BEL, Ga OATESTAT Beilage zum Allender Kreisblatt zugleidt Bonnersfag, den 18. April 1932 Nummer 17 enrader Cholera. Kriegserlebnis von Heinrich Stieghorst=Hannover Es ist möglich, daß wir in diesem Kriege fallen, den sie den Weltkrieg nennen. Es ist aber auch möglich, daß wir wieder nach Hause kommen, denn es dauert schon fast ein Jahr, und lange kann es jetzt nicht mehr dauern. So meinen wir. Aber, ob wir sterben oder leben, es darf uns nicht kümmern, denn wir sind preußische Gardekanoniere. Wir fürchten den Tod auf dem Schlachtfeld nicht. Einmal aber haben wir uns vor dem Tod gefürchtet, schrecklich gefürchtet:. g. E. x grinmt si. Es ist Juli, ein heißer Juni. Jeven Tag orennt die Sonne vom hellen, wolkenlosen Himmel. Seit fünf Uhr früh marschieren wir heute schon. Die Feldflaschen sind längst leer. Die Zunge liegt uns dick im Munde. Die heißflimmernde Luft tut unseren staubverquollenen Augen weh. Die russische Landstraße ist endlos. Snobchen/ Erzählung von Alfred Als Yella das Licht dieser Welt erblickte, hielt sie keinen massiv goldenen Löffel im Kirschenmündchen. Das ist schon an die zwanzig Jahre her und fast gar nicht mehr wahr. Jetzt ist ihr Vater von Beruf Kommerzienrat, während sich von der Mutter schlechterdings nicht mehr sagen läßt, als daß sie als eine geborene Piesecke in die damals noch keineswegs mit Glücksgütern überhäufte Ehe ging. Der Lebensbund hat dann durch eisernen Fleiß sehr erheblichen Reichtum gezeitigt, hinsichtlich der Nachkommenschaft jedoch sich mit einem einzigen, dafür aber hervorragenden Exemplar begnügt. Yella durfte also nach Form und Inhalt als regelrechtes Prachtmädel gelten. Da aber hienieden bedauerlicherweise nichts vollkommen sein soll, so war auch sie mit einem Fehler Wir marschieren jetzt durch ein langgestrecktes Dorf, das behaftet: sie war ein aufgelegter Snob. Ihr selbst konnte aus ohne Leben, todmüde in der sengenden Sonne des Frühnach= dieser Tatsache eigentlich kein Vorwurf gemacht werden. Sie mittags liegt. Knarrend mahlen die Päder unserer schineren stellte lediglich das enverfälschte Produkt ihrer Erziehung mittags begl. Knarreno mählen die Raber unserer schweren Kanonen im Staub der Dorfstraße. August Zaginsky, der sich einmal abseits schlängelt, winkt uns zu sich heran. Wir können ruhig einmal von unserem zweiten Geschütz weg. Es merkt kaum jemand, denn die Offiziere reiten weit vorn, und der Veterinär, der am Schluß der Batterie auf seinem müden Gaul daherzieht, ist noch weit weg. Außerdem hat er bei uns Kanonieren als Pferdedoktor nicht viel zu melden. Wir laufen eine Strecke seitwärts, kommen in einen großen Garten, den uns Zaginsky zeigt, und holen die Aepfel und Birnen von den Bäumen. Sie sind ja noch grün, aber Obst haben wir lange nicht gehabt. Dann bilden wir uns auch ein, es müßte den Durst löschen. Wir stecken uns noch die Taschen voll und sausen dann hinter der Batterie her, die schon weit vorn ist. Wir können sie nicht mehr sehen. Wie wir an eine Wegkreuzung kommen, steht da ein Brunnen. An einem langen Balken baumelt ein Eimer hoch in der blauen Luft. Aus dem Brunnen strömt es kühl herauf. Herrlich. Wir brauchen den Eimer am Balken bloß hinunter zu lassen. Dann taucht er mit kaltem, frischem Wasser wieder auf. „Ein Königreich für ein Glas Wasser!“ sagt Wilkens, jetzt, da er den Feldbecher voll hat. Leidenberg bedeutet ihm, er möge die Eschnauze halten. Erstens sei er, Wilkens, kein König, sondern Teppichweber, und zweitens hätte er nichts zu verschenken. Und er, Leidenberg, würde keine Kanonierslöhnung für ein Glas Wasser geben. Auch nicht bei dieser Affenhitze, fügt er noch nachdrücklich hinzu, als Wilkens Zweifel ausdrückt. Wir füllen uns, als wir uns satt getrunken haben. auch noch die Feldflaschen. und zu aulem Ueberfluß gießen wir uns das kalte Wasser über die heißen Hände und waschen uns den Staub aus den Augen. Wir fühlen uns frisch wie maurische Granden am plätschernden Springbrunnen. „Gediegen", meint Vierkenbein nachdenklich,„daß die Batterie hier nicht gehalten und getränkt hat.“ „Wenn der Alte nicht will, will er eben nicht“, meint Zaginsky mit stoischer Ruhe und schneidet damit jede weitere Mutmaßung ab. „Nu aber dalli!“ drängt der Geschützführer. „Ich will noch eben für mein Tagebuch sehen, wie das Kaff hier heißt“, sage ich und gehe zu dem Pfahl, der nicht weit vom Brunnen steht. Das Schild oben an der Stange dreht uns den Rücken zu. „Vorsicht, nicht trinken, choleraverdächtig!“ steht auf dem Schild. „Lest mal!" brülle ich und merke, wie mir übel im Bauch wird. Wir können es erst nicht fassen. Dann lassen wir die Feldflaschen leerlaufen und wersen die grünen Aepfel und Birnen, die wir noch in der Tasche haben, auf die Straße. „Gemeiner Hund, der das Schild umgedreht hat!“ flucht Wiltens.„„ e J, Seiten(Krzihan Sannens „Das hätten sie auch auf beide Seiten schreiben können", sagt Zaginsksy und drückt die Feldflasche, als könne er sie auspressen wie eine Zitrone. „Und das auf die grünen Aeppel!“ klagt Wilkens. Er steckt den Finger in den Hals, um Brechreiz zu bekommen. „Hat gar keinen Zweck mehr, Fritz“, sagt Zaginsky gelehrt, „die Pastillen sind jetzt doch drin. Die kriegste nicht wieder raus.“ „Bazillen", verbessert Grethe, der Geschützführer, seinen Kanonier. Dann meint er:„Isch ja bloß verdächtig. Beschtimmt isch es net.“ Wir glauben nicht an diese schwache Hoffnung. Wir haben Angst, bleiche, ekle Angst vor einem Tod, wie er uns bevorkeht Abends, als die Zelte aufgeschlagen sind und die Feuer brennen, ruft der Hauptmann uns zusammen und sagt, es sei strenger Befehl vom Bataillon gekommen, das Wasser nur abgekocht zu genießen. Wir vom zweiten Geschütz sehen grün aus vor Uebelkeit. Und vor Entsetzen vor dem Tod, den wir in unseren Därmen mitschleppen. Wie es Kaffee gibt, schmeckt er scharf nach Rum. „Ja“, sagt einer,„ich hab' gehört, wie der Alte zu den Küchenbullen gesagt hat, sie sollten abgeben, soviel verlangt würde. Alkohol wäre das einzige Mittel gegen die Biester, die Bakterien.“ Leidenberg sagt gar nichts. Er schnappt sich zwei große Eimer und walzt zur Feldküche. „Zweites Geschütz“, meldet er sich. „Haben alle schon gehabt“, sagt der eine der beiden Küchenbullen. „Wollen alle nochmal“, sagt Leidenberg kurz und hart. „Ihr seid wohl verrückt geworden!“ bellt der Küchenunteroffizier dazwischen.„Denkt Ihr, wir kochen die ganze Nacht?“ „Hau ab, Mensch!“ sagt der andere Küchenbulle. „Jawoll“, brüllt Leidenberg und knallt die leeren Eimer aneinander,„und mal eben den Herrn Hauptmann fragen, wie oft empfangen werden darf und ob die Küche den ganzen Rum allein saufen soll, Ihr...“ „Otto, mach ihm die Eimer voll“, sagt der Küchenunteroffizier ängstlich,„dem ollen Quackelfritzen! Immer dieselben, immer das zweite Geschütz...“ Was weißt Du von unserer Seelenqual, denkt Leidenberg. Du hast keine Cholerabazillen verschluckt. Wir trinken den scharfen Rumkaffee. Beide Eimer leer mit sechs Mann. Eigentlich hätten wir betrunken sein müssen wie die Strandhaubitzen. Aber wir bleiben nüchtern, wir schlafen nicht unter unseren Zelten. Ein prasselndes Gewitter, das nachts niedergeht, löst unsere Qual auch nicht gerade. Mit Morgengrauen setzt die große Durchbruchsschlacht ein. Wir schießen und werden beschossen. Dem Himmel sei Dank, da brauchen wir doch nicht immer an die grausige Cholera zu denken. Die Schlacht haben wir gewonnen, davon Rußland sich nie wieder recht erholte. Cholera haben wir nicht bekommen, aber auch nie im Feldzug, der noch drei Jahre dauerte, wieder ungekochtes Wasser getrunken. steulle lebiglich das undersalschte Produkt ihrer Erziehung dar, mit der ihre Eltern zu viel des Guten getan hatten. Sonst war Yella so hübsch, daß bei ihrem Anblick jeder Mann sich reinen Herzens freute.— Sie war gewachsen wie ein Licht, stand schlank und rank auf kerzengeraden Beinen. Und der Mund, der bereits oben erwähnte rubinrote, immer ein klein wenig feuchte Kirschenmund, das war überhaupt kein Mund. Es war ein symbolisierter Kuß, ein dunkelrotes Rosenblatt im Tau der Johannisnacht. Und um ihn herum lag ein süffisanter Zug herausfordernder Unnahbarkeit, der ganze Inbegriff ihres tums!— Den Namen Snobchen hatte sie sich schon frühzeitig erworben. Er stammte von ihrer Busenfreundin Pi, mit der zusammen sie in Vevey im Pensionat gewesen war. Ihre allerintimste Freundin Pi hieß in Wirklichkeit Pia Annunziata und war die Tochter einer Erzherzogin. Am Geufer See schloß Yella sich auch eng an eine bayerische Erlaucht an, die sich, wie auch Pi, in ihrem Stammbuch verewigen durfte. Dann kam noch ein Pensionsjahr in Brighton, woselbst Yella erstens mit Portraterin des schattischen Hochadels zweitens mit einer Vertreterin des schottischen Hochadels, zweitens einer zierlichen Französin aus einer zwar verarmten, aber sonst ganz bourbonentreuen Vicomtefamilie eine Lebensfreundschaft schloß. Auch diese zwei jungen Damen durften sich im Stammbuche verewigen. Und jetzt war Yella wieder zu Hause und verwertete die Früchte ihrer Erziehung. Sie sprach wundernett französisch, englisch und italienisch und verstand allerhand Notwendiges von Musik und Literatur. Sie fuhr einen hundertpferdigen Sportwagen, war eine gute Turnierceiterin, spielte bemerkenswert Tennis und tanzte vollendet. Der Vollständigkeit halber bliebe allenfalls noch zu erwähnen, daß Yella offiziell verlobt war, und zwar mit dem Grafen Jobst Rheinwart von Fayl=Käferstein. Schon seit über einem halben Jahr bestand diese Verlobung. Die beiden schönen jungen Menschenkinder hatten zuerst viel zusammen getanzt, dann sich naturgemäß ausgiebig über fabelhaft ernste Dinge unterhalten und inzwischen bis zur Unkenntlichkeit ineinander verliebt. Hiervon ganz abgesehen, war Yella damals gerade auf Wunsch ihrer Eltern in Oel gemalt worden. Vincenz Hochscheid, emn lieber Mensch und tüchtiger Könner auf dem sicheren Wege; zu Erfolg und Namen, hatte ein nennenswertes Honorar für dies Konterfei bezogen, im Austausch dagegen jedoch in selbiges Bild sein ganzes Herz hineingepinselt, sofern es nicht schon vorher durch eine wilde Leidenschaft für das loh in Flammen ausgegangen war. Die während der Sitzungen aufsichtführende Gegenwart der Mutter hatte hieran nichts zu ändern vermocht. Erstaunlicher aber mutete es an, daß Yella sich dem Eindruck von Vincenz Hochscheids bezwingendem Naturburschentum, der Wirkung von etwas Atelierzauber, Künstlerromantik und Terpentingeruch und schließlich auch der Ansteckung durch den überspringenden Funken nicht hatte erwehren können. Snobchen verkroch sich, und Yella verknallte sich bis über beide Ohren. Anfangs war sie über sich selbst wütend, bis sie die Nutzlosigkeit dieses aus Unerfahrenheit angewendeten Gegenmittels erkannte. Dann gab sie es auf, ihren Empfindungen in gewohnter Weise Zwang aufzuerlegen, und überließ sich um so willenloser dem sußen Gaukelspiel ihres natürlichen Temperaments. Sie sah das Leben plötzlich in strahlendem Flimmer. Sie ahnte nicht, daß jede Verschlossenheit das ganze Weltall mit vergißmeinnichtblauer und rosenroter Tünche anstreicht. Und noch etwas anderes ahnte sie nicht: daß Snobchen seinen Höhentrieb ganz aus dem Gedächtnis verloren hatte und verlobt war. Sie brachte überhaupt alles durcheinander. Und da Yella und Vincenz im Grunde genommen zwei große Kinder waren, die noch nichts erlebt hatten, und sich daher einbildeten, durchaus etwas erleben zu müssen; und da Vincenz als braver Malersmann besser in den Wolken als auf der Erde Bescheid wußte, so verschleppte er Yella mit sich in seine höheren Regionen und verdrehte ihr solange den Kopf, bis sie auf ihren schönen Beinen keinen rechten Halt mehr hatte und auch in der Luft umherflog. Und dann schnappten sie beide gänzlich über und beschlossen durchzubrennen. Wohin, stand noch nicht fest: psychisch jedenfalls ins Glück und geographisch nach dem Süden. Zur festgesetzten Stunde erwartete er sie auf dem Bahnhof. Der Zug stand schon bereit. Vincenz trug einen Lodenanzug mit obligaten Pumphosen. Ihm war beängstigend heiß. Sein Gepäck, ihr gemeinsames Gepäck, stand neben ihm. Es setzte sich aus zwei Reisetaschen zusammen, auf deren einer das Malerhandwerkszeug festgeschnallt war. Endlich kam sie den Bahnsteig entlang getrippelt. Ihr Gesichtchen glühte. Auch ihr war beängstigend heiß. Der Zug mußte bald abfahren. Es galt also, sich einen Platz zu sichern. Vincenz riß eine Abteiltur auf und sprang hinein. Dann beugte er sich heraus und bedeutete Yella, ihm die leichten Gepäckstücke zu reichen. Sie tat einen Blick in das reichlich angefüllte und rauchdurchzogene Abteil dritter Klasse. Ein Schauder überlief sie, der in eine Cänsehaut ausartete. Sie sah sich im Geiste schon an Vincenz' Seite mit Rucksäcken und Nagelschuhen auf der Schwabinger Landstraße einherwandeln. Und dann bückte sie sich— gedankenlos, mechanisch, automatisch bückte sie sich in der Richtung der Taschen und streckte das weißbehandschuhte Händchen danach aus. Weiter kam sie nicht. Ihr wurde schwarz vor den Augen, und sie glaubte, umsinken zu müssen. Und da setzte die Erleuchtung ein. Wohin war sie geraten? Was in aller Welt trieb sie eigentlich für Unfug auf diesem Bahnsteig? Wenn sie gesehen würde? Wenn etwas von der ganzen Geschichte ruchbar werden könnte! Und— oh, über die untilgbare Schmach— wenn Pia Annunziata auch nur einen Bruchteil davon erführe! Sie ließ alles gehen und stehen und rannte den Bahnsteig hinunter, durch die Sperre und auf die Straße, warf sich ins erste beste Auto und schrie dem Chauffeur zu, sie eine halbe Stunde durch den Tiergarten zu fahren. Sie kauerte in einer Ecke und weinte sich die Seele aus dem Leibe. Dann kam sie nach und nach wieder zu sich und machte sich zurecht. Sie hatte einen Entschluß gefaßt und glaubte, ihren Weg ganz klar vor sich liegen zu sehen. Sie wies den Chauffeur an, sie zu einem Zigarrenladen zu bringen, und benutzte dort einen Zigaretteneinkauf zu einem längeren Telephongespräch. Graf Fayl erwartete sie bereits, als der Wagen vor dem Ministerium hielt, in dem er beschäftigt war. „Ich habe Hunger und will frühstücken“, erklärte Yella. „Hast Du Dich freimachen können? Du leistest mir doch Gesellschaft?“ „Grundsätzlich entzückt“, entgegnete er. Sie wünschte, ins Unionhotel zu gehen. Die beiden be2% gaben sich in das bei der vorgerückten Stunde schon fast leere Original lichter=Restaurant und nahmen an einem versteckten Ecktisch Platz. Und dann ging Yella auf ihr Ziel los.„Jobst Rheinwart", begann sie,„ich habe einen häßlichen Traum gehabt.“ „Liebe?“ erkundigte er sich. „Etwas Aehnliches.“ „Der Maler?“ fragte er weiter. Sie zuckte zusammen.„Wie kommst Du darauf?“ „Ich bin doch nicht blind und taub!“ erwiderte er mit aniger Schroffheit, die sie bisher noch nie an ihm bemerkt. „Und dann läßt Du das alles geschehen?“ warf sie ihm vor.„Bist Du denn nicht mein Verlobter?“ Er lächelte freundlich.„Wie Dir die Laune ger danach steht, lieb te Yello.“.. W. E=rAm m. E.i. Sie schwieg, denn sie merkte, wie verändert er war. Sein scharf geschnittenes, schmales Gesicht, dessen gleichbleibender Ernst sie oft nervös gemacht hatte, erschien ihr heute noch ernster. Und in seinen offenen Augen lag etwas wie Kummer und Besorgtheit. Er sah vor sich hin auf das Tischtuch, als er etzt in leitem. gütigem Ton das Wort an sie richtete. „War es sehr schlimm?“ meinte er „Es ist noch alles gut gegangen.“ Auch sie blickte nieder und nestelte an ihrem Kleide. Und als der Mann jetzt, ohne ein Wort zu sagen, verstohlen ihre Hand ergriff und an die Lippen führte, hätte sie fast laut aufgeschluchzt. Aber Della wollte nicht wieder in den Fehler mangelnder Willenskraft zurückfallen, da sie ihren Weg doch klar vor sich zu sehen glaubte. „Wir wollen bald heiraten, Jobst Rheinwart“, kündigte Yella kurz und peremptorisch an. „Grundsätzlich entzückt“, lautete seine Antwort. Sie verbiß ihren Aerger, um ihre Tatkraft für das Kommende aufrechtzuerhalten.„Und außerdem wünsche ich, daß dies innerhalb dreier Tage geschieht. Wir werden nach England fliegen!“ Er erstarrte ob dieser Formlosigkeit verständnislos. „Ich werde Dir erklären", ergänzte sie mit dem Tonfall erzwungener Ruhe.„Man muß im Leben immer genau wissen, was man will, und ich will in Kultur leben und Gräfin Fayl sein. Wer bürgt mir dafür, daß Du nicht abspringst? Also in den nächsten drei Tagen, wenn ich bitten darf.“ Noch immer sah er sie entgeistert an. „Warum sagst Du jetzt nicht: grundsätzlich entzückt?“ fragte Snobchen. „Weil ich es nicht bin!“ Seine zitternde Stimme versagte fast von der verhaltenen Erregung.„Und jetzt, liebe Yella, werde auch ich Dir etwas erklären. Das Schicksal hat mir heute die bittere, längst geahnte und immer wieder abgewehrte Erfahrung beigebracht, daß ich für Dich nicht mehr und nicht weniger bin als ein— immerhin ziemlich wichtiger— Faktor in Deinem Snobtum. Wäre ich nicht ein armer Teufel, süße Yella, ich nähme Dich auf meine Arme und trüge Dich ans Ende der Welt. Nach Deinem bisherigen Verhalten durfte ich als Mann und anständiger Mensch nur warten. Vielleicht durfte ich nicht einmal solange warten, wie ich es getan habe. Aber ich hatte nicht die Kraft, mich von Dir loszureißen, Du sündhaft schönes, gutes, kluges und doch so dummes Mädel! So hast Du mich um mein Glück gebracht, wenigstens an Deiner Seite leben zu können, und mich um die Hoffnung betrogen, mir vielleicht Deine wahre Zuneigung doch noch zu erwerben. Ich darf Dich nunmehr wohl bitten, unsere Versobung als gewesen zu betrachten. Wollen wir jetzt gehen?“ Er hatte sich erhoben und stand in seiner ganzen Größe wartend vor ihr. Sie vermochte sich nicht gleich aufzurichten. Sie war aschfahl und ihre Knie bebten. „So lieb hast Du mich?“ seufzte sie halb vor sich hin. „Hättest Du mir's nur manchmal gesagt— es wäre alles anders gekommen.“ Sie hielt inne und sah unter den langen Wimpern ihrer niedergeschlagenen Augen unsicher fragend zu ihm empor.„Sag' es noch einmal!“ Er antwortete nicht. „Wenn ich es doch gern hören möchte“, bat sie.„Sag es mir noch einmal, wie lieb Du mich hast.“ Ihre Blicke waren voll auf ihn gerichtet. Sie trafen ihn durch den verschleiernden Glanz zweier Tränen, die langsam über ihre Wangen sickerten. Um ihre Lippen aber, um den unbeschreiblich verführerischen, märchenhaft süßen Kirschenmund spielte ein unwiderstehlich versprechendes, ein wenig verschmitztes und doch auch ein wenig süffisantes Lächeln. Er sah das alles ganz deutlich und rührte sich noch immer nicht. Da schnellte sie plötzlich in die Höhe und umschlang ihn ganz eilig, ganz fest und innig mit beiden Armen. „Ich will es hören!“ befahl sie kaum vernehmbar und doch unwiderlegbar dringlich.„Wie lieb hast Du mich?“ „Unmenschlich, Snobchen“, flüsterte er ihr ins Ohr,„unmenschlich.“ „Und ich“, jubelte sie,„ich hätte ja doch nie, nie von Dir gelassen— und wenn Du August, August— na meinetwegen August Piesecke hießest!“ Der Kellner kam mit der Rechnung. „Wir zahlen das nächste Mal“, bedeutete ihm Yella. Und dann gingen sie, ohne sich um die vielen neugierigen und erstaunten Augen zu kümmern, eng aneinandergeschmieg durch die Halle des Hotels dem Ausgang zu. Der Skizze von Berend de Vries. Nackt und grau liegt der neue Polder im meilenweiter Ring der Deiche, baum= und strauchlos; nur an den wenigen noch nicht urbar gemachten Stellen breitet sich braunes Gestrüpp verdorrter Meerstrandastern. Wochenlanger Ostwind hat den zähen Kleiboden wie Zunder ausgetrocknet. Wenn jetzt ein Mann über die Erdkluten trampelt, stäubt es in kleinen Wolken um seine Füße. Das richtige Wetter zum Pflügen. Noch ist ringsum fast alles tot und erstarrt. Strichweise nur trinkt da und dort ein langes, dunkelgrünes Winterkornfeld Licht und Leben in sich hinein. Gewiß, auch in dieser weltverlorenen Ecke der Marsch wird es Frühling Die Lerchen singen über den Aeckern. Ja, und man muß auch die schmalen, zartgrün aufsprossenden Graskantenstriche längs der Gräben nicht vergessen. Tot und erstarrt? Was blinkt denn zuweilen von allen Seiten her über die kahle ebene Fläche? Das sind die vielen Pflugscharen. Wie Blitze fliegt ihr Schein in die Weite. Der Polder ist erwacht Die Arbeit hat ihn unter den Fäusten. Einsam ist und bleibt es jedoch an der Stelle, wo Ulfert Janssen heute pflügt, dort hinten, in der Nähe des Außendeichs. Jedesmal, wenn er eine Furche in der Richtung auf die Westmole zu Ende gepflügt hat, wirft er, den dampfenden Braunen eine kurze Ruhepause gönnend, einen Blick nach Norden, wo hinter dem Binnendeich die roten, weißgefirsteten Scheunendächer des Dorfes Wybelsum vor dem blaublanken Himmel aufragen.„Merkwürdig“, denkt er dann,„man muß halbverfaulter sich daran gewöhnen.“ Damit meint er den Anblick des Wind. Puh! Landschaftsbildes. B.nächis Geran as, Es ist eigentlich nichts Mertwurdiges daran. Fur den nämlich, der das seit dem Kriege eingedeichte und seit sechs sieben Jahren in Gebrauch genommene neue Polderland von Anfang an kennt. Das aber kommt für Ulfert Janssen nicht in Betracht. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes Neuland für ihn, das er hier pflügt. Er kommt geradeswegs von Nordamerika, wo er zwanzig Jahre gelebt, wie ein Pferd gearbeitet und es schließlich nach einigen sich rasch verflüchtigenden Glücksfällen doch zu nichts gebracht hat. Ja auch Ulfert Janssen hat ein paar Tropfen aus der Schale des Glücks genippt. Er ist wohlhabend gewesen, hat Frau und Kind besessen. Die Wohlhabenheit ging zum Teufel; Frau und Kind starben. So kann es kommen... Seine Gestalt ist lang und bager, ausgedörrt von zwanzig heißen Präriesommern; dennoch kann man den ehemaligen Königsulan nicht verkennen. Das Haar ist an den Schläfen ergraut. Tiefe Falten ziehen sich von den Nasenflügeln nach den Mundwinkeln. Schmal und etwas verkniffen sind die Lippen. Aber seine grauen Augen blicken noch rasch und hell. Ja, für Ulfert Janssen ist es merkwürdig genug, an dieser Stelle zu pflügen. Denn hier, wo er jetzt besten Kleiboden beackert, hat er als Knabe auf einer Sandbank, der Wybelsumer Plate, oft zur Ebbezeit gespielt. Jetzt ist die Sandbank eingedeicht und liegt unter einer meterdicken Kleischicht... War nicht auch Heika Helmers einmal mit dabei? Richtig, er entsinnt sich deutlich. Es ist an einem Sonnabend im Mai. Der Garnelenkutter des alten Wattfischers Haye Bruns liegi auf der Sandplate. Die Außenwände des Kutters werden gereinigt und frisch gestrichen, Hay'=Ohm und seine beiden Söhne sind dabei zugange. Sie haben sechs Stunden Zeit, dann kommt die Flut. Mittlerweile tollen sie, Heika und er, auf der Plate umher. Eine neue Welt tut sich auf. Ist es nicht merkwürdig? Dort, im Norden, hinter leeren Prielarmen, grauen Wattenweiten und dem hohen grünen Seedeich, liegt Wybelsum; weiter östlich gleißt das schieferne Kirchdach von Larrelt in der Sonne. Gibt es etwas Herrlicheres als diese Sandbank? Sie fangen Garnelen, greifen mal einen Butt. Es gibt allerlei zu entdecken. Da liegt Treibholz; ein Gegenstand, den sie anfangs in der flimmernden Ferne für ein kleines Boot halten, entpuppt sich als ein harmloser Holzschuh; und dort, am äußersten Westzipfel der Plate, stinkt ein Seehundskadaver sieben Meilen gegen den Heika rennt über den geriffelten, tennenharten Sand davon. Sie stößt kleine spitze Schreie aus, denn es tut den nackten Fußsohlen ein wenig weh, wenn man über messerscharfe Sandrippel läuft. Ulfert kann sie kaum einholen. Ihr rotblondes Haar fliegt im Wind. Hatte sie nicht blitzblaue Krallaugen? Eine Teufelin war es, das kleine Frauenzimmer Ulfert Janssen schnalzt mit der Zunge und treibt die starken Braunen voran. Fest umfaßt seine Hand den Pflugterz. Ja, er kann noch pflügen. Abbo Freerksen soll zufrieden sein. Aber der zähe Polderklei läßt sich nicht so leicht bearbeiten wie der braune Boden Minnesotas. Und Motorpflüge, wie sie drüben gebraucht werden, sind einfacher zu bedienen als ein altmodischer, von Gäulen gezogener Pflug. Die Luft der Heimat geht herb und schwer. Er ist nicht mehr tung. Ulfert. Aber zähe, von der Art, die sich nicht unterkriegen läßt. Bekam er nicht sofort Arbeit, als er heimgekehrt war? Ohne sich zu bedenken, hat Abbo Freerksen ihn angestellt. Vielleicht wollte der damit etwas wieder gut machen, was sein Vater an den Janssens Ungutes getan hatte? Vielleicht auch nicht. Die Bauern in der Marsch sind ein stolzer, unberechonharer Menschenschlag. In kurzer Entfernung folgt ein Möwenschwarm dem Pflüger. Unablässig, eine blendend weiße Wolke, flattern die Seevögel über den blinkend schwarzen, soeben von der Plugschar aufgeworfenen Erdschollen: gierige Schnäbel stoßen in den frischen Klei nach mancherlei Gewürm; dann hebt sich der Schwarm, die Beute verschlingend. Immer von neuem wiederholt sich das Spiel, bis die lange Furche fertig ist und die nächste beginnt. Ulfert Janssen, der einsame Pflüger, verrichtet unverdrossen sein Tagewerk. Die Luft ist kalt und klar. Seine Gesichtshaut rötet sich. An das veränderte Landschaftsbild hat er sich gewöhnt. Er ist eine nüchterne, durchaus unromantische Natur. Aber merkwürdig: er kann das Bild seiner Jugendgespielin von der Wybelsumer Plate nicht wieder loswerden. Immerzu sieht er, wenn auch in weiter, weiter Ferne, die blitzblauen Krallaugen und das golden in der Sonne leuchtende rotblonde Haar des Mädchens.„Verrückt", brummt er endlich und knallt dem erschrockenen Bleßfuß die Leine auf die breite Kruppe: Als er gegen Abend heimreitet, gesellt sich unterwegs ein junger Knecht zu ihm, der ebenfalls sein Tagewerk hinter sich hat. Sie reiten eine Zeitlang schweigend nebeneinander her. Hell klappern die Eisen der Pferde auf den Klinkern des Polderweges. Ulfert Janssen betrachtet den Jungkerl von der Seite. Ist es möglich? Warum sollte es nicht möglich sein? Der Bursch da— ist das ein Sohn von Heika Helmers? Es sind ihre Augen, etwas härter und männlicher nur. Der Jungkerl, warm von der Arbeit, schiebt die Mütze in den Nacken. Sein rotblondes Haar, leicht gekraust, flammt golden in der Abendsonne. Da besteht für Ulfert Janssen kein Zweifel mehr: er hat Heikas Sohn vor sich.— Nun ist natürlich diese Haarfarbe nicht selten in der Marsch. Im Gegenteil. Aber es gibt Merkmale, die bestimmte Sippen und Geschlechter kennzeichnen. Ulfert Janssen bricht das Schweigen. In der kargen, einander vorsichtig abtastenden Art der Marschleute wechseln sie ein paar Worte, und bald findet Janssen Vermutung bestätigt. Es ist Heikas Sohn, der da neben ihm reitet. Sie wohnt auf einem Dorf in der Näbe. Fünd Söhne und drei Töchter hat sie. Ihr Mann fiel vor Verdun. „Ihr Haar ist weiß“, sagt der Jungkerl,„aber sie hat uns alle unter der Fuchtel“. Und er sieht Ulfert aus den Augen seiner Mutter stolz und blaublitzend an. Bei dem Deichdurchlaß trennen sie sich. Ulfert Janssen sieht dem Jungen eine Weile nach. Der sitzt schlacksig zu Pferde. Nun, denkt er, woher sollen die jungen Kerle auch Haltung haben? Fußballspiel allein tut's nicht. Und sieht sich plotzlich, inmitten der Schwadron, als Königsulan über die Vahrenwalder Heide preschen. Dann reitet er nachdenklich heim. In seinem Kopf wirbelt ein dummer Gedanke herum:„Ihr Haar ist weiß..., aber du solltest einmal beheika vorsprechen, alter Bursch.“ Stizze Der Vampyr. von Ernst Klinghart. Für Ellen Kühn war dieser Film wie eine Erleuchtung. Sie hatte das Lichtspielhaus in der Vorstadt, dessen Kundschaft als recht gemischt galt, nur besucht, um einmal von den ewigen Gedanken an ihr Unglück abgelenkt zu werden. Und nun erlebte sie dort auf der Leinwand ein Mädchenschicksal, das dem ihren um ein Haar glich. Hätte sie nicht ebenso gut die Rolle der Heldin dort spielen können, die liebte und geliebt zu werden glaubte, bis ein Zufall ihr verriet, daß sie nur ein Spielzeug war? Ohnmächtige Wut hatte sie nach dieser Enttäuschung gepackt, ohnmächtig deshalb, weil sie sich irgendwie rächen wollte und doch nicht wußte, wie sie es machen sollte. Jetzt wies ihr dieser Film den Weg. Da war aus einem liebebedurftigen und dann bitter enttäuschten jungen Mädchen das geworden, was sie einen„Vamp“ nannten, einen menschlichen Vampyr, der seine Opfer bestrickte, um sie zu verderben. Und wie gelang der Filmheldin diese Rache! Wie wußte sie mit dem heißen Blick ihrer lauernden Katzenaugen die Männer zu fesseln! Wie wußte sie in ihnen Andacht und Begehren zugleich, Liebe und zur selben Sekunde Angst, Hoffnung und Bangen, Furcht und doch wieder heißes Verlangen zu wecken! Wie sehnten sich die Männer nach ihr, welche Demütigungen erduldeten sie in der Hoffnung auf ein gutes Wort, einen kurzen Blick, wie fraßen Leidenschaft und Mißtrauen in ihnen, wie mußten sie Sekunden des Glücks mit tausendfacher Qual bezahlen! Und dann blieben die Opfer am Wege liegen, und der Vamp schritt als Sieger über sie hinweg. Das war die Rache, die Ellen Kühn ersehnte. Sie wollte es ebenso machen, wollte von der Filmheldin dort lernen, wollte sich diesen Blick, diese Bewegungen, dieses kalte Mienenauf Der Herr der Berge etize von Panl B### erli In aller Eile rüsteten wir eine Expedition aus, um die jeltene Gelegenheit zu benutzen, einen jungen, aber bald flüggen Steinadler in seinem Horste zu betrachten und zu photographieren. Die Erwartungen aufs höchste gespannt, machte sich die „Adler=Expedition“ auf den Weg, dabei gewiß nicht weniger jagdpassioniert, als wenn es gegolten hätte, den stolzen Luftkönig mit der Kugel zu erbeuten. Ueberhaupt, ist denn der Adler nicht schon selten genug geworden— da und dort nimmt er bereits den tragischen Ruhm eines Naturdenkmals in Anspruch!— als daß man ihm gleich mit der Waffe in der Hand entgegentreten muß! Glücklicherweise entstanden dem Bedrohten in den letzten Jahren Anwälte und Schützer, denen es gelang, seiner brutalen Dezimierung Schranken zu setzen und weiterhin auch noch Einfluß auf die jagdliche Gesetzgebung zu gewinnen, so daß die Adler nunmehr vor Ausrottung gesichert sein dürfen. Es läßt sich bereits die erfreuliche Tatsache feststellen, daß der Steinadler verschiedenenorts, besonders in jenen Gebirgsgegenden der Schweiz, die große und gut beaufsichtigte Schongebiete besitzen, im Zunehmen begriffen ist. In Kreisen weidgerechter Jäger ist man auf einer jagdmoralischen Warte angelangt, von der aus der Adler= schütze nicht mehr mit dem traditionellen Nimbus des tüchtigen Hubertusjüngers angetan, sondern in gewissen Fällen geradezu mit jägerischer Aechtung bestraft wird. Der Protest, der aus der Mitte ernsthafter Weidmänner gegen den unbegründeten Abschuß der Adler erhoben worden ist, darf ganz besonders gewertet werden, zeigt er doch deutlich, daß Jagd und Naturschutz einander nicht ausschließen. Nun sind wir am Horst! Aber so ganz einfach gestaltet sich das Photographieren der jungen Hoheit nicht. Der Kameramensch muß es in Kauf nehmen, daß wir ihn ordentlich„am Seil herunterlassen“. Unter einer Steilwand, zum Schutze vor Sonne und Unwetter in einer Felsennische angelegt, befindet sich der Adlerhorst. Aus der Anlage dieser königlichen Behausung geht hervor, daß der Steinadler einen schattigen Oxt bevorzugt. Begreiflich: da wo die Sonne nicht spiel einprägen. Und sie freute sich schon auf den Augenblick, da sie den ersten eingefangen haben wurde, daß er sich nach ihrer Erhörung sehnte und sie ihn dann durch ein Wort, durch einen verächtlichen Blick aus dem Himmel beinahe erfüllter Hoffnungen verstoßen wollte. Diese Rache mußte kostbar sein. Bei alledem war Ellen Kühn ehrlich genug, sich zu sagen, daß sie ihre Rolle, die sie ja bis jetzt noch nie gespielt hatte, nicht während einer einzigen Kinovorstellung würde lernen können. So begnügte sie sich an diesem Abend mit der ersten Unterrichtsstunde, um dann zu Hause im Spiegel ein wenig zu prüfen, ob schon etwas in ihrem Gedächtnis haften geblieben war. Am anderen Tage saß sie wieder im gleichen Vorstadtkiao, in das Ellen Kuhn schon ihrer äußerlichen Erscheinung wegen nicht recht paßte. Und wieder folgte sie gespannt dem Spiel des Filmvamps, allmählich davon überzeugt, daß ihr die Kolle gelingen würde. Als sie wieder aus dem Lichtspielhaus trat, glaubte sie schon die erste Gelegenheit zu haben, ihr neues Können zu prüfen. Vor der Auslage des Kinos stand ein junger Mann und betrachtete die Bilder. In dem Augenblick, da Ellen Kühn an ihm vorüber schritt, sah er auf, und ihre Blicke trafen sich. In der nächsten Sekunde war Ellen Kühn überzeugt, eine gelehrige Schiilerin des Filmvamps zu sein. Denn der Blick des jungen Mannes ging nicht achtlos zu einem anderen Gegenstand über, sondern blieb auf ihr haften, während sie an ihm vorüberging. Und deshalb fiel auch in diesem Augenblick Ellen Kühn die Tasche aus der Hand. der junge Mann sich sofort danach bückte, war die gewünschte Bekanntschaft unverzüglich vermittelt. Ellen Kühns Herz klopfte triumphierend, als der junge Herr ihr seine Begleitung anbot. Sollte sie ihn schon gefangen haben? Dann wollte sie jetzt spröde sein, ihn kalt behandeln, damit sie ihm um so begehrenswerter erschien, damit später die Enttäuschung um so größer wurde. Deshalb erlaubte Ellen Kühn dem jungen Herrn nur, sie ein paar Häuserblöcke weit zu begleiten, und seine Frage, ob sie ihm nicht die Freude machen wolle, demnächst ein anderes, ein besseres Lichtspielhaus mit ihm zu besuchen, beantwortete sie nur mit einem:„Vielleicht einmal.“— Natürlich stellte sie sich ein— mit einer Stunde Verpätung—, und sie empfand Genugtuung über die Ungeduld, die sie an ihm festzustellen glaubte, als sie ihn eine Minute lang unbemerkt beobachtete, bevor sie mit gleichgültiger Miene „Guten Abend“ sagte. Jetzt hatte sie ihn in ihren Fesseln.— In den nächsten Wochen trieb sie ihr Spiel mit ihm. Einmal war sie kalt zu ihm, dann machte sie ihn wieder mit einem Wort, einem Blick glücklich. Sie wunderte sich mitanter selbst darüber, wie leicht es doch war, den Vamp zu pielen. Sie hätte nicht geglaubt, daß ihr dieser Kurt Kassens mn so kurzer Zeit völlig verfallen würde. Aber trotzdem empfand Ellen Kühn keine rechte Genugmung über ihren Erfolg, über das vielversprechende Fortchreiten ihrer ersten Rache am Mann. Sie war unzufrieden und konnte doch nicht sagen, warum. Sollte sich die Rache doch schon zu lange für ihren Haß hinausgezögert haben? Vielleicht war es das wirklich. Auf jeden Fall wollte sie hren Triumph jetzt haben. Kurt Kassens war ja jetzt so weit, daß er den vernichtenden Schlag empfangen konnte. An einem Abend führte sie ihren Plan aus. Sie konnte ihre Erregung kaum meistern und fühlte, daß es Zeit zum Handeln war. Kurt Kassens selbst bot ihr die Gelegenheit dazu. Er griff, während sie in den stillen Anlagen neben einander zingen, plötzlich nach ihrer Hand:„Ellen!“ Da sagte sie, so kuhl sie konnte:„Was wollen Sie denn?“ Jetzt mußte er entsetzt ihre Hand fahren lassen, aus allen Wolken fallen, fassungslos sein. Merkwürdigerweise wurde sie es an seiner Stelle. Denn er ließ ihre Hand nicht fahren. Nahm Ellen unbekümmert in den Arm:„Ach, Mädel, mach doch keinen Unsinn mehr! Ich mag Dich, und Du magst mich, und zum Vamp eignest Du Dich doch nicht. Das habe ich beobachtet, seitdem ich Dich zum ersten Mal in diesem dummen Vampfilm sah. Komm her!“ Er fragte nicht lange, ob er sie kussen durfte. Sie wollte sich erst wehren, dann weinte sie, und zuletzt lachte sie glückaich, weil sie ihren Männerhaß plötzlich vergessen hatte und weil es so doch am schönsten war. Das Große Los macht faule Witze. Lotteriegewinne bringen nicht immer das erhoffte Glück.— Die böse Sieben und die verpaßten 100 000 Mark.— Lotteriespiel und Tobsuchtsanfall. Von Otto König. Das Große Los! Das Wort hat einen geradezu zauber haften Klang. Das Große Los! Stellt man sich darunter nicht alles irdische Glück vor? Das Große Los! Träumt nicht jeder Mensch einmal, daß es ihm in den Schoß gefallen ist? Baut er nicht Luftschlösser, malt er sich nicht aus, was er wohl mit dem vielen Geld beginnen will? Das Große Los steht für Millionen von Menschen auf der obersten Stufe jener Himmelsleiter, die sich jeder nach seinem eigenen Geschmack gebaut hat und die er so sehnsüchtig gern erklettern möchte. Wie sieht aber oft die Wirklichkeit aus? Ganz anders, aus, um ihn vor der Nähe des Menschen zu retten. Die Stunde, die für ihn zum entscheidenden Erlebnis wird, da er sich der Kraft seiner Flugel und mit ihrer Hilfe seinem eigentlichen Element, dem freien Luftraum, anvertrauen darf, hat heute noch nicht geschlagen. So kann er nicht weichen noch fliehen und muß die erschreckende Nähe des Unbekannten ertragen. Ja, ist es Schrecken, ist's Angst, die jetzt durch die dunkel schillernde Rundung des Raubvogelauges geistert? Dämmern aus verborgenen Seelenwinkeln Ahnungen von kommenden Gefahren und Bedrohungen empor? Möglicherveise erfüllt nur Erstaunen über die plötzliche rätselhafte Begegnung den irrenden Blick des jäh überraschten Wildlings, ind so umfaßt sein Auge den Menschen nicht anders als ine neue Erscheinung, die gewaltsam in die Reihenfolge eines Erlebens tritt. Später erst, durch das Beispiel der Alten geweckt und gesteigert, rücken Gefühle der Furcht mit der Wahrnehmung eines Menschen zusammen. Vielleicht sind s nur wenige Tage noch, innerhalb derer sich diese merkvürdige Wandlung vollzieht. Dann, wenn die Schwungedern den Körper in den Aether heben, werden sie auch jene Angst hinauftragen müssen, die den Adler aus den Bereich es Menschen treibt und den adligen Vogel zum scheuen Herumtreicher macht. Aber neben allem Erstaunen trotzt auch etwas Achtungheischendes aus dem kühn geschnittenen Antlitz des Adlers hervor. Die Spiegelung seiner Augen, in denen Höhen und Tiefen, die Weiten und Breiten des Raumes eingefangen ind der Ueberwachung durch die kleine Vogelseele anvertraut sind, verrät schon jetzt eine geheimnisvolle Verschwisterung mit dem Element, das er einmal beherrscht. Noch muß er sich mit der Atzung begnügen, die ihm von den Alten zugetragen wird, aber der hiebsichere Schnabel und die dolchspitzigen Fänge weisen bereits auf jenen Augenblick hin, da er mit gewaltigem Sturzflug nach dem abstreichenden Birkhahn stößt, auf der Alpweide das Murmeltier und den Schneehasen schlagt und vom abschüssigen Rasenband das Gamskitz in ungestümem Anprall der Schwingen in die Tiefe wirft. Dann wird man ihn kaum mehr am Horste sehen. Ohne ständigen Wohnsitz, am liebsten auf weitüberschauenden Felshinscheint, geht auch die Atzung nicht so schnell in Ver=zinnen oder auf einsamer Arve blockend und sein Jagdreich wesung über. Zudem liebt der Jungadler mehr die Kühle beäugend, wählt er bald da und bald dort, je nach Vorkommen als die Hitze, besonders wenn man dabei noch berücksichtigt, daß die Wärme unmittelbar an einer Felswand doppelt fühlbar wird. Nachdem das Seil, an dem der Photojager fachmännisch angebunden ist, sicher verantert war, wurde mit dem langsamen Abseilen begonnen. Als einzige„Waffe“ besaß der freche Eindringling seine Kamera. Wie nun, wenn die beiden alten Adler den unerwünschten Besuch in der Nähe des Horstes eräugen? Werden sie dann nicht mit gewaltigen Schwingenschlägen aus der Höhe herabpfeilen und den Wehrlosen mit Schnabel und Fang attackieren? Wird der verwundete und entfesselte Mutterinstinkt dem Raubvogel nicht zu kühnstem Angriff und zu verwegenster Abwehr Mut und Kräfte verleihen? Wird sich hier nicht ein gefährlicher Kampf abspielen, in dessen Verlauf der unb waffnete Mensch seine Tollkühnheit leicht mit allerlei schweren Verletzungen bezahlt? Keine Angst, das alles wird nicht eintreffen. Darum kann von Tollkühnheit gar nicht gesprochen werden, sofern man dieses Baumeln über dem riesigen geöffneten Rachen des Abgrundes nicht einer kleinen Anerkennung für würdig halten will. Aber von den alten Adlern ist nichts zu befürchten! Wir dürfen vielmehr überzeugt sein, daß unsere sichtbare Anwesenheit von den alten Adlern mit scheuem Fernbleiben beantwortet wird. So besteht das souveräne Herrentum dieser Krummschnäbel auch nur da, wo es von dem des Menschen nicht unterjocht und aufgehoben werden kann. Dieser Zustand setzt notwendig die menschenferne, sozusagen unberührte Wildnis voraus. Bei uns ist diese Voraussetzung— leider!— nicht mehr gegeben. Darum hat das Schicksal den edlen Recken des Luftreiches dazu verdammt, in steter Abhängigkeit von der Duldung, ja, Gnade, die ihm von seiten des Menschen zuteil wird, sein Dasein zu fristen. Doch wieder zum Horst! Richtig, der Jungadler ist schon kräftig herangewachsen und ir Gefieder den Alten ziemlich ähnlich. Aber noch reicht die Gewalt seiner Schwingen nicht Fangenig, waher er bnld da und bald vort, se nach Horlommen des Wildes, das er als Beute erhascht, den Ort seines Herrschens sich aus. Wo sein gewaltiges Schattenbild über den Erdboden gespenstert, verbreitet er Schrecken und Todesangst. Denn alles Gewild, das ihm an Kraft nicht gewachsen, bezahlt seinen Tribut an den mächtigen Bergkönig. Dem kundigen Auge wird auch das Vorhandensein von Geschmeiß und Gewölle den Fallbaum und Rastblock des Raubvogels verraten Nicht selten aber werden Jäger und Bergsteiger seines Anblicks gewürdigt, wenn er in majestätischem Kreisflug die Bläue durchfurcht und wie zu segnender Gebärde die S..,wingen in den Aether hinausspannt. Ein unvergleichliches Schauspiel aber bietet sich dem, der den Adler bei Minnespiel und Weid werk beobachten kann. So wurde es mir einmal vergönnt gleichzeitig vier Steinadlern bei ihrem Spiel mit der ge schlagenen Beute, vermutlich ein Murmeltier, zuzuschauen Der eine schraubte sich, mit dem Opfer in den Fängen, zu Höhe hinauf, kreiste hin und her, während die drei andere etwas tiefer unten die Luft in Spiralen durchsegelten, lie plötzlich seine Beute fallen, worauf alle vier Adler mit an zelegten Schwingen, wie von wilder Bö herabgerissen, der in die Tiefe stürzenden Körper nachstießen, um ihn in de Luft noch, manchmal dicht über Felsgrate und Zacken, z; greifen und das Spiel von neuem, mit noch verwegenerc Volten zu beginnen. Nun hören wir das Knacken des Photoapparats. E werden natürlich mehrere Aufnahmen gemacht. Jetzt komn erst noch der Kurbelkasten. Der Jungadler soll auch a Filmstar eine Rolle spielen. Wie königlich muß sein über lebensgroßes Bild auf der Leinwand wirken! Ja, man soll spüren, jeder, der diese Bilder sieht, soll etwas von der Grö enes Augenblicks miterleben, da wir dem Adler von Angesic zu Angesicht, inmitten der Bergwelt gegenüberstanden ui mit seiner einzigartigen Erscheinung ein Stück verloren Wildnis in das Filmband einsingen. lber leider hate die Sache einen großen Haken. nicht auf sein zweites Los gefauen, sondern as sich nicht durch die„Glückszahl“ sieben as er weiterverkauft hatte. Sollte der Mann als sie sollte. Da ist zum Beispiel die Ges Spanier, der dreißig Jahre lang das gleiche onn seiner Jamilie für verrückt erklärt wi von dem Los spielte und wurde. Warum? Weil er nichts gewonnen hatte und doch noch hoffte. Er ließ sich nicht beeinflussen. Und dann gewann er im einunddreißigsten Jahre das Große Los. Nun war er natürlich wieder lieb Kind bei der Familie, und alles kroch ihm um den Bart. Doch der glückliche(?) Gewinner spielte allen einen Streich. Er holte den Riesengewinn ab und— verbrannte das ganze Geld, eine halbe Million Peseten. Er war durch das lange Warten wirklich zum Narren geworden. Wie ging es wieder einem biederen Sachsen? Der hielt die Sieben für eine Glückszahl, und als er merkte, daß die Nummer des Loses, das er gekauft hatte, sich nicht durch sieben teilen ließ, gab er es weiter, nahm ein anderes, war überzeugt, daß er jetzt gewinnen mußte. Freudestrahlend konnte er bald darauf von seinem Lotterieeinnehmer die Nachricht entgegen nehmen:„Ihr Los ist mit 100 000 Mark herausgekommen: Aber leider hate die Sache einen großen Haken. Der Gewinn war auf dasjenige, das teilen ließ und das er weiterverkauft hatte. daraufhin nicht in Tobsucht verfallen? Noch schlimmer ging es einem Mann, der fünfundzwanzigmal hintereinander in der Klassenlotterie die gleiche Nummer gespielt hatte, ohne jemals mit einem Gewinn oder auch nur mit dem Einsatz herauszukommen.„Fünfundzwanzigmal", dachte er,„ist genug. Ich soll wohl nichts gewinnen.“ Er erneuerte sein Los nicht zum sechsundzwanzigsten Male: „Nein, das ist doch zwecklos.“ Bei der nächsten Ziehung fiel auf das Los der Hauptgewinn. Der Mann erhängte sich. Einem englischen Ehepaar war es zeit seines Lebens schlecht gegangen. Deshalb spukte besonders im Hirn der Frau der Traum vom Großen Los. Das war dann endlich das Ende aller Sorgen. Dann brauchte sie nicht wie bisher für andere Leute schwer zu arbeiten. Dann konnte auch sie einmal in ihrem eigenen Kraftwagen fahren, eine vornehme Stadtwohnung haben, eine Rolle in der Gesellschaft spielen. Dann... ja was war nicht alles dann? Das kaum zu Glaubende wurde eines Tages Wirklichkeit. Bei der letztjährigen großen irischen Rennlotterie gewann das Ehepaar eine runde Million Mark. Nun sollte natürlich der Traum verwirklicht werden. Ein großes Haus in London wurde gekauft und fürstlich eingerichtet. In der Garage standen gleich drei Kraftwagen, und für die neugebackene„gnädige Frau“. wurden Zose, Diener, Koch und alle möglichen sonstigen dienstbaren Geister angestellt. Leider ergab sich aber bald darauf, daß die Sache eine unangenehme Seite hatte, an den die Frau in ihren Glücksträumen nie dachte: die Bittsteller. Die machten nun ihr und ihrem Mann das Leben schwer, belagerten förmlich das Haus, schimpften wie die Rohrspatzen, wenn ihre Wünsche nicht erfüllt wurden. Das Ende vom Lied: Nach drei Monaten waren die glücklichen, unglücklichen Gewinner froh, aus dem Erlös ihres großen Hauses und ihres sonstigen Vermögens gerade soviel Geld herausschlagen zu können, daß sie nach Begleichung der Schulden wieder in ihre alte Wohnung ziehen und den aufgegebenen Beruf wieder ergreifen durften. Vom ganzen Glück waren nur die Erinnerung und ein paar Pfund zurückgeblieben. Wie es einem anderen englischen Ehepaar ergehen wird, das kürzlich in der diesjährigen irischen Rennlotterie einen Hauptgewinn zog, weiß noch niemand. Die braven Leute hatten auch schon lange auf einen Gewinn gehofft, besonders weil der Mann kränklich war und das Arbeiten ihm immer schwerer fiel. Dann kam tatsächlich eines Tages die Freudennachricht: ein Hauptgewinn! Ein Vermögen, das einen sorgenfreien Lebensabend ohne alle Entbehrungen sicherte. Und nun konnte der Mann auch endlich etwas für seine Gesundheit tun, konnte er sich vor allem einmal von einem Arzt gründlich untersuchen lassen. Er tat es. Das Ergebnis: un zwek Monate zu lchen!“ Welchen tragischen Gegensatz hierzu schuf die Ironie des Schicksals? Eine Engländerin, die in der gleichen Rennlotterie spielte, glaubte sich dem Tode nahe, weil sie fürchterliche Zahnschmerzen hatte. Sicher war ihr Kiefer schon vereitert, und wenn sie wirklich nicht sterben sollte, so schien doch eine schwere Operation unvermeidlich. Schrecklich! Ein reiner Zufall fügte es, daß die Arme sich gerade an dem Tage entschloß, endlich zum Zahnarzt zu gehen, als das Rennen geritten wurde und die Gewinner bekannt gegeben werden mußten. An ihr Los dachte sie freilich nicht. Wer hat wohl noch Gedanken für solche Dinge, wenn er zur Schlachtbank geht? Aber es war ja gar nicht so schlimm.„Liebe Frau“, beruhigte der Arzt,„wir brauchen nur den Zahn zu ziehen. und dann ist alles wieder in Ordnung.“ Er zog. Und während er zog, stürzte ein Mann zur Tür herein, kümmerte sich nicht um den verdutzten Arzt:„Frau, wir haben das Große Los gewonnen!“ Adler ist ein Wurm. Er blickt ader das nasse Feld: Seine Garden strömen zusammen, in Lumpen und Brocken, es sind Tausende, Tausende! Und hinter der Höhe beginnen die Preußen und Engländer den Gewaltmarsch auf Paris; Tausende! Nie sah er Wolken von Menschen so schweigsam, und jede Stirne seiner Soldaten zeigt Groll, jede blutige Faust ballt sich mit Wut. Gegen ihn! Gegen wen sonst? Diese Uniformen kann er sammeln, diese Menschen gehören ihm nicht mehr. Dennoch fleht er um ein Wunder. Paris wäre ja noch zu retten. 120000 Mann blieben den Verbündeten, ob er die Nationalgarden aufrufen konnte? Dann würden 300000 Franzosen gegen Blücher und Wellington rennen. Das muß ihm Davoust, der Kriegsminster, bewilligen; oder er wiegelte die Arbeiter von St. Antoine auf, wie Rastopschin seine Bauern und Bojaren, das würde ein Feuer werden von der Ile de France bis zum Meer! Also holt er tief Atem, gibt dem Schimmel die Sporen, läßt Marschkolonne blasen, hält vor der Spitze des elenden Zuges. Und wankt wieder: Nein, diese Menschen sind nicht mehr zu bändigen, da blieb jeder Glaube stecken wie der Stiefel im Morast. Er sieht kein Vertrauen mehr, nur noch Zorn, Revolte, Meuterei. Grouchy weint dem Kaiser inOhr:„Sire, sprechen Sie zu den Leuten, einige Silben, die Massen hungern; geben Sie nur wenige Worte, das bindet, das weckt, das trankt...!“ Kurz vor den Hufen des Schimmels zerreißt ein Wahnsinniger das Fahnentuch seines Regiments; soll der Kaiser diesen Lästerer erschießen? Nein, er redet dem Teufel zu: „Was tust du, mein Sohn?“ Der Rebell läßt ab, sinkt in die Knie, bettelt um Gnade, er sei verhetzt!— So also steht es? Demoralisation? Aufruhr? Nirgendwo mehr ein Gewissen? Napoleon redet endlich, er schwingt wieder, und sein Schwung reißt hinein in die Finsternis von fünfzigtausend Fahnenflüchtigen; auf irgendeiner Seite muß sich jetzt das Gewitter entladen. „Camarades, wir haben eine große Bataille verloren; das liegt nicht an euch, der Himmel hat uns verflucht...!“ Näher und dichter rücken Reiter und Fußvolk; ein gigantisches Karree will den Verkünder erdrücken. Grouchy kann wieder atmen, Bonaparte aber sieht immer noch Spalten in den Stirnen seiner Leute. „Camarades— wir sind nicht verloren, ich werde euch führen, bis wir den Arc de Triomphe durchschreiten; und gelingt es mir nicht: ihr sollt richten über Leben und Schuld eures Feldherrn; aber dort...“ Der Kaiser will warnend nach dem Mont St. Jean zeigen, er will des Jubels der Erbfeinde spotten, aber sein Schimmel tanzt hoch auf den Hinterhufen, eine Schlammsäule spritzt vor seinem Sattel auf: Wer hatte diese Bombe geworfen? „Sauve qui peut“, und schreiend stieben die Garden und Offiziere auseinander, wiehernd poltern die Pferde, als abnten sie ihr Verderben. Immer noch raucht das runde, schwarze Instrument am Boden, einen halben Herzschlag nur, und das Geschoß wird den Grand Corse in zahllose Stücke reißen! Napoleon beugt sich über den Sattel. Ihm galt dies mörderische Geschenk! Wer es warf, war kein einzelner, nein, der gehorchte dem Groll seiner halben Armee. Und der Kaiser sieht sich verlassen, selbst Grouchy ist feige verschwunden, niemand bringt die Bombe zum Erlöschen. Da steigt er selber und ohne Hilfe vom Schimmel, bückt sich, wirft das heiße Geschoß achtlos wie einen faulen Pfirsich in den Straßengraben, dort explodiert die Kugel, sprengt die Erde zu einem gewaltigen Trichter auf und knickt noch drei Birken um wie Stroh oder mürbes Gras. Dann steht Napoleon wieder in den Bügeln, ruhig, als sei nichts geschehen; er will fortfahren in seiner Rede, nicht lauter oder harter, als er begonnen; hält aber inne, denn dieses Meer von Soldaten und Pferden ist erstarrt zu einer Armee von Standbildern; nicht eine Silbe darf er mehr verschwenden, diese fünfzigtausend weißen Gesichter dulden es nicht. Was eben noch Haß und Rebellion war, das hellt sich auf zu Verklärung und Demut, die Stille wird ein Wispern, das Raunen schwillt zum Orkan, bis ein donnerndes, ewig unerschütterliches Vive l'empereur die Sonne von Austerlitz wieder zu veschwören scheint! Dieser Sturm wirft alle Offiziere aus dem Sattel, hundert stürzen vor ihren Abgott, seine heiligen Hände zu küssen. Die Marseillaise durchbraust den Regen, der Kaiser winkt mit dem Degen nach Paris!— Mit kühner Geste tritt der Besiegte von Waterloo jetzt vor die Kammern:„Gebt mir Soldaten, und ich rette die große Nation!“— Das müde Paris aber will den Frieden. Morgen hat Frankreich keinen Kaiser mehr, das Reich der Cent jours nahm dem Meister Europas die Krone. Was wird aus Frankreich werden? Bis zur Stunde weiß Bonaparte noch nicht, wo der Felsen Sankt Helena auf der Weltkarte zu suchen wäre. „be haber nach Legende von Waterloo. Skizze von Heinz Steguweit. Vor den Trümmern aufgeriebener Garden steht der büstere Mont St. Jean; im Hohlweg von Ohain sammeln sich Hinkende, Blutende, Mutlose, auch Kadaver und erwachende Flüche. Die Sanitätswagen sind ohne Salben und Scharpie, die Protzen ohne Pulver, die Bagagen ohne Brot. Vom Hügel Belle Alliance steigen Wellingtons Raketen durch den Nebel, von Waterloo donnert der Triumph preußischer Kanonen. Sonst nur Scherben, Rauch, Schlamm; und Regen — Regen— Regen....„ Cais.— im Sat Grouchy, der blasse Vasau, sieht seinen Kaiser im Sattel des Schimmels hängen; er reitet zu ihm:„Sire?“ Mehr kann der Zitternde nicht sprechen, die Zunge keilt sich ihm wie ein Pflock in die Kehle.„Sire“, und da er dies fragend sagt, ist aller Untergang in dem Wort beschlossen: Kaiserwürde, Ruhm, Ehre, Frankreich! Es ist, als stürzte jedem Menschen und jedem Tier die Verzweiflung wie ein himmelhoher Turm auf die Rippen. Keiner hört den Jammer der Sterbenden, die Kameraden helfen den Verwundeten nicht mehr, warum? Jede Rechenschaft fehlt, nirgendwo Verantwortung, nirgendwo Entschluß. Die Birken am Weg haben es besser, im Straßengraben liegt ein zerbrochener Adler, bei Marengo galt er als ein Heiligtum, bei Ligny wurde er noch mit lauten Trommeln gegen Blücher getragen. Napoleon gibt Grouchy keine Antwort, aber jeder Rekrut sieht, wie der Kaiser die Zähne schon sieben Stunden lang zermalmt: Er will, er darf nicht heulen, und kommen die Tränen dennoch, dann starrt er so lange gegen das graue Firmament, bis die Augäpfel wieder gehorchen. Napoleon reitet zwei Steinwürfe weit ins Feld; er sich selber gewinnen, er ruft einen Kronrat in seiner Seele zusammen. Wohin jetzt? Was ist denn da geschehen? Träumte er auf Elba? Heißt er Napolione Buonaparte? Ist er Kaiser der Franzosen?— Er spürt das Altern, welcher Schauder, da jede Rechnung stimmt.— Nun war die Kunde der Vernichtung schon in Paris, die Kammer hat es bequem, ihn zu ächten! Und wie werden sie kichern, wie werden sie sich die Hände reiben: Davoust, der alte Tiger Lafayette, der verbitterte Fouché! Mit der Katastrophe von Waterloo hatte er seinen Pariser Feinden große pathetische Momente geliefert. Und alles hing nun an einem halben Tage, sechs Stunden hatte er gezögert, wer gab ihm die wieder? Er hält die Fauste von sich, als wollte er die Uhr seines Schicksals rückwärts drehen; gewesen; vorbei; tot!— Sechs Stunden Versäumnis, und der Mächtigste war machtlos, der Der Kater als Einbrecher. Der Beruf des Fassadenkletterers ist vielleicht recht ein träglich, aber auch nicht ganz ungefährlich. Denn in jeder einigermaßen beleuchteten Straße muß ein an einen Dachrinne oder dergleichen hochkletternder Mensch den Vorübergehenden auffallen. Dagegen wird sich schwerlich jemand etwas Böses denken, wenn er eine Katze den Weg in die Höhe nehmen Hiermit rechnete offenbar ein ganz Gerissener, den es kürzlich unschädlich zu machen gelang. Er hatte einen großen Kater so abgerichtet, daß dieser nachts in offen stehende Fenster der Stockwerke eindrang und alles, was er dort an seidenen Stoffen fand, auf die Fensterbrüstung schleppte und nach außen herunterfallen ließ. Seit Wochen war die Polizei bemüht, den Verüber dieser Diebstähle ausfindig zu machen. Durch einen Zufall wurde er schließlich erwischt. Eine der bestohlenen Frauen hatte eine diebische Elster im Verdacht und eine entsprechende Falle aufgestellt. Die Dame war nicht wenig überrascht, als sie kurzlich beim Tagesgrauen durch einen erheblichen Lärm geweckt wurde. Licht machend erblickte sie einen großen Kater. Der eine Hinterlauf steckte in der Falle. Zugleich hatte sich das Tier in einen wertvoller Seidenschal verstrickt. Die alsbald herbeigerufene Polizei „verhaftete“ zunächst den vierbeinigen Verbrecher; es gelang dann unschwer, auch seinen Herrn und damit den eigentlichen Dieb zu ermitteln. Gemäldeausstellung für den toten Laufburschen. Der Ehrenplatz im Londoner Königlichen Institut für Aquarellmalerei, wo bis vor kurzem die Gemalde des berühmten, unlängst verstorbenen Malers William Orpen hingen, ist nunmehr für die Werke eines— Laufburschen vorbehalten. Der junge Meister, der vor einigen Monaten im Alter von 20 Jahren starb, hat keine Ahnung von dem Ruhme gehabt, der seiner wartete. Irgend welche Ausbildung ist Viktor Riches, der für einen Wochenlohn von 28 Mark untergeordnete Dienste verrichten mußte, niemals zuteil geworden. Der Vorsteher der Abteilung Gemälde und Stiche im Viktoria= und=Albert=Museum rühmt dem jungen Künstler eine außerordentliche Gestaltungskraft und einen ungewöhnlichen Scharfblick nach:„Wäre Riches am Leben geblieben, dann hätte er in der englischen Malerei eine angesehene Stellung eingenommen.“ Der Vater des früh Vollendeten aber sagt:„Mein Sohn, der sich nach vollbrachten Tagesarbeit sofort der Malerei, der Aetzkunst und daneben auch der Poesie widmete, litt an einem Augengeschwür, das sein Gehirn bedrohte. Nach der zweiten Operation ist en gestorben. Hätte er sie überlebt. wäre er für immer enhlanbet: