Mitlwoc, den 11. Mal 1932 Nummer 25 WEIC, 90 Momranaade Beilage zum Allender Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung Fläschchen Salzsäure wird gesucht. Eine wahre Geschichte, erzahlt von Howard F. Gibson. Laß da in New York ein diederer Elektriker, naunte sich Charlie Haggman. Der hatte eines schonen Tages von der Millionenstadt, ihrem Trubel und ihrer Arbeitslosigkeit— auf gut deutsch gesagt— die Nase gründlich voll:„Schleunigst fors von hier!“ Gezagt, getan. Irgendwo weiter dort hinten im Inneren des Landes sollite ein Nest liegen, wo noch Milch und Honig flossen. Also auf nach Williamstown! Das war sehr einfach zu bewerkstelligen, denn der drave Charlie besaß aus besseren Zeiten der einen Kraftwagen, und wenn man dem gut zusprach und nicht zu viel von ihm verlangte, lief er noch. Naturlich nicht zu weit auf einmal, und so wollte man Williamstown in kleinen Abschnitten erreichen. Also kletierte alles in den Wagen: Vater, Mutter, Tochter und noch dazu ein Säugling von drei Monaten. Ade New York, wir haben Dich nie geliebt! Die Fahrt war wunderschön. Sie hatte nur einen kleinen Halen: Es zog ein wenig in der wackeligen Benzinkutsche, und der Sängling sing zu husten an. Nicht schlimm, aber doch gerade genug, so daß die Mutter einen Seufzer der Erleichterung ausstieß, als das Ziel der ersten Tagesfahrt erreicht war. In dem kleinen Rest hausten Freunde aus alter Zeit, und die hatten sich schon bereit erklärt, den Haggmans für eine Nacht: Obdach zu gewähren. Tort wurde der Säugling nun warm eingewickelt, und bald ließ der Husten nach. Frühzeitig sollte es am anderen Morgen weitergehen. Also verfügte man sich auch bald zu Bett. Da der Raum beschränkt war, sollte die New Yorkerin mit ihren Kindern und der Frau des Hauses in demselben Zimmer schlafen. Also unterhielten sich die Damen unvermeidlicherweise noch ein wenig und dabei kam das Gespräch auch auf Babys bösen Husten: „Hoffentlich kommt er morgen nicht wieder!“ Die Freundin war gleich h.lfsbereit:„Dagegen kann ich Ihnen ein Mittel mit auf den Weg geben. Einen Löffel voll davon, sobald es nötig wird, und der Husten hört gleich auf Erinnern Sie mich morgen früh daran!“ Frau Haggman war recht dankbar. Aber gleichzeitig auch ein wenig ängstlich:„Wenn wir das nur nicht morgen vergessen! Wäre es nicht besser, heute abend noch die Flasche bereit zu stellen?" Die Freundin war kein Unmensch, stand also auf, ging in die Küche, ekramte dort im Dunkeln in ihrem Schrank und kam zurück:„Ich stelle das Fläschchen hier auf den Nachttisch“ Beruhigt schliefen beide Frauen ein.— Am nächsten Morgen fuhr Familie Haggman fröhlich weiter. Vorsichtshalber faßte die Frau noch einmal nach der Handtasche. Ja, das Fläschchen mit den Hustentropfen war da. Nun mochte kommen, was wollte.„Auf Wiedersehen, vielen Dank, laßt es Euch gut gehen!“ Der Haggmansche Wagen verschwand hinter dem nächsten Hügel.— Gegen Mittag nun suchte die freundliche Hustentropfenspenderin etwas in ihrem Küchenschrank. Wo war nur die Salzsäure? Gestern noch... Ein entietzter Schrei: Da standen noch die Hustentropfen. die sich seit fünf Stunden auf dem Wege nach Williamstewn befinden sollten, und die Salzsäure war fort. Der Polizeigewaltige dachte zuerst, eine Verrückte stürze zu ihm ins Amtszimmer. Aber als er die fürchterliche Geschichte hörte, warf er wie ein Feldherr seine sämtlichen Truppen ins Gefecht:„Zwei Mann auf Motorrädern hinter den Leuten her! Telephonisch alle Polizeistationen, alle Sheriffs, alle Bürgermeistereien verständigen. Rundfunk alarmieren, soll SOS=Rufe ausschicken.“ Alles klappte wundervoll. In einer Stunde war der ganze Staat in Aufruhr. Ein Million Menschen wußte, daß eine Flasche Salzsäure steckbrieflich verfolgt wurde. Tausend Mann zu Fuß, zu Pferd, auf Krafträdern, in Wagen und im Flugzeug waren auf der Suche nach ihr. Doch man sand sie nicht. Und das hatte seinen guten Grund. Denn weil der Frühlingstag so wunderschön war, hatten sich die Haggmans ein Plätzchen abseits der großen Straße im Walde ausgesucht, wo sie ein paar Stunden ruhen wollten. Sie hatten es ja gar nicht eilig. Und weil der Säugling ein wenig hustete, so gab ihm die Mutter rasch einen Lössel voll aus der Flasche. Sie wollte gerade wieder den Korl aufstecken, da stieß der Säugling ihr mit dem Fuß die Flasche aus der Hand.„Klack“, sagte das Ding, zerbrach und ergoß seinen Inhalt ins Gras. Es war schon beinahe Abend, als die Haggmans aus ihrem lauschigen Winkel wieder ausbrachen und der großen Straße zustrebten. Und da fiel es über sie her wie eine Horde Wilder. Ein paar Schutzleute rasten heran:„Da sind sie! Wo ist die Flosche?“ Es dauerte ein wenig, bis die Haggmans wußten, dis die Leute wollten:„Die Flasche zerbrochen? Das Kind sat davon getrunken? Es war Gift!“ Die Mutter fiel in Ohnmacht. Der Säugling schrie. Die Tochter brüllte. Der Vater raste hinter den Schutzleuten her ins nächste Krankenhaus. Der Arzt krauste die Stirn:„Salzsäure? Kaum an Retung zu denken! Aber warum schreit das Kind nicht mehr? Merkwürdig!“ Die Antwort kam sofort. Eine Krankenschwester brachte de:„Im Rundsunk wird bekannt gegeben: Salzsäureflasche gefunden. Stand neben Hustentropfen noch im Küchenschrank. In der verkehrten Flasche war nur destilliertes Wasser.“ Da in Amerika alle Begebenheiten sofort statistisch verwertet werden, so hat ein fleißiger Mannn berechnet, daß die Geschichte mit der Hustentropfenflasche, die keine Salzsäure enthielt, den Staat New York 9781 Dollars und 47 Cents gekostet hat. Die Schwester Eine Kriegserinnerung von Paul Renovanz. Sie schritt, eine Göttin an junger Blondheit, durch den Lazarettwagen. Aus dem schmalen, blassen Gesicht sprach ein grübelnder Ernst, aber die Schatten zahlloser Nachtwachen hatten seiner Anmut nichts anzuhaben vermocht. Und nicht dämpfen konnte harter Samariterdienst die Flamme barmherziger Hinneigung, die um den herben Mund unseren Charitas blühte. Die Blicke der verwundeten Männer umsingen ihr Bild wie das einer Heiligen. Sie alle, die durch die rauhen Stürme des Krieges gegangen waren, fühlten sich geborgen in ihrer Nähe. Sie sprach nur das Notwendigste, aber jedes Wort wärmie und hüllte in einen Mantel von schwingendem Frauenklang ein. Dies junge Weid war den Vielen Mutter, war jedem von ihnen ferne Geliebte. Wenn ihre zarte weiße Gestalt von Lager zu Lager schrin, helsend und tröstend, so rissen sich die Matten und Wunden aus Schmerz und Haldtraum. Ihre fieberglänzenden Augen folgten in stummer Entzückung jeder ihrer Hantierungen, liefen von der nickelblitzenden Schale der Inrumente, Gazen und Wattebäusche die ordnende Hand nauf zu dem feinen Halsansatz, der edel geformten Stirn. un den krausen Stirnlöckchen unter der Schwesternhaube! Nun sind sie alle wieder da etize von Mar Dreyer Und die Gartenmusik ist in vollem Gange. Die ersten vor Tau und Tag, ehe noch die See von den Morgennebeln sich entschleiert: die Drosseln. Laut und voll drängender Lebenskraft ist diese erste Morgenandacht, denn in ihr schwillt die ganze jauchzende und schluchzende Liebessehnsucht, bis zur Liebestollheit, zum Liebeszorn. Davon kann es einem in die Ohren gellen, die noch nicht daran denken, sich wecken zu lassen. Und so geschieht es wohl, daß man hineinflucht in die Gotteswelt— freilich um vor solcher Lästerung doch gleich ein wenig zusammen zu knicken. Und demütig noch um ein Auge voll Schlaf sich zu mühen. Mit dem Sonnenaufgang aber ist dann auch der Finkenschlag da. Und das Gezirp, das Piepen und Zwitschern der Meisen. Unsere Meisen! Blaumeisen. Kohlmeisen, Tannenmeisen. Ihr huschenden Kobolde, im Schlüpfen, im Klettern, im Fliegen gleich beweglich und immer lustig. Wir kennen euch alle, und kennt ihr nicht uns? Gehört ihr nicht eigentlich zum Hause? Haben wir euch nicht aus Strichvögeln zu Standbögeln gemacht? Ein eigenes Futterhäuschen schufen wir für euch mit schützendem Dach und lustigen Balkonen. Der Name„Meisenheim“ leuchtet vom First und gibt euch euer Recht. Sämereien sind hier gestreut, und der Schmalztopf steht immer für euch bereit. So habt ihr es gut gehabt im Winter, und auch jetzt, wo im Freien der Tisch für euch sich deckt, ist eure Speisekammer nicht leer. Immer wieder kommt ihr gern in euer Heim. Freilich, auch andere Gäste haben jetzt mit dem Frühling sich eingesunden. Die stürmischen Finken, die vornehmen und gesitteten Goldammern, die dickschnäbelig dumm=dreisten Grünlinge und das bescheiden, behäbige, geruhsame Rotkehlchen. Sie laden selbst in dem Meisenheim sich zur Tafel, die Hausherren sind nicht sehr davon erbaut, und es fehlt nicht an Rechtsstreitigkeiten mit flatteraden Kämpfen. Wird es aber allzu toll und kommt es zu staatsgefährlichem Krawall, dann geschieht etwas Machtvolles. Dann kommt die Obrigkeit, die Polizei in Unisorm, dann kommt der Buntspecht vom Waldrand herübergeflogen. Gravitätisch wirft er den Kopf und schafft Ordnung, indem er alles glatt zinausschmeißt und den Schmalztopf leerfrißt. Spechte sind so. Der erste der Neuerschienenen ist der Buchfink gewesen. Er ist allein gekommen, noch ohne Madam, und noch singt er nicht. Aber wir erkennen ihn doch— natürlich ist das unser Freund vom vorigen Jahr! Wie dann aber die Eheliebste sich einfindet und wie nun der Schlag aus seiner Kehle tönt— diese kleine Kehle, wie kann sie nur solche Klangfülle fassen und so mächtigen Jubel herausschmettern in den zwei Strophen—, da gibt es keinen Zweifel mehr, er ist's! Ein Kundiger, der sich genau auf den Finkenschlag versteht, der den„Schmalkalder Doppelschlag“, den„scharfen Weingesang“, das„tolle Gutjahr“, die„Putzschere“ haarscharf zu unterscheiden vermag hat, als er im vorigen Sommer bei uns zu Besuch war, unserm Tier das„tolle Gutjahr“ zuerkannt. Ein! tolles und ein dabei gutes Jahr— was kann man Schöneres sich wünschen! Ganz zutraulich ist er, ganz dicht kommt er an uns heran, wenn wir ihm Futter streuen. Man kann sich was mit ihm erzählen.„Wir sind im Winter auch fortgewesen. Auch nach dem Süden gefahren. Aber wohl nicht soweit wie Du. Denn das Geld wurd' alle.“ „Schiet upt Geld!“ sang er zurück, wortwörtlich, ich kann es beschwören. Und sinnfällig bekräftigte er, was er sang. Dem und seiner Lebensanschauung soll man nicht gut sein! Jetzt aber, wo die Zeit zum Nisten heranrückt, wird für den Nestbau unser Wohnhaus selbst von guten alten Bekannten wieder sehr ernst in Augenschein genommen. Noch sitzen sie prüfend und überlegend auf den Bäumen. Da sind die Dohlen. Mit den klaren, sehr wachen und klugen Augen in dem schiefergrauen Kopf. Sie haben es auf unsere Schornsteine abgesehen. Aber das geht doch nicht, ihr lieben Leute! Die dürft ihr uns nicht zubauen! Es tut mir ja leid, denn ich hab' für euch etwas übrig Und vielleicht ist eine von euch der große Schalk, den ich im vorigen Jahr auf der Schafweide beobachtete. Was sich begab, war dies: Eine Dohle flog auf den Rücken eines Mutterschafes, sich hier nach dem langen Stallwinter als Friseuse nützlich zu erweisen. Sie wußte warum. Bei dem, was sie in der Wolle fand, kam sie gut auf ihre Kosten. Und dem alten Schaf war dieser Liebesdienst so gewohnt wie angenehm. Nun aber das Lamm, der kleine Kiekindiewelt, der kaum auf den Beinen steht und von all den Wundern des Lebens noch wie benommen ist. Dieses fabelhafte Untier auf dem Rücken der Mutter! Stockend, mit gehobenem Kopf und schnuppernder Nase, tastet das Kleine sich näher und jetzt— der Vogel— eine spaßhaft tiefe Verbeugung macht er vor dem Dummchen, reißt dann den Schnabel sperrangelweit auf und schmettert ihm ein„Gark!“ in die verblödeten Augen. Entsetzt purzelt der kleine Kerl über seine steifen vier Beine— die Dohle aber schlägt die Flügel und lacht si.h halbtgt. Ja, ich weiß, so seid ihr. Aber den Schornstein dürft ihr mir doch nicht verbauen. Eher schon würde ich mir eine von euch zähmen. Fiele nicht gerade hierauf aus meiner frühen Kindheit ein Schatten. Ich spielte als kleiner Junge auf unserem Hof Rostock, da kam eine Dohle eingeflogen. Sie war ohn' alle Scheu, trat dicht an uns heran, ließ sich von mir anfassen und streicheln. „Wir müssen ihm aber die Flügel stutzen", erklärte ein älterer Spielkamerad.„Sonst fliegt er Dir wieder weg.“ Und sachkundig vollzog er gleich die Operation. Da aber machte mein„Jakob“ ein unsäglich trauriges Gesicht, und! Draußen kreisten langsam die Schneeflächen der Dobrudscha vorbei. Die eingleisige Strecke war überlastet, und oft mußie der Zug stundenlang in freiem Felde halten. Bis Nisch war inwahrscheinlich weit. Und dahinter lag, inbrünstig ersehnt, deutschland. Mancher starb auf dieser Schneckenfahrt. Manser hielt nicht durch bis zur Heimat, ging an unerfüllter sehnsucht ein. Die Aerzte meinten zwar: aus Herzschwäche ind wohl auch infolge zu starken Blutverlustes. Aber wie sem auch sei— in diesen Tagen brannten die schönen Augen inserer Schwester von vielen heimlich geweinten Tränen. Sie itt und mochte, konnte doch nicht zeigen, wie sehr sie um ins litt. Der Jüngste unter den bresthaften Passagieren— ein ibgezehrter und schon von den Schatten3 Jenseits geeichneter Soldat— harrte, schwankend in den Gurten seines Bundbettes, geduldig, bis sie auch ihm den Verband wechelte. Und da er nun mit halbgeschlossenen Lidern ihre Nähe utmete und unter der Berührung ihrer behutsamen Hände beglückt der Schmerzen vergaß, da hätte er ungestüm diese Hände küssen mögen. Aber Scheu und Erschütterung und Schwäche, vielleicht auch Scham zwangen ihm den Kopf in die Kissen zurück. Seine Lippen waren schmerzlich aufinander gepreßt, doch der Fackelglanz der Augen verriet der bellsichtigen die Stürme in dieser Brust. Er, dem Tode rahe, liebte sie! Liebte im ersten Aufflammen seiner neunzehn fahre das erste Weib, dem er sich verlangend und demütig ngleich bekannte. Und das doch ihm in seiner todwunden nabenbaftigkeit unerreichbar bleiben mußte. Diese Schwester war eine Heilige, denn sie hat um seine verzehrende Not gewußt und sie von ihm genommen. Die frauliche Berührung der sonst so ernsten Lippen, die er eines Nachts einen Herzschlag lang auf seinem Haar spürte, war ihm erschütterndes Geschenk an das Leben, dem er, von diesem Augenblick an, langsam wieder entgegen genas. Er hat sie nie wiedergesehen. Aber manchmal denkt er an einen Traum von lichter, keuscher Größe, in dem ihn Allmutter Natur verkörpert in jenem jungen barmherzigen Weibe, an ihre Brust nahm. * Tänzerin und die Schlange. Skizze von Horst Biernath. würde diese Geschichte nicht erzählen, sähe ich nicht in der Verkettung von Umständen, die zu der Tragödie auf der Bühne des Kabaretts Maxim“ geführt haben, ein seltsames Spiel in dreifacher Rollenbesetzung. Da ist erstens die Tänzerin Rende zu neunen, zweitens die dreieinhalb Meter lange Tigerschlange Kro, ein gezähmtes, prachtvolles Exemplar eines Python molurus, und drittens der junge Flaneur und einstige Erbe von vier Millionen, Hans Schwertfeger. Elf Abende hintereinander erschien pünktlich fünf Minuten vor dem Auftreten der Schlangentänzerin der junge Herr. Nahm an dem reservierten Tisch dicht vor der Bühne Platz. — Hing bleich mit weitem Blick an der Tänzerin und der Schlange, die sich schraubend um die zarten Glieder der zerbrechlichen Frau wand. Stand nach beendigter Vorstellung auf und eilte, wie von unerträglichem Druck befreit, aufatmend davon. Mit einem Wort, der junge Mann zeigte deutliche Merkmale einer schweren Verliebtheit, und seine Freunde standen diesem Fall durchaus kopfschüttelnd gegenüber. Was der Oberkellner bereits am zweiten Abend erwartete, geschah jedoch erst nach dem zwölften Auftreten Rendes und, wie bemerkt werden muß, auf ihre Veranlassung hin. „Warum eilen Sie stets nach meinem Tanz fort? Warum haben Sie keinen Mut?—— Bleiben Sie doch!— Ich weiß ja, daß Du in mich verliebt bist.“ So spöttelten. tockten und lächelten ihre Augen ihn an, und es geschah, wie es geschehen mußte, während der Pyihon Kro zusammen gerollt in seiner Kiste schlief. Von diesem Abend an tanzte sie für den Geliebten allein. Der Python mochte fühlen, daß etwas Neues in das Leben seiner Herrin getreten war, was sie jetzt erfüllte und ihn zurücksetzte. Die Liebkosungen ihrer streichelnden Finger, die ihn sonst fasziniert hatten, wurden nachlässig und gewohnheitsmäßig, versonnen und fremd. Ohne Zweifel fühlte das Tier, daß irgend etwas Unbekanntes seine Herrin abdrängte. Kro wurde unruhig und fraß nicht. Nachts scheuerte der Python den glatten Leib gegen die Wände seines Käfigs, hob den dreieckigen, bösen Kopf empor und pendelte ihn taktmäßig wie das Perpendikel einer Wanduhr hin und her. Renée fürchtete für das Leben des Python und ließ ihn in ihre Wohnung schaffen, um ihn sorgfältig zu pflegen. Sie hatte sich so sehr an das Tier gewöhnt, daß ihr der Gedanke, die Schlange zur Nacht in der Wohnung zu wissen, nicht absonderlich oder unangenehm erschien. Sie säuberte den Leib des Reptils täglich mit einer schwachen Lysollösung, da sie annahm, Kro litte unter jenen Parasiten, die Schlangen und Alligatoren in der Gefangenschaft oft zuzusetzen pflegen. Kro erholte sich. Aber in seinen lautlosen Bewegungen und in seinen glaskugelrunden, kühlen Augen blinkte lauernde Bosheit. In diesen Tagen erwartete Renée Herrn Hans zum Tee. Weißer und blauer Flieder strömte Duft. Das liebliche Aroma einer Ceylon=Mischung verschmolz mit blauem Zigarettenrauch. Eine lachsfarbene, hohe Schirmlampe goß weiches Licht über hauchdünnes Porzellan und bleiches zeristall... In der großen Kiste drückte der Python Kro seinen elastischen, bunten Leib knirschend gegen die Wände seines Gefängnisses.„Mein Partner hat auch ein Anrecht auf mich“, lächelte Renée. Er folgte ihr in das Nebenzimmer, wo sie die Lösung bereitete, um die Schlange zu säubern. Sie schlug den Deckel der Kiste zurück und beugte sich hinab. Die Schlange richtete den Kopf mit den kalten Augen wiegend empor.„Komm, Kro. Liebling!“" lockte Renée und fuhr mit dem angefeuchteten Tuch über die schönen Rückenzeichnungen des Pyihon.„Und eh ich's vergesse, Kro, schau Dir diesen Herrn gut an! Aber was weißt Du vom Glück, dummer Kro?“ Sie umfaßte den Hals der Schlange und drehte den flachen Kopf nach der Richtung, wo Hans stand. Die kleinen Augen des Pythons glitzerten wie Glas, und der Schlitz der Pupillen zog sich strichschmal zusammen. Hans konnte sich eines Fröstelns nicht erwehren. Plötzlich überkam ihn jene eltsame Erregung, die ihn jedesmal überfiel, wenn er auf der Bühne die Ringe der muskulösen Schlange sich um das Mädchen winden sah. Eine törichte Angst, daß einmal—— er erschauerte und wagte nicht, weiterzudenken. Renée hatte ich die Hände gesäubert. Sie schlang vor den glitzernden Augen des Python die weißen Arme um den Geliebten. Ein dumpfes, drohendes Zischen... Die Schlange starrte aus dösen Augen auf ihre Herrin und warf den Kopf her und zin wie ein rasch hämmerndes Metronom. „Kro, Du bist eifersüchtig. Schäm Dich!“ Renée klappte den Deckel des Käfigs lachend zu. „Es wird sich nicht ändern lassen, daß Du Deinen Engagementsverpflichtungen für diesen Monat nachkommst, Renée“, sagte Herr Hans nach langen, nachdenklichen Sekunden. Die Asche seiner Zigarette war lang, und der Rauch chraubte sich zitternd empor.„Ich will Dich nicht bestimmen, deinen Beruf aufzugeben, wenn Du ihn nicht entbehren kannst. Aber ich bitte dich: Trenne Dich von der Schlange.“ „Hans, Du bist eifersüchtig, schäm' Dich!“ lachte sie und küßte ihn. Aber sie versprach ihm schließlich, seiner Bitte zu willfahren, und er versüßte ihr dieses Opfer am nächsten Tage durch eine kostbare Verlenkette. kläglich jammerte er, als alle seine Flugversuche mißlangen. Ich war sehr zärtlich zu ihm und steckte ihm die schönsten Leckerbissen zu. Kaum daß er sie nahm, und traurig blieb sein Auge. Als er dann wieder eines Tages mit herzzereißendem Gekrächze auf dem Hofe herumhopste, kam ein Mann durch das Tor gestürzt. Wir kannten ihn, es war ein Nachbar, unwirsch, sonderlich und verschlossen. Laut aufschreiend wollte der Vogel ihm auf die Schulter fliegen, er brachte es nicht fertig. Da zitterte der Mann an allen Gliedern und schüttelte die Fäuste.„Hier find' ich Dich— und so! Das haben sie aus Dir gemacht! Verstümmelt haben sie Dich! Du armer Kerl!“ und was tat er? Packte die Dohle und riß ihr den Kopf vom Leib. Dann warf er den flatternden blutspritzenden Rumpf uns Jungen vor die Füße. Jedenfalls, über Tiere in der Gefangenschaft hatte ich seither meine eigenen Gedanken, und Dohlen mit gestutzten Flügeln sah ich immer mit besonderen Augen an. Nun, ihr da oben seid frei und Herren eures Willens. Nur daß dieser Wille nicht an berechtigten Existenzen wie an meinem Schornstein sich vergreifen darf. Ja, und dann ist da noch die Geschichte mit den Bachstelzen, mit unseren Bachstelzen, wie ich sagen darf. Immer kommen sie wieder, jeden Frühling nisten sie unter unserm Dach. Ihnen ist meine Frau besonders wohlgesinnt. Als im vorigen Jahr unter ihren Jungen ein ganz weißes war saß ein stilles Zauberwesen bei uns auf den Zweigen. Immer war es in lautlose Einsamkeit eingeschlossen. Die Geschwister mieden es, scheu oder in Feindschaft. So hatte es für sich sein eigenes Märchendasein. Eher als die andern war es dann verschwunden. War es zu schade für diese Welt und ins Zauberland eingegangen? Also unsere Bachstelzen. Unter unserm vielgestaltigen und winkelreichen Dach gibt es viele zum Nisten geeignete Stellen. Aber gerade den Vorsprung über unserem offenen Sonnenbalkon suchen sie sich aus, auf dem ich mit Vorliebe mein Wesen habe. Was werfen sie bei ihrem Nestbau einem alles auf die Nase: Moos und kleine Zweige und trockenes Gras mit Erdklumpen dran. Von anderen fallenden Gegenständen zu schweigen. Muß das gerade über meinem Kopf sein? Ich sitze auf dem Balkon und ergebe mich versunken meiner Tätigkeit. Ich schreibe. An einem Roman schreibe ich, und es wird alles wunderschön. In Zufriedenheit schwellt meine Brust sich sonnenwärts. Da— auf die Manuskriptseite fällt von oben ein kräftigen Klacks. O— o— den Reinen schauderts—!— : Meine Frau sieht mein Grauen und den Graus. Sie blickt nach oben, legt den Arm um meine zuckenden Schultern, fragt mit feierlicher Gottergebenheit:„Kritik?“ Und lacht dann, lacht wie nur sie auf der weiten Welt lachen kann. Die Tage entsprangen wie ausgeschüttete Kugeln. Der letzte Abend von Renées Bühnenlaufbahn brach an. Dieses Ereignis hatte zahlreiche Bewunderer im„Maxim" verammelt. Der letzte Tanz wurde angesagt. Rampenlicht lammte auf. Tamburin und Flöte präludierten. Die Lüster erloschen. Ueber die Bühne zuckte wie Fackellicht gelbe und rote Glut. Aus herabwehenden Gazeschleiern schwebte Renée auf die Bühne. Auf ihren schmalen Schultern dehnte sich der zthon, wand sich um ihre Arme, umschlang ihren Leib. umwickelte ihre Schenkel, verknotete sich in seltsamer Umschlingung, bis er, wie es die Idee des Tanzes verlangte, scheinbar besiegt von der Schönheit dieser Frau, von seinem Opfer abfiel, sich zusammenrollte und wie fasziniert zu den Füßen des Mädchens lag. Das Licht flammte auf. Beifall prasselte über Renée, Blumen fielen auf die Bühne. Das Blitzlicht eines Pressephotographen durchzuckte grell den Raum. Renée verbeugte sich, lächelte, wurde wohl ein wenig traurig, wie das so ist in solchen Augenblicken... Aber da kam der Geliebte dich an die niedrige Rampe heran und überreichte ihr einen riesigen Strauß flammender Rosen. Wieder schoß das Magnesiumlicht des Photographen empor, und in dem Augenblick, da alle noch blind waren von der Helligkeit der grellen Flamme——— kroch ein gräßliches, markdurchschneidendes Stöhnen heran, und ein entsetzliches Geräusch zitterte durch den grabesstill gewordenen Raum. Als man die Augen schmerzhaft wieder aufriß, da stand Renée noch auf der Bühne, aber grauenhaft zusammengepreßt von Kro, der Tigerschlange, deren unheimlicher Leib gewiß ebensoviel Kraft in sich barg wie ein stählerner Schraubstock. Eine Rippe hatte die Herzwand der Tänzerin durchstoßen und ihrem Leben ein rasches Ende bereitet. Ich aber weiß— obwohl die Zeitungen anders schreiben—, daß nicht das jäh aufzuckende Blitzlicht die Schlange erschreckte, sondern daß dieses das Ende einen wütenden Eifersucht war. * Mut. Erzählung von Georg Eschenbach. Er war für mich der Inbegriff alles Unerschrockenen, alles Mutigen. Und so konnte auch die Drahtnachricht von ihm, die ich jetzt in Händen hielt, gar nicht anders lauten: „Afrika kreuz und quer durchwandert. Bin morgen 13 Uhr 15 in Hannover. Wolfgang Mertens.“ Wie einfach das klang und doch wie selbstbewußt zugleich! Drei Jahre lang hatte die Heimat nichts von ihm gehört, nur ahnen können, daß er dort drüben in Afriko Abenteuern nachjagte, und nun drahtete er einfach:„Afrika kreuz und quer durchwandert.“ Als sei das nur ein kleinen Spaziergang ohne alle Aufregungen. So konnte eben nur er sich geben, er, für den Unerschrockenheit und Mut Selbstverständlichkeiten waren.— Und nun ging ich mit ihm vom Bahnhof her durch die Straßen seiner Heimatstadt. Er hatte keinen Wagen nehmen wollen:„In Afrika stand so ein Ding auch nicht immer zur Verfügung. Und es ist auch einmal ganz schön, wieder richtiges Pflaster unter den Füßen zu haben, wenn man Jahre lang schlammige Urwaldpfade beschritten hat, durch weglosen Dornbusch, durch endlose Steppen und Wüstensand gegangen ist. Ich bin doch ganz froh, nach drei Jahren finstersten Afrikas wieder in der Heimat zu sein. Und wenn es auch da drüben noch so schön und interessant war..“ Er wurde durch einen Mann in der Mitte der Vierziges unterbrochen.„Verzeihen Sie“, sagte der Fremde, und sein Stimme klang ein wenig aufgeregt,„verzeihen Sie, wenn ich Sie störe. Aber ich ging eben neben Ihnen, und da hörtich, wie Sie von Afrika sprachen. Sie müssen da Abenteuen erleor haden. Mir scheint es, als ginge von Ihnen ein Hauch von der großen Welt dort draußen aus. Sie wundern sich, daß Sie mich so reden hören, daß Sie auf der Straße von einem Ihnen völlig Fremden überfallen werden. Aber Sie werden alles verstehen, wenn Sie meine Bitte erfüllen, wenn Sie in meine Wohnung kommen. Ich bitte Sie darum, begleiten Sie mich! Sie konnen einem Menschen eine glückliche Stunde bereiten.“ Wir sahen uns erstaunt an, mein Freund Mertens und ich. Es kam ja nicht alle Tage vor, daß man auf diese Weise angesprochen wurde. War der Mann überhaupt normal? Ja, denn er verriet deutlich, daß ihm das Ungewöhnliche seines Verhaltens zum Bewußtsein kam. Er war verlegen, wurde rot, stammelte eine Erklärung:„Meine Frau ist seit Jahren krank, gelähmt und muß liegen. Und wissen Sie: Bevor wir heirateten, als wir beide noch jung waren, da hatten wir hochfliegende Pläne. Da wollten wir die weite Welt sehen, träumten davon, daß unsere Hochzeitsreise uns durch viele fremde Länder bringen würde, daß ich genug Geld verdienen könnte, um jedes Jahr mit ihr ein neues Stück Erde sehen, neue Abenteuer erleben zu dürfen. Und dann kam das Unglück, das sie lähmte, das unser Vermögen verschlang, und wir beide haben nichts von der Welt gesehen. Aber die Sehnsucht nach der Weite ist stärker als je, und so könnten Sie meiner Frau ein wenig Licht und Freude ins Haus bringen, wenn Sie ihr etwas von dem erzählen wollten, was Sie in der Welt erlebt haben, die uns beide verschlossen bleibt. Wollen Sie?“ Er hatte immer rascher gesprochen und seine anfängliche Befangenheit verloren. Und nun sah er meinen Freund mit so bittenden Augen an, daß Mertens wohl nicht mehr an das Ungewöhnliche dieser Stunde dachte und wie selbstverständlich sagte:„Ich gehe mit Ihnen.“ Die Wohnung lag draußen in der Vorstadt, und die Fenster des Zimmers, in das uns der Fremde führte, gingen auf Anlagen hinaus. In einen Rollstuhl zurückgelehnt saß eine Frau. Ich hätte nicht sagen können, wie alt sie sein mochte. Ihr Gesicht trug den zeitlosen Ausdruck der Leidenden, doch es hellte sich ein wenig auf, als der Mann sich zu ihr beugte und wie ein rücksichtsvoller junger Liebender sagte:„Ich habe Dir Besuch mitgebracht, Martha, einen Herrn, der drei Jahre in Afrika war. Er ist so liebenswürdig und wird Dir von dort erzählen.“ Mein Freund Mertens erzählte. Ich wunderte mich dabei über ihn. Ich kannte ihn doch als den unbekümmerten Draufgänger, der auch in seinen Ausdrücken nicht gerade wählerisch war und im etwas allzu starken Bewußtsein seiner Kraft sich immer ins gehörige Licht zu setzen wußte, sich und seinen Mut, seine Unerschrockenheit. Er stellte doch sonst sein Licht nicht unter den Scheffel, wenn er von seinen Abenteuern mit Löwen und Elefanten, Schlangen und Wilden erzählte. Jetzt aber ließ er seine Person ganz in den Hintergrund treten. Er sprach nur von den Schonheiten der Natur, entwarf mit bewundernswerter Anschaulichkeit ein Bild von diesem fernen Afrika, das wir anderen nur aus Büchern kannten. Ich sah zu der gelähmten Frau hinüber. Ich sah, daß sie alles mit erlebte, was Mertens erzählte. Ich wußte, daß sie nun mit ihm am Fuß des Kilimandscharo stand und sehnsüchtig zum schneebedeckten Gipfel hinaufsah, daß sie mit ihm der Wildspur durch die Massaisteppe folgte, daß sie an seiner Seite am Lagerfeuer saß. Die große Welt dort draußen war zu ihr in die kleine Stube hinein gekommen und erfüllte sie mit ihrem fremden Duft, ihren fremden Reizen. Mein Freund Mertens mochte zwei Stunden lang exzählt haben, ohne an die Zeit zu denken, gefangen vom eigenartigen Reiz einer ihm bisher unbekannten Aufgabe Doch dann sah er wohl, daß die Frau müde war von all dem Erlebten, und wir verabschiedeten uns ein wenig rasch. Mir war es, als bliebe etwas von der Frische und Unbekümmertheit seiner wilden Abenteurernatur in der dumpfen Krankenstube zurück. Unser neuer Bekannter mochte die gleiche Empfindung haben. Denn als er uns noch ein Stück Weges begleitete, „ogie er:„Sie haben meiner Frau eine unendliche Freude bereitet. Seit zwanzig Jahren hat sie nicht einen Schrit: mehr tun können, und nun durfte Sie mit Ihnen soviel erleben. Sie wird von der Erinnerung noch lange zehren.“ Dann verabschiedete er sich rasch und ein wenig verlegen, als machte er sich Vorwürfe, meinen Freund so lange aufgehalten zu haben. Wir gingen schweigend weiter. Jeder dachte über das Erlebte nach. Doch plötzlich blieb Wolfgang Mertens stehen. Ich hatte ihn noch nie so gesehen, wie in diesem Augenblick, da er an sich selbst irre geworden war:„Da jage ich durch die Welt hinter Abenteuern her und glaube ein mutiger Mann zu seln, und dann muß mich in der Heimat eine Kranke lehren, daß ich noch längst nicht wußte, was wahrer Lebensmut ist. Zwanzig Jahre gelähmt und dann noch... Ich weiß nicht, was Mertens noch sagte. Ich weiß nur, daß wir schweigend durch die Stadt gingen. Von seinen Abenteuern erzahlt mir mein Freund seit diesem Tage nichts mehr Schiller und die Waschfrauen Um das Mandat. Skizze von Herbert Caspers. Karl Paulsen strich sich müde über die Haare und schloß die Augen, atmete tief die Nachtluft ein. Er wußte, was er wußte— mochten da drinnen im Parteisekretariat die Rechner weiterhin die Telephone abreißen, um das zweite Mandat, sein, Paulsens, Mandat doch noch herauszuholen. Daheim wartete Frau Grete, die feine blonde Frau des vielgefragten Politikers, den die Welle der jungen Generation nach oben getragen hatte. Frau Grete, das stille Gretelein, das kein Wort dazu sagte, als man dem Mann, mit dem man nun seit zehn Jahren jeden Tag teilte, die Aussichten eröffnete, sich im Glanze des Berliner Parlamentsparketts spiegeln zu können... Es war halt sein, nein: ihr gemeinsames Glück, wenn Karl es schaffte, und die Tage der langen Trennungen mußte man drum ertragen... Leise lächelte Paulsen vor sich hin, strich sich nochmals über die ergrauenden Schläsen und sprang elastisch die Treppen hinab. Frau Grete! Ein einziger warmblütiger Mensch, ein Stück der eigenen Entwicklung, des eigenen Lebens, war doch besser, stärker als der ganze Wust des Parteiprogramms, des Wahlkampfes, der hohen Politik... Es überkam ihn plötzlich da drinnen in der Stickluft sensationeller Erwartung der Wahlergebnisse und des eigenen Erfolges: Es ist wichtiger, jetzt, gerade jetzt in ein Paar stille, blaue Frauenaugen zu schauen und sich dor. in endloser Liebe gespiegelt zu sehen, als die Glückwunsche von politischen Freunden und Parteifanatikern entgegenzunehmen. Und so lachte er jungenhaft übermütig wenige Minuten später, als er sein junges, blühendes Weib in den Armen hielt und auf ihre stille Frage nur antwortete, er wisse es nicht und wolle es auch vor dem nächsten Morgen nicht mehr wissen. Da lachte auch Frau Grete leise auf und schloß glücklich die Augen und hängte sich hingegeben dem Mann an die Brust.— Der erste Blick galt der Morgenzeitung, als Frau Grete am Vormittag den Tag in die Wohnung einließ und im Schlafzimmer die Vorhänge aufzog. Riesige Balkenüberschriften sprangen ihr entgegen, sie überflog die Gesamtzählung der Wahlen, die Ergebnisse des eigenen Wahlkreises und da:„Karl Paulsen nur wenige Dutzend Stimmen vom Mandat entfernt— nicht gewählt!“ Zuerst verschlug es ihr das Herz: Er braucht nicht nach Berlin, er muß nicht die Hälfte des Jahres in der garstigen Hauptstadt wohnen; er bleibt bei mir, bei mir Fast jubelnd drängte es sich auf die Lippen. Aber dann die andere Ueberlegung, blitzschnell: Seine Enttäuschung nach der Zuversicht, mit der er einschlief, in deren Gewißheit er noch im hellen Morgen schlummerte! Frau Grete übersiel ein frauliches Erschrecken, ratlos raffte sie ihr Morgenkleid zusammen, strich zart über das wellige Haar ihres im Schlaf noch so jung ausschauenden Mannes. Er erwachte. Ein Blick in das Antlig der geliebten Frau, dann lächelte er. Sie kühte Der junge Gelehrte Christian Gottfried Körner hatte es gut gemeint; als er zum Oberkonsistorialrat befördert und von Leipzig nach Dresden versetzt wurde, bat er seinen Freund und Schutzling, den von vielen Skandalen und Nöten heimgesuchten Schiller, ihm nach der Elbe zu folgen. Der schwer an Leib und Gemüt kränkelnde Dichter willigte gerne ein, wer war damals so mutig, dem verfemten Sänger Asyl und Heimrecht zu geben? Was hatte der Flüchtling in den letzten Monaten alles erleben müssen! Dem Herzog mißfiel der eigenwillige Karlsschüler; wer heimlich und gegen alle Disziplin nach Mannheim reisen konnte, um dort ein aufrührerisches Räuberstück spielen zu lassen, dem mußte man ein für allemal verbieten,„Komödien und sonst dergleichen“ zu schreiben. — Solchem Machtspruch gehorchte der Feuergeist aber nicht; von Stuttgart floh der Dichter zum Rhein, vom Rhein über Frankfurt weiter nach Bauerbach bei Meiningen, dann endlich bis Leipzig und Dresden. Christian Gottfried Körner hieß den Schwermütigen willkommen; die Sonne des Sommers von 1785 erwärmte ja die Landschaft, in dieser Zuflucht am Elbeufer gab's auch gesüßten Wein, der oben am Hang von Loschwitz mit Sorgfalt gepflegt wurde. Und der Konsistorialrat klopfte dem Dichter die Schulter: „Lieber, nun finden Sie sich heim; Minna, meine zärtliche Braut, hat mir oft erzählt, daß Sie auch scherzen und lachen können!“ Doch Schiller, den das Schicksal zu einer schwäbischen Trutznachtigall gewandelt hatte, war nicht aufgelegt zu Spaß und Fröhlichkeit. Seine Augen röteten sich vor Erregung, als er dem freundlichen Herbergsvater gestand:„Es geht noch nicht, lieber Körner, haben Sie Geduld mit mir; so flink reißt sich das wunde Herz nicht von Menschen und Landschaften los, an denen es mit allen Fasern hing; ich hab' den Musikus Streicher verloren, in Mannheim grollt mir Dalberg, weil ich die Hefte der Rheinischen Thalia schrieb, ach,— Charlotte von Kalb ist so unerreichbar weit, und Sie wissen, wie glücklich mich die Nähe dieser Gütigen machte!“ Der Körner nickte; gewiß, er wollte die geplagte Seele des Gastes verstehen. Wie kämpfte dieser Jüngling, dem der hohe Beamte aus Dresden nur die Sorge ums tägliche Brot, nicht aber die Not um ein höheres Schaffen mindern konnte, dem sich der Dichter geweiht hatte. Daß er auf andere Gedanken komme, fragte ihn der Konsistorialrat nach dem Wachstum seiner neuen Werke; und da steckte er den Betrübten völlig in Brand. Wie schwang jetzt der eben noch Schwunglose, wie hellten sich seine Blicke auf, wie zuckte das Blut durch seine Haut, als er Fiescos Schwärmertum offenbarte, als er mit der Erzählung vom Liebesopfer der Luise Millerin den hitzig horchenden Korner zu Tränen rührte. Dann war es still an dem Weintisch, der Abend dämmerte nachdenklich, in den Wellen der Elbe glitzerte das glühende Kupfer des sinkenden Sonnenballs.— Aber der Dichter war wieder mutig geworden, so sehr entzündete ihn die Demut am eigenen Werke. Jetzt war er derjenige, der dem andern die Schulter klopfte: „Freund, ich wittere Heimat hier; morgen müssen Sie mich allein lassen, ich habe eine große Arbeit im Gepäck!“ „Eine große Arbeit?“ Schiller nickte, trank sein Glas leer und funkelte mit den Augen.„Don Carlos, Infant von Spanien!“ „Der geisteskranke Tropf?“ „Ich will ihn anders sehen! Für morgen habt die Güte, mir eine einsame Kammer anzuweisen!“ Die Freunde trennten sich, gingen schlafen. Aber der Konsistorialrat grübelte noch lange im Bett, wo er den Dichter unterbringen solle, daß er nur ja die freudige Laune von einst um Ufer der Elbe zurückgewinne. Als dann der frische Morgen kam, fuhren beide mit dem Wagen den Loschwitzer Berg hinauf, wo Christian Gottfried Körner ein Weingut besaß. Dort stand ein niedliches Sommerhaus, einsiedlerisch verlassen, mit stillen Zimmern; ja; hier würde der Dichter ungestort wie ein vergessener Mönch seinem Werke dienen; um die Mittagszeit sollte nur ein Domestik das Servieren der Speisen und die möglichst leise und schnelle Wiederordnung der Schlafkammer besorgen. .. Einen Tag ging das gut, den zweiten auch; Friedrich Schiller schrieb und schrieb, die Blätter schienen zu breunen unter seinen ruhelosen Fingern, so bannte den Dichter das Werk. Am dritten Tag aber widerfuhr ihm ein Abenteuer, mit dem weder er noch der hochherzige Oberkonsistorialrat aus Dresden gerechnet hatte: In diesem Sommerhaus befand sich auch eine Waschküche, die monatlich einmal für die Frist von drei Tagen an ein schwatzhaftes Halbdutzend sächsischer Frauen vermietet wurde. So konnte es geschehen, daß in der rechten Hälfte des Schlößchens ein allzu profanes Sortiment von Hemden, flauellenen Hosen und gestopften Strümpfen vom Schrubbholz in die Lauge und von der Lauge wieder zurück in die wringenden Arme der Waschweiber fuhr; während im linken Flügel dieser Einsiedelei ein empörter Poet mit Dämonen und Titanen rang. den Weltruhm einer Ewigkeit zu verdienen. Die fleißigen Frauen ahnten nicht, wie roh jede von ihnen zum Störenfried wurde, denn niemand hatte den Dichter gesehen, dessen Tür man noch obendrein mit Körben und Kisten voll triefenden Wollzeugs verbarrikadierte. Doch Schiller mußte um so mehr den Hexensabbat im NachbarRovellevonche raum bemerken; denn die arbeitsamen Sächsinnen planschten und bürsteten nicht nur, daß der zierliche Bau in allen Ankern erbebte,— sie krahten und kicherten auch unbekümmert fort; und der alberne Klatsch ihrer Gespräche wollte nicht gut zu den Versen passen, mit denen der Dichter soeben den Infant von Spanien seinen König und Vater beschwören ließ. Als dann plötzlich ein im Uebermut geschleuderter Holzschuh so laut zegen die Tür polterte, daß Schiller mit einem Schrei des Entsetzens vom Schreibtisch sprang, wurde es unheimlich still bei den Frauen. Sie hatten den zornigen Ruf des Dichters vernommen und glaubten, ein Dieb oder ein Spukgeist habe sich heimlich in d23 Reich ihres nassen Geschäftes geschlichen. Und während sie Jastanden, mit offenen Lippen und kämpferisch verschränkten Armen, riß nebenan der Fremdling die Türe auf, schob die Körbe und Kisten barsch zur Scite, schimpfte die Weiber aus, daß sie nicht ruhiger ihre Arbeit verrichteten. Doch Schillers erhabener Geist wai dem Mundwerk dieser Damen nicht im mindesten gewachsen. Sie ballten Fäuste, drohten und riefen:„Wir haben das Haus gemietet, mit allen Rechten, jawohl: will Er uns etwa vertreiben? Wer ist Er überhaupt, der vornehme Herr?" „Der Dichter Schiller“, jagte der Aermste, indes seine Zunge zittern mußte vor Erregung. Da lachten die Frauen hellauf im Chor, wie sollten sie auch dem plötzlich Hergelaufenen Reverenz erweisen? Den Schiller kannten sie nicht, der übliche Waschtag schien ihnen wichtiger als die ängstliche Ruhe eines Federfuchsers. Da aber Schiller das Versmaß und die dramatische Fabel seines Don Carlos selbst im Schlaf beherrschte, konnte er es nicht hindern, daß seine Antwort ebenfalls ganz im Rhythmus und ganz im Sinne der Dichtung kam. So, wie der verachtete Infant von Spanien als Bettler vor dem König kniete, so streckte auch jetzt der Dichter seine Hände den höhnischen Frauen entgegen, die weder ihn, seine Werke, noch deren Ruhm kennen wollten; und er flehte, als wäre er selber ein Schauspieler: „Antworten Sie mir sanfter! Schicken Sie Mich so nicht weg! Mit dieser übeln Antwort Möcht“ ich nicht gern entlassen sein...“ Hier brach der Dichter ab. Stockte. Wandte sich entgeistert um, stürzte an den Schreibtisch und schrieb blitzschnell alles nieder, was er eben gesprochen hatte. Dann ließ er seinen Infanten laut weiter reden und brachte auch dies zu Papier: „Behandeln Sie mich gnädiger. Es ist Mein dringendes Bedürfnis, ist mein letzter, Verzweifelter Versuch...!“ Die Sächsinnen hörten sich die Rede des Sonderlings an, der zuerst fluchen wollte, der jetzt eine weit bescheidenere und gesittetere Sprache übte. Eine von ihnen meinte mit gnädiger Herablassung:„Junger Herr, das klingt schon ganz anders!“— Der Dichter aber schrieb und schrieb; sollte er den Wäscherinnen sagen, daß seine Antwort weniger ihnen als dem König Philipp von Spanien galt? Zu glücklich war jetzt der Meister, für den bittenden Wortstrom des Kronprinzen eine Form gefunden zu haben, die ihm anfangs nicht kommen wollte, die er jetzt aber dem Spott der waschenden Sächsinnen verdankte. Da gönnte er sich eine Pause, schloß wieder die Tür und war bemuht, die im Nebenraum immer noch lärmende Frauenkolonne in Anerkennung eines erwiesenen Dienstes mit folgender Bittschrift zu belohnen:„Untertänigstes pro memoria an die Konsistorialrat Körnersche weibliche Waschdeputation in Loschwitz, eingereicht durch einen niedergeschlagenen Trauerspieldichter —#21 Tod und Hölle! Was hör' ich?— Einen nassen Strumpf, Geworfen in die Welle!— Und weg ist Traum und Feerei, Ihr Lieben, Gott befohlen! Der Teufel soll die Dichterei Beim Hemdenwaschen holen!“——= Und unterschrieb mit vielen schönen Schnörkeln. Am Mittag kam der übliche Domestik. Als der die Waschweiber sah, schlug er verzweifelt die Hände zusammen. Hatte sein Herr dem Dichter nicht ruhigste Einsamkeit im Weinberge von Loschwitz versprochen?— Der Diener schickte sich an, die Frauen aus dem Hause zu treiben, mochten sie auch keisen und kratzen. Doch Schiller hinderte ihn:„Lassen Sie, guter Mann; ich danke denen viel!“ Dann, als die Weiber erfuhren, welch berühmter Mann im Nebenraum schaffe, zankten sie sich um den Besitz des „untertänigsten Memorials“. Dieser Tanz wurde Schiller zu arg. So dankbar er dem wunderlichen Publikum war, das eben die Uraufführung von sechs wohlgefügten Don Carlos=Zeilen erleben durfte, jetzt wanderte er ins Tal, ging nach Dresden zu Christian Gottfried Körner und hatte zum erstenmal seit Monaten wieder das erlösende Lachen gelernt.— Am Morgen darauf beendete er zu Loschwitz mit frischem Lebensgenuß sein Lied an die Freude, das er in Leipzig begonnen hatte. Erst als der dritte Waschtag vorüber war, formte er das spanische Drama weiter; zum Trauerspiel brauchte er wieder die Weihe der Einsamkeit.— ihn und sagte dann stockend:„Liebster, nicht ärgerlich sein, wenn es nun doch anders gekommen ist: Siehst Du, es hat nicht ganz gereicht, nur wenige Stimmen fehlten...“ Sie war ganz verwirrt und schämte sich auch ein wenig, weil es tief in ihrem Innern frohlockte. Und dazu lächelte der besiegte Politiker immer noch. War sein Ehrgeiz doch nicht so groß, wachte Paulsen noch gar nicht richtig? „Schau auch— jetzt bin ich erst recht froh: Du brauchst nicht ständig in das entsetzliche Berlin...“ „Ja, und die kleine, blonde, bange Gretefrau hat ihren Mann täglich, stündlich um sich, nicht wahr?“ fragte immer mehr lachend Paulsen und zog sein Weib zu sich hinab. Dann wurde er halb ernst:„Aber daraus wird nun trotz des Durchfalls nichts, Gretelein—“ Sie blickte ihn erstaunt an und fand kaum die Worte, während sich das kleine Frauenherz schmerzhaft zusammenzog: „Aber Liebster— Du bist doch gar nicht gewählt?“ „Nicht hier, aber auf der Landesliste war meine Wahl gestern schon gesichert, kleine, hübsche, schämige Gretefrau, Du—“ schloß Karl Paulsen sie lachend in die Arme und küßte ihr zwei Tranen fort, die sich nun doch um des schlimmen Berlins willen hervorgedrängt hatten. Sie lächelte etwas mühsam und sagte dann herzlich:„Ich freue mich für Dich, Liebster, und ich werde dann eine ganz tüchtige Politikerfrau sein, wenn, wenn—“ „Wenn Dein Mann Dich hübsch in das große SpreeBabel mitnimmt, weil er das Weiche, Blonde, Warme braucht in all dem Uebel und Aerger dessen, was ihm bevorsteht, Gretelein! Unter anderen Umständen hätte ich auf meine Aufstellung überhaupt verzichtet.“ Da lachte dankbare Liebe aus Frauenaugen. Der Schuß ins tote Herz. Mediziner klären Verbrechen auf.— Wunden und Narben als Verräter.— Die tätowierten Schrotkörner. Von Anton K. Leidinger. Durch die Straßen einer mittleren Industriestadt raste ein Polizeiauto, hielt vor der Villa eines Fabrikbesitzers, die Beamten stürzten hinein. Drinnen fanlden sie die Frau des Hauseigentümers tot in ihrem Schlafzimmer, neben ihr einen kleinen Revolver mit zwei leeren Patronenhülsen. Auf einem Tisch lag ein unzweifelhaft von der Erschossenen stammender Brief an ihren Gatten, in dem sie für immer von ihm nahm. Der Fall schien klar: Selbstmord. Bei der Leichenschau fiel indes einem besonders scharfsinnigen Mediziner ein seltsamer Umstand auf. Von den beiden abgefeuerten Kugeln war eine in den Magen gedrungen und ein starker Bluterguß die Folge gewesen. Die andere dagegen hatte das Herz getroffen, ohne irgendwelche Blutung zu verursachen. Das Ausbleiben einer Blutung war aber nur möglich, wenn das Herz, als es die Kugel erhielt, bereits zu schlagen aufgehört hatte. Damit entfiel die Annahme eines Selbstmordes, denn kein Toter kann sich noch eine Kugel in das bereits stillstehende Herz schießen. Also Mord? Und wer war dann der Mörder? Er wurde bald gefunden. Es war niemand anders als der trostlose Witwer. Die Frau hatte sich mit Selbstmordgedanken getragen, auch den Brief geschrieben und sich dann, bevor sie ein Ende machte, zu ihrer Mutter in der Nachbarstadt begeben. Die alle Dame vermochte der Tochter die bösen Gedanken auszureden und die Frau zu bewegen, zu ihrem Gatten zurückzukehren. Inzwischen hatte der Mann aber den Brief gefunden, sofort die günstige Gelegenheit, ohne Verdacht sich seiner Frau entledigen zu können, erfaßt und auch ausgenutzt. Der Umstand, daß schon der erste, durch den Magen gegangene Schuß den sofortigen Tod herbeigeführt hatte, wurde dem Täter zum Verhängnis. Der Fall zeigt, welche Bedeutung der medizinischen Wissenschaft bei der Aufklärung von Verbrechen zukommt. Zahlreiche Fragen erheben sich, die nur der Arzt zu beantworten vermag. Wie viel Zeit verstrich von der Tat bis zur Auffindung des Opfers? Wie alt ist eine Narbe? Handelt es sich bei einem Flecken um Menschen= oder Tierblut? Liegt Selbstmord oder Mord vor? Das ist nur eine kleine Auslese aus der langen Reihe von Punkten, die ein Laie nie zu erklären vermag. Ein reicher Juwelenhandler kehrte eines Abends spät in seine Wohnung zurück, wo er einen großen Teil seiner wertvollen Steine aufbewahrte. Er fand den Geldschrank erbrochen und geleert, seine Frau bewußtlos mit einer Binde über die Augen an einen Sessel gefesselt, den Diener stöhnend mit blutbeflecktem Hemd in ein kleines Gemach eingeschlossen. Nach Angabe des Angestellten war eine Bande Einbrecher eingedrungen, hatte ihn nach hartem Kampfe, bei dem er zwei blutende Wunden von der linken Achselhöhle quer über die ganze Brust davongetragen, überwaltigt und dann eingeschlossen. Die Verletzungen waren in der Tat vorhanden, die Sache schien glaubhaft. Dem auf Verlangen des Juweliers hinzugezogenen Arzte fiel nun aber ein Umstand auf. Zieht man namlich eine sehr scharfe Messerklinge beispielsweise über die Rundung eines Apfels, so wird der Schnitt in der Mitte am tiefsten lein. nach den beiden Enden zu indes verklachen. Die Wunden in Versen. Von Richard von Schaukal. Wer sich der Welt versagt, den läßt sie gehn. Bist du so stark, allein auf dir zu stehn? * Bist du von allen andern so verschieden? Vielleicht hast du nur den Vergleich vermied. * Auch was gewöhnlich ist, muß nicht gemein, Kann dein Besitz, dir eigentumlich sein. * Ich hab es immer wieder wahr gefunden: Die glücklichsten sind die vergeß'nen Stunden. * In einer Gassenlache spiegelt Der Himmel sich, doch mehr: Der Sinn des Lebens selbst entsiegelt Sich dir als Wiederkehr. * Kinder wollen groß werden, Denen zu gleichen, Die nie mehr erreichen, Was Wachsende loswerden. * Sind einem die Augen erst aufgegangen, Schaut man auch nicht mehr unbefangen. auf der Brust des Dieners waren indessen überall gleich tieß konnten daher unmöglich im Verlaufe eines Kampfes end standen, sondern mußten in aller Ruhe absichtlich hervorgerusen sein. Seine Angaben trafen mithin wenigstens in einem wichtigen Punkte nicht zu. Es ergab sich dann schließlich, da der Einbruch zwar stattgefunden hatte, daß der treue Diener aber sehr eifrig mitgeholfen hatte. Der hier geschilderte Fall ist zugleich ein Beispiel für die Kriminalisten seit langem bekannte Tatsache, daß von Verbrechern sich selbst beigebrachte Wunden fast stets paarweise, entweder parallel zu einander oder übers Kreuz, auftreten. Ein Grund für diese eigentümliche Erscheinung hat sich noch nicht feststellen lassen, derärtige doppelte Verletzungen werden aber von gewiegten Polizeibeamten von vornherein mit Mißtrauen beobachtet. Um verräterische Wunden und Narben zu verstecken, wendet man die seltsamsten Mittel an. Bei einem Einbruch in ein Landhaus hatte der Besitzer auf den flüchtenden Täter seine Schrotflinte abgeschossen; er glaubte ihn auch in den linken Arm getroffen zu haben. Etwa eine Woche später wurde eine verdächtige Persönlichkeit in einer benachbarten Stadt festgenommen. Sie leugnete, und da man keine Spuren der Schrottreffer fand, wollte man den Verhafteten schon wieder laufen lassen. Aus irgend einem Grunde wurde der Mann aber noch vor der Entlassung geröntgt. Dabei fanden sich nicht weniger als 17 Schrotkorner in seinem linken Unterarm; die Wundränder waren durch eine sehr geschickte Tätowierung für das bloße Auge völlig unkenntlich gemacht! Ein kleiner Fehler in einem sonst unter Berücksichtigung aller Umstände erdachten und durchgeführten Mordplan fuhrte den Täter aufs Schafott. Im dritten Stock eines Mietshauses wohnte ein reicher alter Junggeselle; sein einziger Verwandter war ein junger Mann von etwa 30 Jahrer. Eines Abends kurz nach neun hörte man aus dem Zimmer des Alten einen Schuß; gleich darauf wurden heftige Faustschläge an der Tür des Raumes hörbar. Die herbeieilenden Hausbewohner fanden den Neffen auf dem Flur wie wahninnig an die von innen verschlossene Tür zum Zimmer seines Onkels hämmern. Seiner Erklärung nach hatte er diesen besuchen wollen, sauf den obersten Treppenstufen den Schuß vernommen und dann die Tür versperrt gefunden. Sie wurde von der Polizei geöffnet. Alle Fenster erwiesen sich als geschlossen, der Türschlüssel lag zwei Meter von der Schwelle mitten im Zimmer, der alte Junggeselle neben einem Sessel mit durchschossenem Kopf, der Revolver neben ihm. Die tödliche Kugel war durchs rechte Auge ins Hirn gedrungen und hatte den sofortigen Tod herbeigeführt. Etwas anders als Selbst mord schien gar nicht möglich. Indessen schöpfte die schon bei fluchtiger Besichtigung der Leiche Verdacht. Eialte Erfahrung lehrt, daß ein Selbstmörder sich nie ins Au schießt. Man fahndete also nach Verdächtigen und fing zunäch bei dem Neffen an. In seiner Tasche fanden sich ein Paar ziegenlederner Handschuhe und ein zusammenklappbarer Zollstock. Die chemische Untersuchung ergab in den feinen Poren und Nähten des rechten Handschuhs zwischen Daumen und Zeigefinger Rauchspuren, wie sie beim Abschießen eines Revolvers aus der Kammer zurückschlagen. Da der Betreffende oorher geleugnet hatte, überhaupt mit Schußwaffen zu tun gehabt zu haben, verdichtete sich der Verdacht gegen ihn ganz erheblich. Im Verlauf der Untersuchung legte er denn auch ein volles Geständnis ab. Um seinen Onkel zu beerben, hatte er ihn mit dessen eigenem Revolver erschossen— in Handschuhen, um keine Fingerabdrücke zu hinterlassen— dann schnell das Zimmer verlassen, die Tür von außen verschlossen und den Schlüssel mittels des Zollstabes über die Schwelle unter der Tür hindurch ins Zimmer geschoben. Als die anderen Hausbewohner hinzukamen, war alles fertig, und er konnte erfolgreich die Rolle des eben eingetroffenen Besuchers spielen. Hätte er auch gewußt, daß ein Selbstmörder sich nicht ins Auge schießt, und entsprechend gehandelt, so wäre an dem Freitode des alten Mannes kein Zweifel aufgekommen. Ibsens Trinkglas. Bekanntlich war Ibsen einem guten Trunk durchaus nicht abgeneigt, und häufig sah man ihn mit recht unsicheren Beinen durch die nächtlichen Straßen Münchens nach Hause stolpern. Gern besuchte er das Kaffee Maximilian, hier pflegte er auch an Nachmittagen einige Gläschen Kognak zu trinken. Der Kellner des Kaffeehauses hatte eine nette Nebeneinnahme dadurch, daß er begeisterten Frauene rechtlerinnen als begehrte Andenken an den gefeierten „Nora“=Dichter die von Ibsen benutzten Gläschen verkaufte. Als eine etwas mißtrauische Dame zu dem Glas ein Wirke lichkeitszeugnis verlangte, erboten sich die Mitglieder des Kunstler=Stammtisches, die Echtheit zu bezeugen. Sie schrieben auf ein Blatt:: „Aus diesem Glas trank Henrik Ibsen, Wir sah'n ihn selber es betipsen Und geistig sich daraus beschwipsen, Dann wankt' er heimwärts in Ellipsen.“ Die kunstbegeisterte Käuferin des Glases war mit diesem „Zeugnis“ sehr zufrieden. — Erst die Kunst, dann das Brot. Den Abschied mancher Primadonna von den weld bedeutenden Brettern stellte die Feier in den Schatten, die man in Paris jüngst zu Ehren einer ausscheidenden— Logenschließerin veranstaltete. Schauspieler, Theaterfreunde Journalisten hatten sich in großer Zahl eingesunden. Der Direkton hielt die in solchen Fällen unvermeidliche große Rede, die in der Ueberreichung eines durch allgemeine Sammlung aufgebrachten Geldgeschenkes gipfelte. Aber die Antwort der würdigen Matrone, die 37 Jahre lang Theaterluft geatmei hat, fiel ganz unerwartet aus. Die ehemalige Logenschließerin erklärte, sie wolle auf die Summe verzichten, ja, sogar die ih zukommende Pension zurückweisen, wenn es ihr statt dessen vergönnt sei, auch weiterhin bei den Generaiz####### anwesend zu sein. Sie erstrebe keinen Orchestersessel, sondern nur einen Sessel im Korridor, wo sie die Schauspieler und auch die Herren Journalisten und Kritiker sehen könne. Also etwal mehr als ein oberflächliches Interesse an schönen Kleidern lag hier doch wohl vor. Wieder einmal ein Beweis, daß unserAs materialistisch verschriene Welt doch besser ist als ihr Rut