Duval war höchst erschrocken. Er sollte ranzen, den seinen Mann spielen, mit einer Kaiserin schön tun, der nur Purzelbäume schlagen konnte? Stotternd trug er seine Bedenken vor. Doch Maria Theresia klatschte vergnist in die Hände— man würde schon jehen. bendlich mußte nun der Münzdirentor heimlich in die Burg kommen, eine Hofdame saß am Spinett, und silberhell und traumleicht flossen die Töne dahin. Einige Damen und Herren des Hofes, welche die Kaiserin für ihren Scherz gewonnen, traten an, man übte ein Menuett, und der Alte versuchte auf dem spiegelnden Porkett sicher zu werden. Duval wischte sich den Schweiß von der Stirn, wenn er aus der Burg kam, die Zunge klebte ihm am Gaumen, und er hatte den Spaß herzlich satt. Ihm graute vor dem Faschingsball bei Hofe. Stets ging er zunächst in eine Schenke, um seinen Aerger hinunter zu spülen. Dumpf brütend saß er in einem Winkel. Wenn er doch nur um diese lächerliche Komödie herumkäme! Die Kaiserin war eine holdsüße Frau, doch dieser Scherz... Ein Fremder ließ sich neben dem Alten nieder, man kam ins Gespräch, redete vom Karneval, und Duval, angeregt vom Wein, schüttete sein Herz aus. „Ihr geht einfach nicht auf den Ball, guter Freund,“ rief der Fremde und lachte,„hört zu, ich will Eure Stelle einnehmen. Ich gehe für Euch. niemand wird mich erkennen, und kurz vor Mitternacht, ehe die Masken sinken, verlasse ich durch einen Seitenausgang die Burg. und Ihr erscheint, dann ist der größte Rummel vorbei.“ Duval sah einen Ausweg und schlug mit der Faust auf den Tisch. Er würde den Abend, ror dem er sich fürchtete, gemütlich über seinen Büchern verbringen, ungestört. Hastig schlug er in die Hand des Fremden ein.— Der Faschingsball kam. Die Geigen und Flöten klangen, bunte Masken glitten durcheinander, Landsknechte und Matrosen, Türken und Neger, gelbe, rote, grüne Dominos. Und der Fasching beherrschte die Stunde. Die Kaiserin hatte ihren Spaß, ihr Scherz schien gelungen. Duval als Zigeuner machte sich prächtig, und mit dem Tanzen ging es besser, als sie gedacht. Franz als schwaczer Mönch schien den Scherz nicht im entferntesten zu erraten, hatte keine Ahnung, daß der menschenscheue Duval unter der Maske steckte. Die Stimmung stieg, die Musikanten spielten, Faschingstaumel beherrschte alle Herzen. Die Kaiserin im gelben Domino fand ihren Streich geglückt und mischte sich fröhlich in den wogenden Reigen. Der Zigeuner holte diese und jene Maske zum Tanze. Franz, in der Kutte düster wirkend, stand an der Wand des Saales. Er hatte an den ungelenken Bewegungen sogleich Duval erkannt und lachte in sich hinein. Er wollte Maria Theresia, dem gelben Domino, den Spaß nicht verderben und so tun, als käme er nicht dahinter; bei der Demaskierung um Mitternacht hieß es dann den Erstaunten spielen. Der schwarze Mönch beobachtete das bunte, jubelnde Faschingstreiben— da wurde er aufmerksam. Der Zigeuner holte wieder und immer wieder die Frau des Kriegsministers, die schwarzhaarige Spanierin, der Fürst erkannte sie an den Diamanten ihrer Ohrringe. Schärfer sah Franz hinüber, Duval war plötzlich ein eleganter Tänzer geworden, das Eckige seiner Bewegungen verschwand. Er neigte sich zu der Maske nieder, er flüsterte, und die kleine Frau mit den stets unruhigen, begehrlichen Augen schien hingerissen. Immer wieder fanden sich die zwei: Franz spürte einen fernen Argwohn nahen, kalt stieg es in ihm empor, ein jäher Gedanke kreuzte sein Hirn, er lehnte sich fest an die Wand. Man lebte in düsteren Zeiten, ein Erbfolgekrieg drohte, Frankreich und Spanien hetzten, Sachsen und Bayern rüsteten. und der Preußenkönig verhielt sich beängstigend ruhig. Franz hörte die junge Kaiserin silberhell lachen, der gelbe Domino flirtete vorüber, ging im bunten Kreise unter. Und wieder lugten die Augen des Fürsten, durch die Spalten der Larve, die Spanierin lag in den Armen des Zigeunerszdes Kriegsministers Frau— und es waren bedrohliche Zeiten! Blendende Helle umsing urplötzlich den Mann, seine Fäuste verkrampsten sich— er sturzte ver, mit einem Satz hatte er den Zigenner erreicht. „Halt zum Teufel mit Maskenfreiheit und Mummenschanz, die Larve herunter, oder wenn Ihr wirklich Dural seid, schlagt ein paar Purzelbäume, vorwärts, auf der Stelle!" Ein ungeheurer Tumult entstand, die Musik brach ab, die Masken umdrängten das Paar, die Kaiserin stand erschrocken neben ihrem Der Zigeuner sah verwirrt umher, da riß ihm Frans die Maske herunter, man blickte in das ce, verzerrte Antlitz des Grafen Belleisle, des gefährlichen Pariser Spions. Sekunden später war die Wache im Saal. „Hütet Euch vor den Männern,“ drohte Franz der Spanierin,„die allzu offensichtlich um Eure Bunst werben!" Er winkte der Musik, die Geigen jubeiten. der Tanz begann; gütig reichte Franz der jungen Kaiserin den Arm. Bald klärte sich alles auf. Duval saß über seinen Büchern, als Zigeuner angetan, er wurde auf die Burg gebracht und mußte unter allgemeiner Heiterkeit einige Purzelbäume als Strafe für seine Einfältigkeit schlage. Maria Theresia aber schmiegte sich in den Arm ihres Gatten: sie begriff, beinahe wäre aus ihrem Faschingsscherz bitterster Ernst geworden. Masken wirbelten umher, durch die Gassen Wiens lärmte der Karneval, während ein Wagen, von Berittenen begleitet, den Franzosen davon brachte. Die Faschingsnacht blieb mit wildherziger Lebenslust, Maskenbuntheit und Mädchenlachen, mit leuchtenden Sternen zurück. Im Schneesturm Skizze von M. von Corvinus. Meine russische Tante pflegte uns eine Geschichte zu erzählen, die sie selbst erlebt hatte, bei der es aber nie herauskam, ob sie Jelena oder Lisawjeta gewesen war. Man hatte Fastnacht in Orenburg gefeiert, und gegen Morgen standen drei Schlitten vor dem Portal— nur drei, denn die anderen Teilnehmer beschlossen, zu übernachten. Die Pferde allerdings schienen unlustig, wieherten, dehnten die Nüstern. „Bleibt zurück, Ihr Herren!“ sagte der Wirt, der seine vornehmen Gäste an die Schlitten geleitete, und er deutete warnend nach dem Firmament. Es war von einer seltsamen milchigen Weiße. Aber die drei Paare, die stolz und verbittert die Schlitten bestiegen, hüllten sich in die Pelze, die Herren nahmen dem Stalljungen die Zügel ab und peitschten die Pferde, je drei vor jedem Schlitten. Im vorderen saßen neben Pjotr Gneditsch Jelena, die so gern mit Ilia Baranow gejahren wäre, der im letzten Schlitten neben Lisawjeta saß. In der Mitte fuhren die Brüder der beiden Mädchen. Wie Lisawieta kreischte, wenn der Schlitten inp feilschnellem Flug einen Meilenstein streifte und etwas kippte! Ilia wußte, daß Jelena im gleichen Falle nur gelächelt hätte, ganz stolz und schelmisch gelächelt. Warum jaß sie ihm nicht zur Seite? Weil sie den Abend über Pjotr bevorzugt und sein Trotz darum Jelisawjeta zur Heimfahrt seine Troika angeboten hatte. Er knallte so laut mit der Peitsche, daß Jelisawjeta wieder Grund zum kreischen bekam. Gneditsch bog von der breiten Orenbucger Landstraße in einen Feldweg ein, um den Weg abzukürzen. Baranow fand es nicht praktisch, aber er folgte. Die Steppe glitzerte in Myria= den Brillanten. Sie war herrlich, aber ungeheuer gefährlich. Nun drang ein messerscharfes Wehen von Osten her. Ein Zischen brach los, dem von Schlangen vergleichbar. In der milchigen Weiße jagten dunkle Fetzen— schwarze Wolken, die in unheimlicher Eile wuchsen, Finsternis streuten und feinen, kristallscharfen Schneestaub. Ein gewaltiger Aufruhr begann, und Töne erklangen, die an das Heulen hungriger Wölfe gemahnten. In kurzer Zeit waren Steg und Weg verschneit. Eine ungeheure Weiße breitete sich aus. Die Insassen der drei Schlitten erkannten, worum es sich handelte: Der Burun war da, der russische Schneesturm! Man spannte die Pferde aus, überließ sechs ihrem Schicksal. Sie liefen, ängstlich wiehernd in die Weite, ihren Stall suchend. Drei behielt man bei sich, stellte die Schlitten um sie herum, die Deichseln emporgerichtet und an der Spite zusammengebunden. Das ganze glich einer Pyramide. Alle Pelzund Schlittendecken wurden darüber gebreitet, und die Menschen krochen in diesen Unterstand. Die Tiere boten ansangs wohlige Wärme; zitternd drängten sie sich aneinander. Die sechs Menschen fühlten noch Blut in den Adern, furchteten aber heimlich ihr Erlöschen. Alle saßen und horchten auf den immer wilder wütenden Orkan. Es klang jetzt, als schrie ein Heer Unerlöster im Weltenraum in grenzenlosem Jammer. Schneemassen warfen sich gegen die Burg, so daß nur noch die Spitzen der Deichseln hervorragten. Drinnen klopften sechs Menschenherzen in Spannung, Furcht und Entsetzen. Doch keiner wollte seine Stimmung verraten. Sie sprachen alle lebhaft und angeregt, um eine niedersinkende Müdigkeit zu bekämpfen. Ihr nachzugeben wäre Vernichtung gewesen. Aver während alle sich einer gewissen Gelassenheit befleißigten, kreischte Jelisawjeta von Zeit zu Zeit auf, wenn der Orkan zu mächtig an dem Verdeck rüttelte. Und sie betete, naschte dazwischen Konfekt, das sie immer mitführte. Alle hatten elektrische Lampen, die sie sparsam anvendeten. Jelena war still und in sich gekehrt. Wenn ein Licht aufleuchtete, sah man ihre schweren Lider gesenkt.„Nicht schlafen!" riei Ilja erscheeckt.„Hören Sie, Jelena Konstantinowna, nicht schlafen!“ Als nach langem Warten wieder Finsternis herrschte, fühlte er eine kleine, kalte Hand die seine drücken. Und Lippen näherten sich einem Ohr, und eine sast ersterbende Stimme sprach: „Man hatte mir gesagt, du wolltest mein Gold, Ilja Fjodorowitsch! Darum— o Ilja, verzeih, — darum stellte ich dich heute auf die Probe. Aber ehe ich sterbe, sollst du wissen, daß ich nur dich geliebt habe....“ Da umfaßten seine Arme die zarte Bestalt. 'eine Lippen fanden die ihren, und ihrer beioer Herzensglut entfachte sich so stark, daß sie dem Tode standhielten. Ein Tag verging— eine Nacht! Dann lachte die Sonne. als wäre die Hölle nicht los gewesen. Schlittenglöckchen erklangen. Freunde, Retter nahten. Die Eingeschlossenen wurden befreit. Tot waren die Pferde, aber die Menschen hatten ich kraft ihre Lebenswillens erhalten— still war nur Jelisawjeta in der ungeheuren Kälte geworden, aber bebend in Frost lachte Jelena dem neuen Tag, dem neuen Leben entgegen.. .— Vorsorglich. „Ich gebe Ihnen, Herr Sekretär, gern meine ältere Tochter Fricda zur Frau, weil sie ein Kleines Magenleiden und daher wenig Appetit hat. Für meine jüngere Tochter Else würden Ihre dreihundert Mark Gehalt im Monat nicht ausreichen.“ * Boshaft. Dichter:„Meine Gdichte werden mich überieben!“ Kcitiker:„Sind Sie denn so leidend?" * Geständnis. „Wenn du n'ch nicht geheiratet hättest. Emil hättest du mich dann auch noch so lieb?“ „Sogar noch lieber, Emilie!" * Auskunft. „Wie komme ich am schnellsten nach dem Augusta=Krankenhaus?“ fragt jemand einen Jungen auf dem Potsdamer Platz. „Ta brauchen Sie nur mal über den Platz zu lausen, wenn das Signal grün ist!" Vorsichtige Frage. Es war in einem Torfe im Erzgebirge mit Zweiklassenschule. Tort traf eines Tages ein erlaß der zuständigen Amtshauptmannschaft ein lautend:„Montag Impfung. Die Kinder haben sich mit gewaschenem Oberarm unter Führung des Lehrers einzufinden.“ Darauf schrieb der Lehrer zurück:„Soll der rechte oder der linke Arm gewaschen sein?" * Kleineres Uebel. „Hat Ihre Frau niemals versucht, dem Kinde etwas vorzusingen, wenn es so schreit?" „Toch.“ „Na, und?“ „Die Nachbarn haben erklärt, daß es ihnen lieber wäre, wenn das Kind schreit.“ * Sein Standpunkt. „Nach Amerika fährst du?“ „Ja!“ rschäftliche: „Ja!“ „Haste nicht Angst, daß das Schiff unterzehen könne?“ „Nu, schon— ist es meins?“ Verantwortlich H. Semmeimann, Altena. Druck und Ver'ag: C. Santz, Altena. SIr MPImS PPTLIFe Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung 5 Samstag, den 7. Februar 1031 Akrobaten des Lebens Faschingsskizze von Margarete Hodt. Als Edith erwachte, glaubte sie das Dröhnen der Rotationsmaschine zu hören; aber sie täuschte sich. Es war finstere Nacht, und sie lag auf ihrem Sofa. Vom Bett her kamen tiefe, gleichmäßige Atemzüge. Tort schlief die Mutter. „Es ist noch nicht Tag“, dachte Edith. Sie fühlte, wie hart ihr Lager war. Ihr Gehirn sing an zu arbeiten:„Werde ich heute meine Kündigung erhalten? Der Verlagsdirektor sagte, daß sich die Redaktion nicht mehr den Luxus erlauben dürste, eine Dame zu beschäftigen.“ Luxus? Du lieber Himmel! Sie arbeitete täglich elf und zwölf Stunden, schrieb außerdem oft noch in der Nacht einen Bericht über eine Abendveranstaltung: Sie war so nervös, daß sie überall das Surren und Rattern der Maschinen aus dem Zeitungsgeläude zu hören glaubte. Manchmal fiel sie vor Müdickeit fast vom Stuhl. Luxus!„Heute abend ist ja auch der Maskenball.“ Ihre Gedanken machten einen Sprung.„Mama will durchaus hingehen. Nun, mein Kostüm ist in Ordnung. Ich werde darüber schreiben. Vielleicht schenkt mir der Zufall die Idee zu einer neuen Novelle. Heini — nein, Heini muß in der Redaktion bleiben. Heini darf nicht mit.“ Sie warf sich herum. Sie wollte so gern schlafen, denn ihre Nacht war nur kurz, aber sie wußte genau, daß sie keine Ruhe mehr finden würde. Ihre Gedanken beschäftigten sie zu lebhaft.„Akrobaten des Lebens“, sagte eine Stimme in ihrer Seele.„Ihr seid Akrobaten des Lebens. Ihr tanzt und lacht, und Euer Leben sieht so leicht und heiter aus. In Wirklichkeit aber ist es eine harte Arbeit, und immerfort droht Euch der Sturz in die Tiefe." Da stand plötzlich die Erinnerung an den verflossenen Abend vor ihr. Sie war zur Berichterstattung im„Garten Eden“ gewesen, wo es ein Varietee gab. Unter anderen gastierte dort ein Artistenehepaar, das auf Zweirädern arbeitete. Während der Fahrt wurden die Räder auseinandergenommen, und schließlich führten die beiden auf den schmalen Vorderrädern einen grotesken Tanz aus. Dabei stürzte die Frau. Die Nummer wurde wicderholt und glückte dann tadellos. „Heut krieg' ich meine Schmisse“, meinte die Radfahrerin später, als sie am„Künstlertisch“ saß, und dann erzählte sie aus ihrem Leben. Früher hatten sie mit ihrer Nummer ganz gut verdient. Nun aber waren ihre Tricks von den jüngeren Truppen längst überholt, und sie fanden nur noch in kleinen Varietees eine Anstellung. Ihr Verdienst reichte kaum hin, um das Leben zu fristen.„Mein Mann hat zu trinken angefangen“, sagte sie,„wenn er austritt, merkt man es noch nicht, aber es kann ja nicht ausbleiben, und das ist dann das Ende.“ Edith hatte alles gehört.„Und das ist dann das Ende“, flüsterte sie wie im Traum.„Wenn ich morgen meine Kündigung erhalte, das ist dann das Ende. Mama hat kein Geld, und wo finde ich eine Stelle wieder? Hundecte von männlichen Kollegen sind arbeitsles, und ich bin ein Luxus, den man sich in schlechten Zeiten nicht gestatten darf.“ Am anderen Morgen sah Edith in der Redaktion die Zeitungen durch. Es herrschte dort noch nicht die fieberhafte Tätigkeit wie am Abend und während eines Teils der Nacht. So konnte sie in Ruhe den Brief lesen, den ein Bote ihr gebracht hatte. Er enthielt die gefürchtete Kündigung. Ihre Augen blickten lange auf die Zeilen. „Ja, ich tanze heute abend“, dachte sie,„ich werde auch noch manchmal mit Mams im Theater sitzen,— ja, unser Leben sieht dann für Uneingeweihte leicht und froh aus, aber der Sturz in die Tiefe ist ganz nahe.“ Sie überhörte fast, daß Heini eintrat. Er var ein bochgewachsener Jüngling, fast zu schlank. Sein Gesicht hätte hübsch sein können, aber viele Pockennarben entstellten es. „Guten Morgen!“ rief er und lächelte. Alle die kleinen Grübchen auf Nase und Wangen ächelten mit. „Guten Morgen“, antwortete Edith und steckte den Brief in seinen Umschlag.„Wo warst Lu gestern?" fragte sie dann. „Im Kino. Anna Karenina." „War's schön?“ „Schön? Es war sehr traurig. Das Publikum lebte so mi: der Heldin, daß zuletzt jemand ganz laut ausschrie.“ „Was ist denn das Schicksal der Anna Kacenina?“ „Zuletzt wirft sie sich vor den Zug.“ „Ah—!“ das nur ist dur nur: Ich fühle mein Es ist ganz groß— ach, ich habe ja Angst, ich habe ja Angst.“ Sie kannte im Walde eine Stelle, wo der Zug vorüber fuhr. Da war keine Schranke, und da konnte man sich vor die Lokomotive werfen, ohne daß es iemand merkte. Dort stand eine Bank, darauf hatte sie manchmal im Sommer mit Heini gesessen. Ganz dicht fielen die Schneeflocken, legten sich auf ihren Mantel, ihre Mütze und ihre Hände. Sie fühlte sich grenzenlos verlassen. „Den letzten Weg muß jeder allein gehen“. Sachte sie und faltete ihre Hände zum Gebet. Aber sie fand keine Worte für Golt.„Noch ein paar Minuten!“ flüsterte sie, als sie den einsamen Platz im Walde erreicht hatte. Ach die Bank, auf der sie manchmal mit Heini gelesseg hatte. Die Bank war nicht leer. Sie erschraß. Eine Gestalt erhob sich und trat dicht an sie her. an. und dann sagte eine liebe, bekannte Stim. kr:„Anna Karenina.“ „Heini!“ Sie ließ sich wie ein armes, verirrtes Kind in die Arme nehmen. Es war ein erlösender Weinen da und ein einziger Gedanke:„Ich bin nicht allein, ich bin nicht allein.“ „Du willst sterben wie Anna Karenina?" „Wie kannst Du das wissen?" „Du hast mir ja alles verraten. Ich war je den ganzen Abend bei Dir, um Dich zu bewa chen.“ „Als Teufel?“ „Als Schutzengel. Nur die Maske war die des Teufels." „Das Leben ist so schwer, Heini!“ „Obgleich es so leicht und heiter aussieht. Wir sind wie die Seiltänzer, wir schweben tets in Tedesgefahr." „Ich halte es nicht mehr aus.“ . Er schwieg, aber er hielt sie fest. In der Ferne pfiff der Zug.„Aber bei den Akrobaten gibt es etwas, das heißt Kameradschaft.“ „Ein Kamerad bist Du, Heini, der einzige, den, ich habe.. 6n „Soll ich Dir sagen, was das Leben erträglich macht?“ fragte er nach einer Weile. Ezlang sehr scheu und leise. „Ich glaube, es gibt nichts.“ „Doch. Die Liebe.“ Zug brauste heran und fuhr vorüber Sdith zitterte hestig. Sie sah in der weißen Heue der Nacht alle die rollenden Räder, die sie jetzt— jetzt zermalmt haben würden, wenn nicht ihr Kamerad da gewesen wäre, um sie zu beschützen. Sie sprach nicht. Der Zug war schon weit. Dann hörte man ihn nicht mehr. Heini hielt sie immer noch umfaßt, als fürcher, sie könnte doch noch in das finstere Reich des Todes hinabgleiten, wenn er sie losließe. Die Schneeflocken schwebten wie Sterne um sie herum. Endlich fand sie Worte, und die klangen hell und fest:„Ich werde den Kampf mit dem LeFöslen2c einmal aufnehmen— um der Liebe Hassan sucht sein Recht Erzählt von Olaf Sorell. Schutzmann Hassan war ein Fulbe und sah mit der Verachtung des kaffeebraunen Angehörigen einer höheren Rasse auf die gewöhnlichen Schwarzen herab.„Hassan“, sagte der Hauptmnn, wenn die Rede auf ihn kum, „Hassan ist der beste Mann auf der Station.“ Der Hauptmann sprach bei solcher Gelegenheit nicht vom dienstlichen Standpunkt allein. sondern sein Lob war der Ausdruck persönlichen Dankes. Denn ohne den Fulbe wäre der Hauptmann schon im ersten Jahre seines Aufenthaltes auf der Station zum Fraß für die Krokodile geworden. Das war in der trockenen Jahreszeit, als man den Fluß durchwaten konnte. Und doch Cdith spielte mit dem Briefumschlag.„Ja, nanchmal kommt jemand unter die Räder. Weißt Du, was das ist?“ „Nein.“ „Meine Kündigung.“. Sie sagte es mit lahendem Munde. Heini antwortete nicht. In ihm schien alles Blut gefrieren zu wollen bei dem Gedanken: „Du wirst Edith verlieren, du wirst Edith verlieren.“ Zum Glück läutete in diesem Augenblick das Telephon. Die Mutter erfuhr nichts von der Kündijung. Sie war eine verarmte Baronin, die es mmer noch liebte, die große Dame zu spielen. Edith verstand oft ihre Mutter nicht. Obgleich die Baronin schon über fünfzig Jahre alt war, haschte sie immer noch nach den bunten Blüten des Lebens, hatte stets einige sehr zweifelhafte Verehrer und schien wenig darüber nachzudenken, daß ihr Kind durch harte Arbeit sie ernährte. Heute war sie mit der Tochter zufrieden. Edith trug ein weißes Pierrot=Kostüm mit einem zipfligen schwarzen Kragen, an dem wohl ein Dutzend silberne Glöckchen hingen. Auf dem Kopf hatte sie einen spitzen Hut mit schmalem, schwarzem Rand, der zu ihrem blonden Haar und zu ihrer weißen Maske einen vorteilhaften Begensatz bildete. Die Mutter unterhielt sich nit einigen Herren und schwamm aleichsam in ihrem Element. Edith war vom Wein leicht verauscht und trug einige Verse vor, die sie auf eine Papierserviette geschrieben hatte. „Ich trage des Lebens Narrenkleid, So laut mein Lachen, so hell meine Schellen, Die Leute gaffen, die Hunde bellen. Seht, welch ein Kleid!" Da wurde sie in eine bunte Papierschlange eingewickelt, und ein feuerroter Mephisto mit einer Teufelsmaske vor dem Gesicht trat heran. „Was ist verwünscht und stets will ommen? . Was ist ersehnt und stets verjagt?“ ragte er, und sie antwortete schlagfertig: „Was immerfort in Schutz genommen, Was hart gescholten und verklagt!“ Dann tanzte sie mit ihm. „Meine Maske ist weiß,— weiß wie der Tod—“ dichtete sie, während er sie durch den Saal ühr„Weißt Du, Teufel, daß der Pierro! das Bild des Todes ist? Es gibt nichts Traueigeres auf der Welt als einen Pierrot.“ Als man die Masken vom Gesicht nehmen ollte, schlich Edith sich heimlich fort. Draußen ielen leise Schneeflocken vom Himmel. Es war hell genug, den Weg zu erkennen, auch dort, wo keine Laternen brannten. Edith stand einen Augenblick still und preßte die Hand auf ihr Herz. „Es gibt nichts Traurigeres als einen Pierrot", dachte sie, und in ihrem aufgeregten Blut sangen die Verse:„Ich trage des Lebens Narrenkleid...“ „Ich will tapfer sein“, dachte sie weiter,„ich war es in meinem ganzen Leben. Aber was E S S — *2 S S—.BB * * 5 u. 8 3 5 S•BPPITSR2 S 4.5 —GU6HESG DEN NBI GT S 5 8 an S 2 n2a6 S e B E xSSSESEE ** Se.sanans *.BHUIB 9OE S S es R S 83— B 0 8.* S SSSS-SEGSSSSHHTSSOSSSES S SSSS-nus S413# . * hatte der Fulbe, als beide an der Furt standen, die Stirn bedenklich hochgezogen:„Gib acht. Herr, Krokodile!“—„Nun wenn schon! Jag' ein paar Schüsse ins Wasser, und sie werden sich verkriechen.“ Die meisten mußten das auch schon getan haben, denn die Furt schien frei zu sein. Und doch saß der Hacken des Hauptmanns, der eben schon mit einem Fuß das Ufer erreicht hatte, plötzlich wie in einem Schraubstock. Im nächsten Augenblick lag der Offizier auf der Nase, das Gewehr fiel ihm aus der Hand und das Vieh zerrte ihn am Fuß ins Wasser.„Blub", sagte der Hauptmann, als sein Kopf im Wasser verschwand, und schloß damit sein Leben ab. Er hatte Hassan ganz vergessen. Deshalb wunderte er sich, als sein Fuß plötzlich vieder frei war und er die Nase aus dem Wasser siekken konnte. Da stand Hassan, hielt den Lauk seiner abgebrochenen Flinte in der einen Hand und gab ihm mit der anderen einen respektswidrigen Stoß, daß er ans Ufer flog. Eine Sekunde später waren beide in Sicherheit, und das vom Kolbenschlag ein wenig benommene Vieh mußte sich mit dem zähen Stiefelabsatz begnügen. Der Hauptmann gab dem Fulbe die Hand: „Ich danke Dir.“ Zwischen Weißen und Farbigen macht man nicht viel Worte. Aber der Stationsvorstand hielt es doch für seine Pflicht, den Fall nach oben, zum Gouvernement, zu berichten. Außerdem mußte ja auch der Verlust des Gewehres gemeldet werden.„Eine Belohgung irgend welcher Art wäre wohl angen, erlaubte sich der Hauptmann abschließend zu schreiben. Bis zum Gouvernementssitz war es weit, noch weiter aber vom Schreibtisch des Bürodirektors bis ins Nebenzimmer zum Gouverneur selbst, der allein über die Belohnung zu entscheiden hatte. In löblichem Diensteifer aber tat der Büromann, was er von sich aus zu diesem Fall tun konnte: Er schrieb, in Zukunft habe das Zertrümmern von Dienstgewehren zu unterbleiben, in Anbetracht dessen, daß es noch andere Mittel gebe, um ein Krokodil zu verjagen, als den Kolben. „Esel!“ schrieb der Hauptmann an den Rand dieses Erlasses und gab die Hoffnung doch nicht auf, daß Hassan zu seinem Rechte kommen würde. Inzwischen fand der Fulbe Gelegenheit zu einem zweiten Husarenstück. Bei einem Patrouillengang stieß er vierzig Kilometer flußaufwärts auf ein Dutzend Schwarze, die ihre Kähne ans Ufer gezogen hatten und sich am Lagerfeuer die Wanste vollschlugen, während einem Häuflein Kinder das Wasser aus dem Munde lief. Die armen Würmer sollten sicher irgendwo weiter unten am Fluß als Sklaven verkauft werden. Plötzlich war Schutzmann Hassan mit seiner Flinte mitten unter ihnen, jagte die Bande in die Kähne, stopfte die Kinder dazu, setzte sich in den Stern des zweiten Bootes und lenkte die gekaperte Flotte mit dem Büchsenlauf. Leider fiel ihm, als sein Kahn in einer Schnelle kenterte, das Gewehr ins Wasser und versackte. Doch Hassan genügte sein Seitengewehr, um die Bande wieder in das Boot zu jagen. und nach zwölf Stunden lieferte er die gesamte Beute wohlbehalten in der Station ab. Wieder schrieb der Hauptmann ans Gouvernement. Dieses Mal machte er konkrete Vorschläge:„Ich empfehle dringend, den Schutzmann Hassan in Anbetracht seiner hervorragenden Leistungen und seiner in jeder Lage bewiesenen Tüchtigkeit zum Unteroffizier zu befördern.“ Unglücklicherweise sagte er dann zum Fulbe— vielleicht um ihn wegen der Verzögerung der Belohnung für die erste Tat zu trösten:„Hassan, bald kannst Du Dir die Tressen auf die Aermel nähen!" Die Augen des Schutzmanns Hassan leuchteten. Der Brief des Hauptmanns kam im Zimmer des Bürodirektors zu oberst auf einen großen Haufen anderer. Ein paar Tage später wischte die schwarze Reinemachefrau auf dem Schreibtische des Gestrengen Staub, und als sie diese recht notwendige Arbeit beendet hatte, lag der Hausen Briefe umgekehrt. Als nun der Bürodirektor Schaffensdrang in sich spürte, griff er nach dem, was jetzt zu oberst lag: Der Meldung einer anderen Station, daß in einem Dorf ein tüchtiger Schutzmann nötig sei, einer, der den Posten allein versehen könne.„Tüchtig“. überlegte der Bürcdirektor. Und dann erinnerte er sich, einmal etwas von einem braven und verläßlichen Schutzmann Hassan gehört zu haben.... Rohanboncnun 5 Der aus diesem Gedannengang heraus geborene. Befehl brachte den Hauptmann zur Wut.„War das der Tank für den besten Mann, daß er hundertfünszig Kilometer weit in den Schutzmann Hassan den Marschvefehl zu geben. Da es aber doch sein mußte, sagte er:„Irgendwo hat einer Mist gemacht. Ich werde nochmal schreiben, und dann holen wir Dich wieder hierber“. Doch der Fulbe war zu sehr enttäuscht, um einem Weißen noch zu glauben. Er sagte dem Hauptmann zwar kein Wort und nahm die Hand, die ihm geboten wurde, doch seine Schultern waren nach vorn gezogen, als läge eine Last auf ihnen. Und plötzlich war um die Station herum der Teufel los. Ein Haussahändler wurde überfallen, seines ganzen Geldes beraubt und erhielt zum Schluß noch eine Tracht Prügel dazu.„Laß Dich vom Gouverneur entschädigen!“ hatte der Räuber ihm zum Abschied noch gesagt. Dann flog auf der nächsten Station das Munitionslager in die Luft, weil in der Nacht die Baracke angesteckt worden war. Bald hier, bald da geschah irgend etwas.— Niemand kannte den Uebeltäter, und doch lief der Schreck dem Hauptmann kalt über den Rücken herunter, als er hörte, der Schutzmann Hassan sei nicht auf seinem neuen Posten eingetroffen. Dann ereignete sich etwas, was selbst das Gouvernement aus seinem Schlaf allfrüttelte. Die kleine Karawane eines weißen Jägers war überfallen worden. Die Schwarzen liefen alle in den Busch, und ehe der Weiße die Lage recht erfassen konnte, war er nach allen Regeln der Kunst verdroschen worden. Der Hauptmann erhielt nun den Befehl, um jeden Preis den Mann zu fangen, und die Vollmacht, ihm gleich an Ort und Stelle den Prozeß zu machen. Die Treibjagd begann, und in einer Nacht überraschten die Polizisten den Gesuchten in einer Hütte, deren Besitzer ihn verraten hatte. Der Hauptmann wurde blaß, als er den Mann im Lichte sah:„Hassan!“ Es war des Hauptmanns schwerster Gang, als er das Standgericht über den Deserteur und Räuber eröffnen mußte. Es gab ja nur ein Urteil: Den Tod. Und das einzige, was er für den Fulbe tun konnte, war, daß er ihm sagte:„Hassan, Du sollst als ehrlicher Soldat sterben. Nicht gehenkt werden, sondern erschossen!“—„Danke, Herr.“ Am Morgen, der für die Hinrichtung bestimmt war, traf ein Bote vom Gouvernement ein. Er brachte unter anderem auch ein Schreiben, das freilich ein wenig zu spät kam: Die Beförderung des Schutzmanns Hassan zum Unteroffizier. Der Hauptmann fluchte. Er brachte dem Gefangenen selbst die Tressen. Und Hassans Augen leuchteten:„Mein Recht!“ Als Unteroffizier fiel Hassan dann im Feuer. Doch weil die Schwarzen schlecht geschossen hatten, gab ihm der Hauptmann selbst den Gnadenschuß. Kurz darauf erhielt der Offizier vom Gouverneur die Mitteilung, daß sein Dienstalter strafweise um drei Jahre zurückdatiert worden sei, weil er in einem Brief den Bürodirektor einen Mörder genannt habe. Kabarka Skizze von W. v. Bosenstein. Schroff ragen die finsteren Felsen des Allangebirges in die Wolken. Herb und düster ist Die Natur Sibiriens, dichte Fichtenwälder Lehnen sich weit, ab und zu durchsetzt von den Riesenstämmen der sibirischen Zeder, die im Verein mit hellaub'gen Birkenhölzern dem arbenarmen Bilde ein freundliches Antlitz rerleiht. Zwei Männer, begleitet von einem großen Rüden unbestimmbarer Rasse, steigen in dem wiegenden Gang des Gebirgsbewohners einen kaum sichtbaren Saumpfad hinauf.„Ob wir ihn heute kriegen werden, Alexes?“, fragt der Aeltere seinen Begleiter, einen großen, kaum Dem Knabenalter entwachsenen Jüngl.ng. „Gewiß, Väterchen! Ich habe den Wechsel gefunden, und Du weißt ja, daß Moschustiere ihn streng innthalten— vorausgesetzt allerdngs Sie steigen schweigend weiter. Der Pfed wird steiler, der Aeltere muß öfters stehen bleiben, denn die Luft ist dünn in diesen Höhen. Längst haben sie die Baumgrenze erreicht. Nur noch hin und weder trotzt ein knorriger Gesell mit storren Nadeln und zerwetterter Krone. Gleich Gerippen bleichen zahllose Baumleichen als traurige Er'nnerung an die furchtbaren Lewinenstürze vor sechs Jahren. „Ja, Väterchen, hier befand sich die Hütte", nickt der Jüngere, als die schweigenden Argen des Alten auf einem riesigen Geröllhaufen haften bleiben, aus dem hier und da ein toter Der nr.#h###tige Mischa schaudert, schlägt ein Kreuz und wendet sich ab. Nur zu deutlich steht vor seiner Secte nuch das jurchtbare Bild jener Stunden, als er mit dem Knaben schutzheischend die von ihm selbst erbaute Hutte zufsuchte. Schwer donnerten die Steinschläge um sie herum, und der Knabe weinte und sammerte und wollte nicht schlafen. Seinen flehentlichen Bitten, die dumpfe Kammer zu verlassen, konnte Mischa schließlich nicht mehr widerstehen, und so zogen die beiden denn hinaus in Nacht und Sturm. Sie waren nicht weit gegangen, da übertönte ein furchtbarer Schlag den Aufruhr der Elemente. Von gewaltigem Luftdruck wurden sie beide fast in den Abgrund gerissen; eine Weile lagen sie mit wirren Sinnen und zerschlagenen Gliedern. Wie sie den Rest der Nacht, eng zusammengekauert, unter vorsoringenden Felsen ann verbrachten, vermöchte er heute nicht mehr zu beschreiben. Als der Morgen hereinbrach, ließ das Unwetter nach, und sie machten sich auf den Weg zu Tal. Wo die Hütte noch vor wenigen Stunden gestanden, lag jedoch jener Geröllhausen.——— Rüstig schreiten die beiden bergwärts. Entschlossen wehrt der Alte den trüben Cedenken. Wie mit flüssigem Colde überzogen sind die Spitzen und Grate der Verge. Die Sonne geht zur Rüste. Leise und vorsichtig treten die Jäger auf; der Hund ist hinter einem dicken Felsblock abgelegt worden. Jetzt zupft der Alte den Begleiter am Aermel. Langsam in sich zusommensinkend verschwinden sie hinter einem Wacholderbusch. Kabarka— das Moschustier! Sie haben Glück. Das sonst so scheue. Geschönf wird vertraut, setzt sich in egentümlich hüpfenden kurzen Galonv. Jeweils nach sünf sechs Fluchten hält es jach inne, unablässig sicherrd. Hierbei tritt der eigenartige Körrerbau des knavv rehgroßen Tieres in Erscheinung. Verhältnismäß'a kurz sind die Vonderläufe, die hinteren dafür desto länger. Weiß ragen die Eckzähne wohl fünf Zentimeter lang und dolchscharf aus dem Oberkiefer— eine nicht zu verachtende Wasse nicht nur dem Nebenbuhler, sondern auch dem verfolgenden bund gegenüber.„., 646 85 Nun hat sich der wock beruyiat uro ost verraut. Leckerhaft rupft er die bitteren. aromatischen Bergkräuter ab, wirft dabei jedoch ununterbrochen auf. Plötzlich schreckt er kurz und äugt starr nach dem Spalt, aus dem er selbst getreten war. Da kommt es herausgehüpft— noch kleiner und noch zierlicher— Kobarkas Frau. Doch sie ist nicht allein: Ein reizendes Kitzchen hüpft spielerd Der Junge hinterm Busch hat vorsicht'g das Gewehr in Anschlag gebracht, dos Korn sticht ns Blatt des Bockes. Da legt sich leicht, doch entschieden die Hard des Aelteren auf den Lauf, und wie Alexej erstaunt aufblickt, trifft ihn ein mißbilligender Blick Mischas. der dieses traute Famil'enleben nicht durch den Todesschuß stören will. Die Viertelstunden verrinnen. Nicht müde werden die Beiden, das entzüchende Bld vor sich zu beobachten. Da schneuzt der Bock kurz. Alle drei Köpfe fahren herum— und schon liegen die Tiere, fast Känguruhs zu vergleichen, kaum den Boden berührend. in federnden Sätzen die steile Wand hinauf: weit gespreizt sind die Hufe, als sie eine lockere Geröllhaide überfliehen. Tann verschwinden die Tiere. Geimmig knurrend steht Bars, der Schneeleopard. Es ist doch gar zu ärgerlich, solch einen zarten Bissen davon rennen zu sehen. Das Büchsenlicht reicht gerede noch aus, und als der Räuber kurz herumfahren will, streckt hn die blitzschnell hingeworsene Kugel des #iten ins Gras. Freudig erregt stehen die beiden dann vor der seltenen Beute. Langsam hebt sich die gelbe Scheibe des Vollmondes über die Felsgrate. Dumpf ruft der König der Nacht, der Uhn, und in den Grunden melden sich die Wölse. daß er hundertfünszig Kilometer wei. Mn„..— 8u 1c Bund versetzt wurde? Er schämte sich, dem Wurzelene wer ein An tagl. Der Unteroffizier und die Jungfrau Dono Der Wirklichkeit nacherzählt von G. W. Brandstetter. Ganz so schön wie seine deutschen Kollegen war der schwarze Polizeiunteroffizier Tommo aus der Gegend um den Viktoriasee herum gecade buge iue an Fr prächtig genug. und in Stiefeln hätte Tommo sich sowieso nicht wohl gefühlt, weshalb er seine Wickelgamaschen über nackten Füßen auf der blanken Wade trug. Er war stolz auf den guten Eindruck, den er machte. Na, und die Mädchen erst! Die bleckten sämtliche Zähne, sobald sie ihn sahen, und ihr Blick sagte unverhüllt:„Tommo; lieber Tommo, ich möchte Frau Unteroffizier werden!" Doch Tommo hatte keine Lust zum Heiraten. Eine Frau zu besitzen, die er nach Belieben prügeln konnte, war ja sehr verlockend. Aber die Geschichte hatte einen Haken. Keine konnte mit Geld klimpern, und das blieb doch immer die schönste Hochzeitsmusik.„Lassen wirs also“, sagte sich Tommo und nahm sich fest vor, weiblichen Reizen gegenüber blind zu sein. Ein Jammer für den Dienst, daß Unterosfizier Tommo seinem guten Vorsatz nicht treu blieb! Aber es soll schön der Reihe nach erzählt werden, und deshalb müssen wir erst von der lieblichen Dono sprechen. Sie war— so ungern es gesagt wird— ein ganz durchtriebenes Luder. Aber ein schönes! Prachtvolle Zähne, glänzende schwarze Haut, schmale und kräftige Schultern, Rundungen, wohin sie gehörten, breite Hüften, schlanke Beine und um alles herum nur ein Stückchen Pattun. eeme e4 Deshalb fehlte es der jungen Tame nicht an Verehrern. Doch auch sie fand ein Haar in Suppe, denn keiner von allen diesen jungen Laffen konnte ihr das in Aussicht stellen, wonach sich Dono sehnte, einen Schirm und ein Mahkohemd. Eines Tages aber schien die Losung doch gefunden. Dono machte einen kleinen Besuch in der Hütte eines ihrer Verehrer. Als sie bald darauf wieder auf der Bildfläche erschien, hielt sie die Hand krampfhaft geschlossen. Ein paar Minuten später rannte der Verehrer zu ihrem Vater:„Dono hat mein Geld gestohlen. Sechs Schilling, die ganze Steuer für ein Jahr!" Kein Vater läßt sich gern sagen, seine Tochter sei eine Diebin. Donos Erzeuger paßte die Sache gar nicht, weshalb er dem Jüngling eine Tracht Hiebe erteilte, nachdem er selbst ein paar Haken und Schwinger hatte einstecken müssen. Dono war mit dem Erfolg zufrieden. Sechs Schilling! Was ließ sich dafür alles kaufen! Und doch war auch hier ein Haken. Wenn sie das Geld gleich anlegte, so mußten die anderen Weiber neidisch werden, es gab Geklatsch, und schließlich noch Unannehmlichkeiten. Anders, wenn sie sich noch mehr Geld besorgte und sich damit in die Büsche schlug, um in einem anderen Dorfe als Modedame aufzutreten. Dono war ein modernes Mädchen von raschen Entschlüssen. Also klaute sie dem eigenen Erzeuger die sechs Schilling, die er für den Steuereinnehmer bereit hielt, nahm noch etliches zu essen mit und verschwand bei Nacht Als der arme Vater die Flucht entdeckte, lief er zum verprügelten Verehrer, bot diesem die Freundschaftshand, erklärte ihn für einen Ehrenmann und bat:„Hilf mir das Mädchen suchen!" Der großherzige Jüngling war damit einverstanden, doch leider blieben die Bemühungen erfolglos. Deshalb erzählte der schwergeprüfte Vater die ganze Geschichte dem im Dorfe stationierten schwarzen Polizisten, und dieser meldete pflichtgemäß den Fall seinem weißen Inspektor. Der Polizeigewaltige erkannte, daß hier energische Schritte nötig waren, um so mehr, als der Haushalt der Kolonie sonst mit einem Fehlbefrag von zwölf Schillingen abschließen mußte. Er sah sich im Kreise seiner Getreuen um, und seine Wahl fiel auf den Unteroffizier Tommo: „Schaff’ um jeden Preis das Mädchen und die zwölf Schillinge heran!" So machte sich Tommo, der Frauenfeind, mit dem Dorschutzmann auf den Weg. Er trug sein Dienstgewehr und im Gürtel sechzig Patronen und sah neben dem waffenlosen Dorfpolizisten recht stattlich aus. Tommo nahm seinen Auftrag höllisch ernst. Ein anderer wäre vielleicht nach ein paar Tagen vergeblichen Suchens wieder umgekehrt, hatte die Achseln gezuckt und gemeldet:„Nicht zu finden. Doch Tommo trottete treu und brav drei Wochen lang auf Donos Fährte hinter dem Teufelsbraten her und kümmerte sich auch nicht um das Stöhnen des Dorfschutzmanns. Endlich wurden Mühen und Schweißverlust auch belohnt. Tommo entdeckte die Ausreiterin in einer Hütte, und— was noch wichtiger— die zwölf Schilling waren nicht angeNatürlich hatte die Jungfrau keine rechte Lust, einen neuerlichen Fußmarsch von rund drei Wochen anzutreten, nur um ins Loch zu A. Schilling und damit jede Aussicht auf Schirm und Makkohemd zu verlieren und außerdem eine fürchterliche Tracht päterlicher Prügel zu beziehen. Doch Tommo sprach dem Mädchen gut zu und die Drei machen sich auf den Heimmarsch. Ein guter Ponzist muß natürlich an alles denken. Auch an mögliche Fluchtversuche. Unteroffizier Tommo wollte in dieser Beziehung ganz sicher gehen, und da er es nicht für ritterlich hielt, eine junge Dame iu sesseln, so hielt er während des ganzen Marsches ihre Hand. ten W756 Tommo war ein selten lüchtiger Unterofizier. Sonst hätte er doch wenigstens nachts während. der Rast Donos Hand losgelassen. Nein, er umklammerte sie auch jetzt noch fest, was den anderen Schwarzen mit Bewunderung für soviel Diensteifer erfüllte. Sechs Tage lang ereignete sich äußerlich nichts Besonderes. Doch im tiefsten Innern zweier Menschen mußten sich gewaltige Dinge begeben, denn am Morgen des siebenten Tages sagte Tommo plötzlich zu seinem Untergebenen: „Hier, bring dem Inspektor Gewehr und Kopvel! Ich komme nicht wieder. Wir beide wollen heiraten. „Heiraten?“ wunderte sich der Polizist.„Ja,“ sagte Tommo, als sei das ganz selbstverstandlich.„Meinst du, ich finde so rasch wieder eine Braut, die gleich zwölf Schilling in die Ehe bringt?“ Wozu Dono selig lächelte und in Ermangelung des noch immer nicht gekauften Maknohemdes die Khakijacke ihres Polizeiunteroffiziers a. D. anzog. Die paßte recht gut, nur über der Brust spannte sie sich ein wenig. Dann schlug sich das Pärchen seitwärts in die Büsche. „Mann,“ brüllte der Polizeiinspektor den Dorfschutzmann an, als dieser zwei Wochen später allein und ein wenig bedrückt auf der Station eintraf,„Mann, warum hast du den Kerl nicht als Deserteur verhaftet oder über den Haufen geschossen?"-„Es ging nicht, Herr“, rieb der Schwarze verlegen seinen linken Fuß gegen die rechte Wade.„Dono hat die Patronen als Halskette haben wollen, und da gab Tommo sie nicht her!“ Xa000 Faschingsskizze von Paulrichard Hensel. Die ersten Tage, die Richard Ehdal wieder n der Stadt war, brachten viel Arbeit und ließen keine Zeit zum Nachdenken übrig. Er fühlte auch kein Verlangen, sich in der einst so vertrauten Stadt umzuschauen; es war eine Notwendigkeit, daß er hier herkam— keine Heimkehr. Dann stand er plötzlich unvermutet in einem Kaffeehause Erika Manz gegenüber. Ohne Kögern war sie auf ihn zugekommen, dasselbe Leuchten in den Augen, dasselbe Lächeln auf den roten Lippen, das ihn einst gefangen genommen hatte und das er nie vergessen wurde. Aber auch das andere würde er nie vergessen, all das, was sie getrennt, was ihn müde und verbittert gemacht hatte.— „Nun, sehen wir uns endlich wieder einmal, und Du machst solch ein Gesicht", sogte Erika, und ihre Stimme klang ehrlich betrübt. „Jetzt halte ich Dich aber noch eine halbe Stunde fest!“ Sie setzte sich zu ihm, und mit der nur ihr eigenen Art, auch den Anflug von Verstimmung zu glätten, erzählte sie und verriet mit jedem Wort die Freude, von Ehdal wieder zu hören. Der Mann soh sie immerfort an. Ist sie nicht immer ein Kird gewesen? Dachte er. Sie hat froh sein und nichts Schweres sehen wollen— das ist vielleicht das ganze Geheimnis dessen, was ich nie verstand. Und nun sitzen wir her und plaudern, und es ist beinahe so wie früher, beinahe. „Es ist so schwer, sich wiederzusehen“, sagte krika,„aber ich kann mir nicht vorstellen, daß Du in der Stadt bist und daß ich nichts von Dir höre. Uebermorgen gehe ich zu einem Maskenest, allein, mit ein paar Freundinnen. der Form wegen, komm doch auch mit! Und schau mal“— es war ein müdes, aber sehr inniges Lächeln auf ihrem Gesicht, als sie das sagte— „wvo jeder einen anderen Menschen darstellen will, können wir auch die Menschen sein, die wir sein wollen.“ Ekdal blickte auf den Wagen draußen, der Frika erwartete, sah ihren kostbaren Pelz und den Rubin an ihrer Hand— er nahm das zum ersten Male in dieser Stunde wahr. in der es ihrn nicht bewußt ward, daß Erika Manz eine reiche und verwohnte Frau geworden. Und er wallte doch nicht daran denken! Und in derselben Stunde glaubte er auch erkannt zu haben, daß es gar kein Verlieren gab, wei. diese Frau mit einem guten Wort. m't einem Händedeuck immer dasselbe junge Mädchen blieb, dem man gut sein mußte.— „Ich werde kommen,“ sagte er und gad ihr die Hand,„ich freue mich, daß du daran gedacht hast.“— Sie brauchten sich nicht lange in dem Treiben der eleganten Masken zu suchen. Und trenmen sich auch nicht mehr. Es war ihnen, als wäre dieser Abend mit seiner heiteren Laune eigene dazu geschaffen, daß sie froh sein konnten. Ekdal war stolz auf seine schöne Begleiteria; ich bin ja fast verliebt, dachte er, wenn sie ihn lächelnd über den Rand des Sektglases hinweg anblickte. Wie heiter sie war, wie unbefangen Mitunter wohl glitt ein Wort in Vergangenes zurück, tastete eine Erinnerung an. Dann kam Erikas Hand zu ihm herüber, und ihr Gesicht wurde um einen Schatten ernster; sie zagte: „Nun bist du ja wieder da“ und sprach von etwas anderem. Sie tanzten auch, wenn geheimnisvoll rote und grüne Scheinwerfer das Parkett beleuchteten und Bandonion und Geigen in den schmeichelnden und doch erregenden Rhythmus eines Tangos übergingen. Da entsann sich Ekdal, daß sie früher, als ihr Leben und Denken noch gemeinsam waren, nie miteinander getanzt, sondern der Musik gelauscht und zugesehen hatten. Und so war wohl oft ihre Liebe gewesen: Zuschauen— Warten— Zurückhalten— Befangensein. Und jetzt tanzte eine Frau mit ihm, die das Erlebnis von Sehnsucht und Erfüllung in jedem Takt ausstrahlte, deren Anschmiegen und Gleiten aus dem Blut, den Nerven kam, eine wissende Frau, die ohne ihn ihren Weg gegangen war.— „Du bist so still,“ sagte sie,„und ich bin so froh. Ist ein Maskenfest nicht darum schön, weil man— ohne Maske sein kann? Morgen geht ein anderes Leben weiter, aber es ist je noch nicht morgen.“ Sie meinte es gut, das fühlte er. Sie war wohl zu jung, um zu wissen, wie das Leben selbst Gesichter formt, die man nicht ablegen und wechseln kann, wie man es möchte, und daß es immer nur eine Maske bleibt, wenn man aus dem neuen Dasein ein wenig zurück. gehen und sagen möchte:„Sieh, ich din doch nicht anders geworden!" „Ich bin ja so froh.“ sagte Erika noch einmal. Ekdal streichelte ihre Hand.„Ich habe einmal ein Mädchen sehr lieb gehabt, wollte er sagen,„das sich um das Geringste freute, das uns beiden gegeben war; das Luftschlösser mitt mir baute und mit vielen lieben Gedanken in der Welt lebte, die wir beide uns schufen; ein törichtes, zärtliches Mädchen mit einer gütigen Seele— danach sehne ich mich: und wenn auch dies Mädchen deinen Namen trug, es ist Maskenfest, und ich will nicht davon sprechen. Ich will lächeln, denn du bist froh und sollst es bleiben.“ Ihre Augen leuchteten auf, als die Musik wieder einen Tango intonierte. Ekdal bot ihr den Arm; ein leichter Puderduft streifte sein Gesicht. Ein verschleiertes Lächeln lag hinter roten Lippen. Dann tanzte er, unter tausend fremden Masken, mit der Frau, die er jetzt für immer verloren hatte. Der Faschingsscherz der Kaiserin Historische Skizze von Hans=Eberhard v. Besser. Der Münzdirektor Duval verdankte seine Stellung dem Gemahl der liebreizenden Maria Theresia. Franz hatte ihn in den heimatlichen Wäldern Lothringens aufgestöbert, als er durch den in herbstroten Flammen auflodernden Forst zur Pirsche ritt, umläutet vom Geblaff der Neute. In einer elenden Waldhütte hockte damals der schrullige Gelehrte, in Bücher und Karten vertieft, ein weltfremder Einsiedler. Er hatte dem erstaunten Fursten allerlei tiefsinnige Dinge erzählt, dann wie ein Waldgeist einige Purzelbäume geschlagen und sich wieder in die ärmliche Hütte verzogen. Franz dachte an den Alten, als er nach Wien kam, und man ibertrug ihm die Verwaltung der Münze. Es war Faschingszeit! Die Welt trug die schellenläutende Narrenkappe, die Knarren rasselten durch die Gassen von Wien, und die hübschen Mädels gingen mit flatternden, glockenbehängten Röcken umher. Die Kaiserin Maria Theresia wollte einen kleinen Faschingsscherz ins Werk setzen und wettete mit Franz, daß er den Kavalier, mit dem sie tanze, nicht erkennen würde. Sie dachte an den schrulligen Münzdirektor, der auch in Wien das Leben des Sonderlings weiterführte und selten aus seiner Klause kam. Ein Diener holte den Alten, und die Kaiserin eröffnete ihm mit schelmischem Lächeln, daß sie beabsichtige, ihn zu ihrem Kovalier auf dem Faschingsball zu wählen.