Morgen am Meer Eine rote Riesenblume, Stieg die Sonne aus dem Meer. ämmer deckte noch die Lande, Stand auf meinem stillen Strande, Letzte Rebel um mich her. Eine trübe Kupferscheibe, Wanderte das Licht hinan. Heimlich ward die Flut beschienen, Und die Gräser an den Dünen Fingen sanft zu glühen an. Flog der erste Strahl hernieder, Heller ward der Wellentanz. Und noch keine kurze Stunde, Und die ganze Morgenrunde Lag in Glück und Sommerglanz. Haus Bethge. Ke Die gestohlenen Birken Heitere Stizze von Richard Blasius. Die Dippelsbacher sind ein sangeslustiges Völkchen und haben daher einen Gesangverein. Dieser besitzt eine Vereinsfahne, auf der goldAls der Schneider seinen Helferohelfer von dem Unheile benachrichtigte, ließ auch dieser verzagt den Kopf hängen. Trübselig schlichen die beiden arinen Sünder in der Abenddämmerung nach Gickelsbach und rieten seufzend hin und her, wie hoch sie der Bauer ob ihrer Missetat an ihrem Geldbeutel bestrafen würde. Aber als sie mit geflissentlich zur Schau getragener, zerknirschter Miene in des Bauern Stube traten, mußten sie zu ihrer Bestürzung hören, daß die Dinge noch bedeutend schlimmer lagen, als sie gedacht hatten. Von bloßer Vergütung wollte Aloys Bäuchl durchaus nichts icht zu lesen ist„Männergesangverein Bäuchl nicht zu spaßen sei. erlust, Dippelsbach.“ Weniger aus Reise— die Dippelsbacher lieben die Bequemlich seines tapferen Urahnen„Sieben auf einen Streich". Das warf ihm den Kopf in den Nakken und gab ihm den Mut zu der spitzfindigen Bemerkung, wenn der Herr Bäuchl jetzt auf einmal den Diebstahl als einen Spaß bezeichne, so habe er eigentlich auch nicht gleich den Gendarm bemühen sollen. kett— als um die Fahne den staunenden Zeitgenossen vor Augen zu führen, veranstalteten die Sänger von Dippelsbach alljährlich im Aueine Ausfahrt auf birkengeschmückten eiternagen. Dippelsbach hat natürlich auch einen Schneider. Daß dieser als erster Tenor der Koryphäe des Vereins ist, bedarf eigentlich keiner ausdrücklichen Erwähnung. Schneider sind ja von jeher für den ersten Tenor prädestiniert gewesen. Des Basses Grundgewalt dagegen besaß einen wesentlichen Stützpunkt in dem Holzfäller Hempel. Dieser und der Schneider Pietsch hatten es in löblicher Weise übernommen, für das geringe Entgelt von zwei Reichsmark den Birbenschmuck der Wagen zu besorgen. In allerdings weniger löblicher Weise nahmen sich Pietsch und Hempel vor, die zwei Mark als „Das hat er doch nicht getan,“ sagte erstaunt die Bäuerin. Der Bauer warf ihr einen unwilligen Blick zu. Da rutschte dem Paare fast hörbar eine Zentnerlast von der Brust. Der Bauer hatte sich also härter angestellt, als er war. Und da dieser sich nun einmal verraten sah, zog er auch mildere Saiten auf und erklärte sich mit einer Entschädigung von 5 Mark einverstanden. Erleichterten Herzens zogen die Uebeltäter die Beutel und zählten die Summe auf, zu der Reingewinn anzusehen und die Birkenreisersjeder die Hälfte beisteuerte. Nun ward der einfach zu stehlen. Da dem edlen Paare die Gunstgewinnung ihrer Sangesbrüder aber sehr am Herzen log, blieb es nicht bei den Reisern. Sie rannten den nachbarlichen Gickelsbachern in den Wald, wo denn auch mitten in friedlicher Vollmondnacht mit Sägenkreischen und Axthieden der Tod umging, bis eine gute Bauernfuhre am Boden lag. Kurz nach Mitternacht war der alte Ansorge, der Kuhbauer von Dippelsbach, mit einem Bretterwagen nachbestellt worden. Und ohne Sorge, wie das seinem Namen gemäß zukam, fuhrwerkte er die gestohlenen Bäumchen heimwärts auf den mondbeschienenen Dorfplatz, wo Pietsch und Hempel die beiden Leiterwagen festlich schmückten, so daß am frühen Morgen die Sänger mit„Lied hoch“ in schattenspendendem Grün dahin fahren konnten. Daß dieser Schatten gestohlen war, wußten nur zwei von ihnen. Und diese machten sich wenig daraus, nahmen vielmehr die Lobsprüche ihrer Sangesbrüder mit Pharisäerstolz entgegen und lächelten einander augurenhaft zu. Aber da sich die scharfäugige Nemesis mit der alten, hellhörigen Bettel Fama verband, wußte der Bauer Aloys Bäuchl in Gickelsbach nur zu bald mit grimmiger Genugtuung festzustellen, wer die Verheerung in seinem Birkenbestande verursacht hatte. Daher dämmerte den beiden Spitzbuben ein Tog des Gerichts entgegen, an dem der Gickelsbacher Nachtwächter mit strengen Mienen in Dippelsbach erschien und in das Schneiderhäuslein trat. Pietsch schlief eben das Mittagsschläfchen des Gerechten, der der Buße nicht bedarf, als ihn die Stimme des Unglücksboten aus allen sieben Traumhimmeln riß und ihn aufforderte, binnen vierundzwanzig Stunden mit seinem Diebesgesellen im Gehöfte des Gutsbesitzers Bäuchl in Gickelsbach zu erscheinen und sich dort wegen Diebstahl und Baumfrevel zu verantmorten. Der vielleicht ganz ehrsame Schneider, aber doch offensichtlich unehrsame Wagenschmücker glaubte, der Schlag müsse ihn treffen. Wie kläglich würde nun enden, was so herrlich begonnen hatte! Obendrein überhäufte ihn zeine geizige Iran mit Vorwürsen. wissen, sondern erklärte unter Schimpfen und dieser unerhörte Waldfrevel müsse dem angezeigt werden. Auf diesem Vorhaben blieb er hartnäckig bestehen, die armen Schelme mochten bitten, soviel sie wollten. Ja, er verriet ihnen sogar, daß sein Sohn bereits auf dem Wege nach der Stadt begriffen sei, um die Meldung zu erstatten. Dies nahm dem Paare den letzten Hoffnungsschimmer. Hempel wollte schon ausbegehren und den Hartnäckigen knurrig fragen, weshalb er sie denn überhaupt herüberbestellt habe, als zu seinem Glücke die rundliche Bäuerin eintrat u. zuerst einen verwunderten Blick auf das Paar, dann einen fragenden auf ihren Mann warf. „Die Spitzbuben sind es“, erklärte der Bauer wütend unter katerähnlichem Fauchen, daß sie zwar reumütig gewillt seien, den Schaden zu ersetzen, er aber setzt zeigen müsse, daß mit dem Industrie-Großstadt Am heißen Aphalt brennt mein Schuh, Gestein umtürmt mich, wo ich schreite, den Himmel decken Schwaden zu, ich ahne nur die blaue Weite. Geräusch, Gewühl— die Großstadt reißt an abertausend Nervensträngen, die Stunde hetzt, die Arbeit kreist in einem Meer von schrillen Klängen. Gewinn, Erwerb— das stöhnt und stampft und giert aus roten Feuerschlünden, in Röhren rast es, Kraft verdampft, die Erde bebt in dunklen Gründen. Der Mensch in Fron— ein Ding im Raum. ein Rad im Räderwerk der Mühen— klebt am Asphalt und weiß es kaum, daß vor der Stadt die Rosen blühen... Willi Lindner. Da dachte der Schneider an den Wahlspruch Schneider allmählich wieder der Alte, hob seine vorwitzige Nase in die Höhe und meinte voll Anerkennung, es röche wundersein nach neugebackenem Kuchen. Der Duft hatte zwar schon bei ihrem Eintritte in der Luft gelegen, doch da hatte er ihn in seines Herzens Angst nicht wahrgenommen. Der Bauer, der die 5 Mark eingestrichen hatte, wurde nun sichtlich aufgekratzt und sagte am Sonntage feiere man Kirchweih, und der Festkuchen solle jetzt eben probiert werden. Ironisch fügte er hinzu:„Wenn ihr nicht Spitzbuben wäret, könntet ihr mitessen. Da zuckte der Schalk um des Holzfällers Mund, und Hempel meinte, wenn sie keine Spitzbuben wären, ständen sie ja auch nicht da. Pietsch aber warf mit einem schlauen Lächeln ein, Diebe seien sie eigentlich nicht mehr, weil sie die Birben bezahlt hätten. Der Bauer sah ihn verdutzt an, quittierte mit dröhnendem Lachen und lud das Paar zum Dableiben ein. Und wirklich durften sie an der Kuchenprobe teilnehmen. Die Bäuerin füllte ihnen die Kaffeetassen immer wieder aufs neue. Das Einhauen ließen sie sich nicht zweimal sagen.„Ei, wer hätte das gedacht!“ sagten ihre Blicke, wenn sie sich kreuzten. Zum Schlusse machte das Schnapsglas seine Runde und ließ die drei Männer bald vergessen, welch' mißliche Umstände sie hier zusammengeführt hatten. Als das ins Stocken kam, langte der Bauer die Skatkarten vom Wandsims herunter, und das edle Dreimännerspiel begann. Wiederum war es gegen Mittemacht, als Pietsch und Hempel von Gickelsbach nach Dippelsbach gingen, diesmal aber nicht mit gestohlenen Birken, sondern jeder mit einem Spielgewinn von über drei Mark. Der Bauer hatte Da sagte der Schneider zum Holzfäller: „Beim Bäuchl mausen wir nimmer. Der ist eine Seele von einem Menschen. Ins Haus tragen sollte man ihm eher was.“ Und der Holzfäller meinte:„Zu Michaelis bekommt er von mir einen Patenbrief.“ —□153 156 Beeache 92 Kreuzworträtsel la Nagerecht: 4 Fürwort 4 Frucht, 7. Spielgerät, 3. Rinderart& Frauenname 10. Papagel, fl. Japin Mase, 12. Etwas Lebensnotwanidiges 13. Stach in Polen, * Türk. Beamter 15. Stadt in Kamerun, 16. Chines. Bezeichnung für Süden, 17.#. me einer Nouyorker Zeitung. b. Senkrecht: 1 Hbik, 2 Geistl. Fürst, 3. Redizin. Schriftstaller,&a Heildin einer Märchenoper,& Deiphinart, 6 Dickhäufer, 7. Süddeutscher Ausdruck für Ohrfeige, 9. Rasse. Bilderrätsel. Schach: Zweizügen Auflösungen aus voriger Nummer: Kreuzwortettsel: 6.2 Um Slenau 6. Duise a kasboh 10 Miste 11 Eddo 1 Sig 3 Keff ½4 Ente. b. 1hundstagsferten 3laube ap Muso Slokedi#en Z Ehe LAunde 10. Mestre 15. Hut 16 Arm. Vexierbild: Willy! Wo bist du?— Unmittelbar vor dem Rufer. Verantwortlich: H. Semmelmann. Altena Druck und Verlag: P. A. Santz, Altena. S S inU ir sisär Ssstse Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung Nr. 31 Samstag, 8. August 1920 Leonore Fandi Skizze von Heinzludwig Raymann. Nun war sie tot. Leonore Fandi war tot. Die arme süße Nore. Das hatte der Eltern Starrsinn erreicht. Sie sollte Künstlertum und Liebe vertauschen gegen Wohlerzogenheit, Familiendünkel und Reichtum. Ein Kaufmann war ihr ausgesucht, reich und borniert. Da hatte sie, die glanzweißen Weg wußte, zufgetrotzt in Scham und Zorn. Sieben Jahre Kampf und Bitternis um Musik und Liebe gegen Ekel und Schauder des Verkauftwerdens hatten sie nicht zu töten vermocht— Leid tötet nicht— wohl aber der Schluck aus dem grünkristallnen Fläschchen, der den zu straff gespannten Bogen ihres Levens weich auflöste. Walter Rieger wußte das. Die Anzeige nannte Herzschlag. Vornehmer Leute plötzlicher Tod ist Herzschlag. Gestern war Glockenhallen, Zylinderneigen, Kränzeprunken und Trauerheucheln gewesen. Hinter Händen heimliches Geflüster. Starre Falten der Trauergesichter verrieten nichts. Auf umflortem Wagen war sie an ihm vorbeigefahren worden. Die Räder des Leichenwagens hatten Walters Herz tot geknirscht. Er war hinter Sträuchern ins Gras gefallen. Feuer brannte in seinem Hirn. Er hörte des Pastors Balsamgeträufel und der Erde dreimalig dumpfes Aufpoltern. Nachts zündete Walter seine Totenkerze an. Nun ihrer Stimme Goldklang, ihres Lächelns Springquell, der weißen Hände Spiel, der Füße Tanz und all ihr Wesen nicht mehr war, kam auch für Walter Rieger der grüne Trank. War der Kerze eingeritztes„Nore“, heruntergebrannt, kam das Gift. Ein kleines Häuflein Briefe welkte Rosenduft. Der letzte Brief zwei Jahre alt. Dann nichts mehr. Vorher Stunden, oft Minuten glückrauschenden Beisammenseins in Konzerten, Theaterlogen und Parks. Flammendes Ineinandertoben! Dann die Entdeckung der Zusammenkünfte. Schrei und Schreck in Familie Norens. Walters Besuch in Fandis Haus verebbte an der schweren Bronzetür unübersteigbarer Küste. Seitdem war um Leonore ein Gefängnis aus Gitterstäben von Tanten, Gesellschafterinnen und habgierigen Vettern gebaut. Meistens war sie, sich nach ihm verzehrend, im Ausland, wo Walters schmaler Beutel nicht hinlangte.— Die Kerze hatte den halben Namen zungezehrt. Da sprang Walter Rieger auf:„Noch einmal Nore sehen, ehe Nirwanas Samtdunkel mich einlullt!“ Die Kerze losch erschreckt in seinem wilden Hauch aus. Nacht hing dunkelblau um Kirchturmspitzen und Dächer. Mondsilber gleißte an Kanten und Knäufen. Mitten über die Straße ging er, feierlich, wie hinter einem Totenwagen. Das verschlossene Friedhoftor übersprang er. Kies knirschte bösartig. Da ging er über die Gräber. Ihr Grab lag noch offen. Die Grube füllten Kränze. Des Totengräbers Spaten harrte der Arbeit. Walter bückte sich. Fiebernde Hände warfen Kränze zur Seite auf den Erdhügel. Der Decke! glänzte matt. Mit irren Augen stieg er in die Gruft und drehte die Sargschrauben los. Der Deckel fiel zur Seite. Da lag sie— weiß— still— schön. Die jungen Lippen umirrte Lächeln, schwarz ringelte Haar um feine Stirn. Sie war schöner geworden in den zwei Jahren, reifer, herber. Das Gift hatte nichts geraubt als den Atem. Aufschreiend warf Walter sich über sie, fühlte erschauernd die Kälte ihrer Brust. Hob sie etwas und legte den Arm um sie. Sie regte sich nicht, nur die gefalteten Hände lösten sich, weiße Rosen entfielen ihnen. Es war wie hilfloser Versuch, ihn zu umfangen. Da nahm er ihren Kopf in den Arm und küßte wahnsinnig wild den eiskalten Mund, daß sein Mark erstarrte. Scharfbitterer Geschmack auf der Zunge grauste ihn. War das schon die Auflösung? Es war das Gift, davon noch in der Schale ihres Mundes stand. Er hielt sie lange, schrie noch einmal ihren Namen. Als er den Sarg schloß, wurde ihm dunkel um den Sinn. In Kehle und Brust brannte Feuer. Beim Aufrichten schwankte er taumelnd. Wohlige Müdigkeit durchfloß ihn, Blei hing an seinen Füßen. Langsam sank er auf den Sarg, Erde und Kränze rutschten über ihn. Der Mond weinte hinter Trauerweiden bitterlich. Kerze und Giftfläschchen harrten vergeblich auf den Schluß der Totenmesse. Grillen sangen unheimliches„dies irae". Schatten tanzten spukhaft.— Früh kam der greise Totengräber. Sah die Fülle der Kränze, ließ die in der Grube liegen und schaufelte ächzend die Gruft voll. Häufelte schrägen Hügel und türmte darauf die anderen Kränze. So schliefen sie, die sich im Leben nicht gehören durften, zusammen den ewigen Schlaf. Unterirdisches Geheimnis, das auch der spätere Grabstein nicht verriet. Vor einem Roggenfelde Vor einem Roggenfelde wie im Traum Hab' ich an einem Sommertag gestanden, Mohnblüten flammten rings am Ackersaum Und Ernteduft lag schwer auf allen Landen. Und meine Seele war so sonnenweit, Als schaue sie mit Gott von heil'gen Zinnen Auf Strohdach und auf Sommerseligkeit, Auf Sense, Bauer und auf Schnitterinnen. Und wär' an jenem Tage der Herr der Welt Ich eine kleine Stunde nur gewesen, Ich hätte meine Engel auf das Feld Dem Bauer hingesandt zum Aehrenlesen. W. Lennemann 600n Von Rudolf Meier=Schwanebeck. Als ich am Morgen erwachte, siel mein erster Blick auf eine große Spinne, die breit und behaglich an der Decke über meinem Bette saß. O welch Tagesanfang!„Spinne am Morgen bringt Kummer und Sorgen—“ sagt meine Frau. Leise, ganz leise verjagte ich die große Spinne— töten mochte ich sie nicht— und dann: vielleicht sieht meine kleine Frau die Spinne heut Mittag wieder und freut sich— „Spinne am Mittag, Glück am Drittag.“ Beim Verlassen des Hauses aber sprang mir ein frischer, kleiner Backfisch mit hellen, vlonden Hängezöpfen entgegen. Fast hätte mich das Mädel umgerannt. Und nun weiß ich— als passionierter Jäger gelten für mich die Jägerregeln für alle Fälle— daß mein Weg doch Erfolg haben wird, trotz der ekligen Spinne heut morgen.— Glückstrahlend verließ ich nach einigen Stunden das große Verlagshaus. Ein, wie mich dünkte, fürstliches Honorar schwellte meine linke Brustseite. Mein Herz schlug gegen die vielen, vielen Scheine zum Zerspringen laut. Was werden wir alles tun für das Geld! Meine Frau wird ihren neuen Hut bekommen und der Junge den neuen, ach so süßen Bubianzug. Und ich werde eine Bowle ansetzen heute Abend. Und aus der geplanten Sommerreise wird nun auch etwas werden. Oh, du süßer Backfisch von heut morgen. Oh, du dumme, nichtssagende Spinnel Vergnügt stand ich an der lebhaften Straßenkreuzung, die Hand fest auf mein Vermögen in der linken Brusttasche gepreßt, und sann. Und merkte vor Freude gar nicht, daß der Verkehr eine Gasse gelassen hatte, und daß ich leicht den Fahrdamm hätte überqueren können. Da fühlte ich etwas heiß und naß meine Lange berühren. Entsetzt sprang ich zur Seite. Ein Droschkenpferd hatte den Kopf an meinem Gesicht gerieben. Unmutig wollte ich gerade zu schimpfen beginnen, da kam mir ein glänzender Gedanke. Weshalb sollte ich nicht Droschke fahren heute? Ich bin ja so reich!— Ich sprang in den Wagen. Der Kutscher hob die Peitsche, zerrte am Zügel. Das Pferd dlieb stehen, wandte den Kopf und wieherte. Kläglich und dünn klang es.„Nanu, wat is denn? Ick kenne dir so ja noch jarnich,“ rief der diedere Kutscher in unverfälschtem Berlinisch und machte Miene, auf seine Rosinante einzuhauen. Die stand unbeweglich, wandte den Kopf und wieherte, wieherte dünn und bläglich wie vorhin und biß auf die Trense, als ob sie sich gewaltsam befreien wollte. Da—— was ist das?— Ich blicke verwundert, ungläubig. Das Ohr, das linke Ohr mit dem dreieckigen Loch? Wahrhaftig! Kein Irrtum! Mit einem Satz bin ich aus dem Wagen. „Egon, mein Egon!“ Und nicht achtend auf die neugierige Menge ringsumher, schlinge ich beide Arme um den Hals des dürren, abgeklapperten Gaules und lehne meinen Kopf an sein braunes, staubiges Fell.„Egon, mein Egon!“ Und das dünne Wiehern wird kräftig und laut. Der Kopf des Pferdes hebt und senkt sich und reibt sich zärtlich an meiner Schulter.„Egon, mein Egon, mein alter, lieber, lieber Egon!“ Vergangene Bilder steigen in mir auf, Weite, russische Felder, endlose Wege, anstrengende Ritte, tagelang, wochenlang, monatelang. Eine Schar staubiger, bärtiger Reiter, mitten dazwischen ich auf meinem treuen, mich geduldig tragenden jungen, feurigen Egon. Wilde Gefechte mit dem Feind, Kugelregen, den wir glücklich überstehen. Dein durchgeschossenes Ohr, Egon, treuester aller Kriegskameraden! Wie oft habe ich geschlafen zu deinen Füßen, wie oft in strömendem Regen unter deinem Bauch gelegen, zwischen deinen Husen. Nie hast du mich getreten; du warst mein Schutz, mein Freund auch in der Nacht. Und als ich nach dem großen Rückzug dich noch einmal blitzblank und sauber putzte, als wir voneinander Abschied nahmen, beide nichts wissend von unserem künftigen Schicksal, da hast du meinen schäbigen Entlassungsanzug so verwundert angesehen, und mir war's als wüßtest du von der Trennung, die uns bevorstand. Die größte Summe des fürstlichen Vermögens in meiner linken Brusttasche ist für meinen Egon draufgegangen. Jetzt steht er im Stall eines Bekannten und frißt das Gnadenbrot. Und wenn ich täglich mit der Zuckerdüte zu ihm komme, dann wiehert er freudig und reibt die Schnauze an meiner Schulter und Wange. Aber das Alter quält ihn, sein Tod soll leicht und schmerzlos sein, und ein Grab will ich ihm bereiten, wie es einem treuen Kriegskameraden gebührt. —2— Gedanken Kein Betrug rächt sich so sehr, als der Selbstbetrug. * Wir halten uns oft für weitschauend, weil wir vieles übersehen. Aus einem Kalb bann selbst der beste Erzieher nur ein Rindvieh heranbilden. * Mit Rücksichten soll man vorsichtig sein. Oiomer Schitbaas. S 552 ##. 038SSE5 SRRSOSEE E gE.BMREES" SORDETL2 JwOxTT,A,POnpbe. OEA#E* PaIE JuorGPEpUENEET POULMOETOUMTTTOMEOOT TPWEGÖEÖEST SoereodtemänEn Ebn IngE S U. 6 S FRUGCuSP! BEhgees • ∆ 0 9 S EBSESSSSEE BSSSEESSEEE Der Geburtstag Erzählung von Hilde Brand=Stettin. Hüstelnd blieb das alte Mütterchen an der vornehmen, hohen Glastür stehen. Ihr war beim Steigen der Treppe der Atem ausgegangen. Sie las noch einmal das blanke Messingschild, das den Namen des berühmten Arztes trug und darunter die geschriebene Tafel: „Heute von drei bis vier Uhr Sprechstunde für Minderbemittelte.“ Sie trat ein; ein junges Mädchen erhob sich in der Diele, reichte ihr eine Nummer und öffnete freundlich die Tür zum Warteraum. Alle Stühle waren dort schon besetzt, aber zwei Frauen, die auf einem Korbsofa saßen, rückten zusammen und winkten ihr. Gerade öffnete sich die Tür, eine weiß gekleidete Schwester trat heraus und sagte:„Bitte Nummer sechzehn. Trotzdem sie wohl alle ihre Zahl kannten, sah jede der Wartenden auf seine Karte. Zahl zu entziffern. Ihren altersblinden Augen siel dies aber schwer. „Sie haben noch lange Zeit,“ flüsterte die Frau neben ihr,„Sie haben Nummer sechsundgancn „Ja, der Professor wird ordentlich überlausen— vormittags ist es noch schlimmer“, meinte die andere, und, indem sie die Hand vor den die, mit etwas verschlissener Eleganz gekleidet, eifrig in ein paar Zeitschriften blätterten. „Die da drüben— die sind vielleicht ärmer wie Sie, und der Vater war Kommerzienrat", stüsterte die erste. Wieder öffnete sich die Tür, ein neuer Patient betrat das Sprechzimmer. Frau Meves hatte sich jetzt in ihrer Sofaecke zurecht gerückt und besah sich, nachdem sie eine Brille der alten, schwarzen Tasche entnommen Umgebung. Auf das Gespräch ihrer nnen hörte sie nicht mehr. Es waren fast alles alte Leute, die dort saßzen, Menschen, die einst bessere Tage gesehen hatten und nun arn geworden waren. Sie nickte aus ihren Gedanben heraus mit dem Kopf. Plötzlich fesselte ihre Augen ein Bild; wie gebannt blieb ihr Blick daran hängen. Es war ein Oelgemälde und der Vorstadt dar. hrte über das Wasser, waren steil—, ein paar Kähne lagen über allem breitete sich eine schwerHerbststimmung aus. Das Bild hing Meves gerade gegenüber, u. sie versenkte hinein, ihre Umgebung so vergessend, erst durch eine leise Berührung erschreckt fuhr. Vor ihr stand die Schwester. dran, Mütterchen,“ sagte sie freundzirrt schaute Frau Meves um sich. „Ich— jetzt——“ stammelte sie, und als sie gewahrte, daß noch zwei Patienten, die anscheinend nach ihr gekommen waren, harrten, sagte sie:„Ach, lassen Sie mich vis zuletzt warten—“ „Wenn der Herr Professor dann nur noch Uhr, und er urd Nr 9 Ach lauen enn der H Zeit hat, es ist längst nach mer auß ins Krankenhaus. „Für mich wird er schon Zeit ha V. den,„flüsterte hen, und iyr Blick die Alte lächelnd vor sich glitt noch einmal zu dem Bild hinüber. Dann rückte sie ihre Kleider zurecht und zupfte ein dißchen unruhig an ihrer Tasche. Die beiden Patienten waren schnell befriedigt.— Als Frau Meves das große Sprechzimmer betrat, stand der Professor schon etwas neroös an seinem Schreibtisch. Unwillkürlich glitt sein Blick auf die Uhr, die die Linke aus der Bestentasche zog, doch sagte er freundlich: „Nun, Frauchen, wo fehlt es?“. Er setzte sich wieder und eine Handbewegung bot auch Frau Meves einen Stuhl an. Sie aber wehrte ab, — sie soh dem berühmten Arzt einen Augenblick durch ihre Brillengläser prüfend ins Gesicht und sagte dann, als dieser, von solchem seltsamen Benehmen beirrt, ärgerlich aufstand:„Ich will gichts von Ihnen, Herr Professor— mein Hausarzt ist der Tod, der mich auch bald heilen wird. Aber ich wollte Ihnen heute zum Geburtotag gratulieren. Der Professor wußte nicht, was er von diesen sonderbaren Reden halten sollte. Er knöpfte seinen weißen Mantel auf. „Sie irren sich— ich habe heute nicht Geburtstog.“ sagte er, sich mühsam zur Freundlichheit zwingend. „Doch,— doch—“, nickte da Frau Meves. „Ihren zweiten, nicht den, an dem Sie Ihre Mutter geboren hat—.—“. Es zuckte in dem alten, faltigen Gesichte und die Stimme klang trocken.„Den zweiten—— denken Sie an das Bild drüben!“— Und die welke Hand wies nach dem Wartezimmer. Der Professor stutzte. Erinnerung schien in ihm aufzuwachen— seine Augen suchten den Kalender— dann schauten sie fragend zu der Alten nieder.— Diese hatte sich gesetzt, die Erregung hatte ihre schwachen Füße schwankend gemacht. Sich schwer mit beiden Handen auf die Krücke ihres Handstocks stützend, sah sie unverwandt zu dem großen Manne auf und sag dann:„Jetzt wissen Sie's! Ich bin seine Mutter—“ Der Professor fuhr zurück,— sie aber lächelte, daß es wie Sonne aus all den Fältchen und Runzeln brach, und fuhr fort:„Nicht das zu sagen kam ich her: ich wollte mich nicht groß tun. Das stände mir wohl auch schlecht an.“ Sie lachte ein wenig meckernd vor sich hin.— „Aber gefreut habe ich mich, daß sein Tod nicht vergebens war. Wir haben unsere Rechnung mit gutem Gold abgezahlt,— aber es reut mich nicht, seit ich weiß, daß Sie ein Wohltäter der Menschen sind.“ Eleanlelealenl enl enlelenlignlenl anl eanl lenlealgn Dichterrausch Wenn der Gott die Seinen ruft, Priester und Propheten, schallts wie zwischen Felsenkluft dröhnende Drommeten, wirdelts wie Novembersturm über Wälder nieder, fährt wie Blitz in Dach und Turm, schüttelt Herz und Glieder. Wenn der Gott die Seinen ruft, klingts wie helle Flöten, zieht es wie durch weiche Luft sanfte Abendröten, taut es mild wie Sphärensang von den Sternen nieder, rührt zu rhythmisch höhern Gang Herzen auf und Glieder. Und so fährt es, Schlacht und Zorn, heut in uns wie Wetter, daß wir wie ein Eichenknorrn ächzen im Geschmetter, fährt zum andern sanft und glatt in uns wie ein Säuseln, daß wir wie ein Rosenblatt unterm Wind uns kräuseln. Drum wenn ihr auf Gassen seht wie derauscht uns wanken, wenn ein Gottbesessner geht, ist's ein trunknes Schwanken. Wenn der Geist in Wirbeln kreist, Werdewehn der Dichtung, gehen unsere Füße meist planlos aus der Richtung. Gustav Falke. Fast beschämt stand der berühmte Arzt vor der kleinen Frau.„Alles Forschen meines Vaters nach dem Namen meines Lebensretters war damals vergebens. Warum haben Sie sich nicht früher an mich gewandt? Sie haben vielleicht Not gelitten— und ich—“. Sein Blick glitt an ihrer vertragenen Kleidung herab. Sie wehrte aber ab. „Die Leibesnot war nicht schlimm, mir geht es nicht schlimmer als andern alten Frauen. Wir sind zu neunzig im Armenhaus. Aber das Herz — das Herz, das hat's viele Jahre lang schwer gehabt. Es war ja mein Einziger—“ fugte sie leise hinzu. Mit gesenktem Kopf, die Hände auf dem Rücken, schritt der Arzt im Zimmer auf und ab. Als die Schwester die Tür öffnete, winkte er ab—— sie schloß leise zu; dann blieb er vor der Alten stehen, die die Stirn auf ihre Hände gesenkt hatte: „Noch etwas muß ich sagen— es hört uns doch niemand—“ sie hob den Kopf und sah sich um. Der Professor schloß leise auch die Polstertür. „Ich wollte es als Geheimnis mit ins Grab nehmen— aber sie wollen es— beide wollen es,— daß ich es Ihnen sage——“ In atemloser Spannung lauschte der Arzt. Die Alte hustete röchelnd und fuhr mit der Hand nach dem Herzen; dann flüsterte sie weiter:„Ihr Vater war Bankier— mein Mann damals Kassenbote, und er galt viel bei dem Herrn. Einmal wurde die Bank bestohlen.— Ihrem ältesten Bruder, der ein Leichtfuß und Schuldenmacher war, wurde es zugetraut— er war auch fort nach Amerika, und die Sache war zertuscht. Ihre Mutter starb daran,— man sagte am gebrochenen Herzen.“ — Tapen ßen weißen Tuch die Augen. Der Professor machte eine Pause und wischte sich mit dem grohatte sich in seinen Schreibstuhl gesetzt, Frau Meves holte tief Atem und sagte dann mit heiserer Stimme: „Mein Mann war der Dieb,— in einer schweren Stunde hat er es mir gestanden und wir haben dann beide daran getragen. Das Geld hatte er, aus Angst vor Entdeckung, in den Fluß geworfen.“ Der Professor hatte seinen Brieföffner ergriffen und wippte damit mit den Fingern; er war blaß geworden und nagte die Unterlippe. Wieder holte Frau Meves tief Atem. zir hatten einen Sohn, der war unser Glück st.r3 isser ürzte i Hilfe. Der Jochen hatte schon seinen Rock aus — ich half ihm dabei und rief:„Rett' ihn, Du kannst ja schwimmen!“ Gerade als der Junge das dritte Mal untergehen wollte, konnte er ihn fassen; mit Lebensgefahr brachte er ihn ans Land. Acht Tage danach haben wir ihn begraben. Eine schwere Lungenentzündung raffte ihn dahin. Eine Woche darauf folgte mein Mann. Er redete irre in den letzten Tagen und nannte sich den Mörder seines Jungen. Seine Schuld hatte das Kind gemordet, denn Gott ist grausam,— so sagte er— Blut will wieder Blut und der Fluß, in dem das Geld lag, wollte auch ihn haben.— Wieder machte die Alte eine Pause; der Professor saß still zurückgelehnt und sah vor sich nieder. „Durch einen Aufruf in der Zeitung erfuhr ich, wer der Knabe war, den mein Junge gerettet hatte. Da staunte ich über die wunderbaren Wege, die das Leben uns führt. Lange habe ich mit Gott gehadert,— dann wurde ich ruhig. Seit Jahren stehe ich oft hier vor der Tür und beschaue die Leute, die ein= und ausgehen, und jedes Wort, das Ihrem Lob gilt, tut mir wohl. Ich bin so stolz auf Sie, als wären Sie mein Sohn. Der Arzt hatte sein Haupt in beide Hände gestützt; er unterbrach sie nicht. Frau Meves stand auf: „Seit ein paar Nächten träume ich von meinem Mann und von Jochen,— sie beide weisen mich, Ihnen das zu sagen. Jetzt kann ich ruhig sterben, unsere Schulden sind bezahlt!“ Sie wandte sich und wollte gehen; schwer stieß ihr Stock auf den Linoleumboden auf. Das brachte den Mann zu sich, er sprang empor und vertrat ihr den Weg. „Nicht so— nicht so— lassen Sie mich jetzt wenigstens etwas von dem Dank abtragen, den——“ Mit einer stolzen Handbewegung wies sie ihn zurück:„Ich will nichts von Ihnen. Beim Andenken Ihres Lebensretters lassen Sie mich ruhig sterben; ich weiß es— der Tod kommt bald. Ich möchte frei und leicht zu den Meinen da oben treten,— lassen Sie mir das Glück!“ Sie schob sich hinaus und der Professor folgte ihr nicht; nur vom Fenster aus sah er ihr nach, wie sie bald in der Menge verschwand. —s2.— Schnüffels Luftreise Das Abenteuer eines Igels. Von Karl=Heinz von Winterfeld. „Scheußlich, ganz scheußlich!“ dachte Schnüffel, der junge Igel und sträubte krampfhaft die Stacheln, aber es half ihm nichts. Er steckte in einem Tuch, das einen für Menschen recht angenehmen Eau=de=Cologne=Geruch ausstromte. Für Schnüffel wars ein entsetzlicher Gestank. Vor wenigen Minuten noch wühlte er im alten Laub, knabberte nachdenklich an einem dicken Käfer und versuchte seinen Liebeskummet zu überwinden. Denn lange schon ging er auf die Brautschau, aber weit und breit war kein Weibchen, und so verzweiselte er fast an seinem schönsten Traum, eine Familie zu gründen. Da hatte ihn Troll, sein Todfeind, im beschaulichen Lager aufgestöbert, und eine schlanke weiße Hand rollte ihn vorsichtig in das unangenehm duftende Tuch. Kläffend und schnappend versuchte der Schäferhund noch immer, dem stachlichen Gegner eins auszuwischen, aber Schnüffel war so von der neuen und eigenartigen Situation erschreckt, daß es ihn wenig störte. Er dachte nur:„Dummer Kerl, holst dir ja doch nur’ne blutige Nase.“ Da wurde plötzlich das Tuch geöffnet, und Schnüffel fiel auf einen weißgedeckten Tisch, zuckte zusammen, sah sich entsetzt um und rollte sich blitzschnell zur stachligen Kugel. Sein Erscheinen wurde recht verschieden ausgenommen. Drei junge Damen saßen um ihn herum und begrüßten ihn mit Ausrufen wie:„Pfui, so ein Tier!“—„Aber Junge, wie kannst du so etwas S— S BBSSBSSSSPT SESSSSGSP BBSEOS 5: P. T.0008 E. S##nau“ane„Oere FOSSg 55 G Sso coR EUS 3 =5% 8—— —*——— •S 9—2 a GGE SESSSO SSSSESE auf den Kuffeetisch setzen?“—„Wie niedlich— seid still, jetzt legt er die Stacheln an und steckt das Schnäuzchen heraus.“ Schnüffel schüttelte sich. Die großen Tiere sahen ihn so neugierig an und hatten so laute Stimmen. Wollten sie ihn etwa fressen? Nun passierte ihm vor Schreck etwas Igeliges, und vorsichtig ging er wieder in seine Abwehrstellung. Man quittierte mit Lachen und Schelten diese Schandtat, dann wurde er gepackt und landete in einem mit Laub und Moos gepolsterten Kistchen. Unruhig verbrachte er die Nacht und versuchte verzweifelt aus seinem Gefängnis zu entweichen. Doch als er das Aussichtslose seiner Bemühungen einsah, machte er sich über die gekochten Kartoffeln und die kleinen Fleischstuckchen her, die man ihm hereingestellt hatte. Engerlinge und Regenwürmer wären ihm lieber gewesen, aber nach den Anstrengungen dieses Tages schmeckte die ungewohnte Kost doch Dann gab er sich traurigen Betrachtungen hin. Sicher war ihm eine Frau nun nicht mehr bestimmt. Und was hatten die großen Tiere mit ihm vor? Der Morgen kam. Im Garten begann es hell zu werden. Es raschelte im Gebüsch— ein Flattern— dann saß die Amsel auf dem alten Laubhaufen, Schnüffels gem Lagerplatz, wippte mit dem Schwanz und wunderte sich über das Ausbleiben des Igels. Indessen wurde das arme Stacheltier aus kurzem Schlummer geweckt, denn wieder hörte er die lauten Menschenstimmen, wurde in schwankender Kiste fortgetragen, dann vernahm er ein schreckliches Surren, das von Rütteln und Schütteln seiner kleinen Behausung begleitet wurde. Vor der Halle des Flugplatzes hielt das Auto und Frau Stephensen, die den Igel gestern seiner Freiheit beraubt hatte, ließ nun ihr Gepäck vom Zoll abfertigen.„Also nach Amsterdam der Koffer. Aber was haben Sie denn in dem Kistchen?" Die hübsche, junge Frau lachte.„Nur mein Haustier— einen Jgei. Der Beamte machte ein ungläubiges Gesicht. Sget?“ Schnuffels Gefängnis wurde nun zum Beweis geoffnet, und ein kleiner Auflauf hatte sich bald um den seltenen Gast gebildet. Er zwinkerte mit den klugen, schwarzen Knopfäuglein, schnupperte und wunderte sich sehr über die ihn anstaunenden Menschen. Daß sie ihn nicht fressen wollten, hatte Schnüffel nun herausgefunden. Aber irgendetwas Wunderbares, Seltsames mußte sich ereignen, denn draußen standen Riesenvögel ur ganz ohne Flügel ein Brausen und Lärmen. Die Frau mit den freundlichen Augen nahm ihn auf den Arm. Man nöherte sich so einem Vogel, und Menschen versammelten sich im Halbkreis. In der Mitte stand ein großer, schwarzer Kasten, der hatte ein Auge, das Schnüffel und die Frau starr anblickte. Da klappte es in dem Kasten. Schnüffel zuckte, sah wie gebannt in das merkwürdige, große Auge und die Menschen lachten. Der Photograph dankte. Frau Stephensen stieg ein und machte es sich in einem Sessel bequem. Schnüffel sand es auf ihrem Schoß ganz behaglich. Das Sausen und Brummen störte ihn kaum mehr. Er war wie betäubt. Nun wurde er aufgehoben und mußte zum Fenster hinaussehen. Himmel, was war das?! Gras und Bäume, Häuser und Menschen wurden kleiner und kleiner. Dann sah Schnüffel nur noch einen bald grünen, bald hellen Teppich und freute sich, als er seinen Platz wieder einnehmen durfte. Nach einiger Zeit fühlte er, daß es mit rasender Schnelligkeit abwärts ging, wurde wieder in sein Kistchen gesteckt, und das Flugzeug landete in Hannover. Eine kurze Pause— dann ging's wieder in die Lüfte. Jemand öffnete ein genster. Das Motorgeräusch brach sich an den Tragflächen und es klang wie das Zwitschern vieler Vögel. Nun war sich Schnüffel der Situation bewußt. Er saß im Bauch eines der großen Vögel, die er vorhin auf dem Platze gesehen hatte. Er flog also auch. Das fühlte Schnüffel. Er erlebte als erster Igel etwas, was noch keiner vor ihm erlebt hatte. Die Maschine senkte sich auf dem Amsterdamer Flugplatz Schiphol, und Schnüffel meinte nun:„Der Vogel setzt sich, er will fressen.“ Sie waren gelandet. Frau Stephensen verließ die Kabine. Ihr Gatte, ein großer blonder Mann, eilte auf sie zu, und nach herzlicher Begrüßung sagte sie:„In diesem Kistchen habe ich Dir etwas mitgebracht...“ Sie bückte sich ... das Kistchen war umgefallen und—— leer! Beim Ausladen war der Deckel ausgsgangen. Schnüffel drängte sich in die entstandene Spalte, drückte etwas nach, und der Weg zur Freiheit lag offen. Eine große Grasfläche lag vor Jetzt hieß es laufen. Er setzte sich in, Trab und erreichte nach einigen Minuten ein dichtes Gebüsch. Nun wollte er sich so recht von den ausgestandenen Strapazen ausruhen. — Aber was war das? Es raschelte— Schnüffel zuckte zusammen. Dann steckte er die Nase in die Luft und schnupperte aufgeregt. Ein spitzes Schnäuzchen kam hervor. Eine reizende Igeldame näherte sich Schnüffel, der schnell entschlossen zur Werbung vorging. Nur einmal noch wurde er in dieser interessanten Beschäftigung gestört, denn brausend startete auf dem Flugplatz eine Maschine. Er horchte: „Aha! Der große Vogel fliegt wieder fort!“ Dann vergaß er all seine Erlebnisse. Velninleineieleineeinlglge Ein Weidmannsgrao Wo tief in Waldesmitten Die dunklen Tannen steh'n Und einer Espe Blätter Leise im Winde weh'n, Da liegt ein kleiner Hügel Mit Moos und Gras bedeckt, Ein Weidmannsgrab, verborgen. Mit einem Kreuz bestecht. Ein Hügel schlicht und einfach, Das Kreuz ohn' Nam' und Spruch; Doch hab ich's oft umwunden Mit einem grünen Bruch. Ich selber hab's gegraben Das stille Waldesgrab, Als ich Dir, treuem Freunde, Im Schmerz die Kugel gab Nun rich' im Waldesfrieden Treuer Kam'rade mein, Wohl manche Träne grub ich Dir mit ins Grab hinein. Wir waren treue Freunde In Freuden und in Not, Und teilten oft das Lager Und oft das letzte Brot. Nie werd' ich Dein vergessen, Solang mein Waldhorn schallt, Vergessen nie den Hügel In tiefen, dunklen Wald. Doch sollt mein Horn verstummen, Kein Schuß fiel in der Rund' Dann deckt auch mich der Rasen Wie Dich mein treuer Hund! Heinrich Seibt (Aus dem Heger.) Das letzte Geschenk Skizze von Paulrichard Hensel. Seitdem die Oktoberwinde unseren Spaziergängen im Park des Sanatoriums ein Ende bereitet hatten, saßen wir oft in der gemütlichen Diele zusammen oder der eine ging zum andern in das Zimmer und die Zeit verging mit Plaudern, Brettspielen und Lesen. Man besann sich aus seinen eigenen Gedanken wieder auf die Gemeinschaft mit den anderen, und das etwas bange Gefi bel vor den die Scheiben gen, sich mitzuteilen und verstanden zu werden, auf. Einer der Patienten, wir waren unserer zwölf, lag im Sterben. Oder vielmehr schien ihm diese Wohltat nicht vergönnt, denn er litt, ohne daß ihm eine Hoffnung auf Gesundung blieb, litt und lebte— Wie oft an manchem Abend hatte sich ster Erika zu unserem kleinen Kreis vier Männern verschiedenen Alters und verschiedener Denkungsart und doch Freunde. Nie, glaube ich, hat eine Frau so viel Achtung gefunden wie diese, die immer bereit war zu helfen, immer das Wort fand, das allein das rechte war. Man beachtete es kaum, ob ihr Haar blond war oder braun, so wenig war sie uns Weib; wenn wir sie„Schwester" riefen, lag mehr darin als die Bezeichnung eines Berufes. Wir hatten von dem unglücklichen Hausgenossen gesprochen, und einer warf die Frage auf, ob es nicht zu verteidigen wäre, wenn unheilbare Kranke durch einen ärztlichen Eingriff von ihren Leiden erlöst würden. Ihr Leben sei zwecklos, quäle sie und andere; warum da nicht die Tat einer Befreiung, die den Arzt mehr zum Helfer würdigt als seine Anwendung all der Mittel, die nur einem Aufflackern und Aufpeitschen dienen, ohne heilen zu können. Die Ansichten darüber hatten uns in Feuer gebracht keit, auch einmal hilflos werden zu können, verloren, ein unbrauchbares Ding in der Welt. Würde man ruhig durch die dunkle Tür eintreten oder würde man, sich selbst täuschend, immer wieder nach einer Möglichheit greifen, die noch ein paar Tage, ein paar Wochen schenkt. Niemand wollte eine Auskunft darauf geben. Da sagte Schwester Erika, die zwischen uns saß; „Ich habe noch nie davon gehört, daß es Tatsache wurde, was Sie verteidigen wollen: Daß man dem Sterbenden das Sterben leicht macht. Aber ich habe oft gehört und auch gefühlt, denn vielen gelingt in solcher Lage nicht mehr die Erfüllung eines Wunsches, daß gerade die, die keine Hoffnung mehr haben, als die Hoffnung, bald erlöst zu werden, plötzlich den Wunsch fassen, irgendeinem Menschen Gutes zu tun. Was sie selbst nicht mehr erleben können, soll einem andern möglich werden, wenn es auch ihr eigenes Leiden vermehrt. Sie sind verschwiegen, meine Freunde, nicht wahr? Ich darf Ihnen die Geschichte eines Mädchens erzählen— Es war hier in diesem Hause, als eines Morgens der Chefarzt von der Patientin, die vollkommen im klaren über ihr Leiden war, kurz und bündig gefragt wurde:„Lieber Herr Doktor, ich will nichts mehr von Ihnen als die ehrliche Beantwortung einer Frage: Darf ich noch Hoffnung haben oder nicht? Täuschen Sie mich nicht!“ Der Arzt hatte sie ernst angesehen und war hinausgegangen. Draußen sagte er der Schwester:„Ich kann es ihr nicht sagen, Schwester, tun Sie es schonend.“ Und die Schwester war ehrlich Diese Patientin hatte einen Freund, einen Geliebten— die Welt hat so viere Bezeichnungen dafür— einen Menschen, der mit ihrem Leben fest verbunden war. Niemanden war es entgangen, welche belebende Wirkung es auf das Mädchen ausübte, kam ein Brief von ihm, und wie traurig sie wurde, blieb sie ein paar Tage ohne Nachricht. Wenn man mit ihr sprach, fühlte man, jetzt denkt sie noch an dies und das, und nun sind ihre Gedanken plötzlich bei dem Freund. Die Liebe war so stark, daß sie mit ihren Gedanen die Trennung überbrückte, und den Entfernten immer vor sich sah, oder bei ihm war, mit ihm lebte. Nach jener ernsten Frage an den Arzt sprach sie lange mit niemand. Das Bewußtsein zu sterben erschütterte sie nicht. Aber etwas anderes muß sie Tag und Nacht gequält haben. Am dritten Tage schrieb sie einen Brief: ich habe ihn gelesen und weiß noch Wort für Wort. „Liebster“, schrieb sie,„Du weißt nicht, mit welcher Innigkeit ich Dir noch einmal, zum letzten Male, schreibe. Ich habe in den letzten Tagen viel nachgedacht— bald werde ich vom Denken ausruhen können— und so groß in mir der Wunsch nach Ruhe ist, zittere ich vor etwas, das ich stets vor Augen sehe: Deine Trauer, die Dich lähmt, Dich müde für neue Werke macht, Dir das Tor für ein neues Leben ohne mich verschließt— Du, mit dem Gedanken hann ich nicht schlafen gehen. Du sollst mir nicht böse sein und mußt nur denken, daß ich Dir helfen will, mich zu vergessen, wenn ich Dir das jetzt sage: Ich habe Dich nicht allein geliebt; ich war so lange ohne Dich——— Nenne es Täuschung oder Untreue— aber nun wird es Dir leichter sein, nicht wahr? Wäre ich gesund geworden, hättest Du es nie erfahren.“ Sie sind über diesen Brief erstaunt, meine Freunde. Es war die erste Lüge dieses Mädchens. Die Liebe, die für sie das Levenselement war, opferte sie, um dem Leben eines anderen freie Bahn zu geben, als sie ihr eigenes für sinnlos erkannte. Treu war sie, glaube ich, wie keine zweite. Der Brief fand Glauben. So groß war die Enttäuschung des Mannes, daß er nie mehr mit einem Wort nach der Kranken fragte. Aber heute hat sein Name einen großen Klang— Eine Lücke nur hatte die gut erdachte Kette. Der Arzt hatte sich getäuscht. Das Mädchen ge1as! Verwundert schauten wir aus unserem Zuhören auf. Fast griffen unsere Stimmen ineinander. „Wie, sie konnte leben? Sie zerbrach nicht an ihrem eigenen Werk? Und der Mann konnte sehen, daß sie verbittert, enttäuscht, vielleicht menschenscheu und mit gestorbenem Empfinden ins Leben zurückkehrte? Ist das den möglich?“ Schwester Eriha strich langsam mit der Hand üebr ihr Kleid und sah uns mit einem Lächeln an, das der Urquell aller Güte schien: „Es ist möglich, meine Freunde. Schauen Ste m., an; ich bin es ja selbst, von der ich erzähle—“ — —