8 37— PSASSg ### Sn aRäSESG ESBTTGESSS aEg S.8SSn „Ich sage nicht, daß du einen hättest, ich sage nur, daß du einen bekommst", erwiderte meine Frau.„Uebrigens bleibe ich dabei, auch wenn du ihn eindrückst, wie gerade jetzt." Ich ließ die Sache vorläufig auf sich beruhen, begab ich mich etwas früher als meine Frau ins Schlafzimmer, und zwar mit Reißzwecken, einem Bogen Papier und einem Blei stift. Als meine Frau eintrat, hatte ich das Papier bereits in Leibeshöhe an der We „Hier ist der Bleistift“, sogte ich,„lösch bitte die Beleuchtung bis auf meine Nachttischlampe. Wir wollen der Gewißheit halber einen Schattenriß machen." Die Profilzeichnung ist aus verschiedenen Gründen, die ich wohl übergehen darf, nicht zustande gekommen. Uebrigens wäre sie auch überflüssig gewesen. Mein Bauch erwies sich bald als eine abgerundete Tatsache. Nun galt es zu handeln. Ich tat, was der gebildete Mann in diesem Fall zu tun pflegt und griff zum Lexikon. Dort las ich:„Bauch, Leibeslohle zwischen Zwerchsell und Becken, zerfällt in die epigastrische Region, in die Umbilikalregion und in die hypogastrische Region.“ Und so weiter. Was nützte mir dieses Zerfallen des Allgemeinbauchs, wenn ich nicht erfuhr, wie mein Sonderbauch zum Einfallen gebracht wurde. Aergerlich entsaltete ich die Zeitung, die eben gekommen war. Auf einmal hatte ich allen Optimismus wiedergefunden. In einer Anzeige der bekannten Konfektionsfirma Neu und Schnieke las ich:„—— und erhalten Herren mit starker Körperfülle durch unsere Maßansertigung tadellose Figur.“ Eine halbe Stunde später betrat ich den Laden von Neu und Schnieke. Ein Herr von der Eleganz Austen Chamberlains stürzte von links, ein anderer von der des Prinzen von Wales von rechts herbei. Ich war flinker, und als sie zusammenprallten, stand ich bereits vor der hübschen jungen Dame an der amerikanischen Patent=Registrierkasse. Die junge hübsche Dame registrierte mich wohlgefälligen Blicks und fragte nach meinen Wünschen. Ich sagte, daß es Maßanfertigung sein solle. „Der Herr hat Bauch“, sagte sie, und lächelte so holdselig.„als sei Bauch das lieblichste Geschenk der Natur,„das wird bei uns vollständig vereicher“ Wohlgemerkt: Sie sagte nicht:„Der Herr hat einen Bauch“, sondern:„Der Herr hat Bauch.“ Oder:„Der Herr hat einen Auflug von Bauch.“ Oder:„Der Herr hat einen hauchzarten Auflug von Bauch.“ Ich war begeistert über so viel Delikatesse und hätte vor dem entzückenden Wesen hinter dem Zahlbrett in die Knie sinken mögen. Vierzehn Tage später trug ich den neuen Anzug. Der erste, der mir begegnete, war mein greund Langenbeck. „Hör' mal“, sagte er,„du mußt gegen die Sache etwas unternehmen!" „Gegen welche Sache?“ fragte ich. „Gegen diese Korpulenz selbstverständlich. Ueberhaupt so etwas von Anzug! Man soll den Bauch doch nicht noch betonen! Warum gehst du nicht einmal zu Neu und Schnieke?“ Als ich ihm alles erzählt hatte, meinte Langenbeck:„Dann bleibt nur noch eins: treibe Gymnastik!" Das war leicht gesagt. Die Gymnastiksysteme sind zahllos wie der Sand am Meere. Welches sollte ich wählen? Doch nicht lange dauerte meine Ratlosigkeit. Wenn der Mensch unter den vorhandenen Weltanschauungen, Kunstrichtungen usw. keine geschmackentsprechende vorfindet, setzt er sich hin und erfindet eine neue. Demgemäß handelte ich in punkto Gymnastiksystem. Und zwar hielt ich es für richtig, dem Erzeugnis meines Erfindergeistes einen Schuß Exotik zu geben. Auf dem fraglichen Gebiet hat man diese Nuance noch nicht. Sie ein!“ sammerte mein Verleger, dem das Ge=sderen edle Umrisse man nur bei den Tempelschäft über den Kopf wuchs. Unbekümmert fuhr geraten uralter, gottnaher Völker findet. Frau ich fort in meinem Wirken. Ich schrieb: 1. Das Judith lag mehr als sie saß. Wie Brise, die Nau=Ke=System für Männer, 2. Das Nau=Ke=süber das Meer zu dem noch flutfeuchten, weich System für Frauen, 3. Das Nau=Ke=System fürshingelagerten Körper weht, wie Sonnenunterdie reifere männliche Jugend. Und so weiter.sgang, der einem schwer in die Seele hinabbluAußerdem hielt ich bisher 284 Vorträge überstet, nahm sie die Worte von ihm. „#au=Kes Lehre und ihre Anwendung unter Als er fertig war, als sie beide schweigend berücksichtigung der hygienischen, kulturellen, dem Schönen nachgelauscht hatten, sagte sie. wirtschaftlichen und technischen Belange dersmatt vom Sturm des Entzückens: Jetztzeit.“ Jemand erfand die Nau=Ke=Zigarette.]„Das ist Seele. Wenn mein Mann so dichten andere den Nau=Ke=Gesundheitsstiefel und denskönnte! Seele fehlt ihm. Und da sagt er ich Nau=Ke=Büstenhalter. Ich selbst erhielt von derskenne ihn nicht, ich nähme keinen Anteil an c. Undsseinem Schaffen, es gebe tausend Sachen, die behauptet in der bezanntenser geschrieben und die ich nie gelesen hätte! daß Aber ich liebe seine Urt eben nicht, weil der tatsächlich gelebt habe.[Duft— die Seele— fehlt. Wie glücklich ist Wenn das so weiter geht, muß ich eine Weile die Frau, die von einem Manne geliebt wird, ein Sanatorium aufsuchen. Vielleicht finde ich der so dichten kann wie Sie! Mit solchen Gegort gsnügend, Ruhe, um selbst einmal die dichten könnte mich mein Mann völlig wehrlos „gen burchzunehmen. Bisher bin ich nochmachen— entwaffnen...“ Sie wies auf das nicht dazu gekommen. sweiße Buch in Borens Hand. Uebrigens: mein Bauch ist längst ver=] Mit einer ernsten, weihevollen Gebärde legte schwunden. les Voren in den Schoß. Sich erhebend, sah er 12— sihr fest in die verschleierten Augen. „ch nahm dieses weiße Büchlem, als Sie Entwaffnung scbsich am Felephon sprachen, aus einem der Skizge von Wichelmine Baltinester=Wien,sdzag'e gunce. Was ich Ihnen vorlas, gnä. Judich und ihr Gast, der Dichter Voren, ainstres Mannee cde eihes Fraundes, Byr. Freund ihres Mannes, hatten sich vom Teetisch erhoben und waren in das Bibliothekzimmer des abwesenden Hausherrn gegangen. Die ernsten, dunkeln Bücherschränke wuchsen wie hohe Altäre an den Wänden auf. Durch die gotischen Fenster kam eine weiche Fülle vom ver= Geschichten aus dem Süden. Von Paul schleierten Blaugrau des Nachmittags.[Ernst. In einem vielseitigen und stets von Frau Judith placierte sich malerisch in einem neuem interessierten Wechsel führt uns der eleti fen, breiten Ledersessel. In bewußter, lässi= gante, Erzähler durch verschiedene Menschenger Schönheit lagen die übertrieben gepflegtenserlebnisse, die sich in farbenprächtigem RhythHände auf der schwarzroten Holzplatte eines mus in südlichen begnadeten Landstrichen abrunden Tischchens. Sie sprachen über Judithssspielen. Ein kleiner scharf umrissener LiebesMann. sroman gibt den Auftakt, sechs in ihrer Kürze „Zu wenig Seeie“, hauchte sie.„Die Ueber=spackende Novellen runden das Buch zu einer legenheit seines Gehirns frappiert, eine eiserneldankenswerten und eindrucksvollen Lektüre Maschine, deren mechanische Arbeit man vor sichsab. Und eigenartig, mit welcher Künstlerschaft zu sehen glaubt. Das Herz wird nicht warm Paul Ernst die verschiedenen Register des dabei.“— Damit sprach sie die Meinung eines menschlichen Empfindens beherrscht. Eine blüKritikers aus, der ihr eine Saison lang aus=hende Phantasie läßt in stetem Wechsel Komik sichtslos den Hof gemacht und während dieser sund Tragik miteinander abwechseln, so daß Zeit zäh und vergeblich versucht hatte, ihren man das Buch nicht eher aus der Hand legen Mann literarisch unmöglich zu machen. skann, bevor man die letzte Seite gelesen hat.— Aus dem Nebenzimmer kam das Klingeln der Dieses Buch ist soeben bei der Deutschen BuchTelephonglocke. Ungern und mit deutlichen An=(demeinschaft in Berlin, SW. 61, Teltower Strazeichen, daß sie eben aus einer sanft heranschwim Hisghiaggescienen. Für den äußerst geringen menden Stimmung gestört worden sei, gingigg##sheitrag von 3.90 Mark pro ViertelJudith hinüber und ließ sich— selbst wortkargs echatt das Mitglied nicht nur einen präch— von einer Freundin in ein Gespräch verwit= igen Halblederband nach eigener Wahl, sonkeln. Während sie drüben stehen mußte, hielt gersgt, gutzerdem vollständig kostenfrei die illusie ab und zu das Sprachrohr mit der Hand zuswzertt Zeitschrift„Die Lesestunde“ zweimal im und flüsterte in das Bibliothekzimmer hinüber:na zugestellt. „Nicht böse sein, lieber Boren! Ich komme gleich... Gleich komme ich!— Wenn sie doch endlich aufhören wollte!"— Aber die andere hatte die Ausdauer des Weibes, das über sich selbst spricht. Kaltblütig nahm sie vor den Ohren der Freundin eine Sektion am Leichnam ihrer Ehe vor. Als Judith endlich wieder zu ihrem Gast zurückkehrte, saß dieser mit einem Buche da. Er hatte die Lampe heraufgedreht und schien ganz vertieft. Einen Augenblick lang blieb Judith im Dunkel unter dem Türrahmen stehen und betrachtete Boren. Wie schön er dort saß— ganz anders als ihr Mann. Wie gut er da hineinpaßte. In dieser Sekunde zärtlicher Bewunderung erkannte sie, daß die freundliche „Schwesterlichkeit“, die sie für ihn hatte, viel mehr war. Mit einer schmiegsamen Gebärde trat sie neben ihn, im Geiste das geliebte, volle Dunkelblond seines jünglinghaften Kopfes streichelnd. Sie beugte sich über seine Schulter, er wandte ihr fragend das Gesicht zu. Dicht nebeneinander atmeten die Lippen. Da lehnte er sich unbehannte Gymnastiksystem des großen indischen Fakirs Nau=Ke, des Hauptes der Sekte vom dürren Leib. Dazu schrieb ich ein Lehrbuch mit Aufnahmen, und zwar: 1. des Fakirs NauKe(lies: des Landbriefträgers und Klein=Oekonommen Sebastion Aloys Oberpfrunzner aus Dachtelhausen, photographisch aufgenommen von mir in der letzten Sommerfrische), 2. der einzeinen Uebungen, 3. der Göttin der Schönheit aus der Pogode zu Bangalor(entnommen Meyers Konversationslexikon, Bd. 9, Handgewebe bis Jonicus, Tasel„Indische Kunst"), 4 mit einer graphischen Darstellung der en=Ausbreitung im hinteren Indien wähA e des großen Nau=Ke. Auflage um Aufloge war ich in rosender Eile vergriffen. Da setzte ich mich hin und schrieb — Röflelspreg. So essam ich dermn das in Cureaua di. zurück und wich ihr aus. Sie setzte sich neben Kreuzworträtsel. Sessels liegen. Selig durchzuckte sie die Freude: das weiße Buch, das er da in der Hand hält, hat er mir gebracht! Ich soll seine Gedichte hören. Er ist sonst so zurückhaltend und scheu damit. Mir offenbart sich sein verschlossenes Wesen. Er liebt mich! Und sie beugte sich zu ihm und legte auch die zweite Hand auf seine u#rmsahne. „Lesen Sie, lieber Freund!“ Er blickte wieder von dem Buche auf, in ihre großen Augen, die sie verrieten. Und fest und gerade in seinen Sessel gelehnt, sah er sie so ernst an, daß es ihr ins Herz ging und ein ag im hinteren Indien wäh schwerer Atemstoß ihre Brust, hochschnellte. 500 Juzte, v. h. sei. dem Tod Dann fing er an, ruhig, ohne Uebertreibung, und die Gedichte klangen wie Musik. Es war Seele, eingefangen von behutsamen Dichterhänden und sorgfältig in die edle Form kostbarer boden#i. Scesiniceste— gee sgen und sorgfältig in die edie Form kostbare=! #ir Aumeschittene.„hauten Sprache gebettet wie in eine goldene Schale, Alliegerechtr. Atranchef, Huse Unerreichbares, 7 Rind 8. See in Bayern, 9 Ategmpt.Stadt 10. Mädchenname ½4 Nebenfluss d. Rheins, 16. Tat in Wahn 1. Bewohner eines Erdteils 20. Präpostion, 24 Zeichen 2. r. pan. Mass, 2; Franrüs Narschaf. SePeiferie e b)Senkrechr: 1 Bibl. König, 2 Bluts Oefricht a. Rand Hlafriseft. Stadt R. italien. Stadt 13Sta0f am Rhein, 14 Getränk iis kirche. 16. Fisch, fI. Doich, 19 Gott. Verantwortlich: H. Semmelmann. Altena Druck und Verlag: P. A. Santz, Altena. FUmrtasPSEETT Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung Nr. 34 Achtundvierziger Anekdote Von Th. Vogel=Schweinfurt. An einem heiteren Abend des Junius 1848 war nach dem weltabgeschiedenen IngelfingenHohenlohe die Kunde von dem Badischen Aufstand gekommen, zu später Stunde noch durch die Schenken gelaufen und in hitziger Rede und Gegenrede erwogen worden. An dem darauffolgenden Sonntag, sogleich nach beendigtem Gottesdienst, hatten sich die Bürger auf dem Marktplatz versammelt, um einen Ausschuß zu bilden, der dem Herrn droben auf dem Schloß von der Unzufriedenheit seiner Untertanen Kenntnis geben sollte. Aber die Weltgeschichte lächelt immer über die allzu eifrigen Menschlein. Darum beliebte sie, dem Fürsten zu Hohenlohe=Ingelfingen an dem kritischen Sonntag den langerwarteten Erbprinzen zu bescheren. Gerade wie die Bürgerschaft darüber war, den Apotheker, den Vorstand des Liedervereins, den Schulmeister und etliche andere mit der Tribunenwürde zu bekleiden, kam die Hebamme noch beinahe atemlos vom Schloß herunter gelaufen und schrie nach dem Apotheker. Ihr stotternd und aufgeregt vorgebrachter Bericht bewirkte, was keine noch so verständige Mannesrede vollbracht hätte: die Bürger hielten in ihren lauten Meinungsäußerungen inne, lachten erst heimlich und dann unverhohlen über das ganze Gesicht, vergaßen ihre bösen Absichten und wären beinahe stillvergnügt und schmunzelnd heimgegangen. Da aber meinte ein als witzig bekannter Schmiedemeister, nachdem man nun einmal eine Abordnung zusammengebracht hätte, sollte sie halt in Gottes Namen hinauf auf das Schloß gehen und dem regierenden Herrn die alleruntertänigsten Glückwünsche seiner getreuen Bürger überbringen. Der Lehrer, der schon um Amt und Brot in Nöten gewesen war, griff mit beiden Händen nach diesem Rettungsanker und auch der Liedervereinsvorstand überschlug in seinem Geiste, daß man solchem harmlosen Volkswillen gehorchen solle. Man müsse aber nicht nur gratulieren, rief er dann eifrig, sondern ein Fest und eine große Feierlichkeit veranstalten. Da nenne sr, neben anderem natürlich, als eine prächtige Gelegenheit zur Huldigung eine Gesangsdarbietung durch sein Quartett. Er sei bereit, die Sache in die Hand zu nehmen. Die Bürger stimmten ihm begeistert zu. Und die kaum eine halbe Stunde zuvor Revolution zu machen gedachten, beschlossen auf den Abend eine große Feier mit Fackelzug und Reden und Gesang im Schloßpark vor den Fenstern des hochfürstlichen Elternpaares. Dann verliefen sie sich, wohlbefriedigt von ihren schönen Absichten. Dirigent des geplanten Quartettes machte sich auf die Suche nach seinen Sängern. zweite Tenor und die beiden Bässe waren bald gefunden. Aber der erste Tenor fehlte, der Bader, dem bisher diese Stimme bei feierlichen Anlässen zu singen oblag, hatte von den ursprunglich revolutionären Absichten der Bürgerschaft Kenntnis erhalten und da er es mit seiner Kundschaft von hüben wie drüben nicht verderben wollte, war er über Land gegangen. Da war der Vorstand des Liedervereins nun in bitterer Sorge und sah den so greifbar nahe winkenden Orden seiner heimlichen Sehnsucht schon wieder entschwinden. Der Bürgermeister, der Pfarrer, der Lehrer— keiner wußte ihm einen Rat. Erst in letzter Minute fiel es dem Polizeidiener, den er wie die anderen angegangen hatte, ein, daß sich in seinem Gewahrsam ein Landstreicher befinde, der vielleicht als erster Tenor in Betracht komme. Er singe den ganzen Tag über und sei möglicherweise gegen gewisse Versprechungen bereit, einzuspringen. In der Not fresse der Teufel Fliegen, stöhnte der um sein Quartett bangende Dirigent und lief mit dem Polizeidiener zu dem Turm, wo der landstreichende Tenor untergebracht war. Samstag, 28. August Gute Nacht Von Emanuel Geibel. Schon fängt es an zu dämmern. Der Mond als Hirt erwacht Und singt den Wolkenlämmern Ein Lied zur guten Nacht; Und wie er singt so leise, Da dringt vom Sternenkreise Der Schall ins Ohr mir sacht: Schlafet in Ruh'! schlafet in Ruh', Vorüber der Tag und sein Schall; Die Liebe Gottes deckt euch zu Allüberall. Nun suchen in den Zweigen Ihr Nest die Vögelein, Die Halen' und Blumen neigen Das Haupt im Mondenschein, Und selbst des Mühlbachs Wellen Lassen das wilde Schwellen Und schlummern murmelnd ein. Schlafet in Ruh'! schlafet in Ruh', Vorüber der Tag und sein Schall; Die Liebe Gottes deckt euch zu Allüberall. Von Tür zu Türe wallet. Der Traum, ein lieber Gast, Das Harfenspiel verhallet Im schimmernden Palast. Im Nachen schläft der Ferge, Die Hirten auf dem Berge Halten ums Feuer Rast. Schlafet in Ruh'! schlafet in Ruh', Vorüber der Tag und sein Schall; Die Liebe Gottes deckt euch zu Allüberall. Und wie nun alle Kerzen Verlöschen durch die Nacht, Da schweigen auch die Schmerzen, Die Sonn' und Tag gebracht; Lind säuseln die Cypressen. Ein seliges Vergessen Durchweht die Lüfte sacht. Schlafet in Ruh'! schlafet in Ruh', Vorüber der Tag und sein Schall; Die Liebe Gottes deckt euch zu Illüberall. Und wo von heißen Tränen ein schmachtend Auge blüht, kind wo in bangem Sehnen Ein liebend Herz verglüht, Der Traum kommt leis und linde Und singt dem kranken Kinde Ein tröstend Hoffnungslied. Schlafet in Ruh'! schlafet in Ruh', Vorüber der Tag und sein Schall; Die Liebe Gottes deckt euch zu Bllüberail. Gut' Nacht denn, all ihr Müden, Ihr Lieben nah und fern, Nun ruh' auch ich in Frieden Bis glänzt der Morgenstern. Die Nachtigall alleine Singt noch im Mondenscheine Und lobet Gott den Herrn. Schlafet in Ruh'! schlafet in Ruh', Vorüber der Tag und sein Schall; Die Liebe Gottes decht euch zu Blücherail. In fliegender Eile setzte er dort dem Burschen auseinander, um was es sich handle, und wußte ihn auch nach mancherlei Rede und Widerrede, Bedingnissen und Zusagen zum Mitsingen zu bestimmen. Er selber aber(in seiner Herzensangst hätte er das Blaue vom Himmel herunter gelobt) verschwor sich hoch und heilig, für den Landstreicher ein gutes Wort einzulegen und ihm zur Freiheit zu verhelfen. Zur verabredeten Stunde des Abends fand sich die Bürgerschaft zu ihrer Festveranstaltung zusammen. Alles ging wie am Schnürchen. Der Lehrer hielt unter atemlosem Schweigen seine Rede und ließ sie ausklingen in ein dreifaches Hoch auf das Haus Hohenlohe=Ingelfingen. Der Fürst dankte mit ein paar kurzen Worten für die herzlichen Wünsche seiner Untertanen und versprach, solche eben bewiesene Treue nicht zu vergessen. Dann sang das Quartett: Der erste Tenor, der sich in dem geliehenen Vorstondsfrack prächtig ausnahm, glänzte mit seiner Stimme. Schon nach dem ersten Lied winkte ihm der Fürst von seinem Fenster aus anerkennend zu. Beim zweiten Lied rief er einen Kammerdien: zu sieh und flüsterte ihm einen Auftrag ins Ohr. Nach dem dritten Liede aber trat der Kanzleirat selber zu dem schwitzenden Dirigenten, machte ihm von der angenehmen Ueberraschung seiner hochfürstlichen Inaden über die eben gezeigten Leistungen waittellung und bat ihn mitsamt seinen Sängern, dem Lehrer und etlichen anderen Honoratioren ins Schloß. Der Vorstand erschrak vor der hohen Ehre. So sehr er auf der einen Seite ob dieser Auszeichnung stolz war, so sehr fürchtete er auf der anderen Seite um den wunden Punkt in der Bürgerlichkeit und Wohlanständigkeit seines Quartetts. Es blieb ihm zwar nichts übrig, als die fürstliche Einladung mit ergebensten Worten des Dankes anzunehmen und seine Sänger zu verständigen. Aber er nahm sich den ersten Tenor doch noch einmal beiseite und beschwor ihn, um Gotteswillen nichts zu verraten, wenn seine fürstliche Gnaden ihn nicht übersehen sollten. Doch wie es das tückische Spiel des Zufalls will!— Der Fürst zog zum Schrecken der anderen gerade den ersten Tenor ins Gespräch. Er habe nicht gewußt, meinte er, daß sich ein so wackerer Sänger in seiner Herrschaft befinde; — ob er schon längere Zeit das Städtchen mit seiner Anwesenheit beehre? Der Landstreicher erwiderte in unverkennbar sächsischer Zunge, daß er sich erst etliche Tage hier befinde, aber hoffe, nicht lange mehr aufgehalten zu sein. In ehrlich bedauerndem Tone fragte darauf der Fürst, warum es ihm denn so wenig in Ingelfingen gefiele. Darüber dürfe er nichts sagen, zuckte der Landstreicher mit der Schulter; man würde ihn wahrscheinlich sowieso recht ungern fortlassen und bis seine Geschäfte erledigt seien, möchten unter Umständen noch einige Wochen vorübergehen! Als die fürstlichen Gnaden nun nach seinen Geschäften fragte, warf der erste Tenor einen verschmitzten Blick hinüber zu dem zitternden Dirigenten. Sie seien ganz besonderer und heimlicher Natur, meinte er, und er habe gewissen Persönlichkeiten in die Hand versprechen müssen, nichts darüber verlauten zu lassen! Wer diese Persönlichkeiten seien, wollte der Fürst wissen. Er glaube nicht, daß er das sagen dürfe, überlegte der Landstreicher, aber wenn sich seine fürstliche Gnaden einmal an den Dirigenten wend der sicherlich in der Lage sein, etliche Auskunft zu geben. Dem armen Vorstand begann es vor den Augen zu simmmern. Er warf ängstliche und um Hilfe flehende Blicke im Kreise herum nach dem Bürgermeister, dem Lehrer und den anderen Anwesenden. Endlich stotterte er in seiner Verlegenheit, daß er zwar nicht wisse, welcher Art die Geschäfte des Herren ersten Tenors seien, aber er wolle hoffen, daß sie ihn noch lange zu einem verdienstvollen Mitglied seines Quartetts machten. Da habe er recht, nickte der Fürst. Er sei ihm, dem Herrn Dirigenten, zu außerordentlichem Dank verpflichtet, daß er ihn in den Genuß dieser prächtigen Stimme— hier verneigte er sich nach dem befrackten Landstreicher hin— gebracht habe, und er wolle seiner Anerkennung auch dadurch Ausdruck geben, daß er dem Herrn ersten Tenor gern eine besondere Bitte zu erfüllen bereit sei. Dem Landstreicher lief ein heimliches, nur den eingeweihten Bürgern verständliches Lächeln über das Gesicht. Er verbeugte sich vor dem Fürsten und murmelte, daß er überaus gerührt sei von dieser Gnade, daß es ihm aber widerstrebe, für sich eine Gunst zu erwirken. Dagegen gedenke er im Augenblick gerade des armen Landstreichers, der drunten im Gefängnis des Städtchens eingesperrt sei und den er in seiner Gesangenschaft herzlich bemitleide. Ob seine fürstliche Gnaden dem armen Kerl nicht die Freihcit schenken wollten? Die Bürger waren von dieser Unverfrorenheit wie erstarrt. Sie fühlten sich im tiefsten Herzen empört und konnten doch nicht wagen, nur ein Wort fallen zu lassen, das den Tropf verraten und damit die eigene Unzulänglichkeit aufgedeckt hätte. Zähneknirschend mußten sie zuhören, wie der Fürst in überaus anerkennenden Worten die Selbstlosigkeit des fremden Herrn lobte, wie er ihm die Gewährung seines Wunsches durch Handschlag zusicherte und ihn beauftragte, dem Landstreicher drunten die Freiheit zu verkünden, ja, ihm darüber hinaus einen Zehrpfennig zu überreichen, den er in Gestalt einiger Goldstücke aus seiner Westentasche nestelte. Er würde es gern sehen, wenn sich seine getreuen Untertanen an der Menschenfreundlichkeit des fremden Herrn ein Beispiel nehmen würden. Es blieb den braven Bürgern nichts übrig, als in den Beutel zu greifen. Und wenn sie dies auch mit vielem heimlichen Aechzen taten, lumpen lassen konnten sie sich nicht. Im Gegenteil, sie mußten den befrackten Landstreicher noch bitten, die eigenen Taler und Dukaten anzunehmen. Der erste Tenor bedankte sich im Namen des Gefangenen und bat, sich sogleich empfehlen zu dürfen, um dem Landstreicher die hohe Zeitung zu überbringen. Der Fürst neigte huldvollst das Haupt und entließ ihn mit gnädigster Miene. Auch die anderen verbeugten sich mit sauerfüß lächelnden Gesichtern vor dem Abschiednehmenden. Der Dirigent aber kochte. Er hat seinen Frack nicht wiedergesehen. Die„Verle“ Skizze von E. Bvandt. Kein Mensch würde diese Geschichte, die auch dem Hartgesottenen die Haare zu Berge treibt, glauben, hätte sich nicht James Sloan für sie verbürgt. Und noch mehr. Dieser ehrenwerte Englishman, der am„Strand“ ein flott gehendes Herrenmodengeschäft betreibt, mithin also den bestsituierten Kreisen der Metropole angehärt, führt Mister Gibbs, seinen Freund, als Kronzeugen an, der an jenem unvergeßlichen Nachmittag zusammen mit ihm das Zelt des Iirkus„Torren" betrat. Die„Perle“ also, um die die Sache geht, nannte sich höchst einfach Annie Smith, und Stoan verdankte sie einer kleinen Anzeige in der„Daily Mail“, die er für zweieinhalb Schilling eingerückt hatte. Annie Smith war die achtzehnte Kindergärtnerin, die nun bei dem kleinen, erst dreizehn Monate alten Bob, Mister Sloans einzigem Sprößting, Mutterstelle vertrat. Die ersten siebzehn hatten es nur Tage, beziehungsweise Stunden, auf ihrem verantwortungsreichen Posten ausgehalten. Denn Mister Sloan verlangte etwas für sein gutes Geld, und sechzehn Schilling in der Woche waren in dieser Zeit kein Pappenstiel. Aber jetzt endlich klappte alles. Es ging wie am Schnürchen. Mister Sloan war des Rühmens voll. Diese Annie Smith war zum mindesten ein pädagogisches Genie. Mehr als das, sie war mit einem Wort eine„Perle“. Sie versiel auf hundert Ideen, den Kleinen, der doch sonst immer so mordsmäßig geschrien hatte, bei guter Laune zu erhalten. Ihre Engelsd war wirklich unerschöpflich. Sie brachte Esgenen Zeiche## Mister Sloan nicht ohne Befremden fest. Es verging kaum ein Tag, an dem sie der glückliche Vater nicht mit einer neuen, wenn auch wohlfeilen Spielerei, die den Kleinen unterhalten sollte, überrascht hätte. Ein Harlekin aus Gummi, eine Ente aus Zelluloid, eine Rassel mit silbernen Schellchen... das waren Annies letzte Anschaffungen. Mister Sloan wurde nachdenklich, denn als waschechter Busineßzmann vom Londoner Strand glaubte er an so viel Selbstlosigkeit nicht. Er zog also seinen Zuschneider Jenkins in das Vertrauen, und dieser machte ihm die überraschende Mitteilung, daß er Miß Annie Smich jüngst in einer benachbarten Wechselstube der„Bank of Manchester“ angetroffen habe. Eine Kindergärtnerin als Kapitalistin, das war doch ein Unikum, deduzierte sehr, richtig Mister Sloan. Zum Glück kannte er ja Seribener, der Clark in besagter Wechselstube war. Der war ein „Gent“ und schuldete ihm infolgedessen noch zwei Pfund auf einen Anzug, den er auf Ratenzahlung genommen hatte. Der würde ihm also schon durch eine Andeutung trotz allen BankHellie= Glsleleleltelteelteleieleielgieie Der Mond Hinter schwarzen Waldeswänden Kommt der stille Mond hervor. Dargereicht von Gettes Händen Steigt er feierlich empor. Silberlichte Wolkenpfühle Betten ihn in ihre Pracht. Um ihn her ist Glanz und Kühle Und der milde Trost der Nacht. Oeffne dich dem sanften Scheine, Wunde Brust, von Leid bedrängt, Daß dein Herz, das Ewig=Eine, Neu erkennt— und neu empfängt. Anna Enders=Dix. M#TSTRSTRE PSRR geheimnisses den erwünschten Gefallen tun. Miß Annie Smith mußte ihre Ersparnisse auf der Bank of Manchester placiert haben, anders war das wohl doch nicht gut denkbar. Scribener lunchte in der„Traveller Bar“. Hier fühlte ihm Sloan bei einem Whisky mit Soda, den er großmütig spendierte, unauffällig auf den Zahn. Die Geschichte wurde nur noch mysteriöser. Nach der heiligen Versicherung Seribeners, der sich Miß Smith wohl gemerkt hatte und der sich infolgedessen gar nicht irren konnte, kam diese gar nicht auf die Bank, um Geld abzuheben, ganz im Gegenteil, sie kam, um solches einzuzahlen... und zwar immer gleich an die hundert Pfund. Ein kleines Vermögen in dieser schweren Zeit, auch in England. Wo nahm die Kindergärtnerin solche Mittel her? Sollte sie...? Aber auch Abwege brachten ja solche Summen nicht ein. Mister Sloan war sprachlos. Wenn er über alle Möglichkeiten nachdachte, dann perlte der Angstschweiß auf seiner sich in einer ungeheuren Glatze fortsetzenden Stirn. Da traf er eines schönen Nachmittags einen Jugendfreund, den er ganz aus dem Auge verloren hatte, auf der Straße. Hello,Grübe!“ „Hallo, Sloan!“ Die beiden schüttelten sich die Hand. „Kommst du mit?“ „Nohta!“ „In den Zirkus Torren! Nur ein paar Schritte von hier!“ Humbuug!“ „Und ich sage dir, auch in London noch nicht dagewesen!" „Looping the loop?“ „Nein... ein Dressurakt... von einer Waghalsigkeit, um nicht gleich zu sagen Frivolität... Worauf diese Fellows nicht alles verfallen, to make money... die Polizei sollte den Burschen das Handwerk legen... aber es zieht... Tausende heimst der Kerl mit diesem Trick zweimal an jedem Tage ein, und wir können schuften... du wirst dein blaues Wunder sehen, sage ich dir! Komm mit!" James Sloan wußte in der Tat nicht, welche unheimliche Gewalt des Grauens und der Neugier ihn da mit einem Male in der Gestalt seines Jugendfreundes Gibbs nach dem Eingang des Zirhuszeltes zog. Hier stand die sensationslüsterne Menge Kopf an Kopf, und es dauerte schon eine ganze Weile, bis sich Sloan und Gibbs an der Kasse ihre Plätze erobert hatten. Nun saßen sie in einer der vordersten Reihen, denn die billigen Plätze waren längst schon alle ausverkauft. „Er bekommt hundert Pfund für die Nummer!“ „Wer?“ „Der Lionking, wer denn sonst?" „Hundert Pfund? Ist denn das möglich?“ „Aber ich bitte dich... Das Zelt faßt doch 4000 Personen, Sloan!“ Der Clou bildete den Mittelpunkt der Vorstellung. Sloan und Gibbs mußten sich in Geduld fassen. die Clownspäße und Trapeznummern, der Niggertanz und die Songs gingen in Gnaden vorüber... und die Manege hatte sich in einen Käfig gewandelt. Lionking trat auf. Atemlose Stille. Die Brust mit ungezählten Orden behangen, eine kurze Nilpferdpeitsche in der Hand, stand er jetzt mutterseelenallein hinter den Eisengittern, eine achtunggebietende Erscheinung. Sein knappes Kostüm erinnerte an die Uniform eines Honved, und der dichte, schwarze, kunstvoll gewichste Schnurrbart trug das seine zu solchem Eindruck bei. Die Wärter trieben ihm die Bestien aus den Transportkäfigen zu: Vier riesige abessinische Löwen mit schwarzbraunen Mähnen, zwei Königstiger aus Bengalen, drei bunte Leoparden. Fauchend fügten sich die Katzen und nahmen ihre Plätze auf den bereitgestellten Schemeln ein. In dem Ledergurt des Lionking funkelte die Schußwaffe... für alle Fälle. Auf dem ersten Schemel rechts vorn saß Sultan, ein Musterexemplar seiner Rasse. Der Bändiger hatte soeben sein Brummen des Mißbehagens mit einem winzigen Stück rohen Fleisches in behagliches Knurren gewandelt. Nun kraulte er die schwarze Mähne des majestätischen Tieres und trat vor. In dem Gitter des Käfigs befand sich ein kleines Fenster, das der Lionking öffnete. Er wandte sich an das Publikum: „Um den verehrten Herrschaften zu beweisen, wie fest ich meine Tiere in der Hand halte, pflege ich jede meiner Vorführungen mit einem völlig harmlosen, aber waghalsig erscheinenden Experimente einzuleiten. Hat eine der anwesenden Ladies die Liebenswürdigkeit, mir ihr Kind für ein paar Minuten anzuvertrauen? Mein Freund Sultan wird es so zärtlich behandeln, als ob er nicht der König der Wüste, sondern eine gelernte Kindergärtnerin wäre!" Eine Minute der Spannung verstrich... Da erhob sich eine junge, elegant gekleidete Frau aus einer Loge. Sie trug ein in Spitzen gehülltes Baby auf dem Arm und schritt kurz entschlossen auf den Lionking zu.: Aber sie erreichte ihn nicht. James Sloan hatte sie zu Boden geschlagen und sich des Kindes bemächtigt. War sie doch keine andere als Annie Smith! 12— Vertretung Heitere Skizze von Richard BerckeHamburg. Ein heiterer Frühlingstag meines Wanderlebens führte mich in jenes Städtchen, in dem mein guter alter Freund Fridolin lebte und sich sein Brot ermalte. Er pinselte fabelhafte Sachen zusammen und war längst ein Maler von Ruf. Aber er war nicht zu Hause, als ich die vier Treppen zu seinem Atelier erklommen hatte und wiedersehensfreudig an seine Tür pochte. Die würdige Dame, die mir öffnete, setzte mich davon in Kenntnis, daß Fridolin schon in früher Morgenstunde die Wohnung verlassen habe, und daß der Zeitpunkt seiner Rückkehr ungewiß sei. Aber es könne ja nicht ewig dauern, und ich möchte doch eintreten und warten. Ich trat also ein und wartete. Es war das erste Mal, daß ich in einem Maleratelier war, und so betrachtete ich nun meine neue Umgebung mit ehrfürchtiger Scheu und dankbarem Interesse. Es mochte so eine halbe Stunde vergangen sein, da steckte die würdige Dame den Kopf zur Tür hinein und wies mich darauf hin, daß sie nun gleichfalls genötigt sei, die Wohnung zu verlassen, um für Küche und Keller Einkäufe zu machen. Ich möchte die Güte haben, die Haustür zu öffnen, falls es läuten sollte. Ich versprach es, und sie ging. Aufs neue vertiefte ich mich in das Studium aller Atelierrequisiten, 1 apperte in harmloser Freude mit allen m#zlichen Waffen, setzte mir probeweise eine Königskrone aufs Haupt, spielre mit einem Totenschädel und tippte mit den Zingern der Reihe nach auf sämtliche Gemälde, um festzustellen, ob sie schon trocken seien. Sie waren aber noch nicht alle trocken. Plötzlich läutete es an der Haustür. Ich unterbrach meine Fingertippversuche und ging hinaus, um zu öffnen. Eine elegante junge Dame trat eiligst ein, nickte mir freundlich zu und fragte, ob es etwa schon zu spät wäre. Ich konnte ja nicht wissen, was sie damit meinte, sagte aber für alle Fälle: „Nein.“ In diesem Augenblick läutete das Telephon im Nebenzimmer, ich ließ also die junge Dame ins Atelier eintreten, wozu ich mich angesichts der Dringlichkeit ihres Gebarens verpflichtet fühlte, und eilte ans Telephon. Es war ein Ferngespräch, die Verständigung unsagbar schlecht, aber schließlich wurde glücklich festgestellt, daß eine falsche Verbindung vorlag. Als ich das Atelier wieder betrat, stand die junge Dame zu meinem Entsetzen nur mit einem Hemde bekleidet da. Ich muß sie wohl recht fassungslos angesehen haben, denn sie schien meine ernste Bestürzung als Ausdruck meines Unwillens aufzufassen, weil sie nicht auch diese letzte Hülle von sich geworfen hatte, und so beeilte sie sich, ihren vermeintlichen Fehler wieder gutzumachen, indem sie hastig mit einem Arm aus dem zarten Gebilde schlüpfte, das sie noch bedeckte. Und sie hätte diese letzte restliche Verschleierung, die ihr noch geblieben war, im nächsten Augenblick vollkommen abgestreift, wenn ich nicht Einhalt geboten hätte in der gerechten Ueberlegung, daß ich keinen begründeten Anspruch auf solche Darbietung hatte, die unter offenbar falschen Voraussetzungen mir zuteil werden sollte. „Haben Sie die Liebenswürdigkeit, das Hemd anzubehalten.“ sagte ich daher freundlich. Die junge Dame stutzte.„Ich glaubte,„Ganzakt“ am Telephon verstanden zu haben, als ich mich gestern auf Ihre Anzeige meldete. Aber schließlich— mir kann's gleich sein, wie Sie mich malen— wenn ich nur das vereinbarte Honorar dafür bekomme. Die Zeiten sind ja so schlecht.“ Ich begriff nun klar den Zusammenhang der Dinge, brachte es aber nicht übers Herz, Aufklärungen zu geben und der jungen Dame, die im frohen Hinblick auf redlichen Verdienst gekommen war, Enttäuschungen zu bereiten durch das Geständnis, daß sie sich nicht dem Maler und Besitzer dieses Ateliers, sondern seinem besuchenden Freunde in dem bescheidenen Kostum, das sie umhüllte, präsentiere. „Ich habe mich anders entschlossen,“ entgegnete ich endlich.„Ich will Sie als ägyptische Königstochter malen, die nach einem erfrischenden Bade leicht bekleidet auf blumiger Wiese liegt und träumt.“ „Aha!“ machte die junge Dame. „Die Chaiselongue dort stellt die blumige Wiese dar“, fuhr ich dann fort.„Bitte— wollen Sie die Güte haben..!“ Mein Modell legte sich auf die Wiese, und ich gab ihr eine gefällige und freundliche Position, wie es sich für eine Königstochter geziemt. Leinwandbespannte Rahmen waren in genügender Menge vorhanden, ich ergriff einen der größten, stellte ihn auf die Staffelei und nahm Malstock und Palette zur Hand. Zuerst malte ich die Wiese. Ich hatte zwar noch nie einen Pinsel in der Hand gehabt, aber ich fühlte doch mit glücklichem Stolz, daß ich jetzt ein Maler war. Die Wiese gelang mir überraschend gut angesichts der Tatsache, daß ich frei aus der Phantasie heraus schöpfen mußte. Auch der Bach, in dem die ägyptische Königstochter ihr Bad genommen hatte, wurde leidlich und schlängelte sich in munteren Windungen durch das Gelände der Leinwand. Ohne Ueberhebung glaubte ich etwas von Böcklin'schem Schmiß in der Anlage und Art meiner Malerei zu entdecken, meine Wangen begannen zu glühen, mit jeder Sekunde wuchs meine hehre und reine Schafjensfreudigkeit. Das Hemd war verhältnismäßig einfach zu malen. Ein paar kühne, breite Pinselstriche von links nach rechts, ein paar schwarze Striche als Falten dazwischen, und als besondere Finesse leuchtend rote und grüne Kleckse als Blumen darüber verstreut. Dann kam das schwerste der ganzen Komposition,— die junge Dame selbst, ihr Kopf, ihre Arme, ihre Beine. Ich erleichterte mir die Sache noch insofern erheblich, als ich das eine Bein meines Modells auf dem Ruhebett geschickt hinter dem anderen versteckte. Es sah nun zwar aus, als ob die ägyptische Königstochter einbeinig war, aber das war mir gleichgültig, jedenfalls hatte ich auf diese Weise ein ganzes Bein weniger zu malen. Dieses eine Bein, das mir darzustellen blieb, erhielt nun ganz ohne meinen Willen einen ausgesprochenen Rubens'schen Charakter, während die Arme, die dann folgten, mich mehr an die Malweise von Angelo Jank erinnerten. Wenigstens der eine. Der andere hatte, wie ich mir selbst gestehen mußte, recht bizarre Formen erhalten. Im übrigen waren beide Arme leider viel zu braun geworden gegenüber dem zartrosa Bein. Der Kopf, als das allerschwerste, machte mir recht viel Sorge. Das eine Auge wurde unverkennbar raphaelitisch, das andere schien aber mit dieser Richtung nichts zu tun haben zu wollen und blickte in strenger Betonung einer gewollten Selbständigkeit und mehr nach Dürer'scher Manier in die Gegend. Im allgemeinen hatte das Gesicht leider recht eigentümliche Farbennuancen erhalten und strahlte in hoffnungslos dunklem Teint. Die Farbe lag schon fingerdick wie in Form von Larzen, und trotzdem schimmerte das Dunkle immer wieder durch. Velelelelgieiaiginigielgigien Im Schillerhaus Wer wüßte nicht, wie hoch die Früchte hingen, Die deine heiße Sehnsucht nimmer reifen sah— Es war dein unbeklagtes Los, daß es geschah; Dein Genius konnte nie von Sattsein singen. Und doch: du bist ein reicher Fürst gewesen, Wenn Lotte am Spinett die Sorgen dir versang, Wenn deine Liebe Dank aus Kinderaugen trank So wußtest du dein Schichsalsbuch zu lesen. Es kam—ach, allzufrüh— der große Schweiger, Der die verborg'nen Falten von der Seele strich, Uns aber war, als ob die Sonne gramvoll blich, Als ständen jählings alle Uhrenzeiger. Franz Mahlke. Die Königstochter sah aus, als wenn sie oben Negerin und in den unteren Gebieten Europäerin wäre. Nach vier Stunden gab mein Modell Zeichen der Unruhe von sich und sagte, sie wäre nur für drei Stunden verpflichtet worden. Ich betrachtete ihr Verlangen nach Aufhören wie eine Erlösung, denn ich hatte angesangen zu fürchten, sie wäre für den ganzen Tag engagiert. So brach ich ab und gestattete ihr, sich wieder anzuziehen. Sie tat dies und empfing das vereinbarte Honorar von zwanzig Mark. Dann bat sie, das Bild sehen zu dürfen. Ich führte sie mit erheblichem Stolz vor die Staffelei und zeigte ihr mein Werk. Sie betrachtete längere Zeit abwechselnd mich und mein Produkt, brach dann in ein wieherndes Lachen aus, tippte ihre Stirn und verließ fluchtartig das Atelier. Zweifellos hielt sie mich für wahnsinnig. Ich heftete einen Zettel mit einem freundlichen Gruß für meinen Freund Fridolin an die Leinwand und ging dann ebenfalls meines Weges. Zwar war ich mir bewußt, ein gutes Werk getan zu haben, aber die eine Kritik genügte mir. Ich war nicht begierig auf eine zweite. wie es dann lebendig in ihm wurde, und wie freute es sich mit dem Kinde, wenn der Klang, der aus seinem Geldbehälter stieg, immer schwerer und voller wurde. Nun kam ja bald die Zeit, daß das Schilderhäuschen im Arm seiner kleinen Freunoin den großen Spaziergang nach der Sparkasse machte. War das eine Freude, und wie glänzte dann das Sprüchlein, das nach jedem Präsentiergriff des Soldaten rund um das Schilderhäuschen lief und hieß:„Die beste Lehr', die stärkste Wehr'— den Pfennig und das Alter ehr“!“ Es war meistens nach den Festtagen. Dann waren die Geldbeutel schmäler, die Spardose aber war voller geworden, kam doch selten eine Tante oder ein Onkel zu Besuch, der nicht den Wachtposten an Aennchens Schilderhäuschen präsentieren ließ— und das kostete jedesmal eine Mark; denn bei kleinen Münzen rührte der Posten sich nicht. Darum mußte auch Aennchen jeden Pfennig sparen, bis es eine Mark zusammen hatte, wenn es sehen wollte, wie das Spruchband um das Häuschen lief und der Soldat vor ihm präsentierte. Aber dann auf der Sparkasse! Der alte Kassierer hatte immer seine helle Freude an dem Schilderhäuschen. Meist warf er auch selbst die letzte Mark hinein, worauf sich die Tür des Schilderhäuschens automatisch öffnete und die gesammelten Münzen auf den Kassentisch rollten. Hei, was dann die anderen Spardosen für Augen machten! Und wie drollig manche davon aussahen, einige wie Knollen oder riesige Kartoffeln, andere wie ein Schiffchen oder wie ein Osterei. Manche, die kein Schlößchen und kein Schlüsselchen hatten, sondern nur einen Einschnitt und von Steingut waren, mußten ihr Leben lassen. Ach, wie lange war das her?! Aus dem Aennchen war eine Hausfrau geworden, die nun selber ein Aennchen hatte. Aber gespart wurde bei den Menschen, die keine Münze mehr kannten, nicht mehr. Einmal— es war nach dem Kriege— kam auch der junge Hausherr in die Ecke, wo das schwarz=weiß gestrichene Häuschen stand. „Ach“, lachte er,„was ist das für ein ulkiges Ding— eine Spardose? Was will die jetzt noch?“ Aber die junge Hausfrau nahm ihr Schilderhäuschen in Schutz:„Laß es nur stehen, Hermann. Vielleicht, daß es doch noch einmal zu Ehren kommt, wenn die Papierlappen wieder zu Kupfer geworden sind.“ „Da kannst du noch etwas warten, Aenne.“ „Oder unser Aennchen ist dann so weit, deß es mit dem Häuschen spielen bann.“ Und so blieb das alte Schilderhäuschen an seinem Platz. Liebe Kindheitserinnerungen haben es gerettet. Es verstaubte zwar ein bißchen. Der Soldat kam ihm abhanden. Aber in seiner Ecke konnte es weiterträumen, bis——— Die alte Spardose erschauerte. Eine Hand hatte sie aus der Eche genommen... eine Männerhand. Ein Tuch wischte über sie hin und— o Wunder— plötzlich stand auch der Soldat wieder neben ihr. Eine Mark fiel mit altem Gewicht auf das Zahnrädchen an ihrer Herzseite. Schwuppl— sprang auch das Spruchband heraus und lief rund um das Häuschen. Ruck— zucht präsentierte der Soldat, und ein Kinderstimmchen jauchzte:„Mehr, Mutti, mehr, mehr Mark!“ Und bei jedem„Ruck=zuck!“ des Soldaten ging ein leises Erbeben durch das alte Schilderssunhen. Das Schilderhäuschen Zeitbild von Hans Janson=Düsseldorf. „Was ist das?" flüsterte die alte Spardose, die seit zehn Jahren verlassen und verstaubt in einer Ecke gestanden hatte, fast erschrocken. „Eine Mark?. Und der Soldat ist wieder da?“ Trotz ihres Alters hatte die Spardose noch ein schmuckes Aussehen. Sie glich einem Schilderhäuschen. Nur der Soldat, der sonst mit geschultertem Gewehr neben ihr gestanden hatte und jedesmal präsentierte, wenn eine Mark in die Büchse geworfen wurde, war verschwunden. Sonst aber war sie noch gut erhalten, auch der schwarz=weiße Anstrich hatte wenig gelitten. Eine Hand im Hause hatte sie nie ganz vergessen... die nun längst einen Goldreif am Finger trug. Damals aber war das noch eine kleine Mädchenhand gewesen, deren Fingerchen oben an die Büchsenklappe kamen, um eine Münze hineinzuwerfen. Zuweilen hatte KleinAennchen das Schilderhäuschen auch an das rosige Ohr genommen und geschüttelt. Gottleinen Amigage zur Kraft und Schönheit Humoresbe von Ratthäus Becker. Eines Tages, nach Tisch, sagte meine Frau zu mir:„Matthäus, ich weiß nicht was es ist, aber etwas an dir will mir nicht gefallen.“ Ich war außerordentlich überrascht. Nicht weil meiner Frau etwas an mir mißfiel. Das erlebe ich öfter. Nein, weil sie den Gegenstand dieses Mißfallens nicht hannte. Meine Frau hatte sonst immer ein Dutzend solcher Gegenstände auf Lager. Ich kam mir ganz ausverkauft vor. „Hm“, sagte ich,„vielleicht habe ich etwas Typhus oder Lungenentzündung.“ Aber meine Frau hatte gar nicht zugehört. „Du“, sagte sie mit leuchtenden Augen,„ich hab's: du bekommst einen Bauch.“ Das Leuchten war der Widerschein der Entdeckerfreude. Im Unterbewußtsein meiner Frau mußte jener Bauch schon einige Zeit gelebt haben. Jetzt war er ihr mit einem Mal ins Oberbewußtsein geschwollen. Ich straffte mich empor und betrachtete prüfend die in Frage kommende Partie.„Ich soll