Apbortomen Von K. Ulm=Leipzig. Der Tod eines Menschen wirkt wie ein Steinwurs ins Wasser. Das Sandkorn zieht nur wenige kleine Kreise, der Felsblock versetzt den ganzer. See in Aufruhr,— den Ozean erschütfert keiner. Wirf ein Tüchlein in den Bach, es wird im Augenbliche durchtränkt sein vom Wasser, und die Sonne braucht viele Stunden, um es wieder zu trocknen. Tränen, die ein kurzer, herber Augenblick hervorrief, bedürfen oft vieler Jahre Sonnenscheins der Liebe, ehe sie trochnen. Es gibt Frauen, die sind so korreht, daß sie, wenn einer am Verbluten ist, erst den Teppich, auf dem er liegt, sorgfältig zurückschlagen, daß er nicht beschmutzt werde, ehe sie den Verletzten verbinden. Akazien sich befand. Sie klammerte sich an eine füß duftende Blütendolde, ließ sich wiegen und tragen und hörte beseligt den Arbeitsgesang der Schwestern ringsum in den herrlichen Wipfeln.. 7. Kaum eine Stunde war vergangen, seit sie ihren Bezirk verlassen hatte. Eine stille, friedvolle Sommermorgenstunde. Nichts war für die kleine Biene geschehen, nichts als ein kurzer Irrflug durch die honigleere, trübe Stadt. Das süße Leben sang abenteuerlos durch Duft, Sonne und Sterne weiter. Und wieder ganz erholt, des Honigs voll, der Arbeit froh, schwang lich singend die Biene in das geheimnisvolle Dunkel ihres königlichen Staates, kehrte wieder an die himmlische Luft und setzte ihr tätiges Leben fort— über den Menschen, sein Unglück, seinen Tod hinweg. —(2— Endes, das sie einem Menschenleben bereitet, flog verwirrt, betäubt weiter, am Ufer hin, wo die reinen Lüfte wehten, und fühlte sich angezogen von dem Duft eines Gartens, der drüben hinter verschnörheltem Eisengitter in voller Blüte stand. Gerade ritt ein junger Mann vom Userweg her in den Garten hinein, über den weißen Kiesweg, dem Landhause zu, das weißleuchtend mit Terrasse und Balton im grünen Grunde lag. Oben an der Balustrade des Altans stand eine alte Dame, auf ein junges Mädchen gestützt; Mutter und Braut des Reitersmanns. Die Junge ließ ihr Tuch flattern, die Aeltere nickte und lachte, und der schöne Reiter ließ vor seinen Damen den feurigen Schweißfuchs kurbetieren. Da sah er ein Bienchen auf dem glänzenden Halse seines Pferdes, hob die weißbekleidete Hand, um es vorsichtig und liebreich zu verscheuchen— und es hob sich auch, tief erschrocken, blind vor Entsetzen über die Menschenhand, stieg auf, suchte Zuflucht, Versteck und sauste summend hinein in das warme Dunkel des gespitzten Pferdeohrs. Wie von einer Kugel getroffen, mit Schnauben wie Schrei, blitzhaft plötzlich und schnell stieg das Tier hoch, in panischem Schreck, überschlug sich der Reiter flog durch die Luft, drei Schritt weit, stürzte auf die Steinstufen der Terrasse.— Und dieser Sturz, das Entfliehen der Biene aus dem Ohr, das zitternde Wiederaufstehen des Pferdes, der Doppelschrei der beiden Frauen oben: alles war nur ein Augenblick. Ein Lied des Triumphes in den Flügeln summte die feine Biene davon, durch Wipfel, über Beete hin, von Garten zu Garten, ahnungsvoll der Richtung ihrer heimischen Akazien zu, und wußte in ihrem der Menschenwelt unzugänglichen Bewußtsein nicht, daß sie einen blutenden Toten zurückließ, über den sich Mutter und Braut im höchsten Schmerze warfen... Sie flog und flog, außen um die Stadt herum, verschmähte Linde und Blumenrabatten der Parks, denn noch war sie von Honig schwer und spürte schon die Seligkeit der geliebten arbeitsreichen Heimat Ehe sie die Landstraße erreichte, die geradenwegs zu ihren Akazien hinausführte, hatte sie noch eine Fabrik zu passieren, einen Hof mit roten Bauten, Schloten, Baracken und Tanks. In einem dieser runden Kessel war Benzin, für die Zwecke der Fabrik, deren junger Direktor eben in der noch kühlen Morgenstunde in seinem Gärtchen stand. Das lag in einem Winkel des Hofes, und der Fabrikherr hielt mit der Linken seine Frau umarmt, eine große, schlanke, biegsame Frau, und schoß mit der freien Rechten Pistole nach einer Scheibe. Sie sollte es auch lernen. Und nun gab er ihr die Waffe, hielt ihre Hand, sie schoß und traf wirklich die Scheibe. Die Kugel ging hindurch, in den Erdwall dahinter, und sie lachte stolz und froh. Noch einmal mußte sie es probieren, und diesmal selbständig, ohne seine Hilfe. Sie hob den weißen, nackten Arm, zielte— da schwirrte die Biene an, verführt von der Akazienweiße der Frauenhaut, und setzte sich selig liebevoll in den zarten Flaum des Armes. Aber die Frau, furchtbar erschrocken, schrie laut auf, schnellte den Arm fort, die Waffe ging los — und im selben Augenblick Flamme, Krach, Splittern. aufschießende Fontäne von Rauch, Balken. Menschen, Steinen... Die Kugel war in den Benzintank geschlagen, dies Eplosion brach los und schleuderte den Mann, die Frau, zwanzig Arbeiter, Schlote, Baracken, Maschinen in die sonnige Luft Der Druck hob die kleine Biene auf. trug sie schnell wie der Blitz vom Trümmerfeld hinweg, über die Landstraße, weit hinaus; und fast war es nur ein Augenblick, in dem sie so, betäubt niedertaumelnd, plötzlich auf einer ihrer 810o Zeitbild von Maufred Rietschel. Man gab„Dekameron=Nächte“. sich. Willy, der kolonialwarenen MantelkraGründen Bier. Das Gespräch schleppte hin. Die wallende Feder seiner stolzen Männlichkeit war geknickt und baumelte. Ihm fiel keine seiner großen Gesten ein, und die mit der Armbanduhr riskierte er nicht, weil er fürchtete, Ilse könnte malitiös fragen:„Sie haben wohl keine Zeit?"„ Sie langweitte sich. Musterte„iyn“ mit kritischen Augen und stellte kühl fest: Eigentlich ist er doof. Und vorgestern sah er auch viel netter aus. Vielleicht ist er nur irgend ein Kommis. Er war wütend.“ Zunächst über sich selbst, aber noch viel mehr über Ilse. Schlechten Charakter hatte sie, dachte er. Vorgestern war sie entschieden hübscher. Und dann das mit dem „Gewöhntsein“. Er fand plötzlich ihr Röckchen mschicklich kurz. Das Gespräch schleppte hin. Später gingen sie. Er geleitete sie nach Hause. Vor der Haustür:„Auf Wiedersehn, gnä's Fräulein, vielleicht sehen wir uns nochmal!“— Nie wieder, dachte sie, während sie von innen zuschloß. Nie wieder, knirschte er verächtlich und schlug den Kragen hoch. Vor dem Kino trafen sie Lehrling bei Anders Söhne, gros, musterte mit aufgestülp gen, Hände in den Taschen, die ausgestellten Photographien. Lässig, mit der Miene des Weltmannes. Ueberlegen. Wissend. Er fühlte sich beobachtet. Neben ihm pendelten, kleinschrittig, fast zaghaft, ein Paar bananenfarbene Beinchen. Willy befragte mit großartiger Geste seine Armbanduhr. Acht Uhr fünf. Dann kehrte er, unschlüssig, dem in blau und rot gehaltenen Plakat„Dekameron=Nächte" den Rücken. Ging einige Schritte, um sofort wieder umzukehren. Neben ihm die bananengelben Beinchen... Auf und ab. Noch einmal die Armbanduhr. Acht Uhr dreizehn. Die Beinchen werden plötzlich unruhig, unschlüssig,—— dann ein Griff an den Schlips, an den Mantelkragen: Willy stoppt. Lüftet schneidig den Hut:„Verzeihen, gnä's Fräulein, aber— Sie verzeihen— haben Sie die Absicht, ins Kino zu gehen?“ Strenger Blick. Dann, viel freundlicher: Eigentlich ja, aber meine Freunoin,— ich weiß gar nicht, sie hatte es mir doch ganz bestimmt versprochen—“ Zwei Minuten später faßen sie nebeneinander. Das Lustspiel diente ihrer näheren Bekanntschaft. Er hatte sich vorgestellt. William Knake, das William mit leichter englischer Betonung. Volontär bei Anders Söhne. Privatsekretär sozusagen. Sie hieß Ilse. Hatte ein Mäntelchen mit Pelzbesatz, ein seidenes Topfhütchen und einen Bubenkopf; was Willy durch dezente Seitenblicke feststellte. In den Pausen ergänzte er: dunkle Augen. Und nicht zu vergessen: die schlanken Beine mit dem bananenseidenen Ueberzug. Die„Dekameron=Nächte" begannen. Ilse und Willy waren gebannt. Im dritten Akt lagen ihre Hände fest ineinander. Im vierten kuschelte sich Itse nahe an ihren Beschützer. Im fünften noch näher.— Dann begleitete er sie heim. Sie sprachen nicht viel, Willy gelang der weltmännische Ton nicht mehr. Aber es schwebte Harmonie. Er nannte sie schon„Fräulein Ilse“..„ Längerer, sehr herzlicher Abschied.„Was er bloß von ihr dächte— sie wäre aber nicht so eine!“— Aber bitte, gnä's Fräulein, selbstverständlich nicht—— gleich gemerkt— Fräulein Ilse— Ilse— Ilschen“...—, Sie verabredeten sich für den uvernächsten Abend. William Knakze hatten einen schlechten Tag hinter sich. Die Firma Anders Söhne hatte mit ihrem„Volontär“ wegen eines sehr augenfälligen Lapsus in der Buchführung ein ernstes Wort geredet. So fehlte ihm die rechte Stimmung, der weltmännische Schwung, der ihm nach seiner Meinung vor zwei Tagen so gut gestanden hatte, als er hastig der Normaluhr zustrebte. Wo sie sich treffen wollten. Er kam etwas zu spät, und Ilse war schon da. Ihr Gesicht zeigte eine leise Spur von Verärgerung.„Warten lassen? Hm."— „Herr... Knake, das ist nicht schön von Ihnen, so spät zu kommen, ich bin das nicht gewöhnt—“—„O, ich bitte um Entschuldigung, gnä's Fräulein, aber— dienstlich verhindert — nochmals Verzeihung!“ Sie lächelte. Nur ein wenig. Aber ein wenig mokant. Er dachte:„Nicht gewöhnt— ah— so!“— Das Gespräch stockte. Ein feiner Sprühregen schlug ihnen ins Gesicht. Er lud sie ins Kaffeehaus ein. Ilse trank Kaffee und löffelte an einem Sahnenbaiser. Willy trank aus ökonomischen 2 KREUZWORTRÄTSEL * 65 15 20 Sekrecht. 1Gewdsger 2 Stocki.Noten t##hegei Böüderrätsek: Zweizugen Auflösungen aus voriger Nummer: Zahlenquadrat. Seni us dr 2n Kodeu. wrng man 4 A. die dor eingelsenzen Zadin in verkederee Orössag unn ncn und inb ehn un ein und unmm gütn u i Seen uutns.— Schach: e n. 222 60-4PN 9300!9e-157(2 KPR0DOA 3 40 Buchstabenrätsel: 1. Bastellmalerei. Kaninchen. 2. Umstandskommissar. 3. Druck und Verlag: P. A. Santz, Altena. Verantwortlich: H. Semmelmann, Altena Stunde des Märchens Skizze von A. Hottner=Grefe. Sie saßen beieinander im Extrastübchen des „Roten Hahnes“. Eintönig schlug der Regen an die Scheiben. Der Doktor schrieb etwas in sein Notizbuch. Der Bezirksrichter erzählte einen Witz.— Die jüngeren Herren gähnten. Welch' ein elendes Leben hier in der oberösterreichischen Kleinstadt! Man war wie verwunschen, wie vergessen von der großen Welt. Die Herren hatten alle in größeren Städten studiert; jetzt kamen sie sich hier vor wie in der Verbannung. Heute aber lastete auf ihnen noch etwas Außergewöhnliches. Einer aus ihrem Kreis, ein hübscher, sehr junger Mensch, hatte sich vor einigen Tagen verleiten lassen, mit einigen der reichsten Bauern zu hazardieren. Das lag den Leuten hier im Blut, sie spielten alle wie toll. Was war dem armen, jungen Beamten nur eingefallen? Hatte die Oede, die Langeweile ihn überwältigt, oder hoffte er vielleicht im stillen auf einen großen Gewinn? Kein Mensch wußte es. Und er, der Pechvogel, hatte auch keinen um Rat gefragt in seiner Not. Als er endlich die Verlustsumme zusammengerechnet hatte, war er sehr blaß geworden und hatte gesagt: „Morgen ordne ich alles.“ Aber am anderen Tag schoß er sich eine Kugel durch den Kopf. Ungeheures Aufsehen! Er war ein so lustiger, sorgloser und lieber Kamerad gewesen. Und nun hatten sie ihn heute in aller Stille begraben. Sie waren alle auf dem Friedhof gewesen, die Genossen heiterer Stunden. Stumm hatten sie um das offene Grab gestanden, in das der Sarg versunken war. Keiner sprach ein Wort. Der Regen rann, seufzend strich der Wind um die Kreuze. Und nun saß man hier, denn keiner mochte nach Hause gehen. „Kinder“, sagte der Bezirksrichter,„das alles ist doch gar nicht wirklich! Wir träumen ja nur, daß wir hier sitzen, wir träumen, daß wir an einem Grabe standen—“ Der Bezirksrichter war sonst nicht gefühlvoll. Aber die Stimmung übermannte ihn. Der Doktor gähnte.„Ja, es gibt solche Stunden—“ sagte er,„wo uns das ganze Leben vorkommt wie ein Traum.“ Der junge Ingenieur Fritz Dehm, ein blutarmer Mensch, der erst vor einigen Wochen eine Aushilfsstellung bei den Wasserwerken erhalten hatte, sprang plötzlich auf und reckte die Arme weit. Die schlanke, prachtvolle Gestalt stand in großen Linien vor der farblosen Tapete. Das schön geschnittene Gesicht leuchtete förmlich, in den Augen war ein heller Schein. „Das Leben ist aber doch immer Wirklichkeit!“ rief er.„Und schön ist's trotz allem! Man sollte es nur genießen können! Aus jeder Stunde den tiefsten Inhalt schöpfen. Und den Becher leeren bis zur Neige.“ Von der Küche her klang die Stimme der schwarzen Babuschka, der böhmischen Magd. Sie sang ein altes tschechisches Liedchen. Fritz Dehm nahm die Melodie auf und summte deutsche Worte dazu: „Laß' die Wolken wandern, laß die Stürme wehn! Sonne wird wieder scheinen, graue Tage vergeh'n. Nimm den Becher des Lebens, trinke den schäumenden leer! Halt', halte die Stunde; die Stunde sie kommt nicht mehr.“ „Verfluchter Kerl der Dehm“, sagte der Bezirksrichter,„die Weiber haben einen Narren an ihm gefressen.“ Der junge Ingenieur stürzte hinaus, denn der Briefträger trottete auf den„Roten Hahn“ Nach ein paar Minuten fuhr er wie ein Wirbelwind wieder herein in das Zimmer. „Hab ich's nicht gesagt, schön ist das Leben!“ rief er, ganz außer sich.„Geradezu herrlich ist es. Da—“, er schwenkte den Brief,„meine, alte Tante ist gestorben.“ „Uff“, sagte der Doktor. Aber Dehm ließ sich nicht irre machen. „Bitte, ich bin nicht gemütsroh. Aber ich habe sie kaum gekannt, habe sie höchstens dreimal gesehen. Sie hat vier Stunden von hier ihren Besitz. Und der Erbe, bitte, der Erbe bin ich! Ichl ich.. Alle Hände streckten sich nach dem Brief aus. „O, eine Damenhandschrift. Und darunter steht„Lotte“. Wer ist das:„Lotte?“. Feiner Name.“ Frühlinggende Siehst du, wie draußen blasses Mondlicht tropft In Silberflittern? Hörst du, wie zart das Herz der Lenznacht klopft, Fühlst du es zittern? Die Wimpern senkte längst der Tag verwirrt, Die tränenfeuchten,— Am Horizont durch Wolkenschleier irrt Ein Wetterleuchten. Und leise rieselt zarter Blütenschnee Zur Erde nieder, Die Bäume harr’n wie in geheimem Weh Verklungner Lieder.— Spürst du den Duft, so süß und doch so bang, Wie Angst vor Schmerzen, Und wie es mich zu tiefst so weh durchdrang In meinem Herzen? Marga Finck. Der Ingenieur lachte wieder.„Höchst uninteressant. Ein kleines Mädel ist's, das meine Tante bei sich aufzog. Ein mageres, scheues Ding." Fritz Dehm schüttelte den Kopf. „Na, schön“, sogte der Doktor.„Kannst sie adoptieren.“ „Nein. Frei will ich sein! Ganz frei. Will das Leben genießen.“ Sie hielten ihm die Gläser entgegen. Es lebe die Wirklichkeit.“ Draußen rauschte der Regen. Die Abendglocken sangen ihr Lied über die Stadt.— Der Ingenieur stand vor dem Landhaus seiner verstorbenen Tante. Es lag mitten in einem dichten Garten. Schon sank der Tag. Grau war die Luft. Und ringsum eine große Stille. Fritz Dehm hatte nur für diesen einen Tag Urlaub bekommen. Das Leichenbegängnis war wohl schon vorüber. Als er an der Klingel zog, tönte sie schreckhaft hell. Dann kam vom Hause her ein Schritt, die Tür knarrte. Da stand ein junges Mädchen, beinahe noch ein Kind. Hochaufgeschossen und schmal, um die Stirn flimmerte goldenes Haar, aus dem feinen Gesicht sahen zwei schöne, braune Augen. Sie knixte.— Onbel Fritz!“ fragte sie artig wie ein Schulkind. Der junge Ingenieur dachte nach. Hatte sie früher auch„Onkel“ gesagt? Es kam ihm abgeschmackt vor. Er trat mit ihr in das Zimmer. Schöne Möbel standen umher. Es war alles friedlich und voller Behagen. Pötzlich schluchzte das Mädel auf.„Tante war so lange krank, hat so viel gelitten. Und sie wollte niemanden als mich. Wir wohnen doch hier ganz allein. Und immer denk' ich noch an diese letzte, schreckliche Nacht, an das Sie schauerte zusammen. Dann redete sie weiter. Sprach von einer stillen Kindheit, die sie hier verlebt. Der Lehrer des nächsten Ortes kam täglich, und die alte hochgebildete Frau unterrichtete sie in allem Möglichen. Nur von einem wußte sie nichts: Von der Welt, vom Leben.„ Er sah sich um. Da war das Haus, da der Garten. Und Geld. Und ihm gehörte es? Ihm? Nun hielt er das Leben! Das Mädchen ging hin und her. Stellte Blumen auf den Tisch, legte ein schimmerndes Damasttuch auf. Der Duft von starkem Kaffee schwebte durch den Raum. Draußen stand lichtlos die Dämmerung. Hier war ein Eiland. Irgend etwas lockte ihn, kullte ihn ein. Sie waren ganz allein hier im Hause, Lotte bediente ihn aufmerksam. „Wie alt bist du?“ fragte er jäh. I' se wurde rot, gerst sechzehn Lohre“ „Und was soll nun aus dir wenden?" wollte er fragen. Aber er tat es nicht. Wozu das Kind in die Wirklichkeit zwingen. Lotte war an ein altmodisches Klavier getreten. Leise glitten ihre Finger über die Tasten. Und dann schwang ihre Stimme sich dunkel und weich durch die große Ruhe: „Die Rosen, sie blühen und vergehn, So wird deine Liebe im Winde verwehn"— Ein altes Volksliedchen. Seitsam tönte er ihm nach Er trat dicht neben sie. Eine ftüchtige Sekunde lang trafen sich ihre Augen. In denen des Mädchens stand eine bange Frage. Die große Frage an das Leben. Die tiefe Sehnsucht des Weibes lag schon darinnen. Plötzlich überflog ein lichtes Rot ihr schmales Gesicht, die Hände sanken von den Tosten. Wie eine Mauer stand zwischen ihnen das große Schweigen.— Ganz sanft nahm er ihre Hand. „Liebe, kleine Lotte“, sagte er leise. Er ließ willenlos ihre Finger in den seinen. Sehr still war es drinnen und draußen. Nur der müde Wind sang ein Abendlied in den Zweigen der Bäume. Leben, Leben, wo bist du? Wie liegst du manchmal so weit in nebelhafter Ferne! Leise summte der Mann das kleine Lied der schwarzen Babuschka. „Halt', halte die Stunde; die Stunde sie kommt nicht mehr.“ Er hatte auf der Anrichte Wein entdeckt, den schenkte er in zwei uralte, rubinfarbene Römer. Ein silbernes Klingen flog durch den Raum, als sie anstießen. „Halt', halte die Stunde...“ Lotte trank nur einen einzigen Schluck. „O“, sagte sie,„das ist alles so gut. Und du bist auch so gut, Onkel Fritz. Und das Leben und die Welt—“ Er wußte es: Wenn er jetzt den Augenblick nützte, dann konnte er sie lehren, zu küssen und zu lieben. Die Stunde lockte. Aber jäh stand er auf. „Ich muß fort“, sagte er unvermittelt.„MNein Wagen steht beim Wirt. Ich werde dir die Magd von dort schicken, damit noch jemand bei dir ist.“ Sie stand vor ihm. Ganz ausgelöscht schien ihr Glanz aus ihrem lieben Gesicht. !„Kommst du wieder?“ fragte sie. trot er noch einmal zurück, neigte sich zu ihr und küßte sie beinahe scheu auf den blaßroten Mund. „Ich komme wieder.“ Und dann fuhr er durch den dichten Nebel und durch die dunkle Nacht wieder der kleinen Stadt entgegen. Wie ein Märchen versank hinter ihm das alte Haus. Hatte er diese letzten Stunden geträumt, hatte er sie erlebt? War er das selbst gewesen oder ein anderer? Die Grenzen zwischen Raum und Wirklichkeit zerrannen. Er wußte nur eines: Nie noch hatte er so ganz und voll gelebt wie in dieser Stunde des Märchens. Es war einmal eine Schnecke. Von Fritz Müller=Partenkirchen. Sonst kriegt man einen silbernen Lössel vom Taufpaten. Onkel Gerhard aber schickte aus Amerika ein Stammbuch. Ein Stammbuch für den Täufling?— amerikanisch, scheinbar, also schwieg man. Onkel Gerhard war ja immer komisch. Geisterseher oder so was, und man konnte ja nicht wissen, ob nicht später doch ein Testament hineingeschrieben würde. Darum verstaute man das Stammbuch pietätvoll in den Bücherschrank bei den Klassikern. Da war's vor jedem Zugriff sicher. Alle zehn Jahre etwa, daß man da was nachschlug. Und war der Täufling zehn, so begann mit diesem Abter ohnehin die Stammbuchreise, wo man einen Schiller= oder Goethevers hineinschrieb — bitte, sich rechts oder links vom Stammbuch zu bedienen. Des Täuslings erster Gymnasialfreund kriegte es denn auch bei einem Sonntagnachmittagsbesuch in die Hand gedrückt:„Du, Hans, schreib dem Max was rein.“ „Was denn?“ „Was schön's.“ „Was denn schön's?“ „Was Klassisches vielleicht, in einer Viertelstunde schau'n wir nach.“ In einer Viertelstunde kann man vieles tun, kann man ein Haus anzünden, den Grundstein zu einem neuen legen, aber unter der Unmenge Schillerscher Verse einen für seinen Freund auswöhhen— „Haus, hast du schon etwas?“ Haus hatte nichts. Hans hatte auch nach einer halben Stunde nichts. Hans brütete nach einer Stunde noch. Es wurde Abend. Man kam, ihn abzuholen.„Hans, wenn du immer noch nichts hast—“ Der Nachsatz wurde verschlucht. Aber das spürte Haus doch: Jetzt galt's. Also schrieb er wichbnein. Als man's später aufschlug, stand es da: :„Was rennt das Volk, was wälzt sich dort?“ Dieses wünscht dir zur Erinnerung ..: Dein treuer Freund Hans.“ Für das Stammbuch schien das keine Zierde. Wenn das Onke! Gerhard einmal sah! Aber Onkel Gerhard sah nichts mehr. Er war gestorden in Amerika.„Ohne Testament", stellte man, im Stammbuch bitter blätternd, fest. „Halt, da auf der letzten Seite, war das nicht ein Testament, ein übersehenes?“ Fünf dröngende Familienköpfe lasen: Liebes Tausteind! Ich soll dir was wünschen. Aber wünschen nützet wenig. Ich will in deine Zukunft schaun. Laß dir erzählen. Es war einmal eine Schnecke. Keine gewöhnliche Schnecke. Unter den Schnechen war sie mit einer großen Aufgabe betraut. Eine senkrechte, sieden Fuß hohe Mauer, die die Schnecken von einem unbekannten Lande trennte, sollte sie ersteigen. Sogleich hub sie wohlgemut zu klettern an. Mit einer Schnekken unerhörten Schnelligkeit. Volle drei Fuß hoch kam sie am ersten Tag. Erschöpft schlief e ein und rutschte in der Nacht wieder zwei uß zurück. Also hatte sie mit Vor= und ückschritt einen Fuß zurückgelegt. Mutig setzte sie das am zweiten Tage fort. Mit dem gleichen Erfolg. Wann wird die Schnecke auf die Mauerkrönung kommen— „Das ist doch einfach“, sagte Maxens Schwester,„Höhe sieben Fuß, Tagesfortschritt ein Fuß, also braucht die Schnecke grade sieben Tage, eine Woche—“ „Ruhig, weiterlesen lassen!“ Wann wird die Schnecke auf die Mauer kommen, um ins neue Land zu schauen? Die Schneche, Max, bist du. Wann, Max, wirst du auf die Mauerkrönung kommen, in ein neues Land zu schauen? Daß du's erschauen wirst, das habe ich erschaut. Wann, weiß ich nicht. Drei Schritt vor und zwei zurück, ist Schnecken= und Menschenart. Glück auf, verzage nicht! Dein Onkel Gerhard." Sie sahen sich an. „Merkwürdign sagte der Vater. „Billiges Vermächtnis“, sagte eine Tante. „Ob es mehr als Bluff ist?“ sagte Maxens Schwester. Die Mutter sagte nichts. Fest sah sie ihre: Max ins Angesicht. Und der ihr. Kaum merkbar nickten sie sich zu. Ein Versprechen war es ohne Worte: Ich will es, Mutter.— Max, ie glaub an dich. Das Stammbuch wurde wieder klassisch eingereiht. Nie mehr war von ihm die Rede. Nur manchmal, wenn ihr Max in der Schule wieder einen übersprang, holte es die Mutter heimlich vor. Die drei letzten Gymnasialjahre arbeitete Max mit Volldampf. Er verließ die Schule mit Auszeichnung. „Sonntag“, nickte die Mutter übers Zeugnis zu. Er verstand es nicht. Die zwei ersten Hochschuljahre schien er in den Wind zu schlagen. In einen sehr vergnüglichen Wind. Der Vater war bekümmert. Mutter aber lächelte:„Drei vor, zwei zurück.“ Niemand verstand sie. Niemand konnte sich erklären, warum mit einem Schlag aus dem Gefanden Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn. Im Schatten sah ich ein Blümchen stehn, wie Sterne leuchtend, wie Aeuglein schön. Ich wollt' es brechen, da sagt es fein: soll ich zum Welken gebrochen sein? Ich grub's mit allen den Würzlein aus, zum Garten trug ich's am hübschen Haus Und pflanzt' es wieder am stillen Ort; nun zweigt es immer und blüht so fort. Goethe. leichtsinnigen Studenten ein sieberhafter Arbeiter wurde. Die Mutter konnte es. Nach der Prüfung klopfte ihm der weltberühmte Mediziner auf die Schulter:„Als erster durch das Ziel gegangen, gratuliere.“ „Montag“, sagte die Mutter, als sie es vernahm. Niemand achtete darauf. Dem jungen Assistenten aber schien es in den ersten Krankenhausjahren auf den Sportplätzen besser zu behagen. Der berühmte Mediziner wurde irre:„Doch nur einer von den vielen.“ Plötzlich faßte ihn das Reisefieber. Als Schiffsarzt kam er um die Welt. Einmal stand es in der Zeitung, bei einer ausgebrochenen Seuche habe sich ein junger Schiffsarzt heldenhaft benommen. „Dienstag“, sagte die Mutter, als sie's las. Er blieb in Amerika. Eine tolle Liebesgeschichte drang herüber.„Nun ist er doch noch aus dem Gleis gekommen“, seufzte der Vater. „Nur zwei zurück“, lächelte die Mutter. „Mutter wird alt“, dachte der Vater. Jahre später, kom die Kunde von seiner ehrenvollen Ernennung zum Direktor eines großen Krankenhauses. „Mittwoch“, murmelte die Mutter. Und wieder Jahre später machte es viel von sich reden, daß ein Krankenhausdirektor von Ruf Knall und Fall den Wirkungskreis im Stich gelassen habe. Fluchtziel unbekannt. „Dem Vater brach es fast das Herz:„Also doch versagt!“ warf er die Türe hinter sich ine Schloß, und hörte nicht mehr, wie die Mutte: lächelnd sagte:„Zwei auf drei!" Geduldig wartete sie Jahr um Jahr. Worauf sie wartete? Auf den Donnerstag. den Freitag, Samstag.„Herr, laß es mich erleben“, betete sie. Was sie erlebte, war aus Afrika die Nachricht, daß ihr Sohn verstorben sei. Verstorben an jenem unheimlichen Fieber, das dort seit Jahrzehnten, aller Wissenschaft zum Trotz, die Völker mähte. Vergrämt sank der Vater ins Grab. Von der Mutter hieß es, sie sei schwachsinnig geworden. Oft saß sie vor einem aufgeschlagenen Buch und schien zu rechnen? Einmal sah die Tochter über ihre Schulter: Weiße Blätter. Sanft nahm sie's der Mutter aus der Hand und blätterte. Ah, das Stammbuch. Und da ein alter Eintrag: „Was rennt das Volk, was wälzt sich dort? Dieses wünscht dir zur Erinnerung Dein treuer Freund Hans.“ „Hans“, wurde sie vergnügt,„das ist doch—“ dein Bräutigam“, lachte jemand neben ihr,„ich bringe eine große Neuigkeit— lest.“ Sie lasen in der medizinischen Zeitschrift: „.... man erinnert sich, daß das rätselhafte Verschwinden unseres geschätzten Kollegen nach Afrika viel Kopfschütteln erregte. Heute ist's geklärt. Heute sind wir stolz auf ihn. Sangund klanglos tauchte er auf Jahre in den Ländern unter, wo ein unbegriffenes Fieber jährlich mehr Menschen hinraffte, als in den größten Völkerschlachten fielen. Heute ist das Fieber nicht mehr unbegriffen. Es ist besiegt. Besiegt von unserem Freund. Nach seinem Tode fand man ein Werk mit abgeschlossenen Forschungen. Sie wurden nachgeprüft. Jene Völkergeißel schreckt uns nicht mehr. Seine Riesenarbeit hat sie ausgelöscht. Ein Mensch hat das vollbracht. Einer, der sich selber nicht mehr helfen konnte. Heute hilft er aus dem Grab heraus Millionen Menschen. Er ist ein Großer, der sterbend an der Krönung seines Lebens neues Land für uns erschaute. Wir verneigen uns vor seinem Genius. Der neuen Wissenschaft ein Glückauf!“ „Glückauf?“ wiederholte die Mutter seltsam ruhig,„ich wußte es.“ „Du wußtest es, Mutter, du wußtest es?“ drangen sie mit Ungestüm in sie. „Freilich“, lächelte sie,„hier stand's, so lang er lebte, auf der letzten Stammbuchseite: „Glückauf, verzage nicht! Dein Onkel Gerhard“— wißt ihr's nicht mehr?" Sie wußten es nicht mehr. Sie fuhren mit erstaunten Augen höher auf der letzten Seite: „Drei Schritt vor und zwei zurück—“ „Ja, so war's bei meinem Max.“ Dann lasen sie bewegt das Schneckenrätsel mit der Frage:„Wann wird die Schnecke auf die Mauerkrönung kommen?“ „Ja, jetzt weiß ich's wieder“, sagte die Tochter,„sieben Tage, grade eine Woche, hatte ich damals gesagt. „Nein, Verehrte, das ist falsch gerechnet, lachte Hans. „Wie lang denn dann?“ „Vier Tage nur und einen halben schärfer nach, Geliebte—“ Aus dem Lehnstuhl nickte es: Dienstag, Mittwoch, Donnerstag—“ „Mutter, fehlt dir etwas?" „Ich wußte es: vier Tage. Der fünfte war ein Freitag. An einem Freitag soll man nicht auf eine Mauerkrönung steigen. Das bringt, auch wenn man ein neues Land erschaut hat, Unglück.“ „Ihm brachte es den Ruhm, der Menschheit aber Segen— Mutter, wer war eigentlich Onkel Gerhard?“ seltsam verschönt war plötzlich Mutters Antlitz:„Wir nannten ihn nur Onkel. Er war mehr. Er liebte mich, bevor mich Vater liebte. Ich hab' es nicht gewußt. Erst seitdem er meinem Sohn die Zukunft sagte, wußte ich's. Prophezeien kann allein die Liebe.“ Lärm im Vorzimmer. Das Mädchen kam hereingestürzt:„Sie kommen!“ „Wer kommt?“ „Viele feierliche Leute mit Zylindern— ich weiß nicht, was sie wollen.“ „Ei, Rosa, gratulieren! Der Mutter eines großen Mannes gratulieren— ich will doch mal schauen.“ Er sah durchs Schlüsselloch und nickte:„Was rennt das Volk, was wälzt sich dort. Dies wünscht dir dein treuer Freund Hans— na, Kinder, hab ich's nicht auch ganz richtig prophezeit. Liebste?“ „Prophezeien kann allein die Liebe“, sagte sie glücklich,„komm, Hans, prophezei' mir auch.“ 12— — denke „Montag, Senpenwwnöfe Von Bodo M. Vogel. „Vorwärts, meine Täubchen!“ rief der Kulscher und beschleunigee#: einem kräftigen Peitschenhieb die Gangart der drei Pferde. Die Troika flog mit einer höllischen Geschwindigkeit über die gefrorene Steppe. Doktor R., mein Begleiter, der sich fröstelnd in den Schlitten zurückgelegt hatte. richtete sich auf und wandte sich an den Kutscher:„Wann kommen wir in Jakutsk an, Wassilij?“—„Noch hundert Werst mögen es sein, Väterchen" versetzte der Russe ohne sich umzuwenden und hieb wieder auf die Pferde ein, um sie noch zu größerer Eile anzutreiben. 8 5880MSSSEEMGSSEN S00 5S5E SCOSESS SES555OS5 S935S e Pötzlich schlug eines der Pferde seitlich aus. Wassilij unterdrückte einen Fluch: Eine Gruppe von Reitern zeigte sich am Horizont. Sie schienen auf uns zuzukommen.—„Tungusen“, schrie der Kutscher.„Mögen die Heiligen uns schützen, sonst sind wir verloren!“ Wir griffen schweigend zu unseren Karabinern und erwarteten die Ankunft der gefürchteten Steppenräuber, die sich auf ihren kleinen sibirischen Pferden außerordentlich schnell näherten. In der Luft schwangen sie drohend ihre Waffen, und ein wildes Geschrei kam von ihren Lippen. „Ihre Absichten scheinen alles andere als friedlich zu sein“, sagte Doktor R. Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, da pfiffen schon die ersten Kugeln über unsere Köpfe. Von einem der Geschosse in den Rücken getroffen, stürzte Wassilij zu Tode verwundet von seinem Kutscherbock. Die führerlosen Pferde verlang samten ihre Gangart mehr und mehr. Endlich blieben sie gänzlich stehen. Hinter einige Gepäckstücke geduckt, warteten wir den weiteren Verlauf des Ueberfalls ab. Doktor R. richtete seine Flinte auf einen der Räuber und gab Feuer. Der Tungunse stürzte mit einem Schrei tot zu Boden. Die anderen umschwärmten mit wütendem Gebrüll die unbeweglich dastehende Troika.„Wenn nur Jakutsk nicht so weit wäre!" seufzte mein Begleiter. Ich antwortete nicht, sondern begnügte mich damit, meinen Revolver auf die Räuber zu entladen, mit dem Erfolg, daß zwei weitere Reiter tödlich getroffen von ihren Pferden stürzten. „Bravo“, rief Doktor R.,„nur so weiter, und wir sind sie bald los!“ Immer dichter sausten die Kugeln über den Schlitten. „Zum Teufel! was ist das?... Ich fühlte plötzlich, wie eine Blutwelle vor meine Augen trat und ich, von einem eigenartigen, nicht unangenehmen Schwachgefühl befallen, zurücksank... ich sah, hörte nichts, ich versank.. tiefer... tiefer... —— Als ich dann wieder zu mir kam, lag ich an Händen und Füßen gefesselt in dem Schlitten, der, wie ich zu meinem Schreck bemerkte, von einigen tungusischen Reitern fortgezogen wurde. Die übrigen Räuber geleiteten zu Pferde das Fahrzeug, das in rasender Geschwindigkeit einem unbekannten Reiseziel entgegenfuhr. Wie ich jetzt mit Schaudern feststellte, war ich allein, Doktor R. und Wassilij verschwunden, wahrscheinlich tot! Ich versuchte, mich aufzurichten. Aber eine Wunde an der Schulter schmerzte plötzlich so heftig, daß ich von meinem Vorhaben abstehen und mich wieder in den Schlitten zurücklegen mußte. Ich war wehrlos meinen Feinden preisgegeben! Ohne mich rühren zu können, erwartete ich mein weiteres Schicksal. Endlich nach zwei Stunden wahnsinnigen Rittes hielten die Tungusen an einem kleinen Tannengehölz an. Diese Bäume, die verlassen aus der Ebene hervorragten, kündeten die Nähe der Tajga, der Waldzone an. Der Anführer der Bande schickte einige Leute aus, um Holz zu holen. Dann breitete man mehrere Tierfelle auf dem Boden aus und errichtete ein Zelt, in dessen Innern die geraubten Schätze aus der Troika aufgestapelt wurden. Auch mich brachte man hinein. Bald kamen die beiden Männer, die nach Holz ausgeschickt waren, mit einer Menge von Holzscheiten und trockenen Zweigen zurück. In wenigen Augenblicken flammte ein Feuer auf, und eine angenehme Wärme verbreitete sich in dem Zelt. Während einer der Räuber draußen Wache hielt, machte man sich an die Aufteilung der Beute und beriet anscheinend auch über das Schicksal des Gefangenen. Ich lauschte angestrengt, konnte aber nicht ein einziges Wort ihres Dialektes verstehen. Plötzlich schreckte ich freudig auf. Einer der Holzscheite fiel halb verbrannt aus dem Feuer heraus und unmittelbar neben mir nieder. Ganz mit sich selbst beschäftigt, hatten die Tungusen nichts davon gemerkt. Ich benutzte * die Gelegenheit, streckte die Hände aus und hielt den Strick, mit dem ich gefesselt war, über die Flamme. Im Bruchteil einer Sekunde streifte ich meine Fesseln ab, nachdem der Strick an einer Stelle durchgebrannt war. Ein beißender Brandgeruch verbreitete sich in dem Zelt. Aber bevor ich mich hinausschleichen konnte, blickte einer der Räuber, offenbar durch den Geruch veranlaßt, auf. Die Männer sprangen auf mich zu. Aber jetzt war ich fest entschlossen, mich nicht so leicht überwältigen zu lassen. Ich ergriff das noch brennende Holzscheit und schmetterte es dem Bandenführer mit voller Kraft ins Gesicht. Mit einem Schmerzensschrei stürzte er zusammen. Aber seine Gefährten drangen von allen Seiten auf mich ein, und obwohl ich mich mit Händen und Füßen verzweifelt wehrte, war ich bald von neuem überwältigt und diesmal fester als zuvor gefesselt. Die drohenden Blicke meiner Gegner überzeugten mich davon, daß ich das Schlimmste zu befürchten hatte. Ebenso hilflos, wie vor wenigen Minuten, lag ich nun wieder am Boden und lauschte ängstlich auf das Geheul der Wölfe, die hungrig das Zelt umkreisten. Der Bandenführer ließ sich sein Gesicht verbinden. Mit einer Handbewegung wies er auf mich hin. Ich verstand: mein Todesurteil war ausgesprochen. Zwei der Räuber packten mich bald darauf an Händen und Füßen und schleppten mich ins Freie unter die Tannen. Schneidend pfiff mir der eisige Wind in das Gesicht; ich fragte mich zitternd, was man wohl beginnen würde. Das Geheul der Wölfe verstummte. Offenbar schreckte sie der helle Schein der Fackel, die einer der Tungusen trug, zurück. „Wollen sie mich vielleicht diesen Bestien ausliefern?" dachte ich schaudernd. Ich brauchte mich nicht lange zu beunruhigen, um Näheres über mein Schicksal zu erfahren. Die beiden legten mich unter eine Tanne nie; der; einer von ihnen kletterte an dem Baum empor und warf einen Strick über einen kräftigen Ast. Lähmendes Entsetzen befiel mich:„Sie swollen mich erbingent ENETICLEE Sonnenfener 1 Der Abendhimmel örennt! Die Sonne sank, Wie wenn ein Strom ins weite Weltmeer mündet Als hätten sich in feierlichem Dank Des Tages Lebensflammen neu entzündet. Lichtvolle Macht ersaßt mein tiefstes Sein.— Ich möchte jauchzend in die Flammen sinken, Mein Sehnen töten in dem Glutenschein Und reines Feuer ew'ger Schönheit trinken. Hanns Bruno Herfurth. ENNENTEMETTENETENEEE Der Tunguse sprang wieder von dem Baum herunter, band aber den Strick merkwürdiger Weise nicht um meinen Hals, sondern an meinen Füßen fest. Die beiden Räuber ergriffen das andere Ende und zogen mich in die Höhe.— Man hatte mich zum Tode durch Erhängen an den Füßen verurteilt! Die Tungusen wandten sich lachend ihrem Zekt zu und ließen mich, in Todesnot zwischen Himmel und Erde schwebend, zurück. Die Hände waren mir auf dem Rücken gefesselt, die Füße unbeweglich. Langsam drehte ich mich um mich selbst. Alle Anstrengungen, freizukommen, waren zwecklos. Ich gab mich verloren. Das unheilvolle Gebell der Wölfe setzte wieder ein. Es kam näher und näher. Durch die Nacht drangen von allen Seiten eine Unzahl feuriger Punkte auf mich ein. Das waren die Augen der Wölfe. Das Blut blopfte mir wild in den Schläfen. Alles drehte sich um mich. Die Wölfe umkreisten schnuppernd den Baum. Einer von ihnen, kühner als die anderen, stellte sich auf die Hinterpfoten, um mein Gesicht näher in Augenschein zu nehmen. Ich spürte den stinkenden Atem der Bestie... Fast verlor ich das Bewußtsein, da hörte ich in der Nähe Huftritte, erkannte die Stimme meines Retters, des Doktor R. Erschreckt flüchteten die Wölfe wieder in das Gebüsch. Einige Schüsse jagten ihnen nach. Ich rief um Hilfe. Und wenige Augenblicke später ruhte ich in den Armen meines Freundes. Gerettet! „Du lebst noch?“ riefen wir uns beide gleichzeitig zu. In wenigen Worten hatte ich von meinem Schicksal berichtet. Doktor R. erzählte nun von seiner wunderbaren Rettung. Als Wassilij gefallen war und er mich wie tot in den Schlitten hatte zurücksinken sehen, schien er vor Verzweiflung fast gelahmt. Jede Rettung schien unmöglich. Was sollte er allein gegen seine zahlreichen Gegner machen?— Während die Tungusen noch zögerten, zum letzten Angriff überzugehen, erregte plötzlich etwas seine Ausmerksamkeit. Eines der Pferde, deren Reiter von mir erschossen war, kam ganz nahe an die Troika heran. Mit einem Satz sprang Doktor R. in den Sattel des Tieres, gab ihm die Sporen, und ehe die Tungusen sich von ihrer Ueberraschung erholt hatten, galoppierte er in der Richtung nach Jakutsk davon. Schon nach kurzer Zeit traf er auf eine Kosahen=Sotnja, die sofort die Verfolgung der Räuber aufnahm. Wädrend wir hastig unsere Erlebnisse berichtoten machte sich der Kosaken=Hetman mit seinen Leuten auf die Suche nach der Bande. Die Tungusen hatten die Ankunft der Truppen bereits bemerkt. Sie stürzten sich auf ihre Pferde und versuchten, den unvorhergesehenen Verfolgern zu entkommen. Aber die Kosaken tauchten aus dem Gebüsch auf und verfolgten sie in wildem Galopp. Die Räuber suchten über den gefrorenen Wiljuj=Fluß zu entkommen. Als sie sich mitten auf dem Eise befanden, ließ sich plötzlich ein dumpses Krachen hören. Der Boden wich ihnen unter den Füßen, sie stürzten in den eisigen Fluß und verschwanden augenblicklich in der Tiefe. „Wir haben unsere Mühe gespart,“ rief der Hetman, als er zum Zelte zurückkehrte. Sie sind gerichtet. Bei allen Heiligen, sie haben ihre Strafe verdient!" Wenige Stunden später zogen wir in Begleitung der Kosaken=Abteilung in der Richtung nach Jakutsk davon, wo wir drei Tage später anlangten. Von hier aus reiste ich nach Wladiwostok, wo ich mich von dem Gefährten trennte. Doktor R. wandte sich nach Japan, während ich mich nach Europa einschiffte. 1.— Die Biene Skizze von Kurt Münzer. Unergründlich ist die Absicht des Lebensprinzips, undurchschaubar die Auslese des Todes, und Bosheit und Hohn des Schicksals scheint es, wenn zur Erhaltung des Kleinen und Schwachen Großes und Starkes fallen muß. Der Zufall hat nicht Platz im logischen Gefüge des Weltgeschehens, sonst fiele es auseinander. Wenn nicht jeder Vorgang seinen Sinn hätte, könnte das Dasein nicht zusammenhalten. So müssen wir manches nur ergeben vermerken. Die Deutung liegt jenseits unserer Erkenntnis. Unsere Einsicht reicht oft nur zur Erfassung des Vorgangs. Also sei hier von einer Biene berichtet, deren kleines Leven zu erhalten viele Menschenopfer fallen mußten: Kind, Jüngling, Mann und Frau und eine Werkstatt voll fleißiger Arbeiter. Damit die summende Flüglerin wieder heimfindet zu Stock und Akazie, verlangte das unbegretfliche Schicksal eine Hekatombe von Opfern.— Diese Biene hokte mit Hunderten Gefährtinnen den Honig ihres Stocks aus den üppiz blühenden Akazien einer Allee draußen vor der Stadt. Dort stand die Luft dick von Wohlgeruch, Blüten bedeckten den Weg, den der Schatten der feingefiederten Wipfel sanft musterte. Und die Bienen taumelten immer trunken darin von Stock zu Baum, schlürften, sogen, trugen heim, kehrten zu neuem Rausche wieder. Unsere Biene vergaß sich einmal in den Blütenkelchen einer Ladung blühender Topfstücke, die ein Wagen in die Stadt brachte. Ais sie aus dem purpurnen Grunde eines süßen Nahles hochklomm an rosigen Blättern, schwer von ihrer Honigfracht, war sie schon mitten in der Stadt. Die Luft war dick von furchtbaren Gerüchen, sinnloser Lärm toste zwischen daumlosen Mauerreihen, und entsetzt stieg sie hoch, Umschau zu halten zur Rückkehr nach ihrer mat, ihrem Stock. In der Nähe öffnete sich die Straße, da blaute und grünte es heimatlich, frischere Luft zog von dort her, und sie summte selig dem schimmernden Weitblick zu. Es war ein Rasenplatz am Ufer des Sees, der gegen die hohen Kaimauern der Stadt in dieser stillen Morgenstunde plätscherte. Noch lag Frühduft über Flut und Ufer. Und nur etliche Kinderfrauen mit ihron Schutzbefohlenen saßen dort, schwatzten, indes die Kleinen im Sande spielten, gewarnt vor dem gefährlichen Ufer. Plötzlich schrie eines der Kinder auf, ein Knabe von fünf Jahren, schnellte hoch von seinen Sandgräben, starrte das Bienchen an, das unheimlich summend ihn umschwirrte, floh vor ihm laut rufend, jammernd, in panischem Entsetzen. Er sah nicht rechts, nicht links, lief in der Finsternis seiner Angst, hörte nicht die Schreie der Frauen hinter sich, nur das Brummen der Biene klang weltausfüllend in seine Ohren. Aber dann blieb es zurück, denn er stürzte vom hohen Kai hinunter in den See. indes die Biene sich hochschwang. Die alten Kinderfrauen, die jungen hübschen Bonnen rangen die Hände, liefen durcheinander, während der Knabe noch einmal auftauchte. Dann sahen sie unter dem Kristallspiegel des klaren Wassers ihn still und getröstet, furchtlos und erlöst liegen.—— Aber die Biene, ahnungslos des Unglücks, das sie über junge Eltern gebracht hatte, den 8