9 9. 29 8. 2. 3 XX 12 * 8 * 2 * 55 27 S Ueg B D S 9E. E. □ S.* " esteh S 8%08 8 8 * 8 S 8 S 9 2 2 5 2 S s 5 * 0 58 F Fgs cn S9 n B#neE.S An BoSage aS (9 8 Spagfe-b: 9 50 3.E S SETRL Sens a. S 2.88 RR 2937 # a* S 9 □ 7 9 5 00 9. Bug #ßa#: B#zaßt S N. S3.— SogenaEn „*% SSuSAS D. 85.5 F•.n. N•—5 „Wir „Lassen Sie Frau Gertrud, nicht würdig— wonach streckst du deine Hände aus! So sind Sie mir, Frau Gertrud! Ich verehre Sie grenzenlos; aber ich darf ja meine Hande nicht ausstrecken nach fremdem Eigentum!: „Wit wollen uns setzen,“ sprach die Frau. mich zu Ihren Fußen liegen, und Sie lange anschauen—— es muß für mein Leben reichen.“ „Nicht so, lieber Freund, ich weiß von Ihrer Lieve zu mir; aber das sei nicht Ihres Levens Inhait, nur dieser hoffnungslosen Liebe nachzutrauern. Schon um meinetwillen bitte ich Sie darum. Ich habe Sie gerne—— wie einen besten Freund! Und Freundschaft ist, dem anderen zu helfen. Und ich bedarf der Hilfe eines Freundes! Denn nur so kann ich die sonnenklare Erinnerung an einen edlen Menschen, an einen liebsten Freund, an Sie mit mir nehmen, wenn ich nun wieder nach Hause, nach Berlin, fahre. Wenn Sie so traurig sind, kann ich diese Erinnerung nicht so im Herzen tragen. Und ich darf nur Freude im Herzen haben. Kopf hoch, lieber, liever Freund! Ich will das sonnig Heitere von Ihnen behalten; so, wie ich es in diesen drei Wochen lieben gelernt habe. Ich habe Ihnen alles erzählt. Sie wissen, wie ich meine Ehe, meine Treue auffasse; daß ich meinen Mann, meinen stillen Gelehrten, schätze, verehre; weil er so gut, so gläubig ist. Ich will ihm eine Gefährtin sein ohne Lug und ohne Trug. Neben Vernunft hätt mich auch Zuneigung zu meinem Mann!“ „Zuneigung— Vernunft— ja— ja—— aber doch keine Liebe— keine Liebe! Und ich weiß ja, daß Sie mich lieben!“ Fast bruta! sagte es der Mann. „Ich bin Ihnen gut, lieber Freund, aber ich weiß nicht—— wohl auch nicht mehr.“ Er sah mit leerem Blick über die Watten— bann suchten traurig seine Augen die der Frau. Sternschnuppen irtten durch die Luft— kurz leuchteten sie auf und fielen dann in das Dunkel. „Wenn man eine Sternschnuppe fallen sieht, so soll der Wunsch, den man im selben Augenblick hat, in Erküllung gehen. Hatten Sie einen Wunsch, Frau Gertrud?“ „Ja,“ leise, mit verträumter Stimme sagte es dis„Frau. „Wollen Sie ihn mir verraten?“ „Nein!“ „Frau Gertrud, ich sage Ihnen dann auch den Wunsch, den ich hatte!" „Ich will ihn nicht hören— er ist schrecklich!“ Ein kalter Schauer rann über den Mann. „Wollen Sie mir die Erfüllung Ihres Wunsches mitteilen, Frau Gertrud?" „Ja, unter einer Bedingung!“ „Und die wäre?" „Daß Ihre Liebe zu mir, wenn ich Ihnen die Erfüllung mitteile, einer sonnigen Erinnerung Platz macht!“ „Das ist unerfüllbar!“ „Wollen Sie mir versprechen, meinen Weg nicht zu kreuzen, mich nicht wiederzusehen, als bis ich Ihnen die Erfüllung mitgeteilt habe?“ „Auch kein Gruß, kein Zeichen, daß Sie meiner gedenken, soll ich in der langen, langen Zeit von Ihnen erhalten?“ „Nein! Sie wissen ja gar nicht, ob die Zeit so lange sein wird. Haben Sie Geduld, lieber Freund.“ Wieder lag das verträumte Lächeln auf ihrem Antlitz und ein erschauerndes Beben ging durch ihren Körper. „Wie grausam kann ein Weib sein!“ Qualvoll entrangen sich diese Worte dem Munde des Mannes. Jähes, heftiges Erschrecken trat in die Augen der Frau. „Nicht so— nicht so— quälen Sie mich nicht!" „Ich wollte Sie nicht kränken!" Leise und Am nächsten Morgen überreichte ihr der brauchte seine Tochter. Wer sollte den KräHoteldiener einen wundervollen Strauß roter merladen versehen? Wer sollte um ihn, den Rosen. Silvesterabend. Leise, ganz leise fallen die Schneeflocken. Kirchenglocken läuten das alte Jahr aus. Am Fenster steht ein einsamer Mann und sieht in den Winterabend hinaus. Auf seinem Gesicht liegt ein glücklicher, entsagender Ausdruck. Er geht zum Schreibtisch, knipst die Tischlampe an und liest noch einmal den Brief, den der Postbote am Abend gebracht hat. „Mein lieber Freund!“ liest er:„Erfüllung war das letzte Wort, das ich Ihnen damals, im sonnigsten Sommer, beim Abschied zurief. Der Wunsch, den ich im Herzen trug, damals, als die Sternschnuppe fiel, an jenem wundersamen Sommerabend am Meer, ist in Erfüllung gegangen. Ein herziger, süßer, deutscher Knabe ruht an meiner Brust— ein Knabe mit—— Ihren Augen. Ist das nicht Liebe zu Ihnen? Als Sie an jenem Abend zu meinen Füßen ruhten und von Ihrer Liebe sprachen, da fühlte ich zum ersten Male die Bewegung des Kindleins unter meinem Herzen. Es war die geweihte Gottheit, die in und um mich war und die mich Ihnen wohl so schön erscheinen ließ. Der Wunsch„Herrgott, ein Knabe wie der“ zitterte in meinem Innern, als die Sternschnuppe fiel. Ich konnte Ihnen diesen Wunsch, dieses stille Gebet doch nicht sagen! Es war ja so ein wundersames, wundersames Geheimnis; vor mir das unendliche, schöne mondnächtige Meer und in mir das Zeichen der göttlichen Unendlichkeit. Und Sie— lieber Freund— unbewußt Zeuge der tiefsten Offenbarung im Mysterium des Weibes. In jener Stunde am Meer waren wir sehr nahe der Gottheit. Aus den Augen meines Knaben leuchtet mir die ganze Weihe dieser gottbegnadeten Stunde entgegen. Von Ihnen aber, lieber Freund, weiß ich, daß nun nach dieser Enthüllung Ihre Liebe zu mir einer sonnigen Erinnerung Platz machen wird, so, wie Sie es gelobt und wie ich es erwarte. Erwarte von einem edlen, starken und sonnigen Freund, für dessen Glück ich bete Ihre Frau Gertrud.“ —— Bilder entstehen vor den Augen des Einsamen von lauen, lichten Sommerabenden am Neer und von der lichten Frau. die mit ihm geschritten war nur eine kurze Zeit. Lange sinnend sitzt er so—— dann geht ein kurzes Gebet durch die Seele des Mannes: „Herrgott— alles Glück meiner hehren und deutschen Frau!“ lichten, Der Turmwächter Neujahrsskizze von Paulrichard Hensel. bittend küßte er die schlanken Hände, die in über das Ferne ein ihrem Schoß lagen. Mit glückseligen Augen sah sie Meer, als ob sie in weiter, weiter wundersames Geheimnis erschaute. „Wie schön Sie jetzt sind! O daß ich Sie strich sich mit der Hand über die Stirne. „Wollen Sie mir das Versprechen geben— — jetzt gleich?“ fragte sie. „Ja!“ sagte er und ein tieftrauriges Entsagen lag darin. Sie beugte sich nieder und küßte seine Stirn. „Wir wollen nun gehen!“ Langsam erhoben sie sich und gingen den Weg zurück. An ihrem Hotel verabschiedete sie sich. Lange sah er in ihre Augen; dann riß er sich los. Sie sah ihm nach und winkte ihn noch einmal 3u. ch Seinen Kopf nahm sie in beide Hände und küßte seinen Mund. „Erfüllung!“ hörte er noch... dann war sie verschwunden. Er nahm den Weg zum Deich— die Flut kam.—— Sie hörten es nicht dort unten hinter den verhängten Fenstern, das Rufen des Meeres, das Pfeifen des Windes; sie sahen nicht an ihren weißgedeckten Tischen die schwarzen Wolken, die über die Insel jagten. Zwischen Hövt und Deich geborgen lag das kleine Fischerdorf, Dächer und Wege kaum noch unterscheidbar unter der Schneedecke. Aber hinter den Fenstern war es hell, die letzten Lichtstümpfchen an den Christbäumen brannten nieder, und in den Küchen war vielleicht schon ein Hantieren mit Kuchen und starkem Grog— und die Blicke gingen nach der Uhr, die die erste Stunde des neuen Jahres verkünden sollte.— Hoch über dem Ort wachte der Turm der Lotsenstation. Da stand Jens Walkot und schaute in den Sturm, der sich an der Südspitze der Insel verfing. Drüben vom Festland her grüßte matt in regelmäßigen Abständen das Leuchtfeuer des Hafens— wie eine schwarze Schlange zog sich in seine Richtung die Fahrtrinne, die der Eisbrecher durch die Winterdecke der See gestampft hatte. Aber das Eis war rissig und das Wasser grollte darunter gegen die hemmende Masse. Von dem Allen wollten die Menschen heute nichts wissen, die im Dorf.— o, Jens hätte in der Dunkelheit jedes Haus zeigen können. Da waren die Fenster des Pfarrers und dort der Giebel von Wilhelm Moch, und ganz hinten war das Haus, in dem Dore Lüchen auf ihn wartete. Gewiß war es nur eine Täuschung, wenn Jens einen Schatten hinter dem Fenster zu sehen vermeinte; aber er wußte, die Dore war nicht froh wie die Anderen und wäre lieber hier bei ihm in der Stille, wo die harten Worte ihres Vaters sie nicht trafen. Jens biß die Zähne zusammen, als er an die letzten Wochen dachte. Sie hatten sich wie Kinder auf das Fest gefreut, die Dore und er, denn sie hofften auf das schönste Geschenk, die Zusammenfügung zweier Hände unter dem Segen der Eltern. Gelacht hatte der alte Lüschen, als Jens mit offener Frage vor ihn trat. Er schwächlichen und immer unzufriedenen Alten sein?„Habt Ihr keine anderen Sorgen?“ hatte er mit seiner heiseren Stimme gefragt. „Schaut Euch erst im Leben um. Möchtet Euch wohl gern ins fertige Nest setzen?“ Und als Weihnachten kam, sah Jens nur von weitem das Mädchen in der Kirche, und auf dem Heimweg gingen sie ein paar Schritte stumm nebeneinander— es war ihnen Beiden nicht zum Sprechen zumute— alles war so ganz anders.— Wenn er abends auf den Turm ging, machte er wohl den Umweg, an ihrem Haus vorbeizukommen. Nur um in ihrer Nähe gewesen zu sein... Woher kam der Peitschenknall durch die Nacht? Jens trat verwundert auf die schmale Balustrade des Turms. Niemand fuhr jetzt in der Nacht. Aber dort auf dem Meer, zwischen Insel und Festland, flimmerte ein Licht, unruhig hin= und hergeworfen. Also war es keine Peitsche, sondern ein Schuß, den einer in der Not gefeuert hatte. Da war Jens frei von allen hemmenden Gedanken. Dort waren Menschen, die irgendwo erwartet wurden, in einem warmen Zimmer, an einem festlichen Tisch, und die mit Sturm und Meer und Eis um ihr Leben rangen. Mit ein paar Sätzen war Jens die Treppe hinab zu der großen Glocke, aber die Hand, die nach der Leine faßte, fiel wieder herab. Sollte er die Männer aus ihren Häusern rufen? Unruhe in die Abschiedsstunde des Jahres tragen? Springend und gleitend kam er den steilen Abhang hinab an den Strand. Dort, hinter dem Landungssteg und dem schützenden Steinwall, lag sein Boot. Er wußte, was der Motor leistete— nach wenigen Minuten stieß er das Fahrzeug vom Ufer ab und verschwand in der Dunkelheit.— Die Männer in den Häusern horchten auf, als sie das Knattern des Motorbootes vernahmen. Einer, der aus der Türe trat, sah einen Anderen vorbeigehen, ging mit— bald waren es mehrere— auch Frauen, die die Neugierde trieb— fröstelnd zogen sie ihre Mäntel zusammen und stemmten sich gegen den Wind, als sie über die Düne an den Strand kamen. Gespenstisch stand das Weiß der Eisschollen gegen den schwarzen Himmel und das gurgelnde Wasser. Unruhige Fragen gingen von Mund zu Mund. Jetzt kam das Geräusch des Motors wieder näher.„Der Lüschen war noch nach der Stadt.“ sagte einer, aber man wußte, daß er nur seinen Kutter fuhr. Da knirschte es am Steg, das Boot legte an, ein Mann sprang heraus und warf die Taue um die Pfosten— als man eilig näher trat, sah man, daß es Jens war. „Helft denen da,“ sagte er kurz, und schon griffen kräftige Hände über den Steg herab. „Lüschen!“ riefen die Leute, als eine zweite Gestalt dem Boot entstieg, und noch ein Dritter kam, der Bootsjunge des Krümers, durchnäßt, aber froh, Boden unter sich zu fühlen. Den erregt auf ihn einstürmenden Fragen gab der Junge kurze Antwort.„Wir kamen zwischen die Schollen— der Wind— und alles so dunkel— und der morsche Kahn— wie das splitterte— der Jens hat ein gutes Boot— der hat uns geholt— o der kann fahren.— Und als man nun auch zu diesem drängte, wehrte er ab: „Ja, ja,— das Neue ist eben besser, als das Alte—“ und wandte sich zu dem Alten um, der ratlos und doch verbissen neben ihm stand:„Ja, Lüschen, das ist dir nun gewiß nicht recht, aber er taucht wirklich nicht mehr viel, dein Segler—“ Drüben am Festland läuteten die Kirchglocken das neue Jahr ein, und der Sturm trug den Gruß hinüber zu der Insel. Da hörten die Menschen auf zu sprechen und sahen still vor sich hin— und Jens drehte sich um und stieg die Anhöhe wieder hinan auf seinen Turm. Aber als er ein paar Schritte getan hatte, lastete eine schwere Hand auf seiner Schulter. „Jens,“ sagte Lüschen, der ihm nachgegangen war,„du mußt nicht denken, daß ich so spreche, weil du mir das Leben gerettet hast. Das ist eine besondere Sache. Aber hörst du— die Glocken da drüben— und das neue Jahr—— es ist nun wohl doch so auf der Welt: Das Alte geht vorüber und Neues kommt— und wenn wir Menschen alt geworden sind, müssen wir still sein vor der Jugend.— Komm nachher zu mir, hörst du? Die Dore hat die ganzen Tage schon verweinte Augen...“ Langsam gingen die Menschen wieder in ihre Häuser. Und die am Hövt vorbeikamen, wunderten sich wohl, daß sie ein fröhliches Pfeifen hörten. Aber sie konnten in der Dunkelheit nicht sehen, daß es der Jens war, der mit leuchtenden Augen in den neuen Tag schaute. Verantwortlich: H. Semmelmann, Altena. Druck und Verlag P. A. Santz, Altena. — 5 25 S SEE. P oS 9 S#gg * 5 „ SSggBEES M „n OEEE SEOERRCBOSE“SE gAEBS 8E TOST-VTSRGGS SSOSSSSE! S.55 # 25 S S 5S B S. S- 5 8 s 5578 8 SSn S Smbgane ancs P SESSTES waSS BTOESS SSER SSPAZES SGSS SGEEES SEFSS FauuOTT RARa SGUUGT TSTTE S 2 S•• 6 S 5•99: ATT Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung Nr. 1 Samstag, den 3. Januar 1925 Zu Neujahr 1925 80 0 n Befraget nur Orakel und Sibyllen, Und stellt dem neuen Jahr das Horoskop Die Kartenschlägerin wird euch enthüllen Das Schicksa! Deutschlands wie's die Norne wob. Was sind die Jahre? Wesenlose Zahlen. Was Schicksal? Ausred' ewig hergebracht Von allen Trägen, die mit Weisheit prahlen. Die Sterne schweigen und der Herrgott— lacht. Du armer Narr, willst du dein Schicksal wenden, So zünde Feuer, nimm den Hammer her Du hältst ja Notungstrümmer noch in Händen: So schmiede selber dir die blanke Wehr. Kannst du nur Trümpfe auf den Wirtstisch hauen Und Maulaufreißen, oder feig geduckt Stillhalten in des Feindes Geierklauen— Dann bist du wert, daß dich die Hölle schluckt.“ Das Jahr wird golden durch die Zeiten leuchten. In dem die schwere deutsche Tat gelang, In dem der Deutsche seinen pestverseuchten Zankteufel endlich in sich niederrang. Zerschlagt die Götzen und die Götzenpfaffen, In Treue folget dem erwählten Herrn— Aus eigener Kraft wirst du Not wende schaffen Aus deutscher Nacht erglänzt der Morgenstern. Ernst von Wolzogen. der Silvesternacht 1813 Erzählt von P. Wild. Graue Nebel breiten sich wie schwere Decken über den Strom und vertiefen noch die Schwärze seiner Dunkelheit. Wenn sich die Wolken, vom Winde gejagt, sekundenlang huschend verteilen, dann lichtern oben am hohen Himmelsdome goldene Sterne zuckend auf, um gleich darauf wieder im Grau einer unscheinbaren Hülle zu verschwimmen. Unwirklich tauchen aus dem Dämmergrau die Silhouetten der Berge, die das Ufer des mächtigen Stromes wie ernste Riesen bewachen, in brandendem Rauschen klingt durch die Stille die Melodie des Rheins, in ungebrochener und nimmermüder sollen mit Reichhaltigkeit.„ machen. Sie sind so versunken, daß sie das Eintreten des Apothekers überhören, der mit einem Laut sittlicher Entrüstung das Idyll rauh zerstört. Da aber zieht der Leutnant Irmtrud an sich und Arm in Arm treten sie vor den alten Herrn, und erbitten seinen Segen. Die Ueberraschung! Was aber will ein guter Vater tun, wenn er das Bitten und Flehen in den Augen seines einzigen Kindes sieht, und das stürmende Drängen eines Vaterlandsverteidigers; da muß er nachgeben. Gerührt geht er selbander in den Keller, wo, geschützt gegen alle feindliche List, in einem Geheimkabinett noch ein paar Flaschen vom ältesten rheinischen Adel verstaubt liegen; sie ihrem Gold die Stunde festlich Prächtige, geschliffene alte Römer holt Das kleine Städtchen Caub liegt im Frieden die Wirtschafterin heran, dann tritt der gedes letzten Abends eines abschiednehmenden strenge Vater, sich vorsichtig räuspernd, wieder Jahres, es ist das Jahr 1813, dessen Kreislauf in das Zimmer, wo die Beiden wie selbstverso bald schon beendet ist. Im Hause des Avo= gessen am Fenster stehen und hinausblicken auf thekers Rindisen, dessen Haus mit dem seinen den Rhein, wenigstens bei seinem Eintritt. Fachwerk, den reich geschnitzten Balken, den Ein kurzes, energisches Pochen an der Türe, prächtigen alten Sprüchen unmittelbar am der Bursche steht in der Oeffnung und meldet Rheinufer liegt und ganz vornehm hinabschaut, in dienstlicher Haltung:„Befehl für Herrn Leutsitzt im oberen Stockwerk im Erker das einzige nant. Aufbruch zum anderen Rheinufer. SamTöchterlein des verwitweten Mannes, Irmtrud, und schaut träumend hinaus in das Unbestimmte. Leise klopft es an der Türe, sie ihr„Herein“ melplatz auf dem Markt. ster Irmtruds. und eine Hand winkt einmal noch, wie abschiednehmend zu ihr hinauf; dann reiht er sich der Masse wieder an, verschwindet im Grau. Pferdegetrappel! Reiter nahen, an ihrer Spitze ein wenig vor den andern ein Einzelner, Da geht es unten durch die Masse wie Bewegung, ein flüsternd Jauchzen, grad als der Schein einer vorbeiziehenden Fackel den Reiter streift, sieht Irmtrud, daß es ein Greis auf einem Schimmel ist; sie sieht den alten staubbegrauten Mantel, sieht weißes Haar, den weißen Bart, die jugendliche Haltung und die Uniform der Husaren; das ist ja Blücher, unser Feldmarschall! Und in der Kälte steht der Alte unbewegt am User und wechselt leise Grüße mit den Soldaten:„Vorwärts, Kinder,“ wie drängend ruft er es.„jetzt geht's nach Welschland.“ Er zieht den Degen und weist nach Westen: „Kinder, die sollen sich im neuen Jahre wundern! Na, vorwärts, vorwärts!"... Die ersten Kähne sind schon vollbesetzt, es ist das„Erste Ostpreußische Infanterieregiment". das als Schrittmacher der Kommenden zum anderen Ufer übersetzt, um dort das Land vom Feind zu säubern, eh erst die ganze Masse deutam Arm des Herrn Leutnant, dann macht er schrecht zusammen, als auf ihr„Herein“ die stramm kehrt und seine tappenden Schritte verhohe Gestalt ihres Quartiergastes, des blonden hauen auf dem Flur. Leutnants Friedrich Pellkühnen ins Zimmer Abschied! Einmal Antreten sofort.: Ehar Regimenter über 3t. a; ganse Masse Pfiffig blinzelnd schaut er auf die hübsche Maid) Schön Irmtrud schaut und schaut über den Rhein; leise tröstend hat der Vater den Arm um ihre Schulter gelegt. Da, horch, sind das klingen die Römer eindringlich, daß langsam ein seines Rot die Wangen Irmtruds höher färbt. Er will sprechen, es ist so vieles, das er ihr zu sagen hat, aber der mächtige Riese, der keine Furcht kennt, und dem so wohl ist im dichtesten Schlachtgetümmel, er fühlt das Schlagen seines Herzens bis hinauf zum Halse, so daß es ihm die Worte erstickt. Plötzlich aber steht er neben ihr, und wie es dann gekommen, sie wissen es beide nicht. aber sein Arm hat sich um ihre zarte Gestalt geschlungen und ihre frischen, roten Lippen wissen nichts von Widerstand gegen seine bärtigen. Das Glück liegt über ihnen wie Weihe; Vergangenheit, Zukunft vergehen im Traum einer Gegenmar!! ein gar es klingt wie abgedie zunächst bis zur kleinen Iu einer Brüchke, Rheine reicht, wo die alte Pfalz so wundersam versonnen träumt, um sich dann darüber hinaus weiter zu strecken bis zur Ferne des anderen Ufers, wo der Feind noch steht. Ha. wie die Strömung braust, als wollte sie die Geräusche all mit ihrem Tosen übertönen. Jetzt Kommandos auf der Straße, in langer Reihe ziehen sie heran. Soldaten, in festgeschlossener Masse und nun heißt es: Halt! Aus dem Ganzen lösen sich einzelne Gestalten, die Offiziere, die noch einmal Kriegsrat halten, just unter dem Fennicht Kanonenschüsse, und wieder, wieder; ah wie das arme Herz nun klopft, denn er ist drüven, Friedrich. Eben sieht sie wie ein zuckend Licht den Nebel zerteilt und fauchend e und das zischt ein Blitz aus Eisenmund. In stiller Not der Abschied.— faltet sie still die Hände und fleht den Himmel geheimnis= an um ein Erbarmen für den Geliebten. Dort drüben hat Friedrich und seine Komnagnie in Deckung an den Feind heran. ihn überascht, so daß er, sich umzingelt glaubend. entflieht; kaum hat er Gegenwehr geleistet und Verluste sind nicht zu beklagen. Nun sind die Preußen Herren des rheinischen Bodens hier! Ist das ein gutes Omen für das neue Jahr? Sein kleines Häuflein hat die Wache. So wandert er kontrollierend, wachsam auf und ob. Merkwürdig wie der Nebel sich verzogen hat. Vom anderen Ufer grüßt mit hellen Fenstern Caub herüber, und eins der Fenster ist's. da er— ist es nicht eben erst— mit seinem Glück gestanden hat. Er träumt in dieser Nacht von seiner Liebe. Tief tönen nun zwölf Glockenschläge durch die Nacht, sie läuten das neue Jahr ein: 1814, S STToES S S..55 % „PEPGrkodunf S#S#.SSE. SEESSE VGgg *— S•„ ER AE ES E SS#g =DSSNES S400U S 8 9 E. 9 o a Mg.." 9 S SSSSEER S RSSSSSSSSES •U 8 —* □ a S 8 . S 2 5 S SS G1. S 8 S 5 S 95 E F R. u 3 2 46. S * P2ES * 20 0 SLE SSSSES PEbu as EE S FFoSCLOTSE G—BAROTAAEPS S S S5 •55 Gedanken an der Jahreswende Von Franz Mahlke. Wenn die Turmuhr das neue Jahr verkündet, wendet unmerklich leise das Schicksal ein Blatt in eurem Lebensbuch. Denkt daran, daß es die letzte Seite sein kann, auf der ihr schreibt. Den Stundenkranz eurer Zeit fröhlich abzuschreiten, hat euch die Liebe gerufen! Acht haben, daß die Zeit nicht eure Despotin werde! In der Jugend lächelt sie euch entgegen, um den Mittag eures Seins wird sie eine harte Gläubigerin, und wenn ihr altersmatt das Leben verhaucht, schreitet sie über eure Liebe hinweg und vergißt euch. Weil ihr so selten mit dem Herzen denkt, werden die Uhrenzeiger oft scharfe Schwerter. Wenn ihr als Realschuldner an der Schwelle des neuen Jahres steht, so kann das entschuldbar sein. Wehe aber jenen, die mit ihrer Rechnungslegung vor dem Gewissen nicht bestehen. Carpe diem! Viele stehen resignierend im Abend, wenn sie den Gewissensspiegel wiederfinden, den der alte Weise ihnen einst an der Pforte zum Leben gab: aber sie können den Lebenstag nicht mehr nützen. Aus Sekunden rundet sich das Jahr. Der Ewigkeitsweiser vergißt nicht eine. Ein lebendiger Sekundenschritt bist du im Schicksalsweg deines Volkes. Darum: Sei wach! Sonnwärts heißt der deutsche Weg. Die Zeit ist die Schmiede, in der das Schicksal den Hammer schwingt. Auch Zerbrochenes kommt einmal wieder in die Glut der Esse und wird zu Einem geschweißt. Alles— zu seiner Zeit. gelernt. Frau Rita hat sich nicht um mich gekümmert, ich war der beste Freund ihres Mannes und ihr vielleicht nur als solcher wertvoll. So oft ein werbendes Wort über meine Lippen kam, wies sie mich leise ab... Und mein alter Diener, der ganz verzweifelt ist, daß ich den letzten Wunsch meiner sterbenden Mutter nicht erfülle und ledig bleibe, möchte in seiner zudringlichen Gutmütigkeit mehr wissen als ich. Ich habe dir nicht mehr zu sagen. Deine Frau wartet auf dich, Donald... Aber nun erzähle, erzähle doch, wie es geschehen konnte, daß wir zehn Jahre lang nicht wußten, daß du den Schiffbruch überlebt hast.“ „Als einzig Ueberlebender der Katastrophe trieb ich mich vierundzwanzig Stunden auf einer Planke herum, bis ein fremdes Schiff mich aufnahm.“—„Und warum hast du uns keine Nachricht gegeben? Wo hast du in der Zwischenzeit gelebt?"— Donald lächelte ins Leere.„Höxe mich an,“ sagte er langsam. „Ich kauerte' also auf der schmalen Planke, festgeklammert, daß das Blut unter den Nägeln hervorsickerte. In jeder Sekunde hatte ich den Tod vor Augen. Was das heißt, kann nur der ermessen, welcher in furchtbarer Einsamkeit einen Tag und eine Nacht auf dem endlos weiten Meere verbrachte, ein armseliger Punkt in der Ewigkeit, preisgegeben und doch voller Lebensgier. Unzähligemal wollte ich dem entsetzlichen Schweben zwischen Tod und Leben ein Ende bereiten und die Planke loslassen, sterben, anstatt in jedem Augenblick alle e latine! 78 595 Ein neues Jahr in dessen Schoß schon das Geheimnis der Weltwende liegt. Und tausend Wünsche kreuzen hin und her, wo immer Liebe hoffend sucht. Der zwölfte Schlag,— verhallend klingt er über den Rhein. Das neue Jahr beginnt... Ein neuer Morgen tagt! Von Alice Freiin von Gaudy. Ein neues Jahr. Was bringt es? Neues Wollen, Ein neues Ringen nach den höchsten Zielen? Und Kampf, in dem gelöste Kräfte spielen Und aufeinanderprallen?— Bringt es Grollen Und Richten, Hassen, zähneknirschend Tragen? Auch wohl ein Lieben?... Ueberflüssig Fragen: Wir Deutschen sind so tief im Leid versenkt, So eng umstarrt von Widerwärtigkeiten, Daß freie Güte zagt, sich auszubreiten, Daß jeder nur der eignen Wünsche denkt! —5— Zehn Skizze von Wilhelmine Baltinester. Ein Silvesterabend. Lukas hörte den silbern schwingenden Ton der Flurglocke, dann stand ein Mann im dämmerdunklen Zimmer vor ihm. Etwas Fremdes ging von ihm aus— und doch, er hatte ihn schon irgendwo gesehen. Vor Jahren vielleicht, vor vielen, vielen Jahren. „Sie wünschen?“— Der andere schwieg, schwieg unheimlich lange.„Ja— bitte, müssen doch erklären, was Sie bei mir wollen.“ Lukas war mißtrauisch geworden und drückte auf den elektrischen Schalter, Licht flammte auf. Der Fremde schlug den Mantelkragen zurück.„Erkennst du mich nicht wieder?"— „Donald!“— Der Gast lächelte.„Sehr erfreut scheinst du nicht.“ Er musterte Lukas, der in peinvoller Ueberraschung vor ihm stand.„Entschuldige, Donald, ich war so unvorbereitet. Bitte, lege doch ab. Es ist gewiß äußerst merkwürdig— ich bin noch ganz benommen. Sei nicht böse. Willst du es dir hier bequem machen. So. Erzähle, wie das zugegangen ist, daß du zehn Jahre totgesagt werden konntest und doch am Leben bist!"—„Wie geht es meiner Frau?“ unterbrach Donald die eindringlichen Fragen.—„Gut, sehr gut." Lukas blickte an den Augen des Freundes vorbei ins Leere. Donald beobachtete ihn schärfer.„Ich hörte eben, daß du dich um sie bewirbst.“ Er war bemüht, seiner Stimme ruhigen Klang zu verleihen.—„Wer hat dir das gesagt?“ forschte Lukas.—„Ich habe es erlauscht, als ich hier im Hausflur unerkannt an deinem alten Diener vorbeikam, der mit einigen anderen klatschte.“— Lukas hatte seine Festigkeit wiedergewonnen.„Es muß darüber gesprochen werden. Du sollst Klarheit haben. Es ist nicht viel, was ich dir zu sagen habe. Wir alle hielten dich für tot. Du bist vor zehn Jahren mit dem Dampfer„Heloise" ausgefahren. Es war wenige Tage vor Silvester; am ersten Neujahrstage kam die Nachricht vom Untergange eures Schiffes. Kein Mensch sei gerettet, hieß es. Deine Frau war gezwungen. Witwenkleider anzulegen, obwohl sie das Unglück nicht fassen konnte... Die Gattin des Freundes war mir stets heilig. In den vielen leidvollen Jahren, in welchen ich der vermeintlichen Witwe beistehen durfts, habe ich diese Frau lieben Betörtes Deutschland— halte sinnend ein Im Vorwärtstaumeln, an der Jahreswende: Betörtes Volk, reich' dir die Bruderhände, Wie einst, in Heldentagen, eins zu sein! Eins! Ein gewaltiger Baum, der Wurzeln gründet In heiligen Tiesen— der zum Licht sich hebt, Der Zellen, Fasern, Ringe eng verwebt, Und stärksten Gegendruck den Stürmen kündet! Fasern meines Körpers in kaltem Todesgrauen absterben zu fühlen. Und doch war der Lebenstrieb stärker. So oft ich mich— um endlich Erlösung zu finden— in das schweigende, ernste Meer sturzen wollte, brauste mein Blut lebenheischend auf... Zuletzt lag ich nur noch matt auf der Planke, ohne Kraft. Es war Nacht. Wellen rauschten auf, ein Bug hob sich dunke! über die sprudelnden Wassermassen. Das Licht eines Scheinwersers zuckte auf, weiß, stark, blendend. Meine Augen tranken es auf. Dann Hände, viele hilfreiche, gute Hände. Dann nichts mehr, nichts... Und eines Tages hier! Meine Frau, meine Frau!“— Sie haben also doch Verwandte?“ fragte der Arzt.„Wir haben geforscht, keiner wußte etwas von Ihnen. Wir nahmen an, daß Sie mit dem Dampfer „Sevilla“ gefahren seien, der am Tage, an welchem man Sie fand, gesunken war. Aber die Ueberlebenden versicherten, daß Sie nicht zu den Passagieren gehort hätten.“—„Heloise", lallte ich wie im Traume.—„Sie sind Passagier der„Heloise" gewesen? Dieses Schiff ist doch mit einer Schnelligkeit gesunken, die es ganz unmöglich erscheinen ließ, daß sich jemand retten konnte.“„Und doch— es ist wie ein Wunder! Aber, bitte, erklären Sie mir, wie konnte ich zehn Jahre so leben, ohne Erinnerungsvermögen, ganz im Vergessen?" fragte ich.„Es ist die Wirkung eines überwältigenden Schreckens. Man fand Sie zusammengekauert, regungslos auf einer Planke. Man hatte das Meer nach Schiffbrüchigen der„Sevilla“ abgesucht... Auf keine Frage gaben Sie Antwort. Wer weiß, wie lange Sie im Meere herumtrieben?“— Ein Tag stieg vor mir auf und eine Nacht. Mein Blick traf die Wand vor mir, ein Bild: Wasser, ein Schiffbrüchiger auf einer Planke. Der Arzt folgte der Richtung meiner Augen.„Das Bild hier hat Sie aus Ihrer Versunkenheit erweckt. Wir haben allerlei versucht, vergebens; Ihr Erinnerungsvermögen schien erloschen. Da kam ich auf den Gedanken, das Bild eines Schiffbrüchigen in lebenswahrer Darstellung von einem jedeutenden Maler anfertigen zu lassen und es Auge darauf falle ein Erwachen zwischen weißen Wänden. Vor mir Wasser, eine Planke. ein Mensch, der sich in rasender Todesangst festhält. Ich wandte den sender Todesangst festhält.„Ich w. Kopf zur Seite. Neven mir sah ich zwei prusende, freundliche Augen. Ich hatte sie wie im Traume schon irgendwie gesehen; aber es war immer, als läge Nebel zwischen mir und ihnen. Nun musterte ich alles. Ein Zimmer, fremd und doch bekannt; auch wie ein Raum, den man einmal im Traume gesehen hat. Alles in mir erwachte, unzählige Augen schienen sich nach schwerem, furchtbarem Schlafe aufzuschlagen. Neben mir fragte eine leise, gütige Stimme:„Erinnern Sie sich...?“ Erinnern Sie sich...?“ Ein Blitzstrahl traf die milchweißen Wände des Vergessens. Sie sprangen, teilten sich, stürzten. Das Gesicht meiner Frau stieg auf— die Heimat— der Hasen das Schiff — die Katastrophe des Unterganges.„Wo bin ich?“ schrie ich gellend.„Beruhigen Sie sich. Bei Freunden.“—„Wo? Wo? Und wie lange bin ich hier?“ drängte ich.—„Ach, nicht lange, nur ein paar Jahre.“—„Wer sind Sie?"— „Ein Arzt!“—„Und wo bin ich?"— Er schwieg.—„In einer Heilanstalt?" fragte ich gepreßt. Er nickte und legte mir die Hand auf den Arm.—„Welches Jahr schreiben wir?“ keuchte ich.„Ich beschwöre Sie, sagen Sie mir die Wahrheit!“— Er nannte mir das Jahr; lich zuckte zusammen.„So bin ich zehn Jahre so anzubringen, daß Ihr Auge valauf faulen mußte. Denn ich rechnete damit, daß der furchtbarste Augenblick Ihres Lebens doch irgendeinen Funken der Erinnerung hinterlassen haben müsse. Und nun sitzen Sie schon viele, viele Stunden vor diesem Bilde. Zuerst streifte Ihr Blick es, blieb leer und glitt, ohne es eigentlich gesehen zu haben, ab. Dann kehrte er zuruck, gewann an Bestimmtheit, saugte sich fest, grübelte. Und nun ist mein Experiment gelungen.“— Donald schwieg. Lukas ergriff die Hände des Freundes.„Wie sehr mußt du gelitten haben!" Der andere schloß einen Augenblick lang die Augen. Dann sagte er langsam:„Ich weiß nun, was Tod ist — und ich liebe das Leben doppelt.“—„Wie klein und nichtssagend erscheint mir alles eigne Erleben und Leiden gegen das deine?" stammelte Lukas.„Darf ich dich zu deiner Frau führen; glaubst du noch an meine Freundschaft, Donald?“— Sie blickten einander in die Augen.„Ja,“ sagte Donald fest.„Aber die Entscheidung liegt bei Rita allein. Vielleicht liebt sie dich und ließ sich nur durch eine Ahnung von meiner Wiederkehr davon abhalten, deine Frau zu werden.“— Es wurde still zwischen den beiden. Zehn silberhelle Schläge sandte die Kaminuhr in das Zimmer. „In zwei Stunden beginnt ein neues Jahr," sagte Lukas.„Deine Frau soll heute den schönsten Silvester ihres Lebens haben.“ Eine weiche, schneehelle Nacht empfing sie mit festlichem Glitzern. ... Rita saß im stillen Speisezimmer. Einsam lag ihr Gedeck auf dem Tische. Das hohe, feingeschlissene Punschglas stand unberührt vor ihr. Schwer ausseufzend holte sie ein zweites Glas und stellte es neben das ihre, legte dann ein paar schwere, leuchtende Rosen auf die weiße Spitzendecke, die in bräutlichem Weiß prangte. Die Hand über die Augen gelegt, saß Rita lange am stillen Tische. Der Duft von Punsch und Rosen stieg auf, so hatte Donald es geliebt, so hatten sie stets Silvester gefeiert. Sie erhob sich, trat gedankenvoll an das Klavier und schlug ein paar Akkorde an. Als sie den Deckel wieder niedergleiten ließ, fühlte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Sie wandte sich um und blickte in Lukas' Antlitz.„Ach— Sie sind es.“— Er unterdrückte ein schmerzliches Zusammenzucken in seinem Gesicht.„Das enttäuscht Sie wohl, Sie hätten gern einen anderen gesehen?" Lukas war bemüht, seinen Schmerz mit einem Lächeln zu verhängen. Mit plötzlicher Entschlossenheit faßte Rita seine Hand:„Es muß zwischen uns endlich klar werden, Lukas. Werben Sie nicht um mich. Nicht mit Worten und nicht mit diesen traurigen Blicken. Verzeihen Sie, wenn ich Sie verletze; aber ich kann nicht Ihre Frau werden. Donald wird zurückkommen, ich fühle es, ich weiß es und warte. Hören Sie mich an. Es war ein paar Tage vor Silvester, als sein Schiff den Hafen verließ. An jenem einsamen Silvésterabend war ich allein. Dunkle Vorgefühle einer nahenden Katastrophe quälten mich. Es gibt Menschen, die Böses, Drohendes, Furchtbares ahnen znebelhaft und dumpf, aber doch mit zwingender Schärfe wissen Sie es, wenn Unglück sie bedroht. Ich versuchte, mich zu betäuben, ich holte Bleikugeln hervor, die noch vom vergangenen Silvester her im Hause waren. Ich goß Blei. Die weiche Masse formte sich im halten Wasser deutlich zur Zahl zehn. Ich wußte nicht, was damit anzufangen sei. 1565 das bedeuten solle. In meiner Unruhe suchte ich damals überall ein Orakel und klammerte mich an den alten Silvesterbrauch. Noch einmal erhitzte ich das Blei— wieder zehn. Meine Unruhe verschärfte sich. Mißmutig warf Tewvich ich die beiden Bleifiguren auf den Teppich. In der Nacht fand ich keinen Schlaf, sprang aus dem Bett und wanderte in den dunklen Zimmern auf und ab. Mein Fuß trat auf etwas Hartes, das sich schmerzhaft gegen die Sohle preßte; ich löste es ab. Die Zahl zehn schimmerte vor mir in silbrig leuchtendem Blei. Sie verfolgte mich, sie wuchs in der einsamen Nacht riesenhaft, eine Bestimmung, ein Schicksalszeichen, unverständlich, aber stark und unentrinnbar.... Am folgenden Tage kam die Unglücksbotschaft, das Schiff, auf dem sich mein Mann befunden hatte, war gesunken. Zehn... Ich habe gegrübelt, was es zu bedeuten, welche Rolle diese Zahl in meinem Leben zu spielen habe. Ich wurde abergläubisch, sagte mir: warten, zehn Tage warten, erser Geschäftsmann war, geschwaderweise, um zu wird sich gerettet haben und Nachricht senden. gratulieren. Ich als kleiner Bub, saß still im ich ch gerettet haben und Nachrichts Als die zehn Tage um waren. verwandette sie in zehn Wochen; dann in zehn Monate Zuletzt blieb mir nur die Hoffnung: zehn Jahre. Heute sind sie um. Ist es der Wunsch in mir, das brennende, unbezähmbare, zwingende des rastlosen Hoffens? Ich glaube, heu#te muß Donald kommen, er wird vor mich hintreten und—“ Aus dem Nebenraum kam Donald hervor. Sein Gesicht war tränenüberströmt. Rita sah ihn an, langsam tastete sie sich zu ihm hin, fuhr mit der zitternden Hand über seine Wangen, fühlte die Tränen und stürzte ihm in die Arme. — Langsam trat Lukas zurück, dem Freunde gehörte jetzt das Leben, das er zehn Jahre entbehrt hatte. Er hatte mehr gelitten, als geböhnliche Menschen leiden; nun mußte er wieder glücklich werden. Leise, leise verließ Lukas die beiden und schloß die Tür ihres Hauses hinter sich. 1•.— Neujahr Von Fritz Müller, Partenkirchen. weiß Neujahrsgeschichten. Ich weiß Jeder drei. In München war einmal der Winter ungewöhnlich mild. Bis ins Weihnachtsfest hinein blieb's auf den Baugerüsten springlebendig. Dann, um eine Mittagsstunde, biß ein solcher Wolfsfrost durch den ungedeckten Neubau, daß die Maurer holterpolter alles stehen und liegen ließen. Auch einen Balken. Den entdeckten um Silvester sechs Studenten. Studenten waren damals noch verpflichtet, den Neujahrstag anzuulken. Eingetriebene Zylinder waren alter Schnee. Ausgehängte Türen gleichfalls. Abgerissene und vertauschte Namensschilder lohnte kaum ein Lächeln. Und alle diese alten Witze hatten das gemeinsam: kam die Polizei dahinter, gab es Strafbefehle, kam sie nicht dahinter, gab es keine. Die Kunst war, eines mit dem andern so zu kombinieren, daß man trotz Dahinterkommen keinen Strafbefehl erlassen konnte. „Machen wir,“ sagten die sechs, nachdem sie eine Weile vor dem losen Balken gestanden und scharf nachgedacht hatten,„hool=up!“ lupften, schulterten den Balken auf sechs Schultern und marschierten los. Feierlich durch eine Straße. Feierlicher durch die zweite. „Halt!“ sprang aus der dritten ein behelmter Schutzmann. Gehorsam festgebannt im Raume stand der Balken. Taktvoll hoben sich und senkten sich vor Ort die zwölf Studentenbeine, derweil der Schutzmann brüllte:„Was tun Sie da?“ „Wir tragen,“ sagten die Sechs mit priesterlicher Grabesstimme. „Was tragen Sie da?“ „Wir tragen einen Balken,“ beharrte man tiefernst. „Wohin tragen Sie den Balken?“ „Wir tragen den Balken spazieren,“ scholl es voll und mild. „Ha, spazieren! einen Balken spazieren! Ihnen wird man's zeigen— mitgegangen!“ Der Balken wanderte im Raume wagrecht, unter ihm im Takte senkrecht auf und ab zwölf Beine, vor ihm wütend der Schutzmann. Wachtlokal. Gelangweilt drin ein Leutnant. Auf geht die Türe. Hinein mit Zubehör der Balken. Der Schutzmann rapportiert.„Schon gut,“ der Leutnant, der ein Lächeln mühsam sich verbeißt,„meines Wissens ist das Spazierentragen von Balken nicht verboten— die Herren können gehen.“ Feierlich geht's wieder durch eine Straße. Feierlicher durch eine zweite. „Halt!“ springt aus einer dritten abermals ein Helm,„was tun Sie da?“ „ür tragen.“ „Was tragen Sie da?“ „Wir tragen einen Balken?“ „Wohin tragen Sie den Balken?“ „Wir tragen den Balken spazieren!“ „Ha, spazieren— auf die Wache!" Um die Geschichte kürzer zu machen, als der Balken damals lang war: Dem Leutnant ist in dieser Nacht so an die fünfmal jener Balken in sein ödes Wachlokal getragen worden. Beim sechsten Male schlug's ein Viertel vor Mitternacht. Der Leutnant nickte den alten Bekannten zu:„Prosit, meine Herren, da wir uns nun doch schon sechsmal kennen lernten, und dazu die Bitte: Tragen Sie den Balken mit dem alten Jahre zu Grabe und mir aus den Augen, damit ich Ihnen nicht aus Ihren Augen einen Splitter(er wies aufs Protokollbuch) ziehen mußte.“— Das wäre die eine Neujahrsgeschichte, die ich nur vom Hörensagen kenne. Die zweite kenne ich von meinem Vater. Zu dem kamen sie, weil Hintergrund und stellte Stund um Stunde statistisch fest, wer schon alles unsre Tür aufgerissen hatte, um mit ausgereckter Hand zu brüllen:„Un a glickseelings Neijahr taaten wir Ihnen halt winschen, Herr Miller." Die Knechte waren alle dagewesen, die Briefträger hatten ihr„Glickseelings Neies Jahr" abgeladen, der Haarschneider desgleichen, dann der Milchmann, dann des Milchmanns Frau, dann die Kinder des Milchmanns, dann die Schwägerin des Milchmanns, dann die Laternenanzünder, dann— wer zählt die Völker, nennt die Namen... Ganz am Ende— die Statistik war schon abgeschlossen— stapfte es noch einmal vier= oder sechsstieflig herein:„Und a glickseelings Neijahr taaten mir Ihnen halt aa winschen, Herrsnicht. Miller.“ sbeiden. Ich weiß nur dunkel, daß in allen Reden ein Gedanke wiederkehrte, Gott habe Tage in den Fluß der Jahre, seltne Tage eingefügt, an denen wir in Rück= und Vorschau und so weiter... Es kann aber auch was anderes gewesen sein. Und da ist nur eine einzige, fest im Gedächt. nis gebliebene Rede, zu der man den alten Onkel August gezwungen hatte, den stillsten aller Onkel, den man damals schon als kindisch ansah. Der stand auf und sagte:„Neujahr? Neujahr ist alle Tage!“. Und setzte sich und sagte nichts mehr den ganzen Abend. Man sah sich an. Man zwinkerte sich zu. Man raunte, ein Glück sei's, daß die Blamage solchen Unsinns innerhalb der Familienmauern begraben werden könne. „Herrgott, was haben wir seitdem nicht alles innerhalb und außerhalb der Familienmauern begraben.“ sagte mir neulich ein Verwandter, der's zu hohen Aemtern und— was mehr ist— zu den höchsten Taten brachte. „Und wodurch eigentlich?“ wagte ich ihn einst in einer stillen Stunde auszufragen,„ich meine, was im letzten Grunde hat dir all die Zeit den Antrieb fur dein Werk gegeben?“ „Eine Rede.“ „Also eine deiner berühmten—“ „Eigne Reden sind ein Ausfluß, kein Antrieb. Mein Antrieb war eine sogenannte Neujahrsrede unsres alten Onkels August— du wirst sie freilich längst vergessen haben—“ „Neujahr? Neujahr ist alle Tage,“ sagte ich mechanisch,„jetzt versteh ich's— endlich!“ Er sah auf mein ergrauendes Haar:„Spät. Aber nicht zu spät— wohlan, mein Sohn: Heute ist der dreiundzwanzigste März. Heute ist Neujahr. Und wenn du morgen aufstehst, morgen, den vierundzwanzigsten März, vergiß Neujahr ist. Neujahr ist jeden Tag bis an mein Lebensende.“ —.— 1 123 1925 Nun bricht ein neues Jahr herein: Steht mancher allein Am Kammerfensterlein Und starrt in das ganz, ganz Dunkle hinein. Die Sternschnuppe Skizze von Albert Neumann. Das eben war,— war's schlecht? War's gut? Gibt's uns zum Weiter den rechten Mut? Und was nun kommt an anderen Dingen: Wird uns was Tüchtiges draus gelingen? Die Fragen all'! So bang getan! Laß zu den Sternen sie verschweben! Fang' du mit Gott und mit der Arbeit an. So muß das Künftige dir Frucht bereiten, Sei's schon für diese kleinen Sehnsuchtszeiten, Sei's für das Einst,— das jahrlos, wunschlos große Leben! Ottomar Enking. „Wer sind Sie denn meine Herren?“ „Mir? Wer mir san? Ja mei, wer soll'n mir denn sei'. D'Laternenanzünder san mir halt.“ Darauf der Vater mit einem Blick in meine Statistik:„Die Laternenanzünder? Hm, mir scheint, die haben heut schon gratuliert.“ So, jetzt waren sie gefangen. Jetzt würden sie verlegen ihre Hüte drehen— „Da werd'n S' Ihna aber irren, Herr Miller— wissen S', mir san die Laternenanzünder, die wo die Laterna auslöscha tun.“ Laternenanzünder gibt es heute nicht mehr, keine anzündenden und keine auslöschenden. Alles das macht eine seelenlose Uhr im Innern der Laterne. Studenten, die in der Silvesternacht Balken spazieren tragen, gibt es auch nicht mehr. Der Weltkrieg hat sie ausgelöscht. Und so werden eines Tages auch diese beiden Neujahrsgeschichten ausgelöscht sein, man wird sie nicht mehr verstehen. Und was die dritte anbetrifft— Wir feierten Silvester im großen Familien= kreise. Alles, was im Radius von zehn Breitengraden mit dazugehörte, saß am Tisch. Da hatte einer die Idee, es müsse jeder eine Rede halten. Je—der, nun, einige brannten sowieso darauf. Da war ein Bürgermeister, welcher prachtvoll übers neue Jahr sprach. Freilich weiß ich nicht mehr, was. Da war ein Prosessor, der so geistvoll sprach, daß ich es— auch vergessen habe. Da war ein Vetter mit den eingelernten Versen eines großen Dichters,— wenn man mich erschlüge, ich wüßte nicht mehr, welches. Da waren noch ein Dutzend Reden, die hinuntersprudelten, ohne eine Spur zu hinterlassen. Da war gar noch meine eigene, von der ich nichts mehr weiß, ob sie gut war oder lschlecht oder— Gott behüt mich— keins von Aus dem überfüllten Muschelsaal des Nordseebades Büsum trat ein Menschenpaar und ging langsam zum Deich. Ebbe war, und silbernes Mondlicht lag auf den Watten. Ein lauer, wundersamer Sommerabend über Wasser und Land; in weiter Ferne sangen die Regenpfeifer. Im Hafen lagen die Krabbenkutter trocken und ihre Masten standen kreuz und quer. Ein alter Krabbenfischer spielte sein Bandonion mit künstlerischem Empfinden, und im Weiterschreiten wurden die Tone immer leichter; es war, als ob sie in dieser sehnsüchtigen Sommernacht über die Watten schwebten. Auf dem grünen Vorland, das sich vom Deich zum User erstreckte, lagen Menschen und träumten. Hörten auf die Glocken von„Old Büsum“, die in Sommermondnächten erklingen sollen. Die beiden Menschen gingen die t am Strand, der weich und zärtlich jedem ihrer Schritte nachgab. Im Watt raunte geheimnisvolles Weben; Luftblasen platzten millionenfach mit dem eigentümlichen Geräusch, das die Watten so belebt macht. Kleine Priels rannen glucksend. Hinter den Watten lag wie eine silberne Scheibe das Meer. Fern, ganz fern im Westen aus dem Horizont heraus blitzte das Leuchtfeuer von Helgoland. Die beiden Menschen schritten wortlos. Im Herzen des Mannes brannte ein unendliches Weh. „Morgen, gnädige Frau, um diese Zeit, werde ich hier allein wandern.“ „Ja, lieber Freund, morgen muß ich fort.“ „Ich wußte, daß es so sein muß, nicht anders sein kann und konnte doch nicht meiner Liebe zu Ihnen gebieten.— Sind Sie mir deswegen böse, gnädige Frau?“ „Nein, lieber Freund, nein; nur so unendlich traurig. „Wenn's nur ein Flirt wäre,“ sprach er weiter,„ein Badeflirt— vierzehntägig, flüchtig: —— aber das ist es eben nicht. Alles, was ich an Liebe zu vergeben habe, gehört Ihnen vom ersten Augenblick an. Ich war einsam so lange; dann kamen Sie. Wie war mein Herz so freudig erregt, als ich Sie sah. Wissen Sie, gnädige Frau, was es sprach? Da ist dein Mensch! Aber—— meine Augen sahen den Ring. Drei Wochen bin ich nun neben Ihnen Alles, was mir diese Erholungszeit an Freude und Glück gespendet hat, waren Sie, kam von Ihnen. Wissen Sie, Frau Gertrud— bitte, lassen Sie mich diesen Namen heute am letzten Abend aus. sprechen— wissen Sie, wie es mir ergeht? Wenn ich in meiner Heimat bei der Arbeit bin. dann kommt mir zuweilen, ganz unbewußt, der Herzenswunsch voller Anbetung—— das möchte ich haben! Und dann kommt gleich wieder die Scheu und die Vernunft: Du bist