drunten hat ihm nämlich, statt der erhofften Beute, eine Ladung Hagel in die rechte Hinterpiote eingebracht. Daher knurrt nicht nur der leere Magen, sondern auch die Wunde brennt ganz dollisch, So muß sich Meister Braun zunächst nach Kühlung umsehen. Zum Glück ist's nicht weit zur Schneehalde, die eine famose Wundsuhle abgibt, während der Quell zum Schlammbad und der trocknende Lehm zum Verband wie geschaffen ist. Doch jetzt meldet sich unwiverstehlich der Hunger, der— nach uralter Bärenweisheit— bei einem Fieberkranken nicht mit hitzendem Fleisch gestillt werden darf, weshalb man sich, gleich einer rechtschaffenen Kuh, ans Weiden begibt. Moose und Flechten munden vortrefflich, zumal wenn sie mit Erde und Wurzeln gemischt sind und ab und zu ein Käfer sie würzt. Bald ist das Mahl beendet und zufrieden trottet Meister Braun heimwärts. Schöne Bilder umgaukeln den Schlummernden, leise träumend erinnert er sich der Bienen drunten im Oedtal. Honig!... Honig!... Wie fährt die blaue Zunge im Schlaf leckend über die Rase....# 9. Eiemmme S. Zwar— ganz einfach ist die Erlangung dieler herrlichen Leckerei nicht; hat doch Freund Raste, der Oedhofbauer, die Bienenstöcke hoch in die Aeste der Fichten gehängt. Da heißt's eben songlieren. Aamach Smr Keiar, Kurz ist die Frühlingsnacht, purpurn steigt's über dem Meere auf— die Bergkuppen goldig färbend. Weiß braut es aus den Niederungen — es ist Zeit zum Aufbruch. Meister Braun erhebt sich, schüttelt den Pelz und schreitet, nur wenig hinkend, talabwärts. Die gut ausgeheilte Wunde schmerzt kaum mehr und hindert sicherlich nicht am Klettern. Lautlos wird der Oedhof passiert. Die verhaßten Renntierhunde schweigen. Nun noch sorgfältig Wind genommen und den Boden untersucht. Zwar riecht die Menschenfährte noch ein wenig, doch scheint der Geruch alt. Bald wehen berückende Düfte: hier steht der Baum, der den größten Bienenkorb trägt. Langsam richtet sich Braun auf. Da fallen seine Blicke auf ein Gestell, das früher nicht da war. Bedächtig wiegt er den Kopf, hin und her überlegend und schnaubend. Doch bed di Arr Stamm biebt ja B###ig o.9.—.. abe ablecht schwinden seine sich wohl, seinen furchtbaren Tatzen zu nahe zus Da ergriff sie seine Hand und. Zielgeihg fest, kommen und halten ihn an den Ohren, im Nak=(ganz fest.„Ich bin Dein Kameruo, Wolfram. ken und am Hinterteil wie mit Zangen fest. Derweil rennen drei Jäger ihm ihre Lanzen in die Brust. Zwar zersplittert die eine unter dem furchtbaren Biß der knirschenden Zähne des im Todeskampf sich windenden Tieres, doch dann, mit tiefem Stöhnen, entflieht das Leben. Im Triumph und nicht ohne Mühe tragen ihn die zwölf Männer auf einer schnell hergerichteten Bahre zum Gehöft. Dort rüstet man schon zum kommenden Festmahl— denn Bärentatzen und Bärenschinken sind ein seltener Genuß. Aus dem lichtgrünen Birkengestrüpp seiner Behausung aber klingt es wie leises Weinen— wie wenn zarte Elfenstimmchen um den lieben Waldgenossen klagten. Doch es wird wohl nur der Wind gewesen sein, der durch die Felsspalten seiner verlassenen Wohnung strich... ganz. fest.„Ich bin Dein Kamerao, Wolfram, das sagte ich vorhin und nehme es auch nicht zurück. Uns steht nicht zu über den Toten zu richten; unsere Pflicht ist, zu helfen.“ „Du wolltest—.—.— uuit Hialen u. „Der Verwaisten eine Heimat bieten, ihr Schwester sein. „Ueberlege Dir das reiflich! Nachher ist es es zu pät,...44 Haffix maschen Nle 14 „Ich will mich nicht vesser machen, als ich bin, Wolfram. Vor einem halben Jahr hätte ich vielleicht diesen Gedanken entrüstet von mir gewiesen—“ Lächelnd beugte sie sich zu ihm hinüber.„Wollte ich Dir nicht viel mehr geben, weil ich Dich unglücklich wähnte?" In stummem Dank zog er sie an seine Brust. Beider Seelen Sehnsucht floß ineinander. und in ihren Herzen brannten Flammen der Seligkeit aus dem Opferfeuer selbstloser Liebe. Aussprache Skizze von J. Bragi. muß es da erst oben aussehen! Währent e# rasch die Kostprove ableau, schwinven seine teßten Bedenken in dem berückenden Duft. Ohne Besinnen klettert er hinauf. Hei, wie schnell das geht! Von einer Wunde merkt er nichts Summen umtönt ihn, als er die Plattform des Gestells erreicht, in deren Mitte ein Riesenklechs Honig klebt.. 76 Doch was ist das! Das Ding fängr pioßlich an zu rutschen und schwebt mit seiner braunen Last in einer Höhe von zwanzig Metern über dem Erdboden san“! aber stetig von dem Stamm hinweg, bis es ge e in der Mitte zwischen zwei hohen Fichten olt macht. Hu, das ist ungemütlich! Zwar ist man schwindelfrei, aber die Geschichte schwankt gleich einer Schaukel, jeder Schritt bringt einen in Gefahr, kopfüber hinunter zu schießen. So muß man denn wohl oder übel mäuschenstill auf seinem Zimmermannsstuhl sitzen und der Dinge harren, die da kommen wollen. 8 Und die kommen leider nur zu bald. Zwei Stunden mögen wohl verstrichen sein, seit der sonderbare Bienenliebhaber die unfreiwillige Schaukelfahrt angetreten hat, da wird es unter ihm sehr lebendig. Man hört das Bellen von Hunden, dazu das freudige Geschnatter aufgeregter Menschenstimmen. Freund Raste, der ihm den Schabernack gespielt hat, saß nämlich unterm Wind ganz in der Nähe und hatte den Vorgang beobachtet. So leise und schnell es ging, eilte er ins Haus. Sein Sohn warf sich halb angezogen auf den festen Ponny und jagte mit Windeseile zu den nächsten Gehöften. Bald war wohl ein Dutzend Männer mit Hunden und Gewehren zur Stelle. Furchtbar heult und schnaubt unser Braun in den Lüften. Er sieht sich hintergangen und betrogen und kann nichts tun als still zu halten — eine lebende Zielscheibe, die sich prachtvoll gegen den tiefblauen Morgenhimmel abhebt. Bald geht wirklich das Geknalle los. Und wenn auch über die Hälfte der Schüsse aus den vorsintflutlichen Blasröhren daneben geht, einer bohrt sich ihm doch in die Weiche. Vor Wut und Schmerz laut aufbrüllend und jede Vorsicht vergessend, schnellt er hoch, um im nächsten Augenblick in wilder Fahrt in die Tiefe zu sausen. Hier haben fürsorgende Hände Granitfindkinge zu einem weichen Empfangspolster aufgebaut, auf das er, schwer aufschlagend und einige Sekunden lang betäubt, herabstürzt. Im Au sind sämtliche Hunde auf ihm. Sie hüten Margarete weinte. Sie hatte schon viel heimliche Tränen vergossen, erst wild und leidenschaftlich, dann immer hoffnungsloser. Sechs Jahre war sie verheiratet und hatte so sicher an den Fortbestand ihres Glückes geglaubt, daß die Enttäuschung sie doppelt schwer traf. War es wirklich Wahrheit? Die Briefe mit weiblicher Handschrift, die gekommen und die Wolfram schnell und verlegen an sich genommen, sein bedrücktes Wesen, seine ausweichenden Antworten auf ihr besorgtes Fragen, endlich das Bild, das sie in seiner Brieftasche entdeckt—. Sie schämte sich ehrlich, daß sie heimlich in der Nacht seine Taschen durchsucht hatte, ganz gewiß, sie schämte sich, aber dennoch— wenigstens jetzt hatte sie Klarheit. Es war kein Zweifel, Wolfram liebte eine andere. Sie sah und fühlte, daß er litt. Anfänglich hatte sie sich selbst täuschen wollen mit dem Gedanken, daß er so tief um seinen Vater trauerte. Doch hatte der Mond seit dessen heimgang schon mehrere Male gewechselt, und Wolframs Seele flüchtete mehr und mehr vor seines Weides bittenden Augen und fragendem Herden. 8. 5ch uuch lamem m Und dann rang sie sich nach langem Weinen zu dem großen Entschlusse durch. Ganz ruhig wurde sie, wie starke Seelen, die ihr eigenes Wollen niederkämpfen können. Feierlicher Ernst lag in ihren verhärmten Zügen, als sie leise in ihres Mannes Zimmer trat. „Du versteckst etwas, Wolfram?“ „Verzeih— ich—— eine wichtige Arbeit.“ Schwer ließ sie sich in den Sessel neven seinem Schreibtisch fallen.„Warum betrügst Du mich, Wolfram?" Nun war es heraus. „Ich— Dich betrügen? Du irrst, Margarete.“ Starr richtete er sich in seinem Schreibstuhl „Rein, Wolfram, ich irre nicht. Zu deutlich fühle ich, daß sich Deine Gedanken mit einer anderen Frau beschäftigen. Du wirst verlegen?“ Ihre Stimme wurde leiser.„Wolfram, ich komme zu Dir als Kamerad.“ Tränen verschleierten den Klang ihrer Worte,„ich will Dir helfen zu überwinden, und,“ sie atmete schwer, „und— wenn es stärker ist als Du und ich— dann— will ich Dich freigeben. Lieber zwei Glückliche als drei Unglückliche.“ Er sah sie an, als habe er den Sinn ihrer Worte nicht erfaßt. „Ich habe ihr Bild bei Dir gesehen——“ sie konnte nicht weitersprechen. „Margarete, versteh ich Dich recht?" Stumm nickte sie, als fürchte sie, bei dem nächsten Wort ihre mühsam erkämpfte Selbstbeherrschung zu verlieren. „Margarete! Du!“ Er konnte es kaum fassen.„Nie hätte ich geglaubt, daß eine Frau so — so— ja so groß sein kann. Und ich dachte klein von Dir— hielt Dich für— verzeihe „Also Du liebst eine andere?" „Lieben? Ich— eine andere? Margarete! Ach Du!“ Wie sein Lachen ihre Seele von qualvoll drückender Last befreite! „Ich sah doch ihr Bild, Wolfram!“ „Das Bild— ja, ja, ich verstehe— laß mich Dir alles berichten—— das Bild stellt meine Halbschwester dar. Ich schämte mich vor Dir. Ach, ich litt grenzenlos unter der Tatsache, daß mein verehrter Vater ein Kind hatte, das nicht seinen Namen trug. Auf dem Sterbebette vertraute er mir sein Geheimnis an und empfahl seine Tochter meiner Obhut. Das arme, junge Mädchen hat seine Mutter längst verloren und seine Jugend in Kinderheimen und Erziehungsanstalten durchgemacht. Verstehst Du meine Sorge, meinen inneren Zwiespalt, Margarete? Ich wagte nicht. Dir etwas zu sagen. Frauen sind in solchen Dingen— verzeih——“ Masetenre 182 Kreuzworträtsel: Ulogerecht: 1Chmes fört 3 Rim Köngällit 7Shumne 4Korte. 2 Chem. Stoff 10 Men#### An lndarerteiger Riäfrlchnficslählihe Der Goren B5.)hoiaen Stoof. Serkrane: 1.Rer Produkt 2 Fabeidichter S Mind&4 olktsmenge Sheibt borname ers chenmamen PO A Ukeb sbeore Achte Schung Vexierbild: S Rio is der Naler* Schach: Ne 111 Zweizüger Auflösungen aus voriger Nummer: Wir sind's gewis in vielen Dingen. Im Tode sind wir' nimmermehr: Die sind's, die wir zu Grabe bringen. Und eben diese sind's nicht mehr. Denn, well wir leben, sind wir's eben Von Geist und Angesicht! Und weil wir leben, sind wir's eben Zur Zeit noch nicht. Ter Seterracher. Schach: 1703-47—- Obz beliebig 2)# ShTbsliebig od. Of1Taf beliebig 2) Of-FK u. Varienten Verantwortlich: H. Semmelmann, Altena Druck und Verlag: P. A. Santz. Altena. — — Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung Nr. 9 Samstag, 6. März 1926 Der Brief Skizze von Niki Fürst. Als Doktor Günther Holthaus die Tür zu seinem Dirigentenzimmer öffnete, hörte er noch das ferne Rauschen des Beifalls, der auch vor dem eisernen Vorhang noch nicht schweigen wollte. Der Abend war also ein großer Erfolg gewesen. Lächelnd konstatierte es der Künstler, doch mußte er, wie schon so oft, mit Befremden bemerken, daß die Freude über den Sieg ihn nicht so beherrschte, wie er gehofft hatte. Da er die Ampel angennipft hatte und alle Gegenstände, die Möbelstücke und hundert Erinnerungen aus seinem Ringen und Schaffen, ihm wieder im vertrauten Licht erschienen, da wurde es ihm warm und es wurde heimelig um ihn. Doch lag ihm über allem eine müde Resignation.—— Als ein Logenschließer hereintrat, saß der Künstler sinnend in einem Sessel. Er nickte nur zu den Worten des Dieners. Erst als die Tür ins Schloß schlug, schrak Günther aus seiner Versunkenheit auf. Ja. so— der Brief sei abgegeben. Und dies ... so hatte der Mann gesagt. Auf dem Tisch lag ein kleines Paket und darauf ein Brief, dessen Adresse in großen Buchstaben die steilen, klaren Schriftzüge einer Frauenhand zeigte. Die Handschrift erschien ihm nicht fremd, doch entsann er sich nicht sogleich Als er das Paket geöffnet hatte, hielt er einige längst verwelkte Feldblumen in der Hand. Dabei lag ein Dutzend vergilbter Briefe —— von seiner Hand geschrieben... „Ilsemarie..?" Verwundert sprach er das Wort. Ein Blick hatte ihn belehrt, an wen er damals die Briefe gerichtet, denn Günther Holthaus hatte in seinem Leben nicht viele Briefe dieser Art geschrieben. Als er sich wieder im Sessel niedergelassen hatte und den Brief öffnete, wußte er, daß nun eine feierliche Stunde vorüberging. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, Briefe zu lesen, las er jetzt aufmerksam Wort für Wort: „Lieber Doktor Günther Holthaus! Ich könnte auch, wie einst,„mein lieber Bub' sagen — aber verklungene Weisen soll man nicht aufleben lassen. Du bist jetzt vierzig Jahre alt, denn du warst immer fünf Jahre älter als ich, und so etwas verändert sich wohl bildhaft, aber nicht zahlenmäßig. Ich sehe, wie Du nickst, wie Du es früher tatest, wenn etwas nicht zu bestreiten war. Es st fünfzehn Jahre her, da der dritte Kapellmeister Holthaus auf der Wieden zu Wien hauste und für die Mitwelt noch ein ziemlich unbedeutendes Kerlchen war. Nur eine glaubte ganz fest an ihn, und die hauste, am selben Flur, auch auf der lieben, alten Wieden, studierte, obwohl als leidlich hübsch verschrien, fleißig Medizin und war, wie ihr Kapellmeister, im übrigen ein ziemlich heißblütiges Vögelchen. Den Frauen, mein Liebster, ist es nämlich gleichgültig, ob einer erster oder letzter Kapellmeister ist. Du wirst ja inzwischen auch Erfahrungen geerntet haben. Doch Frauen, die einem Mann nur zujubeln, weil er die großen Opern führt, die wissen nicht, wie lieb sich von einem Dachfenster aus das alte, traute Wien anschaut, wenn's einem im Herzen flötet und schalmeit... Doch wozu wehmütig in alten Schränken und Schubladen kramen! Auch ich bin an Erfahrungen reicher geworden. Wenn Du aufmerksamer die Zeitungen lesen würdest, als Du es gewiß heute noch tust, so hättest Du längst einmal erfahren, daß auch ich so etwas wie ein erster Kapellmeister oder gar— verzeih mir den Stolz!— eine Art Generalmusikdirektor geworden, wenigstens in Dingen der medizinischen Wissenschaft. Eigentlich verdanke ich aber das zum guten Teil Dir. Weil mir halt die ... unsere Wiener Weisen nie aus dem Herzen gingen—— Ich will Dich gewiß nicht ermüden, und was wißt Ihr schließlich davon, wenn eine Frau sich Jahre— lange Jahre hindurch zersehnt nach dem einen, wenn schon der Klang seines Namens sie zu Tränen erschüttert! Was wißt. Ihr Männer von solchen Dingen! Ihr geyt mit einem kühlen Wort, schlagt die Tür trotzig hinter Euch zu und laßt uns mit unserem Jammer allein! Ihr wißt nicht, wie bitter weh das tut, in trostlosem Lauschen liebe Schritte verhallen zu hören...! Nebel füllt den Abend schon— Dämmerung ist mild und leise. Blanke Tropfen, silberweiße, fallen langsam, Ton an Ton, Von den Zweigen... an die Erde.— Einer Drossel sel'ges Flöten über nackten Gartenbeeten kündet, daß nun Frühling werde. Grau im Blauen wie ein Traum stehn die Dinge... Durch den Garten geht des Schweigen— voller Warten auf das Licht stehn Strauch und Baum; Voller Warten auf das Licht heller Tage, daß sie ihre Sehnsucht wie durch offne Türe grünend dränge an das Licht... Karl Röttger. Soll ich noch sagen, daß ich in all den fünfzehn Jahren niemals einen Mann ansehen konnte mit Augen. die fragten, ob er mir gefalle? Wo eine Liebe sich krank und wund weint, kann eine andere nicht sprießen. Bei mir nicht, Günther! Mit großen. sehnenden Augen bin ich Dir immer durch Deine Jahre gefolgt. Ich war immer mit Dir. Und ein wenig haben mich Dein schneller Aufstieg und das Leuchten Deines Sterns auch stolz gemacht; denn— Du magst es wohl nicht wahr haben wollen— in unserem lauschigen Wiener Nest ist ein gut Teil auch davon leise erblüht. Die ersten Schritte machtest Du an meiner Seite, und ich habe Dir wohl zwei Lenze u. zwei Sommer lang das junge Leben licht gemacht— Turmschwalben, die wir waren. Wenn man durch ein solches Leuchten zu zweit geschritten ist, und wenn man als klug und schön gilt— dann, mein Bester, hätte es wohl für eine Frau nahe gelegen, wenn sie eines Tages aus dem kranken Sehnen Erfüllung blühen ließe. Dir wäre nicht kraftlos der Taktstock aus den Händen gesunken— Dir nicht! Deine Schwingen wären Dir nicht beschnitten, wenn ich eines Tages leise zu Dir geschritten wäre. Denn ich hätte Dir weiterhin viel gegeben und Dir wieder das Leuchten angezündet, von dem wir einst glaubten, die Wiener Dächer müßten zauberisch davon erglühen. Ich habe in allen Deinen Opern gesessen, habe für Dich— für den blassen Mann dort vorne— um den Erfolg gebangt. Und bin immer still, in verhaltenem Schluchzen gegangen, wenn der Beifall Dich rief, ich bin gegangen, bevor Du vor der Ramve erschienst. Ich weiß auch um Dein Menschenschicksal! Von Deinem glanzvollen Heim wurde mir er zählt. Von Deiner Ehe ohne Leid und Stürme Da wollte ich mit lauten Schritten in Deinen, in Euren Kreis treten. Diesmal wollte ich es tun! Wie so viele Male, schritt ich wieder die stille, verträumte Straße hinab, in der ich, am Vorgarten Deines Hauses, so oft gestanden und zum erhellten Fenster Deines Zimmers hinaufgesehen. Diesmal wollte ich entschlossen vor Da öffnete sich die Tür Deines Hauses, und an der Hand Deines Töchterchens tratst Du die Straße. Mit Befremden bemerktest Du wie ich Dich im langsamen Vorübergehen auf. Du hort nich nicht ertamt, Güntzer, Boit haus, nach all den Jahren. Aber ich yupe Di: eine Minute lang tief ins Menschenantlitz gesehen, das anders ist als in jenen Stunden, de Dich der Beifall ruft. Ich sah in ein blasses Männerantlitz, das mutlos und müde ist, und in das Gram und Hoffnungslosigkeit ihre Furchen zogen:„Ich habe forschend in vielen Menschengesichtern gelesen— so sehen die müden Kämpfer aus, die am Alltag dahinsiechen, der hinterm heimischen Herd nistet.#.. 8ser ach Im Vorbeigehen hatte ich eine Vision. Ich sah Dich, wie Du oft sitzen magst: Du lehntest in einem tiefen Sessel und schlossest müde und verdrossen die Augen— doch Dein Gehör lauschte, ein wenig furchtsam, schon auf den nächsten Mißton Deines Lebens... Da hast Du mir über alle Maßen leid getan Günther. Denn da wußte ich, daß Dir die Schwingen endgültig gebrochen sind— im Kleinkrieg, in einem Leben ohne Stürme. Das Leben, das auf Dich einen hohen Einsatz wag. te, hat mit Dir verspielt. Und Du hast keinen Menschen, der das alte Leuchten in Dir entfachen kann.. 1.55 Siun#. Enter Du hast mir oitter leio geran, Du müder Nann!. k8 46 P: Gs. Da wußte ich, daß ich aus meiner Welt, ir der mir der Stephansturm und die Dächer von Alt=Wien väterlich ragten, gehen muß. Noch am selben Abend unterschrieb ich einen Vertrag, der mich an eine japanische Universität beruft. Aber das letzte Rauschen aus dieser liebvertrauten Welt soll mir ein neues Klingen sein. Der heutige Abend, die Premiere Deiner neuen Oper, soll es mir geben. Ich werde Dich noch einmal auf der Höhe Deines Ruhmes und Deines Lebens sehen. Ich werde in alle Motive Deines Werkes hineinlauschen, ob nicht der Zauber aus unserm alten Nest noch ein wenig singt. Dieses eine Mal werde ich bleiben, wenn der tobende Beifall Dich ruft. Gebe Gott, daß ich dann stark und aufrecht von dannen gehe Wenn Du diese Zeilen und jene letzten Erinnerungen aus unseren Tagen erhalten hast, dann wird die Stunde mir Kraft gegeben haben, und meine Schritte werden Dir für immer verklungen sein! Mein Weg wird nun auch wieder ein beschwerliches Berganwandern werden. Aber in stiller Abendstunden wird ein Duft mich umschweben wie von den blühenden Linden vor unseren Haus, und in Träumen wird mir die Donar ein leises Liedel singen. Dann möge ein kühler Hauch um Deine kampfmüde Stirne gehen, als ob meine Hände darüber hinstreichen. Stirb einmal wohl! Ilsemarie." Günther Holthaus hatte den Brief langsan zu Ende gelesen. Dann sank ihm das Haup in die Hände. Ihm war es, als sei nun erst etwas für ihn gestorben, das er längst tot geglaubt. Ein Klopfen an der Tür schreckte ihn auf. Der graue Kopf des alten Bürodieners wurde sichtbar. „Herr Doktor, Mitternacht ist vorüber. Dar Haus soll geschlossen werden. Der Herr Inten er S.### P#5Sg SESESSSBRAUS S BEg 2 -TTOE8 Secab en □ E 9.2 S 255 FabS. Pr.2— EOERSSOGSSESSGSMEE 50 B 88812g dant haben auch soeben telephoniert, ob Herr Doktor nicht ins Esplanade kämen— da ist doch die Premierenfeier, wo wir doch so'n großen Erfolg hatten...!“ Ist recht, Weber!“ Geistesabwesend versa oß Günther die Briefe und die Blumen in seinem Schreibtisch. Gesenkten Hauptes und ohne Gruß ging er dann langsam an dem Faktotum vorüber. Er bemerkte den Diener nicht mehr... Der alte Weber sah ihm erstaunt nach und schüttelte mißbilligend den grauen Kopf.„Nich mal'n Trinkgeld heute? Jetzt wird der ooch schon stieselig...!“ —12— Der Salzhering Skizze von Brandt. Szatmari Tiber war Schulmeister in Nagyrecze. Das ist ein gottverfluchtes Nest im Pester Komitat, wo die Schweinezucht blüht und die Sitten verkümmern. Darum hat der Alte seine liebe Not. Mit den Rangen dieser Dörfler, die sich zwei Stunden im Umkreis in die Gehöfte verteilten, war schlechterdings nichts anzufangen. Gute Worte und Prügel hatten hier den nämlichen Effekt, das heißt keinen. Magyaren=, wenn nicht Zigeunerblut, rumorte in diesen Adern und war stündlich bereit, an Mensch oder Tier sein Mütchen zu kühlen. Das war Szatmari Tibers Kreuz, denn er selbst war aus anderem Holze geschnitzt. War er doch trotz seines für deutsche Lippen unmöglichen Namens in Wien groß geworden, sprach er doch besser deutsch als ungarisch und lag doch die Patina dieser weichsten unter allen germanischen Städten auf seinem ganzen Sein. Wie so oft im Leben leicht zu beeinflussender Söhne, war auch an seinem Schicksal die alte Mutter schuld. Denn sein angeborenes Talent für die Geige hätte ja genügt, ihm in der musikalischen Donaustadt seine Existenz zu sichern. Aber Klari, die Mutter, hatte nun einmal darauf bestanden. Der verstorbene Vater war k. u. k. Adjunkt bei dem Statistischen Bureau gewesen und der junge Tiber mußte auf das Klari kam aus Ungarn, zu allem Unglück just aus der Gegend, in der sich ihr Geschick vollenden sollte. War es da weiter ein Wunder, daß sie es voll Enthusiasmus ergriff, als der Direktor des Seminars eines schönen Tages, nunmehr schon vor Jahrzehnten, dem Kandidaten Szatmar Tiber die Mitteilung machte, daß der Schulmeisterposten in Nagyrecze zu haben sei! Ade, Wien! Ade die Träume, die noch immer im geheimen an einem der vielen Theater oder sogar auch an einem fashionablen Kafseehausorchester gehangen hatten! Die resolute Mutter, nicht etwa er selbst, hatte damals einen Strich unter Szatmari Tibers Lebensbilanz gesetzt. Nagyrec:2 und seine unerzogenen Rangen.. eine Wbel!. 4 Mann Tumne Siebenundd reißig Jahre waren varuber ins Land gegan::. Tivers Haare lichteten sich und die sch:.en Locken, die einst seine Schläfe umm### wurden grau. Aber Klari, die ihm nichtzur diese Stellung verschafft, sondern auch än#stlich darüber gewacht hatte, daß er niemats z. einer Frau und sie zu einer Schwiegertdchter kam, war noch immer auf den Beinen. Trotz des 85. Geburtstages, den sie in diesem März in voller Rüstigkeit gefeiert hatte. Eine Frau, die nicht unterzukriegen war! Sie führte ihrem Tiber die Wirtschaft und sah nach dem Rechten. In der einstöckigen, aus Keller und drei Räumen bestehenden Hütte, die Tibers Amtswohnung war und der Nagyreczes Einwohner die Bezeichnung„Lehrerhaus“ verliehen hatten. Das Schulgebäude lag weit ab. Tiber hatte astäglich zweimal einen gehörigen Weg.„Der führte an dem Laden Huba Elemars voruver, in dem es sozusagen alles vom Pflug bis zur Nähnädel für Geld und gute Worte gab. Huba war Frühaufsteher und kroch daher mit seinen Hühnern ins Nest. So kam es, daß Tiber seine Einkäufe in der Frühe besorgte, wenn er an dem Geschäfte vorüber kam, denn in der Abendstunde seines Rückwegs war schon kaufte er ja nicht. Huba Elemar hatte keinen Grund, ihn zu seinen guten Kunden zu zählen, und das kleine Päckchen, mit dem er seine und der Mutter minimale Bedürfnisse an Genüssen befriedigte, verschwand bequem in der Seitentasche seines Ueberrocks. Hier blieb es während der Schulstunden stekken und seit Jahr und Tag ging Szatmari Tider, ohne daß sich eine Menschenseele um seinen Schatz bekümmert hätte, wieder heim. Klari hatte eine Schwäche. Zu den Kartof seln, die Tiber auf dem Acker neben dem„Lehverhaus“ haute, mußte sie einen Salzhering hasven. Und Huba Elemar führte diese Fische in außerordentlicher Größe und prima Qualität. Es war jedesmal ein Fest für die Klari, wenn sie in Tibers Manteltasche, wohl verwahrt in Pergamentpapier, einen solchen Salzhering fand. Im Schulgebäude hatte Eltvös Etelka nach dem Rechten zu sehen, das heißt, sie kehrte und wusch den Fußboden auf. Ihr unzertrennlicher Begleiter war ein schwarzer Kater, und man braucht nicht gerade Zoologe zu sein, um zu wissen, daß diese Tierspezies eine ausgesprochene Vorliebe für Fische in jedem Zustand hat. So war es denn einmal vorgekommen, daß das Tier den für Klari bestimmten Salzhering aus Tibers Manteltasche stibitzt hatte, und seitdem pflegte der Schulmeister den eingewickelten Fisch auf das schmale und hohe Fenstergesims zu legen, wo der Kater ihn nicht mehr erreichen konnte. Ueber Wäldern, schwarzgegossen, Leuchtet in opalem Glanz, Gläsern Blau, darin geflossen Erster Sterne Strahlentanz. In kristallne Bläue trunken Taucht sich tief das Angesich Atmet Seele glanzversunken Ferner Reiche Königslicht. Aus erstarrten Lüften tauen Tropfen Glanz und blaues All: Sprühend kommt der Seele Schauen Eine Krone von Kristall. Heinzludwig Raymann. War die Schule aus und waren die Rangen auf und davongesprungen, dann holte er den Leckerbissen heimlich und von keinem Zeugen beobachtet hervor.— Heute war wieder einmal ein harter Tag. Der dreizehnjährige Valki Bela, der Sproß des reichsten Schweinezüchters von Nagyrecze, war der Anstifter gewesen und sein zwölfjähriger Vetter Hervat Janes hatte ihm assistiert. Ein Bubenstreich, wie ihn nicht nur die Jugend Nagyreczes dem immer verhaßten Pauker spielt! Ein unglücklicher Zufall! Tiber hatte während der Pause seine Tabaksdose auf dem Katheder vergessen und Bela hatte dem Aermsten weißen Pfeffer unter den Schmalzler gemischt. Tränen in den Augen, halb blind, sich ewig schneuzend und niesend, saß der Unglückliche vor der Klasse, die sich vor Lachen die verschiedenen Bäuche zu halten gezwungen war. Aber Szatmari Tiber war der Erstbeste denn doch nicht. Er bekam die Schuldigen durch geschickte Kreuz= und Querfragen heraus und eine tüchtige Tracht Prügel mit der gefürchteten Haselgerte war das Resultat. Bela und Janes brüteten Rache. Und Etelkas schwarze Katze wies ihnen den Weg. Ihr Miaulen vor dem geöffneten Fenster der Schulstube machte die beiden Jungen darauf aufmerksam, daß hier irgend ein Geheimnis verborgen sein müsse, und nach zehn Minuten eifrigen Suchens hatten sie das Päckchen auf dem Gesims entdeckt. Sie wickelten es auf. Sie fanden den Salzhering und legten ihn auf das Katheder in Positur, Szatmari Tiber dicht unter die bebrillte Nase. Der hatte gerade in der Christenlehre zu unterrichten und geriet schon um dieses Zusammentreffens willen in die peinlichste Verlegenheit. Er wickelte den Salzhering, die Delikatesse für seine alte Mutter, wieder sorgfältig ein und warf es wie eine Entschuldigung hin: „Wir haben eine alte Katze zuhause, die mit Vorliebe Hering frißt, dieser bringe ich ab und zu einen solchen mit“... und dann fragte er, um möglichst rasch über diese Situation hinauszukommen, Bela nach dem fünften Gebot. Nach Schulschluß standen die beiden Geprügelten lange beieinander. „Ich weiß etwas,“ sagte Bela zu Janes. „Was weißt du denn?" fragte der. „Wenn er wieder einen Hering für seine Katze kauft!“ „Was ist dannz“ „Wir haben Ratten in der Speckkammer und mein Vater hat Gift bei dem Huba gekauft.“ „Gift, wirkliches Gift?“ „Strychnin, sagt der Huba. Mit dem reiben wir ihm seinen nächsten Hering ein, daß die Katze verreckt, dann ärgert er sich!“ Janes lachte. Er fand diese Idee seines Vetters offenbar ganz ausgezeichnet, denn er meinte:„Dann hat er seinen Denkzettel für die Prügel! Er versteht zu ziehen. Mir tut der Rücken noch immer weh.“ „Meinst du etwa mir nicht?“ greinte Bela. Und in den Augen der beiden Buben leuchtete es wie befriedigte Schadenfreude auf. —— Hedvessy Giula war Dorfarzt in Nagyrecze. Als man ihn etwa eine Woche später in tiefer Nacht zu der sterbenden Klari rief, wußte er sich keinen Rat. Vergiftung! Strychnin! Ein Rätsel! Er nahm die Magenauspumpung vor. Zu spät. Kurz nach Mitternacht starb die alte Klari unter konvulsivischen Krämpfen, wie sie bei der durch das Strychnin erzeugten Vergiftung symptomatisch sind. Der Mageninhalt wurde zur Analyse an das Institut für organische Chemie in Pest gesandt. Hier stellte die Wissenschaft das unzweifelhafte Resultat fest.— Seit diesem Tage hat die Landesirrenanstalt des Komitats einen neuen Insassen, einen Unheilbaren, der der Kürze halber von den Wärtern der„Salzhering“ genannt wird, weil diese Speise in seinen wirren Reden und Phantasien immer und immer wiederkehrt. Valki Bela und Hewat Janes, die unter TraInen vor dem Gericht für Jugendliche ein umfassendes Geständnis ablegten, sind infolge ihres Lebensalters mit einem strengen Verweise und dex zeitweiligen Ueberweisung an eine Fürsorgeerziehungsanstalt davongekommen. —12.— Hasenfell Von Karl Lütge. Mit dem Hasensell, das bei meinem Hauswirt neben einer alten Militärmütze und einem Paar Achselklappen im Zimmer hängt, hatte es sein„gewisses Bewenden“, wie Papa Geisenack immer im gedehnten Thüringisch zu sagen pflegte.„Das stammt nämlich noch aus meine Unteroffiziers=Laufbahn und hat mich eklige Schweiß gekostet...“ Papa Geisenack, dem man das heute nicht im entferntesten ansieht, war ein großer Jäger vor dem Herrn und in seiner Dienstzeit der beste Schütze im Regiment. Als Rekrut beim ersten Schießen schoß er bereits besser als alle Unteroffiziere, was ihm außer dem Soh, des Hauptmanns einmütigen Groll den eintrug. Sein Unteroffizier machte diesem Groll Luft mit den Worten: „Na, da haste bloß reingemuckt, Kerl! Bild' Dir bloß nischt ein! Dusel haste gehabt! Ganz ausverschämten Dusel!“.. 6, Rekrut Geisenack erwiderte vorschriftsmäßig: „Jawohl" und unterließ es, von dem väterlichen Gut und der großen Jagd unten an der bayerischen Grenze, wo er als bester Jäger galt, zu sprechen. Im übrigen blieb er sich gleich im Schießen, d. h. er„muckte“ weiter rein und hatte ewigen„Dusel!“ Als er Unteroffizier war, schoß er den anderen bei allen Preisschießen die besten Preise weg. Das fand man nicht schön, aber da er nicht nur der Stolz der„Sechsten“, sondern das Schießwunder des ganzen Reuiments war, ging es ihm trotz aller Neider gut. Der Hauptmann drückte manchmal beide Augen und noch mehr zu, wenn sein Liebling etwas ausgefressen hatte. So einmal bei einem großen Schießen, wo Geisenack als Schießunteroffizier fungierte; da fand der Kompagniechef(eine Viertelstunde nach Schießbeginn) weder die Scheiben aufgebaut, noch die Schießabteilung am Stand. Der Herr Schieß=Unteroffizier mußte erst aus der Kantine geholt werden. Als der Hauptmann Meldung verlangte, meldete er mit eiserner Stirne, daß„alles in Ordnung“ sei. Der Hauptmann deutet nach vorn:„Es sind ja nicht einmal die Scheiben eingebaut!" „Jawohl, Herr Hauptmann, die Scheiben noch vicht...., nichts erfolgt und Es war überhaupt noch nichts erolg., und wurde schleunigst nachgeholt. Strafe war Geisenack sicher; doch da er wieder wie ein junger Gott schoß, zerschmolz des Hauptmanns Zorn, und Geisenack wurde die Strafe geschenkt.. Böser war es kurz darauf auf dem Truppenübungsplatz, beim Gruppenschießen, dem der Brigadekommandeur aus Erfurt beiwohnte. Da wäre es ihm doch beinahe schlimm ergangen. Geisenack war Gruppenführer, und selbstverständlich hatte der Hauptmann den Oberst und dieser den hohen Herrn bestimmt, hinter der Gruppe Geisenack Aufstellung zu nehmen. Aber die Leute schossen herzlich schlecht. Die Scheiben den Fensterfüllungen eines markierten Hauses spotteten trotz aller Knallerei den Anstrengungen der Gruppe. Der Oberst war bereits unwillig, da der hohe Herr neben ihm die Stirn zu runzeln begann. Da nahm Geisenack sein Gewehr; 450 Meter freihändig. Hier war er am sichersten. Er legte#an, schoß. Bardautz!— Die erste Tonscheibe war zersprungen. Beim zweiten Schuß mußte die zweite dran glauben. Und so fort, jeder Schuß eine Leistung. „Donnerwetter“! erkannte der hohe Herr aus Erfurt an. Worauf der Oberst stolz erklärte: Mein bester„Schütze! Schießt jeden ersten Preis! Sicher wie noch nie ein...“ Unteroffizier Geisenack lag mit rotem Kopf neben seiner Gruppe in Angriffsstellung. Er vergaß über das Lob seine dienstliche Unbedeutendheit und„fühlte sich", wie die Kameraden hämisch für diesen Zustand gesagt haben würden. Dagegen sah er, daß da vorn, dicht an den Scheiben, wo von rechts Verstärkungen gemeldet waren, ein Häschen auftauchte... Das stutzte und machte Männchen. In Geisenack erwachte im Nu der Jäger: ein Handeln von Sekunden... dann fuhr der Finger zum Abzug, drückte los, und der Hase machte einen raschen Saltomortale durch die Luft.„„„„ 6 Die hohen Herren harren den Vorgang in allen Einzelheiten beobachtet. Der Brigadekommandeur tippte, bevor Geisenack losdrückte dem Oberst auf die Schulter:„Da, sehen Sie.“ Da krachte bereits der Schuß. Unteroffizier Geisenack war ganz blaß geworden. Er lag bewegungslos und ahmte den toten Hasen nach. Doch da der Oberst herantrat und fragte: „Was war denn das, Geisenack?“, konnte er sich nicht länger tot stellen, sondern mußtelirgend etwas antworten. „Ein Hase, Herr Oberst...“ stammelte er ausspringend. „Ein Hase?“ Der Hauptmann schwitzte. Der Oberst kaute am lang ausgezogenen Bart. Die anderen lachten hinter der Hand, der hohe Herr aus Erfurt besonders.— Der fragte endlich: „Na, Unteroffizier, was dachten Sie sich bei dem Schuß? Dachten wohl, daß es eine Scheibe war?" 8 Unteroffizier Geisenack war auf die Sprünge geholfen. Der Hauptmann atmete hörbar auf und machte ein weniger grimmiges Gesicht; der Oberst fragte rasch: „Sie dachten, daß es eine Scheibe war?“ „Jawohl, Herr Oberst! Eine Scheibe!“ „Go!?— Na, es war aber keine! Ein andermal besser hinsehen! Verstanden!" „Jawohl, Herr Oberst!" „Unteroffizier," befahl sodann der hohe Herr, „holen Sie mal gefälligst selbst Ihre Scheibe und tragen Sie sie heim!“ Geisenack stob davon, strich um den Hasen herum und suchte die Scheibe, die ihm zu finden natürlich nicht möglich war. Er schwitzte und suchte nach einem Ausweg; doch er fand keinen, obwohl er sonst in dieser Hinsicht nicht leicht versagte. Da rief man ihm zu:„Na, bringen Sie nur den Hasen, Unteroffizier!“ Geisenack brachte ihn. Er durfte ihn sogar behalten... Der Hauptmann nahm ihn nur noch vor und sprach von grenzenloser Unverschämtheit, Blamage, Frechheit, von Gefängnis, von Wilddieberei und dererlei ärgerlichen Dingen. Aber auch das verwand Geisenack... und wenn er später davon erzählte, dann schmunzelte er immer und ahmte getreulich die Rede des Hauptmanns nach. Und mit einem liebevollen Blick und einem bekümmerten Seufzer(der seinem Alter galt) zu schließen: „Ja, mit dem Hasensell hat es sein gewisses Bewenden...“ —1—.— Enno Stolterfoths Erlebnis Heitere Skizze von Elisabeth Hensel. Der Professor erzählte: Es war ein lustiger, übermütiger Kreis, der sich damals in der kleinen süddeutschen Universitäts=Stadt zusammenfand, Gelehrte, Künstler, auch einige Beamte und ältere Studenten. Bei unseren regelmäßigen Zusammenkünften schossen die Reden und schlagfertigen Gegenreden wie Leuchtraketen hin und her. Uebelnehmen gab es nicht. Unser Hauptzweck aber war das, was der n6gländer practical ojkes nennt. Solch ein„handgreiflicher Scherz“(ich gebe zu, daß die Uebersetzung höchst mangelhaft ist) mußte sich jedoch bieten, man konnte ihn nicht ohne weiteres herbeiführen. Aber wenn nur ein Endsen wir es und wickerten es auf, vis der ganze Knäuel eines kapitalen Spaßes sich aufrollte. So hatten wir einmal einem unserer Gefährten, einem Tierbildhauer, der uns weidlich oft und gern gezwickt hatte, seinen Liebling, einen kleinen Löwen, bei Gelegenheit eines Umzuges in ein neues Atelier entwendet. Er geriet in Verzweiflung, denn das Löwchen hegte er wie ein Kind. Den ganzen Tag kamen durch Boten und Telefonanrufe Nachrichten, da oder dort sei der Löwe gesichtet worden; immer hetzte er hin und immer war es eine Enttäuschung. Als er aber abends ganz erschöpft in seinem Atelier saß da erschien ein Dienstmann mit einem riesigen Korb voller Rosen, und als er näher zusah, lag unter den Rosen friedlich schlummernd sein kleiner Löwe. Um den Hals trug er einen Zettel„Rache ist süß“. Die Fama meldet, daß unser Freund einen ganz tasterlichen Fluch ausgestoßen habe. An einem heitern Morgen O blaue Luft nach trüben Tagen, Wie kannst du stillen meine Klagen?, Wer nur am Regen krank gewesen, Der mag durch Sonnenschein genesen. O blaue Luft nach trüben Tagen, Doch stillst du meine bittern Klagen; Du glänzest Ahnung mir zum Herzen, Wie himmlisch Freude labt nach Schmerzen. * Uhland. Was ich aber eigentlich erzählen wollte, ist die Geschichte von dem jungen Enno Stolkerfoth. Also dieser Jüngling aus Lübeck eines Tages bei mir, angekündigt durch den Brief einer norddeutschen Base, die ihn mir liebevoll anempfohlen hatte. So stand er vor mir, rosig, wie Milch und Blut, weizenblond, mit treuen großen, etwas leeren blauen Augen. Es kostete erst etwas Mühe, seiner norddeutschen Schwerfälligkeit einige Antworten und Sätze abzuringen. Aber bei einer guten Zigarre taute er schließlich auf. Ich erfuhr, daß er Kaufmann geworden sei— das waren alle männlichen Mitglieder seiner Familie— und daß sein Leben bisher in den geordneten Bahnen eines wohlerzogenen Hanseaten aus guter Familie verlaufen sei. Und diese Fomilie war natürlich sehr groß,— einen Sonnlag bei den Großeltern, den anderen bei Tante Sophie, den dritten bei Onkel Harro usw. Und mir erschien es als sicher, daß er einmal eine seiner Cousinen heiraten wurde und der ganze Unterschied würde der sein, ob es die Cousine aus der Roeckstraße oder die vom Burgfeld sein würde. Und kaum hatte ich es gedacht, so erwähnte er dies auch schon als Zukunftsaussicht.... „Aber“— und hier sah er mich zaghaft birtend an—„diese Reise, die will ich noch genießen! Es ist das erste Mal, daß ich allein in eine andere Umgebung komme(sonst gehen wir ja immer alle zusammen in unser Familiensommerhaus nach Travemünde) und jetzt muß ich etwas erleben, koste es, was es wolle!" Na, dachte ich bei mir, junger Mann, dieser Wunsch kann erfüllt werden! Am nächsten Tag trommelte ich meine Freunde, unseren ganzen Kreis, zusammen und trug ihnen das Verlangen des jungen Stolterfoth nach einem Erlebnis vor. Ein Jubel folgte meiner Rede; das wird gemacht! hieß es von allen Seiten.„Aber liebe Freunde, dieser Jüngling darf mir keinen Schaden leiden,“ ermahnte ich,„schließlich bin ich meiner Base doch verantwortlich für sein Heil, seelisches wie leibliches!"„Alle versprachen es lachend und bald hatten wir einen herrlichen Plan ausgeheckt. Am Abend schlug ich dem jungen Enno vor, mit mir in eine kleine gemütliche Weinkneipe zu gehen, wo ich eine Anzahl meiner Freunde, vor allem einige Künstler, treffen wollte. Seine Augen leuchteten: ja, das war etwas anderes, als bei ihm daheim, wo sich alles um Getreide, Fische oder Baumwolle drehte und nur einige Ansätze zu dithyrambischem Schwung sich zeigten, wenn das Gespräch auf Importen und den berühmten Lübecker Marzipan kam. Seine kühnsten Erwartungen wurden übertroffen, es herrschte eine ausgelassene Lustigkeit in unserem Kreise. Besonders tat sich ein auch für diesen Abend eingeführter Gast, ein ungarischer Graf(unser Freund, der Tierbildhauer, spielte sseiner Nation ließ er einen dlendenden Witz nach dem andern steigen. Ennos Augen wurden größer und größer; er bemerkte es gar nicht, daß die Anspielungen immer anzüglicher und satirischer wurden, die Stimmung immer geladener und schwüler. Und plötzlich flogen die rungen nur so hin und her, und obwohl er sich gar nicht über den Grund klar war, hatte auch er von dem Grafen eine schwere Pistolenforderung erhalten. Ich brachte den Halbbetäubten nach Haus, er schlief mir fast in den Armer Am nächsten Morgen erkundigte ich mich nach seiner Fertigkeit im Pistolenschießen— das Duell war erst für den darauffolgenden Tag in aller Frühe angesetzt. Ja, da sah es böse aus; noch nie hatte er ein solches Mordinstrument in der Hand gehabt. Nun galt es, wenigstens den einen Tag zu nützen, denn der Graf war ein verteufelt guter Schütze. Auf dem großen Speicher“ meines Hauses machte ich ihm einen Scheibenstand zurecht. Und da stand er nun oben und knallte und hnallte den ganzen Tag Die Sonne brannte auf das Dach und der Schweiß lief ihm in Strömen übers Gesicht Aber er harrte aus. Und am Abend hatte er wenigstens eine Ahnung, wie man mit eine solchen Waffe umging. Am nächsten Morgen weckte ich ihn früh, das Auto stand schon vor der Tür. Ich muß bekennen: seine Fassung gefiel mir! Die Sonne war erst im Aufgehen, als wir vor die Stadt kamen. An einer Wegkreuzung stand ein Mann, der auf einem Cornet à piston schmelzend blies: „Morgenrot, Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod.“ Gegen diese Nuance hatte ich entschieden Widerspruch erhoben; sie war mir zu kraß aufgetragen, hier hätte er den Spaß merken müssen. Aber nein, keine Rede davon; er drückte mir schmerzhaft die Hand und sah mich tief und seelenvoll an. Als wir uns dem Wäldchen, dem Ort der verschiedenen Duelle, näherten, knallten mehrere Schüsse, ein in blutige Tücher gewickelter Gegenstand wurde in ein Auto geschoben, das an uns vorüber zur Stadt raste. Wir stiegen aus, ein zweiter Sekundant gesellte sich zu uns, der Graf mit seinen beiden war schon am Platze. Alles wurde in der üblichen Weise vorbereitet, die Gegner standen sich schußbereit gegenüber, da—— warf der Graf mit einem mächtigen Schwung seine Pistole fort. „Nein“, rief er,„nein, dieses blühende Leben, diese strrrahlenden Augen, sie sollen nicht errrlöschen. Es ist genug Blut geflossen. Jungerrr Mann, verrrzeihen Sie mirrr!“. Und er stürzte auf Enno und wollte dessen Hand ergreifen, die lihm dieser, nachdem er einen zaghaften Blick auf seine Sekundanten geworfen und in ihren Augen Zustimmung gelesen hatte, auch überließ. Nun kam eine laute und stürmische Versöhnung, zustande und der junge Enno stand dabei wie betäubt und ließ alles über sich ergehen. Eini ausgeebiges Frühstück, das bis zum Abend dauerte, beschloß den Tag.— Am nächsten Morgen reiste Enno ab. Sein Wunsch war erfüllt: er hatte etwas erlebt, etwas Großes, etwas Aufregendes, mehr als er je gehofft hatte. Was waren die kleinen Liebesabenteuer seiner Freunde daheim gegen diesen Montblanc! Und wir schwiegen alle— ich hoffe, Sie werden es auch tun— und so nahm er dies herrliche Leben mit hinüber in seig broves trockenes Leben des Sohnes aus guter Familie. der seine Cousine heiratet. Blaun Tierskizze von Waldemar von Bosenstein. Hell steht der Himmel über den in herber Landschaft ragenden Granitselsen. Zwischen und auf ihnen, an unmöglichen Stellen zäh wurzelnd, grüßen schlanke Buchen und ernste Fichten. Tiefe Schwermut breitet sich über diesen Erdenfleck, dessen Winter sieben Monate dauert. Nun aber ist's Frühling. Jäh und stürmend ist er ins Land gekommen. Rauschende Wildbäche führen den geschmolzenen Schnee zu Tal, nun sind die Blumen des Nordlandes, Löwenzahn, Löwenmaul und die märchenzarten Blauglocken aufgeblüht. Hoch im leuchtenden Firmament steht die Heidelerche; jubelnd blingt ihr schlichtes Frühgebet. Bis nahe zür Schneegrenze erklettert der Birkenbusch die Hänge ringsum. Dort kauert mürrisches Knieholz, das nur unwillig sein Reich Moosen und Flechten überläßt, die dem Gebirge den Charakter der Hochtundra verleihen. In einer durch herabstürzende Felsbrocken gebildeten, Höhle deren Eingänge wirres Strauchwerk halb verbirgt, ist die Klause des braunen Waldkönigs. Augenblicklich befindet sich der Herr in übelsehen war, dann ergrif=ihn meisterlich hervor. Mit dem ganzen Feuer ster Laune. Die nächtliche Streife zum Oedbos