AUEI, aceeamarae! Mittwoch, den 6. April 1932 Nummmer 15 Beilage zum Altender Kreisblait zugleich Neuenrader Zeitung Die Lukaschi. Erzählung von Egon von Kapherr. Im Dorfe Bogdanowo war große Aufregung: Der alte Wassili Michailoff fehlte seit gestern; er war nach Gawrilowo begangen, um die Dorfpost zu holen, wie allwöchentlich zweinal, und nicht zurückgekehrt. Es war bitter kalt, und es hatte auch Schneewehen gegeben— da konnte der Alte vielleicht am Wege liegengeblieben und erfroren sein, denn er liebte ein Schnäpschen... Als der alte Postbote noch um sehn Uhr morgens vermißt wurde, spannte Andrei Jermoloff, er„Jamschtschik“, der die Reisenden auf der Landstraße zum nächsten„Semski=Punkt“ zu befördern hatte, seine hottigen Rösser an, denn der alte Wassili gehörte sozusagen In sein Ressort. Daß der Alte noch nebenbei sein Ohm war, pielte eine geringere Rolle. Andrei fuhr also los, kam auf die Landstraße nach awrilowo, konnte aber unterwegs keine Spur vom Ohm ntdecken. Es war alles normal und wie gewöhnlich im ebruar, wenn der Schnee schon alt wird und die Straßen und häßlich, Im Dorf erkundigte sich Andrei zuerst auf der Gemeindeverwaltung. Freilich— der Alte sei dagewesen, schon gestern nachmittag. Er habe die große, schwarzlederne Posttasche genommen und sei gegangen... Hoffentlich sei ihm nichts kugestoßen, dem Alten... Der weißbärtige Schreiber begleitete den Jamschtschik bis vor die Tür.„Nun— vielleicht wird er bei Väterchen Gawril eingekehrt sein, im Kabak, oder bei Väterchen Semjon im Teehause, denn es war kalt gestern, und es dunkelte schon ein wenig, als Wassili fortging.“ Schon klingelt Andreis Gespann weiter. Freilich— er sei chon dagewesen, gestern, der alte Wassili, vor Dunkelheit noch, habe ein paar Schnäpschen genommen und sei dann hinaus... Andreis Pferde fliegen im schnellen Trabe. Gestrüpp. tiefausgefahrene Gruben auf dem Landwege. Was ist denn das? Spuren, vom frischen Morgenschnee halb bedeckt? Andrei hält die Rösser an, steigt aus. Ein Fausthandschuh? Und hier— die Fellkappe! Ja— „ uen Purd.u. Ane e ne esee stelt. Und er schreit auf, als er die halbverschneite Postche sieht, am Riemen aus dem Schnee zieht, das braune Ist der Schnee hier nicht rosa? Der Fuß scharrt. Rot schimmert es am Wege: Blut! Und hier— Kleidersetzen, Pelzstücke, ein halber Stiefel... Der Mann schlägt das Kreuz über Stirn und Brust. Das Sündenbüchlein Eine Geschichte von Gerda v. Below tlich des Nachts eine Flosse abgezogen. Am anderen am er zu mir gelaufen, sehr erregt, und berichtete „Kriegsgreuel“ aus der Fischwelt, das ich sofort Oberförster? Andrei ruft im Vorbeifahren dem Starost die Kunde zu, Klingelt weiter, hält nach einer halben Stunde vor der Hauskür der Oberförsterei:„Barin, helfen Sie! Der Wolf ist da, der Wolf bat den alten Wassili gefressen!“ Der Oberförster schaut ungläubig. Wölfe fressen keine Erwachsenen, solange der Mensch geht, läuft, schreit, sich wehren kann...„He— Branntwein? Nahm wohl gern ein Schlückchen, Dein alter Ohm Wassili? Tja, tja— eingeduselt — Frost... Und dann fanden ihn die Grauhunde, denn sie gehen jetzt zusammen. Ranzzeit jetzt, Paarzeit.. Tja, tja— Mütterchen Flasche, Väterchen Wodka... Eh— Mitrophan! Laß einspannen und nimm die Lappen mit auf den Schlitten! Und Peter soll seinen Gaul fertigmachen und zu Michei Lasareff fahren, dem Lukasch! Lasareff soll kommen, so schnell es geht, mit seinen zwei Brüdern und mit Anton Emanuiloff, dem Buschwächter! Fix, rühr Dich, mein Sohn! Und Stiopka— Du spannst den grauen Traber an! Und Du saust auf das Gut zu Grigori Matweijewitsch und sagst, was los ist! Flinten mitbringen, Patronen mit Rollern! Treffpunkt am Wäldchen von Gawrilowo!“ Die Sonne steht schon im Nachmittag— es ist reichlich spät für eine Wolfsjagd; denn der Graue ist nach Mittag munter und streunt mitunter schon umher. Aber diesmal? Die sind satt und kriechen vor Abend nicht aus den Lagern, meint der Lukasch, der Wolfskreiser. Die Spuren führen aus Koppel und Wäldchen nicht heraus— die fünf Wölfe sind eingekreist. Sicher spüren die erfahrenen Lukaschi. Anton Emanuiloff und Lasareffs Brüder haben die Lappen gezogen, von Busch zu Busch, am Keppelhaun entlang... Der Wolf scheut die Lappen wie kein anderes Wild. Tagelang kann man ihn im Kreise halten. Rot, gelb, blau und violett, purpurn und orange flattert's im schwachen Winde in halber Mannshöhe, rings um Koppel und Bauernwald. Abschnitte sind's von Dorfschneiderei, Rester von Kopftüchern, Anzügen, rote Lappen, alte Schnupftücher. Der Kreis ist geschlossen, eingelappt. Am Zaun steht der Oberförster, links neben ihm, nur siebzig Gänge ab, Grigori Matweijewitsch in weißem Schneehemd, hundert Schritte weiter der Verwalter. Rechts hat der Bruder des Gutsbesitzers seinen Platz— auch er trägt weiße Kapuze und Schneehemd. „Passen Sie auf diese beiden kleinen Fichten auf“, hatte Michei, der Lukasch, gesagt.„Dort kommen die Wölfe, wenn alles klappt. Und entgegenschießen, schräg von vorn— damit sie zurückschlagen und dann den andern kommen! Nicht durchlassen! Und nicht bewegen!“ Und war fort auf seinen chneeschuhen. Ein gellender Pfiff. Und ein dumpfer Ruf aus der Ferne: Po—— scholl!“ Antwort: drei Pfiffe. Das Treiben im Gange.„.#. an, 4u—; gp. g.ig zm aig e eie dn Aahnt Mizen„Aum 946 5 schnee stäuht dort vom kleinen Fichtenbusch... Ist dort nicht etwas Graues...? Die Hände krallen sich nervös um Lauf und Schaft des Gewehres. Bewegung! Hintereinander drei— vier— fünf graue Schatten.=. Die Wölfe kommen heran, in kleinem Trott— langsam, sichernd, bleiben stehen, schleichen, traben weiter... Da— an den Fichten durch— Stutzen, Zögern... Der vordere Wolf will umkehren— er sah das blaugelbrote Geflatter. Pauf! Er sinkt in den tiefen Schnee, leblos, wie ein Sack! In rasender Flucht kehren die anderen Wölfe um— ein zweiter Knall— der letzte der Grauhunde beißt nach der Flanke, geht windschief seitlich ab... Schnell geladen— aufgepaßt! Der Nachbar hebt die kinte: Pang, pang! Vor ihm rutscht ein Wolf durch den hnee— deutlich steht man das gefletschte Gebiß, die in den Racken gedrückten Gehöre, die wildblitzenden Augen. Der Schütze ist kaltblütig. Langsam lädt er um: Bauz! Ein Wolfsleben ist hin. Drei Wölfe in rasender Fahrt beim Bruder des Gutsherrn— Schuß— Schwenken mit der Lunte, Weiterflucht — Schuß— Umsichbeißen, Straucheln, Hinsinken. Zwei Wölfe flüchten zurück. Beim Verwalter ein Schuß— ein zweiter. Ein Wolf past über die Fläche der Koppel— aufs Feld, über den Hügel — fort. Schon will der Oberförster den Drilling schultern— schon sieht man die Schatten der Treiber, der Lukaschi. Da— ein Zuruf:„Beregiß, beregiß!“ Und zwischen Mein kleiner Schutzbefohlener, ein Ferienkind, war siebenjährig und hörte, wenn überhaupt, auf den Namen„Heinz“. nannte ihn„Heinzelmann“. Er war ein reizender Lausbub! Heinzelmann schloß mich rasch in sein Herz und versprach mir sogar, mich nicht anzuflunkern. Dieses Versprechen gab er mir freiwillig. Er merkte sehr wohl, daß dort, wo andere Moralpauken zu halten pflegen, mein nachsichtiges Schweigen einen für das feine Gewissen nicht sehr behaglichen Hintergrund hatte; und das peinliche Gefühl, ebenso scharf beobachtet, wie nachsichtig übersehen zu werden, verpflichtete ihn, mir gegenüber den Gentlemen herauszukehren. Allein— Versprechen, die man freiwillig gibt, werden nicht länger gehalten als alle andern. Das war sogar eine schlimme Geschichte! Mein Lausbub hatte einem der Goldfische heimlich des Nachs eine Flosse abgezogen. Am anderen Morgen kam von einem„8 in Augenschein nehmen mußte. An der außergewöhnlich prüfenden Art, mit der ich dabei von der Seite angeschielt wurde, merkte ich gleich, daß etwas faul war.„Hast Du gesehen, wie das vor sich ging?“ fragte ich scharf. Auf diese Frage war Heinzelmann nicht ganz vorbereitet. „Ja— eigentlich— das heißt... nein, gesehen hab ich's nicht; es war ja noch ein bißchen dunkel, und ich lag noch im Bett, aber ich hörte so ein Geplumpse und ein Gegluckse, weißt Du, so ein komisches Geschiebe am Glas hin und her— und da dachte ich, du mußt doch mal nachseh'n, was da los ist— na! und da sah ich die Bescherung!“ „So— hm! weißt Du auch, daß Fische so etwas nur aus Hunger tun, wenn überhaupt? Da hast Du also ganz einfach vergessen zu futtern!" Heinz schwor, er habe gefuttert, aber das Futter müsse aus den und den Gründen den armen Fischen nicht geschmeckt haben! Das war mir denn doch zu arg! Ich machte kehrt und ließ den Bengel stehen. Zwei lange Tage wechselten wir kaum ein Wort. Als er lange genug gezappelt hatte, beschloß ich, ihn aus seinem moralischen Dilemma zu befreien. Auf eine Art freilich, die ihn zunächst in sprachloses Staunen versetzte. Ich hatte ihm nämlich ein kleines Register eingerichtet, ein blaues Oktavheftchen mit vorgezeichneten Linien und Daten, das ihm bei Gelegenheit feierlich übergeben wurde:„Das Alte wollen wir vergangen sein lassen, mein Heinzelmann. Aber siehst Du. hier in dieses Büchlein wirst Du von morgen ab all Deine Missetaten eintragen; weißt Du, die beimlichen, von denen man nicht spricht, die man aber doch gern irgend wie loswerden möchte. Du brauchst es nicht einzuschließen, kannst es ruhig in Deinem kleinen Schreibfach liegen lassen, ich verspreche Dir sogar, nicht hineinzugucken.“ Heinzelmann, zunächst unschlüssig und etwas erschrocken, nahm mit einem Seufzer das Büchlein in Empfang, schob es bedächtig von einer Hand in die andere und meinte— noch ein wenig beklommen, doch schon wieder mit einem leisen Anflug von Spitzbubenlaune:„Hm. Noch ist's ganz leicht... Aber wenn das Ding erst mal wirklich ganz voll ist——— au Backe!“ Damit hatte er mich denn glücklich wieder soweit: Ich lachte, und die Brücke war hergestellt.— Am übernächsten Tage, gegen Abend, als Heinzelmann in der Badewanne steckte, öffnete ich behutsam das Schreibfach. Und ich fand— genau was ich vermutete— das Heftchen, scheinbar unauffällig, spitz zur hinteren Längswand des Schubkastens gewinkelt und die rechte obere Ecke des Büchleins mit Bleistift ganz leise gegen das gelbe Auslegepapier markiert. Natürlich! Der Spitzbube wollte mich auf die Probe stellen... prüfen, ob große Leute ihre freiwilligen Versprechen halten... Ich sagte nichts; denn er hatte ja eigentlich recht. Erkundigte mich nur beiläufig, ob in dem Büchel denn schon was drin stünde; und Heinzelmann nickte verdächtig pathetisch. Das ging so eine Weile hin, bis mir die Sache zu dumm wurde und ich den Heinzelmann kurzerhand bat, mir doch einmal eine kleine Stichprobe zu gestatten.„Tja—“ meinte Heinzelmann sehr gedehnt,„eigentlich verdienst Du's ja, daß ich Dir was zeige, weil Du bis jetzt noch nie reingeguckt hast, aber—“ und damit war der Satz zu Ende. „Ja, aber woher weißt Du so genau, daß ich nicht hineingeschaut hab'?“ wagte ich einzuwenden. Doch Heinzelmann wurde keineswegs aus der Haltung gebracht. Er lächelte sein kleines Geheimnis so allerliebst vor sich hin, daß ich den Kürzeren zog... Als Heinzelmann schlief, öffnete ich den ominösen Schubkasten zum zweiten Male und blätterte ganz vorsichtig darin herum, ohne das Büchlein dabei zu verschieben. Und was sah ich? Nichts! gar nichts; Blank waren die Seiten, wie Adams Gewissen am ersten Schöpfungstage. Am anderen Morgen rief ich den Kleinen zu mir. Ich schlug einen gedämpften zärtlichen Ton an:„Heinzelmännchen! Wirst Du mir vor der Heimreise Dein Büchel zeigen? Ich denke, es werden nimmer gar so schlimme Sachen hereinkommen wie in der vorigen A be.“ Da bekam Heinzelmann Mut. In der Nacht vor seiner Heimreise hörte ich... oder täuschte ich mich? Nein, wirklich, es erschien ein kleine Hemdenzipfel, der sich zaghaft immer weiter in's Zimme schob; ich sah's im Spiegel. Bisweilen blieb er stehen; erst als ich hörbar atmete, huschte eine kleine Gestalt ganz dicht an mein Bett, ein Aermchen langte in weitem Bogen über mich hin, streifte für eine atemlose Sekunde um Haaresbreite meine Stirn und ließ, dicht neben mir auf dem Kopfkissen einen kleinen, schmalen, rechtwinkligen Gegenstand zurück. Dann hörte ich schon die nackten Füßchen, wie sie eilig zur Türe strebten und jenseits erleichtert weiterpatschten. Als die letzten Schritte verklungen waren, machte ich Licht: Herzklopfend, als müße ich selber beichten, ergriff ich das Büchlein und las: „Ein Arbeiter ne Murmel durch die Beine gekullert und dann weggelaufen. Auf ein Spatz, der aber schon tot war, extra raufgetreten. Ausm Oertchenfenster ein Mann auf die Mütze gespuckt; der aber nix gemerkt hat. In ein silbernen Becher zwei Aprikosenkerne versteckt, weil ich die Firsische doch nich abflücken darf. Auf eine Eidexe ein Backstein geschmissen und dann weggelaufen. Abend vor Einschlafen alle häßlichen Wörter gezählt. Es waren aber nur 29, weil ich die andern schon wieder vergessen hab. Zum Dachdecker, der grad auf der Leiter war. rauf gerufen: Paule Paule Poll— hast die Hosen voll! Da hat er was nach mir geschmissen, hat aber nich getroffen. Wie der Truthahn gerade Rad schlug, ihm eines mitn Flitzbogen hinten aufgebrannt, weil ich nemlich probieren wollte, ob der Pfeil in sein Podex auch(!) stecken bleibt.“— Am Morgen, ganz früh, schlich ich nun meinerseits in Heinzelmanns Zimmer, setzte mich behutsam auf den Bettrand und strich leise über das feine, sprühende Haar. Heinzelmann blinzelte. Reckte sich, richtete sich hoch und schlang als ihm langsam die Erinnerung kam, beide Arme noch halb verschlafen um meinen Hals:„Bist Du ganz wirklich nicht böse?“ „Heinzelmann“, sagte ich,„nun geh' heim und werde ein ganzer Kerl, und lern mir vor allem tüchtig arbeiten und nie feige sein! Wenn Du groß bist, wird Dir der liebe Gott auch Deine vielen, vielen Wünsche erfüllen.“ „Auch die bösen?“ „Es gibt keine bösen, mein Kind.“ An diesem Tage ist dem Heinzelmann ein Stern aufgegangen. Den hat er mitt genommen in seine Heimat. Benen Bichlen enichenf der Schie Schuß zusammen, rafft sich auf, rollt im Dröhnen des zweiten Schusses in den Schnee:„Gotowo“—„Fertig!“ ruft der Jäger, Vier Wölfe liegen auf der Strecke, der fünfte entkam, leicht angeschossen. Er würgte seinen Mageninhalt in den Schnee der Koppel: Fleisch, Hundehaar, Fetzen von— Leinen und Tuch... Anton Emanuikoff, der Buschwächter. flucht hinter ihm her, als er den leichten Anschuß feststellte. Aber— vier Wölfe. trotz allem eine gute Jagd... Michei und Anton, Bogdan und Grischa sind zur Stelle, die Lukaschi. Sie bringen die toten Wölfe zu den Schlitten. Jedem gibt der Jamschtschik einen Hieb mit der Peitsche: „Satansvieh, Teufelsvieh Dorfjugend staunt. Weiber schnattern, Mannsbässe grölzen.„Mir fraßen sie den Hund!“—„Und mir mein Kalb!“—„Und mir nahmen sie zwei Hammel im Sommer von der Weide!“—„Und mir eine Gans!“ Andrei wird zum Popen fahren und zum Diakon. Vielleicht findet man noch etwas von Wassili, dem Postboten, einen Knochen oder so... u 777. Stizze von Walter Heise. So, meine zwei Stunden Horchposten waren wieder einmal herum, und nachdem ich pflichtschuldigst durch einige Minuten währendes Pumpen dafür gesorgt hatte, daß unser kugelsicherer Unterstand auch eine Abwehr gegen das Grundwasser bot, kroch ich zu den anderen Kameraden in den Bunker.„Sandhase zu sein, ist eigentlich der Güter höchstes nicht", dachte ich,„für die Artillerie Unterstände bauen, durch Pionier=Unteroffiziere in die Geheimnisse der Technil eingeführt zu werden, ist ja fast für einen ehrlichen Kriegsmann entwürdigend.“ Mit diesen Gedanken schlief ich ein. Da hörte ich meinen Namen rufen.„Aufstehen, fertig machen!“ sagte der Korporal,„Du bist soeben telegraphisch vom Bataillon angefordert worden. Du kommst auf ein U=Boot.“ „Ich muß gestehen, daß mein Herz höher schlug. Meine wackeren Schwaben, zu denen ich als Norddeutscher verschlagen, waren ja recht brave Kameraden. Aber sie verstanden kein Plattdeutsch, wußten nichts von Hummel usw. und hatten noch nie einen ordentlichen„Steamer“ gesehen. Was Wunder, daß ich oft Sehnsucht nach der Waterkant, nach Seeluft und Teergeruch hatte! Mit einem Sprung war ich auf den Beinen. Händeschütteln,„Grüß Gott!“ und„Gute Zeit“. Nähere Nachrichten und Marschgeld beim Bataillon „gefaßt" und auf die Bahn gesetzt und nach Zeebrügge gedampft.— Es schien, als hätte man nur mein Kommen abgewartet, denn nach wenigen Minuten steuerte U 777 aus dem Hafen. Unser Ziel war das Mittelmeer. Ich wußte nicht, welchem Umstand ich meine Beförderung— als solche faßte ich meine Versetzung auf ein U=Boot auf— verdankte. Vielleicht der Tatsache, daß ich mal einige Marinegedichte verbrochen hatte. Die Fahrt durch die Straße von Gibraltar verlief ohne Zwischenfall. Dann hatten wir einen Sturm zu bestehen, und die gute Laune der Besatzung sank ebenso wie das Barometer. Vornehmlich ein Kamerad entpuppte sich als Schwarzseher und Miesmacher.„Wir hätten nicht an einem Montag ausfahren sollen“, unkte er,„das bedeutet Unglück“.—„Du sollst uns unsere Laune nicht verderben“, wies ich ihn zurecht. Auf Plattdeutsch fügte ich hinzu:„Wenn Du de Melk ankiekst, ward se juer.“ Da er den letzten Satz nicht verstand, zuckte er überlegen mit den Achseln. Eines Nachts lagen wir still. Motorendefekt. Aber ei sollte noch schlimmer kommen. Ein leises Sägen an der Schiffswand wurde plötzlich hörbar. Der Miesmacher stand neben mir.„Weiß der Herr Professor wohl, was Sägefisch auf lateinisch heißt?“, fragte er höhnisch. Ich sagte gereizt: „Erstens bin ich kein Professor, sondern ein ganz gewöhnlichen Zeitungsmensch. Und zweitens: Sagefisch heißt auf lateinisch Pristis antiquorum. Aber was soll das?“— Nichts weiter, als das uns io ein liebliches, keines Meerungebener, Spezialität des Mittelmeeres, in der Mache hat. Das sägi ein Loch, daß wir alle ersaufen müssen.“—„Da muß man eben das Loch abdichten“, erwiderte ich.—„Abdichten“, lachte er auf,„abdichten! Deine Verse und Reimereien kannst Du abdichten, so ein Loch aber nicht.“ Es schien, als sollte er Recht behalten. Denn das Sägen wurde immer ärger und heftiger.„Man muß doch wenigstens den Versuch machen“, rief ich,„aber Du freust Dich wohl gar unserer Not?“— „Ja“, grinste jener hämisch, und da sah er aus wie der leibhaftige Gottseibeiuns, der Teufel der Feigheit, der Schadenfreude, der Zersetzung in einer Person.„Ist das Kameradschaft, Du Schurke?“ schrie ich, ballte meine Faust und 9ing.. 7ch 1. Semstke, mmmm im Ganhte. „Des ischt freilich kei Kameradschaft, wenn'n Landser so schnarche tut“, sagte da eine Stimme. Ich blickte umher, rieb mir die Augen. Der Sägefisch arbeitete nicht mehr. Abei da war ja kein Unterseeboot. Ich lag in meinem Unterstand, und der liebe Xaver Eisele, den ich mit meinem Schlag— dei kein Traum war— geweckt hatte, meinte:„Sell ischt recht. Mit Di gang i nimmer uf Poschte, wenn Du so arg zuhauschst. I kann doch nix für mei Schnarche.“ Nein er konnte nichts dafür, der wackere Kerl. Und ich konnte auch nichts dafür, daß man mich weidlich auslachte, als ich meinen Traum vom U=Boot erzählte. Und ich konnte schließlich nichts dafür, daß ich nie einen„Druckpunkt“ erhielt, sondern am Ende des Krieges noch das war, was ich schon am Anfang des Völkerringens gewesen: ein„Sandhase". Gräsig. Erzählung von Hermann Körding. Johann Ansegen— er wohnte seit vielen Jahren in dem kleinen Armenhaus des Kirchdorfs und verbrachte seine Zeit damit, in alle Töpfe zu gucken— hatte ein Stück aus seinen besseren Tagen gerettet, und das war sein Zylinder. Der war für ihn aber auch so nötig wie das liebe Brot. Denn jeden Sonntag mußte er doch zur Kirche, damit der Pastor ihn nicht bei der Verteilung des Klingelbeutelgeldes überging. Und dann die Beerdigungen! Es war so schön, die Leichenpredigten des alten Pastors anzuhören und dann im Trauerzuge rund um die Kirche zu gehen. Johann freute sich auf jede Beerdigung, und wenn im Dorfe einer ernstlich krank wurde, dann sah er jeden Morgen in seinen kleinen Kleiderkasten, in dem der alte Zylinder lag, und sagte:„Nun müssen wir wohl wieder mit!“ Wenn der Kranke aber wider sein Erwarten gesund wurde, brummte er ärgerlich in seinen struppigen Bart:„Gräsig!“ Das war ein ständiger Ausdruck des Alten. Alle Widerwärtigkeiten seines einfachen Lebens wurden mit dem einen kurzen Ausdruck abgetan:„Gräsig.“ Aber das Beste bei der Beerdigung war der Leichenschmaus. Man konnte es dem Alten eigentlich nicht verdenken. Er war früher eine bessere Kost gewohnt gewesen, als es sie im Armenhause gab.— Johann hatte sein eigenes Geschirr für diese Gelegenheiten: Messer, Gabel und silbernen Löffel. In ein rotes Taschentuch mit gelbem Hufeisen sauber eingewickelt trug er es bei jeder Beerdigung feierlich in der Schoßtasche. Johann hatte nämlich neben seinem Zylinder auch noch einen feinen schwarzen Schoßrock! Ja, er sah von weitem recht stattlich und wohlhabend aus, der Alte; kein Fremder konnte daran denken, daß er aus dem Armenhause war. Mit den Jahren wurde der Zylinder, wie es nun einmal jedem Zylinder geht, allmählich unansehnlich. Die schöne schwarze Farbe verklörte sich in Gelbbraun, und die Krempe wurde schief und abgegriffen. Johann stand manchmal bedenklich mit seinem Zylinder da, drehte ihn nach allen Seiten und brummte in seinen buschigen Barte„Gräsig!“. Aber er mußte doch wieder mit, denn eine Beerdigung ohne Johann wäre ein Unding gewesen. Wie wußte er sich aber auch aufzuführen! Wenn er das Trauerhaus betrat(er wartete nicht etwa auf der Straße), dann ging er mit langsamen, verhaltenen Schritten auf die Hinterbliebenen zu, ergriff die nächste Hand und sagte mit Dan gerührter Stimme:„Mit Verlaub, ich kondoliere! Gräsig! enn trat er unter die Trauerversammlung zurück. Bei dem Leichenschmaus saß Johann unten vor dem Tisch. Er wußte, daß er der Geringsten einer war, und dann war er da auch am nächsten bei der Küchentür. Auf Kaffee und Kuchen legte er nicht viel Wert: wenn es Graupensuppe und talten Braten mit Korinthenstuten und Butter gab, dann war er schon eher an Deck; am liebsten aber aß er frische Suppe mis Fleischklößen und Reis. Davon konnte er große Mengen verzehren. Dann war es eine merkwürdige Sache mit dem Gesicht des alten Johann Ansegen. Wenn die frische Suppe auf den Tisch kam, glänzte sein rotes Gesicht überher vor lauter Freude und Vergnügen. Aber plötzlich erinnerte er sich der traurigen Veranlassung. Und Trauer zog über sein Gesicht. So wechselten Freude und Trauer wie im April Regen und Sonnenschein. Man kannte den Alten überall und freute sich bei aller Traurigkeit, daß man an ihm ein gutes Werk tun konnte. Die Jahre gingen dahin. Johann wurde mit der Zeit älter und stümperiger. Aber er fehlte trotz Wind und Wetten bei keiner Berdigung, Da geschah eines Tages das Unglück. Es war eine große Beerdigung. Der alte Bauernvogt aus Mooren wurde zu Grabe gebracht. Es waren viele Leute im Gefolge. Sogar der Landrat ging hinter dem Sarge. Das Wetter war unwirsch. Ein ziemlich heftiger Nordwest trieb den Trauergästen auf dem langen Wege hin und wieder Regenschauer in den Nacken. Johann Ansegen ging auf seinem gewohnten Platz: in der ersten Reihe hinter der Familie.„Das ist ja ein gasiger Wind! Gräsig!“ Einen Schirm hatte er nicht, konnte er auch nicht gebrauchen, denn er benötigte seinen Krückstock. Kurz vor dem Kirchdorf kamen sie an einer alten Kate vorbei. Ein Windstoß fegte hinter der Mauerecke hervor. Zwei, drei Zylinder rollten über die Straße. Sie wurden wieder eingefangen, nur Johann seiner geriet zwischen die Pferde, die vor dem Leichenwagen gingen. Johann meinte, der Schlag rührte ihn, als das linke Pferd mit dem Vorderhuf von oben gerade auf seinen schönen Hut trat. Das war aber noch nicht alles. Ueber den breitgetretenen Zylinder rollten die beiden linken Wagenräder nacheinander hinweg. Johann konnte lange nichts sagen. Er streckte die Hände abwehrend nach vorn und stieß schließlich keuchend hervor:„Gräsig! Gräsig!“ Man brachte ihm seinen zerstörten Zylinder. Der Rand war zum Teil abgerissen und der Kopf wies zwei große Löcher auf. Oh, wie trostlos! Johann ging im bloßen Kopf, den Hut in der Hand, hinter dem Sarge her. Es regnete leise, und der Wind wühlte in seinem weißen Haar. Von der schönen Trauerrede hörte er fast nichts. Nun war sein schöner Hut hin! Was sollte nun werden? Wie ein Blitz zuckte es ihm durch den Kopf: Das war nun aus! Keine Beerdigung mehr! Beim Leichenschmaus saß Johann ganz verstört da. Er wußte kaum, was er aß. Und dabei gab es doch frische Suppe mit Fleischklößen und Reis. Als er Abschied nahm, konnte er nur sagen:„Mit Verlaub, mein Hut! Gräsig!“ Am nächsten Morgen mußte Johann Ansegen im Bett liegen bleiben. Er konnte den Kopf nicht hoch kriegen. Der alte Sanitätsrat machte ein bedenkliches Gesicht. Er sagte nachher zum Pastor:„Ich fürchte, das Gehirn ist angegriffen.“ Als er erfuhr, daß der Alte im bloßen Kopf durch Wind und Regen hinter dem Sarge hergegangen sei, sagte er nichts mehr.— Selbst der Pastor konnte mit Johann nicht viel aufstellen. Der Alte kam immer wieder darauf zurück:„Daß er auch gerade unter die Pferde kommen mußte!“ Mit Johann Ansegen ging es zu Ende. Er fieberte und redete irre. In seinen Wahngedanken flogen die Zylinderhüte durch die Luft. Er wollte einen davon greifen. Dann kam aber ein Wagen und fuhr alle Hüte breit wie Pfannkuchen.— Als man im Dorfe erfuhr, daß der alte Johann Ansegen eingeschlafen sei, sagten die Leute:„Er ist an seinem Zylinder gestorben.“ Fast keiner wollte es dem alten Sanitätsrat glauben, daß der Alte an Gehirnentzündung gelitten hätte. Die Hebamme aber, die eine spitze Zunge hatte, sagte zur nächsten Nachbarin, im Vertrauen:„Schade, daß er seinen eigenen Leichenschmaus nicht mitmachen kann! Gräsig!“ Weil der Schuster schlief. Skizze von Bruno Goebbel. Eines wunderschönen Tages teilte die durchaus gicht häßliche Jungfrau Mathilde Murzbacher ihrer lieben Mutter unter holdem Erröten mit, ihr Herz habe soeben seine Spukgeschichte V###an Bethge Ich bin Privatdozent für deutsche Geschichte an der Universität X. Auf die Nachricht, daß auf dem alten GrafenWahl getroffen:„Er heißt Hans Geschwend, ist achtundzwanzig schlosse Lormitz in der Altmark wertvolle Manuskripte aus Jahre alt, hübsch und groß, blond und blauäugig und wird dem 16. Jahrhundert verborgen liegen müßten, beschloß ich, sohr guet gofallon Mgibt(Dez Maetter= b=; so nach Lormitz zu fahren, und richtete vorher an den Grafen Bernhard von Hagen in Lormitz die Anfrage, ob er mir erlauben wolle, in der Bibliothek seines Schlosses einige Tage zu arbeiten. Ich erhielt umgehend ein mit dem Siegel des Grafen versehenes Schreiben, in dem mir mitgeteilt wurde, Graf Bernhard sei zwar schwer erkrankt, doch sei es mir gern erlaubt, die Schloßbibliothek zu Arbeitszwecken zu benutzen. Am nächsten Morgen schon dampfte ich, ausgerüstet mit dem Empfehlungsbrief meines Hausarztes an einen seiner Jugendfreunde, einen Kaufmann namens Römer in Lormitz, nach der Altmark ab. Das Städtchen erwies sich als ein stiller, altertümlicher Ort. An seinem Ende ragte das Schloß auf. Es lag am Ufer eines kleinen Flusses und war ein trotziger Bau aus gedunkeltem Sandstein, an einzelnen Stellen von Efeu umrankt. Hinter dem Bau dehnte sich ein weitläufiger Park mit riesigen alten Bäumen, und ein flüchtiger Blick in die Einsamkeit verriet, daß hier eine pflegende Hand nur selten waltete. Ich trat ein und wurde von einem Diener in das Zimmer des Schloßverwalters geführt. Ein älterer Mann von ruhigem Wesen trat mir entgegen. Ich erkundigte mich zuerst nach dem Befinden des Grafen, ein bedenkliches Wiegen des Kopfes war die Antwort. Darauf erhielt ich die Erlaubnis, die Räume der Bibliothek zu jeder Stunde des Tages zu beDir sicher sehr gur gefauen. Weißt Du, Mutter, er hat so etwas an sich, was die jungen Leute von heute gar nicht kennen. So etwas Ritterliches und Zurückhaltendes. Ich liebe ihn. Und er hat mir gesagt, er liebte mich mehr als alles!“ Frau Murzbacher war leider nicht ganz der gleichen Ansicht:„Zurückhaltend? Liebe Mathilde, wenn ein junger Mensch meiner Tochter erklärt, er liebe sie, so kann ich dieses Benehmen mit dem besten Willen nicht als zurückhaltend bezeichnen. Im Gegenteil.“ „Aber Mutter, seitdem Du einmal jung warst, hat sich doch vieles ganz grundlich geändert. Denke nur... Die Mutter war aber zum Denken nicht aufgelegt: „Sprechen wir nicht darüber! Du kannst mir diesen Hans Geschwend einmal bringen; dann werde ich sehen, ob er für Dich paßt.“ Mehr war im Augenblick nicht zu erreichen.— Also wurde der blonde junge Mann seiner zukünftigen Schwiegermutter vorgestellt. Frau Murzbacher empfing den Prufling in ihrem Salon, der den passenden Hintergrund zu ihrem wurdevollen Ernst bildete. Hans Geschwend war sichtlich befangen, was die Mutter seiner Angebeteten schnell zu seinen Gunsten stimmte:„Ein bescheidener Mensch, der Achtung vor mir hat.“ Sie wurde leutselig, und schließlich rief sie ihre Tochter herein und erlaubte den beiden, sich einen Kuß zu geben, der gewissermaßen als Verlobungskuß zu werten sei, wenn auch die offizielle Bekanntgabe noch ein wenig verzögert suchen. Als ich das Schloß wieder verließ, werden müßte:„Damit Ihr noch eine letzte Prufungszeit Dämmerung herein, und die alten Mauern und ihre stillen durchmacht.. Fenster spiegelten sich,wie ein wehmütiges Träumen der VerAlso kützten sich die beiden innig und dankbar, während!9###f.“ mich nach der Wohnung des Herrn Römer Frau Murzbacher sich rücksichtsvoll umwandte. Das war wirk=.. 60 1, rüstigen Fünfziger kennen, der lich sehr nett von ihr. Das Schauspielern lag nämlich den nachdem sich ihm den Brief seines Freundes übergeben hatte, nicht, und es wäre doch recht peinlich gergesen, Iätetg in der liebenswürdigsten Weise willkommen hieß. Ich fragte Puie bald, was das mit dem Grafen Bernhard zu bedeuten habe, die Mutter entdecken müssen, daß ihre Tochter das nicht zum ersten Male mit diesem Manne probte.— Erst als sich Hans Geschwend empfohlen hatte, fiel Frau Murzbacher eine Frage ein:„Was ist er denn von Beruf?“— „Maler und Bildhauer." Es kam ein wenig zögernd heraus. „Künstler? Hm!“ Die waren weniger nach Frau Murzbachers Geschmack. Ein solider Kaufmann oder gar ein tüchtiger Beamter wäre ihr entschieden lieber gewesen. Aber der junge Mann ah ja recht ordentlich aus; unter Anleitung seiner Schwiegermutter würde er sicherlich ein tüchtiger Mensch werden. Als bald darauf eine kleine Abendgesellschaft bei Frau Murzbacher stattfinden sollte, wurde auch Hans Geschwend, der Zukünftige, eingeladen. Höflich schrieb er zurück, er wisse die Ehre zu schätzen und freue sich ganz außerordentlich auf den Abend. Seiner Mathilde gab er die Antwort auch mündlich, wovon die Mutter freilich nichts wußte. Um so erstaunlicher war es, daß Hans Geschwend am bewußten Abend weder erschien noch eine Entschuldigung sandte. Unverständlich geradezu. Sollte er etwa krank geworden sein? Nein, denn dann hätte er doch sicher geschrieben. Irgend ein anderer Grund mußte vorliegen. Welcher? Tante Adele, die als reiche Jungfrau zu sterben beabsichtigte und deshalb hochgeehrt werden mußte, wußte eine Erklärung:„Er hat eine andere. Die Männer sind ja heute noch ebenso schlecht wie und welche Verhältnisse überhaupt auf dem Schlosse walteten. Herr Römer stieß ein paar Rauchwolken vor sich in die gemütliche Dunkelheit und sagte:„Das ist ein böses Thema. Unser armes Schloß— es wird ja nun batd alles ein Ende hober: „Wieso?“ fragte ich. „Der Graf macht es nicht mehr lange. Er ist der Letzte seines Stammes.“ „Was für ein Mensch ist er?“ „Einer von den Schlimmsten. Er ist ein Mann, mit dem man die kleinen Kinder schrecken könnte. Jahrelang war unser Schloß nichts weiter als eine Sündenburg, mit Hallo und Hussa, in einem ewigen, wüsten Taumel. Dann ist er lange fort gewesen und hat sein Vermögen allmählich in Ostende und Nizza verspielt. Nach und nach ist seine Gesundheit in die Brüche gegangen, und nun haben wir ihn wieder hier, um ihn bei Gelegenheit in die Grube zu senken.“ Herr Römer machte eine kleine Pause, strich die Asche seiner Zigarre ab und fuhr dann fort: „Ich bin einmal in nähere Beziehungen zu seinem Leben getreten. Es gab in unserem Ort ein wunderhübsches Mädchen, die schöne Gustel wurde sie geheißen, armer Eltern Kind. Graf Bernhard, dem ihre Schönheit nicht verborgen zu meiner Zeit.“ Worauf Mathilde weinte und die Mutter blieb, wußte es einzurichten, daß sie eines Tages als Dienerin schlecht aufgelegt war. Dementsprechend verlief der Abend. auf das Schloß kam. Es dauerte nicht lange, da war das UnZwei Tage später setzte der junge Mann seiner Unver= glück hereingebrochen, und als er ihrer satt und müde war, hämtheit die Krone auf, indem er anscheinend ganz unbe= wies er sie auf die Straße. Das väterliche Haus blieb der fangen im Hause Murzbacher erschien und sich mit der freund- Aermsten verschlossen, aber auch die anderen Leute des lichsten Miene der Welt zu entschuldigen suchte:„Es tut mir riegelten die Türen vor dem Mädchen zu. Meine Frau und furchtbar leid, daß ich eine Viertelstunde vorher dringend nach ich ärgerten uns über die Blödheit der Menschen, und da wir idelte sich um einen de ein paar Zimmer in unserem Hause, drüben auf der gaben auf meine Zukunft nicht entgehen lassen. Ich hoffe, daß Sie wir sie ihr. Meine Frau wußte es einzurichten, daß die kränkmein Fernbleiben jetzt verstehen werden." liche Gustel allerlei Handarbeit zugewiesen bekam. Leider war der junge Mann während seiner Rede rot Dann gebar sie ein Kind und nannte den Jungen Liebegeworden, und es stand ihm deutlich im Gesicht geschrieben, traut. Es war ein unseliges Wurm, hatte blöde Augen, und daß er die Unwahrheit sagte. Frau Murzbacher kleidete diese der Körper war mißgestaltet. Aber es blieb am Leben und Erkenntnis in etwas unsanfte Worte:„Ich bin im Augenblick wuchs heran, und als es ein kleiner Geselle von vier, fünf durchaus nicht aufgelegt, Märchen anzuhören. Meine Tochter Jahren war, gab man ihm ein paar Krücklein unter die wird die Folgerungen aus Ihrem Verhalten ziehen.“ Damit Arme, mit denen es sich mühsam behalf. Die anderen Kinder verschwand Frau Murzbacher, und das Hausmädchen teilte mochten nichts wissen von der häßlichen Gestalt, sie hatten eine Hans Geschwend mit, es sei bereit, ihm in den Mantel zu instinktive Angst davor. Aber an unserem Tiras, einem alten helfen... Kein Abschied. Nichts. Der Jüngling war geknickt. Neufundländer, hatte es einen treuen Kameraden und BeWenn doch wenigstens Mathilde... schützer. Der Hund ließ sich alles von dem Kleinen gefallen, Zerknirscht strich er zwei Stunden lang ziellos durch die und wenn sie sich beide zusammen auf der Straße zeigten, so Stadt, bis er endlich den Heimweg fand. Niedergeschlagen er= wagte es kein vordreister Junge, den kleinen Krückenmann klomm er die Treppe zu seinem Wohnatelier. Zerknirscht zu schmähen, was sonst nicht selten geschah. Eines Tages— öffnete er die Tür und— da saß kreidebleich seine kleine Ma= es war mitten in der Sommerhitze— unternahmen die beiden thilde, starrte ihn an, sprang auf:„Hans, Du lebst noch!“ Freunde einen weiteren Spaziergang vor die Tore der Stadt, Er wunderte sich über alles. Auch über die Frage. Aber dem Flusse zu. Draußen auf der Chaussee kam ihnen ein schließlich erhielt er für alles eine Erklärung:„Zuerst wollte Reiter entgegen. Es war Graf Bernhard. Das Pferd des ich nichts mehr von Dir wissen, weil Du es mit einer anderen Grafen, so heißt es, scheute. Er vermochte nicht, es zu zügeln hältst. Aber wie Du so traurig fortgingst, tatst Du mir leid, und zu verhindern, daß das Tier dem blassen Kinde, das nicht und ich dachte, Du würdest Dir schließlich aus Kummer das Leben nehmen, und deshalb kam ich hierher. Und nun sitze ich schon eine Ewigkeit hier bei Deiner Wirtin und war schon am Verzweifeln. Und nun...“ „Erlaube einmal!“ unterbrach er sie da.„Was sagst Du? Ich hielte es mit einer anderen?“ „Ja, das hat Tante Adele gesagt, denn sonst wärst Du doch zu uns gekommen und nicht einfach fort geblieben!“ „Und das glaubst Du?“ Die kleine Mathilde sagte dazu gar nichts. Aber ihr Gesicht verriet, daß sie sich nur zu gern eines Besseren belehren tassen wollte. Wahrscheinlich wäre aber diese Belehrung niemals erfolgt, hätte sich nicht plötzlich eine Tür geöffnet. Da stand die Wirtin:„Fräulein, der Herr Geschwend schamt sich, die Wahrheit zu sagen: Er hat halt nur ein Paar Stiefel, und weil die so schnell ausweichen konnte, einen Schlag mit dem Huf versetzte. Andere wollen es besser wissen und erzählen einander mit leiser Stimme, Graf Bernhard habe wohl gewußt, was er getan. Wie dem auch sei: der kleine Mann lag da, bewußtlos, mit blutendem Schädel, und die beiden Krücken lagen neben ihm. Tiras soll nach dem Geschehenen schäumend an dem Reiter emporgesprungen sein und ihm das Kleid zersetzt haben, doch ohne ihn ernstlich zu verletzen. Der Hund hinkte und verkroch sich, als er in das Haus zurückkam. Sie konnte nicht reden, die arme Kreatur, aber es werden wohl, die Peitschenhiebe des Grafen gewesen sein, in deuen seine Schmerzen ihre Ursache hatten. Der blutende Liebetraut wurde seiner Mutter bewußtlos ins Haus getragen. Er hat noch drei Wochen lang gelegen. dann tat er schweigend die müden Augen zu und rührte sich nicht mehr. Die Gustel warf sich über ihn und klagte laut. Es war rührend, zu hören, mit welch überschwenglichen Liebesworten sie den kleinen, häßlichen Balg, der ihr doch nur ein Schmerz gewesen war, überschüttete. Sie wollte ihn kaum hergeben, als man kam, ihn in die Grube zu legen. Und als sie dann allein war, wandelte sie im Hause umher wie ein lebloser Schatten. Langsam siechte sie dahin. Es war noch kein Jahr seit dem Tode des Kindes verstrichen, da gruben wir auch sie zur Seite des kleinen Liebetraut ein. Morgen werde ich Ihnen ein Bild der schönen Gustel zeigen, aus der ersten Zeit, da sie bei uns wohnte, und Sie werden sehen, wieviel Lieblichkeit in diesen bleichen Zügen war. Mein Junge, der ein halber Maler ist, hat sie gemalt.“— Wie wandten unser Gespräch anderen Dingen zu. Als das Hausmädchen die Lampe brachte, stahlen sich hinter ihm die beiden jüngsten Kinder Herrn Römers ins Zimmer, ein etwa zwölfjähriges niedliches Fräulein, mit Namen Gertrud, und ein Junge, Fritz, von neun Jahren, der in Kürze in Pension gebracht werden sollte, um ein Gymnasium zu besuchen. Bald darauf kam auch Frau Römer zu uns. Sie lud uns zum Abendessen ein, und wir begaben uns kurz darauf gemeinsam in das Eßzimmer hinüber. Nach Tisch blieb man noch gemütlich bei einer Tasse Tee versammelt, und bald kam die Stunde, da die Kinder sich zu Bett begeben mußten. Sie verabschiedeten sich, das Hausmädchen brachte die blonde Gertrud in ihr Zimmer, und der pausbäckige Fritz schritt mit einem Leuchter in den Hausflur hinaus, um sich in sein drüben gelegenes Schlafgemach zu verfügen. Einige Augenblicke blieben wir Erwachsenen allein, dann öffnete sich die zum Hausflur führende Tur, und der kleine Fritz stand totenbleich, zitternd und ohne ein Wort sprechen zu können, vor uns in dem Türrahmen. Frau Römer schrie auf, stürzte an die Tür und schlang beide Arme um ihr Kind. Auch Herr Römer hatte sich erhoben und war auf das äußerste bestürzt. Der Knabe wurde ins Licht, an den Tisch geführt; die Eltern liebkosten ihn und fragten, was geschehen sei. Fritzchen konnte noch immer nicht sprechen. Endlich rang es sich von seinen Lippen los:„In— meinem— Bett—— es—— liegt—— einer—— in meinem Bett!“ Damit schüttelte sich das Kind, und der Schrecken, den es erlebt hatte, schien von neuem vor das Geschopfchen hinzuWir sahen uns überrascht an. Der Vater fragte Fritz begütigend:„Im Deinem Bett, Kind? Du hast Dich sicher getäuscht. Das Licht hat geflackert, und Du hast nicht klar gesehen.“„ „Nein— nein, Papa— es liegt barin— es ist der kleine Liebetraut.“ Der Vater zündete schweigend eine andere Lampe an und ging, um nachzusehen. Ich folgte ihm. Als wir in den Hausflur traten, gab es dicht vor uns einen markerschütternden Knall, dann ein Geklirr wie von zersplitterndem Glas. Wir hörten, wie Frau Römer im Schrecken über das Getöse einen Schrei ausstieß. Als wir näher hinschauten, was es sei, fanden wir, daß das Bild der schönen Gustel von der Wand gefallen war. Wir schritten daran vorüber in das Schlafzimmer des Kindes. Die Kissen waren noch unberührt. Wir blickten in alle Ecken und Winkel, es war nichts zu finden. „Es ist eigentümlich“, sagte Herr Römer,„in diesem Bettchen ist der kleine Liebetraut gestorben.“ Dann begaben wir uns in die Eßstube zurück. In dem Flur mußten wir wieder an dem herabgefallenen Bilde vorbei; ein paar Glassplitter knirschten unter unseren Sohlen. Herr Römer nahm das Bild mit in die Stube und lehnte es dort an die Wand. Der kleine Fritz war unterdessen auf dem Schoß seiner Mutter ein wenig ruhiger geworden. „Es ist nichts da“, sagte Herr Römer mit einem Lächeln. „Mein Fritz hat mit offenen Augen einen Traum gesehen.“ Dann küßte er das Kind. Fritz aber schüttelte energisch den Kopf.„Ich habe es gesehen“, sagte er, wobei er auch blieb. Die Mutter nahm den eingeschüchterten Knaben mit in das Schlafgemach der Eltern und brachte ihn dort zu Bett. Herr Römer und ich begaben uns in das Arbeitszimmer und fingen an, über das Geschehene zu diskutieren. Vor uns auf einem Stuhl lehnte das Bild der schönen Gustel mit den großen Schmerzensaugen. Nach einer Weile hörten wir draußen dicht vor dem Hause den Nachtwächter die Stunde rufen. Kurz darauf klopfte es an den geschlossenen Fensterladen. Herr Römer erhob sich, trat an das Fenster, öffnete es und fragte: „Wer ist dar“.„ M. 13 guang. „Ich bin's. Krischan... ertonte es braußen. „Es ist der Nachtwächter", erklärte mir H Dann öffnete er eine Luke in dem Holzladen. B kam es:„Wissen Sie schon das Neueste, Herr?“ „Was ist denn los, Krischan?“ „Unser Jraf is dot.“ Der Grafe„„ af, am s.. „Ja. Der Deubel hat ihn geyolt. In seiner letzten Stunde hat er bloß noch von seiner toten Liebsten phantasiert, die hier bei Ihnen jewohnt hat, und von dem kleinen Liebetraut. Jott sei ihren Seelen jnädig! Gu'n Nacht, Herr." „Gu'n Nacht, Krischan.“ Hätte die Bande nicht für ein so großes und unverdientes Glück Allah danken sollen? Aber so sind eben die Khostwals, Sahib, und du onen machen können.“ derr Römer. Von draußen Khostwals sonstwie quälen. Das taten die esel denn auch, indem sie uns das Wasser weggruben. Na, da war eben der Dann mischten sich aber auf einmal die Engländer und die Afghanen hinein, denn weil der Krieg die Menschen ein aufregt so warer wir k'er und die Ohastwals drühen entiwei woren, bod P, hrer Abendgesellschaft. Aber der Kerl wenig aufregt, so waxen wir gier und vie Ahonwur drüben sie fertig mochte. be Z. ARtgrsch angetrurken, und wie ich die wild geworden, und da wußten wir beide nicht immer, ob abholen wollte: hlas 2d Leiner kannte wir auch auf den Richtigen feuerten, und so mag es wohl Sschuhe abholen wollte, hal er geschlgen, umd eeiner vonn= gekommen sein, daß wir einmal eine afghanische und die eencin. Khostwals ein ander Mal eine britische Proviantkoronne absagte er und mußte nicht ab er sich wieder schämen schossen. Und weil wir die Tragtiere nicht allein in der „Ja“, sugie er und wußl nicht, ob er sich wieder scham;:: Wildnis stehen lassen wollten, so nahmen wir sie mit in unPüte.—— Die Wirtin verschwand, weil sie glaubte, sie kei sere Dörfer. Nachher behaupteten dann die Engländer und eesi üdersiunig. die Afghanen, wir hätten ihnen den Proviant steylen wollen, und so könnte das nicht weiter gehen. Wir sollten uns auf jeden Fall mit den Khostwals einigen, denn sonst gäbe es Hiebe. gestohlene Heilige.] Also setzten wir uns oben auf dem Berge mit den Alten Erzählt von G. W. Brandst ser. von den Khostwaldörfern zusammen. Da wurde viel geredet, Peouee von v. wo. S tunenerten... doch schließlich soute aues fur die nachsten zwei Jahre beim Der Weise saß auf der Veranda des kleinen Rasthauses Alten bleiben und wir müßten Ruhe geben.„Schon“, sagten and blickte auf das weite Tal hinunter. Drüben hinter den wir und gingen auseinander. Es war auch spät genug afghanischen Grenzbergen neigte sich die Sonne nieder, und geworden. ihre Strahlen warfen ein verklärendes Licht auf die grauen“ Am anderen Morgen aber schrien wir alle vor Wut über Felswände, die hier das Nebental des Indus säumten. Es war den feigen Verrat der Khostwals. Denn jetzt sahen wir, daß so recht die Zeit zum Träumen..##., die sich nur deshalb mit uns zusammengesetzt hatten, um Der Führer dachte wohl anders. Er hatte seinen Loyn, unbemerkt aus dem Grabmal am Eingang zu einem von under eigentlich erst in Peschauer fällig war, schon erhalten, und seren Dörfern die Gebeine unseres Stammesheiligen zu steher glaubte sich nun verpflichtet, die Langeweile zu verkürzen, len. Weißt Du, Sahib, wenn ich ehrlich sein soll: Mir hätten die seiner Ansicht nach der Weiße verspüren mußte.„ die Knochen wirklich gestohlen bleiben können. Aber die AelSo wies er auf einen Höhezug, der, wie eine Halbinse. testen meinten, die Schande dürften wir uns nicht gefallen an einer Talgabelung aufragte:„Da druben, Sahib, liegen unsere Dörfer, die der Turis, und auf der anderen Seite sind die der Khostwal. Jetzt haben wir gerade Frieden mit einander, aber noch vor ein paar Jahren, da lagen wir gegenseitig auf der Lauer und knallten auf einander los. Schuld an dem ganzen Streit war das Wasser. Quellen laufen alle auf unsere Seite hinunter. So konnten wir zufrieden sein, und es würde keinen walkarawane zurück. Wir ließen sie ruhig weiter ziehen, wie wir es versprochen hatten. Nur den Häuptlingssohn behielten wir hier. Dafür ließen wir dem Vater sagen: Es täte uns furchtbar leid, aber sein Sohn hätte Cholera, und wir dürften ihn deshalb nicht weiter laufen lassen, sondern wir hätten ihn in eine Hütte geschafft, und dort mußte er bleiben, bis er wieder gesund werden oder sterben würde. Die Khostwals regten sich darüber auf und liefen zu den Engländern. Die sagten aber, wir hätten ganz recht getan, denn es sei Vorschrift von ihrem Arzt in Peschauer, daß jeder Cholerakranke sofort abgesondert werden würde. Der Häuptlingssohn müßte also bei uns bleiben. Später wurden sie ihn ja wieder bekommen, entweder gesund oder tot. An uns schrieben die Engländer, was wir mit dem armen Kranken machen und wie wir recht vorsichtig sein sollten. lassen, und außerdem wäre gar keine Aussicht vorhanden, daß wir in nächster Zeit wieder einen Heiligen zwischen uns fänden, weil wir doch alle nichts taugten. Also wollten wir uns den Heiligen wieder holen. ! Da kamen aber wieder die Engländer und die Afghanen Die und sagten, wir müßten Frieden geben, und sie wollten selbst sehen, daß sie eine Einigung herbeiführten. Solange dürften So konnten wir zufrieden sein,„ II., Wfahane in den wir uns gegenseitig nicht umbringen. Die Gelegenheit beStreit gegeben haben, wäre nicht einmal ein asghaue zu ern nutzten die Khostwais, um eine Karawane nach Peschauer zu Khostwals gekommen und hätte denen gesagt, wir seien schicken, weil sie verschiedenes Zeug dort los werden wollten. Schitenschweine, und man müßte uns das Leben schwer Der Führer war der eine Sohn des Khostwalhäuptlings. machen, und am besten drehte man uns allen den Hals um. Nun hörten wir Turis, unten in Peschauer sei die Weit des aber keiber nict mäslich int. io kellten und dis Cboiers ausgebrochen. Ein vaar Tags später kam die KhostSo konnten die Khostwals nichts machen. Aber sie waren ganz aus dem Häuschen, denn für einen Sunniten kann es keine größere Schande geben als in der Hütte eines Schiiten zu sterben. Dann kommt er nämlich sicher nicht ins Paradies. Da steckten nun die Alten drüben bei den Khostwals die Köpfe zusammen. Und schließlich schickten sie zwei Mann zu uns: Sie wollten hoch und heilig versprechen, auf ewige Zeiten Frieden zu geben, uns den Heiligen wieder bringen und sich niemals um unser Wasser kümmern. Dafür sollten wir nur so freundlich sein und erlauben, daß sie uns in der Nacht den Häuptlingssohn entführten. Auf diese Weise würden uns auch die Engländer keinen Vorwurf machen können, wir hätten den Cholerakranken wieder hergegeben. Wir überlegten uns die Sache lange, und dann sagten wir schließlich, um des lieben Friedens willen wollten wir auf den Vorschtag eingehen, aber erst müßten die Khostwals uns unseren Heiligen wiedergeben. Das taten die Leute denn auch, und wir weihten das Grabmal wieder ein, damit aller Sunnitenschmutz heruntergewaschen wurde. Dann sagten wir den Khostwals:„Heute nacht werden wir gut schlafen.“ Na, den Wink verstanden die Leute auch, und so besuchten sie in der Nacht die Hütte, wo ihr Häuptlingssohn lag. Das merkten wir Turis, denn die Khostwals schlugen großen Krach, schimpften und fluchten und nannten uns alles mögliche. Und weißt Du warum, Sahib? Nur weil sie ihren Häuptlingssohn gesund und ohme alle Cholera fanden! wirst nie anständige Menschen Die Die alte Kanone Erzählung von Ewald Banse. die Pforte klappte zu. Der Legionär nahm Gewehe ab und rührte. Im Ohr das feine Tönen des Nadelbajonett# blickte er ins Freie hinaus. Er stand auf einer winzigen Bastei der arabischen Kasbah die hoch oben am Felshang, ein winziges Schwalbennest, ins Sonnenblau hinausgebaut war. Vor ihm, dicht vor ihm, zum Greisen nahe, stieg die Wand des Meeres an, kobaltblau und ganz ungekräuselt. Es lag tief unter ihm, hundert Klafter wohl, und doch sah es aus dieser Höhe einer schrägen Wand gleich. Ganz unten war diese mit Schiffen bedeckt. Der Legionär wischte sich über die beperlte Stirn. Dann ging er ein paar Schritte hin, ein paar her und hatte die Bastei ausgemessen; deren Hauptraum nahm eine alte Kanone ein, eines jener auf Holzlafetten gesetzten Urväterstücke, wie sie noch heute in allen Barbareskenstädten die Burgen schmücken. Wozu an dieser Stelle überhaupt ein Posten stand, wußte kein Mensch. Die Soldaten sollten wohl nur beschäftigt werden; zu bewachen jedenfalls gab es nichts, denn der Berghang war zum Ersteigen zu steil. Das beste war noch, daß man von nirgends her beobachtet werden konnte. Er bog sich über die Brüstung vor und spähte hinab. Gelbe Felsnadeln und Schlüfte, als stände man auf der Höhe eines Münsterturmes— tief, tief unten der gelbe Strand, an den mit winzigen weißen Halbmonden das Meer leckte, und davor ein paar Dampfer: zwei Franzosen, ein Italiener und — ha, ein Deutscher! Seine Fahne flatterte schon, er ging sicher heute abend noch ankerauf. Der Soldat lehnte sich zurück. Sein Auge schweifte über die blaue Wand und irrte über den blauen Himmel; es suchte vergebens einen Punkt, an dem es sich festsaugen konnte, aber diese Welt hier im Süden war leer in all ihrem Prunk und versagte sich dem Menschen. Keiner in der Legion, der nicht verführt oder aus Abenteuerlust gekommen war und der nicht, angeekelt, sich wegwünschte.— Er stellte die Knarre gegen die Mauer und lehnte sich an das Rohr der Kanone, ganz vorn, dicht an der Mündung. Oh, die Legion— wie er sie haßte! Behandelten sie ihn doch als Tier. Gestern noch beim Appell hatte der Sergeant=Major ihm die Faust ins Gesicht gestoßen, nicht aus Wut, sondern mit kalter Berechnung, genau beobachtenö, ob des Soldaten Haltung auch nur den leisesten Anschein von Widersetzlichkeit zeigte. Nicht Soldat— Sklave war man hier. Er legte den Kopf seitwärts auf das Bronzerohr und starrte über das Korn in die Sonnenbläue hinaus. Wie fein war's doch gewesen, wenn er als Ret##t, als deutscher Rekrut natürlich, auf Urlaub heimkam— hier in Afrika gab's keinen Urlaub, nicht einen einzigen Tag. Zuerst der Weg von der Bahn zum väterlichen Hofe— rechts und links grüßende Birken und dahinter die rote Heide mit ihren Wacholdergestalten. Ha— die Schnucken kommen. Des Soldaten Augen erweiterten sich— kluck=klang=klöck stahl es sich in sein Ohr. Eine Schnuckenherde bog um die Waldecke und zerstreute sich in der Heide. Ihre Glocken gluckerten und tönten, der Hund bellte dazwischen, die Heide roch nach Honig, die Immen summten, weiße Wolkenburgen schoben sich durch den blauen Himmel. Und immer klangen die Glöckchen— sie riefen den Hofsohn, sie malten das Bild der fernen Heimat— sie löschten das heiße Afrika— die Legion— das Abenteuer— die Bastei völlig aus. Ohne zu wissen, was er tat, hockte der Soldat vor der Kanone nieder. Sein heißer Kopf suchte ihr Rohr und legte sich an das kühle Metall. Und als nun das Ohr in die Mündung zu liegen kam da verstärkte sich das Tönen und Läuten. Die Herde schub sich näher auf den Heimkehrenden zu. Dann tauchte auch schon der Giebel des Hauses auf, die Mutter stand winkend davor— und plötzlich war Sonntagmorgen; er dehnte sich noch im Bett, durchs Fenster blickte die alte Feldsteinkirche. Plötzlich huben deren Glocken auch noch an zu läuten. Mächtig schwang ihr Erz in das Kupfer der Schnuckenglöckchen hinein, malte die Heimat bunter und rief mit hallender Stimme deren verlorenen Sohn. Das Feuer der Herdstelle glühte auf und spiegelte sich in den Augen der Kühe, es roch nach Tieren und nach Gebratenem, die Stimme des Vaters hallte dazwischen— und er selber, er ging, ein Junge durch all dieses heimatliche Gewese, als Teil des Ganzen,###löslich mit all dem verknüpft, und doch irgendwie anders. dann schritt er hinaus.— Der Legionär kam wieder zu sich. Die en weiße Bastei umschloß ihn wie die Zelle eines Gefängnisses, und darüber sprühte der blaue Himmel seine Funken. Er ballte die Fäuste und wollte sich fluchend erheben. Aber was war das? Die Glocken der Heimat läuteten immer noch! Er hielt den Atem an. Kein Zweifel, sie klangen stark in sein Ohr, sie tönten aus der fernen Heide übers Mittelmeer bis an diesen Felsen. Trotz der glühenden Hitze überlief's ihn. Hatte der Kafard ihn überfallen, der Legionskoller? Aber nein, er war doch bei Verstand! Die Glocken läuteten weiter, und— ha, sie— wirklich, sie drangen aus dem Innern des Kanonenrohres. Er preßte das Ohr erneut in die Mündung— ho, wie das drinnen sauste und brauste, wie das tönte und dröhnte, wie das gluckerte und sang! Wahrlich, das Glockengeläute seines Dorfes — aller Nachbardörser— aller Heidestadte klang darin zusammen. Aufatmend erhob sich der Soldat. Seine Hand strich über die dunkle Bronze, sein Auge aber schweifte von neuem in die Weite. Die Sonne war am Untergehen, bald mußte irgendwo jener Kanonenschuß fallen, der den Eingeborenen die Fasten brach und sie zum Schlemmen in die Häuser rief. Er beugte sich vor und sah den deutschen Dampfer. Dessen fahne flatterte leicht, und schwarzer Dampf stieg aus dem schornstein— der würde in einer Stunde abfahren. Er aber, der Legionär und Heidjer, mußte hierbleiben! Ho— mußte er das, mußte er das wirklich? Wenn er doch fortkönnte, mit dem deutschen Dampfer fortkönnte! Er beugte sich weiter vor Hm, das Schiff lag keine hundert Klafter vom Ufer, so weit schwamm man schon noch. Aber wie hinabkommen? Der Fels war fürchterlich steil— immerhin, Vorsprünge hatte er genug Ging's schief— so war’s ein schneller Tod, und in der Legion würden sie ihn einmal ja doch zunichte machen. Der Glanz des Tages wich schwächerem Licht. Der erwartete Schuß donnerte und verhallte über dem Meer. Dann brach die Dämmerung herein— so rasch, daß ihre Schatten schneller liefen als die jagenden Gedanken eines Mannes in der Fremde. Er riß die Knöpfe der Kapotte auf, zögerte aber noch. Da hielt er das Ohr an die Mündung— die Glocken der Heimat klangen und dröhnten, jubelten und riefen. Die Kapotte flog in die Ecke. Das Gewehr stemmte er gegen die Tür— die müssen sie einschlagen, fuhr's ihm durch den Sinn, flüchtig nur, denn schon jaß er auf der Brüstung, schon tastete der Fuß nach dem ersten Halt. Und dann arbeitete er sich mit Händen und Füßen, mit Knien und Zähnen hinab— die steilen Wände des alten Barbareskenberges hinab! Die Kleidung zersetzt, am ganzen Körper zerschunden und zerblutet, langte er unten an— eine Kletterleistung, deren der Sohn der Heide nie fähig gewesen wäre, wenn nicht die Glocken der Heimat ihn gerufen hätten. Gerettet! Oben auf der einsamen Bastei stand die Kanone, laut ihrer Inschrift 1721 zu Celle gegossen, und in ihrer Seele schwangen die Töne der Heide, das Summen der Bienen, die Glöckchen der Schnucken und die Glocken von Celle. Rundherum aber breitete sich die