenloch, kehrte, in einem ganz wunderlichen Glutnebel stehend, die Sache mit einem Besen zusammen und füllte eine neue Kanne mit Wasser aus einem Hahn unter einem auf und nieder gehenden Kolben. . Das alles war wirklich höchst unterhaltend. Auch dieses Spiel der blanken Maschinenstangen konnte man immer wieder aufs neue verfolgen, und man bekam es eigentlich kaum satt, zuzusehen, wie schwungvoll die schweren Kolben hochgingen und niederfielen, wie die stählernen Kolbenscheiben so wundersam haarscharf nebeneinander herkiefen, wie allen dieser blitzblanke Stahl heraufspiegelte, wie das tadellos geputzte Messing der Oelbehälter strahlte, wie überhaupt alles so geschmiert in Oel lief und sich im Laufen selber schmierte Das war alles sehr fein. An einem Hebelgriff las Madlener jetzt:„Wasser“, an einem andern:„Hauptdampf“, an einem dritten:„Hilfsdampf“. Diesem unterhaltenden Schifflein konnte man in der Tat durch Herz und Nieren sehen. So etwa müßte man einmal allen Dingen auf den Grund sehen können. Das wäre so etwas. Da könnte einem so manches Licht in der Welt aufgehen. Das müßte wirklich sehr interessant sein. Aber da fielen ihm auch alsogleich die verwünschten Schweizerstumpen in seinem zusammengerollten Regenschirm wieder ein, den man alsdann ja gleichfalls durchschauen müßte, und einen merkwürdigen Augenblick lang war dies wohl wirklich bereits der Fall, denn es war ihm jetzt plötzlich, als müsse er nun endlich diesen verruchten, nun auch noch vollends durchsichtig gewordenen Schirm mit den verwünschten Schweizerstumpen vor lauter Verdruß über diesen lächerlichen Zoll und vor lauter Aerger über sich selber von sich schleudern und noch einmal von sich schleudern!—-Oder wie war es denn eigentlich zugegangen? Aber das war nun ja leider eigentlich ganz gleichgültig ob er seinen Schirm buchstäblich weggeworfen hatte oder ob er ihn einfach hatte fallen lassen oder wie es nun hergegangen war. Jedenfalls vernahm er jetzt plötzlich einen Aufschrei, der offenbar“ von ihm selber herrührte, dann einen von drunten vom Maschinenhaus, einen ganz furchtbar stechenden von seiner Frau, und so ging es fort. Und nun wußte er auf einmal, woran er war. Er griff entsetzt in die Luft... Aber das, was nun folgte, sollte nun eigentlich ein sogenannter Expressionist erzählen, der jetzt die schönste Gelegenheit hätte, seinem Dichterroß die Zügel schießen zu lassen und auszumalen, wie der Regenschirm zwischen die schwingenden Kolbenscheiben geriet und schon in der nächsten Sekunde in tausend Fetzen in alle Winde flog. Und waren nicht unseligerweise die Oelbehälter der Maschinen auch noch aus Glas? Und hing nicht auch noch die Taschenuhr eines Heizers an einer mit Blech beschlagenen Wand neben der Eisentreppe? Und wenn es also im ersten Augenblick zerbrochene Regenschirme regnete, konnte es im zweiten Glassplitter und Uhrräder regnen. Und stand nicht überdies auch noch Frau Madlener mit offenem Munde auf der anderen Seite des Geländers? Da bestätigte sich also wieder einmal die alte Wahrheit, daß selbst kleine Ursachen das größe Unheil anrichten können. Aber wir wollen bei der Sache bleiben und nicht mehr erzählen, als sich in Wahrheit zugetragen hat. Der verhängnisvolle Schirm wurde also leider tatsächlich von der Maschine erfaßt, er wurde ferner auch ein wenig zerdrückt und zerrieben, dann aber samt den überzähligen Schweizerstumpen verächtlich wieder ausgespien. Die Heizer fluchten, die Schiffsbeamten liefen herbei und nahmen ebenfalls kein Blatt vor den Mund, und auch die Reisenden mischten ihren Tadel darein; denn es war wirklich über alle Maßen leichtfertig, daß ein Mensch mit gesundem Verstand mit seinem Schirm an solchem Ort so unverzeihlich ungeschickt umging. Da hätte wirklich das allergrößte Unglück daraus ent stehen können... So ein leichtsinniger Mensch gehörte aufe geschrieben und mit Recht bestraft... Als aber einer der beiden Heizer dann die auf dem Boden herumliegenden Schweizerstumpen entdeckte, schlug die Entrüstung sofort in allgemeine Heiterkeit um. „Und geschmuggelt hat der Mensch auch noch!“ rief einer der Maschinisten aus.„Da liegt der ganze Salat.“ Frau Madlener drehte sich entsetzt um. O, die Schandes die Schande! Wie einer aber auch so strohdumm sein konnte und seine Zigarren in einen Schirm einrollen... Da hörte schon gar alles auf. Sie stahl sich beschämt in einen Winker Dem armen Madlener aber blieb eigentlich nichts anderes übrig, als schließlich eben krampfhaft mitzulachen. Unterdessen hatten die Heizer das, was einst ein Regenschirm gewesen war, mit dem Besen zusammengekehrt, die noch brauchbaren Schweizerstumpen aber kurzerhand in ihre Taschen gesteckt. So ein Bodenseedampfer war wirklich eine unterhaltende Sache. Die Maschine stampfte gewaltig. Und der gute Madlener fand es nach allem, was vorgefallen war, nun erst recht herzstärkend, sich ans Geländer zu lehnen und von neuem diesem rhythmischen Gesang der schwingenden Kolben zuzuhören, die jetzt gleichsam immerfort auf etwas losschlugen was ja längst abgeschafft und zerrissen und in Fetzen zu dem verruchten Regenschirm in den Ofen geworsen gehörte. „Seit es mir den Josef von der Seite riß, ein um das andere Jahr.“ „Wer war der Unhold, der dieses tat?“ „Ein Ochse. Es war im Spätsommer, als ein Schneewetter wie heute die Jamtaja verschüttete. Ich ging mit meinem Bruder Josef zum Schneehüten hinauf, das Jungvieh beieinander zu halten. Rinder und Hund drängten mit uns gleichzeitig über den schmalen Steg der reißenden Ache. Ein Schrei. Der Josef war verschwunden. Ein tollpatschiger Ochse hatte ihn hinabgestoßen. Vor dem Rößle in Galltür trieb er ans Land. Ich bastelte für ihn ein Marterl und ließ es für zwei Tagwerke beim Schwärzle schön bemalen.“ „Ich habe es gelesen: Durch eines dummen Ochsen Stoß Kam Josef in den Himmelsschoß. Von dieser Brück' er runterfiel Und fand zu schnell das Lebensziel.“ „Die Ache frißt alles, wenn sie Hunger hat", fährt der Hiobsbauer fort.„Sie verschlingt Menschen, Tiere, Bäume, Stein und Gras. Im ersten Jahre meiner Ehe gab es einen reichen Heusegen. Die Ernte sollte eingeholt werden. Am gleichen Tage warf ein Wolkenbruch sie in die Vermonter Holat,# war ein bitterer Eheanfang, dem ein Hungerwinter Originalbild vom Flugzeugabsturz Die Trümmer des Flugzeugs, mit dem der tschechischeilich abstürzte, als er zu einer Geschäftsrotte nach der Schuhkönig über seinem Privatflugplatz Otrokowitz töd= Schweiz aufgestiegen wor. „Ihr habt viel erduldet, Walkenscheider. Doch wie höre, seid Ihr beweibt. Habt Ihr auch Buben, Madels?“ „Schaut hinunter! Der Kirchhof wird just hell. Ihr könnt die letzten Kreuze an der Mauer zählen. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Mein Weib, drei Buben und zwei Madels. Den siebten und letzten ließ mir der Herrgott für mein Alter.“ Bei diesen Worten kroch es wie eine Schlange über meinen Rücken.„Wie kam das, Bauer? Schlich eine Seuche durch das Tal?“ „Der weiße Tod. Es war am Heiligabend vor 27 Jahren. Die Kinder träumten vom Christkind, das sie wecken sollte. Da fiel ein Brausen, Donnern, Poltern, Krachen über uns. Als ich die Augen aufschlug, lag ich in Nacht und Schnee weit draußen auf der Wiese. Mein Haus war weggefegt. An seiner Stelle lagen Lawinentrümmer. Mein Weib, drei Buben, zwei Madels hatte die Christnacht lebendig begraben. Ein Bub war mir geblieben, der mir half, die Toten in den Gottesacker zu legen.“ Ich starrte den Gleichmut, mit dem der Alte dies erzählte, an.„Wie habt Ihr den Schlag ertragen können, Hiobsbauer?“ „Der Herrgott gibt es; der Herrgott nimmt es. Was er tut, ist gut“, antwortet er... Das Wetter hat sich ausgetobt. Strahlende Sonne liegt auf dem Sommerschnee und läßt im Tale Milliarden Diamanten funkeln. Ich steige mit dem Walkenscheider Christes nach Wirl hinab. Er ist vergnügt, schwatzt und lacht. „Macht Euch der lange Winter in diesem Hochtal keine Pein?“ fange ich ein neues Gespräch an. „Da schlafe ich halt“, gibt er zur Antwort,„und stehe in der Woche nur einmal auf.“ Ich sehe zur Seite, ob nicht ein verzaubertes Murmeltier neben mir schreitet. Vor seinem Holzhause reiche ich ihm die Hand und sage:„Ihr seid ein Held, Hiobsbauer.“ Er lacht und erwidert:„Mich kriegt das Leben nimmer unter“ Kaum habe ich mich umgewandt und bin zehn Schritt gegangen, erschrecke ich durch ein gewaltiges Getöse. Hinter mir ist die Lawinenmauer seines Hauses eingestürzt und deckt den Karrenweg zu. Die letzten Steine rollen über meine Füße. Jenseits des Trümmerfeldes steht der Hiobsbauer und reibt sein Bein. Ein Block muß ihn gestreift haben. Der Alte schreit zu mir hinüber:„Beinahe hätt' es uns erwischt. 's war höchste Zeit gewesen, auseinander zu gehen.“—Der Hiobsbauer folgt mir nach, ins Dorf, auf die Berge, in die Heimat, ins Leben. Und wenn mich das Schicksal in Trübnis versetzt, tritt er an mich heran und raunt mir ins Ohr:„Der Herrgott gibt es, der Herrgott nimmt es. Was er tut, ist gut.“ Dann fühle ich mich beschämt und beiße die *