cegen„g 455 S-EAPI STTGTTSE 1•— Mu us ng gun uumzg *E S 5 8 X 8 S 6 85 5 2 * 5 S C2. 5 5 • 9 8 9 * 5 9 5 7 8 5 9 0 5 : 0 1 „Meralbärviges Geschwpft“ sagt öse Frau. Des Mannes Brust dehnt sich.„Ich verstehe ihn.“ Einen Augenblich lastet Schhbeigen schen den beiden. Dann sagt er bestimmt:„Du kehrst am besten gleich nach Hause zurück. Ich bringe van Medden Deine Avsage. Es erleichtert mir die Ablehnung seines Verschlages.“ Das schmerzliche Zucken um den Mund der geliebten Frau erpreßt ihm einen kurzen Seufzer.„Uebrigens“— ganz langsam kom men die Worte—„werde ich meine Bedenken gegen eine Reise mit Tante Vicky zurück stellen. Ich bin Dir wohl eine kleine Entschädigung schuldig.“ Noch einen langen, dankbaren Blick wirft er auf den ruhig liegenden Tiger, hebt den Hut und geht. Die Reichsgräfin bleibt im Sonnenscheine auf einer Bank zurück und liest noch einmal den Brief, in dem von ihrer Schönheit ebense viele Worte stehen wie von den letzten Renn erfolgen und dem neuen, üppigen Jagdschlosse des Schreibers. Der letzte Blick ihres Mannes brennt noch in ihrem Herzen. In festem Entschlusse zerreißt sie den Brief und tritt den Heimweg zu ihrem bescheidenen Häuschen an der Kirchengracht an. Leer ist es vor dem Zwinger des Königstigers. Langsam steht das gewaltige Tier auf, schreitet majestätisch zu dem Gitter, zerrt das fliegenumsummte Fleischstück hinter den Pfeiler und verbirgt seine Erniedrigung wieder vor der Schaulust der Menge. —42.— Kameraden Aus bald vergilbten Blättern. Erzählt von Otto Fabian. Entfesselte Hölle um Verdun. Rasender Feuerorkan über Höhen und Schluchten Nächte, vom Mündungsfeuer glühender Geschützrohre durchzuckt, vom bunten Reigen spielerisch anmutenden Raketen durchflossen. Und über den lehmbekrusteten, willensharten Kämpfern, wie eine schmerzhaft=brutale Faust in ihrem Nacken, der dumpfe, noch nicht zur Erkenntnis gereifte Gedanke: Dieses Ringen wächst sich zur Tragödie aus. Wer zählt euch, ihr Schluchten und Steinbrüche voll ingrimmiger Kämpfe und bitteren Sterbens? Wer nennt euch, ihr Höhen und Hügel, von Feuergarben umoht, von Eisenspiittern gepflügt, von Schweiß und Blut getränkt, über Nacht aus Bedeutungslosigkeit zu titanenhafter Größe gewachsen? Wer könnte euch je vergessen, ihr aufgewühlten Erdschollen, darin so mancher Kopf sich eingrub wie in einen Mutterschoß voll Geborgenheit? Bertrich liegt verwundet in einem Granattrichter hart an der Sohle der Schlucht. Neben ihm kauert Remke, sein treuer Gefährte, ebenfalls verwundet. Daneben stöhnen Kameraden graue Gestalten, von Sanitätern nach dem letzten wahnsinnigen Feuerüberfall hier zusammen getrggen. „Den Baum hätten wir fällen sollen,“ ächzte Remke. „Hätten wir! Hätten wir!" wiederholte Bertrich, der gerade damit fertig geworden war seine Halstuch zu einer Binde für seinen zerschmotterten Arm zu verknoten. Nach solchen verwehten Gedankensetzen nimmt das lastende Schweigen die graue Schar wieder in seine Arme. Die Sekunden sind breit gesponnen, die Minuten wiegen doppelt und dreifach soviel wie sonst, und die Stunden berstend voll von Möglichkeiten, quälen sich dahin wie gichtische Füße. Unwirklich fern scheint der einsame Granattrichter, wie unberührt vom wuchtenden Schritt der erbitterten Schlacht. Und doch nicht fern, grausam wirklichkeitsroh, eingewoben in das tragische Geschehen dieses Ringens. Ueber dem Rollen der Einschläge thront eine Stimme. Männlich stark, unbeirrt, noch nicht eingehüllt von Schauern des Todes. Seit Stunden schleudert sie Verderben gegen die seindlichen Anmarschstraßen.„Erstes Geschütz — zweites Geschütz— drittes Geschütz——— Roll— sal— be——“ „ Vertrich hört diese Stimme und fühlt eine leise Feindseligkeit in sich aufkommen. Auf vier Geschosse zahlen sie drüben mit zwanzig schwersten Festungskalibern. Und alle zischen drohend über dem Erdloch voll menschlicher Qual hinweg. Gegen Morgen sagt Bertrich:„Hier erleben wir den Tag nicht, Remke. Ich haue ab.“ „Mensch." fährt Remke hoch,„Mensch du willft——“ „Nach' ich“ schneidet Bertrich den Gedanken ab.„Einmal müssen sie doch schlapp werden, müssen essen, trinken, sonst was tun“ Remte spürt. baß Berkrich handeln wird. Er macht sich innerlich bereit, ihm zu folgen. So oder so, denki er, alles auf eine Karte zu setzen, ist auch nicht das Schiechteste: Unterdes eisteen die ersten zagen Vorboten des kommenden Tages durch die Schlucht. Richtig, das Feuer slaut leicht ab. Eine wohltuende Mattigkeit beginnt sich auszubreiten. Bertrich sitzt kerzengerade. Seine Augen saugen die Umgebung ein, sein geschärftes Ohr cheidet die Geräusche. „Auf!“ sagt er plötzlich und snöpft den Rock zu. Remke folgt wie unter einem Zwange.— Sie sind auf der Sohle der Schlucht. Kühler Morgenwind streicht an ihnen vorbei. Ihre Augen übersehen das Grauen um sie her. Unheimlich schreitet das Schweigen ihnen, voraus. Sie erreichen die Straße. Eine zarte Hoffnung blüht in ihnen auf. Am Ende diesee jranattrichterbesäten, zerhackten Streifens Er de, den man früher Straße nangte, müssen Kuhe und Geborgenheit wohnen. Wer mit geschlossenen Augen Fuß vor Fuß setzt, entrinnt der Hölle! Undenkbar! Fern im Osten glüht der neue Tag, Schicksal und Erfüllung für viele. Bertrich zuckt zusammen wie unter einem Peitschenhieb. Irgendwo knattert es ein paarmal hohl und trocken. „Sie kommen!“ schreit er und stürzt in den Straßengraben. Fauchen, Bersten, Geklirr „Kattun", sagt Bertrich und hebt den Kopf. Remke liegt nicht weit von ihm. Sein Gesicht ist fahl wie der lehmige Waffenrock.„So oder so,“ sagte er, als wöge er zwei Möglichkeiten gegeneinander ab. Auf einmal lacht er lange und heiser, daß es Bertrich eiskalt über den Rücken läuft.„Dreck, Dreck! Schluß damit— hahahahaaa.. Sie horchen auf. Irgendwo, nicht weit, rasselt es. Sie richten sich auf und trauen ihren Augen nicht. Eine Munitionskolonne kommt um den kleinen Weinberg gerast, der sich weit gegen die feindliche Front vorschiebt.: Voran der Führer zu Pferde. Bertrich winkt mit der unverletzten Hand. „Nutzlos“, sagt Remke. Seine Stimme ist von Zweifeln durchbebt.„Um uns zwei in diesem Feuer halten?“ Er tippt mit dem Finger an die Stirn. Die Kolonne braust heran. Sie hören das Rasseln der Ketten, das Schnaufen der Pferde, das Janken des Lederzeugs. Die Fahrzeuge schleudern hin und her. Bertrichs Augen werden starr. Ein schwacher Hoffnungsschimmer breitet sich über eine zertrümmerte Welt in ihm. In diesem Augenblick hebt der Führer den Arm. Seine großflächige Hand hängt im jahlen Dämmerlicht wie ein weithin sichtbares Zeichen unverbrüchlicher Treue. Die Pferde bäumen sich unter hartem Griff hoch auf. Die Kolonne hält. Artilleristen springen von den Fahrzeugen. Hoch im Bogen ichwingen zwei Körper über den Wagenrand Klatschende Peitschenhiebe, flockender Schaum von Trensen und Zügeln! Wie Wespen umschwirren Granaten und Schrapnells den polternden Zug. Dann ist die Feuerzone durchrast. Die Fahrt verliert an Wildheit, wird ruhig und gefahrlos. An einer Sammeistelle hält die Kolonne. „Gewonnen!“ jauchzt Bertrich. Die Artilleristen lachen, und alles freut sich, daß sie dem Sensenmann ein Schnippchen geschlagen „Remke!“ ruft Bertrich, als er wieder Boden unter den Füßen gewinnt.„Das hättest Du nicht geglaubt, was?“ Remke liegt noch im Fahrzeug. Er antwortet nicht. Die Artilleristen sehen sich verwundert an. Das Lachen flieht, dafür tritt eine peinliche Stille in ihren Preis. „Was— machst—— Du— denn?" lallt Bertrich. Jemand richtet Remke auf. Er ist tot. Aus einer Kopfwunde versickert sein junges Leben. Auf seinem Gesicht aber ist ein Lächeln stehen geblieben. So rein und kindlich, wie es nur der Freude über etwas Großes, Wunderbares entspringen kann, an dessen Erleben man nicht mehr zu glauben wagte. „Na komm, Braamer!“(erach er dann und spannte das Pferd vor das hochgelabene Fuder. das drüben auf dem Feld ege zum Aehren bereit stand.„Eine halbe Stunde noch, dann hast du Feierabend.“ Er klopfte dem treuen Tiere den Hals. Die Räder knarrten und ächzten unter der Last. Der Bauer nahm sich vor, den Wagen morgen einer genauen Durchsicht zu unterziehen, denn der hatte es nötig. Es war das letzte Fuder Korn, er würde einige Tage Ruhe haben, und jetzt konnte, wenn nötig, ausgebessert werden. Der Hafer stand ja noch in den Halmen. In solche Gedanken vertieft kam ihristian Mildner an den Teil des Weges, den er imer ein wenig fürchtete. Schon mehrmals waren hier Bauern zu Schaden gekommen. Er trieb seinen Braunen ein Stück vorher zu schnell##em Tempo an, damit dieser den leichten Aufstieg zum Bahnübergang bequemer überwinden könnte. Prustend zog das treue Tier mit doppeltem Eifer, stampfte über die Gleise, daß Funken unter den Eisen blitzten und die Ketten klirrten. Da— ein gewaltiges Krachen. die Deichsel brach, vom stürzenden Pferde nieoer gerissen, der schwere Wagen fiel zur Seite und lag quer über den Gleisen... Entsetzen packte den Bauern. Die Kehle mar ihm zugeschnürt, daß jeder Ausruf, jeder Fluch erstickte. Einen Augenblick stand er gelähmt. Dann, noch ehe er daran ging, dem Tiere auf die Beine zu helfen oder die Ursache des Schadens zu suchen, sah er auf die Uhr. Das Herz wollte ihm stille stehen: In zehn Minuten chon würde der letzte Personenzug nach der nahen Stadt die Unglücksstelle passieren! Voll von Menschen vielleicht; denn es war ein schöner Tag gewesen, der die Städter sicher hinausgelockt hatte! Ein Sprung zum Pferd. Kein gutes Wort, kein derber Schlag, kein Fußtritt vermochte Das letzte Fuder Skizze von Albert Liebold. Schon lag der Sommerabend über den Feldern, und auf holprigen Wegen waren die schwer beladenen Erntewagen ins Dorf gefahren. Nur der Bauer Christian Mildner hatte sich heute verspätet. Sein Pferd graste am Feldrain, er selbst aber spannte einen Drahtzaun um den Kartoffelacker am nahen Gehölz, den die Rehe gar zu arg zerwühlten. Nun sahen bereits die ersten Sterne zu, wie er weiße Lappen in die verrostteten Träbte hängte. das gestürzte Tier hoch zu bringen. Der Zau## rief, schrie in den Abend, so laut er konnte. Es blieb alles still. Gut zwanzig Minuten tag ja das Dorf noch entfernt, und zu dieser Stunde waren die Felder leer von Menschen. Er sah den Garbenberg auf den Schienen, den zerbrochenen, halb geleerten Leiterwagen, umrannte ihn wie irrsinnig, zog da u. dort, vermochte aber die Zentnerlast keinen 331 zu rücken. Wieder irrte er zum Pferde, faßte es am Zaumzeug, bat, drohte, schlug. Vergeorich. Das arme Tier war völlig verstört. Da stand er still. Das Haar kleote ihm in der Stirn. Er griff nach der Uhr. Noc funf Minuten! Gütiger Himmel! Er dahte u. öus Blut, das hier fließen mußte, an die Menichen, die zerquetscht, verstümmelt, zerfleischt hier stöhnen würden, an Väter und Mütter, auf die vergeblich daheim Kinder mlleten. „In fünf Minuten, Brauner!". Er schrie es dem Tiere zu, als wollte er bitten: So hilf doch— hilf! und schlug auf dem Wege nieder. 9.i im Fallen hörte er ein Klapperz. Er gr in oie Tasche. Ein Blitz durchzuckte ihn: Wenn noch Rettung war, hier winkte sie! In Feuer sollte das letzte Fuder da auflodern und dem nahenden Zuge als Notsignal leu#####en! Aber das Tier, das treue Pferd, es würde mit verbrennen! Noch einmal versuchte er, es hoch zu bek enmen. Vergeblich! Dort die Menschen, Hunderte vielleicht— hier: das Tier! Es durfte keinen Zweisel geben, aber eine Träne stahl sich doch in des Baueen Augen, als er zum letzten Male seinem Pferde den Hals klopfte. Dann legte er das brennende Hölzchen ins Stroh und rig die lange Vabel heraus, die hinten im Wagen steckte. Noch drei Minuten! Die Hand, die nach der griff, zitterte. Die Flamme wuchs. Ein leichter Wind blies hinein. Der Abend wurde hell erleuchtet. Das Pferd stampfte den Boden. Oben standen ruhig die Sterne. Zwei Glutaugen blitzten in der Ferne auf, kamen näher, wurden größer. „Erbarmen!“ rief der Bauer, stieß die lange Erntegabel in eine brennende Garbe und rannte auf dem schmalen Wege neben den Gleisen dem Zuge entgegen. Hoch über seinem Haupte schwang er das Feuersignal, dessen Funken der Wind davon trug. Plötzlich schlugen die Bremsen ins Räderwerk, daß es pfiff u. ächzte. Wenige Schritte vor dem Erschöpften hielt der Zug. Gerettet!——— Eine halbe Stunde später waren auch die angekohlten Bahnschwellen gelöscht und der Zug fuhr weiter durch den milden Sommerabend. Der Braune aber stand zitternd und in Schweiß gebadet daheim vor dem Hoftore. Die Feuersglut hatte ihn doch auf die Beine gebracht. EEEV EFEmS FPLLAFC Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung Nr. 39 Samstag, 28. September 1929 Vor Tagesanbruch Skizze von Otto Fabian. :: D e t e r i n g z ä h l t e z u d e n S t i l l e n, W o r t k a r g e n Insichgekehrten unserer Kompagnie. Nicht, daß er mürrisch oder gar verbissen seine Pflichten erfüllt hätte. Eher waren seine Worte und Bewegungen von einem unerschütterlichen, fast heiteren Gleichmut getragen, der in Stunden höchster Gefahr wie ein Fels aus schäumendem Gischt aufragte. Wie blauschwarze Perlen reihten sich die Nächte aneinander. Diese warmen, sommerluftdurchwehten Grabennächte mit Leuchtraketen und kleinen Schießereien vertieften die Schatten unter unseren Augen. Hohl klang der Schritt der Posten auf der ausgedörrten Grabensohle. Wir dämpften unbewußt unsere Stimmen wie in einer geheimen Angst, jedes laute Wort könne an eine unheilschwangere Wolke rühren. Manchmal aber wuchs die unnatürliche Stille in diesem sonst so heiß umstrittenen Frontabschnitt ins Qualvolle. Die Enge der Gräben lastete auf uns, daß wir den Drang verspürten. ihnen zu entsteigen und langsam durchs Schußfeld zu wandern, das uns voller Geheimnisse schien. Dann kam an einem Abend wie ein Blitz aus heiterem Himmel ein kleines Ereignis. Klein und unbedeutend, an den gigantischen Großkampfhandlungen gemessen. Eine gewaltsame Erkundung der anscheinend erstarrten feindlichen Stellung; weiter nichts. Dieses kleine Ereignis aber gebar ein anderes Ereignis, das die Gemüter einige Tage lang merkwürdig bewegte. Gustel, der jüngste in unserer Kompagnie, halb Knabe noch, halb schon gereifter Mann hatte unseren Graben nicht erreicht. Etwa zwanzig Meter vor unseren Drahtverhauen war er verwuindert in einen Granattrichter gefallen und liegen geblieben. Mehr als einmal versuchten wir ihn zu retten. Alles Bemühen schien indessen vergeblich. Aufgeschreckt grollte es von drüben die ganze Nacht. Detering stand im Graben. Er war seit gestern noch stiller als sonst. Diese Wandlung hatte ihren Grund in der Nachricht eines zurückgekehrten Urlaubers, daß Deterings Frau krank danieder liege.„Es ist nicht bedenklich, nein, ganz sicher nicht!“ hatte er, dem man die Notlüge vom Gesicht ablesen konnte, zuerst e versichert, dann aber, als Detering in ihn gedrungen, die Wahrheit gestanden; sie habe Lungenentzündung! „Hm“, hatte Detering gesagt, als berge die Nachricht an dielem Orte steter Berührung mit dem Tode nichts Erschütterndes in sich. Dann war er seinen Pflichten nachgegangen wie nen gefunden, stieg er langsam aus dem Graben. Gerade verdeckte eine eilende Wolke den kreisrunden Mond. Im nächsten Augenblick erreichte er den Granattrichter, der ihm in der Dunkelheit entgegen gähnte. Er tastete nach Gustel, sprach flüsternd zu ihm und zog ihn auf die Zeltbahn. Dann verschnürte er sie mit Stricken zu einem festen Bündel.„Huiii — rack“ haute es neben dem Trichter ein. Dreck, Rauch, Gestank, bleierne Stille im schwülen Granatloch... Die Hand des Verwundeten näherte sich hilfeheischend dem Kameraden. Detering ergriff sie, eine kernig=feste Jünglingshand, die um Treue bettelte. Als er sie fest zwischen seinen Fingern hielt, glaubte er seines fernen Weibes Hand zu umspannen. „Ich handete", dachte er in einem jähen Augenblick kühler Ueberlegung. Hinter dem gezackten Wolkenrand ölinzelte schon wieder der Mond. Er befreite mit milder Gewalt seine Hand und kroch zurück, den Draht, an dem die Zeltbahn befestigt war, vorsichtig hinter sich her ziehend. Von ungeheurem Luftdruck geschleudert, polterte er dumpf in den Graben Zwei schwere Einschläge verrollten. Er besann sich, kam wieder auf die Füße, suchte nach dem Draht, der seinen Händen entglitten; suchte wie ein Fiebernder nach versickernder Quelle. Da spürte er etwas Festes, Geriffeltes zwischen seinen Fingern. „Zieht!“ rief er seinen Kameraden zu.„So zieht doch! Hürt Ihr nicht, zieht!“ Acht braune Fäuste griffen nach dem Traht, zogen an, fühlten eine schwere, kostbare Last langsam sich nähern. Eine Sekunde— zwei Sekunden— drei Sekunden— sie dehnten sich zu Ewigkeiten. Detering wollte rufen, schreien— aber da fiel Gustel mit ersticktem Freudenschrei den Männern in die Arme. Das kühle Mondlicht umspülte seine bleiche Jünglingsstirn, aus der es rot und warm in den Lehm tröpfelte. immer. Eine Stunde verrann. Wütendes Maschinen= gewehrfeuer zerhackte unaufhörlich unsere Drahtverhaue. So oft der laue Nachtwind das leise Stöhnen des Verwundeten über den Graben wehte, faltete sich Deterings Stirn. Die Not des Einsamen schreckte ihn auf, wühlte in seiner Brust, verschmolz langsam mit der seinigen zu gemeinsamem Leid. Sein Inneres erhebte unter ungeheuerlichen Spannungen. Ihm war, als käme der gedämpfte Laut menschlicher Qual von einer ihm wohlbekannten Lagerstatt her, als sähe er mitleidsvoll gemildertes Licht über einen fieberheißen Körper hingegossen. Und schließlich— er wußte nicht, wie alles vor sich ging— erstarrte die wogende Gedankenreihe in seinem Hirn zu fester, unumstößlicher Gewißheit: Da vorn liegt dein Weib und ruft nach dir! Geh und rette ihm das bedrohte Leben! Detering, das Gewehr in der zitternden Faust, überlegte nicht lange. Der Gedanke war ihm Befehl. Seine unruhigen Hände suchten nach Zeltbahn, Gewehrstrick. Leitungsdraht. Und als er alles in seltsamer Zielsicherheit und mit unnatürlich geschärften SinFern verwehte der schwere Schritt der Sanitäter im Laufgraben. Detering lehnte an der Grabenwand und drückte seine heiße Stirn auf eine Erdscholle. Ueber ihm verblaßte das Wunder des kampfentrückten Nacht himmels. Der neue Tag wuchs zaghaft ins Licht." Er atmete tief. Die Luft war voll Schwüle und sommerlicher Trunkenheit. „Nimm!“ hörte er eine tiefe Stimme neben sich sagen. Die Kaffeeholer waren angekommen. Jemand reichte ihm einen Becher mit heißem Getränk. Er spürte sein ermattetes Lebensgefühl jählings sich steigern, griff nach dem Feldbecher und hielt plötzlich inne. Der Mann streckte ihm die Hand entgegen. Darin leuchtete etwas Weißes in der fahlen Dämmerung auf. „Das ist in der Nacht für Dich angekommen“, sagte er mit merkwürdigem Tonfall, ig zögernd das Papier entfaltete. Vier Wörter sprangen ihm entgegen. Vier winzige Wörter, die ihn aus dumpfer Tiefe in lichtumflossene Höhen rissen: Krise überstanden. Johanna gesundet! Totenkirchl brennt Skizze von Rudolf Behrens. Nacht im Kaisersaal. Die Jochhütte löscht ihre Lichter und duckt sich in den Schatten stürzender Felswände, als fürchte sie sich vor den erdrückenden Mauern, die sich seit Einbruch der Finsternis unheimlich gereckt haben.! Klaus Guggelberger zieht die Wolldecke von der Matratze über den Leib und liegt zwischen Wachen und Träumen. Seine Gedanken hängen wie Gerüstbalken hoch oben an den Türmen des Totenkirchls und warten auf den Morgen der Besteigung. Schwindelerregende Bilder verschwimmen im Nebel der Sinne. Bald verraten tiefe Atemzüge den Schlaf. Ein lauter Schrei zerreißt ihn. Türen schlagen, Rufe ertönen, Tritte poltern unterm Fenster, Stimmen werden Alarmsignale:„Das Totenkirch brennt!" Klaus springt vom Lager auf. Wie kann ein zweieinhalbtausend Meter hoher Felsgipfel in Flammen stehen? Am Hütteneingange rich ten Neugierige ihre Augen auf das Totenkirch! dessen riesenhafte Silhouette das Hüttlein im Joche um sechshundert Meter überragt. Oberhalb der wolkenhohen gotischen Strebepfeiler dort, wo lange Kamine und Risse dunkelglosige Kirchenfenster vortäuschen, bleibt Guggelbergers Blick an einem winzigen Feuerscheine haften. Er prüft mit dem Glase die Brandstelle und beschließt, da niemand ihm beistehen will, die schaurige Nachtbesteigung der Totenkirchls allein zu wagen. Vielleicht gibt das Hüttenbuch über nicht zurückgekehrte Kirchlfahrer Auskunft. Klaus und die Wirtin schlagen die letzten Seiten auf. Da steht: „Wenn heute die Sonne unter den Pendling sinkt, erwarte ich Klaus Guggelberger auf dem Gipfel des Totenkirchls, um mein Versprechen einzulösen. R. S.“ Guggelberger erblaßt, die Hände zittern vor Erregung. Fragend sieht ihn die Wirtin an; doch der Bergsteiger schweigt, stumm bereitet er den Aufstieg vor. Während die Neugierigen zu dem rätselhaften Feuer des Totenkirchls aufschauen, schreitet Klaus in die Nacht hinein. Die Latschen des Teufelswurzgartens verschlingen ihn. Mit Mühe findet er den Einstieg in die Felsen. Er klettert mechanisch. Das Ringen um Griffe und Tritte weicht einem wütenden Seelenkampfe. Kamine ziehen ihn nach oben, ausgesetzte Wände lassen den Fuß vor todbringenden Fehltritten stocken. Stunden verrinnen im heißen Gipfelsturme zu Minuten. Ueber ihm flackert das Feuer. Abstürze versperren den Zugang. Klaus muß zurück, Umwege bringen ihn auf eine Platteninsel in der Luft. Nirgends ein Ausweg, kurz entschlossen knotet Guggelberger das Seil um einen Felskopf, läßt sich im Zweischenkelsitz in die Tiefe und steht neben dem Brandherd. Am glimmenden Aschenhaufen kauert eine an den Fels gebundene Gestalt.„Klaus!“ ein Schrei gellt, und ein kraftloser, halbbekleideter Frauenkörper fällt in seine Arme. Während Ruthilt Siga willenlos den Kopf an seine Brust lehnt, empfindet Guggelberger die Zerrissenheit und Leere seines Herzens als peinigende Dolchstiche. Oft hat er sich danach gesehnt, das wilde, schöne Mädchen gebändigt zu sehen. Nun ist es an den Stein gekettet, er fühlt nicht einmal Genugtuung darüber. Freunde, Schwärmer und Verehrer Ruthilts sind Puppen in ihrem Leben, Klaus weiß es, und doch liebt sein schweres Blut ihren leichten Sinn, um des Ausgleichs willen, den jedes Leben erheischt. Von allen Spielzeugen dieser Frau ist er das widerspenstigste, darum bietet sie ihm den härtesten Kampf. Guggelbergers Gedanken schießen wie Feuerwerkskörper: Stunden bergsteigerischen Glücks mit Ruthilt — Gestänonisse, die Laune in den Wind schlägt — rätselhafte Liebe untermischt mit Spiel und Abenteuerlust— Aufforderung zur Toten kirchlfahrt— freudige Bereitschaft, dann lachende Absage. Der Morgen dämmert, er trägt Klaus das Licht der Erkenntnis herauf. Ruthilt Siga weiß den Tag der Besteigung und kommt ihm zwölf Stunden zuvor. Sie bietet dem Freunde in höhnischer Berechnung, um die zugesagte Entscheidungsstunde ihres Jawortes einzulösen, die teuflische Nacht auf dem Totenkirchl und will ihm nichts schuldig bleiben. Die Quittung ist einfach, wagt Klaus am Abend den Aufstieg, so drängt ihn die Nacht unverzüglich hinab, bleibt er aus, hat er selbst das Wort gebrochen. Die tollkühne Felsgeherin wartet vergeblich, fühlt sich bereits Siegerin und versucht den schweren Abstieg. Verstiegen! Ein grausiges Wort wird 358LASD SÄNSC5USEOELHBESSDS OHSS SO5SSESDESEE 5 Schreie verhallen in der Nacht. Mit einem, Seilende bindet sie ihr Leben an den Fels, Entbehrlichkeiten des Rucksacks und der Kleidung dienen dem Flammensignal, das den Brand des Totenkirchls entfacht.— Klaus beugt sich über die Leblose, schützt ihren Leib mit seinem Mantel und wärmt sie mit seinem Blute. Ihre Starrheit löst sich. Sie öffnet die Augen, um sie beim Anblick ihres Erretters wieder zu schließen. Langsam kehrt der Lebenswille zurück. Guggelberger reibt die steifen Glieder und zieht der Erstarrten seine Wollweste an. Ruthilt will sprechen und kann es nicht. Gedanken der Hingabe und Worte des Dankes kommen ihr in diesem Augenblick nichtig vor. Klaus bricht zuerst das Schweigen:„Fühlst Du Dich stark genug, aufzubrechen? Es ist schon hell geworden.“ „Ich hoffe es“, gibt sie zur Antwort. „Wir müssen uns abseilen, um von der Platte los zu kommen. Zehn Meter unter uns läuft ein schmales Band zum Komin. Dort kommen wir durch.“ „Führe mich, ich folge.“ Er legt das Seil um ihre Hüfte, überprüft die Sicherung und zeigt auf den Absturz. Ruthilt lehnt sich über den Abhang und schwebt an den Wänden des Totenkirchls zwischen Himmel und Erde. Dem Bergsteiger ist zu Mute, als senke er sein ganzes Glück in die Tiefe. Schnell folgt er, zieht das Seil nach und steht neben ihr. „Bist Du mir böse?“ fragt sie ihn mit weicher Stimme. „Wähle den Ueberhang! Du kletterst leichter nach unten“, gibt er zur Antwort. Nach einer Weile nimmt sie einen neuen Anlauf.„Hast Du mir vergeben, was ich Dir tat?“ „Habe ich Dich nicht gerettet? Du kletterst falsch. Rechts in die Wand hinaus bis an den Kamin!" Auf dem Hüttendache liegt bereits die Morgensonne. Deutlich erkennt man aufgeregte Menschen, die vor der Tür voll Spannung das Rettungswerk verfolgen. Am Teufelswurzgarten löst Klaus das Seil unter ihrer Brust steht dicht vor ihr, ihre Leiber berühren sich. Da legt Ruthint ihre Arme um seinen Hais, und ihre Lippen pressen mit leidenschaftlicher Heftigkeit seinen Mund, daß er unwillkürlich zurück taumrit. „Klaus!“ fleht Ruthilte Liebe ihren Erret ter an. Guggelberger ist von der Nacht erschöpft er schwankt und droh: nieder zu fallen. Von der Hütte schallen Jodler berauf. Er reißt sick zusammen, weicht Ruthilts Blicken aus und macht sich aus ihren Armen frei. „Komm! Wir sind beide überanstrengt. Es wird Zeit, daß wir zum Jochhause kommen.“ Stumm schreiten sie hinab. Auf dem Jochhause werden sie von vielen Bergsteigern umringt. Ruthilt schämt sich des Spießrutenlaufens, drückt Klaus herzhaft die Hand und flüstert ihm zu:„Du hast mich vom Totenki rarchl losgebunden und ewig an Dich gekettel.“ In der Hütte entschwindet sie. Es geht bereits dem Nachmittage zu, als Ruthilt aus stärkendem Schlafe erwacht. Ihr erster Gedanke gilt Klaus. Sie kleidet sich eilends an und freut sich auf ihre Begegnung mit ihm. Um so mehr erschrickt sie, als sie ihn nirgends findet. Als sie die Wirtin fragen will, kommt ihr diese zuvor.„I soll halt dem Fräulein sag'n, daß der Herr Guggelberger um neun Uhr in der Früh fort ganga is. Wohin, hot er net g'sagt. I glaub', übers Elmauer Tor zur Gruttenhütten. Er hat Abschied g'numma und g'meint, zum Totenkirch! käm er sein Lebtag nimmer'nauf.“ Ruthilt steht wie vom Blitz getroffen. Ahnt die Wirtin den tieferen Zusammenhang oder ist es nur ein Wort der Teilnahme für Klaus, als sie zu Ruthilt sagt:„Sie hoa'ns den Herrn Guggelberger doch a bissel zu schwer g'macht in der letzten Nacht auf'm Kirchl.“ Ruthilt Siga wendet sich ab und verbirgt ihre Erregung. Mit zitternden Schritten steig: sie nach Hinterbärensad ab. An dem Gedenkstein, der die vielen Inschriften der abgesturzten Totenkirchlfahrer trägt, fällt sie schluchzend zu Boden und beweint ihre Rettung aus Todesnot. Ihr eigenes Leben hat sie zurückgewonnen, dafür ein anderes, mit dem sie sich bis in den Tod verbunden fühlt, fur imme: verloren. Sie ist erneut gekettet, nicht mit Stricken n den Fels. sondern durch ihr Spiel mit dem igsten im Leben an den Schmer, der Me.###. Bitter fühlt sie: Es ist nicht Macht des Schicksals; eo ist die eigene Schuld. Die Zwillinge Skizze von Elfriede Müller. Bevor der Krieg zwischen den Nord= und Südstaaten ausbrach, gehörte Jakob Oldham zu den bekanntesten Farmern von ganz Tennessee, denn er züchtete schon damals die besten Pferde für Unele Sam. Ebenso berühmt hatten ihn aber auch die Zwillinge gemacht, seine beiden Kinder, John und Ruth, die einander mehr glichen als ein Ei dem andern und Anlaß zu vielen spaßigen Geschichten gaben, die infolge ihrer Verwechselung entstanden. Wenn Ihr meint, daß man damals doch leicht einen Jungen von einem Girl hätte unterscheiden können, so überseht Ihr dabei, daß Oldhams Kinder sozusagen auf dem Rücken der Pferde zur Welt gekommen waren und keine anderen Gewänder als Wams und Lederhose kannten Als sie heran wuchsen, wußten es bald alle Burschen in Tennessee, daß Jagdhiebe und blaue Bohnen, die von einem der beiden kamen, so wenig zu unterscheiden waren wie die Zwillinge selbst. Man wußte auch, daß die beiden zusammenhingen wie zwei Kirchenglocken in einem Turme, von denen man die eine nicht anstoßen kann, ohne daß die andere zum Schlage ausholte. Kurz, wenn der alte Reverend Moon über die Liebe predigen wollte dann erzählte er Geschichten von John und Ruth, den Unzertrennlichen. Aber das Schicksal denkt zuweilen anders als die Reverends, und wenn es zwei, die sich lieben, voneinander trennen will, schickt es dem einen von ihnen einen Freier. Eines Tages war es um Ruths Herz geschehen. John besaß nur noch die Hälfte. Er sagte nicht viel; aber in der übernächsten Nacht sattelte er sein Pferd, ritt 500 Meilen und trat in Jansons Armee ein, der damals tüchtig von den Indianern zugesetzt wurde. Nachdem man mit den Rothäuten fertig geworden war, brach der Krieg um die Sklavenbefreiung aus. Janson marschierte gegen die Südstaaten. John Oldham war mit dem Herzen bei der Sache, obwohl er nicht genau wußte, auf welcher Seite sein Vater stand. Aber nach Tennesse würde es ja wohl nicht gehen.— Ruths Verlobter hieß Thomas Moré; sein Vater stammte aus Frankreich und war, wie die meisten seiner ehemaligen Landsleute, gegen die Freilassung der Sklaven. Vater Oldham schwankte noch etwas; aber da Ruth mit überzeugendem Eifer den Standpunkt ihres Bräutigams vertrat, so machte er sich ihn schließlich auch zu eigen. Was hätte aus den Plantagen werden sollen, wenn man die Schwarzen laufen lassen mußte? Also Kampf gegen die überspannten Nördlichen! Nachdem Thomas in das Heer General Bour banks eingetreten war, verschwand auch Ruth eines Tages. Oldham hatte nicht viel anderes erwartet und ließ sie reiten. Schließlich blieb sich''s gleich, wer von beiden das Haus hütete und wer die Flinte schulterte. Am Platte River stießen die Nördlichen mit den Südlichen zusammen. Es gab schwere Kämpfe mit wechselndem Kriegsglück, und die Erbitterung auf beiden Seiten wuchs, je länger die Entscheidung sich hinzog. John Oldham stand beim 21. Regiment und war Korvoral geworden. Viel zu schaffen machten den Nördlichen die zahlreichen Spione, die sich von Bourbanks Armee herüber schlichen. Eines Tages erfuhr John von der Einlieferung eines Spions namens Oldham beim 15. Regiment. Man erzählte, daß er nach Sonnenuntergang erschossen werden sollte. John hatte einen Freund bei den Fünfzehnern, der ihm das Zelt zeigte, worin der Gefangene lag. Es war neben dem großen fouragedepot errichtet und wurde von dessen Posten mit bewacht. So fiel es John nicht schwer, unbemerkt hinein zu gelangen. „Rubby“, sagte er leise,„also ist es doch wahr." „John,— bist Du es?“ „Hier sind zwei Pistolen. Zieh' meine Korvoralsiacke an. Drüben am Waldrand steht mein Pferd.“ „Und Du?“ „Das geht Dich nichts an, Rubby.“ „Ich bleibe.“ „Dann verliert der Vater zwei.... Es wurde 7 Uhr. Eine Eskorte betrat das Zelt und führte den Gefangenen ab. John war nicht mehr da. Außerhalb des Lagers hatte man ein Grab aufgeworfen. Dem Gefangenen wurden die Augen verbunden. Sechs Mann luden die Ge wehre. Da sprengte ein Reiter heran.„Halt, Ihr habt den Falschen; ich bin der Spion" ] Es ist nicht wahr, ich bin der richtige.“ Der Reiter stieg vom Pferde. „Kein Zweifel“, sagte der Leutnant,„das war der Spion, den wir fingen.“ „Ihr irrt“, schreit Joha,„mich habt Ihr gefangen.“ Sie kamen beide vor das Feldgericht. Und dort stellte sich die Wahrheit heraus. Ruth, schon auf der Flucht, war umgekehrt, von Angst um des Bruders ungewisses Schicksal erfaßt, und hatte seine Füsilierung verhindert. Oder aufgeschoben. Denn das Urteil lautete: Erschießt beide. Der Gerichtsspruch wurde unter Trommelwirbel bekannt gemacht. Allein die Soldaten riefen:„Wir töten keine Frau!“ Wer weiß, was geschehen wäre, wenn Abraham Lincoln nicht von der Sache erfahren hätte! Der kannte den alten Oldham und dekretierte:„Schickt die Zwillinge nach Hause!" Am nächsten Tage fiel der letzte Schuß des Bürgerkrieges, und der Waffenstillstand wurde unterzeichnet, der den Sklaven endgultig die Freiheit brachte. Dort, wo das Grab geschaufelt war, ließ Abraham Lincoln im Jahre darauf den Farmern eine Kirche mit zwei Glocken im Turme bauen. Um sie her entstand die Stadt Twinefurt. Schölers Kinder Skizze von Max Bittrich. An einem warmen Abend um Pfingsten, als die weißen Wolken am biauen Frühlingshimmel blühten und die Lokomotive ihren Dampf eben so weiß ihnen iustig entgegen pustere, grüßten mich an der Bahnstrecke lauter blühende Bäume. Und da der Zug einige Minuten an einem fremden Bahnhof, weit von meinem Reiseziel, verschnaufte, sah ich eine strotzend grüne Kastanienailce ihre leuchtenden Kerzen zum alten Städtchen hinab tragen. Langer Fahrt überdrüssig, sprang ich aus dem dumpfen Wagen: Uebernachte hier, wo du vor Jahrzehnten einige Tage weiltest! Bummle durch traute Gassen! Sitze am Kirchplatze unter der Gasthauslaube beim schillernden Wein, bis die Nachtglocke zur Ruhe maynt rief ict mir zu. Was auch mochte Freund Emil Schöller noch träumen? Er, der schon als Knabe ein verträumter Sonderling war, als junger Kaufmann unseren Freundschaftskreis verlassen hatte, um sich hier in dieser Stadt am Oberrhein festzusetzen, Großkaufmann zu werden, zu heiraten. Vom Tode seiner Frau hatte ich inzwi'hen erfahren. Schöler war nachher ein spröder, verstummender Briefschreiber geworden. Wo mochten seine beiden Kinder gelandet sein? Suchen wir ihn morgen, vor der weiteren Reise, auf, Im Gasthaus zum Bären walteten tüchtige Menschen, sie tafelten mir einladend aus, und vom Stammtisch grüßten mich unterhaltende Gespräche der vom Tagewerk ausruhenden Bürger. Die Zeit flog. Die Gäste schieden Als ich mit den letzten vor das Tor trat, um vor meiner Nachtruhe noch einen Blick auf die schweigende graue Kirche und zum Himmel zu lenken, lächelte der Mond auf eine ergreisend ruhige Welt. Es war eine Nacht, in der man leise spricht— so silberhell und tiefschwarz lag sie auf Turmen, Dächern, Gassen. Gedämpften Tones plauderte ich mit dem Wirt, der ein Weilchen zu mir trat, um Luft zu schöpfen.„So, so,“ knüpfte er an eine Mitteilung bei meinem Eintreffen an,„Herrn Schöler wollen Sie morgen besuchen? Wenn Sie Glück haben, können Sie ihn noch heute treffen. „In der Nacht?“ „Nur nachts geht er noch aus, so lange ich an ihn zurück denken kann. Er läuft in der Fin sternis zehnmal durch die Straßen und um den Kirchplatz und verschwindet stumm in seiner Behausung. Um elf Uhr taucht er gewöhnlich auf und zieht langsam dahin, bleibt auch mal ein bißchen auf einer Stelle. Ja, so gehts,“ Damit trat der Bärenwirt unter sein Dach. Ich aber wollte ausharren, und mnir war in der fremden Verlassenheit feierlich genug zu Mute. Und siehe, zu Beginn der zwölften Stunde zeigte sich die Gestalt eines Mannes, der den Platz mehrfach bedächtig umkreiste, einmal das Gesicht der funkelnden Sternensaat zukehrte, leicht gebückt weiter stapfte. Er näherte sich mir wiederum. Da schnitt ich seinen Pfad, streiste den Wanderer wie zufanig, entschuldigte mich. Als er sich nach undeutlicher Antwort entfernen maute, blickte ich ihm ins Gesicht:„Verzeihung. Sie haben etwas an sich, das mich an einen lieben Freund erinnert. Sie sind— Emil—“ li Menschenskind, fender Zeit hierher?“ forschte einen Arm vu..z,., Wi. Jchtg Lei. „Was treibst du, Schöler: Wie gehrs beinen Kindern?“ fragte ich.„Ich habe eine längere Reise bis morgen unterbrochen, hätte gern gewußt—“ „Die Kinder? Blühen! Du willst sie bei mir begrüßen? Morgen ist Markttag", erwiderte er hastig.„Bis Mittag nimmt mich Landkundschaft in Anspruch, doch zum Kaffee komm, um drei Uhr!“—Heiter empfing er mich am anderen Tage im Wohnraum, der uns patrizierhaft umschloß mit seinen gediegenen Möbeln, den gedunkelten Gemälden, dem blanken Parkett. „Ich habe im Garten decken lassen,“ unterrichtete mich Schöler. „Vortrefflich! Auch für deine Kinder?" „Du wirst staunen, wie hochgewachsen sie sind, wie sie in Blüte stehen, singen, Ach, mein lieber alter Guter!". Was bedeutete der wehe Klang seiner Stimme? Draußen empfing uns ein weiß gedeckter Tisch unter zwei großen, blühenden Apfelbäumen, in denen Bienen summten, Finzen ihr Lied schmetterten. Schöle rforderte mich auf, zuzugreifen, und wir waren fröhlich mit einander. Ich blieb eifrig bestrebt, ihn in der eHiterkeit festzuhalten, und er erzählte mir von seinen Geschäften, fragte mich nach hundert Einze heiten meines Lebensgangs, bis ich— der Abendschein lag auf den Gipfeln der Birken an der Gartenmauer— vor dem Abschied nochmals einen Anlauf nahm zur Frage nach seinen Kindern. Da zuckte sein untlitz; er atmete mühsam. „Du mußt die Wahrheit erfahren, bevor du gehst.„Erschrick nicht! Schau dir diese beiden Apfelbäume nochmals an, die uns Gesellschaft geleistet haben mit Duft und Gesang. Tenn diese beiden Bäume, das sind meine Kinder, sinds geworden, sind die Nachfolger jener, die du einstmals bei mir trafst.“ „Schöler!“ „Es ist so. Die du kanntest, sind der Mutter bald gefolgt. Frage nicht weiter. Als beide noch lebten, pflanzte ich mit ihnen zu ihrer Freude diese Bäume, und jedes Kind pflegte einen. Baum und Kind verwuchsen förmlich und wir belegten jeden Stamm mit dem Namen eines der Kinder.„Der Hubert bluht!“ riefen wir.„Dorchen bringt uns in diesem Jahre die lachendsten Früchte!“ Erschüttert hörte ich dies Bekenatnis „Siehst du,“ sprach er weiter,„so sind die beiden einst rasch von mir gegangen, und doch ist ihr Andenken vor mir ständig gewachsen; so haben sie sich vor mir entfaltet, meiner Stamenhalter, als Erben all meiner Liebe. In jedem Jahre aufs neue geben sie mir Zeugnis ihrer Anhänglichkeit, Dankbarkeit, Verschenkungssucht. Sieh nur, wie Dorchen bei meinem Lobgesang mädchenhaft hold errötend auf uns blickt und wie Hubert stolz sein Haupt hebt. Kiische Blüte, lachende Frucht sind sie mir beide, diese Nachkommen, und wenn dir meine Vaterschaft trotz allem nicht völlig einleuchtet, so betlachte die beiden meinethalben nur als seitenverwandt, als Seitenzweige, als angenommeng Kinder. Mir sind und bleiben sie mehr.“ Ich nahm wahr, wie in seinem Auge twas wetterte, das er jetzt wohl nur mühsam ederzwang— und ich umarmte ihn und spürte nach raschem Abschied noch lange seinen Händedruck,— die Hand und das Wort eines Mannes, dessen Heldentum mir fortleuchtet in Gennachtvoller Wunder unserer Erdenwelt. alle Leute wunderten sich. „Mann“, sagte die Tante,„gleich geht der Zug. Ich gehe hinüber,“ erhob sich, seufzte und ging hinaus.„Komme schon, komme schor““ rief der Onkel, trank noch ein Gläschen, schüttelte dem Reisegefährten die Hand, brach schallend ab im langen Satz, ergriff den Hut und öffnete die Tür.„Tüüüt“ machte der Zug und fuhr ab.„Warum soll ich mich ärgern?“ fragte sich der Onkel.„Fahren wir mit dem nichsten Zug!“ Er kehrte zurück zu dem Bier und dem Reisegefährten, nahm eine Prise und begab sich erneut an den Turnvater Jahn. Die Tante fuhr durch die Schneelandschaft, lag in der Abteilecke und weinte. Es begann zu dämmern, und sie kam an. Der Schwager wartete mit dem geschlossenen Wagen vor der snien in ihrem schönen, schn. hast du deinen Mann?"—sschärfer hervor.„ueorigens— u, bekam „Der?“ schluchzte die Tante,„du weißt ja, sosheute einen Brief von Tante Vicky. Sie hat rücksichtslos!“ Sie glaubte vor dem Magen=den Rest ihres Gestütes an Meerheim verkauft krampf zu stehen.„Schnell“. Das Pfend zog Oh ich, nicht einige Wochen mit ihr reisen der Schneewind pfiff. Fröhlich wartete., Die v., E gen zercheigschen Geldes In set schwägerin im Hausflur:„Wo hast au beinen fner Stimme schwingt ein dunkler Ton. liche und drehte dem leeren Bett an Wand energisch den Rücken zu. Bald aber ist wieder stümme sein Ausdruck. kommt im Sonnenscheine den Weg sentlang...„.. käanhun# 4 „Merkwüroig, Dich gerabe hierher zu bestellen“, sagt die schlanke, blonde Frau zu dem hochgewachsenen Manne an ihrer Seite. „Der Konferenzsaal der Gesellschaft ist in der Nähe. Wahrscheinlich will van Medden seine Besprechung mit mir unauffällig gestalten. Sonst hätte er wohl auch nicht um Teine Teilnahme beim Tee gebeten. „Hast Du Hoffnung, daß er Dir eine bessere Stellung bietet?“ Ein Achselzucken.„Was kann der verarmte Sprößling eines mediatisierten deutschen Fürstenhauses erwarten!“ „Doch wohl mehr als diese armselige Kaufmannsstellung im Auslande!" Die harten Linien in ihrem schönen, schmalen Gesicht treten den Tante Vicky heimlich mitgeschickt hat. „Bitte bleiben Sie, Mevrouw! Das Schickist auch das Ihre.“ zusammen. Der Brief in ihnehr als eir Mal und ging endlich 34 Best. rer Handtasche läßt die Anrede„Erlaucht“ „Hörst du was?“ fragte die Schwägerin„nach nicht vermissen. einer Veile und richtete sich auf.„Aning:] Die Sille einer abgelegenen, gebüschum ich in finstrer Mitternacht...“ klang es voll szung mit der großen französische und rauh aus der Tiefe. Und dann ein Poliern und Kraftwagenfabrik beschlossen. Nur scheinund Schelten. Die Schwägerin riß den Vor=lbar würde jedes der Unternehmen selbständig hang zurück und stieß das Kammerfenster auf: weiter arbeiten. Vorsichtig setzt er auseinanist da?“—„Schwägerin, gib mir ein der, daß man Abnehmerkreise in Deutschland Biert“ rief irbrünstig der Onkel und breitete brauche. Gegen„ fggig unter den Sternen im glitzernden Schnee die siehe, man freundlich gegenüber. Zwar gebe ewend danvon Rapste, de Aesteuüchte beun, unangenchme Leute, weiche Die, Vense Di. munf das Fernser zu. Der Schuger schr insnan eiten Direttor, der neben dem kaufnecn. die Unterhose, stürzte nach unten und schloß die nischen Leiter dem Unternehmen in DeutschHaustür auf.„Unglücksmenschl“ rief er und land den Erfolg sichere. zog den Mitternachtssänger ins Haus.„Was# g##e zict sch. hast du gemacht? Geh hinauf zu deiner Frau,] Der Hollander spricht sicher und überzeusie hat es am Magen.“—„Warum hat sie esgend. Ab und zu hält er inne, um dem am Magen?“ wunderte sich der Onkel.„Ich Reichsgrafen Gelegenheit zu einer vorsichtig habe der Teuren doch ein Ständchen gebeacht?" tastenden Frage zu geben. ais er die glänzen—„Ja, wir habens gehört,“ rief die erleichtrt#den Lebensmöglichkeiten des neuen Direktors schwägerin lachend von oben,„mach, daß dulschildert, wendet er sich mehr an die Frau, in ins Fremdenzimmer kommst, deine Frau ist deren Augen ein sehnendes Feuer zu flackern halbtot.“ beginnt. „Der Mann muß gute Verbindungen haben Der Schwager schob den Onkel die Treppe sund gegen jedes nationale Mißtrauen geseit hinauf und stellte ihn sanft ins Fremdenzim= sein“ schließt van Medden und erwartet ein mer. Da saß die Tante im Bett aufrecht Wie Anerbieten. ein Bolzen und hatte die Kerze auf dem Nachrtisch entzündet. Alle Magenschmerzen waren] Im Gebüsch zirpt ein Vogel. Sonnenstrahder Hal„Was?„Hier mal ran!“ Wenn ich erst maalstung des andern richtig gaitzischrffeger Er## unter welchen Bedingungen Sie dev Posten Mitternachtsständchen Skizze von Karl Schodder. Dalhielt der Zug. Und aus stieg der Onkel daß der Schnee knirschte.„Anna, sieh dich vor!“ sprach er laut und mit Nachdruckh, hielt der schmalen, fröstelnden Tante die Hand hir und sah lodernd zu dem biederen Reisegefährten auf, der bescheiden hinter der Tante den Tritt hinunter tauchte.„Also, der Turnvater Jahn...!“ setzte der Onkel tönend das Abteilgespräch im Freien fort und steuerte zen Reisegefährten auf den Wartesaal zu.„Mann, laß uns einsteigen, der Zug steht da!“ mahnte die Tante eindringlich; sie kannte sich aus. „Warum soll ich in den Zug einsteigen?“ entschied der Onkel, und die Vokale rollten aus seinem Munde wie blanke Taler.„Wir haben noch zehn Minuten. Wärmen wir uns! Ich trinke Bier.“ Er zog den Reisegefährten und die Tante nach sich durch die Saaltür an einen hölzerenen Tisch, taute in Wärme auf, müswete an mir gehabt habt!“ Grimmig entledigte ersunter weichen„Jwdingungen sie den Hosten sich der Kleider, schimpfte Undank und der lannehmen Ich erwarte Sie im ReWelt Lohn vor sich hin und brummelte ins steprant. tum Scrit, wit sicherem Schritt geht er von dannen. Die Tante blies das Licht aus, sah srufzend stich, das ins Dunkel und war froh. Lachend flüsterte s es im entfernten Schlafzimmer das erschütterte“ zeing(Gefghrtichers Pliche klammern sich Ehepaar. Still lag unterm Sternenglanz das san seine Gefährtin.„„„ Virbeiturm ihrer dunkle Haus, und deutlich strich ein Schnarchen Gedanken nommen zur zu vem Raubtierhause durch seine Dunkelheit: das war der Onkel.““Hort stauen sich die Wärter rollen einen fleischbeladenen Wagen an den Zwingern vorüber und stecken jedem Gefangenen ein großes Stück durch das Gitter. Gierig stürzen Leopard und Jaguar auf ihzischen Garten in Amsterdam reiht##en Teil. Knurrend drängt sich die Löwin an sh sc eäaie lse ie eas ol ebece in de Größe und Stärke bewundern. Fast immerschen. Fliegen summen um das große Fleischverbirgt er sich hinter dem wuchtigen Pfeilerstück, das der Wärter in seinen und sieht verachtungsvoll auf die Menschen,sken hat. Allmahlch ziegt die Schaulust den die sich harmlos an dem der Freiheit beraub= ein“gar gggrr weiter zu den Bären. ten Herrn der Dschungel erfreuen. MancheralsWi, gehamnt trinchen Gpggte i den glimmt es in seinen grünen Augen sehnsuchts ie Leo# Ogars dugen die HalDer Königstiger Skizze von Ilse=Charlotte Noack. hölzerenen Tisch, taute in Wärme auf. münwoete lglimmt es in seinen grünen Augen sehnsuchts..— Li, Loriglichen F#anee in Vier und bedachte mit Schlägen der flachen heiß nach dem verlorenen Reiche. Dann heutt#ung der noniglichen Tieres.