Bedenklich und nichts Gutes verheißend, wippven die Rocksalten der Zenzl. Mächtige Wolden qualmten aus der Pfeise des Hias. Sie waren noch nicht weit gegangen, da stand bie Toienfrau aus Zwiesel. In der Hand hielt sie etwas Schwarzes, Röhrenartiges. „Is guat, ißi enk siach“, fing sie an.„Jetzt geh'i da“ uk vorbei und liegt da a nagelner:r Stiefi auf der Straßen." Entgeistert starrten die Zenzl und der Hias auf das Wunder. In der Nachbarschaft dellte ein Hund. Da kam die Erleuchtung über den Hias. In seinem Kopf begann es zu arbeiten wie ein rüchwärts vollender Film. „Jessas, i Rindvieh, i saudummes“, sogte er. „Jetzt sallt mi erst ein, daß i den Stiefi dem Malesizhund nachgeschmissn hab bei der Nacht!“ Mit einem Griff erfaßte er den Stiesel und mit den Worten:„Is der oane hin, kann der andre a zum Teufi gehn!“ rannte er im Sturmschritt dem Häusel zu. Mit einem mächtigen Schwung flog der zweite Stiefel seinem Kameraden nach, daß die Funhen stoben. Händeringend stand die Zenzl an der Tür.„Hin is hin und gar is gar“, sammerte sie.„Jetzt is er lei ganz narvisch wordn!“ Da fuhr aber der Hias herum. „So a Gered, so a saudummes, als ob i mit oan Stiefi umanand renna kunnt!" „Dös net“ meinte die Botenfrau,„aber an neuen hättest dir dazua macha lassen kinna.“ „Dös is a schöner Sonntag, dös muaß i sagn“, schimpfte die Zenzl.„Ganz schlecht is mia wordn. Daß du oalleweil gar so hitzig bist.“ Da leuchtete in den Augen des Hias ein kuustiger Funke auf und über sein Gesicht ging ein ehses Schmunzeln.„Schlecht is dir, Zenzl? Wie wär's, wenn wir jetzt ganga, vielleicht hat der Krainwirt leicht a guaten Enzion nach der Kirch!“ Das wirkte beruhigend auf die Zenzl. „Bist doch a rechter Loder, a damischer“, sagte sie lachend. Dann gingen sie einträchtig miteinander nach der Frauenau zur Kirchen. Die Rockzalten der Zenz sielen ruhiger und gleichmäßiger, der Tabakrauch des Hias zog in seinen Ringen durch die stille halte Luft, und in der Frauenau läuteten sie zum drittenmal z'samm. Die Botenfrau zog ihr Handwagerl in der Richtung nach Zwiesel und kicherte in sich hinein:„San doch narrische Leut, die Ehhalten. Ir uba gen, daß wa so alloan io.“ Im Dschungel Skizze von Maria Meister. Wieder tat sich ein neuer See auf! Diese Killen, dunklen Wasserpfade, in überhängendes Dickicht gerahmt, erweiterten sich immer wieder von neuem. Das Boot folgte nur dem leisen Ruder noch, sie setzten es vorsichtig vor, wie einen tastenden Fuß um den anderen, um nicht auf Grund zu kommen. Sie waren beide erregt, als gingen sie auf Entdeckungen aus. „Das ist ja wie im Dschunge!“, sagte Else hingerissen. „Wahrhaftig, genau so!“ Schlingpflanzen mit kleinen lila Blüten zankten an dem Gestrüpp des Ufers auf. Seerosen blühten zu ihren Füßen. Faulende Baumstämme lagen halb im Wasser, überflirrt vom Gefunkel schwirrender Libellen. Wolken von Mücken tanzten darüber. Das Boot schnitt in das Grün, das fahle und schlüpfrige, immer wechselnde, welches die Wasserfläche bedeckte. Hinter dem Kiel zog es sich schleimig wieder zu, und nach leisem Strudeln schien es unberührt, als wäre nichts hindurchgegangen. Ein schwerer Modergeruch stieg auf, gesteigert durch die Hitze des Tages. Tiefes Schweigen. Selten nur der Schrei einer Krähe. Beiden Menschen schlug das Herz. Sie waren zum ersten Male auf einer großen Wanderung aus, nachdem sie mit Sturm und stärkstem Wellengang sich ein Jahr lang vertraut gemacht hatten. Sie folgten nur ihrer Karte, nur dem Wassergeäder, das immer weiter rann. Es waren nicht mehr die klaren Seen, es waren trügerische und aufreizende Gewässer, die das Segelboot trugen, es war fremdes Land, und der Gedanke, eine Nacht im Freien zu verbringen, erfüllte beide mit Keckheit und Erregung zugleich. Sie wurden immer mutiger, je öfter sich ein leises Bedenken regte. Diese Landzunge grenzte eine Bucht ab. Dort schien ein Platz zum Lagern zu sein. VorsichMärz Von verhaltnen Lebens Fülle schwer. Zeit lich, geheimnisvoll ist er. Die befreite Muttererde harrt Wie ein Weib, das neu gesegnet ward, Das ein Werdendes im Schoße hegt, Und dem Lichte still entgegen trägt. Anna Enders=Dix. tig brachten sie das Boot näher. Es wurde seicht. Sie mußten waten. In flacher Senke ging das Ufer hoch. „Wir werden im Boot schlasen,“ sagte Heinz, „der Boden ist doch feucht, trotz der Hitze.“ Er stürmte in den Wald hinein und brachte Reisig, bald krachte und flackerte es unter gläsernem Rauch, es brodelte im Topf, und Else rührte begeistert um. „Ich fühle mich wie eine Zigeunerin“, sagte sie.„Kannst Du nicht einen Igel fangen, Heinz, oder ein vaar Gänse stehlen?" 00er ein paar=Ganse stehlen! „Danke bestens,“ sagte er,„obgleich ich gegen einen Gänsebraten nichts einzuwenden hätte. Ich werde Dich Preziosa nennen. Höre, Preziosa, ob man hier baden kann? Das Wasser sieht nur so dunkel aus. Es ist klar und auch ohne Algen.“ „Natürlich!“ rief sie vergnügt.„Ich werde bald nachfolgen.“ Sie stöberte mit einem Ast in das Feuer hinein, daß die Funken knisterten tanzte in phantastischen Sprüngen herum und sang dazu. Heinz schwamm in das dunkelnde Wasser hinein, das in dem beginnenden Abend immer wärmer wurde. Genugtuung, Freude, Abenteuerlust schaukelten ihn hin und her, alles was an alter Indianerliebe, an Lederstrumpf, an Robinson Crusoe in ihm lebendig war, hatte seit dem Morgen um zwei Uhr in ihm rumort, als sie im frühen Grauen ihre Fahrt begonnen hatten. Köstlich dünkte ihn solches Leben. Ja, das waren Ferien! Man wurde neu und stark und stadtvergessen. Die Natur spürte man wie seine Heimat. Und immer auch ein Triumph über die eigene Kühnheit dabei und die Genugtuung, wie er seine Frau doch beeinflußt und zu sich hingezogen hatte, daß sie so völlig auf seine Pläne einging. Dald zeigte ihm ein leises Plätschern an, daß auch Else näher kam. Im nächsten Augenblick war er in die Tiefe gezogen. Ein lustiger Kampf, ein Ringen, ein Untertauchen, bis sie atemlos waren, bis Else jauchzend entrann und am lodernden Feuer wassertriefend ihren brodelnden Topf von neuem umrührte. Rasches Ankleiden, Essen, eine träge Rast, die Sonne war ganz fort. „Wir wollen unser Lager machen“, sagte Else Sie zogen das Segel ein und machten Kissen und Decken zurecht. Dann lagerten sie sich. „Wo ist der Browning, Else? Ich lege ihn neben mich. Ob wir das Feuer brennen las„Um Tiger abzuhalten?“ lachte sie. Die Buchen rauschten schwer, wie Regen, das Schilf kicherte scharf und spitz im Windwehen, das Wasser hob und senkte das Boot. Das Quarren eines Frosches erschreckte, daß das Blut siedend zu Kopf rann. Endlich kam doch der Schlaf.... Patsch!— Else erwachte und saß sofort aufrecht mit schreckensweiten Wugen." Ee ger 8 Patsch!— Das waren Tritte, Tritte, die ins Wasser gingen. Es kamen andere noch, schleichend immer näher.... Sie tastete zu ihkem Manne hin.„Heinz!“ ihre Stimme klang jämmerlich. „Was gibt's?“ fragte er erschrocken. „Still, wir werden überfallen. Hast Du den Browning?“ Heinz setzte sich auf. Kein Zweifel! Schritte im Wasser, patsch, patsch, die sich mit Vorsicht näherten. Zigeuner— Räuber— Strolche— wer konnte es wissen? „Eine Waffe," flüsterte Else erstickt,„gib auch mir eine Waffe. Nur nicht wehrlos sterben!" „Das Messer“, raunte er. Schon hatte sie das starke Bootsmesser zum Tauekappen in der Hand. Beider Atem ging schwer. Sie krampsten die Hände ineinander. Sie sahen ihre Augen im Dunkeln phosphoreszieren und zitterten. „Was auch kommen mag, sei stark, Else! Soll ich rufen oder gleich seuern? Oder wollen wir sie heranlassen?" „Richt herankassen,“ sagte sie ängstlich,„es sind viele, wenn sie erst beim Boot sind.... vielleicht können wir aufs Wasser entkommen.“ Patsch! Patsch! Mit jähem Schauer dachte Else, wie sich heute das Grün des Wassers hinter ihnen geschlossen hatte... sie würden keine Spur hinterlassen, niemand würde sie hier suchen, niemand sie finden. Ein Glück, daß sie noch keine Kinder hatten. Ein Stoß ließ die Bootswand zittern— ein unerklärlich kratzendes Geräusch— Da riß Heinz das Persenning hoch, mit aufgerissenen Augen, den Browning in der Hand, in die Nacht zielend, mit zitternder Stimme rufend:„Wer da?“ Else schwang die Bootslaterne hoch. Ein Prasseln, ein Rasseln, wütender Galopp — die wildesten Grunztöne—— und ein Rudel Wildschweine, das zur Tränke gekommen war, jagte in den Wald zurück. Die beiden Menschen atmeten auf... —2.— B Rättleae 1S Verierbild. Maris! Wo steckst Du? Kreuzworträtsel: 33 528 8 55 a Buchstabenehtfei: Are Auflösungen aus voriger Nummer: Vexierbild: Wo ist der Förster?— Rechts oben in den Zweigen Verantwortlich: H. Semmelmann. Altena. Druck und Verlag: P. A. Santz. Altena. OSER S aro KrchoPr Sma Nr. 11 Der Notbehelfer Von Paul Bliß. Doktor Bach war schlecht gelaunt. Verdrossen lief er in seinem Zimmer hin und her und überlegte alles Erdenkliche, wie er seine satale Lage künftig besser zu gestalten vermöchte; aber so viel er auch nachsann, er fand keinen Ausweg aus seinen quälenden Sorgen. Ingrimmig sagte er sich: Eigentlich geschieht mir's recht, weshalb mußte ich mich als Anfänger in diesem elenden Nest niederlassen! Klug war es allerdings nicht gewesen, hier als Arzt zu beginnen, denn der alte Sanitätsrat besaß nun einmal das Vertrauen der Kranken. Der junge Doktor hatte gehofft, wenigstens einen Teil der großen Praxis des alten Herrn für sich zu gewinnen, aber es war anders gekommen. Drei Monate lebte er nun hier, und in der langen Zeit waren nur drei Patienten zu ihm gekommen. In seinen Sprechstunden unterhielt er sich mit sich selber. Bald war die Miete fällig, und andere Rechnungen sollten beglichen werden. Seine Ersparnisse waren aufgebraucht, Zuschüsse von daheim erhielt er nicht, sein Kredit war nicht der Rede wert. Es war zum Verzweifeln. So weit war der junge Doktor wieder einmal gekommen, da ging die Klingel. Erwartungsvoll harrte er, wen die Aufwärterin melden würde. Die Freude war wieder einmal umsonst. Der Postbote brachte einen dicken Brief. Sein Freund Bert schrieb ihm. Vier Jahre hatte er sich in der Welt umhergetrieben, sein Erbteil war verbraucht, er wollte jetzt in die Hauptstadt ziehen, von schriftstellerischen Arbeiten leben und eine reiche Frau suchen. Das alles schrieb er seinem Jugendfreund Bach. Als der verzagte Doktor die vielen Seiten gelesen hatte, regte sich so etwas von dem alten tollen Jugendübermut in seinem Wesen. Hoffnungen regten sich, daß der Freund ihm irgendwie helsen könne. Er schrieb ihm daher einen langen Brief, schilderte seine hoffnungslose Lage und bat den Erfahrenen um Rat und Beistand. Bald kam Antwort. Der Freund schrieb in ulkiger Weise, daß er kein Geld schicken könne, weil er selber auf Pump lebe, doch versprach er, ihn mit einem Schlage aus seiner elenden Lage retten zu wollen. Wie? Das werde er bald erieben. Loktor Bach fand aber keinen rechten Mut, an eine baldige Aenderung seines miserablen Daseins zu glauben.— Vierzehn Tage waren vergangen. Da kam ein vornehmer Herr, begleitet von einem feierlich und unnahbar aussehenden Diener, im Städtchen an und mietete vier Zimmer im ersten Hotel. Der Wirt bemühte sich, den seltenen Gast so gut wie möglich zu versorgen, und rechnete im Stillen mit ergiebigen Wochen. Enttäuscht hörte er zu, als der Fremde erklärte: „Bitte, machen Sie keine Umstände! Daß ich hier bin, ist Zufall. Ich wollte ins Ausland reisen, da befiel mich unterwegs mein altes Uebel. Deshalb mußte ich hier Halt machen. Ich könnte meinen Leibarzt telegraphisch herrufen, aber leider ist er krank. Lassen Sie sofort den bester Arzt rufen, den Sie hier haben!" Selbstverständlich schickte der Wirt zum Sanitätsrat. Inzwischen war die Neuigkeit im ganzen Städtchen verbreitet, daß ein Fürst oder Prinz hier abgestiegen sei. Genaueres wisse niemand, er reise unter dem offenbar angenommenen Namen„Hermann von der Marr“. Sogar Wappen und Initialen auf den Koffern seien verklebt, damit niemand sie erkenne. Nach einer halben Stunde kam der alte Sanitätsrat. Er untersuchte den Patienten, der ihm seine Krankheitserscheinungen genau beschrieb verordnete ein langes Rezept und kündigte seinen zweiten Besuch für den nächsten Morgen an. Samstag, 19. März Betrachtung Alles meint ihr, zwingt des Menschen Geist: Unser Blick reicht bis in Himmelsfernen! ruft ihr aus; doch bei den ersten Sternen euer Können schon ins Nichts entgleist. Nicht in euer Weltensandkorn Erde drangt ihr mehr als tausend Klafter ein: der Erfindung letztbegrenztes Werde bannte hier der Hitze Feuerschein. Selbst der Meeresgründe dunkle Tiesen sich beharrlich eurem Griff entziehn; Schätze, goldne, die euch irdisch riesen, ruchend eurer tollen Gier entfliehn.— Nimmer werdet ihr mit eurem Geist euren kühnen Aberwitz vollenden; unbezwingbar kiegt in Gottes Händen all und jedes, das im Weltall kreist! Reinhold Pagenstecher. Als am anderen Tag der Wirt sich nach dem Befinden des vornehmen Gastes erkundigte, erklärte der Diener mit wenigen Worten, sein Herr habe eine äußerst schlechte Nacht gehabt, u. die Medizin hätte ihm noch keine Linderung verschafft. Der Sanitätsrat wurde etwas ungnädig empfangen. Das Leiden hatte sich nur noch verschlimmert, lautete der kurze Bescheid. Der alte Herr wollte sich keine Blöße geben, aber er wußte nicht, was er von den Angaben des Patienten halten sollte. Er schrieb ein neues Rezept und empfahl Ruhe und Schonung. De. Erfolg blieb aus. Am Abend des gleichen Tages erklärte der Fremde dem Wirt energisch:„Schaffen Sie mir einen anderen Arzt! Sonst reise ich trotz meines bedenklichen Zustandes sofort ab.“ Nun ließ der Wirt den jungen Doktor Bach holen. Erfolg erwartete er zwar in diesem Fall noch weniger, aber es gab ja sonst keinen Arzt im Städtchen. Als der Bote zu Doktor Bach kam, war der so verblüfft, daß er sich kaum fassen konnte. Aber denn dachte er sofort:„Wenn die Kur gelingt, kann mein Glück gemacht sein.“ Im Hotel führte man den jungen Arzt in das Kranken zimmer. Leise ging er an das Bett. Auf einmal stand er still, als sähe er einen Geist. Der Kranke richtete sich auf, gab ihm die Hand und sagte:„Lieber Bach, ich bin's! Halt“ Maul! Mach' keine Dummheiten und spiele deine Rolle gut, denn ich bin gekommen, dir zu heisen!“ Der Doktor hatte zwar den Jugendfreund gleich erkannt, aber seine Worte begriff er nicht sofort Der Freund sprach weiter:„Du behandelst mich jetzt. Den Sanitätsrat empfange ich nicht mehr. Du machst mich gesund, und dann wirst du erleben, was das in der Stadt für Aufsehen erregt. „Was fehlt dir denn?“ fragte Bach. „Nichts! Verschreibe mir, was du willst! Deine Zaubertränke werde ich zum Fenster hinausgießen, und in vier bis fünf Tagen bin ich von meinem schweren Leiden durch deine Hilfe geheilt. Verstanden?“ Doktor Bach mußte sich fügen. Es blieb ihm keine andere Wahl. Ging er nicht darauf ein, diese Komödie zu spielen, dann war es ganz aus mir ihm, Nach sechs Tagen war der plötzlich so schwer erkrankte fremde Herr gesund und wohlauf. 1927 Die Neuigkeit sand rosche Verbreitung im städtchen. Wie mit Wunderkraft gehoben, stand Doktor Bach als der Held des Tages da. Ueberall sprach man von dem tüchtigen jungen Arzt. Ale am siebenten Tog der fremde Herr im offenen Wagen mit dem jungen Doktor spazieren fuhr, galt es im Städtchen als sicher, daß der neue Arzt eine Kapazität sein müsse. Am achten Tage reiste der Fremde wieder ab... In den Sprechstunden des jungen Arztes drängten sich von nun an die Patienten. —.2— Petrucha Awdjejewv Skizze von Albert Liebold=Leipzig. Den armen, unbedeutenden Petrucha Awdjejew, der in einer wenig belebten Straße zu Tifiis eine finstere, feuchte Kellerwohnung inne hette, werde ich nie vergessen. Er hatte bessere Toge in seinen jungen Jahren gesehen. Aber sein Freiheitsdrang, sein Haß gegen die zaristischen Wüstlinge und Blutsauger waren ihm zum Verhängnis geworden. Gefangen und zu strengster Kerkerarbeit verurteilt, verlor er unter den Martern der Zuchthausjahre sein Augenlicht, und als sie ihn in die ewige Nacht entließen, war sein Besitz dahin sein Weid tot, sein Sohn verschleppt und seine Tochter im Dienst bei fremden Leuten. Freunde von einst waren wenige geblieben, und auch diese standen achselzubhend, wenn er sie um Rat und Hitfe anging. Um wenige Rubel mieteten sie ihr dunkles Kellerverließ. Maria gab den Dienst auf, wusch und nähte für andere Leute, die Mitleid mit dem Schicksale des blinden Greises hatten. Ich habe lange Zeit nichts Näheres über das traurige, sonnenlose Dasein der beiden Menschen gewußt. Es war nicht viel mit der scheuen, auffallend schönen Tochter zu reden, wenn sie kam, um die Wäsche zu holen, oder wenn sie die fertige Arbeit zurückbrachte und mit kurzem Dankesworte den Lohn entgegennahm. Ihr Kommen und Gehen wurde bald zu einer automatisch abrollenden Selbstverständlichkeit meines ereignisreichen Lebens in Tiflis. Aber wie man unter dem Eindruck von etwas Ungewöhnlichem aufhorcht, wenn eine Uhr plötzlich zum Stehen kommt, die regelmäßig der Stunden rinnenden Lauf in unsere Arbeit, unser Sinnen, unsere Muße tickte, so war mir eines Tages das unerwartete Ausbleiben des Märchens seltsam und erfüllte mich mit einer geroissen Unruhe, so töricht es mir selbst vorkam. Ich wartete eine Woche, zwei Wochen über den festgesetzten Termin hinaus— vergeblich An eine Unehrlichkeit Marias konnte lich nicht glauben. So ging ich denn, mehr aus Neugier, als aus Verlangen, meine Wäsche wiederzubekommen, eines Tages um die Dämmerung in ihre Wohnung. Ich schaute ins Elend. Moria lag auf einer Pritsche, in bunte, verschossene Decken gehüllt, und schien zu schlasen. Ihr Gesicht war bleich, eingefallen. Wie künstlich geschwärzt, stachen Wimpern und Augenbrauen von dieser Totenblässe ab. In einem verblichenen, abgesessenen Lehnstuhl am Kopfende ihres Lagers saß gebückt der Alte und murmelte ein Gebet vor sich hin. Mein Gruß hatte ihn erschreckt. Er wischte sich über die Augen und fragte:„Wer ist da?“— Sein Gesicht mit den toten Augen starrte reglos wie eine Maske in den schwach erhellten Raum. Ich nannte meinen Namen und den Grund meines Kommens. Da schlug Maria die Augen jauf und antwortete leise an ihres Vaters Stelle: „O Herr, Sie dürfen nicht böse sein. Ich zonnte nicht! Vielleicht in einer Woche schon bringe ich Ihre Sachen, wenn Sie nur Geduld haben wollen.“ Ich beruhigte sie:„Es eilt nicht. Maria. Ich wollte nur um Ihrr 5 # S S FESSE S S 5 K 15•9 E BoEELE SFSESUTSSSGS S 8 3 8 S * 8 * 2 85 * BuE a6 16. S"* ESgrößra E m S SESSEEE SupaEs„Ens S 58 9— E S Dröge FSSE BSaE 9 9 77 S SSW• S9 SSSHSESZTESS =bEüLEHOASAEA SESTEOHETTUSEG SNGgN 9 HSHESLoG„TESLMSST BOESTETSSEGoTZoTOGSSAS T- E B B„TOEESS S EESTEG 9-— Iu 6-Bn 6.—2 S S S 8 E S E"E 85s S S SSgES 95 SES EnSuA ####sus - SFELEES - B H S L E S S 98S S#h#s K 8...— * F•5• 02 05R — Vielleicht war es das übergroße Weh, dassihm Hermann Thiede seither in stets gleichblei— nich so vortraut zu ihr sprechen tieß. Aber ichtbender Dankbarkeit und umgab insgeheim den ##, we es ihr wohltat. skühlen, einsamen Chef mit seiner Lieblein, so sehr er sich auch in seinem wiedergefun. den denen Abteil umschaute, weder die schöne, zärtP. S Iurtite ensugten#### in semel rieve undliche Dame noch seine zurückgelassene gelbliche „Ich habe von Tag zu Tag gehofft“, sprach Verehrung. Sein Ehrgeiz gipfelte denn auch Ledertasche ließen sich erspähen.——— sie,„aber es sitzt so tief da drinnen.“ sin dem heißen Wunsch, eines Tages von dem Gezen zwölf Uhr mittags am folgenden Tage Sie legte die Hand auf die Brust und hustete auffallend mißtrauischen Chef mit warmen, aus stand die schöne, junge Dame vor Bankier Grostiefem Herzen kommenden Gefühlen behandeltssing „Was sagt der Doktor?“ fragte ich.[zu werden.„Nun“, forschte der, und seine sonst herrisch Ein leichtes Kopfschütteln antwortete mir, und Das Schicksal hatte Grossing scheinbar übelskühle Stimme zitterte leicht,„welche Meldung der alte Vater seufzte schwer. Da wußte ich, mitgespielt. Nach kaum zweijähriger Ehe liefshaben Sie mir zu machen, Fräulein Döring?“ daß noch kein Arzt über die Schwelle gekom=lihm sein junges Weib mit dem einzigen Freunde„Tiese", antwortete sie und überreichte ihm men war. davon. In Wahrheit hatte Grossing selbst durchseine geibe, verschlossene Ledertasche. Darauf ##sam suchte ich Worte des Trostes und sein immer waches Mißtrauen die unschuldigserstattete sie ihm, knapp und klar, wie es sich bat, ihr und ihrem Vater helfen zu dürfen. Gequälte dem andern in die Arme getrieben.ffür einen gewiegten weiblichen Detektiv geDerm ging ich.......[Jetzt trug er sich ernsthaft mit dem Gedanken(ziemt, ihren Bericht. Ohne sie zu unterbrechen, Andern Tages kam ich mit einem Arzte wie=Hermann Thiede als Teilhaber in seine Bank mit beängstigend steinernem Gesicht, ließ der der. den ich später beiseite nahm und um die aufzunehmen. Das erschien ungewöhnlich. In Bankier sie zu Ende sprechen. Dann erst öffWahrheit fragte.[Wirklichkeit wäre es jedoch eine seiner größten nete er mit dem zweiten, in seinem Gewahrsam „Es wir dein Auslöschen. Ich gebe ihr nicht kaufmännischen Taten geworden. Nur bohrtelbefindlichen Schlüssel die Ledertasche. länger mehr als eine Woche.“:(noch eine Frage quälend dagegen... Ob Her=] Sie birgt nichts als ein Unterhaltungsbuch „Der arme, hilflose Alte!“ entfuhr es mir. mann Thiede in der Tat gegen jede Versuchung von ungefährem Umfang und ähnlicher Schwere Ich fühlte ein Brennen im Halse.(gewappnet bleiben werde? Die unwiderlegbare wie der entnommene kostbare Inhalt! Der Doktor nickte und ging hinaus in den Antwort mußte so schnell wie möglich erbracht! Die schöne, junge Dame erblaßt merklich, tropisch heißen Mittag. Drinnen im feuchten werden.[Nicht nur weil sie sich von ihrem„Opfer" durchGemach der beiden aber wuchs neue Lebenshoff= An einem der nächsten Tage hörte Hermannsschaut und überlistet sieht, sondern auch, weil nung auf, der ich nicht widersprechen konnte. Thiede seinem Chef und Wohltäter mit gespann=der Reisegefährte ein tieferes Gefühl in ihr „Nun wird alles gut, Herr!“ sprach Maria,ster Aufmerksamkeit zu. sentzündet hatte. und Fieberröte färbte ihre Wangen.„Wie soll]„Also,“ wiederholte der Bankier,„Sie haben]„Sehr geschickt“, lobt Grossing mit höhnenich Ihnen danken!" diesen Scheck über 200 Mille, sowie dies— bittesder Anerkennung. Der blinde Vater preßte meine beiden Hände, ssick, zu überzeugen— mit unbeschädigten Bank=]„Er muß diese... Auswechselung während und ich fühlte seine Tränen. ssiegein versehene Paket, das einen Schmuck der Zeit seiner ersten Entfernung aus dem AbAbend für Abend saß ich von nun an bei ih= im Werte von einer Million enthält, an meinensteil vorgenommen haben“, stammelte sie fasnen. Rührend, wie in Maria die Hoffnungsältesten Geschäftsfreund, Generalkonsul Mögen= sungslos. wuchs, wie sorglich sie die bittere Medizinstal in Hamburg, personlich zu übergeben. Mö=]„Die einzig logische Erklärung“, spöttelte schluckte und sich ans Leben klammerte. Ichsgental ist unterrichtet. Er erwartet Sie eine Grossing weiter und fügte hinzu,„übrigens— wußte, ohne daß sie es aussprach: Um des hilf= Stunde nach Ankunft des abendlichen Schnell=in Erwägung, daß mein... bisheriger Kassielosen, blinden Vaters willen!(zuge:. Angenehme Reise, lieber Thiede." frer der Versuchung nicht widerstehen werde und Der Arzt hatte unrecht. Es vergingen Wo= Hermann Thiede hatte ein Gefühl prickelnden Ihre Geschicklichkeit, mein Fräulein, versagen chen, der Herbst schickte seine Vorboten, aber Wohlbehagens, als er— vorläufig allein— inskönne, habe ich zuvor den Empfänger in Hamdas Lämpchen Marias flackerte noch immer. Ichsdem Abteil zweiter Klasse Platz genommensburg davon unterrichtet und für alle Fälle ein wußte alles aus dem Leben Petrucha Awdje=shatte. Auf seinen Knien, von der Staubdecke nur mit Kieseln angefülltes versiegeltes Päckjews. In den Abendstunden, die ich bei ihm verhüllt, lag die kleine, gelbe Ledertasche mitschen, sowie einen Scheck übergeben, dessen Unsatz, erzählte er mir mit der Breite und Aus=sihrem kostbaren Inhalt. Die Gewißheit, daßs einlösbarkeit selbst dem geübten Auge meiner führlichkeit des Alters. Es war die Tragödielder Chef ihm, mit Uebergehung der älteren gewesenen Kassierers entging.“ der Unterdrückung eines mutigen, aufrechten Kollegen, diesen Auftrag erteilte, erfüllte ihn] In diesem Augenblick klopfte es.— Ohne Menschen.—„Das Letzte kann mir Gott nicht mit Stolz. Ja, ließ ihn hoffen, daß er Grossinseine sichtbare Spur von Erregung stand Hernehmen, Herr! Wie sollte man sonst noch glau=bald mehr bedeuten dürfe, als die stets gleich mann Thiede vor seinem Chef. Auch er erstatden können!" mäßig laufende Arbeitsmaschine. stete durchaus sachlich, seine Meldung. Als im Muschtaid die Herbststürme in den Plötzlich legte er die Rechte fest auf die„Im Abort steckte ich den kostbaren Inhalt Bäumen rissen und das gelbe Laub die still ge=Schutzdecke. Eine überraschend schöne, jungelder Tasche zu mir und tat die Reiselektüre hinwordenen Promenaden deckte, schlief Maria Dame betrat nämlich sein Abteil.. sein. Ich hielt nämlich diese„Dame“— und er Awdjejew ruhig ein, wie eine Kerze verlöscht.]„Verzeihen Sie“, entschuldigte sie sich mit al=zeigte mit dem Ausdruck der Verachtung zu der die abgebrannt ist. slerliebster Schelmerei,„aber in den anderen Detektivin hin,—„sehr bald für eine HochIch saß bei ihnen, und Petrucha erzählte aus Wagen ist entweder ein Kindergarten oder einesstaplerin. Zwar mit Ueberwindung, aber aus vergangenen Tagen. Er kam darüber so in Rauchhabine aufgetan.“— Ansangs zwinkerten Klugheit, ertrug ich vorher ihre aufdringlichen Eifer, daß wir vergaßen, nach der Kranken zu Hermann Thiedes kurzsichtige Augen sie miß=Zärtlichkeiten. In etwas habe ich mich wohl sehen, die zu schlafen schien. Als ich um die billigend an. Als ihn aber eine Wolke feinensgeirrt. Sie ist in Wahrheit eine von Ihnen, Mitternachtsstunde mich erhob und davon ge=Veilchendustes überhauchte, nickte er ihr gön=Herr Bankier Grossing, gemietete Detektivin, hen wollte, griff ich nach Marias Hand, um der nerhafte Erlaubnis zu. Bislang hatte er fürsum mich zur Strecke zu bringen. Gleichviel! Schlasenden Lebewohl zu sagen. Sie war kalt. das Weib keine Zeit und Neigung gefunden. An Jedenfalls hatte ich den lebhaften Wunsch, mich Ich fühlte den Griff des Todes bis ins Herz.]Velegenheiten, es kennen zu lernen, fehlte eslmöglichst schnell von dieser Person zu befreien. Der Augenblick war der grausamste meines Le=sihm nicht; aus ihnen hatte der sonst auf dem Das noch nicht Berührte ist Ihnen natürlich aus deno. Ich wußte nicht, sollte ich schweigen und Gebiete der Liebe noch Unerfahrene die Fähig=sdem anderen Bericht bekannt. Bis auf.... davon gehen, ohne dem Alten die Wahrheit zul keit geschöpft, selbst unter der lockendsten Mas= eine Kleinigkeit.“ sagen und seine Verzweiflung sehen zu müssen?sne die Echtheit oder Falschheit der Frauenseele„Sie müssen mich verstehen, Thiede“, sagte Allein mein Schweigen wäre Feigheit vor mirsherauszuspüren... Im Verlauf der nächsten Grossing, wie abbittend. selbst gewesen, es konnte die Schwere nicht auf= Stunde kam ihm der Veilchenduft äußerst nahe.]„Vollkommen“, bestätigte Hermann Thiede beben oder sie auch nur mildern. Ich leate Vor seinen Augen schimmerte eine Wolke köst= kalt,„wollen Sie sich nur beim Generalkonsul meine Hand in die des Greises und sprach: slichen Haares. Und.. Hermann Thiede fühlte, erkundigen. Sosort, als ich ihm den— Mil„Petrucha, nun hat sie doch ein besseres Los daß er ein Mann war! slionenwert aushändigte, sagte ich ihm, daß— gewählt und ist von uns gegangen.“] Als nach einer Weile ein dicker, alter Herr, weil ich die Wertlosigkeit Ihres Schecks bei Der Blinde saß wie gelähmt. Lange nachher der bislang in den Gängen herumgestanden, nochmaliger Durchsicht, kurz vor Hamburg, enthat sein Schmerzensschrei noch in meinen Träu=lbei ihnen Platz nahm, empfand Hermannsdeckte— das Päckchen gleichfalls wertlosen men nachgeklungen. Die ganze Nacht lag erThiede das dringende Bedürfnis nach frischer Tand enthalten müsse. Ich hatte Recht!“ wimmernd aus den Knien vor dem Sterbelager Luft. Er ging aus dem Abteil, nicht ohne!„Bestimmen Sie die Höhe des EntschädiDaar'co. Ich blieb bei ihm und wachte. seine kleine gelbe Tasche mit sich zu nehmen. Am Morgen ging ich davon, um die nötigen]— Auf der nächsten Haltestelle verließ der dicke Wege zu besorgen und so der Toten den letztensalte Herr den Zug. Aber schon nach wenigen Diens: zu erweisen. Ich schloß die Tür hinter Minuten verlangsamte sich abermals das Tempo mir ab. Gegen Mittag erst kehrte ich zurück. der gahrt. Thiede nahm seinen Platz wieder Auf der Schwelle stockte mein Fuß. Petruchasein. Die schöne, zärtliche Dame stand indessen Amd-eicm mmam eo(p“ g. J.###4 21— ihm den Rücken zuwendend— vor dem herAwdiejew war seinem Kinde nachgefolgt, da auf Erden nichts mehr für ihn übrig blieb. Vor ihrer Ruhstatt lag er, die Pulsader geöffnet, und rührte sich nicht mehr. Die Tragödie eines Lebens war ausgespielt. —12— Mißtrauen Stizze von Käte Lubowski. Bankier Grossing, sonst ein wortkarger Mann, hätte sich über eine bestimmte Angelegenheit gar zu gern mit semand, der sein Vertrauen verdiente, ausgesprochen. Einen solchen glaubte er zwar in seinem Kassierer Hermann Thiede zu besitzen,— doch da es den Genannten selbst anging, konnte er unmöglich mit ihm Rücksprache nehmen. Grossing hatte vor zwanzig Jahren den elternlosen Thiede als Lehrling angenommen und sich bald von dessen kaufmännischer Begabung überzeugt. Er stellte dem Lernbegierigen die für seine Ausbildung ersorderlichen Mittel zur Verfügung. Dafür diente abgelassenen Fenster und spielte lässig mit ihrer silbernen Handtasche. Hermann Thiede überlegte gerade, wie er sich ihr gegenüber zu verhalten habe, als von ihren Lippen ein Schrei ertönte. Blitzschnell fuhr ihr Köpfchen zu ihm herum. „Wie herrlich, daß du wieder da bist. Ach. der Zug steht einen Augenblick... Bitte, hole mir mein Silbertäschchen wieder. Es ist mir eben entglitten. Ich selbst käme gewiß zu spät. Mein unlängst verknaxter Fuß gestattet mir noch keine Hast.“... Und sie schob ihn sanft hinaus, nachdem sie mit triumphierendem Blick festgestellt hatte, daß der verliebte Reisegefährte seine bisher angstvoll behütete gelbe Ledertasche nunmehr auf dm Sitz liegen ließ. Als Hermann Thiede das Silbertäschchen draußen aufgehoben hatte, lief er noch eine Weile hin und her, um beim Schaffner die Ursache dieses nicht vorgesehenen Aufenthaltes als eine völlig harmlose Störung zu erkunden. Der Zug jetzte sich bereits wieder in Bewegung, als ler endlich auf das Trittbrett sprang... Algungsanspruches an mich, Hermann“, bat der Bankier.„Außerdem werden Sie demnächst mein Kompagnon.“ „Ergebensten Dank für Buße und Ehre, Herr Grossing. Ich erbitte lediglich meine sofortige Entlassung aus Ihren Diensten. Unser Konto ist hierdurch wohl ausgeglichen, nicht wahr? Vin morgen ab stehe ich in Herrn Generolkonsu! Mögentals Diensten.“— Dies war die erste Niederlage der schönen, jungen Dame sowohl als Weib wie auch als Detektivin und der erste vom Bankier Grossing ausgestellte Wechsel, der nicht in Ordnung ging. #—•— In jener Welt Skizze von Elin Pelin. (Autor. Uebersetzung aus dem Bulgarischen von Th. Blank=Sofia.) Als die Kunde durchs Dorf ging, der alte Matthäus sei gestorben, wollte es keiner glauben. Der Alte hatte immer gern gescherzt, und so etwas war bis jetzt noch nicht mit ihm geschehen. Aber als Mutter Jova von seiner Sterbestunde erzählte, überzeugten sie sich alle von der Wahrheit. Der Alte war aus dem Holz gekommen, hatte das Eselchen abgeladen, es langebunden ihm Heu vorgeworfen, und als er in die Stube trat, sich am Feuer niederhockte, um seine Pfeise anzuzünden, biß es ihn zusammen, er legte sich nieder, stöhnte... Die Nachbarn liefen herbei, auch Mutter Jova kam. War doch der Arme allein mit seiner sanften Eselin. Mutter Jova kam— aber kann man die Seele halten, wenn sie entfliehen will? „Ich rufe ihm zu“, erzählte Mutter Jova,„sich zu bekreuzigen, und er, müht sich ab, aber kann sich nicht rühren. Man brachte ihm ein Fläschchen Schnaps. Er nahm es, lachte, seine Augen glänzten und— dann war’s aus mit ihm.“ Lächelnd starb er. Ob er sich freute, weil seine Seele gerade ins Paradies trat, oder weil er den Schnaps sah, konnte niemand sagen.— Wie nun der arme Matthäus so in die andere Welt reiste, blieb er zuerst an einem Kreuzwege stehen, wo er viele Wanderer traf. „Grüß Euch Gott!“ sprach er sie an und frogte ohne langes Besinnen:„He, Gevatter, geht's hier zur Hölle?" Alle sahen ihn erstaunt an. „Zur Hölle! Welcher Weg führt zur Hölle?“ wiederholte Matthäus laut. Sie zeigten ihm den Weg, und er zog schnurgerabe auf ihm davon. „wich werden sie sicher dorthin tun“, dachte er.„Da will ich mir wenigstens Zeit lassen. Ich armer Schlucker bin nichts für das Paradies. In diesen Lumpen und mit diesen aufgerissenen Händen— wer wird mich so ins Paradies lassen? Achtzig Jahre habe ich gelitten, wie ein Hund, und jetzt sollt' ich meinen Frieden haben? Ich habe wohl nach Gottes Willen gelebt, aber wer fragt danach. Uns haben sie in des Teufels Buch geschrieben, schon als wir geboren wurden... Und wenn ich auch gut gewesen bin, ich habe doch im Trinken gesündigt. Und wie ich trank! Ich trank zwar aus Kummer und Not, aber— ich trank! Es hat schon so keine Aussicht mehr für dich, dachte ich mir, also— trink! Trink. was für ein Ende es auch nehmen mag... Wenn der Mensch ertrinkt, soll er wenigstens im Trinken ertrinken.“ Ein gutes Stück Weges war der alte Matthäus so in seinen Gedanken versunken gegangen, da zupfte ihn unversehens ein Engelchen von hinten am Pelze.„Halt, wohin gehst du?“ „Zur Hölle geh' ich“, erwiderte der Alte. „Zur Hölle? Du bist auf dem verkehrten Wege, Alter!“ „Nein, ich bin nicht auf dem verkehrten Wege, ich bit auf dem richtigen... Ich weiß, wohin es geht. Schau mich nur nicht für einen Tölpel an!“ „Aber du bist fürs Paradies eingeschrieben..“ „Höre, Bürschchen, mach daß du weiter kommst und halte nicht alte Leute so zum besten, daß es eine Schande ist...“ Als der Engel sah, daß in Güte nichts zu erreichen war, packte er den Alten und flog hoch in die hellen Himmelsräume hinauf, wo es nach wu dersamem Weihrauch duftete und lichte Englein in Scharen vorüberflogen, die Palmenzweiglein in den Händen trugen und gar lieblich sangen. „Wo bringst du mich denn hin, Bürschchen? Die Herren dort werden dich schelten. Merkst du denn nicht, daß ich nach Schnaps rieche?“ rief der alte Matthäus und suchte zappelnd zu entwischen, aber der Engel flog immer schneller und trug ihn in noch hellere Weiten bis vor das Tor des Paradieses. Das war aus Gold und Edelstein und leuchtete hell wie die Sonne. Davor wartete Sankt Peter mit einem silbernen Schlüssel in den Händen und einem großen Buche unterm Arm. „Aus welchem Dorse kommst du?“ wandte er sich zum alten Matthäus und begann in dem Buche zu lesen. Für Matthäus gab es keinen Ausweg mehr. Er mußte sprechen und tat den Mund auf. „Aus Poduene bin ich.. „Aus Po...!“ „Aus Po—du—e—ne!“ schrie Matthäus, weil er dachte, Sankt Peter höre nicht gut. „Po... Po. Po...“ Sankt Peter blauterte in dem Buche.„Poduene... Gut — du bist unter den Gerechten.“ „Das kann nicht sein!... Es ist ein Irrtum, Sankt Peter!“ „Ein Irrtum?... Nein, hier steht's. Im numerierten, gebundenen, vom Herrgott eigenhändig gesiegelten Buch“, schalt ihn Sankt Peter. „Gut, aber daß es euch später nicht veut!“ gao der alte Matthäus zurück. „Warum?" „Ach, weißt du, ich habe arg getrunken und gl. ube nicht, daß ich ein Gerechter bin.“ „Du hast arg getrunken, aber auch arg gelitten, also ist dir verziehen“, entgegnete Sankt e. Peter und öffnete ihm die Tür zum Paravies. „Ach, Sankt Peier, häkte ich doch meine Eseim miicebracht!...“ begann Matthaus von neuem, aber der Engel schob ihn ins Paradies. Als Patthäus dort eintrat, mußte er an seine Alte denken, die lange Zeit vor ihm die fündige Erde verlassen hatte. „Wenn sie mich hier herein lassen, mich, der ich trank, müssen sie sie ja in die Mitte von allen getan haben. Sie war sanfter als ein Lämmchen und verzieh alles... Ach, was wäre nicht alles aus mir geworden ohne sie.“ und er wandte sich zu einem kleinen Engel: „He. du Schwärmerchen! Ist meine Alte hier — Trena mit Namen?“ „Aus welchem Dorse?“ fragte das Engelchen. „Aus Poduene.“ „Ja, ja“, sagte das Engelchen und führte den Alten durchs Paradies. „Oh, welche Schönheit!“ staunte Matthäus.— Pötzlich hatte er einen guten Einfall und meinte:„Führ' mich jetzt in ein Wirtshaus, daß lich ein Gläschen Schnaps trinke, denn meine Kehle drennt wie glühende Kohle." „Aber... Alter, hier gibt's keine Wirtehäuser!“ sprach das Engelchen. „Ach, es gibt keine?“ „Nein, mein Wort darauf.“ „Na. so etwas! Diese Schönheiten hier und kein Wirtshaus? Wo kann man denn einkehren, um sich zu stärken?“ „Das geht nicht, Alter.“ „Ach!“ seufzte Matthäus.„Das ist ja das reinste Gefängnis!“ „Du gewöhnst dich schon davan, Alter“, tröstete das Engeichen. „Oooch, habe ich immer noch zu lernen?“ seufzte Matthäus wiederum. Dann hub er an, listig zu fragen: „Aber höre, es wäre schön, wenn ihr hier ein Wirtshaus aufmachtet. Wo soll denn sonst der Sterereinnehmer absteigen?“ „Hier gibts keinen Steuereinnehmer, Alter.“ „Was, es gibt keinen?“ „Nein!“ „Oh, lieber Himmel, dann wird hier wirklich ein Frieden sein!“ rief der alte Matthäus vor Freude und setzte, indem er sich bekreuzigte. hinzu:„Das gefällt mir bei euch am allermeister: Dann begann Matthäus seine Alte zu suchen. ins Der Pecher-Hias Eine Bayerische Wald=Geschichte von Heinz Dietrich. Die Nacht senkte sich hernieder. Ein verschwommenes Dunkel verwischte die Gegenstände in der Kammer. Vereinzelte Sterne olinkten durch das mit Eisblumen überzogene Fenster und trafen ein in der Ecke stehendes viereckiges Ungeheuer, das sich gegen die Decke in wulstigen Wolken aufzulösen schien. Ein strom von Tannenduft, Schmalzler und Bier vermischte sich mit einem eigenartigen, bald gurgelnden, tald stöhnenden Geräusch, das aus der Wolkenecke des Raumes kam. Mit einem lauten Knall flog die Tür der Kammer Schloß.„ „Grünspan muaß er'rein g'fressen ham, der Loder, der malefiziche“, hörte man noch die Stimme der Pecher=Zenz, dann überließ sie ihr Ehegespons seinem weiteren Schicksal, einem tiefen, gründlichen Schlaf in eben jenem Ungetüm. Dieser hatte einen schweren Tag hinter sich. Eigentlich war er noch ein stämmiger Kerl, fest und kernig, wie seine Opfer oder vielmehr seine Freunde die riesigen Fichten und Tannen des Bayerischen Waldes, mit denen er sich oft unterhielt, ehe er ihrem Leben den Garaus machte. Sogar den strengen harzigen Duft! hatte er von ihnen übernommen und nicht nur von außen, auch inwendig schien er ausgepicht, so daß es schon manchen Maßes bedurfte, um ein stämmiges Waldgewächs wie ihn ins Schwanken zu bringen. Heute war er nun nach Zwiesel zum Markt gegangen. Eigentlich wollte er nur dieses und jenes für den Hof einkaufen, was man im Winter über halt so braucht. Wer aber den Bayerischen Wald kennt, der weiß, daß die Entfernungen von einem Ort zum andern groß sind und der tiefe Schnee jedes auftauchende Wirtshaus willkommen erscheinen läßt. Außerdem wollte er seiner Zenzl heute etwas mitbringen, wovon er wußte, daß sie daran ihre heimliche Freude hatte. Die Zweige der Tannen funkelten und blitzten, mit hohen weißen Hauben bedeckt, der schnee knirschte unter den Schritten, und dichke Eiszapfen hingen im struppigen Schnurrbart! des Pecher=Hias. Noch einmal überschiug er in Gedanken den Inhalt seines Rucksaches, alles war beieinander, was er eingehandelt hatte. so konnte er sich noch ein Maß genehmigen. Es war merkwürdig mit dem Hias: Wenn er ein Quantum hinter sich hatte, kamen ihm manchmal Gedanken, als wenn er noch einmal zwanzig Jahre alt wäre und sein Zenzl mit einem sakrischen Jauchzer im Saal herumschwenkte. Wenn oben auf dem Podium die Musik spielte, die Klarinette schrie und dudelte, der große Baß brummte und das Tempo gab, und die Trompete einmal knatternde Töne hineinhieb und dann wieder mit der Klarinette Aiser und Triolen auf= und abperlte, daß einem das Blut auskochte, Höllsakra, wie wankelte da der ganze Tanzboden von den Tritten der Tänzer mit ihren Nagelschuhen, und wie flogen die Röcke der lachenden Dirndin. Ein weiterer Zug aus dem Maßkrug änderte freilich das Bild wieder etwas. Der früher so schöne Hals seiner Zenzl hatte als weitere Zier einen kleinen Kropfansatz bekommen, aber sonst war sie immer noch ein resolutes, resches Weibsbild. Hauptsächlich das erstere! Ein heimlicher Seufzer begleitete den nächsten Zug aus dem Maßkrug. Aber eins war bei ihr gleich geblieben: eine Vorliebe, so hier und da für ein Glas Enzian. Und deshalb hatte er ihr aus Zwiesel ein Fläschchen mitgebracht. Gut war es. Er hatte den Inhalt schon auf dem Heimwege ein paarmal proviert, schon der satrischen Kälten wegen. Es war nur merkwürdig, zuletzt hatte er ein Gefühl gehabt, als ob seine Zenzl um ihn gewesen wäre, dann sank er in etwas Weiches wie in ungeheure Mengen Brotteig, die immer auf= und niedersteigen. Es gab einen Knall, als ob eine Luftblase zerplatzte. Und dann begann es wieder: erst ein kurzer, klässender Laut, dann anhaltende langgezogene Töne. Unruhig wühlte sich die Nase immer tiefer in die Teigmassen, und das schnausende und gurgeinde Prusten unterbrach die Schrechenslaute der vierbeinigen Ungeheuer, die über die dicken Wolhenballen in der Kommerecke und über den Kopf des schnarchenden Hias dahinsegten. Da kamen sie schon wieder. Die Miswiecher! Aber jetzt wollte er doch—! Plötzlich saß er aufrecht im Bett, griff unter das Bett, da fuhr etwas schwarzes, Nöhrenartiges durch das blirrende Fenster. Von draußen kam noch ein kurzes Aufheulen, und schon umhüllte die Nacht mit ihrem Zaubermantel den ganzen Spuk. Kristallhell und strahlend lagen bi# und Wälder in der morgensonne. Durch das zerbrochene Kammersenster des Hias drang prickelnd die kalte Morgenluft. Dem Hias selbst umspielte sie erst nechend die große Zehe, kroch dann heimtückisch den Rücken entlang und wehte ihm endlich ganz kräftig um den Kopf. Erst langsam, dann lebhaster bewegten sich die jetzt in riesige Ober= und Unterbetten verwandelten Teigmassen. Von der Frauenau hörte man schon das erste 3'sammenläuten, und im Hof ließ sich die energische Stimme der Zenzl vernehmen. Mit einem Ruck fuhr der Hias in die Hosen und auch schon in den einen Stiefel. Jetzt schnell in den anderen.„Jetzt hab i den leicht gar unters Bett?“ Da war er auch nicht.„Jetzt wer i den vielleich, gar ins Bett mit einihabn— Erst flo; das Oberbett, dann die Poister, dann das Unterbett an die Erde, immer weiter wühlte er sich in die Untiefen, immer röter schwoll ihm der Kopf an. „Jenzl“, rief er durch das Fenster,„wo hast denn mei Stiefi?“ „Jesses, bist lei a schon da?“ erklang es vielsagend von unten. Erst sollte die Begrüßung noch anders ausfallen, aber ein sehlender neuer Stiefel war keine Kleinigkeit, und mit der Bemerkung,„wirst'n halt mit versusfa ham", machte sich die Zenzl mit auf die Jagd. Von der Frauenau her läutete es zum zweitenmal z'samm. Die Zenzl suchte und kehrte das Bett zum zehnten Mal um und um. Die Ahni war dazugekommen und warf den ganzen Federberg zun. hundertsten Male von einer Ecke in die andere. Der Hias stand daneben wie angedonnert Die neuen Stiefel hin, wenigstens einer! Da packte ihn die Wut. Mit einem Satz war er aus der Tür, und die nichts Gutes Ahnenden sahen nur noch, wie er den eben ausgezogenen Stiefel in den glühenden Ofen feuerte. Stumm und steif von Schrecken starrten die beiden Weiver vereint mit dem abgekühlten Hias in die Glut. Erst der brenzliche Ledergeruch brachte wieder etwas Leben in die drei. Noch halb benommen holte die Zenzl ein poar ältere Schäfter. Stumm und trotzig fuhr Hias hinein. Einsi.big gingen die beiden kurz darauf hinaus.