— In der zweiten Morgenstunde flüsterte man sich zu, daß einer Dame ihre herrlichen Ohrringe gestohlen worden wären: Es handele sich um die Gräfin Beauregard. Ein Domino hitte sich ihr genähert und sie aufmerksam gemacht, daß der Ring nur noch lose in dem zierlichen Ohrläppchen hänge, er hätte ihn dann befestigt und bei dem anderen nachgesehen, ob er gut sitze— das mußte der Spitzbube gewesen sein. Auch der Kaiser erfuhr von dem Gerücht. Er wußte sofort, um wen es sich handelte, und war bestrebt, nichts über den peinlichen Vorfall in die Offentlichkeit dringen zu lassen. Noch in der gleichen Nacht wurde der Präjekt sabenteuerlichen Fahrt nach Rußland durch, lag eines Tages halb verhungert und fürchterlich abgerissen in der dürftigen Wohnung eines Moskauer Arbeiters der mich irgendwo erschöpft an einer Straßenecke aufgelesen hatte, und war dank seiner Vermittlung vier Tage später Soldat der roten Armee. Zwei Tage danach ging ich bereits mit einem wüsten Haufen verwahrlosten Gesindels zur Bekämpfung der weißen Armee des Generals Wrangel nach Südrußland ab. Von den vierhundert Mann, welche die rote Fahne mit dem Sowjetstern siegreich gegen den zweißen Schrecken“ tragen sollten, fand sich zur der Sicherheitspolizei, namens Claude, aus Arfayrtsstunde knapp die Hälfte auf dem Bahndem Bett gejagt. Als die Gräfin den Ball ver=shofe ein; und diese ging nach und nach während flassen wollte, fand sie im zarten Gewebe des Umhanges einen der Ohrringe hängen, der Dieb mußte ihn in seiner Hast verloren haben. Behufs weiterer Nachforschungen erhielt der Präfekt das Kleinod, dessen Beschreibung in der üblichen Weise an die Juweliere gesandt wurde. Kaum war dies am nächsten Vormittag geschehen, da wurde Herrn Claude in seinem Arbeitszimmer ein Herr gemeldet:„Graf Beauregard“, der den Herrn Präfekten unbedingt sprechen müsse. Der Angemeldete wurde vorgelassen, eine vornehme Erscheinung von sicherem, weltmännischem Benehmen. Er begrüßte den Allgewaltigen der Polizei und nahm ihm gegenüber in einem Sessel Platz.„Ich bin der Bruder der Gräfin Beauregard", begann er; „in der verflossenen Nacht hat man meiner Schwester einen Ohrring gestohlen, der ihr doppelt wertvoll ist— als Erinnerungsgabe und als Schmuckstück. Seine Majestät der Kaiser hat Ihnen den Auftrag gegeben, die nötigen Nachforschungen anzustellen.“ „Das ist richtig“, bestätigte der Chef. „Nun denn, mein Herr“, sagte der Graf, „Ihre Nachforschungen sind glücklicherweise nicht mehr erforderlich. Vor einer Stunde erhielt meine Schwester ein Billet mit der Entschuldigung, daß es sich nur um einen— ich muß gestehen recht schlechten— Maskenscherz gehandelt, um ihr einen kleinen Schreck einzuflößen. Dem Brief lag der Ohrring bei, hier ist er.“ Er zog das Juwel aus der Tasche.„Wollen Sie mir nun freundlichst das Gegenstück geben? Ich bringe es meiner Schwester, die seure einem Tiner bei der Lady Hamilton beiwohnt. Auch Seine Majestät ward erwartet. Meine Schwester möchte das Geschenk anlegen.: Der Polizeichef übergab dem Grafen den Ohrring. Dann rieb er sich vergnügt die Hände: Dem Himmel sei Dank, daß diese heikle Sache sich so rasch zum Guten gewendet, sie hätte ihm sonst noch viele Unannehmlichkeiten und sorgenvolle Stunden bereiten können. Einige Tage vergingen. Da erhielt Herr Claude einen Brief der Gräfin Beauregard mit der Anfrage, ob man von dem Diebe noch nichts erforscht hätte. Voll böser Ahnungen eilte der Präjekt zur Gräfin:„Ihr Herr Bruder hat ja den einen Ohrring, der mir ausgehändigt wurde, erhalten, erzeigte mir den anderen.“ „Aber ich habe ja gar keinen Bruder!" „Was, der Graf Beauregard, der mich am Tage nach dem Balle aufsuchte, ist nicht Ihr Bruder?" „Ich wiederhole Ihnen, ich habe keinen Bruder." „Dann, Gräfin, sind wir beide bestohlen worden!" Er sank stöhnend in den nächsten Sessel. Wenige Wochen darauf erhielt Herr Claude eine weniger verantwortliche Stellung. Wie ich gehängt werden sollte Skizze aus dem Nachkriegsrußland von Rainer Maria Reinhardt. Das dankbare Vaterland hatte für mich, den gewesenen k. und k. Offizier, dem es schwer fiel, das bisher getragene schwarzgelbe Hemd über Nacht mit einem roten zu vertauschen, keine Verwendung. In der Inflationszeit schmolz mein kleines Vermögen mit einer Schnelligkeit zusammen, die zu der Aussicht, eine Stellung zu finden, in umgekehrtem Verhältnis stand, und eines Tages war ich, trotz aller Sparsamkeit, vollkommen von Mitteln entblößt. Ein Kamerad, der das Glück gehabt hatte, in einem Wiener Vorstadtkino eine Stelle als Operateur zu finden, riet mir, nach Rußland zu gehen, das angeblich Offiziere zum Wiederaufbau seiner Armee suchte. Er verschaffte mir auch Paß und Visum mit der Unterschrift irgend eines bolschewistischen Bonzen. Ich fuhr los, schlug mich nach Art amerika=sals Zeugen. Zehn Stunden saß ich in einer nischer Tramps(Landstreicher) in einer höchst Ecke des Zimmers, ohne das geladene Gewehr der Fahrt verloren. In Tschubowka, etwa hundert Kilometer vor Odessa, saß ich als Einziger unserem Führer, dem etwas stupiden Pawel Pawlowitsch, gegenüber. Schauernachrichten über Greueltaten, die Weißgardisten angeblich an Rotarmisten verübt hatten, veranlaßten Pawel Pawlowitsch, in Tschubowka ebenfalls auszusteigen. „Bruder“, sagte er zu mir.„Du wirst einsehen, daß ich allein gegen die Weißen nichts ausrichten kann. Fahr Du aber weiter! Sobald ich meine Leute beisammen habe, komme ich nach.“ Ich nickte zu seiner Rede verständnisinnig mit dem Kopfe, steckte die Order de Bataille seines auseinander gelaufenen Heerhaufens, die er mir in Gegenwart des Stationsvorstehers überreichte, zu mir, ohne zu ahnen, daß mir diese Papiere beinahe zu einem Blick aus der Vogelperspektive eines Galgens verhelfen sollten. Ich kam nach Odessa, ohne von den Scharen des Generals Wrangel auch nur eine Schnauzbartspitze gesehen zu haben, übergab dem Stadtkommandanten die Papiere und den Proviant, von dem drei Viertel unterwegs gestohlen worden waren, und erhielt einen zweitägigen Urlaub, nach dessen Ablauf ich bei der Abteilung Panzerkreuzer„Lenin" Dienst tun sollte. Ich schaffte meine geringe Habe in das mir zugewiesene Quartier und war entsetzt über die überall sich breit machende, bodenlose Vemeinheit. Roheit und Zuchtlosigkeit der Rotarmisten, Das alles setzte meiner Dienstfreudigkeit einen largen Dämpfer auf und ließ es mir geraten scheinen, Rußland sobald wie möglich wieder den Rücken zu kehren. Nun saß ich auf der Steinmauer des Hafenkais, hämmerte mit den Füßen mißmutig den Takt zum Radetzkymarsch, den ich leise vor mich hinpfiff. und sah nach den Ruinen des Boulevards hinüber, der mit seinen prächtigen Gebäuden einst das schönste und modernste Stadtviertel Rußlands überhaupt gewesen war. Während ich noch über den besten Weg, den Gefilden Mütterchen Rußlands Valet zu sagen, nachgrübelte, hörte ich hinter mir rufen:„Sdjes sidit jetot Swolotsch!“(Da sitzt der Kerl!) Ehe ich noch begriff, daß mit dem Kerl ich gemeint war, hatten mich schon zwanzig derbe Fäuste gepackt, die mich nach dem halb zerschossenen Woronzow=Palais schleiften, in dessen noch erhaltenen Gemächern sich das Kriegsgericht befand. Ich protestierte, verlangte Aufklärung, fluchte, bekam aber als einzige Antwort nur ein Dutzend verrosteter Donnerbüchsen unter den Riecher gehalten. Irgend ein zerschlissenes Individuum schrie fortwährend:„Ostoroschno, schtob on ne übeschal!"(Paßt auf, daß er Euch nicht durchbrennt!" In einer unglaublich schmutzigen, verräucherten Stube saßen fünf struppige Kerle, die Mitglieder des Kriegsgerichts. Der Vorsitzende, ein pockennarbiges Scheusal, beschuldigte mich, die Leute des Transportes Pawel Pawlowitsch zur Fahnenflucht verleitet und diesem die Order de Bataille gestohlen zu haben, und verkündete, ohne mich im geringsten anzuhören, auch gleich das Urtei!„Tod durch den Strick. Sofortiger Vollzug der Strafe." Vergeblich versuchte ich den Sachverhalt aufzuklären. Der Pockennarbige winkte nachslässig mit der Hand, wieder griffen schmutzige Fäuste nach mir... da stieg die Wut in mir hoch. Ich riß einem der Dreckfinken von Wachholdaten die Kugelspritze aus der Hand und fuhr— er war ja nun schon einerlei, ob ich erschossen oder gehängt wurde— dem Vorsitzenden mit der Gewehrmündung fast in Gesicht. „Infames Biest, willst Du mich wenigstens anhören?“ brüllte ich. Der Feigling knallte mit kalkweißem Gesicht in seinen Stuhl zurück und stammelte erschrocken:„Rede!" Ich erzählte, verlangte kategorisch die Ladung des Stationsvorstehers von Tschubowka sais Feagen. Zehn Elunden saß ich in einer aus der Hand zu lassen. Dann kam endlich der Stationsvorsteher, mit ihm die Aufklärung. Nach seinen Aussagen war Pawel Pawlowitsch einer anderen Abteilung Rotarmisten in die Hände gefallen, die ihn über den Verbleib seiner Heeresmacht gründlich zur Rede stellten. In seiner Angst vor Strafe hatte er das Märchen von der Verleitung seiner Leute zur Flucht und den Diebstahl der Papiere durch mich einfach erfunden. Jetzt endlich durfte ich meiner Wege gehen. —(2.— Isabelle und der Herr im mittleren Alter Skizze von Arthur Koetz. Isabelle hatte eine halbe Stunde auf dem Wittenbergplatz vergeblich gewartet. Weder das Auto noch der Freund— bitte sehr, die Reihenfolge dieser Aufzählung ist für eine mondäne Frau wesentlich— waren gekommen oder hatten sich entschuldigt. Dreimal mußte der Lippenstift nervös über die feingeschwungene Linie des Mundes gleiten, weil Isabelle fühlte, daß er immer dünner und ärgerlicher wurde. Ihre kleinen Zähne knirschten Rache. Wütend stieg sie zur Untergrundbahn hinab, um nach Hause zu fahren, weil ihre Börse, die gewohnt war, der Großzügigkeit des Freundes zu vertrauen, einen anderen Ausweg nicht ließ. Der Wagen war überfüllt. Isabelle haßte diese arbeitsgeschwängerte Atmosphäre, die jeden zarten Duft plebejisch und achtlos aufsog. Der Zug fuhr an, und sie stand noch, ohne daß man aufgesprungen wäre und ihr einen Platz geboten hätte. Unverschämt— wollte sie murmeln, als ein Herr im mittleren Alter seinen graumelierten Kopf hob und mit leisem Lächeln seine Zeitung zusammenfaltete. Er bot Isabelle seinen Platz an. Sie setzte sich leicht und nachlässig, wie sie es in einem vornehmen Lokal gewohnt war. Ihre Augen starrten quer durch einen Herrn im mittleren Alter mit graumelierten Haaren, ohne von ihm Notiz zu nehmen. Er lächelte wiederum leise und verbeugte sich dann spöttisch. Isabelle biß sich auf die Lippen und sagte ruhig:„Sie erwarten doch nicht etwa, mein Herr, daß ich mich bedanken soll? Höflichkeit gegen Damen ist selbstverständlich!“— Der Herr im mittleren Alter zuckte mit den Schultern und faltete seine Zeitung wieder auseinander. Isabelle saß im Schatten der Bogen. Das Papier roch nach Druckerschwärze. Sie war empört.„Unverschämt“, sagte sie scharf. Der Herr im mittleren Alter sah quer durch eine mondäne Dame, die verblich auf ein Auto und einen Freund gewartet, ohne Notiz von ihr zu nehmen. Dann faltete er die Zeitung zusammen. Plötzlich sah er sich suchend um.„Verzeihung, meine Dame“, sagt eer endlich, indem er leicht auf seinen Handschuh wies,„habe ich vielleicht meinen Handschuh liegen lassen?“—„Hier ist kein Handschuh", erwiderte Isabelle und sah flüchtig zur Seite. „Gestatten Sie, meine Dame, Sie sitzen auf meinem Handschuh. Darf ich Sie bitten, sich zu erheben?“ Isabelles Nasenflügel bebten. Zornig erhob sie sich und trat zur Seite. Als sie wieder Platz nehmen wollte, saß der Herr im mittleren Alter mit den graumelierten Haaren ruhig auf seinem alten Platz und faltete die Zeitung auseinander. Isabelle zitterte und wurde bleich bis unters Rouge ihrer Wangen. Der Herr lächelte leise und sagte milde:„Sie erwarten doch nicht etwa, meine Dame, daß ich mich bedanken soll! Höflichkeit gegen ältere Herren ist selbstverständlich.“— Ruhig las er in seiner Zeitung. Isabelle stürzte nach der Türe. Durch eine Gasse hämischer Gestalten, unter einem Strahlenkegel höhnischer Blicke. Der Zug hielt. Endlich stand sie auf dem Bahnsteig und roch wieder den Duft ihres Parfüms. Das Taschentuch lag zerknüllt in ihrer kleinen Faust. Als sie mit dem nächsten Zuge weiterfuhr, tat es ihr leid. Ich hätte seine Bekanntschaft niachen sollen, dachte sie.— Es ist sowieso Zeit, dem unverschämten Egon eine Lektion zu erteilen, wenn er sich kein Auto mehr halten kann. —2— Peinlich. Besucher(im Garten):„Welches ist Ihre Frau? Die rechts von der Vogelscheuche oder die links davon?“ Herr des Hauses:„Die in der Mitte.“ Verantwortlich H. Semmelmann, Altena. Druck und Verlag: C. Santz, Altena. * * S mre Mrims Z VmaP'e Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung Die„Gottlosen“. Sowjetrussische Skizze von W. Genkimur. „Höre, Wassika“, sagte Mutter Anfissa und knallte ihren Holzlöffel auf den Tisch,„Du willst also wirklich mit dieser verfluchten Spottprozession gehen?“ Wassika Tonkich, mit dem Beinamen Jaryj — der Pulverkopf— drehte sich mürrisch eine Machorkazigarette.„Na. gewiß! Wanjka Bloch und ich, wir tragen den alten Juden Moses mit seinen Gesetzestafeln.“ „Eine Sünde ist es und eine Schande.“ „Was Du schon davon verstehst, Mama. Du weißt, ich bin ein klassenbewußter Proletarier, Kandidat der Partei und im Verbande der „Gottlosen“. Unser Volk muß aufgeklärt werden, denn es ist dumm wie das Vieh.“ „Auch ich“, krächzte der Großvater Awwakum und fuhr bedächtig in die Schüssel mit saurer Milch, auch ich, bin ein Revolutionär von Kindesheinen an. Habe die Marseillaise gesungen, als Du noch im Teich bei den Fröichen warst. Aber das, was Ihr jetzt macht, ist keine Aufklärung, das ist dummer Spott und Zwang. Taugt zu nichts. Heute ist Weihnachtsabend. Trotz alledem. Mit Eurem verdammten Maskenzug könnt Ihr doch keinem das Fest aus dem Herzen schneiden. Euch selbst guch, nicht, Ihr„Gottlosen“. Dummköpfe seid Wassika stülpte sich die Pelzmütze über die Ohren, da wurde die Tür aufgestoßen, und in einer Wolke von weißem Dampf erschien Wassikas Freund und Arbeitsgenosse Iwan Trofimoff, wegen seiner Zappligkeit Wanjka Bloch— der Floh— geheißen. Mit ihm der alte Tatar Mustapha und Raissa, die hübsche Nachbarstochter. „He, Wassika“, schrie Mustapha, seine Filzstiefel vom Schnee säubernd,„beeile Dich, Freundchen! Die„Gottlosen" marschieren gleich los.“ Raissa aber streifte das bereifte Kopftuch vom blonden Haar, küßte Mutter Anfissa und zog Wassika in die Ofenecke. Mit den Knöpfen seiner Jacke spielend und ihn mit schüchterner Bitte anschauend, sagte sie leise: „Wassika! Mußt Du denn gehen— zu dem Umzug?“ Voller Trotz und Unbehagen schaute Wassika zur Seite. Stieß dann hervor:„Raissa, Mädel! Natürlich muß ich. Was quält Ihr mich denn alle? Ach, dumm seid Ihr, schrecklich dumm Er riß sich los und stapfte mit Wanjka Bloch eilends hinaus.— Drei Stunden lang zog der Umzug der Gottlosen durch das kleine Städtchen. Betrunkene Popen und Kirchendiener in Kultgewändern mit Weihrauchfässern und Fahnen eröffneten den Zug. Es folgten Moses, Jesus, Mohammed, Buddha, die Mutter Gottes, Engel, Heilige, der Papst, Luther, Mönche und Priester aller Konfessionen. Johlend schwangen sie Kultgeräte in den Händen, klimperten mit dikken Geldbeuteln und gröhlten Bruchstücke von Chorälen in wüstem Durcheinander. Zwischen ihnen sprangen gehörnte Teufel, Hexen, Gespenster und Kobolde mit Ofengabeln, Besen und Ruten kreischend umher. Den Schluß bildete die Riesenfigur eines Arbeiters, der, einen Hammer in der Linken, eine lange Peitsche in der Rechten, die Horde der Masken vor sich hertrieb. Ueber seinem Haupte wallte eine große rote Fahne mit dem fünfzackigen Stern. Die Masken der Religionsstifter wurden von Arbeitern auf Plattformen getragen, auf denen die Männer lächerliche und häßliche Stellungen einnahmen. Die gaben sie aber bald auf und fingen an zu hüpfen, denn es war bitter kalt. Wenn der Zug an Klublokalen vorbei kam, wurden die Masken jedesmal mit Schnaps getränkt, und bald war die anfangs gespielte Trunkenheit durchaus echt. Auch Wassik Jaryj und Wanika Bloch die mit zwei anderen Genossen Moses mit den Gesetzestafeln auf schmerzenden Schultern trugen, hatten ihren Teil getrunken, schwitzten aber und fluchten mürrisch, wenn Moses auf seiner Plattform zu tanzen begann. Die Straßen waren fast menschenleer. Ein paar Dutzend Kinder begleiteten den Zug mit Geschrei und Gelächter, und etwa zwanzig Erwachsene hatten sich angeschlossen. Sonst schien kaum jemand davon Notiz zu nehmen. Still lagen die Häuser mit ihren frostblinden Scheiben. An einer Straßenecke standen Großvater Awwakum, Raissa und der Tatar. Mustapha grinste, Raissa aber und der Großvater starrten mit ausdruckslosen Augen vor sich hin, als sähen sie nichts. Wanjka Bloch winkte ihnen lachend zu, Wassjka drehte den Kopf zur Seite und wurde wütend.— Erschöpft und heiser geschrien zerstreuten sich die Teilnehmer des Zuges und verteilten sich in die Klublokale. Dort gab es Reden und Debatten, Debatten und Roden. Müde und übelgelaunt hockte Wassika in der Ofenecke. Die Schultern schmerzten, der Schnaps rumorte im Schädel, und in dumpfer Wut fluchte er vor sich hin. Gegen Abend drückte er sich. Vor dem Klublokal stand im tiefen Schnee Raissa. Die Sterne lohten wie brennende Kerzen am samtschwarzen Himmel, und der Frost sächzte in den Holzhäusern. Leise, bescheiden und traulich tönten die Schläge einer Glocke durch die stille Nacht. Raissa nahm Wassjkas Arm und schmiegte sich an ihn:„Es läutet zur „Nachtwache". Wassika, Lieber, komm doch mit mir. Es ist doch Weihnachten. Trotz alledem.“ Ohne ein Wort zu sagen. legte Wassika den Arm um das Mädchen und schritt mit langen Beinen aus. Und dann standen sie in der kleinen Kirche, die als einzige von vielen noch für den Gottesdienst geblieben war. Der Strom der Gläubigen hatte sie in die Kirche hineingetragen, bis sie sich fast in der Mitte, vor der Zarenpforte, befanden. Sie hielten sich an den Händen und standen still unter all den Menschen, denen in Jahren des Schreckens, des Kummers und der Trübsal die verfolgte und beschimpfte Kirche nur noch fester ans Herz gewachsen war. Umwallt von Weihrauchwolken, spürten sie den herben Duft der Tannenzweige und den honigsüßen Geruch der zahllosen Wachskerzen. Der weißhaarige Priester stimmte den weihnachtlichen Lobgesang an, und sie sahen, wie sein altes, gutes Gesicht in seliger Freude leuchtete; sie hörten, wie der Chor vielstimmig machtvoll einfiel. Und sie summten die alten, lieben Weisen mit. Dann aber drückte sich Wassika sacht durch die Umstehenden zum Tisch des Vorstehers, kaufte zwei Wachskerzen, zündete sie an und kehrte zu Raissa zurück. Das Mädlchen nahm eine der Kerzen, blickte glückstrahlend zu Wassjka auf, und eine große, glitzernde Träne rollte über ihre rosige Wange. Als sie nach Schluß dem Ausgang zuschritten sahen sie an einen Pfeiler gelehnt Wanjka Bloch. Auch er hielt eine Kerze in der Hand, ldie er nun verlegen hin und her drehte. Zusammen gingen sie hinaus. Eine Weile standen sie schweigend beieinander im Schnee. Plötzlich sagte Wassika:„Also, sag was Du willst— aber sich wünsche Dir ein frohes Fest!“ Und er streckte Wanjka die Hand entgegen. Der nahm sie, schüttelte sie derb und lachte über das ganze Gesicht.„Und ich Dir auch! Weißt Du feine Gottlose sind wir.“ Lachend sprang er mit einem Flohsatz über die nächste Schneewehe. Großvater Awwakum und Mutter Anfissa warteten mit geweihtem Weizenbrot und Honig auf Wassika. Schweigend und bekümmert. Mustapha saß bei ihnen in seinem schwarzen Samtkäppchen und rauchte. Als aber die beiden jungen Menschen mit frohen Gesichtern eintraten sprangen die Alten freudig überrascht auf. Alle hüßten sich mit froben Wünschen. Wassika aber zog die beiden Frauen beiseite und erklärte indem er energisch seinen Leibgurt hochzog:„Also.. wenn Raissa und ich heiraten lassen wir uns in der Kirche trauen. Der Pope macht es uns ganz still und heimlich ... Und wenn wir Kinder haben, lasse ich sie taufen. Auch ganz still und heimlich. Raisse soll immer so froh sein wie heut. Und Du auch, Mama. Aber Ihr dürft keinem Menschen ein Wort davon sagen, denn schließlich.. ich bin ein Proletarier und gezwungenermaßen im Verbande der Gottlosen" „Guter Himmel!“ sagte Mutter Anfissa und faltete entzückt die Hände. Raissa aber legte ihre Arme dem großen Burschen um den Halo und küßte ihn mitten auf den Mund. „Ach. Du". Du Gottloser." Da stieß Großvater Awwakum Mustapha in die Seite und zwinkerte lustig mit den Augen. Der Tatar wiegte schmunzelnd den glattrasierten Schädel.„Ein merkwürdiges Volk seid Ihr Russen, ein merkwürdiges Volk"... Das Wunder Historische Skizze von Hans= Eberhard v. Besser. Hell und hart fiel das Licht der frühen Morgenstunde in das Vorzimmer des Königs. Der Kammerdiener Fredersdorf deutete mit würdevoller, herablassender Gebärde auf einen Sessel, als die Majorin von Haugwitz erschien. Sie hatte sich früh aufgemacht, sie wollte die serste sein. Ihre Knie zitterten, als sie Platz nahm, als der hagere Mensch in Schnallenschuhen und Escarpins verschwand. Der Kopf der alten Dame sank vornüber, sie faltete die Hände und sah nach dem Himmel empor, der vor den hohen Fenstern düster und grau aufdrohte. Von irgend woher klang Marschmusik, stampfte der Tritt von Grenadieren, ein Regiment rückte zu einer Uebung aus. Und die verwitwete Baronin von Haugwitz dachte an ihren Jungen, an den strengen König von Preußen, an den Zweck ihrer Reise dieser langen, beschwerlichen Reise von Königsberg nach Berlin. Aber sie tat es ja für ihren Jungen; wenn ihr auch alle abgeraten hatten. Fester verkrampften sich die Hände, inbrünstiger wurde das Beten der Mutter, das ein Flehen erfüllte, seit Wochen:„Herr, verlasse mich nicht!“ Sie war gekommen im Vertrauen auf den alten Herrgott, sie hoffte auf ein Wunder. Der Oberst hatte die Achseln gezuckt.„Ihr Sohn ist ein verfluchter Kerl und hat sich unmöglich gemacht. Wenn er nur Weibsen attackieren kann und als Liebesritter Lorbeeren zu ernten sucht, kann er sich zum Teufel scheren", so schrieb der König, als man ihm gemeldet, daß Leutnant von Haugwitz ohne Urlaub die Stadt verlassen. Frau von Haugwitz seufzte tief. Gewiß, der Junge war unvernünftig gewesen. Eine Tänzerin hatte ihm den Kopf verdreht. Als sie die Stadt verlassen, war er hinter ihr hergefahren ohne Urlaub! Schlimm, sehr schlimm, doch er saß ja jetzt auf der Festung und büßte seinen Leichtsinn. Tränen schimmerten in den Augen der blatsen Frau, um deren verweinte Augen dunkle Schatten lagen. Der König mußte gnädig sein mußte Mitleid mit ihr haben, mußte sich erweichen lassen, die Kassation aufzuheben. Doch auch sie kannte den vergötterten Friedrich, er verstand keinen Spaß, wenn es um die Sublordination ging. Nur ein Wunder konnte die Dinge wenden, nur durch ein Wunder konnte sie ans Ziel kommen, ihren Jungen retten, und die Majorin bat um ein Wunder. So saß sie mit gefalteten. eiskalten Händen. Immer wieder murmelte sie mit blutleeren Lippen vor sich hin, was sie sich in dem rumpelnden Postlwagen eingelernt:„Ich bin eine arme Offizierr S* 22# witwe, mein Mann, der Haugwitz, trug bei Uebrigens, bei Terneuzen ist wieder ein Roßbach die Fahne des Regiments zum Sturm, als der Träger gefallen war, und erhielt eine tödliche Wunde. Mein Sohn ist alles, was ich habe— und— und——“ Das Vorzimmer füllte sich, und heißer flehte die Frau; der viel beschäftigte König— würden sie alle recht behalten, die ihr Tun als aussichtslos hingestellt, ihr abgeraten hatten? Und doch, Gott konnte Wunder tun, selbst den gestrengen Monarchen milder stimmen. Da zuckte die Frau zusammen. Hinter der Tür wurden Stimmen laut. Friedrich war gekommen, jetzt würde dieser steife Fredersdorf gleich die Tür öffnen und— und— Die Majorin lauschte keuchend vor Erregung. Wie soldatisch hart die Stimme des Königs klang — Herr tue ein Wunder! Der König schien heute nicht gerade guter Laune zu sein. Was sollte das werden? Die Haugwitz horchte gespannt. Ein Klirren und Klingen unterbrach plötzlich die Stille hinter der Tür. „Tölpel!“ hörte die Majorin den König ärgerlich schelten.„Kann Er nicht aufpassen? Kreuz Bombenelement! Jetzt rollen die Dukaten auf dem Fußboden herum. Kann Er nicht anständig auf dem Parkett herumspazieren? Mach' Er Seine Sache gefälligst vernünftig, daß mir kein Dukaten fehlt! Hierher das Kästchen. auf den Schreibtisch, elende Wirtschaft, schon am frühen Morgen bereitet Er mir Verdruß!" Die Majorin sank in sich zusammen. Sie hatte nichts zu hoffen. Der König war höchst ungnädig. Dieser lange Mensch von Kammerdiener hatte ein Kästchen mit Goldstücken ungeschickt getragen, und sie— sie war die Erste, kam an die Reihe, ehe der Unmut des Königs verrauscht. „Herr, tu ein Wunder!“ flehte die Majorin. „Was macht Er denn da, Fredersdorf, will Er nicht seinen Dienst beginnen? Zum Teufel wir haben keine Zeit zu verlieren. Er putzt sich vor dem Spiegel?" „Euer Majestät, ich brachte nur meine Perücke wieder in Ordnung. Die da draußen brauchen doch nichts davon zu merken, was er konnte, jetzt hieß es mit Vorsicht und hier unter uns vorgeht.“ Fredersdorf sprach halb vertraulich, halb respektvoll. Da fuhr die Haugwitz in frohem Schreck zusammen. Ein helles Lachen schlug an ihr Ohr. „Unter uns, parbleu, unter uns, sehr gut. Mache Er, daß Er hinaus kommt, ich will anfangen!" Und noch immer klang das Lachen in den Ohren der Frau. Das Wunder, das Wunder war geschehen! Der erzürnte König lachte und — und— Die Tür öffnete sich, der Kammerdiener stand auf der Schwelle. Wankend tat die Majorin einige Schritte. Da saß der König. die Augen durchdringend auf sie gerichtet, diese blauen, hart glänzenden Augen. Die Haugwitz verneigte sich tief.„Euer Majestät!“ Um des Königs Mund spielte noch immer ein Lächeln. Und das gab der Frau Mut. Sie wußte ja, der Herrgott war mit ihr, und sie tat es doch für ihren Jungen, der mit Leib und Seele Soldat war, ihr Stolz. Sie hörte sich sprechen, zwar anders, als sie es sich einstudiert, doch im gleichen Sinne. Sie sah, wie sich das Antlitz des Königs verdüsterte, doch der herbe Mund blieb immer noch wie von einer leisen Heiterkeit umschwebt. „Na, dann mag der Haugwitz bleiben!" Als die Majorin das Audienzzimmer verließ, erfüllte ihre Seele unendliche Dankbarkeit. Es gab doch noch Wunder. Sie hatte es erlebt. —2— Miß Ellison entlarbt von Kriminalskizze Robert Gäpel=Hannover. Jan Kooiker klemmte die Frachtbriese unter den Arm, drehte das Licht im Zollschuppen aus und ging nochmals nach den Speichern, um sich zu vergewissern, ob sie richtig abgeschlossen waren. Holla, was hatte er da im Halbdämmer mit dem Fuße angestoßen? Ach, nur einen Bleistift, wahrscheinlich beim Umladen aus einem Paket heraus gefallen. Nichts Besonderes. Er steckte ihn zu sich und schlenderte ins Büro. Dort stempelte er die Frachtbriefe. Eben schlug es sieben Uhr, da kam auch schon Grenzkommissar Jizerman, reichte Jan eine Zeitung über den Tisch und sah die Frachten durch. „Immer derselbe Dreh“, gähnte der Kommissar,„Rheinwein für Van Gend& Cie., englische Stoffe für Ellison Brothers, Schreibwaren an Collignon und so weiter. Man weiß alles schen norher? „Ja,“ meinte Kooiner,„hier in diesem Nest ist nichts los. Scheußlich, diese Langeweile!— Schmuggler erschossen.“ „So? Na ja, diese Burschen machen unsereinem auch das Leben schwer.“ „Ach hier, eine interessante Zeitungsnotiz,“ sagte Kooiker. Dann las er:„Die Staatsbank teilt mit, daß weitere falsche Zwanzig=GuldenScheine vorgelegt wurden. Bislang haben die Ermittlungen noch keine bestimmte Spur ergeben. Es sind jedoch gewisse Anhaltspunkte vorhanden, daß die Fälschungen aus dem Ausland eingeschmuggelt werden.“ „Vom Ausland?“ fragte Jizerman ungläubig.„Der Fälscher wird wohl hier im Lande sitzen, vielleicht gar in der Hauptstadt, he? Wer weiß—“. Er mußte lächeln. Dann sprachen sie von anderen Dingen.— Das war am Donnerstag. Am nächsten Tage, als Kooiker zu Hause seinen Dienstrock auszog, fiel der Bleistift aus der Tasche. Wieder hielt er den schönen, braun lackierten Stift, auf dem in Goldbuchstaben die Marke„Jewel=pencil“ eingeprägt stand, in der Hand. Und schon spitzte er ihn an. Dabei brach der Graphit ab. Jan spitzte weiter und zog nun ein Stück der Bleimine aus dem Holz.„Verd...“ fluchte er in sich hinein und meinte, doß er wohl reichlich ungeschickt sei. Doch als trotz vieler Spähne kein Graphit mehr erschien, murmelte er zwischen den Zähnen:„Schundware.“ Da merkte er plötzlich, daß sich der Hohlraum in dem Holz verbreiterte, und dann— ja, dann zog er aus dem Bleistift ein säuberliches Röllchen gepreßten bedruckten Papiers heraus. Jan traute seinen Augen nicht: Was da seine Finger aufrollten, war eine funkelnagelneue ZwanzigGuldennote. Der erste Schreck lähmte ihn fast. Dann goß er entschieden einen Bittern hinunter, zog seinen Rock wieder über und ging zum Grenzkommissar. Unterwegs dachte er:„Es ist doch mal etwas los hier in diesem kleinen Nest.“ Jizerman war aufgeregt. Daß auch gerade in seinem Bezirk das Falschgeld eingeschmugAber jetzt wollte er zeigen, was sinn handeln. Und wenn es glückte— o, er wollte es nicht ausdenken. Jedenfalls war ihm eine Belohnung sicher, und vielleicht würde er befördert. Auch Kooiker durfte sich freuen. Sogleich sandte er einen ausführlichen Bericht an die Zollaufsichtsbehörde. Sonnabend früh erhielt Jizerman vom Polizeichef der Hauptstadt ein Telegramm, daß er in fraglicher Angelegenheit nichts unternehmen sollte. Der Polizeichef käme selbst. Das verschlug ihm sehr die Laune. Er fühlte sich gekränkt, benachteiligt, ja, es war ihm, als ob er da betrogen mürde. Also warten. Na ja. Ob er noch vorher zu Ellison Brothers sing, um sich die bestellte Uniform abzuholen? Bewiß. Der Polizeichef konnte vor zehn Uhr kaum eintreffen. So ging er denn. Bei Ellison Brothers geriet er in neue Bestürzung: Der Angestellte, der den Lieferschein für die Uniform ausschriebe, hatte den gleichen braunen Bleistift, wie Kooiker ihn gefunden hatte.„Ruhig Blut behalten", dachte Jizerman, und dann, in einem Augenblick, da der Kontorist an seinem Pulte, stand, beging Jizerman einen Diebstahl, wegen eines kleinen unscheinbaren Bleistiftes. Er konnte nicht schnell genug zu Kooiker kommen. Fieberhaft wurde gespitzt, Späne flogen, immer kürzer wurde der Stift, und es zeigte sich, daß sein Inneres ebenso wie bei anderen gewöhnlichen Bleistiften war. Iizerman standen Schweißtropfen auf der Stirn. Er sah abwechselnd nach der Spitze und den Goldbuchstaben, mit denen die Marke„Jewel pencil“ eingeprägt war. Da kam ihm wie ein Blitz eine Erleuchtung. Die beiden Bleistifte waren dieselben und doch nicht gleich. Denn auf Kooikers Stift mit dem Geldschein stand zwischen den beiden Wörtern„Jewel" und„pencil“ ein strich, und Iizerman glaubte jetzt auch sehen zu können, daß dieser Bindestrich nachträglich aufgepreßt sei. Aha, das also war das Zeichen! Eine halbe Stunde später war er wieder bei Ellison Brothers, und zwar in voller Uniform und mit Amtsmiene. Er ließ sich bei der Inhaberin Miß Ellison melden. Die rauchte ihre Zigarre weiter und fragte nach seinem Begehr. Er komme dienstlich, sagte Jizerman, es liege eine Anzeige aus der Hauptstaol vor, daß die Deklaration auf den Frachtbriefen nicht stimme, und er müsse sämtliche Ware beschlagnahmen. Als er das Telegramm vom Polizeichef vorzeigte, knickte Miß Ellison zusammen. Dann sprang sie entrüstet auf und rief:„Kommen Sie mit ins Lager, überzeugen Sie sich! Ich werde Beschwerde einlegen.“ „Wie ein Mann,“ dachte der Grenzkommissar,„diese Stimme, diese Bewegungen, und die Zigarre...“ Miß Ellison schnürte Pakete auf. Es waren Stoffe darin. Schließlich griff Iizerman ein Paket mit beschädigter Hülle heraus. Inhalt: Stoff und— eine Handvoll Bleistifte. Er sah zu Miß Ellison hinüber.„O“, sagte die, „das hat nichts zu bedeuten— eine Zugabe, gewissermaßen eine Reklame von meinem Lieferanten.“ Als aber der Kommissar zwischen den Bleistiften fünf herausnahm, auf denen er den Bindestrich zwischen„Jewel" und„pencil“ sah, als er sie ferner in der Mitte durchbrach und aus jedem eine säuberlich gerollte neue Zwanzig=Gulden=Note hervorzog, war es um Miß Ellisons Fassung geschehen. „Herr!" zischelte die eindringliche Stimme des Kommissars.„Ich verhafte Sie.“ „Herr?" begehrte Miß Ellison auf. „Schicken Sie Ihr Personal nach Hause.“— Kurz vor zehn Uhr war der Polizeichef aus der Hauptstadt im Orte.„Aber,“ fragte er Jizerman,„wie kamen Sie darauf, daß diese Miß Ellison ein Mann ist?“ „Sie rauchte Zigarre, benahm sich wie ein Mann, und als sie sich hinsetzte, zog sie in der Erregung mit den Fingerspitzen den Nock vorne hoch, wie es eben nur ein Mann macht, der die Bügelfalten in der Hose schonen will.“ „Ausgezeichnet,“ erwiderte der Polizei hef und rieb sich die Hände,„und nun kann ich Ihnen auch sagen, daß Sie einen der berüchtigten internationalen Gauner gefaßt haben.“ Die Empfehlung Skizze von Harry Wien. Als die telephonische Verbindung mit der Auskunftei Bandler u. Burk zustande gekommen war, stellte der Großkaufmann Eugen Trier die Frage, die er nun seit Jahr und Tag immer wieder an die Firma richtete:„Haben Sie jetzt den Aufenthalt der Helene Eger in Erfahrung gebracht?" Dann erhielt Trier die Antwort, die auch seit Jahr und Tag immer wieder die gleiche war, daß man nämlich von der Helene Egers nichts in Erfahrung gebracht und wahrscheinlich— wenn man die Hartnäckigkeit in Betracht zog. mit der sich diese Dame unsichtbar zu machen wußte— auch schwerlich etwas in Erfahrung bringen werde. Die Geschäftstüchtigkeit der verantwortlichen Herren der Auskunftei Bandler u. Burk aber wußte diesen kleinen, bitteren Kern stets mit tröstenden Redewendungen und Hinweisen auf eine freundlichere Zukunft so zu umkleiden, daß der Mann, der nun Jahr für Jahr nach Helene Eger forschte, nicht ganz den Mut verlor. Dieses war nicht nur ein menschenfreundliches Beginnen— den wenn man jemandem endgültig die Hoffnung nimmt, dann stößt man ihn aus dem Kreise der Lebendigen—, sondern auch ein für die Kassen der Auskunftei sehr nützliches. Auf diese Weise geschah es, daß der große Auftrag des Handelshauses Trier nie erlosch. Auch war man durchaus tätig, die Verschollene wirklich zu finden. Es mußte ein besonderer Unglücksstern über der Sache Eger stehen, denn der Fall war einer der wenigen, welche die Auskunftei Bandler u. Burk nicht zur Zufriedenheit ihrer Auftraggeber durchzuführen vermochte. Wer aber vermag eine Frau zu finden, wenn sie nicht gefunden werden will? Helene Eger war einst— als, sie beide in der ersten Jugend standen— die Braut des Eugen Trier gewesen. Sie hatte diesem Manne ihr ganzes Herz geschenkt, ein stolzes Herz, das sich nur einmal im Leben in Liebe gibt und es nie verwindet, wenn es mißachtet wird. Eugen Trier aber opferte damals Helene Eger seinem ungeheuren Ehrgeiz. In den schweren Anfangsjahren, in denen er sich zu Macht, Ansehen und Reichtum empor arbeitete, schien es ihm, als hemme Helene Eger seinen geschäftlichen Aufstieg und sei mit ihrem schlichten, schweigsamen Wesen nicht die glänzende, repräsentative Frau, die er an seiner Seite brauchte, um in der Gesellschaft die Stellung zu erringen, nach der er verlangte. Die Verlobung wurde gelöst. In jener Stunde hatte Trier zum ersten Male Helene weinen sehen. Schon da ergriff ihn eine Ahnung, daß er sich selbst das bitterste Leid antat, wenn er diese Frau aufgab. Hätte es in seiner Macht zelegen, die Worte, mit denen er die Trennung verlangt, zurückzurufen, er würde es getan haben. Doch es war schon zu spät. Helene Eger überwand ihre Schwäche und richtete sich auf. Sie trocknete die Tränen und verließ das Haus Eugen Trier hatte sie zum letzten Male gesehen. Er errang alles, was ihm erstrebenswert geschienen. Geschäftliches Ansehen, gesellschaftliche Beziehungen vornehmster Art, Reichtum und Glanz. Aber er blieb unvermählt. Seine Suche nach der Verlorenen begann. Jedesmal, wenn er an die Auskunftei die Frage richtete:„Haben Sie etwas von Helene Eger in Erfahrung gebracht?“, klopfte sein Herz in der Erwartung, daß er eine Antwort erhalte, die ihm Hoffnung gebe. Er wendete sich schweigend ab, wenn es wieder hieß, die Frau sei nor, immer unauffindbar.— Eines Tages erschien im Handelshause Trier ein bescheidener, junger Mann— durch seine Aussprache sofort verratend, daß man keinen Einheimischen, sondern einen Fremden vor sich habe—, bat um eine Anstellung in der Firma und zog, als man gewohnheitsgemäß ablehnte, ein Empfehlungsschreiben hervor, das ihm, wie er versicherte, gewiß beim Chef Gehör verschafsen werde. Eugen Trier aber warf kaum einen Blick auf den Umschlag des geschlossenen Empfehlungsschreibens, das der Bürovorsteher ihm reichen wollte.„Nein! Nein!“ rief er ungeduldig.„Ich kann keine neue Kraft einstellen. Sie wissen doch, daß wir von Stellungsuchenden überlaufen werden. Wenn ich einen Posten zu besetzen hätte, so sind ja genug Vorbewerber da, die abzulehnen ich gar keine Ursache habe. Schicken Sie den jungen Menschen fort!“ Der Bürovorsteher, im Bewußtsein, für den Bittsteller getan zu haben, was in seiner Macht lag, verließ achselzuckend das Privatkontor, nachdem er noch eine Mappe mit Briefen an sich genommen, unter die der Chef die Unterschrift gesetzt. Als die Tür ins Schloß fiel, bemerkte Trier, daß dem Bürovorsteher das Empfehlungsschreiben entfallen war. Er wollte klingeln, um es durch einen Lehrling dem Stellungsuchenden ins Büro zu schicken. Aber als er den Brief in der Hand hielt, zwang den Mann ein unerklärliches Etwas in seinem Innern, den Umschlag prüfend hin und her zu wenden und ihn nach kurzem Zögern zu öffnen. Kaum hatte er einen Blick auf die Schrift geworfen, als ihm die Knie zitterten und sein Antlitz so weiß wurde wie das Papier, das er in den Händen hielt. Er sah vor sich die Schriftzüge Helene Egers. Der Brief aber, den die Frau schrieb, die er immer geliebt und die er viele Jahre lang gesucht, lautete:„Niemals hätte ich eine Bitte für mich selbst an Eugen Trier gerichtet. Die plötzliche furchtbare Notlage jener Menschen aber, die sich mir in meiner Einsamkeit unveränderlich als aufopfernde und uneigennützige Freunde erwiesen, zwingt mich, um das Unglück, das unverschuldet über sie hereingebrochen, zu lindern, dieses Empfehlungsschreiben an Eugen Trier abaehen zu lassen und ihn zu bitten, dem jungen Sohn meiner Freunde Verdienst und Existenzmöglichkeit durch eine Anstellung im Handelshause Teier zu verschaffen...“ Der Chef eilte— den offenen Brief in der zitternden Hand— hinaus ins Büro, blickte sich suchend um und rief:„Wo ist der junge Mann, der dieses Empfehlungsschreiben abgegeben hat? Ich will ihn sprechen.“ Man mußte erklären, der Bittsteller habe sofort, nachdem man ihn abschlägig beschieden, das Büro verlassen. Trier schickte Leute hinter ihm her, um ihn einzuholen und zurück zu bringen. Vergebens. Im Straßengewühl war er untergetaucht. Der einzige Mensch— der Eugen Trier den Weg zu der Frau, die er suchte, hätte zeigen können— blieb für ihn bis an sein Lebensende gerade so verschollen wie Helene Eger. —1•— Das Jubiläum Skizze von Joh. W. Broedelet. (Berecht. Uebersetzung von Willy Blochert.) Er war jetzt fünfundzwanzig Jahre auf der Bühne. Niemand hatte jemals etwas davon bemerkt. Er spielte den Diener, der in französischen Salonstücken den Baron oder die Herzogin durch die Mitteltür eintreten läßt, oder den Polizeibeamten oder den„Herrn", der ganz unten auf dem Programm steht. So kam es, daß man im Publikum kaum seinen Namen kannte. Er selbst aber blickte mit großer Genugtuung auf seine Bühnenlaufbahn zurück. Die vielen Worte machten es nicht, fand er. kleinste Rolle, wenn sie nur tadellos gespielt wird, kann der Lichtpunkt eines ganzes Aktes sein. Darum vollzog er seine Auf= und Abtritte mit einer Akkuratesse, als ob es um den mit einer Grandezza, die nicht zu überbieten war. Für alles hatte er Standardgesten, die seine Kollegen im täglichen Leben zum Scherz nachahmten. Schreck stellte er durch eine eckige Bewegung des Unterarms dar, Freude unterstrich er mit einem krampfhaften Zucken der Achseln, Trauer deutete er an, indem er die Hände kräftig auf den Kopf drückte. Das alles wußten seine Kameraden stets vorher, und sie erlebten dadurch manchen fröhlichen Augenblick. Vink selber aber merkte nichts davon, denn er ging vollkomemn in seiner Kunst auf. So war es also fünfundzwanzig Jahre her, daß Hermann Vink seine ersten schwankenden Schritte auf die Bühne gesetzt hatte. Dieser Tag durfte nicht unbemerkt vorübergehen. Man versuchte erst, ihn für eine Huldigung in aller Stille zu gewinnen, doch da er nichts davon wissen wollte, blieb nichts anderes übrig als eine Jubiläumsvorstellung. Es kostete einige Mühe, eine Kommission zusammenzutrommeln. Wer war Vink? Was hatte er geleistet? Schließlich fanden sich ein bekannter Notar und einige Autoritäten, die einen Rundbrief für die Presse zusammenstellten, in dem man die besonderen Qualitäten des bescheidenen und gewissenhaften Künstlers deutlich ins Licht rückte und an die Mitwirkung des theaterliebenden Publikums appellierte, um den Festtag des verdienstlichen Schauspielers und braven Menschen zu einem unvergeßlichen für ihn zu machen. Die größte Schwierigkeit war jedoch: Welche Rolle sollte Vink an seinem Jubiläumstage spielen? Man konnte ihn doch an diesem Abend nicht die Tür öffnen und schließen oder einen Hochstapler verhaften lassen oder dem Publikum als„Herrn" zeigen. Der Direktor versank in tiefes Grübeln. Endlich fand sich ein Stück mit einer nicht zu unbedeutenden Oberstenrolle, die einigermaßen in Vinks Linie lag. An einem Jubiläumsabend würde das Publikum nicht sehr kritisch gestimmt sein. Deshalb wollte man es wagen. So geschah es, daß Hermann Vink ein Rollenheft von vierundzwanzig beschriebenen Seiten ausgehändigt wurde, was ihm in seinem Leben noch nicht vorgekommen war. Von diesem Augenblick an litt der bescheidene Künstler an einem stillen Anfall von Größenwahn. Seine Dienerrollen spielte er mit einer Nonchalance, die man von ihm nicht kannte, er wurde unaufmerksam und vergeßlich. Nur die Rolle des Obersten interessierte ihn. Sie nahm ihn vollkommen in Beschlag, und er arbeitete sie bis in die kleinsten Schattierungen durch. In der Garderobe sprach er mit niemandem ein Wort. Andauernd war er mit der Rolle beschäftigt, welche die allgemeine Aufmerksamkeit so stark auf ihn lenken würde. Auf den Proben blieb er für jeden Scherz unzugänglich. Seine Kollegen amüsierten sich königlich. Vink konnte als Oberst alle seine schematischen Gebärden an den Mann bringen, was eine unerschöpfliche Quelle des Vergnügens ergab. Da trat ein unerwartetes Mißgeschick ein. Drei Tage vor dem großen Ereignis erkrankte Vink so heftig an den Stimmbändern, daß er nach dem Befund des Arztes sicher zwei Wochen lang kein verständliches Wort hervorbringen konnte. Der Direktor geriet in Verzweiflung. Die Zeiten waren schlecht, und die Truppe hatte ihre Hoffnung auf das neue Stück gesetzt. Von einer Verschiebung der Aufführung konnte daher keine Rede sein. Und einen andern Schauspieler die Rolle des Colonels spielen zu lassen, schien sehr bedenklich, weil dann die Attraktion des Jubiläums fehlte, was sicherlich die an sich schon traurigen Einnahmen beeinträchtigen würde. Man war in einer sehr mißlichen Lage. Nach langem Ueberlegen und endlosen Unterhandlungen mit Vink kam man auf folgenden Ausweg: Ein Kollege namens Bartels, ein sympathischer und bescheidener Künstler, der ebenso wie der Jubilar zu den Darstellern der kleinen Rollen gehörte, sollte ihn vertreten, ohne daß man das Publikum über diese Umbesetzung unterrichtete. Es würde nicht auffallen, weil der Oberst mit kahlem Kopf, gewaltigem Schnurrbart, ausdrucksvoller Nase und dröhnender Stimme so unkenntlich sein würde, daß es sowohl der nie in den Vordergrund getretene Vink als auch der ebenso ruhmlose Bartels sein konnte, der sich hinter dieser kriegerischen Erscheinung verbarg. Auf diese Weise wurde der heiß ersehnte Abend gerettet. Und wirklich: die Jubiläumsaufführung ging glatt von statten. Bartels wurde bei seinem Auftreten mit freundlichem Beifall begrüßt, er empfing im Laufe der Vorstellung verschiedene Blumensträuße, und am Schluß hielt der Notar eine eindrucksvolle Rede. Bartels sprach in Erfolg des Abends ginge, und er als Joseph die wohlgesetzten Worten seinen tiefemnfundenen Baronin de Boudaban anmeldete, tat er dies Dank aus, der Vorhang ging dreimal in die Höhe, und der sonderbare Abend gehörte van wieder der Vergangenheit an. Vink, der ungesehen seine eigene Jubiläumsvorstellung von der Loge aus mitangeschaut hatte, war tief erschüttert. Wie wurde er vom Publikum geschätzt! Wie treffend hatte der Sprecher des Komitees seine Fähigkeiten gekennzeichnet! Es tat einem wohl, so etwas zu erleben. Und wenn er auch über das Spiel von Bartels nur mäßig zufrieden war— wie ganz anders hätte er die große Szene im dritten Akt gebracht—. so mußte er dem Kollegen doch dankbar sein, daß er sich so uneigennützig zu seiner Vertretung bereitgefunden hatte, und er drückte ihm herzlich die Hand. Einen solchen Freundschaftsdienst würde er nie vergessen!“ Leider erwies sich aber auch das neue Stück als wenig zugkräftig. Man machte verzweifelte Anstrengungen, es zu einem Erfolg zu führen, es war alles vergeblich. Die Vorstellungen mußten abgebrochen werden, man stand vor einem unabwendbaren Zusammenbruch, und die Truppe wurde aufgelöst. Die verschiedenen Mitglieder suchten so gut wie möglich anderswo unterzukommen. Der etwas schwerfällige Bartels bestieg erst nach vierzehn Tagen den Zug nach der Hauptstadt. Aber die Direktion, bei der er sich vorstellte, erklärte ihm, er käme zu spät, man hätte erst vor wenigen Tagen eine offene Stelle besetzt, und zwar mit Hermann Vink. Es wäre wohl kein allgemein bekannter Schauspieler, doch hätte er so glänzende Kritiken über seine letzte Oberstenrolle vorgelegt, daß man keine Bedenken gehabt hätte, ihn zu verpflichten. Der enttäuschte Bartels sah nachdenklich vor sich hin. Was war zu tun? Sollte er verraten, daß die prachtvollen Kritiken eigentlich ihm zukamen? Aber der Vertrag war einmal unterzeich net, und Vink hatte Frau und Kinder, er nicht. Der sympathische und bescheidene Künstler zog schweigend seines Wegs. Das Geschenk des Kaisers Skizze von Paul Lindenberg. Der Bote hatte, nach tiefer Verbeugung, leise die Tür geschlossen. Lizzie war allein. Des Kästchen, das der Diener der großen Juwetierfirma eben gebracht— mit dem Vermerk„Nur persönlich abgeben“— stand auf dem kleinen Tisch am Fenster. Lizzie hatte mit einer leichten Handbewegung dem Ueberbringer angedeutet, das Etui dorthin zu legen. Nun war die harte Geduldprobe zu Ende, mit schnellen Schritten wandte sich das schöne Mädchen dem Tisch zu, entfernte hastig die Umhüllung und öffnete den rotsamtnen Behälter. „Ah, wie schön, wie wunderschön!“. In den Sonnenstrahlen, die durch die Vorhänge huschten, glitzerten die Brillanten in blendender Farbenpracht. Es waren erlesen große Steine, vielleicht zu groß für die kleinen rosigen Ohren— desto besser, dann würden sie umso mehr Neid erregen! Lizzie hatte den Schmuck angelegt und war vor den Spiegel getreten. Sie wiegte sich in den schlanken Hüften, drehte das blonde Köpfchen. Wahrlich ein kaiserliches Geschenk. Und nun entdeckte sie auch einen schmalen Umschlag, der ihr bisher entgangen war. Zwei Zeilen nur: „Nehmen Sie, teure Freundin, als kleine Erinnerung an unser Plauderstündchen mitfolgendes bescheidenes Andenken an. Auf Wiedersehen. N.“ Die Handschrift des Kaisers! Ein leichtes, zufriedenes Lächeln huschte über Lizzies Züge, sie nickte ihrem Spiegelbild zu, mit dem Ausdruck: Gut, gut, das ist der Anfang, der Kaiser scheint diesmal nicht den flüchtigen Schmetterling zu spielen. Nun, Lizzie, sei klug und laß ihn nicht so leicht entwischen! Ihre Hoffnung ging in Erfüllung, der Kaiser erwies sich nicht als Schmetterling, er schien eine tiefere Neigung zu der jugendlichen Fremden, die ihr Französisch mit englischen Brocken so drollig zu mischen verstand und deren Adelsname, Gräfin Beauregard, zweifelhaften Herkommens war, gefaßt zu haben. Aber trotzdem sträubte er sich, ihre Bitte zu erfüllen, den Lieblingswunsch, daß sie einem Fest in den Tuilerien beiwohnen dürfe. Denn mit Recht fürchtete er die Eifersucht Madame Eugeniens, der man gewiß schon, wie in früheren Fällen, allerhand zugetuschelt hatte. Schließlich fand sich ein Ausweg. Der Kaiser befahl die Veranstaltung eines Maskenballs und ordnete an, daß auch Lizzie eine Einladung erhielt. Sie erschien als Spanierin, das Köpfchen mit einem kostbaren Spitzenschal umhüllt, als Erkennungszeichen für den Herrn der Tuilerien sein fürstliches Geschenk in den Ohren.