sollst nun nicht mehr über mein Stäbchen stolpern.“ Und er berührt die Stirn des Sitzenden. Andreas steht unbeholfen auf, fühlt sich müde und zerschlagen, drängt sich durch die auflachenden Menschen, sieht niemand an und diegt eilig in die Martinsgasse ein. —12— Garbrobe Nr.: Skizze von Erik Lorenssen. Von der Manege her klang gedämpft flotte Marschmusik. Direktor Bernelli tänzelte zu ihrem Takt den langen Garderobenflur herunter. Jetzt sprangen draußen die Löwen durch die drennenden Reisen. Vom Publikum war kein Laut zu hören. Nur die gehetzten Raubtiere brüllten von Zeit zu Zeit drohend. Der Direktor war zum Auftreten fertig. Die nächste Nummer waren seine Pferdedressuren Das Bäuchlein war, so gut es ging. unter der weißen Weste verborgen, die große Blume leuchtete im Knopfloch des roten Fracks, und der Zylinder saß unternehmend im Genick. Jetzt stand er vor der letzten Tür des Ganges, an der eine große Eins prangte. Einen Augenblick zögerte er und zog den gewichsten Schnurrbart nachdenklich durch die Finger. Eine Visitenkarte war mit Reisnägeln an das Holz gegeftet. In zierlicher Cursivschrift stand ein Name darauf. Tom Weller. Sonst nichts Und doch schhen dieses weiße Stück Papier den geputzten Mann unschlüssig zu machen. Er starrte darauf und rupfte wie zaudernd an seinen Kleidern herum. Draußen verstummte die Musik mit einem Schlag. Atemlose Stille lag über dem großen Hause. Der Schlußeffekt begann. Der Dompteur rang mit dem schwarzen Panther. Aus dem Zimmer drangen leise, schmeichelnde Worte. Der Direktor horchte einen Augenblick auf, nickte dann vor sich hin und entschloß sick kurz. Mit festem Griff packte er die Klinke und öffnete die Tür. Tom Weller kniete vor einem Stuhle, auf dem sein Hund saß. Er band ihm die spitze Tütenmütze um und gab ihm dabei zärtliche Kosenamen. Der Pinscher sah ihn aus großen runden Augen verständnisvoll an. Der Direktor stand im Zimmer und suchte nach einer Einleitung. Tom war erstaunt aufgesprungen und stand vor ihm. Sein weißgeschminktes Gesicht leuchtete unwirklich in der dämmerigen Garderobe. Auf den Flittern seines Clownanzuges glommen matte Lichter. Bernelli suchte nach schonenden Worten. Er fand keine, und es klang kurz und schroff, als er endlich den Satz herausbrachte:„Also es hilft nichts, Tom, Du mußt gehen.“ Durch die offene Türe tönte ein schmetternder Zusch. Händeklatschen rauschte wie eine Woge von fern her. In dem kleinen Zimmerchen standen die zwei Männer unbeweglich. Dann sprudelte Toms Stimme plötzlich erschricken:„Herr Direktor, Tom und Tom ist Ihre älteste Nummer——“ „Eben deswegen, Tom. Die Leute lachen nicht mehr.“ Wieder war es still. Der Pinscher saß auf seinem Stuhl und sah den Herrn ängstlich an. Fas“ schien es, als schimmerte es feucht in den treuen Hundeaugen. Da sagte Tom leise und flehent:„Fünfzehn Jahre——“ „Sei vernünftig Tom, es geht nicht anders.“ Dann, wie vorsichtig tröstend:„Du wirst schon noch etwas anderes finden.“ Draußen begann die Kapelle wieder zu spielen. Der Direktor besann sich auf einmal darauf. daß er jetzt auftreten mußte, und dies Berrußtsein kam ihm wie eine Erlösung. Mit einigen raschen Schritten ging er zur Tür und sagte wie entschuldigend:„Es ist Zeit zum Auftritt. Also zum Ersten.“ Dann knackte das Schloß und auf dem Gang entfernten sich eilige Tritte. Tom stand noch immer da und mühte sick vergeblich, einen klaren Gedanken zu fassen. So lange Jahre und nun fortgejagt wie ein Hund? Ihm war es, als sänke die verräucherte Decke immer tieser herab, als rückten die Wände immer näher, um ihn zu erdrücken. Vor keinen weit aufgerissenen Augen tanzten die spärlichen Möbel umher, und in seinem Gehirn bohrte es eigensinnig: Tom und Tom, zwei Hunde. Garderobe No. 1, die lustigen Spaßmacher, nur zwei Hunde. Der Pinscher war herabgesprungen und drängte sich schüchtern gegen seine Beine. Bette um einen guten Blick und um ein Streicheln. Der Clown achtete nicht darauf. Erst ein gellendes Klingeln schreckte ihn aus seinem Brüten auf. Da strich er sich mechanisch mit der Hand über die Stirn. Zu den Pferdedressuren Andorkamen Von Hans Lichtenberg. Wer den Augenblick genießt und sich nicht in ihm verliert, befolgt das Grundgesetz aller Lebensweisheit. Schadenfreude ist ein Mangel an Taktgefühl. Gutmütigkeit ist eine schöne Tugend, aber— ein schlechter Führer im praktischen Leben. gehören auch sie beide. Und fast ohne zu wissen. was er tat, nahm er seinen treuen Gefährten vom Boden auf und eilte hinaus. Der feiste Stallmeister betrachtete Tom prüsend, als er vorschriftsmäßig der Länge nach in die Manege fiel. Er wußte, was vorgegangen war, und gönnte dem Clown sein Schicksal von Herzen. Er hatte sich nie mit ihm vertragen können. Der Hund lief, wie er sollte, in lustigen Sprüngen zwischen den Beinen der Pferde hin und her. Tom hopste ihm in ungeschickten Sätzen nach und stolperte immer wieder über seine eigenen Füße. Der Direktor schimpfte, der Stallmeister fluchte, die Peitsche knallte dem Clown um die Ohren. Und während ihm der Schweiß aus allen Poren brach, horchte der arme Hanswurst in quälender Spannung auf die Menge in den Bänken. Warum lachten sie nicht lauter? Er fiel so natürlich, daß ihm die Glieder wehtaten. Warum kreischten sie nicht? Wo waren die jubelnden Kinderstimmen, auf die er so stolz war und um deretwillen er sich mühte?. Er nahm alle Kraft zusammen, schlug einen Purzeibaum und fuhr mit dem Kopf gegen die hölzerne Rampe, daß ihm das Blut aus der Nase sprang. Da wußte er auf einmal klar und unerbittlich, daß er alt, verbraucht war. Daß es jetzt bergab gehen würde. Daß das Elend der Landstraße auf ihn wartete. Tom und Tom hatten ausgespielt. Die Zuschauer klatschten, der Direktor wirbelte geschmeichelt den Schnurrbart und verneigte sich immer wieder. Der Pinscher machte schön und wackelte mit dem tütenbemützten Kopf und heimste seinen Anteil ein. Der Clovon war verschwunden. Während der Stallmeister ärgerlich nach ihm klingelte, stand Tom in der Garderobe vor seinem Kosser und wühlte aufgeregt in den bunten Sachen herum. Fand, was er suchte und steckte es mit scheuer Handbewegung in die Tasche. Fast schien es, als habe er sich jetzt ein wenig beruhigt. Seine Augen glänzten, als er hoch aufgerichtet zurückging. Vor der Tür blieb er einen Augenblick stehen und betrachtete wehmütig die große, schwarze Zahl und die weiße Karte darunter. Dann töste er vorsichtig die Reißnägel und ließ beides achtlss zu Boden fallen. An dem knurrenden Stallmeister vorbei ging er in die Manege und beugte sich dort einen kurzen Augenblick zu seinem Hund herab. Er strich ihm sanft, wie um Verzeihung bittend uer das Fell, dann reckte er sich empor und rief au:„Herr Stallmeister!" Ter Feiste glaubte, es käme einer der üblichen Späße, ging widerwillig zu ihm hin und antwor#ete ebenso laut:„Nun, was soll ich?“ „Wissen Sie schon das Neueste?" „Nein, was denn?" „Ich bin arbeitslos! Was meinen Sie, was ich jetzt tue?“ „Das weiß ich nicht.“ Und halblaut und giftig setzte er hinzu:„Betteln gehen wahrscheinlich.“ Tom blieb ungerührt. Er wiederholte laut: „Betteln gehen? Falsch! Was noch?“ „Ins Armenhaus denn!" „Auch nicht! Probieren Sie's noch einmal!“ Der Feiste wurde unruhig. Er wußte nicht, wo das hinaus sollte.—„Ja, dann weiß ich's nicht. Sag es uns doch!“ „Jetzt mache ich den besten Witz meines Lebens, Stallmeister: Ich schieße mich tot!“ Tom griff schnell in die Tasche, die Hand fuhr empor, der Schuß krachte. Entsetzte Diener sprangen zu, faßten den sinkenden Clown und trugen ihn hinaus. Die Menge jubelte und klatschte. Sie fand, die Aufregung sei ungewöhnlich natürlich gespielt. Je kopfloser die Galonnierten da unten herumliefen, desto vergnügter wurde sie.— In der Garderobe hatten sie Tom auf ein schnell zusammengerücktes Lager gebettet. Irgend jemand hatte die Visitenkarte an der Tür wieder befestigt, weil er glaubte, daß sie herabgefallen sei. Der Pinscher saß am Kopfende am Boden und leckte die herabhängende Hand seines toten Herrn. Sie hielt noch immer festumkrampft den Revolver. Man hatte in der Eile vergessen, ihn fortzunehmen... „Lacht Euch Laune“ 1000 Witze von Ernst Warlitz, 290 Seiten,(28. Tausend). Titelbild von Koch=Gotha. Preis gebunden 3,50 M, kart. 2.50 M. Max Hesses Verlag, Berlin W. 15. Das Buch enthält 1000 sprühende Witze und Anekdoten von solch bezwingender Fröhlichkeit, daß sich seinem Einfluß niemand, aber auch niemand entziehen kann. Der Autor hat es, wie er angibt, auf zwanzigjährigen Berufsreisen an Stammtischen, im Eisenbahnabteil, auf Wandertouren, an Bord des Schiffes, im Kaffeehaus, auf Festlichkeiten, in den Garderoben der Kabaretts usw. erlauscht und zusammengetragen. Der Inhalt, der das ganze Gebiet menschnlicher Schwächen und Torheiten umfaßt, ist tatsächlich für Gesunde zum Kranklachen, für Kranke zum Gesundlachen. Wer sich immer und immer wieder Stunden herzerquickender Fröhlichkeit verschaffen will, wer eine ganze Gesellschaft in kürzester Zeit unfehlbar zum Lachen. Schreien und Quietschen bringen will, der greife nach diesem lustigsten aller Bücher, dessen Inhalt der Meister Koch=Gotha auf dem Titelblatt mit dem vor Lustigkeit sich windenden Männchen schlagend wiedergegeben hat. M—R. —1—.— Rätleae 1.) Kreuzworkratsel. Vexierbild: ## 9 ∆ 35 # 85 Mams: Hilf mir dech: Wie Bleibst bo) Buchstabenrätsel: Auflösungen aus voriger Nummer: Buchstabenrätsel: Omnibus Bexierbild: Wo nur der Junge wieder bleibt.— Der rechte Arm der Dame ist der Leib Verantwortlich: H. Semmelmann, Altena. Druck und Verlag: P. A. Santz, Altena. SETT BEUIPPP SaSTU Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung Nr.8 Samstag, 26. Februar 1927 Schneeschmelze Skizze von Hedwig Stephan. Noch streckten zwar die mächtigen alten Linden in der Allee, die nach Römershof führte, ihre Arme schwarz und kahl gegen den Himmel, und hinter den Hecken und in den Ackerfurchen lag noch Schnee, aber er war schon bröcklig und dünn, und in der Luft, so rauh sie auch noch daherfuhr, war schon ein leises Frühlingsahnen. Ueber den Knicks lag es wie ein ganz zarter grüner Schleier. und wer Glück hatte, konnte an geschütren Stellen sogar ein paar blasse Beilchen finden. Aber Hubert Römer dachte nicht an Veilchen und nicht an den Frühling. Schwerfällig und mit finsterem Gesicht stapfte er in seinen Stulpenstiefeln den durchweichten Weg am Waldsaum entlang und wies Hero, die braune Vorstehhündin, die laut bellend nach Kaninchen jagte, mürrisch zur Ruhe. Jetzt hatte er die Anhöhe erreicht, die im Dorf„Schöner Blick“ genannt wurde, setzte sich auf die Bank unter der großen Tanne und schaute hinab. Fürwahr, ein schöner Blick, der sich ihm darbot! Da lag unten sein behagliches Haus, an dessen starken grauen Mauern der Efeu emporwuchs, daneben der Hof mit den geräumigen Stallungen und der parkartige Garten, hinter dessen dunkler Masse die verschwebenden Umrisse des nahen Gebirges sich abzeichneten. „Liebe Heimat! Liebe Heimat!“ sagte er vor sich hin mit dem leisen Anflug eines Lächelns aber gleich wurden seine Augen wieder düster, und er stützte traurig den Kopf in die Hand. War ihm denn die Heimat wirklich noch so lieb wie früher, war nicht doch das Schönste daraus fort, seit Beate ihn verlassen hatte? Beate! — Wie oft hatten sie hier zusammen gesessen an seligen Sommerabenden in der ersten Zeit ihrer jungen Ehe, und Beate's weiches Gesichtchen hatte förmlich geleuchtet vor Glück und Stolz, wenn sie ihm berichtete, was sie den Tag über geschafft und wie bald sie sich in die fremde Umgebung und die ungewohnte Tätigkeit eingelebt hatte. Aber dann wurde es Herbst, und die Blumen verblühten, der Regen klatschte an die Scheiben und feuchte Nebel stießen aus den Wiesen. Da verstummte ihr frohes Lachen, sie klagte über Langeweile, hustete auch ein wenig, und die Murter, die zu Besuch kam, nahm sie mit nach Haus. Nur für ein paar Tage— nur bis der Husten sich gegeben hatte! Indessen, aus den Tagen wurden Wochen, und als Hubert ungeduldig Beate's Rückkehr verlangte, gab es allerhand Ausflüchte. Sie wäre noch zu angegriffen— das Wetter sei zu schlecht— und schließlich schrieb ihm die Mutter in ihrer kühlen Art, er solle es doch machen wie so viele andere auch, den Winter über sein Gut ocm Verwalter überlassen und in die Stadt übersiedeln. Schroff, voll Empörung wies er dies Ansinnen zurück. Das könne ihm nur jemand zumuten, der weder Verständnis noch Gejütz. für den Besitzer einer eigenen Scholle habe. Damit hatte er es nun mit der rechthaberischen Frau, die der Tochter„Bauernheirat“ nie gebilligt hatte, ganz verdorben. Vielleicht war es in der Hauptsache ihrem Einfluß zuzuschreiben, daß Beate selbst den Wunsch äußerte, einstweilen noch im Elternhaus zu verbleiben— vielleicht aber war ihre große Liebe nur ein Flackerseuer gewesen, das beim ersten harten Windstoß wieder verlöschte. Hubert hatte Zeit genug, an den langen Winterabenden darüber nachzugrübeln; aber sein Stolz litt es nicht, daß er als ein Bittender da erschien, wo er zu fordern hatte. Hätte es ihm denn auch gefrommt, Beate zu überreden, wenn ihr Larz sie nicht zu ihm zog? War werden sollte, wußte er nicht oder wollte es nicht wissen, aber seine Seeie zitterte vor Mitten im Leben Zwischen Seufzern und Gesängen Bringen wir die Stunden hin. Jahre gehen, Jahre drängen— Was doch ist ihr letzter Sinn? Vorwärts?— Doch zu welchem Ziele? Zukunft, warum so vermummt? In der Stiue fragen viele, Die im Drang des Tags verstummt. Rastlos nimmt im nebelfeuchten Grund die Welle ihren Lauf, und in hohen Nächten leuchten Rätselvolle Sterne auf. Schwefelschwüle Wetter zucken Unbestimmt om Horizont, Aengstlichscheues Niederducken, Wenn ein Blitz die Nacht entthront. Hämisch lachend— über Leichen Hetzt der Haß die Liebe wund, Und ein großes Fragezeichen Geistert fahl im Hintergrund. " F. Schrönghamer=Heimdal. dem Tage, an dem Beate bitten würde, sie ganz freizugeben.— Die Wipfel über ihm begannen stärker zu rauschen. Der Abend kam; es wurde wohl Zeit, an die Heimkehr zu denken. Mit einem müden Seufzer erhob sich Hubert. pfiff dem Hunde und stieg die Anhöhe hinab. Als er in die Lindenallee einbog, unterschied sein geschärftes Jägerauge eine helle Gestalt, die im Vorgarten des Hauses auf und nieder ging. Unruhig beschleunigte er seine Schritte— und— alles Blut strömte ihm zum Herzen— Bent war es! Jetzt hatte der Hund sie erkannt, raste auf sie zu, sprang toll vor Freude an ihr hoch— langsam kam auch Hubert näher. Sollte nun der Schlag auf ihn niederfahren? Kam sie, um wieder zu gehen— auf immer? Sie trat auf ihn zu, rührend und lieblich war sie, wie früher, aber doch— es hatte sich etwas verändert in ihrem Gesicht. Reifer schien es ihm, gesammelter im Ausdruck. „Sübert“— sagte sie zögernd,„ich wage es ja kaum, dir wieder entgegenzutreten—„zu tief stehe ich in deiner Schuld. Willst du mich überhaupt anhören?“ Er nickte, noch ganz benommen, und führte sie in das ebenerdige Wohnzimmer. Sie setzte sich auf ihren Fensterplatz und faltete die Hände zujan.men. Sieh, Hubert— als Mutter mich damals mitnahm, da— ich will ganz ehrlich sein— da bin ich iyr nicht ungern gefolgt. Sie malte mir den einsamen Winter hier in den düstersten Farben und meinte, du würdest sicherlich einverstanden sein, die wenigen Monate in der Stadt zu verbringen. Als du dann so kurzerhand ablehntest da bedauerten sie mich alle— redeten auf mich ein, rissen und zerrten an meinem Herzen. Du konntest mich ja nicht liebhaben, wenn du dich so halsstarrig zeigtest— ich gehöre überhaupt nicht aufs Land, und die ganze Heirat sei ein Irrtum gewesen. Sie verwirrten mich auch anfangs; aler es dauerte nicht lange. Was ich früher nur undeutlich gefühlt, das sah ich jetzt erschrechend klar— wie leer, wie hohl dock das Leben ist, das sie führen! Der Vater denkt an nichts als ans Geldverdienen, die Mutter nur an ihre Kleider und Gesellschaften und Hilde an irgend einen Sport. Ach, wie oft habe ich mich hierher zurückgesehnt, in diese Stille, die doch so voll von Leben ist— nach unserm Wald und unserm Hof—, nach der köstlichen Müdigkeit, die vom Arbeiten kommt und nicht von durchtanzten Nächten. Und ich wäre schon tängst zurückgekehrt, wenn— ach Hubert—!“ Sie stand auf und streckte ihm zaghaft die Hände entgegen—„willst du mich denn noch haben?“ Er nahm die kleinen kalten Hände und hüßte sie mit zitternden Lippen.„Du bist mein Glück, Beate— du allein— liebe, einzig geliebte Frau!“ murmelte er leidenschaftlich.„Aber hast du es auch recht bedacht? Wirst du es auch aushalten hier? Noch liegt der Schnee; es werden noch viele trübe Tage kommen— es ist ja noch nicht Frühling!" Sie schmiegte sich fest an seine Brust und sah zu ihm auf. Ihre dunklen Augen leuchteten in die seinen. „Doch, Hubert! Es ist schon Frühling!“ sagte sie innig Die heilige Thar Skizze von Hanns Walther Kappler. „Omar, ich finde, Du siehst leidend aus. Bist Du krank?“ Omar, ein arabischer Kaufmann, mit dem ich Freundschaft geschlossen hatte, schüttelte den Kopf.„Es ist nichts, Effendi.“ „Doch! Wir sitzen nun hier seit drei Tagen in dem traurigen Nest Ba Saada und verschieben immer wieder unsere Abreise nach Sötif, wo wir mit der Bahn unsern Weg fortsetzen können. Du sagtest doch, Du findest Dich ohne Führer durch das Schott el Hodna. Also warum zögerst Du noch?“. „Ich— ich—“ Omar stockte und sah sich verstohlen um.„Ich fürchte die Thar!“ Ich zuckte zusammen. Die Blutrache fürchtete er? Ja, hatte er sie denn zu fürchten? „Ich habe Dir noch nicht berichtet, Effendi, daß mein Vater vor Jahren einen Führer aus Sétif tötete, der ihn betrogen hatte und Händel mit ihm suchte. Es war Notwehr, wie Du sagen würdest; in den Augen der Familienangehörigen des Toten war es Mord. Mein Vater wurde von der heiligen Thar ereilt, als er sich mitten im Schott el Hodna befand. Du weißt, dert gibt es nur einen schmalen, wenige Schritt breiten Pfad. der begangen werden kann. Die Deche des Schotts trägt oft nur Roß und Reiter, und ausweichen kann niemand. Selten, höchst selten durchreitet ein Mensch heutzuinge das Scott; und ich verstehe Dich, wenn Du gern einmal dieses Wundermeer durchqueren willst. Auch ich muß ja hindurch, will ich nicht einen Umweg von vielen Wochen machen.(ks wird uns kaum jemand begegnen, und dennoch habe ich ein Gefühl, als ob mich im Schott die heilige Thar ereilen würde.“ „Ach, Dich kennt doch hier niemand mehr, wer sollte noch wissen, daß Du—“„Pst! Nicht so laut. Effendi,“ unterbrach mich Omar.„Ich glaubte, vor einigen Tagen den Sohn des ermordeten Führers wiedererkannt zu haben, und gestern bemerkte ich, wie er mich verfolgte.“ Jetzt wurde es mir nachgerade etwas unheimlich zu Mut, und unwillkürlich sah auch ich mich vorschtig um. Es waren weit und breit keine Menschen zu sehen; denn wir saßen außerhalb des Ortes unter einer schattenspenden Palme. „Wir versorgen uns mit Wafsen und können deshalb getrost das Schott durchqueren. Bedroht uns jemand, so ist es unser billiges Recht, wenn wir uns verteidigen.“ „Die Thar aber wird dann verewigt, wenn wir auch den Sohn töten wollten. Ich hätte nie mehr Ruhe, und auch Dich würden sie sicher verfolgen.“ „Ach was,“ unterbrach ich ihn aufmunternd, „die Rache kann Dich doch hier ebenso treffen als wie unterwegs im Schott, also warum noch S Sf2 23—* 23 5### ∆ 5 3 2. * S 8 3m Sg5. ## E „ 4% 8% E aSe* G. E HEUEEBEEE ### * 8 *•— 5 580S □ E2n og„E 5* ###### 58. S 9 zaudern? Im Schott erkennen wir einen uns, Nah aden schon von weitem und können uns auf einen Angriff vorbereiten.“ *„D müßten dann aber absteigen und zu Zuß warten, sonst reißen uns die Pferde mit in das Schott, aus dem es kein Entrinnen gibt.“ „Gut, wir reisen also morgen in der Frühe.“ Am Mittag des folgenden Tages waren wir bereits mitten im Schott el Hodna. Unsere Pferde hatten gerade noch Platz, um auf dem schmalen Pfad gehen zu können. Omar ritt voran und tenkte sein Tier sicher, und das meine folgte dem geringsten Schenkeldruck, gleichsam, als ahne es die zu beiden Seiten lauernde Gefahr. Die Schotts sind riesige Seen. Sie bestehen nicht eigentlich aus Wasser, vielmehr ist es ein überaus seiner, durch den Samum angewehter Sand, der sich hier festgesetzt hat und ein Meer bildet. Wirft man einen Stein in diesen See, so verschwindet er in der Masse, ohne daß ein nufspritzen oder bemerkenswerte Wellenbewegungen erfolgen. Wie ein Brei ist diese Nasse, die alles hinabzieht, was in sie fällt. Eine schmale Kruste bildete sich im Laufe der Zeit, und die Bewohner der Wüste kennen zum größten Teil diese Wege, die sich mitten durch das Schott ziehen, aber sast keiner mehr benutzt sie. Diese Kruste, die den einzigen, gangbaren weg durch das unendliche Neer des Schotts bildet, unterscheidet sich in ihrer Farbe durch mats von dem Meer, und so kann nur der kundige Führer Fremde durch die Schotts leiten. Die Nachmittagssonne brannte unbarmherzig auf uns herab. Ohne Rast ritten wir stetig vorwärts. Weit und breit war weder Tier noch Mensch zu sehen, und die Sorge Omars schien grundlos gewesen zu sein. Als der Abend hereinbrach, erreichten wir einen größeren jesten Fleck, der uns trug, und wir machten eine kuine Pause. Als die Sterne und der Mond eufgegangen waren, konnte Omar den Weg auch weiterhin erkennen, und so ritten wir wieder ostwärts durch das einsame Schott. Beld graute der Morgen. Wenige Stunden noch, dann kamen wir wieder auf festes Land Höher und höher stieg die Sonne, und plötzlich tauchte sern am Horizont ein dunkler Punkt auf der sich rasch uns näherte. Omar beachtete den Reiter nicht weiter; denn sein Verfolger hätte doch nur nach uns kommen können. „Der Reiter wird bald anhalten; denn wir erreichen wieder einen größeren Platz, wo wir enleweigen können. Dem schien aber nicht so. Der uns Entgegenkommende ritt stetig weiter und beachtete nicht die Zurufe und Winke Omars. Da bemerkte ich plötzlich, wie der fremde Reiter sich an seinem wurtel zu schaffen machte und sein Pferd anhielt. Omar hatte diese Bewegung nicht gesehen; denn er schaute auf den Boden, um nicht den Weg zu versehlen. Ich zog rasch meinen Browning hervor und rief:„Omar! Vorsicht!" Doch da krachten schon drei Schüsse. Ich kam nicht zur Gegenwehr. Meinen vor Entsetzen geweiteten Augen bot sich ein grausiges Bild. Omars Pferd bäumte sich hoch auf, er selbst griff sich an den Kopf und stürzte rücklings hinab in das gierige Meer des Schotts, sein Pferd verschwand gleich ihm in der Masse. Beim dritten Schuß des Fremden hatte sich mein Pferd ausgebäumt. Ich zog blitzschnell die Füße aus den Steigbügeln, dann stürzte ich schon zu Boden, verspürte einen heftigen Schlag auf den Hinterkopf und verlor die Besinnung.— Ueber eine halbe Stunde mochte vergangen sein, ehe ich aufwachte. Ich befand mich allein mitten im Schott. Mein Pferd wie der fremde Reiter waren verschwunden. Mein Kovf schmerzte zum Zerspringen. Offenbar hatte mich mein Tier mit dem Vorderhuf am Kopfe gegrotten. Als ich zu Boden schaute, bemerkte ich Blutfleche im Sande, bereits von der Sonne getrocknet. Also hatte der Fremde sicher mein Pferd getrossen, das ebenfalls in das Schott versunken war 6964 Pei Hait,— waren das nicht dort aravische Zeichen? Ich kroch auf Händen und Füßen vorsichtio näher. Richtig, dort war der Sand von der barten Krufte fortgewischt und mit dem Blut meines Pferdes waren arabische Zeichen gemalt worden. Ich brauchte nicht lange, dann las ich das Wort:„Thar!" Die Wonnache! Omar war also doch ereilt worden! Schaudernd wandte ich mich um. Die breiige Masse des Schotts glotzte mich wie mit gierigen Augen rechts und links des Pfades an. Würde auch ich sein Opser werden? Wieviele Opfer mochten am Grunde dieses unersättlichen Meeres bereits schlummern? Ich verscheuchte die quälenden Gedanken und kroch auf allen Vieren, vorsichtig mit den Händen die Kruste prüfend, vorwärts. Die sengenden Strahlen der Sonne mein Kriechen zu unerhörter Qual; doch ich durfte micht raften, ehe der Abend kam, mußte ich festen Boden unter den Füßen haben, sonst war ich verloren. Stunden verrannen. Meine Händé und Knie biuteten, ich achtete nicht darauf. Da tauchten vor mir Palmen auf. Ich jubelte! Wo Palmen sind, da ist auch Wasser und Land! Meine hing wie ausgetrocknet im Gaumen, waren doch die Wassersäcke an den Sätteln der Pferde befestigt gewesen. Noch eine halbe Stunde, dann lan ich am Rande eines Tümpels und sog in gierigen Zügen das köstliche Naß. Ich war gerettet.—— Hinter mir aber schlummerte im Schott mein Freund Omar. Er war der heiligen Thar nicht entgangen! — Die Insel der Bei gessenheit Skizze von Kurt Felscher=Ohlau. In schwerer Dünung rollen Sturzseen über weißen Sand; fluten empor, rinnen zurück; immer das gleiche Spiel. Schaukeln auf weißgesäumten Kämmen ein dunkles Etwas, einen menschlichen Körper, der leblos im weißlichen Rettungsring hängt, im letzten, was noch an das Schiff erinnert, das im Wirbel des Sturms am Riff zerschellte weit draußen über abgründigen Tiefen des Ozeans. Eine Woge wirft das Svielzeug ans Land, nun liegt es wieder auf fester Erde, im Schoße der Mutter, die es gebar. In den Fächern der Palmen singt der Wind sein schrilles Lied. Unter den Stämmen kommen sie hervor: braune Gestalten, Männer und Weiber, phantastisch geschmückt, neugierig lugend. Sie haben vom hohen Strand aus die Beute des Meeres treiben sehen. Nun stehen sie plappernd im Halbkreis, staunen und starren— ein Wesen wie sie, nur ist es so fahl wie der Sand, auf dem es ruht. Hände fassen zu, heben den Leblosen empor. Ein sehniger Krieger legt das Ohr auf des weißen Mannes Brust. Noch klopft es drinnen— langsam, langsam— Erst nach vielen Stunden hebt sich die abgezehrte Gestalt, starrt mit glasigem Blick in das Helldunkel der Tropennacht, die zur kreisrunden Oeffnung einer Schilfhütte hereinfunkelt. Tastet mit fiebernden Händen am Leibe entlang, stöhnt, fällt zurück— kraftlos. Ueber des Gestrandeten Lager beugt sich eine dunkle Gestalt, horcht, führt an rissige Lippen eine Schale mit Wasser, freut sich des gierigen Schlürfens. Murmelt dunkle, fremde Laute und wacht weiter am Lager. Trei Tage lang hat Fred Frank in bleiernem Schlaf gelegen. Dann ist er erwacht zu neuem Leben. Wo ist er? Gerettet aus sinnlosem Wirbel. Und die andern? Das Boot, das noch fünf Kameraden barg? Gekentert! Er weiß es, hört noch das Schreien und Gurgeln— ihn hat der Ring getragen. Dort hängt er an fremder Wand. Menschen sind um ihn, fremde bruune Gestalten, wie er sie noch niemals gesehen auf seinen Fahrten über die Meere. Werden sie ihn töten? Noch gibt's in der Südsee Kannibalen. Hat man ihn zum Opfertier bestimmt für einen ihrer scheußlichen Götzen? Aber die Männer schauen so freundlich drein heben die ringklirrenden Hände zu ihm empor, werfen sich nieder vor ihm. Und nun reichen sie ihm eine Schale mit herrlichen Früchten, entzünden Gewürz, daß die Hütte nach kostbarem Wohlgrruch duftet, führen ihn hinaus, wo die Palmen kühlenden Schatten spenden, sich Gras breitet wie ein smaragdener Teppich, Quellwasser sprudelt. Braune Mädchen winden schillernde Blütenkränze um schmale Hüften und schlingen sich im Takt der dumpf dröhnenden Kürbistrommel. Ist er im Märchenland?—— Nach Wochen wußte Fred Frank, daß er unter einem Volke lebte, das in ungetrübter Heiterkeit dahinlebte, rein wie der wolkenlose Himmel, der sich über dem Eiland spannte. Diese braunen Wesen lebten wie Kinder ihre sonnendurchg'ühten Tage, mondkühlen Nächte. Nahmen aus der Hand einer üppig spendenden Natur, was sie an Nahrung und Kleidung bedurften— wunschlos. Und ehrten den weißen Mann wie einen Gott. Als er im Wechsel der Monde und Jahre ihre Sprache erfaßte; die wenigen hundert Worte, mit denen sie auskamen, selbst zu bilden wußte, da erkannte er, daß er für sie ein wahrhaft höheres Wesen war. Ausreden wollte er es ihren; doch sie ersaßten es nicht. Da fing er an zu erzählen von der Welt der Menschen draußen jenseits der ewig rollenden Wogen des Weltmeers, daß dort tausend und abertausend solcher weißer Wesen wohnten wie er— von den Wundern der Menschenwelt im fernen Lande gegen Mitternacht. Ob denn nie einmal ein Schift zu ihnen gekommen sei mit solchen Wesen? Keiner wußte eine Antwort. Nur ein uraaltes Weiblein erinnerte sich eines Tages der Kindheit; da habe sern von der Insel ein Etwas im Meere gelegen: Rauch sei von ihm aufgestiegen wie aus den Hütten ihres Dorses. Ein Boot sei herübergekommen in mondheller Nacht, fremde Gestalten seien am Ufer hin= und hergehuscht, hätten Wasser geschöpft, wo der Bach ins Meer, sickert, seien noch in nämlicher Nacht wieder davongefahren. Niemand hatte die Seltsamen gestört. Da wußte Fred Frank, daß er auf der Insel der Vergessenheit lebte. Würde einmal ein Schiff seine Fahrt in diese verlorenen Breiten lenken? O, es mußte geschehen; denn in dieser bedrückender Oede würde sich seine Seele verzehren. Nicht in Sehnsucht nach den Seinen, die ihn nie verstanden; nicht im Verlangen nach einer Geliebten, die er nie besessen; nein, im Schrei nach Menschen seinesgleichen, die ihn nicht wie einen Gott verehrten, denen er gleich war in Lust und Leid, in Schuld und Sühne. Da fing er von neuem mit seinen Märchen an. Von den bunten Städten erzählte er ihnen, von himmelhohen Bergen und schimmernden Tälern, von grünenden Matten und goldenen Feldern, von deutschen Männern und Frauen, hoch und schlank, blauäugig und blond wie er selbst, edel und hehr in Anstand und Sitte. Berauschte sich selbst in seelenbetörender Erinnerung, weckte in seinen braunen Freunden den !Lunsch, mehr solcher weißen Menschen kennen zu iernen. Einmal mußte doch ein Schiff kommen. Dann sollten sie staunen über diese Menschen. Toch Jahre vergingen, es nahte kein Schiff. Fred Frank war alt geworden. Nicht an Jahren. Noch stand die Sonne seines Lebens nicht im Scheitelpunkt. Aber seine Seele drohte zu sterben, erstickt von der Schönheit und Fülle des ewigen Sommers, erstickt von der Güte dieser kindlich reinen Wesen, deren stillverehrter Gott er blieb. Da packte ihn manchmal eine heiße Gier, etwas zu tun, wovor sie erschaudern mußten: einen Brand, einen Mord! Doch wenn er die Freundlichkeiten dieser großen Kinder bedachte, so schämte er sich seiner zügellosen Gekanken. Sie würden zudem auch seine Untat hinnehmen— gottgewollt. Es mußte ein Schiff kommen und ihn von dieser Güte erlösen.— Und es kam. Eines Morgens umringten sie seine Hütte.„Herr, das Ding, von dem du so aft erzählt, liegt draußen auf dem Meere.“ Und als er mit ihnen zum Strande eilte, zitterte sein Leib wie die Palmen im Morgenwind. Weiß hob sich aus rollender Dünung der schlanke weiße Leib eines Kreuzers, Rauchwolken entströmten den dicken Schloten, wie ein stolzer Schwan zog es langsa müber die pulsenden Wogen. Würde es halten? In Freo Franks Seele schrie die Not. Ja es hielt! Boote wurden ausgesetzt, näher, immer näher trieben sie. Fred Frank, phantastisch gekleidet, mit Binsenhemd und wallendem Blondhaar. bertumwuchert das gebräunte Antlitz, hob die Arme zur Sonne empor und weinte. Stumm staunten seine braunen Freunde zu ihm auf. Matrosen sprangen ans Land; die Gewehre im Anschlag so nahten sie. Plötzlich hemmte grenzenloses Erstaunen ihren Schritt. Ein deutsches Tefehlswort ließ die schußbereiten Waffen sinken. Worte flogen hin und her. Fred Frank, umstaunt von seinen Landsleuten, von seinen brannen Freunden scheu und stumm betrachtet, ließ seiner Seele Qualen hinströmen in stammelnden, schluchzenden Lauten erlösender Befreiung. Heimkehr! Heimkehr! Fred Frank vermochte es nicht zu fassen. Erst als der Maat ihn mahnte:„Freund, wir haben keine Zeit zu verlieren; sobald das Wasser im Tank ist, müssen wir zum Schiff zurück“, tat sich ihm die Wirklicgeit auf wie einer Wunderblume berauschender Kelch. Was sollte er zuerst tun? Abschied nehmen von den Gefährten seiner Verlassenheit. Und schon eilte er zu ihnen. Große scheue Augen staunten zu ihm empor, als er jauchzte von Helmkehr in sein geliebtes Vaterland. Stumm blieben die Männer, scheu die Frauen, still die Kinder. Endlich klang's irgendwoher:„Herr, du willst uns verlassen? Vater Frank! Vater Frank!". Und es schwoll an und übertönte das Grollen der Brandung unter den nahen Klippen. Braune Leiber sanken zu des Mannes Füßen nieder, dunkle Arme hoben sich flehend ihm entgegen In Fred Franks Seele aber rangen Sehnsucht und Leid. Nein, er konnte nicht bleiben. Dies Opfer war übermenschlich. Und noch einmal sprach er zu ihnen, sprach wie ein Vater zu seinen Kindern, dankte ihnen, pries ihre Güte, tröstete, versprach wiederzukommen. 1 K BEEE # S * S R S E: SoöusaESENES * E à 1.7 0 en ser S S 2 FHEELSTOSSS S° T%F.OE E GSESSPOD,„59 S0 S.2 g B1 B85815 P SEIEg B.-5.8 S SG. E BLEg OMSES 5 B BE2S0S& * SHEE 2 525ggEE S S8 85E S#ss- 85 E „Rein Vater Frank, du kommst nicht wieder; bei dem Direktor eines Chicagoer Sensarions. Andreas versuchte zu ür wissen ge blaihe— verlaß’ une nicht,blattes um eine neue Stellung.[„Man nennt das Sug——“ Er sogte: wir wissen es— bieibe— verlaß ung nichl, Vate: Frank—.— bleibe!“„ Ein schriller Pfiff vom Strande her. Die Stimme des Maats:„Beeilen Sie sich; wir müssen zurück!“ „Lebt wohl, Kinder!“. Und schon wollte Fred Frank sich losreißen. Da strömten Leiber um ihn wie dunkle Wogen; nicht vorwärts, nicht rückwärts vermochte er zu schreiten.„Helft mir, Freunde", rief er in seiner Not. Da stürmtei ein paar Matrosen herbei; wieder lagen Gewehrt schußbereit im Anschlag. Da hob Frank die Hände empor und rief, daß es klang wie der Ton einer zersprungenen Giocke:„Freunde! Nicht Blut vergießen! Fahrt zurück-.— ich— bleibe— hier!" -— Weich gleitet das Licht des Mondes wic zarle Frauenhände über die Kämme der Wogen. Dunkel hebt sich eine Gestalt von einer der Klippen, die schroff zum Meere abfällt. Nied Frank steht im Schweigen der Nacht. schaut mit brennenden Augen zur Kimmung hinüber, hinter der der deutsche Kreuzer längst entse wunden ist. Seine Seele ist still geworden. Vor Stunden noch hat er in seiner Binsenhütte gerast. Haß fraß ihm am Herzen gegen diese Meute, die ihn festgehalten. War er nicht ein Narr? Ein Schuß und die braune Schar stob davon. Und was er ihnen erzählt von deutschen Frauen und Mannern? Dann war's eine Lüge; dann waren es Raubtiere, die nach Blut lechzten. Nein. er hatte recht gehandelt. Diese braunen Männer, diese blumenumkränzten Frauen sollten nicht irre werden an ihm— an seiner Volksart. Langsam steigt Fred Frank von der Klippe hernicder. Um seine schmalen Lippen spielt ein schmerzliches Lächeln. Weiß flutet des Mondes Silber über die Insel der Vergessenheit. —.2— Glartes un eine nene Sissuug. „Beingen Sie mir noch für das heutige Anendblatt eine Sache, die sogar mich Auf=berer entgegen,„hker wird nichts als Fezaubert, . d: i— sgate der Brob= nach uralten heiligen Regeln gezaubert von deregt, und Sie sino engagiet:„jugrr der Direktor und glaubte eine Ablehnung ausgesprochen zu haben. Denn was konnte den Direktor eines Sensationsblattes aufregen? „Ich bringe das Gewünschte, oder ich schieße mich tot“, sagte Pitt und verließ das Zimmer. Er stieg eine Treppe hinunter und gab am Anzeigenschalter des Blattes seine eigene Todesanzeige für dus Abendblatt auf. Dann ging er ans Telephon und meldete der Redaktion: „Soebe; hat sich der bekannte Journalist Pitt Young erschossen. Nahrungssorgen und aus Verhatten eines Chicagoer Zeitungsdirektors haben ihn in den Tod getrieben.“ Der Redakteur, der Pitt nicht kannte, witterte die Konkurrenz und veröffentlichte die Moldung. Um 6 Uhr erschien die Abendzeitung. Um 7 Uhr betrat Pitt Young das Zimmer des Direktors. Wie von der Tarantel gestochen, fuhr dieser aus seinem Sessel. „Sie—!?“ „Es hat sogar Sie aufgeregt, Direktor. Ich bin engagiert.“ Er wurde engagiert. Pitt Doung Groteske von Hans Riebau. Pitt Young war Journalist. Nicht in Europa, sondern in Amerika. Das ist wichtig für jeden, der etwa die Absicht hat, etwas über ihn zu hören. Vor einer Reihe von Jahren, gelegentlich King Georges Thronbesteigung, war er nach London gekommen. Die öffentlichen Feierlichkeiten gingen vorüber. Pitt hatte seiner Zeitung eifrig telegraphiert. Die Aristokratie erster Klasse schickte sich an, am Krönungsmahl teilzunehmen, zu dem sonst nur die Botschafter der Broßmächte geladen waren. Kein Pressevertreter hatte Zutritt. Die Absperrung war unerbittlich. Pitt Young tat das einzige, was ihm dennoch den Zutritt verschaffen konnte. Er suchte und fand— eine goldgestickte Einladungskarte. In der Tasche eines alten, zitterigen Peers. Und er durchschritt ohne Hindernis die Sperre vor dem königlichen Palais. Pitt Youngs Zeitung brachte als einzige der Welt die hochbedeutsamen Reden beim Krönungsmahl. Aber als Pitt Young noch an der königlichen Tafel saß und in fliegender Hast seine Manschetten in Manuskripte verwandelte irrte der Herzog von Marlborough verzweisel! im Saale umher. Denn er hatte keinen Stuhl. Wie Pitt Young lebte, so ist er gestorben Die amerikansiche Flotte war zum Manöver ausgelaufen. Pitt Young auf einem kleinen Begreitdampfer, neben dem Kapitän auf der Srüche.„ 4 Schießübungen. Pötzlich saust eine Granate auf den Begleitdampfer. Furchtbare Explosion. Der Dampfer brennt. Die Kommandobrücke stirzt zusammen. Pitt fällt auf den Kapitän. „Tas wird ja ein ausgezeichneter Bericht", schreit er ihm ins Ohr. 84 Tann versinkt der Dampfer und Piur mit ihm. Ruch atalten heinigen Regem gezaubelt, von denen sich ein Einfaltspinsel natürlich nichts träumen läßt.“ Und zu seinem Publikum gewendet:„Meine Herrschaften,— ich hege die oringende Befürchtung, daß dieser bemitleidenswerte Naseweis den Gang meiner Vorführung — und sei es nur durch törichtes Dazwischendenken— stört. Er glaubt nicht an die Macht des wiedererstandenen Hermes Trismegistos. Es ist also im Interesse aller das beste, wenn ich den, der von niemand hergebeten wurde und noch keinen Pfennig auf den Tisch gelegt hat, in Freundschaft ersuche, das Feld, auf dem er läsnig ist, zu räumen.“ Andreas stand starr wie ein Holzgötze und weiß nichts zu sagen. Indessen wendet sich der Zauberkünstter wieder zu ihm und suchtelt mit dem Stäbchen vor seinem Gesicht herum.„So gehe denn davon, mein Jüngelchen, gib Obacht, daß du nicht stolperst X- und laß es dir zur Lehre dienen.“ Andreas macht kehrt, als verstünde sich dieser Gehorsam von selbst. Er sieht, wie die Menschen vor ihm zurückweichen und geht durch eine Mauer gutmütig grinsender Gesichter hindurch. Es ist ihm taumelig zumute, seine Füße sind schwer und scheinen miteinander uneins zu sein. Die Arme fangen von seiber zu schlenkern an. Schließlich wankt er wie ein Betrunkener. Andreas begreift sich nicht und nicht, was mit ihm geschieht. Plötzlich steht er in so pechschwarzer Dunkelheit, daß ihn fliegende Angst befällt. Er wagt einen unsicheren Schritt— und stolpert über ein Tier, das ein großer Hund kann. Undeutliches Gekläff stößt ihm ins Ohr, aber es mag auch ein fernes, böses Gelächter Vor dem beginnt Andreas davonzulau—— Der Jauberer Eine Geschichte von Friedrich Rasche. Andreas ging vom Büro nach Hause. Er ging den Weg, den er seit Jahren zu gehen pflegte: über den Sebaldusmarkt nach der Altstadt. Es dämmerte schon, und die Luft war winterlich kühl. Als er in die Martinsgasse einbiegen wollte, sah er an der Marktecke— josi an der Stelle, die sonst eine alte Obstfrau Der Ministerrat in Washington war versammelt, um zu entscheiden, ob eine staatliche Pazifiebahn gebaut werden sollte oder nicht. Ganz Amerika wartete in höchster Spannung. Aber als die Staatssekretäre auseinandergingen, hüllten sie sich nach wie vor in Schweigen. Die mehr als hundert wartenden Journalisten konnten nichts anderes als ablehnende Handbewegungen ernten. Pitt wandte sich an einen Staatssekretär. „Ich habe meinem Blatte telegraxhiert, daß Sie den Bau der Pazifiebahn im Ministerrat dirchgesetzt haben.“ Dem Staatssekretär fiel die Aktenmappe aus der Hand. „Sind Sie verrückt?!“ „Aber nein, mein Bericht entspricht doch den Tatsachen—“ „Um Gottes Willen, was richten Sie an; widerrufen Sie—“ „So ist also das Gegenteil beschlossen“, konstatierte Pitt Young, machte sich eine Notiz und siog davon. Der Staatssekretär taumelte. Pitts Zeitung war die einzige, die in Riesenlettern die Ablehnung durch den Ministerrat brachte. Und sie hatte recht. Als Pitt Young noch unberühmt war, machte besetzt hielt,— einen jener Zauberkünstler stehen und gestikulieren, die man früher auf Jahrmärkten zu sehen bekam. Menschen drängten sich um ihn. Weniger aus Neugier als in dem Gejüt, es sei die bestimmte Aufforderung an ihn ergangen, näher zu treten, mischte sich Andreas unter die Zuschauer; und da sich gerade eine dicke Frau, auf ihre schlechten Füße schimpsend, aus der Menge herausschob, schlüpfte er in die entstehende Gasse und kam nach einigem Trängeln sogar bis in die vorderste Reihe. Hinter einem schmalen Tisch. auf dem ein dickleibiges Buch, bunte Tücher, Früchte und allerlei Gegenstände lagen, stand der Zauberer. klein und klapperdürr, mit einem Gesicht voll beweglicher Runzeln und mit stechenden, umherspringenden Augen. Er trug einen schwarzen Mantel und auf dem kahlen Kopfe eirotes, spitzes Hütchen, das mit Sternen beklebi war. Wenn er sprach, schossen ihm die Worte spitz und grell aus dem zahnlosen Mund. Zudem agierte er unaufhörlich mit dem unvermeidlichen Attribute aller Hexenmeister, mit einem schwarzen Stäbchen. Er war mitten im Exveriment. Neben Andreas stand ein vollvärtiger Mann mit erwartungsvoll andächtigen Augen. Er hielt in den ausgestreckten Händen ein buntkariertes Taschentuch, in das— sichtbar und befühlbar— ein Geldstück eingewickelt war. Fremdartige Worte schreiend und das Stäbchen schwingend, riß der Zauberer das Tuch auseinsander. Die Münze war verschwunden. Dann zog der Hexenmeister aus seinem Mantel eine Zurone herver, schnitt sie auseinander und entnahm der tropfenden Frucht das Geldstück. Die Menge murmelte beifällig. „Der übliche Hokuspokus", dachte Andreas bei sich und machte Miene wegzugehen. Aber der Zauberer schrie ihm plötzlich ins Gesicht: „Wie da— Hokuspokus? Du ungläubiger Grünling— weißt du denn, wer ich bin? So sehe ich aus!“. Und er tippte dem Verdutzten blitzschnell mit dem Stäbchen gegen die Stirn. Andreas erschrak. Denn er sah nichts mehr vor sich als den Kopf des Zauberers, unförmlich groß wie ein Riesenkürhis, mit kauendem Munde, rollenden Augen und einem emporgesträubten Haarschopf. Diese furchterregende seine Zeitung Konkurs, und Pitt bewarh sichlErscheinung dauerte nur einen Augenblich. .—— „Hier nennt niemand!" eiferte ihm der Zausein. sen. Er fühlt, wie seine Füße feucht und halt werden. Der Boden ist weich wie Schwamm. Userlos dehnt sich die Nacht.„Ich will schreien!“ denkt Andreas. Aber eine unsichtbare Faust, deren Griff er spürt, drückt ihm die Kehle zu. Au oder Finsternis wächst ihm eine Gestalt entgegen; die geht vorüber und grüßt, indem sie den Kopf abnimmt und ihn mit einer großen Geste schwenkt. Andreas erschrickt und bricht doch in ein kicherndes Gelächter aus. Feurige Räder rollen sausend an ihm vorbei. Eben noch ganz erschreckt, kommt in Andreas mit einem Male eine ausgelassene Lustigkeit auf. Er wirft seinen Hut in die Luft, hüpft auf einem Bein und singt mit schriller Stimme:„Ich bin der große Harlekin!“. Wie irrsinnig hüpft er immer auf derselben Stelle. Aber der Boden scheint unter ihm wegzukriechen. Denn nun tauchen Häuser aus der Dunkelheit auf, der Anfang einer verwinkelten Straße.„Hurra— die Martinsgasse!“ singt Andreas im höchsten Diskant. Er springt immerfort und tut doch keinen Schritt vorwärts. Dafür marschieren die Häuser ernst und mürrisch an ihm vorbei. Es sind niegesehene Gebäude mit fremdartigspitzen Giedeln. Vor allen Türen stehen, in allen Fenstern liegen Menschen, aber sie haben Tierköpfe; die nicken ihm pagodenhaft zu. Diese Freundlichkeit erschreckt den Verdutzten aufs neue. Er torkelt und schlägt mit den Armen, als wäre er selbst ein Vogel, der davonfliegen möchte. Plötzlich fühlt er, daß er wieder Herr über seine Beine ist, und er rennt in die Schwärze hinein, die ihn erneut umgibt. Dann sieht er eine kleine Helligkeit und läuft auf sie zu. Das Helle ist ein Kreis; aber wie Andreas zu ihm gelangt, erkennt er, daß es eine große leuchtende Lotosblüte ist. Auf der läßt er sich mit gekreuzten Beinen nieder, als wäre ihm das von irgendwem geheißen. Kaum sitzt er, so sieht er in der Dunkelheit vor sich ein Gesicht, ein großes, schönes und doch furchtbares Gesicht mit steinstarren Augen. Dieses fremde Gesicht erkennt Andreas, und er beginnt laut und langsam zu sprechen:„Ich habe deine Herrlichkeit mißachtet— Hermes Trismegistos— in lächerlicher Einfalt habe ich deine Nacht verlästert— strafe mich, wie ich es verdient habe.“ „Es ist genug!“ sagt das Gesicht. Da fühlt Andreas einen Ruck, der seinen ganzen Körper erstarren läßt. Er sieht das runzlige Gesicht und die stechenden Augen des Zauberers. Sieht, daß er vor dem Tische mit untergeschlagenen Beinen sitzt, daß er beide Arme wagerecht nach der Seite gestoßen hat, und daß er auf allen Seiten von Menschen umgeben ist. Scham und Wut steigen in ihm hoch: er will aufspringen, aber er ist an allen Gliedern wie gelähmt. „Ei— ein— das Jüngelchen“, sagt der berer,„unser große Harlekin! Wolltest du nicht nach Hause gehenk So geh doch endlich: