halbe Wegstunde Fahrt zum nächsten Kirchdorf nit Gesang. Plötzlich gab es einen Ruck. Die Kutscher zügelten die Pferde mit einem Fluch und neugierig reckte man die Hälse. Was war los? Da— war das nicht der Bräutigam. der in langen Sätzen querfeldein sprang, als wäre der Leibhaftige hinter ihm? „Ne— Karl, hallo, was ist passiert?“ Karl Strube hörte nich“ auf die Rufe, er lief und lief, kam atemlos im Erlenhof an und schloß sich in seiner Kammer ein. Unterdeß sammelten sich die Gäste um den Brautwagen, in dem die junge Braut weinend satz und sich nicht beruhigen ließ. „Die Schande... die Schande..“ jammerte sie, und es dauerte eine geraume Zeit, ehe man aus ihrem Schluchzen und Stammeln die Ursache dieser„Schande" erfahren hatte. „Als wir aus dem Dorf herausfuhren, begegnete uns die alte Schmidtsche", klagte sie,„der Karl wurde blaß wie ein Leichentuch und spuckte dreimal aus. Gleich darauf lief uns ein schwarzer Kater über den Weg. Da bekam der Karl eine sinnlose Wut. Als ich ihn beruhigen wollte, schrie er: noch ein Unheil und ich mache nicht mit, das sind schlechte Zeichen! Und dann.. und dann... brach unsere Deichsel. Keine zehn Pferde bringen mich jetzt noch zur Kirche, rief der Karl und sprang aus dem Wagen. Ach Gott, ich schäme mich so, die Schande überlebe ich nicht!“ „Dieser verdammte Aberglaube!“ knurrte der alte Erlenhöfer und sah seine Eheliebste böse an.„Zurück zum Hof“, kommandierte er, „ich werde den Jungen schon zur Vernunft bringen, wir können uns doch nicht lächerlich wachen“ Aber der Karl saß in seiner Kammer und öffnete weder auf Bitten noch Drohen. Man mußte einen Boten zum Pfarrer schicken, um die Trauung abzusagen. Das gab einen argen Tumult im Hause. Ratlos standen die Gäste herum, der Bauer schimpfte, die Bäuerin bettelte an der verschlossenen Tür und die Braut heulte. Da kam einer von den Bauernsöhnen, der beste Freund des Bräutigams, auf einen rettenden Gedanken.„Holt sofort den Doktor“, sagte er,„und bringt mir eine Pulle Schnaps.“ Eine Stunde später erschien der Doktor, der ts den Plan eingeweiht wurde und seine Hilfe Pfingstgeist Geist der Pfingsten, Licht aus sonnenfernen Höhen, Gottesfunken— zünde, brause Gleich dem Sturm, der heil'ges Feuer Anfacht in den matten Seelen. Rüttle sie aus kleinem Sorgen Festefeiern, Gier'gem Hasten, Fülle, wandle sie—— Starke Kämpfer, glaubensmut'ge, Braucht die Zeit Und stille Frauen, Deren Herzen tiefe Bronnen, Unausschöpfbar, ewig quellend... Siegen muß ein Geist, ein heilger, In uns allen, Daß das deutsche Volk genese, Geistdurchdrungen andern leuchte! Elisabeth v. Aster. „Karl.. mach auf“, rief der junge Bauer an der Kammertür des Bräutigams,„die Gäste sind weg und die Trauung ist abgesagt. Nach Stunden erschien er wieder unten, wo man ihn mit Fragen bestürmte. Er schläft wie ein Dachs, wenn er morgen früh aufwacht, werden wir ihm einreden, daß er seine Hochzeit verschlafen habe, und die Fahrt zur Kirche kann noch einmal beginnen. Dann sorgt aber dafür, daß die Schmidtsche und ihr Kater sich bei Todesstrafe nicht blicken lassen, und daß die Wagendeichsel nicht noch einmul brichtz„„. Geschutd Man hatte Zeit genug, dem Pfarrer Bescheid zu sagen und alle Vorbereitungen für die Trauung am zweiten Pfingstfeiertag zu trefsen. Viel geschlafen hatte außer dem Bräutigam keiner in dieser Nacht, und mit Bangen erwartete man den nächsten Morgen. Das Schlafmittel, das der Doktor in ein Glas Schnaps gemischt hatte, tat seine Wirbung, und ganz leicht war es nicht für die jungen Leute, den Schläfer am nächsten Morgen wach zu bekommen. Mit nassen Tüchern, mit Schlägen und Püffen und viel Hallo hatten sie ihn endlich so weit. Als er die Augen aufschlug, sach er den Doktor an seinen, Bette stehen, der sich den Schweiß von der Stirn trocnete und ihn kopfschüttelnd betrachtete. „Strube, Strube, was machen Sie für Geschichten“, sagte er eindringlich,„wie kann man nur so elend saufen, daß man einen ganzen Tag und eine Nacht verschläft. Ja Menschenskind, sogar Ihre Hochzeit haben Sie verschlafen und Ihre arme Braut in eine fatale Situation geWad Tc Getnt Karl Strube fuhr in die Hohe.„Hoalzei... Braut... ja aber... ich bin doch zur Trauung mit ihr gefahren... und da kamen die alte Hexe und der Kater...“... „Du bist verrückt. Karl", riefen die Burschen, die sich nur mühsam ernst hielten,„schwer geträumt hast du Saufaus! Was haben wir gestern morgen alles angestellt, um dich hochzukriegen! Wie ein Toter hast du dagelegen, da haben wir Angst bekommen, und den Doktor habe aber sofort gesehen, daß Sie einen schweren Rausch hatten und sagte, ausschlafen lassen bis heute früh, die Trauung verschieben", warf der Arzt ein,„und nun. Strube, stehen Sie auf und machen Sie, daß Sie zu Ihrer Braut und zur Kirche kommen.“ Karl Strube folgte der Aufforderung, aber ankleidete, schüttelte er immer wieder den Kopf.„Geträumt soll ich das haben?“ murmelte er, bis ihn sein Freund energisch beim Kragen packte und ihn zur Tür hinausschob. „Nu los, Karl, du hast geträumt, verlaß dich darauf, hast uns mit deinem unsinnigen Rausch lange genug an der Nase herumgeführt, und deine Braut hat sich die Augen aus dem Kopf Ganz klein und geduckt erschien der Bräutigam unter den Gästen. Nichts sagte er, als er seiner Braut gegenüberstand, aber seine Augen bettelten um Verzeihung. Etwas unruhig saß er dann im Wagen, es kam ihm alles so merkwürdig bekannt vor, aber die Bruchbäuerin neben ihm hielt seine Hand fest und sprach auf ihn ein, er hatte keine Zeit, auf den Weg zu achten. Heute lachte und sang keiner auf den Hochzeitswagen, unruhiger noch als der Bräutigam waren die Gäste, die alle aufatmeten, als man ohne Zwischenfall in der Kirche anlangte und der Pfarrer seinen Segen über das junge Paar gesprochen hatte. Auf der Heimfahrt war dann alles wie verwandelt, und Karl Strubes Hochzeit mit der Bruchbäuerin wurde ein Fest, wie man es in der Familie und im Dorf noch nicht erlebt hatte. Erst viele Jahre später erfuhr der Bruchbauer, daß seine Hochzeitsfahrt am ersten Pfingstfeiertag kein Traum gewesen war, und da schämte er sich noch nachträglich seines Aberglaubens, denn den hatte er sich in seiner glücklichen Ehe wirklich abgewöhnt. Geschenke, die sie nicht erreichten... Humoreske von Eusebius Klabums. Der Schaukelstuhl. Aufseufzend strich sich Konrad Hartebeest— das war sein Schriftstellername, sonst hieß er Amadeus Wolfgang Mueller— das ziemlich stark gelichtete dunkle Haar nach hinten:„Weißt du, Elsa, wenn ich so rückwärtsschauend nachdenke ... die besten Gedanken kamen mir doch auf unserer Hochzeitsreise vor fünf Jahren. Damals, als wir mit der Fähre von Saßnitz nach Trelleborg schaukelten. War das ein Rhythmus, ganz dem Zeitmaß meiner Seele angepaßt.“ Ueberrascht sah Elsa auf:„Und das sagst du jetzt erst? Hätte ich nur geahnt, daß die Seekrankheit für dich ein belebendes Moment war, längst—“ Plötzlich schlug sie sich mit der eifrig gepflegten Hand auf den kußfest bemalten Mund und schwieg. Folglich mußte etwas Großes, Unsagbares in ihr vorgegangen sein. Und so war es auch. Als Konrad Hartebeest alias Amadeus Wolfgang Mueller— mit„ue“ bitte— seinen 39. Geburtstag feierte, begrüßte ihn dieser unwiderruflich letzte Lenz der dreißiger Jahre mit einem Paket von ungewohnter Größe, das sich, schonungslos enthüllt, als ein Schaukelstuhl offenbarte. Konrad alias... usw. schloß Elsa in die Arme:„O ahnungsvoller Engel du!“ Der„ahnungsvolle“ Engel warf sich in den Schaukelstuhl, wippte kokett mit den himmelblauen Pantöffelchen:„Mir ist, als ob ich die See schaute— wie das wogt, wallt und zischt.“ Konrad ließ seinen Engel gewähren. Abends kam Lisa. Lisa war um zwei Jahre jünger als Elsa, liebte heftige Bewegungen über alles und ergriff vom Schaukelstuhl Besitz. Konrad vertröstete sich auf den nächsten Tag. Als er sich gegen neun Uhr erhob, erschraß er heftig: Der Stuhl bewegte sich von selber. Doch das war nur eine optische Täuschung. Lisa hockte in ihm zusammengerollt und verschlang statt des Frühstücks den neuesten Roman von Kurz=Klein=Malers. Konrad schaute sie bittend an. In ihrem Auge stand leise Feindseligkeit; sie fühlte instinktiv, daß er auf sein Geschenk Anspruch erhob. P Cffe Sie kämpfte mit sich selbst. Das bessere Recht des schwachen Geschlechts. Sie trat vor ihn hin. streckte sich wie eine geschmeidige Katze.„Du denkst könnte keine Gedanken lesen, du Egoist! Schon seit gestern umschleichst du mich, bohrt es in deiner Seele, mir dieses unschuldige Vergnügen zu rauben. Die einzige Illusion einer schönen Seereise— nach deinen eigenen Worten. Trauriger Mensch ohne Phantasie, der einen Schaukelstuhl braucht, sein lendenlahmes Pferd senmügermen... Konrad sah mit einem traurig=ergebenen Blick in Elsas flammende Augen und schlich an seinen alten kerzengradlehnigen Stuhl zurück. Der Rauchverzehrer. Mit lenzhaftem Lachen tanzt Elsa ins Zimmer:„Konrädli, was ich für dich habe!“ Flink enthüllt sie aus knisterndem Seidenpapier: Eine gelehrt drein schauende Eule, die, entgegen sonstigen naturkundlichen Gepflogenheiten, auf dem Rücken zwei kleine Messingschrauben und ein kleines Loch, dazu siebartig angeordnete Löcher aufweilt,, meint das„Konrädli" zweifelnd,„das ist wohl eine angestoßene Porzellanfigur der „In manchen„Sachen bist du weltfremddumm", erktarr Era bestimmt,„dus ist ein moderner Rauchverzehrer, Konrad ist verstummt. Schreckliche Ahnungen durchzucken seine Gehirnhältfe. Will ihm etwa die geliebte Zigarre abgewöhnen: Die Eule scheint ihn aus boshaften Augen anzuElsa doziert:„Man nehme die Eule, halte wagerecht, schütte ihr etwas Parfüm in den „Aber erlaube, das ist Tierquälerei!“ Ein verächtlicher Blick heißt Konrad verstummen.„Dann schließt man die Eule an die Lichtleitung an, und nach Wahl kann man sich die Rosendüfte von Schiras, Peau d’Espagne oder Zentifolia um die Nase wehen lassen.“ -„Dann ist die Eule also ein Parfümzerich sagte doch: ein Wenn ihr hier abends qualmt wie die Ve einigten Kruppschen Fabriken, Haß,„i. dinen am nächsten Tage von selde###ern woch schreien— das hier schafft Remedur.“ „Die Eule ist somit doch für dich bestimmt? Denn ich habe an der Farbe unserer Gardinen nur ein beschränktes Interesig., Gie gan „Sie ist für dich, verlaß dich darauft S# deinen Rauch verzehren. Ich rauche doch nicht!“ Konrad hat an Elsas Achillesferse Eine Tür knallt. Er ist mit der Eule allein. Die Eule grinst offenbar. Konrad hat eine gings Wut. Er würdigt die Eule kemnes Sie ist am nächsten Tage da. Auch am übernächsten. Dann ist die verhaßte Eule verzehrer alias Parfümzerstäuber verschwunden. Konrad atmet auf. Endlich hat Elsa Einsehen gehabt und das nützliche Tier seinem bisherigen Eigentümer zurückgegeben, Konrad hat falsch gedacht, esegtrische,##t in der ganzen Wohnung kein Die Eule hat schuld. Sie hat weder Rauch verzehrt noch Parfüm zerstäubt, sondern gl sämtliche Sicherungen durchschlagen. Elsa hat verweinte Augen. Konrad schaut sie vorwurfsvoll an:„Wirklich— ein durch„Eisa wirft den Kopf in den Nacken und die Am nächsten Tage kommt ein Elektrotechniker— und geht. Die Eule bleibt. Sie zerstäubt in Elsas Zimmer Parfüm. Der Rauch in Konrads Bunker bleibt unverzehrt. Nur manchmal, wenn Elsa Besuch hat, hört er halb an sein Ohr Worte wehen: Geschenk Konrads. Ist das nicht aufmerksam? Diese Luft! Erquickend wie in den Rosengärten von Schiros.) Wätzlich Abschen Merkwürdig, daß Konrad plotzuch aoscheu vor Eulen hat. Er braucht sie doch wahrhaftig nicht nach Athen zu tragen... Verantwortlich: H. Semmelmann, Altena. Druck und Verlag: Dr. C. Santz, Altena. a S: 5 5 * * * S655. # S 89 S S 3 3 S 35 9 s BD RRTEE SamEr Vetage zum Anknott Auteibosian ubug, Arurmutts Sn Nr. 20 Samstag, 18. Mngl Das Heirats gesuch Pfingstskizze von Paulrichard Hensel. Robert Bruns fühlte sich mit fünfzig Jahren noch nicht alt genug, um sein Leben auf sich allein zu beschränken. Aber es war nur eine Laune, als er das Heiratsgesuch in die Zeitung gesetzt hatte. Er wollte Menschen kennen lernen, aber er konnte sich nicht mehr binden; es gab einmal eine Zeit für ihn, in der er hohe und strenge Ansichten von Ehe und Gemeinschaft besaß; es war ihm keine Freude daraus entstanden. Eifersucht, Mißverständnisse, das Unvermögen, seine Gedankenwelt mit der leichteren Lebensauffassung der Frau in Einklang zu bringen, alles das hatte ihn unsicher und zermürbt gemacht. Er setzte die Scheidung durch, weil er es für alle Teile am besten hielt Mit der Schuld, die er auf sich nahm, verlor e Weib und Kind. Seit jener Zeit— sie lla schon weit zurück— war er nicht viel gluck. licher geworden. Viele hatten auf sein Gesuch geantwortet. Die Briese einer jungen Dame fesselten ihn am meisten. Das mochte ein Abenteuer werden! Was war Recht oder Unrecht? Er wollte keinen Kampf der Widersprüche, der Ansichten mehr, sondern es sollte ein Spiel werden, eine Freude, die Herzweh ersparte— und es schien Bruns fast, als od im Grunde die junge Briefschreiberin genau so dachte wie er. Und auf seine Einladung, Pfingsten in seinem wagen gemeinsam einen Ausflug zu machen, hatte er schnell eine Zustimmung bekommen. Langsam fuhr er zur verabredeten Zeit, seinen Wagen selbst lenkend, dem vereinbarten Treffpunkt zu. Er hatte ja noch immer Gelegenheit, gleichgültig vorbei zu fahren, wenn ihm das Gesicht der Erwarteten nicht gefiel. Da hielt ein paar Seitenstraßen vorher ein Ruf ihn an. Ein schlankes Mädchen von etwa achtzehn Jahren trat schnell näher und reichte unbefangen dem Manne die Hand. „Guten Tag, Papa.“ Und während er sie noch betroffen und aus seinem Gedankengang gerissen ansah, öffnete sie schon die Wagentür: „Du nimmst mich ein Stückchen mit, ja? Das trifft sich ja fein!“ Ein paar Minuten lang war Robert Bruns verlegen. Monatelang hatte er seine Tochter nicht gesehen. Bisweilen besuchte sie ihn. Denn was hatte sie mit dem Konflikt zwischen den Eltern zu schaffen? Nun saß sie da, froh, ihn zu treffen, jung, vergnügt— sollte er da sagen: Kind, gerade heute habe ich keine Zeit...? Er hatte Erika, sein Kind, immer gern gehabt. Ihre Unbefangenheit, die nie mit Fragen an die Situation, in der sie zu dem Vater stand, rührte, war erfrischend. Auch jetzt plauderte sie frisch drauf los, als wäre es das Natürlichste auf der Welt, daß sie gerade heute neben ihm saß. Aber die Straße weiter fahren bis zu der Säule, an der eine andere wartete, konnte er nun nicht. Langsam wendete er den Wagen. Ernste Eichen kronenbreit, alte Höfe, graue Katen, mitten drin das Gotteshaus und ringsum die jungen Saaten. Orgelrauschen schwillt herbei, Helle Kinderstimmen beten, Flehend quillt der Pfingstgesang aus der ernsten Tage Nöten: „Heil'ger Geist, kehr' bei uns ein!" Wunderew'ge Glaubensweise! Ueber Feld und Wiesen ziehn Lerchen ihre Liederkreise. Ludwig Bäte. „Ich störe Dich doch nicht, Papa? Ist doch auch ganz schön, mit einer jungen Dame in den Frühling zu bummeln, nicht wahr?" Er lächelte.„Sei nicht so kokett, Erika!“ Sie sah ihn groß an.„Wieso bin ich kokett? Ist es nicht schön?“ Er schwieg. Sie waren bald am Ausgang der Stadt. Nach einer Weile sagte er:„Du fragst gar nicht, wie es mir in der letzten Zeit gegangen ist?" „Ich weiß, nicht allzu gut. Ich sehe es an Deinen Augen. Da hat man meist das Fragen nicht gern.“ Sie war von einer fast kalten, aber sicheren Logik. Wie sie so ihm nahe war, in dem hellen Mantel, mit der nachlässigen Anmut der an Selbständigkeit gewöhnten jungen Dame, wunderte sich Bruns, daß dies sein Geschöpf war, daß dieses Mädchen lebte und sich entwickelte, ohne daß er Anteil daran hatte. Warum dachte er nicht mehr an sie, bekümmerte sich nicht mehr um sie? Es war ein ganz frühlingsechter Wunsch, dieses Mädchen viel um sich zu haben, sein Kind, in ihr Erinnerung an die eigene Jugend zu finden und die neue zu verstehen. Hier lag eine Aufgabe für ihn, eine Pflicht, deren Erfüllung verlockte. Und das Altwerden war dann nicht mehr voller Schrecken und törichter Gedanken. Da sagte Erika:„Schade, daß Bob nicht so einen Wagen hat. Wir hätten eine schöne Pfingstfahrt machen können.“ „Welcher Bob?“ fragte Bruns, und es war ihm. als müsse er den Atem anhalten. „Bob... nun ja, das ist ein sehr netter Mensch, den ich lieb habe...“ „Bist Du mit ihm verlobt?“ „Nein, das hat doch Zeit...“ „Und trotzdem hast Du den Wunsch, allein mit ihm fort zu fahren?“ Sie sah ihn verwundert an.„Wenn man etwas aus Liebe tut. kann es nie unrecht sein.“ Ganz langsam ließ Bruns den Wagen laujfen. Er konnte seine Gedanken nicht verschweigen.„Ich dachte eben daran, wie selten Du zu mir kommst. Aber nun wirst Du wohl bald gar sricht mehr kammen.... Erika war ernst geworden.„Bist Du wirklich traurig darüber, Papa? Aber die junge Dame, die Du heute kennen lernen wolltest, hättest Du doch auch bald wieder verloren.. Fassungslos sah Bruns das Mädchen an. „Was meinst Duk“....54e—4 Sie schmiegte sich dicht an inn, zartlich und schamhaft.„Ich dachte zuerst nur an einen Scherz. Aber dann habe ich gleich Deine Handschrift erkannt. Ja, ich bin die junge Dame, die Du heute erwartetest. Und ich wollte nicht, daß Du,— ja, das meinte ich wohl— daß Du enttäuscht wirst. Ich kenne Dich doch. Aber ich kenne auch die Jugend. Es sollte Dir nichte wehe tun. Und Du hättest Dich am Ende nur feärgert, daß Du anders gedacht und gehandelt ost, als Du es von uns, der Mutter und mir, umer wolltest...“ Ganz zusammengesunken saß Robert Bruns auf seinem Sitz. War das sein Kind, das so redete? Sprach die Mutter aus dem Kinde? Warum verstand er heute zum ersten Male, ahnend und erkennend, daß zwei Menschen, fern von ihm und doch vielleicht nahe, lebten, die an ihn dachten, sich um ihn sorgten, und daß darum seine eigenen Gedanken und Wünsche kein fremdes Ziel zu suchen brauchten? Es war Pfingsten— hatte er nicht einmal das gelesen: Und Eure Söhne und Töchter werden weissagen? Er wunderte sich, wie klar er sich daran erinnerte— „Bist Du mir böse, Papa?“ fragte eine schmeichelnde Stimme. „Ich kann Dir ja nicht böse sein...“ Da lächelte Erika wieder.„Dann darf ich Dir ja auch sagen, daß die Geschichte mit Bob gar nicht wahr ist.“ Hei, wie der Wagen über die Chaussee flog! Nichts war mehr vom Altwerden in den Augen des Mannes, die jetzt verwundert über die grüne Pracht des Maitages blickten. —(2.— Der japanische Garten Pfingstskizze von Wilhelmine Baltinester. „Mein sehr verehrtes gnädiges Fräulein! Gestern habe ich Sie mit aller Innigkeit meines Herzens gebeten, eine kleine Pfingstreise mit mir zu unternehmen. Sie aber— an die ewige Anbetung vieler gewöhnt— wollten gleich eine ganze Schar von Bekannten mithaben. Ich teile nicht. Auf eine Pfingstfahrt mit dem Ballast der Bekannten, die man hier ohnehin leider allabendlich in Ihrer Nähe sehn muß, lege ich keinen Wert. Ich wollte mit Ihnen allein sein. Ich habe Ihnen viel zu saAn einen See wollte ich mit Ihnen fahren, dorthin, wo bläulich glänzendes Wasser vom schaumigen Weißflor mailicher Obstgärten umblübt ist— oder dorthin, wo trat n * 98 GEus SK 305 BBEEZ BPEnE.e.. E 85SF G SESS URB 55 m8AE E ##g S. S X8X. 5 8. SHEFESES S BUhaUns chworzgrün in den weichbkauen Frühlingohammel wachsen. Ich wollte in Ihren Augen die Schönheit der Welt sich spiegem sehen und Ihre Stimme— die Glocke meines Herzens— in der sanften Wiesenweite hören. Nicht die Stimmen anderer. Zwar haben Sie meine Bitte nahezu abgeschlagen, das heißt, Sie lächelten ungefähr so, als hätte ich verlangt, daß Sie morgen mit mir nach den Kolonien auswandern. Dennoch: ich bin zäh und habe die Hoffnung nicht fahren losson! Gestatten Sie, daß ich Ihnen als kleinen Vorgruß für die Pfingsttage diesen japanischen Miniaturgarten sende. Nehmen Sie dieses lebendige Bild einer schweigenden Melancholie freundlich auf. Dieser kleine Garten, halb Spielzeug, halb wehmütiges Abbild eines kleinon Stückchens Welt, soll zu Ihnen von meiner Schwermut sprechen. Ein Spielzeug für ein Winkelchen Ihres Salons— und dabei eine ewige Mahnung an mich und meine Traurigbeit! Sehen Sie: ein Japaner, würdevoll und traurig, wandelt langsam durch den einsamen Garten, wandelt unter verrenkten Bäumchen, an winzigen Blumen, Pflanzen und Ranken vorbei. Bald wird er die hochbogige, zarte Brücke betreten, um dort oben stehen zu bleiben und in den sanften Bach hinab zu sehen. Er wird fließenden Tiefe seir eife Zu Pfingsten Quellender Frühling! Strahlende Bläue! War schon einmal die Erde so schön? Sind schon einmal, in leuchtendem Bogen Jene schimmernden Wölkchen geflogen? Lachten voll Blüten Wiesen und Höhn? Rauschten die Böche sturzfröhliche Lieder, Hallten die Gärten von Meisensang wieder— Oder ist alles aus Rand und aus Band, Nur, weil der maßlose Winter entschwand? Pfingsten, du herrlichstes irdischer Feste, Leuchtendes Leben, jubelnd Getön, Deine Tage sind himmlische Gäste: Nimmer noch war die Erde so schön! Was wir erlitten, ist lange versunken: Leben, Leben rauscht um uns her, Leben sprüht leuchtende Geistesfunken, Unerschöpflich wie Himmel und Meer! Alice Freiin v. Gaudy. s#b er viel versichen weibe, ba in dem kleinen Saal, wo sich der Anschluß befand, heute Abend der Herr Zuckerfabrikant und die Herren vom Rathaus ein kleines Fest feiern würden. „Schon wieder der Zuckerkönig“, dachte Hassenkuff, da er aber keinen anderen Ausweg wußte, nahm er sich vor, hinzugehen und seinen Platz am Lautsprecher zu verteidigen Und er malte sich den Vormittag und den Nachmittag über die weihevolle Szene aus, wie der Lautsprecher die Alltagsgespräche der Herren mit seiner Ankündigung unterbrechen würde:„Achtung, Achtung, Achtung! Es folgt Bernhard Hassenkuff=Buchrode, eine Pfingstsymphonie!“ Wie sie dann starr sein würden, die Gein der fließenve. Diese sein Antlitz erblicken und sich bang verzweifelt danach sehnen, das einzig geliebten Frau neben sich zu Er wird es nicht neben sich haben, denn sie ist sern— mit vielen Bekannten, die ihr warmes Lachen, ihre Seidenhaut, der flirrende Schmelz ihrer goldbraunen Augen anlocken. Sie hat die schwatzende Schar der Vielen vorgezogen— jener vielen, die sie begehren, ohne nach ihrem gen! Joner niolen, die sie liohon den Kirchen= und Bürgerchor und schrieb heimlicherweise Stapel vor Towerken. Herzen zu fragen: Jener vielen, die sie lieben, weil sie schön ist, und die gleich aufhören, wize weil sie schön ist, und die gleich aushören, wir den, sie zu tieben, wenn eine Gottesstrafe sie über Nacht häßlich machte. Der eine, der sie ganz liebt, der eine steht verlassen auf der hochbogigen Brücke über dem Bache und sehnt sich krank. Noch einmal bitte ich Sie: Reisen wir allein! Wenn Sie aber anstatt eines Liebenden viele Verliebte neben sich haben wollen, wenn Sie darauf bestehen, daß diese Schar mitkggunt, Nichermerse Stapel von Tolllbernen, Lieder, Sonaten, Kantaten, sogar eine Oper wuchs zusehends unter seinen fleißigen Händen, ohne daß in Buchrode jemand anders von dieser Tätigkeit etwas gemerkt hätte, als die Reichspost, wenn nämlich der Kompositeur seine Handschriften eingeschrieben an die Musikverleger und Konzertdirektionen schickte oder sie von dort mit einem ablehnenden, aber ermunternden Schreiben zurückhielt. zerknickt, daß der Bach, der aus dem großen Splitter eines Spiegels nachgebildet ist, in lauter winzige staubseine Splitter zerstäubt, daß die kleinen Pflanzen ihre dünnen, dunkeln Wurzeln wie verkrampfte Spinnenbeine aufrechen, daß der spitzhütige Pavillon zerschellt, daß alles zunichte wird, alles verdirv. und stirbt. Daß der traurige Japaner— in Ihren bloß ein Hampelmann aus lackiertem — starr vor Ihren Füßen liegt, mit unbeglichem gelben Antlitz. Ein Toter. Aber noch einmal bitte ich Sie: Reisen Sie mit mir nach S.— Ihr ganz ergebener Fred — An einem Postschalter wurden zwei LepeDe sihr er dune dins bui. unt zweite:„Herrn Bob Schniddi, Berlin. Benachrichtige alle Bekannten, daß Pfingstaus#ug Daß außerdem seine sonst so sichere Hand ein wenig zitterte, wenn er die zwar eifrigen, aber noch recht ungeschickten Finger der hübschen Anni auf den schwarzweißen Tasten beaufsichtigte, und ordnete, sei nur nebenher erwähnt, ja man kann sogar hinzufügen, daß die kunstschwärmerische Tochter des Zuckerfabrikanten, vielleicht nur in Ermanglung anderer geeigneter Gegenstände, in ihrem Lehrer einen jungen Mozart bewunderte und, wenn er nach der Stunde noch eine Weile auf dem Klavier phantasierte, sich in den Plüschsessel schmiegte und süße Wehmut empfand. Da geschah etwas ganz Unerwartetes: Hassenkuff hatte unter anderem auch an den Rundfunk der Hauptstadt eine größere Tondichtung, „Die Pfingstsymphonie“, geschickt, die er in den Wintermonaten in seinen zwei Stuben niedergeschrieben hatte. Und nun traf plötzlich, am letzten Tag vor Pfingsten, bei ihm ein schminter. ganz gewöhnlicher Brief ein, dessen Aufdruck Die Pfingstsumphonie Von F. A. Fahlen. Man konnte eigentlich nicht behaupten, daß in Buchrode, dem anmu tig zwischen soatgrünen Hügeln, eine halbe Stunde von der Eisenbahn gelegenen Landstädtchen, Herr Hassenkuff, Bernhard Hassenkuff, Musikhilfslehrer am Progymnasium, die Hauptperson sei. Im Gegenteil, der Bürgermeister Korn, der Beigeordnete Kullmann und besonders Herr Karl Friedrich Brambach, der vermögende AutobeRecht viel mehr für sich in Anspruch, wenn man Bändel hatte, die wirkliche Herrin von BuchHerr Hassenkusf gab in al gr, Siggien altertümichen„hohen Schrhzigigen Aenderung sütstumden, hied mit einer bitzungen„Hasenseines guten Namens bei den.„üchtreiendes, kopf“, und sein etwas weich zurumtrgig e een Seberer beihen den er selbst wie die Sünde haßte, nicht einmal schlecht. Außerdem gab er einige auch der achtzehnfährigen Buni, settete. „Rundfunkgesellschaft" lautete. Hassenkuff schimpfte schon, ehe er öffnete, innerlich sehr und beschloß, den Leuten eine geharnischte Erklärung zu senden, weshalb sie ihm sein Manuskript nicht zurückschickten zugleich mit ihrer Absage. Denn eine Absage war es, das wußte er. Und nun öffnete er den Brief. las, las nochmals, schöpfte tief Luft, glaubte, seine beiden Junggesellenzimmer tanzten um ihn herum, ließ sich in seinen Schrggigschl, folg und blickte versonnen in die Lonojjehjiächhese über den roten Düächern in gastseg, Priseonrz prangte. Die Rundfunkgesellschaft teilte rhia in kurzen nüchternen Sätzen mit, daß in notwendigen Umänderung des Programme am Pfinostsonnabend: in der Nachtmusik Pfingstsymnbonie ihre Uraufführung erleven werde. Die verspätete Nachricht bat man zu entschuldigen mit technischen Schwierigkeiten und Umstellungen. Bernhard Hassenkuff saß noch immer, den Kopf in die Hände gestützt und sah die weißen Wölkchen hinter dem grünüberhauchten Waldrand drüben auftauchen und in den klaren Himmel treiben. Dann sprang er auf und überlegte. Nach der Hauptstadt zu fahren, erster Gedanke, war unmöglich, am heutigen Sonnabend hatte er vormittags Kirchenchor, nachmittags Bürgerprobe. Nicht einmal bis in die nächste größere Stadt konnte er. Also, wo gab es in Buchrode Anschlüsse? Ihm waren nur zwei bekannt, der eine mit Lautsprecher im „weißen Lamm“, der andere beim Fabrikanten Karl Friedrich Brambach. Zu Letzterem zu gehen, war ausgeschlossen, das Herz schlug dem Musikmeister, wenn er nur daran dachte. Aber das„weiße Lamm“, darüber ließe sich reden. Während er sonst zu Hause billig und bescheiden zu essen pflegte, ging er heute ins„weiße Lamm", stellte fest, daß der Lautsprecher in Ordnung war, fragte beiläufig, ob er diesen Abend hören kommen dürfe, was der Wirt zar gen erleuchte, ober zgleich begmesielte) sichter vom Herrn Bürgermeister, vom Beigeordneten, vom Fabrikanten, und wie man ihm so manche Zurücksetzung abbitten würde! So hing den Tag über bis zum Abend der Himmel voller Geigen und die Viola d'amour spielte eine leise Melodie dazu. Abends, zur Stunde der Nachtmusik saß Hassenkuff im„weißen Lamm" und trank ein bescheidenes Gläschen Wein; er sah, wie Sektkühler in den Saal getragen wurden und hörte vom Oberkellner, daß die Herrschaften drinnen schon recht angeregt seien, der Herr Brambach mit Tochter, die Herren vom Rathaus mit ihren Damen. ein paar Fabrikbesitzer aus der Nachbarschaft. Der Musiklehrer schwankte, ob er sich hinein wagen solle, aber schließlich, es war doch seine Pfingstsymphonie, die jetzt gespielt wurde, und so ging er linkisch und ein wenig befangen zum Lautsprecher, der seitlich in einer flachen Nische stand, nahm einen Stuhl, setzte sich davor, nachdem er sich gegen den Tisch mit den Festgenossen, unter denen er undeutlich auch Anni erkannte, verbeugt hatte, und stellte ein. Die Flamme leuchtete auf, man hörte, etwas gestört durch die lauten Gespräche am Tisch, die Uhr im Radio ticken. Brambach, der schon recht pfinastselig war, ärgerte sich über den kleinen Musikanten, der wie er es empfand, sich in seinen Kreis einzudrängen versuchte. Nun begann der Radioansager: Achtung, Achtung, Achtung! Hassenkuffs Herz klopfte zum Zerspringen— jetzt kam sein Werk!.... Da erhob der Zuckerfabrikan seine Stimme, schlug dröhend mit der Faust auf den Tisch und rief, den Ansager nachahmend:„Achtung, Achtung, Achtung, wir singen das schöne Lied: Der Mai ist gekommen. Es steigt die erste Strophe! In dem Lärm der ausschlagenden Bäume ging die Stimme des Ansagers und die ersten Takte der Symphonie unter, kaum, daß Hassenkuff, der gebeugt und blaß, den Rücken halb gegen die Gesellschaft gewendet, in den Lautsprecher horchte, sein Werk hören konnte. Er nagte an seiner Unterlippe: Hunderttausende genossen jetzt seine Kunst, er selbst konnte gleichsam nur wie ein Dieb zusammengeschüttelte Bruchstücke vernehmen. Die zweite Strophe vom Mailied, die dritte und vierte ließ Herr Brambach unbarmherzig im Chorus singen, dazu klangen die Gläser, zwitscherte Gelächter, schmetterte breites Lachen. Nun kam die Stelle, die schönste Stelle, wo der kleine Musikus den Mai in Buchrode feierte, die blühenden duftenden Veilchen im Stadtgraben, die brennend grünen Spitzen an den Buchenästen im Kammerforst oben, das Frühlingstreiben auf dem Wochenmarkt, die Maisonne an den alten Dächern, die flitzenden Schwalben in den Gassen und das ganze Prangen des Frühlings. Die Geigen jubelten, die Klarinetten kullerten, die Harfe sang wie ein beglücktes Kind. Dazu lärmte Herr Brambach:„Und nun, meine Damen und Herren, nun knobeln wir die nächsten drei Flaschen Sekt aus!“ Und er gab sich mit hallender Stimme daran, mit seinen Fabrikfreunden Stein, Scheere und Papier zu spielen, immer unter Toben und Hallo. Ja, er, der reiche Herr Brambach, wollte sich doch nicht in seiner Gemütlichkeit von einem Klavierlehrer stören lassen. Aber er hatte nicht beobachtet, daß Anni, die hübsche, blonde Anni, schon eine Weile mit Unwillen auf sein Treiben geblickt hatte und dazwischen den blassen Musikanten mitleidig betrachtete. Nurg geschgfgter vlötzlich, daß mitten im lautesten Kn###etlärm Fräulein Anni aufstand, fest und tapfer zum Lautsprecher hinüberging, einen Stuhl nahm und sich zu ihrem Lehrer setzte. Der begrüßte sie etwas ungeschickt, aber tief beglückt und nun horchten die beiden und hörten, ohne weitere Erklärung, zusammen den Rest der Symphonie. Und vielleicht hatte Fräulein Anni doch eine Ahnung, was im Finale dieses schwebende Geigenlied bedeuten hatte, dies Jubeln und Weinen und Eingestehen einer süßen, hoffnungslosen Liebe. Es war aber, als ob der Vater durch biesen kühnen Schritt seiner Tochter doppelte Kraft zu Lärm und lauter Fröhlichkeit gefunden habe, jedenfalls konnte am Tische vom letzten Satze des Tonwerkes mit dem besten Willen nichts verstanden werden.66 In Annis Augen funkelte es aber bedennlich. „Achtung, Achtung, Achtung!" Die letzten Takte waren vorbei, und wie der Zufall es brachte, gerade in diesem Augenblick war Herr Brambach und die anderen am Tische still. „Achtung, Achtung, Achtung! Wir hörten die Uraufführung der Frühlingssymphonie von Bernhard Hassenkuff=Buchrode", klang es in die Stille, so deutlich, daß niemand es mißverHerren vom Rathaus sahen etwas unsicher zum Lautsprecher hinüber, als ob sie sich vergewissern wollten, die Damen waren verHerr Brombach aber, verängert, sagte kaut: „Ach nee, sieh mal an, der Hasenkopf!“ Da nahm mit jäher Bewegung Bernhard Hassenkuff den Hut und ging still hinaus, blaß, aber in sehr guter Haltung.„ Anni war aufgesprungen, sie beote vor Zorn und spannte die Arme, als ob sie sich auf jemand stürzen wollte. Dann rief sie mit lauter, a fester Stimme, gegen den Vater gerichtet:„Ihr seid alle miteinander gehörige Banausen!“ Und eilte dem Musikanten nach, erwischte ihn noch auf der Straße und sagte ihm so hübsche Sachen, nahm seine Hände, war so sichtbar, griffen von dem Werk und dem Erfong, daß alles rosenrote Glück sich auf den viel geprüften Komponisten herabsenkte.. 16 Unter dem maileuchtenden Sternhimmel, auf dem holprigen Kopfpflaster der Gasse vor dem „weißen Lamm“ auf und abwandernd, sprachen die jungen Leute über dies und das, und als die Damen des Pfingsttisches nach einer etwas heftigen Auseinandersetzung in der Tür des „weißen Lamm“ erschienen, war Anni über ihre Absichten ganz im Klaren, ging zwar wieder mit hinein, war auch nicht mehr scharf gegen die väterliche Gewalt, und doch war in diesem Augenblick ein Kampf zwischen Vater und Tochter entbrannt, der um Weihnachten, als Hassenkuff schon durch viele Werke bekannt und berühmt geworden war und einen Ruf in die Hauptstadt erhalten hatte, mit Annis Sieg und einer Verlobung endete. —.— Bekenntnis Eine Geschichte in Briefen von Maria Zenne Mareilis— gestern ist Detmar mit der Cai Polonio heimgekehrt. Die drei Jahre in Rio sind ihm gut bekommen. Braun, frisch, stolz und voll froher Laune ist er wieder bei uns. Ein ganz anderer Rhythmus herrscht mit einem Male in unserm Hause. Alle zieht er in seinen Bann, sogar Tante Gottfriede. Detmars erste Frage galt Dir. Er hat Dir mehrmals geschrieben. Ein Brief kann verloren gehen, aber nicht mehrere. Warum antwortest Du nicht? Ich mußte ihm sagen, daß ich seit unserm gemeinsamen Jahr im Seminar auch nichts mehr von Dir gehört habe. Selbst nicht auf die Einladung an Dich zu uns aufs Land. Du glaubt nicht, wie schön ich mir alles ausgedacht hatte. Du solltest meine Inka reiten, und ich selber Fate, Haxe wohl sie schiecht im Gu##pp##.„Ist das kein Freundschaftsbeweis? Und Dur Ich bin haffnungslos neugierig, was Du denkst, tust,####bst, und womit Du uns so einfach vergessen hast. Detmars erster Weg soll zu Dir sein,„arz.ag fragen, ob Du seine Frau wirst. Wir aue sind ebenso einverstanden wie begeistert. Nur Tante Gottfriede sitzt um einen Grad aufrechter im Stuhl. Aber laß sie Deine Art erst erkennen, Stolz gegen Stolz, und ich bin sicher, Herz zu Hern. Barbara— Deinen Brief empfing ich wie alle andern auch. Ich chwigeg sch tet aus dem Lichtkreis Deiner Freundschaft. Zu uns kam die Schande mit guteleeren Handen. Kannst Du verstehen, daß man aus Liebe das Liebste aufgibt? Sicher nicht. Du nicht. bist so licht und froh und positiv. Du würdest um Dein Glück kämpfen. Und das ist recht. Ich aber verkrieche mich, flüchte vor Dir, vor Detmar, besonders vor mir selbst. Das ist falsch. Ich weiß es. Aber es gibt Dinge im Leben, mit denen man nicht gerechnet hat und zu denen man nie Stellung finden vonn. So höre die Geschichte meines Schweigens: Bruder Wolfgang kommt vom Krieg. Sturm soldat ist er gewesen. Vier Jahre. Du weißt es. Vater ist müde geworden. Er gibt ihm das Geschäft. Der Krieg. die Inflation, der Pfingsten ruft Hörst du die Pirole rufen inbrunstvoll im Heimatnest? Steig empor auch steinige Stufen, stramme deine Muskeln fest! Laß dic Adern trotzig schwellen, weg mit allem Weh und Ach, wieder brausen alle Quellen, brause mit und werde wach. Wohl— viel Schönes ist versunken, doch der Spiegel überm Meer ist durchblitzt von Sonnenfunken, Schwärme tanzen drüber her. Ueberall das starke Streben, Daseinsfreude— Mut zum Glück! Pfingsten ruft zu Licht und Leben: Aufwärts richte deinen Blick! Eugen Stangen. * Pfingstbaum Silbriger Frühlichtschein— Pfingstfroh Erwarten— Wer huscht so früh allein Dort aus dem Garten? Alle die Blümlein steh'n Schelmisch und nicken. Ist auch zu wunderschön, Was sie erblicken... Und sie lugen verschmitzt, Ob nicht da drinnen Lachend ein Augenpaar blitzt In sel'gem Sinnen. Pfingstbaum steht vor der Tür, Hält treue Wache— Liebster kommt heut' zu dir, Mägdlein, ennache! Elly Wagner. Geldrausch, die Papiermillionen berauschen den jungen Chef. Die Angestellten füllen sich ihre Taschen, denn Wolfgang hat die Führung längst verloren. Blankowechsel werden ausgestellt, Verbindlichkeiten vergrößert, die Arbeitskraft sinkt. Die Wechsel häufen sich, und die Glaubiger spitzen die Ohren. Der Winter setzt ein, stärker und früher als sonst. Ein, zwei, drei Schiffsladungen frieren ein. Die Konossemente müssen eingelöst werden. Die Preise sinken. Und der Teufel lacht sich eins— haha Da kommt das Erwachen.„Ja, was denn nur? Wir haben keine Ware? So müssen wir kaufen. Wie? Wir haben keinen Kredit? Verflucht nochmal.“ Will der eine nicht liefern, so tut es der andere. Und der andere liefert. Es dauert nicht lange. Man fliistert an der Börse. Man spricht. Nan warnt. Zu spät. Der lepir, Gje gntze her schlt“ Momit sopise, schlen?„Der Lang Ja, um Himmelsniuen, was nun? Lunge dauert es, bis die Bücherrevisoren Ordnung bringen, und das Gericht prüft und verhört. Der Prokurist wird für geistig minderwertig erklärt. Er kann sich absolut nicht erinnern. „Wollen Sie nicht auch von dem Recht der Unzurechnungsfähigkeits=Erklärung Gebrauch machen? Der Krieg, die Nerven: Wolfgang versteht nicht sogleich. Er ist der Verantwortliche, und er hat es getan. Das heißt, das hat er eigentlich nicht getan. Aber immerhin— es ist doch über feinzgegzne genge gangen. Ja, der Name, der alte schön,#e. Es folgt eine böse Nacht. Durch aue Pulse jagt die Schuld— der Name, der alte schöne Name.— Seit dieser Nacht glauben Vater und ich das Beten verlernt zu haben. Dann kommt ein Brief mit staatlichem Siegel, und Wolfgang packt den Koffer. Groß ist er nicht, denn er braucht nichts für die Reise. Klirrend verhallt sein Schritt, als kriechen Gliebern, und die Angel schrütt hinter schwar. 1 Da zieht der Teufel die Schlinge zu. Dies ist dic Geschichte unseres Leides. Nun weißt Du Aber Detmar darf sie nicht wissen. Nie darf er sie wissen. Ich schäme mich. Detmar wird nicht wiederkommen. Ich fühle es, er nicht wiederkommen. Er ist so reinlich. Ihr alle seid es! Darum saß Tante Gottfriede ua einen Grad aufrechter im Stuhl aus Iyr von mir spracht. Sie weiß es, man kann sie besudeln. Schmutz frißt und breitet sich aus! Wie eine Last fühle ich zum ersten Mal das fürchterliche Wort Schicksal. Ich will mich wehren und kann es nicht. Mareilis— wir haben Deinen Brief gelesen. Detmar wur bei uns, und Pogr,„esgeat heng sgetrunhen.„gemner bat ein Awon gesche, ugn deine schwute Atmosphäre lag auf uns allen. So habe ich das Wort genommen und gefragt: „Was soll uns am größten machen? hann uns am stärksten machen?— Uind was sicht ums am besten?— Varmher ich klugs Obenwaser, und 12 Frng 10 au. wie Tempo des Heute, wir können schon mal stolpern in der Hast dieser Zeit. Aber aufrichten sollen wir und besser machen, was falsch ist. Und wenn das gelingt, Wollen uchezier eig## Donnerwetter! Und das Wort der“ müssen wir fortan alle etwas größer schreiDann gab ich Papn einen Kuß und Detmur einen Nasenstüber, denn umgekehrt habe ich es Deinetwegen nicht gewagt. So ist es, Mareitis, und wenn Du nicht zu uns kommst, kommen wir zu Dir. 1—„ Und sie kamen! Sogar Tante Gottfriede! Sie fühlte, es lag etwas Besonderes in der Luft. Man mußte sich dran halten, wollte man nicht ins Hintertreffen kommen.„ Vielleicht hatten die Jungen voch was für sich, das anzuerkennen war, denn Mut war noch immer gut gewesen.. Agg Wgg.## Es ging ein Leuchten über ihre Ju. Z ersten Mal schmückte sie ihr Name. 15 ihr sollte Verstehen„Verzeihen“ heißen, und das hoffnungsfreudigste auer Worte— Liebe — lehrte Mareilis und ihren Vater wieder dus Beten. —2— Der abergläubische Bräutigam Eine Pfingstnovelle von Rudolf Lindemana. Zu Ostern hatte der älteste Sohn des Erlenhobamuers um die funge Erbin des Brauchhofer gefreit, und es war ihm sehr wichtig daß ihm auf dem Wege zur Werbung weder ein altes Weib, noch ein schwarzer Kater begegnet waren. Der junge Erlenhöfer war abergläubisch wie seine Mutter, und das war kein gutes Erbteil. Trotzdem hatte sich die Bruchhöferin nicht lange geziert, ihr Jawort zu geben. Strube war ein hübscher, stattlicher Bursch und ein tüchtiger Landwirt, es gab nichts gegen ihn einzuwenden, und den dummen, kreinen Abenglauben wollte sie ihm schon abgewöhnen. Zu Pfingsten sollte die Hochzeit sein, Pfing sonntag, so hatte man beschlossen. Und alle, die man geladen hatte, waren gekommen. Das ganze Dorf war auf den Beinen, als die Bruchhöfer und Erlenhöfer Verwandten mit Kind und Kegel auf geschmückten Leiterwagen einrückten, als man am Pfingstsonnabend im Gasthaus mit Scherben, Musik, Tanz und reichlichem Essen und Trinken das junge Paar aus dem Ledigenstand hinauspolterte, die mühgewordene Braut um Mitternachr heumgele###le und drei Stunden später den schwer schlafenden, schnarchenden Bräutigam mit Lärmen und Lachen in seiner Kammer aufs Bette legte. „Der kriegts fertig und verschläft in seinem Rausch die eigene Hochzeit“, lachten die Bauernsöhne, die zur Entstehung dieses Rausches nicht wenig beigetragen hatten. Aber am anderen Morgen war Karl Strube doch zur Stelle. Etwas bleich und still, doch pünktlich. Die mit Maiengrün geputzten Hochzeitswagen verließen in langer Reihe den Bruchhof, voran das junge Paar unter einem Baldachin würzig duftender Birken. Der frische Pfingstmorpen gugh geur junge Braut, und die