DER.I v—.— Gaomrhandane Donnersiag, den 30. Juni 1932 Nummer 38 9 16 Beilage zum Altender Kreisblait zugleich Neuenrader Zeitung Der Gorilla. Skizze von Alfred Brie. An dem Abend, als der Gorilla mit der Bahn ankommen ollte, strahlte das Landhaus Walter Bergmanns in hellstem Lichterglanz. Der junge, durch seine absonderlichen Launen bekannte Millionär feierte den Tog, an dem er den seltenen Menschenaffen seinem kleinen erlesenen Tierpark einverleiben Lounte. Walter Bergmann sammelte alles, was einen Seltenheitswert hatte, was andere nicht bezahlen konnten. Er besaß eine Kunstsammlung, in der die Namen der alten Meister fast volltählig vertreten waren. Seine Briefmarkensammlung war allen Fachleuten bekannt. Aber sein größter Stolz war der „Orlow“, der berühmte Diamant, den er für einen märchenhaften Preis erworben hatte. Und jetzt sollte auch der Tierpark, nach dem Vorbild von Stellingen im Park angelegt, seine! Attraktion erhalten. Er hatte alles Erdenkliche in Bewegung gesetzt. um einen Gorilla zu erwerben. Walter Bergmann empfing seine Gäste in strahlendster Laune. Jeder wußte, daß der Gorilla heute erwartet wurde, und selbstverständlich war das Tier das Gesprächsthema des Abends. Und als gegen Ende des Essens ein Diener aufgeregt meldete, daß der Gorilla soeben eingetroffen und vorläufig im Billardzimmer untergebracht sei, zitterte ein Raunen nervöser Spannung durch den Raum. „Hoffentlich ist der Käfig gut geschlossen, daß wir keine unangenehmen Ueberraschungen erleben“, klagte zusammenschauernd Lola Lolita, ein bekannter Filmstar, der sich durch einen Wagemut in den schwierigsten Abenteuern einen Namen bemacht hatte, und ihr Begleiter und Partner fügte hinzu: Man wird in Zukunft Ihre Einladungen nicht mehr annehmen können, lieber Bergmann, aus Furcht, einem ausgewachsenen Gorilla zu begegnen.“ 1 Walter Bergmann lachte behaglich. Er hatte wieder einmal seinen Zweck erreicht, eine Sensation gefunden, die wochenlang in aller Munde sein würde. Kaum war die Tafel aufgehoben, begaben sich die Gäste unter seiner Führung in das Billardzimmer, das nur von einigen Kerzen matt erleuchtet wurde. In einer Ecke stand der schwere eiserne, übermannshohe Käfig. Scheu an die Wand bedrückt saß der Gorilla, den Kopf auf die Brust geneigt, ohne us mindeste Interesse für die ihn umringenden Besucher zu heigen. Man warf ihm Früchte, Backvaren durch die Stangen des Gitters, aber das Tier bewegte sich nicht. Kraftlos hingen seine langen Arme hinab. :„Vielleicht ist es besser, ihn vorläufig allein zu lassen“, Eistz einer der Gäste,„damit er sich an die neue Umgebung geAls gegen Mitternacht alle anderen Gäste das Landhaus verlassen hatten, saß Walter Bergmann noch eine Weile plaudernd bei einer Flasche Wein und bei einer Zigarre mit dem Bankier Robert Harton zusammen, einem seiner engsten Freunde, der in alle seine vielfachen Geschäfte eingeweiht war. „Diese neueste Laune hat Sie wieder ein schönes Stück Geld gekostet, Bergmann“, meinte der Bankier bedächtig.„Die Börse ist sehr flau, und..“ Walter Bergmann unterbrach ihn lachend:„... und deshalb ist das einzig Richtige, sich Sachwerte anzuschaffen. Ich glaube nicht, daß mein ganzer Aktienbesitz mir im Notfalle so viel Geld einbringen würde wie meine Sammlungen, und bedenken Sie, was vor allem der„Orlow“ wert ist.“ „Stimmt, stimmt! Aber der Gorilla... eine Laune...“ Der andere wehrte lebhaft ab.„Durchaus keine Laune, lieber Harton. Kommen Sie noch einmal mit mir in das Billardzimmer, und Sie werden sehen, daß ich nicht so unpraktisch bin, wie Sie anzunehmen scheinen.“ Neugierig folgte ihm Harton. Der Gorilla lag noch immer unbeweglich in seiner Ecke. Aber seine Augen folgten jetzt jeder Bewegung der beiden. „Sie können sich denken, Harton“, begann Walter Bergmann,„daß ich alle Vorsichtsmaßregeln getroffen habe, um das einsame Landhaus neit seinem wertvollen Inhalt vor Einbruch zu schützen. Auch die Herren Verbrecher wissen es und haben ihre Bemühungen seit einiger Zeit eingestellt, obgleich der Orlow' sie in der Tat reizen dürfte.“ Der Bankier nickte zustimmend:„Allerdings.. ich verstehe nicht..“ „Glauben Sie“, fuhr Bergmann fort,„daß ein Einbrecher es wagen wird, dieses Zimmer zu betreten, und wenn er es wirklich tun sollte, nicht sofort flüchten wird, wenn der Gorilla sich drohend vor ihm aufrichtet? Ich habe Sie deshalb gebeten, heute den Orlow mitzubringen, denn ich halte meinen Safe in Ihrer Bank nicht für so sicher, wie dieses Zimmer mit dem Gorilla.“ Er nahm das Etui mit dem kostbaren Inhalt und barg es in der Lade eines Spieltisches, der in einer Ecke stand. Robert Harton nickte anerkennend.„Sie mit„Ihren Ideen sind wirklich ein fabelhafter Mensch, Bergmann!“ In diesem Augenblick sträubte sich das Haar der beiden vor Entsetzen. Wie gelähmt bliehen sie stehen, blickten auf die Tür des Käfigs, die sich langsam, kreischend öffnete. Vor ihnen stand der Gorilla, streckte seine beiden langen Arme aus... Da erlosch das Licht. Totenstille herrschte in dem Zimmer. Dann ein Gleiten von leisen Sohlen, ein Klirren der Fensterscheibe. Eine dunkle Gestalt sauste in kühnem Sprung durch das Fenster ins Freie. Mit einem Satz war Walter Berg1mann am Schalter, ließ das Licht wieder aufflammen. Der Gorilla war verschwunden, mit ihm aus der weitgeöffneten Lade des Spieltisches das Etui mit dem kostbaren „Orlow“.—— Am nächsten Morgen fand man auf der Landstraße ein sorgfältig präpariertes Gorillasell. Reibetanz verliert seine Jugend Novelle von Gert Lynch Die Uraufführung. Skizze von Harry Wien. Der Tag der Uraufführung war ohne Sonne. Als Valck, der Dichter, aus dem kurzen, von Träumen durchschreckten Schlaf erwachte, sah er, daß ein wolkenverhangener Himmel die Stadt überwölbte. Valck versuchte, vom Fenster aus das Dach des Theaters, in dem am Abend seine Uraufführung erstehen würde, zu entdecken. Aber der alte Bau, bei klarem Wetter in der Ferne erkennbar, stand jetzt unsichtbar hinter dem Nebel. Valck dachte daran, wie oft er in diesem Hause eine Uraufführung erlebt. Die Uraufführung der andern! Heute erstand sein Werk auf der Bühne. Die Schauseieler sprachen seine Worte! Das Publikum füllte das Parkett, die Ränge, die Logen. Man lauschte. Man ließ sich soihene f, Man sendet Heifell, Der Vorhang, der kupferarbene flog auseinander. Man drängte ihn auf die Bühne. Beifall umbrauste ihn. O, dieser Abend, der brennend ersehnte, würde der Glanz, die Krone seines Lebens sein! Das Telephon schrillte stürmisch in Balcks Phantasien. Hraesrenahn die Stimme von Minna Delius, der HauptSo sollte sein schönster Wunsch doch in Erfüllung gehen! Er, Wilhelm Reibetanz, Museumsdiener an der Neuen Pinakothek, würde morgen seine Heimat wiedersehen, die er vor mehr als zwanzig Jahren verlassen. Zweimal schon hatte die Reise unterbleiben müssen. Erstmals, als das zurückgelegte Geld in den Millionen der Inflation entschwand, und zum anderen Male, als seine Frau starb. Inzwischen hatte er den teueren Grabstein auf Heller und Pfennig abgezahlt und wieder so viel auf die Kante gebracht, daß er die Reise bestreiten konnte. Dieses Mal— aller guten Dinge sind drei— würde es wohl nicht mehr schief gehen. Morgen, morgen würde er fahren! Reibetanz nahm die Mottenkugeln aus den Taschen seines guten Anzugs und hing ihn über die Stuhllehne. Dann wichste er seine Stiefel, bürstete seinen Hut, schmierte sich Proviant und packte die Reisetasche, die eine Menge Kunstkarten aufnehmen mußte. Diese Karten zeigten die wertvollen Gemälde, die Reibetanz als Museumsdiener zu betreuen hatte und die er seinen Jugendfreunden, vor allem Maschke, Frenzel und Dottermusch, zeigen wollte. Es war spät geworden. Reibetanz stellte den Wecker auf sechs Uhr, entkleidete sich und ging zu Bett. Die Bogenlampe der Straße goß mattes Licht durch die Gardinen, und Reibetanz begann die roten Karrees seines Bettzeuges zu zählen, um sich von allem abzulenken und schnell Schlaf zu finden. Aber so weit er auch zählte, immer wieder tauchten Gesichter aus seiner Jugendzeit aus dem roten Meer der Bettzeugquadrate empor: sein Lehrer Hebestreit, der ihm, als er das Reckturnen schwänzen wollte, die Mullbinde vom Zeigefinger gerissen hatte, an dem gar keine Verwundung war; der Schießmeister von Grothleins Granitwerken, der ihm und Artur Frenzel, als sie am Pulverturm Zündhütchen abknallten, mit drohendem Hosenriemen nachgelaufen war. Artur Frenzel war ihm immer der liebste gewesen, und er freute sich ehrlich, daß es ihm gut ging. Wenigstens versicherte es einer vom Nachbardorfe, den er beim Landsturm in Flandern getroffen hatte. Maschke war Stationsvorsteher geworden. Er hatte es weit gebracht, obschon er in der Schule durchaus keine Leuchte gewesen war! Und Hilda Engel, die damals im Radfahrerverein seine Theaterpartnerin gewesen war und die er über das Theater hinaus gern gehabt hatte — Hilda Engel war mit dem Bäcker Meindel verheiratet. Reibetanz wurde von den quellenden Erinnerungen förmlich gehetzt. Wie Kletten hingen sie sich an ihn, und kaum, daß er eine abgetan hatte, hing irgendwo eine neue. Er hörte es zwei Uhr, drei Uhr, vier Uhr schlagen, bis er endlich in einen unruhigen Halbschlummer fiel, aus dem ihn das Rasseln des Weckers schmerzhaft herausriß. Er machte sich fertig und kam lange vor der Zeit auf dem Bahnhof an. Er wählte sich einen schönen Fensterplatz aus, und als sich der Zug in Bewegung setzte, befand er sich mit einer Dame und ihrer etwa vierzehnjährigen Tochter allein im Abteil. Reibetanz fühlte sich, und ganz gegen seine sonstige Art eröffnete er ein forsches Gespräch. Binnen einer Stunde wußten Mutter und Tochter ausgiebig über ihn und den Zweck seiner Reise Bescheid. Er wunderte sich über sich selbst und hätte nicht gedacht, daß er eine Unterhaltung so lange und stockungslos durchhalten könnte, und plötzlich, von seinen eigenen Worten berauscht, wurde er tollkühn und erzählte seinen Reisegefährtinnen das Blaue vom Himmel herunter: Er, Reibetanz, würde vom Kriegerverein mit Musik und Fahne vom Bahnhof abgeholt werden und als Ehrenbürger des Ortes beim Pastor wohnen. Er redete sich derart in die Phantastereien hinein, daß er beinahe selbst daran glaubte. Als in Marktredwitz die freundliche Dame mit ihrer Tochter ausstieg und das Abteil sich mit fremden Gesichtern füllte, lehnte Reibetanz großartig in seiner Ecke und war am Ueberlegen, ob Frenzel und Dottermusch beleidigt sein würden, wenn er bei Maschke übernachtete. So sinnierte er die ganze Zeit in die fliegende Landschaft hinaus und schrak ordentlich zusammen, als der Zug schon in L. hielt, wo er in die Lokalbahn umsteigen mußte. Nun noch eine gute Stunde, und sein Fuß würde nach zwanzig Jahren wieder Heimaterde betreten! Reibetanz ließ keinen Blick mehr vom Fenster. Die Dörfer, die setzt vorüberdrehten, kannte er alle. Jetzt mußte gleich die Gasanstalt kommen! Jetzt die Viehweide! Jetzt die Obstplantage! Jetzt der Tunnel! Und jetzt— Reibetanz' Brust straffte sich— die große Reklametafel„Grohtleins Granitpflastersteinwerke“! Die Kurve kam, der Zugprasselte über die Weichen, die Bremsen kreischten, und die Heimat sah ihren lange verschollenen Sohn wieder. Das war nachmittags um die fünfte Stunde. Reibetanz sprang als erster vom Trittbrett. Seine Augen liefen unsicher über den schmalen Bahnsteig, auf dem ein halbes Dutzend Menschen eilig dem Ausgang zustrebte. Da öffnete sich die Tür des Stationsraumes. Reibetanz erkannte den Mann unter der roten Mütze auf den ersten Blick. Es war Maschke. Und über das ganze Gesicht grinsend, stellte er sich ihm in den Weg und streckte ihm schon von weitem seine Rechte entgegen. Maschke ließ einen prüfenden Blick über ihn gleiten und zuckte die Achseln:„Bedaure, ich kann mich nicht erinnern.“ „Ich bin doch der Willi!“ „Willigg „Willi Reibetanz, Dein Schulkamerad!“ „Ach ja, richtig, der Reibetanz! Ich hätte Sie nicht wiedererkannt. Wie geht's Ihnen denn? Und was treiben Sie eigentlich?— Museumsdiener? So, so. Vielleicht sehen wir uns noch, wenn Sie weiterfahren! Alles Gute, Reibetanz, leben Sie wohl!“ Sprach's, gab Reibetanz leichthin die Hand und verschwand im Stationszimmer. Reibetanz starrte sprachlos hinterdrein. Er gab seine Fahrkarte ab und verließ nachdenklich den Bahnhof.— Eigentlich war Maschke ja nicht besonders nett zu ihm gewesen. Wie hatte er doch gesagt:„Vielleicht sehen wir uns noch, wenn Sie weiterfahren.“— Warum schon wieder weiterfahren? Warum„Sie“, wenn man die Schulbank mitsammen gedrückt hat?— Und„Leben Sie wohl!“, hatte das nicht so ähnlich geklungen wie„Scher Dich zum Teufel!“? Reibetanz wanderte die Dorfstraße entlang. Er schlug den Weg zur Dorfschmiede ein, deren Inhaber sein Freund Artur Frenzel sein sollte. Der lebte in der gleichen sozialen Schicht wie er— und übrigens hatten sie ja früher alles mitsammen ausgefressen. So etwas verbindet! Frenzel, der treuehrliche, biedere Handwerker, während ein Stationsvorsteher— na ja. Reibetanz stand in der Schmiede. Sein Freund Artur beschlug eben ein Pferd. Dicke Rauchschwaden mit dem beißenden Geruch versengten Horns erfüllten die Werkstatt. Reibetanz mußte eine ganze Weile warten. Erst als der Schmied seine Arbeit beendet hatte, wurde er ihn gewahr. „Womit kann ich dienen?“ Da brach es gewaltsam aus Reibetanz heraus, seine Stimme federte, es klang wie beschwörend:„Kennst Du denn Deinen Freund Reibetanz nicht mehr, der damals in Grothleins Granitwerken, hinten am Pulverturm..“ Reibetanz wies mit dem Daumen hinter sich und tastete nach Worten. Die Augen angstvoll auf Frenzel geheftet, wartete er auf ein entgegenkommendes Wort, auf ein kleines Zeichen der Freude, ein Lächeln des Wiedererkennens. Er wartete vergebens. Der Schmied, von dem seltsamen Verhalten des Ankömmlings stutzig geworden, trat nahe an ihn heran, musterte ihn mißtrauisch und entgegnete dann gelassen: „Tatsächlich, Du bist es, der Reibetanz. Gut scheint es Dir ja nicht eben zu gehen. Bist wohl auf der Walze, auf der Suche nach Arbeit be?“ Er griff in die Tasche, zog eine blauke Mark heraus und drückte sie Reibetanz mit der Bekräftigung„Da!“ in die Hand. Mehr könnte er, Frenzel, leider nicht für ihn tun, die Zeiten wären zu miserabel, und wenn man wie er sieben Kinder hätte, dann müßte man das Seine tüchtig zusammenhalten, um über Wasser zu bleiben. Sonst wäre er sehr erfreut, den Reibetanz wiederzusehen; er sollte doch morgen, ehe er weitertippelte, noch mal vorbeikommen, für heute aber adjes und viel Glück auf den Weg! Reibetanz war hinausbugsiert worden und stand auf der Straße. Die Enttäuschung über das soeben Erlebte hatte ihm jedes Wort verschlagen. Er hatte genug. Er würde morgen nicht wieder vorbeikommen, würde das Mißverständnis auf sich beruhen lassen. Zuletzt würde es doch wieder heißen:„Adjes!“ mit dem Unterton:„Scher Dich zum Teufel!“ Ja, er hatte wirklich genug. Er suchte weder Dottermusch noch Hilda Engel auf, sondern begab sich sogleich in den „Schwarzen Bär“, wo er ein Zimmer für eine Nacht mietete. Er aß eine Kleinigkeit, trank ein paar Dunkle und legte sich zeitig nieder; er war rechtschaffen müde. Freilich, in seiner Vorstellungswelt lebten die Ereignisse des Tages weiter, vermengten sich und wurden zur unentwirrbaren Groteske: Reibetanz sah sich wieder in der Neuen Pinakothek. Da winkte der Christus aus dem Gemälde „Auferweckung von Jairi Töchterlein“ und fragte:„Kennst Du denn Deine Hilda Engel nicht mehr?“ Und Hilda richtete sich auf und lächelte ihn an. Jetzt wurden die Musen vom Heßbilde rebellisch:„Und wir?“ riefen sie.„Was ist mit uns?“ Reibetanz sah sich verwundert um und blickte in die bekannten Gesichter seiner Mitkonfirmandinnen.„Schau hierher!“ klang es von Feuerbachs„Medea“. Und in den sieben halbnackten Matrosen, die das Schiff in See stießen, erkannte Reibetanz seine Kameraden aus der Hebestreit=Klasse. Auf einmal nahm die trauernde Witwe am Ufer die Hände vom Gesicht, und siehe da, es war seine verstorbene, Frau. Sie deutete auf die beiden Kinder an Medeas Brust und sagte traurig:„Unsere Kinder!“ Daraufhin wurde Frenzel lebendig, der in der„Sendlinger Bauernschlacht“ voranstürmte, und er brüllte aus Leibeskräften:„Das sind meine Kinder!“ Und er schwang die gewaltige Brechstange in seinen Armen, stürmte gegen das Bild„Einzug des Königs Otto in Athen“ und zerstieß wütend die Säulen des Tempels, der— König Otto entpuppte sich jetzt blitzschnell als Stationsvorsteher Maschke— mit furchtbarem Getöse zusammenkrachte.— Er erwachte in heller Aufregung. Das Fenster seines Zimmers stand offen. Ein Gewitter war heraufgezogen, und starker Donner erschütterte die Luft. Reibetanz schlief nicht wieder ein. Er quälte sich noch einige Stunden im Bett herum und fuhr, ungesehen von Maschke, mit dem ersten Zug davon. Die Heimat, das wußte er, hatte ihn zum letztenmal gesehen. Im Schnellzug drückte er sich in einen Winkel und schloß die Augen. Um seinen Mund liefen zwei tiefe Striche. Er dachte an dieses und jenes, aber ohne ein rechtes Interesse. Er kam sich merkwürdig wesenlos, ja, eigentlich beinahe überflüssig vor. Reibetanz wußte in dieser Stunde noch nicht, daß er von gestern auf heute um zehn Jahre älter geworden war. Er hatte seine Jugend endgültig verloren. Wieder zu Hause, warf er das Markstück, das ihm Frenzel spendiert=hatte, in seine Kramschachtel, wo auch der Myrtenkranz seiner verstorbenen Frau lag. Einige Tage später trat er den Dienst wieder an. Seine erste Arbeit war, daß er die dürren Blätter zusammenfegte, die der Sturm über Nacht vor das Portal der Neuen Pinakothek geweht hatte. Er lachte und fragte zurück, ob sie schon jemals erlebt, daß ein Autor nicht der Uraufführung seines Stückes beigewohnt, besonders, wenn er in der Siadt ansässig und aus ihr gebürtig war, in der sein Werk die Feuertaufe erhielt. Die Delius meinte, das habe sie allerdings noch nicht erlebt. Doch würde ein solcher Dichter auf sie Eindruck machen. Es sei wahre Größe, sich im Hintergrund halten zu können. „Ach, Minna Delius, was fragt ein Autor nach wahrer Größe, wenn er am Abend seiner Uraufführung sein Wort, das tiefst erlittene, ertönen hört! Nichts wird mich hindern, heute Abend als glücklicher Autor und Bewunderer Ihrer genialen Darstellungskunst im Theater anwesend zu sein!“ „Nichts wird Sie hindern“, sagte die Delius, und Valck wunderte sich, wie tonlos diese berühmte, von Tausenden geliebte Stimme klingen konnte. Auf dem Wege zum Büro kaufte er bei seinem Juwelier für Minna Delius als Geschenk einen Anhänger. Ein herrliches Schmuckstück! Koralle und Brillanten! Auf Valcks Schreibtisch häuften sich an diesem Tage die Akten. Er aber sah auf diesen nüchternen gelben Mappen träumend den grünen Schimmer eines Lorbeerkranzes... Rechtsanwalt Valck hat das Büro verlassen und ist nach Hause gefahren, um sich umzukleiden zur Uraufführung. Er bewohnt die geräumige Wohnung im Erdgeschoß, die er mit seiner Mutter teilte, die viel zu groß für ihn wurde, als sie starb. Eine junge Frau muß ins Haus, sagen die Freunde. Eine junge Frau muß ins Haus, sagen eindringlicher die Freundinnen. Und Valck selbst wünscht sich wieder ein Heim, das eine Frau mit ihrer sonnigen und fiegenden Gegenwart belebt. Die Wohnung, die morgens von einer Stundenfrau gereinigt wird, liegt dunkel da und leer, als er sie betritt. Valck schreitet summend den Korridor hinab und begibt sich unmittelbar in sein Ankleidezimmer. Er singt vor sich hin, während er ein Bad nimmt, das Haar bürstet, den Frack anzieht. Er steckt das Schmuckstück für die Delius zu sich und begibt sich in sein Arbeitszimmer, um sich mit Geld zu versorgen. Dieser Abend wird nicht, billig. Nach der Vorstellung wird man zusammen essen. Der Direktor wird dabei sein, der Dramaturg, die Schauspieler Durow, Bischoff, Thuma, die Delius und ihre Freundinnen, die Bildbauerin Baltzer=Gregendahl und die Schwestern Dolly und Eine Haringer, Modezeichnerinnen von Beruf. Doch als Valck den Korridor hinab geht, bemerkt er unter der Tür seines Arbeitszimmers einen schwachen Lichtstreisen und zugleich ein leises Sägen oder Knirschen.„Einbrecher?“ denkt Balck.„Einbrecher gerade am Abend meiner Uraufführung?“ Er reißt die Tür auf. Zwei maskierte Männer neben dem erbrochenen Schreibtisch wenden sich ruhig um.„Keine Aufregung, Herr Doktor! Keine unnützen Anstrenguungen! Bemühen Sie sich nicht ans Telephon! Das Nötige ist schon Gis itt. bin. Strom im Anparat. Trotdem müllen wir Sie ein wenig verschnüren. Alles wird gut gehen.“ Valcks Wehren ist umsonst. Ohne Sorge, Herr Dokkor! nsonsr.„Starke, auf dem Rücken verknotete Taue fesseln ihn. Er muß mit ohnmächtigem Grimme zusehen, wie die Gauner sachkundig den Schreibtisch plündern und Geld und Wertsachen an sich nehmen.„Machen Sie mich frei! Ich muß heute abend zur Uraufführung“, stöhnt Valck. Sie antworten nicht. Was geht sie die Uraufführung an! Sie nähern sich ihm und durchsuchen seine Taschen. „Lassen Sie mir wenigstens das Schmuckstück für die Far Delius!“ ruft Valck ergrimmt. Aber sie halten es schon in Händen und starren auf Koralle und Brillant.„Ein Angebinde für unsere große Schauspielerin“, höhnt der eine. „Die blaue Koralle hätte zu ihrem braunen Haar gut geaßt. Doch auch andere Weiber haben Locken von der gleichen Farbe“, höhnt der zweite. Und dann senkt sich ein Tuch über Valcks Gesicht. Er spürt noch, wie man ihn fortträgt. Das Abfahren des Autos, in das man ihn gepackt, empfindet er nicht mehr.— Als Valck die Augen öffnet, vernimmt er leise Musik. Durch den Spalt eines nicht ganz geschlossenen Vorhangs fällt Licht. Er sieht Herren im Frack, Damen im Abendkleid. Als er seine Schultern befühlt, seine Knie, merkt er: Die Stricke, die ihn fesselten, sind gelöst, Und wie er prüfend um sich schaut, erkennt er: Er liegt auf einem Diwan in dem rosenholzfarbenen Boudoir der Schauspielerin Delius, in dem Minna und er so oft den Tee getrunken, während sie unter keiner Leitung die Rolle in seinem Drama einstudierte. Er richtet sich auf und stößt dabei einen Gegenstand von einem Tischchen der klirrend zu Boden fällt. Aus dem Salon nebenan tritt eine Frau in das Gemach, schließt den Vorhang, dreht am Lichtschalter, und Helle überkhebt, auf einmel den ganzen Raum. In der Helle steht ina Delius in einem Abendkleide aus weißem Sammet. An ihrem Halse blitzen und funkeln Koralle und Brillant. „Dieser Schmuck— der Schmuck für Sie wurde mir gestohlen!“ stammelt Balck.„Wie kommt es, daß Sie ihn doch erhalten haben, Minna? Wie gelangte ich in ihr Haus? Was bedeutet dies alles?“ Minna Delius sitzt neben ihm und hat seine Hände umfaßt.„Es bedeutet, Konrad, daß die Diebe in meinem Dienst standen. Es sind meine alten, lieben Kollegen Huß und Fabian. Man hat Sie in meinem Auftrag bestohlen! Man hat Sie mit Aether betäubt. Man hat Sie zu mir gebracht.“ „Warum wollten Sie dies alles, Minna?“ „Ich wollte es, weil Sie bei der Uraufführung nicht anwesend sein durften, Lieber. Sehen Sie: Es ist nicht gut gegangen! Ich wußte es. Wir alle vom Bau wußten es, daß es einen Standal geben würde. Du solltest das nicht erleben, Konrad. Ich wollte es nicht, weil ich Dich liebel“ Ihre Arme haben ihn umschlungen. Ganz nabe vor seinen Augen sind Minnas liebende. Er streicht über ihr braunes Haar, Er küßt langsam ihre Lippen.„Die Uraufführung ist vorbei“, denkt er.„Niel wieder werde ich eine haben.“ vor der Stimme. Skizze von Gerd Land. Im grellen Lichtkegel vor dem schwarzen Samtvorhang steht ein Mann, schlank, im gutgeschnittenen Smoking, mit weißen Schläfenhaaren und schmalen Händen. Seine Lippen halten eine brennende Zigarette, deren Rauch die Rüstern ausstoßen. Der Mann schweigt. Noch liegen die Schlußakkorde des Orchesters in der LuftDas Rascheln mit den Programmheften und das Tuscheln der Erwartung sind noch nicht verebbt. Der Mann auf der Bühne aber wartet auf Ruhe, auf vollkommene Stille. Gewiß, ein Trick ist das, in langen Jahren, in vielen Varietés ausprobiert. Ein Trick, der die Erwartung des Publikums steigert. Eine Stimme ertönt jetzt und läßt das Publikum des Großvarietés erschauern. Diese Stimme kommt von weither, aus einem Keller offenbar. Die Stimme fragt:„Bist Du schon da, Herbert Branton?“. Der Smokingmann auf der Bühne antwortet lächelnd:„Ja, ich bin da.“ Die Stimme kommt näher, jetzt ist sie bereits aus dem Keller gestiegen und befindet sich vor den Eingängen zum Zuschauerraum. Man hört sie förmlich durch das Foyer hasten man fühlt die Jagd dieser gehetzten Stimme. Sie packt die Hörer, die unwillkürlich den Kopf wenden, um den Inhaben der Stimme zu sehen. Sie klaat:„Ich finde Dich nicht, Herbers Branton.“ Der lächelnde Mann auf der Bühne erwiderts „Komm nur immer herein!“ Nun ist die Stimme im Zuschauerraum, sie wandert an den Parketreihen entlang und droht:„Gleich hab' ich Dich Herbert Branton!“ Näher kommt sie, immer näher. Und schließlich ist sie auf der Bühne bei dem lächelnden, rauchenden Manne. Dessen steinernes Lächeln verschwindet. Erschöpft nimmt er die Zigarette aus dem Mund. Das ist das Zeichen zum lauten Beifall für den weltberühmten Bauchredner. Der Mann setzt sich in einen Sessel, nimmt seine Smokingpuppe mit den beweglichen Gliedern und Augen auf den Schoß. Er zündet sich eine neue Zigarette an und schenkt ein Glas Wasser ein. Und während er raucht und trinkt, läßt er seine Puppe sprechen, deren rechtes Augenlied schelmisch aufund niederklappt, wenn sie mit einer jungen Dame schäkert. Der Bauchredner Herbert Branton ist an diesem Abend sehr froh. Nach langen Jahren unermüdlicher Tätigkeit, aufs reibender Gastspiele und Experimentalabende, zermürbenden Reisen von Engagement zu Engagement, erschöpfenden Uebungen und Aerger mit Agenten, Pressechefs und Direstoren, ist dies für eine kurze Zeitspanne sein letztes Austreten krant sich sabr: Er# de die geöße Zugnummer ständig buchen will, einen Monat, Anen ganzen Monat, dreißig Tage und dreißig Nächte, ablisten. Herbert Branton läßt Mucki=Pucki, seine Puppe, die unpassendsten Scherze mit den Damen machen. Sie darf ja dieses alles tun. Und ihm, dem diese quarige Quietschstimme gehört, ihm, der mit Kehlkopf und Stimmbandern an Wunder grengende Darbietungen hervorbringt, ihm ist heute alles gleichkrins— Beisalsklatschen Fust Pungsg, Serczlaßleiner Nummer imner wieder vor den Voryang. und so entschließt er sich denn noch einmal,„seine Stimme aus dem Keller zu holen“. Wieder steht er da und wartet auf die atemlose Stille. Wieder hält er die Zigarette zwischen den lächelnden Lippen. Da sieht er, während er seine Blicke, wie stets vor der obligaten Zugabe, an den ersten Parkettreihen und den Logen vorbei gleiten läßt, eine steinalte Dame im schwarzen Seidenkleid, mit einem zerfälteten Gesichtlein unter der schneeweißen Haarkrone. Und diese Frau kennt Herbert Branton. Es ist eine Mutter, der einst ihr einziges Kind, ihre Tochter, von der Seite gerissen wurde. Damals! Vor Jahren! Von einem Tierstimmenimitator, von einem gewissen Herbert Branton. Es ist eine Mutter, die für ihr Kind zitterte, als es auf dem Trapez eine waghalsigen Kunststücke zeigte, Kußhändchen ins Publikum warf, die alle nur einem gehörten, der in der Kulisse stand und kalt und nüchtern sein Geschöpf betrachtete, der die heiße Liebe des Mädchens mißbrauchte. Diese Mutter, die ihr Kind in fremder Stadt zu Tode stürzen sah, sitzt namenlos einsam in der ersten Parkettreihe und starrt auf den lächelnden sann und kann es nicht fassen, daß er da leben soll, während ihre Tochter vor zehn Jahren begraben wurde. Ja, Herbert Branton sieht die Frau. Und er fühlt ihren Haß, diesen Haß, der dem alten, verbrauchten Korper wohl letzte Speisung gibt, der dies Leben nicht erlöschen läßt, diesen abgründigen Haß, der noch einmal aufflackern will und muß. Das Publikum wird unruhig. Der lächelnde, rauchende Mann merkt es. Das Programm muß seinen Fortgang nehmen... Eine wahnsinnige Angst vor seiner Stimme packt den Mann. Angst vor der Stimme, die ihm nicht angeboren ist, die er in langen Jahren zu höchster Vollendung gezüchtet hat. Angst vor einer Stimme, die von ferne auf ihn zukommt, nach ihm klagt und droht und endlich ihm so nahe ist, daß sie ihn zu erwürgen scheint. Ja, er fürchtet sich vor dieser Stimme. Aber die Artisten=Disziplin in ihm siegt. Er starrt an der Mutter jener Toten vorbei ins Leere. Und stößt die Stimme durch die geschlossenen Lippen. Die Menschen wissen das. Denn dafür haben sie ihr Geld bezahlt, hier unter anderen Zugstücken den berühmten Bauchredner zu hören. Dennoch wenden manche unter dem Zwange der Stimme den Kopf. Die Stimme kommt näher. Jetzt ist sie schon vor den Türen des Zuschauerraums. Jetzt irrt sie gehetzt durch das Foyer. Sie klagt:„Ich finde Dich nicht, Herbert Branton.“ Und jetzt, ja, jetzt ist sie im Parkett...„Gleich hab' ich Dich, Herbert Branton!“ droht die Stimme. Ist das noch die Stimme, die hier ihrem eigenen Herrn droht? Sind das nicht die stummen Augen, die ernsten, stillen Augen der alten Frau, die drohen? Vor den Augen des Bauchredners verschwimmt alles. Er sieht eine Schaukel hoch über den Köpfen der Menge, ein Mädchen sitzt darauf und treibt verwegene Balance. Es ist der Mut, den ihr die Leidenschaft verleiht. Er sieht eine Bauchrednerpuppe im schwarzen Kasten, die Drähte und Scharniere sind gelockert, das linke Auge geschlossen, das rechte zu schelmischem Blinzeln geöffnet. Nein, es ist nicht Mucki=Pucki, der mit steifer Hemdbrust in seinem Apparatkasten liegt, es ist ein Mädchen, das im leichten Flittertand im Sarg liegt... Jetzt ist die Stimme schon ganz nahe. „zetzt ist sie da. Jetzt hat ihn die Stimme an der Kehle gepackt. Die sprechende Stimme des Gewissens. Eine der vielen Stimmen des berühmten Artisten. Nur eine! „Es ist aus, Herbert Branton!“ sagt die Stimme. Aber das hört niemand mehr im Zuschauerraum. Das hört niemand von den Kollegen, die sich in seiner Garderobe um den Bewußtlosen bemuhen. Niemand hat es gehört. Ein Ballett tanzt anit schillernden Kostümen über die Bühne. Ein Platz in der ersten Parkettreihe ist leer geworden. Eine alte Dame ist gegangen, so wie sie kam: zum Beginn der Nummer Herbert Branton, die auf keinem Programm je wieder erscheinen wird. Der Lechenroth. Skizze von Oskar Franz Schardt=Nürnberg. Görg stand in seinen blauen Leinenhosen und den schweren Flößerschuhen bis an den Leib im kalten Wasser. Das hellGespinst des raschen Bergflusses rieselte und lockte, daß richtig das Herz zum Wandern aufging. Der Harzruch der Bergwälder lag über dem Wasser. Görg hatte seine Floßstämme gebändigt und hieb die Rinnen für die Spannen in die gelben Stammwalzen. Es ging ihm gar nicht schnell genug, er wollte den Main und den Rhein hinunter bis ins Holländische. Wie er so draufloshackte, stand ein schwarzer, kleiner, runder Kerl neben ihm, einen Schlapphut mit einer zerknüllten Spitze auf dem Schädel, und die Augen über dem kleinen wippenden Knebelbart unter dem Kinn glitzerten wie aus des Teufels Kohlenpfanne. Der Görg, der bis zur Brust im Wasser stand überragte den Kurzbeinigen noch mit seinem Kopf.„Du bist der Lechenroth“, dachte er laut.„Dich kenn' ich schon“, schrie er noch lauter. Aber der kleine Schwarze, dem der rinnende Strom die Rede verschlang, lachte nur schiefmäulig und klimperte mit Geld in den Taschen. „Weg da, kleiner Bursche!“ schrie der Görg und holte mit der Faust aus, um ihn ins Wasser zu wischen, damit er einmal richtig feucht werde. Aber da hielt etwas Arm und Faust des Floßers in der Luft fest und preßte seine Muskeln wie zwischen Steine. Görg sah tückisch auf. An dem schwarzen Rock des Wichtes klebte ein Blatt mit einer gelben Mummel, frei, als ob es da hingehöre. Nein, das war nicht der Lechenroth, der holzwuchernde Bäcker, der Flößerspuk. Ein Wolkenschatten fegte über das Ufer, zog plotzlich den kleinen, schwarzen Kerl auseinander, groß wie eine Fichte mit blauschwarzem Schlepphang, und der spitze Hut mit dem knebelbärtigen Gesicht äffte zwischen den Wipfeln herunter. Im Windstoß klimperten blanke Fünfmarkstücke ins Rinnsal neben dem Floß. Aber in Görgens Hand waren es nur blanke Steine, und das gelbe Gesicht lachte wie toll aus den Tannwipfeln. Görg wischte sich mit der nassen Hand über die Augen. Da stand wieder der kleine, zweispannhohe Kerl am Ufer und wartete auf etwas. „Den Teufel darf man angehen“, dachte der Görg und warf die Axt nach ihm. Sie fuhr mitten durch den Kerl und sackte in einen harten Wurzelstumpf mit dem Stahlkeil. Der Kleine setzte sich darauf und nickte anerkennend. Jetzt kannten sie einander, das war gut für den Handel, den sie begannen. Görg wollte schon Geld haben, denn er wollte zu seiner Braut, die in Köln am Rhein ihr Brot suchte und stromauf wieder nach festem Boden im Frankenwald verlangte, ein schönes, weißes Frankenhaus mit rotem Fachwerk. Der Kleine nickte und sagte, dergleichen hätte er und wolle sich die Sache überlegen. Zum Ueberlegen sei nicht viel Zeit, schrie der Görg über das Wasser, und der Kleine schrie dagegen, er müsse eben am Ziel etwas tun, was ihm vielleicht wider das Gemut ginge. Was dies wäre, wollte Görg wissen. Wenn er das Floß aus Ziel antreibe, müsse er das erste Lebendige ins Wasser werfen, das ihm begegne. Görg lache hellauf. Etwas Lebendiges? Das war ein dehnbarer Begriff,— ein Wurm, eine Maus oder gar ein Fisch, den man in sein Element zurückwarf. Der Flößer lachte und schlug ein. Görg trieb sein Floß talab vorbei an Auen mit singenden Vögeln, an Waldbergen mit den blauen Rauchbändern der Kohlenmeiler. So oft er in die Tasche griff, fühlte er das Geld wachsen, die Scheine und die silbernen Funfer. Als Görg mit all seinem Segen und dem Verspruch künftigen Hausstandes hinter dem heiligen Dom zu Köln wohl ausgenommen war, bestellte er sein Mädel leichtsinnig an den Hafen nach Weiel, wo sie mit ihm in den Frankenwald zurückjahren wollte. Der Keporterkelterein Eeben Skizzevon Lothar P. Manhold scapiran Lundi von der„Rentuah“. Ein Kert, klein, aber oho. Lundi konnte scharmant sein wie ein Fürst und rabiat wie Jack der Aufschlitzer. Er plauderte mit den pikfeinen Damen, die im Speisesaal saßen und Artischocken futterten, daß ich vergaß, was für ein wüstes, blutrünstiges und abenteuerliches Leben Lundi hinter sich hatte. Es war im Juli 1913, als wir bei der Einfahrt in den Hafen von Baltimore den Tender„Carol XII“ rammten. Der Schiffshund„Siegfried“, ein ruppiges, rüdes Vieh, ersoff bei dieser Kollision und gab denn den„Dreimal=Täglichen“ Gelegenheit, uns einen Reporter auf den Hals zu schicken. Ich entsinne mich der ganzen Geschichte, als wäre sie erst vorgestern geschehen. Der Regen trommelte am Nachmittag jenes Tages gegen die Scheiben der Kajüte. Passagiere und Stauer waren längst von Bord. Es war still auf dem Schiff. Die einschläfernde Atmosphäre, die sich fünf Stunden nach der Ankunft in einem Hafen immer breit macht und die jeder Seemann kennt. Wir lümmelten auf der Bank, die die Längswand der Kajüte einnahm, und schmauchten die Manilazigarren. Ein Herr trat ein. Er schüttelte sich wie ein Pudel nach dem Bad, die Wassertropfen flogen von seinem Oelmantel. Er drückte uns die Hand, setzte sich und meinte gönnerhaft: „Na, meine Herren?“. Was er noch sagen wollte, er kam von den„Dreimal=Täglichen“. „Hocherfreut, hocherfreut,“ gestand Kapitän Lundi und dann sprachen wir von der Unberechenbarkeit des Wetters im allgemeinen, von den Gefahren der Seefahrt im besonderen. Der Herr von den„Dreimal=Täglichen“ schrieb jedes Wort auf. Lundi und ich benutzten denn auch die Chance und redeten wie die Demagogen. Worüber redeten wir eigentlich nicht, und was zwischen den Himmelspolen unterzogen wir keiner Kritik? Es dunkelte, der Steward mußte Licht einschalten. Wir saßen noch immer beisammen. „Ich gehe nicht eher,“ beteuerte der Zeitungsmann mit entschlossener Miene,„ich gehe nicht eher von Bord, als bis einer der Herren mir etwas Aufregendes aus seinem Leben erzählt hat. Etwas mit Pistolenknallen, Mannestat und schöner Pointe, etwas, auf das unsere Leser fliegen. Nun, Sie wissen schon, was ich meine.“ Natürlich wußten wir das. Aber jeder von uns hatte so vieles erlebt. Hatte so viel Pistolenknall, Mannestat und schöne Pointen hinter sich, daß er in Verlegenheit geriet, wenn er nur eine Begebenheit erzählen sollte. Immer wieder kam man vom Hundertsten ins Tausendste und das Ende war niemals abzusehen. Als wir eine zeitlang vergeblich im Schatz unserer Erinnerungen herumgewuhlt hatten, platzte ich, ohne mir etwas dabei zu denken, heraus:„Lundi, was meinst Du zu der Geschichte mit der„Venus'?“—„Um Gotteswillen", wehrte Lundi ab. Er war ehrlich bestürzt. Alles wollte er erzählen, nur nicht die Geschichte mit der„Venus". Die Geschichte war für ihn Tabu. Zwölfmal hatte er sie bereits erzählt, aber ein dreizehntes Mal— das tat nicht gut. „Also bitte, quälen Sie mich nicht,“ flehte er. Der Reporter witterte eine Sensation, Zucker für die Leser der„Dreimal=Täglichen". Er redete wie ein Mann zu einem Mann. Er faßte Lundi bei den blanken Rockknöpfen und klärte sein Opfer so lange über den Unsinn des Aberglaubens auf, bis er ihm einen Knopf abgedreht hatte. Aber Lundi blieb hart. Der Reporter jammerte, schmeichelte, fluchte. Und Lundi wurde weich. Schließlich erklärte er sich bereit, die Geschichte mit der„Venus“ zum besten zu geben. „Das Schiff hieß„Venus, war eine Lustjacht, zweihundertfünfzig Tons groß und funkelnagelnen. Ein erstklassiges Schiff, sage ich Ihnen. So etwas sieht man heutzutage nicht mehr auf dem Wasser. Also, sie hieß„Venus', Heimathafen war Liverpool, Besitzer: Earl of Bartelmeß. Damals machte ich meine erste Fahrt als Schiffer, war affenjung und wahnsinnig eingebildet auf meine Venus“, die in der Stunde— na, gut ihre sechzig Minuten machte. Ich dampfte von Cardiff los mit einer erlesenen Gesellschaft an Bord. Solche pikfeinen Menschen gibt's heutzutage nicht mehr. Da waren Earls, Marquisen, Lords, Prinzessinnen an Bord und so weiter.„Venus wurde geradezu der Himmel der Eleganz genannt. Ich kreuzte mit meinen Göttern vor Neapel, ging vor Tunis auf Reede, segelte nach Korfu, machte einen Rutsch nach Valencia, kurzum es war eine reizende Zigeunertour. Immer dem schönen Wetter und der Laune nach. gesagt, ich war damals affenjung und die Sache machte mir Spaß. Heute freilich... Jedenfalls blieb ich mit der „Venus" nicht im Mittelländischen Meer. Der Earl of Bartelmeß trat eines Mittags zu mir ins Kartenhaus, sagte, er wolle nach Tschung=kwo, wie er sich ausdrückte. Mal zur Abwechslung. Ich würde das wohl verstehen. Selbstverständlich, natürlich verstand ich das. Auf jeden Fall müßten wir jetzt nach Tschung=kwo. Nur mit Verlaub zu sagen, wo lag das Nest? Ich hatte niemals in meinem Leben davon gehört. Der Earl wollte sich ausschütten vor Lachen. Sein Kapitän, sein eigener, sein guter Kapitän wußte nichts von Tschung=kwo, dem Reich des Himmels, dem Land der Mitte, China. Meine Herren, wenn ich heute daran denke, werde ich noch immer rot vor Scham über meine damalige Unwissenheit. Die Fahrt über den Indischen Ozean bedeutete für die damalige Zeit einen Schnelligkeitsrekord, und ich habe den Earl of Bartelmeß— Gott gebe seinen Gebeinen den Frieden— niemals so gesund und guter Laune gesehen wie damals. Ich segelte mit der„Venus wie der Fliegende Holländer, und die Herrschaften an Bord nannten mich auch nur so. Ich hatte Vollzeug setzen lassen, ich ließ die Steuerbordmaschine ganze Kraft laufen. Und so flogen wir tagelang. Es war herrlich. Unbeschreiblich schön. Auf höheren Befehl kreuzte ich dann im Busen von Petschili und auf dem Gelben Meer. Mir war nicht wohl dabei, allein was sollte ich kun? Hier, im Gelben Meer brach denn das Verhängnis herein. In einem Taifun ging mir die Takelage über Bord, ich verlor Schraube und Ruder, sieben Mann von der Besatzung wurden mir von Deck gewaschen, drei wurden zu Krüppeln geschlagen... es war ein verfluchtes Abenteuer. Zumal wir ja Frauen an Bord hatten. Am Abend des zweiten Tages nach dem Schiffbruch sah der zweite Steuermann Segel von Sampans gegen den Himmel. Ich ließ ein Feuer auf dem Vorschiff anzünden, in der Nacht schossen wir Raketen ab. Wir waren guter Dinge, die Rettung kam zweifellos. In der Frühe, im Perlgrau des anderen Morgens torkelten drei chinesische Sampans in der schweren Dünung heran. Schlitzäugige, gelbgesichtige Kerle kletterten schweigend über die Reling, und ehe wir es uns versahen, hielten sie uns ihre Feuersteinpistolen gegen die Hälse. Niemals habe ich Frauen so kreischen hören wie damals. Ich habe geglaubt, Ladies und Prinzessinnen können nur flüstern, trällern oder in silbern klingendes Gelächter ausbrechen. Um so schrecklicher traf mich darum ihr hysterisches Kreischen. Wir Manner wurden ausgezogen und unter Deck getrieben. Einer der gelbgesichtigen er sprach Pidgin=Englisch und er erklärte uns unter dem Beifallsgegrol seiner Kumpane, daß wir im Schiff ausgerauchert werden sollten... Es war grauenhaft. Um die Sache kurz zu machen, die Erinnerung daran ist mir eine Qual. Wir wollten nicht sterben wie die vergifteten Ratten im Loch. Und wir wollten auch nicht unsere Frauen der Willkür der gelben, schmutzigen Bestien da oben uberlassen. Wir mußten sterben, das war sicher. Einen Ausweg aus dieser Falle gab es nicht. Die Tür zum Leben war hinter uns unerbittlich ins Schloß gefallen. Nun, so waren wir entschlossen zu sterben. Und wir starben. Starben wie Männer. Alles ging ganz schnell. Wir hatten kaum Zeit ein Gebet zu spechen. Ich ließ den Kiel der„Venus" fallen. Von einer Minute zur anderen versank das Wrack in der See.“ Lundi stöhnte. Von der Gewalt der Erinnerung übermannt, versagte ihm die Stimme. Er barg sein Haupt überden Händen und atmete schwer. Langes, ergriffenes Schweigen. „Und dann?“ forschte beklommen der Reporter. „Nichts dann,“ knurrte Lundi müde und gereizt.„Nich! eine Seele an Bord der„Venus“ entging dem nassen Tod. Alle, alle ohne Ausnahme ertranken.“ Plötzlich verzog sich das Gesicht des Mannes von den „Dreimal=Taglichen“ zu einem breiten Grinsen. „Warum feixen Sie?“ brauste Lundi auf. Er war in seinen heiligsten Gefühlen verletzt. Der Reporter kämpfte um ein ernstes Gesicht. Vergeblich. Seine Backen blähten sich und er brach in ein prustendes Gelächter aus. „Was sagst Du dazu?“ wandte sich Lundi verständnislos an mich.„Der Lümmel lacht mich aus.“ Mein Gesicht, das ich im Spiegel gegenüber erblickte, sah ungemein strafend und abweisend aus.„So etwas Gemeines ist mir noch nicht vorgekommen.“ „Erlauben Sie mal,“ kicherte der Mann von den„Dreimal=Täglichen". Lundi starrte ihn boshaft an. Ich zitterte, fürchtete einen von Lundis gefährlichen Wutausbruchen. Ich hob die Augen flehentlich zur Decke. Ich bat die Unsichtbaren im stillen um Schutz für den ahnungslosen, bedauernswerten Zeitungsmann. Ich kannte Lundi nur zu gut, wußte, daß er, gereizt, von einer furchtbaren, tigerhaften Herrlichkeit sein konnte. „Erlauben Sie mal,“ fuhr der kleine Mann von den „Dreimal=Täglichen“ unbeirrt fort. Er las von seinem Notizblock ab:„Lundi, der Kapitän von S. S.„Kentucky“, die gestern früh hier einlief, Kapitän Lundi, der im Jahre 1888 mit der Luxusjacht des Earl of Bartelmeß in der chinesischen See unterging und ertrank, erzahlte mir gestern unter anderem.. „Was!“ Kapitän Lundi sprang auf, als säße er auf einer Kobra. „Na ja,“ beruhigte der„ Reporter achselzuckend.„Wollen Sie lezignen, daß Sie mir das erzählt haben?“ „Ist nicht möglich!“ Kapitan Lundis Gesicht verfärbte sich und wurde aschgrau. Er schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn und sank kraftlos auf das Sofa. Immer wieder murmelte er etwas, immer wieder. Und dann plötzlich geschah das Seltsame: Lundi erhob sich glückstrahlend, seine Augen leuchteten, als er die Hände des Mannes von den„DreimalTäglichen“ ergriff und in seiner Stimme klang heller Jubel: „Wie soll ich Ihnen danken? Wie soll ich Ihnen nur danken? Herr, Mann, Menschenskind, Sie haben mir das Leben gerettet. Und ich alter Esel habe immer geglaubt... nein, nein, es ist ja gar nicht auszudenken. Und Sie, ein einfacher, ein schlichter Zeitungsmann, haben mir das Leben gerettet.“ Und er tanzte wie ein afrikanischer Regenmacher in der Kajüte herum. Der Reporter schnappte nach Luft. Er taumelte. Wer war hier verrückt? Wer war hier verrückt? „Das müssen wir feiern!“ schrie Kapitän Lundi. „Das müssen wir feiern!“ brüllte auch ich. Und wir packten den Lebensretter, nahmen ihn in unsere Mitte. Wir schleppten ihn zum„Seemann aus Glasgow“ und in den „Zaubergarten". Von da zogen wir in den„Niggerkeller“ und weiter in das„Kind von München".... Es war eine herrliche Feier. Und die„Dreimal=Täglichen“ haben alles bezahlt. In Wesel überzählte er sein Geld, das ein guter Haufen geworden war, und machte sich daran, das Stücklein auszusuchen, das er dem Leibhaftigen in den Rachen werfen wollte. Ein breites Altwasser, ganz umbuscht und einsam vergrünt mit Weiden, wilden Ranken und hohen Bäumen ging vom Strome abseits, lief weg von einer kleinen Straße, die an das Wasser herzu wollte, ein rechter Platz, zu lauern. Eine Katze schlich wildernd im Gebüsch dahin. Als sie nahe an Görg vorbeistreifte, griff er aus dem Busch heraus in ihr gesträubtes Fell und warf sie im Bogen auf das Altwasser hinaus. Da sah er, wie sie auf dem blanken Wasserspiegel aufprallte, als wäre er fester Boden, sogleich auf die Füße kam und mit krummen Buckel über das Wasser davonlief. Görg versuchte zu lachen.„Er mag keine Katzen. Nach einer Weile kam ein verlaufener Hund. Görg faßte ihn am Halsband und warf ihn auf das Wasser hinaus. Aber der Hund fiel auf den gleißenden Wasserspiegel, als wäre da eine feste Eisbahn, und sein Leib schlurrte wie auf einer spiegelglatten Fläche vorwärts. Görg begriff, daß der Unsichtbare sich sträubte. In einer Uferpfütze wand sich eine blanke Schleie im Schlick und lechzte nach dem Element mit aufgefalteten Kiemen, aus dem sie eine Dampferwelle herausgeschleudert hatte. „Die kommt mir recht", sagte Görg, packte sie um den Leib, warf sie hinaus und sah sie im Element versinken.„Das sagt ihm zu“, wollte er schon denken. Aber da schnitt der Fisch wie eine silberne Schnur durch die klare Flut zum Strande, kam gar heraus und tat mit den Bauchflossen, als wollte er über Land gehen. Da sträubte sich Görg der gelbe Haarschopf, und er wußte sich keinen weiteren Rat. Ein Windstoß fegte in die Rutenhaare der Büsche und grünen Weidenschleier. Der schwarze, runde Kerl mit dem Schlapphut quer über dem Schädel stand lachend vor Görg. Eine helle Frauenstimme rief Görgs Namen, trug den Ruf näher. Görgs Hirn sott. Aber der Schwarze wuchs auf wie ein langbeiniger Zimmermann mit weiten Trichterhosen und dem Schlapphut über den beringten Ohren. Görg quetschte an einem frommen Spruch. Aber der kam ihm nicht in den Wurf. Da packte er den Schwarzen, ehe er sich versah, griffig am Hosenbund und schoß ihn ins Altwasser hinaus. erste Lebendige soll ich Dir bringen. Du Ruch. Dich selber bring ich Dir, Du Halunke. Nun magst Du versaufen oder in den Himmel kommen, wie es Dir gefällt!“ Auf sein Gebrüll erhob sich aus dem Wasser ein gewaltiges Lachen. Nicht höllisch, sondern so, als ob einer sagen wollte: Du bist doch ein ganzer Kerl. Da flog aus den Büschen Görgs Braut an ihn, froh wie ein Meusch, der vor lauter Glückwollen nicht merkt, was um ihn ist. Gorg vergaß alles und halste sie wie ein rechter Flößer, daß sie ohne Atem war. Im Uebermut sagte sie:„Du könntest mich einmal durch das Wasser tragen wie damals im Frankenwald.“ Görg brummte, das sei lange her, und bekam ein leichtes Grausen, denn er dachte an die finstere Prozession der Katze, des Hundes und des Fisches. Da lachte sie:„Bist wohl ängstlich?“ Da dachte Gorg: Wenn er noch nicht genug hat, werden wir es sihen, hob die leichte, liebe, hellgewandige Last vom Ufer an seine tarken Flößerarme und sah nur goldene Haarkringel und blitzende Blauaugen. Kaum hatte er den Fuß ins Altwasser gesetzt, so wich es zurück, als wäre es eingeschluckt, und der graue, sumpfgärende Grund bog sich wie eine Brücke heraus. Das Lachen war ver stummt. Das blauseidene, tagfrohe Himmelszelt breitete im glastenden Dämmern über ihn, wie er sieghaft dahinschr. und seinen Schmetterling in die weiten, grunen Auen trug. Rheinauf und mainauf fuhren sie nach dem Frankenwald. Görg griff heimlich in die Tasche. Aber der grobe Bauernzwilch, in dem die Nägel kratzten, schwitzte nicht mehr Silber, war kein höllisches Gebilde mehr. Was er hatte, blieb. Daheim stand das weiße, große Giebelhaus mit rotem Balkenfachwerk, dem Taubenkobel mit Wurzgarten, Wiesen und Feidern. Dies alles gehörte ihm, denn ein Verwandter hatte das Zeitliche gesegnet. So zogen sie fröhlich in ihr Haus, und die Nachbarn sagten, die beiden hätten das große Glück. Der Hof lag am Main, wo er noch ungebärdig ist und nach den Wolkenbruchen in jähem Zorn über Fluren und Häuser geht. Görg lauerte gegen den Strom hin, riß doppelt den Erdsegen mit dem Pfluge an, besserte den Dammschaden dreifach und dichtete die Strahlen am gelockerten. Stau. Immer war er im geheimen Kampf mit dem Strom, mit dem kleinen Schwarzen um sein Weib, die Kinder, den Hof, das Feld... Ein dürrer Sommer wehte Staub über die Wiesen und Rotreife über die Felder. Görg saß auf der Bank nar und dächte: Nun geyl dir Einte dähln. D0 kleine Schwarze neben ihm wie ein besorgter, machtiger Bürger, der weiß, was er im Tüle gelt. wartete auf die Rede. Der Schwarze sagte: Du haft mich gehalten. Ich aber habe Dich erprobt und stark gefunden, denn es ist das Gesetz der Elemente, daß nur der Starke sich dem Starken verbinden kann, und so wurde unser Bund.“ Als er dies gesagt hatte, ging er langsam durch die trockenen Wiesen und wuchs aus ihnen herauf im Abenddämmern wie ein blauschwarzes Wetter. Aus seinen Mantelfalten drückten die Wolken wasserschwer, und es begann aus allen Schleusen zu regnen und das Schicksal der Ernte begann zu wenden. Görg stand unter dem Haustor, horchte auf den rauschenden Regen und erkannte, daß es der Strom selbst war, mit dem er gerungen hatte. Ein Mißverständnis um„Hat Er Eine Aneldote um den Alten Fritz, erzählt von W. Vahldiek. Als der vom Alten Fritz zum Teufel gejagte Husarenleutnant Hatterwitz auf dem Wege nach seiner Heimatstadt Erfurt hörte, daß die französische Generalitat des Herrn Soubise in Gotha Quartier bezogen hatte, ritt auch er nach Gotha. „Denn“, sagte er sich,„wenn die Franzosen sich in einem so angenehmen, stillen Orte meiner schonen thüringischen Heimat pflegen, so ist dort allerlei los. Und Ruhe verbunden mit buntem Betrieb ist das, was auch ich zur Zeit brauche. Vielleicht kann ich bei Soubisen einen Schabernack anbringen, durch den ich meinen König, der mir einen harmlosen Witz übelnahm, versöhne.“ Daß Hatterwitz seinen Dienst eingebüßt hatte, war so gekommen: Als der König nach der Schlacht bei Kolin im Schatten eines Bauernhauses saß, trabte Hatterwitz mit zwanzig Husaren an den nahen Brunnen heran, ließ absatteln und tranken. Es war ein heißer Junitag; die Husaren, abgehetzt, hungrig und durstig, machten es sich im kühlen Schatten einer Obstbaumgruppe bequem, ohne von dem König Vermerk zu nehmen. Sie waren alle einundzwanzig lustige Gesellen, die es sich auch nach der verlorenen Schlacht nicht verkneifen konnten, noch Allotria zu treiben. Ihr lautes Lachen störte den König in seinem trübseligen Grübeln. Er vertrug es nicht, daß man sich in dieser Stunde fröhlich zeigte, und als nun gar noch der Leutnant, sich an Brot und einem mächtigen Stück Speck labend, über einen derben Scherz seines Korporals laut auflachte, da murrte der König auf:„Schäm' Er sich, Leutnant, nach einer verlorenen Bataille faule Witze zu machen und Seinem König ins Gesicht zu lachen! Er hat falsche Front— hat Er Witz, so lache Er mit Seinen albernen Gesellen dem Feinde ins Gesicht!“ Dieser unverdiente Anwurf einer feigen Flucht ärgerte den Leutnant. Er sprang auf, stand vor dem König stramm und meldete so seinen Namen:„Hatt=er=witz...“ und wollte mehr sagen. Aber schon brauste Friedrich auf:„Will Er mich, Seinen König, im Unglück verhöhnen? Nein, Er Esel, ich finde keinen Witz darin, daß ich meine halbe Armee verlor.“ „Majestät...“ „Halt Er's Maul und scher Er sich zum Teufel!“ Der Leutnant kam nicht mehr zum Sprechen. Der König entließ ihn auf der Stelle. In einem Briefe an den General Seydlitz klärte Hatterwitz das Mißverständnis auf.„Herr General“, schrieb der Leutnant,„Trubsal blasen, wie es unser König tat, hätte aus den einundzwanzig„albernen Gesellen“— dem Rest einer Ihrer tapferen Schwadronen— trübselige Schafe gemacht, und zum Hirten einer Hammelherde tauge ich nicht. Wenn das der König eingesehen hat, so mag er mich wiederholen. Dann hat er Witz und den Hatterwitz.“ Aber der König ließ ihm mitteilen, er möge sich Nachtmütze und Schlaft rock anziehen und in dieser Montur zu Hause seine Witze bei der Abrichtung von Papageien anbringen.— Nun war Hatterwitz in Gotha und sah dem närrischen Treiben der vielen franzosischen Generale zu. Sie wähnten den Feind noch weit weg und fühlten sich sicher. Hatterwitz aber wußte, daß Seydlitz schon in der Nähe war.„Dem werde ich helfen und dem Könige beweisen, daß auch ein Schafhirte, der Hatterwitz heißt und Witz hat, Soubisen einen Streich spielen kann“, sagte er vor sich hinsinnend. Es war um die Mittagszeit und im herzoglichen Schloffe alles herrlich für das Mittagsmahl der Franzosen hergerichtet Komödianten machten sich zum Auftreten zurecht, Musikkapellen spielten auf, als eine ungewohnlich große Schafherde durch die Stadt zog, geführt von einem absonderlichen Kauz, Angetan mit Nachtmütze und langem Schlafrock, einen Papage auf der Schulter, genau so wie es der preußische König ihm geraten hatte, schritt Hatterwitz als Hirte vor der Herde herSein süßsaures Gesicht, sein ernster, gemessener Gang und seine ulkige Aufmachung standen in sonderbarem Gegensatz zueinander. Die Franzosen und die ebenfalls ahnungslosen Gothaer wollten sich schier totlachen. Auf die Frage Soubises, was der Aufzug bedeute, erklärte der Hirte, die Hammelherde und der Papagei stellten das deutsche Volk dar. Der General lächekte verstehend und ließ das Schauspiel vor der höhnisch grinsenden französischen Tafelgesellschaft vorbeiziehen. Man glaubte einen Spaßvogel vor sich zu haben.„Der Mann hat viel Witz“, sagte Soubise. Nun noch aufgeräumter und sorgloser geworden, ging die Generalität zum uppigen Mahle. An Appetit mangelte es# nicht, Speisen und Weine waren auserlesen. Hinter dem Stadttore zog Hatterwitz auf einem sehr staubigen Feldwege weiter, jagte mit seinen Hunden die Schafe hin und her, so daß bald ein gutes Stück der Gegend in undurchsichtigem Staub lag. Darauf hatte Seydlitz nur gewartet: In gemächlichem Trabe kamen Husaren und immer mehr Husaren aus dem nahen Walde, verschwanden in dem Staubnebel, wirbelten mehr auf, und kein Mensch in Gotha ahnte, daß der dicke Staub, der über die Felder zog, nicht nur geduldige Schafe, sondern auch ungeduldige preußische Reiter barg. Und von diesen jagten plötzlich 1500 hinein in die Stadt, heran an die dampfenden Bratenschüsseln und vollen Weingläser der geflohenen Franzosen. Ein Lachen lief durch ganz Thüringen. Jetzt setzte Seydlitz es durch, daß Hatterwitz vor den König kam. Der sah ihn lange an, dann verschönte ein humorvolles Lächeln sein vergrämtes Gesicht. Und langsam sagte er:„Hör“ Er, Rittmeister, obwohl Er auch zum Schafhirten taugt, soll Er sich wieder Husarenmontur anziehen. Laß Er Nachtmütze, Schlafrock und Papagei und, hat=er=Witz, als preußischer Offizier auch seinen Schlafrockwitz, den Er in Gotha Soubisen vormachte, zu Hause. Das deutsche Volk ist mir fur Witzbolde zu schade.“ Und von Stund an hatte Rittmeister Hatterwitz den Spitznamen„Witzzuhause“ weg, aus dem dann ein Obrist Witzenin wurde, der später, als Greis, gern im Schlafroch#und elmütze seinen Obstgarten pflegte. Verschlafen hebt der Mittag sein Gesicht. Die Hopfenstangen hängen um die Mauer Gerank herum, als wären alle Himmel hier Bis zu den Wäldern hin ein ewig blauer Gewolbter Dom und wir mit dem Getier Umsponnen vom Gefühl der Laubarome. Und manchmal bleibt auch eine Wolke wirklich steh Und läßt die Schatten wie auf einem Strome Umdunkelt vom Geschilf vorüberweh'n. Das Fenster hat vor lauter Staub und Rauch Kein eigenes Gesicht mehr, und das Tor Scheint in den Angeln leise eingerostet. Verschlafen hebt der Mittag sein Gesicht empot Und hat im Traum schon einen Hauch Vom Saum der Ewigkeit gekostet.