T##gr Eoße Böbag OSSSEEn ua 2—. 83 S 3358 SaS S S 4 E— ## 2 2 5 5 8. n S g.g. F• 8 8 * 3 9 Erinnerungen. Früher war es anderes. Seit Mun übe: vor vier Jahren um Ostermorgen beim Steingzelandei auf der Donaubrücke den gelden Flauschnuntel und den kleinen braunen Hut gefunden hatte, dobei einen Abschiedsbrief mit den steilen festen Schriftzügen der Hilde des einzigen Kindeo der Hellwigsleute, war es aus mit der Lebensfreude und den glatten Gesichtern. Gram grub Furchen in die Züge Schweigen verdrängte das fröhliche Gespräch Zuerst vermochten sie das Schreckliche nicht zu sassen. Wenn Hilde auch trotz aller Mühe keine Stellung finden konnte, brauchte sie dock nicht gleich ins Wasser zu gehen. Niemand hatte ihr etwas angemerkt, keinen Hauch von Lebensmüdigkeit. kein Verzweiseln. Es konnte nicht stimmen. Als man aber nach acht Ta gen unterhalb der Tonaubrücke eine aus Land gespülte, stark ausgedunsene Mädchenleiche fand, erkannten die beiden Alten in ihr obwohl die Leiche sast unkenntlich war. ihre unglückliche Tochter. Sie ließen die Leiche in aller Stille beisetzen und errichteten dem einzigen Kind einen schönen Grabstein. Jeden Sonntag besuchten sie das Grab der Tochter und pflegten es gut. Jedesmal zu Ostern holten sie den Abschiedsbrief Hildes herbei, dessen klare, steile Schriftzüge von dem Kctlimmen Entschluß Kenntnis gaben. Die Nachstaben der Toten standen wie spitze Lanzen und stießen beim Lesen die Herzen der beiden Alten wund. Auch in diesem Jahre holte Vater Hellwig den zerknitterten Brief aus der Lade, als beide von einem frühen Besuch der Grabstätte nach Hause gekommen waren. Er hielt den Brief in der Hand und betrachtete die spitzen Buchstaben. Seine Frau schaute stumm in ihren Schoß. Eltern besuchen. Erschöpft hielt der alte Hellwig inne und wischte sich benommen die diknen Schweißtropfen von der Stirn. Im Briefumschlag lag noch ein kleiner Umschlag. der ein Lichtbild und fremde Geldscheine enthielt Der Alte betrachtete das Bild und erblaßte Nun betrachtete es auch die Muter. Sie rie sofort:„Das ist Hilde! Wie gut sie aussieht!“ „Wenn es nur kein Schwindel ist! Wir haben sie doch damals in der Toten genau erkannt,“ meinte bedenklich der Alte. Da ereiferte sich die Frau; das könne kein Schwin del sein. Das Mutterauge sähe genau. Das sei Hilde.„Uebrigens konnten wird die Tote damals auch gar nicht mehr erkennen. Sie hatte mit Hilde nur die gleiche Größe und dieselben schwarzen Haare, und die Kleider waren zerschunden.“ „Aber wer war denn die Tote?“ fragte Hellwig.„Freu Dich nur nicht zu früh! Ich will erst mal beim brasilianischen Konful Erkundigungen einziehen. Sicher ist sicher.“— In diesem Augenblick blingeste der Postbote und gab einen Brief ab. Frau Hellwig besah ihn unschlüssig und reichte ihn ihrem Mann Der betrachtete, wie geistesabwesend, erstaunt die bunte fremde Marke und entzifferte den Poststempel.„Rio de Janeiro“. Er schüttelte den Kopf und verglich die Adresse. Es stimmte. Die Schrift kam ihm merkwürdig bekann! vor. Er hielt Hildes Abschiedebrief daneben und rief:„Frau, sieh mal, wie änhlich diese beiden Schriften sind, soll man solche Aehnlichkeit für möglich halten! Von wem mag der Brief wohl kommen?“ Die Mutter betrachtete am hellen Licht des Fensters das Bild noch einmal genau. Sie wußte, daß es Hilde war. Die Liebe einer Mutter ist groß, und sie irrt sich nicht. Umständlich öffnete er mit dem Taschenmesser die Hülle, rüchte die Brille zurecht und las laut:„Meine lieben Eltern!“—— Er stutzte und meinte, das müsse ein Irrtum sein Er schaute noch mal auf die Anschrift. Es stimmte. Dann las er die Unterschrift:„Eure Euch stets liebende Tochter Hilde!“ „Frou, was ist das? Will ums jemand verbehnen!“ Frau Hellwig nahm den Brief, schaute hinein und sagte bestimmt und mit totenblassem Gesicht:„Das ist Hildes Schrift!“ Da sahen sich die beiden Alten an und dach den an Spuk und Schabernack. Die Frau faßte sich zuerst und meinte, er solle mal vorlesen was in dem Brief stehe, dann werden man ja sehen. Eine Weile konnte Hellwig vor Aufregung nichts sehen. Dann las er mit stockender Stinime, Hilde bäte die Eltern um Verzeihung für den ihnen angetanen Schmerz. Sie hätte damals, als sie keine Stellung bekam, den Entschluß gesaßt, nach Südamerika auszuwondern, hätte aber niemand in ihre Pläne einweihen wollen. Wäre ihr Lebensschiff in der Fremde gestrandet und sie im Elend verkommen, so hätte es niemand erfahren. Dann sei es besser für die Eltern gewesen, sie für eine Tote zu halten. Deshalb habe sie den Selbst mord vorgetäuscht, sich aber in Brasilien durchgekämpft, bereits Geld erspart und gedenke, sich in nächster Zeit gut zu verheiraten Ein Bild lege sie bei. Wenn es ihr weiter gut gehe, würde sie in einigen Jahren ihre Da begannen die Osterglocken feierlich zu läuten. Die beiden Alten salteten mit trönenden Augen die Hände und beteten stillen Dank. Dann wußten sie mit ihrer Freude nicht wohin, und sie ergingen sich in den gewagtesten Vermutungen und lasen immer wieder den Brief. An dem Bild der Tochter konnten sie sich nicht satt sehen, und sie merkten es selber kaum, daß nun wieder die Sonne herrlick strahlte und wieder Licht um sie war. Nach einiger Zeit erhielten sie die Bestätigung vom brasilionischen Konsulat. Die unbekannte Tote ließen sie in der Grabstätte ruhen. Wer weiß, welche Not sie in den Tod trieb. Sie pflegten das Grab weiter wie bis Nur den Grabstein mit Hildes Namen ernten sie, und Hellwig selber zerschlug ihn im Hose mit einem Hammer. Die Lüge Osterskizze von Paulrichard Hensel. Während unten in Davos Fremde aus allen Ländern, Reiche, Kranke und Gesunde, sich vergnügten, saßen wir auf der Terrasse des Sanatoriums oft und gern mit Schwester Bettina zusammen, die wir wegen ihrer freimütigen Art, ihrer unermüdlichen Hilfebereitschaft und ihrer kligen, alle Medizin verfpottenden Ansicht fast wie eine Kameradin schätzten. „Eine gute Tat, ein Entschluß hilft oft mehr,“ hatte sie einmal gesagt;„manchmal auch eine gutgemeinte Lüge." Und sie wußte viel von den Menschen zu erzählen, die hier gelebt hatten und nicht gesund werden konnten, weil ihre Seele kränker war als der Körper, und niemand sich darum kümmerte. Auch am Ostersonntag lagen wir wieder in unseren langen Stühlen unter der warmen Vorfrühlingssonne. Die Majestät der Berge vor uns, die Einsamkeit das Läuten der Glocken, das die klare Luft zu uns herau trug, schusen stille und feierliche Gedanken, ein wenig Sehnsucht, ein wenig Erinnerung. Auch Bettina schien uns etwas stiller als sonst. Der Eine und Andere fing an zu erzählen. Gedanken an Ostern, Erlebnisse und Deutungen— ach, man wird grüblerisch dort oben und such illes in der Welt zu deuteln und zu enträtseln— und da sagte Bettina, die zwischen uns jung war“,— wie gut ihr das La##n stand; sie war kaum dreißig—„war ich mit einem Ingenieur verlobt. Seine Fäh'gkeiten, sein Ehrgeiz führten ihn nach Südamerika. Dort hoffte er in zwei Jahren die Stellung zu gewinnen, welche die Grundlage für unser künftiges Leben bilden sollte. Zwei Jahre sind eine kurze Zeit nicht wahr? Und wie leicht st ein inneres Verbundenbleiben durch Briese! So denken wir. Aber wir vergessen, daß jeder, der Eine hier, der Andere dort, sein eigenes Leben weiter geht. So unbewußt, daß davon oft nichts in den Briesen steht. Ich freute mich über die Erfolge meines Bernhard, und es war länest ein Jahr der Trennung vergangen, als ich spürte, daß wohl in seinen Briefen mehr denn sonst von Aufträgen, Plänen und Aussichten stand, aber wenig von Sehnsucht und Heimverlangen. Ich hatte, ich weiß nicht warum, plötzlich das Verlangen, die Entfernung abeukürzen, das Verstehen zu erleichtern. Und da das nicht möglich war, ertappte ich mich manchmal dabei, einen ganzen Tag lang nicht an ihn gedacht zu haben. Es war gerade ein Österlog wie heute, als er mir schrieb, nun feien wohl die zwei Jahre bald um, aber er solle noch dableiben, man möchte ihn nicht entbehren, für sein Fortkommen wäre es auch besser. Wenn ich es aber wünschte, käme er auch zurück.— An einem Feiertag hat man genug Zeit zum Nachdenken. Und so ging ich in Gedanken die ganze vergangene und kommende Zeit durch. Ich liebte Bernhard seit sechs Jahren, hatte nie einen anderen Mann gekannt; uns beiden und allen Menschen, die von uns wußten, galten wir als der Begriff der Unlösbarkeit. Nun quälte er sich dort mit dem Gedanken an mich, die Rücksicht sorderten; und ich wußte jetzt, er war nicht der Mann, der sein Leben mit einem jungen Mädchen teilen konnte, ehe er seinen Lebensirhalt, die Arbeit, das vorgesteckte Ziel erreicht hatte. Sollte ich kleinlich sein und ihm den Weg zum Ersolg. zum Reisen seiner Vorsätze und Pläne versperren? Sollte ich die Frist verlängern, nur damit er weiter durch den Gedanken gehemmt wurde: da irgendwo wartet ein Mädchen auf mich? Aber ich wußte auch, daß er trotz allem kommen würde, schriebe ich nur ein Wort der Schnsucht. Also blieb mir nur eins, um dem Auferstehungstag zu seiner Bedeutung zu verhelsen, um den Gelebten frei von Reue und Bedenken zu machen: Unwahr zu sein statt ehrlich. Und darum schrieb ich ihm, er könne guten Gewissens bleiben und er dürfe mich auch vergessen, denn ich sei ihm nicht treu geblieben.— Ein paar Jahre später wußte ich, daß ich recht gehandelt hatte. Er ist zurückgekehrt und einer der bedeutendsten Männer seines Faches geworden. Seinen Namen kennen Sie alle!" „Und wenn er nun den Weg zu Ihnen zurückfände?“ fragte einer von uns wie in Bedanken. Bettinas Kopf senkte sich ein wenig. „Wäre er damals gekommen, hätte er an mich geglaubt,— ich war nur ein schwaches Mädchen und hätte gern widerrufen. Aber Auferstehung bedeutet den Beginn eines neuen Lebens. Und wer sie erlebt, muß sich über die Wege, die er gegangen ist und die er gehen wird, im klaren sein. Wie könnten wir jetzt etwras gewinnen, da wir nichts verloren haben! Hat er zu bereuen, daß ich jetzt hier sein darf und helsen, nicht nur einem helfen, sondern vielen?“ „Auch ich will Ihnen sagen, wie ich den Osierta; auffasse. Es gibt Dinge im Leben die nur einmal geschehen, aber Ansichten in uns gebären, die ewig bleiben. Als ich noch Da wurde es wieder still auf der Terrasse, und unsere Gedanken gingen verstohlen zurück, als suchten sie Menschen, die neben uns gingen und denen wir für eine stumme Tat abzubitten haben. Verantwortlich: H Semmelmann, Altena Druch und Verlag: P A Santz, Altena. Ostern Nun schneit aus märchenleisen Händen allnächtlich bunter Blumensegen, nun will die Sonne sich verschwenden und wartet dein an allen Wegen. Und wie die österlichen Glocken in dieser blauen Morgenstunde ihr Lied von Turm zu Turm frohlocken, da hörst auch du den Ruf: Gefunde! Und b'st du noch so leidversponnen, die Schatten müssen heut zerwehen, auch dich erweckt der Freudenbrannen: das heilig große Auferstehen! Kurt Bock. Ostertag Wie froh verjüngt schaut die Natur Mit wundertiesem Blick Dich an. Es singt und hlingt durch Wald und Flur, Das Gnadentor ist ausgeton. Erfülle Dich mit gold'nem Schein, Den sanft das Osterlicht Dir schenkt. O laß Dein Herz voll Liebe sein, Die wundersam Dich führt und lenbt. Und lausche diesem Freudenblang Von allen Glocken, nah und weit. Dann wirst Du mutlos nicht und bang In mancher Lebensdunkelheit. Franz Cingig. Die Blumenfrau Osterstizze von Paulrichard Hensel. Wissen wir, wenn wir sorglos durch die Straßen gehen, wie vielen Schicksalen wir begegnen, wie viel Erleben in seinem Anfang und Ende wir streisen? Wenn am Ostersonntag die Menschen festlich gekleidet in die Kirche gehen oder in das erste Erwachen der Natur hinaus fahren, ahnen sie nicht, daß es auch für sie Erlöser gibt, unbekannte, verborgene gekreuzigte.— An dem Schnittpunkt der drei großen Verkehrsstraßen der Stadt, im Halbrund zwischen Zeitungskiook, Tabakshändler und Plakatsäule, stand seit Jahr und Tog eine alte Blumenfrau. Sie hatte stets eine hübsche Auswahl billiger Blumen und war für manchen der täglich vorbei hastenden Großstädter, die nichts als das Häusermeer und ihre Arbeitsstätte darin sahen, das Zeichen, daß es Frühling wurde, wenn man Veischen kaufen konnte und daß mit den roten und blauen Astern im Korbe der Frau der Herbst gekommen war Ohne Ausdringlichkeit bot sie ihre Sträußchen an, war zufrieden mit dem, was sie verdiente, und füllte die Armseligkeit ihres Lebens mit den vielen Eindrücken aus, die sie im Laufe des Tages von den vorüber gehenden Menschen empfing. Aber das Uhrwerk ihres Körpers ging seit einigen Tagen nicht ganz zuverlässig— waren es die Beine oder das Herz? Das Stehen, das Ausharren bei jeder Witterung sielen ihr schwer; nur der Gedanke krank, untätig, ohne Erwerb und ohne Pflege zu Hause zu liegen, schreckte sie so, daß sie jeden Morgen immer wieder ihren alten Verkaufsstand einnahm. Am Ostersonnabend jedoch spürte die Frau, daß aller Wille nichts mehr gegen das Leiden vermochte, das ihrer Herr geworden war. Kaum vermochte sie sich aufrecht zu halten, morgen, wußte sie, würde sie nicht mehr hier stehen.— Und da dachte sie gar nicht mehr an ihre eigene schlimme Lage, sondern nur an ihre Blumen, die nun verwelken mußten, und an die Menschen, die, jeder unbewußt, dazu beigetragen hatten, daß sie von ihrem Plätzchen mit Augen und Gedanken an dem bunten Leben, das sich vor ihr abspielte, teilnehmen konnte. Wenn nun morgen ein Jüngling kam, der seiner Liebsten ein paar Blumen versprochen hatte und die alte Frau nicht mehr fand? Keine Freude sollte sie mehr geben können? Während sie so grübelte, bot sie gewohnheitsgemäß einem langsam vorbei gehenden Herrn ein Sträußchen an. Der blieb stehen, wählte gedankenlos aus, zahlte.— Er hat so traurige Augen, dachte die Blumenfrau, und hatte, zusammen, daß sie es mit beiden Händen umfassen mußte, und sagte hastig:„Nehmen Sie die Blumen mein Herr, ich bin zu schwach, um sie nach Hause zu tragen,— sie sollen Freude bringen, nehmen Sie,— nein, kein Geld.“ Nie hatte der Instinkt der Frau sie so gut geleitet. Der Mann, den der Zwischenfall aus trüben Gedanken gerissen hatte, blickte lange versonnen auf die unverhofften Blumen in seinen Händen, gelbe, langstielige Osterblumen Und während ihn Menschen stießen, Wagen lärmten, dachte er, wie sinnlos es wahrscheinlich für eine kleine Gasterei benötigte, zahlte, prüste selber das Gewicht jeder Büchse, holte eine diche Zeitung aus der Tasche und wickelte alles sorgfältig ein Als sich hinter ihm die Tür mit einem klimpernden Glockenschlag schloß, zählte Stepachin die Kasse durch und rief in den Hinterraum mit einem Tone der Erleichterung, daß nun wieder ein Tagewerk beendet war:„Andrei! Komm, Andrei! Wir wollen noch ein wenig aufräumen, dann können wir morgen länger schlafen.“ Stepachin freute sich schon im Voraus über den längeren Schlaf, und Andrei pfiff ein Lied ist, seiner Frau den Strauß zu bringen. Langedas ihm gerade in den Sinn kam war es her, daß er so ewas getan hatte; die Freude war ihm genommen worden. Nach den ersten Jahren seiner Ehe, welche die Erfüllung seiner Wünsche zu bringen schienen waren Mißverständnisse gekommen, Widersprüche, Interessenlosigkeit; aus dem Zusammenleben war ein Leben nebeneinander geworden, die freien Stunden abends zu Hause wurden zur Qual. Da ging man lieber zu Freunden, die Angst vor Zermürbung und Resignation vertrinkend. Was sollte er mit den Blumen? Ellinor würde lachen.—— —— Die Sonnenstrahlen kamen schon ins Zimmer, als Frau Ellinor erwachte. Verwundert sah sie nach dem Tisch herüber, auf dem ein großer Busch gelber Blumen stand. Verwirrt, als träume sie noch, strich sie sich das Haar aus der Stirn. Ja, was kam denn ihrem Manne in den Sinn? Draußen läuteten die Glocken. Ostern war heute, und da hatte er on sie gedacht und ihr diese Blumen gebracht, die sie so liebte,— vielleicht war es doch ein Traum, denn dies alles war so ungewohn. und fremd: Dies Zeichen eines Liebenden, die jäh aufwachenden Erinnerungen an andere fröhlichere Östertage, das seltsame, warme Gefühl, das ihren Körper durchströmte, die heimliche Schanz.— Als der Mann sie begrüßte, reichte sie ihm erst die Hand:„Ich danke Dir, Hans.“ Dann saßen sie beide eine Weile stumm, die Hände ungelöst, gebannt von dem einen großen Gefühl, daß es immer eine Auferstehung gibt immer den Anfang zu einem neuen Leben, wenn die Brücke dazu gefunden wird. Heimkehr Von Walter Meding. Um die Jahreswende hatte die Verwirrung begonnen. In den kleinen Laden des Händlers Stepan Stepachin in Kasan trat eines Tages in später Abendstunde ein Fremder. Er plötzlich raffte sie alles, was sie noch im Korbeverlangte verschiedene Delikatessen, die er „Das war eben ein weitgereister Herr, Andrej. Er hat da eine fremde Zeitung liegen gelassen.“ Andrei hob das Blatt hoch, wollte es glatt streichen und zu dem übrigen Einpackpapier legen. Aber mit diesem Blatt mußte es eine eigene Bewandtnis haben. Andrei starrte darauf, vergaß, was er noch zu tun hatte, hockte sich in eine Ecke. Plötzlich aber mußte er lachen. Er warf die Zeitung fort, trampelte mit dem Absatz auf ihr herum und setzte den Somowar auf. Nach dem Essen, als Stepachin schon in sein Bett gekrochen war, stieg Andrei noch einmal vom Osen herunter. In seinem Schädel mußte etwas vor sich gegangen sein: das zertretene Zeitungsblatt ließ ihm keine Ruhe. „Wahrhaftig, jetzt wird der dumme Andrei sogar eine deutsche Zeitung lesen wollen.“ machte sich Stepachin lustig und rollte sich lachend auf die andere Seite. Andrei kümmerte sich nicht darum. Wer lachen kann, hat ein gutes Gewissen, dachte er und steckte das Druchblatt in die Tasche. In seine Beine war eine Unruhe gefahren, die er nicht beherrschen konnte. Er drehte sich eine Zigarette. Sie half auch nicht. Schließlich raffte er sich auf, schloß leise hinter sich die Türe und wanderte durch die verschneiten Straßen, auf denen die einsamen Laternen wie Millionen Sterne glitzerten. Er ging die Wolga entlang, mußte immer gehen und auf das Krachen der Eisschollen horchen. An einem Lagerschuppen kramte er in spärlichem Licht wieder das Papier aus der Tasche, stöhnte, zitterte vor Anstrengung, führte den Zegefinger längs der Druckzeilen, ohne ein Wort zu verstehen. Nach Tagen, Wochen, kam er hinter den Sinn der Buchstaben, der ihn wie ein qualvolles Geheimnis auf Schritt und Tritt begleitete. Und als der Fremde wieder einmal allein im Laden war, bot er sich an, ihm das Paket in die Wohnung zu bringen. Er klingelte an der Tür, drückte dem Fremden die Sachen in die Hand, stotterte, errötete wie ein Kind und brachte es schließlich heraus:„Guten GEES #S.s 2 8 *** 2 S 8 7.56 S 8 m S SS- BLSESS, ESLES #g-StöggP isg 54555 Su SAHORBTEBAGE S STOENSDTUOERE GZOEENG IAEEEE #. S SEAE 8T2S S 988. 5.— S 4 OARRGU G S5 E S2.-SaE S#### C05 96 # SSCÖNS ETSTUS " S 9 E SBDS SSSas. S055SS JS SSSE S 6SEB JOLDETEE 55 S S 0, E S 84—E S E SchESBS3E3S DE. W E S S SgEg S—-# B 22 658 n urgEg ES 5S· SS. - F#SS 8• 65 GEn-Eg2 SDERSS Sr S. eg. 5.2 # 2•• D 2.0 —* S S =SE8 5 5 8 5 * * SA OGEETnSEgTE" EOPHLAUSTUDNT 15 S-ET 48SE TE250: H SESSESEE POSTEREE E G•EBESOSS OGEISSENS& Tag“— in stochendem, unbeholsenen Deutsch, aber es war, deutsch. Der Andere meinte, es sich um einen besonderen Gefallen und wollte ihm ein Extratrinkgeld anbieten, eeusg ödlichen Schamgefüh ergab sich fast gegen Andreis Willen. Der Deutsche interessierte für ihn. Und zwischen verwirrenden Zweiseln fügte sich die Vergangenheit Andreis, die er infolge einer Verwundung mit seinem Gedächtgerloren hotte. Es ging ein Brief nach Deutschlano an eine Frau Kästner, ob es einen Kaufmann Andreas Kästner gegeben hätte. Und nach drei Wochen kam die Antwort: ihr Mann Andreas Kästner wäre im Sommer 1917 in russische Gesangenschaft geraten und seitdem verschollen. Wenn man sein Grab gefunden hätte, so sollte man für iliegendes Geld einen Grabstein daraufsetzen. Und Andrei? Stepan Stepachin sagte wieLecholt;„Du mußt in ein Spitol, Andref, hörst : Ich glaube, mit dir ist etwas nicht in Oronung.“ Andrei wollte nicht wegfahren. Es konnte ja alles nur ein Zufall sein, aber.. auf einsamen Spaziergängen, auf denen sich die Erinnerungsbilder zu stechendem Schmerz verdichteten, sah er seine Frau, seine Wohnung den täglichen Weg zum Geschäft, hörte er Worte, die ihn angingen. Je mehr er daran dachte, je eindeutiger die Beweise wurden, umso unruhiger hetzten seine Gedanken durcheinander. Er hatte Angst. Wenn auch Alles stimmen sollte, er hatte ja hein Zuhause mehr.. zehn Jahre.. in zehn Jahren konnte viel geschehen. Er dachte diese Bedanken nicht weiter. Er schlug sich mit ihnen, wehrte sich gegen sie in langen quolvollen Nächten. Trotzdem saß er eines Tages im Zug. Aber seine Gebanken verwirrten, überschlugen sichk währerd der togelangen Fahrt. Die Verwirrung währte bis zu dem Ziel seiner Reise, erreichte ihren Höhepunkt, als ihn seine Frau am Palmsonntag, gerade als in der Kirche das Miserere gesungen wurde, auf dem Bahnhof erhannte und über seine Apathie erschrok. „sie mal Helene, das war so: wir hatten uns zu einem Spaziergang verabredet. Und wie das so ist— wir verirrten uns, ja. Nun wirst du wehrscheinlich mit dem Abendbrot so lange gewartet haben..“ Sie drückte ihn in die Kissen zu Hause, weinte erzählte mit einer weichen, tiefen Stimme, die er nicht verstand, die ihn aber einschläferte wie ein Wiegenlied. Und nun kamen Tage unter deren Stille sie zusammenzubrechen drohte. Tag für Tag saß sie an seinem Bett las aus seinem Gesicht die Leidensgeschichte eines Menschen, den sie noch immer nich kannte, las, verstand, als wäre sein Gesicht ein frommes Buch Urd in der ganzen Stadt war eine Stille, als horchten Alle auf die unregelmäßigen Atemzüge dieses einen Menschen, der aus einem Leben in das andere hinüberschlief Am Ostermorgen aber, als die Glocken über der Stadt läuteten, erwachte Andreas Kästner aus Besinnungslosigkeit und Schlof. Er hörte die Glocken, glaubte auch Orgelspiel vernehmen zu können. Und plötzlich waren seine Worte wie ein nachdenkliches Mitsingen: „Ich wußte, daß ich noch einmal noch Hause finden würde." Und nach langer Zeit, während der noch immer die Glochen läuteten: „Warum läutet es?“ Auferstehung Armselig und dunkler Glockenton schlagen scheuaufjubelnd nun zusammen, und von abendblassen Höhen wehn rot die Osterfeuerflammen. Und ich gehe durch den linden Tag, Winter flieht und jegliche Beschwerde, und durch alle Poren braust neu der Geist der alten Erde. Ludwig Bäte. Otern! Nun hielt es sie nicht mehr in Sie drückte die Kissen Er verstand sie und träumte still in die weide Zimmerdeche hinein, unter der die ersten Fliegen summten. Und es war nach namenlosem Leid, das ihm erst nachträglich bewußt geworden war, der erste Traum eines angehenden Lebens. Zwei Ostern Stizze von Werner Barteia. aune hondon sr beilht. Beiher an ke Gise der Yorkstraße wollte er mit dem Wagen auf sie warten und sie aus dem Elternhaus in den Frühling des Südens führen. Noch anderthalt endlos lange Stunden, die sie vom Glück trennten! „Vom Glück?“ fragte eine Stimme in ihr. „Wied er denn wirklich das Glück sein, das Dich als Hans Nordaus Frau erwartet, wenn Du er nur mit der Flucht aus dem Elternhaus genbanen haunft?“ Die Uhr schlug sieben. Hilde sprang aus dem Nachdenken hoch, kleidete sich zum Fest das sie erwartete, zur Flucht mit Hans Nordau. Sie warf ihre Sachen in den Handkoffer, nur das Notwendigste wollte sie mitnehmen, alles andere hier lassen, bei den Eltern, die ihr das Glück an der Seite des jungen Sportsmannes— des Nichtstuers, wie sie ihn nannten — nicht gönnen wollten.„Nur Dich will ich haben, wie Du bist, bettelarm!“ hatte er gesagt. Hastig warf sie einige Zeilen auf das Papier und nahm darin in kurzen Worten Abschied von der Mutter. Leise stahl sie sich aus der Wohnung, hastete die Treppen hinunter, eilte an den Häusern entlang, soh den grauen Sportwagen an der Eche und flog in Hans Nordaus Arme:„Hans! Hans! Alles habe ich hinter mir gelassen! Fahr zu in den hellen Ostertag, in die Freiheit, ins Glück!" Sie gewannen die freie Landstraße, flogen auf dem weißen staubigen Band dahln, immer schneller dem Frühling entgegen; ein Wagen nach dem anderen blieb hinter ihnen, wurde von der aufwirbelnden Staubwolke verschluckt. „Sie fuhren den ganzen Tag immer dem Süden zu, hielten nur kurze Rast und jagten weiter in den sonnigen Abend hinein. Blutro! glänzte die scheidende Sonne auf weihen Häu###n, in spiegelnden Fenstern, als sie das Weichlbild der großen Stadt erreichten. Blutro! Aimmerte es Hilde vor den Augen, als— ein Stoß sie aus den Polstern schleuderte. Die Sonne ging unter, es wurde Nacht um sie.. —— Dämmernd lag Hilde in den Kissen hörte eine leise, bekannte Stimme flüstern fühlte eine weiche Hand über ihre Arme streichen, spürte eine Binde über den Augen und erwachte, erinnerte sich jäh der letzten Bilde: die sich in ihr Gedächtnis geprägt, riß das Tuch von der Stirn und sah— nichts.„Meine Augen, meine Augen!“ Stöhnend sank sie in die Kissen zurück. Wieder fuhr die welche Hand über ihre Arme, über ihr Gesicht, und die Stimme der Mutter stammelte„Kind, Kind!“ und wußte keinen besseren Trost. In ununterbrochener Nacht verstrichen endlos lange Tage.„Hans! Wo bleibt Hans?“ Hildes Stimme zitterte in Erwartung einer schrecklichen Antwort.„Nein, er lebt, Kind! Heute wird er dich besuchen.“ Sie hörte seinen festen Schritt, fühlte seine Hand in der ihren— kalt und widerstrebend „Hans, bist Du gefund? Hans, was ist Dir?“ Er sagte ruhig, hart, ohne Zögern:„Arme Hilde wer ahnte, daß unsere Fahrt in den Frühling so jäh enden, unser Glück für immer zerstören würde! Was können wir beide uns jetzt noch bieten?“— Er sprach weiter, und merkte nicht, daß die Ohnmächtige ihn nicht mehr hörte... —— Wieder huschte die warme Frühlingssonne über die Erde und strich liebkosend über das Gesicht der Blinden am Fenster der Anstalt.„Ein Tag wie damals, als ich ins Glück hinein zu fahren glaubte und ins Verderben rannte!" Das gräßliche Erleben zog wieder vor Hildes innerem Auge vorüber: Sie erinnerte sich an das Unglück, an die Gefühllosigkeit des Geliebten, an den Entschluß, in die Anstalt zu treten, um unter Leidensgenossen ihr Los leichter zu ertragen; sie dachte an den kräftigen, frischen Trost des jungen Anstaltsgeistlichen, der sie immer wieder aus der Verzweiflung riß und sie zu überzeugen suchte daß auch sie, eine Blinde, ein vollwertiges Glied der menschlichen Gesellschaft sein könne. Die Glochen der Anstaltskirche riefen zum Ostergottesdienst. Hilde tastete den Gang hinunter zur Kirchentür, sand, von der Schwester geleitet, ihren Platz umnter der Kanzel und lauschte der frohen Osterbotschaft: „Christus, der Auferstandne, der tot war und lebendig ist, er legt seine Hand auf uns: „Fürchtet Euch nicht!“ Wenn Euer Herz zittert und bebt, in den bangen Stunden der Einsamkeit und der Nacht, der Angst und der Verzagtheit, so sei Christus, der aus der Nacht zum Licht ausstieg. Euer Trost. Denn er ist der Lebendige und immer allen denen nahe, die ihn suchen, wie das Leben in der tiefsten Not noch immer denen nahe ist, die es nur greifen wollen.„Das Leben?“ mögt Ihr fragen.„Was kann es uns Blinden noch bringen?“ Alles, sage ich Euch, alles, was es den Sehenden nur schenken kann: Arbeit, Freude und Liebe!"— Wieder saß Hilde am Fenster in der Sonne: sie dachte an die Worte des Geistlichen. Da trat er selbst auf seinem Rundgang durch die Anstalt in ihr Zimmer und setzte sich zu ihr. Sie saßen sich lange stumm gegenüber, und Hilde fühlte die Nähe seiner starken Persönlichkeit.„Von Liebe haben Sie zu uns. den Blinden, gesprochen, vom Leben, das wir nur zu greifen brauchen, um es zu finden. Läßt sich denn eine Hand von uns greifen, eine Hand, die uns ins Leben führen kann und will? Ich glaube es nicht.“ Ihre Stimme zitterte. Da saßte er ihre Hand, hielt sie fest und küßte sie:„Glauben Sie es jetzt?. Glaubst Du es, Hilde?" Und er führte sie in ein neues Leben. —.— Blumen im Schnee Ein Ostererlebnis von G. W. Deininger. Ostern! Zeit des weichenden Winters, des keimenden Frühlings, der letzten Bergfahrten des Schneeschuhläufers. Noch deckt meterhohe Schneeschicht die Schrunden des Felsbodens und läßt die Skier in atemraubender Fahrt zu Tal sausen; die Tage sind länger, klarer; blauer Frühlingshimmel wölbt sich über den Bergen im schimmernden Winterkleid, und an sonnenbeschienenen Hängen lugen vorsichtig zarte blaue Krokusblüten, rote Bergprimeln, gelbe Aurikeln, hellrote Soldanellen aus dem schwindenden Schnee, die ersten Boten des Frühlings Ostern in den Bergen! Oft habe ich sie erlebt, doch nie so schön und ergreisend wie damals vor zehn Jahren drüben an den Hängen des hartumkämpften Tiroler Tales Die Sehnsucht packt mich, zieht mich dorthin, wo ich ungbar Hartes, unsagbar Schönes erlebt habe. Ich fahre hmauf aus dem Nebel des Flachlandes in die Berge. Das Knarren der Karfreitagsratschen empfängt mich, als ich wieder den deutschsprachigen Ort betrete, der einst neun Monate lang das Stabsquartier meines alten Jägerregimentes barg. Ich finde den Wirt vom„Weißen Röß'l" wieder, der damals unser Führer war, als wir die Stellung an der Feuerwand bezogen; tiese Furchen haben ihm die Qualen der Fremdherrschaft um den harten Mund gegraben. Wir sprechen von der Not des Deutschtums unter welschem Szepter und von vergangenen Kriegstagen; er freut sich von Herzen des deutschen Gastes, denn nur selten kommen Besucher aus dem Reich hinauf in die stillen Seitentäler. Am nächsten Tage steige ich die Hänge hinauf aus dem Vorfrühling des Tales empor in den Winter der Berge. Ich finde die verschneite Spur des alten Tragtierpfades und gleite auswärts zum Bergsattel, wo der Blick hinüber fliegt in den einst zäh umkämpften Bergkessel. Ich sehe den tief unter Schneeliegenden Laufgraben, der am Hang entlang zur alten Riegelstellung führt. Tot ist der Weg, den einst Hunderte täglich gingen; einsam stehe ich auf der Höhe, die von italienischen Granaten zerfurcht wurde und vom tausendfachen Widerhall des Geschützdonners dröhnte. Die Schneeschuhe tragen mich weiter zur alten Stellung am Fuß der steilen Feuerwand. Verlassen liegen die Gräben, schwarz starren Schutzschilde zwischen versallenen Brustwehren Gespenstisch strecken spanische Reiter ihre morschen Arme mit dem überschneiten Drahtgewirr in die lautlose: Stille. Da gähnt mir aus dem Schnee ein dunkles Loch entgegen; ein zersplitterter Balken liegt über dem halbverschütteten Eingang. Ich schnalle die Schneeschuhe ab, gleite hinein durch die schwarze Oeffnung, lasse die Lampe ausblitzen und erkenne ihn wieder, den alten Unterstand, der neun Monate lang mein Heim war, Freud und Leid des Alpenjägers sah. Dort in der Eche habe ich gelegen, da steckt noch der Krampen in der Steinwand, an dem Leibriemen und Stahlhelm hingen, hier enden die Drähte, die mich mit dem Regimentsgefechtsstand am Bergsatte! verbanden. Hunderte alte Erinnerungen finde ich wieder. Blutrot klettern die letzten Strahlen des Karsamstags die Feuerwand hinauf, als ich aus dem Unterstand trete, und versprechen herrliche Ostern. Verschwommen liegt der Bergkessel in der hereinbrechenden Dämmerung. Ich richte mich notdürftig auf meinem alten Platz ein, hole mir Schnee zum Kassee, den ich wie einst auf dem kleinen Spirituskocher bereite, und kauere mich in Decke und Mantel gehüllt zum Schlaf. Ich träume von damals von den Ostern, die ich vor zehn Jahren hier erlebte: Mißmutig war ich von der Grabenpatrouille in den Unterstand gekrochen; draußen segten Regen und Schnee von den jenseitigen Bergen herüber den Posten ins Gesicht und ließen die Hand nicht vor den Augen erkennen. Eine Nacht, so recht geeignet für einen Ueberfall der Italiener. Und sie kamen. Das Schrillen der Alarmpfeise riß mich an das hackende Maschinengewehr; die H.ndgranaten dröhnten und spritzten heulende Splitter in Menschenleiber, die sich vor uns im Stacheldraht quälten; Pistolenschüsse bellten auf; wütendes Geschrei, Befehle peitschten die verzweifelt Anstürmenden in unser Feuer; Fallschirmraketen schwebten von den Felsen herunter, Leuchtkugeln pufften hoch; Scheinwerfer fuhren uns blendend in die Augen Granaten fegten in die Wände hinter uns und übergossen unseren Graben mit hagelnden Steinen. Wir standen an den Wehren und schossen, bis uns die Läufe in den Händen brannten, bis der letzte Schrei im Drahtverhau zum nervenzerrüttenden Wimmer wurde. Längsam verstummte auch das letzte Stöhnen Der jagende Wind trieb Wolkensetzen über die Berge, fegte den Himmel rein, und ein lachender Frühlingsmorgen kam mit der warmen Sonne über die Feuerwand herüber zu uns ins Tal des Todes. Der Schnee war von den grünen Matten geschmolzen, und Tauperlen glitzerten millionenfach von jungen Grashalmen. Ein Meer von blauen Krokusblüten schwamm vor den Gräben, gelbe Aurikeln säumten die Schneeflecken, die noch in den Felsschründen klebten und von leuchtenden roten Algen gesärbt waren, in den Mulden lagen zarte Soldanellen und rote Bergprimeln wie Blutstropfen auf der schwindenden weißen Decke. Schneefinken flatterten an den Wänden hoch, verfrühte Schmetterlinge gaukelten in der reinen Morgenluft. Die Berge lagen in klarer Pracht, und über all dem Frieden wölbte sich der fleckenlose, strahlende Himmel. Da klang ein Schwingen und Dröhnen aus dem Tal herauf, erst schüchtern und leise, dann machtvoll schwellend und tausendfach von den Wänden des engen Bergkessels widerhallend; dort unten läuteten die Osterglocken, und wir vergaßen den Krieg. Ich wache auf, und was ich geträumt, ist Wirklichkeit. Vor mir liegt die ganze Prach des jungen Frühlings, der über Nacht Einzug gehalten, das neue Leben ist erwacht; die Glokken dröhnen aus dem Tal zu mir herauf; jauchzend läuten sie im italienisch gewordenen Land das deutsche Osterfest ein: 1 Ostern Christ ist erstanden Von der Marter alle, Daß von deutschen Landen Fremdes Joch einst falle. —[2 Das Osterwasser Eine heitere Skizze von Richard Blasius. Mit der quecksilbernen Ausgelassenheit ihrer neunzehn Jahre tanzte die Leni durch das Leben. Als ihr Gegenpart konnte der Anton gelten, der langsamen, bedächtigen Schrittes zu gehen gewohnt war, obgleich die Last seiner fünfundzwanzig Jahre noch nicht allzusehr drücken konnte. Plapperte das Zünglein der Leni von früh bis abends gleich einem Mühlenrade, so erwies sich Anton auch insosern als Gegenpol, indem er von schwerfälligem Zungenschlag war. Im Aeußeren der beiden hörte aber die Gegensätzlichkeit auf. Sie waren hochgewachsene, gesunde, kernige Kinder des Gebirgstales. Und schließlich ähnelten sie sich auch darin, daß ihre Väter als Besitzer auf stattlichen Bauernhöfen saßen. Weit noch vor Tau und Tag dunkelt die Erde. Wächterruf über dem Hag, weckender Donnerschlag: Wach auf und werde! Göttlicher Menschenschrei lockert das Siegel: Brich deine Haft entzwei, sprenge den Riegel: Wach auf und sei! Morgenwind brandet schwer über die Schollen. leuchtend stößt Speer an Speer hoch aus dem Dunkelmeer ins Donnerrollen. Brausend ein Jubelton! Ueber den Weiten hochauf zum Himmelsthron seh ich den Menschensohn, den König schreiten. Carl Robert Schmidt. der Nacht, da erwachte in einer Kassner i5 Simmergutes leises Leben. Ganz behutsam, damit ja die alte Bettstatt nicht knarre, stand Leni vom Lager auf, huschte leichtfüßig über die ausgetretenen Dielen, daß auch diese ruhig weiter schlummerten und nicht in Versuchung kamen, mit ihrem Aechzen den unten imn Erdgeschoß schlafenden Vater zu wecken. Das Mädchen kleidete sich an, warf ein Handtuch über die Schulter und tappte treppab. Der verrostete Haustürschlüssel hätte sicherlich verräterisch gekreischt. Daher glitt sie lautlos wie ein Wiesel durch den Stall und von da in den Hof. Am Brunnentroge wusch sie sich den Rest des Schlafes mit eiskaltem, kristallklarem Brunnenwasser aus den Augen, ergriff einen braunglasierten Tonkrug und machte sich auf den Weg nach dem Wiesenquell hinter der Viehkoppel. Sie frohlockte, daß es ihr gelungen war, so völlig unbemerkt zu entwischen. Soeben wurde sie von den ersten Strahlen der Sonne begrüßt, die über den Wachberg lugten. Da die Gegensätze einander bekanntlich anziehen, hatten sich die beiden auch nur um so lieber. Das ahnten sie zwar voneinander, aber ohne jemals darüber zu sprechen. Wenn auch Leni sich durchaus nicht gescheut hätte, ihre Gefühle ossen zuzugeben, so konnte sie das dock leider nicht tun, weil bisher über Antons Lippen noch keine entsprechende Frage gekommen war. Anton wiederum hätte zwar sehr gern gefragt, aber zwischen Entschluß und Ausführung lag bei ihm eine lange Zeit, und diese wurde stets so lückenlos von dem Plappermäulchen Lenis ausgefüllt, daß der Bursche darüber nicht zu Worte kommen konnte. „Wenn sie bloß einmal fünf Minuten lang den Mund halten wollte!“ hatte Anton schon oft geseuszt. Da war es einige Tage vor dem Osterfeste, als Leni eines Abends in die armselige Hütte der achtzigjährigen Kräuterlenore schlüpfte. „Lenore, ist das mit dem Osterwasser wirklich wahr?“ hastete ihre Frage, als die Türe noch gar nicht in das Schloß geschnappt war. „Guten Abend, Leni!“ „'n Abend, Lenove! Sagt! Ist es wahr?“ „as!“ „Daß man das ganze Jahr über hübsch bleibt, wenn man das Gesicht mit Osterwasser wäscht?“ „Hchihi, freilich wird man schön. Ach so vom Schönbleiben sprichst Du. Na, ja, hast schon recht. Gehörst gewiß nicht zu den Häßlichen. Also hol nur Osterwasser! Kannst sicher sein, daß Du das ganze Jahr über schön bleibst, wie Du bist. Aber am ersten Osterfeiertag ganz früh mußt Du gehen, wenn die Sonne aufgeht, und kein einziges Wort darfst Du unterwegs reden sonst ist es mit der Kraft des Osterwassers vorbei.“ Voll gläubiger Ehrfurcht vor diesem Wunder des Ostermorgens ging Leni nach Hause. Die Kräuterlenore aber traf anderntags den Anton und zwischen dem ungleichen Paare gab es ein geheimmisvolles Flüstern. Als sie voneinander schieden, kicherte die Alte listig, und der Bursche schmunzelte verschmitzt. Es war am Ostermorgen. Grau dämmerte der Festtag herauf und vertrieb die Schatten Aber plötzlich blang auch in ihren Ohren ein Gruß. „Guten Morgen, Leni!“ Sie wandte überrascht den Kopf. Hinter der Scheune trat Anton hervor und gesellte sich ohne weiteres zu ihr. Sie versuchte, seine Begleitung mit finsteren Blicken abzuwehren. Himmel, sah der Mensch denn nicht, daß sie Osterwasser holen wollte und daher nicht reden durfte? Aber der Bursche blieb hartnäckig an ihrer Seite. Auch gut so! Gefährlich konnte das ja nicht werden. Der Anton war ja kein Freund vieler Worte. Stumm liefen sie nebeneinander her. Das Mädchen war ängstlich darauf bedacht, ja keinen Laut über die Lippen schlüpfen zu lassen, wenn es dem Burschen doch einfallen sollte, zu reden. Schon hatten sie die Hälfte des Weges hinter sich, da begann er plötzlich zu plaudern. Obwohl er keine Frage an Leni richtete, ärgerte sie sich doch, daß sie nicht sprechen konnte. Immer eifriger ging Antons Mundwerk. In Leni glomm allmählich der Zom auf. Zu anderen Zeiten tat der Bursche den Mund nicht auf, und gerade heute, wo sie stumm bleiben mußte schwatzte er wie ein Advokat darauf los. In Leni begann es zu kochen. Da hielt Anton das Mädchen am Arme fest. „Du Leni,“ sagte er zärtlich,„ich hab dich schon lange fragen wollen. Nun halt ich's nicht länger aus. Hast Du mich denn nicht ein biss’l gern?“ Leni zitterte wütend am ganzen Körper, riß sich los und versetzte dem Burschen eine schallende Ohrfeige.„Und ausgerechnet jetzt mußt Du danach fragen, wo ich Osterwasser holen will?“ schrie sie ihn an, während ihre Augen in heller Empörung funkelten. Diesen Ausgang hatte Anton nicht voraus gesehen. Er warf einen verzweifelten Blick auf das Mädchen, rieb sich die getroffene Wange und stammelte erschrocken:„Na, da nimm mir's nur nicht übel!“ Leni aber, noch immer voll kochenden Zornes, warf den Krug in weitem Bogen von sich, daß er am Boden zerschellte und schrie: „Nun ist's aus mit dem Osterwasser." „Warum magst Du mich denn gar kein bissel leiden?“ fragte der Bursche niedergeschlagen. „Wa—as? Und laangts zum Heiraten?" „Was denn? Ich mag Dich doch,“ entfuhr es verwundert Lenis Lippen. „Na, freilich, Tonl. Mit einem Freudenschrei riß der Bursche das Mädchen an sich. Als sie Hand in Hand in das Dorf zurückschritten, dachte Leni nicht mehr an das wunderkräftige Osterwasser. Anton aber eröffnete seinem Vater, daß er die Simmer Leni zu heiraten gedenke. „Hat sie dich auch gern?“, fragte der alte Hauser. „Das wird sein. Den schlagenden Beweis spüre ich jetzt noch.“ — Der Brief Ohter=Shigge von Heinz Ludwig Raymann. Wenn Ostern nahte und alles umher im Frühlingslicht glänzte, verdüsterten sich die Gesichter der alten Hellwigoleute. Sie hatten vom Osterfest nichts zu erwarten als böse 1