dieser ewige Sekt aus meinem verflossenen Privatkeller. Barmann, dasselbe noch einmal!“ Nach dem vierten Glas kam ihm sein Hocker ein wenig hart vor, und er setzte sich in eine bequeme Ecke. Er fühlte sich dort wohler als früher in seinen Klubsesseln. In einem Winkel sing plötzlich ein Lautsprechr zu quäken an: „Wir beginnen jetzt mit unserem WeihnachtsKarans Paste Donnerweiter, gran halle er ja gar nicht mehr gedacht. Da quollen auch schon die ersten Akkorde eines alten Liedes vom Tannenbaum durch den Raum. Wie lange hatte er es nicht mehr gehört? Wohl an jenem letzten Weihnachtsavend, den er dort im pennsylvanischen Germantown mit seiner Mutter— Gott habe sie selig!— verbracht hatte. Bill Waddington lauschte still. Verflixt, daß einem Hartgesottenen wie ihm die Augen noch naß werden konnten! Unsinn, diese Rührseligkeit! Und doch ließ sie sich uicht ganz bekämpfen. Wie gut ging es ihm auch, it er noch hier mit sattem Magen in der Wärme sitzen durfte. Eine alte Frau. zerrissen. Hunger und Elend in den Augen, sah scheu durch die Tür in den Raum, wagte sich einige Schritte vor, wollte betteln. Der Barmann schnauzte sie an:„Raus hier!" Der Lautsprecher summte sein Weihnachtslied. Da schlug Bill Waddington mit der Faust auf den Tisch:„Hier bleiben, Alte! Heute ist Weihnachten Sollst auch dein Vergnügen haben Komm!" Die Bettlerin sah scheu von Bill zum Barmann, vom Barmann zu Bill:„Darf ich?“ Ein Kellner trat auf den Gast zu:„Der Boß duldet keine Bettler.“ Bill stand langsam auf, die Daumen in den Armausschnitten seiner Weste, wie einst, als er noch eine Macht auf der Börse war:„Duldet keine Bettler? Wer redet hier von Bettlern? Die Frau ist mein Gast. Setz dich. Alte. Bestell, was du willst. Laufen noch viele von euch heute in der Christnacht auf der Straße herum? Ja? Kellner, den Boß her!“ Der Wirt kam fast gelaufen. Bill Wadding= ton stand mitten im Raum:„Wieviel Bäste passen hier herein? Dreihundert? Schön. Das Lokal gehört heute abend mir. Schicken Sie die Kellner los. Sollen alles mitbringen, was sie an Bettlern und Obdachlosen finden. Ich will mit Ihnen Weihnachten feiern. Ob ich Geld habe? Mann, sieh her. Zweitausend Dollars. Reicht das? Mach dein Lokal zu für andere Leut.e Bring deine Weiber in der Küche auf den Trab. Essen, Bier, Zigarren. Los, glotz doch nicht! Bill Waddington, der Tramp, will mit den Aermsten Weihnachten feiern.“ Fünf Minuten später kamen die ersten. Zerlumpt, verhärmt, verhungert. Sie rissen die Augen auf und begriffen, daß sie nicht genarrt wurden, daß sie essen sollten, endlich wieder satt werden. Der Raum wurde zum Brechen voll, und Bill Waddington lachte, drückte dankbare Fäuste, sang Weihnachtslieder, ließ sein Geld wechseln und legte jedem zwei Dollars neben den Teller:„Unsinn, Ihr braucht nicht zu danken. Eßt, freut euch, und schlaft nachher eine Nacht in einem richtigen Bett. Bill Waddington feiert nur einmal im Jahr Weihnachsen. Als der Trubel die höchsten Wellen schlug, zog Bill den Wirt zur Seite:„Hier, tausend Dollar. Tischen Sie ihnen auf, bis das Geld zu Ende ist. Dann schlich er sich verstohlen aus der Hintertür, ein Tramp wieder und doch im Hochgefühl seiner guten Tat glücklicher, als es Bill Waddington, der Millionär, je gewesen war.— Ein paar Tage später warteten zwei Tramps irgendwo im Süden neben einem Wassertucm auf den nächsten Güterzug.„He“, sagte der eine,„weißt du, daß Bill Waddington wieder auf der Reise ist? Gestern sah ich ihn auf dem Kuhfänger nach Texas fahren.“ Als Letzter von der Hallig Skizze von Aiko Janßen. Auf der kleinen, von Meer und Wind zerfressenen Hallig im südlichen Waktenmeer der schleswigschen Küste haust als einziger und letzter Bewohner der Insel noch immer Nis Jürgensen, der alte Fischer und ehemalige Seemann auf großer Fahrt. Niemand weiß es genau, wie lange eigentlich Nis schon so ganz allein in seinem windschiefen Häuschen lebt; er selbst aber weiß es, denn jene letzte furchtbare Sturmflut nahm ihm sein Weib und machte ihn für immer zum einsamen Manne. Seine einzige, ihm gebliebene Tochter war seit langem in der Stadt verheiratet.— Seiidem vollbrachte der alte Friese einsam und schweigend sein Tagewerk. das heißt: still hebaute er im Frühjahr sein Stückchen Acker, und allein fuhr er zum Fischsang auf die See hinaus. So ging es Jahr für Jahr, Winter wie Sommer, und Sturm und Unwetter hatten sich mit tiefen Furchen in sein Gesicht eingegraben Wiederholt war Nis Jürgensen schon vom zuständigen Landratsamte darauf aufmerksam gemacht worden, daß die Hallig geräumt werden müsse, da ein weiteres Bewohnen mit beständiger Lebensgefahr verbunden und ihr gänzlicher Untergang nur noch eine Frage de nächsten Jahre sei. Aber Ris rührte sich nicht und ließ alle Mahnungen unbeachtet. Dann kam eine Vorladung aufs Amt in der Stadt. aber Nis ging nicht hin. Bis der Landrat einmal die Geduld verlor und er den Starrkopf durch zwei Landjäger herüberholen ließ. „Nis Jürgensen, ich wollte Euch nur sagen daß Ihr die Hallig räumen müßt; ich habe es zu verantworten, wenn sie demnächst ganz verschwindet und Ihr mit. Warum wollt Ihr denn durchaus nicht herunter von diesem winzigen Eiland, das bei der nächsten Sturmflut einfach auseinander fällt?“ „Dor bün ick up de Welt kamen, en dor will ick ook wedder runner", war die Antwort.— „Aber bester Jürgensen, die Behörde hat dock bereits Eure anderweitige Unterbringung und auch eine Entschädigung in Erwägung gezogen und der Herr Regierungspräsident...“ Da lachte Nis wie befreit laut auf.„Dann werdich ja wohl noch auf meiner Hallig sterben können, denn wenn die Behörde mit ihren Erwägungen fertig ist, dann bin ich auch inzwischen mit dem Leben fertig geworden.“—„Also Nis Jürgensen, Ihr wollt die Hallig nicht gutwillig verlassen?“—„Nein, ich will dort sterben, wo auch mein Weib begraben liegt, aber in die Stadt überführen le“'e ich mich nicht“. war die Antwort.—„So etwas verstehe ich nicht“, meinte darauf der Landrat. Nun aber wurde Nis zornig. und der alte Friesentrotz bäumte sich gegen solches Unverständnis seiner heiligsten Gefühle auf:„Wenn Du das nicht verstehst, dann soll die Regierung einen anderen hierher setzen, der Land und Leute versteht, der wird mich auch verstehen!" Jetzt sprang der Landrat von seinem Stuhle boch und rief mit erhobener Stimme:„Wenn Ihr bis Weihnachten die Hallig nicht geräumt habt, dann lasse ich Euch und Eure Siebennlachen von amtswegen herunter holen, merkt Euch das!" Ris brummte nur etwas, das ich anhörte, wie ein gewisses Zitat aus Götz von Berlichingen, schob seinen Priem auf die andere Seite und stampfte zur Tür hinaus.—— Nis Jürgens saß eines Tages vor seinem Häuschen und flickte Nitze, als er von weitem eine Jolle ankommen sah. die scheinbar auf seine Hallig zuhielt. Da fiel es ihm plötzlich ein, daß ja Weihnachten vor der Tür stehe und der Landrat ihn von der Insel holen lassen wolle, falls er bis dahin seine Hallig nicht geräumt habe. An der gegenüber liegenden Kimmung lag ein dicker Dunst, der Nordwest begann bereits zuzulegen, und die Möwen kamen kreischend näher; sie kannten ja am besten das Sturmlied von den Weihnachtsfluten des „Blanken Hans“. Nis gab jetzt das Flicken auf, um die Jolle im Auge zu behalten, denn er merkte schon daß dort Männer manövrierten, die nicht lun von lee unterscheiden können, und Nis mußte erst einmal herzhaft ausspucken, daß beinahe der ganze Priem über Bord gegangen wäre. Richtig, nun waren sie doch in die Brandung geraten und versuchten, mit aller Gewalt zu wenden, um aus dem Hexenkessel heraus zu kommen, aber der Sturm riß jetzt das Sege! wieder herum, und die Jolle schoß wie ein Tümmler in die Tiefe. Blitzschnell stieg es nun in Nis auf:„Sie wollen dich mit Gewalt von der Hallig holen. Ueberlaß sie nur ihrem Schicksal!“ Dann aber richtete sich der alte Friese hoch auf.„Nein, es sind Menschen, und sie handeln auf Befehl, Du mußt helfen.“ Und schon wenige Minuten später schoß Nis mit brandendem Bug auf die Unglücksstelle zu. Zwei Männer hielten sich an der gekenterten Jolle, und Nis hatte sie bald beim Kragen herüber geholt. Sie schrien was von„Pinne — und Fru!“ Dann sah Nis eine Frau, die sick mit letzter Kraft an der Rrderpinne hielt, und l...„Dina, mein Himmel, Dina!“ rief jetzt auch Nis, nein, er brüllte es, denn er sah dort im Meer seine einzige Tochter. Ein wilder Griff. und auch sie war in Sicherheit; dabei geriet aber sein rechtes Bein zwischen beide Fahrzeuge, und die beiden Männer zogen nun Nis schwer verletzt in sein Boot zurück. Die Fahrt durch die Brandung gelang. und eine halbe Stunde danach trug man den Alten in sein Häuschen, wo Dina sofort Feuer machte und allen einige trockene Kleider heraussuchte. Die Nacht brach herein, der Sturm tobte unvermindert. Die be den Landjäger machten es sich auf dem Heuboden bequem, während Dina die Nacht am Lager des Vaters verbrachte und ihm Zweck und Ursache ihrer Fahrt erzählte, dabei abwechselnd ihm Umschläge und allerhand Einreibungen besorgend. Dem Landrat hätte besonders daran gelegen, daß sie, als einzige Tochter, diese Fahrt mitmache, um den Vater zu bewegen, in Güte die Hallig zu verlassen. Ganz still hatte der Alte zugehört, dann faltete er plötzlich die Hände:„Dem Himmel sei Dank, daß ich doch noch hinausgefahren bin; ich hätte es ja nicht überlebt, wenn die beiden und mein eigenes Kind dort draußen ertrunken wären.“ So verging die Nacht. das Wetter beruhigte sich etwas, und nun drängte Nis selbst zum Aufbruch, denn er litt scheinbar heftige Schmerzen, aber erst mit aufkommender Flut konnte man die Fahrt antreten. Es war schon pät am Nachmittag, als die Männer im Boot das Segel hißten, die Jolle ins Schlepptau nahmen und loswarfen. In dem geräum'gen Boote hatte man alles Wertvolle aus dem Häuschen untergebracht. und oner über den Bänken lag auf einer Bahre Nis Jüraensen. Er wußte dies war der Abschied für immer von seiner geliebten Hallig, und so marf er einen lletzten Blick hinüber nach der Stätte, an der er so lange gelebt und wo sein Weib in der Erde ruhte.. Eben dröhnte dumpf der Aberdkanonenschuß von Husum herüber, als Dina leise die Har. des Vaters faßte:„Nun wirst Du bei uns bleiben. Bodder, und die Kinder wollen morgen Weihnachten nicht ohne den Großrater feiern. Dein Bein werden wir auch wieder in Ordnung bekommen.“ „Ja, ja. Kind. aber das sage ich Dir, mit heilen Knochen hättet Ihr mich so kurzer Hand doch nicht von meiner Hallig herunter gebracht.“ Erwischt. „Baden ist hier streng verboten!“ „Ich bade ja nicht, ick kühle mir doch bloß die Augen!“ „Da brauchen Se sich do chnicht auszuziehen!“ „Na, ick hab' doch welche an die Füße!" * Komfort. „Haben Sie hier im Hotel Zimmer mit fließendem Wasser?" „Wir hatten eins, Herr, aber jetzt ist das Dach ausgebessert.“ * Gemütlich. „Die Fahrt mit der Kleinbahn hat so lange gedauert, daß sich am Schlusse alle Reisenden geduzt haben.“ * Am Morgen nach dem Kommers. Studiosus(erwachend):„Alle Wetter, da lieg' ich ja in einem ganz fremden Bett... Na, der Nachtwächter, der mich hierher gebracht hat, muß schön betrunken gewesen sein!“ * Schlagfertig. Lehrer(zum Oberförster):„Was werden Sie aber sagen, Herr Oberförster, wenn Sie eines Tages in der Hölle aufwachen?“ Oberförster:„Na— guten Morgen, Herr Lehrer! werd ich halt sagen!“ Schimmel. Der kleine Heinz betrachtet aufmerksam seinen Vater. Verwundert sieht er die ersten weißen Haare auf dessen Kopf. Plötzlich sagger: „Papa, Papa, ich glaube, du fängst an zu schimmeln!“ Er hat Recht. „Nächste Woche verschicke ich Einladungen zu meiner goldenen Hochzeit!“ „Bist du närrisch? Du bist doch gar nicht verheiratet?“ „Nein, nein! Ich heirate eine Millionärin!“ Verantwortlich H. Semmelmann, Altena. Druck und Verlag: C. Santz, Altena. Weihnacht Historische Erzählung von Gerhart Tilk. Der Schneesturm hat sich gelegt. Es ist still geworden. In tausend und abertausend Schneekristallen brechen sich die silbernen Strahlen des vollen Mondes, der ruhelos durch die blaugraue Himmelstiefe segelt. Christabend. Aus der Ferne rufen Glocken, sie jauchzen in frohlockenden Melodien und verhallen beseligend im All: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!— Ein matter Lichtschein flattert aus den Fenstern von Sanssouci. An den Fenstervorhängen gleitet der Schatten des Großen, Einzigen vorüber, ruhelos wie der Mond dort oben. Sein Leben ist stille Pflichterfüllung— auch am Heiligen Abend. Offiziere eilen die Treppe hinauf und hinab. Doch jetzt scheint es auch dort oben still zu werden. Herr von Catt, Friedrichs Gesellschafter, tritt in sein Arbeitszimmer. Er möchte etwas erbitten, aber der Alte hat seine eigene Meinung darüber. Catt wagt es noch nicht und nimmt Platz. Das Gespräch gehört der Kunst, der Musik, der Philosophie.— Die Zeit rückt vor, Catt wird immer unruhiger. Friedrich sinnt vor sich hin. Plötz= lich horcht er auf. Draußen erklingen die Glocken. Er öffnet das Fenster und schaut hinaus über die glitzernden Weiten. Ihm wird so eigenartig zumute. Durch seine Gedanken irrt ein Traum von Familienglück. Irgendwo hört er Kindergesang, strahlende frohe Weihnachtslieder.— Catt weiß noch immer nicht, ob er jetzt seine Bitte vorbringen kann. Er bittet um Urlaub, um an einer Feier bei Freunden teilnehmen zu können. Der König gewährt ihn. Langsam schreitet Friedrich auf seinen Vorleser zu und legt beide Hände auf dessen Schultern.„Die Glocken singen ein eigen Lied. Es muß schön sein, so unter Glücklichen feiern zu können. Ja, ja, mein lieber Catt,— alles entbehren, doch auf nichts verzichten.“— Catt steht unbeweglich. War das Friedrich noch? Oder war er immer so? Er vermag sich keine Antwort zu geben und acht. Noch eine Weile lauscht der König, dann schließt er das Fenster und setzt sich vor den Kamin. Grau ist sein Haar geworden. In sein Gesicht haben die Jahre tiefe Falten gezogen. Und heute, als ihm das alles zum ersten Male zum Bewußtsein kommt, fühlt er seine Einsamkeit, erkennt den Wert des Zusammenlebens, des Zusammenseins mit andern, die man lieb hat. Jetzt fühlt er auch, welch tiefe Kluft ihn vom Leben trennt, von der Gemeinschaft, vom Glück. Nie hat er das gekannt, aber heute am Christabend. da erwacht die Sehnsucht in ihm. Wie viele, mit denen er gelebt, sind dahin gegangen. Hat ihn einer verstanden? Alle sehen nur den Feldheren den mächtigen Preußenkönig. Aber den fühlenden Menschen sucht niemand. Friedrich greift zur Flöte und spielt bis tief in die Nacht hinein. Verg####en trinkt er aus den Tönen, die ihn in ein Zauberreich tragen. die ihn wie ein süßer Traum umschmeicheln, der in einer verborgenen Welt Wahrheit werden muß Mitternacht ist längst vorbei, als der König die Flöte zur Seite legt. Er ruft nach dem Diener, ruft wiederholt— doch Fredersdocf hört nicht. Friedrich geht ins Nebenzim er, um nachzusehen. Er will schelten, als er sieht, daß der Diener eingeschlafen ist. Der schläft auch weiter, als jetzt der König noch einmal ruft. Da entdeckt Friedrich auf dem Tisch einen Brief. Er greift danach und liest. Langsam läßt er das Papier sinken und streichelt dem Schlafenden das Haar.„Und davon hat er nie gesprochen.“ „Fredersdorf!“— Jetzt erwacht er und blickt starr auf den König, Entschuldigungen stammelnd. Friedrich ist ernst gewordon:„Was hat Er da für ein Schriftstück?“—„Majestät, Majestät... es ist...“—„Was ist es? Sag' Er's mir, ich will's wissen.“ Friedersdorf ist ratlos. Soll er das dem großen König sagen? Wird er das verstehen? Friedrich drängt heftiger. Fredersdorf zittert.„Majestät, meine Mutter ist alt und krank, und ich habe ihr— Majestät, nein, ich habe— ich habe sie nicht gestohlen— ich habe sie erspart,— die Taler, die ich ihr geschickt.“— Reglos steht der König. Er beißt die Zähne zusammen.„Fredersdorf, konnte Er mir das nicht sagen? Meint Er, ich hätte Seiner Mutter nicht geholfen? Er brauchte sich nichts von seinem Lohn abzusparen.“—„Majestät, ich konnte doch nicht...“ —„Was konnte Er nicht?“—„Ich konnte doch das nicht Majestät sagen.“—„Zehn Jahre ist Er bei mir, und Er kennt noch immer den König von Preußen nicht.“ Friedrich sinkt auf einen Stuhl. Er fühlt sich unsäglich einsam. Diese Stunde, da er sich so nach Gemeinchaft, nach Liebe, nach Verständnis sehnt,— diese Stunde gibt ihm die bittere Lehre. Wenn ser doch nur einen Menschen hätte, der mit ihm fühlte, dem er sein Innerstes einmal anvertrauen könnte.“ „Fredersdorf, nehme Er hier die Taler, und gehe Er morgen zu Seiner Mutter nach Potsdam, und bringe Er ihr frohe Weihnachten, und sag Er ihr, daß ich weiter für sie sorgen werde, und lerne Er, daß der König von Preußen ein Vater seines Volkes ist.“ Und der König fühlt, wie wohl es tut, wenn man mit einem Menschen eine Freude teilen kann. Um ihn wird es Weihnacht. —2— Der verlorene Sohn Eine absonderliche Weihnachtsgeschichte von Heinz Steguweit. Es war im Dezember 1923, da schlich viel gebücktes Volk durch den Abend einer westdeutschen Großstadt. In sieben Tagen sollte Weihnachten sein. Es gab keine wohlhabenden Bürger mehr, jeder zweite Straßengänger roch nach Armut und Regen. Dennoch schoben sich die Menschen durch die Gänge der Warenhäuser; bei dem einen reichte das Geld für eine Schachtel voll Seife, beim anderen für eine Porzellantasse, die meisten aber befriedigten nur ihre Schaulust, um beim Anblick der aufgestapelten Waren entweder der Weihnachtsreuden vergangener Zeiten selig zu gedenken oder um im voraus zu wissen, was in besseren Tagen wieder begehrt werden dürfe. Solches Sinnen geschah in der westdeutschen Großstadt nicht ohne leise Ironie, hal doch den rheinichen Menschen selbst in en bittersten Tagen sicht jene Anschauungsweise verlassen können, die man Galgenhumor zu nennen geneigt ist. An dem gleichen Abend geschah es aber auch, daß eine Kriegerwitwe mi: lodernder Verzweifzung durch die Straßen stürzte, um jeden Menlschen zu fragen, ob ihm nicht ein weinender Junge von etwa sechs Jahren begegnet sei. Das Kind habe in der Strumpfabteilung des Kaufhauses noch an ihrer Schürze gehangen, es sei aber in dem Augenblick spurlos verschwunden gewesen, als sie dem Kassenfräulein den Geldbetrag für zwei schwarze Kindersocken hinzählen mußte. Nein, den sechsjährigen Jungen hatte niemand gesehen. Die Mittec, ein armes Weib, von vierzig Jahrea, lief wieder ins Kaufhaus zurück, brachte die Menichen in Aufruhr, weinte und jammerte, sie hätte als Kriegerwitwe jetzt auch noch ihr Kind verloren, und offenbarte sich dem Direktor des Geschäftes solchernaßen: Der Junge habe sich zu Weihnachten Spielzeug gewünscht, sie hätte aber, dar sie arm sei, nur Socken kaufen wollen. Nun bereue sie bitter, dem Kinde seinen Wunsch nicht erfüllt zu haben, vielleicht müsse sie jetzt ihr Leben lang für diese Hartherzigkeit büßen. Der Verwalter des Kaufhauses hörte das tränenerstickte Gestammel der Mutter geduldig an, um dann einen Angesteilten nach dem tizeitevier zu schicken, damit das vermißte Kind auf alle Fälle gemeldet sei. Die Frau kroch bekümmert nach Hause, satz die ganze Nacht wachen Auges im Sessel und erlöste ihre Not durch invrünstige Gebete. Indessen stellte es sich schon zu mitternächtlicher Stunde heraus, daß Philipp, ihr sechsjähriger Sohn, seinen Fall lange nicht so rührselig nahm wie seine Mutter oder wie hunderttausend Menschen der Stadt, die im lokalen Teil der Morgenzeitung von der Tragödie nicht ohne mitleidige Gefühle erfugren. Vielmehr wußte der Direktor des Kaufhauses sowohl der Witwe als auch der am Vorabend alarmierten Polizei zu melden, daß die Nachtwächter auf ihrem zweiten Rundgange genötigt gewesen wären. nit entsicherter Waffe einem Geräusche nachzuspüren, das sich im vierten Stockwerk nahe der Abteilung für Svielwaren vernehmen ließ. Diese Wächter hätten dann einen kleinen Jungen in voller Indianerausrüstung vorgefurden und denselben Knaden wohl eine Stunde lang heimlich beobachtet, wie er die Schienen einer Uhrwerkeisenbahn unbekümmert zusammenfügte, um sich dann am schnurrenden Rundlauf der Lokomotive zu ergötzen. Er, der Direktor, könne seinen Wächtern nicht einmal böse darum sein, daß sie den Knaben bis zum Morgen ungestört spielen ließen, wußten doch die Beamten schon beim Antritt des Nachtdienstes. was es für eine Bewandtnis mit dem mögliherweise noch auftauchenden Knirps habe. Die Folge davon war, daß der pfiffige Philipp, der sich gestern abend einige Stunden lang im Gehäuse eines einsamen Ladentisches verborgen gehalten hatte, bis er seine Stunde für gekommen wähnte, am übernächsten Tage zu städtischer Berühmtheit gelangte. Eine Tatsache, die er sich von den humorvollen Berichten und Bildern der Tagespresse auch noch schwarz auf weiß belegen ließ. Und die weitere Folge war, daß ihn die Mutter nicht heftiger als nötig übers Knie legte, während in den letzten Tagen vor Weihnachten ein seltsamer Segen das Haus der Kriegerwitwe überfiel: Philipp wurden nicht weniger als drei Eisenbahnen und ebenio viele Indianerkostüme ohne Angabe der, wie man sagt, hochherzigen Spender abgeliefert! Es ist verständlich, daß die Mutter solchen Ueberfluß nicht schätzte. Sie wollte es bei der Einzahl eines jeden Spielzeugs bewenden lasen und machte sich darum auf den Weg, um einen Umtausch der beiden restlichen Eisenbahnen und der ebenso vielen Indianermonturen zu versuchen. Vielleicht gab man ihr: Wäsche dafür, vielleicht Schuhe oder Konserven. Die Wtwe wandte sich zunächst an den Direktor des Kaufhauses, und diesem Manne fiel es nicht schwer, die Herkunft der Dinge zu ergründen: Alles entstammte der Spielwarenecke seines eigenen Unternehmens. Indessen stellte der Vorsteyer jener Abteilung mit einigem Befremden fest, daß diese Dinge im Gewühl der letzten Tage von unbekannten Tätern .... gestohlen wurden! Die Witwe erschrak, sie wollte nach Hause rennen, um die drit'e Garnitur auch noch herbei zu schaffen, weil diee womöglich auf demselben Wege erworden war; da beruhigte sie aber der Besitzer des Kaufhauses mit der Offenbarung, daß sich hiater dem unbekannten Spender der daheim gebliebenen Herrlichkeiten ein eigener Name verberge. Was also noch zu Hause sei, könne dort bleiben. Und er legte die zurückerstatteten Waren wieder ins Regal, entließ dic Witwe mit jovialem Händedruck, während er dem Vorsteher der Spielzeugabteilung zwinkernden Auges zu verstehen gab, daß der Begenwert der selbstverständlich ebenfalls gestchlenen dritten Garnitur nunmehr auf Unkostenkonto zu buchen sei. Im übrigen machte er der Polizei von dem dreifachen Diebstahl keine Meldung, war es doch offenbar, daß die sammervolle Notdurft jener Zeit ein paar mitleidige Menschen zu ner Handtung verführt hatte, für die sie in besseren Tagen gewiß auch das geldliche Opfer nicht gescheut hätten. Dies ist eine leise Geschichte, doch hat sie die Wahrhaftigkeit des Lebens mit seiner geheimnisvollen Vielfalt aus ihrer Seite. Das letzte Licht Weihnachtsskizze von Georg Paul Lücke. Der Winterabend flammte um den Cevedale. Dahinter stand der Himmel wie eine Mauer von Stahl. Erstorben lag die weite Welt. Drohend wie eine Wetterwand schob sich von Osten her schon der Nachtschatten über das Firmament. Da glühte ein Schein auf, verhuschte unten am Rand der Vedretta la Mare, dem Gletscher, der mit wuchtiger Tatze in das Val Venezia griff. Rasselnd, wie ein schwerer Lastwagen auf holprigem Pflaster, kam die Mine daher, donnerte über den Punkt 3531 und explodierte tief unten auf dem Rosolegletscher. Samuel Janiger, der Passeier Hochwildjäger, lachte;„Kerle, verfluchtige!" und spuckte in weitem Bogen an die Wand hinunter.— Dann griff er zum Gewehr, legte an, visierte hinunter zur Moräne und schoß. Diavolo della Mare!“ murmelte der Berliere und bekreuzigte sich, als neben ihm Kamerad, durch den Kopf getroffen, lautlos zusammenbrach. Den Gletscherteufel nannten sie den Tiroler Scharfschützen, der seit Wochen dort auf dem Punkt 3531 saß und jeden Einzelnen aufs Korn nahm, der es wagte, unvorsichtig Ausschau zu halten. Der aber streichelte den Lauf seines Gewehres, als wäre es der dralle Arm der Broni beim Villegger in St. Leonhard— und der Josef Niederwieser, der Stubaier Bergführer und Einödbauer, nickte ihm zu. Er kaute an der langen Holzpfeise, zog die eiskalte Luft durch die Röhre und stieß sie durch die frostblaue Nase wieder aus, weil seit acht Tagen nun auch der Tabak ausgegangen war und der Ersatz noch immer nicht kam. Tagelang hatte der Schneesturm eine meterhohe Decke geworfen, und schon wieder kroch an den Nordhangen das Nebelmeer herauf. „Spar' die Patronen, Samuel“ knurrte Hans Holderer, der Korporal vom sechsten Kaiserjäger=Regiment, und sein Magen knurrte mit. Noch hatten sie die eiserne Ration nicht angerührt, aber heute sollte es sein. Für jeden war noch eine Büchse Fleisch da, ein paar Zwiebäcke und ein Schuß Rum. Sorgsam hatte die der Niederwieser um das kleine Tannenbäumchen gelegt, das sie mit herauf genommen. Des Niederwiesers Gedanken waren daheim im Hof an der Berglehne bei seinem Weib und den drei Buben, als er mit klammen Fingern den Zunder am Feuerzeug zum Brennen brachte, um die fünfzehn Talglichtlein anzuzünden.— Wie kleine arme Seelen brannten die Kerzen, sich im Nachthauch zuweilen beugend, und aus drei rauhen Männerkehlen drang das heilige Lied in die einsame Hochweltnacht. Viertelstunde um Viertelstunde verging, die Kerzen brannten nieder, eine nach der anderen verlosch. Nur drei Lichter noch brannten, wie müde Augen kleiner Kinder, die schlafen gehen. Wieder brüllte der Krieg durch die Luft. In kürzerem Bogen raste die zweite Mine heran, — die drei Männer rissen in jähem Schreck die Augen auf—, zersprang hundert Meter unterhalb der Eiswand im Einschlag und überschüttete mit einem stechenden Eishagel drei sich duchende Köpfe. Die da unten schossen sich ein. Kam die dritte Mine, so konnte sie den Gipfel wegnehmen wie der Wind einen Hut, und was dort oben war, zersetzte in die Luft. „Verflixt“, schimpfte der Janiger. Der Niederwieser brummte ein Vaterunser in den vereisten wilden Bart. Der Holderer nur schwieg. Drei Kerzen noch brannten am Baum. Da wählte jeder eine wie zum Spiel. Sie wollten sehen, wessen Licht zuerst erlosch, und es als eine Prophezeiung nehmen. Der Janiger sandte der Vroni ein stilles Gedenken über die Gletscher ins Passeiertal. Der Niederwieser hatte eine verstohlene Träne im Auge— vielleicht aber auch war es nur die beißende Kälte, die ihm das Wasser über die Pupille schwemmte. Des Janiger Licht erlosch. Dann das des Niederwieser. Hell nur noch brannte des Holderers Kerzlein am Baum. Der empfand die Weihe der Weihnachtsstunde nicht. In einer Nacht wie dieser, vor zehn Jahren, war der Bub. der Forstgehilfe beim Grafen Erl, im Pflichtgefühl hinaus in die Wintemnacht geund am Weihnachtsmorgen hatten sie Kugel zu Tode getroffen. Der Holderer aber führte seit damals immer eine letzte Kugel im Lauf, für den Brunnerwastl, den dreimal Verfluchten. Wenn der Krieg vorbei war, dann kam der heraus, hatte im Warmen gesessen, wo die anderen ihre Köpfe hinhielten. Aber, wenn er herauskam, die Kugel war bereit. „Prost Korporal“, sagte der Janiger dumpf „'s wird schon all's wer'n.“ Es sollte ein Trost sein, doch er wußte so gut wie die anderen, wovon keiner sprach, daß Hunger und Erfrieren ihr Los war, wenn die Hilfe nicht kam.— Aber noch immer brannte das letzte Lichtlein hoch oben am Grat.——— Mit Schaufeln und Pickeln grub sich die Patrouille durch den Schnee.„Weiter!“ kommandierte der Gefreite.„Soll'n nit verreck'n in der Heiligen Nacht, die da oben.“ Haushoch türmte sich jetzt die Eiswand über hnen. Der Nebel hinderte die Sicht. Die Pikkel fuhren in die Wand, das zersplitternde Eis sprühte im Licht der Laternen wie Silberdunst. „Ablösung vor!“. Sie wechselten. Andere bahnten den Weg mit wuchtigen Hieben, hinter denen die Proviantträger unter der Last ihrer Säcke stöhnten. Sie hatten den Grat erreicht.„Ein Licht— dort!“ Ein Juchzer drang in die Nacht, das Echo in den Wänden weckend. Da horchte der Janiger auf, denn die anderen chliefen hinüber in den Tod. Ein paar Talgbrocken sammelte er vom Baum und gab der letzten Kerze neue Nahrung. Seit Stunden tat er das. Jetzt erwachte der Niederwieser, ein ungläubiges Fragen im schlaftrunkenen Blick. Der Holderer aber schlug erst die Augen auf, als der Patrouillenführer vor ihn trat, in Habtachtstellung, die Hand an der Mütze.„Ein Gefreiter mit sechs Mann zum Ersatz!“ Holderer sprang auf. Auge bohrte sich in Auge. Sterne funkelten. Die stille Nacht, die heilige lag über der Welt, und die Dreitausender im Kreise umher mahnten, daß auf Erden Frieden sein solle und den Menschen ein Wohlgefallen. Aber durch diese Nacht raste und brüllte der Tod. Die dritte Mine ritt polternd mit zerschmetterndem Flügelschlag durch die Luft. Der Punkt 3531 barst unter dem Einschlag. Nur einen hatte es getroffen. „Und vergib uns unsete Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern“, betete mit erstickter Stimme Korporal Holderer, als er dem Gefreiten Sebastian Brummer, seinem einstigen Gegner, versöhnt die Augen zudrückte. Da erstarb auch das letzte Licht am Baum. Bei der Kälte unDer Jagdgehilfe Eine Weihnachtsskizze von Ernst Löns. Es hatte geschneit, zwei Tage und eine Nacht. Dann kam der Ostwind und fegte den Himmel blank von schweren Wolkenballen. Aber eine Kälte brachte er mit, eine Kälte, die durch die Kleider weht und die Nasen rot malte. Es war nicht gemütlich draußen, wenn die abgleitende Wintersonne auch noch so schöne grüne und violette, himmelfarbene und blaßrosa Farbtöne in die Unebenheiten der Schneedecke malte. Wer nicht unbedingt draußen zu tun hatte, blieb in der warmen Stube, wo die Buchenscheite im Ofenknallten und blutrote Reflexe an den Wänden tanzen ließen. Franz Korte, der einschichtig in der kleinen Kate am Dorfesende hauste, war anderer Ansicht. Mit langen Schritten strebte er der Mitte des Dorfes zu, blieb einen Augenblick stehen, blickte über den Abhendhimmel und trat in die gangen, und am Weihnachtsmorgen hatten siesblichte über den übenehi ihn auf der Bahre gebracht, von des Wilderers Gaststube des Wirtshauses, Abend, Kortenfranz. terwegs?“ „Jä, ich wollte man eben nach der Stadt,“ sagte Korte und kippte einen Schnaps hinuter. „So spät noch?“ „Jä, etwas für die Kinder, Aenvel und so.“ Er zeigte auf einen verschnürten Packen, den er sorgsam im Arme trug. „Aeppel? Solltest ihnen lieber n’ klein Häschen bringen. „Jä, Häschen... grinste Franz,„könnste mir keine verkaufen? Gebe zwanzig Groschen.“ Der Wirt kniff ein Auge zu und plinkte den anderen Gästen, die am Ofen Karten spielten, belustigt zu. Franz Korte war der gerissenste Wilddieb der ganzen Gegend, und der neue Förster verteufelt hinter ihm her. „Nä,“ meinte Franz Korte,„mit den Häschen ist das nichts mehr. Der Rote ist mir zu scharf, djüs auch.“ Korte nahm sein Paket und trottete die Landstraße entlang. Es dunkelte schon stark. In der Ferne blinkten die Lichter der Kreisstadt. Hinter der Tannenansamung schob sich die silberne Mondsichel hervor. Einzelne Sterne funkelten. Eisig pfiff der Wind, und der gefrorene Schnee schrie unter den Schcitten. Fast fünfhundert Gänge hinter dem Dorfe blieb Korte stehen. Sein scharfes Auge überprüfte das Gelände. Niemand war zu sehen. Da übersprang er den schneeverwehten Straßengraben und tauchte in der Tannendickung unter. Es war stockfinster im Holz, aber Korte kannte jeden Baum, jeden Steg; besser als der Förster. Ja, der Förster, der Rotbart, das war ein doller Kerl. Der schnüffelte überall rum. Da hieß es aufpassen. Korte lachte in sich hinein.„Heute hab' ich ihn angeschmiert. Der Krüger wird ihm schon erzählt haben, daß ich heute im sonntäglichen Zeug zur Stadt bin, Weihnachten feiern. Da wird er froh sein, ungestört mit seiner Frau Heiligabend begehen zu können.“ Sie waren Feinde, aber ehrliche. List tand gegen List. Sie waren sich gewachsen. Darum konnte er dem Förster auch nicht böse sein. Aber immerhin, wenn sie sich mal mit der Waffe in der Hand gegenüberstehen sollten... Er konnte nicht lassen vom Jagen. Die Leidenschaft war ihm im Blute vom Großvater her. Es lag ihm nichts an den Hehlergroschen, die der Gastwirt im Städtchen für das Wild zahlte, aber es für sich zubereiten durfte er nicht; der rote Bart des Försters konnte zu jeder Zeit unvermutet in seinem Hause auftauchen. Nee, dafür war Korte zu schlau, Beweise in seiner Wohnung zu lassen.“— Am Rande der Dickung blieb Korte stehen, blitzschnell spürten seine Augen die Runde ab. Ein Satz brachte ihn zur Ruckseite der Feldscheune, die hier fast an die Waldung stieß. Mit dem Messer löste er zwei Nägel, schob ein Brett beiseite und zwängte sich durch die Lücke. Seine Hände wühlten in dem Spreu= und Häckselhaufen hinter den hohen Strohballen und erfaßten ein Klappgewehr, das eine Umwicklung von Oellappen vor Verschmutzung schützte. Einem Lederbeutel entnahm er fünf Patronen und legte ihn in das Versteck zurück. Im Schatten der Scheune löste er die Umhüllung des Paketes, streifte eine weißleinene Hose und einen ebensolchen Kittel über die dunkle Kleidung und zog die Kapuze über den verwitterten Filzhut. Lautlos und unsichtbar, ein weißes Wintergespenst, pürschte er über den verschneiten Acker. An der Waldecke duckte er sich nieder und verschwand in der weißen Umgebung. Vor ihm lag das Feldstück mit dem Winterkohl. Dies war eine der wenigen Stellen, an denen die Hasen Aesung fanen. Das Schneegestöber hatte sie über zwei Tage im Lager gehalten. Der Hunger wurde sie hertreiben. Donner ja, war das kalt. Die Sterne funkelten in hartem Glanz. Der halbe Mond tauchte die Winterlandschaft in silbrigen Schein. In der Ferne bellte ein hungriger Fuchs. Ein dunkler Fleck hoppelte aus dem Gebüsch, noch einer, ein Dritter. Korte hob langsam die Flinte. Sein Finger suchte den Abzug.„Täck“. Verflucht, ein Versager. Schnell die Patrone ausgewechselt.„Täck. Schon wieder.„Domms!“ zerriß ein scharfer Knall die Stille, ein roter Feuerstrahl zuckte auf, ein Hase rollte in den Schnee. Der Schreck schlug Korte in die Glieder. Er sprang auf. Mit Mühe verbarg er das zusammengeklappte Gewehr unter dem Rock. Aus der Dickung trat der Förster, die Waffe schußfertig im Arme auf den zitternden Wilddieb zu. „Na, Korte, auch auf Jagd?“ „Ich... ich... bin nich auf Jagd, Herr Förster.“ „Nicht? Haben sich ja schön angezogen. Spielen wohl so'n bißchen Weihnachtsmann hier draußen, was? Ziehen Sie das weiße Zeug Sassl5 ses Sinar. 2 nur aus. Es sieht so dumm aus, wenn wir durch das Dorf gehen.“ Korte trottete vor dem Förster her. Es war ihm scheußlich unbehaglich zu Mute. Wenn er bloß unbemerkt das Gewehr los werden könnte. Was mochte der Rotbart wohl mit ihm vorhaben? Vor des Försters Wohnung blieben sie stehen. „Sie sind ja doch allein, da dachte ich, Sie könnten bei mir Weihnachten feiern. In der Stube war es mollig warm. Der Grog dampfte in den Gläsern.„Was ich sagen wollte, Korte.— Die Jagdgesellschaft hat die Gemeindejagden von Emberge und Nielohe dazu gepachtet, das wird mir doch reichlich viel, da könnte ich einen Jagdgehilfen brauchen. Viel zahlen können die Herren ihm ja nicht. aber ich denke, so zwanzig Mark im Monate haben sie wohl übrig.— Na, wie wär's, Korte, hätten Sie nicht Lust?“ „Aber, Herr Förster, ich soll... Sie wollen mich...?“ „Sie foppen? I wo, ist mein voller Ernst Sie können die Jagd hier am Dorfe versehen. Raubzeug haben Sie frei, Karnickel auch, und drei Hasen im Jahr kann ich auch zusagen. Ich brauche einen Kerl, der Passion in den Knochen hat und was von Wild und Weidwerk versteht.“ Er streckte ihm die breite Hand hin:„Also eingeschlagen!“ Korte wurde blaß und rot vor Freude. Dann drückte er die dargebotene Hand:„Ja, ich will — ich will gerne. „So, nun kommen Sie, ich glaube, meine Frau hat den Weihnachtsbaum angesteckt. Vielleicht hat der Weihnachtsmann auch für Sie etwas im Sacke gehabt.“ Die junge hübsche Förstersfrau hieß den rauhen Gast willkommen und zeigte ihm seinen Platz auf dem Gabentisch. Korte traute seinen Augen nicht, da lag seine Bestallung als Jagdaufseher, vom Landrat genehmigt und gestempelt, und daneben ein funkelnagelneuer Drilling, das Geschenk der Jagdpächter. „Zusammenklappen läßt es sich aber nicht,“ lachte der Förster, dann faßte er Korte unter die Joppe, wo dieser noch immer die Wilddiebsflinte krampfhaft festhielt,„und dafür schenken Sie mir die alte Knarre. Jetzt können Sie die Waffe ja offen tragen. Na, denn gutes Weidwerk.— Wir wollen das Revier schon von Wildschützen freihalten, was Korte?“ „Das soll'n Wort sein! Aber'nen ganz verdeubelten Kerl sind Sie doch, Herr Förster.“— „Prost! Und wenn Sie ins Revier gehen, so sehen Sie erst nach, ob die Patronen auch Zündhütchen haben.— Und hinter der Feldscheuer ist'n Brett locker, vielleicht nageln Sie das gelegentlich mal an. Es könnte einer sich dort zu schaffen machen, der da nichts zu suchen bat—— meter, Thermometer, Wassertemperatur, fix, ich brauche die Angaben fürs Logbuch!“ Der Signalgast fährt zusammen:„Jawoll, Herr Obermaat!" Er liest die verlangten Zahlen ab und schreibt sie, geduckt hinter dem geschützten Stand vor Ruder und Maschinentelegraph auf einen Zettel. Mit einem Seufzer betritt er das Kartenhaus: Ausgerechnet am Heiligabend Wache zu haben, in Schnee und Regen auf die vielen Glückwunsch= und Dienstmorsesprüche zu pafen, die das Flaggschiff, höhnisch mit der Morselampe blinzelnd, unermüdlich in die Welt sendet, das kann auch nur ihm, dem geborenen Pechvogel, passieren. Während der Maat die Eintragungen in die Logbuchkladde macht, wärmt der Signalgast die klammen Finger an der Dampfheizung und zieht den Kaffeedunst in die Nase, der aus der dickbauchigen Kanne strömt. Einen Augenblick schließt er wohlig die Augen, hier ist's warm und gemütlich wie zu Hause. Ach ja, zu Hause! Die Glücklichen, die vorgestern auf Heimaturlaub fuhren, glühend beneidet von den anderen, jetzt sitzen sie daheim. Merkers Blick glitt zu dem Kalender. der über dem Kreiselkompaß hing. Eine Winterlandschaft zeigte das Bild. Der Signalgast dachte an zu Hause, an das stille, weltvergessene Dorf oben im Thüringer Wald: der Rennstieg lief dort vorbei, der Rothirsch brach durchs Unterholz; in kalten, sternklaren Nächten wühlte das Schwarzwild grunzend in den kleinen Kartoffeläckern, die Tannen rieben sich knarrend und schüttelten den Schnee in weiDer Maat lachte:„Na, alles in Ordnung Dann lesen Sie mal den Morsespruch Flaggschiff ab, das hat eben angerufen!“ „Jawoll, Herr Obermaat!“ Hannes Merker griff zur Klapplaterne und machte sein„Verstanden"=Zeichen hinüber, dris ben, von der hohen Brücke des Linienschiffoo# leuchtete es auf in kurzen und langen Blinken:„Signalwache an Signalwache: liche Weihnachten!" Weihnachten an Bord Skizze von der Reichsmarine von Korvettenkapitän a. D. Fritz Otto Busch. Vor Wilhelmshaven liegt der Kreuzer an dem langen Holzpier und zerrt mit den Stößen des Nordostwindes, der kalt und schneidend über die Jade hereinfährt, an den Stahlleinen. In dem früh verdunkelnden Winterabend fegen Schnee= und Regenböen über das Schiff. Frierend hocken ein paar braungrau gesprenkelte Heringsmöven auf den hohen Duc d'Alben. die wie Wachtposten breitbeinig in langer Reihe vor dem Pier standen. Auf der Brucke lehnt, mit hochgeschlagenem Mantelkragen, dicke Fausthandschuhe über froststarren Fingern, der Signalgast der Wache und blinzelt nach den hell erleuchteten Fenstern der ehemaligen Kaserne, in denen schon hier und dort die Lichter der Weihnachtsbäume aufleuchteten. Die Tür zum Kartenhause öffnet sich, einen breiten Lichtbalken ins Schneegestöber schneidend. Die untersetzte Figur des Signalmaaten der Wache, in eine Wolke blauen Tabakdampfes gehüllt, erscheint:„Hier! Merher! Barochen Flocken von den Zweigen, wenn der Wind über die Höhen strich. Jetzt saßen sie zu Hause unterm Lichterbaum, der Vater las die Weihnachtsgeschichte vor, langsam und bedächtig, wie es so seine Art war, und die kleinen Geschwister blickten mit leuchtenden Augen auf die Krippe mit den vielen Holzfiguren, die des Vaters Hand geschnitzt und die Mutter so bunt und lebensfroh bemalt. Was hatte die Maria für ein süßes Gesicht, und wie prächtig lag der blaue Mantel über dem roten Kleid! Schön war es doch zu Hause. Jetzt klangen die Glokken durchs Tal, und überall funkelten trauliche Lichter aus kleinen Fenstern unter schneeverhangenen Dächern. Ob wohl Else, die schwarzäugige, diesmal wieder mit beim Weihnachtsbaum saß und nach ihm fragte? Längst hatte er sein kleines Paket abgesandt mit dem Buch und dem hübschen friesischen Filigranring, den er nach langem Suchen endlich gewählt. Sie dachte wohl nicht mehr an ihn, die Waise, die im Forsthause ihr Brot verdiente, der junge Försterssohn hatte es ihr sicher angetan in seiner schmucken Uniform, mit seinen lachenden, blauen Augen. Hannes Merker seufzte, der Unteroffizier fuhr herum: „Was's denn los, Mensch? Kummer? Hier nimm'’nen Schluck Punsch, ich hab' grade’'ne Probe von Bottler bekommen, und dann sause zum Wachtmeister, ich glaube, der hat Post für Euch, ich passe so lange hier draußen auf.“ So schnell war der Signalgast Hannes Merker selten den steilen Niedergang hinab gerannt wie diesmal! Durch das Vorschiff, wo die dienstfreien Kameraden bei Punsch und Weihnachtsbraten, lief er zur Kammer des Wachtmeisters. Merkwürdig, der sonst so rauhe Mann war heute die Freundlichkeit selbst, bot dem Signalgasten von seinem Punsch an und fingerte nachdenklich mit gerunzelter Stirn in den Postsachen umher:„Merker? Richtig, ich wollte es Ihnen nach der Wache geben. Hier, ein Paket. Nicht so hastig, junger Mann, erst die Unterschrift!“ Das war ja Elses Schrift, genau wie sie schon auf der Schule schrieb: eine kleine, eigenwillige, zierliche Schrift mit vollem Bogen, Häkchen und Schnörkeln, genau wie die Löckchen, die dem Mädchen damals schon immer wieder ins Gesicht fielen beim Schreiben. Merker bedankte sich, eilte an sein Spind, packte aus und nahm nur den Brief mit, den Brief. auf den er so lange sehnsuchtsvoll gewartet. An Deck, im Schein der Kabellampe, flogen seine Augen über die Zeilen und faßten nur den Schluß mit dem einen Satz, der dem Signalgasten wie ein wärmendes, leuchtendes Weihnachtsfeuer durch alle Glieder drang: :. und dann, lieber Hans, freue ich mich ganz schrecklich auf Deinen Urlaub im Januar! Du kommst doch bestimmt? Schreib' es genau, dann hole ich Dich von der Bahn, und wir gehen zusammen durch den Wald, er ist so schön jetzt, ganz verschneit, und ich habe Dir schrecklich viel zu erzählen, lieber Hans!“ „Lieber Hans“, murmelte Merker glücklich vor sich hin,„lieber Hans, schreibt sie!“— Er barg den Brief in der Manteltasche und stieg zur Brücke, Weihnachtsfreude im Herzen. Das Schneetreiben hatte aufgehört, ein funkelnder Sternhimmel spannte seinen samtenen Bogen über Hafen und Stadt. „leide mich zuricht Bettlerweihnacht Skizze von John C. Waters=Chicage. Als Bill Waddington an einem grauen Dee zembervormittag erwachte, wunderte er sich.# hätte eben noch Stein und Bein darauf ges schworen, daß er im Festsaal seines Stadtpalastes an der Fünften Avenue zwischen Dutzenden von Gästen saß, den Koryphäen der Wallstreet, seinen Standesgenossen, und dem Trubel der tanzenden und ausgelassenen Mitlionärsjugend zusah. Und nun hockte er doch hier in seinem scheidenen grauen Hotelzimmer in Manhattal und stierte die schmutzigen Wände an. Verdammter Traum, der ihm die glanzvollen Zeiten seines verflossenen Reichtums wieder in die Erinnerung rief! Bill Waddington. Vor sechs Jahren kannten vielleicht ein paar hundert Tramps in den ganzen weiten Staaten den Namen:„Bill Waddington? Jungens, wißt ihr, das ist der verrückte Pennsylvanier, der es sich in den Kopf gesetzt hat, nur auf dem Kuhfänger(Schienenräumer) zwischen Ost= und Westküste hin und her zu kutschieren. Als ob es sich nicht auch im Bremserhäuschen oder auf dem Tender gut reisen ließe. Der Bengel wollte eben immes etwas Besonderes haben.“ „Bill Waddington“, hieß es aber noch drei Wochen an der Börse in Newyork,„kennen Sie nicht Bill Waddington, den vielfachen Millionär, den Selfmademann? Stadtpalast an der Fünften Avenue, Landsitz auf Long Island. Steckt uns alle zusammen in die Tasche. Riecht förmlich, wo Geld zu verdienen ist, genau so wie er vor sechs Jahren als erster witterte, daß es dort unten in Texas bei Borger Oel gab. Kaufte sich hundert Acker auf Pump und war ein Jahr später Millionär. Sattelte dann um, und heute hat er sein Riesenvermögen in Elebtrizitätsaktien angelegt.“ „Ja, das war einst! Warum sollte nicht auch Bill Waddington einmal den falschen Riecher haben? Es war ja bitter, von heute auf morgen dieses albernen Börsenkrachs wegen ausziehenzu müssen aus dem Palast an der Fünften Avenue und sich mit seinen letzten zweitausend Dollars in dieses Loch von einem Hotelzimmer zu verkriechen. Lächerlicher Zufall eigentlich, daß ihm gerade einen Tag später ein Bekannter das längst vergessene Geld bringen mußte, das ihm Bill vor Jahren geliehen hatte. Die reine Komödie! He! Da wurde ja ein Brief unter der Tür durchgeschoben. Wer dachte denn noch an ihn? „Mister William Waddington, zur Zeit Traveller's Hotel, Manhattan.“—„Zur Zeit“= ist gut. Als ob ich noch der Krösus ware, der sich seine Post auf Reisen nachschicken läßt.“ Er riß den Umschlag auf:„Klub der ehemaligen Millionäre.“ Was ist das für ein Unsinn? Weiter: „Lieber Leidensgenosse! Am Weihnachtsabend veranstaltet unser Klub ein Festbankett. Speisenfolge: Erbsensuppe mit Speck, Kohl mit Corneooeef, Butterbrot mit Limburger. Zum Kohl wird Wasser gereicht. Wir hoffen, Sie als unseren Gast begrußen zu dürfen.“ Verrückt. Sind die Esel nicht lange genug Millionär gewesen, daß sie sich auch noch als Bettler in die langweiligen Fratzen stieren müssen? Erbsensuppe, Wasser! So lange Bill Waddington noch einen Dollar in der Tasche hat, rührt er keine Erbsensuppe an, trinkt er kein Wasser. Bill Waddington ärgerte sich und drehte sich auf die Seite, um den Vredruß zu verschlafen. Trommeln an der Tür weckte ihn wieder:„He. Mister, wollen Sie den ganzen Tag verpennen? Glauben Sie, ich hätte Lust, Ihr Zimmer erst heute abend aufzuräumen?"—„Komme, brummte Bill Waddington und streckte eine Zehe zum Bett hinaus.„Das hätte mir ein Stubenmädchen vor drei Wochen bieten sollen.“ Es war vier Uhr, als Bill Waddington auf die Straße trat. Sein Magen knurrte. Er schob sich durch die Drehtür eines Quick=lunchrooms und hockte sich vor der Thek eauf einen Schemel. Sein Appetit war ausgezeichnet, und der Barmann verstand sein Augenzwinkern: „Whisky, Dreistern, Porter?“—„Bier!“. Der andere zauberte unter dem Tisch ein volles Glas hervor. Bill Waddington stürzte es mit einem Schluck hinunter und wischte sich den Mund: „Donnerwetter, das schmeckt einmal anders ale 8