„ul ct Wg uchie n un u Aumhaltung Adelsblatt war eine Anfrage nach einem Sattel für einen früheren Offizier in Uebersee. Da sandte ich Papas Sattel, und es entspann sich der Bric vechsel.“ Etwas Feuriges kam in ihren Ton.„Nicht wahr. das ist doch hübsch. Wir reiten nicht mehr. Aber ein Deut'cher hat drüben den alten deutschen Generalssattel.“— „Und hier eine so gute Freundin!“. Es schwang vielleicht eine Frage im Ton, aber Gräfin Hanna hörte sie nicht. Ach, der ferne Freund wußte nicht, daß sie häßlich war. Dem Rittmeister hier würde man es erzählt haben. Niemals hatte sie die Geltung ihres innerei Gesichts rein erleben können wie nun in diesem Briefwechsel. Hanna ging wieder heim und begann, den Brief zu beantworten. Da klingelte es, und der Depeschenbote stand da. Ein Telegremm? Wer von den Verwandten war kranh? Sie riß den Umschlag auf:„Plötzlicher Ruf in Heimat. Bin schon Hamburg. Besuche Sie morgen um Teestunde. Handkuß. Kurt Egloff.“ Eine Sekunde lang glaubte sie an Täuschung. Aber ja doch, er war einen Posttag später gereist als sein Brief. Eine Sekunde lang fieberte Freude hoch. Dann folgte Entsetzen: Kurt Egloff durfte sie nicht sehen! Unter keinen Umständen! Denn dann war alles aus. Sie wußte, wie die besten und liebsten Vettern bei aller Herzlichkeit sie gar nicht als weibli hes Wesen nahmen. Sie kannte die ewig mitleidigen Blicke guter Freundinnen, das Erschrecken von Menschen auf der Straße Sie mußte Urlaub nehmen, sich verstecken. Sie mußte fort. Eine schlaflose Nacht kam. Am Morgen der Bescheid des Chefarztes, er habe keinen Ersatz für sie. Sie wankte oirch die Straßen. Sollte sie in ein„Schönheitsinstitut“ gehen, sich schminken, das armselige Haar künstlich vervollständigen lassen? Wirre Pläne durchkreuzten ihr Hirn. Konnte sie nicht abtelegraphieren? Aber sie wußte ja keine Adresse. Und in drei Stunden war Egloff schon da. Also, sie mußte irgend wohin fliehen. Aber im Pflichtgefühl der Dame hatte sie schon Dinge zum Tee gekauft, richtete sie zurecht, schickte zu den Bekannten, ihr das Mädchen zum Türöffnen zu leihen, kleidete sich um. Und zog sich auch den Mantel an, denn sie wollte doch fort, am Abend durch die Straßen irren,— nur um die Enttäuschung in Egloffs Gesicht nicht zu sehen, nicht den letzten Jugendtraum noch zu verlieren. Da klingelte es. Verstört blickte sie nach der Uhr. Es war so früh— er konnte es noch nicht sein. Aber da klang eine Männerstimme. Sie hatte gerade noch Zeit, den Mantel in ihr Schlafzimmer zu tun— und dann— o Himmel, und dann!— Sie zitterte, als bräche das jüngste Gericht herein. Sie dachte, sie rede irre Worte, während doch ihre Erziehuing sie nur das Schickliche tun ließ. Und plötzlich kam ein Ausatmen über sie. Sie wußte nicht, daß sie nicht gleich gewagt hatte, Kurt Egloff anzusehen. Es war ihm eine halbe Minute Zeit geblieben, sein Erschrecken zu meistern. Aber das bedachte sie nicht. Sie sah nur, er lächelte, er war ein schöner, sehr verbindlicher Mann, der, um die erste Scheu der Begegnung zu überbrücken, ihre Kleinigkeiten, ihre Bilder an den Wänden betrachtete und dabei plauderte. Ja, so reizend wußte er zu plaudern, zu danken für alles Gute, was ihm ihre Briefe gegeben, daß eine Art Sicherheit über sie kam. Sie lachte viel, ohne an ihre langen, über einander geschobenen Zähne zu denken, sie goß sich gedankenlos Arrak in den Tee, der ihr Gesicht erhitzte, ihre Hautfarbe noch schrecklicher machte. Sie fragte dringlich nach Eglosfs Plänen, ob er nun hier bliebe. Die Glätte der Antworten schien ihr nur lang entbehrte Ritterlichkeit. Plötzlich sprang Egloff auf:„Tausend Verzeihungen, ich muß ja zu einer Sitzung nach Berlin. Muß ein Auto nehmen.“ Er nüßte ihre Hand, knabenhafte Eile kam über ihn. „Wir sehen uns doch noch, liebe Freundin?“ Sie war wieder allein. Bange Tage später begann sie zu ahnen, was es hieß:„Wir sehen uns doch noch!“. Es war der Abschluß einer Freundschaft, die ihr Lebensinhalt gewesen. Es kam kein Brief, und sie wußte nicht einmal, wo er in Berlin wohnte. Gräfin Hanna telephonierte im Automaten an ein paar bekannte Hotels. Ohne Erfolg. Endlich erhielt sie eine flüchtige Ansichtskarte aus München. Sie konnte an jedermann geschrieben sein. Da waren Fassung und Hoffnung zu Ende. Sie dachte nicht einmal an die Bedienung, die sie getreulich jeden Nachmittag kommen ließ und die in der engen Wohnung ihr Schluchzen hören konnte. Eine Zerbrochene beweinte den Tod eines Traumes. Sie hörte nicht, daß draußen die Tür ging und ein so vorsichtiges Gehen war. Aber sie fühlte plötzlich etwas Feuchtes an ihrer Hand— und sah den Schäferhund des Rittmeisters Berger, tastete nach irgend einem Anhalt,„sind Sie mir döse, daß Sie schon eine Woche nicht mehr kommen?" Sie haite keine Beherrschuung mehr. Sie stieß heraus:„Ich mache niemand Freude, wenn ich komme; ich din ja so häßlich, io erschreckend häßlich.“— Der blinde Rittmeister kannte den Anlaß dieses Ausbruches nicht Aber er wußte, was Leid und Unglück ist und weiche Wohltat ihm Hannas Besuche, ihre leise, stille Art, ihre teilnehmende Fürsorge, ihr gütiges Herz waren. Er sagte:„Mir gilt dein inneres Gesicht, Hanna, und ich habe nicht nur acht Tage auf dich gewartet!" dann ihn selbst.„Brühin Hauna,“ seine Innoffunden. Vor: llegt er mil den anderen Der Wiedererstandene von Malplaquet Von Georg Wagener. Man schrieb das Jahr 1709, und der Spanische Erbfolgekrieg verheerte seit langem die Oesterreichischen Niederlande. Es stand schlecht um die Sache Ludwigs 14. Lille war gefallen, und der Marschall von Villars sollte Nordfrank reich gegen die Kaiserlichen unter Prinz Eugen und gegen die Engländer verteidigen. Bei Malplaquet wartete der Franzose auf den siegreichen Feind. Jeder seiner Leute wußte, um was es ging. Jeder ahnte, daß heiß um die Entscheidung gekämpft werden sollte. Auch der junge Graf Le Danois, Leutnant im Regiment Royal Flandres, war sich des Ernstes des kommenden Tages bewußt:„Es kann mein letzter sein.“ Als das Regiment die Wachen bezogen hatte, ging er zum Obersten:„Ich möchte von meiner Mutter Abschied nehmen. Sie wohnt in ihrem Schloß Ruennes, eine Meile von hier. Ich bitte um drei Stunden Urlaub.“ Der erst gab dem Zwanzigjährigen gern seine Einwilligung. Der Abschied war kurz:„Mutter, ich muß zurück zum Regiment. Bange nicht um mich. Jacques, mein Reitknecht, steht bei unserem Troß, und er wird Dir nach der Schlacht sofort berichten. Gutes, hoffe ich.“ Die Gräfin mochte dem Jungen die Trennung nicht schwer machen, und sie unterdrückte ihre Tränen. Sie sah ihn in die Nacht hinaus reiten, bang und sorgenschwer, und doch hörte sie mit leisem Jubel eine innere Stimme sagen:„Es ist nicht das letzte Mal, daß Du den Sohn in die Arme geschlossen hast.“ Die Schlacht war heiß. Blutig und verlustreich für die Verbündeten schlugen die Verteidiger die Angriffe ab, doch die Kaiserlichen und die Engländer verbissen sich in die französischen Stellungen. Dann ging ein Raunen durch die Regimenter:„Der Marschall ist verwundet!" Und gleich 5 bau „Der Marschaul ist tol! Auch der Leutnant Graf Le Danois hörte es: *„Glaubt das nicht! schrie er seinen Leuten zu. „Es ist eine Lü...“—„Lüge“ wollte er sagen doch eine feindliche Kugel zerriß ihm das Wort im Munde. Eine halbe Stunde später kamen Verwundete aus der Kompagnie des Grafen zum Troß und einer sah Jacques, den Reitknecht des Leutnants:„He Du, Dein Herr liegt dort vorn mit dem Gesicht im Schmutz, mit einer Kugel in der Brust und ist tot!“ Da warf sich der Diener auf sein Pferd und raste in die Linie vor. Sie schossen ihm den Gaul unter den Beinen zusammen, als er gerade die letzten von Le Danois' Kompagnie erreichte:„Wo liegt der Graf?“ Einer wies mit dem Daumen zur Seite:„Dort drüben." Der Diener fand ihn bald. Der Waffenrock war vom Blute gerötet, und Jacques hörte das Herz nicht mehr schlagen. Er wollte den Toten auf den Rücken laden und zurück tragen. Da gingen die Kaiserlichen zum letzten Angriff vor, und die Franzosen mußten zurück. Mit ihnen der Diener. Doch vor la Longueville plagte ihn das Gewissen:„Du darfst den Toten nicht allein dort vorn liegen lassen. Du mußt ihn der Mutter bringen.“ Er stahl sich aus dem Troß, zog den Waffenrock aus, und keiner der Feinde hielt ihn an. Dann fand er die Stelle, wo die Kompagnie des Grafen gelegen hatte. Engländer räumten das Schlachtfeld schon auf und verscharrten die Toten. Sie zogen ihnen die Stiefel und Röcke aus, die zu schade waren, um mit vergraben zu werden, und warfen sie auf einen Haufen.„Was willst Du hier?" fragten sie den Diener.„Ich suche meinen toten Herrn einen Leutnant von Royal Fiandres.“—„Eilnen Leutnant? Wir haben hier nur einen geben.“ Die Engländer wiesen auf einen frischen Hügel.„Und hier ist sein Wassenruck. Da wandie sich Jacques und schlug den Weg nach Rucnnes ein. Der Gang fiei iym: schwer: „Es wr ihr einziges Kind.“ Am liebsten wäre er ungekehrt, um den Schmerz de: Mutter nicht zu sehen Doch irgend etwas trieb ihn wieder zur Eile, ein unbestimmtes Gefühl, und keuchend rannte er nach Ruennes. Er traf die Gräfin am Tor. Sie las ihm die Botschaft von den Lippen:„Er ist tot?“ Der Diener nickte. Er stützte die Schwannende. Doch die Mutter raffte sich auf, und unbewußt. von einer inneren Gewalt getrieben, sagte sie: „Ich glaube es nicht. Mein Herz sagt es mir, daß er lebt.“ Jacques sah zu Boden und dachte:„Der Schmerz verwirrt sie. Da packte die Gräfin seine Hand.„Jacques, wo ist seine Leiche? Warum bringst Du sie mir nicht?"„Die Engländer hatten ihn schon begraben, Frau Gräfin.“ Er fühlte ihre Hand zittern. Dann krallte sie ihre Finger um seine Schultern:„Begraben! Er lebt boch! Ich weiß, daß er lebt!“—„Frau Gräfin, der Schmerz gibt Ihnen unsinnige Gedanken ein.“ Er erschrak vor dem unehrerbietigen Wort. Doch die Gräfin schien es nicht zu empfinden. Sie gab seine Schultern frei:„Du wirst recht haben. Doch ich will seine Leiche sehen, ihn noch einmal in meine Arme schließen. Laß anspannen!“ Die Karosse jagte in den Abend hinaus. Jacques fand bald das Grab:„Hier.“—„Die Schaufeln heraus, Jacques!“ Sie gruben, die Mutter und der Diener. Die Engländer hatten ihre Arbeit eilig verrichtet, und die Erde lag nur leicht über dem Massengrab. Ein Fuß ragte aus dem Wust der toten Leiber hervor. Die Schaufeln flogen zur Seite, und mit den feinen zitternden Fingern grub die Mutter die Erde fort:„Ist er es?" Es war ein Soldat, und sein zerschlagenes, bleiches Gesicht zürnte:„Warum läßt Du uns nicht unsere Ruhe?" Die Sinne drohten der Gräfin zu schwinden, doch sie grub und grub. Sie sah in ein Dutzend blutleerer, gelber Antlitze, und nie war es der Sohn. Dann fand sie ihn doch. Er lag unter seinen Soldaten, und sein Gesicht trug eine andere Farbe, war fast noch wie das eines Lebenden. Und doch war die Erregung, der Schmerz zu groß, und die Mutter brach über dem toten Sohne zusammen. Jacques hob sie auf. Und dann straffte ein übermenschlicher Wille die Gestalt der Gräfin. Sie half dem Diener, den Toten aus der Grube heben. Beide hüllten ihn in die Wagendecken. Die Mutter stieg in die Karosse, und Jacques legte ihr den Sohn auf den Schoß.„Fahr zu, Jacques! Laß' die Pferde laufen! Jacques, Jacques, wenn er noch lebte!“ Der Diener stieg hastig auf den Bock, und er dachte:„Sie ind g. eu, ograuf schwiggte das Gerücht aufg“= ist wahnsinnig geworden!“ srscht, durch,######der der Verteidiger:“ wahnsinnig ge Er half der Mutrel, den Toten in die Halle tragen:„Wohin, Frau Gräfin? Soll der Herr nicht in der Kapelle aufgebahrt werden?"— „Nein, ich will ihn diese Nacht noch bei mir haben. Ich will ihn warten, als sei er noch ein Kind und am Leben.“ Sie legten ihn vor dem Kamin auf ein Fell, und kopfschüttelnd verließ der Diener die Halle. Die Mutter kauerte am Boden neben dem Toten. Sie fuhr ihm mit der Hand über die Stirn, über die geschlossenen Augen:„Mein Kind!“. Und dann legte sie seinen Körver in ihren Schoß und küßte sein Gesicht. Sie fühlte sich dem Wahnsinn nahe, und doch drückte sie seinen Kopf an ihre Brust, strich ihm mit den zitternden Fingern durch das wirre Haar und preßte wieder ihre Lippen auf seinen Wand, als wollte sie ihm ihr Loben einflößen:„Tu kannst nicht gestorben sein!“ Ihre Augen wurden starr:„Der Wahisinn narrt mich!“. Und doch hielt sie den Atem an. Rote Flecken zeichneten sich auf die bleichen Wangen, und ein kaum hörbarer Hauch zitterte stoßweise in die lautlose Stille. Das Aimen wurde stärker, es hob sich unmerklich die Lrust, und plötzlich brachen rote Tropfen durch das geronnene Blut der Wunde. Da legte die Mutter den Sohn auf das Fell zurück. Sie hastete nach der Tür; und ihr jubelnder Ruf klang durch das stille Schloß:„Jacques, Jacques, bring Wasser, bring Tücher, er lebt!“ So besiegte die Mutterliebe den Tod. Und so kam es, daß der Graf Le Danois##n ire 1769 als Achtzigjähriger und als Gouverneur im Hennegau starb, obwohl er schon bei Malplaquet begraben worden war. Verantwortlich: H. Semmelmann, Altena. Druck und Verlag: Dr. C. Santz, Altena. Nr. 36 Samstag, 14. September 1929 Vineta Skizze von Max Dreyer. Es hat von je viel alte Leute an unserer Küste gegeben; der Aelteste, den ich kannte, war der frühere Dorfschmied Krischan Kielgast. An die neunzig Jahre trug er. und trug sie mit geradem Kreuz und steifem Nacken. Wir beide konnten uns gut leiden. Oefters saß ich bei ihm in dem kleinen, strobgedeckten alten Fischerkaten, seinem Geburtshaus, das an eine Hügellehne geschmiegt über die Dünen lugt, hinaus auf die See. Die Schmiede, die zuletzt sein Enkel geführt hatte, war längst in fremde Hände übergegangen. Ich freute mich an dem zerpflügten Gesicht unter dem kurzgehaltenen, dichten weißen Haar, blau blinkten die Augen, wimperlos und lidgerötet, aber immer noch klar, aus der Edelbraune der Lederhaut, die Schmiedefeuer und salziger Wind um die Wette gegerbt hatten. Und meine Freude hatte ich an dem, was das Gehege der abgewetzten, aber immer noch gesunden Zähne an Kunde bergab über Land und Leute, an Sagen und Geschichten und von den Urgeheimnissen der Dinge, der Pflanzen und Tiere, der Erde und der See, und vor allem des Menschentums selber. Mir also gefiel er baß. Aber es gab genug Leute, die ihm nicht grün waren. Der neue Pastor mochte ihn nicht— ihm, einem engen Dogmenhüter, war alles Uebersinnliche, das nicht den biblischen Stempel trug, verdächtig und ein Greuel. Dann war der Landarzt da, ein tödlich tapferer Chirurg, für den alles, was er nicht abschneiden konnte, auch nicht existierte. Ihm paßte es nicht, daß der alte Schmied die uralte Heilkunde seiner Zunft nicht nur auf Tiere, sondern auch auf Menschen anwandte. Ich kann mich auf das Zeugnis des früheren Geistlichen, eines herrlichen Mannes, dafür berufen, daß Krischan Kielgast ein Hellseher war— mit einer Kraft heimgesucht, unter der er selbst litt wie unter einem Fluch. Daß sie nur periodisch sich auswirkte, wofür es keinen Anhalt und keine Erklärungen gab, quälte ihn nur noch mehr. In solchen Zeiten zeigten sich ihm die Menschen seines Kreises, die bald sterben würden, im Totenhemd, auf der Bahre, oder er sah die Leichenfarbe in ihrem Gesicht. Er behielt es, so gut er konnte, für sich. Gleichwohl war es ruchbar, daß er übernatürliche Kräfte besaß, und mancher machte vor ihm ein Kreuz. Obschon er nichts von einem Hexenmeister an sich hatte. Nüchtern, trocken, hart war der ganze alte Mann in seiner hohen, knochigen Gestalt in Wesen und Wort ohne alles Gehabe und Getue. Seine Hausgenossin war ein kleines Mädchen von neun Jahren. Eine Enkelin oder Urenkelin des Alten, hatte ich geglaubt. Da hörte ich, daß es seine Tochter war. Alle Achtung! Die kleine Herta war nicht hübsch und ganz ohne Anmut, hatte lange, eckige, schlackige Glieder, war aber frisch, gesund und klug. Wenn sie sich still mit sich selber veschäftigte. hatte sie seltsam vertiefte Traumaugen. Und in ihrem Stimmklang war ein ganz eigentümliches Läuten. Die Mutter, eine junge Schwedin, hatte er selbst aus Seenot gerettet. Sie war auf dem gestrendeten Schoner gewesen— hatte sich in Deutschland einen Dienst suchen wollen. Nun war sie bei ihm geblieben, und sie hatten sich lieb gewonnen. Nach einem Jahr, als sie ihm das Kind schenkte, wollte er sie heiraten. Ta geschah etwas, was am tiefsten in sein Leben griff. Sie war nach dem Wochenbett schon wieder im Gange. Da sah er den Tod auf ihrem Gesicht. Der Alte tobte gegen das Schicksal. Dem Tode abtrotzen wollte er sie. Er warf sich in die See, durch seinen Untergang durch das Auslöschen seiner eigenen Kraft sie zu lösen. Aber umsonst griff er so titanenhaft in die Speichen des rollenden Rades— er wurde herausgezogen, ins Leben zurückgerufen, sein junges Weib starb. Seither lag ein Schatten auf seinem Wesen. Er war in eine milde Ruhe eingegangen. Die Urkräfte schreckten ihn nicht mehr. Um so hingegebener konnte er auf sie lauschen. Um so inniger Zeugnis von ihnen ablegen. Um so größer war die Feierlichkeit um ihn. Und in einer solchen— ich möchte sagen Weihe der Urkraft hörte ich ihn von Vineta Kunde geben. Ein Schulfreund von mir, Sammler niederdeutscher Volksüberlieferungen, hatte sich hierorts eingefunden. Wir gingen zu dem Alten und saßen mit ihm und der kleinen Herta am Ofen. Draußen stürmte der Schnee. Mein Freund fuhr sich durch sein starres elektrisches Haar, daß die Funken knisterten, und gab eigene Weisheit zum besten, die der anderen hervorzulocken. Daß Vineta Wendenstadt heiße, daß das alte Vineta auf der Stätte des heutigen Wollin sich erhoben habe, daß die Sage es als untergegangene Stadt an die Küste Usedoms verlege. Der Alte schüttelte den Kopf. „Weiß der Volksmund hier was von Vineta?“ „Vertell!“ wandte sich Krischan an seine Tochter. Und die kleine Herta erzählte, in ihrem klingenden Platt:„In olle Tieden wier dor vör de Insel Rügen, nah de Oie to, allens Land, un dor stünn ne grote mächdige Stadt mit witte Hüser und breede Straten und vele hohe Kirchen, eene ümmer höoer un prächdiger as de anner.“ Aber die Menschen gingen nur noch in die Gotteshäuser, um ihren Putz zu zeigen. Sie dachten an nichts als an Essen und Trinken und Tanzen und schnackten klug und ließen den lieben Gott einen guten Mann sein. Da kam die Sturmflut und verschlang die Stadt. Die Menschen all sind gestorben, verdorben. Aber die Glocken leben noch. Und die klingen und singen immer noch:„Dat et noch wat anners giwt up de Welt as eten und drinken und danzen um klogsnacken. Un wer Uhren hät to hüren, de hürt se.“ Mein Freund hatte Wort für Wort mitstenographiert. Jetzt steckte er befriedigt das Blatt in die Mappe. Für den Klang in der Stimme der kleinen Erzählerin hatte er keinen Sinn gehabt, auch nicht gesehen, wie die knochigen Züge des kleinen Gesichts zuletzt nichts als Märchenaugen waren. Er ist ein Mann der exakten Wissenschft. Und als der alte Krischan sagte:„Ick weet dat Flach, dor up de See“, da horchte er nicht auf, er hatte nicht die Ohren zu hören und besaß andere Ehrgeize. Aber mich mußte der Alte einmal mitnehmen, auf die See, zu der Stelle, wo die Glokken schliefen.— Ein Abend in der Adventzeit. Die Uferhänge schneebedeckt. Das Mondsilber tropft durch die frostkalte Luft in die leisglitzernde Meerflut. Im Ruderboot fahren wir hinaus. Krischan. Herta und ich. Wir sprechen kein Wort, atmen nur das Licht und trinken die Zauberhelle. Still ist auch die Welt ringsum. Nur die Ruder plätschern in goldenen Strahlen, Garben und Funken. Da, fern vom Lande her ein Abendläuten. Und dann aus anderer Richtung ein zweites — und nun von der nächsten Dorfkirche ein drittes. Fromm und rein hallt es durch die Mondwelt. Noch sind wir nicht am Ziel. Das Läuten der Kirchen da am Ufer ist verstummt. Wir haben noch zu rudern, eine ganze Weile. Jetzt— der Alte ziebt die Riemen ein— die Welt schweigt— das Boot steht still— wir halten den Atem an— und lauschen— lauschen— Und da— die Kleine hebt den Finger: „Hüer, Vadding, hüer"- ein Silberglocklein ihre Stimme— und Augen nichts als Augen das ganze leuchtende Gesicht. Jetzt hören auch wir— jetzt höre auch ich— der Hall von Glocken aus der Tiefe— dumpfe, dunkle, schwere ertönen— hellere— höhere — von vielen Türmen rufen die Klänge— da unten klingt es und klingt— Verwunschenes, Verlorenes, Begrabenes, Zerstörtes— und Auferstehendes. Gebannt sind wir in des Lebens, der Zeiten Fülle und Erfüllung—— Ich habe die Glocken von Vineta gehört. Wir sind wieder gelandet. Ich taumele durch die silberblaue Wundernacht. Im Doktorhause ist Licht. Ich soll zum Bridge kommen. Ich komme nicht. Der Doktor— was würde er klugreden! Wir hätten noch die Uferglocken von den Dorfkirchen im Ohre gehabt.„Jede Muskel= und Nerventätigkeit hat die Neigung, sich noch eine Zeit fortzusetzen.“ Und der Pastor wird seinen Segen dazu geben. Aber hat die kleine Herta nicht recht:„Dat et noch wat anners giwt up de Welt as eten und drinken und klogjnacken!“ Ich habe die Glocken von Vineta gehört. Gewitter über Rom Zum 100. Geburtstage Anselm Feuerbachs am 12. September 1929. Skizze von Grete Massé. Glühend lastet der Himmel über den Hügeln von Rom. Das Gras auf den Weiden steht wie verdorrt. Träge trotten die Tiere ihres Weges. Der Wind wirbelt den Staub der Landstraßen auf, daß sich die Blätter der Pappeln grau überziehen. Lucia Brunacci, die Römerin, stößt mit ihren braunen Armen weit die Fenster des Ateliers auf. Die bunten Schmuckketten an ihrem Halse klirren, als sie sich hinab beugt. Der Wind zerrt an ihrem schwarzen Haar, daß eine Strähme auffliegt wie die Schwinge eines Raben. Bei den Lorbeerbüschen, nicht weit vom Hause, steht eine Bank. Oft saß dort Anselm Feuerbach, der Maler, dessen Modell sie ist, und las in einem Buche oder in einem der vielen Briefe, die ihm seine deutsche Mutter aus Heidelberg schrieb. Nun hat man ihn als Professor an die Wiener Kunstakademie berufen. Kaum eine Woche ist er fort. Sie die Brunacci aber, hat er zur Hüterin seines Ateliers in der Via di San Niccolo di Tolentino eingesetzt. Darin soll sie walten mit Remo, ihrem kleinen Sohne, bis er einst wiederkehrt, denn— wo er auch weilt— es wird ihn auf die Dauer nicht halten, sondern nach dem italienischen Boden zurück reißen. Die Brunacci beginnt, in Truhen und Schränken zu räumen. Es ist mit Nadel und Faden so mancher Schaden auszubessern. Zu der Zeit, als Feuerbach hier war, gab es keine Muße zu solchen Dingen. Immer wollte er zeichnen und malen. Sie und den Knaben. Seine Skizzenbücher sind voll von Zeichnungen, die Lucia Brunacci darstellen und ihren Sohn. Sie ward die Medea auf seinen Bildern und die vom Hauch des Abgeschiedensins umwehte Eurydike, die Orpheus, im Arm die Leier, aus dem Totenreich der Persephone empor führen will, dem Lichte und der grünenden Erde zu. Und Kenner, die diese Bilder hier im Atelier gesehen, sagten, Lucia Brunacci, des großen Anselm zweites Modell, stehe der Schustersfrau Anna Risi nicht nach, die auf seinen Bildern als „Nanna“ lebt. Nanna hat ihn verlassen. Nanna hat ihn betrogen. Manches Mal dachte Lucia Brunacei, für Nanna müsse der Tag der Reue kommen. In welchem Wirbel der Welt mag Nanna umher treiben oder untergehen, Nanna, die ihre Hoheit und Würde abgetan. Nanna. die auf feuerdachs Bildern die Iphigenie gewesen?— Ein Gewitter geht nieder über Rom. Der Sturm steht auf, und Lucia denkt, daß der großen, furchtbaren Wolken wohl die alten, zürnenden Götter Roms dahin jagen und Blitz und Donner schleudern. Sie änstigt sich, weil der Knabe nicht bei ihr ist. Er besucht seinen Vater, den Gastwirt Preti, von dem sie sich scheiden ließ. Ihr hat er viel Böses getan. Doch zu dem Kinde ist er gut, und es steht ihm das Recht zu, an einem Tage im Monat den Jungen bei sich zu haben. Der Sturm wird immer gewaltiger, und der Regen rauscht. Es wird dunkel im Atelier. Die Brunacci nimmt eine Kerze, entzündet sie, läßt etwas heißes Wachs auf einen Teller tröpfeln und drückt sie hinein, damit sie fest steht. Sie schaut sich um. Da ragen vom Schatten halb verhüllt, noch die großen, schönen, ernsten Bilder Feuerbachs, die man nicht ansehen kann, ohne Andacht vor ihnen zu empfinden. Bald verpackt man sie in Kisten und schickt sie fort. Dann erst wird sie ganz empfinden, daß sie in Wahrheit allein ist. Daß eine ungeheure Ferne sie von dem Meister trennt. „Wehe! Welcher Sturm!“ denkt die Brunacci und geht zum Fenster, um es zu schließen. Weithin rollender Donner grollt ihr zu Häupten. Die Zweige der Bäume beugen sich wie unter Peitschenhieben. Die Luft schmeckt herbe wie nach Eisen. Die Tür des Ateliers wird aufgerissen. Herein stürzt Remo, ihr Knabe. Ihm folgt eine Frau. Das Tuch verhüllt ihre Gestalt und ist ihr tief ins Gesicht gezogen. „Ihr sucht Obdach während des Unwetters?“ sagt die Brunacci freundlich.„Nehmt Platz und ruht Euch aus!“ Dann zieht sie das regentriefende Bürschchen heran, zerrt ihm das Zeug ab, daß er mit bloßem. bräunlichen Leibe dasteht, reibt ihn mit trockenem Tuche fest ab und bekleidet ihn mit Höschen und Hemd. Bei diesem Hantieren hat sie ganz vergessen, daß die Fremde im Atelier weilt. Erst als sie dem Knaben die Strümpfe überstreift, fällt ihr Blick auf die Bettlerin. Sie hat sich bescheiden auf die Bank an der Wand gesetzt. Ihr Schuh ist zerschlissen, ihr Rock zerfranst. Wind und Sonne haben die Farben aus ihm gesogen. Das Gesicht hat sie in den Händen verborgen. Unsägliche Trauer geht von diesem zusammengekauerten Wesen aus, das auf den Straßen seine Hände nach einem Almosen ausstreckt. „Verzeiht, daß ich Euch noch nichts vorgesetzt“, sagte die Brunacci.„Ihr sollt eine warme Suppe haben und Remo auch...“ Sie begibt sich in die Küche und rüstet flink ein kleines Mahl. Als sie aber mit der warmen Schüssel ins Atelier treten will, bleibt sie erstaunt auf der Schwelle stehen. Da geht die Bettlerin, in der Hand die Kerze, von Bild zu Bild und betrachtet jedes so genau, als wolle sie es sich für die Ewigkeit einprägen. Ihre zusammengekauerte, vom Tuch verhüllte Gestalt ließ ihre wahre Größe, die Hoheit ihres Schreitens nicht ahnen, die jetzt offenbar wird. Ihr Antlitz ist von Laster und Leidenschaft gezeichnet. Aber der Nakken, die Schulter haben die edle Linie, wie sie die Iphigenie auf Feuerbachs Bildern zeigt. Schweigend und dunkel geht die Fremde von Bild zu Bild. Als sie an das letzte gekommen ist, stellt sie stumm die Kerze auf den Tisch. „Nanna!“ ruft die Brunacci erschüttert.„O, Nanna!“ Die Frau hüllt sich fester in das Tuch, das sich gelockert hat. Ihr Blick ruft den Knaben. Er eilt und öffnet ihr die Tür. Groß und dunkel schreitet Nanna hinaus. Ueber sich das Gewitter, das auf Rom nieder geht. Der Windzug hat das Licht der Kerze verlöscht. Lucia Brunacei entzündet sie von neue###ond stellt sie vor den Platz, auf dem die Bewerin gesessen, wie man Lichte oder Blumen vor die Bilder der Verstorbenen stellt. Orale! Skizze von Alfred Semerau. des beEin letzter Blick in den hohen Spiegel eleganten Hotelzimmers! Munk lächette friedigt seinem Bilde zu: groß, schlank, rassiges Gesicht, dunkle Augen mit Goldgefunkel in der Iris, kurzes Bärtchen über dem feinen, scharf geschnittenen Munde, unauffällig gut gekleidet: er rückte an der Kravatte, sah auf die Uhr.— Noch nicht schickliche Besuchszeit!— summte „Gina Holl“ wie eine bezaubernde Melndie, wiederholte wie im Tanz schreitend diesen Namen, den er vor einer Woche noch nicht ge„kannt, sah sie vor sich. wie er sie vier Mal in Gesellschaften und auf einem Ball gesehen, ganz Rokokodame in der Anmut ihrer Beweguigen, in ihrer zierlichen Schönheit, mit aschblondem Haar. Augen von dunklem Blau, die in der Erregung schwarz wurden, hörte ihre warme, liebkosende Stimme. Gina Holl, die junge Frau des reichen, e' ganten Fa###anten Walter Holl, bewundert. umschwärmt, beneidet, bewispert, beklatscht, verleumdet, doch nur insgeheim. Man wußte ja nichts. Munk zupfte an der weißen Blüte im Knopfloch. Wunderbare blaue Augen! Sie fragten, antworteten beredt, wenn auch die Lippen stumm blieben. Hatte er richtig gelesen?„Du gefällst mir. Ich glaube, du bist verschwiegen. Vielleicht gehören wir zueinander.“ Und die Lippen hatten höflich beim Abschied gelächelt:„Besuchen Sie uns, Herr Munk!" Dabei wußte sie, daß seine Abreise bevorstand, daß seine Geschäfte erledigt waren, wußte auch, daß er ihretwegen bleiben rürde, solange sie wollte. Er dachte daran, wie sie im Tanz, von einem Rhythmus und Willen erfüllt, zur rauschenden Musik dahin geglitten waren, wie sich ihre Augen getroffen, ihr##te#n ihn angefächelt, der Duft ihres Haares ihm zugeweht. Warum sollte es ihm nicht gelingen, Gina zu erobern? Werde ichs? Werde ichs nicht? Er ertappte sich dabei, wie er die Blätter der weißen Blüte abzählte. Albern! Wenn es kein anderes Orakel gab! Aber ein leicht unbehagliches Gefühl blieb ihm, als gäbe es noch ein Hindernis. Wieder ein Blick auf die Uhr. Ach was, schickliche Besuchszeit! Bald danach stand er im Salon des Hollschen Hauses. Das hübsche Zimmermädchen im schwarzen Kleid, weißen Häubchen, lächelte vertraulich, nachsichtig: Die gnädige Frau bitte zu warten, sei noch bei der Toilette. Der dicke Teppich verschluckte seine nervösen Schritte. Ein großer Raum in Mattrosa mit Bronzen, Porzellan, Bildern, drei Türen, die eine aurch einen lichtgrünen Vorhang geschlossen, ein heller Raum von Reichtum und Geschmack, der passende Rahmen für die reizende junge Frau. Minuten vertröpfelten. Munk betrachtete eine Landschaft, eine ganz in Sonne getauchte italienische Küste mit einem Felsenkastell und bunten Segeln. Da kicherte es. Er wandte verblüfft den Kopf, sah nichts. Doch als seine Augen zum Bild zurückkehrten, kicherte es wieder. Eine leichte Bewegung im Vorhang, und bald darauf, sicher geworden, erschien vorsichtig ein blonder Mädchenkopf in den Falten. Munk trat rasch heran:„Ertappt, kleines Fräulein, hervor mit dir!“ Zögernde Antwori:„Ich darf nicht, wenn Mama Besuch hat.“ Doch schob sich ein kleiner Fuß neugierig vor. Ihr Kind! Er hatte nicht gewußt, daß sie ein Kind hatte. Ihr Kind und das Walter Holls! Er sah stumm die klaren, braunen Augen vertrauensvoll auf sich ruhen. Tann stand das zierliche Persönchen vor ihm.„Mama kommt noch nicht. Ich bin Lizzi Holl. Papa nennt mich“— ein helles Lachen in den Augen „Puck!“ Er sprach noch immer nicht. Ein merkwürdiges Gefühl durchrann ihn. Das Kind glich ihr und glich ihr auch wieder nicht. Es hatte nicht ihre Augen, ihr Haar, ihren Gesichtsschnitt, aber ihre Anmut und Zierlichkeit. Aus ihren Augen blickte ihn Walter Holl an. Lizzi, über sein Schweigen verwundert, begann zu plaudern. Von Papa. Sie hatte ihn sehr lieb. Wenn er aus der Fabrik kam, spielten sie zusammen, bauten Häuser, schnitten Puppen aus, spielten den ganzen Abend, auch im Garten, Ball oder Krockett. Sie hatte einen kleinen Schläger, konnte schon gut schlagen. Sie hob ihre kleine Hand wie zum Beweis ihrer Kraft.„Warum sagen Sie nichts?“ Er lächelte verlegen:„Du hast so hübsch erzählt, Lizzi... Puck.“ Sie krauste ihr Näschen. „Nur Papa sagt zu mir Puck,“ wies sie ihn zurecht. Er nickte:„Natürlich, nur Papa darf zu dir Puck sagen.“ Sie musterte ihn wohlwollend:„Einmal dürfen Sie es auch sagen.“ Er nahm ihre Hand:„Schön, daß du es mir erlaubst. Also du spielst jeden Abend mit Papa. Mit... Mama nicht?“ Heftiges Kopfschütteln und noch hräftigeres Verneinen in den braunen Augen. Mama war nie zu Haus. ging immer in Gesellschaften. Papa blieb mit ihr daheim, sonst war sie ja allein. Andere Kinder wollte Mama nicht hier haben, die machten nur Lärm, und sie mußte sich ausruhen. Sie stand auch immer spät auf. Papa und Lizzi waren beim Frühstück stets allein. Wenn sie erst größer war, holte sie den Papa von der Fabrik ab. Ihre Augen strahlten. Sie freute sich schon darauf. Sie ging bald in die Schule, dann konnte sie dort mit anderen kleinen Mädchen spielen. Papa hatte ihr gesagt, wie fein es in der Schule sein würde. Er war Durch seine kurzen Fragen verlockt, erzählte Lizzi immer weiter. Von den Spielsachen, mit denen sie sich die Zeit vertrieb, von den Aitigen Unterhaltungen mit Papa. Ihre Seele, ihr Herz und Geist waren ganz erfüllt von Papa. Sie kannte und liebte nur ihn. Die Muma sah sie nur immer für kurze Zeit bei der jpäten Mittagsmahlzeit. Sie glitt wie ein bloßer Schatten über ihr kleines Leben, war eigent ich gar nicht da. Munk strich zart über die bräunliche Kinderhand.„Schön, daß du solch guten Papa hast! Wie viel kleine Näochen wünschten sich ihn auch!... Willst du ihn von mir grüßen? Er kennt mich nicht. Nur Mama kennt mich. Ich habe sie in Gesellschaften getroffen. Ich heiße Fritz Munk. Wirst du meinen Namen behalten?" Sie nickte ernst. „Ich kam,“ fuhr er, nachdem er sich ein wenig geräuspert, mit klarer Stimme fort,„um mich von Mama zu verabschieden. Ich fahre heute ... in einer Stunde... ich muß fort. Grüße auch Mama... ich kann nicht warten, bis sie kommt. Willst du ihr das sagen"? Wieder nickte sie ernst. Er neigte sich zu ihr, fuhr ihr sanft um das Gesicht:„Gut, daß ich dich hier traf, Lizzi. Ich freue mich darüber. Lebe wohl, Puck!“ Dann war er rasch aus der Tür und leise wie ein Dieb aus dem Hause, jetzt wieder mit einem zufriedenen Lächeln:„Puck... Das Orakel war für mich Puck...“ 12— Zita Skizze von Kurt Felscher. Nach einer jener gemütlichen Plauderstunden wie ich sie im Hause des Senators Petersen seit kurzem erleben darf, führte mich der Hausherr in seinen wundervollen Garten, der wie ein glückliches Eiland im Meer des rings um die hohen Mauern brandenden Großstadtverkehrs weltvergessen träumt. Von all dem aber was mir Senator Petersen an Pflanzen, Bäumen und ausländischen Sträuchern wies, an seltsamen Gesteinsformen, die er aufgestellt hatte, fiel mir besonders ein schlichter Steinblock ins Auge, der, umschattet von den überhängenden Zweigen einer Traueresche, die eingemeißelten Worte trug:„Zita! Meiner Retterin zum Gedächtnis!“ Meine Neugier war so erregt, daß ich mich nicht enthalten konnte, meinen Gastgeber nach der Bedeutung jener Aufschrift zu befragen. Einen Augenblick blieb der Hausherr sinnend vor dem Denkmal stehen, blies den blauen Rauch seiner Zigarre in die blaue Abendluft und begann ein wenig zögernd:„Nun meinetwegen, warum soll ich Ihnen die Geschichte nicht kurz erzählen? Zita hat mich nun einmal vor schwerem Verlust bewahrt, wenn es sie auch das junge Leben kostete.“ Wir hatten unterdessen eine der bequemen Gartenbänke erreicht, ließen uns darauf nieder konnten aber den Stein mit der Aufschrift gerade noch sehen.„Die Geschichte", fuhr Senator Petersen fort,„liegt fast ein Menschenalter zurück. Ich war damals als angehender Treißiger mehrere Jahre auf einer argentinischen Hazienda tätig; und mein Chef, der in Buenos Aires das Geld, das ich durch Verwaltung seines ansehnlichen Rindercamps verdiente, nach Landessitte cabaleromäßig unterzubringen verstand, ließ sich selten genug auf der Hazienda sehen, sandte mir dafür zumeist seinen Vertreter, mit dem ich dann die An= und Verkäufe tätigte. Wie heute noch war ich auch damals Junggeselle; aber der Mensch hat nun einmal das Bedürfnis, irgend einem Lebewesen so etwas wie Liebe zu erweisen. Mir hatte es eine Silberlöwin angetan, die mir einer der Gauchos eines Tages als gelbliches Wollknäuel auf den Diwan legte. Bald war ich mit dem prächtig heranwachsenden Tiere so verbunden, daß es mir auf Schritt und Tritt folgte und überaus zahm wurde. Es dauerte nicht lange, so galt Zita, das Pumakind, als der erklärte Liebling aller, einschließlich der Indianos, die für derlei Getier sonst nicht viel übrig haben. Zita war zu einem ganz prächtigen Exemplar ihrer Gattung herangewachsen und zeigte, wenn sie sich streckend gähnte, ein Gebiß, das fürchterlich werden mußte, wenn es einen Gegner packen sollte. Aber das kam wohl nicht in Frage; denn schmeichelnder als Zita konnte auch ein gewöhnliches Kätzchen nicht sein. So vergingen drei bis vier Jahre; man hatte sich daran gewöhnt, mich nicht ohne meine Begleiterin zu erblicken. Eines Tages erwartete ich den Vertreter meines Chefs zu den üblichen Viehverkaufsabschlüssen. Pünktlich wie immer fuhr der Wagen vor der Hazienda vor; aber anstatt des Erwarteten entder beste Papa, den es gab, kaufte ihr alles, stieg dem Gefährt ein mir Fremder. Freilich was sie wollte. shlärt= sich der Umstand hald uf: Moin Klarte sich des umstand dalb auf. Mein Thef 5 * S 2 *.* S 8 DES * 8 5 R 5 S S 5 S 65 S 8 S 2 BScEs-S· Sgrkt SSS 5• 9 5 8 8 8 5 gSgSSS 88 S 88 hatte wegen Vergrößerung seines Geschäfts einenweiteren Agenten eingestellt, der- heute zum ersten Male erschien. Juan Esteban Perez machte auf mich den Eindruck eines etwas hastigen Mannes, als er mit mir verhandelte. Dabei kann ich nicht sagen, daß er mir unsympathisch erschienen ware: im Gegenteil, sein Auftreten war wesentlich gewinnender als das des andern Geschäftsführers; auch legte er eine umfassende Kenntnis unseres Besitzes an den Tag. Während unserer Verhandlungen, die sich immerhin einige Stunden hinzogen, lag Zita wie immer neben meinem Schreibtisch. Schon als der Fremde ins Zimmer trat, hatte sie den Kopf erhoben und mit dem Schweif jene zukkenden Bewegungen gemacht, die bei Großkatzen Erregung bebeuten. In ihren grünlichgelben Augen funkelte ein mir sonst an ihr fremdes, phosphoreszierendes Leuchten. Und während wir verhandelten, ließ sie ab und zu ein knurrendes Fauchen hören. Aber bei den unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmenden Berechnungen achtete ich kaum darauf. Schließlich waren wir zum Abschluß gekommen, und der Agent händigte mir einen Scheck über 10000 Pesos aus, den ich auf der Bank in Buenos Aires für meinen Chef einlösen sollte. Da geschah etwas Unerwartetes. Im selben Augenblick, als sich Sennor Perez, allerdings etwas sehr hastig, von seinem Stuhl erhob, um heran zu treten und die Unterschrift unter den Vertrag zu setzen, sprang Zita mit einem mächtigen Satz auf den Mann los und grub ihm ihr furchtbares Gebiß tief in den Hals, so daß jener blutüberströmt zusammen brach. Ich war im ersten Augenblick so erstarrt, daß ich keinen Ton aus der Kehle hervorbrachte. Dann stürzte ich mich auf Zita und versuchte sie von ihrem Opfer zurück zu reißen. Vergebens! Sie stand mit wutfunkelnden Augen über ihm und fauchte auch mich an; freilich lag in ihrem Blick jetzt nicht mehr der Ausdruck der Wut als vielmehr der einer gewissen Trauer. Ich schmeichelte ihr, ich rief sie mit Kosenamen— umsonst. Sie ließ nicht von ihrem Opfer. Da war meine Gedulo zu Ende. Ich riß den Revolver aus dem Gürtel und schoß Zita eine Kugel ins Herz. Schwer fiel ihr schöner Körper neben dem röchelnden Verwundeten nieder. Der Schuß hatte meine Leute herbei gelockt. Sie können sich bei der leichten Erregbarkeit der Eingeborenen vorstellen, wie es bald in meinem Hause zuging. Zuerst wurde der Verletzte verbunden; dann ließ ich ihn sofort durch einen meiner zuverlässigsten Leute im Wagen nach einer Klinik in Buenos Aires fahren, telegraphierte an meinen Chef, machte ihm von den Abmachungen mit Sennor Juan Esteban Perez Mitteilung und deutete das peinliche Vorkommnis an. Bald darauf kam ein Fernschreiben meines Chefs: Ich hätte wohl den Sonnenstich; er wüßte nichts von einem Sennor Perez, hätte auch noch keinen neuen Vertreter angestellt. Er selbst werde morgen mit dem frühesten bei mir erscheinen. Sofort war mir klar, daß ich beinahe einer Gaunerei zum Opfer gefallen wäre— wenn Zita nicht im entscheidenden Augenblick eingegriffen hätte. Und so stellte es sich anderntags auch heraus. Mein Chef berichtete mir, daß am Vormittag des Unglückstages zwar ein Herr bei ihm gewesen sei, der die Absicht geäußert habe, einen größeren Abschluß zu tätigen. Als ich meinen seltsamen Gast beschrieb, erkannte mein Brotherr ihn sofort wieder. Da riefen wir die Klinik telegraphisch an und verständigten die Polizei in Buenos Aires. Nach wenigen Stunden hatten wir bereits Nachricht. Juan Esteban Perez, genannt der Schwarze Gaucho, sei einer der gefährlichsten Rinderdiebe, dem man schon jahrelang— immer vergebens— auf der Spur sei. Endlich habe man ihn. Sein Zustand sei nicht lebensgefährlich, und man werde den sauberen Vogel bald hinter Schloß und Riegel legen.“ Senator Petersen schwieg ein paar Atemzüge lang und blickte wie vorher ein wenig versonnen dem Rauch seiner Zigarre nach.„Sehen Sie, lieber Freund, so hat mich Zita vor einem schweren Vermögensverlust bewahrt. Freilich, er war teuer erkauft. Und so habe ich ihr den Stein gesetzt und denke noch oft an sie, wie sie so in der Abendkühle wie jetzt um mich herumstrich und ihren ausdrucksvollen Kopf auf meine Knie legte. Wir haben die Leiche damals im Garten der Hazienda vergraben— aber sie sollte auch hier nicht vergessen sein.“ Der Meisterclowon Skizze von Christel Broehl=Delhaes. Die zweihundert nildampferweißen Wagen des Zirkus Hamunsen haben wieder einmal Aufstellung genommen. Aus Pfosten, Zeltbahnen, Latten, Zäunen und Eisenstangen wuchs über Nacht der Riesenbau der drei Manegen. Vor und in ihrem Wohnwagen proben die Artisten. Eine Tänzerin in kurzem Flitterrock schminkt sich zur ersten Probe. Luftakrobaten und Kraftmenschen üben. Vinzenz geht allein mit müder, verkrümmter Gestalt durch diese Atmosphäre aller Weltteile. Er bleibt an den Tierkäfigen stehen und fühlt den heimwehkranken Blick gefangener Wüstentiere nach, die sich in künstlicher Hitze sonnen und den geliebten Himmel Asiens oder Afrikas vergessen sollen. Vinzenz sucht das Zelt indischer Schlangenbändiger auf, er plaudert mit den Kosaken, die teils melancholische Chöre singen, teils wie die Teufel an ihren wilden Pferdchen hängen. Equilibristen jonglieren mit schelmischer oder grotesk=ernster Sicherheit. Indianer, Chinesen, Japaner und Marokkaner proben neue Kriegs=, Schwerter=, Feuer= oder Messertänze. Urwaldschreie flakkern auf. Elefanten trompeten, Hyänen kreischen. Und dazwischen wirbeln die Clomns, zwölf dumme Auguste in verrücktem Aufzug, bald hier, bald dort. Nicht jeden Morgen darf Vinzenz durch den Zirkus wandern, was er so gern tut; auch er hat Proben, bei denen allerdings sein Erscheinen nicht vermißt würde, denn er spielt die letzte Violine im Hausorchester Hamunsen, nur die letzte Violine, er geigt mit, weil er nichts anderes kann. Diesen Posten bekleidet er, weil es erstens auch Geiger geben muß, die, weit entfernt von einer Prominenz, gemeinsam jene Gewalt eines Orchesters vermitteln, die wir verlangen, und weil es zweitens auch Verpflichtungen gibt, die Zirkusbesitzer verunglückten oder abgelehnten Nummern gegenüber haben. Zu ersteren gehört Vinzenz. Er ritt eines der rassigsten Pferde der Schau, er stand einmal hoch in der Gunst des Publikums. Im fünften Jahre seines Ruhms aber ereilte ihn das Schicksal Tausender in der bunten Flitterwelt des Zirkus: Er stürzte, behielt ein Hüftleiden und eine unschöne Veränderung seines Gesichts, er wurde unbrauchbar. War es nicht noch ein hoch anzurechnendes Verdienst Hamunsens, daß er, der Gewaltige, sich höchstsebst herabließ, ein Ersatztalent bei Vinzenz zu suchen? Man fand keines. Man entdeckte eine gewisse Fertigkeit auf der Violine und steckte ihn ins Orchester. Nun hätte Vinzenz ja zufrieden sein können, und er war es im gewissen Sinne wohl auch. Niemand würde es verstanden haben, daß es dem letzten Geiger im Orchesterverschlag blau vor den Augen wurde, wenn der Beifallsjubel einer der gefeierten Nummer selbst den dröhnenden Tusch der Musik überbrauste, daß es ihn mit unheimlicher Gewalt dazu trieb, kopfüber von der Musikempore herab zu stürzen in den geliebten Sand der Manege, die ihm verloren gegangen war. Seit zehn Jahren führt Vinzenz dieses Leben des letzten Künstlers im Zirkus Hamunsen. Zehn Jahre hat er vergeblich an einer Aenderung seines Lebens gegrübelt. Seit heute ist das anders, sei drei Stunden, da Direktor Hamunsen die sechzehnhundert Mitglieder der Schau zur Generalversammlung befohlen. Hamunsen war von einer Studienreise zurückgekehrt. Er kam mit großen Eindrücken aus anderen Zelten, aus Varietés, aus Kabaretts, und begann daher, die immer gleich bleibende Komik seiner zwölf Clowns langweilig zu finden. Es mußte etwas Neues auf dem Gebiete der Komik gefunden werden. Also forderte Hamunsen seine zwölf humoristischen Trabanten zum Wettbewerb heraus um den Titel und die hochbezahlte Stellung des Meisterclowns. Das Publikum sollte um die Entscheidung ersucht werden. In der Zirkusdruckerei wurden die Anschlagplakate gedruckt. Noch feucht von Druckerschwärze klebten sie an den Zirkuszäunen, bald nachher auch vor einer vielköpfigen Schar Neugieriger an allen Litfaßsäulen der großen Stadt. An diesem Tage schleicht Vinzenz noch müder und gebrochener als sonst zu seinem Dirigenten und läßt sich für den Abend krank schreiben. Niemand wird die einzelne Geige des letzten Musikers vermissen... Siebentausend Besucher füllen sämtliche Sessel, Logen und Ränge der Zeltstadt, selbst auf den Gängen drängen sich Schaulustige heran. Von den Platzanweisern werden die vorgedruckten Abstimmungsformulare mit den Namen der zwölf Clowns verteilt. Wer den Sieg erhält, bekommt das übliche Kreuzchen hinter seinen Namen gesetzt. Die Vorstellung beginnt. Alles Erdenkliche kühnster Phantasie spielt mit dem Leben um den Beifall sensationslüsterner Menge. Die Auguste haben sich angestrengt. Sie bauchreden, steppen und reiten grotesk auf eseln, sie versuchen sich mit unglaublicher Komik an akrobatischen Künsten, ahmen Seiltänzer nach, jonglieren zwerchsellerschütternd mit lebenden und toten Dingen, imitieren den Gedes ersten Tenors Sie sind gut, aber keiner ist der beste. Wenig Menschen erst setzten das vielversprechende Kreuzchen hinter einzelne Namen. Als der zwölfte Clown verschwunden ist. soll eine Pause eintreten. Aber unmittelbar hinter dem Abgehenden stürzt ein neuer August in die Manege. Er erhebt sich und steht still, glotzt mit großen, dummen Kinderaugen in die atemlose Stille. Der mächtige Oberkörper scheint kleine, kleine Beine in riesigen, grobkarrierten Hosen zu erdrücken. Viel zu lang hängt der eine Arm herab, aber der andere hält eine Geige an sich gepreßt wie ein Lumpenbub' sein hölzernes Steckenpferd. Die Bedienten wollen diesen Programmlosen entfernen. Er wehrt sich, und das Publikum, mißverstehend, protestiert heftig. Was tut Clown dreizehn, daß die siebentausend Menschen weinen und lachen um diesen närrischen Menschen, der so wenig spricht und alle aus der Fassung bringt, der auf seiner Geige erst klimpert, dann spielt und schließlich wie ein Genie den Bogen führt? Tragik und Komik zugleich liegen in der exzentrischen Art dieses neuen Clown=Schauspielers, der nicht nur nebenbei so meisterhaft musiziert. Die Kritiker starren sich an, denn das haben sie noch nicht gesehen.— Clown dreizehn taumelt, erschlagen von diesem unerwartet starken Beifall, hinter den abschließenden Vorhang. Er keucht. Könnte die Tünche seines Antlitzes noch eine Steigerung erfahren, so würde er vor Glück erblassen. Die Menschen im Zuschauerraum aber suchen die Stimmzettel ab, finden keinen Namen für ihr einheitliches Kreuz und toben empört:„Clown dreizehn!— Namen!— Namen!— Clown dreisehn!“.„ I.2 Eich Prähuen 9. Und aus dem Rufen wird Drohnen, Rasen, Trampeln.„Mensch!“ reißt der Direktor eigenhändig den Clown von seinem Sitz, auf den der Erschöpfte gesunken ist.„Wer sind Sie? Sie sind ja eine Kanone! Eine ganz große! Sie sind engagiert! Was verlangen Sie?“ Und dem Verlangen der Menge nachgebend:„Ihren Namenk'“ „Vinzenz!“ rocheit der Meisterelown, während der Direktor ihn an den Händen wieder in die Manege hinaus zieht.„ ung Sein Name fällt. Er wirkt neu uno wecht keine Erinnerungen. Vinzenz, der berühmte Herrenreiter, ist vergessen. Vinzenz, der Meisterclown, lebt. Und nun weiß er mit einem Male, daß die Zeit des Darbens vorüber, daß er wieder in das Reich der Manege eingezogen ist, von einer Null zu einer großen Nummer hinaufgerückt, zu einem Namen, der in kurzer Zeit die Welt beherrscht: Vinzen: der größte musikalische Exzentrik der Welt. —— Die arme Gräfin Skizze von Sophie Hochstetter. Gräfin Hanna hatte ihre Tagesarbeit als Buchhalterin an einem Krankenhause hiater sich. Die Dienstzeit ließ ihr freie Nachmittage, und sie eilte, um die Bekannten zu Tisch nicht warten zu lassen. Hanna lächelte vor sich hin. Wie gut ging es ihr jetzt! Seit über einem Jahre fühlte sie sich nicht mehr als die von jedermann bedauerte, trostlos häßliche Komtesse. Seit über einem Jahre hatte sie den herrlichen Briefwechsel mit einem Standesgenossen, besaß sein Vertrauen, wußte, jenseits des Meeres dachte jemand in Zartsinn an sie. Potsdam hat nicht allzu viel große Ladenfenster, in denen man sich spiegelt, aber immerhin genug, um Hanna öfters ihr Bild zu zeigen. Die Hutmode war so günstig. Man sah nicht die überhohe Stirn, das dürftige Haar, vielleicht auch nicht die kupfrige Haut.— Nach stieg Hanna in ihre kleine Wohnung hinauf, ruhte ein wenig und beschloß, heute dem Rittmeister Berge Herbstveilchen mitzubringen. Der Duft würde dem Kriegsblinden wohltun, und auch eine Stelle aus Kurt Egloffs gestrigem Brief sollte er hören. Rittmeister Berger begrüßte seine treue Vorleserin voll Freude. Er hatte früher manchmal gedacht, vielleicht schade es ihrem Ruf, zu ihm zu kommen, bis ihm ein Kamerad sagte:„Sei nicht böse, aber in Potsdam denkt niemand daran, daß eine Komtesse Frau Berger werden wolle.“ Hanna achtete Berger nicht mie um seines Unglücks willen. Er hatte ein nilles, resigniertes Gesicht, er trug sein Geschick mit großer Würde. Die Frau war ihm gestorben. Hanna entfaltete ihren Brief. Sie las vor, wie viele deutsche Landwirte jetzt nach Kanada kämen, las mit besonderer Betonung, daß diese Männer wohl keine Aussicht hätten, die wieder zu sehen. Dann fragte der Rittmeister, weil Gräfin Hanna dies sehr gerne erzählte, wie sie Baron Egloff kennen gelernt habe. Hanna lachte:„Aber doch durch den Sattel! Im