Anhortamen Von Hermann Foerster=Meißen. Die Rachsucht ist eine natürliche Tochter des Stolgen * Auch die Dunkelstunde hat ihre„Schattenseiten". So mancher schüchterne Jüngling wurde in diesem doppelseitigen Dämmerzustande mutig und mußte dann diesen Mut auf dem Standesamt als eine Dummheit legitimieren lassen. * Jede neue Enttäuschung, jeder an uns verübte Betrug ist ein Sturmstoß in die Segel unseres Schiffes, das uns von den Menschen entfernt und hinaustreibt ins offene Meer der Erkenntnis. * Es ist manchmal nicht der schlechteste Mut, den die Verzweiflung einflößt: denn es ist in der Regel der, den jeder haben sollte auch ohne Verzweiflung. Die Verzweiflung ist das Totengeläute Lebens. des Die Phantosie ist ein Göttergeschenk, ohne welches sich ein Genie nicht einmal denken ließe. In seinem Privatleben freilich ist es gerade diese Gabe, die ihn in einem Opiumrausche hält, den nur ab und zu der kalte Verstand mit seiner zersetzenden Reflexion segzend durchbricht. * Die Schönheit so mancher Frauen hat etwas Mondscheinhaftes: sie leuchtet, aber wärmt nicht. 3 UXX Wie das Spiel zu Ende war, trat Reinhold Hufenried an die Schwester heran:„Ich kenne weder das Spiel, noch das Lied. Woher haben Sie das?“ „Wir haben alles aus uns,“ sagte die Schwester lachend. „Komm her, Glückspilz!“ rief sie.„Der hat hier in der vorigen Woche einen Ehering gefunden beim Schanzenschaufeln. Und da haben wir ihn Glückspilz getauft und Spielverse dazu gedichtet.“ „Ist das der R. H. gezeichnete Ring, der bei dem Gemeindevorsteher liegt?" „Ganz recht, der Eigentümer muß nicht mehr am Orte sein, sonst hätte er den Jubiläumsring wohl schon abgeholt.“ Hinter den Buchstaben Juebslchuumering!“ „Ja, Silberjubiläum. ist zu lesen: 19. 9. 00.“ Reinhold Hufenrieds Augen wurden weit. Eine Blässe fiel jäh in sein Gesicht. Er zog stumm seinen Hut und schwankte über die Düne „Herr Gemeindevorsteher, der gefundene Ring ist mein Eigentum.“ „Können Sie sich ausweisen?“ Er legte seinen Personalausweis vor. Der Gemeindevorsteher suchte in der Kurliste. „Sie sind ledig?“ „Allerdings!“ „Merkwürdig, höchst merkwürdig. Fünfundzwanzig Jahre... verlobt?“ „Sie dürfen meinen Angaben Glauben schenken; aber vielleicht beweist es Ihnen mein eigener Ring.“ indem er ihn dem Gemeindevorsteher reichte. Der rückte die Brille zurecht und las laut: „C. B. 19. 9. 00.“ „Ja, mehr kann man nicht verlangen,“ und er gab ihn Reinholo Hufenried zurück.„Aber noch eins: wie heißt die Dame, mit der Sie verlobt sind?“ „Meine Braut war Christel Brockhusen.“ „War?" Reinhold Hufenried nickte. Die Lippen lagen jest aufeinander. „Sie lebt nicht mehr?— Erlauben Sie.“ Er Kramte in einem Schubfach des Schreibtisches, kastete mit dem Finger. die Kolonnen in einem dicken Buch ab.—„Bitte...“ Er schob das Buch Hufenried hin. Ein Zittern befiel seinen Körper, als er den Namen seiner Braut in der Kurliste las. „Mein... Gott... im... im... vorigen Sommer?“ Der Gemeindevorsteher nickte. Hufenried sank in einen altmodischen Sessel und saß lange mit geschlossenen Augen da, schwer atmend. Als der Gemeindevorsteher ihn etwas fragte, sagte er:„Der Alte. bei dem ich wohne, wird Ihnen alles sagen.“ Ehe die Sonne zur Rüste ging. schrieb Reinhold Hufenried einen langen Brief... 1 Nach einigen Tagen standen zwei Menschen auf der Düne, Hand in Hand. Am Strande spielten Kinder. Reinhold Hufenried suchte den Glückspilz. Christel Brockhusen fuhr streichelnd über sein Haar:„Schwester, würden Sie ihn hergeben?— Er soll ein Hufenried werden.“ —2— Wirtshausanekdote Erzählt von Friedrich Lindemann=Bremen. In einer kleinen Stadt des alten Königreichs Hannover, die— wenn auch sonst ziemlich verschlafen und unbedeutend— doch sehr viel von Fremden besucht war, gab es in der gleichen Straße zwei Gasthäuser, die gegeneinander in einem steten Widerstreit um die Gunst der Durchreisenden lagen. Das eine Haus aber fand dabei doch immer den meisten Zuspruch und mußte oft genug noch spät ankommende Reisende wieder fort= und zu seinem Widerpart hinüberschicken, denn es führte einen zwar etwas wunderlichen Namen, der aber eben wegen dieser Wunderlichkeit weit bekannt und berühmt war, nämlich„Das Kamel.“ Doch darf man aus dieser Bezeichnung beileibe keine Schlüsse ziehen wollen. Sie stammte aus einer alten Zeit, die solche Dinge liebte und in der auch die Kamele noch bedeutend weniger häufig waren als heutzutage. Jedenfalls lag schon in diesem Namen und in dem verschnörkelten Eisenschilde, das sich über die Straße reckte, das Alter des Hauses und damit sein Ruf beschlossen. Der Wirt dagegen war ein neuer, d. h. einer der neuen Zeit, die für solche liebwerten, immer mit einem leisen Lächeln umflogenen Dinge keinen Sinn mehr hat. Es war darum auch Tag und Nacht sein Grübeln, wie er diesen, ihm für die Würde seines Hauses unpassend erscheinenden Namen in einen wohlklingenden umwandeln könne. Da bot sich ihm endlich eine Gelegenheit, die er denn auch als Mann der neuen Zeit geschickt zu nutzen verstand. Der König von Hannover fühlte nämlich einmal wieder das Bedürfnis, sich seinen treuen Untertanen, und also auch dem Städtchen mit den zwei Wirtshäusern, in höchsteigener Person zu zeigen. Als er dann sogar die Nacht in eben dem Städtchen zu verbringen beschloß, gab es auch weiter kein Ueberlegen, daß er natürlich mit seinem gesamten Hofstaat im„Kamel" abstieg. Da nun allerhöchstdero Träume unter diesem Dache wahrhaft heitere gewesen zu sein schienen, und der Fürst sich am anderen Morgen leutselig mit dem Wirte in ein bedeutendes Gespräch einließ, wagte es dieser denn, um auch seinen eigenen Träumen in Zukunft den gleichen heiteren Schimmer zu verleihen, in aller Bescheidenheit und Ergebenheit mit einem kleinen Anliegen herauszurücken. Er bat nämlich, um seiner Königstreue, wie er sagte, auch einmal einen— wenn auch winzigen— äußerlich sichtbaren Ausdruck zu geben, um die allerhöchste Gnade. den Namen seines Hauses, zugleich auch in Erinnerung an die Ehre, die der stadt und im besonderen auch ihm widerfahren, umändern zu dürfen in„König von Hannover". Der wohlgelaunte Fürst gewährte, bedachte dagegen dabei wohl nicht, daß hier einmal der zweifellos seltene, aber doch nicht so ganz der Möglichkeit einer— gewiß schändlichen— Blasphemie aus dem Wege gehende Fall eintrat, daß ein König an Stelle eines Kamels aufgehängt wurde denn kaum hatte die letzte Equipage das Tor verlassen, als auch schon das alte Wirtshausschild mit dem neuen, inkluger Voraussicht bereits vorher bestellten ausgetauscht wurde. Da aber geschah das Merkwürdige, daß auch das andere Wirtshaus plötzlich eine Umtaufe vornahm. Hatte es vorher den doch so schönen und poetischen Namen, der dabei, allerdings etwas wenig patriotisch, an das Wappen der— Gott sei ihrer Seele gnädig!— französischen Könige gemahnte:„Die drei Lilien“ geführt, so bekam es jetzt die seltsame Leidenschaft, sich selbst zu erniedrigen, indem es noch dazu das Kleid umhängte, das sein Widersacher gerade abgelegt hatte, es nannte sich selbst„Das Kamel.“ Aber nach kurzer Zeit schon zeigte sich, daß das Unverständliche dieser Handlungsweise doch nicht so ganz unklug gewesen war, denn alle die Fremden. die draußen immer nur den weitbekannten Namen gehört hatten, ließen nun den„König von Hannover“ hängen und gingen geradewegs weiter in das„Kamel"; ja, das Blatt wandte sich bald sogar soweit, daß jetzt der einst so Begünstigte nun der letzte Unterschlupf der zu spät gekommen oder drüben abgewiesenen Reisenden wurde. Das ging natürlich dem Wirte zu nahe. Ganz verzweifelt sah er wohl eine Zeitlang fassungslos dem Treiben zu, aber als er sich endlich wieder soweit gefunden, daß er nach irgendeinem Ausweg zu suchen begann, blieb ihm doch immer nur einer übrig. Von Leid und Glück Aphorismen von Franz Lüdtke. So viele verharren in ihrem Glück wie in ihrem Leid. Sie vergessen, daß beides nicht Ziel ist, sondern Weg. Erst am Ziel darf man rasten; auf dem Weg aber gilt es, rüstig weiterzuwandern. Wer ans Ende seiner Reise kommen will, muß den Weg überwinden. * Das Menschsein ist unvollkommen; daher verlangt es nach Vollendung. Das Vollkommene. Vollendete nennt unsere Sprache Gott. Zu ihm steigt das Leben empor; Leid und Glück heißen die bedeutsamsten Stufen. Am Glück scheitern mehr Menschen als an Leid. Zum mindesten innerlich, und darauf kommt es doch an. Jesus sagt:„Selig sind, die Leid tragen.“ Auf dem„tragen“ liegt der Ton. Wer das Leid wirklich trägt, darf selig gepriesen werden. Das Glück ist oft so unselig, weil es die Leute nach außen lenkt, sie veräußerlicht; das Leid ist oft so selig, weil es die Menschen nach innen führt, sie verinnerlicht. Leid zieht eher zu Gott als Glück. Es gibt einen Adel des Leides; es ist kein Namens=, sondern ein Wesensadel. Auch er verpflichtet. Er verpflichtet zum höchsten Menschentum: zur Güte. In diesem Sinne ist Lebens— das Leid. das größte Glück des Eines guten Morgens sah man denn auch den Schmied auf der Leiter sitzen, um den„König von Hannover“ abzusägen, und der Wirt stand davor, blickte mit einem unbestimmten Ausdruck auf seinem Gesichte in die Höhe und hielt quer vor seinem rundlichen Bauche ein Schild, auf dem zu lesen stand„Das allein echte, alte Kamel.“ 6X3 Rätselecke — Bilverrassel: Zweizüger Auflösungen aus voriger Nummer: Bilderrätse:: Geschenke bringen Ränke. Rösselsprung: weürs Merr, as ie uie Kaius unr ie. Sehre: Sonn üicht“ Jc lensche dir uih teunchen Ohe: metn Geiß mit bir empen #r2 brigt 10 mi üir Ja ber Naus ghdimst Grad Verantwortlich: H. Semmelmann, Altena. Druck und Verlag: V. A. Santz, Altena. Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung Nr. 28 Somealag, 14. Jl 1925 Tagausläuten Skize von Ernst Zahn. Kasimir Tschümperlin stand in voller Bergusrüstung auf der Rauhbodenalp, von wo es auf den schroffen Felskegel des Föhnstocks geht. Er hatte drüben im Wirtshaus ein Abendbrot genommen, mit einigen Mädchen geschäkert, unter der sich auch die Marianna Matter, des Mesners Tochter, befunden, und war nun auf dem Weg ur Klubhüte, wo er die Nacht vor dem Bergaufstieg zubringen wollte. Der Weg führte an der kleinen Kapelle vorüber, in der die Marianna jeden Abend an der Stelle des mit anderer Arbeit ebschäftigten Vaters zum Ave läutete. Hier hing nun Kasimir Tschümperlin noch einmal fest. An der Marianna, nicht an der Kapelle. Sie hatte noch Zeit; es fehlte noch eine Viertelstunde bis zum Ave, und sie saß auf der Mauer des Kapellenvorplatzes, blitzte mit den schönen blauen Augen und schlenkerte mit den schlanken Beinen. Es wäre für einen Mann ein Kunststück gewesen, an ihr ohne Aufenthalt vorbeizukommen. Kasimir wenigstens hatte es nicht sertig gebracht; denn mit ihrem feinen, von schwarzem Haar umrahmten Gesicht und ihrem stillen und doch nicht verlegenen Wesen hatte sie ihm schon im Wirtshaus mächtig gefallen. Sie war beileibe nicht die erste! Wenn man wie der Bankbeamte Kasimir Tschümperlin schon gegen die dreißig ging und seit fünf Jahren auf der Suche nach einer Frau war, so hatte man schon manche auf ihre Liebes= und Eheverwendbarkeit geprüft. Kasimir hatte nur bisher bei den Mädchen kein Glück gehabt. Trotzdem er ein hochgewachsener, stämmiger Mensch war, eine wohlbezahlte Stellung und mit seiner Mutter zusammen sogar ein eigenes Häuschen hatte, so daß eine Frau nur ins warme Nest zu sitzen brauchte! Woran mochte es liegen? An dem nicht gerade schönen aber ehrlichen Namen Kasimir Tschümperlin doch nicht? Schlimmer stand es mit der entstellenden Flamme, die ihm von einem Ohr quer über die Nase und Mund zum Kinn lief. Es sah aus, als sei ihm einmal eine Ohrfeige hängen geblieben. Dazu kamen die schlechten Zähne und die leise anstoßende Rede. Auch fingen die sechs Körbe, die er sich schon geholt, an, ihn ängstlich und unbeholfen zu machen. Und er hätte doch fürs Leben gern so etwas Weichwarmes wie eine junge Frau im Haus und Bett gehabt. Er hätte ihr den Himmel auf Erden geschafft. Wenn er zuweilen ins Träumen kam, konnte er sich mit dem Ausmalen dessen, was er seiner Zukünftigen zulieb tun wollte, nicht genug tun. So mächtig war sein innerer Drang nach Liebe und Hausstand, daß die Arbeit allein, an der er sonst seine helle Freude hatte, nicht mehr genügte. ihn davon zu erlösen. Er hatte sich daher dem Bergsport ergeben, war in den letzten Jahren auf alle Gipfel geklettert, hatte sich mit dem Tode gemessen, in körperlicher Anstrengung die überschüssige Kraft verbraucht und an den Herrlichkeiten von Höhenluft und Sonne sich immer wieder neuen Lebensmut getrunken. Und nun war im vorhin im Rauhbodenalpwirtshaus die Marianna Matter aufgefallen. Die andern Mädchen, die mit ihr auf der Ofenbank gesessen, hatten sich angestoßen, sein Gesicht, seine Rede oder sonst etwas ihnen Anlaß zu heimlicher Lustigkeit gegeben. Die Marianna aber hatte mit stillen, großen Augen gradaus geguckt und sich ruhig mit ihm unterhalten. Ob er wirklich allein auf den Föhnstock wolle un dwisse, daß das ein Wagnis sei? hatte sie gefragt und dergleichen mehr. Sein leicht entzündliches Herz war wieder einmal angelaufen wie ein angeheizter Ofen. Auf dem Weg zur Kapelle, auf dem die Marianna ihm vorausgegangen, hatten ihn mancherlei Gedanken beschäftigt. Warum mußte es eine Städterin sein? Warum konnte er nicht ein Mädchen vom Berg herunter holen, so ein weltungewohntes, schlichtes, frischhübsches Ding wie die Marianna? Sie hatte sich offensichtlich gern mit ihm unterhalten, verständig gesprochen. wohl auch schon gemerkt, daß sie ihm nicht übel gefiel. Sie war, wie er wußte, des Sigristen, eines braven, fleißigen Mannes Tochter. Hm! Wenn der Aufstieg auf den Föhnstock am Ende die Erklimmung seiner heimlichen Hoffnungen im Gefolge hätte!— Ganz benommen und in sich versunken war er über die grüne Alpwiese geschritten. Er hatte kaum gehofft. der Marianna vor dem Aufstieg noch einmal zu begegnen. Nun saß sie auf der Mauer und schaute ihm entgegen. Sein Herz hämmerte wie sein Gletscherbeil, wenn er Stufen hieb. Sein Gesicht verzog sich zu einem breithellen Lachen.„Seid Ihr aber schnell hier drüben gewesen," begrüßte er sie. „Bah,“ gab sie zurück,„so ein Katzensprung.“ Er erreichte sie und stellte sich neben sie an die Mauer.„Was tut Ihr hier?“ fragte er. „Läuten nachher,“ antwortee sie kurz,„den Tag ausläuten.“ Darauf fragte sie wieder: „Also wollt Ihr es wirklich wagen, allein auf den Berg zu gehen?" Die Rosen her! Leokoienduft und Lerchensang, Vergißmeinnichtgesichter— Rauscht nie denn einen andren Klang Die Leier deutscher Dichter? Mich treibt ein stolzeres Begehr, Mein heißes Herz zu laben: Die Rosen, gebt die Rosen her! Ich will die Rosen haben! Nicht soll der Kuß, ein scheuer Dieb, Die Stirn mir flüchtig streifen; Wie Sturmwind soll in ihm die Lieb' Mir Leib’ und Seel' ergreifen. Verzehrend wie ein Flammenmeer, Kein Tändelspiel für Knaben— Die Rosen, gebt die Rosen her! Ich will die Rosen haben! Rudolf Herzog. „Ich gehe immer allein, ich bin es gewöhnt.“ Etwas in des andern Stimme traf die Marianna ins Gemüt. Es tönte, als sei er in der Welt überhaupt allein. Sie hatte schon im Wirtshaus drüben ein merkwoürdiges Mitleid mit ihm empfunden. Wie konnte man nur so ein verunstaltetes Gesicht, so schlechte Zähne haben und ein so unbeholfener Mensch sein? Solche Leute mußten es schwer haben in der Welt! Die Kameradinnen hatten gemeint, vor so einem würden alle Weiber davonlaufen. Und doch— was konnte er dafür? Kasimir begann zu erzählen.„Wir haben es schön beisammen, die Mutter und ich. Wir übersehen von unserem Häuschen aus die ganze Stadt. Ich kann jedes Jahr etwas auf die Seite legen. Es ist schon ein hübsches kleines Kapital.“ Er wollte nicht großtun, es war im nur. als müßte er sie möglichst genau in seine Verhältnisse einweihen. Dabei rutschte ihm ganz von selbst die Hand auf die ihre, die sich auf die Mauer stützte. Sie ließ auch das willig zu. Sie hätte gegen ihn nicht unwirsch sein können. Sie wußte snicht, warum er ihr so leid tat. Als sie aber jetzt drüben über der Alp am Gaden ihres Vaters diesen mit der Milch aus der Tür treten sah, erinnerte sie sich, daß Läutenszeit sei und sprang auf die Beine. „Jetzt muß ich in den Turm,“ sagte sie. „Morgen abend komme ich wieder.“ sagte Kasimir Tschümperlin, und es schoß ihm durch den Kopf, daß er nicht, wie anfänglich geplant. dann noch nach Hause fahren, sondern auf der Alp übernachten werde. Er streckte dem Mädchen die Hand hin.„Ich sehe Euch dann doch wieder?“ fragte er, ihre Finger in den seinen haltend. „Wahrscheinlich. Sicher," bestätigte sie. „Nehmt Euch nur in acht. Der Berg läßt nicht mit sich spaßen,“ mahnte sie dann wieder. Dabei lächelte sie ein wenig, daß er ihre Hand so lange festhielt; aber sie gab ihm gutmütig den Druck zurück, mit dem er ihre Finger endlich aus den seinen ließ. Es durchfuhr ihn heiß als er das spürte, und er hatte ein dunkelrotes Gesicht. Dann nahm er mit einem„Behüt Gott" den Weg zur Klubhütte unter die Füße. Die Marianna trat in den Kapellenturm. Der Glockenstrick hing ihr an der Nase herab. Sie saßte ihn und zog. Das Glöcklein warf seine Stimme durch die Luken in den Abend hinaus, der jetzt einen zarten Goldschein über die grüne Alp spann, die Berge im Osten mit rotem Feuer übergoß und den Himmel in einem merkwürdig tiefen Blau leuchten ließ. Da fiel dem Mädchen ein, daß jetzt der fremde einsame Mensch in die Berge stieg. Es tat ihr fast weh. Und nun lief es von ihrem Herzen in ihren Arm, daß sie das Läuten gleichsam ihm nachschwang:„Glück auf den Weg! Glück auf den Weg!" Es war kein Wind, der es dem Bergwanderer nachtrug, und doch hallte das Abendläuten über ihm an den Flühen und ob den letzten sturmzerzausten Arven und in den Wolken, die jetzt langsam ins Glühen kamen, als ob es mit ihm wanderte. Und Kasimir Tschümperlin lachte heimlich, als er es hörte. Er wußte nicht um die Empfin dungen der Marianna; aber er dachte an den leisen Druck ihrer Finger und daß er morger um Tagausläuten wieder bei ihr sein werde und— und— daß man nicht wissen könne. So viel Hoffnung hatte der Hochzeiter in ihm noch nie gehabt. Es war andern Tages um die Mittagszeit. Die Sonne stand heiß am Himmel, dessen Blau zitterte, als siede etwas in seinen Tiefen. Kasimir Tschümperlin hing in den Felsen des Föhnstocks. Sapperment, das war eine Arbeit! Die Marianna hatte recht, der Ber= lieg n##t mit sich spaßen! Ein paarmal faßte ihn die Lust. umzukehren, wie ihn schon nachts die Versuchung angewandelt hatte. die Besteigung uebrhaupt zu unterlassen. Die Marianna! Was kümmerte ihn Berg und Gipfel! Die Marianna war jetzt viel wichtiger. Die ganze Nacht hatte er kein Auge zugctan, sondern immer neie Pläne geschmiedet für die morgige Rückkehr und die Zukunft und die Möglichkeit, daß die Marianna die Rechte sein könnte. Schließlich aber ließ ihn der Ehrgeiz doch nicht seinen Plan auf halbem Weg aufgeben, wie in der Nacht, so auch jetzt in den Schroffen nicht. Sapperlott, was für ein Kerl dieser Föhnstock war! Jetzt ging es fast senkrecht an einer Wand hinan, der Fuß haftete auf schmalen Grasbändern, die Hände griffen nach oben und suchten neuen Halt. Wo sie sich am Fels festkrallten, war das Gestein heiß vom Aufprall der Sonne. Kasimirs Stirn troff von Schweiß, sein Gehirn brannte. Zuweilen ging eine Ermattung durch seine Glieder, fast eine Schläfrigkeit. Dann tanzte es vor seinen Augen wie Funken. Und manchmal war es ihm, als höre er seltsame Geräusche, ein Windbrausen, ein Ruf aus dem Tal, ein Läuten. Da vergaß er wieder den Berg und seine Arbeit und dachte nur an die Marianna. Heute abend! Gerade um Läutenszeit konnte er zurück sein! Hm! Es schien ihm, als habe ihm noch nach keinem Gipfelgang solch ein Ausruhen gewinkt. Plötzlich fühlte er, daß ein Felsstück, an dem er sich emporzuziehen anschichte, nachgab. Er spürte es wie im Traom. Seine Gedanken waren viel zu sehr bei der Heimkehr, bei— bei— Erst jetzt durchzuckte ihn der Schrechen wie ein Blitz. Aber da— schlug schon sein Körper 2 * 5 Gm hintenüber. Er wußte es nur einen Augenblick. Dann flog ihm der Sinn schon wieder in die Zukunft. Vielleicht— endlich— die Marianna— Als es gegen Abend ging, begab sich die Marianna Matter wieder zum Tagausläuten nach der Kapelle. Jetzt mußte auch der einsame Bergmensch bald wieder zurück sein, sann sie vor sich hin. Sie hatte tagsüber nicht eben viel an ihn gedacht. Der schwarze Alois hatte zweimal ihren Weg gekreuzt. Sie hatten sich hinter dem Gaden geküßt. So weit waren sie schon miteinander. Aber zuweilen hatte sie sich doch an den Fremden erinnert: Hoffentlich paßte er gut auf! Es war doch ein Wagnis, ohne Führer auf den Föhnstock zu gehen! Und so ein häßlicher Mensch war ihr noch nie begegnet! Und— wie mochte einem in einer solchen Haut zu Mut sein? Armer Kerl! Eben wollte sie in den Kapellenvorraum treten, als sie ein paar Männer von der Steinhalde stürmen sah, von der aus man nach der Klubhütte stieg. Sie rannten, als ob es brenne. Das machte sie stutzig. Dann erkannte sie unter den drei Dorfburschen den schwarzen Alois. Richtig, er hatte gesagt, sie gingen ins, Wildheu oben bei der Hutte! Jetzt kamen sie herangehastet. Ihre Gesichter waren bleich, man sah ihnen etwelche Erregung an, obwohl sie sonst nicht so leicht etwas aus der Fassung brachte. Der Marianna stand plötzlich das Herz still. Der Fremde! durchfuhr es sie. Sie rief den Burschen entgegen:„Was ist?“ „Abgestürzt ist einer," beschied sie der erste. Dann liefen zwei an ihr vorüber, im Dorfe Hilse zu holen. Sie selbst hielt sich an der Mauer; eine Wucht von Mitleid und verwirrtem Kummer saßte sie. Der schwarze Alois blieb bei ihr stehen.„Der Toni soh ihn von der Gächwand stürzen,“ erzählte er.„Er ist noch oben bei ihm. Er war zleich wansetot.! Die Marianna ermannte sich. Sie war schon spät daran, dachte sie. Es war höchste Zeit zum Läuten! Sie trat in die Kapelle. Der Alois blickte ihr erstaunt nach. Ihre schlanke Gestalt schwankte und ihre großen, dunkelblauen Augen hatten ganz verstört aus dem weißen Gesicht gesehen. Drinnen zog das Mädchen am Glockenstrick. Sie wußte, jetzt löschte der Tag aus, die Sonne erstarb in der Alp, es wurde kühl, das Rot an den Bergen glomm auf und verging, auch das Rot in den Wolken. Bald ragten die schwarzen, scharfen Spitzen, der Föhnstock, das Schneeborn, der Tullein hart wie aus dem Himmel herausgekerbt, in den Abend. Und droben lag der Tote, dessen Tag auch aus war! Was wußte sie von ihm? Daß ihr geschienen, er sei mächtig allein auf der Welt! Und hatte niemand, konnte niemand haben, der ihm— nun etwa wie sie dem Alois—— Nun schwang sie die kleine Glocke. Und wieder rann es ihr vom Herzen in den Arm, ganz unbewußt, übermächtig, daß das Läuten etwas von einer menschlichen Stimme bekam, etwas Bebendes, mit heißem inneren Leben begabtes, etwas durch die Berge rufendes:„Zu Ende der Tag! Zu Ende das Leben! Friede, armer Mensch! Friede!" Der schwarze Alois stand unter der Turmtür. Die Marianna ließ den Glockenstrick los. Er schwang hin und her. Die Glocke verklang in zerflatternden, stammelnden Tönen. Die Marianna aber schluchzte. „Was hast denn?" fragte der ihr beispringende Alois noch mehr befremdet. Sie legte den Kopf an seine Brust.„Dumm,“ sagte sie,„ich weiß nicht," und lächelte und dachte, wie hübsch er sei. Und wie häßlich der andere gewesen. Und— und— Als sie ins Freie traten, zog schon eine Gruppe von Menschen mit einer Bahre bergzu. Das Glöcklein gab noch einen leisen letzten Klang. Und es dunkelte über den Alpwiesen. „Habt Ihr niemand daheim?“ fragte sie aus ihrer mitleidigen Neugier heraus. „Toch, doch,“ lachte er vergnügt,„die Mu:ter." Dabei sandte er einen dankbaren Gedanken heim zu der Frau, die ihm haushielt. Sie verstanden einunder mächtig gut. „Keine Frau!“ fragte Mar'anna. „Noch nicht,“ gab er noch mehr erheitert zurück. Und unwillkürlich rückte er ihr ein klei wenig näher. Sie verdachte es ihm nicht Es fiel ihr nur ein, was der schwarze Alois, der Sohn des Nachbarn, für ein heillos hübscher Bursche sei wenn man den Fremden damit verglich Der beste Musikam Skizze von Marianne Winter=Magdeburg. Die Kastanien blühten, tausend Kerzen standen aufrecht in dem Blättergrün. Die Fenster im Hause waren weit geöffnet, damit das grünweiße Wunder allen sichtbar war. Mit den ersten weiß=gelben Frühlingsblumen, die in flachen Schalen auf den Fensterbrettern standen, spielte das schwindende Sonnenlicht. Die Hausfrau und ihre Schwester hatten die arbeitenden Hände sinken lassen und schauten träumend und versonnen geradewegs hinein in die Pracht der blühenden Bäume. Aus dem Nebenzimmer klang Musik, Klavier und Geige im innigsten Zusammenstimmen. Dort saßen die Freunde den lieben langen Sonntagnachmittag über Beethoven und Schubert. Das war kein Dilettieren, das war heißes, energisches Arbeiten, ehrliches Wollen und ein tüchtiges Können. Der dritte Triofreund fehlte, das Cello lehnte in seiner Umhüllung an der Wand. Leider, denn der dritte der Freunde war ein lieber, besonnener Mensch, der mit seinem Wesen erst den wundervollen Dreiklang im Zusammenleben und Spiel der Freunde gab. Nun mußten sie heute auf die Trios verzichten. Das war an sich nicht schlimm, denn Beethovens Violinsonaten schätzten sie über alles. Aber der Klavierspieler, der wohl sein Temperament und seine Finger meisterte beim Spiel, war leicht auffahrend, und der Pfarrer, sein Freund, war beim Musizieren immer weich und empfindsam gestimmt. Er spielte die Violine meisterlich, und trotz aller Weichheit seines Wesens fuhr sein Bogen oft voll Leidenschaft über die Saiten. In solchen Momenten ereignete ihm häufig eine etwas willkürliche Temponahme. Dem widersetzten sich die Vor der Ernte Nun störet die Aehren im Felde Ein leiser Hauch, Wenn eine sich beugt, so bebet Die andere auch. Es ist, als ahnten sie alle Der Sichel Schnitt— Die Blumen und fremden Halme Erzittern mit. Martin Greif. Freunde mit mehr oder weniger Energie und sofort trat die empfindliche Seite seines Wesens zutage. War der Cellofreund mit ihnen, so ebbte bald jedes Aufbrausenwollen ab; denn er hatte eine humorvoll liebenswürdige Art, die streitenden Freunde durch das übertrieben süßliche Spiel einer Cantilene im Meinungskampf zu stören und zum Lachen zu bringen. Heute fehlte nun der Mittler, und so kam es, daß nach kaum einer halben Stunde des Spielens eine energische Meinungsverschiedenheit einsetzte. Der Geiger wünschte eine Beschleunigung des Zeitmaßes und der Klavierspieler wollte durch überlautes Wiederholen derselben Stelle die Richtigkeit seiner Ansicht beweisen. „Wenn du die Sache so gefühllos herunterholzst, wirst du mich erst recht nicht überzeugen können,“ sagte der Pfarrer etwas spitz.„Ich beginne nochmals beim Dreiviertel=Takt, bitte folge meinem Tempo, eins, zwei, drei...“ „Wie kann ich dir folgen, da gerade hier das Klavier die Führung hat,“ kam es nicht ohne überlegenen Spott von den Lippen des Freundes. Und nun kam ein unerquickliches Zusammenspiel. Der eine übertrieb in der Erregung die Schnelligkeit, der andere, nun auch verstimmt, versuchte zu verlangsamen. „Schneller, schneller!“ trieb der Pfarrer, „höre doch auf mich!“ „Ich höre auf dich als Pfarrer, da bist du grundgescheit und der klügste und feinste Mann im ganzen Gutsbezirk, aber— du bist ein schwacher Musikant!“ Da war das böse, trennende Wort heraus. Der Gutsherr bereute es nicht einmal, obgleich er wußte, wie stark den Freund dieser Ausspruch treffen mußte, kannte er doch des Pfarrers Hingabe und Liebe zur Musik nur zu genau. Stets aber hatte er die an sich vorzugliche Kunst des Pfarrers einer leichten, nicht immer ungerechtfertigten Kritik unterzogen. Die Frauen im Wohnzimmer hatten zuerst mit Behagen dem kleinen Streite gelauscht, Leben ihres einzigen Sohnes. dann aber waren sie enttäuscht, daß dieser unliebsame Zwischenfall kam. Sie taten das Geschickteste, was sie in diesem Falle tun konnten, sie traten völlig harmlos zu den Freunden, die jeder an einem anderen Fenster standen und wütend in das Grünen und Blühen sahen. „Die Herren haben mit dem Musizieren aufgehört? Die Dämmerung kommt, da ist es Zeit zum Imbiß.“ Die Freunde führten die Damen ins Speisezimmer und dort folgte ein Essen mit mühsamer Unterhaltung. Die Frauen plauderten heiter, jedoch die Herrn umgingen es, miteinander zu sprechen, und hatten eine gezwungene Steifheit, die sie beide nicht kleidete, in ihrem Wesen. Das war vor vielen Wochen der letzte Kammermusikabend gewesen. Der Cellofreund war immer noch auf Reisen, sonst hätte er wohl einen Vermittlerweg gefunden. So aber stand das harte Wort:„Du bist ein schwacher Musikant“ zwischen den Freunden. Der(utsherr war verärgert, er hätte des Freundes Empfindlichkeit berücksichtigen sollen. Und nun fand er den Weg nicht zu ihm zurück, zumal seine fatale, unbestechliche Ehrlichkeit trotz des besten Versöhnungswillens ihn hinderte. An einem Sonntagmorgen im Juni, an einem Tage voll Sonnengold und Vogelsang stand der Pfarrer in der kleinen Sakristei seiner Kirche und sah durch ein Fensterchen, das in die Tür eingelassen war, in das Innere des Gotteshauses. Fasr fuhr er zurück. Dort im hohen Gestühl, der Sakristei gegenüber, saß der. an den er heute, wie immer gedacht hatte. Sein lieber, geliebter Musikfreund, zu dessen grundgutem, geraden Wesen es ihn zog, und den er mied seit jenem Sonntag. Ruhig öffnete er die Türe zur Kirche und schritt zum Altar. War es Absicht oder Versehen? Die Tür blieb etwas geöffnet, so daß der Freund von seinem Platze aus in die netteste und heimeligste aller Sakristeien sehen konnte. Durch die weit offenen Fenster drang die ganze goldene Sonntagsmorgenpracht hinein, und der Gutsherr sah wie gebannt in dieses sonnendurchflutete, noch nie geschaute Gemach. Der Ernst des Raumes war gemildert und in eine verklärte Heiterkeit aufgelöst durch die zitternden Sonnenstrahlen und durch die Blumen, die in reichlicher Fülle in den Fenstern und auf dem Tische standen. Selbst auf der Bibel, zu Füßen des dunkeln Kreuzes lag ein Kranz bunter, farbenfroher Stiefmütterchen. Das alles klang und stimmte zu der Wesensart seines Freundes. Licht, sonnig und fein. Fein war der ganze Mensch, fast zu fein für ihn, den derben geraden Junker, der sich in seiner Ehrlichkeit scheute, die trennenden Worte zuruckzunehmen. Warum war er eigentlich gekommen? Worte und Sinn der Predigt gingen heute unbeachtet an seinem Ohr vorüber, seine Augen und Gedanken spazierten nur in der lichten Sakristei. Da ließen ihn plötzlich die mit erhobener und inniger Stimme gesprochenen Worte aufhorchen: „Laß dich immer von dem Grundsatze leiten, zuerst ehrlich zu sein, dann feinfühlend!“ Für den Gutsherrn war damit die Predigt zu Ende.„Du lieber, seiner Mensch,“ murmelte er vor sich hin,„und ich ungeschickter, alter Bär!“ Der Pfarrer fand nach beendigtem Gottesdienste in der Sakristei auf der Tischecke, die den geöffneten Fenstern nahe war, einen mit Bleistift beschriebenen Zettel:„Du bist von uns beiden doch der bessere Musikant, lieber Pfarrer, wenn ich auch deine Anschauungen über Zeitmaße nicht teilen kann,— dein Lebensrhythmus ist wundervoll, du bist voller Harmonie.— Erfreust du mich heute durch dein Kommen?" Der Pfarrer lachte hell auf. Dieser liebe. wunderliche Freund! Da wollte er ihm nun Versöhnendes sagen, wollte einrenken und einlenken— aber seine Ehrlichkeit ließ nicht zu, zu verschweigen, daß er ihn in musikalischen Taktfragen verneine.— Als der Pfarrer am Spätnachmittag mit der Violine durch die Kastanienallee zum Gutshause schritt, war er in froher Spannung auf köstliche Musikstunden und— auf den ersten kleinen Streit, den er aber von nun an mit Humor parieren wollte. —72.— Vaterhände Skizze von Erwin Sedding. „Muß es geschehen—?“ Maria hörte ihre eigenen Worte verklingen, als hätte sie ein anderer gesprochen. Vitus blickte vom Lager des Kindes auf und nickte. Da fühlte die Frau, wie der Schlag ihres Herzens aussetzte.„Ich will stark sein, sagte sie. Aber ihre Lippen zuckten um das PEaaun — 9P E EEBREERST — Noch einmal fuhr Vekus mit der Reoen durch den Lockenkopf des wimmernden Kindes. Dann erhob er sich.„Maria,— wem möchtest du die Operation überlassen—?“ Die Frau ahnte den Rest dieser Frage und erschrak. „Du selbst—?“ Vitus legte den Arm um ihre Schulter. „Ja,“ sagte er leise.„Wenn— du mir vertraust."„ Maria glaubte, sie lachle. Und doch waren Tränen auf ihrer Wange: „Ich vertraue dir bis in den Tod.“ Wenige Stunden später wußte die Oberin, daß Vitus den Assistenzarzt beurlaubt hatte. Sonne war im Operationssaal, da der Kranke im weißen Kinderbettchen hereingetragen wurde; spielte mit dem Nickel der Zangen, floß über hochstielige Gläser, glitt neugierig am Stein des Fußbodens hin. Draußen aber, im blühenden Kastanienbaum vor der Klinik zwitscherten frühlingstrunken die Stare und Meisen. Wie ein Gespenst rückte die Aetherlampe heran und löschte das Bewußtsein des Leidenden. Mit starrem Gesicht prüfte die Oberin den Puls des Kindes. Vitus knöpfte seinen Mantel zu. während Schwester Lanny ihm das Besteck reichte, darauf die Instrumente wie Spielzeug gebettet lagen. „Ich vertraue dir bis in den Tod...“ Vitus nahm ein winziges Messerchen. Dann beugte er sich über den Tisch. Unterdessen erlebte Maria die Stunde des Wartens. Kein Schrei. kein Wort riß in die grausame Stille. Nur ab und zu der leise Schritt einer Frau sagte ihr vom Schicksal ihres Kindes. Wie lange blieb die Tür verschlossen! Und draußen sangen die Vögel. „Vater unser!—“ Vom Park her schollen die Stimmen sonnenseliger Kinder. Die Beete überdufteten den Chloroformgeruch, der diese Räume nie verließ; ein warmer Wind trug das Klingeln der emsigen Straßenbahnen herüber,— mittagsmüde stand die Zeit. „Er ist tot.“ Und da Vitus noch immer regungslos auf die Wunde starrte:„Er ist tot, Herr Professor!“ Der Arzt wandte sich um.„Bis in den Tod,“ murmelte er mit ferner Stimme. Verwundert schaute die Schwester ihn an. Als sie die Instrumente aus seinen Händen nahm, spürte sie, wie er zitterte. „Wie heißt das Kind!"— Teilnehmeno schaute sie zur Bahre hinüber.„Ein hübscher Junge!"— Zu spät legte die Oberin den Zeigefinger an den Mund. Vitus hatte die Frage gehört. Aber er antwortete nicht. Mit leeren Augen sah er hinaus ins Grün des Gartens,— die Hände in den Taschen vergraben. Die Hände, die seinem Liebsten den Tod hatten geben müssen. Lautlos deckte die Oberin die Leiche zu; lautlos trugen die beiden Wärter den Erlösten hinaus. Als Vitus sich umblickte, war Schwester Lanny allein im Saal. „Darf ich zu Ihrer Gattin—?“ bat sie. Der Chefarzt schüttelte den Kopf.„Und die anderen Patienten? In einer Viertelstunde bin ich zurück.“ Er öffnete die Tür. Maria erhob sich. Wortlos kam sie auf den Mann zu. Als sie das Namenlose in seinen Augen las, sank sie in die Knie. Als ob Blut an ihnen klebte, streckte Vitus seine Hände von sich. Aber Maria griff nach ihnen. Und küßte sie. Atemzug. Er ging um die Kindergruppe herum. Eine Dame in Schwestertracht neigte sich über ein Buch, sah kurz auf und erwiderte seinen Gruß. Reinhold Hufenried ging einen kurzen Steinwurf weit und setzte sich in den Sand. Seine grauen Augen tasteten den Meereshorizant,ab. Weiße Segel standen in der weiten serwüste wie mudegewordene Schmetterlinge. Der Schornstein eines fernen Dampfers wirkte wie ein kurzer gedrungener Fahnenschaft, der ein dunketwolkiges Tuch entfaltete. Es war wie überall an der See; und doch— anders. Er hatte in den letzten drei ten die Küste kennen gelernt wie kaum einer. Das kleine Seebad aber, in dem ein Mädchen vor fünfundzwanzig Jahren sein Schicksal wurde, hatte er gemieden. Und darum war es anders hier. Er streckte sich rücklings in den Dünensand, schloß die Augen und warf die Arme seitwärts aus. Ist es nicht manchmal, als sitzen Engel auf allen Uhrenzeigern und jubilieren— jubilieren! — Und Tage kommen, deren Sekundenschritte sind wie Keulenschläge. Aus Jauchzen und Weinen rundet sich unser aller Lebenstag. Um Reinhold Hufenrieds festgeschlossene Lippen war ein kaum spürbares Muskelspiel, als er so hinträumend im Sande lag. Schmerzhaftes Aufzucken rettete sich in friedsames Lächeln,— ein seltsames Widerspiel der Seele. Die Lippen lösten sich langsam, wie wenn ein Wallfahrer etwas Heiliges schaut. Und dann kam der Wanderwind von der Düne ganz leise und nahm einer heimlich erblühten Blume gleich einen Namen von seinen Lippen: Christel. Ein Kinderlachen flog auf. Die Schwester klatschte in die Hände, und die Knaben umringten sie. Sie gab einige kurze Anweisungen. Dann liefen die Knaben zu einer offenen Halle an der Düne und schlüpften in ihre BadekleiEinsame Nacht Die ihr meine Brüder seid, Arme Menschen nah und ferne, Die ihr im Bezirk der Sterne Tröstung träumet eurem Leid, Die ihr wortelos gefaltet In die blaßgestirnte Nacht Schmale Dulderhände haltet, Die ihr leidet, die ihr wacht, Arme, irrende Gemeinde, Schiffer ohne Stern und Glück— Fremde, dennoch mir vereinte, Gebt mir meinen Gruß zurück! Hermann Hesse. Der Ring Skizze von Franz Mahlke. Die Badegäste benutzten fast ausnahmslos den breiten Promenadenweg. der von der Ortschaft zum Strande führte. Reinhold Hufenried wählte einen abseitigen Fußsteig. Der Dünensand mahlte unter seinen Schuhen. Er betrat iden Dünenkamm und ließ die Augen über die sanfte Bläue der leichtbewegten See gleiten.„Fünfundzwanzig Jahre—“ kam es im Selbstgespräch von seinen Lippen. Sein Blick tastete den Strand ab. Die Badehäuser lagen ein Stück ostwärts. Eine unendliche Zahl von Strandkörben umlagerte sie. Burgwälle hier und da, von Kindern aufgeworfen. Lustige Fähnlein an schwanken Stangen. Am Fuße der Düne. auf der er stand. ruhten halbbekleidete Knaben im Sande. Ein Strandkorb war in der Nähe. Ehe er den dung. Reinhold Hufenried beobachtete das lustige Treiben in der eingegrenzten Wasserfläche. Er ging bis auf den festgespülten Strand, um dem Scherzspiel des Jungvolks zuzusehen. Nach einiger Zeit rief eine Triller= pfeife die Badenden heraus. Sie tollten in die Halle zurück. Reinhold Hufenried richtete eine Frage an die Schwester. „Es sind alles elternlose Kinder. Unser Heim liegt zehn Minuten weit im Walde.“ „Und die Kinder sind jahraus, jahrein bei Ihnen?" „Ja, wir wollen ihnen das Elternhaus ersetzen, bescheidener gesagt, ihnen ein Stücklein Heimat bereiten.“ „Wie viele sind es?“ „Sechsundvierzig Knaben, zweiundfünfzig Mädchen.“ „Wie ich sehe, in strenger Trennung. Das bedingen wohl die Verhältnisse in diesem Hause?“ „Sie wollen mit dieser Bemerkung wohl den ungleich höheren Wert des Elternhauses gegenüberstellen?" „Man soll sich nicht täuschen über die Tatsache, daß ein Heim kein vollwertiger Ersatz für das Elternhaus sein kann; aber unendlich ist der Segen, den Sie streuen.“ „Wir verschenken das Herz.“ „Und Höheres gibt es nicht,“ entgegnete Reinhold Hufenried. Sie reichte ihm die Hand und ging zu den Knaben, die sich an der Halle zum Heimweg geordnet hatten. Hinter der Düne im Geäst hing die Sonne wie eine goldene Spinne. Und sie fing alles ein in das flirrende Strahlennetz,— den Wald Dünenhang hinunterging, tat er einen hörbaren mit seinen singenden Vögeln, die tiessinnigen Wacholdermänner hinter der Düne, Strandhaferhalme und die im grünen Mooshut dazu. Auch Reinhold Hi fenried ließ sich von der goldenen Spinne ein fangen. Er stand aus dem Dünenkamm. Ein Abendlied kam waloher, engelchorgleich. die letzten Töne verebbten, trugen aue winge einen violetten Hauch. Ueber den bleiernen Wassern glitzerte der Abendstern. Reinhold Hufenried ging auf dem schmalen Fußsteig dorfwärts. Die Katen saßen schläfrig an der rasengrünen Straße. Aus ein paar Schornsteinen kringelte blauer Rauch. An einer Straßenkreuzung lag das Haus des Gemeindevorstehers. Ein grunbekranzter Kasten hing daran. Und ein Zettel darin. Hochzeitsleute. In einem anderen Glaskasten waren Fergant, machungen. Er las im Halbdunkel aus#und wichtig genommene Unwichtigkeiten. den Ehering, gezeichnet R. H.— Der rechtmäßige Eigentumer erhält ihn zurück, wenn er sich genügend auswessen khann. Hm,— R. H.— wie merkwürdig.“ Reinhold Hufenried ging weiter die Straße hinunter zu dem kleinen Fischerhaus, in dem er Wohnung genommen hatte. Nach dem Abendessen saß er mit dem alten Fischer unter der mächtigen Linde. „Es sind fünfundzwanzig Jahre her. Die Linde ist kaum anders geworden. Das Meer auch nicht; aber— wir!". Der Fischer, der nachdenklich an seinem Pfeifenrohr sog, richtete sein wetterbraunes Gesicht auf Reinhold Hufenried:„Lieber Herr. ich kann mich nicht entzinnen; es sind zu viele, die da dommen und gebenz,„„ekommen, aber—.—s „Ich wäre gern ofter geacumen, aber-— „Aber?— Hat es Iynen denn hier nicht gesien„ H* „So über aue waßen schon woaren die Wochen vor fünfundzwanzig Jahren, so unendlich reich! Aber weil ich die große Leere hier gefunden hätte in den Sommern danach, darum mochte ich nicht mehr kommen.“ „Ich weiß nicht, was Sie meinen, Herr.“ „Dann werde ich Ihnen eine kurze herbe Geschichte erzählen.— Sehen Sie, ein fröhliches Weib haben und gesunde Kinder— ist das nicht alles!“ Der Fischer nickte zustimmend und bliee eine große blaue Wolke unter den Linden schirm. Reinhold Hufenried senkte den Kop „Sie wollten mir eine Geschichte erzählen.“ sagte nach einer Weile der Fischer. Und Reinhold Hufenried sprach:„Ihr Leben hat sich erfüllt, das meine nicht. Das Mädchen, das ich damals hier kennen lernte, durfte ich nicht heiraten. Unrentable Partie, sagte mein Vater. Die Geschäftsinteressen vertrugen es nicht, ein gänzlich mittelloses Mädchen zu heiraten. Das Wort, das die Mutter für mein Herz einlegte, wog nicht schwer genug. Es gab einen Kampf zwischen dem Vater und mir. Ich unterlag. Dafür wurde der Firmenname erweitert; und Sohn— wurde angehängt.— Passable Partie, flüsterte der Vater eines Tages und führte die Tochter eines zu gewinnenden Aktionärs in unser Haus ein. Da habe ich ihn traurig angesehen und verneinend den Kopf bewegt; denn in meinem Herzen stand ein anderer Name. Wir haben damals trotz allem ein geheimes Fest gehabt, und sind dann auseinander gegangen, weil wir es mußten,— mit einem gezeichneten Ringlein, trotz allem. Und dieses Symbol sollte in den Stunden einsamer Feste an ihrer wie an meiner Hand sein. Im Sommer darauf erhielt ich aus einem Krankenhause der rumänischen Hauptstadt einen Brief mit fremden Schriftzügen: Fräulein Christel Brockhusen ist an Malaria hoffnungslos erkrankt.— Weiter nichts. Sie wird gestorben sein. Für mich lebt sie als meine ewige Braut. Meine Eltern sind lange tot. Die Firma Husenried und Sohn ist auch ohne das Kupp nicht eingegangen; aber mit mir wird das Hal Hufenried erlöschen. Nun wissen Sie um die Leere meines Lebens nicht m Der Fischer hatte aufmerksam zugehört. sog an seinem Pfeifenrohr, sah seinem Gast voll ins Gesicht und sagte dann mit Bedacht:„Herr. man soll dem Leben niemals zürnen. Meine selige Mutter schon sagte: es hat alles so sein sollen und war immer so glücklich in all ihrem Mißgeschick. „Es hat alles— so sein sollen,“ wiederholte Reinhold Hufenried tonlos und bot dem Fischer eine Gute Nacht. Am Vormittag des anderen Tages sah Reinhold Hufenried dem Spiel der Kinder zu. „Der Glückspilz ist Prinz!“ rief die Schwester. Reinhold Hufenried schüttelte den Kovf über den schreienden Widersinn. aus elternlosen Kindern Glückspilze und Brinzen zu machen. Einen Vers. mit dem Kehrreim:„Glückspilz,“s blinkt ein Ringelein. Glücksvilz, wann wird Hochzeit sein?“ sang die Runde nach einer bekannten Melodie