Schakale, die reißendsten Tiger, erwiderte er ihr, seien im Palast zu finden und in den öffentlichen Gebäuden der Stadt. eschah es, daß Abdagolw entsernte, um Auf einem dieser Ritte e. Thasid sich zu weit von Bandad entrernte, um die Stadt noch vor der Nacht erreichen zu können u., gezwungen, ein Unterkommen zu suchen, zur nächsten Ortschaft ritt, deren erstes Haus er durch die Bäume schimmern sah. Es war ein nfaches, doch nicht ärmliches Haus, an das er bdach heischend pochte. Erst als ihm niemand inete, bemerkte er, daß die Tür nicht verlossen war. Auch innen gab es keine vererrte Pforte, so daß er ungehindert bis in das Hautgemach des Baues vorzudringen vermochte. Der Saal entsprach dem Aeußeren des Hauses, auch er war schlicht, doch nicht ohne Ansehen und Behagen. Offenbar wohnte hier ein Mann, der Tand verachtete und dabei zu leben verstand. Umso mehr mußte den Kalifen der Anblick befremden, der sich ihm hier bot. Der Hausherr saß bei seinem Nachtmahl, das aus einfacher, kräftiger Speise und gutem Trank bestand: Fleisch, Weizenbrot und Sorbet. Drei Teller trug der Tisch, drei Stühle umstanden ihn. Auf dem mittleren Sessel saß der Herr, auf den beiden anderen sonderbarerweise zwei große Hunde. Hinter diesen aber— und das war das Sonderbarste— standen zwei junge, starke, schlankschöne Burschen, die den Dienst bei Tische versehen, die Teller wechseln und Speise und Trank dem Herrn sowie den Hunden reichen mußten. Sie taten es mit trübem Blick, mit scheuem und gedrücktem Wesen, doch wagten sie keinen Einspruch, selbst als der Herr ihnen zum Schluß befahl, den Hunden mit dem Tuch die triefenden Schnauzen abzuwischen. Bis hierher hatte der Kalif, der unbemerkt hinter dem Türteppich stand, dem Auftritt schweigend beigewohnt. Nun konnte er nicht länger an sich halten. Er riß den Teppich zur Seite, trat ins Gemach und rief unmutig:„Gern würde ich Dir den Gruß des Friedens bringen, Mann. Doch wie soll Friede sein mit dem, der sündigt? Sind nicht die Menschen mehr wert als das Vieh? Verfährt man hierzulande so mit dem Gesinde?" Der Herr des Hauses hatte sich erhoben.„Mit dir sei Friede,“ sagte er ruhig.„Tritt näher, fremder Scheich, und speise mit uns!“ Und als der Kalif empört abwehrend die Hand erhob, fügte der Mann hinzu:„Dich wundert meine Sitte? Du wirst noch mehr erstaunen! Vernimm: von diesen beiden, die die Hunde bedienen, ist der eine mein Sohn, der andere mein Reffe.“. Und als der Kalif ihn mit offenem Munde anstarrte, fuhr er fort:„Was Du hier siehst, ist Lohn und Strafe. Die beiden Burschen, öh selbst und meine Hunde, wir gingen neulich zu unserer Dattelpflanzung am Rand der Wüste. Da stürzten plötzlich drei Schakale aus einem Dickicht auf uns zu. Was taten diese beiden Feiglinge? Sie kletterten auf eine hohe Palme. Zu alt und schwach, es ihnen gleich zu tun, wäre ich verloren gewesen. Doch meine beiden Hunde schützten mich und retteten mein Leben. Mit tapferen Bissen verjagten sie die Schakale, und bedeckt mit Wunden sprangen sie dann an wir empor und leckten mir freudig die Hand. Nun, Scheich, was dünkt Dich? Wunderst Du Dich noch, daß ich die Vier hier nach Verdienst behandle, die in Treue Bewährten mir zur Seite setze und die durch Feigheit Entehrten geringer schätze als meine Hunde? Sage mir: der Mensch, was ist er anders, als was er Frommes denkt und Gutes tut?" „Beim unsichtbaren Gott, Mann, Du hast Recht!" vief Abd=el=Chasid, dessen Staunen zur Ehrerbietung geworden war. Toch noch verdarg er sich und sagte:„Wahrlich. ich möchte diese braven Hunde haben. Du schcinst nicht arm. doch immerhin nicht reich. Ein jeder kann Gold und Güter brauchen, der wahrhaft Edle mehr als der Gemeine, weil er sie zum allgemeinen Besten nützen wird. Vielleicht willst D. Deine Dattelpflanzung vergrößern, der Wuste Land abringen. Mein Vermögen ist sehr groß. Gib mir die Hunde und fordere dafür, was Du willst!" Da funkelten des Alten Augen in jähem Zorrglanz auf.„Ich meine Hunde von mir lassen? Meine Retter verkaufen? Mit Habsucht ihre Treue belohnen? So wahr der Engel Gacriel dem Propheten erschienen ist: Du und ich— wir sind an Denkart himmelweit von einander getrennt. Verlaß mein Haus und zeige mir Dein Antlitz niemals wieder!“ Hier fühlte er sich von dem Fremden umarmt. „Gott is. groß! Gepriesen sei er, der mich zu Dir führte. Den ich lange gesucht, ich hab ihn gesunden! Ich bin der Kalif. Du sollst mein Kadi sein! Und allen Guten im Lande Lohn und Segen!“ Der Stern Eine Historie um Tycho Brahe von Th. Vogel=Schweinfurt. Das eine geschah im Jahre 1572 nach Christi Geburt Seltsames hatte sich schon den Frühling über allenthalben in den deutschen Landen begeben: es wuchsen Rosen, aus denen wieder Rosen kamen; das Vieh zeugte mehr Mißgeburten denn je zuvor; Pest= und Sterbevögel kauerten auf den Dachgiebeln, als der Sommer sich neigte; und am Himmel zeigten sich feurige Schwerter. Daraus deuteten die Leute Krieg, Hunger und Pest. Aber das Jahr nahm seinen Verlauf, ohne daß sich irgend etwas des Prophezeiten verwirklicht hätte. Der Herbst war nicht schlechter und nicht besser als sonst. Die Bauern und Bürger vergaßen das Kopfschütteln über die wunderlichen Dinge, die ihnen begegneten. Nur die gelehrten Männer saßen noch immer über ihre Bücher geneigt und forschten nach dem so dunkel und geheimnisvoll sich ankündigenden Schicksal. Auf Heridsvad bei Knudstup saß einer von ihnen voll ruhelosester Bewegung der Seele: Tycho Brahe. Der alte„weißhaarige Steen Bille war der Besitzer Heridvads. Der Oheim hatte Tycho in seinem Hause ausgenommen, als er mit seinen Instrumenten und Rohren aus Deutschland heimgekehrt war. Droben unterm Giebelfirst hatte er ihm eine Stube eingerichtet, hatte ihm durch die Ziegel ein Loch brechen lassen, daß er hinaus auf das Dach treten und zu seinem Gefallen den Himmel abtasten könnte. Dort droben pflegte Tycho Brahe zu forschen und zu lesen, seit er es in Wittenberg und Augsburg gelernt hatte und nun erst recht, da sich durch die wunderlichen Geschehnisse des Frühjahres etwas Neues angekündigt hatte. Klar und seltsam hell waren die Novembernächte dieses Jahres 1572. Jeden Abend von neuem wuchs aus den dunklen Schatten des sinkenden Tages in eindringlichem Leuchten das Firmament, geheimnisvoll sich bildend, unerforschten Gesetzen gehorsam. Tycho Brahe saß die Nächte hindurch hinter den Schattenrohren, die ihm die Sternbilder in sonderlicher Deutlichkeit einfangen mußten, damit er sie in peinlichster Sorgfalt mit dem Griffel in die Tafeln einritzen konnte, die neben ihm lagen: der Große Bär, der Steinbock, der Adler, die Kassiopeia. Und jeden Tag verglich er die Bilder der letzten Nacht mit jenen der vorhergehenden, um so vielleicht die Wege der Planeten und Sonnen zu finden und ein winzig Teil ihrer Bewegung zu erkennen. In der Nacht zum 12. November aber geschah es, daß sein Griffel irrte, daß seine Finger zitterten und seine Pulse flogen, als er das Sternbild der Kassiopeia aufzeichnen wollte. Vor seinen Augen flackerte es, daß er sie sekundenlang schließen mußte. Aber als er sie endlich öffnete und durch sein Fernrohr zum Himmel schaute, sah er das erste Bild deutlich wieder. Mitten unter den leuchtenden Punkten der Kassiopeia erkannte er einen neuen, den er nie gesehen, heller und strahlender als die anderen. In heißer Erregung sprang er auf und holte die Tafeln, die er Tage und Nächte zuvor aufgezeichnet hatte. Auf keiner fand er den neuen Stern. Aus dem Bücherspind an der Wand holte er die Planetentaseln Alfonsinis und Prutens, die Werke der Alten, in denen das Himmalszelt abgebildet war. Nirgends fand er den neuen Stern. Unsicher stieg der Zweifel in ihm auf, daß er ch getäuscht haben müsse. In jähem Erchrecken beugte er sich zu dem Sehschlitz seines Schattenrohres, schärfte Augen und Kraft. In silberner Klarheit sah er das neue Gestirn noch immer leuchten. Er ließ die Hand von dem Rohr, neigte das Gesicht und sann, schaute wieder hinauf zum Fimament, suchte in den Tafeln, verglich, zweifelte. Dann sprang er, obgleich es nahe an Mitternacht war, hinunter in den dunklen Flur des Hauses. Er fand das Zimmer Steen Billes und wechte ihn. „Kommet mit, Oheim“, rief er mit heiserer, vor Erregung zitternder Stimme und ließ nicht nach in seinem Ungestüm, bis ihm der alte Mann hinauf in die Dachstube unter das Himmelszelt gefolgt war. Mit fiebernden Händen wies er Steen Bille die Tafeln, auf denen die Kassiopeia verzeichnet war. „Merket das Bild“, flüsterte er,„merket es wohl!“ Dann richtete er das Rohr:„Schaut hindurch, Oheim, was seht Ihr?“ Steen Bille, der Bauer, sah lange zum Himmel. „Was seht Ihr?“ drängte Tycho. „Ich sehe einen neuen Stern, der auf Deinen Tafeln nichk ist!“ murmelte der Bauer, schod das Rohr zur Seite und hob das Gesicht zu dem Jungen. Der stand in feierlicher Verzückung. „Nova stella!“ flüsterte er und furchte die Stirne. Steen Bille erhob sich. Er überragte Tycho Brahe um Haupteslänge. Mit hartem Griff legte er ihm die Faust auf die Schulter. „Was ist's mit diesem Stern, Tycho?“ fragte er langsam. Aycho Brahe zuckte mit der Schulter. „Ein neuer Stern!“ gab er zur Antwort. „Nichts sonst, Oheim!“ Der Alte schüttelte den weißen Kopf. „Sterne sind Menschenschicksale!“ murmelte er. „Deute den Stern!" Darauf wandte er sich schwerfällig und verließ die Stube. Tycho Brahe aber saß die Nacht hindurch unter dem Firmament und dachte und suchte. „Sterne sind Menschenschicksale!“ hatte der Oheim gesagt. Eine Gewalt zwang seine Gedanken zu einem seltsamen Weg... Als der Morgen graute und die Sternenlichter verglommen, hob der Astronom den Kopf in die frische Luft. Schauernd erkannte er die Kühle des erwachenden Tages. Immer noch benommen von der Gewalt seiner nächtlichen Geranken, stieg er hinunter in die Stube Steen Billes. „Oheim“, sagte er zu dem Alten,„ein König ward geboren, ein tapferer König, in dieser Nacht!“— Darauf verließ er ohne ein weiteres Wort die Stube. Tage= und nächtelang studierte er in seinen Pergamenten und forschte, rechnete. Und dann schrieb er nach Kopenhagen„De nova stella". In der Kassiopeia habe er einen neuen Stern entdeckt, der die Ursache der Geburt eines tapferen und gewaltigen Fürsten sein werde, dessen Waffen Deutschland überstrahlen würden u. der 1632 wieder verschwinden müsse. Alles aber, was in diesem Jahr 1572 an Absonderlichem sich zugetragen habe, sei nur eine Ankündigung dieses Ereignisses. Denn Gewaltigeres und Verheerenderes hätte es nicht gegeben seit Hunderten von Jahren.—— —— Das andere aber geschah im Jahre 1632. Da fiel in dem größten und übermenschlichsten Krieg, der je durch die abendländische Menschheit gegangen war, zu Lützen ein König, dessen Waffen Deutschland überstrahlt hatten, wie es Tycho Brahe gesehen und gedeutet: Gustav Adolf. Verierbild: Auter eireitrut das Kasser Auflösungen aus Nr. 11. Vexierbild: Marie! Wo steckst Du?— Am linken Arm ist der Kopf Kreuzworträtsel: Buchstabenrätsel: Min ist erkrise Verantwortlich: H. Semmelmann, Altena Truck und Verlag: V. A. Santz, Altena. Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung Nr. 13 Samstag, 2. April 1927 Bismarck-Erinnerungen Aus dem Nachlaß von Hans B. Grube. Es war am 12. Juli 1888. Wundervolles Sommerwetter hatte mich von Hamburg nach dem nahe gelegenen Bergedorf geführt, wo ich einige schöne Stunden auf der Besitzung eines Freundes zu verleben gedachte. Er erwartete mich schon auf dem Bahnhof und begrüßte mich mit der Mitteilung, man erwarte Bismarck am Nachmittage in Friedrichsruh. Da ich schon lange die ungestillte Sehnsucht hatte, Bismarck von Angesicht zu sehen, so benutzten wir den nächsten Zug zur Station Aumühle und gingen von dort den schönen Waldweg durchs Billtal nach Friedrichsruh. Die Abreise des Fürsten aus Berlin war wenigen Leuten bekannt geworden, so daß sich auf dem kleinen Waldbahnhof nur eine Schar zufällig anwesender Touristen zusammengefunden hatte. Fürst Bismarck entstieg dem Salonwagen und ging langsamen und festen Schrittes durch die Kette der ihn dicht umdrängenden Reisenden, mit freundlichem Ernst ihre lebhaften Grüße erwidernd. Als ich so zum erstenmale ganz aus der Nähe den Gewaltigen erblickte, erging es mir genau wie den meisten Deutschen bei dieser Gelegenheit: mich beseelte ein ganz eigenartiges Glücksgefühl. Fest prägten sich mir die Züge des Mannes ein, dessen Erscheinung fast wie eine aus ferner Zeit plötzlich ausgetauchte Sagengestalt wirkte. Dann war es an einem trüben Märzabend des Jahres 1890, als ich Bismarck wiedersah. Eine kleine Schar treuer Verehrer hatte sich wiederum auf dem kleinen Bahnhof zu Friedrichsruh eingefunden, als der Berliner Schnellzug einrollte, dem der„entlassene" Altreichskanzler entstieg. Eine gedrückte Stimmung lag auf allen, wußte man doch, wie schwer der greise Recke an den Vorgängen der letzten Tage trug und wie tief verletzt er sich in den Frieden seines Sachsenwaldes zurückzog. Bald darnach hatte ich das Glück, dem Fürsten und seiner Familie vorgestellt zu werden, und dann begann die große Zeit, in der ich Zeuge all der überwältigenden. Zeichen der Verehrung wurde, mit denen Deutschland seinen Heros überschüttete. Es konnte kein gastlicheres Haus geben als das Bismarcksche. Im Schlosse weilte fast immer Besuch. Wenn ich im Kreise meiner Bekannten damals von meinen Erlebnissen in Friedrichsruh erzählte und dabei dann auch meiner Bewunderung über die dort waltende Gastfreundschaft Ausdruck verlieh, bekam ich häufig die Antwort: Ein Mann, dem von allen Seiten unaufhörlich so viel Geschenke zufließen, kann ja mit seiner Familie allein seinen Weinkeller doch nicht austrinken. Solche und ähnliche Bemerkungen beweisen, daß man die Roile weit überschätzte, die in einem so großer Haushalt wie dem Bismarckschen gelegentliche Spenden für Küche und Keller spielten. Zu den regelmäßigen Gästen des Bismarckschen Hauses zählte der Münchener Maler Franz o Lenbach. Fürst Bismarck hatte von jeher eine starke Abneigung gegen das Porträtiertwerden, wenn damit eine regelrechte Sitzung verbunden war. Seinem regen Geiste und sebhaften Temperament widerstrebte es, eine Zeitlang untätig in bestimmter Haltung, in Pose, zu verharren, während ein anderer mit seiner Person beschäftigt war. Wenn dus Gespräck: darauf kam, pflegte Bismarck stets in drastischen Ausdrücken zu erklären, ihm wäre so etwas höchst ungemütlich. Lenbach, dem wir Dutzende vorzügliche Bildnisse des Firsten verdanken, beanspruchte keine Atelier= sitzungen. Nur ganz im Anfang seiner Bekanntschaft mit dem Fürsten, um Weihnachten 1878, sane eine regelrechte Sitzung statt, und zwar für das in der Nationalgalerie in Berlin hängende Bild, das den Reichskanzler mit dem Heimat Es raunt der Wind wie ehedem im Ried; Die Lerche jubiliert das alte Lied. Und über meines Waldbachs Silberbahnen Wehen der Weiden grüngoldene Fahnen. Stolz trotzt eine Wolkenburg im Blau, Und Tausendschönchen knien in der Au— Wie ehedem, und auch mein Herz singt leise Im Arm der Mutter eine Heimatweise. Franz Mahlke. Schlapphut und über die Stuhllehne gekreuzten Händen darstellt. Später gelang Lenbach die Darstellung des Fürsten am besten bei ungezwungener Beobachtung; am liebsten skizzierte er den Fürsten, ohne daß dieser es selbst, bemerkte, nach Tisch, wenn Bismarck sich in die Lekture der Zeitungen vertiefte, auf dem geräumigen Altan vor dem Speisesaal oder im allgemeinen Wohnzimmer, in dem der Nachmittagskaffee eingenommen wurde. Hier wurde die Unterhaltung der Familienmitglieder und der intimen Gäste mit Rücksicht auf den Hausherrn nur halblaut geführt. Trotzdem der Fürst dann ganz in seine Lektüre vertieft schien, griff er manchmal in das Gespräch ein und überraschte die Zuhörer dann stets mit einer den Gegenstand blitzartig erleuchtenden Bemerkung oder einer anekdotischen Erinnerung aus seinem reich bewegten Leben. Einige Tage vor seinem achtzigsten Geburtstage begleitete ich ihn in den Park, wo man gerade mit der Aufstellung eines merkwürdigen Zierstückes beschäftigt war, das ihm die Deutschen Japans als Zeichen ihrer Verehrung geschickt hatten. Es war ein mit gleichmäßiger grüner Patina überzogenes buddhistisches Räucherfaß von fast drei Meter Höhe. Der Fürst studierte die Arabesken und DrachenOrnamente des einer riesigen Teedose ähnelnden Schmuckstückes. Er klopfte mit seinem derben Handstock daran und machte mich auf den dadurch erzeugten glockenartigen Ton aufmerksam. Dann sagte er dem Baumeister, der die Aufrichtung leitete, einige anerkennende Worte und wandte sich mit der Bemerkung zu mir, wie sehr man die hervorragende Befähigung des japanischen Volkes in allen möglichen Kunstfertigkeiten bewundern müsse, und hielt mir, den Gedanken weiterspinnend, sogleich einen vollständigen kleinen Vortrag über die moderne Entwicklung Japans wie jemand, dessen Lebensaufgabe das Studium der gelben Rasse ist. Besonders die schnellen Vorbereitungen ihrer Magazine und ihr Rüstungssystem hatten sein Interesse erregt. Dann wandten sich seine Gedanken den bevorstehenden Festlichkeiten zu, die zu seinem Ehrentage geplant waren, und mit dem Seufzer:„Ich bin doch froh, wenn ich die ganze Geburtstagswoche erst überstanden haben werde,“ wandte er sich dann lagsam dem Hause zu. Einige Tage darauf kam ich unbeabsichtigt dazu, den Fürsten in einer Situation zu sehen, die zeigte, wie einfach die den körperlichen Bedürfnissen des Fürsten dienenden Einrichtungen waren. Geheimrat Schweninger begegnete mir auf dem Hausflur und raunte mir zu: „Wenn Sie sich still hinter diese Tür stellen wollen, können Sie den Fürsten in seinem neuen roten Schlafrock vorveispazieren sehen, der ihm von einer Verehrerin zum letzten Geburtstag geschenkt wurde.“ Ich hatte den Fürsten so oft in großer und kleiner Uniform, im schwarzen Leibrock und Schlapphut, ja gelegentlich des Besuches des Königs von Siam auch einmal mit dem Ungetüm seines altertümlichen Zykinders gesehen, so ließ ich natürlich die Geleg=nheit nicht vorübergehen, ihn auch einmal im Schlafrock zu betrachten, und nahm schnell den mir zugewiesenen Beobachtungsposten ein. Aber es sollte noch anders kommen, als ich selbst und auch Schweninger voraussehen konnten. Der Fürst war, ohne mich zu bemerken, wie ein türkischer Pascha in seinem leuchtend roten Atlasgewande an mir vorübergeschritten und in seinem, einige Schritte davon liegenden Badezimmer verschwunden. Ich wollte mich leise zurückziehen, bemerkte aber, daß der Fürst die Tür halb offen gelassen hatte, und sah ihn bis zur Brust über den Rand der großen Holzkufe ragen, die ihm als Badewanne diente. Zugleich erscholl seine Stimme:„Pinnow, Pinnow!“. So pflegte er sich seinem Kammerdiener bemerkbar zu machen, wenn er während des Bades einer Handreichung bedurfte. Denn eine Klingelleitung gab es vom Badezimmer aus entweder nicht, oder sie war so unbequem angebracht, daß der Fürst es vorzog, sich durch Rufen bemerkbar zu machen, wenn er seinen Diener brauchte. Pinnow bestätigte mir nachher mit fröhlichem Lachen, daß sein Herr es immer so zu machen pflege. Zum letztenmal erblickte ich den Fürsten am frühen Morgen des 31. Juli 1898, jenem strahlenden Sonntagmorgen, an dem die Kunde von dem in der vergangenen Nacht erfolgten Hinscheiden des Gewaltigen alle Welt durchflog. Mit mildem Antlitz, in der ausgestreckten Rechte eine weiße Rose, die ihm in der Sterbestunde seine Tochter Marie in die Hand gelegt, lag er da wie ein friedlich Schlafender. Nur wenigen, dem Hause Bismarcks nahestehenden Personen war es vergönnt, noch einen letzten Blick auf den Toten zu werfen. Denn da die Imprägnierung der Leiche Bismarcks mit einer Konservierungsflüssigkeit nur mangelhaft gelungen war, wurde der Sarg sehr bald geschlossen. Der Wunsch des deutschen Kaisers, der auf die Meldung vom Tode seines Altkanzlers hin seine Nordlandreise abgebrochen hatte, um den Dahingeschiedenen noch einmal zu sehen, konnte nicht mehr erfüllt werden. Doktor Chrysander, der zweite Leibarzt und Sekretär Bismarcks, war am Nachmittag des 31. Juli nach Hamburg gefahren, um die zur Einbalsamierung nötigen Geräte und Stoffe zu besorgen. Aber da die Geschäfte wegen der gesetzlichen Sonntagsruhe geschlossen waren, vergingen Stunden, ehe er alles Erforderliche in verschiedenen Krankenhäusern ausgehändigt hielt. Als er dann um 5 Uhr wieder in Friedrichsruh eintraf, war infolge der großen Hitze. die an jenem Tage herrschte, der Zersetzungszustand der Leiche bereits zu weit fortgeschritten, als daß die Einspritzung einer Flüssigkeit in das Geäder noch in der zur Erhaltung erforderlichen Weise möglich war. Leider besitzt die Nachwelt kein photographisches Bild von Bismarck auf dem Totenlager. Die Bilder und Platten der widerrechtlichen Aufnahme, die unter Beihilfe bestochener Bismarckscher Forstbeamter in der Nacht vom 30. auf den 31. Juli von zwei Hamburger Photographen hergestellt worden war, wurden auf Antrag des Fürsten Herbert Bismarck beschlagnahmt und auf Grund eines später erfolgten Gerichtsbeschlusses vernichtet. Als im Laufe des 31. Juli die Kunde von der frevelhaften Tat der nächtlich ins Sterbezimmer durchs Fenster eingedrungenen Photographen durchsikkerte und auch die fürstliche Familie davon erfuhr, bemächtigte sich ihrer eine große Entrüstung. Die vor dem Parktor harrenden Photographen, denen der Zulaß ins Schloß nach erfolgter Aufbahrung in Aussicht gestellt war, mußten alle unverrichteter Sache abziehen. Auch Begas Antrag, von Bismarcks Antlitz eine Totenmaske anfertigen zu dürfen, wurde abgelehnt. Der Pietät der Angehörigen widerstrebte jede unzarte Berührung des zur ewigen Ruhe eingegangenen Fürsten. 8 BSUSSSSSSLBSSEEOSS SEBZEBSNERNGBLSESSS U S5SUSSMLES TDODZEHEOGRGSDEEG S.SHEEL *88 BSSEENS S#-hEEEE E RESSESEE SaBEISEES S HpgeS S 2 S.e. 9 B## a 5 S TOSS B8HPESB, C.ES X ROMSSSSSRHOESS Z ROOSGSSSBES 55S 5 S SEBEBT R EOBSUEEE SS.5SSSSSSLASEScSE — —. Die Apfelsine Skizze von Rudolf Presber. In einem Orangegarten über Sorrent, da, wo die Straße ansteigt zum Kloster Deserto, in dem die verwahrlosten Kinder erzogen werden, Orangen, Orangen— Baum an Baum. Goldgelbe Früchte bei den weißleuchtenden Blüten, die füßen Duft weit über die grauen Steinmauern senden. Unten der blaue Stahlschild des funkelnden Meeres. Drüben, weit drüben, raucht der Besuv sein Morgenpfeischen. — Unter den Bäumen, Hügel auf— Hügel ab, hetzte der blonde, schlanke Bursch aus der„Piccola Sirena" die Marietta, das hübsche Schustertöchterlein aus dem engen Gäßchen, in dem Tassos Geburtshaus steht. Lachen und Kichern — italienische Beschwörungen, deutsche Zärtlichkeiten. Darüber Orangen, Orangen, Orangen... Jetzt reißt sie sich los die Marietta und läßt lachend die Zähne blitzen. Ihre Schürze, die rote mit den gelben Borten, bleibt ihm in der Hand. Da greift er rasch, halb ärgerlich, halb übermütig, hinauf in die schwerhängenden Zweige, langt sich eine Goldfrucht, zielt, wirft Aber die Marietta duckt sich gewandt, und über ihren schwarzen Wuschelkopf hinweg fliegt der Goldball— über die Steinmauer hinab auf die steile Straße, die zum Kloster Deferto führt. Der alten Camaldola— kein Mensch weiß, ob sie wirklich so heißt und warum— fällt die Frucht vor die Füße. Die Alte bückt sich, bläst aus runzligem Mund über die Schale und steckt die Apfelsine in den Sack zu den vielen anderen. Die alte Camaldola stiehlt nicht, sie sammelt, was der gütige Wind, der von Amalfi her über die Berge streift, über die hohen Steinmauern wersen will— sammelt, was der Zufall schenkt, und was die Pilger liegen lassen, die hier singend hinter Fahnen die Straße emvorsteigen. Am Abend in Sorrent leert sie ihren prallen Sack in die große, große Kiste, die auf dem Orungenschiff hart am Ufer steht. Ein paar Kupfersoldi zahlt ihr der Antonio dafür. Hoch auf der Gartenmauer der„Piccola Sivena“ sitzend, hemdärmelig, gebräunt und vergnügt, schauen ein paar junge, deutsche Malersleute zu, wie da unten die Barke vom Ufer gelöst wird. Die Barke, die tausend und aber tausend der runden, goldenen Früchte hinüberträgt nach Neapel. Und die jungen Deutschen sind Künstler und kennen ihren Scheffel gut und winken und singen ihr nach: „Das Sorrentiner Marktschiff trug Orangen übers Meer; Und zog in leichtem Mövenflug, Als ob's ein Dampfer wär'.“ Sie schauen auf die silberne Furche, die das Orangenschiff auf dem blauen Stahlschild des Meeres zurückläßt, und grüßen die Fahrenden. „Verdammt noch mal!“ sagte die saftstrotzende Orange in der Kiste zu ihren Gefährtinnen, die sich mit den Goldschalen drängen und reiben mußten; sagte es auf Italienisch, denn sie ist eine gute Italienerin.„Das ewige Gebumse und Gestoße— und die Lokomotive faucht wie verrüch:— da muß schon der Gotthard sein! Und nun wird's bald bergab gehen, hinunter durch die Kehrtunnels. Paßt auf, sie werden uns nach Deutschland bringen! Aber was sollen wir da? Dort sind die Leute jetzt arm, hab' ich mir sagen lassen. Was können sie da mit so edlen Früchten, wie wir sind, anfangen?“ „Halt's Maul!“ brummte die alte Kiste. war schon oft über den Gotthard gefahren— hin und her. Denn sie war eine feste, dickwandige Kiste, und unzählige farbige Papiere beklebten ihren Deckel.—„Das ist ja schon lange anders geworden in Deutschland. Reich sind ja die meisten nicht. Aber seit sie ihr Geld wieder zählen können, glauben sie's zu sein. Und sie kaufen, was sie kriegen können. Wenn's nur recht weit her kommt. Neulich hab' ich sogar Ananas geladen gehabt, schöne, saftige Angnas. Die kamen aus Brasilien mit dem Frachtschiff und haben sich noch viel mehr eingebildet als ihr. Und kaum in Deutschland — weg waren sie. In den Mägen der Menschen. Und, lieber Gott, in was für Mägen znanckzmal „Zwölf Appelsinen bloß for eene Mark!“— Den ganzen Tag hat es der Händler hinter seinem Karren gebrüllt am Hohenzollerdamm. Und zum Ueberfluß stand es auch noch groß mit Kreide auf dem Schild. Und der duftige Berg von goldenen Kugeln ist kleiner und kleiner geworden mit den Stunden. Nur noch ein paar Dutzend rollen da in der Dämmerung herPeter Alexiwitsch, einer von den vielen Rufsen, die wie die biblischen Lilien auf dem Felde in Berlin leben und nicht säen und nicht ernten, ging just vorbei. Und da er sich am Nachmittag mit der Olga Nikolajewna, seiner Frau, verzankt hatte, dachte er: du bringst ihr etwas mit! Denn er wollte Ruhe haben am Abend. Da die Juwelierläden und Konfitürengeschäfte zu seinem Glück schon geschlossen hatten, so dachte er weiter: du wirst ihr ein paar Apfelsinen mitbringen. Das ist billig und freut sie auch. Aber Peter Alexiwitsch kannte Olga Nikolajewna noch immer nicht ganz. Die Orangen freuten sie nicht. „Nun kommst du auch noch mit dem süßlichen Zeug!“ schalt sie. Auf Russisch tat sie das, wie es jetzt im Berliner Westen fast mehr und besser gesprochen wird als Deutsch.„Alles in dieser Pension riecht und schmeckt nach Apfelsinen. Deine Kusine Tatjana— sie schminkt sich jetzt gräßlich— war vorhin da. Was brachte sie mir? Apfelsinen! Dein Freund Alexander Petrowitsch— er hat schlechtsitzende, neue Zähne— hat hier eine halbe Stunde auf dich gewartet! Dann ging er und vergaß eine Tüte. Was war drin? Apfelsinen! Und die deinen sieh mal an— sind nicht mal gut! Die dicke hier ist schon angestoßen. Was du dir auch immer alles in die Hände stopfen läßt für teures Geld!“ Und mit diesen Worten warf Olga Nikolajewna ärgerlich durchs offene Fenster die einst so schöne, goldgelbe Apfelsine, die in einem Garten gewachsen war hoch über Sorrent, dort, wo die Straße ansteigt zum Kloster Deserto. Die Orange, die einmal dicht am Kopfe der hübschen Marietta vorbei weit über die Mauer der alten Camaldola vor die Füße geflogen war.. Jetzt lag die arme Orange auf dem schmievigen Pflaster des Hohenzollerdammes. Ihre Schale war geborsten, und über ihr saftiges Fleisch war ein dreckiges Autorad gerast. Ihr süßes Blut floß sickernd in die Gosse. Als der alte Maler Donndorf den Fahrdamm überquerte, der Professor, der vor Jahren als Karbenagostel des Südens aus der Schule swalo Achenbachs sehr berühmt gewesen war, da trat er machtsam mitten hinein in die Apfelsine. Er wäre besser in etwas anderes getreten. Denn nun glitschte sein vom hohen Alter nicht mehr ganz sicherer Fuß aus— auch die Schuhe trug er schon lange, und sie saßen nicht mehr recht fest an den mager gewordenen Knöcheln — so fiel er hin und brach sich das linke Bein. Lieber Gott, die Knochen sind brüchig, wenn man sich den Siebzigern nähert. Die treue Karoline, sein Weib, das einst schön gewesen war, saß nun an seinem Bett viele Tage und Nächte lang und pflegte ihn. Die guten Augen unter dem Spitzenhäubchen blickten besorgt, denn sie liebte ihn noch immer. Und eines Abends, als der Himmel besonders hell war und seine goldenen Vorfrühlingslichter auf das Bett warf, sagte Frau Karoline mit einem Zorn in der Stimme, der ihrer milden Seele sonst fremd war:„Und daß es auch gerade eine Apfelsine sein mußte!" Aber da lächelt der alte Professor gütig, und ein verträumter Zug huschte um seinen schmalen, kleinen Mund:„Schilt die goldenen Früchte des Südens nicht! Weißt du noch— damals? Bald ist es ein halbes Jahrhundert her, was? In dem Orangengarten über Sorrent, da wo die Straße ansteigt zu dem Kloster, das Defertt heißt... Baum an Baum— goldgelbe Früchte bei weißen Blüten, die ihren süßen Duft weit über die grauen Mauern senden. Ihr waret aus dem stolzen, teuren„Tramontano“ heraufgekommen. Du und deine Freundin. Und ich, der junge Malersmann, saß da oben unter den Bäumen und versuchte, alle die unendliche ewige Schönheit einzufangen. Und wie ihr mir zu neugierig wurdet und zu keck, da griff ich, halb ärgerlich, halb übermütig, in die schwerhängenden Zweige, langte mir so eine goldgelbe Frucht, zielte und warf—“ „Ja, und du trafst mich mitten auf die vorwitzige Nase.“ „Und mein Schrecken und deine Nase— mein Gestammel und dein Lachen, aus all dem wurde dann—“ „Ja, was wurde—?“ Frau Karoline betrachtete lächelnd an ihrem Finger den steinlosen Boldreifen— der war in der Via Roma in Neapel gekauft und trug noch das Datum eines fernen, fernen Frühlings. Dann sagte sie ganz langsam:„Vielleicht steht der Orangenbaum noch. Und— wär's nicht möglich?— vielleicht trägt er noch immer Früchte, die über die Mauern fliegen— und vielleicht dann nach Deutschland kommen.“ „Und auf dem Pflaster des Hohenzollerndam= mes liegen..“. Nun spinnst du wieder, Karoline." Der Professor lächelte und schwieg. Aber in seinen Augen leuchtete ein serner Frühling von Sorrent. Der Kommandant Von Adolf Häger. Es war im Jahre 1915. Da zog in die ragende Bergfeste X., die rasch zu einem Gefangenenlager umgewandelt worden war, der neue Kommandant ein: stämmiger Sechziger, Overleutnant der Landwehr und ehemaliger Bürgermeister irgend eines kleinen Nestes. Nie ist mir deutlicher das Urbild eines„jovialen alten Herrn" begegnet! Er aß gut, trank noch besser, skatete mit eherner Ausdauer und wußte zu jeder Zeit Witze zu erzählen, die selbst einen Feldwebel mit zweiundzwanzigjähriger Dienstzeit erröten machen konnten. Auch im Dienste war dieser Kommandant von einer (nur durch Asthma gemilderten) außerordentlichen„Forsche“. Das hatte seine brave Truppe hier bald weg, und so entwickelte sich das Soldatenleben in diesem weltabgeschiedenen Winkel immer mehr ins Biedermeierlich=Gemütliche. Die Posten stellten sinnvoll konstruierte Bänkchen her, auf denen sie ihre Stunden absaßen. Die Mädchen aus dem nahen Dorfe trugen ihnen Maßkrüge zu und verkürzten ihnen die langen Nachtstunden auf der Wache. Der Wehrmann Kohlhaas zechte gar mit einem Gefangenen im Dorfe herum, und der pflichtbewußte Häftling transportierte danach mit schwerer Mühe seinen Wächter wieder ins Lager. Soweit war nun alles wieder in Ordnung. Allein der gestrenge Gendarm hatte es gesehen und machte Meldung.— Der Kommandant prustete vor Zorn. Zuerst schlägt's bei dem diensteifrigen Gendarmen ein. „Was gehen Sie meine Leute an? Ich bin hier Kommandant! Kümmern Sie sich gefälligst um Ihren eigenen Kram! Verstanden?— Abtreten!“ Dann kommt der Kohlhaas dran. Zerknirscht und winzig wird der Uebeltäter von den prasselnden Wortstürzen des Kommandanten. Ergebris: Acht Tage„Dicken“ und sofort abführen!— Doch der Kohlhaas wird allnächtens aus der Zelle geholt von seinen Getreuen— zum Skaten!— Tags schläft er wie ein Ratz in seiner stillen Klause. Das hält Kohlhaas noch lange aus. Besser als der Kommandant. Der hat nach zwei Tagen schon Gewissensbisse und läßt nach dem Befinden des Kohlhaas fragen. Am drutten Tage befiehlt er den Delinquenten vor sein Angesicht. Kohlhaas macht aller####nas einen ganz kläglichen Eindruck. Einmal ist er nämlich gräßlich verkatert und dann auch ein gerissener Schauspieler. So vergrollt heute das hauptmännliche Gewitter bald, und der Kommandant läßt den milden Regenbogen seiner Gnade erblühen. „Ich will Ihm die fünf Tage erlassen, weil Er es sich zu Herzen genommen hat!“ sagt er väterlich. „Jawoll, Herr Hauptmann,“ pflichtet ihm Kohlhaas bei. „Er sieht schlecht aus!“ „Jawoll, Herr Hauptmann!“ sagt Kohlhaas. „Franz! Franz!— Schenk dem Kohlhaas einen Schnaps ein!“ Kohlhaas trinkt ihn mit ehrfürchtigem Aufblick zu dem Gestrengen und der ihm eigenen Fertigkeit. Er bezieht auch noch eine gute Zigarre aus des Hauptmanns Kiste und zieht dampfend ab. Doch nun zum Kommandanten selber! Ja. wenn man auch schon einige sechzig ist, den Frühling spürt man doch jedes Jahr wieder im sündhaften Gebein, besonders, wenn er so schön ist wie dieser! Da steht der alte Kämpe oft sinnend am Fernsprecher und lauscht der lieblichen Stimme eines Telephonfräuleins der Umgegend. Zum Schluß dieser nur halbamtlichen Gespräche wirft der Kommandant sich vor dem Apparat in seine stattlichste Haltung und lädt liebenswürdig die junge Dame ein, ihn am nächsten freien Sonntag zum Kaffee zu besuchen. Ach, so freudig die jungen Damen zuerst zusogen, auf vorsichtige Erkundigungen nach dem Alter des gastfreien Kommandanten lassen sie ihn stets schmählich sitzen mit seinem Kaffee und Kuchen samt den frohen Erwartungsgefühlen. Da ließ der alte Knabe kurz entschlossen seine Frau kommen.— Dch im Herbst machte der Komman#ant einen tollen Streich, der seine immerhin noch aussichtsreiche militärische Laufbahn jäh abbrach, kund der soll hier verewigt werden. Die Butter begann damals in unserem lieben Vaterlande recht knapp zu werden. Das bekam auch der Kommandant zu spüren. Darum war eine stiner Ordonnanzen dauernd unterwegs, um Butter zu hamstern. Darin ließ sich der Kommandant auch durch kein Beschlagnahmegesetz stören. Aber drunten im Tal wohnte der bewußte Gendarm. Der faßte eines Tages Franz, den so gewandten Burschen des Kommandanten ab, wie er gerade 8 Pfund Butter zum sicheren Horst hinauftragen wollte. Herzlos, wie ein solcher Gendarm nun einmal ist, beschlagnahmte er alle 8 mühsam ergatterten Pfunde. Fast weinend trat der getreue Franz vor seinen Herrn und Gebieter. Der schnaubte:„Was?— Wa—wa—was?“ Und vom Asthma gestört:„Be—hä—schlag— nahmt?“ Und Franz erzählte noch einmal die traurige Geschichte. Tann aber brach der heilige Zorn des Kommandanten los. Ein tobender Elefant in seiner Wut ist ein Lämmchen, gemessen an diesem grimmen Kriegsmanne. Der gewaltige Lärm lockte den Adjutanten herbei, einen winzigen Oberleutnant und Juristen; der Zahlmeister und der Diktor kamen auch hinzu. Aber der Kommandant hatte inzwischen Kraft gesammelt zu einem mannhaften Entschluß. „Herr Oberleutnant!“ schnaubte er mit asthmatischer Stentorstimme,„der Kerl von Gendarm hat meiner Ordonnanz 8 Pfund Butter weggenommen! Herr Oberleutnant Sie nehmen sofort zwei Mann von der Wache, lassen Seitengewihre aufpflanzen und verhaften den Kerl!" Der also bedrängte Oberleumant wagte als Jurist den schüchternen Einwand:„Aber Herr Hauptmann, ich gebe zu bedenken—“ „Was geben Sie zu bedenken?— Wer ist hier Kommandant?— Ich bin Kommandant!“ So brauste es über den majestätischen Bauch zu dem Kleinen hinab. „Ich gebe Ihnen Befehl, den Gendarmen sofort zu verhaften!— Und Sie, Zahlmeister, Sie gehen auch mit! Und Sie, Herr Doktor, —— nein,— Sie bleiben da!“ Dem Kommandanten ging plötzlich etwas durch den Kopf von Genfer Konvention und dergleichen. Die reisige Schar— zwei Degenträger, zwei Posten mit aufgepflanztem Seitengewehr— zog zum Dörschen hinab, das friedlich im Grunde lag. Das letzte Häuschen war die Wohnung des Gendarmen. Die Dörfler gafften und schlossen sich den in feierlichem Ernste dahinschreitenden Bewaffneten an. Dem Oberleutnant war wenig wohl bei diesem Kriegszuge, nur der Zahlmeister nahm die Sache von der spaßigen Seite und machte schlechte Witze. Da ist das Häuschen, die Wohnung des Gendarmen!— Der Oberleutnant öffnet. Auf dem Flur steht die Gendarmenfrau, hochgeschürzt und den Scheuereimer in der Hand. „Wo ist der Gendarm?“— fragt der Oberleutnant mit leiser, verbindlicher Stimme. Aber hinter ihm ragen schon die dräuenden Baionette auf. Dem armen Weibe entfallen Eimer und Schrubberbesen. „Ach du großer Gott! Ach! Hab ich's denn nicht immer gesagt: Jakob, du bist zu scharf! Ach Gottche, ach Gottche. nun haben m'ersch!“ „Wo ist denn Ihr Mann?“ fragt wieder freundlich der Oberleutnant. „Ach, Gott sei Dank! Mein Mann ist gerade sortgefahren mit dem Rade!“— Dem Oberleutnant fällt ein Stein vom Herzen. So verlangt er denn nur die Herausgabe der acht Pfund Butter.— Was sollte das schwache Weib angesichts der vier Bewaffneten tun?!— Zögernd holte sie den Rucksack, und der Oberleutnant rückte mit seinen erfolgreichen Streitkräften wieder ab. Vom hohen Söller hatte der Kommandant die Operationen seiner braven Truppen durch einen umfangreichen Krimstecher— Modell 71— und mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt. Jetzt nahten ihm die Siegreichen tief unten auf der Landstraße. Der Kommandant vermißte in ihrer Mitte den Gendarmen.„Wo ist der Kerl?“ brüllte er hinunter. Der Oberleutnant, der an der Reichweite seines Organs zweifelte, suchte dessen Entkommen mit grotesken Flugbewegungen seiner Arme mimisch darzustellen. Der Kommandant hatte verstanden.„Hm! Und die Butter?"— Wehrmann Kohlhags, der die Butter trug, hängte den Rucksack an das Bajonett, lupfte im Triumphe die Beute hoch:„Hier, Herr Hauptmann!" „Gut!“ kam es befriedigt aus der Höhe zurück.—— Ach, leider fand eine hohe Inspektion der Gesangenenlager das Stückchen des Kommandanten gar nicht gut. Der böswillige Gendarm drohte mit Klage wegen Hausfriedensbruchs und noch mehr. Da mußrc der ruhmreiche Kommandant in der Versenkung verschwinden. Leider— er war doch so unterhaltsam! —12— Wir sischen im vereisten Fluß Ein sibirisches Erlebnis von Jos. M. Velter. Daß unser neuer Freund Semion Pawlo= witsch, wenn er abends mit dem Ger zum Fluß ging, selten ohne einen Fisch zurückkam, das wurmte uns mächtig. Imquill und ich hatten es immer wieder an Eislöchern mit der Angeversucht, obwohl jetzt, Anfang April, der Kan noch völlig vereist war. Es war noch zuviel weidmännischer Stolz in uns, so daß wir verlächtlich auf des Russen Art zu„angeln“ herabsahen. Wenigstens jahen sowohl Imquill als sich es als unsere Pflicht an, uns das gegenseitig weiß zu machen. Aber nun saßen wir am Feuer und hatten mächtigen Appetit auf einen anständigen Bissen. Geschossen hatten wir wieder einmal nichts, und das Suchari rutschte nicht mehr recht. Semjon Pawlowitsch, der Retter in solchen Nöten, lag im Zelt und schlief wie ein Baumstamm. Er hatte den ganzen Tag in der Taiga Holz geschlagen und dabei in seiner gutmütigen Art auch noch die Nacht zuvor kein Auge zugetan. Die Wölse rückten uns nämlich immer bedrohlicher auf den Hals, und einer mußte wachen. Der Vereinbarung zum Trotz daß wir abwechselnd wachen wollten, hatte uns der gute Kerl aber gar nicht geweckt, weil die Hochwohlgeborenen Herren tags vorher auf einer bösen Streife durch die Taiga sich ein wenig verirrt hatten und erst spät abends hundemüde zurückgekommen waren. Die Hochwohlgeborenen Herren, das waren wir; und wir wurden denn auch prompt erst wach, als die Sonne schon am Himmel stand und Semion Pawlowitschs gewaltige Axthiebe uns ausweckten. Er war schon wieder am Rande der Taiga und fällte eine Birke, unser liebstes Brennholz Das Herz, ihn zu wecken, hatten wir doch nicht. Wie wäre es, wenn wir selbst es einmal mit dem Ger versuchten? Es war schon dunkel. Mit der Angel war ohnehin nichts mehr zu machen. Immerhin hielten wir es für geboten, uns vor einander in endlosen entschuldigenden Redewendungen zu ergehen, obschon ich sicher bin, daß der lange Imquill, der jetzt so entrüstet tun konnte, ebenso gern einen Versuch machte wie ich. Nun, es kam wie es zu erwarten war: als unglückliche Opfer der gewaltigen Not ergriffen wir den Ger, eine vierzinkige, an den Spitzen mit Widerhaken versehene große Gabel; Imquill hatte das Werkzeug schon erwischt, und überließ es mir, den Beleuchtungsmeister zu machen und das flammende Birkenscheit zu tragen. Stolz marschierten wir an das Loch im Eis, aus dem Semion Pawlowitsch schon so manchen Zehnpfünder herausgestochen hatte. Es nar bitterkalt. Der Himmel stand klar und sternenübersät über uns. Die Mondsiche! tauchte eben über dem Schwarz der Taiga auf die sich wie eine Wand links von uns erhob. Weidenbüsche hockten am Ufer wie reglose gespenstische Lebewesen, und am Wasserloch gluckste von Zeit zu Zeit eine Welle. Sonst kein Laut, bis die Wölfe ihr wildes melancholisches Geheul anstimmen, chne das die sibirische Nacht nicht denkbar ist, ein Geheul das einen seltsam lähmenden Bann ausübt den niemand vergessen kann, der jemals einen Winter in Steppe und Taiga überstanden hat. Die Fackel flammte und schwelte. Unsere Schatten tanzten auf dem Schnee, der die Eisfläche hoch überdeckte. Ueber dem Schwarz des Wassers leuchtete die Flamme und lockte die Wasserbewohner herbei. Wie die Eintagsfliegen magisch vom Licht angezogen werden, wie an den Leuchttürmen Hunderte von Vögeln schwärmen und sich die Köpfe einstoßen, so treibt der geheimnisvolle Zauber der Flamme auch die Fische in den Lichtkreis. Da trifft sie der Ger und hält sie mit dem Widerhaken unentrinnbar fest. Wir warteten geduldig. Dann stieß nach einer Weile Imquill zu. Nichts! Wir wechselten die Geräte und lauerten weiter. Aus dem nächtlichen Urwald heulten wiederum die Wölfe. Manchmal glaubte man, das Blinken ihrer grünen Lichter zu sehen. Die Kälte brannte wie höllisches Feuer, die Hände wurden trotz der schutzenden Pelzhandschuhe steif, und die ungelschützten Gesichter glühten. Nach einer Weile schien es plötzlich, als hebe sich die Wasserfläche. Aus Leibeskräften stieß ich zu. Hohoh! Der Stoß saß! Am Schaft des Gers spürte ich einen fürchterlichen Ruck. Fast hätte er mich ins Loch gerissen, aus dem ich wohl nicht wieder aufgetaucht wäre. Dann gab es einen Schlag, der das Wasser in einem eisigen Spritzer über uns goß. Imquill bohrte den Schaft seiner Fackel in den Schnee und griff mit zu. Mit vereinten Kräften versuchten wir, den Fang aufs Eis zu ziehen. Es gelang nicht. Was nun?„ Bald stellten wir fest, daß der Ger den Fisch in der Mitte hinter der Rückenflosse getrofsen hatte. Der Kerl war größer als das Wassertoch. Er war einfach nicht herauszukriegen. Dabei entwickelte das Vieh geradezu unhe mliche Kräfte. Wie Wilde beim Kriegstanz, so hüpften und sprangen wir um das Loch, um ihn zu halten. Immer wieder schlug dabei eine Welle eisigen Wassers über das Eis, wenn der Fisch sich in verzweiseltem Kampfe wand. Eine Viertelstunde verging. Unsere nassen Kleider waren längst wie Breiter gefeoren. unsere Handschuhe schienen Eiskl#upen zu sein. Dabei brach uns allmählich unter der schweren Schuba, der Pelzjacke, der Schweiß aus. Und kene Aussicht, daß der Kampf zu Erde ging! Hatten wir erst gehofft, der Fisch würde matt werden, so dämmerte es uns allmählich, daß wir seinen Kräften nicht mehr lange widerstehen könnten. Was tun? Da sie' es Imquill ein, Semion Pawlowitsch zu rusen. Er sollte das Gewehr mitbringen. Nach ein paar anständigen Schüssen würde sich der Fisch wohl sanfter benehmen und mit sich reden lassen. Schon kam der Russe mit dem Gewehr angelaufen. Als er aber sah. um was es sich haudelte, lachte er. Das wolle er gleich haben!— Wir waren empört. Na, er solle sich nur auch einmal blamieren. Wenige Minuten später aber hatte Semson Pawiowitsch eine Weidenschlinge angefertigt, mit der er, auf dem Bauche liegend, im Wasser herum suchte. Plötzlich riß er den Arm hoch, der Kopf des Fisches erschien im Loch. Hinter den Kiemen saß die Schlinge. Der Russe sprang auf, griff mit beiden Händen zu und warf sich zurück. Der Fisch flog hinter ihm aufs Eis, wo er alsbald das Messer ins Genick bekam. Es war eine Kjäta, eine Lachsart, die um diese Zeit in den Flüssen aufwärts wandert, und wog über anderthalb Pud, etwa fünfzig Pfund. Herrlich war die Zeichnung der zahlosen schwarzen Punkte auf dem Silbergrau und Zartrosa ihrer Seiten. Ein wenig verlegen waren wir als Semion Pawlowitsch uns zu der prachtvollen Beute beglückwünschte. Aber wir lernten den Gebrauch des Gers doch noch, lernten vor allem, daß es wichtig ist, den Fisch in den Kopf oder noch bese ser direkt dahinter zu treffen. Nur so ist auch der größte Wasserräuber aus dem Wasser zu holen. Und diese Lehre war uns später, als wir auf dem Baikalsee mit dem Ger jagten, von unschätzbarem Wert. Der Richter Erzählung von Kory Towska. Um das Jahr 1000 regierte zu Bardad ein Kalif namens Abd=el=Chasid. Ein Nachkomme Harun=al=Raschids, hatte er von diesem die Liebe zur Gerechtigkeit geerbt, aber nicht die starke Hand, ihr in seinem Reiche immer zum Siege zu verhelfen. Fast täglich kamen ihm Klagen zu Ohren über Bestechlichkeit und Mißbrauch der Gewalt von Seiten hoher und niederer Beamten, und wenn er sie dem Richter übergab, so sanden sie nur selten strenges Gericht. Bestechlichkeit auch hier, Günstlingswesen und Vetternwirtschaft. Unschuldige kamen ins Gesängnis, indessen die Verbrecher straflos ausgingen. Ueber die Beseitigung dieses Mißbrauches zerbrach sich der Kalif vergebens den Kopf. Wie oft schon hatte er den Großwesir gewechselt, den Oberrichter entsetzt und alle Aemter neu vergeben. Die menschliche Natur blieb sich immer gleich. Um Freunden zu nützen um sich an Feinden zu rächen, um Vermögen zu erwerben, wurde nach kürzerer oder längerer Zeit auch von den Neubestallten geraubt, das Recht gebeugt, das Volk gequält. Schon zweifelte Abd=el=Chasid daran, in seinem Lande einen einzigen gerechten Mann zu finden In tiefer Schwermut, angewiderr von dem Treiben des Hofes und der Stadt ritt er ganz allein tagtäglich in die Wülte oder in den Wald hinaus, um der Gesellschaft der Menschen zu entfliehen, die er zu hassen begann. Vergebens bat ihn seine Gemahlin, sich nicht den Tilgern und Schakalen auszusetzen. Die wahren