SFTLOSSSS 9-*• Sr ar S 2m. O— es war nicht nalt, er spürte die Nässe kaum, die sich in seine Kleider legte, eine frohe Wärme war in ihm. Als er den Friedhof erreichte, schlug es vom Kirchturm sieben. Nun waren sie alle schon fort, die an den Gräbern ihrer Toten stille Feier gehalten hatten, nun war er ganz allein mit seiner Marie, und behutsam zundete er seine Laterne an und ging mit stolpernden Schritten durch die laubfeuchten Gänge, im hängenden Nebel, durch tropfende Nässe, weiter und weiter, bis er vor Karl Matthiesens Grabgitter stand mit dem ragenden Steinkreuz. Daneben lag der kleine Hügel, Maries schmaler, ärmlicher Hügel mit den welknassen Laubkränzen.] Ganz sacht stellte er die Laterne auf die Erdes. Der deutlichste 9 no das Gesäß mit geweihtem Wasser, bückteg—blüste Aphorismen Von Hermann Foerster=Meißen. Nicht zuviel Geschrei nach Fortschritt! Das zeugt vom Segeln auf endloser Oberfläche. Auch die Vergangenheit und das, was von ihr niemals vergehen kann und darf, ist ein Gut, das will erhalten sein. Alles,„was du ererbt von deinen Vätern hast“— erzener Grund soll es sein zum weiteren Aufbauen der Menschheit, kein fremdes, sondern ein blutsverwandtes Zeugungswesen für das aus ihm hervorgegangene Neue. und das Gesäß mit geweihtem Wasser, bückte sich und strich mit leiser Hand über das Grab. „Siehst du, Marie... nun bin ich doch noch gekommen. Hast wohl schon lange gewartet? Aber nun soll auch dein Lichtchen brennen... freut dich das?“ Immerfort flüsterten die Lippen, derweil die zitternden Hände das Licht aus dem Papier wickelten, es an der Laterne anzündeten und auf des toten Weibes Grab zu Häupten aufrichteten, mitten im regennassen Kranzlaub. Da glomm es auf wie eine zarte, goldene Wunderblume, und der Nebel flocht einen Strahlenschleier darum. Das war schon! Und so ganz weltallein und trostreich schimmerte das Flämmchen in all dem Frieden, daß der alte Mann hinnniete, die schwieligen Hände zusammenlegte und zu dem Lichtchen sprach, als wäre es seines Weibes Seele. Heimlich war dieses Flüstern... lautlos.... niemand vernahm es, und als es endete, war das Licht zur Hälfte niedergebrannt. Peter Vahl hob sich mühsam auf, er schwankte und mußte sich an Karl Matthiesens Gitter festhalten.„Siehst du, Marie, seit du fort bist, will es nicht mehr so recht gehen mit mir,“ sagte er und fröstelte. Und dann nahm er das Kesselchen mit dem Weihwasser auf, sprengte seinen Inhalt über den Hugel, ganz andächtig, und murmelte ein segnendes Spruchlein dazu. Es war Zeit heimzugehen.— Eben brummte die Kirchenuhr einen halben Schlag, als Peter Bahl, die Laterne in der Hand, im schwankenden Lichtschein sich von Gitter zu Gitter forttastete, mühselig, mit bleischweren, unwilligen Fußen. Jetzt spürte er auch die Nässe in seinen Kleidern, die ihn frieren machte, und im Kopf sang irgendetwas... rauschte so merkwürdig ... und nahm ihm den Atem. Aber er wollte sich doch noch einmal umsehen, ob das Lichtchen noch brannte.— Ja... da war es... weltfern... ganz verloren und Pans, hlaß blühte es im Dunkel. Peter Vahl #### ihm zu wie im Traum. Wie es jetzt strahlte, größer und größer wurde.— Er mußte immerfort schauen. Wie das glücklich machte und leicht... man müßte darauf zugehen. Und Peter Vahl ging und es war ihm wie ein Schweben über weiche, tragende Wolken in müdem, schlafmüdem Wohlsein. Und dann war es mit einem Male, als legte sich ein Arm sanft um ihn und zöge ihn ... weiter... immer weiter... dem Licht entgegen... bis dieses verlöschte und alles aufhörte. das Denken.. das Gehen.. das Traumen. Leute fanden ihn am Norgen, an einem Gitter zusammengesunken, in der Hand die zersplitterte Laterne und im Antlitz einen Zug kindlich=glücklichen Lauschens, als hörte er nach immer auf eine Stimme, die in seinen Schlaf gesprochen und die ihn heimgerufen hatte zu Allerseelen. Der deutlichste Vertreter der Unbildung ist er Sensationslusterne. Man kleide nur das auf eine Regung des Willens schließende Wort „lüstern“ in ein materielles Bild: ein einziger großer Magen. Nichts weiter. Das Begehrungsvermögen ist so groß, daß darüber alle sonstigen den Menschen charakterisierenden Attribute nur noch als Wegweiser für die Gier dienen. * Warum Kindern und jungen Leuten so manche unschädlichen Träume zerstören— wo sie doch mehr die Seele erfüllen als die rauhe Wirklichkeit? gefaßt, zwei zarte und erschütternde Historien: „Sigbrit Willums Tochter" und„Die Königin von Cypern“, die Lebenstragödien Dyvekes. der Geliebten Christlans von Dänemark, uno Caterina Cornaros, der Gemahlin Philipps von Cypern. Aeußerlich spinnen sich keine Fäden zwischen den Schicksalen beider Frauen, deren edles, leidvolles Menschentum durch Zeiten und Länder von einander geschieden ist. Abe den inneren Einklang ihres Verhängnisses hat Richter mit tiefem psychologischen Verständnis gefunden: ihre Fräuentragik, nur schön zu sein. Beiden hat das Leben die Zügel der Macht geboten, aber es versagte ihnen die Kraft, sie zu halten. Mag die eine eine Fürstin gewesen sein, die andere ein Kind des Volkes, vor dem Schicksal sind sie Schwestern, Menschen, die an der Größe ihrer Berufung zerbrachen. Wie ein schillerndes Mosaik leuchtet die kalte Pracht Venedigs aus dem Hintergrund der CaterinaHistorie, um die Tragödie der kindlichen Dyveke schließen sich die Bilder des nordischen Mittelalters wie ein schwerer, dunkler Rahmen. Der Prophet und sein Ruf Von Friedrich Koch=Wawra. Achmed Belgessem ist der kluge Schriftgelehrte, der an der Ecke der Rue Sidi Mares die kleine Kaffee= und Wahrsagebude betreibt. Hadschi Achmed ist in erster Linie Wahrsager und heißt daher mit Recht Prophet. Aus dem Satz der winzigen Kafeetäßchen, den Achmed Belgessem mit dünnen, durchgeistigten Fingern auf ein eisernes Tablett schuttet und über schwachem Holzkohlenfeuer knistern macht, erkennt er das Wesen aller Dinge, der vergangenen und der zukunftigen. Achmed Belgessem stand sofort zu Diensten, als vorige Woche der Korinthenkaufmann Menlik Sallah zu ihm kam und ihm erzählte, daß er an inneren Schmerzen zugrunde gehe. Er könne weder essen, noch trinken, noch handeln. So sehr sei ihm der Verlust von 150 Sack Korinthen in die Glieder gefahren, der sich durch die Untreue seines Kommissärs Mehmet Halef auf sein armes Haupt entladen habe. „Allah karim, Allah wachalla uzmanlik!“ sogte der Kaffeesieder.„Allah und ich hennen den Ort, an dem Mehmet, der Betrüger, die gestohlene Ware verborgen hält.“ Eine Portion Kaffeesatz ergab weitere, kostbare Fingerzeige. Fiebernd vor verhaltener Aufmerksamkeit studierte Hadschi Belgessem das lustige Springen der seltsamen Körner. „Geh in den Bazar und kauf Hexenpfeffer! Du auskochen. Tauche ein Tuch in den Saft und binde es Dir am Abend um den Kopf! Dann wird Dir ein Traum die Stelle zeigen, an der Mehmet, der Betrüger, Dein Eigentum verborgen hält.“ Der Kaufmann ging. Am nächsten Tag kam er wieder. „Ich bin von einem Stand zum andern gegangen. Im ganzen Bazar haben sie keinen Hexenpfeffer.“ „Sie haben ihn. Sie wollen ihn Dir nicht geben.“ Für gute Worte erklärte sich der Prophet bereit, den Hexenpfeffer aus eigenem Lager zu liefern. „Er kostet 50 Francs.“ „Allah Wachalla, bist Du vom Scheitan besessen?“ „Meinst Du, Hexenpfeffer ist billig? Er kommt fern von Alemannien. Dort machen ihn die Franken in großen Fabriken, die größer sind, als die ganze Stadt Tunis.“ 150 Sack Korinthen sind ein gutes Stück Geld. So gab der Kaufmann mit sichtlichem Widerstreben 5 nagelneue 10=Francsscheine hin. Langsam zog er einen nach dem andern aus der Tasche und weinte innerlich bittere Tränen dabei. Dafür erhielt er eine Tüte Pulver. Zwei Tage und zwei Nächte lag Menlik Sallah unter Hexenpfeffer. Er wusch seine Glieder mit Hexenwasser, und schwer lag der nasse Turban auf seinem Händlerhaupt. Doch kein Licht ging ihm auf.—— „Dein Hexenpfeffer taugt nichts!“ „Die Wirkung war zu schwach. Du mußt eine größere Menge kochen. Nimm das Doppelte! Ich gebe Dir's für 75 Francs.“ „Für 60.“ „Für 65.“ Menlik Sallah wurde in der Tat behext. Erst war’s ihm ganz dunkel und schwarz im Kopf, dann aber ging ihm doch eine Leuchte auf. Ein schwaches Kerzenlicht nur. Das genügte, um zu erkennen, daß Achmed Belgessem ein großer Gauner sei... Da nahm der Korinthenkaufmann einen langen Stock und ging zu dem Schriftgelehrten und schlug damit so lange auf des Propheten Rükken, bis eine Menschenmenge versammelt war. Der Prophet mußte die 115 Francs wieder erallsgeben. Die Leute aber sagten:„Allah hat ihn verlassen. Seit nen Ruf diesem Tag als Prophet hat Achmed Belgessem seiit verloren. Das Spielzeug Gottes. Zwei Historien über ein Thema von Hans Richter. Verlag Ernst Keil's Nachfolger(August Scher!) G. m. b. H., Leipzig, Königstr. 33. Mit 2 Porträts. Ganzleinen Mk. 6.—. Der große Schilderer der Industrie hat mit diesem Werk einen neuen Weg beschritten und gibt, unter dem symbolischen Titel zusammenRätselecke Vexierbild: Nama: Hilf mir dech! Wo bleibst Dut Zahlenrätsel. Obige Zahlen sind so umzustellen, ddss jeche uogererkte u# Sererachte Linie sowne die beiden Diegondten 191S ergeben Rösselsprung: Auflösung aus voriger Nummer: Lassteneithei: Vexierbild: Die Füße liegen auf dem Dach. Verantwortlich: H. Semmelmann, Altena Druck und Verlag: P. A. Santz, Altena. Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung Nr. 43 Samstag, 31. Oktober 1925 ii!“ Der Steinträger Skizze von Otto Fabian. Inmitten geräuschvoller technischer Hilfsmittel, die den Riesenbau wie mit Herkulesfäusten aus dem Boden zu ziehen schienen, bewegte sich ein Mann mit erstaunlicher Ruhe und Sicherheit ider Steinträger. Mittelgroß, nicht übermäßig robust, war alles an ihm Muskel und Sehne. An den heißen Sommertagen schaffte er mit entblößtem Oberkörper. Die Haut hatte den warmen Glanz der Kastanien. Als ich auf ihn aufmerksam geworden war, sah ich ihm häufiger zu. Wie er das Steinbrett auf den Bock legte, die Steine vom Boden langte und mit sicherem Griff türmte, die Hose hin und wieder mit energischer Bewegung durch den Leibriemen hochzog, sich unterm Brett kaum merklich in die Knie gleiten ließ, den Körper aufreckte, mit gestrafftem Nacken und sicheren Schritten die schwere Last spielend die Leitern emportrug: alles das war ein Anblick von seltener Freude. Niemals bemerkte ich, daß der Steinträger mit einem seiner Arbeitskameraden sprach. Darauf sah ich ihn mir näher an. Nein, verbissen und menschenfeindlich war der nicht. Eher lag auf seinen festen Zügen mitunter eine ruhigheitere Gelassenheit, wie sie innerlich ausgeglichenen Menschen oft eigen ist. Einmal— der Bau war schon ein schönes Stück emporgeklettert— hörte ich aus dem Gewirr der Verschalungen eine unwillige Stimme rufen. „Steine! Hoihoo! Steine!!“ Der Steinträger schickte sich gerade an, ein beladenes Brett auf die Schultern zu nehmen. Er zuckte zusammen und warf den Kopf schräg in die Richtung. aus der der Ruf gekommen war. Ein ungläubiges Staunen war auf seinem Gesicht Dann bückte er sich noch einmal, lud noch acht Steine auf die Last und glitt wie eine Katze in die Höhe. An diesem Nachmittag war es mir, als habe der Ruf„Steine!“ seinen Ehrgeiz wachgerüttelt. Nicht eine Minute Ruhe gönnte er sich. Die Kräfte des Mannes schienen unverwüstlich. „So macht der's immer," hörte ich den Polier zu einem Herrn sagen.„Er arbeitet wie ein Pferd. Aber Ansporn verträgt er nicht. Sage ich ihm jetzt noch ein Wort aus dem Wege, wirft er mir sofort das Brett hin und geht zum andern Bau. Wo der hinkommt, kriegt er allemal Arbeit. Passen Sie auf, jetzt ruht er nicht eher, bis er die Maurer mit Steinen zugedeckt hat.“ „Komischer Kerl! Wie ist er denn sonst?“ „Kümmert sich um nichts! Um rein gar nichts! Zwischen Arbeit und Weib und Kind pendelt sein Leben in gleichförmigem tick tack hin und her.“ „Also ein Stumpfgewordener!" „Ein Stumpfgewordener? Nanu! Sehen Sie sich doch den Mann mal näher an! Einer von den Seltenen! Wissen Sie, von den Wortkargen und Arbeitsstolzen!—— He, Witthake, den Motor nachsehen! Störungen!" Weg war er. Die Zahl der Zuschauer am Bau schwoll an. Jeder, der vorüberkam, blieb stehen. Selbst die Hastigen, stets mit der Zeit Geizenden, verhielten unwillkürlich den Schritt. Der Bau zog alle Blicke an. Mehr noch der helle Arbeitsrhy#hmus, der die Freude am sichtbaren Werden eines Werkes weckt. Der Steinträger machte die Worte des Poliers wahr. Achtundvierzig trug seine Muskelkraft Runde um Runde zur Hohe. Bis die Maurer vor Steinen sich kaum noch auf den schmalen Gerüstbrettern zu regen wußten. Mittlerweile hatte eine Kolonne einen Lastkraftwagen entladen. Alles Material war verstaut. Nur ein Heizkessel lag noch feist und rund in der prallen Sonne. Der Steinträger maß ihn mit prüfenden Blicken, so wie zwei unbekannte Ringer sich zum eriten Male muszündete sich stern.„Jupp!“ rief er einem Kameraden vor derselben Zunft zu. Der kam heran. „Pack an!“ „Mensch, den Kerl Schaffen wir das?“ „Verhebi euch nicht:“ warj der Polier dazwischen.„Wartet, ich hol' noch'n paar Mann ran!“ Der Steinträger streifte ihn mit einem Blick, der deutlich zu sagen schien: das wäre bele:digend! Schon war er am Heizkessel! Der andere auch. Dem sprang an seinem Teil noch ein zweiter Arbeiter bei. Der Steinträger spreizte die Beine, daß sie fest im Sande standen, bückte sich, griff mit muskelharten Armen fest zu, streckte den sehnigen Körper, wuchs. Ruck! stand er aufrecht. „Teufelskerl!“ murmelte der Polier lächelnd hinter den dreien her. „Ach Gott, was die armen Menschen doch schuften müssen,“ jammerte eine Frau unter den Zuschauern. Allerseelen Heute kommen meine Toten Aus dem unbekannten Land In den dunklen Schattenbooten An der Liebesküste Strand. Und für eines Tages Dauer Tauchen sie ins Bild der Zeit, Hüllen Liebestraum und Trauer In den Flor der Ewigkeit. Ilse Franke. schrie auf einmal eine helle Pfeife den Feierabend in das fauchende Getöse. Das fröhliche pink—pink der Maurerkellen flog wie ein aufgescheuchter Vogelschwarm davon. Das Quietschen der Flaschenzüge verstummte. Zuletzt hielten die ratternden Baumaschinen wie in tiefem Aufatmen inne. Da hing mit einem Male eine solche Leere in der Luft, daß die Menschen sich fast erschrocken umsahen. Wenige Minuten später verließ der Steinträger den Bau. Leichtfüßig, mit hochgetragenem Kopf auf kraftstrotzendem Nacken und einem merkwürdigen Feierabendlächeln in den Mundwinkeln: ein Sieger! —s•.— Die Madonna des Benozzo Skizze von Georg Paul Lücke. Das war also die berühmte Madonna? Julius Bolke, genannt„Pinseljule", machte es sich in dem einladenden Klubsessel bequem. — Er hatte ja Zeit. Doktor Gschwendi, der Kunsthistoriker und Privatgelehrte, würde vor elf Uhr nicht nach Hause kommen. Der Vortrag von Professor Mühlberger hielt ihn ein paar Stunden fest. Also konnte man sich zunächst einmal der Betrachtung widmen. Benozzo Gozzoli, der Toskaner, 1420 bis 1495, Schüler des Fiesole— von ihm stammten die Fresken in der Madonnenkapelle von Orvieto—, ging es ihm durch den Kopf. Ja, Pinseljule war Kenner, mußte das sein, und es war gar nicht so schwer. Es gab Bücher, in denen man sich jeweils informieren konnte, um die geklauten Bilder mit Kennermiene an den Mann zu bringen. Und Geschmack besaß er, der verluderte Kunstschüler und Anstreicher, zur Genüge, lum sein Handwerk zu betreiben. Diese Madonna?— Ihre Dreißigtausend war sie wert. Schade nur, daß man sie aus dem Rahmen schneiden mußte. Pinseljule schlug die Beine übereinander und Ziagrette an. Allein schon diese Augen! Es war ein Leben darin, flutendes Leben, und der feine Mund lächelte, etwas stereotyp, aber?— Bewegten sich die vollen, roten Lippen nicht? Es war, als wollten sie sprechen.— Dieses Lächeln wirkte automatisch. Pinseljule, der mit allen Wassern Gewaschene, lächelte. Es war wie eine Fratze, dieses Lächeln, ebenso unbeweglich wie das der Madonna. Die Zigarette bekam einen langen, weißen Hals, siel ab, lag wie ein seiner Regen über der schwarzen Weste. Pinseljule war kein gewöhnlicher Einbre. cher, er stahl aus Sport und Kunstinteresse. Er betrieb sein Geschäft in verfeinerter Manier, verkehrte in den besten Lokalen und besorgte seine nächtlichen Arbeiten im Abendanzug. fiel er weniger auf. Als Kavalier konnte er seine Vorbereitungen leichter treffen, und es war nichts Außergewöhnliches, wenn ein angesäuzelter Herr aus besseren Kreisen einmal umständlicher an Tor und Türschlössern hantierte, er brauchte keinen, der Schmiere stand, und konnte sich unauffällig entfernen, die Rolle unter dem Frackmantel. Dieses Fleisch, rosig, wie weicher Sammet, und im Kontrast das tiele Blau des faltigen Stoffes, der die Büste verhüllte, bis auf die eine Stelle, wo... Wie niedlich der kleine, sich schmiegende Knabe mit dem lichten Blondgerock und den tiefen Augen der Mutter. der Schmerzensreichen. Pinseljule empfand plötzlich eine warme Neigung für kleine, blonde Knaben. Du schlug eine Uhr. Er horchte auf, zählte. Zehn Uhr.— Schon?— Er stand auf, suchte nach einem scharfen Gegenstand.— Auf dern Schreibtisch dort?— Da jag nichts.— Vielleicht in der Schublade?— Er zog sie heraus. Ein Browning lag da, geladen, wie er sich überzeugte. Wenn jetzt zemand käme?— Es ging ihm durch den Kopf.— Mit Gewalt sich etwas aneignen, so was tat Pinjeljule nicht, tat kein Kavalier. Aber immerhin, es wäre möglich, daß der andere... also. Er hantierte an der Waffe, entsicherte sie, und legte sie wieder in die Schublade. Unter den Papieren links lag ein Damascener Dolch. Er prüfte die Schärfe, stellte einen Stuhl vor das Bild und trennte mit vier kunstgerechten Schnitten die Leinwand aus dem Rahmen. Wie dunkelste Nacht gähnte die Tapete im goldenen Viereck. Sorgsam mit vorsichtigen Händen vog er das alterszähe Leinen zur Rolle, umband es an zwei Stellen mit einer Schnur, die er der Westentasche entnahm., knüpfte die Knoten. Was war das?— Er zuckte zusammen.— Eine Tür fiel irgendwo mit dumpfem Knall ins Schloß,— langsame, tappende Schritte wurden laut auf der Treppe, Schlüsselgerassel. Mit einem Sprung war Jule an der Türe, drehte das Licht aus, tastete sich hinter einen Wandvorhang, stand regungslos und hielt den Atem an, den Herzschlag zu beruhigen. Schritte im Korridor draußen, die sich entfernten und wieder näher kamen. Ein heller Lichtstreifen fiel durch die sich öffnende Tür, verlor aich wieder. Dann wurde die Stehlampe auf dem Schreibtisch erhellt. Doktor Gschwendi ließ sich in dem Stuhl nieder, beugte sich über die Tischplatte und verbarg den Kopf in den Händen. Pinseljule sah das alles durch den schmalen Vorhangspalt mit wachsender Neugierde. Was machte der da?— Wie kam er überhaupt schon zurück?— Hattc wohl aus irgendeinem Grunde auf den Vortrag verzichtet?— Und er selbst hatte doch neben ihm gestanden. als er die Eintrittskarte beseigte.— Und jetzt? Doktor Gschwendi zog die Schublade auf, entnahm ihr einen Briefbogen.— Es schien ihm, als weile sein Blick wie gebannt auf der Wasse. BSREET C 85 EOSBSEORSSSBBSS: L9S SGSEESSA SÄHSHEBSBHESB 35a52 — 5 8E E SJUSSE B SUEEE E. Saß 5 BE. Gn E 8. Gag 055758 a De Feder glitt mit kratzendem Geräusch über das Papier.— Ein Bogen wurde zerknüllt, ein anderer hervorgeholt.... Negungslos saß Doktr Gsccwenoi, wie überlegend. Dann stand er auf. wandte sich rüchwarts zur Madonna. Ein ähes Erschreuen zerrte in seinen Zügen. Die rechte Hand griff rüchnärts in die Schublade, kramrfte sich!: cherd um den Kolben. An der gegenüberliegden Wand stieg eine Hand auf, wie die eines Riesen, deutlich marhierte sich die Waffe, die sich demn Schatten de: Kortes nöhzrte.424, Sig. K Jetzt?..“. Zwei schwache Stoße des Hahnes gegen die Trommel, Erstaunen,— Murmeln, wie ein unverständticer Fluch.— Und Toktor Gschwendi fiel mit einem tonlosen Lachen in den Stuhl zurück, furr mit der Hans über die Stirn, raffte sich auf im Lntschluß und taumelte zur Tür hinaus. Drautzen fiel die Eingangstür ins Schloß. Julius Bolke trat aus seinem Versteck. Ruhig gemessen ging er zum Schreibtisch, entsaltete den zerknullten Briefbogen. „Sehr geehrter Herr! Unter Bezugnahme auf die heutige Besprechung bedaure ich: Ihrem Angebot nicht näher treten zu können. Unsere langjährige Geschäftsverbindung macht es mir zur Pflicht, Ihnen hierfür eine nähere Aufklärung zu geben. Die Madonna des Benozzo, die ich Ihnen verkaufen wollte, sollte mir aus meiner schwierigen finanziellen Lage einen Ausweg schaffen. Ich kann mich jedoch zu diesem Schritte nicht entschließen, denn heute nachmittag habe ich mich überzeugt, daß das Bild wahrscheinlich.. Hier endete der Brief— Einen Augenblick überlegte Pinseljule. Ein breites Lachen ging über sein Gesicht, es war wie eine seelische Erleichterung in dem. elben.— Als eine Viertelstunde später Toktor Gschwendi mit einem Polizisten zurüchkehrte, begegneren sie wenige Schritte vor der Haustür einem elegant gekleideten jüngeren Herrn, der nicht das richtige Gleichgewicht hatte. Auf dem Schreibtisch im Zimmer lag die herausgeschnittene Madenna mit den tiefen Argen und dem ewigen Lächeln, daneben der geladene Revolver, und unter dem Damascener Dolch ein verschlossenes Briefkuvert. Als Doktor Gschwendi dasselbe geöffnet hatte fand er darin einen Hundertmarkschein und auf einem Bogen die wenigen Zeilen: „Sehr geehrter Herr Doktor! Mit diesem Bilde kann ich nichts anfangen. Dasselbe anbei zurück. Die Patronen habe ich wieder in den Browning gesteckt in der Annahme, daß die kleine Unterstützung, die sie beiliegend finden, es Ihnen erleichtern wird, das hingeworfene Leben wieder aufzunehmen. Vielleicht gelingt es Ihnen einmal, einen„echten" Benozzo zu finden, damit ich dann auf neine Kosten komme...pgl g. Hochachtungsvoll P. J.“ Ein seiner Duft von Cypressen war im Raum und eine blaue Schwade lag in langen Streifen über der Schreibtischlampe. Da raste der Polizist die Treppe hinunter und auf die Straße. Der junge Herr im Frachmantel war verschounden. „Was kur s.“--„ „Na. na, man langsam. Hast Du nein Geld?“ „Seit drei Tagen nicht mehr.“ „Und nu, was machst Du nu, hast nichts gegessen?“ „Vorgestern das letzte Brot.“ Worauf wart'ste nun. Mensch, grad hier, wozu?“ „Weiß ich's, ich warte, daß das Letzte kommt.“ „Kommt höllisch langsam, Kam'rad, wird Dir leid tun. Komm mit!" Horst folgt dem Mann. Es ist ihm gleich, was ist, was wird. Kann es denn schlimmer kommen? Emil gibt ihm eine Zigarette. Der Dichter raucht in kurzen, hastigen Zügen, daß das Herz rast und ihm schwindlig wird. „Halt Dich man senkrecht. Erst wollen wir mal was essen.“ In eine Kellerstampe treten sie ein. Tabaksrauch, Duft billiger Schnäpse, unsaubere Menschen— die Luft ist zum Sticken. Horst ißt, was man ihm reicht. Gestalten wie die seines Begleiters füllen den Raum. Sorg= fältig frisierte Mädchen im Umschlagtuch sitzen dazwischen und rauchen Zigaretten. Der Dichter kennt dieses Bild aus seinen Skizzen, doch Treue Wenn schon alle Vögel schweigen In des Sommers schwülem Drang, Sieht man, Lerche, dich noch steigen Himmelwärts mit frischem Klang. Wenn die Bäume all verzagen Und die Farben rings verblühn, Tannbaum, deine Kronen ragen Aus der Oede ewiggrün. Darum halt nur fest die Treue, Wird die Welt auch alt und bang. Brich den Frühling an aufs neue, Wunder tut ein rechter Klang. Eichendorff. Das Werden Skizze von Joh. von Kunowski. Kalter Regen in der Novembernacht. An der Ecke steht Horst, der Dichter. Tief die Hände in den Taschen des dürftigen Sommerüberziehers, steht er teilnahmslos im Winkel der Häuser und stiert in die Nacht. In ihm wühlt Hunger, und die Verzweiflung eines verlorenen Lebens hämmert im Hirn. Angelockt von den Lichtern der Großstaol, kam er hierher. Brach alle Brücken ab, der Familie zum Trotz, und wurde einsam; so einsam wie er jetzt stand im fallenden Regen. Nach Hause gehen? Da sah er das wütende Gesicht der unbezahlten Wirtin, da grüßten höhnisch die nackten Wände der kalten Kammer, und auf dem Tisch seiner Arbeit häuften sich die Blätter seines Mißerfolges.— Horst schauderte. Mit gewisser Wollust des Schmerzes fühlte er die nasse Kälte immer mehr zu seinem Körper drängen. Immer lauter forderte der leere Magen Brot. Und er stand im Norden der Stadt, auf das Wunder wartend, unter zugigem Toroogen im Regen der Novembernacht.— Da kam Emil, der Dieb. Hände in den Taschen, Zigarette im Mundwinkel, schief die Ballonmütze im Nacken, schiebt er heran. Breitbeinig steht er vor dem Dichter, seine Augen stieren den Frierenden an. „Wirst Dich hier erkälten, wenn Du noch Uncge stehtt: deren Wirklichkeit ward ihm erst heute, und er fand, daß nichts von jener Poesie hierüber lag, wie er es seinen Bildern zu geben pflegte. „Nun erzähle, Mensch, was los ist, vielleicht hätt' ich also was für Dich, mein Junge,“ sagte der Dieb. Aus kleinem Gläschen trinkt Horst Schnaps in kurzen Schlucken und erzählt dem Fremden, der ihn speiste, sein Leben. Aufmerksam hörte der ihm zu. Etwas wie Achtung verschwindet von dessen Zügen und maccht überlegenem Spott Platz, als er von des Dichters letzten Wochen erfährt. „Ganz schon, ganz schön, aber glaubst Du noch immer, daß Du so was wirst?“ „Ich muß,“ ist des Dichters einzige Antwort, und das Feuer seiner Anfangstage leuchtet aus seinen Augen. „Nun will ich Dir mal was erzählen,“ sagt da der andere. Ganz dicht rückt er heran, seine Hand ihm auf die Stuhllehne. Zeigt ihm, im Flüstertone, ein Leben des Nichtstuns und des doch Verdienens, deutet ihm die Mädchen, denen er nur zu winken braucht. Schenkt ihm Schnaps ein und verspricht ihm Sekt. Nur ablassen sollte er von seinem Tun, sollte werden wie er; gerad so einen wie ihn, mit Bildung, brauchte er zu seinem Handwerk. Gemeinsam würden sie bald nicht nur hier die ersten sein, nein, auch in ganz anderen Kreisen würden sie heimisch werden.— Der Dichter sitzt und hört. Der Alkohol hämmert in seinen Schläfen. Locken sieht er die Bilder des andern. Sein Fleisch sehnt sich nach den Mädchen, sein satter Magen krümmt sich, wenn er an das morgen wieder einsetzende Hungern denkt. Noch einmal sieht er die kalte Kammer, sieht die keisende Wirtin, sieht auf dem Schreibtisch die Manuskripte und unter ihnen den Roman, den ersten,„Das Werden“ „Das Werden"! Horst stutzt. Schwer lastet das Ringsum auf ihm. Verstört blickt er auf. Fuselatem des Versuchers steht dicht vor seinem Gesicht. Und er— hier, hort dessen Reden, schwankt ob—— Auf steht da der Junge. „Ich kann nicht, hier, meinen Mantel da, machen Sie sich bezahlt für Ihre Mühen“— draußen steht er in der Nacht. Es hörte auf zu regnen. Warm durch das Genossene, eilt Horst der Kammer zu.„Ich muß" hämmert sein Hirn und sieht klar wieder den Weg, den er gehen muß, um zu werden. Vorbei an der Küche geht er zur Kammer. Flacherndes Streichholz zündet die Kerze. Ein Brief. da auf dem Schreibtisch. Horst reißt den Umschlag auf. Wieder Enttäuschung? Nein!„Wir sind bereit, Ihren Roman„Das Werden“ zu erwerben, und bieten Ihnen." Der Dichter schwankt, sinkt auf das Bett. Das war sein„Werden“. —2— Der Verbi. der Eine Geschehnis aus der Lünevurger Heide. Von J. v. Stach. Die Heide stand in Blüte; ich hatte mein Quartier in Müden aufgeschlagen und suchte bald die Schnuckenherde der Gemeinde am Wietzer Berge auf. Der alte Schäfer Märtens rief die schönsten Tiere nacheinander heran. Nur der bei weitem stärkste Bock hielt sich scheu abseits und auf meine Frage nach ihm runzelte Märtens die Stirn:„Der Verbrecher, ach. den lassen Sie nur ein für allemal zufrieden; das ist ein Satan!" Sein Ton war so schroff, daß ich nicht weiter in ihn drang. Einige Tage später besuchte ich ihn wieder. Er lag strickend unter eeinem mächtigen Wacholder;„Wetter", sein Hund, hielt neben ihm Wacht, die Herde, ziemlich weit auseinandergezogen beim Weiden, war zwischen mir und ihm.. Mi4 L, Tumte Gierig umdrängten mich die Schnucken, das gebotene Salz aus meinen Händen leckend. und plötzlich sah ich auch den„Verbrecher“ auf mich zutrollen. Sein machtiges Gehörn rollte sich in doppelten Schneckenwindungen um seine schwarzen Ohren, die spitzen Enden scharf nach außen gebogen. Wenige Meter vor mir senkte er plötzlich den Kopf und stürmte in so wildem Angriff auf, mich zu, daß ich nur wenig Zeit hatte, beiseite und hinter einen breiten Wacholder zu springen. Zweimal noch trieb er mich von einer Seite des Busches auf die andere in zornigem Ungestüm. bis mich „Wetter“ heranjagend von ihm befreite. Der seinem Hund eiligst folgende Schäfer ließ mich scharf an:„Ich hab' Ihnen doch gesagt, den Verbrecher zufrieden zu lassen! Was nun. wenn Wetter und ich nicht schnell zugegen paren— d u 1 War ich auch über den plorlichen Angriff erschrocken, für eine wirkliche Gefahr soh ich ihn doch nicht an und sprach das auch aus. „Sie unterschätzen die Kraft, die solch ein Tier im Genick hat. Zudem, wenn er Sie niedergestoßen hat, trampelt er auch noch auf Ihnen ’rum; ich kenne das tückische Vieh!— Da bleibt kein Knochen ganz, sag ich Ihnen. Man sollte ihn abschlachten. aber er ist in seiner Kraft zu wertvoll als Zuchtbock,“ belehrte mich der Schäfer. Ja, das konnte ich wohl verstehen, mein Interesse an der Herde war noch gewachsen. mehrfach suchte ich sie auf und ward gut Freund mit Vater Märtens und seinem treuen„Wetter“.— Der nächste Sommer fand mich wieder in Müden, aber wie erschrak ich, als Märtens mir, verfallen und ganz zum Greise geworden, entgegentrat.„Meine Frau ist mir gestorben; ich wollt' nur, sie hätte mich gleich mitgenommen.“ sagte er traurig. Jeden Trost wehrte er müde ab.— Dann sah ich mich nach dem Verbrecher um. „Wetter hält ihn in Ordnung, ich selbst kann's nicht mehr, es ist mir gleich, ich hab nur noch den einen Wunsch: bald neben meiner Frau schlafen zu dürfen.“ So gebrochen klang es, daß ich mich ernstlich um den Alten sorgte.—... Eine Woche lang sah ich ihn nicht, vas herrliche Wilsede hielt mich fest. Aber gleich am Morgen nach meiner Rückkehr wanderte ich. in Begleitung des Försters, zum Wietzer Berge hinaus.— Betroffen hörten wir schon von weitem das laute Blöken der Herde und Wetters Geheul aus dem Schlafkoben dringen. „Da ist was nicht in Ordnung: Märtens treibt sonst immer um fünf Uhr früh aus," sagte der Förster erregt. Beim Oeffnen des Stalles drängten die hungrigen Schnucken stürmisch an uns vorüber ins Freie; Wetter schlich uns mit eingekniffenem Schweif winselnd entgegen und zerrte den Förster am Rock an die gegenüber liegende Stallwand.— Da lag der Schäfer, lang ausgestreckt auf dem Gesicht. Wir trugen ihn ins Freie und sahen sofort, daß sein Tod schon vor Stunden eingetreten sein mußte; durch Blutsturz, wie wir zuerst glaubten. Als wir ihm aber das Blut abwischten und das Hemd herunterzogen, schrien wir vor Schreck laut auf. Kopf und Oberkörper waren entsetzlich zugerichtet. die Rippen zerbrochen, die Brust eingedrückt und ganz mit blutunterlaufenen Beulen bedeckt. „Um Gotteswillen, er ist ermordet worden.“ stammelte ich „Ja, aber der gute Alte war doch niemandes Feind,“ sagte ratlos der Förster. Wir leuchteten den Stall ab nach irgendwelchen Spuren, fanden aber nichts, bis wir, hinter zusammengeschobenen Raufen, sich etwas regen sahen, und näher kommend, am starken Gehörn den alten Bock erkannten.— Aber wie sah das Tier aus! Kopf und Vließ waren ganz von geronnenem Blut bedeckt; es machte einen schwachen Versuch, auf die Beine zu kommen, doch sofort fiel Wetter wütend darüber her und verbiß sich so in das röchelnde Tier, daß wir ihn kaum davon lösen konnten. Mit einem Schlage war uns da klar, was sich hier abgespielt hatte. Der Bock mußte, wie früher schon einmal, den Hirten von ruckwärts angefallen haben. Wahrscheinlich hatte gleich der erste Stoß dem an der Stallwand Stehenden den Brustkorb eingedrückt und den tödlichen Blutsturz herbeigeführt. Dann hatte das wütende Tier sein Opfer weiter mit Kopf und Füßen so schrecklich zugerichtet, bis der dazukommende„Wetter“ seinen Herrn rächte und den Bock seinerseits niederriß. Der Förster nickte das halbtote Tier ab, wozu sollte es sich noch weiter quälen. So war der„Verbrecher" nun wirklich zu einem solchen, war an seinem Herrn zum Mörder geworden. Aber er hatte ihm dadurch seinen Wunsch erküllt. bald neben seiner Frau auf dem kleinen Friedhof Müdens schlafen zu dürfen. Das gab dem grausigen Geschehen etwas Versöhnendes. —2— Stingles Geste Skizze von Heinz Lorenz=Berlin. „The Single!“ Kein Mensch, der das an den Berliner Litfaßsäulen mit dem Untertitel„Der König der Musical Excentrics" las, vermutete hinter Mr. Single einen Mann, der ehemals als junger Reiteroffizier eine jener Dummheiten beging, die zwar im milden Lichte der Jetztzeit keine sind, damals aber genügten. einen Familienrat einzuberufen, der über den Sündenbock zur Reinhaltung des Adelspaniers den Stab brach mit dem Heilruf: Amerika! Der Sündenbock hieß Gert von Lenneck und seine Dummheit war Hasard!— Als Gert im schlichtesten Zivil von dem Senior der Familie fünfhundert gute Friedensmark und das Billett zur Ueberfahrt in Empfang genommen hatte, machte er eine stramme Kehrtwendung, um geraden Wegs... Doch halt! Im würdeduftenden Korridor des Ahnenschlosses begegnete er Ilse, der ebenfalls zu dem großen Tag erschienenen Cousine. Da blieb Gert stehen und sagte:„Tja, Ilse, das is nu man so...“ Und machte eine Geste— eine rührende, hilflose Bewegung, die in der Schulter entstand, um im Handgelenk und in den Fingerspitzen zu enden— eine Geste, die nur er hatte, die ihn bekannt und beliebt gemacht hatte. Auch bei Ilse. Aber ehe diese noch liebevollen Trost geben konnte, öffnete sich eine Tür, und die schneidige Stimme Vetter Egons(vierter Grad, ebenfalls zu dem Ereignis befohlen) ertönte:„Na, das is' ja jetzt woll vorbei. Du gehörst zur Familie, Ilse!" Und zu Gert gewendet:„Ich wunsche dir, daß du drüben mit deiner— mit deiner Geste ebensolchen Erfolg hast wie hier!" Gert unterdrückte das Wort„Flegel!“ machte abermals stramm Kehrt, um erst wieder im Land der unbegrenzten Möglichkeiten Front zu machen. Und zwar energisch. Indem er sich von einem Zirkus als Cowboyreiter engagieren ließ. Er brach das Bein. Dann brach der Krieg aus, den Gert als geeignet zur Wiederherstellung seiner Ehre ansah. Er kam mit dem letzten Dampfer nach Deutschland, wurde großmütig einem Linienregiment mit hoher Hausnummer verschrieben, ging an die Front, focht wacker, bis er von einer Mine erst in die Luft dann unter die Erde befördert wurde. Als er wieder ausgebuddelt war, duftete ihm Whisky entgegen und eine breite Sammystimme gurgelte:„Halloo voy, for hou the war is over!“. Fatum, dachte Gert, lernte in amerikanischer Gefangenschaft Schippen. Gummikauen, Boxen, Klarinette, Jonglieren und wieder Schippen. Bei Kriegsende verzichtete er auf Austausch, blieb unter dem Sternenbanner und entschloß sich, dem Geschick abermals Trotz und Mutterwitz entgegenzustellen. „Trübsal und Sklaverei will mir das Leben bieten, ich aber werde ihm Hörner aufsetzen und einen lustigen Ziegenbock daraus machen,“ sagte er. Er erinnerte sich, wie er als Zirkusreiter den Clowns Tricks gegeben, mittels deren sie ihre Gage himmelhoch verbesserten. Warum sollte ich nicht selbst.... dachte er. blond war wie ein Aehrenfeld und elegant wie die Illustration in einem Modeblatt.„Er ist die Folie— das Deckblatt des Lebens, ich sein Kern,“ sagte sich Gert und sprach mit Sven. Sven redete von Wagner, Grieg und Verdi. Gert sagte:„Sehr gut, sehr schön! Aber vergiß nicht Zigarrenkiste, Gießkanne und Kaffeemühle! Das eine ist unser täglich Brot, dies aber macht uns zu Millionären!“ Sie kamen heraus: Single and Partner! Und als sie heraus waren, fuhren sechs Herren ein Dutzend Autos zuschanden, um sie managen zu dürfen. Single and Partner— Das war bald die Nummer in sämtlichen Varietes der Vereinigten Staaten.„Wollen Sie lachen?"— „Haben Sie Single gesehen?“—„Kennen Sie singles Geste? Also so aus der Schulter sehen Sie... nein, ich bring's nicht fertig. Gehen Sie hin!"— Die jungen Snobs am East River versuchten stundenlang vor dem Spiege! Singles Geste.— Ein Bankier, der sich hatte erschießen wollen, am Abend zuvor aber noch Singles Lebensparodie gesehen hatte, sagte:„Er ist mein Lebensretter. Wäre es nicht gar zu absurd, ich würde mich kleiden wie Single...“ Nirgends wird ein Trick schneller kopiert als bei Einbrechern, in der Politik und beim Variete. Aber Singles Trick war unnachahmlich. Aus Ob jeder Freude seh' ich schweben Den Geier bald, der sie bedroht; Was ich geliebt, gesucht im Leben, Es ist verloren oder tot. Fort riß der Tod in seinem Grimme Von meinem Glück die letzte Spur; Das Menschenherz hat keine Stimme Im finstern Rate der Natur. Ich will nicht länger töricht haschen Nach trüber Fluten hellem Schaum, Hab' aus den Augen mir gewaschen Mit Tränen scharf den letzten Traum. Nikolaus Lenau. Sein Programm fiel in das Chaos menschlicher Trübsal wie eine Rakete blitzender Einfälle und schillernden Humors.— Nach dem nüchternen London kam das skeptische Berlin. Singles Kopf. Singles Name leuchteten von allen Anschlagsäulen. Sein Sieg war vollkommen. Sogar die mißlich=süßliche Kritik, die sich sonst nur mit Kunst abgab, fand einmal andere Töne. Nur ein Blatt fand es „geschmacklos, in einer derart ernsten Zeit einen solchen Blödsinn" usw. Worauf die Gegenzeitung schrieb: Auf etwas mehr Blödsinn komme es nicht an, jedenfalls habe Single in seinem Handgelenk mehr Witz als Dutzende Politiker zusammen in ihren Köpfen. Wie dem sei— Single gefiel den Berlinern und ihm gefiel Berin.„ In der funften Woche(er war zweimal prolongiert) ereilte ihn sein Geschick. Es wurde ihm ein Fragment aus seiner Jugend in den Weg geworfen. Sie standen im Ankleideraum— Single und sein Partner Sven. Der Inspizient rief:„In zehn Minuten Ihre Nummer!“, Single antwortete„Right!", nahm Zigarrenkiste, Gießkanne und Kafseemühle— sein Arbeitsgerät. Sven stimmte noch einmal Geige und Cello. Vorhang auf! Sven präludierte meisterlich. Aber Single erscheint, der große Komodiant, der mit seinem Kummergesicht jede Kummerfalte in eine lachende verkehrt. Warum immer in die Wolken sehen? Schaut dahinter, da ist die Sonne doch! Das ist sein Motiv. Ins Groteske getrieben. Ueber Tausende geht die Erlösung. Von dem„Einzigen": spruht ein Funke aus, der alle hinreißt. Dabei ist er so rührend hilflos unglücklich, wie sie alle da unten dem Leben gegenüber. Der Haß der Objekte plagt ihn auf Schritt und Tritt. Ständig bittet sein Gesicht um Verzeihung. Er musiziert— vielmehr er möchte! Aber seine Instrumente bleiben überall kleben: an den Tanden, am Kopf, an der Luft, überall.— Er möchte Sven gern begleiten zur Stretta, zu Peer Gynt, zum Preislied... Was nann er dazu, daß es jedesmal ein und derselbe Shimmy wird!? Was kann er dazu, daß man ihm die Klarinette mit Maikäfern verstopf: hat, daß ihm immer bei demselben Takt die Hände zu zucken beginnen und er songlieren mitß, ob er will oder nicht!? Tücke des Objekts— der seiner Geste. Singles Geste! Man lacht. krümmt sich vor Lachen. O köstlicher Single! Unübertrefflicher Meister! Yorik?— ein tümper gegen dich!..nt Der Vorhang fällt. Ein dußenomm erscheint Single noch, abermals kommt die Geste, die ihm Abend für Abend tausend Mark einbringt. Das sagt er dem Kulissendienst, der bereit steht. ihm die Instrumente abzunehmen:„Lernen Sie eine gute Geste u. Sie bändigen das Leben da mit!“. Und jeden Abend ist es dasselbe: Er drückt dem Mann eine Zehnmarknote in die Hand, der murmelt danke, sieht Single mit eigenartigen Blicken an und will eine Geschichte erzählen:„Ich hatte mal einen...“, die Single mit einem„Schon gut!“ abschneidet, um rasch im Garderobenraum zu verschwinden. Hier erhält er an diesem Abend eine Karte, die ihn stutzig macht. Er steht sinnend. die Hände schützend vor den Augen. Er sieht duftende Wiesen, dunkle Wölder, ein Schloß. eine lichte Gestalt und viel Sonne. Dann reißt er die Kleider herunter und ist in wenigen Minuten ein Mensch gediegener Vornehmheit. „Entschuldige mich heut' abend, Sven. Eine Verabredung...“ Sven brummt:„Statt der Maikäfer müssen wir einen anderen Trick haben. Jedesmal hat mein Frackhemd Tupfen. Da sieh!" Aber Single sieht die Tupfen nicht auf Svens Hemd, er ist schon hinausgeeilt und sieht vor sich viel bunte Farben, zumeist Gold. Etwas in ihm ist aufgebrochen— heiß, mächtig. Und als er in einer Nische des?#aterkasinos einen blonden Kopf sieht, da i lgißt er zehn Jahre und aus ihm stürmt's:„Ilse..!“ Das schlanke Mädchen schreckt hoch.„Gert! Also doch! Ich habe dich doch erkannt.... deine— deine Bewegung hat dich verraten.“ „Nicht verraten— ein Wegweiser war sie dir!“ —1..— Das Allerseelenlicht Von Eise Arnhem. Stunde um Stunde hatte die kleine Uhr in Peter Vahls engem Krankenstüdchen eilig tickend durchlaufen, Stunde um Stunde, wenn der große Zeiger auf die behübige Zwölf rückte, hatte sie gewissenhaft angeschlagen:„Es ist drei... vier... es ist fünf Uhr. Peter.“ Ter Kranke schlief... schlief mit fiebrigastigen Atemzügen, das bärtige, spitzgewordene Gesicht zwischen hochgetürmlen Kissen, die welken, knochigen Hände auf der Decke, Hände, die ein Leben lang gearbeitet hatten und nun krank und müde geworden waren. Als nun die Dunkelheit in die Stube schlich und alle Gegenstände verwischte, kam die Nachbarin und die knarrende Tür weckte den Schläfer. Er wandte den Kopf um und blinzelte in das Licht, das seinen Augen wehtat. „Ich bringe die Suppe,“ sagte die Frau und rückte einen Schemel mit dem dampfenden Gefäß an sein Bett. Er mochte nichts essen... nein... schon lange nicht mehr, aber er wollte wissen, was für ein Tag heute sei. „Allerseelen“, sagte die Nachbarin, und wie sie dieses eine Wort in die Stille des kleinen Raumes hineinsprach, stand es darin wie ein Hauch, wie ein zitterndes Lichtlein und war etwas ungemein Zartes und Weihevolles. „Allerseelen...?“ Peter Vahl schloß die Augen und der erste Gedanke, der zu ihm kam, war wie ein Erschrecken.„Nun hat die Marie ihr Lichtlein doch nicht bekommen, ihr Lichtchen, das in der Kommode lag neben dem Weihwasserkesselchen und das auf ihrem Hügel brennen sollte, zum ersten Mal...“ Der Kranke richtete sich auf... unruhig.. „Was ist, Peter?— Wollt Ihr etwas?“ fragte die Frau und griff stützend unter das Kopfkissen. Er verneinte, als hätte er sich besonnen. „Wie spät ist es, Nachbarin?“ „Sechs Uhr?“ war die Antwort. Und nach einer Weile:„Braucht Ihr mich noch?“ Der Kranke dankte und lehnte sich müde zurück. „Alsdann gute Nacht, Peter.— Soll ich das Licht brennen lassen?“. Er nickte.— Und die Frau ging. „Das Licht“ dachte Peter Vahl,„sie soll ihr Licht haben, die Marie!“. Und da war mit einen Male ein großer Wille in ihm und eine Kraft, die er seit langem nicht gefühlt hatte, und es war fest wie ein Traum, daß er aufstand, sich langsam ankleidete im hin= und herzuchenden Kerzengeflacker, an die Kommode ging u. das Lichtchen suchte und das Kesselchen mit dem Weihwasser. Und dann war es ein seltSuchte sich einen Partner, den er in einem ver=lfinsteren Mächte— des Ichs! Er bittet um srachten schwedischen Kapellwreister fand, der Entschuldigung wortlos zir mit einer Geste