Sinntgrüche Von Ludwig Blümcke. Zu keiner Reise trifft der Mensch so ungern Vorbereitungen wie zu seiner letzten und größten, in die Ewigkeit. Und doch kommt so viel, darauf an, daß er wohlgerüstet ist. Du fluchst dem Schicksal wegen deiner vielen Mißerfolge, und deine kurzsichtigen Augen erkennen nicht, daß fast alle nur Folgeerscheinungen verkehrten Handelns sind. Oft ist, was wir für Scham halten, nur Eitelkeit, die etwas Unschönes vor den Leuten verhöllen mächte. * Friederike begad sich ins Haus zurück. Dies letzten Worte des Mannes klangen in ihrem Junern nach.„Sie werden ohnehin schon den Namen gehört haben...“ Nein, diesem ManNicht seine Taten allein eines Menschen Wert oder deren Beweggründe. entscheiden über Unwert, sondern Neid und Mörder. Eisersucht zeugten den ersten die Pferde an, in munterem Galopp ging es dahin, und näher und näher stiegen schon die von Rothau in der Mondnacht auf. Da aber stellte sich auch richtig schon das Abenteuer ein, unliebsam, freilich nicht in Gestalt von Rebellen und bösen Menschen, sondern in Gestalt eines Radbruches. Ein Ruck, ein Krachen— die stolze Karosse hilflos auf Nein, der Schaden konnte nicht so ohne weine konnte sie nicht Ja darauf antworten. In lihrem Innern aber schrie es plötzlich wild auf. Wohl hatte diese Frau in ihrem Leben schon eine Rolle gespielt, freilich nicht als Frau von Türckheim, sondern da sie noch ihren Mädchennamen Lili Schönemann trug. Stunden, Tage wurden lebendig in der Seele des Mädchens, Wochen, Monde bitterer Qual. Damals, ja damals hatte sie die reiche Bankierstochter beneidet, als diese sich die Braut dessen hatte nennen dürfen, dem Friederike nur als Geliebte gegolten hatte. Urplötzlich stand dies alles vor ihr, dies, was wirklich gewesen, und all das andere, das sie in der Sehnsucht ihrer verlorenen Liebe in jenen Tagen erlebt hatte. Und Verse fielen ihr ein, die sie wohl kannte, die er für jene gesungen, nachdem er sie vergessen hatte. Weg ist alles, was du liebtest, Weg, warum du dich betrübtest... Hatte das nicht ihr gegolten, hatte er damit nicht ihr endgültig den Abschied gegeben in jenem Gedichte, in dem er der neuen Liebe und dem neuen Leben an Lilis Seite huldigte? Lili Schönemann— und doch, hatte nicht auch diese der Liebe tiefstes Leid erfahren müssen? Weg, du Traum! So gold du bist! Das hatte jener gegolten... So sann das Mädchen. Und aus den trüben Tagen wanderten seine Gedanken weiter, weideres in der Nacht gut gemacht werden, dalter zurück in die einst gewesene glückliche Zeit. mußte man sich schon auf eine Uebernachtung Und alles stieg noch einmal auf, und auch die im Dorfe gefaßt machen. Er wisse eine Pension, meinte der Kutscher, die freilich nicht für vorübergehende Gäste eingerichtet sei, in der die gnädige Frau Baronin aber besser aufgehoben sein werde, als im Gasthof. Und es gab wirklich keinen anderen Ausweg. So ließ man denn die Pferde den leeren Wagen mit Mühe und Not ins Dorf ziehen und stand bald vor das der Kutscher bezeichnet hatte. Mit Rufen und Klopfer verschaffte der sich Gehör, und bald erschien eine mädchenhafte Gestalt in der Tür und gab sich als die Pensionsinhaberin zu erkennen. O ja, erklärte sie, sie wolle die vom Mißgeschick verfolgte Dame gerne beherbergen. Dankbar nahm diese an und trat ins Haus, froh, für den Rest der Nacht zur Ruhe zu kommen. Sie wurde von ihrer Gastgeberin in ein Zimmerchen des ersten Stockwerks geführt, dase im Geschmacke der damaligen Zeit nett und behaglich eingerichtet war. „Es ist nicht viel Bequemlichkeit. gnädige Frau, die wir Ihnen bieten können,“ sagte das Mädchen,„aber ich hoffe, daß Sie diese eine Nacht gut ruhen.“ Die Fremde wehrte leise ab, und jetzt erst konnte sie ihrer Gastgeberin bei vollem Lichte ins Gesicht sehen. Ein Blick lächelte ihr freundlich entgegen, der Offenheit und Güte schien, aus dem sie, die Menschenkennerin, aber doch auch schon im ersten Augenblicke jene gewisse Ergebung herausfühlte, die als Spur erlittenen Leides im Auge zurückbleibt. Anmutig von Gestalt und Zügen waren dem ganzen Wesen schon die Jahre aufgeprägt. „Aber der gute Schlaf wird mir schon nicht sehlen,“ sagte sie dann,„ich habe einen ordentlich anstrengenden Tag hinter mir, und hier bei Ihnen ist es doch so traulich." s: „Ja, meine Schwester und ich— wir leben hier nämlich zusammen— haben getrachtet, es uns so gut als möglich einzurichten,“ antwortete das Mädchen und wollte sich, gute Nacht sagend, zum Gehen wenden. Da aber hatte die Fremde noch eine Frage: „Darf ich wissen, bei wem ich hier zu Gaste bin?“ „Mein Name ist Friederike Brion,“ antworlete das Mädchen mit einfachen Worten und ging. Die Baronin hatte ihren Namen nicht genannt— vorsichtig, liebte man es in diesen Tagen in adeligen Kreisen nicht, sich Fremden gegenüber ohne Notwendigkeit zu erkennen zu gebden. Friederike begab sich in den Hof, wo sie dem Kutscher eine Unterkunft für die Pferde verschaffte. Der Mann war hochglücklich, daß er seine Herrin in guter Hut wußte, er konnte sich keine Rechenschaft darüber geben, aber er fühlte es, daß er für die Baronin gut gesorgt hatte, und so scheute er sich denn auch nicht, der Gastgeberin ganz von selbst den Namen seiner Herrin zu nennen. „Es ist die Frau Baronin Lili von Türckheim aus Straßburg," flüsterte er Friederike geheimnis= und bedeutungsvoll zu, bedeutungsvoll, weil er sich wohl bewußt war, wieviel der Baron von Türckheim und seine Frau in der Straßburger Gesellschaft galten. „Sie werden ohnehin den Namen schon geer hah.— Und alles stieg noch einmal auf, und auch die Frage kam wieder, die in den leidvollen Tagen so oft gestellte: Warum...? Nein, sie hatte nie mit Bitterkeit diese Frage getan, am wenigsten heute, da sie auch der anderen Frau Schicksal maß... Und auch Frau von Türckheim kam an dierasch zur Ruhe, als sie gedacht hatte. Als Friederike ihren Namen gegannt, hatte, da huschte wohl unmerklich eine Rore üder die Wangen der schönen Frau. Sicher und unbefangen aber, wie sie im Leben geworden war, wußte sie ihr Erstaunen zu verbergen. Auch sie war sich wohl bewußt, was ihre heutige Gastgeberin im Leben dessen bedeutet hatte, von dem sie einer Göttin gleich geliebt und verehrt war. Sie wußte aber auch, was sie sowohl als auch Friederike ihm gewesen waren, und ihre feinen Gefühle waren abgeklärt genug, um neid= und leidlos das Vergangene zu überschauen. Nie hätte sie geahnt, daß sie der je gegenüberstehen würde, der jenes jugendseligste Maiglück gegolten, daß eine stille Nacht des beginnenden Herbstes sie beide unter einem Dache vereinigen würde. Auch vor ihrem inneren Blicke zogen vergangenes Leid und vergangenes Glück vorbei, und mit einem Gefühle staunender Friedsamkeit ging die verstehende Frau an diesem Abend in die Nachtruhe ein.. In dem bescheidenen Hause aber, in dem die beiden unsterblichen Frauen einander begegnet, war in jener Nacht der Geist des Großen zu Gaste, dem ihr Sinnen galt. Und er war es, der ihnen aus der wehmütigen Milde des Herbstwindes das Bewußtsein zuflüsterte, daß ihr Glück und ihr Leid nicht als im Frühlingswind verwehte Blüten gestrandet. Schon wußte damals, wenn der Name Goethe fiel, eine ganze unser. Hätten sie, die beiden, die da Wand an Wand atmeten, nicht verstehen sollen: er mußte über uns empor den Weg zur Belt gehen:— 668 84 . Früh am Morgen schon war man zur Weiterfahrt bereit. Friederike erwartete die Baronin bereits, als diese aus ihrem Zimmer kam, Gilgen bes g#puren geweinter Tränen aus en des Fädchens zu ersehen. Nur kurze herzliche Avschieosworte wechselten die Frauen. Als aber dann die Baronin schon im Wagen saß— rings lag heller Morgensonnenschein sher. ssn, con gelbgefärbten Rebengeländen— Hand undi noch einmal die sprach mehr mit ihrem Blicke als mit den Lippen ein leises Wort: Schwester... auch schon die Zernt Haus und ihren jeihem schrit Friederike zu indessen dag rase ggewählten Pflichten zu, lnbessen das rusche Gefährt die sinnende Frau dem prunkvollen Hause ihres Gatten und ihren Kindern entgegenführte. Feiertag auf dem Lande Am Sonntag vormittag gehen die Dorfbewohner zur Kirche. Dieser Zug echter Religiosität findet sich im protestantischen Norden gerade so wie im katholischen Süden. Keine Entfernung, kein Wetter kann die erwachsenen Glieder der Familie abhalten, gemeinsam zur Kirche zu wal=— ven, und die Kinder schließen sich meist an. Die Ezegramme Von Dr. Albert Hüneberg. „Man soll nur Gutes von den Toten reden" Die schönste Pflicht fällt schwer bei manchem E, lohe so— dieg rat:ch#i..: Daanmn, Er lebe so— dies rat ich einem jeden—, Daß man von ihm nur Gutes sprechen kann!“ Brandstifter, Volkshetzer gehören zusammen— Erst schüren sie emsig das Feuerlein, Um dann, wenn mächtig lodern die Flammen, Am laut'sten nach Wasser zum Löschen zu schreiin! Da heut' schon der Jüngste in Deutschland Im Plauchon an br..: schimpft, Im Glauben, es könnt' etwas nützen, Kommt's bald, daß einer die Nase rümpft, Bevor er versteht, sie zu putzen! besuch wurzelt tief in unserem Volke. Im engsten Zusammenhang hiermit steht die Tatsache, daß die meisten Gemeinden ihr Gotteshaus haben, zu dem auch der Aermste freudig beigesteuert hat. Aus dem religiösen Sinn entspringt auch die Achtung, die man vor dem Geistlichen hat, der vielerorts nicht nur als Berater in religiösen Dingen, sondern auch in weltlichen Angelegenheiten angegangen wird. Im protestantischen Norden findet sich fast in jedem Hause eine Bibel, aus der der Hausvater oder die Mutter am Sonntage vorzulesen nflegen. In vielen Gegenden, besonders in Mitteldeutschland, erhält das Brautpaar bei der Trauung vom Geistlichen eine Bibel oder ein sangbuch, das ebenfalls in keinem Hause fehlt. „Wo keine Bibel ist im Haus, da sieht's gar öd und traurig aus,“ beginnt ein altes volkstümliches Lied. Der Sonntagnachmittag wird geradeso wie der Feierabend bald in der Familie, bald der Geselligkeit gewidmet. Jenes überwiegt in Nord= und Westdeutschland, dieses in Oberdeutschland. Während der Städter am Sonntag mit den Seinen hinaus in die freie Natur geh., setzt sich der Landmann auf die Bank am Hause. Um ihn herum sitzen oder spielen die Kinder. denen er Geschichten oder Märchen erzählt, wie er sie selbst in seiner Jugend vernommen hat. Diese Freude am Erzählen und Zuhören, die schon den alten Germanen die Stunden der Erholung gekürzt hat, ist noch heute in unserem Volke nicht erstorben. Neben den Märc#en und Ortssagen, die der Vater oder die Mutter erzählt, wird nicht selten auch von den geschichrlichen Ereignissen berichtet, zumal wenn der V# ter viel in der Welt herumgekommen ist oder gar einen Krieg mitgemacht hat. In solchen Feierstunden macht sich auch die Neigung zu Musik und Gesang geltend. Wir finden sie in Süd= und Mitteldeutschland ungleich mehr ausgeprägt als in Norddeutschland. Wer nur irgend kann, läßt dort seinem musikalischen Drang freien Lauf. In den Alpen wie auf den freien Höhen des deutschen Mittelgebirges hört man in solchen Feierstunden frischen Gesang und nicht selten auch das Spiel der Zither, der Flöte und der Ziehharmonika. Diese Freude am harmonischen Tone, der des Gemütes Fröhlichkeit erhöht, hat die Bewohner des Erzgebirges, des Thüringer Waldes, des Harzes und anderer Gegenden zu Vogelstellern gemacht: nur selten finden wir hier ein Haus, aus dem nicht die Stimme eines gefangenen Waldsängers einem entgegenschlägt. Schach: Schwarz ziehf! Nomuss der weisse Konig stehen wenn Weiss in drei Zügen malt machen soll! Auflösungen aus voriger Nummer: Rösselsprung: Wein perz Scmüdt nid mit dir wiEn Geund uit un demue tchmten. gieh ihm Sies, und ehnn uic a be banhe Nacht mntrch. an uwener ir#us Srchadt, unnn Dundil de amsirte Und uur, nenn ihr dir Ceung lacht. Jeos, wnd de Schiuns in 5o, Jalch ie Kinder schließen sich meist an. Die Truck und Verlag: P. A. Santz, Altena. Heitighaltung des Sonntags durch den Kirchen= Verantwortlich: H. Semmelmann, Altena. Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung Nr. 32 Samstag, 15. Tod des Peier Haller Skizze von Georg Paul Lücke. In die Stille singt der Herbstwind sein Lied. Zaghaft nur blinkt zuweilen ein Stern und verschwindet. Wolken wandern unaufhörlich ihren Weg in die Weite, schwarze Wolken mit silbernem Rand, Gespenster der Nacht. Berge?— Hochgetürmte Riesengestalten?— Nein, die stehen nicht hier in der nordischen Erbene. Täuschung nur ist es, Fiebergebilde. Die standen in der Kindheit einmal. und die Sonne prallte gegen schimmernde Eiswände, und Licht war überall. —, wie hieß Se 19•25 willen, nur Ruhe halten, daß er den Atem nicht dem allgemeinen Gespött preisgäben. Denn „E ließ sich, nicht, beirren. Das Mondlichtlund Verwahrlosung so geworden, dadurch, daß Ein kleines Bergdorf damals es doch? Der müde Kopf vermag nur schwer zu denden. Doch gestern nannten es die Kameraden. Sochkirch nannten sie es. Merkwürdig.— Nun lag er hier und mußte zehl sterben. Auf des braune Holzkreuz wurten sie ein paar Worte nur setzen: „Peter Haller.— Geb. zu Hochkirch.— Gef. bei Hochkirch am 14. Okt. 1758.“ Eine harte Stimme brach sich Bahn, stand wie ein Fels im Raum. Und wieder. „Halloh!— Wer rief da?—“ Und der Alte beugte sich über sein Opfer. legte kalte knöcherne Finger auf die Brust des Steibenden: Merkwürdig, und war doch garnicht dasselbe. Schon krampfte wieder die kalte Hand da hinten im Genick, saß der Vampyrdruck auf der todwunden Brust. Die Nacht kam, die große, schwarze Nacht. Damals, als er nach des Vaters Tode die Heimat verlassen, die Verge. die sprudelnden Bäche, die gletscherklaren S#en, ein Waisenknabe, der diese Heimat haßte und in die Welt wanderte, ohne zu fragen, warum und wohin, damals ja, da glaubte er an das Leben. Einem Soldatentroß hatte er sich angeschlossen, kreuz und quer durch deutsches Land. Eine alte Grenadiermütze hatten sie auf den jugendtollen Kopf gestülpt, dem Soldatenjungen. Hatte die Rosse gestrählt und gestriegelt, dem Herrn Leutnant die Stulpstiefel geputzt, und manche besorgte Frauenhand war über den lockigen Knabenkopf geglitten. Einer Mutter Hand nie! Wünsche, Pläne, Hoffnungen trug er in jugendlich=dämmernder Seele, doch— das Leben blieb ihm die Erfüllung schuldig. Er war gewachsen. Die Berglernatur in ihm streckte die kräftigen Glieder, dehnte die Brust. So wurde der Appenzeller Hüterbub ein preußischer Gardist. Nun aber war das Buch ohne Inhalt zu Ende. Der Tod kam, der Tod! Wieder die ekle Welle von Blutdunst und fauligem Brandgeruch, die der Wind herübertrug. Es war, als schliche etwas dahinten herum, tappte leise, knirschte im Feld. Menschliche Bestien, die den Totenacker suchen, ihrer Gier zu fröhnen?— Ein Fieberschauer rann durch seinen Leib, schüttelndes Grauen zwang die Kehle: „Vater!— unser— der du— bist———“ Ein gellender Notruf über das Brachfeld hin. War er das selbst, war das ein anderer?— Regungslos lag der Gardist, nur die Augen irrten und suchten.— Ein mattschimmerndes Oval im Osten. Mochte der Mond wohl sein und— da oben stand einer, ein scharf gezeichneter Schatten gegen das flimmernde Licht, stand ein kleiner Mann, ganz nahe schon auf dem Hügel.— Schlich heran im Bogen, wie tastend, gekrümmt. Hinten wippte der kurze Zopf auf dem Rücken. Stand wieder, forschte über das Heer der Toten hin, das zu seinen Füßen lagerte. Ein paar Schritte noch.— Hatte er den Ruf vernommen, suchte sein Opfer?— Regungslos lag Peter Haller, der Gardist. Jetzt nur nicht zucken, nicht rühren.— Wie tot! Und doch umsonst.— Näher schlich der im engeren Zirkel. Die rechte Hand sondierte den Boden mit dem Stock. „Was ist, mein Sohn?— Du riefst nach deinem Pater. Ich— will dir Vater sein in dieser Stunde. Komm', wir wollen beten.“ Ein Erkennen war in den brechenden Augen, ein röchelndes Schluchzen drang aus wunder Brust: Ja, ich— glaube an das Leben!“ geir Lächeln blieb in den Zügen des toten peier Haller, ein Kinderlächeln der Erfüllung sehnsüchtiger Lebenswünsche,— und auch die anderen alle, die schlafenden Helden, schienen dem Gebet ihres Königs zu lauschen. so schmähliche Weise gefangen hielten und erniedrigten, seien gesehrte Männer in Amt und Der Hirt bläst seine Weise, Von sern ein Schuß noch fällt, Die Wälder rauschen leise Und Ströme tief im Feld. Nur hinter jenem Hügel Noch spielt der Abendschein— O hätt' ich, hätt' ich Flügel, Zu fliegen da hinein! Eichendorff. Skizze von H. Steinitzer. In der sogenannten guten alten Zeit war einmal ein Räuber verurteilt worden. Da er gar so verstockt war und keinerlei Reue zeigte, sollte er mit glühenden Zangen zu Tode gezwickt oder sonst auf eine gräßliche Weise ums Leben gebracht werden. Der König aber, der das Urteil hätte bestätigen müssen, befand sich gerade außer Landes auf Brautschau, und so wurde der Räuber bis zu seiner Rückkunft einstweilen im Stadtturm verwahrt. Zur Verschärfung der Strafe und jedermann zum warnenden Beispiel hatte man ihn in einem mit De dicken Gitterstäben versehenen, nur wenig über der Erde gesegenen Gemache eingesperrt, so daß er von allen, die des Weges kamen. gesehen werden konnte. Seine Füße und Hände waren mit schweren Ketten gefesselt; damit klirrte er aufs schauerlichste, wenn die Leute zu ihm hineinstarrten und sich an seiner ohnmächtigen Wut belustigten. Besonders die Schulkinde; hatten ihre Freude an dem gefangenen Räuber und seinem wilden Aussehen und versäumten niemals, auf dem Weg zur Schule und nach Hause einige Minuten vor dem Gitter stehen zu bleiben. Sie riefen nek„Komm heraus! Komm heraus!" und wollten sich halbtot lachen, wenn der Räuber die Fäuste ballte und sie mit bösen, unflätigen Worten verwünschte. In seinen Augen war setwas, das immer von neuem reizte, ihn zu verhöhnen Ein einziges unter den Kindern, ein kleiner, etwa achtjähriger Junge, sah niemals hin und ging still und mit abgewandten Blicken vorSein Vater hatte ihm erzählt, daß der Räuber wohl ein verruchter und gefährlicher Mann wäre, aber noch verruchter wären die ohl ein verruchter und Jetzt nur Ruhe halten können, um Gottes=die einen Menschen so zur Schau stellten und Würden, von denen man verlangen könnte, daß sie das Recht, das sie zu verwalten hätten, mit Billigkeit und milder Einsicht handhobten. nen aus der Welt zu schaffen, mit der er nicht in Frieden leben wollte, wäre eine traurige tigung. aus ihm aber einen Gegenstand der öffentlichen Lustbarkeit zu machen, sei ein Verbrechen, über das Gott wohl einmal zu Gericht sitzen würde. kleine Junge hörte aufmerksam zu, was der Vater ihm sagte.und ohne zu wissen warum. schämte er sich im tiefsten Herzen für den gefangenen Räuber. Und um alles in der Welt hätte er ihn in seiner Hilflosigkeit. Schmach Erniedrigung nicht ansehen mögen. Aber gerade durch diese anscheinende Verachtung eines Kindes, das er, wenn er frei gewesen wäre, mit eines Fingers Kraft hätte umbringen können, wurde die Wut des Räubers aufs äußerste erregt. Er schäumte vor Zorn und Bosheit. wenn er es nur von ferne erblickte, und überhäufte es mit den gräulichsten Schinpfwarten, von denen der kleine Junge Freilich nichts horte und die er, wenn er sie gehört hätte, nicht für sich bestimmt gehalten haben würde. Da geschah es einmal, daß er auf dem Heimwege von der Schule, von einem plötzlichen, unwiderstehlichen Verlangen ergriffen, doch hinsah. Es war nur ein kurzer Blick, mit dem er den gefangenen Räuber streifte, aber er genügte, um seine Seele von Grund aus zu erschüttern. Die Velt schien ihm mit einem Male dunkel und lichtlos und von einer trüben, lastenden Schwere erfüllt, und dadurch verwirrt und geängstigt, brach er in einen Strom bitterer Tränen aus. Noch immer heftig weinend, trat er ins Haus und gestand, um den Grund seines Kummers befragt, mit stockender Stimme, was geschehen Der Vater zog ihn an sich und strich ihm liebreich über das Haar, versuchte aber keineswegs, ihn zu trösten. Er sagte ihm, daß er die Folgen seines Fürwitzes nun tragen müsse. Er habe in das dunkle Leidensantlitz der Welt geblickt, und nimmer würde sie ihm wieder so erscheinen, wie er sie vordem gesehen habe. Er selber könne ihm nicht helfen, denn niemand vermöchte zu begreifen, woher das Uebel und der Schmerz in die Welt gekommen seien, und nur, wer das gegriffen hätte, könnte aus vollem Herzen und ganzer Seele glücklich sein GLezungeachtet brauche er nicht zu verzagen. Irgendwo würde uns wohl ein Begreifen gegeben werden, wenn auch nicht auf dieser Erde Daher gelte es hienieden, sich zu bescheiden und danach zu streben, niemanden, sei es Mensch Tier oder Sache, wehe zu tun, um die Uebel nicht zu vermehren. So sprach der Vater, und allmählich versieg. ten die Tränen des kleinen Jungen. Er sagte nichts, stellte auch keine Fragen und setzte sich still an seine Arbeit. Von diesem Tage an blickte er jedesmal beim Vorübergehen nach dem Gitterkäfig des gefangenen Räubers. Es war ihm, als ob er das tun müßte, obwohl niemand war, der es ihm geheißen hätte. Das Bild, das er so in sich aufnahm, stand tagsüber im Hintergrunde seiner Seele, was er auch sonst tun mochte. Er erstickte das Lachen, das nach Kinderart ihn zuweilen überkommen wollte, und er verstand jetzt, was der Vater gemeint hatte, als er sagte: niemand könne wieder von Herzen froh werbaß der in das Leidensantlitz der Velt geblich Unterdessen war der König mit einer Könilain in sein Reich zurückgekomnmnen. Da din asug OgäS S S.a 8.588 SESEESE SSAEOSSLSSSgugSSngoßgagn Spp#SghEENL 8898 50 ExER S 85SRS9 LaB POSEE SBBSESBSEEESSEBSSNSRSOSSESS SEEESSSSSBSTSHGSE SAREEE“ EE.ARSBASSEE UehnS EMSSSssemsaggBP%S SEES 9. S. S9SEDSE SOSSTS PEESLERSPS SBUEESS SGGDESUG EEEULCSNCMUDS GREZSSE Er Kmm Königin so jung und schön war, war er beständig in guter Laune, und als man ihm das Urteil gegen den Räuber zur Bestätigung vorlegte, änderte er es dahin ab, daß der Gefangene nicht eines harten, grausamen Todes sterben sollte, sondern mit dem Schwert zu richten wäre. Auch sollte ihm ein Wunsch, sofern er billig und auszuführen wäre, vor seinem Ende erfüllt werden. Man eröffnete dem Räuber unverweilt, was die Gnade des Königs ihm gewähre. Er verlangte aber nicht, wie zu erwarten stand, ein reichliches Essen oder eine Kanne guten Weines, sondern begehrte, daß am Abend, bevor er sterben sollte, der kleine Junge zu ihm gebracht und bei ihm allein gelassen würde. Er bezeichnete den Knaben so genau, daß ein Zweisel, wen er gemeint habe, nicht möglich war. Die Amtspersonen schüttelten die Köpfe und berieten lange hin und her, begaben sich aber endlich doch zu dem Vater des Jungen, um ihn von dem sonderbaren Wunsche des Räubers zu unterrichten. Der Vater rief den Jungen, erklärte ihm mit kurzen Worten, worum es sich handle, und stellte ihm frei, gleich als wäre er ein erwachsener Mensch, zu tun, was er für das Richtige halte. Worauf jener ohne Besinnen antwortete, er sei bereit, dem Begehren des Räubers zu willfahren. So wurde er denn an einem Abende zu dem Verurteilten geführt, den man mittlerweile in ein anderes Gefängnis gebracht und sorglich fest an die Wand angekettet hatte, damit dem Kinde von ihm kein Leid geschähe. Der kleine Junge blieb mit heftig klopfendem Herzen und niedergeschlagenen Augen an der Tür stehen. Er hob sie erst, als ihn der Räuber mit schrecklicher Stimme fragte, ob er Angst vor ihm habe. Da sah er ihn lange an, machte eine verneinende Bewegung, trat dann auf ihn zu, legte die Hände auf seine Schultern und küßte ihn auf das verwahrloste, borstige Gesicht. Der Räuber rührte sich nicht, und so standen sie eine Weile. Dann sagte der Räuber in rauhem Tone:„Nun geh' nur wieder und denk' morgen an mich, wenn sie mir den Kopf abschlagen.“ Der Junge konnte nicht sprechen, aber er nickte, klopfte an die Eisentüre zum Zeichen, daß man ihm öffne, und wurde wieder nach Hause geführt. Er sprach nicht über das, was ihm begegnet war, und auf Geheiß des Vaters durfte keine Frage an ihn gestellt werden.— Am nächsten Morgen wurde der Räuber auf offenem Marktplatze gerichtet, wie es in damaliger Zeit Sitte war. Er blieb verstockt und unreumütig bis zum Ende, wies auch den liebevollen Zuspruch des Geistlichen finster zurück, sodaß manche unter den Zuschauern meinten. die Milde des Königs, die ihn zum leichten Tode durch das Schwert begnadigte, sei übel angebracht gewesen. Als ihn der Scharfrichter niederknien hieß, um den tödlichen Streich zu empfangen, rührte er sich nicht und blickte über ihn hinweg, als sähe er etwas, das ihn sonderlich getrösten mußte. Denn ein Ausdruck wie von Stolz legte sich zu aller Verwunderung über sein häßliches Räubergesicht. Er schien sogar zu lächeln, bis ihn der Stoß eines der Henkerknechte in die Knie warf——— Ein Traum Skizze von Fr. Frankel. Da hörte er im Frr schon die Frauenstimme verhandeln mit seinem alten Diener. Er dürfe den Herrn nicht stören, sagte der Alte. Ueberhaupt nicht— und heute schon gar nicht. Der Herr Professor stecke so tief in der Arbeit, daß er noch nicht einmal sein Mittagsmahl eingenommen habe. Der Professor ging die Treppe hinab und forderte die Besucherin zum Nähertreten auf. Im Studierzimmer saßen sie sich gegenüber. „Ich halte Sie nicht sehr lange auf, Herr Professor. Mein Zug fährt in einer Stunde. Ich bin auf der Durchreise. Ich machte den Umweg in Ihre Stadt, um Ihnen zu sagen, daß meine Freundin Charlotte Hagen vor einigen Monaten Witwe geworden ist.“ „Charlotte ist frei?“ sagte der Professor und in seiner Stimme war das Beben einer tiefen seelischen Erregung. „Sie wohnt seit zwei Monaten mit ihren Kindern Jürgen und Friedrike bei mir. Sie weiß, daß ich Sie aufsuchen werde.“ „Darf ich dieses Wissen, darf ich Ihren Besuch so deuten, daß Charlotte mich nicht vergessen hat, daß Charlotte mir ihre Neigung bewahrte?“ Die Dame neigte zustimmend das Haupt u. lächelte ein wenig. „Ihre Auffassung ist die richtige, Herr Professor. Charlotte erwartet, daß Sie ihr schreiben und ihr mitteilen, was Sie ihr zu sagen haben.“— Das Grab einer Mutter Von Franz Alfred Muth. Tritt sacht, mein Kind, o nahe sacht, die Blume knicke nicht dein Schritt ein Mutterherz in Grabesnacht liegt hier, das lebt' und litt. Ach tote Mutter, nicht erweckt mein Fuß, mein Wort, dein treues Herz; ach Mutter, Erde tief dich deckt, und ich hab nichts als Schmerz! Du schlummerst fest: da horch, ein Schlag aus süßer Nachtigallenbrust! Woher, woher es kommen mag, daß sie dein Grab gewußt? Es war zu einer späten Nachmittagsstunde, alo der Professor Swantenius in seinem Arbeitszimner am Schreibtisch saß und schrieb. Manchmal ließ er für Minuten die Feder ruhen, stützte den Kopf in die Hand und blickte sinnend vor sich hin. Um ihn war die wunderbare, völlig ungestörte Stille, die seinen Nerven Lebensbedingung war, u. die er zu seinem geistigen Schaffen brauchte. Ein weiter Garten, zum Teil vom Professor eigenhändig bepflanzt mit jenen Pflanzen einheimischer und fremder Art, deren Studium für seine wissenschaftliche Arbeiten von Nutzen war, trennte das Haus von der Straße, so daß es dalag wie in vollkommener Einsamkeit, behütet vor jedem äußeren Lärm. Wie eine Insel des Friedens umgab der Arbeitsraum und dieses Haus mit seinem Gartenpark den schreibenden Forscher, der sich mühte, an den Riegeln zu rütteln, die die letzten Erkenntnisse vor dem spürenden Menschengeist noch verbergen. Plötzlich weiteten sich die Augen des Professors in einem ungläubigen Staunen. Den Gartenweg hinab kan eine Darte und ging direkt auf das Haus zu. „Ist es möglich?“, dachte der Prosessor.„Valerie von Schacht kommt zu mir?" Er stand auf und öffnete die Tür seines ArBeilarmmerg. Es war dem Professor nicht möglich, an seinem Manuskript weiter zu arbeiten, als Frau von Schacht ihn verlassen hatte. Den Diener, der ihm das versäumte Mittagessen bringen wollte, schickte er in den Keller, eine Flasche alten, starken Weines zu holen. Das Essen ließ er unberührt. Aber die Flasche trank er ganz leer und dachte dabei an die Frau, die er vor sieben Jahren so aufrichtig geliebt, als er sie in einem Kurort kennen gelernt hatte. Zwischen ihnen stand trennend der kränkelnde, launische Mann Charlottens. Sie hatte nicht das Herz, den Kranken zu verlassen oder sich von ihm scheiden zu lassen. Als der Professor und sie von einander Abschied nahmen, waren sie schmerzerfüllt, weil es keinen Trost zu geben schien. Jedem war es, als hätte er mit dem anderen das Wertvollste fortgegeben, was das Leben für ihn besaß. Nun hatte der Tod Charlotte freigemacht. Im Hause Frau von Schachts wartete sie mit den Kindern auf seinen Brief. Er trank den Rest des Weines aus, nahm Briefbogen und begann, mit seiner dünnen, regelmäßigen Gelehrtenschrift darauf zu schreiben: Geliebte Fraul ... Sie saßen auf der Glasveranda des Hauses und nahmen ihr Morgenfrühstück ein. Der Professor war zwar, kaum daß die Sonne am Himmel strahlte, schon aufgestanden und hatte sich in sein Arbeitszimmer gesetzt. Es galt eine wichtige, wissenschaftliche Arbeit, die verschiedene„Laien und Fachleute blendende Behauptungen und angebliche Forschungsresultate eines ausländischen Gelehrten als Humbug entlarven und der ernsten wissenschaftlichen Arbeit, die der neue Prophet glaubte umgehen zu können, zu ihrem Recht verhelfen sollte. Aber kaum hatte er eine halbe Stunde an seinem Schreibtisch gesessen, kaum hatte er sich ein wenig in die schwierige Materie vertieft, da war seine Frau Charlotte eingetreten. Wie eine junge Rose sah sie aus in ihrem rosafarbenen Morgengewande, mit dem hellen, glitzernden Haar und den Wangen, auf denen noch die he's: Röte des Schlummers zu liegen lschten. „Du wirst mit uns frühstüichen, Robert, nicht wahr? Du weißt doch, wir haben Gäste. Valerie und ihr Bruder könnten es als eine Beleidigung auffassen, wenn der Hausherr sie nicht begrüßt und die Mahlzeiten mit ihnen einnimmt.“ „Meine gute Charlotte,“ antwortete der Professor,„ich bin zwei Wochen lang zu jeder Mahl zeit gekommen, ich habe Deine Gäste durch alle sehenswerten und nicht sehenswerten Stätten unserer Stadt geschleift. Ich habe mich ihnen gewidmet, weil ich dachte, ihr Aufenthalt ist ein vorübergehender. Aber sie machen keine Anstalten, abzureisen. Ich kann um Deiner Vergnügungen willen meine Arbeit nicht liegen lassen. Du hast zu oft Besuch. Heute nimmst Du einen Verwandten auf, morgen eine Freundin. Es fehlt nicht viel, und mein Haus gleicht einem Gasthaus. Ich habe von Dir mehr Rücksicht auf meine Gewohnheiten, auf die Bedingungen erhofft, die ich zu meinem Studium gebrauche.“ „Und ich von Dir mehr Anteilnahme, mehr Liebe. Ich habe nichts von meiner Jugend gehabt. Erst wurden die Kinder geboren. Dann erkrankte mein Mann. Du hast es selbst gesehen, daß mein Leben nur für seinen Dienst, und seine Pflege da war. Jetzt soll ich mich weiter einsperren, soll die letzten Jahre meiner Jugend auch noch vertrauern? Du liebst mich nicht. Sonst würdest Du selbst dafür sorgen, daß die Rechte, die ich noch an das Leben habe, nicht verkümmern.. „Natürlich liebe ich Dich, Charlotte. Aber sieh doch endlich einmal ein, daß die Arbeit des Mannes auch ihre Rechte hat und diese gebieterisch fordert. Ich muß meinen Posten behaupten in der Fachliteratur und in der Gelehrtenwelt. Es handelt sich nicht allein um das Ideelle, auch um das Materielle. Unser Haushalt, das Dasein, das Du führst, die Kosten, die die Kinder verursachen, verschlucken viel Geld. Aber meine Einnahmen sind zurückgegangen.“ „Sage es nur heraus, daß ich Dir eine Fessel bin Daß Du bereust, mich geheiratet zu haben.“ Frau Charlotte brach in ein krampfhaftes Weinen aus, das sich mit hysterischen Schreien zu mischen begann. Die Tür des Zimmers flog auf. Die kleine Friedrike stürzte herein, Balerie von Schacht folgte. „Meine süße Mama,“ weinte das Kind und liebkoste die Mutter.„Hat man Dir Böses getan?“ „Lassen Sie uns zum Frühstück gehen, Herr Professor!“, sagte Valerie von Schacht. Als Charlotte und Friedrike, noch immer keise schluchzend, vorausgegangen, flüsterte Valerie dem Professor zu:„Sie müssen Rücksicht nehmen auf Charlottens Zustand, lieber Freund. Solche Szenen und Aufregungen, die sich leider täglich wiederholen, können dem werdenden Kinde schaden.“ Nun saßen sie alle, scheinbar friedlich, am Frühstückstisch. Nur Jürgen, Charlottens 12jähriger Sohn, fehlte noch. Eben kam er aus dem Garten gesprungen. Er legte eine Handvoll ausgerissener Pflanzen lachend auf den Tisch. Der Professor fuhr hochrot vor Zorn auf. „Bist Du an meine Pflanzenbeete gegangen, Junge? Wie oft habe ich es Dir verboten. Meine wichtigsten Pflanzen hast Du mir ausgerissen. Sie sind unersetzlich. Ich könnte Dich ohrfeigen.. Er hob die Hand. Der Junge kroch schreiend unter den Tisch. Er zerrte an dem Tischtuch und riß es herab. Dann schrie er laut auf. Blutend kam er hervor. Ein Frühstücksmesser war ihm in den Arm gedrungen. Charlotte nahm das Kind in ihre Arme und sah ihren Mann böse und zornfunkelnd an... An der Türe des Arbeitszimmers pochte es. Der Professor fuhr empor. Der alte Diener stand auf der Schwelle und sagte:„Entschuldigen Herr Professor. Herr Professor sind die ganze Nacht nicht zur Ruhe gegangen.“ Der Gelehrte sah sich um. Die Morgensonne stand hellstrahlend im Zimmer. Auf dem Schreibtisch stand die geleerte Flasche Wein. Daneben lag der angefangene Brief an die Witwe Charlotte Hagen. „Es war ein Traum!“, sagte der Professor. „Ein Warnungstraum! Ein schrecklicher Zukunftstraum. Aber im Traum ist oftmals Wahrheit. Aehnlich würde sich unser Leben gestalten. Sie würde nicht glücklich sein— u. ich auch nicht.. Er nahm den angefangenen Brief, riß ihn in kleine Fetzen und gab seine weißen, davonflatternden Stückchen den Mor####winden der Weite preis. Kinder am Weg Skizzen von Walter Schweter=Darmstadt. An einem trüben Dezemberabend gehe ich wieder einmal planlos durch die Straßen. Da trippelt plötzlich ein Junge still neben mir her. Ich beachte ihn kaum. Hinter der nächsten Laterne sehe ich an seinem Schatten, daß er ein langes, breites Ding hin= und herschlenkert. Da schaue ich zu dem stummen Begleiter hinab. Der hebt nun sein mageres Gesicht zu mir empor und fragt hastig:„Gell, es is doch noch kei Sechs?“ Als ich es verneine, kommt's befriedigt zurüch:„Da bin ich froh. Um sechs macht er ja K „Des manht er zu?“ „Ei, sein Lade.“ Ich soll doch die Schuh hintrage. Drei Mark krieg ich dafor.“ Jetzt weiß ich, was das Bürschlein soll. Bis an den Laden will ich mit gehen. Manchmal mache ich dem Buben zu große Schritte. Das setzt er sich in Trab, bis ich wieder langsam schreite. Er erzählt mir von seinem Schwesterchen, das gestern den ersten Zahn bekrmmen habe und nachts so viel schreie, und dann von der Schule. Wir biegen um die Ecke und sind in der halbdunklen Klostergasse und dann vor der alten, ausgetretenen Steintreppe, die in den ech erleuchteten Trödlerladen führt. Der Knirps zieht sein Käppchen und verschwindet hinter dem Gebimmel der kleinen Türschelle. Ich gehe auf dem holperigen Pflaster weiter, kehre aber nach einiger Zeit um und stehe wieder an dem voll alten Gerümpels steckenden Schaufenster. Zwischen einem graugrünen Rock und einem schäbigen Pappkoffer hindurch kann ich zur Not eine alte Frau erkennen, die vor dem Buben sitzt und schwatzend die Stiefel hinund herwendet. Anscheinend sind die beiden noch nicht handelseinig geworden. Zögernd gehe ich noch ein Stück die Straße hinab, lauschend, ob sich nicht wieder die verrostete Schelle hören läßt. Da bimmelt es von neuem, und als ich an der kleinen Treppe bin, steht das Bürschlein mit hängendem Kopf vor mir. Es sieht mich nicht und starrt nur immer auf ein Geldstück in der schmalen Hand. Als es mich gewahr wird, streckt sich mir der Kinderarm entgegen, und in den Fingern ein einzig Markstück. „Mehr net.“ schluchzt es erbärmlich. Da nehme ich den unglücklichen Buben bei der Hand und suche ihn zu trösten. „Mit drei Mark könnte dein Mutterle auch net viel anfangen,“ sage ich.„Die Hauptsache ist, daß dein Vater bald wieder Arbeit hat. Ist er denn krank?“ „Nein,“ erwidert ruhiger geworden der Kleine. „Warum bekommt er denn keine Arbeit?“ „Ich weiß net.“ „Was macht er denn jetzt?“ „Malen tut er!“ „Malen?“ fragte ich überrascht.„Was malt er denn?“ Alles!“ entgegnet zuversichtlich der Junge. Da bin ich neugierig. „Verkauft er die Bilder?“ „O ja, wollen Sie auch eins?“ „Vielleicht.“ Ich will sie mir mal ansehen.“ Der Malersbub führt mich durch die hellen, verkehrsreichen Straßen, dann durch kleinere und immer kleinere, bis wir nach einer halben Stunde vor einem dunklen Torbogen stehen. „Hier nein!“ ruft mein Freund und läuft flink voraus. Der Schall unserer Tritte klingt von den grauen Wänden wieder. Vor mir öffnet sich knarrend eine Tür und in dem dahinter liegenden finsteren Flur wartet das Kind, bis ich wieder bei ihm stehe. „Obacht, da geht's steil nauf!“ höre ich. Ein muffiger Duft, der sich beengend auf meine Brust legt, quillt mir entgegen. Zögernd taste ich mich an dem wackligen Geländer, das bei jedem Griff nachgibt, in die Höhe. Dann bleibe ich horchend stehen. Der Führer scheint mir weit voraus zu sein. Da kriecht ein schwacher Lichtschimmer über die alte Treppe und zeigt mir den Weg. Ein enger Gang wird sichtbar, und an seinem Ende steht, eine Küchenlampe hoch emporhebend, ein junges Weib und schaut prüfend auf den Eindringling. „Unser Franz hat mir gesagt, Sie wollten sich die Bilder einmal ansehen, spricht müde die Frau.„Ich will vorangehen. Bitte kommen Sie!“ Nun bin ich in der Küche. In dem schmalen Raum ist's sauberer, als ich nach seiner Umgebung vermutet. Ein heller Schrank mit bleinen, weißen Vorhängen, der blankgescheuerte Farbkasten liegen und zwei Stühle füllen ihn. beinahe ganz aus. Es riecht nach Brathartofsein und Kaffee. An der Tür zur Nebenkammer steht der Mann und nimmt die Lampe. Wir sind im Schlafzimmer. Zwei lackierte Bettstellen mit rot und weiß gestreiften Decken stehen an den schiefen Dachwänden. In dem kleineren schläft das Schwesterchen, von dem mir der Bub erzählt hat. Der grelle Schein der Lampe huscht über das kleine, weiße Gesicht. Ueber den Betten hängen die von dem Mann gemalten Bilder, mit Reißnägeln an die weißgetünchte Wand geheftet. Die Tellskapelle und daneben der schlechte Oeldruck, nach dem es gemakt ist, ein Pferdekopf und ein paar Phantasielandschaften. Das ist alles. Rührend unbeholfen ist alles aufs Papier gestrichen. Nur der Pferdekopf ist leidlich richtig. aber so unsagbar steif und leblos, daß ich unwillkürlich den hölzernen Kindergaul suche, sein Modell gewesen sein mußte. „Haben Sie denn nicht einmal versucht, nach der Natur zu malen? frage ich, eigentlich nur, um etwas zu sagen. „Das kann ich auch.“ spricht zuversichtlich der junge Mensch.„Geden Sie mir nur einen Auftrag. Ich male alles, was Sie wünschen und ganz billig.“ „Was nehmen Sie denn für die Bilder?" „Oh, wir werden schon einig, ganz sicher.“ Heilige Sehnsucht Stets sich sehnen, Arme dehnen Nach einem hehren, ewigen Ziel, Das ist das Leben der Wertvollen, Guten, Die sich in ihrer Sehnsucht verbluten. Ihnen ist Sehnfucht Inhalt, nicht Spiel. Ich beuge mich unter das schwarze Dach Gesichtchen schaue in ein diches, rundes Gesichtchen mit nassen, sich ringelnden Haaren über dunirlen Augen, die in Tränen schwimmen und davon eine nach der anderen über die feuchten Bäcklein schichen. „Sag', warum weinst du denn, Kleine?" „Ich hab' so Angst,“ kommt's haum hörbar aus dem zuckenden Mäulchen. „Vor wem denn? Vor mir etwa, du Dummerle?" Das Dirnkein schüttelt den Kopf. „Vor den Tieren im Wald?“ Da nickt das Köpfchen und schweigt. „Ach sei doch net so dumm. kein Tier im Wald tut einem so braven Mädel was. Wir wollen aber ein Stück miteinander gehen. Komm! Wohin willst du denn?“ „Zu Kerners da oben aufm Berg.“ „So, da müssen wir wohl den Pfad da hinauf? Was sollst du denn bei denen?“ „Das Blättchen nauftrage.“ Die Kleine reicht mir nun ein grünes Wochenblatt, das vom Regen schon gründlich getauft ist. Als ich das nasse Papier in der Hand hinund herdrehe, miß ich lachen, denn ich sehe, vorhabe. Verleger der mich sehe ich Traum der Masse Sieht auf der Gasse Seiner Sehnsucht verkörpertes Bild; Das für ihre Triebe zu zwingen, Kann ihr schon irdische Seligkeit bringen, Damit ist all' ihre Sehnsucht gestillt. Einem im Volbe Ueber der Wolbe Leuchtet zeitlebens der Sehnsucht Stern, Und das Fünklein der eigenen Seele Sehnt sich, daß sich's der Sonne vermähle. Stunde der Heinkehr, bist du noch fern? Hugo Salus. „Wieviel haben Sie denn für die schon verkauften bekommen!“ fragte ich weiter. „Für große eine Mark und für kleine weniger.“„ Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll. Der Mann hat sich auf den Rand seines Bettes gesetzt und sieht mich schweigend an. Die Lampe stellt er jetzt auf den Fußboden, damit das Licht die kleine Schläferin nicht störe. Es ist so still in der Kammer, daß man die ruhigen Atemzüge des Kindes hört. Kein Lärm der Straße dringt mehr zu uns herauf. Das eine Dachfenster ist ein wenig geöffnet und läßt den kalten Hauch des Abendwindes herein, der das Licht der kleinen Lampe zum Flackern bringt. Als der Mann aufsteht, um das Fenster zu schließen, zittern dumpf die Schläge der Kir turmuhr durch das Dunkel draußen. Da wende ich mich zum Gehen. Ich fasse mir eins der Bilder geben, lege schnell den geforderten Betrag auf den Tisch, verspreche noch, meine Freunde auf seine Arbeiten aufmerksam zu machen und tasse mich von Franz die Treppe hinabführen. Unten drücke ich dem Jungen noch schnelltt ghesen, eine kleine Geldsumme in die Hand und eile fröstelnd meiner behaglichen Behausung zu. her Da um daß ich vorhahe, einr# Verieger, der mic betrog. einen Gefallen zu tun.— Ich hatte ihm einmal einen kleinen Beitrag für sein Blättchen geschickt; er hat ihn auch abgedruckt, doch trotz allen Mahnens das bewilligte Honorar nicht bezahlt.— Und nun helfe ich dem Kerl. daß sein hoffnungsgrünes Blatt, das meine Hoffnung einst so schmählich getäuscht hat, in die richtigen Hände kommt. Wir gehen schweigend nebeneinander Der schmale Waldpfad wird immer steiler. läßt sich's schlecht plaudern. Als wir wieder einmal stehen bleiben, ein wenig zu ruhen, frage ich noch: „Wie heißt du denn?“ „Hanna,“ kommt's dünn aus dem wachelnden Schirmungetüm hervor. „So, Hanna, jetzt müssen wir weiter. Sind wir nun bald beim Herrn Kerner?" „Da durch geht's,“ sagt das Dirnkein und zeigt auf ein kleines Parktor. Dort will ich Abschied nehmen. Doch als ich davorstehe, ist das Mädchen schon durchgehuscht und trottet langsam, ohne sich auch nur einmal umzusehen, von mir weg. „Aber Hanna!“ ruse ich vorwursovoll.„Se willst du fortgehen?“ spitzt unzweideutig das Mäu „Hast du kein Taschentuch. Hanna?“ Erlig fährt das regennasse Händlein in die Tasche, zieht ein buntes Tüchelchen hervor und rasch damit über die winzige Stumpfwischt nase. „Hast du jetzt noch Angst, Hanna?“ „Kein, „Zein, gar net.“ „Auch dann nicht, wenn du nachher wieder allein heimgehen mußt? Sieh', ich muß nun weiter und bin nicht mehr hier, wenn du zurüchkormnst.“ Guns—. Das Dirnlein schüttelt den Kopf und läuft behend davon. —42— Schlwefern Skizze von Hannes Anderse. Das war eine stille Mondnacht im Frühherbst. die über den elsässischen Gauen lag. Frieden latmete das Land, und der empfindsame Wanderer konnte in der Luft etwas von der abgeklärten Heiterkeit fühlen, wie sie dem werdenden Herbste eigen ist. Stille, Friede, Heiterkeit — und doch schrieb man das Jahr der großen Pariser Revolution, jener Umwälzung, die auch für das Elsaß, das damals so wie heute wieder unter Frankreichs Gewalt stand, von BedeuJüngst war ich wieder einmal an der Bergstraße. Ich wollte den grünen sommerlichen Hängen entlangwandern. Da überfällt mich plötzlich ein seiner Regen, der aussieht, als wolle er mir sobald nicht von der Seite gehen. Da ändere ist meinen Plan und schreite einem Seitental zu, in dem es sich auch an Regentagen vergnüglich wandern läßt, denn der immer gut aufgelegte Bergbach wird nie müde, Geschichten zu erzählen, und das weit über dem sanft ansteigenden Weg hängende Buchengezweig verwehrt den Regentropfen das Trommeln auf den Hutrand... großen SchiDa sehe ich auf einmal emen gloßen Schirm kommend dia Prarsch zuzs.:#esenstraßen skommend, die Breusch entlang Straßburg zureste.„„Run kommen ioir bald durch Rorhen hatte der Kutscher eben zugerusen, und die schöne Frau in der Tiefe des Wagens ammete am Weg. Neugierig gehe 1%, ap imherschluch. höre dann, wie unter ihm leises KuwerschiuchTisch, auf dem ein naar Binsel und ein kleinerzei das Singen der Regentaden begleitet. schöne Fra suche zul Pothau, das war der von einem Be„ Ernwohnenden Freunden Kommenden immeryin schon ein bekanntes Gebiet, und man mußte in jener unstechren Zeit doch immer und besonders als Baronin auf mliebsame Abenteuer gefaßt sein. Nun freilich mochte er der nächtlich Reisenden nicht an Mut fehlen, wie ja das Unternehmen an sich schon bewies. Außerdem hatte sie an ihrem Kutscher einen von dem sie wußte, daß er für sie bis zum Aeußersten einstehen würde. Der feuerte nun da man die Talstraße entlaue