S 98BSSSESS E SS #g G.--uon 9 S BMSESREEGESTTTEESE FGZUPTOATTDPGUSEGTSTS.. K RS SSB FHHSEE A S 75 5 SHG.SS S S 8 820 95 S SESSgE ForPGS. 5: ** S 2. B ∆ 8 SSn SooügapJan —OHENZROSPS ETGUSIE SS ESSSE SSSyaSS. 9 19 Sm □— — S 2 —— ** 9 . □ G#g am S B S 3E 8 G#T# Hans Harlanders letzter Weg., Da faßte er einen Entschluß. Noch einmalgrünlichen Geifer. Jochen Helmer aber gab Dies W#es hinab— mit ihr!— Dort war die Spur, dielnicht acht meil die mirvon Träumorgian ihn Skizze von Georg Paul Lücke. Nach vierstündiger, schwerer Kletterarbeit lag die erste Wand unter ihm. Schroff stürzte sie zur Tiefe und warf ihren blauen Schatten weit hinaus in das Tal. Fern an seinem Rande schimmerten wie Edelsteine die Fenster der großen Hotels von Sardez. Hans Harlander stand zweitausend Meter über dem Leben, das mit fernem Raunen einen schwachen Widerhall in die stille Hochwelt sandte. Schon griff die Kälte über die Firnwand hinab, die sich wie gleißender Marmor über ihm ins Blau türmte, mählich aufsteigend zuerst, dann, senkrecht fast, sich aufbäumend zum wild zerrissenden Grat. Andere hatten das Wagnis vor ihm versucht, aber an diesem kühnsten Problem der Hochalpen waren selbst die Besten mutlos geworden. Nur dem gehörte der Sieg, der keine Wünsche zurückließ für Leben und Zukunft. Sein Leben war Kampf gewesen, die Liebe anderer Menschen hatte er nie empfunden. Eine Mutter, die sich vergessen, stohl ihm den Glauben an das Höchste; ein in Haß sich zermürbender Vater sah in dem unverstandenen Knaben nur eine Last. Freundlos und freudlos hatte er dahingelebt, ein Leben ohne Zweck und Ziel, das Opfer seiner schwachen Seele, die ihn sein Dasein nur träumen ließ, nicht aber die Kraft gab, es aus eigenem Willen zu meistern. Und als er zu finden glaubte, was ihm das Leben hätte wertvoll machen können, da war die junge Gattin, die sein Geld nur gelockt, dem anderen gefolgt, dessen Männlichkeit Gegenbild er war. So haßte er das träge Blut in sich, die Maschine aus Muskeln und Nerven, im Sport gestählt, die doch nicht Herr wurde über seine Lässigkeit. Nicht den Mut brachte er auf, ein Ende zu machen, aus dem Gedanken den Willen zur Selbstvernichtung zu zwingen. Nur dazu hatte er sich entschließen können, es einem Zufall anheim zu stellen, ob er dieses Drohnendasein weiterführen solle oder nicht. Hier in der Ureinsamkeit der toten Hochwelt war dieser Zufall in vielfacher Gestalt. Ein Fehltritt am steilen Hang, ein ausbrechender Griff, ein Schneerutsch, unter unbedachtem Tritt vom glatten Untergrund gelöst, die trügerische Decke über gähnender Spalte, die Kälte der Nacht, das Toben entfesselter Elemente— dann würden ein paar kurze Zeilen melden, daß wieder einer für seine Liebe zu den Bergen starb. Da brach ein Knattern und Bersten in die Stille. In gewaltigen Blöcken stürzte ein Eishang vom Grat, hüllte den Harrenden in flimmernde Splitterwolken und verschwand polternd in der Tiefe. Hans Harlander aber stand unverletzt. Weiter ging er dem Tod entgegen. Wuchtig schlug das Beil Stufe um Stufe aus blankem Eis. Die Stille wuchs gleich der im Süden aufquellenden Wetterwolke, aus der zuweilen dumpfes Grollen drohte. Aber die sinkende Sonne löste den blendenden Ballen in verziehende Streifen. Näher stachen die Felsen aus dem Mantel von blauem Eis, leichtfüßig übersprang er die Randspalte. Er ging an die Wand, die sich fast grifflos vor ihm stemmte, gewann den wuchtig zersägten Grat, überwand Turm auf Turm. Unter Füßen und Händen brach der verwitterte Stein. Jeder Schritt war Grenze des Lebens, jeder Blick in die Tiefe konnte den Schwindel bringen und die letzte Fahrt. Wieder stand er auf einer Graterhebung. Drüben jetzt trotzte die Felsbastion des noch unbezwungenen Gipfels, die messerscharf zur Schneide sich verjüngend, in die Unendlichkeit des Aethers emporstieg. Da sah er das Mädchen. Unwirklich fast in der Hocheinsamkeit lag die Gestalt auf schmalem Geröllband mit geschlossenen Augen. Ueber die bleiche Stirn lief ein rotes Band— Blut. Wie im letzten Griff nach dem Leben hatte sie die Hände in die Steintrümmer verkrampft. Harlander achtete nicht der wettergeschliffenen Platten, glitt, rutschte hinunter in die Senke, hastete hinüber und fühlte aufatmend noch Wärme, als er den leichten Körper in bequemere Lage hob. Er riß sein Taschentuch in Streifen, legte den Verband um die Stirnwunde und fühlte erschauernd ein Nachgeben der Schädeldecke, die der Sturz gebrochen. Sollte er hinabsteigen, um Hilfe zu holen?— Bis Rettung kam, vergingen Stunden, kam die Hochnacht und arror alles Lehen. shiiab— mit ihr!— Dort war die Spur, die das Mädchen heraufgeführt in wahnwitzigem Ehrgeiz, Erste zu sein, befanden sich ungeschickt geschlagene Stufen, und doch bedeutete es für ihn eine Möglichkeit. Er warf den Rucksack ab, den Pickel daneben, hob die schlaff nachgebende Gestalt über die Schulter und begann den Abstieg. Seine Knie zitterten sein Herz schlug in wildem Rhnthmus, als wollte es die Brust sprengen. Weiter! Weiter! Die letzte Dämmerung spiegelte matten Widerschein im Eis, gab geringe Sicht dem scharf vorwärts spähenden Plick. Und der Tod war da, überall, grinste aus Schluchten und Schründen, stand in der schimmernden Nacht, streckte kalte, krallende Finger aus der Tiefe. Unerreichbar fern blinkten die Lichter von Sardez. Stunde um Stunde verrann. Die Eiswand, die er im Aufstieg fast spielend überwunden, wollte kein Ende nehmen. Die Ermattung kam und wollte ihn niederzwingen, doch mit jedem Schritt bergab wuchs seine Seele, gab seinen Muskeln übermenschliche Kraft und meisterte den Körper. Das Eis der Jahrzehnte brach, sein Leben bekam Inhalt, war Tat!— Doch, als er den sicheren Fels erreichte, das Mädchen behutsam zu Boden gleiten ließ, vortrat und einen Blick über die letzte Wandstufe warf, ob er sie in dieser Nacht noch zwingen könne, sah er Lichter tief unten, die sich emporbewegten. Ein gellender Ruf in die Nacht!— Eine ferne Antwort und das Schwingen einer Laterne, die ihm kündete, daß man ihn gehört. Da wandte er sich rückwärts, sah im Dämmerlicht der weißen Welt zwei offene Augen und ein dankbares Lächeln um einen roten Mund. Schwindel griff sein Gehirn, Sterne fuhren in wildem Kreisen am Firmament, Berge wankten und brachen, das Chaos kam.—— ——„Die seit vierundzwanzig Stunden in den Bergen von Sardez vermißte bekannte Hochtouristin Ruth Deadforth wurde von einem deutschen Alleingänger aufgefunden und durch eine Rettungskolonne zu Tal gebracht. Sie befindet sich trotz einer schweren Verletzung auf dem Wege zur Besserung. Ihr Retter, ein gewisser Hans Harlander, erlitt infolge der Ueberanstrengung bei der Bergung einen Herzschlag", meldete die Presse. flicht ucht, weil die wirren Traumereienihn wie Möven umflatterten. Da hieb plötzlich der Großbaum herum, schlug den jungen Menschen über die Brust und fegte den Taumelnden über Bord. Die gierigen Wellen fielen über den Mann her und krallten ihn in die Tiefe. Rettung war keine... So blieb Christoph Adelmann Sieger. Lore Kruschat war dann Christophs Frau geworden.— Zu einem Glück war es ihnen beiden nicht gediehen; den Teufel hatte die Marzell im Leibe gehabt! Unter den Birken hin waren harte Worte geflogen, und das gelbe Geleucht des Herdfeuers hatte sich oft in zornigen Tränen gespiegelt. Hätte der Christoph nicht seine Ziehharmonika gehabt, dann würde wohl der Schnapsteufel ihn in die Hafenschänke gelockt haben, oder Nachbars Grete mit dem rotbraunen Gespinst wäre ihm gefährlich geworden. Aber der Tod hatte mit blankem Sensenhieb dazwischen geschlagen. Nun lag seit dreißig Jahren die Lore Adelmann auf dem Kirchhofe, unter einem süßduftenden Faulbeerbaum. Das Grab ist nicht verloddert. Sein sauber geglätteter Rand liegt immer voll bunter Muscheln. Auf dem eisernen Grabkreuz sitzen auf wippenden Spiralen bunte Vögelchen.—— Das Stroh knisterte... das„Boot" trieb leise schwankend weiter. Am Steuer saß der einsame Mensch. Denn einsam hatte er sein wollen all die Jahre hindurch. Graue Flut dehnte sich weithin; und als der Mann eines Tages sich über die Reeling beugte, da starrte ihm aus spiegelndem Wasser ein verwittertes Gesicht entgegen, gerade, als höbe sich aus der kühlen Tiefe eines von den grauen Seegespenstern empor. Da mußte er jäh erkennen, daß er alt geworden und wie weit das Andere ringsum von ihm zurückgewichen war,— lebensgierige Jugend, die über Tanzböden Christoph Adelmanns Skizze von Walter Mittasch=Königsberg. Von der gelben Düne her, deren graugrüne Haferhalme sich landwärts neigten, ging mit leisem Schritt der Wind um das alte, zerbrökkelte Fischerhäuschen, hinter dem das Silberpfahlwerk junger Birken stand. Er wollte wohl seinen guten Freund, den Fischer Christoph Adelmann herauslocken, dessen breitbrüstiges Boot er oft genug über die graue See geleitet hatte. Aber Christoph Adelmann lag im knisternden Stroh— und machte sich zum Sterben bereit. Auf dem schmalen Wege zwischen Sein und Nichtmehrsein hingleitend, lauschte die müde Seele des Alten den Stimmen des Geheimnisvollen, die wie ferne Glockenrufe aus tiefen tiefen Wäldern klagen. Und als die Gedanken so dem zurücksinkenden Leben sich entrafften, da wandelte das braungestrichene harte Bett sich zu einem Boot... und in diesem„Boot“ tat nun Christoph Adelmann seine letzte Fahrt. Auf das Meer sah er. Das baute rings um ihn her grüne Wunder. Wogen rollten heran und trugen silberne Kronen. Jede Woge hatte ein Gesicht, das verschwommen und schnell auftauchte, reden wollte und doch stumm blieb. Adelmann faltete die Hände und sah in der Erinnerung Zaubergarten. Eine Herbstnacht war es gewesen... sonderbar klar und von leuchtendem Grau durchwebt. Ein Boot tänzelte über kurzen, geifernden Wellen. Zwei Mann waren im Boote, die hätten einander ja wohl helfen sollen; aber sie waren sich feind. Denn ihnen beiden hatten die braunen Augen der Lore Kruschat Herz und Hirn versengt. Und wenn zwei solch verquere Gesellen zusammen fahren so wünschen sie einander den Tod.] Heiß durchfuhr ihn das Gefühl der Ohnmacht. Aus Westen kam der Sturm. Dort drüben bliesen grimme Gespenster aus brüllenden Posaunen. Ueber des Bootes Reeling griffen nasse Pranken. Bleiche Fetzen verspritzten jauchzte, geschäftige Streber, die ohne Mitleid Ziele verfolgten. Sie alle lächelten und drohten:„Geh Du weiter! Was sollen wir mit Dir?“ So lief sein Boot schließlich mit schlaffen Segeln auf den Strand und blieb dort liegen. Der Wind wehte gelben Sand darüber hin; die Brandung lief Sturm; baute glitzernde Wälle, die dröhnend zusammenbrachen. Kiefernwälder sangen zur Harfe des Windes. Landeinwärts wanderte der Einsame, um dem Leben zu entrinnen, das doch keinen losläßt.——. Das Stroh knisterte... Der Sterbende atmete leise und rasch. Was dann noch? Ach ja. Das Kind... das Kind... Die kleine Liese mit dem maisgelben Haar. Eine Waise.— Ihre Eltern waren im Sturm auf dem Haff ertrunken. Christoph Adelmann hatte das Kind aufgegriffen. Es sollte mit Gezwitscher das öde Haus beleben. Aber es war eine gar ernsthafte kleine Person geworden, die daheim zu frieren schien und die nun schon aus großen, sehnsüchtigen Augen zwischen den Sonnenrosen weg über den Zaun äugte, wenn die jungen Burschen vorbei stolzierten. Christoph Adelmann warf sich unruhig herum. Die Kammertür knarrte.— Das borkenbraune Gesicht der steinalten Wirtschafterin spähte herein. Der Wind ging winselnd um das Haus. Die roten Fuchsienblüten am Fenster pendelten wie fallbereite Blutstropfen. „Christoph? Heh...?!“ Aber der Sterbende gab keine Antwort. Alles sank zurück und verwehte.—— Christoph Adelmann stand nun aufrecht in dem schwankenden Boot, das die letzte Fahrt begann. Im Segel lag ein scharfer Wind. „Voran! Hoh!“— Schwarze Wolken ballten sich zu Vorhängen. Ein Riß klaffte auf. Gelbes Licht stürzte in breitem Guß über eine Stiege aus goldenen Stufen. Gottes Stimme rief:„Christoph Adelmann!" „Hier!— Aber ich fürchte mich.. „Habe keine Furcht! Eure Wege münden alle vor meinen Füßen. Liebe und Haß sind gleich schwer auf Deines Lebens Wage. Sorge nicht, daß ich Dich verleugnen werde. Komm!“ Da zerspellten des morschen Bootes Planken. Graues Wasser sprudelte auf und füllte den Raum. Es war ein Gewirr von Wogen... Gesichtern... Tönen... Ueber all das hinweg trugen breite, schlagende Schwingen die erlöste Seele der Sonne entgegen. Verantwortlich: H. Semmelmann, Altena. Druck und Verlag: P. A. Santz, Altena. BarMrtir Arcmrt Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung Nr. 32 Samstag, 13. August 1927 Flügellahm Eine Lenau=Skizze von Alfred Petto. (Zu Lenaus 125. Geburtstag am 13. Aug. 1927.) Justinus Kerner hatte wieder seinen witzigen Tag, an dem der Humor und die gute Laune aus ihm hervorsprudelten. „Junger Freund!“ meinte er,„Sie leiden an Hirngespinsten und setzen ein Gesicht auf, als ob es wahr sei, was Sie mir da sagen!“ Er wandte sich lächelnd zu seinem Begleiter hin, der mit gerunzelter Stirne und bitterer Miene neben ihm ging. Lenau hob den Kopf, sein Gesicht war fahl und müde. Er schwieg beleidigt. „Nun ja, lieber Niembsch!“ fuhr Kerner fort, es läust einer nicht aus dem Lange und greich übers Meer nach Amerika, wenn ihn nicht in der alten Welt ein Kummer plagt. Es ist ein eigen Ding um die Liebe der Frauen, aber wer wird gleich das liede Heimatland verlassen, wenn ihm das Liebesglück nicht gut will?" Er legte ihm die Hand auf die Schulter. Sic gingen schweigend eine Streck: Wegs neteneinander her. Auf den Feldwegen begegneten ihnen Leute, die freundlich den Hut vor dem Amtsarzt Kerner zogen und den beiden fragend nachsahen. Es war in den ersten Tagen des Juni, die Sonnenstrahien trafen die rebumkränzten Hänge der Burg Weibertreu, denen die beiden Dichter zustrebten. Lenau, der unstete und ewig Grübelnde, war nach Weinsbeig gekommen. Auch dieses Mal wieder in Unrast und in der Hoffnung, bei seinem Frcund und väterliche: Berater Justinus Kerner Erlösung aus all den Zweifeln und Grübelesen zu finden, die ihn folterten. Er war euronomüde. Er hatte den Entschluß gesaßt, nach Amerika auszuwandern, hatte sich auch schon mit einer Auswanderergesellschaft in Verbinung gesetzt, die am Missouri eine Niederlassung errichten wollte. Kerner unterbrach nach einiger Zeit Schweigen: „Gestehen Sie es, lieber Niembsch!“ meinte er in ehrlichem Tone,„Sie haben große dichterische Worte für Ihren Plan, die herrlich klingen. Sie reden sich selber vor, es erwarte Sie ein ungeheurer Reichtuim an herrlichen Naturbildern, die Ihrem müden Genius neue Flügel geben. Aber täuschen Sie sich nicht!“ Da unterbrach ihn Lenau. Seine Augen leuchteten heller auf: „Daß Ihr alle doch einmal verstündet, was wild in mir tost. Ich will den Niagara rauschen hören und Niagaralieder singen; meine Poesie lebt und webt in der Natur, und in Amerika ist die Natur gewaltiger, erhabener und wuchtiger als hier. Ich brauche Amerika zu meiner Ausbildung, meine Phantasie soll sich an den finsteren Urwäldern, an all den großen Bildern berauschen die die Natur dort aufgebaut hat. Kennen Sie das Gedicht von Chamisso, wo ein Maler einen jungen Menschen ans Kreuz schlägt, um so dem Tod die Maske abzustehlen?— So möchte ich mich selbst kreuzigen um eines einzigen wahren Gedichtes willen!“ Er redete mit heftiger Gebärde. Die Röte des Eifers kam ihm in die blassen Wangen. Dann ließ er langsam nachklingen, während er zu Boden sah. „Denn wer nicht sein Herzblut der Kunst zuliebe hingibt, der meint es nicht aufrichtig mit ihr!" Kerner betrachtete den Freund mit großen Augen, er folgte mit fremden Blicken den begeisterten Ausbrüchen seiner Zerrissenheit. Der schien ihm plötzlich so wild, so maßlos und ungebändigt. Er sagte in seiner derben Gutmütigkeit: „Niembsch, Niembsch!— Es haust ein böser Geist in Ihnen, der Sie quält und Ihnen Tag und Nacht von den Urwäldern und ihren wilden Tieren zuraunt, so daß Sie nirgends Ruhe finden. Sie blenden sich selber. Sie stehen vor Ernte Der Tag ist heilig. Aus tausend Wunden blutend, gibt die Erde ihre Frucht, lgibt sie mit jenem stummen Weh, das in dem Windesseufzen flutend weit entflieht in ferne Himmelshöh, um nicht der Menschen Fest mit ihren Tränen zu ertränken. Und Halm auf Halm muß jetzt die früchteschwere Krone senken. Der Tag ist heilig. In jedem Korn, das in die Scheuer zieht, ruht mondelanges Harren, stilles Hoffen, tiefe Pein. Gewitternächte, Tagesschwüle, sanftes Rieseln, Sonnenschein— ach, die Welt mit ihrem ganzen Weh und Leid und ihrer ganzen Sommerseligkeit, des ganzen Jahres buntwechselnder Verlauf liegt in goldnen Garben jetzt zu Hauf. Maria Bracht Ihrem Spiegelbild und reden mit ihm! Hören Sie!“ suchte er zu scherzen,„ich habe Ihren Dämon gesehen, einen widerlich haarigen Kerl mit langem Wickelschwanz und blutigen Augen...!“ Lenau wehrte gequält ab. Die Härte wich aus seinen Augen, klagend brach es aus ihm hervor: „Was ich bis jetzt mit fordernder Hand begehrte, das hat mir das Schicksal eigensinnig verwehrt, und was ich glücklich faßte, zersprang klirrend unter meinen Händen. Und ich hatte doch nur eine stille Liebe zu allen Dingen der Welt und begehrte nur das, was jedem Sterblichen gebührt,— nun muß ich betteln darum wie ein Hund um die Brosamen, die vom Tische fallen.. Und nach einer Weile: „So hat mich das Leben argwöhnisch und mißtrauisch gemacht. Aengstlich muß ich dem Glück ausweichen, weil ich es für Unheil halte und weil mir der Mut und die Kraft zum Glücke fehlen. O, Sie haben Recht, es lebt ein Dämon in mir, der mich packt und schüttelt und mir mit rauher Hand in die Melodien meines Lebens greift!“ Langsam hatten sie den Gipfel erklommen. Zwischen Weinbergen ging der steile Pfad hinauf. Und nun standen sie vor dem alten zerfallenen Gemäuer der Burg und lehnten sich über die Brüstung hinaus. Weinsberg mit seinen Giebeln und spitzen Dächern lag zu ihren Füßen. Dahinter standen die Fluren und Wälder im letzten fahlen Licht. Lenau stützte den Kopf in beide Hände und legte sich weit über die breite Umfassung. Düster sann er vor sich hin. Der Abendwind klagte in den Aeolsharfen des Turmes. Mitleidig trat Kerner auf ihn zu, legte ihm die Hand auf den Arm und sah ihm offen in die Augen. „Hören Sie, Niembsch, gehen Sie nicht so mit wundem Herzen übers Meer, Sie verbluten dort sonst vor Schmerz. Bedenken Sie: allein, mutterseelenallein und fremd unter weltfremden Menschen, fremde Laute, fremde Stimmen und ein wundes Herz!“, Lenau horchte auf. „Ich bange um Ihr Wohlergehen und Ihre Jugend; folgen Sie nicht den Lockungen eines tollen Einfalls, der Sie Ihr junges Leben kostet: Da unterbrach ihn Lenau, ein bitteres Löcheln begleitete seine Worte: „Das Unglück, der Tod schreckt mich nicht, ich habe eine Art Gravitation nach dem Unglück!“ „Dann denken Sie an Lotte, die Sie so sehr lieben!“ Lenau fuhr zusammen. Müden Auges sann er in den sternenhellen Himmel hinaut. Langsam wuchs das Bild eines holden Mädchens aus der Nacht zu ihm her. „Ja,— Lotte!“ nickte er versonnen. Er sprach den Namen weich und schwermütig aus. Und drückte dem Freunde stumm die Hand. A's der Mond über den weiten blauen Wäldern aufquoll, hell und mit jubelndem Licht, da brach es aus seiner Brust hervor: „Laß mich ewig bei Dir sein, Lotte!“ Wortlos stiegen die Freunde den Berg hinab. Lenau stürmte in eiligen, hastigen Schritten voraus, das Haar wehte ihm wild um die Schläfen. Als sie dann im Kernerhause die Treppe hinaufstiegen, kam ihnen Ulrike, Kerners Frau, schon entgegen. „Er ist begehrt, Rikele!" rief Kerner im Hausflur zu ihr hinauf, er bleibt, unser wilder Niembschl“. Lenau ging mit lauten Schritten in sein Zimner und wühlte den heißen Kopf in die Kissen des Bettes. Lolte!“ seutgte er leise, Lotte Weltuntergang Skizze von Gustav Krüger. Professor Sember hatte auf der Sternwarte bis gegen Morgen am Refraktor gearbeitet und ging durch die Anlagen langsam nach Hause. Es dämmerte schon, aber noch strahlten die Sterne an dem sich langsam erhellenden Himmel. Auf einem freien Platze blieb Sember stehen und blickte empor. Sein Auge blieb auf dem Sternbilde des Orion haften, in dem sich deutlich der rötlich strahlende Beteigeuze abhob. Sember nickte ihm zu. „Guten Morgen, du liebes Ungeheuer“, sogte er lächelnd,„ich habe dich einige Zeit vernachlässigt, aber morgen werde ich dir mal wieder etwas näher treten.“ Sember begab sich in sein behagliches Heim und legte sich bald zur Ruhe.—— Am nächsten Abend saß Sember am Refraktor, den er auf den Beteigeuze eingestellt hatte, und verglich seine neuen Aufzeichnungen der Spektralanalyse mit den früheren. Plötzlich stutzte er, die neuen Zahlen zeigten von den früheren nicht unwesentliche Abweichungen. „Wie komme ich zu solch falschen Zahlen“", murmelte er ärgerlich,„wäre mir das als Student im Examen geschehen, würde ich glatt durchgerasselt sein.“ Er stellte eine neue Berechnung auf— sie brachte das Ergebnis der ersten. „Werde ich alt, oder was ist mit mir?“ fragte sich Sember. Er verließ seinen Sitz, durchmaß einige Male den Kuppelraum und begann seine Berechnung zum dritten Male. Er verfuhr dabei mit der größten Genauigkeit, aber als er das Ergebnis mit den beiden vorher gewonnenen verglich, zeigte es sich, daß er nun drei völlig übereinstimmende, von den früher gewonnenen Zahlen abweichende Berechnungen hatte. Sember erbleichte. Es konnte nun kein Zweisel darüber bestehen, daß da draußen in den für menschliche Begriffe nicht mehr faßbaren Fernen sich eine kosmische Katastrophe abgespielt haben mußte, die diesen Ginganten der etwa die Hälfte unseres Sonnensystems umnlschließen mochte, aus seiner Bahn geschleudert 4 5 — 600) E.—Oi OETEOSGEEL S S. Sg PIDR 88 SS SOSESEF -# aSE EEE ##.O PHHE S 59— —— OSGTSE ESgSE Opn UFLSEPAUETESsO S B ILDDCDSEURZOSEGERESSS N•— SSMu: 80.0 9- Sun S E- S „ AS E. ESbag 8 8% F#D„SDES SSSSEAE Seinder setzke sich durch Telefunken sofort mit sämnichen erreichbaren Sto#nwarten in Verbindung. Nicht lange, so lieten von allen Seiten Nachrichten ein, die zeine Wahrnehmung bestötigten. Nun begann ein fieberhaftes Arbeiten auf den Observatorien. Alle Refraktoren waren auf einen Punkt im Weltall gerichtet, auf den Beteigeuze. Die Sternwarten standen sortwährend in funkentelegraphischem Verkehr, sie hatten eine Chiffresprache gewählt, da zunächst nichts in die Allgemeinheit dringen und dort Beunruhigungen hervorrufen sollte. Die Abweichungen des Beteigeuze von seiner aurch Naturgesetze vorgeschriebenen Bahn stand fest. Aber nach welcher Richtung wurde er durch die neue Kraft, die Gewalt über ihn gewonnen, geschleudert? Die unermeßliche Entfernung ließ kein Urteil darüber zu. Wochen vergingen, der Vagant am Himmelsdome stand unter dauernder Aussicht der Sternwarten, und als Sember eines Morgens die spektroskopischen Aufzeichnungen verglich, stieß er einen Schrei der Ueberraschung und des Schreckens aus. Der Riesenstern stürmte mit einer Eile, die alle bisherigen astronomischen Erfahrungen über den Haufen warf, gerade auf unser Sonnensystem zu. Noch bevor Sember seine Entdeckung weiter geben konnte, trafen schon die Nachrichten der übrigen Observatorien ein, die die gleiche Beobachtung gemacht hatten. Wenn nicht ein neuer kosmischer Einfluß den Beteigeuze aus dieser Bahn riß, mußte dieser Gigant in absehbarer Zeit unser Sonnensystem erreichen und zerstören. Nach unablässigen Beobachtungen und Berechnungen ergaben die unabhängig gewonnenen Ergebnisse ziemlich übereinstimmend, daß die Katastrophe in annähernd sechs Monaten zu erwarten sei. —— Die große Menge ahnte nichts von den Vorgängen, die sich in einer Entfernung von ungezählten Millionen Meilen zur Vernichtung der Erde vorbereiteten. Wochen vergingen, bis eines Abends ein größerer rötlicher Stern am Himmel beobachtet wurde, den man bis dahin nicht bemerkt hatte. Er wirkte wie ein kleiner Mond. Die Zeitungen schickten Berichterstatter an die Sternwarten, die dort mit dem Bescheid entlassen wurden, daß man diese rätselhafte Erscheinung wohl beobachte, daß man aber noch zu keinem abschließenden Urteil gekommen sei. Die Astronomen rechneten noch immer mit der Möglichheit einer neuen Einwirkung, die das Unheil abwenden könnte. Man wollte die Masse nicht zu früh beunruhigen. Aber im Laufe einiger Wochen wuchs der neue Mond zusehends. Er hatte nicht das ruhige und helle Licht des alten Erdtrabanten, sondern es zuckte und flimmerte unaufhörlich in seiner rötlichen Scheibe. Es schien, als käme ein giftiges, Verderben bringendes Geschöpf zur Erde geschwirrt. Das rötliche Licht, das jetzt die Nächte er##llte, gab der Luft eine krankhafte Färbung, die die Tiere erschreckte und die Menschen mit Grouen erfüllte. Man ahnte jetzt, daß eine Ratastrophe bevorstand, die das Ende aller Dinge bedeuten konnte. Nach einigen Wochen wurde die rötliche Kugel auch am Tageshimmel sichtbar. Sie hatte zetzt die Größe der Sonne erreicht, jedoch die immer noch ungeheure Entfernung verbarg noch die volle Licht= und Wärmeentwichlung. Aber dieses Doppelgestirn am Tageshimmel verwirrte die Menschen bis zur Raserei. Sie standen gruppenweise auf den Straßen und Plätzen und starrten auf den rötlichen Ball, und immer fanden sich Erklärer, die die unsinnigsten Behauptungen aufstellten und überall Glauben fanden.——„ 6 Professor Sember verließ nur noch für wenige Stunden seinen Beobachtungsposten, um den notwendigsten Schlaf zu suchen, sonst saß er Tag und Nacht am Refraktor. Was er hier erblickte, hatte noch kein menschliches Auge gesehen, und gerade das Furchtbare des Ereignisses gab ihm eine eigene Weihe. Sember verzeichnete unausgesetzt alle Beobachtungen, die sich in ihrem steten Wechsel förmtich überstürzten. Er war viel zu sehr Wissenschaftler, um sich durch die Bedenken, daß alles dem Untergange geweigt sei, von seiner gewohnten Arbeit abhallen zu lassen. Der rötliche Ball rolli: näher und näher, und Sember war gleich den übrigen Astronomen nun mehr davor überzeugt, daß die Abwendung einer Katastrophe nicht mehr zu erhoffen sei. Die Nacht war verschwunden, es gab keine Finsternis mehr. Die Menschen irrten in dem rätlichen Lichte, das die Nacht erhellte und auch Sald den Sonnenschein am Tage überstrahlte, Lebenserhaltung notwendigen Arbeiten wurden verrichtet, sonst ruhte alle Tätigkeit. Niemand hatte mehr Interesse daran, Geld zu erwerben, denn wozu sollte man es gebrauchen. Die politischen und wirtschaftlichen Kämpfe waren erloschen. Angesichts des gewaltigen Naturereignisses erschienen sie zu unbedeutend. Vieie Menschen gaben sich einem zügellosen Leben hin, andere strömten in die jetzt ständig geöffneten Gotteshäuser und baten auf den Knien um Abwendung des Unheils. —— Zehntausend Sonnenfernen Entfernung stellte Sember fest. Nun war das Ende nur noch eine Frage von ein paar Wochen. Denn lange, bevor der Koloß die Sonne erreichte, mußte die ungeheure Glut, die er ausstrahlte, alles Leben auf der Erde vernichtet haben. Eine zunehmende Wärme machte sich bemerkbar, und die Helligkeit, die Tag und Nacht unausgesetzt herrschte, nahm zu und war ohne dunkle Schutzgläser kaum zu ertragen. Die Nacht täuschte man durch Verhängen der Fenster und Schließen der Läden vor. Sember hatte schon vor einiger Zeit einen Motor aufstellen lassen, der etwas Kühlung in den Raum brachte. Trotzdem war der Aufenthalt im Kuppelraum fast unerträglich. Aber der Gelehrte ließ sich dadurch nicht abhalten, der Wissenschaft vis zum letzten Augenblick zu dienen. Er blickte nach der Uhr, es war zwei Uhr nachts, die neue Sonne strahlte ihr helles schmerzendes Licht unbarmherzig auf die Erde. Sember wollte eben zu seinen Instrumenten greifen, als ein furchtbarer Stoß das Observatorium erschütterte und ein wilder Orkan die Mauern umtobte. Die Sonne und ihre Planeten waren in den Bereich der Anziehungskraft des Beteigeuze gelangt und stürmten unaufhaltsam auf den Riesen zu. Sember schwankte seinem alten Arbeitssitze zu. Er wußte, nun konnte das Leben nur noch nach Stunden zählen. Er blickte hinaus: Der Himmel war verschwunden, wohin das Auge schaute, eine zuckende Lohe, die eine unerträgliche Hitze ausstrahlte. In der Ferne stiegen Rauchwolken auf, sie zeigten Feuersbrünste an, die durch die glühende Luft hervorgerufen waren. Halb irrsinnig vor Hitze dachte Sember daran, den kleinen See aufzusuchen, der dicht am Observatorium lag; da sah er, wie leichte Dampfwolken aus dem Weiher aufstiegen. Nun wußte er, daß in kurzem die Ozeane in eine kochende brodelnde Masse verwandelt sein und die alte Erde zersprengen würden, bevor sie ganz in die rote Glut gerissen wurde. Bei dieser Vorstellung stieß Sember einen lauten Entsetzensschrei aus.—— ——„Heinrich, Heinrich!“ hörte er wie aus weiter Ferne die Stime seiner Frau rufen. „Ja— ja,“ antwortete er verstört und beglückt zugleich, noch halb im Schlaf. „Ich hörte dich schreien und habe dich gerufen Hattest du Alpdrücken?“ Sember richtete sich auf.„War alles nur ein Traum? Und der Beteigeuze?“ „Ach,“ sagte seine Frau,„war es dein großer Freund, der dir zu schaffen machte? Na, der ist wohl noch an alter Stelle, wo du ihn heute abend aufsuchen kannst. Vorläufig schlafe nur weiter." 111422 Der Erlaß Skizze von Heinz Lorenz=Berlin. Die Nürnberger hatten im Frühjahr 1650 etwas zu lachen. Das Lachen tat auch not nach diesen dreißig Schreckensjahren. Der fränkische Kreistag hatte in anerkennenswerter Rücksicht auf die Blüte der Generationen, die in späteren Zeiten das deutsche Lebensschifflein bemannen sollten, einen Erlaß ausgegeben, der in einem Punkte so lautete: „Item erfordert die durch diesen dreiunddreißigjährigen blutigen Krieg aufgezehrte Mannschaft nach reiflicher Deliberation: daß jeder Mannsperson zwei Weiber zu heiraten erlaubt sei. Dabei doch alle und jeder ernstlich erinnert und auf den Kanzeln ermahnet werde, daß er sich als ehrlicher Mann befleißige, beede Ehefrauen mit allem nit allein gebührlich zu versorgen, sondern auch allen Mutwillen im Haus verhüte.. Das war ein Stück für den Nürnberger Spott. Man spottete weidlich, wo man den Erlaß als Anschlag las. Um das Tor der Sebalduskirche drängte sich ein lachender, witzelnder sauchgender Haufe.„ich urss Esit. Einer nur stand undeweglich, groß, breitSaniog umder. Nur die dringenosten, zur schulterig vor dem Anschlag, die muskulösen Arme verschränkt. Bis ihn semand auf die Schulter hieb.„Na Troß=Schmied, hast du Lust auf eine zweite?“ Da drehte sich der Hüne langsam um, sein Mund zuckte spöttisch, als er antwortete:„Vielleicht!“ „Ich hab' an einer genug, und du, mein ich...“ Der Schmicd hörte nicht mehr, er ging den Berg hinauf, an der Burg vorbei, kam an d.e Grabenmauer, an die seine Schmiede lehnte. Er betrat die Esse. Als er aber von den Wohnkammern hinter derselben ein arges Rumoren hörte, verzog sich sein Gesicht, als habe er sauersten Frankenwein getrunken. Er war ein handfester Bombenkerl— der Schmied. Aber sein Weib war noch handfester. Was er on Kraft besaß, besaß sie an Tücke. So wenig Haare sie auf dem Kopfe hatte, so viele hatte sie auf den Zähnen, über den Lippen und auf der Nase. Bei Tillys Troß, wo er Schmied gewesen war, hatte er sich nach einer Soldzahlung leichtsinnig an sie gehängt und war nicht mehr rechtzeitig von ihr losgekommen. Nun hing sie an ihm und zwar so sehr, daß er bald nur noch ein Gebet kannte: Erlöse mich von dem Uebel, Herr! In jedes Stück glühendes Eisen hämmerte er diesen Spruch. Aber es nutzte nichts: Das Uebel blieb und wuchs von Tag zu Tag. Ais der Schmied das Lärmen und Keifen im Hause hörte, trat er mißvergnügt wieder vor die Tür. Just aber ging ein Mädel vorüber, hochhüftig, die dicken Zöpfe als leuchtende Krone über dem Gesicht— blühend wie der heitere Frühling. „Grüß dich Gott, Schmied! Wie geht's der jungen Frau?“ Das war natürlich wieder Spott, denn die Schmiedsfrau war an die zehn Jahre älter als ihr Mann. Er sagte:„Du solltest nit spotten! Du grad nit, Gertrud!“ Das Mädel fühlte seine Last und wollte trösten:„Kannst ja jetzt eine zweite heiraten.“ „Dich wohl? Möchtest?“ Er packte sie bei den Händen. „Solang die deine da ist, tu ich keinen Schritt unter dein Dach. Und ich denke, die deine, die weicht nit.“ „Nein, die weicht nit“, sagte er finster und fuhr fort:„Ihr zwei wärt auch ein schlecht' Gespann. Hättest die Hölle bei ihr wie ich.“ Plötzlich aber lachte er wie über einen Einfall auf:„Und es wird doch gehen.“—Noch am selben Nachmittag stand er vor einem Stadtadjunkten. Der spritzte die Feder aus und fragte neugierig:„Wer also soll es sein?“ „Die Granzinger Grek“.“ „Waas!? Die Wittib!? Die hat ja ihren ersten ins Grab geärgert. Dann hast du ja zwei Drachen.“ „Grad drum, dann geht's in einem hin. Ich tu's Nürnberg zulieb'.“ „Dann freilich.. Also dann gratulier' ich und werd’ dem Rat nahelegen, daß er dir eine öffentliche Anerkennung und eine Hochzeitsgabe von hundert Gulden zuweist.“— Der Schmied heiratete die Wittib und ganz Nürnberg bewunderte seinen Heldenmut und seine Opferbereitschaft. Er wurde als Vorbild wahrhaften Bürgersinns gepriesen. Dabei nahm sein Handwerk einen ungeahnten Aufschwung. Alle Schmiedearbeiten trug man ihm zu. Bald mußte er eine neue Schmiede bauen(ganz weit entfernt von der ersten) und Gesellen einstellen, Er hatte soviel zu tun, daß er sich um seine zwei Drachen gar nicht kümmern konnte. Die aber kümmerten sich auch nicht um ihn. Die hatten genug damit zu tun, sich gegenseitig zu beargwöhnen und die Hölle heiß zu machen. Während die neue Schmiede vom Stahlgesang der Hämmer dröhnte, schütterte die alte vom Gekeif und Geplärr der Weiber. Oh, der TroßSchmied war klug gewesen! Er hatte wohl gewußt, warum er die zwei widerspenstigen Rösser vor denselben Karren gespannt. Mochten sie ihn ruhig zerreißen, sich gegenseitig schlagen und beißen— der Fuhrmann hatte noch ein ander Rößlein... Nach zwei Jahren indes wurde der Schmied vor den Stadtrat beordert. Man warf ihm vor, daß er den Erlaß des Kreistages falsch auffasse und bisher keinen Punkt erfüllt habe: Weder Sorge für Nachwuchs noch für Ruhe in seinem Hause. Der Schmied stand in scheinheiliger Zerknirschung. Wehmütig gestand er:„Ja, ja, der wohledie Rat hat ganz recht, und ich bitte daher, mich von beiden Weibern zu befreien, so will ich beizeiten schon noch ein Uebriges tun.“ Da der Schmied bereits eine angesehene Persönlichkeit und ein guter Steuerzahler war. so n°SFLETR S8BOEOS0E befreite man ihn. Er aber ging hin und heiratete Gertrud, die in der neuen Schmiede tüchtig die Wirtschaft führte. Bald brachte sie linge zur Welt, kräftig und stramm wie die Eltern. Und die Nürnberger hatten wieder etwas zu spotten.„Seht, seht,“ sagten sie,„unser Schmied ist doch ein tüchtiger Bürger. Wie sputet er sich, nachzuholen, was er versäumt.“ Loredanos Ring Skizze von Heinz Lorenz=Berlin. „Zu aufmerksam von dir, so häufig nach mir zu sehen. Der Alte krächzte die Worte in einem Ton, der sich nicht mit dem Sinn deckte. Er ließ sich durch den Besuch in der Beschäftigung nicht stören, einer Edelholzschatulle Schmuckstücke zu entnehmen und unter der Lupe zu prüfen.—„Nimm doch Platz!“ Im selben Ton hätte er auch sagen können:„Geh doch fort!“ Der Junge rührte sich nicht. Er stand vor dem Alten und sah ihm zu, eine Falte in der Stirn. Nach einer Weile sagte er, mit Gewalt seinen Worten etwas Bittendes gebend:„Hast du etwas Zeit für mich, Onkel?“ „Sprich nur. Ich höre ja. Ich bin doch. bin doch nicht taub...!“ Da würgte der Junge hervor:„Mutter ist krank. Sehr krank.“ Der Alte sah kurz auf und rasch wieder auf seine Kostbarkeiten.„So.. krank? Nun, sie war ja immer kränklich gewesen.“ „Aber man könnte ihr helfen. Ihr es leichter machen.“ Der Junge zwang fast jedes Wort durch die zusammengebissenen Zähne. „Wir sind doch so... so mittellos sind wir. Die Mädels, Lieselotte und Elsing, können doch auch nicht verkommen.“ „Warum haben sie nichts gelernt? Heut' ist auch für den Adel die subalterne Arbeit keine Schande“ „Als ob wir das nicht wüßten! Subalterne Arbeit..! Aber die Mädels sind schwach wie die Mutter. Andere, kräftigere werden ihnen vorgezogen. Wer fragt nach Familie? Wer zupacken kann, wird genommen.“ „Du selbst aber?“ Der Junge wollte auflachen, wie man über eine Frage lacht, die der eigenen Qual sinnlos erscheint.„Ich, Onkel Martin? Ich hatte einen Beruf. Zu dem wurde ich geboren und ausgebildet. Daheim erst, dann vom achten Jahr im Kadettenkorps, mit fünfundzwanzig Jahren im Feld, und mit dreißig Jahren wars dann aus mit meinem Beruf. Such dir was Neues, hieß es. Freie Bahn dem Tüchtigen und sowas Schones. Ich hab' auch gesucht, bin ja auch Bankbeamter mit zweihundertzehn Mark monatlich. Na, und das würde ja mit Mutters Pension für Viere reichen. Aber Mutters Krankheit kostet Geld, und du— könntest uns helfen. Ich bitte dich, tu's!“ „Ich hab euch im Testament bedacht. Ich bin alt, kann jeden Tag sterben.“ Der Alte sah auf den Jungen. Der erkannte, daß abermals der Gesichtsausdruck die Worte höhnte. Er senkte den Blick und zwang sich zur Ruhe. Die Hände griffen an die Hosennaht, dort, wo die Finger so oft hatten stilliegen müssen, wenn er als Junker„Zu Befehl“, gesagt, selbst wenn es schwer fiel. Disziplin hieß das. Man wurde Herr dadurch über sich und andere. Nur über diesen knöchernen, nach Geld wütenden, auf Geld brütenden Hämling konnte er nicht Herr werden. Nach einer Weile kam des Alten Stimme fast freundlich:„Sieh mal, mein Junge, den Ring da!" Der Neffe sah rasch auf und nahm in einer Hoffnung, die zweifelnd wach werden wollte, den Ring, den ihm der Alte auffordernd hinhielt. Es war ein Siegelring aus breitem, gehämmerten Gold, mit einem birmanischen rotbraunen Hyazinthen. Der Alte sagte:„Ein seltener und seltsamer Ring. Habe ihn in Venedig teuer gekauft. Hat einst dem schurkischen Großinquisitor Loredano gehört. Der schenkte ihn seinem Widersacher Andrea Contarini. Nach drei Tagen starb Contarini an einer Herzlähmung.— Eine apulische Hexe weissagte mir Unglück durch den Ring. Sie riet mir, ihn zu verkaufen, fortzuwerfen die Irrsinnige!“ „So gib ihn mir, ich verkaufe den Ring, helfe Mutter mit dem Gelde; so wird die Weissagung in Menschengüte verwandelt!“ Heiß und rasch kamen diesmal die Worte. Aber der Alte spottete:„Aberglaube, ha! Bin fünfundsechzig Jahre alt geworden mit dem Ring, kann achtzig werden mit ihm.“ „Onkel Martin.. gib ihn mir! Hilf uns!“ Ech hab' ihn dir vermacht. Nach meinem Tode!“ Der Junge schluckte, würgte und hielt gewaltsam an sich. Ein Diener rollte einen Teewagen herein und goß eine große-Tasse voll mit Kaffee. Er schob einen Teller mit Gebäck vor den Alten, der mit einer gewissen Gier, fast mit der Nase in das Gebäck stach und mit langen Fingern ein Stück nahm, das er hastig vermanschte. Dann trank er in durstigen Zügen die Hälfte der Tasse aus. „Also komme ich vergeblich?“ fragte mit schwerem Atem der Junge, als der Diener gegangen war. „Ja, wenn du Geld willst. Wenn du aber kommst, nachzusehen, ob ich noch lebe, so sag nur daheim.. „Onkel...!“ Der Junge stand plötzlich mit halberhobenen Fäusten dicht vor dem Alten. „Nun?“. Der Alte sah auf und fuhr lauernd, leise fort:„Kommt es heraus?“ „Ja— es kommt heraus!“ schrie jetzt der Junge auf.„Einmal muß es herauskommen, wie ich dich hasse!“ „Ich kann dich enterben— dich und deine Sippe!“ „Tu's! Tu's doch, es überrascht uns nicht!" Der Junge holte tief Atem, wie um endlich Entfesseltem erhöhte Kraft zu geben:„Du bist ja so niedrig und gemein, daß selbst dein Geld mich anekeln würde, daß jeder Bissen, den ich damit kaufen würde, mich zum Erbrechen bringen würde. Du bist.. weißt du, was du bist, ein ganz schäbiger und trauriger Schurke bist du, tausendmal schlimmer als jene, die wir einmal zu verachten gelernt haben...“ Der Alte hatte sich erhoben. Er überragte seinen Neffen um einen Kopf. Er hob den Krückstock.„Geh, oder ich prügele dich, Bursche.“ Der Junge sprühte in das verzerrte Gesicht. Noch mehr wollte aus ihm herauskochen. Aber er besann sich, fühlte den Ring noch in seiner Hand, warf ihn auf den Teetisch. Er hörte kein Klirren, ein Klacken nur, als sei der Ring in die halbgeleerte Tasse gefallen— ein Streiflicht der Komik in diesem Aufruhr zweier entblößter Masken. Dann drehte er sich rasch um und verließ das Zimmer. In der Diele riß er Hut und Mantel vom Haken, stürzte die Treppe hinab, hinaus in den Vorgarten. Auf der Straße stand er eine Weile still, wie um ruhig zu werden.— Plötzlich hörte er einen verworrenen Lärm aus dem Landhaus dringen. Ein Fenster wurde Kirrend aufgerissen. Der Diener schrie seinen Namen, Angst und Entsetzen in der Stimme. Rasch eilte der Junge zurück. Der Diener kam ihm auf der Treppe entgegen:„Der Herr er erstickt!“ Der Junge stürzte ins Zimmer. Auf dem Boden jag der Alte. Der lange Körper bäumte sich mit verzweifelt hartnäckiger Wut auf, dann fiel er jäh zurück und rührte sich nicht mehr. Ein Herzschlag hatte den Alten getötet. Neben dem Toten lag zerschellt die Kaffeetasse. Költ und teilnahmslos starrte der Junge auf das krampfverzerrte Gesicht. Dann suchte er den Ring des Loredano, aber er fand ihn nicht. Der Alte war an seinem Golde erstickt. —.— Die Stutzuhr Skizze von Walther Mittasch=Königsberg. In Gassenmitte stand das Haus„Zur silvernen Rose. Davor ging Richard Reißner auf und ab, sich im Schatten aufhaltend. Da oben war ein Fenster hell. Ein roter Vorhang schimmerte sonderbar geheimnisvoll. Hin und wieder schickte der einsame Mensch einen scheuen Blick gegen das stille, lichte Fenster. Dann lauerte er wieder auf den nächsten Glockenschlag. Einmal flog vom Bahnhof her das klagende Singen einer Lokomotive. Da blieb Richard wie gebannt stehen, dicht an den steinernen Stufen zur schmalen Haustür. Wartete darauf, daß der braune Torflügel sich drehen und daß nun Isolde Ragnit kommen und über diese Stufen herabhuschen werde. — Richard dachte blitzschnell an jenes kleine Abenteuer im Waldpark, über dem der Frühling gestanden hatte. Er sah den groben Wächter wieder, der das zierliche Mädchen beschuldigte, es habe einen rotblauen Fliederstrauß den es trug, im Park gestohlen. Aber das war eine Lüge. Gekauft waren die Blumen. Gut war es, daß Richard sich einmischte, den Grobian zu beruhigen. Dann hatte alles übrige sich wie das Gliederwerk einer feinen Goldkette gefügt. Blick, Kuß und Händedruck weckten brennende Wünsche. Aber Hemmnisse ragten vor ihnen. Jugendtorheit lief Sturm dagegen. Doch was soll die Verknüpntung zweier armseliger, gussichtsloser Leben viel bringen? So spielten sie bald mit dem Gedanken gemeinsamen Todes, als sie einmal am Kanal entlang gingen, über dessen graus— gelbes Wasser die Kastanien rotes Blütenspielwerk trieben. Fiebernd wandten sie sich dann doch einem anderen Plan zu. Flucht! Gemeinsame Flucht nach Wien! Die Riesenstadt bietet Schlupfwinkel— Lebensmöglichkeiten— Wege. Vielleicht erblüht aus diesem Entschlusse ein scheues, glühendes Glück; möglich auch, daß eine kühle, drosselnde Hand aus dem Dunkel des Geheimnisvollen zuckt und allem Wähnen ein jähes Ende macht. „Wir wollen es trotzdem wagen—“, sagte Richard halblaut und lauschte gegen die Tur, itsdie sich noch immer nicht regte. Abermals pfiff vom fernen Bahnhof herüber die Lokomotive— mit einem seltsamen, drohenden Klogen.— Richard lief vom Hause weg über die Gasse und heftete tun wieder den unruhigen Blick auf das in trübem Rot glühende Fenster. Ein Bild schob sich vor seine Seele: Die jäh gealterte Frau, die im Ohrenstuhle saß, gelähmt und vor Mühsal zusammengeduckt. Isolde hatte ihm zugeraunt, wie alles gekommen war: Jenes unselige Kampfspiel, bei dem der junge, hoffnungsvolle Bruder sein Leben eingebußt hatte.— Damals, als man den Toten ins Haus trug und alles Glück jäh zerriß, wie ein fadenscheiniger Mantel im Sturme, damals rührte die Knochenhand des düsteren Geheimnisvollen die Mutter an, machte sie über Nacht alt und lahm. Dann kam die Flucht in die Vervorgenheit, in die Mönchsgasse. Und jener kümmerliche Hinleben mit Resten eines guten Hausrates.— Eine recht schöne Meißner Stutzuhr, die der Tote so sehr geliebt hatte, tickte nun in das ermattende Leben einer Frau, deren Sinnen und Trachten nur noch dem einzigen Kinde galt, dieser selben Jsolde, die nun heimlich die Schleier und Gespinfte ihres trübseligen Daseins zerreißen wollte. — Im Lehnstuhl lag die Frau und starrte auf die langsam tickende Uhr. An jedem zweiten Tage mußte diese Uhr aufgezogen werden. Seit Jahren hatte Jsolde diese kleine Arbeit mit peinlicher Sorgfalt getan. Heute aber hatte sie mit einer seltsam blirrenden Stimme gesagt: „Die Uhr?— Ach so.. Na ja. Später—. Um diese Worte bewegte sich das Denken und Sinnen der einsamen Frau. Nichts sonst,— kein Anhalt— keine Anspielung. Und dennoch hatte sie das Gefühl: Es geschieht abermals etwas Gräßliches. Aus drohendem Dunkel tangt wiederum die Knochenhand des Gespenstigen. Und ich? Was hann ich tunk Gefesselt bin ich, machtlos. Die Minuten rinnen vorüber.. und ich.. und ich.. Im lastenden Schweigen trämnt das Haus, wie ein großer Sarg, um den die Menschen mit sonderbar verschlossenen, harten Gesichtern stehen. Der Wind raschelt, als wühle er in verdorrten Kränzen. Die Frau ruckte sich zusammen und krampfte die Hände,— beugte lauschend sich vor. Wenn die Uhr doch still stehen wollte. So laut wie Hammerhiebe erschienen ihre Schläge!— Nun—? Da—? Nichts...“ Nein.— Aber wer hilft mir hoch?! Gelähmt bin ich— machtlos. Aber ich spüre ganz deutlich, daß ein Gespenst hinter mir steht. Zwei kalte, harte Pranken fassen mich an und rütteln mich... Was hat das Kind im Sinne? Weshalb vergaß es die Uhr? Weshalb! Werhalb!— — Inzwischen glitt Jsolde Ragnit die Treppe hinab. Der Schatten des Mädchens wanderte an der Wand mit, als wäre er ein Gespenst, das die Fliehende scheuchte. „Nun muß ich nur noch diese wenigen Schritte tun,“ dachte Isolde.„Nur noch an jener Tür muß ich vorbei.. Ich kann mir nicht helfen. Und wenn es in Tod und Elend gehen soll. Was bedeutet das?— Richard wartet auf mich... und die Lokomotive hat so laut gerufen...“ Sie war jetzt nur noch wenige Schritte von der kleinen, vergilbten Tür, die so fest und sicher im Schloß lag. Tief atemholend blieb Jsolde stehen,— aber jäh erblassend und einen Schrei erstickend. Denn siehe— die Tür öffnete sich— und auf der Schwelle stand— Frau Renate Ragnit... „Mein Kind,“ sagte sie leise und wehmütig, „du hast vergessen— die Uhr aufzuziehen: Da stürzte Isolde Ragnit in die Knie, glitt zu der Mutter Füßen, stammelte sinnlose Worte und konnte das Wunder nicht begreifen, das geschehen war. Denn: von dieser Stunde an vermochte Frau Renate wieder zu gehen. Richard Reißner aber ist allein nach Wien gejahren und dort verschollen.