: 3 22 ** 1•g 2 12 ** 2550 8 88 57.5 9 89 b „ 8— S a. ** 1 8 gene stammelnd. Sein Gesicht war grau wie der Drillich seiner Jacke. „Jawohl— Launen! Gott sei Dank, Launen! In Ihrem Interesse Gott sei Dank! Denn Sie sind kerngesund, alter Freund. Bißchen wüst gelebt früher, he? Aber die Lunge? Tuberkulose? Mensch, Sie versündigen sich ja an sich selbst, wenn Sie so leichtfertig daherreden. Wohl dem, der zwei solch intakte Atmungsorgane in seinem Brustkorb hat.— Sie können geben. Und der Strafgefangene Ernst Wolters schritt taumelnd zur Tür, wo der Wärter ihn in Empfang nahm. Schwankte hinaus wie ein Betrunkener; gleich einem Verbrecher, dem soeben sein Todesurteil verkündet wurde. —— In seiner Zelle kauerte er auf hartem Lager. Wie Bleiklumpen hingen ihm die Hände zwischen den Knien herab. Seine Augen brannten sich durch den schmutzigen Kalk der Wand hindurch in die unendliche Leere. Und die Zelle versank in dieser Unendlichkeit und erstand wieder als süß=trautes Gemach... Das war Linda Lessings Zauberreich; der Hörselberg der schönen, blonden Witwe. Hier saßen sie auf kleinen Hockern im Kreis um ihrer Herzen Königin. In Liebe vergehend. Zwei waren es, die standen in hoher Gunst bei ihr. Ernst Wolters, der reiche Bankierssohn, und Ferdinand Götze, der junge Mediziner. Sie galten als Favoriten im heißen Finifh um die zarte Hand der schönsten Frau. Ehrlichen Kampf kämpften sie um so köstlichen Preis. Aber allgemach spürte es Wolters, daß er obsiegen würde. Ein weicher Händedruck, ein Blick ihrer Augen, aufleuchtend wie blaue Flammen, sagten es ihm. Da kam jener unselige Tag, der mit brutaler Faust alles niederschlug und zertrümmerte. Bei einem Glase Wein plauderten die beiden Rivalen, die das launige Schicksal zu Freunden gemacht hatte. Irgend etwas brachte das Gespräch auf Ernst's Eltern. Sie waren beide längst tot. Der Vater bei einem Automobilunfall verunglückt, die Mutter mit 28 Jahren an Lungenschwindsucht gestorben. Man sprach von der Möglichkeit der Vererbung dieser schrecklichen Krankheit. Und Ernst Wolters, plötzlich von einer unerklärlichen Angst gepackt, bat den Arzt, ihn noch am selben Tag zu untersuchen. Das geschah. Das Resultat war niederschmetternd. Götze stellte fest, daß auch Ernst den todbringenden Keim von Mutters Seite her in sich trage. Nun war alles, alles aus. Denn mit diesem Bewußtsein vor die Geliebte zu treten, ihr blühendes Leben an den morschen Leib eines schon dem frühen Grab Verfallenen zu ketten, — nein, einer solchen Schuftigkeit war ein Ernst Wolters nicht fähig. Er sah die Linda nicht wieder. Stürzte sich kopfüber in den gierigen Strom wüster Ausschweifungen, die sein Blut aussaugten und sein Geld verschlangen. Nur zu! Daß er die Hölle kühle, die sein Herz verbrannte! Und da das Geld in alle vier Winde zerflattert war, der Tod es aber seltsamerweise gar nicht eilig zu haben schien, mußte neues Geld herangeschafft werden. So schrieb er denn Schecks über hohe Summen. Schecks, für die es keine Deckung gab. In einer Bar verhaftete man ihn eines Nachts. Aus den Armen einer Schönen, die auf seinem Schoß saß. Er bekam drei Monate Gefängnis. Vor acht Tagen etwa hatte ihn ein Freund besucht. Hatte erzählt, daß Linda Lessing Braut wäre. Doktor Ferdinand Götzes Braut. Da war eine gräßliche Ahnung wach geworden in Ernst Wolters. Eine Ahnung, die er mit beiden Fäusten ersticken wollte, die aber stärker war als er, die ihm den Schlaf von den Augen riß und die Sinne in Nacht tauchte. Gewißheit! Gewißheit um jeden Preis! Und nun hatte er sie, die Gewißheit: er war gesund, kerngesund! Und Doktor Götze, der „gute“ Freund, der„ehrliche Streiter" im Kampf um die Geliebte, hatte ihn schändlich belogen. Mit teuflischer Niedertracht belogen, um des gefährlichen Rivalen für immer ledig zu sein. „Aber in fünf Tagen werde ich entlassen,“ knirschte Wolters und krampfte die Hände schen den Knien ineinander.„In fünf Tagen...“ —— Als ob die Monate hirnzehrenden Tobens und grauer Zellenöde niemals gewesen wären, so schien es. Denn da malte die Sonne wie einst lachende, leuchtende Kringel im Zimmer der schönen Linda Lessing. Und dort am Fenster stand Götze, die Arme über der Brust verschränkt, und an der Tür Ernst Wolters. Genau so wie früher war es. Wie, ach, so oft früher! Aber da klang die Stimme Götzes, während ihm die Arme herabfielen:„Ernst— Du! Ja, woher in aller Welt kommst denn Du?“ „Spiele keine Komödie!" Langsam ging Wolters auf den Arzt zu, schrie ihm ins Gesicht:„Aus dem Gefängnis, in das Du Lump mich gebracht hast. Du Judas, Du— Du—“ „Um Gottes willen— nicht so laut! Sei doch vernünftig!!" Wie heiser winselndes Flüstern war es, und die Augen Götzes irrten in zukkender Angst nach der Tür zum Nebenzimmer. „Hast mir die Schwindsucht aufgeschwatzt! Mit ehrlichster Biedermannesmiene eingeredet. Um mich ein für allemal auszuschalten. Weißt schon wobei! Hast vielleicht gehofft, ich würde mir in der ersten Verzweiflung eine Kugel vor den Kopf knallen. Aber ich bin gesund wie Du, und die Kugel, die ich mir leider nicht in den Schädel schoß, die soll Dir———“ Die Tür zum Nehenzimmer wurde rasch geöffnet. Linda Lessing glitt schnell über den Teppich. Legte die Hand auf Wolters Arm. In ihrem blassen Gesicht war ein feines und seltsames Lächeln. „Bitte, kein Kinodrama, Herr Wolters! Ich habe alles gehört. Weiß alles. Das soll Ihnen vorläufig genügen.— Nehmen Sie doch Platz, Herr Wolters.“ Sie ging zur Klin Zofe erschien. Linda sagte:„Herr Doktor Götze will gehen. Bringen Sie, bitte, seinen Hut!" Rnisgel, schellte. Eine niedliche —.— Mlani Skizze von Wolfgang Weber. Draußen mochte es regnen. Hie und da durchdrang einmal ein schwerer Tropfen das Blätterdach und fiel klatschend auf die verfaulende Rinde eines gestürzten Baumriesen oder in eine der Sumpflachen, aus denen Luftblasen aufsteigen und träge zerplatzen. Es war totenstill, Affen und Papageien mochten schon schlafen. Nur Nomas Gesang ließ hören, ein paar Dutzend Schritte von mir. Mit seinem Beil schlug er den Weg durch die Lianen, Schlag um Schlag. Das war heute der zehnte Tag in der bleiernen Atmosphäre des Urwalds, der zehnte Tag, ohne ein Zelt aufschlagen oder einen freien Atemzug machen zu können... Die Träger waren weit zurück. Knietief sanken sie bei jedem Schritte ein, oft mußten sie auf einen Baum steigen, um sich ein wenig auszuruhen.8 Um mich herum war niemand zu sehen— nur Mlani folgte mir wie mein Schatten. Ich sah ihn kaum. Aber wenn es hieß, über ein Hindernis zu springen oder über einen schlüpfrigen Baumstaum zu klettern— dann waren es seine Hände, die im Halbdunkel die meinen faßten und mich führten und mir halfen. Er) war der Letzte, den ich abends sah, und der Erste, der morgens vor mir stand, mochte ich erwachen, wann ich wollte. Nie werde ich die Morgenstunden vergessen, an denen ich Mlani, vor meiner Hängematte stehend, erblickte, oft bis zu seinen schwarzen Schenkeln im Sumpf stekkend, aber stets mit lachender Miene und eidampfenden, Kaffeetopf in der Hand.. Mlam hinkre ein wenig. Er hatte eine schnurgerade Narbe am Bein, wie sie unmöglich von einem Leoparden oder Elefanten stammen konnte; aber ich vermied es, ihn auszufragen. Er schämte sich, mit mir über sich selbst zu sprechen. Aber eines Tages hat er mir doch sein Geheimnis erzählt. Unsere Leute waren weit, weit zurück und Noma war sein Beil zu schwer geworden. So setzten wir uns auf einen Stamm und warteten. „Sag' einmal, Mlani,“ fragte ich ihn,„bist du nie verheiratet gewesen wie deine Kameraden?“ Da wurde er plötzlich grau— so etwa, wie wenn wir Weißen erbleichen— und er sah auf seine Narbe. Ich ließ ihm Zeit, und nach ein paar Minuten begann er ganz von selbst. „Ja, Bwana, ich habe eine Bibi gehabt, aber jetzt ist sie fort.“ „Bist du gern mit ihr zusammen gewesen?“ fragte ich ihn. Ich suchte vergebens nach einem Wort in seinem Dialekt, das unserem Begriff des Liebens entspräche. „O ja, Bwana, sehr gern,“ antwortete er, „aber nach acht großen Regenzeiten kam ich einmal von der Jagd nach Hause, da fand ich sie in der Hütte Katulas, meines Nachbarn. Da war ich traurig. Und dann kamen meine Freunde und lachten und sagten:„Siehst du, Mlani, jetzt hast du zwei Kühe für deine Frau bezahlt, und Katula hat gar nichts bezahlt und sie dir weggenommen.“ Und als dann meine Bibi wieder in die Hütte zurück kam, rief ich sie her und sagte: „Wenn du noch einmal fort gehst, werde ich mich vor deinen Augen mit diesem Messer in das Bein schneiden.“— Aber da lächelte sie und sagte:„Dazu hast du keinen Mut, Mlani, das würde nur Katula tun!“— Da auf einmal zitterte ich am ganzen Körper, nahm das Messer und schnitt mich ins Fleisch. Aber ich hatte zu tief geschnitten, ich fiel hin und konnte nicht mehr aufstehen. Da lachte meine Frau, ganz laut, und dann sagte sie:„Jetzt kannst du ja nicht mehr gehen! Katula ist der beste Läufer von allen Bomas, aber du, du kannst nicht einmal aufstehen, du Krüppel!" Dann packte sie ihre Kalebassen und ihre Fetische, sie nahm Mais, so viel sie tragen konnte und ging hinüber in die Hütte Katulas. Als ich wieder gesund war, bin ich fortgegangen von den Boma und immer herumgezogen mit den Wazungu.“— Mlani stand hinter mir, als er das erzählte. Als ich mich umwandte, schrak ist fast zurück. Ich blickte in ein gutmütiges lachendes Gesicht. Kein Fältchen, kein Schimmer von Traurigkeit war darin.—— Mlani ist tot. Der Giftpfeil einer Pygmäe, der vielleicht mir galt, hatte seine schwarze Haut gestreift, und ein paar Stunden später war er gestorben, ohne mit der Wimper zu zucken. Er war mein Freund gewesen, fühlte ich, in dieser Welt mit den seltsamen Pflanzen und den kreischenden Papageien, in dieser Welt die von einem anderen Teil der Erde getrennt schien wie zwei Planeten voneinander. Sein Bruder, der ihn begleitet hatte und zu meinen Trägern gehörte, stand neben ihm. „Mlani ist schnell gestorben, er hat nicht lange leiden müssen", sagte ich leise. Aber sah ich recht?— Er blickte mich lachend an und sagte mit der fröhlichsten Miene der Welt:„Ja, Bwana, furchtbar schnell ist er gestorben!“ Ich war zu starr, um zornig zu werden. „Bist du denn gar nicht traurig, wenn dein Bruder stirbt?“ fragte ich. Da sah er mich ganz verständnislos an und sagte langsam mit einem fast heiligen Ernst, der mir jeden Vorwurf von den Lippen scheiichse: „Wenn mein Bruder tot ist, Bwana, dann müssen wir uns doch freuen und bedanken, daf wir nicht diejenigen sind, die sterben mußten Dann hoben ihn seine Kameraden auf und trugen ihn an eine sumpfige Stelle des Rukarara=Flusses. Langsam sah ich seinen Körper tiefer und tiefer sinken, bis sich der Schlamm über seinem Kopf wieder glättete. Dort ruht Mlani aus; eine Wegstunde von den Quellen des Nils entfernt. Kreuzwortchtsei: S S S SRP BS 8.5 9 5 S 5 SEg # 5 S 5 9## 9, T."— 9* 9 #* BEFT BRIRP APLLEFT Nr. 1 Verantwortlich: H. Semmelmann, Alt Druck und Verlag: P. A. Sanz, Altene Der Landbriefträger Skizze von Franz Adam Beyerlein. Kasischke, der Landbriefträger, ordnete am Tische, leise die Namen vor sich hinlesend, seine Post. Möller, der Vorsteher, lehnte am heißen Ofen und sah ihm zu.„Heute beneide ich Sie weniger denn je, Kasischke“, sagte er.„Es ist ein tolles Wetter!“. Wie zur Bestätigung zitterten die Mauern unter dem Anprall des Sturmes, und die Fenster klirrten. Hart und körnig, wie Hagel, prasselte der Schnee gegen die Scheiben. „Jawoll!“ nickte der Briefträger,„es ist nicht schön draußen, Herr Vorsteher. Der Kösliner Zug hatte zwei Stunden Verspätung, und von den Dörfern ist heute kein Marktfuhrwerk herein. Aber was hilft's? Die Leute wollen ihre Post.“ Er war schon wieder beim Sortieren. „Düsing, Klein=Giehrde“, knurrte er unwirsch. „Klein=Giehrde?“ fragte Möller.„Das ist doch mindestens eine halbe Stunde Umweg für Sie, Kasischke.“ „Sagen wir heute anderthalb, Herr Vorsteher. Aber wenn Düsing seine Zeitung nicht kriegt, ist der Teufel los. Und überhaupt— KleinGiehrde?— Da gibt es noch viel Schlimmeres. In diesem Augenblick fragte der Schalterbeamte durch die Tür:„Ist Kasischke noch da?“ Sogleich ließ er danach einen Herrn in einem schönen Biberpelz ins Zimmer treten.„Sie gestatten, Herr Vorsteher“, sagte er,„Herr Medizinalrat Böttcher möchte Kasischke dieses eingeschriebene„Muster ohne Wert“ noch besonders auf die Seele binden.“ Der Arzt begrüßte den Vorsteher und wandte sich dann an den Briefträger.„In dieser Schachtel ist ein Fläschchen“, sprach er,„daran hängen Tod und Leben. Es ist nach dem Brosiner Leuchtfeuer, und ich glaube, es wird schwer halten dorthin heute, Kasischke. Aber Sie wissen vielleicht, daß Barkusky, der Wärter, Typhus gehabt hat. Das Herz ist miserabel; er muß die Medizin haben. Verstehen Sie, er muß! Sonst geht er mir ein!" In einer plötzlichen Regung steckte er dem Briefträger die Rechte hin. Kasischke schlug ein. „Abgemacht, Herr Medizinalrat“, sagte er schlicht,„wird bestellt, zuverlässig.“ Dann ging der Medizinmann in seinem warmen Pelz. Kasischke aber verstaute seine Post in der Tasche und machte sich fertig zum Bestellgang. „Da haben wir's, Herr Vorsteher!“ brummte er,„das Brosiner Leuchtfeuer hatte gerade noch gefehlt! Dorthin ist das schlimmste Stück Weg.“ „Werden Sie's denn schaffen, Kasischke?“ sorgte sich Möller. : D e r B r i e f t r ä g e r s c h a u t e a u f:„ E s m u ß g e schafft werden, Herr Vorsteher!“ Er war gut geschützt gegen das Wetter. Darauf verstand er sich. Aus dem dicken Wollschal, den er um Kopf und Mütze gewunden hatte, guckten nur noch Augen und Nase heraus. Unschlüssig hielt er einen Revolver in der Hand.„Heute sind sicher keine polnischen Stromer nach meinen paar Postanweisungen unterwegs“, lachte er. „Eigentlich könnt' ich ihn zu Hause lassen.“ Aber er schob das Futteral an den Leibriemen:„Es ist nun mal die Vorschrift.“ Stramm nahm er noch auf der Schwelle Stellung:„Guten Morgen, Herr Vorsteher!" Dann stapfte er hinaus.——— Der Brosiner Krugwirt wollte ihn um keinen Preis fortlassen.„Heute kommt keiner nach dem Leuchtfeuer durch!“ warnte er.„Es ist dein sicherer Tod, Franz!“ Sie waren Kameraden von den Thorner 21 ern her. Aber Kasischke beharrte auf seinem Kopf. Da füllte ihm der Wirt eine kleine flache Buddel und steckte sie ihm in die Tasche.„Der beste alte Korn den ich habe“, sagte er.„Wenn du schlappmachen willst, nimm einen Schluck!“ Kasischke bedankte sich. Als er zwischen den niedrigen Katen die DorfFreitag, 7. Januar nicht mehr ganz frisch war. Er hatte es gar zu schwer gehabt heute. Es roch nach Torffeuer. Aus den Stalltüren quoll warmer Dunst. Eine Kuh muhte, eine Ziege meckerte. Dann blieb das Dorf zurück. Vier Kilometer waren es bis zum Leuchtfeuer, nicht mehr, und von dieser Strecke war die erste Hälfte gar nicht einmal so arg. Der Weg führte im Schutz der grünen Düne hin, deren zähe Kiefern einen leidlichen Windschirm abgaben. Kasischke schritt aus, so wacker er vermochte. Von der See her dröhnte die Brandung. Danach aber stieg er zu der Hochfläche des Kaps hinauf, auf dessen äußerer Spitze der Leuchtturm errichtet war. Dort oben fegte der Orkan mit Urgewalt einher. Er blies in un1927 Nae Erste Flocken Waldher wehen erste Flocken, Die, wie sich besinnend, stocken. Scheu an kahle Bäume rühren Und dann wieder weiterspüren. Plänkler sind es vor der Front Jenes Heeres am Horizont, Das den dunklen Himmel säumt Und von schnellen Siegen träumt. Wie sie wirbeln, wie sie wandern, Immer eine nach der andern, Selbst sich hetzend und gehetzt, Bis auf einmal wirbelfroh Schnell verdunkelnd Tor und Turm Das gewaltige Heeresgros Jäh entfesselt, hoch im Sturm Ueber alle Dächer setzt. F. Schrönghamer=Heimdal. 188 T gleichmäßigen, böigen Stößen. Zuweilen ließ er heimtückisch nach, sogleich aber raste er wieder heran und stieß wahrhafte Schneemauern vor sich her. Die Augen erblindeten und die Wangen wurden blutig geritzt von den körnigen Massen. Sand, der feine Dünensand, war auch dabei; er knirschte zwischen den Zähnen. Die Luft brüllte, sang und pfiff, zischte und heulte. War es der Sturm. der die Erde erbeben machte oder wollten die Wogen das Land verschlingen. Fernab durch den Schleier der Böen brodelte die See, ein einziger weißschäumender Gischt. tiesse Der kleine Mensch rang wider die entfesselte Natur. Wenn der Nordost herangaloppiert kam stemmte er sich mit dem Rücken gegen seine Wucht, oder er duckte sich in die Knie. Dann tat er wieder ein paar kümmerliche Schritte vorwärts. Seine Gedankes aber gingen ihre eigenen Wege.„Ich komme niemals durch“, dachte er.„Aber versucht muß es werden. Möglich auch, daß ich mein Leben dabei verliere. Wofür eigentlich?— Der Leuchtturmwärter ist keiner von den besten; er mißhandelt die Marie, seine kleine blonde Frau. Es wäre nicht schade um ihn.— Und es gab eine Zeit, da hatt' ich die kleine blonde Marie selber gern. Aber freilich: eine Mutter und eine Frau ernähren— dazu reichte das Gehalt nicht. Und jetzt? Wenn ich jetzt sterbe, wer sorgt für meine alte Mutter?— muß ins Armenhaus. Aber— was hilfts?“ Mit einem Mal blieb er stehen.„Es geht licht mehr“, sagte er ganz laut,„es geht nicht mehr.“ Er hatte Lust, sich langsam in den zu legen. So müde war er plötzlich. Die Knie zitterten ihm, und das Herz klopfte zum Zerspringen. Da erinnerte er sich, schon einmal hatte er sich dasselbe gesagt:„Es geht Masuren, als Meldegänger von der 3. Reservedivision hinüber zum 38. Korps, durch Wald und Sumpf, durch Sturm und Schnee. Und es war dennoch gegangen. Mit einem Ruck raffte er sich auf. Alle Wetter! Da war ja noch die Buddel vom Brosiner Krugwirt! Er nahm einen Schluck von dem alten Korn. Vorwärts! Wie weit konnte es noch sein bis zum Leuchtfeuer? Da war ja schon die Bake mit den Dreiecksbalken! Aber das war es: das dickste Ende kam nun noch! Wollten ihm die Knie brechen? — Unsinn! Aber er sank zusammen. Da, als er sich wieder aufrappeln wvollte, immer vergebens, faßte er zufällig den Kolben des Revolvers. Er hatte einen Gedanken: ja, das war die Rettung! Mit klammen Fingern zog er die Wafse aus dem Futteral, und als die Böen einmal schwiegen— fast feierlich lange, dünkte ihn —, schoß er ein=, zwei=, dreimal. Notschüsse, wenn schon nicht von der See,— das mußten sie hören im Leuchtturm. Und richtig: er lag schon längst im dicken Schnee, da winselte und heulte es sich an ihn heran. Eine feuchte Schnauze stuppte ihm ins Gesicht. Das war Tell, der Wolfsspitz vom Leuchtturm. Und hinterdrein kam die kleine blonde Marie, ganz eingemummelt in Wolltücher. Sie las ihn auf von der Erde und führte ihn zum Wärterhaus. Es waren nur noch 50 bis 60 Schritte hin. Und sie riß ihm die Medizin, die er stumm hinhielt, aus den Händen. Dann träufelte sie die Tropfen auf einen Löffel und gab sie dem röchelnden totenblassen Mann im Bett. Und siehe: das Röcheln beruhigte sich nach einer Weile zu gelindem Atmen, und die Blässe des Antlitzes wich. Kasischke sah alles wie durch einen Nebel. Und dann fiel die kleine blonde Frau unvermittelt vor ihm in die Knie und küßte ihm wahrhaftig die Hand. Alsbald aber hatte er eine Tasse heißen Kaffee vor sich. Es flimmerte ihm vor der Augen, es war ihm unbeschreiblich warm und wohl. Plotzlich aber sagte er:„Frau Barkusky, Sie müssen mir auch noch quittieren. Die Sendung war eingeschrieben.“ In der Nacht erst wanderte er heimwärts. Der Sturm war allmählich eingeschlafen, nachdem er zuletzt den Himmel rein gefegt hatte. Die Sterne funkelten. Es war bitterkalt. Kasischke fror trotz seines Wollschals. Aber er fand, es lasse sich beinahe angenehm gehen.——— Tags darauf fragte der Vorsteher:„Na, Kasischke, wie war das gestern mit dem Brosiner Leuchtfeuer?" Der Briefträger sortierte am Tisch seine Post. Er hielt einen Augenblick inne und ließ ein vielsagendes gleitendes Pfeifen hören. Dann antwortete er achselzuckend:„Dienst ist Dienst, Herr Vorsteher.“ Im ein Haar Skizze aus dem Leben eines Spiekers von Ulrich Eck, Bad Nauheim. Es war gegen 10 Uhr abends, als Hello Erichsen den Spielklub betrat. Er war eine den meisten Spielern wohlbekantne Erscheinung. Fast alle wußten, daß er aus seinem feudalen Leben im Frieden über den Krieg und seine welterschütternden Folgen hinweg zwei alte Schwächen in die Gegenwart übernommen hatte: Karten und Frauen. Er spielte mit beiden, munkelte man. Heute abend war er glänzender Laune. Er wandte sein scharf geschnittenes Gesicht lebhaft gerötet seinem Gegenüber zu. Graf von Borghese blickte fragend von seinen Karten auf. sis waren sich nicht sehr gewogen, die beiden Kavaliere. Es war ein offenes Geheimnis, daß einmal eine Frau zwischen ihnen gestanden hatte. Wer von ihnen damals den Sieg davon trug. wußte keiner zu sagen. Aber bei beiden schien eine Wunde unvernarbt. „Sie scheinen in Stimmung?“ erkundigte sich * Swozx, BItJOM a SAn#SSkehrt hatte. sich nervös burch sein kiefschwarzes Haar.„Glück in der Liebe?" „Wer weiß!“ gab der andere geheimnisvoll zurück. Und er dachte an den nächsten Tag, er bei der Frau seines Freundes zum Tee eingeladen war. Er liebte die blonde Frau Inge, #ten Mann bereits die Fünfziger weit überschritten hatte und geschäftlich so stark in Anspruch genommen wurde, daß er seine junge Frau darüber etwas vernachlässigen mußte. Hello Erichsen ahnte, daß er Frau Inge nicht gleichgültig war. Sie kannten sich nun an die drei Jahre, seit er im Hause ihres Mannes verund Freundschaft mit ihm geschlossen Bei seinen letzten Besuchen glaubte er zu merken, wie der anfängliche Widerstand Inges gegen seine werbende Männlichkeit nachließ.— Von dem morgigen Tag erhoffte er eine Entscheidung Hello Erichsen lächelte träumerisch. Dann wurde er übermütig. Ein siegesgewisser Strom der Freude durchrann seine Adern. Er trank Sekt Baid fühlte er, wie er sich nicht mehr in der Gewest hatte. Aber heute wollte er es zwingen: Er spielte wie ein Toller, machte die wagzalsigsten Manipulationen. Aber im Spiel war er der ruhigen, aristokratischen Ueberlegenheit des Grafen Borghese nicht gewachsen. Als er um 1 Uhr morgens den Spielsaal verließ, hatte er an den Grafen eine Ehrenschuld in Hohe von 25 000 Mark, zahlbar bis abends 7 Uhr.—Nach schwerem Schkaf wachte Hello Erichsen gegen 10 Uhr morgens auf. Langsam kam ihm die Erinnerung. Weiß Gott, er hatte gehandelt wie ein dummer Junge. Das war nun sein Sieg auf der ganzen Liniel Begehrlich hatte er nach der Frau des Freundes geschielt— fürchterlich hatte ihn das Schicksal getroffen. Er konnte zermalmt werden von diesem Schlag. Bleiern schlichen die Stunden. Dann stand er vor Frau Inge. „Mein Freund, wie sehen Sie aus?“ fragte Züge waren schlaff, sein mein leise und fuhr sich müde über die Stirn.„Ich habe gestern gespielt— wie ein Wahnsinniger“, stieß er hervor. „Bis heute abend muß ich eine große Summe zahlen, oder ich bin verloren— ehrlos.“ Ein Krampf schüttelte ihn. Er schlug den Kopf in die Hände und schluchzte hemmungslos. Eine große Stille war im Zimmer. Auch war erschüttert. Dann kam wieder sie Langsam erhob sie sich, ging und blickte eine Weile auf den sonn tag da draußen. Dann sogte sie st. einer hann hier helfen, Hello. Das Mann. Er wird es tun, verlassen Sie sich darauf. Gehen Sie zu ihm, bitte, gehen Sie sofort.“ Schwankend erhob sich der Mann. Weiß war sein Gesicht. Mit beiden Händen griff er nach dem Rettungsanker.„Ja,“ sagte er heiser, „Friedrich wird helfen. In plötzlich auftauchender Scham fenkte er das Haupt. Dann blickte er Inge scheu an und verließ wortlos das Haus.—— Friedrich Nordhaus, der Hauptkassierer der Devisen= und Effektenbank, war sehr überrascht, als er gegen 5 Uhr den Besuch des Freundes erhielt. Er schüttelte unmerklich den Kopf, während Hello erzählte, ließ sich aber nicht im Singsten die Erregung anmerken, die seine Klellungen auf ihn machten. Als der andere geendet, fragte er fast geschäftsmäßig:„Und wie denkst du dir die Rückzahlung, mein Lieber?" Plötzlicher Schreck durchzuckte Erichsen. Daran hatte er noch nicht gedacht. Ihm war es vorerst um die Begleichung seiner Spielschuld gegangen „Ich habe etwa 70000 Mark in bar in meiner Kasse", erklärte Nordhaus langsam.„Morgen und übermorgen sind größere Einzahlungen zu erwarten. Der Freitag aber wird hohe geldliche Anforderungen stellen. Bis dahin muß das Geld wieder in meiner Kasse sein, sonst Er zuckte die Achseln. „Ich muß versuchen, das Geld im Spiel zurückzuerhalten“, sagte Hello tonlos.„Hilf mir Friedrich! Ich will es dir danken.“ Langsam ging Nordhaus in den Kassenraum und zählte mit kühler Ruhe 25 Banknoten ab. Er verwirklichte einen schier unglaublichen und unverantwortlichen Entschluß.—— Am übernächsten Nachmittog gegen 6 Uhr wurde Friedrich Nordhaus in die Brektion gerufen. „Mein lieber Herr Nordhaus“, sagte der erste Direktor freundlich,„ein Schreiben unserer Zentrale kündigt uns für morgen vormittag eine Hauptkassenrevision an.“— Er machte eine kleine Pause.—„Ich darf wohl als selbstverständlich vorgnosetzen, das bei Ihnen alles in gle! Ordnung befunden wird?“. Fragend blichte er über seine Gläser hinweg den Hauptkassierer an. Dieser nickte gelassen.„Meine Kasse ist in vollkommener Ordnung,“ sagte er kangsom. können sich darauf verlassen.“ Als er aber dann wieder draußen stand, schwankte er leicht und fühlte, wie ihm kalter Schweiß auf die Stirne getreten war.—— Seit 8 Uhr war Hello Erichsen an diesem Abend schon im Klub. Gegen 7 Uhr hatte ihn kin Freund telephonisch von der bevorstehenden ievision benachrichtigt. Tausend Gedanken gen ihm durch den Kopf. Es war unmöglich, nern“ jetzt klar zu denken. i#m das Glück nur ir zu den einmal hold wäre! Dann hatte er langsam und vo nen, zu spielen. Nicht unglücklich... aber vergeblich. Als er sich um 12 Uhr erschöpft im Vorzimmer ein Glas Wein bringen ließ und das Fazit des Abends zog, mußte er feststellen, daß er es nur auf etwa 500 Mark gebracht hatte. K Blaß schleppt der Tag... Blatz schleppt der Tog und müd' sich hin, die Berge drohen grauverhangen, und fröstelnd geht ein großes Bangen durch Feld und fahles Wiesengrün. Schwarz steht der Wald wie eine Wand, die Welt liegt still und abgeschieden und hat doch nichts von jenem Frieden, der lösend allen Schmerz entspannt. Da glimmt im Tale auf ein Licht und will die grauen Schatten trinhen, so tröstlich ist sein helles Blinhen wie eine neue Zuversicht. Lotte Ziedler. Leise umtastete seine Rechte den Revolver, den er zu sich gesteckt hatte. Mußte es so zu Ende gehen? Er versank in tieses Sinnen Eine Stimme schreckte ihn auf. Graf von Borghese war noch zu später Stunde in den Klub gekommen und hatte ihn in seiner Ecke aufgestöbert—„So nachdenklich, lieber Erichsen?“ ragte er, entlockte seinem Mund zierliche Rauchwölkchen und lächelte müde dabei.„Wie wäre es mit einem kleinen Spiel? Ich bin Ihnen noch Revanche schuldig.“ Wie unter einem Zwange erhob sich Erichsen. Wollte ihn der andere ganz verderben? Fast feindselig blickte er ihn an. beer Graf von Borghese kam ihm nicht ganz heirscht, sondern leicht erregt vor. Wenn jetzt die Ruhe aufbrächte, die jener vor einie zenden besessen? Und wenn ihm das Gluck setzt lachte, die Wage des Schicksals sich auf seine Seite neigte“ „Sekt, Kellner! Bringen Sie Setzt!" rief Vorghese einem Ganymed zu. Hello Erichsen hörte es haum. Sicher und ruhig folgte er seinem Partner ins Nebenzimmer... Um 4 Uhr in der Nacht fuhr vor dem Hause friedrich No ein Auto vor. Ein von Friedrich Nordhaus schrilles Hupensignal ertönte. Hello Erichsen sprang federnd aus dem Wagen und blickte schnell nach oben. Es brannte noch Licht Oben fiel sch es ist alles, alEr klingelte und flog die Treppe hinauf. stand stumm und ernst der Freund. Würgen stieg auf aus Hellos Brust. Er dem Freund um den Hals und stammelte: habe das Geld, ich habe es es gut.“ —— Morgens um 7 Uhr war Nordhaus bereits in der Bank. Die Revisoren, die bold darauf an die Arbeit gingen, hatten nichts zu erinnern. Alles stimmte. Abends saßen Nordhaus, Frau Inge und Hello Erichsen bei einem besonders edlen Tropsen zusammen. „Um ein Haar“, sagte Nordhaus,„und ich wäre verloren gewesen. Aber die Vorsehung hat es anders mit uns vorgehabt.“ „Ja, um ein Haar“, sagte Erichsen versonnen, „und wir sätzen heute abend nicht so beglückt zier Laßzt uns die Gläser erhebeg und auf unete Freundschaft trinken, daß jie echt und wahr bleibe... „Und treu!“ ergänzte Frau Inge. Ihre Wimpern schimmerten seucht.— Dann klangen hell Dia Gilder Protektion Skizze von Grete Massé. Else stand am Gartenzaun und sah ihrem Verlobten entgegen. Sie sah ihn kommen und ihr siel auf, daß sein Schritt schwer war und langsam. Seine Züge waren blaß und schienen viel länger geworden zu sein, gestreckter, auch gespannter. Er ging in Nachdenken versunken. Gram oder schwerer Ernst umwölbte seine Stirn. Da schaute er auf und erblickte sie, wie sie da am Gartenzaun stand, in ihrem selbstgeschneiderten Kleidchen, eine Brille vor den überanstrengten Augen, Nächte durch überanstrengt bei der schlecht bezahlten Arbeit des Uebersetzens aus fremdsprachigen, hauptsächlich shandinavischen Büchern ins Deutsche. Sofort trat in sein Gesicht ein anderer Ausdruck. Er lächelte. Etwas Krampfartiges, Geringste Andeutung gelegen. Er trägt eine Maske, dachte Else. Anderen gegenüber vielleicht nicht. Aber für mich setzt er diese Maske auf. Er war nicht darauf vorbereitet, mich jetzt schon hier zu sehen. Er flaubte, ich wäre um diese Stunde noch beim Verleger. Sonst hätte er die Maske schon eine Straße vorher aufgesetzt.“ Friedrich war nähergekommen. Während er die Pforte aufstieß, sagte er:„Erkältest du dich nicht hier im kalten Winds Zu hättest eine Jacke überziehen sollen.“ „Ich bin eben erst in den Garten gegangen, Friedrich“ Sie hängte sich an seinen Arm. Durch die Brillengläser sahen ihre Augen fragend zu ihm auf.— Er biß nervos mit den Zähnen auf die Unterlippe. Er wußte, auf was für eine Frage sie Antwort begehrte. Aber die Antwort saß ihm In der Kehle und wollte nicht heraus. Da senkte sie den Kopf. Ueber die Gläser ihrer Brille lief ein Hauch, der sie trübte. Ihre Wimpern zitterten feucht von einer Träne, die sie nicht zurückzudrängen vermochte. An seinen Arm gehängt schritt sie dem Hause zu.— Es war ein schweigsamer Mahl... Die Mutter las in den Gesichtern der Tochter und des Schwiegersohnes, und sie wußte: die Hoffnung war wieder vernichtet. Da warteten nun diese beiden, diese Brautleute, Jahr um Jahr, daß Friedrich in der Firma, in der er schon die Lehrzeit durchgemacht, auf einen Posten aufrückte, der ihm die Heirat ermöglichte. Waren sie nicht schon sieben Jahre verlobt? Oder waren es gar schon neun? Die alte Frau schüttelte bedauernd den weißen Kopf. Ihr war das Leben einst nicht so schwer gemacht worden. Sie war eine Tochter aus gutem, wohlhabendem Hause gewesen, der, ohne Kämpfe zu bestehen und durch lange Wartezeit zermürbt zu werden, die Ehe mit dem Auf einmal spannten sich seine Musheln. Dersersten Mann ermöglicht wurde, den sie liebte. Man hatte immer in guten Verhältnissen gelebt. Dann war der Krieg gekommen. Ihr Vermögen hatte wie viele andere die Inflation geschluckt. Else mit ihren Sprachkenntnissen und ihrem feinen Sprachgefühl hatte sich einen Erwerb verschafft mit dem Uebersetzen von Romanen. Der Erlös reichte knapp für das tägliche Leben. Der Verdienst von Friedrich Kerst wurde aufgebraucht für seine ewig kränkelnde, von Sanatorium zu Sanatorium ziehende Mutter und eine blinde Schwester. Wenn er höher rückte auf den gut bezahlten Posten, wäre es ihm möglich gewesen, auch noch die Pflichten für einen eigenen Hausstand zu übernehmen und Else von ihren Lasten zu befreien, bevor sie sich ganz die Augen verdorben hatte. Dieser erste Posten in der Fabrik war ihm auch von dem ersten Direktor wiederholt zugesagt worden. Aber Strachnitz, der zweite Direktor, wußte immer wieder einen Günstling vorzuschieben. Der Mann hatte selbst sechs Töchter. Er hoffte, durch die Protektion, die er ausibte einen Schwiegersohn zu gewinnen. Mancher sprang ja ab, wenn er merkte, mit welchem Preis er diese Protektion bezahlen sollte. Aber indere ließen sich, mehr oder minder freiwillig, sesseln. Zwei Schwiegersöhne hatte sich Strachnitz auf diese Weise schon errungen. Allmählich hatte er ihnen auswärts andere Posten verschafft. Wenn Kerst dann glaubte, nun an die Reihe zu kommen und sich selbst sein Glück gründen zu können, wußte es Strachnitz wieder so einzurichten, daß ein Mann seiner Protektion an jene Stelle kam. Indessen rann die Zeit.. Kerst sah das Märschen, das er liebte, verblühen und fühlte, auc ihm ham allmählich die Freudigheit abhanden 333 =*• 8 E 6 * 10 Bitternis erfüllte ihn. Was nützte aller Geschäftesinn, alles Können. Ueber ihn wurde doch hinweggeschritten, und Leute, die ihn an Qualität nicht erreichten, wurden an einen Posten geschoben, der ihnen nicht gebührte. klein, unansehnlich, kränklich und von wenig kaufmännischer Begabung. Aber Strachnitz brauchte einen Mann für die vierte Tochter, die sich durch zu auffallenden Flirt mit jungen herren der Gesellschaft um den guten Ruf gebracht, der durch eine schnelle Ehe wieder hergestellt werden sollte. Kerst wußte, es gab ein Mittel für ihn, auch von Strachnitz protegiert zu werden. Aber er hatte alle direkten und indirekten Anspielungen dieser Art mit solcher Absichtlichkeit mißverstanden, daß Strachnitz sich beleidigt zurückgezogen. Nein,— auf diese Weise wollte sich Kerst den ersehnten Posten nicht verschaffen! Das Mädchen, das ihm sein Herz geschenkt, ließ er nicht im Stich. Die durch Ueberarbeitung in der Sehkraft geschwächten Augen Elses sollten um seinetwillen nicht auch noch Tränen vergießen. Aber diesesmal traf ihn doch die Enttäuschung so schwer, daß ihn, als er abends die Braut und die Schwiegermutter verließ, die Verzweiflung überfiel. Seine Schritte lenkten, ihm selbst unbewußt, in jenen Weg, der zum Fluß führte. Und als er da an die Brücke kam war es, als drücke ihn die mächtige Faust eines Unsichtbaren nieder über das Bruckengeländer. Das dunkle Wasser unter ihm schien ihm eisige, schwarze Finsternis ins Gesicht zu hauchen. „Kalt ist der Tod. Kalt!“ dachte er noch.... Dann fühlte er, daß er sank— sank. —— Else stand im Flur der Fabeik und wartete auf den Direktor. Sie wollte ihm Mitteilung machen, daß Kerst einer schweren Nervenüberreizung wegen mit der Arbeit aussetzen müsse. Sie lehnte da, blaß, noch immer leise durchrieselt von jenem Zittern, das sie empfunden, als man ihr die Nachricht gebracht, Kerst wäre ertrunken, wenn ihm nicht ein der Brücke sich nähernder Schutzmann nachgesprungen. Nun lebte er. Aber Else konnte ihn nicht ansehen, ohne Angst in sich zu spüren, so fahl und krank sah er aus. Der Wilderer Skizze von Ernst Franz=München. Der Peter war einer der schneidigsten flichttreuesten Jäger im großen pautsächlich zu dank. und ergrevier. war es hautsächlich gnen, daß das kildererunwesen fast vollig erlosch. Nur hie und da in einer finsteren Nacht knallte es durch den Forst, daß der von seinem Heulager auffuhr, als hätte ihn einer von unten her mit einer Heugabel gekitzelt. Er fluchte ellenlange Gesetzin ab, rannte dann in die Nacht hinaus und suchte wie ein Schweißhund nach dem Wild. Er hannte den Wilderer, er hannte den Ton der Büchse. Immer war es derselbe. Das ärgerte ihn am meisten. Freilich, der Hohenleitner Toni hannte die Wege und Stege auch, so gut wie der Peter; und wenn er sich auf einem seiner nächtlichen Jagdzüge befand, so wußte er auch, daß der Peter auf dem Weg war, still, Augen und hhren weit offen. Ein Herr kam den Flur entlang.„Warten Sie auf mich, mein Fräulein?“ fragte er.— Sie hielt den Herrn für den zweiten Direktor Strachnitz und sagte:„Ja, Herr Direktor.“ Aber als sie mit dem Herrn ins Büro ging, sah sie an seiner Bürotür ein Schild mit dem Namen: Tettenbor.— Erst wollte sie sich zurückziehen und sagen, daß sie mit Strachnitz sprechen wolle. Aber plötzlich kam ihr eine Erleuchtung. War Strachnitz nicht das böse Prinzip in Kersts Leben, das mit dem ihren so eng verflochten war? Eine Energie überkam sie plötzlich, die sie ihrer schwachen Natur gar nicht zugetraut. Sie reckte sich entschlossen auf und dachte:„Jetzt werde ich sprechen. Mag daraus e chen; was will.“ Und sie sprach wirklich. Verschwieg nichts. Und ihre Stimme, die die ganze Zeit über fest geblieben war, zitterte nur ein wenig, als sie erzählte, daß Kerst in der Nacht vorher den Tod gesucht. Der Mann ihr gegenüber hörte aufmerksam zu, strich nur dann und wann mit der blassen, schönen Hand über den Bart und sagte:„So, so! Dies ist der Tatbestand. Alles rückt in eine neue Beleuchtung. Man hat mir das immer ganz anders vorgestellt...“ Er sogte nicht viel, als Else geendet. Aber er entließ sie mit einem so hoffnunggebenden Blick und einem so festen Händedruck, daß Else aufatmete und deutlich fühlte: nun kommt die Wendung. Hier, in diesem Bereich, geht das Regiment der Protektion zu Ende. Und dem Verdienst wird sein Recht.— Der kleine Lehrling Struve, der einen erbitterten Wortwechsel zwischen den beiden Direktoren hörte, legte das Ohr an die Tür um zu lauschen. Leider aber kam jemand die Treppe herauf, so daß er seinen Platz aufgeben mußt Aber er lächelte befriedigt, denn er hatte vernommen, daß der Direktor Tettenborn gesagt: „Sie haben mich jahrelang mit Ihren Lügen und Ihren. Intriguen eingewickelt, Strachnitz. Sie haben sich mir vorgestellt und keinen an mich herangelassen. Sie haben die verantwortdisten Posten in meiner Fabrik nicht mit den chtigsten, sondern mit unfähigen Leuten Ihrer loiektion besetzt. Die Geduld, die ich mit hnen gehabt##, ist zu Ende! Unsere Wege rennen sich, Herr...“ Winterzauher Des Winters Zauber um mich her! Gar zart und leise fällt der Schnee. Vereist, hell glitzernd liegt der See, Ein Schweigen ringe— so ernst und schwer. Der Tag ist nur ein kurzer Traum! Ein seltner Gast der Sonnenschein. Im winterstummen Park allein, Däucht mir die Welt ein kleiner Raum, Durch den des Herrgotts Allgewalt Im heiligen Erleben schwingt— Ein Glockenton ganz fern erklingt, Der leise, leise bald verhallt. Friede Callzier. s4. KET Gegen den Toni war sonst nichts einzuwenden. Er war ein solides, ehrliches Mannsbild. Nur das Jagern konnte er nicht lassen. Nicht deswegen, weil er dabei verdienen wollte— er war eines Großbauern Erbe—, sondern weil, so schien es, von Urväter Blut her das Verlangen nach wildem Umherstreifen in ihm plötzlich wieder auflebte. Das Verlangen nach Gefahren, nach freiem Leben. Der Peter und der Toni waren sich nicht feind. Beileibe nicht. Sie gingen oft tagelang beim Holzausmessen selbander in tiefster Eintracht durch die Wälder. Doch beim Auseinandergehen konnte der Peter sich nicht enthalten, immer zu sagen:„Dawisch'n, wenn ich dich tu, Toni, Gspaß kenn ich kein.“ Und der Toni ganz bockschen:„Bist narrisch word'n? Wo sollst mich dawisch'n?“ „Beim Wildern wohl, wo sonft nachher?“ „So is recht,“ sagte der Toni.„Da werst lang such'n müssin. Es war ein eigentumnches Verhältnis zwischen den Beiden. In einer Nacht jedoch war es ganz arg. Da mußte den Toni höllische Lust umgarnt haben, denn es knallte derartig durch den Forst, daß die Schüsse bis in das einsam gelegene Haus des Forstmeisters hörbar waren, der gerade bei einer Pfeife am Tische saß. Der Peter war schon lange, teils im Galopp, teils in schleichenden Bewegungen auff der Suche. Er dampfte vor Wut und Schweiß und erstickte fast an den Flüchen, die er hinunterschlucken mußte. Aber jetzt sauste auch der Forstmeister auf, blähte die Backen und prustete etwas hervor, das sich nicht wiedergeben läßt. Zog seine Schuhe an, hängte die Büchse um und stürmte hinaus in die Nacht. „Kein Pardon,“ knirschte der Peter,„wenn ich den Himmelkruzitürkenbombenelementbazi derwisch'n tu.“ Mitternacht war längst vorüber: Der Mond stand über dem Wald und wurde durch langsam ziehende Wolken bald leicht, bald ganz verdeckt. Ein trügendes Zwielicht siel durch die Stämme, täuschte Schatten vor die wie schleichende Menschen schienen. Der Peter blieb alle Augenblicke hinter einem Stamm verdeckt stehen und schaute und horchte. Wenn eine schwarze Wolke den Mond gänzlich verdunkelte, schüttelte es ihn vor Zorn. Dann stand er in stockfinsterer Nacht und heulte fast vor Wut. Gerade als wieder eine pechschwarze Wolkenjahne unter dem Mond dehtostrich, hörte der Peter einen Ast knachken. Wie ang blieb er stehen. Hielt den Atem an und pretzte seine Augen in die Finsternis, daß sie hervorstachen wie bei einem Krebs. Ganz in seiner Nähe stand der Toni an eine Tanne gelehnt. Er fühlte die Nähe seines Gegners, er roch den Schweiß. Langsam rutschte er an dem Stamm nach unten und jetzte sich ins Moos voll reumütiger Gedanken... Es war ihm recht ungemütlich. Er gelobte sich und schwur bei allen Heiligen, nie mehr zu wildern, wenn er dieses Mal nicht ertappt würde. Was würde sein Vater sagen, der von nichts wußte und gerade Bürgermeister war. Eine solche Schande! Gott sei Dank blieb es stockfinster. Was aber, wenn die gute Wolte vorbei war? Plötzlich horchte er auf. Ganz deutlich hörte er Schritte vom Tal unten heraufkommen. in nächster er und drehte tung, aus der bist hin. Jetzt hilft kein HeitigTeuft. Jetzt hast an Dreck im Schachterl und hannst kläppern damit.“ Der Schweiß rann ihm über den ganzen Körper. So elend —„bwartins! zu machen.„Abwark'n, duck dich nei ins — Er schrumpfte immer mehr zusommen. Doch die Schritte kamen näher. Setzten und tasteten wieder zu ihm her. Jetzt waren sie keine zehn Schritte neben ihm. Sie stockten. Gingen— vorbei. Der Tont hörte sein Herz hämmern und fühlte wie seine Füte zu zittern begannen. In Todesängsten hauerte er im Moos, als wäre er schon gestorben. Plotzlich hörte er ein großes Gepolter und leich darauf die Stimme des Peters:„Had ich sich endlich, du abg'räucherter Lump, du Wilddieb, du abg'schelchter, du lanzhaxete Vogelscheuch, du—“ Den letzten Kosenamen hörte der Toni nicht mehr, er rannte den Berg hinab durch Dick und Duan. Droden gab as eine arge Enttäusch den Peter. Als er endlich seinen Wortso geendet und sein Opfer etwas zu Luft kor lietz, hörte er erst nur ein Schnappen nach Luft. —„Schnauf aur,“ räsonierte der Peter,„wür schad g’wes'n, wenn d' erstickt wärst.“ „Recht freundlich von dir, Peter,“ sagte der Forstmeister mit zittriger Stimme.„Wirtlich idlich. Auch dreo, daß du meine Joppe ###e vorüber, und ein herrlicher Silberstrahl ergoß sich über die Beiden. „Kreuzbombenelement!“ fluchte der Peter in höchster Wut,„da kunnst doch glei auf'm Bauch rutsch'n bis in Türket hintere. Was tun denn Sie da herob'n!“ „Du wirst doch gestatten, duß ich auch nach Wilderern suche. „Freili, aber grad jetzt, ind ich ihn derwischt hätt. „So, so, das ist freilich Pech. aber trotzdem seh ich, daß du ein schneidiger nerl bist, Peter. Jetzt hab' ich aber genug". Peter und Forstmeister gingen magsam don Berg hinan zur Jägerhütte. Die Geschichte aber hatte zwei Vorteile. Erstens wurde der Peter befördert, und zweitens wilderte der Toni seit dieser Nacht nie mehr. —(2— Der Nichtspruch einer Frau Skizze von Karl Müller=Ralberg. „Sie können sich wieder anziehen.“ Der Strafgesangene Wolters stülpte des Hen über und schllustte in den gumen PrllVon der Waschtoilette ham die Stimme des Arztes:„Was bezwecken Sie eigentlich mit Ihrer ständigen Behauptung. Sie litten an Lungentuberkulose?“ „Be— bezwecken?“ stotterte Wolters. Mit zitternden Fingern nestelte er an den Knöpfen seiner Jacke. „Nun ja, natürlich: bezwecken! Seit einer Woche liegen Sie dem Aufseher damit in den Ohren und drängeln, untersucht zu werden. Wann läuft denn Ihre Zeit hier ab?“ „In fünf Tagen“, murmelte Der Arzt troe der Gefangene. ####ianete sich die Hände. Schüttelte verständnistos den Kopf. „Komischer Kauz. Und nun auf einmal kurz vor Toresschluß diese sonderbare Anwandlung. iiden., Schmerzen, sicht Haben Sie denn Bese es beim Atmen?“ „Richts dergleichen“, sagte Wolters letse. Der Arzt tachte ärgerlich:„Da hört aber doch verschiedenes auf! Wenn jeder mit solchen Launen kommen wollte, könnt' ich—— Lau— Laupen?“ unterbroch ihn der Beion.