so zerkreten, daß ich wieder Kind werdensden muß!" Neister Olfenhut küßte sie lange und stumm, dann wies er auf die Tote:„Warum hat Mutter das nicht mehr erleben dürfen, Maria? Warum mußte sie auf der Landstraße sterben?!“ „Wir alle sterben einmal auf der Landstraße, Vater! Das ist so unser Schicksal.“ „Vielleicht hast du recht!— Hörst du den frohen, herzheiligen Gesang der Kinder?" lächelte der Meister bitter.„Morgen haben sie ihr Puppenspiel doch. Du bist ja da!“ Und sie knieten vor dem Lager der Toten, hielten sich umschlungen und sangen ernstergrifsen hinein in den hellen, jubelnden Choral der Kinder:„Stille Nacht, heilige Nacht!“ Der Lehrling Skizze von Maria Zierer=Steinmüller München. Der kleine Lehrling Franz Mittermaier war den oritten Tag bei seinem Meister, dem Friseur Winkler. Es roch nach Brillantine, Kölnischem Wasser und Toilettenseifen in dem kleinen Laden. Das Geschäft ging nicht sehr gut. Vielleicht ist der Meister deshalb so mürrisch, dachte Franz, sah auf die Uhr und seufzte,— erst neun Uhr— endlos würden sich wieder die Stunden bis zum Mittag hinziehen. Franz spielte mit einem Knopf an seinem weißen Kittel, nur um die Hände zu beschäftigen. Der Meister rasierte einen eben angekommenen Kunden, war dabei sehr freundlich und gesprächig, und Franz Mittermaier atmete erleichtert, als er Herrn Winklers gute Laune sah. Seit dem Eintritt hatte der Lehrling nur Verdrießlichkeit zu fühlen und kein gutes Wort zu hören bekommen. Eifrig, voll guten Willens zu lernen, sah Franz den Hantierungen des Meisters zu. Wenn er nur gewußt hätte, was für ihn an Arbeit vorhanden sei. Er wagte nicht, Herrn Winkler zu stören und zu fragen; das müßige Herumstehen fürchtete er, er kam sich so unnütz vor, so fremd und ungewollt hereingeschoben. Bald stellte er eine Schale auf der Marmorplatte von einer Seite zur anderen, balo schob er die Flaschen mit dem Haarwasser zurecht. Dann las er die Reklameschilder im Laden bis zum letzten Wort. Als er damit fertig war, sing er von vorne an, um die eingetretene Stille nicht zu fühlen, wenn das kratzende Geräusch des Rasiermessers einen Augenblick aufhörte. Als Franz ungefähr zwanzigmal die Stellung der Beine gewechselt hatte, nahm er einen Kamm, tat als ob er den Staub fortblase und fing einen auf ihn gerichteten bösen Blick des Meisters auf. Erschrocken legte er den Kamm wieder fort, fühlte sich unglucklich, denn er wußte nicht, was er tun sollte, um es recht zu wachen. „Reinige die Schalen“, befahl barsch Herr Winkler nach der Richtung, in welcher der Junge stand, und beugte sich freundlich mit wieder beherrschtem Blick zu seinem Kunden. Froh eine Beschäftigung zu haben, putzte Franz mit übertriebenem Eifer an der Schale herum. Absichtlich dehnte er die Arbeit hin, um nicht wieder mit leeren Händen stehen zu müssen. Da glitt die aufgestützte nasse Schale von der Marmorplatte, fiel zu Boden und zerbrach. Wie versteinert stand der Junge und duckte sich unwillkürlich unter der auffahrenden Bewegung Herrn Winklers kauernd zu Boden, um die Scherben aufzulesen. Im gleichen Augenblick trat eine sehr vornehme Dame in den Laden mit einem dreijährigen Knaben im Samtanzug. Eilfertig stäubte Herr Winkler eine Duftwelle aus der Flasche über das Haar seines Kunden, nahm die Gebühr in Empfang und machte einige zusammenklappende Bewegungen als Verbeugung. „Dem Kinde die Locken gleichmäßig kürzen, bitte“, sagte die Dame und setzte sich, um zu warten, auf den Stuhl am Seitentisch, nahm eine Modezeitung und begann zu blättern. „Franz,“ rief Herr Winkler,„wie oft muß ich Dir noch sagen, daß Du den Frisiermantel bringen sollst.“ Der Lehrling, der auch das Auflesen der Scherben hinzögerte, da er sich geborgen unter dem Tisch fühlte, weil er aus dem Gesichtsfeld des Meisters gerückt war, fuhr auf, stieß mit dem Kopf an die Tischkante und brachte das Gewünschte. Dabei sah er mitten im Laden den kleinen Knaben stehen, der mit weinerlichem Gesichtchen auf die lesende Dame blickte. Herr Winkler saßte das Kind, stellte es auf Stuhl, wollte ihm geschäftsmäßig eilig den Mantel umhängen, aber es wehrte sich und schrie plötzlich„Mama, Mama!“ Unwillig sah die vornehme Dame auf und sagte verweisend:„Sei ruhig, Kurt— Du weißt doch, daß es nicht weh tut.“ Herr Winkler klappte nervös mit der Schere; weinende Kinder mochte er nicht leiden, doch war er zwangsweise freundlich, beherrschte sich um der Kundschaft willen. Deer Kleine schrie heftiger. Da nahm Franz den Umhang, trat dicht zu dem Kinde, das auf dem Stuhle stehend etwas größer als er war, strich ihm einmal über das gerötete Gesicht und sagte leise:„Du mußt keine Angst haben— weine nicht.“ Dabei knüpfte er den Mantel um den Knaben. Der Kleine war still, sah erstaunt mit prüfenden Augen auf den Lehrling, schluckte ein paarmal heftig, hielt sich fest an der Stuhllehne und beugte dann willig den Kopf so, wie Franz ihn zwischen den Händen hielt. Die Dame las, raschelte mit dem Blatte, wenn sie es wandte. Die Schere schnippte, und kleine, dunkle, sich zusammenrollende Haarwellen fielen über dem Mantel zu Boden. Wenn das kalte Eisen den Hals des Kindes berührte, zuckte es ängstlich zusammen, zog in leiser Abwehr die Schultern ein wenig höher und drückte sich an den Lehrling. Der fühlte die warmen anklammernden Kinderhände um sein Handgelenk und empfand Gemeinsamkeit mit dem Kleinen. Er wußte auf einmal, daß er hier nicht bleiben könne, und wenn ihn die Eltern totschlügen. Er konnte nicht sein in dem engen Raum mit der jortwährenden Angst. Die zerbrochene Schale siel ihm wieder ein, und er fürchtete, wenn keine Kunden mehr da waren, wurde ihm der Meister wieder irgend etwas an den Kopf werfen oder um die Ohren schlagen. Der gute Wille nützte ja doch nichts, und es würde alle Tage gleich sein oder noch schlimmer werden, weil die Angst ihn unsicher bei den Arbeiten machte. Es stieg ihm würgend in die Kehle. Der Meister war fertig und bürstete dem Kleinen die Härchen vom Anzug. Das Kind sah mit überwundener Angst im Blick auf das Gesicht des Lehrlings, dem soeben ein paar Tränen über die Wangen liefen, die er rasch mit dem Aermel fortwischte. „Wein' nicht", sagte er treuherzig, gar nicht erstaunt und wollte noch etwas hinzufügen, aber Herr Winkler stellte es auf den Boden. Die Dame war aufgestanden, ordnete vor dem Spiegel rasch das Haar unter dem Hutrand, beglich die Forderung des Friseurs, nahm den Kleinen an der Hand und ging mit einem Gruß von oben herab aus dem Laden. Der Lehrling stand, den Umhang in den Händen drehend, und sah durch die Ladentür dem Kinde nach, das mit kleinen Schrittchen von der Mutter nachgezogen über die Straße ging. „Ich möchte mitgehen“, dachte er. Mit einem Stoß gegen den Arm und heftigen Worten riß ihn der Meister aus seiner Nachdenklichkeit. Da beugte sich der Junge mit wehem Gefühl und kehrte die dunklen Kinderlöckchen auf dem Boden zusammen. —2— Christglocken Skizze von Elisa beth v, Aster. In dem schmalen Gemach mit weißlackierten Möbeln haftete Duft von Medikamenten und Desinfektionsmitteln— typischer Krankenhausgeruch. Dämmerung sank wie Trauer, wie unzerreißbare Schleier von Schicksal und Leid auf das Bett hernieder, in dem Peter Martens kraftvolle Gestalt ruhte, ohnmächtig dem grausigen Phantom preisgegeben, das ihn gefesselt hielt in ewiger Nacht... Stöhnend tastete Peter Marten nach der Binde, die ihm die Augen verhüllte, diese toten, für immer erloschenen Augen, in die kein Lichtstrahl mehr dringen würde, in denen nichts sich mehr spiegeln sollte von der Schönheit der Welt.— Wie herrlich sie war, Gottes weite Welt, wie bunt, wie reich, welche Wunder sie dem Auge in verschwenderischer Fülle bot, mit wieviel tausend Himmelsgaben sie den Glücklichen täglich beschenkte der zu sehen, alle Herrlichkeit in sich hineinzutrinken vermag— das begriff Peter Marten erst seit dem furchtbaren Explosionsunglück in seiner Fabrik, das ihn des Augenlichts beraubte, ihn in Finsternis schleuderte, in undurchdringliche, nie zu hellende, tiefe Finsternis—— seitdem er hier lag, hilflos wie ein Kind, auf Mitleid, Nächstenliebe, auf fremde Handreichungen angewiesen. Der starke, kraftvolle Mann atmete schwer und stieß mit heftiger Bewegung die Decke zurück... unerträglich narm war es hier, drüchend, atembeklemmend! Wie spät es sein mochte, ob der frühe Winterabend schon dunkelte? Mechanisch griff der Kranke auf den Nachttisch nach seiner Tasche uhr mit dem phosphorzierenden Zifferbla wie er ehedem nachts zu tun pflegte— um schmerzvoller Mutlosigkeit den Arm sinken lassen—— er sah kein Zifferblatt mehr, ke. noch io hell leuchtendes... Ungeheure Verzweiflung rüttelte den kräft gen Manneskörper, kaltes Entsetzen kroch die Glieder, die wie in Fieberschauern bebtei das Gespenst des Wahnsinns schlich um Pete. Martene Bett, reckte die blutlosen Finger nac ihm—— dumpf brauste es vor des Unglück lichen Ohren, wie Glockenschläge summte und klang es, die tief und hallend in sein Bewuß! sein dröhnten... Fort und fort tönten sie. klar jetzt und deutlicher in regelmäßigen: Rhythmus schwingend, fast zur Melodie sich formend. Aus lichten Höhen, ernst und ruhevol drangen die Glockentöne in die unsägliche Qua seiner wunden Seele, die sich wand in grausamer Furcht vor dem Leben, das vor ihm las das er leben sollte, allein, verlassen in grauen voller Nacht. Und die Glocken dröhnten und riefen: Erhebt die Herzen—, die Herzen zu Gott...! Laut und fordernd, eindringlich riefen sie's, wieder und wieder. Wann in seinem rastlosen Leben, das er sich gezimmert in eigener Kraft, hatte er. Pete Marten, sein Herz zu Gott erhoben? Won: hatte er im rücksichtslosen Vorwärtsstreben, an der Höhe seines Lebens, da die Güter der Erde sich ihm gehäuft, Zeit dazu gefunden? Reglos lag der Kranke.. Sah er sein Leben. sein Streben, sah er Kampf und Vollbringen an inneren Auge vorüberziehen, nun ihm der Spirgel seiner leiblichen Augen die buntschillernd Welt mit ihren tausend Eindrücken nicht mer zurückwarf? Sah er Schuld und Sühne... Ein Bild formte sich, das seit Jahren in seine: Bewußtseins Tiefe geruht— eine Frau sah er, die blaß und verhärmt, doch erhobenen Hauptes die Halle seines Hauses durchschritt, an der Hand ein dunkellockiges kleines Mädchen. Sie verließ ihn, um nie zurückzukehren... Allein war er seitdem. Allein, doch nicht einsam nach außen hin. Denn wann wäre ein reicher Mann, der das Leben liebt, jemals einsam? Doch im Rausch der Feste wie im pulsenden Strom der Arbeit sah er oft, sehr oft das Köpfchen seines Kindes— unvermutet, plöt lich stand ihm das kindliche Antlitz vor der Seele und immer war es dann, als lächelten die Augen der Kleinen ihm zu mit dem warmen herzgewinnenden Lächeln der Mutter, das einst ihm höchste Seligkeit bedeutet... Leise und fein, doch unaufhörlich rieselte der Schnee da draußen und tickte an die Fensterscheiben, dazwischen schwebten feierlich di Glockenklänge. Christglocken waren's, das Fest der Liebe feierten die Menschen. Heilige Weihnacht sank nun hernieder, ihr Dunkel hellte Kerzenschimmer, der gesunde, erwartungsfrohe Augen aufstrahlen ließ. Peter Marten stöhnte auf in scharfem Schmerz, bitteres Lächeln grub harte Linien um seinen Mund: für ihn gab's kein Fest der Liebe, ihm leuchtete kein Christbaum..... Und immer klangen die Glocken bald laut, bald gedämpft, wenn der Wind die Töne verwehte. Versöhnend, ruhegebend sangen sie voll freudigen Eifers, in dringlichem Mahnen von Friede und Freude—— Leises, kaum wahrnehmbares Geräusch nahe am Bett ließ den Kranken jetzt den Kopf wenden zein Knistern war da und Duft nach Wachs nach Tannennadeln, nach Feihnacht—! Und kraftvoller setzten erneut die Glocken ein und riefen und drängten mit stürmendem Klang: „Freude“— jauchzten sie—„Freude den Menschen, denn Christ ist geboren...“ Und mit dem Jauchzen gingen kurze, leichte Kinderschritte. Eine kleine warme Kinderhand stohl sich leise in Peter Marten's große, kräftige—— und dann war plötzlich reinste Freude in dem engen Gemach, die von zwei weichen Frauenarmen ausging und von einem tränenüberströmten Antlitz, das sich fest, fest an des Kranken Brust schmiegte... Peter Marten hielt sein Weib, sein Kind! Unterm Läuten der Weihnachtsglocken hielt er sie am Herzen... Des Blinden Augen sahen die Schönheit, die bunte Vielheit der Welt nicht mehr; aber sie sahen in dieser Christnacht in des Lebens tiefste Tiefen, in die Gott uns Menschenkinder führt. daß wir wachsen und reif werden für ein Glück, das in heiligen Schauern die Seele emporträgt, hoch hinaus über alles Irdische, über alle Vergänglichkeit der Welt. Verantwortlich: H. Semmelmann. Altena. Druck und Verlag: R. U. Sanz, Altena. Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung Nr. 50 Samstag, 17. November 1926 Der Wissende Weihnachtsnovelle von Margreth Menge! Der Bildhauer Brosi Körner stand mitten im dämmerigen Atelier und lauschte. Er zitterte. Den schmalen Kopf leise vorgebeugt, starrte er auf sein vollendetes Werk, das aus der weißen Helle des Marmors herausgeschritten kam, immer gigantischer und wissender, mit großen, stillen Schritten, wie das Licht des Morgens aus dem Osten wandert. Er starrte und lauschte, denn der Marmor begann zu fließen und zu tanzen. Die Dämmerung im Raume wich zurück, demütig, wie ein Bettelnder... Wich zurück und ließ sich in Qual und Lust umfassen, ließ sich versenken in das Geheimnis seines Ursprungs, der wieder Licht war, wunderbares, klares Licht. Brosi Körner lauschte erschüttert diesem Geschehen. Die beiden wuchtigen Arme der Statue schienen zu wachsen in einer unendlich wissenden, umfassenden Bewegung. Sie wußten das Erste und das Letzte, diese Arme, und aus ihren gespannten, marmornen Adern floß das Leben wie ein großer Gesang. Und der ganze Körper war eins mit diesem Gesang, und das emporgewandte Haupt trug ihn voll Kraft, wie in einer Schale gesammelt. Es geschah, daß der Bildhauer an seinem Werke niedersank. Er röchelte und hustete einen heißen, jähen Husten.„Der Wissende!" murmelte er. Streichelnd gingen seine Hände über die Kanten des schmalen Unterbaues der Statue, dann erhob er sich und schritt in den Abend hinaus. Das Atelier lag einsam am Waldrand. Der Bildhauer ging einen schmalen Weg durch die Tannen, in denen der Sturm des Novembers wühlte. Er zitterte vor Kälte, und es fiel ihm ein, daß er ein Mensch war, ein einsamer, todkranker Mensch. * Nun kamen die Nächte, da Brosi Körner wach lag und wartete. Er hatte sein Lager an den großen Kamin gerückt und sah unverwandt den zuckenden Streifen zu, welche die spät aufgeschürte Glut nach der Statue schleuderte. Auch am Tage lag er, der so müde geworden, in langen, stillen Stunden auf seinem Bett und begriff den Schmerz der kahlen Ahornzweige, die der Wind gegen die Scheiben des Ateliers peitschte. Er war allein; er war ja schon vor langen Monaten fortgegangen von den Menschen. Nun wartete er auf den Tod, auf seinen Tod. Manchmal begann er, sich der Menschen zu erinnern. Sein früheres Leben wuchs wieder zu ihm: lächelnd, hell und sorglos.„Mein Gott“, dachte er dann angestrengt,„mein Gott——“ Er entsann sich noch sehr klar des Tages, als die Tür des Professorenhauses hinter ihm zugefallen war. Er erlebte es wieder, wie er dann Schritte tat durch die Allee hin, dann den Strom entlang, der, breit und saugend, mit seinen grauen Wellen die Mündung schon ahnte dann weiter durch die Straßen der Stadt—— und es wurden unzählige Schritte in Stunden hinein, die wie Jahre waren und zu Riesen wuchsen an Grauen. „Ein halbes Jahr noch——,“ hatte der Professor gesagt. Wie schwer war es dem Alten geworden, es auszusprechen, aber Brosi Körner hatte ihm diese Wahrheit abgerungen, da er vor ihm stand im Sprechzimmer und die kranke Brust betasten ließ wie ein fremdes, gleichgültiges Ding. Seltsam, wie er dann wieder mit dieser Brust atmete, als ob nichts geschehen sei. Und er war doch nun einer geworden, der etwas wußte ein Wacher, ein Sehender— Und er begriff, daß er dreißig Jahre alt und noch nichts da sei, noch gar nichts. Und es wollte doch geschehen, es wollte da doch etwas machsen aus einem großen und glühenden Herzen heraus, und dieses Herz schlug in seiner schmerzenden Brust zum Zerspringen, da er die Schritte tat, diese unvergeßlichen, geheimnisschweren Schritte in die ersten Stunden des halben Jahres. Ja, so hatte der Professor gesagt:„Ein halbes Jahr noch——“ Dann war die Nacht gekommen, und Brosi Körner hatte in dieser Nacht alles erlebt, was noch zu erleben war. Es fiel ihm ein, daß seine Hände geblutet hatten am nächsten Mor119— Heilig Abend Es dunkelt, weiße Flocken wirbeln nieder Und wecken frohe Winterfreuden wieder Allüberall bei klein und groß. Schon flackern fahle Flammen der Laternen Und in den Lüften leuchtet's wie von Sternen, Jällt's glitzernd auf der Erde Schoß, Und Glocken läuten ein die heil'ge Nacht, Beseligen durch ihre Zaubermacht. Lebendig wird's im Dorf, und durch die Gassen, Die eben noch so einsam und verlassen, Strömt es ins helle Gotteshaus. Und Lichterglanz von Weihnachtskerzen Durchflutet friedevolle, fromme Herzen, Strahlt aus den Augen froh hinaus. Und alle Bänke, alle Ecken, Gänge Füllt dichtgedrängt, erwartungsvoll die Menge Und leise hebt die Orgel an zu klingen, Wie sanftes Säuseln an zu singen, Wie ferner, süßer Vogelsang, Und voller wird's und mächt'ger tönen, Wie Waldesrauschen, dumpfes Donnern, Dröhnen, Dazwischen klingt's wie Glockenklang. Und als der Töne Flut am höchsten schwoll, Da brach es ab, ganz sacht, erwartungsvoll.— Und stille war’s, und über all dem Lauschen Zog's hin, erst fern, dann nah, wie Flügelrauschen, Dann sang's aus einem Lichtermeer: Vom Himmel hoch, da komm ich her, Ich bring' euch gute, neue Mär; Durch Christus ward euch ew'ges Heil, Ward euch die Seligkeit zuteil! Hans=Erich Lübke. I gen vom wütenden, gehetzten Neinsagen der krampfenden Finger. Der Einsame lächelte auf seinem Lager, als er daran dachte. Sie waren geduldig geworden, die Finger, und sehr gehorsam. Denn er hatte das abgelegene Atelier gemietet, und die hohen Wände des Raumes wußten es, der Meizel begriff es, und die herrischen Finger formten es: ein halbes Jahr noch—— nein, nun noch vier Monate— noch zwei— noch einen —— Und diesen einen vergaßen dann die Finger und kannten nur noch das Werk. Ein großer Triumph ging durch die Müdigkeit des Bildhauers und wuchs in seinen wunderlichen Träumen: Er war fertig geworden. Inbrünstig betrachtete er sein Werk. Es lebte. „Du weißt alles,“ murmelte dann der Kranke mit fiebernden Augen.„Du weißt alles. Ich gab Dir ein halbes Jahr, mein halbes Jahr— — Du bist der Wissende. Du bist die Schale des Todes, in der das Ungeborene die lächelnde Wimper öffnet. Du weißt den Sinn. Alle Schönheit des heimlichen Lebens ist in Dir, und alle Wunden des geöffneten trägst Du.“ So dachte der Kranke in den Stunden, die zögerten zu gehen— als ob auch sie es wüßten—— * Als der Schnee kam, wunderte sich Brost Körner über seine blendende Weiße, die die hohe Glaswand durchbrach und in das Atelier drang mit kaltem Licht. Dann wurde er unruhig, denn er sah Staub, grauen Staub auf den Dingen liegen wie dämmernde Gedanken. Mit zitternden Händen rieb er ihn von dem Marmor des Aktes ab. Dabei fiel ihm plötzlich die Tilla ein. Herrgott, die Tilla—— Sie hatte ihm oft Modell gestanden, als er noch in der Stadt lebte, und nie war sie fortgegangen, ohne erst mit kleinen, schnellen Händen den Staub abzuwischen von den Sachen im Raum. Und einmal hatte er die Tilla geküßt, daran dachte er jetzt. Wie mochte es ihr gehen? Es fiel ihm ein, daß er sie das letzte Mal unter den Bäumen am Ufer des Stromes gesehen hatte. Sie ging dahin und lächelte, so wie man unter blühenden Bäumen lächelt, wenn man nicht allein ist; denn der Baron war bei ihr und redete auf sie ein. Der Baron, dieser Windhund, der so verteufelt gute Bilder machte und die Frauen wie Spielbälle durch seine Tage gleiten ließ. Brosi Körner fühlte Zorn in sich aufsteigen, als er daran dachte. Und dann tat er etwas Seltsames: Er schrieb einen Brief; Tilla sollte kommen. Schnee trugen die Tannen, und immer wieder neuer fiel aus den stillen Wolken. Brosi Körner fühlte ihn.„Es wird immer heller", dachte er sehnsüchtig und begriff nicht, daß Tilla nicht kam. Er aß fast gar nichts mehr, und seine Augen wurden größer in den rinnenden Tagen.— Es kamen die Weihnachtsglocken von der nahenden Stadt und legten ihren Klang auf den horchenden Wald.—„Die heilige Nacht— —“, dachte der Kranke verwirrt. Seine Augen sahen unverwandt durch die Scheiben zu den Rändern des Himmels empor. Der Schnee begann zu leuchten, da es dunkler wurde. Eine kleine Wolke beugte sich demütig zu ihm hernieder, und auch die Sterne schienen zu sinken. Brosi Körner wurde plötzlich geschüttelt von etwas Unsagbarem. Er klammerte sich an den kühlen Marmor seines Werkes und verzweifelte:„Nun kommt sie nicht mehr.“ —— Aber dann kam sie. Sie kam wirklich. Sie schritt ganz allein durch die Kälte. Er lief ihr entgegen mit zitternden Knien. „Ambrosius", flüsterte sie nur, und dann ganz leise—„Brosi...“ Er zündete das Licht an.„Warum weinst Du, Tilla?“ fragte er erschrocken und taumelte zurück, da er sie ansah. Tilla war mit einem leisen Stöhnen niedergesunken und wimmerte vor sich hin. Durch den Mann aber ging es plötzlich wie ein Schlag.„Ich helfe Dir“, rief er heiser. Er riß den Mantel vom Haken und rannte in die Nacht hinaus. Taumelnd wie ein Trunkener ging er den Weg zur Stadt.„Schnell, nur schnell", dachte er mit hetzenden Sinnen und keuchte voran... Die Frau kam und schüttelte den Kopf.„So ein junges Ding", sagte sie nur. Brosi aber kuiete in der Ecke und schürte die Glut, die rot und quillend aus dem Kamin brach und sich mit zärtlicher Scheu an den weißen Riesen, den Wissenden, zu schmiegen schien. Es dauerte bis zum Morgen. Noch immer loderte die Glut vom Kamin her. Von drauten quoll ein blauer, stumpfer Glanz in den Raum. Tilla schlief nun, und das Bübchen lag neben ihr. Brosi aber saß grau und verfallen SSSög3* SS533 2 S•5HSR* So 23 n 8 8 2 5 □ S SESE J#onE W• E•9 ***E a S#s! S SEDSTLAE S bscage Spge-MAgkg S S SSueussögsVugbg-#r Ggk-g S EBS-E *—— * 8 * 8 S 2 8 SLS LBSSS5oE E ##. 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Vier junge Leute waren auf einem Bummel durch Indien. Mit anderen Globetrottern saßen sie in der Marmorhalle des Hotels in Bombay und lauschten den Erzählungen eines Reisenden, der von den übermenschlichen Wundertaten eines indischen Zauberkünstlers im Süden des Landes berichtete. Was sie gehört hatten, erschien durchaus unglaubhaft. Als sie später in Madras landeten, lockte es sie aber doch, den Zauberer selbst aufzusuchen. Sein Wohnsitz war ihnen von dem Erzähler genau beschrieben worden. Auf einer kleinen Bahnstation entstiegen sie dem Zug, der sie von der Hafenstadt ins Innere des Landes gebracht hatte. Ein Dolmetscher führte sie zu dem in der ganzen Gegend berühmten Manne. Der Weg war weit. Das erste Dorf lag schon hinter ihnen. Glühende Tropensonne schien auf sie hernieder. Die steilen hohen Kokoopalmen gaben keinen Schatten. Die Augen schmerzten den Wanderern vom Sonnenglanz; die Hitze machte sie müde und schläfrig Vor einer niedrigen Hütte aus Bambusstäben, die einsam am Rande des Dschungels stand, machte der Führer endlich Halt und wies auf die angelehnte Tür. Sie klopften. Niemand antwortete. So traten sie ohne weiteres ein und standen in einem Raum, der in mystischem Halbdunkel lag. Nichts rührte sich. Nachdem ihre Augen sich an das dämmerige Licht gewöhnt hatten, unterschieden sie Einzelheiten. An der Längswand des Raumes hockte auf einem am Boden liegenden scharlachroten Kissen ein alter Inder. Sein Gesicht war welk und hager, sein jämmerlicher Körper glich einem mit bräunlichem Pergament überzogenen Stelett. Ein schmales weißes Lendentuch war seine einzige Bekleidung. Er saß auf dürren untergeschlagenen Beinen. Die vier jungen Leute wußten nicht, was sie beginnen sollten. Verlegen hüstelten sie. Der braune Greis bewegte sich nicht. Nun wandte sich der Dolmetscher mit leiser Stimme und fremdartigen Lauten an den, wie es schien, zu Stein gewordenen Zauberer. Er bat ihn, den Fremden seine Künste zu zeigen. Da hob dieser sein Haupt und schlug so plötzlich und so weit seine tief in den Höhlen liegenden, unheimlichen, schwarzen Augen auf, daß die vier jungen Menschen unwiskürlich einen Schritt zurückwichen. Der Blick griff ihnen aus Herz. Es lag ein merkwürdiges Feuer in ihm: als ob ein goldener Funke daraus hervorspräng, der sie wie ein Blitzschlag lähmte. Lhne ein Wort zu äußern, klatschte der Alte in seine schmalen, knochigen Hände. Aus einer dunklen Nische löste sich sprunghaft die Gestalt eines bildschönen, hellbraunen Knaben von etwa zehn Jahren. Das Ebenmaß seiner Glieder, seine nachtschwarzen Samtaugen und seine lieblichen sanften Gesichtszüge waren geradezu berüchend. der zur Seite griff und einen Dolch aufnahm, dessen goldener Knauf in der Art der kostbaren javanischen Fürstenkrise mit Rubinen und Diamanten reich besetzt war. Er ließ die scharfe Spitze einen Augenblick in dem haarfeinen Sonnenstrahl glitzern, der sich durch die angelehnte Tür der Hütte stahl. Die vier Freunde saßen unbeweglich. Da geschah etwas Entsetzliches. Der Alte stieß die fein geschliffene Spitze des blanken Dolches auf die Brust des Knaben nieder und mit einem kurzen Ruck schlitzte er ihn von oben bis unten auf. Danach entglitt der Dolch seiner Hand. Grausen lähmte die Zuschauer. Obgleich Empörung sie beherrschte. vermochten sie nicht zu sprechen. Tatenlos sahen sie zu, wie das Leben aus dem lieblichen kleinen Körper zu entfliehen schien. Das Schreckliche der Vorführung ließ sie ihren Wunsch, den berühmten Zauberer aufzusuchen, bitter bereuen. Es war schaurig still. Der Alte saß reglos, seine Züge waren noch welker. noch verfallener als zuvor. Die Atmosphäre war atembeklemmend, denn die schwüle Luft schien mit dem widerlichen Geruch frischen Blutes geschwängert. In Der Knabe stellte lächelnd vier aus Bambusstäden gefertigte Hocker in die Mitte des Raumes. Mit einer graziösen Geste lud er die jungen Leute zum Sitzen ein, dann breitete er eine hellgelbe saubere Reisstrohmatte zu ihren Fützen auf den Lehmboden der Hütte. Die vier saßen dem alten Zauberer genau gegenüber, die Matte lag dazwischen. Keiner hatte einen Laut gesprochen. In der unheimlichen Stille vernahmen sie ein feines Summen wie aus einer großen Seemuschel, die man ans Ohr preßt. Der Alte seufzte tief, sah noch einmal mit erschrechend geweiteten Augen auf, ließ seinen ernsten Blick funkelnd über die Zuschauer gleiten; sie hatten die Empfindung, als ob der Boden unter ihren Füßen bebe. Auf einen Wink des Inders glitt der schöne #e nieder. Er streckte seine Glieder Der Erde Du hörst es klopfen, wenn in Sturm und Braus Des Waldes Wipfel aneinander klingen— Du hörst es schlagen, wenn im Weltgewühl Der Heimat Lieder in dein Herz dir dringen. Es klopft geduldig ohne Unterlaß, Dies gute Herz der großen Mutter Erde— Es kennt nur Liebe, birgt nicht Groll noch Haß Und sorgt, daß Ruhelosen Friede werde. Frieda Callier. A Unvermittelt richtete der Zauberer sich auf, strich ganz sanft mit seiner Handfläche über des Knaben Leid.— Die Wunde schloß sich. Mit stockendem Atem starrten die vier jungen Leute auf das Kind, das unversehrt mit gesenkten Augenlidern vor ihnen lag. Wieder ließ der Inder seine merkwürdigen unheimlichen Augen auf jedem Einzelnen der vier ruhen, und da war ihnen, als ob sie aus bleiernem Schlof erwachten.— Lächelnd sprang der Knabe auf, öffnete die Tür und bedeutete ihnen zu gehen. Schwer erhoben sie sich und schwankten hinaus. Das grelle Sonnenlicht fiel über sie her. Sie blinzelten mit den Augen und sahen einander verwirrt an. „Das war ja furchtbar,“ stöhnte der Erste. „Hätte ich Euch nicht als Zeugen, würde ich glauben, einen bösen Traum gehabt zu haben,“ achzte der Zweite. Der Dritte schwieg und wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn. „Ach Unsinn, Zauberei!“ rief der Vierte. „Der Kerl hat uns, wie das des öfteren hier vorkommen soll, einfach hypnotisiert. Er hat uns gezwungen zu sehen, was er wollte.“ Doch seine Lippen zitterten, als er mit erzwungener Munterkeit von den zahlreichen Tricks der Inder sprach. In glühender Mittagssonne schritten sie durch den weißen drennenden Staub des Weges. Ein riesiger Elefant, auf dessen Nacken ein malerischer Mahout kauerte und zu schlasen schien, trabte gleichmütig vorüber. Der braune Dolmetscher streckte ihnen die Hand zum Backschisch entgegen. Als die Münzen auf seinem Handteller klapperten, verschwand er im Dschungelgestrüpp. —2.— Das Paternosterchen Skizze von Friedrich Rasche=Leipzig. Es war in jener Zeit, da ich Abende und halbe Nächte in Bierlokalen und Cafés verlebte, mit Freunden und Fremden über Gott und alles in der Welt diskutierend oder im eigensinnigen Gedankengespräch mit mir selbst. In einem solchen Casé geschah auch meine erste Begegnung mit dem Paternosterchen. Die Mitternacht war herangekommen. Da trat ein Männchen an meinen Tisch, schlurrenden Schrittag, mit hochgezogenen Schultern und einen erbarmungswürdig mageren, urvor dem stummen Greise aus, alten Gesicht, in dem nichts jung geblieben war r N 2 2e 8 8 B als ein Paar hellblaue, gutmütig listige Augen. Um die kleine Gestalt schlotterten Kleidungsstücke, die nur durch ihre vielen Flicken miteinander harmonierten. Dem Männchen fehlte die rechte Hand. Auf dem wagerecht gehaltenen Unterarm aber trug es, sorglich nebeneinander geschichtet, Streichholzschachteln und Schlüsselringe, die es mit freundlicher Stimme feilbot. Ich sah in die helle Tiefe der auf mich gerichteten Augen; fingerte mir einen Zehner herzu und wies jedwedes Kaufobjekt zurück. Aber der Alte schob mir energisch zwei Schachteln auf den Tisch und sagte:„Ehrlicher Handel währt am längsten. Zwei Schachteln— mit Nachtzuschlag! Ehrlich im Tun, ehrlich im Denken— dabei kann man getrost alt werden.“ Ein wenig verdutzt über diese Maßregelung sah ich dem Seltsamen nach und taufte ihn im Stillen mit dem Namen, den sein Anblick mir eingab: das Paternosterchen. Ich hatte diesen Menschen zuvor niemals Gesicht bekommen. Jetzt aber war es, als hätte unsere ebenso zufällige wie flüchtige Begegnung uns irgendwie miteinander verbunden. Schon am nächsten Tage stieß ich wieder auf ihn. Als ich spät nachts durch eine parbartige Anlage heimwärts ging, fand ich das Paternosterchen von einer Gaslaterne halb beschienen, auf einer Bank sitzen. Und das Paternosterchen weinte. Ich trat hinzu und fragte nach dem Grunde seiner Traurigkeit. Das Männlein schluchzte eine mühsame Antwort heraus:„Meine Frau ist gestorben, meine gute Frau!“—„Nanu," verwunderte ich mich,„wann denn, woran denn— und so plötzlich?“—„Heut akkurat vor dreißig Jahren“, sagte das Paternosterchen. Ueberrascht von der erstaunlichen Nachträglichkeit dieses Schmerzes, war ich um eine Entgegnung noch verlegen, als das Paternosterchen in seiner Tränenseligkeit schon weiter redete: „Sie war so gut und brav geworden. Ich habe sie damals gefunden— müssen Sie wissen— als sie noch blutjung und am längsten Mädchen gewesen war. In einer schlimmen Kneipe habe sich sie gefunden. Da hatte sie gerade der Erste verlassen. Ich nahm sie mit mir, wir haben geheiratet, und sie ist mir kreuztreu geblieben, vielleicht nicht nur aus Dankbarkeit. Wir waren glücklicher als viele andere. Aber dann ist sie mir eines Tages doch gestorben, am bloßen Tode ist sie gestorben, denn sie war nicht krank vorher.“ Hier fuhr dem Alten der Schmerz mit neuer Heftigkeit ans Herz, er stöhnte und kroch in sich zusammen, richtete sich aber plötzlich auf, sagte mit veränderter Stimme:„Albernes Geflenn!“ fuhr sich mit dem schwarzumwickelten Handstumpf über das Gesicht, stand auf und schlurrte grußlos davon. Am anderen Morgen lief mir das Paternosterchen an einer Ecke des alten Marktes in den Weg. Es schleppte sich mit einem Pack Zeitungen, die es krähend ausrief.„Schon wieder frisch?“ fragte ich. Der Geschäftige blinzelte mich erkennend an.„Das Leben rennt“, sagte er eilig,„sogar über Gräber. Man muß nachkommen.“ Und schon war er ein Stück weiter. Zwei Tage danach bummelte ich nachmittags zu einem vor der Stadt liegenden jahrmarktahnlichen Vergnügungsplatz. Der Zugangsweg war mit Leierkastenmännern besetzt, die sich, da sie allzudicht auseinandersaßen, gegenseitig ihre rührselige Musik verdarben. Gleich der erste Musikant war das Paternosterchen. Es saß auf einem zusammenlegbaren Stuhl, lächelte vergnüglich vor sich hin und handhabte mit der Linken eine frischlackierte Drehorgel. Ich muß gestehen, daß mir die Rührigkeit und Vielfältigkeit dieses alten Mannes ebenso imponierte wie die stolze Sicherheit, mit der er das eine wie das andere tat. Und dann kam der Abend, da mich das Paternosterchen als letzten Gast in der verqualmten Hinterstube eines Cafés aufstöberte. Ich kaufte die üblichen zwei Schachteln Streichhölzer und lud den späten Handelsmann zu einem Glase Bier ein. Ein Weilchen widerstrebte er, aber dann gab er nach, und wir kamen schnell in ein müdes und doch bewegtes Gespräch. Auf die beiläufige Frage nach seinem Alter erhielt ich eine seltsame Antwort:„Auf meine Kinderschuhe kann ich mich nimmer besinnen. Eltern werde ich wohl gehabt haben, aber die sind rein heraus aus meinem Gedächtnis. Meine Frau ist dreißig Jahre tot, das ist eine feste ah! Und als wir uns zusammentaten, hatte ich auch schon graue Haare und einen krummen Rücken. Und sonst hab' ich mein Lebtag nicht Zeit gehabt, mich um die Zeit zu kümmern.“ —„Lohnt es denn überhaupt, das ganze Leben?“ warf chi ein, denn ich war damals der Ansicht, das menschliche Dasein sei eine recht lunsinnige Angelegenbeit.— Drs bhoin!! entgegnete das Paternosterchen.„Das ist unbillig verlangt; zum puren Spaß sind wir bestimmt nicht da, und aus lauter Lohnsucht soll man nichts tun. Und doch ist das Tun die Hauptsache. Ob einer Schuhe besohlt oder Zeitungen druckt oder Streichhölzer verkauft, das achtet der Himmel nicht, denn das ist nicht das wahre Tun. Man muß dabei noch so etwas heimlich im Sinne haben, irgend etwas Gutes, so oder sd. Keiner braucht's zu wissen. Aber nur das Gute gilt.“ Bei diesen Worten stieg in seine Augen ein heller, wärmender Glanz, und es kam mir seltsam, fast mit einem kleinen Neidgefühl zum Bewußtsein, daß dieses dürftig aussehende Menschlein um seinen eigenen guten Weg mit freudiger Zuversicht wisse. — Wir haben noch so manches hin und her geredet, und als wir aufbrachen, bedachte ich mich nicht, sondern gab dem Paternosterchen das Geleit. Es war ein recht langer Weg. Zuletzt liefen wir in einer Vorstadt ein so beängstigendes Zickzack, daß ich meinte, ich würde nicht zurückfinden. Vor einem nüchternen Gebäude hielt endlich das Paternosterchen.„Da oben— links — gleich unterm Dach“, sagte es und versuchte den Kopf aus den Schultern zu heben. Unbeholfen gab es mir seine linke Hand. Ohne recht zu wissen wozu es dienen sollte, prägte ich mir Straße und Hausnummer ein.— Wenige Zeit darauf verließ ich für fast drei Jahre die Stadt. Als ich zurückkam, suchte ich die Stätten früherer Gewohnheit wieder auf, und es dauerte nicht lange, bis ich auch wieder mit dem Paternosterchen zusammentraf. An ihm und seinen Berufen hatte sich nichts geändert. Wir sind uns in der Folgezeit noch oft begegnet, wir haben noch viele Worte gewechselt, belanglose und ernsthafte, und ich habe allmählich und in lauter kleinen Bruchstücken das Leben dieses Sonderlings erfahren. Aber alle diese Zwischenbegegnungen liegen in dem Schatten oder recht eigentlich in dem sie verblassenden Lichte, das für mich die letzte Begegnung mit dem Paternosterchen bedeutete die zugleich der Ausgang dieses seltsamen und guttätigen Menschendaseins war. Und es hieße das Leben und den Gang seiner Notwendigkeit schelten, wollte ich es„zufällig“ nennen, daß gerade ich der Zeuge dieses Ereignisses sein mußte. Es war ein schwüler Spätsommerabend. Ich hatte, aller Hitze zum Trotz, einen Spaziergang gewagt und kehrte völlig ermattet zurück. Die schattenarme Chaussee führte, bevor sie in die erste Vorstadt mündete, an einem jener häßlichen Schuttabladeplätze vorbei, wie man sie am Rande jeder Großstadt findet. Von diesem Platze vernahm ich plötzlich ein kläglich=wildes Geschrei. Ich sah eine heftig auseinanderstiebende Herde Kinder und einen riesigen Fleischerhund, der breitbeinig und zähnefletschend über einem bloßfüßigen, sämmerlich schreienden Wesen stand. Um ihm zu helfen, setzte ich mich in Trab. Beim Näherlaufen sah ich hinter einem Müllhaufen eine gebückte Gestalt auftauchen. Das Tier ließ von dem Kinde ab, richtete sich gegen den unerwarteten Angreifer, sprang ihn an und warf ihn zu Boden. Da war ich endlich, rusend und mit dem Stocke suchtelnd, herangekommen. Mit großen Sätzen entfioh der Hund. Das Kind erhob sich und lief weinend davon. Vor mir aber lag im pulverigen Staube das Paternosterchen. Seine hellen Augen staunten wie in leiser Befremdung in den Himmel hinauf. Ich wollte ihn aufrichten, aber er rührte sich nicht. Ich tastete nach seinem Herzen: da war alles still. Bestürzt um mich blickend, sah ich unweit einen alten Henkelkorb stehen, halbgefüllt mit leeren Konservenbüchsen. Dann kamen Menschen, die den Toten neugierig umstanden. Irgendwer holte einen Polizisten herbei. Keiner wußte den Namen des Verunglückten. Ich konnte wenigstens die Wohnung angeben. Eine halbe Stunde verging, ehe das Krankenauto kam. Ich fuhr mit, als sei es selbstverständlich. Die Wohnung des Paternosterchens war nicht mehr als ein kümmerlicher Verschlag. Ich erschrak vor dieser trostlosen Behausung. Man legte den Toten auf die derbwollenen Decken eines baufälligen Feldbettes. Dann begann der Polizist in sachlicher Gewohnheit das klägliche Inventar zu notieren. Dabei stieß er in einer Ecke auf eine große, mit einem Vorlegeschloß verwahrte Kiste. Der Schlüssel fand sich in der Tasche des Paternosterchens. Knarrend und gleichsam abwehrend bewegte sich der Dechel in den rostigen Scharnieren. In gemeinsamer Neugier beugten wir uns vor. Die Kiste war bis zum Rande gefüllt mit Konservenbüchsen, und diese Büchsen enthielten allesamt Geld; Kupfer, Nickel und Silber reinlich geschieden. Obenauf abee lag ein angegilbter Zettel, auf dum mit großen, lich=eckigen Buchstaben zu lesen war:„Für ge= welt gemeinsam mit der teuren Kranden vor fallene Mädchen und die Kinder derselben.“ Durch das schmale, staubgraue Fenster fiel abendrote Sonne auf das Bett. Mit scheuer Zärtlichkeit umgriff sie das faltige Gesicht des Toten und wärmte in die erloschenen Augen hinein einen Glanz überirdischer Zuversicht. Je länger ich aber in das unbewegte Antlitz sah umso mehr schien es mir, als béginne die Stube in all ihrer Aermlichkeit zu leuchten von der Schönheit eines vollbrachten Gedankens. Und fast schämte ich mich, daß ich hinter die heimliche Wohltat und den verborgenen Sinn dieses stillen und doch so menschlich=eifrigen Lebens gekommen war. —72.— Puppenspielers Weihnachtsfest Skizze von Josef Stollreiter. Das Land lag weiß und tief verschneit, Vom Himmel wallte der Schnee wie unabsehbares Sternenwandern, als strömte die funkelnde ewige Milchstraße feierlich und lautlos durch den unbegrenzten Weltenraum und umflutete die Erde die. in seltsam=gespenstisches Licht getaucht. in Heiligenabendseligkeit schwieg. Kein Weg. kein Psad, keine Straße war mehr zu erI Weihnacht Wenn zur Erkenntnis dir das Herz erwacht, Was Gott uns gab in der geweihten Nacht, Wenn du des Christkinds leuchtende Gestalt Umfasset mit der Liebe Allgewalt, Wenn seiner Mannheit Größe dich ergreift, Vor deren Wucht das Herz zur Demut reift, Dann ist kein Erdentag dir lichtlos mehr— Die Engel Gottes lagern um dich her. Anna Enders=Dix. l 9 kennen— nichts als ein grenzenloses, weißes, flimmerndes Schneien. Eia lustiger, flinker Rappe zog ein kleines, leichtes Wägelchen durch Flockengestöber. Ihm schien die weite Stille, der feierliche Sternentanz mit frohem Atem zu erfüllen. Er hob die Nüstern hoch empor— kein Rauchfähnchen war heute zu schmecken, und Meister Olfenhut quaimte wohl nicht einmal ein Pfeischen. Im Innern des winzigen Wägelchens auf späclichem Lager ruhte das Weib des Puppenspielers und rang mit dem Tode. Mitten auf der Lanestraße hatte sie der Schlag angefallen und niedergeworfen. Und nun raste ihr Herz zum Erbarmen, krampften ihre Lungen nach Luft und Befreiung vom ungeheuren Drucke des eisigen Würgers, der sie umarmte. Ausgelöscht die Augen, in die der Puppenspieler dreißig Jahre lang jeden Tag geschaut, die dreißig Jahre lang mit ihm durch die Welt gezogen, die Goldkatarakte der Sonne in allen Landen getrunken, den kühlen Silberüberfluß der Sterne, die ferne Blässe des Mondes und die finstere Gewalt der Wolken, die voll Haß gegen alles Lebende sind. Unzählig wie die Sterne waren die Straßen, die sie zusammen gezogen, unaussprechlich das Glück wie das Leid, darin sie zusammen gejubelt, geschwiegen, geschluchzt und gebebt. Er lenkte das treue Pferdchen vom geöffneten Stirnfenster des Wagens aus. Viel Aufmerksamkeit brauchte ja„Senta“ nicht, denn die Landstraße war weithin zu überschauen, und es bog keine andere von ihr ab und auch keine herzu. So saß der Mann am Lager seiner Getreuen und schaute in ihr Antlitz. Der Schnee wirbelte herein, als schütte der Himmel in seiner grenzenlosen Güte Sterne über ihn aus, Sterne, die traurig zu Boden sanken und schmolzen, weil der Mensch, zu dem sie gesandt, ihren göttlichen Trost nicht begriff. Es war längst dunkel geworden. Die Nacht hatte ihren gütigen Mantel um die große Stille geworfen und seine mächtigen Falten mit Sternen besteckt. Das Schneewehen schlief ein. Stetig näherte sich das Wägelchen dem winzigen Städtchen, in dessen köstlicher Enge der Meister Olfenhut viele, viele Weihnachtsabende verbracht, um für die beiden Feiertage sein Puppentheater aufzuschlagen und der glückseligen Jugend und auch allen denen, die so gesegnet sind, ihre Jugend noch mit ins Grab! Maria la zu nehmen, die Wunder der Chriftnacht und dies„Vater! Aligen zu führen. Und heute war die schwerste, düsterste Weihnacht seines Lebens. Heute stand wohl der Tod neben dem brennenden Lichterbaum, und die Sterne der ewigen. Verheißung fielen ia ein dunkles Grab. Und morgen wird er nicht spielen können allein;— und dann droht in diesen schlechten Zeiten das Ende, denn das letzte seiner Barschaft war in den schweren Monaten dahingegangen an die Aerzte und Apotheken. In seinem grenzenlosen Jammer spielte er der Todkranken ihre Lieblingsszene vor, für die sie immer, so oft sie sie zusammen gesprochen, besonders geglüht. Aber die weitaufgerissenen Augen blieven starr, todwund und leer... Da er die Hände vors Gesicht und weinte wie ein Kind.—— Als das Wägelchen in das Städtchen einfuhr, brannten hinter den Fensterscheiben zu beiden Seiten der Straßen die Lichterbäume, und aus allen Häusern klang und feierströmte, bald von Geigenschluchzen, von Lautengeflüster und bald von Orgelbrausen untermalt. das unsterbliche, heilige und erste Lied der Christenheit: Stille Nacht, heilige Nacht! Und der Puppenspieler hatte sein totes Weid im Wägelchen. Stille Nacht, heilige Nacht! Wie immer hielt er vor der„Goldenen Traube", stieg langsam ab— und als er even der müden, treuen Senta den warmen Woiiach überwarf, kam auch schon der Wirt aus dem Haustor die Stusen herab und rief: „Da zeid Ihr ja. Meister Olfenhu:! Mor mirs doch, als hätte der fallende Schaee mir zugeraunt, daß Ihr auch dieses Johr kommen müßt!" Er schüttelte ihm beide Hände und setzte erschrocken hinzu:„Mein Gott, wie seht Ihr aus? Eure Augen stehen ja voll Tränen!“ Den Puppenspieler schüttelte ein Schauer. „Hab heute schwere Last im Wägeichen— mein totes Weid.“ Kaum wollten seine zuchenden Lippen diese herbe Kunde geben. „Armes Weib!“ sagte der Wirt tiesergriffen nach langem Schweigen.„Am Heiligabend mitzen auf der Landstraß' gestorben. Seid tapfer, Meister, Gott will uns alle einmal bei sich haben. Wir schaffen sie ruhig hinauf in Euer Stübchen. Soll die heilige Nacht nicht im Totenhaus liegen! Wollen ihr das letzte Bäumchen anstecken und Euch selbst ein Geschenk unter die Lichter legen, das Euch Gott in seiner Weisheit geschickt.“ Und sie trugen die Tote ohne Aufsehen hinauf in das warme Stübchen, das der Puppenspieler und sein Weib immer inne hatten zur Weihezeit der Christenwelt. Als der Wirt, um den Meister fürs erste allein zu lassen, schon die Tür in der Hand hatte, fragte er leise und mit verschleierter Stimme: „Habt Ihr nichts mehr vernommen von Eurer Tochter Maria, die damals mit dem Fremden auf und davon ist?“ „Nie,“ sagt der Puppenspieler schmerzvoll. „Was fragt Ihr eben heut' nach ihr?“ „Weiß nicht— stand mir den ganzen Tag im Sinn, als müßt' sie noch hier zur Tür hereinkommen.“ „Auch die kommt nimmer wieder!“ sagte der Meister. Dann saß er allein und hielt Totenwacht. Der ganze Platz draußen war ringsherum voll von brennenden Lichterbäumen; da stand auch er auf, die Kerzen an seinem Bäumchen zu entzünden. Und als er unter sich zum Schluchzen und Jubeln einer Geige den Choral der Ewigkeit von frischen, leuchtenden Kinderstimmen singen hörte, fielen schwere, salzige Zähren aus seinen Augen, mitten in das Antlitz der Verstorbenen. Der Choral der Liebe unter seinen Füßen wurde immer lauter und lauter, daß dem Puppenspieler war, als stürmten ihre Wunder in ihm empor, sein Herz zu überwältigen und wie eine frostangefallene Blüte doch noch aufgehen zu lassen in lauter Licht und Klang. Und draußen begannen die Glocken zu läuten, schwer, tief und erschütterno, und der Puppenspieler sang unter rieselnden Tränen. Da splitterte eine helle, klare und doch so erfüllungsdunkle Stimme ab von dem großen Brausen und aJuchzen zu seinen Füßen, kam immer näher und näher, ward von Freude und Schluchzen zugleich durchwühlt und durchleuchtet und sang plötzlich ganz nahe in des Meisters Ohr. Er wandte sich, ein Schrei„Vater!“ schtug ihm entgegen, und zwei Arme umschlangen ihn heiß und innig an seinem Herzen. mlt dir 8 8 15