1 eke PFRE * 8 8 9 8 25 3 79 7 Augen, und plönlich drückte sie den roten Kork auf die beiden Wangen des Bildes. Die Wirkung war überraschend. Lotte machte zuerst große, runde Augen übe: die hatastrophale Veränderung, die mit dem schönen Herrengesicht vor sich gegangen— danr lachte sie, lachte, bis die Tränen über das Löschblott liefen. Es war zu komisch——! „Na, Fräulein Lotte, was unterhält Sie so sehr?“ eine fette Stimme— Direktor Blon war eingetreten. Verwirrt, vielleicht ein klein wenig schuld. bewußt, jedoch ohne Ahnung von dem Dramatischen des Vorganges, reichte Lotte ihren Chef das Bild:„Ein neuer Filmstar wollte sich um ein, wenn auch kleines Engagement bewerben—“ Direktor Blom setzte umständlich sein Mono kel in die richtige Fettfalte, blinzelte einige Sekunden auf das Bild und brüllte dann förmlich vor Lachen:„Ja, Menschenskind, wir haden doch keinen Zirkus— wir stellen doch keine Clowns an.“—Das Lotterierad des Lebens furrte holajs Los war—— noir. N. Quarantäne Steizze von Werner Krueger=Hamburg. Am Mittwoch druchste der Dampfer„Marr Spring" vorsichtig durch die Fahrrinne der Gravesendbay und ankerte dann unentschlosser vor dem Norton Point gegenüber Staten=Island. Am Vorlopp hing melancholisch die gelbe Quarantäneflagge. Eini kleines Motorboot der Hafenüberwachungsstelle Ost=Newyork flitzte gleich darauf durch die Upperbay, legte vor dem verdächtigen Dampfer an, und ein Arzt bestiec das Fallreep. Oben empfing ihn der Kapitän Die„Mary=Spring“ hatte in Kalkutta Reis geladen. Den brachte sie wohlbehalten an. Daneben aber zwei frische Fälle— asiatischer BeuCenpen.... 491 Gu74 gm tant Der Arzt trat vorsichtig zurück. Dann schriel er, auf dem Ladedeck stehend, zwei Formulare aus, ließ den Kapitän unterschreiben und begab sich in die Motorjolle zurück. Der Dampfer warf einstweilen noch den zweiten Anker aus.— Die Nacht kans kangsam und verhüllte mit schwarzen Tückern die Statue der Freiheit und die langgestreckten Kaionlagen von Staten=Jsland... — Billy Morxherson lag mit seinem windschiefen Kutter vor Sandy=Hook und wartete Erstens hatte er Zeit. Sehr viel Zeit sogar. Ee konnte zwei Uhr nachts werden, das störte ihn nicht. Dann aber hielt er es für geraten, nicht zu nahe an Staten=Jsland heran zu kommen. Das soll nicht heißen, daß Billy ein schlechtes Gewissen hatte! Du lieber Himme!! So unmodern war er eigentlich nie gewesen! Aber— wenn man Sprit an Bord führt.— Der Vorsichtige war stets stärker als der Verwegene. Außerdem durfte er sich seinen Ru nicht verderben. Und die Jungen vom Zoll waren in letzter Zeit höllisch fix geworden. Damn'd!— Billy entzündete nach kräftigem Ausspucken die zehnte Pfeise grünen Texastabahs und besah sich die Gegend. Drüben an Main=Channel irrlichterte der große Scheinwerfer. Vor ihm im Fahrwasser war alles ruhig und auch hinter ihm an Land durfte kaum etwar zu erwarten sein. Doch sieh! Jetzt kam vom Gedney=Channel ein kleines Motorboot dahergeflitzt. Vorsicht! Billy klopfte seine Pfeise aus, das einzige Licht an Bord des ehrenwerten Fischkutters und spähte scharf hinaus. Nein! Mit den Augen war nichts wahrzunehmen. Keine Flagge am Beg, also auch keine Zollflagge! Er atmete beruhgt auf, wurde dabei sofort munter, als ihm ein günstiger Wind das Motorgeräusch des Boode dutrvs„„ I E richtr- k „Das ist Jonny Smithl au righl. orummte er behaglich und entzündete die Pfeise völlig beruhigt aufs neue.— Nach einer kurzen Weile stand der Sprithändler an Bord des Morphersonschen Kutters und redete eindringlich auf Billy ein. Der verzog sein ohnehin nicht sehr kluges Gesicht fluchte und spuckte. Es war aber auch nicht schön, was Jonny in letzter Stunde noch erfahren hatte. Die Wache die gestern ihren Tribut erhalten und bereits durchgebracht hatte, die bestochene Zollwache von Stapletown, war abgelöst worden. Ganneue, fremde Gentlemen vom Zoll waren erschienen. Die würden bis zum nächsten Morgen auf ihrem Posten ausharren, die unbedingte Ehrenhaftigkeit der beiden Bürger Jonny und Billy zwar niemals anzweifeln, nichtsdestoweniger aber die Laderäume des biederen Fischkutters auf etwaigen alkoholähnlichen Inhalt sehr genau prüfen. So eire Bemeinheit!—„Willst Du mir gesäuigst sagen, mein lieber Jonny, wie ich jetzt mit dem Sprit nach Brooklyn kommen soll?“ knurrte Billy. Jonny war zu niedergeschmettert, um sachlich zu sein.„Rufe nach Lindbergh!“ brummte er übellaunig. Aber der wetterseste Villy schlenkerte so viel sagend mit dem Handgelenk, daß Chrenmann Jonny vorsichtig einlenkte:„Fahr doch wiede: zurück, Billy. Heute ist nichts zu machen!" „Danke!“ fauchte Billy wie eine gereizte Katze.„Und melne Kohlen, die ich verpulver habe? Und wer bezahlt meine beiden Jungen?“ Er wies auf zwei ehrenwerte Gentlemen. die ihre Klappmützen schief auf dem Ohr, an Bord ein kleines Spielchen ausgelegt hatten. Acontc Verdienst! Trübselig starrten die beiden Ehrenmänner ins Wasser.—„Was ist denn das da für ein Kasten?" fragte Billy plötzlich interessiert sieht ja aus wie Käpp'n Johnsons Mabe. Spr.ng?“ „Ist es auch!“ brummte Jonny,„liegt ir Quarantäne am Norton=Point!“ „So—“ Billy hörte interessiert zu. „Morgen Abtransport der beiden Kranker nach dem Fcmilton=Hospital!“ „So— so——!“ meinte Billy wieder. „Na, was nu?“ fragte Jonny darauf gedrückt „Ich fahr' zurück!“ knurrte Billy übellaunig „Good bye!“ Als aber der Großhändler Jonny das Schif verlassen hatte, jagte Billy seine beiden Jungen mit einem Donnerwetter von den Karten auf Es begann eine fieberhafte Tätigkeit... —— Nachts gegen zwei Uhr ratterte ein schwerfälliger Kutter durch die westliche Fahrrinne von Stapeltown. Er war längst gesichte worden, und zehn Mnuten später schoß ein pseilschnelles Motorboot mit der Zollflagge der U. S. A. am Bug auf ihn zu. „Ahoi!“— Der Zollkommissar ließ aber kurz vor dem verdächtigen Kutter abstoppen, denn er erblickte jetzt im Lichte der Scheinwerser deutlich die gelbe Quarantäneflagge am Vortopp. Eine zweite Flegge mit einem drohenden Totenkopf bäumte sich darunter im Nachtwind. Der Zollkommssar war verblüfft.— Da beugte sich ein Mann über die Reeling des gespenstischen Schisses und rief herunter:„Kutter im Auftrage des Käpp'n Johnson von der „Mary Spring.“ Quarantäne verhängt. Haben zwei Beulenpestkranke an Bord. Steuern auf Hamilton=Hospital. Hier Quarantänescheine—“ Der Mann zeigte schmierige Papiere flüchtig über die Reeling.„—— kommt an Bord und prüft!“ Der Sprecher trat abwartend zurück. Der Zollkommissar unten im Boot aber erblickte jetzt zwei verhüllte Kranke, auf Pritschen gebettet und mit schwarzen Tüchern bedeckt. Zwei gelbliche Nasenspitzen lugten hervor. Ta packte ihn das Grauen.— „That's allright! Freie Fahrt! Allright!“ rie er und befahl dem Maschnisten zu wenden. Das Motorboot verschwand in der Nacht. Gleich darauf wurde der große Scheinwerfei der Zollkontrolle wieder abgeblendet Jungens“ hrummte Bill Jungens“, brummte Billy Morrherson vergnügt.„jetzt kommt mal herunte: von Euren Pritschen!" Die beiden pestkranken Gentlemen hüpften befreit empor und taten einen tiesen Zug aus der Flasche. —.Hansi im Eine Kindergeschichte von Richard Blasius. Tante Charlotte hatte ihrem fünfjährigen Neffen einen Leierkasten als Geburtstagsgeschenk gesandt und war des sicheren Glaubens gewesen, damit das Richtige getroffen zu haben. Wenn auch diese Erwartung von ihrer Schwester erfüllt wurde, so hatte sie sich doch in ihrem Schwager, dem Ingenieur Wellhaup:, getäuscht. Dieser schüttelte den Kopf und brummte etwas von geisttötender Spielerei vor sich hin, aber natürlich, wie das bei Chemännern immer ist, gerade noch laut genug daß es seine Frau verstehen mußte. „Du bist undankbar.“ verwies ihm Lisa sein Volksgemurmel.„Höre doch. wie Hansi sich mit dem niedlichen Dingelchen ergötzt!“ Auf der Dorfstraße stolzierte glückstrahlend ein kleiner Knirps umher, hatte an grünem Bande einen Leierkasten hängen und musizierte eifrig darauf los.. Der Vater im Zimmer horchte auf.„Horst du, Lisa?“ sagte er lachend.„Das ursprungliche Thema ist ihm schon langweilig geworden. Er hat bereits mit der ersten Variation begannen! Hanst hatte nämlich entdeckt, daß man die Kurbel auch rückwärts drehen konnte. Dadurch entstand statt des ewigen„Hänschen klein“ ein zweites Stück, indem sich die Töne einfach in umgekehrter Reihenfolge hören ließen. Er stampfte, unermüdlich die Kurbel drehend, die Straße enklang, auf die das Tauwetter breiigen Morast gelegt hatte. Im Häuschen des Flickschneiders verschwand er, um die köneerzeugende Herrlichkeit seinem gleichallrigen Spielkameraden vorzuführen. Schne ders Ottl beäugte neiderfüllt den Kosten, schwamm aber in einem Meer von Entzücken, als er selbst die Kurbel drehen durfte. Da entdeckte Hansi unter dem Tische ein Paar neue Holzpantoffeln, wie sie die Dorfjungen gewöhnlich trugen. Gar zu gern hätte er solche Pantoffeln besessen, doch immer hatten die Eltern diesen s#on oft ausgesprochenen Wunsch mit Lachen abgelehnt. Was wußte Harsi von sor alen Stan esunterschieden, denen zufolge der einzige Sproß des Herrn Ingenieurs seine Füßchen in Schuhe zu stecken hatte? Zwischen den beiden Jungen entstand plötzlich ein geheimn'svolles Flüstern. Als es zu Ende war, kroch Schneiders Ottl mit dem Leerkasten hinter den Ofen, während Hansi mit Freube im Herzen und einem Paar Holzvantoffe'n unter dem Arme aus dem Hause schlich. Am liebsten hätte er sich sosort seiner überflüssigen Schuhe entledigt und wäre in die Pantoffeln gefahren. doch der Schmutz auf der Straße kam ihm bedenklich hoch vor. Auf der Haustürschwelle des Krämerladens saß Anni, auch eine Altersgefährtin Hansis, sund hielt eine dicke, mit Quark bestrichene Brotschnitte in der Hand. Aber o Wonne auch der Lrark ersreute sich eines Belages. Dicher. jäher Syrup tropfte goldgelb von den Rärdern. Hansis Argen erwetterten sich heißhurgrig. „Anni, gib mir Dein Vrot!“ Die Kleine schob die Unterlippe vor und musterte den Bittenden mißtrauisch. Sie wußte schon, daß Jungen leicht gefährlich werden, auch wenn sie vorerst nur bitten. „Gib mir die Pantossel!“ sorderte sie dann plötzlich und hielt Hansi das Brot hin. Dieser zögerte einen Augenblick, aber das Leckermaul siegte. Im Handumdrehen war der Tausch vollzogen. Das Nädchen aber verschwand mit den Pantofseln im Hause. Da bekam Hansi einen Puff in den Rücken. Er drehte sich um und sah den großen Dreßler vor sich stehen. Zählte dieser Junge auch nicht mehr als neun Jahre, so besaß er doch damit ein Uebergewicht, das für Hansi etwas bedrohlich Erwachsenes barg. Das Bedrohliche wurde dadurch noch verstärkt, daß Dreßler im Armenhause aufwuchs und als ein jugendlicher Raufbold bekannt war, der sich seine Opser ohne Rücksicht auf soziale Schichtung erkor. Hansi überlegte schnell, ob es nicht das beste sei, augenblicklich in ein Zetergeschrei auszubrechen. Da sagte der Lange zu ihm:„Du, greif mal in meine Hosentasche!" Der Knirps kam dieser Aufforderung mehr aus Angst als aus Neugierde nach. Aber da strahite er auch schon über das ganze Gesicht und wußte weller nichts zu sagen als:„Oooch, ein!“ „Das kriegst Du, wenn Du mir Dein Brot gibst.“ Jetzt gab es kein Zögern. Eins, zwei, drei, war das Geschäft erledigt. Der Armenhausjunge biß gierig in das Brot und trollte sich langsam. Hansi machte sich auf den Heimweg, die kleine Brust stolz geschwellt im Bewußtsein eines großen Gewinnes. „Wo ist der Leierkasten?" fragte entrüstet die Mutter. „Schneiders Ottl hat mir Holzpantoffel dafür gegeben,“ sogte seelenruhig der Kleine. „Und die Pantoffel, Du Unglücksrabe?" ragte lachend der Vater. „Krämers Anni hat mir ein Quarkbrot dafür gegeben, und da war auch noch Syrup Prauf..#7, A. Tände# Die Mutter schlug die Hände über dem Kopfe zusammen.„Schäme Dich, Jung!“ sagte sie.„Nun werden die Leute im Dorse sagen, Du bekämst nicht genug zu essen.“ „Hab das Brot nicht gegeßt.“ „Paß auf. das hat er auch noch verschachert,“ erriet der Vater noch immer lachend.„Was hast Du dafür bekommen?" fragte er das Söhnchen und zwinkerte ihm mit den Augen volles Verstehen zu. „Das da.“ Hansi zog aus der Hosentasche behutsam und zärtlich etwas Graues und legte es auf den weißgedeckten Kaffeetisch. Es war eine tote Maus. eianttbotllich H Semme,munn. Allena. Druck und Verlag. V. A. Sanz, Allena. SELTEFEREUP SSIT! Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung Nr. 10 1928 1 Pflicht Skizze von Herbert V. Patera. „Ding=dong! Ding=dong!" tönten die Glokken des Signalwerkes. Nun endlich! Ingenieut German Eyck r.cs#ete sich auf, faltete die Zeitung zusammen und trat auf den Bahnsteig hnaus. Der Vorsteher erkannte den Bergingenieur und lüftete die rote Mütze. Mechanisch erwiderte Eyck den Gruß. Nun mußte bald ein kleiner schwarzer Punkt am Rande der Lichtung, wo sich die Schienenstränge als blitzendes Band verloren, auftauchen un rasch größer werden, rasselnd und klirrend heranbrausen. Dann würde ein weißes Tüchlein aus einem der Fenster flattern und wenige Sekunden später eine schlanke Gestalt in seine Arme fliegen. Ungeduldig ging German um her. Seit er vor mehr als zwei Jahren der Posten bei den großen Gruben und Kohlenwerken angetreten hatte, war es um ihn still geworden. Anfängl.ch hatte er sich, nich dem Trubel und der Gesell.gkeit der großen Stadt, nur schwer an die veränderten Verhältnisse gewöhnen können. Er, der ein lustiges Leben gewohnt und in jedem Kreise ein gern gesehene: Gast gewesen war, kam in dieses kleine Städt. chen, wo es außer den Fabriken und Bergwerken aber auch gar nichts gab. Mit zusammengeb'ssenen Zähnen ging er danach an die Arbeit, um die Leere auszufüllen, die ihn als Fremdling hier umgab. Gerade deshalb freute er sich doppelt und dreifach, daß er heute nach langen Monaten der Trennung wieder lieben Besuch aus der Landeshaup.stadt bekam. Fün Schnellzugsstunden sind keine allzu geringe Entfernung, und er hatte in seinen Briefer lange bitten müssen, bis er das kurze Telegramm erhielt:„Bin Donnerstäg dreizehn Uhr dort, Herma!" Von allen Mädchen war ihm die schlanke, blonde Herma Harrar immer die liebste gewesen. Ein greller Pfiff riß ihn auf seinen Gedanken. Der Zug lief donnernd ein. German hatte bald entdeckt, wen er suchte. Eine schlanke Gestalt im englischen Flauschmantel, ein zartes Gesicht zwischen wirren, blonden Lokken:„Mady!“ Unwillkürlich hatte er ihren Kosenamen gerusen. Dann lachten zwei blauc Augen ihn an:„Aber, German, wie lange willst Du meine Hand noch halten? Die Leute schauer ja schon!“ Schlank und rank war sie gewachsen Seit er sie nicht mehr gesehen, schien ihm ihr Gesicht noch hübscher geworden. Manch bewundernder Blick folgte den beiden hohen Gestalten, als sie jetzt durch die Bahnhosstraße zu dem in einer Niederung liegenden Städtcher schritten. Und ob auch graue Rauchschwaden über die Gegend zogen und die Schlote de: Kokereien und Fabrikanlagen dichte Rußwolken hinausschleuderten, alles mit einer trüben Schscht überziehend, ob auch ein rauhe Wnd an den kahlen Bäumen rüttelte und durch die Gassen pfiff, ihm kam heute die ganze Landschaft hell und freundlich vor. Die Teemaschine summte. Im Kamin knackten die Buchenscheite und warfen einen roten Sche'n in den dämmerigen Raum. Leichte Rauchkringel stiegen in bizarr verzerrter Gestalt zur Decke. Die blonde Herma hatte viel zu erzählen gehabt. Jetzt saß sie zurückgelehnt im Polsterstuhl u. lauschte den knappen Worten, mit denen German Eyck sein Leben schilderte. Er habe nun eine sichere Stellung errungen, besitze das Vertrauen der Direktion; man wisse seine Arbeit zu würdigen, und er wolle jetzt daran gehen, sich ein eigenes Heim einzurichten. Leise strich er über ihre Hand, die wie ein fremdartiger weißer Vogel in seiner Faust lag. Ein dumpses Rollen verschlang seine Worte. Beide sahen erstaunt auf. Was war das? Heulender Pfiff der Sirenen, grelles Signal der Damplpfeisen, ichmetterndes Läuten:„Alarm!“ Schwere Füße polterten über die Gasse Dumpfe Stimmen, angstvolle Rufe wurdet. laut. Fenster flogen auf. Bange Fragen schric man in die Straße hinaus. Mit einem Sat sprang Eyck ans Fenster und riß den Flüge auf. Lausen und Drängen, Weinen und Schreien.„In Grube 7 brennt es!“ gellte eine Stimme.„Schlagende Wetter in den Schächten!“ Eine Faust dröhnte an der Eingangstür Ein bleicher Arbeiter stand vor dem Ingenieur m halbdunklen Flur; das Gesicht war verzerrt, als er jetzt mühsam seinen Auftrag hervorstieß:„Herr, Sie sollen sofort zum Fördernorb kommen. Die Grube steht in Flammen Die ganze Belegschaft ist drinnen!“ Wie eir Aufschrei klang es. Heima stand wir erstarrt. Im Nebenraun eiß sich Eyck den Rock vom Leide und fuhr in die Lederjoppe. Da war sie plötzlich neben ihm Dumpfes Angstgefühl trieb sie:„Ich komme mit Dir!" Durch aufgeregte Männer, weinende Frauen bahnte sich Eyck den Weg. Um die drohenden Förderschächte drängte sich, von einiger Feuerwehrleuten mühsam zurückgehalten, eine unübersehbare Menge. Mit Raud masker zuegerüstete Arbeiter und Wehrleute hantieren bei den Förderkörben. Angstvolle Gesichte: starrten in den trüben Qualm, der in großer Schwaden aus der Tiefe herauskroch. Nur taumelten die ersten aschfohlen Gestalten aus dem Rauch ins Freie. Mühsam wankte eir alter Obersteiger zu den Ingenieuren und D.rektoren:„Sechs sind noch im brennenden Schacht 4, und auch beim Querschlag 20 müsser noch einige liegen!“ Die Retturgekolonne war fertig, auch man setzte den Gashelm auf und zog die Kautschuhhandschiche an. Ohne Wimrerzuchen trat er vor:„Ich komme auch mit!" Jetzt war es gleich, ob man zur Grube oder zum Werk gehörte, jetzt einte die Gefahr alle Menschen Angstvolle Augen starrten ihn an:„Keine Furcht, Mady, wir kommen wieder!“ Ein letz ter Händedruck:„Los!" Der Korb verschwand in den schwarzen Rauchschwaden. Noch immer taumelten die von den anderen Schächten heraufbesörderten Bergleute ins Freie, manchma ertönte ein Jubelschrei, wenn eine Frau den Gatten, eine Mutter ihren Sohn gefunden Krankenwagen schoben sich durch de Men schermauer. Halbtote Männer. von Gas ver giftet. vom Feuer versengt, lagen auf den Bah. ren. Nun stieg auch der letzte Korb hoch. In danger Sorge harrte die Masse weiter aus. Nur die Retter waren jetzt in der von wütenden Elementen zerrissenen Erde. Ein sihe: Schmerz war in Hermas Brust, aber wie hal. ende Glocken tönte ein innere Stimme:„Er st ein Mann von rechtem Schlag!“ Endlich ein ##lingelzeichen. Die Sxannung wuchs. Alles drängte zum Förderschacht. Die Retter kamer zurück! Nun wankte eine Gestalt ins Freie Herma erkannte die energischen Züge Eycks. sein Gesicht war geschwärzt, das Haar versengt. H.nter ihm schlexpten sie Tragbahrer und endlose Gestalten. Die rückwärtsstürmende Menge riß auch Herma mit, sie stand neben Eyck. Wie aus weiter Ferne hörte sie seine Stimme:„Wir müssen nochmals zurück, vier sind noch drinnen! Aber wir brauchen neue Masken!"— „Aussichtslos!“ entgegnete ein anderer Bergngen eur.„Die Flammen zerfressen das Gevölz. Wir können nicht mehr hinein!“ Eyck chien zu wachsen:„Wir müssen!" Da wir ser sie an sich und küßte sie heiß und verzehrend. Mit langen Sätzen sprang er zurück zum Förderkorb. Drei Mutige mit ihm. Trockeneo Schluchzen war in Hermas Kehle, ein tobender Hammer:„Du kommst nicht wieder!“ Langsam flossen die Stunden. Die fahle Dämmerung eines frühen Abends breitete sich aus. Ein seiner Reger, rieselte herab. Aber die Menschenmassen hielten aus. Scheue Blicke mfaßten Hermas schlanke Gestalt, flüsternde Stimmen:„Eycks Braut!— Tapferes Mädel, so ruhig zu sein!" Die Zeit schlich dahin. Noch mmer quoll der schwarze Rauch und umhüllte illes wie mit einem Trauerschleier. Aus dem Qualm kam plötzlich langsamen Schrittes eine Bestalt. Zerfetzt hingen die Kleider, verbrannt die Haare. Mühsam schleppten andere einen eblosen Körper, dann noch zwei Verwundete, denen das Blut über die Augen lief. Eyck war nicht darunter. Bunte Feuerräder tanzten um Hermas Augen. Ein strudelnder Menschenstrom sie mit zu den zurückgekehrten Rettern. Pas ist mit Eyck?“ Schnürende Angst in der Kehle. Wie aus weiter Ferne vernahm sie eine Stimme:„Der ganze Schacht ist eingestürze. Alles brennt. Auch die Schle der Fördergrube. Keine Rettung mehr! Zwei sind noch drinnen gewesen, die hat Eick geholt. Dann begrub ihm die brechende Pölzung!“ Lautlose Stille. Nur das Glöcklein der Fabrikkapelle wimmerte auf. Langsam zogen all die arbeitsharten Männer die Kappe. In Hermas Brust nur der eine Gedanke:„Er tat seine Pflicht!“ Dann brach sie lautlos zusammen. sie neben ihm:„German! Bleib bei mir! Denk an Dich und auch an mich, German!" Mit seiner rußigen Hand fuhr er ihr über die bleiche Stirn:„Mady! Du bist mir das Lebste auf Erden. Aber höher als unser Leben steht die Pflicht! Drum leb wohl! Es muß sein. Denk an die Frauen und Kinder, die warten und harren. Sei stark Mady!“ Ein letzter Händedruck sekundenlang rubte Auge in Auge, dann riß Ein Vertrag Skizze von Liesbei Dill. Seine Wirtschafterin hatte ihm den neuen Zylinder gebracht. Er besah ihn mit einer stilen Wehmut, mit der er heute alles betrachtete. Dieses elegant eingerichtete, warme erinnerte ihn an verrauschte Stunden, jener breite, fellbedeckte Divan, die seidenen Kissen, die noch ein zartes Parsüm aushauchten, der Schreibtisch, an dem er seine Briese geschrieben und diese Onyxschale, auf die ihm seine aufmerksame Zimmerwirtin immer die ersehnten Antworten gelegt, schmale Briefe, bunt, zart ind leise dustend, dieser kleine Tisch, an dem er morgens seinen köstlichen Tee eingenommen hatte... Abschied... Alles war heute Abschied. Seine Wirtschafterin folgte ihm nicht n die junge Ehe, die er kecken Mutes noch in einem Alter begann, wenn andere mit ihrem Leben abzuschließen pflegen— wenigstens mit dem Erlebn.oleben. Sie hatte ihm gleich gesagt, als sie die junge Frau sah:„Nein, nein. Herr Loktor, das würde doch nicht gut gehen.“ Und es war vielleicht richtig so. Weshalb er sich eigentlich wieder in eine neue Ehe begeben wollte, fragten ihn erstaunte Freunde„Sie hatten es doch so gut als Junggeselle." Aber diese kleine Frau hätte er nicht anders an sich fesseln können, sonst gehörte sie einem anderen. Sie hatte Verehrer, so viele sie wollte. Aber keiner von all diesen konnte ihr ein so angenehmes Leben bieten wie er, der Syndikus einer Kali=Aktiengesellschaft. Die reizende Lolie brachte nichts mit als ihre ale ne, charmante, blonde Person. Er halte die süße kleine Wohnung eingerichtet, den Garten herrichten lassen, er hatte die Möbel gekauft. Zu ihrer Hochzeitsreise nach Italien hatte ihm zein Schwiegervater ein paar braune Lappen in die Hand gedrückt. Deshalb, fand er, konnte er auch etwas verlangen, und er hatte diesen Vertrag ausgesetzt, in dem alles stand, was er bei seiner ersten Ehe vergessen hatte, vorher zu vereinbaren. Nachher ging es nicht mehr. Sie hatte ihn gelesen und unterschrieben. 12 9 8 5 ###nf K 1: S □ 61 85 2 S 2 S S E 21 Et! 8SUS *** K 8.— 2 FITT 0 S 6 0 ** 5 2 · SUUA ** S 929 KOTPE SS Sg 188P0hSSONERSEG WPTSEEE Tgugs S gSSg# u 950 a 83. E *e 885 THxSOEESERNRP5 Gausertanzrbur boge“ 63•— P EOE Der erste paragraph sautete, daß ihm erlaubt sei, des Abends auszugehen, wann und so oft er wollte, daß ihn niemand danach fragen dürfe, wohin er ginge, noch woher er käme, und daß ihm kein„Gesicht“ gemach: werden durfte, auch wenn er siebenmal in der Woche ausging. Er haßte Frauen, die„fragten“ und nicht im Stande waren, sich allein zu beschäftigen, und er haßte es. bevormundet zu werden. Davon hatte er in seiner ersten Ehe genug gehabt. Die anderen Paragraphen waren nicht so wichtig, aber über diesen ersten hatte Lolie gestutzt. Hieß das eigentlich, daß er als Ehemann jeden Abend ausgehen wollte? Ihre blauen Augen blitzten auf einmal hellgrau.. „Siehst Du, Lolie,“ sagte er, indem er das kleine Händchen an sich zog.„das ist es, weshalb ich einen Vertrag aufsetze... Du gerätst schon bei dem Gedanken außer Dir, daß ich einmal ausgehen wöchte——“ „Einmal? Du schreibst aber siebenmal!“ rief sie. „Gewiß, ich beuge nur vor, denn ich könnte sa Lust haben, siebenmal auszugehen——“ „So, und ich und ich!“ rief sie wütend.„Ick soll wohl Deine Knöpfe annähen in der Zeit?“ „Was Du tust, ist mir einerlei,“ sagte er. „Aber ich werde nur eine Ehe eingehen, in der ich Ellenbogenfreiheit habe. Und ich mache sie von Deiner Unterschrift abhängig.“ Bis es aber dazu kam, dauerte es viele Tage denn Lolie war sehr erzürnt wegen dieses Vertrages. Dieser erste Paragraph empörte sie geradezu. Siebenmal ausgehen? Und sie sollte nicht eirmal fragen, woher er gegen Morgen kam? Das konnte sie nicht, das wollte sie nicht unterschreiben. Ueber diesem ersten kleinen Parographen wäre ihre Ehe sast schon auseinander gegangen, bevor sie begonnen hatte. Daß sie dennock zustande kam. verdankte er nur einem klugen Freund, der die kleine Frau zu beschwichtigen verstand. Eines Tages fuhren sie dann zum Standesamt, heute morgen wurden sie seierlichst getraut und übermorgen saßen sie in Neapel am blauen Meer in der Sonne... Es war also gut gegangen, und der Bräutigam hätte diese blau tapezierten Wände seines Junggesellenheims, in dem er heute zum letztenmal geschlafen hatte, gar nicht so wehmütig zu betrachten brauchen, wenn ihm nicht der Gedanke an diesen verslixten Paragraphen gekommen wäre. Ob sie ihn auch halten würde die bleine Frau? Aber da fingen die Glocken an zu läuten, die Wirtschafterin riß die Tür auf und meldete, das Auto warte unten, und ein Bräutigam darf nicht warten lassen. Lebwohl, mein Junggesellenleben, seufzte er und nickte der leeren Onyxschale zu, in der keine parfümierten Briefe mehr lagen. Dann gab er sick einen Ruck, knörfte seinen neuen Pelz zu und bestieg das blanke Hochzeitsauto. Vier Wochen später war das junge Paar in die neue Wohnung eingezogen, und beim Abendessen bemerkte Lolie an ihrem Manne eine sonderbare Unruhe. Er rückte hin und her, zog mehrmals die Uhr, bis sie schließlick sagte:„Du willst wohl ausgehen, Ernst?“ „Gewiß, eigentlich möchte ich... ein paar alte Freunde, die zufällig——“ „Ach, Du brauchst Dich gar nicht zu entschuldigen,“ unterbrach sie ihn.„Geh' nur, das steht ja in unserem Vertrag.“ Er erhob sich erleichtert und küßte sie. Er war sehr glücklich, daß es dis erstemal so gut gegangen war. In der Tür fragte er:„Und was wirst Du tun, Liebchen?“ „Da weiß ich noch nicht,“ sogte sie.„VieVergnügen!“ Und er ging: Als er gegen Morgen leise heimkam, schlief die junge Frau längst friedlich Er hätte ihr zu gern von dem vergnügten Abend erzählt, während sie den Tee aufgoß Aber sie meinte:„Das interessiert mich gar nicht. Es ist besser, wir behalten solche Erlebnisse für uns.“ Das zweitemal ging er erst nach neun Uhr fort. Als er Lolie einen Kuß auf den Nacken drückte und wieder fragte„Was machst Du Loliechen?“ sogte sie,„ich weiß noch nicht,“ aber sie lächelte so merkwürdig dazu.. Dieses Lächeln verfolgte ihn am ganzen Abend. Der Sekt schmeckte ihm nicht, und er hatte keine Lust zu tanzen, er mußte immer an Lolie denken, ihr mysteriöses Lächeln.. Als er diesma! schon vor zwölf Uhr heimkam, war sie nicht da. Er weckte die Jungser aus dem Schlaf, und sie sagte, die Gnädige sei zu einem Ball gefahren „Zu— einem—.— Ball!“„Jawohl, so habe sie gesegt, wohin wisse sie nicht.“ Er verbrachte eine schlaflose Nacht. Als Lol'e gegen drei Uhr heimkam, im Abendmantel und großer Toilette, gab es eine Szene. Er empting sie mit Vorwürsen. Wo warst Du? Was ist das für eine Mode?“ Sie war mit einer Freundln auf dem Kolonialball gewesen und hatte sich köstlich amüsiert... Er wurde wütend und warf ihr vor, das schicke sich nicht für eine so junge Frau.„Sc und weshalb schickt es sich denn bei Dir?“ agte sie über die Schulter.„Ist es nicht das selbe.“ So bekamen sie den ersten großen Streit.— Als der Freund einige Wochen später der Abends zum Essen erschien, fand er die junge Frau allein. Ihr Mann war noch auf dem Werk. Er erkundigte sich, wie es denn mit Ernst ginge.„Ausgezeichnet, Herr Toktor. Ick habe nur das eine an ihm auszusetzen: er geht nie aus!“ „Wie, Ernst—— gehtgnicht mehr aus?“ „Nein. er ist immer zu Hause, den ganzen Abend sitzt er bei mir, und ich muß ihm gegenüber sitzen, er muß mich sehen...“ „Na, und der Vertrag?“ Sie winkte mit der Hand.„Das ist es ja.. Er macht gar keinen Gebrauch davon!“ Sie lächelte ihn an, der sie sprachlos betrachtete denn sie hatten alle geglaubt, daß an diesem Paragraphen die zweite Ehe des Freundes scheitern würde. Aber es scheint Paragraphen zu geben, die einen Schutzwall bilden gegen jene Vergehen, gegen die sie aufgestellt sind. —1.— Komödie in der Wüste Skizze von Max Geißler. Daß es in der Welt vorwärts ging, kümmerte die Familie Strauß nicht. Sie lebte nach den Regeln jenes Bedumenstammes, der kein Dach über seinem Kopfe duldet; auch nicht ein Zelidach, und nicht einmal des Nachts. „Ha, früher....“, begann der Straußenvater Akwir seine Erzählungen. Er wußte es natürlich auch nur vom Horensagen! Früher waren die Straußen in Millionenheeren durch Afrika gezogen. Bis der heimtückische Nachbar Mensch überhand nahm.„Das geht nun schon ein paar Dutzend Jahrtausende so. Und wenn wir nicht so ungeheuer klug wären, hätten uns die schwarzen und weißen Teufel schon längst geholt“, sagte er und schloß jede seiner Geschichten:„Laßt Euch nicht erwischen!“ Es war nämlich in den letzten Jahren ein Brauch aufgekommen, ganze Herden in Straußenfarmen einzusperren. Dort bekamen sie gut zu essen, es war für ihre Sicherheit gesorgt, und dafür mußten sie ihre Federn geben.„Na ja, sagte eine alte Straußin,„es hat auch manches für sich....“ „Ich aber lobe mir doch die Freiheit! Man ist nun mal ein Beduine und soll auch ein Beduine bleiben.“ Damit hatte er recht; denn wenn ein Geschlecht seit Tausenden von Jahren gewohnt ist, durch Wüsten und Steppen zu ziehen, dann ist der Hof einer Straußensarm nur ein erbärmliches Gefängnis. Akwir, der Straußenvater, und seine Leute hielten sich für ungeheuer gescheit. Weil sie sehr schnell laufen konnten— kein Araber hengst vermochte sich mit ihnen zu messen! Und weil sie sehr scharfe Augen hatten— die guckten in die Welt wie Fernrohre; und der Strauß Akwir meinte: er könne jede Fliege erkennen, die sich drüben auf der anderen Seite der Wüste an den Himmel gesetzt hätte— dort, wo sich dieser Himmel herniederwölbte auf den grauen Sand. „Auch in der Nacht?“ fragte ein junger Strauß vorwitzig. „Auch in der Nacht", behauptete Akwir; denn da setzen sich alle Fliegen an die Decke der Welt und sind silbern— daß man sie bes. er sehen kann.“ „Ah, so ist das?“ Akwir war ein Straußenmann im besten Alter. Fünf Jahre. Er hatte sieben Frauen. Alle gleichmäßig grau gekleidet; und etliche er wachsene Kinder waren auch dabei. Die trugen noch den braunen Anzug, der bis ins dritte Jahr halten muß. Akwir dagegen— ha, der var schwarz wie das Herz der Neumondnacht! Nur seine Schwanzfedern und die Schwinger. glänzten schneeweiß. Genau wie es der Brauch ist in seiner Sippe: vierzehn schöne weiße Straußenfedern hatte er— nicht eine einzige weniger! Und die waren so kostbar wie jene, um die schon die Frauen des Königs Salomo ind die Pharaonen seilschten. Akwir wog gut zwei Zentner und maß vom Schnabel bis zur Schwanzspitze zweieinhalb Meter. An der Tränke, an der sie sich jetzt befanden, erschienen sie regelmäßig am Mittag. Sie datten von ihrem Wohnplatz in der Nachbar: steppe zwar dreizehn Kilometer zu gehen. Ein Soldat hätte länger als zwei Stunden wacker marschieren müssen— im Wüstensande wohl gar vier— und wäre totmüde ans Ziel gekommen. Die Straußen durchmaßen die dreizehn Kilometer in einer Viertelstunde, wenn sie Eile hatten, in noch kürzerer Zeit; denn dann mach#en sie Treimeterschritte. „Diese Tränke liegt sehr bequem für uns", behauptete Akwir. Die anderen ruhten sich ein wenig aus— nicht weil sie müde waren, ondern: sie pflegten der Verdauung. Akwir dagegen stand immer auf der Wacht und war seiner Sache sehr sicher.„Ich kann die ganze Wüste Sahara übersehen“, behauptete er. Die Zebraherden, die mit ihnen in der Steppe wohnten, teilten diese Ansicht und waren froh, wenn Akwir, der Riese, daheim war. Jetzt— er richtete die Seher weit hinaus. „Ha!“ sagte er,„es kommt einer durch die Wüste gelaufen! Zwar vom Kraale der Buschmänner her, aber es ist ein Vetter von uns.. ein Jämmerling", setzte er verächtlich hinzu. Die Jungen, die mit den Frauen an der Tränke lagen, mußten heran. Ha, dem wöilen wir mal einen Denkzettel geben!" und „Hui, ist das ein Gevatter!“ So höhnten sie. Da hätte ein Menschenauge den fernen Wüstenläufer für einen Maikäfer gehalten! Aber Akwir behauptete; es sei ein Strauß. Er kam so langsam näher wie ein Mensch; deshalb traute einer der Jungen der Sache nicht recht. „Dummkopf!“ sagte Akwir.„Ta künnt Ihr gleich mal sehen, wohin es führt, wenn man unter die Menschen geht! Jener dort haust offenbar schon etliche Jahre im Hottentottenkraal. Ueber seinem Sklavendasein hat er Kraft und Schonheit verloren.“ „Er sieht ja aus wie ein gerupstes Huhn!“ „Mit dem werdet Ihr allein fertig“, sagte Akwir. Er wollte den Jungen nur seine Befehle geben. Denn kampftüchtig sollten sie werden. Es gab in ihrer friedlichen Steppe dazu kaum Gelegenheit. An die zwei Stunden dauerte es, bis das„ge rupfte Huhn“ heran war. Jämmerlich— in der Tat! Sein Hals ragte trocken und steif wie ein Ast, und sein Kopf wackelte. Sein Federrock war arg verschlissen und sah aus wie das Fell einer schwarzen Pardelkatze, das im Wast zer gelegen hat. „Seine Knie biegen sich ja nach vorn!“ behauptete ein Junger. „Na ja, er hat sich eben die Knochen krumm gelegen!“ behauptete Akwir. „Den nehm ich allein auf mich!“ rief der keckste der Jungen, lief ihm entgegen und rem pelte ihn an. Auf einmal... Es streckte sich unternk vertragenen Strauzenfrack des Fremden ein Hottentottenarm hervor! Die ganze Verkleidung plumpste herunter, samt dem ausgestopften Straußenhals! Erst hatte der Kerl ausgesehen wie ein verunglückter Strauß— nun sah er aus wie ein Teufel! Dies war alles das Werk eines Augenblicks. Denn: ehe die Verkleidung auf den Sand fiel, hatten die Satanshände den Keckling schon beim Kopfe gepackt. Der wollte schreien, kam aber nicht dazu; denn eine haarscharfe Klinge fuhr ihm in die Kehle! Und mit einem Hollengelächter lud sich der Buschmann die Beute auf den Rücken. Die Maske nahm er auch wieder mit. Er hatte dazu zwei Säcke mit Heu ausgestopft, mit einem Straußenbalg überzonen und dies Ding auf dem Kopfe getragen. Die schwarzen Beine waren grauweiß angestrichen. Den langen Hals aber mit dem Straußenkopf hatte er in der linken Hand gehalten und damit gewackelt. So war ihm seine List geglückt! Die kleine Straußenherde sauste schon weit, weit draußen über die Steppe und rannte mit Dreimeterschritten hinein in den Himmel. —1..— Ohne aufzusehen arbeitete Das Kind Skizze von Hermann Pistor=Elberfesd. Der Arzt beugte sich über den Körper des Kindes. Besorgnis stand auf seinem Gesicht, ein burzer Blick auf seinen älteren Kollegen, dann nickte er der Schwester zu, und wenige Minuten später lag der kleine Körper willenlos in dem hellen Operationssaal. Der Schwester glänzten zwei Tränen in den Augenwinkeln, und der Anblick des Kindergesichtchens, das die Qual der letzten Stunden widerspiegelte, drohte ihr die gewohnte Ruhe zu rauben. Der Geheimrat, unter dessen Leitung der junge Arzt seit einigen Jahren arbeitete, beobachtete jede seiner Bewegungen. „Lieber Freund,“ sagte er leise,„unser oberstes Gesetz ist die Objektivität, das heißt— Nerven behalten.“ „Es ist ein Kind, Herr Geheimrat. Und sie wissen ju.. Otto weiter. Der alte erfahrene Mediziner nickte. Er wußle, daß der junge Kollege in allen Kindern immer das eigene verlorene sah... Trotz der inneren Erregung behielt der Arzt seine Ruhe. Nun kam der entscheidende Einschnitt. Einen kurzen Augenblick schweifte der Blick des Doktors durch das Fenster. Draußen lag die Sonne auf waldigen Bergen und grünen Wiesen. Dort leuchtete die lebensstarke Welt, und dicht neben ihm stand vielleicht der Tod. Dann griff er nach den Instrumenten und beugte sich über das Kind. An diesen Minuten hing ein aufblühendes Leben. Sicher setzte er den scharfen Stahl an und schnitt. In diesem Augenblick war es ihm. als öffne sich der blasse Mund des kleinen Patienten. „Vati...“ schien das schwache Stimmchen zu ruien. Eine Bitte, eine Anklage lag in dem Ton. Ein jäher Schreck durchzuckte den Arzt. Hatte der Kleine Empfinden? Er schüttelte den Kopf. Das war ja völlig ausgeschlossen— er mußte sich getäuscht haben. Der Geheimrat sah seine Unrrhe.„Sie müssen sich noch fester in der Hand haben, mein Liebster. Man hat immer noch den Eindruck, daß Sie persönlich zu sehr beteiligt sind. Ein Arzt muß über der Sitvation stehen.“ Nach einer Weile zeigte er auf die Hand des Kollegen.„Täusche ich mich de. oder—?“ Otto zupfte an seinem Handschuh und nickte. Er hatte den feinen Schnitt nicht gesühlt, als beim ersten Schreck das Messer in seine Hand gedrungen war. Nun flossen die Lebenssäfte der beiden Menschen ineinander... Das Kind aber war gerettet.— Nach einer Stunde kam der Assistenzarzt in das Zimmer des Geheimrats.„Wie sehen Sie denn aus!“ rief dieser als er das fieberglühende Gesicht des jungen Chirurgen sah. Otto hielt, dem Chefarzt seine Hand hin.„Infektion“, sagte er,„die Operation—“ Der Geheimrat stand auf. klovfte dem Kollegen ermunternd auf die Schulter.„Da werden wir keine Zeit mehr verlieren dürfen.“ Mit hohem Fieber wurde der Kranke zu Bett gebracht. Der Geheimrat stand nach der selbst ausgeführten Operation nebn ihm. Nun fühlte er etwas, was er in den langen Jahren seiner Tätigkeit nie empfunden: daß seine von ihm so oft gerühmte Objektivität ihn verlassen hette. Hier stand er am Bett eines Menschen mit dem ihn etwas anderes als die zu behandeinde Krankheit verband. Er setzte sich dicht zu dem im Fiebertraum Daliegenden u. achtete auf jede Beinegung, lauschte auf jedes Wort. Der Kranke begann zu sprechen; jetzt wurden seine Worte deutlicher. „Ich wollte dir nicht weh tun, kleiner Kerl .“.. Ich bin ja noch viel grausamer gegen mich selbst..“ Unbeweglich schaute der Geheimrat in das Gesicht des Fiebernden. An wievelen Krankenbetten hatte er in sachlicher Pflichttreue schon gesessen und Mut zugesprochen, auch wenn er nicht mehr an eine Genesung glaubte. Immer stand er über allen und sand oft mit nüchternem Verstande Rettungswege. Das machte ihn zum bedeutendsten Arzt der Stadt. Lange saß er in tiefes Sinnen versunken da. Dann richtete er sich auf.„Objektiv'tät—“, sagte er bitter,„alles wird einmal Theorie....““ —— Am Aberd blieb der Geheimrat noch lange in seinem Arbeitszimmer. Seine Ruhe datte ihn verlassen, seit er sich um den kranken Kollegen sorgte. Nachdenklich ging er durch das Zimmer. Er erschrak, als die Tür geöffnet wurde. Mit ernstem Gesicht trat der Stations= arzt ein. Der Geheimrat schaute ihm entgegen. Er wußte, was das bedeutete.„Sie wollen mir sagen, daß Otto—“. Er wunderte sich über den festen Ton seiner Stimme und sah das Kopfnichen des Eingetretenen.„Er hat niemanden mehr erkannt— nur von seinem Kinde sprach er noch.“ Der Geheimrat sank schwer in den Sessel und schwieg.„Wissen Sie,“ sagte er endlich, „daß ich die Schuld trage, weil ich ihn immer wieder gezwungen habe, an Kindern Operationen vorzunehmen? Er war ein werwosser Wensch. und ich wollte, daß er sich von der Angst befreien sollte, die ihn beherrschte, seit ihm sein Kind in der eigenen Behandlung starb. Der Stationsarzt sah den Chef an und schüttelte den Kopf.„Ich weiß, daß er sich nie hätte davon befreien können— nie.“ Der andere atmete gequält auf und ging unruhig durch den Raum. Dann blieb er stehen.„Ich habe ihn lieb gehabt wie einen Sohn! Aber das wußte niemand von Ihnen—“ Seine Stimme zitterte; mit unsicheren Schritten girg er weiter. Geheimrat,“ sagte er keise, zwir Nenschenrtolle Jagd—un ein paar Tage wird wohl irren oft, wenn wir im Glauben an unsere Liebe handeln. Mehr noch als Sie liebte ihn sein Schicksal, denn das hat ihn erlöst.— Sein Schicksal war das Kind...“ —1.— haben Sie noch etwas für Doprelte Terzen Skizze von W. Emil Schröder. „Gehen wir ins Musikzimmer, um deine neueste Komposition uraufzuführen!" beschwingt freundlich Erik. Er selber ging voran in das dunkle Zimmer, seine Gattin Ina und Günther Sebald folgten. Wie unabsichtlich streiften sich beider Hande und fuhren blitzhaft auseinander, als das Licht aufflammte. Erik schlug den Deckel des Flugels auf, nahm umständlich die seidene Decke von den Tasten,— in schmalem, abgegrenztem Streifen fiel der Schein der Noteniampe darüber. „Kannst du es vom Blatt singen?“ Erik sah fragend seine Frau an. Schlank stand sie neben dem Flügel, magisch leuchteten ihre weißen Arme in dem gedämpften Licht. Erik glaubte an ihren Fingern leises Vibrieren zu spüren, als sie aus seinen Händen das Notenblatt entgegen nahm. Günther hob nicht den Blick von den Tasten, saß wartend, wie in sich zusammengekauert da. Leise Frage:„Soll ich dir die Melodie erst einmal vorspielen, Ina?“ Sie wehrte ab.„Wozu denn? Die Noten sind ja wie gestochen—“. Acht Takte Vorspi2l in träumerischem a=moll. Und sicher setzte ihre weiche klingende Altstimme ein: „Einstmals, als mich ein Funke traf himmelgewaltiger Liebe, wähnte ich wie in seligem Schlaf, daß es nun immer so bliebe.“ Erik saß im Halbdunkel, scheinbar in die schmiegsame Meiodie versunken. Aber durch die Fmger der Rechten, die er wie schützen. gegen das Licht über die Augen hielt, soh er heimliche Funken in zwei Augenpaaren. Als Günther geendet, stand er langsam auf, legte ihm die Hand auf die Schulter:„Wirklich gut. Und Ina singt, als käme ihr das Lied aus tiefster Seele.“ Sie lauschte argwöhnisch auf. Fragte gedehnt:„Meinst du wirklich?“ Er lachte ein wenig gezwungen:„Wenn ich es dir sage! Doch schau einmal nach, ob der Tee serviert werden kann.“ Mit wiegendem Schritt verschwand sie durch die Tür. Erik beugte sich ein wenig vor zu dem noch am Flügel sitzenden Günther, dessen Finger nervös auf den Tasten spielten. „Wie gesagt— das Lied ist gut. Aber im vorletzten Akkord steht eine doppelte Terz. Du weißt, das verstößt gegen die Kompositionsgelege? Wegwerfend antwortete Günther:„Seibstverständlich weiß ich das. Aber bei mir ist sie Absicht, diese doppelte Terz.“ deines Liedes aufmerksam machen? Oder Eindringlich blickte ihm Erik in die Augen: „Absicht— schön. Aber die doppelte Terz wirkt störend. Sie drängt sich trennend zwischen zwei Töne, die miteinander harmonieren.“ Befremdet sagte Günther:„Du sagst das so merkwürdig, so bestimmt. „Soll ich es noch bestimmter sagen? Soll ich Ina auf diesen kleinen Schönheitsfehler deines Liedes aufmerksam machen? Oder weiß sie auch, daß es Absicht ist?“ Da raffte sich Günther zusammen, nahm wortlos das Notenblatt vom Flügel herab, riß es in der Mitte durch. Er erhob sich:„Du bist im Recht. Doppelte Terzen klingen nicht schön.“ In diesem Augenblick kam Ina wieder in das Zimmer, lächelte:„Der Teewagen kommt sofort.“ „Schade, Günther will gehen, Ina.“ Kleines Erschrecken stand in ihren Augenbrauen. Günther sah zur Erde nieder und sagte leise: „Ich habe noch eine wichtige Verabredung. Ich will das mir vorgeschlagene Engagement nach Bern doch noch annehmen.“ —2— Vatas Skizze von Carl de Riz. Lotte, die forsche, ranke Sekretärin des Produktionsleiters der großen Wefu=Filmgesellschaft, trug mit kühnem Schwung die letzten, feinsten roten Linien auf ihren Mund, gab dem Hütchen noch einen feschen Ruck, überflog mit kritischem Blick ihre schlanke Figur und wollte eben die innen spiegelverkleidete Tür ihres Schrankes schließen, als sie das Direktionsfaktotum,„Herrn" Pieper, im Spiegel gewahrte: „Uff, Pieper, dem Himmel sei Dank, daß wir in ging er weiter.;„Uff, Pieper, dem Himmel,) Der Stationsarzt stand an der Tür.„Herr diese Première hinter uns haben— war ne nun Nühe sein N.c— „Eigentlich nicht, Fräulein Behrens— das Zeigt, ein junger Mann sitzt im Sprechzimmer — wenigstens schon achtmal wartet er stundenlang und will durchaus den Direktor sprechen— war ja nie Zeit— ich dachte vielleicht heute, wo doch der Rummel vorbei—“ „Schauspieler?“ „Moglich, sieht sehr fein und vornehm aus— was man so einen schönen Mann nennt.“ „Na, führen Sie ihn mal rein.“ Mit artigem Gruß trat Nikolaj Iwanoff ins Zimmer. Eine hohe, sehnige Gestalt, ein schmaler, kluzer Kopf mir prachtvollem, schlicht nach hinten gestrichenem Haar und ganz dunklen, großen kraurigen Augen. Seine Kleidung war wohl naum letzten Schnittes, aber von tadellosem Sitze, seine Bewegungen zeigten den Mann bester Herkunft. Dies alles sah Lotte sofort mit geübtem Blicke und erkannte auch von vornherein die Wünsche des jungen Mannes. „Herr Direktor Blom ist leider auswärts in den Ateliers beschäftigt, aber ich bin seine Sekretärin und werde Ihre Wünsche gewiß weiter leiten.“ Unwillkurlich kamen diese Worte liebenswürdiger als sonst von Lottes roten Lippen. Ja, er wollte zum Film— vielleicht vorläujig nur in ganz bescheidenen Rollen— Russe — Emigrant— alle Stufen des Abenteuers mitgemacht, im tollsten Wirbel durch die halbe Weit geschleudert, jede Arbeit verrichtet, in allen Landern gehungert— Berlin als Arbeitsvol Europas, letzte Hoffnung— vergebens. Anständige Kleider als letztes Vermögen— Reiter, Fechter, Automobilist, Flieger— jeder Sport— vielleicht läßt sich damit doch hier etwas anfangen.... Eigentlich sollte Lotte schon an der Gedächtniskirche sein, aber etwas Unerklärliches an ihm veranlaßte sie, stumm zuzuhören. Trotz der Resignation, die, hier völlig unangebracht, aus ihm strömte, zwang sie das Herrenhafte irgendwie in eine Untertanenstimmung. Sie war gar nicht hochfahrend und kurz wie mit Hunderten ähnlicher Bewerber an jedem Tag, und sie fühlte trotz unwillkürlicher Sympathie eine ärgerliche Auflehnung gegen seine suggestive Macht. Ob er ein Bild von sich besäße; sie würde dem Direktor vortragen. Wie ein Heiligtum zog Nikolaj ein Photo in Postkartenformat aus einem Portefeuille und legte das Bild sachte auf den Schreibtisch. Lotte steckte die Karte in eine Ecke ihrer Schreibmappe.„Kommt morgen sofort hinüber“, bemerkte sie und zog ihre Handschuhe an. Eine Verbeugung, vollendet, aber doch so, wie etwa der König einer Hofdame seiner Gemahlin. Lotte wußte wieder nicht warum, aber wieder wurde sie unsicher, und ihr Gegengruß fiel etwas linkisch aus— Nikolaj stand im tosenden Großstadtlärm. Er fühlte sich vereinsamt, es war so schrecklich still um ihn— trotz aller Autohupen. Das letzte Bild, das letzte Geld, noch wenige Tage dann würde auch seine Wirtin das Machtwort sprechen, das ihn dem Nichts, der Nacht — der Obdachlosigkeit entgegen warf— dem Schlamm, vielleicht dem Verbrechen— oder besser den braunen, tückischen Wassern, in denen sich tausend fröhliche Lichter der Stadt spiegeln. Morgen! morgen wird er das Urteil entgegennehmen, morgen soll das Schicksal entscheiden. Wie ein Glücksspieler, der sein letztes Vermögen auf eine Karte setzt: rot— oder— schwarz. Morgen war seine Ziehung in der Lebenslotterie— noir ou double... —— Lotte saß gelangweilt am Schreibtisch und knabberte an einem Stück Schokolade. Nach dem überstürzten Arbeiten der letzten Tage und Nächte vor der großen Erstaufführung war diese große Ruhe geradezu unheimlich. Kein Regisseur, keine jagenden Menschen, der Chef nur auf eine halbe Stunde zu Mittag — sogar das sonst rasende Teleson unterbrach nur zaghaft hin und wieder die Stille. Sie ordnete zum zehnten Male ihr Schreibgerät auf dem Tische, stellte die rote Tinte von links nach rechts und wieder von rechts nach links. Der rote Korkpfropfen blieb ihr in der Hand. Spielerisch tupfte sie damit auf das Löschblatt— ganz runde lustige Vollscheiben. Nikolajs Kartenbild stak in der Mappenecke. Nachdenklich tauchte sie den Blick in das männlich=schöne, herrische Gesicht. Wieder fühlte sie eine heftige Auflehnung gegen die Besitznahme durch diese tiefen ernsten