Dleretag, E. biür 1980 KLCLMNGFEMPErLGNummer 11 Beilage zum Altender Kreisblait zugleich Neuenrader Zeitung * Goethe und Napoleon Die drei Begegnungen im Oktober 1808. Von Franz Lehnhoff. „Das ist ein Mann!“. Das Wort fiel von Blücher über Napoleon, von diesem über Goethe und von Goethe wiederum über Napoleon. Alle drei sprachen unter dem tiefen Erlebnis einer persönlichen Begegnung. Was den Franzosenfresser Blücher betrifft, erfolgte sie unter für ihn keineswegs ruhig und sachlich stimmenden Umständen. Blücher stand als Gefangener vor dem Kaiser der Franzosen. Der zum Austausch bestimmte preußische General hatte den französischen Truppen als einer der vereinzelten unter vielen den äußersten Widerstand entgegengesetzt, ehe er sich zu der Kapitulation von Ratkau entschloß. Wenn Blücher in seiner so wenig beneidenswerten Lage und bei so vielen bittersten Worten über Frankreich, die über seine Lippen gingen, dennoch dem Kaiser eine solche uneingeschränkte Anerkennung seiner überwältigenden Persönlichkeit äußerte, sollte man es Goethe von keinem Standpunkte aus verargen, daß er die drei Begegnungen mit Napoleon am 2. Oktober in Erfurt, am 6. in Weimar und am 12. nochmals in Erfurt als Höhepunkte seines Lebens betrachtete und das ihm von Napoleon verliehene Kreuz der Ehrenlegion gern entgegennahm, ja sogar die Uebersiedlung nach Paris erwog, um einem Wunsche Napoleons zu entsprechen. „Diese Vorgänge sind Anlaß geworden zu der ungemein mißverständlichen, Goethe äußerst ungerecht behandelnden Redeweise, daß er im Gegensatz zu dem feurigen Körner, dem aufrechten Arndt und anderen Tichtern der Befreiungskriege kein Herz und kein Verständnis für die nationalen Sorgen Deutschlands gehabt habe. Unterstrichen wird diese schiefe Betrachtung des größten deutschen Dichters noch durch das von Arndt überlieferte Goethe=Wort, das im Hause Körners im Verlauf eines Gespräches über die Niederwerfung Napoleons fiel:„Rüttelt nur an Euren Ketten! Der Mann ist Euch zu groß! Ihr werdet sie nicht zerbrechen!“ Man darf darüber jedoch nicht den Zusammenhang einer von allen Beteiligten leidenschaftlich geführten Aussprache vergessen, bei der jeder seine Meinung mit heißem Herzen und erregtem Hirn herausschleuderte, und sollte sich erinnern, daß Goethes Wer! und Goethes wunderbare Persönlichkeit von ihm dankbar als einer der beglückendsten Antriebe für seine nationale Wiederaufbauarbeit betrachtet wurden. Und Arndt stand mit diesem Gefühl nicht allein. Fouqué. Offizier. Dichter der„Undine“, berichtet uns, daß er als Erster Goethe am 21. Oktober von der Völkerschlacht bei Leipzie erzählte und der Dichter in die Worte ausbrach:„So wäre derentscheidende Schlag also wirklich schon vollständig geschehen?“ Desto besser!“ Im November 1813 bekannte Goethe dem Jenaer Beschichtsprofessor Luden, daß er schon immer einen Wunsch zach dem„stolzen Bewußtsein, einem großen, geachteten und zefürchteten Volke au ngehören“. gehegt habe. Er tröste ich jetzt damit, daß das deutsche Volk eine Zukunft habe. In einer„Politika“ heißt es in diesem Geiste: „Die Deutschen sind recht gute Leut'; Sind sie einzeln, sie bringen's weit; Nun sind ihnen auch die größten Taten Zum ersten Mal im Ganzen geraten. Ein jeder spreche Amen darein, Daß es nicht möge das letzte Mal sein!“ Dem kann man noch hinzufügen, daß Goethe im Oktober 1808 dem Monat seiner Begegnung mit Napoleon und des Erfurter Fürstenkongresses, die Einberufung eines deutschen Kulturkongresses plante mit der Aufgabe,„die Bande deutscher Kultur und Sitte, die uns einzig noch als Nation bewahren, fest jusammen zu ziehen“! Nein, Nein! Goethe stand schon an seinem Platz trotz der tiefen Napoleonverehrung, die ihn bis in seine letzten Lebenszeiten hinein nicht verlassen hat. Ihm war Napoleon nicht der Franzose, sondern die gewaltige, brennend fesselnde Persönlichkeit. Und der Kasser erwiderte diese Gefühle. Am 2. Oktober 1808 sah er gewiß in Goethe auch den Minister eines Fürsten, den er später„den widerspenstigsten Monarchen von ganz Europa“ genannt hat. Der Diplomat Napolcon mag deshalb sehr zufrieden gewesen sein, als er Goethe erzählen konnte, daß er den„Werther" siebenmal gelesen habe. Von Bourienne, dem Sekretär Napoleons. wissen wir, das Hoethe's„Werther“ tatsächlich zu dem sehr kargen literarischen Gepäck gehörte, das Bonaparte mit nach Aegypten nahm. Er las den„Weriher“, wenn er nach ermüdenden militärischen und politischen Arbeiten seinen Geist anfeuern wollte. In Erfurt fand er im Verlauf der langen Unterredung mit Goethe schließlich Töne reiner Menschlichkeit. Als Goethe die Bemerkung Talleyrands, der mit den Generalen Berthier, Savary und Darn zugegen war, er werde über die Begegnung öffentlich berichten, mit Zeichen des Unbehagens aufnahm, erhob sich der Kaiser von seinem Frühstückstisch und manövrierte Goethe plaudernd in eine Gegend des Raumes, in der sie unbelauscht sprechen konnten. Talleyrand läßt in seiner umstrittenen Darstellung Napoleon über„Werther“ sagen:„Mit dem Ausgang Ihres Romans bin ich nicht einverstanden!“ Goethe antwortete:„Ich bin überzeugt, daß Eure Majestät es gern sehen würden, daß Romane niemals ein Ende haben!“ Diese geistreiche Anspielung klingt zu angriffslustig, als daß Goethe sie getan haben könnte. Nach seiner eigenen— allzu knappen— Darstellung machte Napoleon den Einwand gegen den Werther“, daß Goethe den Eindruck der übermächtigen Liebe zerstöre durch die Hinzufügung des gekränkten Ehrgeizes für die Auslösung des Entschlusses zum Freitode. Das sei nicht naturgemäß. Goethe stimmte Napoleon zu. Vermutlich aus Höflichkeitsgründen. Als scharfer Beobachter wußte er nicht nur aus dem Fall Jerusalem, den er in diesem Punkte natur getreu in den„Wertber“ übernahm, daß der Wille, aus dem Leben zu scheiden, so gut wie niemals aus nur einem Beweggrund durchgeführt wird. Rein künstlerisch geschaut, steht die Meinung Napoleons unbestreitbar auf festem Grunde und wird übrigens auch von Herder geteilt. der sie als einziger Kritiker des„Werther“ äußerte. Goethes Künstlerschaft unterlag aber nicht nur in diesem Fall der für den Dichter unwiderstehlichen Wucht des wirklichen Lebens. Während eines Theaterabends am 6. Oktober in Weimar regte Napoleon Goethe an, in größerem Stil als Voltaire ein Trauerspiel„Tod des Cäsar“ zu dichten. Er möge es zur Hauptaufgabe seines Lebens machen und dabei schildern, welche Bedeutung Cäsar für das Glück der Menschheit gewonnen haben würde, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, seine riesenhaften Pläne durchzuführen. Gleichzeitig schlug er Goethe vor, nach Paris zu kommen und die dortige größere Welt auf seine Schöpfungen wirken zu lassen. Es spricht für Napoleon, daß er an diesem Abend auch „einen ehrwürdigen Greis mit blitzenden klugen Augen entdeckte“. an den er sich erinnerte, als der zu Hause schon längst in Schlafrock und Pantosseln gekrochen war. Die Herzogin erkannte an der Schilderung Napoleons, daß es sich nur um Wieland handeln könne, und ließ ihn holen, wie er war. Napoleon begrüßte ihn— die Wesensart Wielands genial erfassend— sofort wie einen alten Bekannten. plauderte zwei Stunden mit ihm und gab ihn erst frei, als Wieland bat, sich in Hinblick auf sein hohes Alter zurückziehen zu dürfen. Bei der dritten Begegnung mit Napoleon am 12. Oktober in Erfurt bat der Kaiser den Dechter, das Kreuz der Ehrenlegion anzunehmen, das gleichzeitig mit Goethe auch Wieland erhielt. Der genauere Inhalt der drei Unterredungen Goethes mit Napoleon ist niemals bekannt geworden. Des Dichters eigener, das meiste verschweigende Bericht stammt erst aus biner sdöteren Zeit. Aus Geetbes Tagebuchaufzeichnungen Lawinen drohen in dieser Jahreszeit allen Hochtonristen Rettungsarbeiten für Verschüttete, wie sie jetzt oftmal, an den Südhängen der Alpen nötig sind. Wieder werden aus allen Alpengebieten LawinenUnglücke gemeldet, die allerdings in diesem Jahr erfreuzlicher Weise bisher weniger Opfer als bisher gekoste“ haben. Auf allen Südhängen jedoch droht den Skitouristen dauernd die höchste Gefahr, und um diese Jahreszeit sollten Hochtouren nur in Begleitung erfahrener Führer unternommen werden. wissen wir, daß er Napoleon, den er wie ein Näturereignis, empfand, niemals aus den Augen ließ. Er las alle, auch heute noch bekannten Quellenschriften über das Leben Napoleons, wie die Erinnerungen des eng.ischen Generals O'Hara, den Bericht des Grafen Las Cases über St. Helena, die Erinnerungen von Napoleons Wächter Hudson Lowe, die Erinnerungen Bouriennes und versuh die Schrift des Sergeanten Robert Guillemard über Napoleon in der deutschen Uebersetzung mit einem Vorwort. Mit Franzosenfreundschaft hal weder dieser Eifer noch die umfassende Beschäftigung des Dichters mit der französischen Litcratur etwas zu tun. Ebense wie Napoleon, der sich mit einem Unterton der Besorgnis und des Zweifels bei anderen Männern erkundigte, ob Goethes Bedeutung in Deutschland auch ganz allgemein gewürdigt z werde, faßt die französische Literatur und Kritik, die sich sehr eingehend und stets mit bewundernder Anerkennung mit Goethe beschäftigte, diesen Genius unbeschadet seiner Weltbedeutung als kennzeichnendsten dichterischen Ausdruck deutschen Wesens auf. in Hellas Von Richard Busch=Zantner. Mit Goethe durch Italien zu reisen, ist nichts Neues. Dafür hat er seine„Italienische Reise“ geschrieben, die stets noch als das literarische Musterbeispiel einer Reisebeschreibung galt, ein Land ästhetisch wie historisch erfassend, ohne daß dabei die subjektive und objektive Betrachtung der Landschaft allein den kürzeren zöge. Für Griechenland aber, will man sich Goethe zum Reisebegleiter erwählen, ist die Sache durchaus nicht so einfach. Eine griechische Reise etwa gibt es von ihm nun eben nicht. Was sich bei ihm dann und wann über Griechenland findet, ist mehr der hellenischen Kultur gewidmet, der, losgelöst vom ursprünglichen Boden, eine Art Weltbürgertum zugeschrieben wurde, was allenthalben eine beliebige Betrachtung zu rechtfertigen schien. Goethe hat aber den„Faust“ gedichtet. Und wer nicht nur den ersten, sondern auch den zweiten Teil aufmerksam durchliest, wird an Hand des ganzen Helena=Zwischenspiels unschwer ins„Südöstliche“ gleiten, also in die griechische Atmosphäre geraten, die Goethe als Auftakt gleich in der Klassischen Walpurgisnacht auf Thessaliens platter Fläche, den Ufern des Peneios entlang bis zum Fuße des Olymp ja genugsam erleben und leben ließ; eine griechische Handlung in einer griechischen Landschaft, die Goethe selbst in den Szenenanweisungen unmißverständlich nannte. Schwierigkeiten aber macht es schon bei der späteren Szene der mittelalterlichen Burg im Peloponnes. Jedoch wissen wir heute, daß auch hier Goethe sein ganz bestimmtes Vorbild hatte, Mistra nämlich, eine Kreuzritterburg bei Sparta, und über diese einfache Feststellung hinaus hat sich erkennen lassen, daß nicht, wie oft zu lesen, der Dichter seine griechischen Landschaften zwanglos komponierte, sondern daß er sich bewußt und klar eine topographische Vorstellung des griechischen Raumes zurechtgelegt hatte. Goethe hat auf den„Faust“ viel Quellenstudium verwendet, gerade für den Teil der griechischen Landschaften zeine sehr stattliche Zahl deutscher, englischer und französischer Reisewerke gelesen, um sich das Milieu von Hellas richtig vorstellen zu können, dabei ging er, um ja nicht von der Wirklichkeit abzuweichen, soweit, daß er bis auf die Schilderung der wandernden Schafherden nahezu wörtlich auf die Quellen zurückgriff und alles bis in die engste Einzelheit in Versen ausdrückte, was anderswo in Prosa nüchtern erzählt war. Es fällt also gar nicht schwer, auf Wanderschaft in Thessalien oder im Peloponnes mit dem„Faust“ in der einen, mit der Karte in der anderen Hand wenigstens in großen Zügen den Raum wieder nachzuweisen, in dem Goethe seinen „Faust“ spielen ließ. Vor seinem geistigen Auge spielen ließ; die außerordentliche Leistung, die hierin liegt, ist nicht geringer anzuschlagen als der oft erörterte Umstand, daß Schiller, der niemals in der Schweiz gewesen war, dennoch im Tell das Schweizer Milieu so trefflich zu schildern verstand. Wenngleich beim ersten flüchtigen Lesen die griechischen Landschaften im„Faust“ gar nicht so besonders hervortreten wollen, so stecken sie doch im Text, mit einer farbenfrohen Vollblütigkeit sogar, die ihresgleichen sucht; zweifelsohne wird man, legt man sogar nur ganz sachliche Maßstäbe an, hieraus ersehen können, daß Goethe beim„Zweiten Teil“ trotz aller scheinbaren Zerfahrenheit doch recht gewissenhaft vorging. An sich hätte gar kein Zwang vorgelegen, den landschaftlichen Nahmen der Handlung konkret so sehr zu beschreiben; aber Goethe machte eben auch aus der Darstellung allein des Hintergrundes eine ernste und wichtige Sache und wandte auf sie mehr Fleiß auf. als anderwärts mitunter für die Hauptsache angelegt wird.—— Wenn man von Sparta aus westwärts den Hang des Taygetos zur Burgruine von Mistra hinaufsteigt, wandert man ebenso auf Goethes Spuren, als würde man in Venedig beispielsweise über das„Deck des Steinernen Schiffes“ schreiten und sich überzeugen, daß die Kanallöcher der Stadt heute noch ebenso schmutzig sind, wie das seinerzeit schon Goethe tadelnd bemerkte. Die Atmosphäre, die der Bereich einer deutschen Dichtung schafft, ist in diesem Falle freilich ganz gewiß nicht an den Ort geheftet, aber man bringt sie selbst mit sich, faßt man nur schon den bloßen Gedanken. Es hat viel Reiz, hier auf der Burg von Mistra mit dem wundervollen Ausblick auf das spartonische Land und den langsam fließenden Eurotas den„Faust“ zu lesen, und fast ist man versucht daran zu denken, hier einmal ein Spiel des„Faust II.“ zu improvisieren, so wie in Griechenland allenthalben ja antike Dramatiker in antiken Theatern neuerdings wieder aufgeführt werden. In Thessalien hingegen fehlt in erheblichem Umfang die Bedeutung des„Faust“. Der deutsche Reisende wird ratlos in der Walpurgisnacht blättern und den Zusammenhang suchen. Dies liegt in erster Linie wohl an der Landschaft, denn sie ist uferlos, platt, kahl, trocken, dürr. Es fehlen ihr Zusammenhang und Grenze; es ist eine Ebene, die alle Spekulationen gestattet, richtig der Platz zum tollen Spuk der Antike, in dem selbst(oder gerade) Mephistopheles, Repräsentant des Nordens. den Kopf verlor und an der Nase herumgeführt wurde. In Mistra handelt es sich nur um eine Burg, hier aber um die Unendlichkeit: Grund genug, zu verstehen, daß die enge Beziehung zum Text mitunter fehlt und erst am Flusse Peneios wieder Tatsache wird— oder aber ganz oben im Nordosten des Landes, wo die absurden Dorniers neueste Flugreise über den „Do K 3“ beim Probeflug über den Alpen. Das zwölfmotorige neue Riesenluftschiff der Dornier=flug vom Bodensee über die Alpen und zurück, der vorWerke„Do X3“ unternahm einen längeren Werkstätten=züglich geglückt ist. Meteorfelsen stehen, ein naturgewachsener Karneval der Steine, der, im Dämmer gesehen, selbst ein Spuk ist und geradezu zwingt, den„Faust“ aufzuschlagen. Sogar das Elend Thessaliens sieht sich über die klassische Walpurgisnacht hinweg viel freundlicher an. Da ist beispielsveise Pharsalus, also der Ort, wo Faust, Mephistopheles und Homunkulus auf ihrer Zauberfahrt durch die Lüfte auf griechischem Boden landen. Hier wachst heute Weizen, schos goldgelb, oder Mais, grün in der Farbe; da ist eine Stadt der man die Trostlosigkeit der Türkenzeit noch ansieht, de noch immer triste Moscheen in den tristen, armseligen Häuserzeilen stehen. Wer nach Hellas fährt, nehme den Faust“ mit. Wem es nicht erlaubt ist, die erlauchte Erde selbst zu betreten, der lese die Szeuen der griechischen Landschaften im„Faust“ doppelt und dreifach, denn, so abwegig es scheint, es gibt keine bessere Schilderung griechischer Oertlichkeit als diese wenigen Verse. Obgleich sie nichts, gar nichts über die griechische Landschaft sachlich berichten, genügt ein Wort, eine Wendung, um in ihnen den Geist doch so sehr zu fesseln, daß die uuwahrscheinliche Romantik der Ritterburg Mistra ebenso plastisch beleuchtet wird wie der thessalische Spuk. Wikingergräber in Interessante Funde eines uirainischen Archäologen. Von Dr. Friedrich Melzer. Wie in anderen Ländern war auch in Rußland das verflossene Jahr für die archäologische Forschung reich an bedeutsamen Altertumsfunden. Als einige der wichtigsten können wohl diejenigen des russischen Forschers P. Smoliceo angesehen werden, der in der Nähe der ukrainischen Stadt Cernigov im Verlauf seiner Ausgrabungen auf Wikingergräber stieß, die angeblich aus dem neunten Jahrhundert nach Christi Geburt stammen. Smoliceo glaubte zunächst die Ueberreste von Sevorjanen, einem ausgestorbenen slawischen Volksstamm, vor sich zu haben, erkannte aber bald an Hand des zutage geförderten Grabschmucks und der ganzen Bestattungsart den ausgesprochen nordgermanischen Charakter dieser Gräber Sie befinden sich im Innern einer Kette mäßig hoher HügelMan stieß auf gezimmerte Särge, in denen— den vorgefundenen Schädel= und sonstigen Knochenformen nach— große nordische Menschen beigesetzt worden waren, und zwar handelte es sich stets um Doppelgräber. Mann und Frau beziehungsweise Sklavin lagen beisammen, die Frau immer zur Linken des Mannes. Auch Gerippe von Pferden, die zu Füßen einiger Männer beerdigt worden waren, wurden gefunden, ferner zahlreiche Waffen, Schmuckstücke und Hausgerätschaften sowie eine besondere„Wegzehrung“ in Gestalt von Tierteilen, die am Kopfende der Toten niedergelegt sein mußten. Auch sonst waren die Beigaben teilweise sehr reichlich bemessen. In einem einzigen Grabe lagen 1 eisernes Schwert mit bronziertem Griff, 1 Lanzenspitze, 14 Pfeilspitzen, 3 eiserne Messer, einige Sattelbeschläge, 1 mit Tierornamenten versehenes Trinkhorn, 15 verschiedene Riemenbeschläge in Silber und Bronze, 1 Beinkamm und anderes mehr. In Rußland selbst kannte man bisher keine derartigen Gräber, wohl aber in Schweden, und zwar aus ähnlichen Funden aus den Wikingerstädten Birka und Hedeby. Auch diese Gräber wurden im achten und neunten Jahrhundert n. Chr. angelegt. Im übrigen ist es geschichtlich erwiesen, daß Wikingertrupps gegen Ende des achten Jahrhunderts in der Ukraine auftauchten. Nach der altrussischen Nestorchronik eroberte des Wikingerfürsten Rurik Sohn Igor Kiew, die damalige Hauptstadt des russischen Slawenreiches. War man in dieser Hinsicht bisher auf mehr oder weniger unsichere Ueberlieferungen angewiesen, so erbrachten die Cernigov= gräber=Funde den Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme. Erwähnenswert erscheint in diesem Zusammenhang für uns Deutsche der von einem schwedischen Archäologen vertretene Standpunkt, daß es sich bei diesen Wikingergräbern in Skandinavien und Rußland um einen von Nordwestdeutschland nach Skandinavien verpflanzten Gräbertppus handelt. Goethes Alpenfahrten Von Georg Wagener. „Kennst Du den Berg und seinen Wolkensteg?. Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg, In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut, Es stürzt der Fels und über ihn die Flut: Kennst Du ihn wohl? Dahin, dahin Geht unser Weg! O Vater, laß uns zieh'n!“ Mignon singt es in„Wilhelm Meisters Lehrjahren“. doch in Wirklichkeit ist es ja Goethe selbst, der hier seiner Sehnsucht Worte verleiht. Zwei Reisen hatten ihn damals (1782) in die Alpen geführt und dem jungen Genius die Schönheiten einer Welt erschlossen, die für die meisten seiner Zeitgenossen nur Schrecken barg. Im Sommer 1775 sah der Sechsundzwanzigjährige zum ersten Mal die Wunder der Hochgebirgswelt. Der Entschluß zur Reise war einem reinen Zufall zu verdanken und dann nicht zuletzt auch dem Wunsch entsprungen, Befreiung von der übereilten Verlobung mit Lili Schönemann zu finden. Vielleicht sollte die Reise über Zürich gar nicht hinausführen. Doch dann schaute Goethe vom hochgelegenen Hause des Dichters Bodmer aus die„blaue Reihe ferner Gebirgsrücken mit größter Sehnsucht“, und sein Weg führte ihn nun weiter in die neue Welt hinein, die sich ihm dort oben erschlossen hatte. Das Tal von Schindellegi, Maria=Einsiedeln, Schwyz, der Lowerzer See waren Etappen auf dem Wege zum Rigi, von dessen Gipfel ihm trotz schleichender Nebelschleier„ein nie gesehener, nie wieder zu schauender Anblick“ beschieden sein sollte. Der Abstieg zum Vierwaldstätter See führte am Rütli, an der Tellsplatte, an Fluelen vorbei, und in Altdorf wurde übernachtet. In den nächsten Tagen ging es über Amsteg, Wasen, Göschenen, den Teufelsstein, das finstere Urner Loch, das„reinliche Oertchen“ Andermatt und den Gamsboden zum St. Gotthardhaus hinauf. Tausenderlei Eindrücke gab es dort oben zu besprechen, und nur ungern verzichtete Goethe an einem lockenden blauen Junimorgen darauf, nach Süden weiter zu wandern. Denn die Heimat rief. Doch ein Trost war es, daß es auch auf dem Rückwege„des Ungeheuren und des Lieblichen genug zu verarbeiten“ gab. Vier Jahre später trat der weimarische Geheimrat Goethe mit seinem Herzog eine neue Alpenfahrt an. Es ging auf mehrere Tage ins Berner Oberland. Vor dem Staubbachfall bei Lauterbrunnen stand Goethe in Bewunderung; der„Gesang der Geister über den Wassern“ war der Ausfluß dieser Stimmung. Dann führte der Weg die Alpenfahrer über Grindelwald, Meiringen, Brienz und Interlaken nach Bern zurück. In seiner Schilderung von dieser Fahr lernen wir Goethe als den echten, tiefempfindenden Bergwanderer kennen, sagt er doch, er sei unfähig,„die Schönhess e der Oegenstände und ihre Biedlichten, durz das herrliche Stück Alpenwelt entsprechend zu schildern". Und dann verleiht er einem Gefühl Ausdruck, das wohl keine: vor ihm empfing, keiner auf jeden Fall vor ihm so in Worte kleidete: Er bedauert,„daß er nicht allein gewesen. Denn in diesem Falle wäre er höher und tiefer gegangen.“ Goethe sollte auf dieser Reise Gelegenheit haben, noch mehr von den Wundern der Alpenwelt zu schauen. Im beginnenden Winter zog die Reisegesellschaft weiter nach Genf, machte einen Abstecher in den Jura, wagte sich in das Chamonixtal, um das Mer de Glace zu besuchen, ging über den Col de Balme ins untere Wallis hinüber und überschritt sogar den tief im Schnee vergrabenen Furka= und St. Gotthardpaß. Von der Wanderung zwischen Furka und St. Gotthard versichert Goethe, daß er sich selbst eines gewissen Schauders nicht erwehren konnte. Doch als echter Bergsteiger führte er trotz Schnee und Eis, Sturm und Kälte die großartigste seiner Alpenfahrten unentwegt zu Ende. Erst 1786, gelegentlich seiner Reise nach Italien, sah Goethe das Hochgebirge wieder. Dieses Mal führte der Weg über Benediktbeuren, Mittenwald, Innsbruck und den Brenner. Bei Mondschein rollte die Postkutsche an Sterzing und Brixen vorbei, so rasch, daß es Goethe„nur leid tat, die herrliche Gegend bei Nacht und wie im Fluge durchreisen zu müssen". Reiche Entschädigung fand er an dem Sonnenaufgang, den er im weiten Talrund von Bozen erlebte, am sudlichen Himmel, der sich über den Bergen von Trient und Ruvreit wolbte, an der Fahrt über den Gardasee. Er ist so begeistert vom Schauspiel der alten Burg zu Malcésine, daß er den Turm zeichnet und fast als Spion verhaftet wird. Zum letzten Mal sah Goethe die Alpen auf der elftägigen Fußwanderung, die der Achtundvierzigjährige im Jahre 1797 durch Schwyz, Uri, Unterwalden und Zug unternahm. Er wollte die herrlichen Bilder„der alten Freunde, die in früherer Zeit so viel Gewalt über ihn hatten“, wiedersehen. Auf dieser Fahrt kommt aber neben dem Dichter, Schönheitssucher und Menschen auch der Gelehrte zur Geltung. In seinen Aufzeichnungen wird nicht der landschaftlichen Schönheiten allein Erwähnung getan, sondern auch über die geologische und geographische Beschaffenheit des Landes, über die kulturellen Zustände in den berührten Gegenden berichtet. Ohne allen Zweifel sind seine Alpenfahrten für Goethe in geistiger und seelischer Beziehung von großem Werte gewesen. Von Stäfa aus schreibt er selbst an Schiller:„Wenn ich Ihnen nun von meinem Zustande sprechen soll, so kann ich sagen, daß ich bisher mit meiner Reise alle Ursache habe, zufrieden zu sein. Bei der Leichtigkeit, die Gegenstände aufzunehmen, bin ich reich geworden, ohne beladen zu sein. Der Stoff inkommodiert mich nicht, weil ich ihn gleich zu ordnen und zu verarbeiten weiß, und ich fühle mehr Freiheit als jemals, mannigfaltige Formen zu wählen, um das Verarbeitete für mich oder andere darzustellen.“ Wie meisterhaft es ihm gelungen ist, dieses„Verarbeitete für andere darzustellen", zeigt uns Schillers Wilhelm Tell. Denn letzten Endes haben wir den„Tell“ Goethe zu verdanken. Ebenfalls aus Stäfa schreibt er an den Freund daheim:„Ich bin fast überzeugt, daß die Fabel von Tell sich werde episch behandeln lassen.“ Spater gibt er die Absicht, den Stoff selbst zu verarbeiten, auf, dafür aber ermuntert er Schiller, das Thema zu dramatisieren. Schiller griff den Gedanken auf und schenkte uns jenen Tell, in dem er geradezu meisterhaft die Pracht eines Landes zu schildern weiß, das er selbst nie gesehen hat. Aber er kannte ja die Berge aus den Schilderungen des Freundes, der mit offenen Augen— wie kein anderer zu seiner Zeit— durch eine neu erschlossene Wunderwelt gegangen war. Goethe war auch einer der ersten, der empfand und in Worte zu kleiden wußte, was uns heute die Berge bedeuten. „Hat der Mensch solch große Gegenstände der Natur gesehen und ist er mit ihnen vertraut geworden, so besitzt er wenn er diese Eindrücke zu bewahren, sie mit anderen Empfindungen und Gedanken, die in ihm entstehen, zu verbinden weiß, gewiß einen Vorrat von Gewürz, womit er den unschmackhaften Teil des Lebens verbessern und seinem ganzen Wesen einen durchziehenden guten Geschmack geben kann.“ Das war 1779. Es dauerte fast ein Jahrhundert, andere das gleiche erkannt hatten. Irland in Begeisterung über den politischen Umschwung Eine riesige Menschenmenge wartet vor dem irischensirischen Freistaates, Ramon de Valera, dem Führer der Parlament, um dem neugewählten Präsidenten dessirischen Nationalisten, zu huldigen. „Sie sprechen sogar mit den Händen!“ Leopoldo Bitter, der Vorsitzende des Regierungsblocks, lief durch die Sitzreihen der Abgeordneten und beruhigte die Aufgeregtesten. gehe“, sagte soeben einer.„Es wäre eine Schande, dagegen zu stimmen.“ „Bleib! Geh' noch nicht, Alter!“ Ein anderer Abgeordneter meinte entschlossen:„Ich stimme für den Mindestlohn. Es ist mir ganz gleich, wer den Antrag gestellt hat.“ „Keine Uebersturzung! Natürlich mußt Du abstimmen. Du hast recht. Aber warte noch so lange, bis die Abordnung wieder da ist, die den„Alten“ aufgesucht hat.“ Die Abordnung kam zurück. Ihr Sprecher, Guillen, flüsterte Bisolari zwischen zwei Sätzen etwas ins Ohr. Bisolari schwatzte erst irgendwas, wurde warm und beantragte, denselben Mindestlohn für— alle Arbeiter im ganzen Lande. Die Linke sprang auf, als kröche ihr eine Schlange zwischen den Beinen herum. Die Konservativen stürzten aufgeregt in den Gang hinaus. Sie dachten daran, daß ihre Landarbeiter heute nur dreißig Pesos im Monat verdienten. Kleiman schnitt dem Redner buchstäblich das Wort ab: „Nein, Herr Präsident! Das geht nicht. Wir können nicht zugeben, daß ein Peon(Landarbeiter), der in der Provinz salta nur 15 Pesos monatlich verdient, mit einem Schlage 170 kriegt. Ich ziehe meinen Antrag zurück.“ Das war wieder einmal ein Streich des Alten! Ein Reporter rast durch die Mandschurei erbis Von G. H. Neuendorff. Der achtzigjährige ehemalige Staatspräsident Argenkiniens, Hipolito Irigoyen, einst der Abgott des Volkes und wegen der Aufrechterhaltung der argentinischen Neutralität im Kriege auch von den Deutschen hochgeschätzt, ist nach anderthalbjähriger Gefangenschaft am 28. Februar d. J. nach Buenos Aires zurückgekehrt. Die Septemberrevolution von 1930 hatte ihn gestürzt, die vorläufige Regierung, Uriburn, ihn mit zahlreichen seiner Anhänger aus die Insel Martin Garcia im La Plata geschafft. Der im Februar d. J. gewählte endgultige Präsident, General Justo, ließ ihn in sein bescheidenes Heim in der Calle Brasil zurückkehren. Dabei kam es zu einer Schießerei zwischen begeisterten Anhängern Irigoyens und der Polizei, bei der Blut floß. Die„Kleinen rule des Bürgertums können„den Alten“, der allenthalben das Gürteltier genannt wird, da er nur selten aus seinem Wohnbau hervorkam, nicht vergessen; er gilt ihnen als„muy gaucho“, was soviel heißt wie„ein feiner Kerl.“ Von seiner echt kreolischen Schlauheit, die in kritischen Lagen immer einen Ausweg zu finden wußte, gehen zahllose Geschichten um; am bekanntesten ist wohl die Art und Weise, wie er den Eintritt Argentiniens in den Krieg verhinderte. Die Erklärung des Krieges war bereits im Parlament beschlossen, als Irigoyen bestimmte, daß zuerst die Söhne der reichen Argentiner auf den europäischen Kriegsschauplatz geschickt werden sollten. Danach verschwand das Projekt und wurde nicht wieder aus der Versenkung hervorgeholt. Ein Freund des Präsidenten, Dr. Alcides Greca, Mitglied seiner Partei(der Union Civica Radical) und bis zum Sturz Irigoyens Abgeordneter für die Provinz Santa im Nationalkongreß, hat soeben eine interessante und ergötzliche Sammlung kleiner Geschichten aus seiner Praxis als Politiker herausgegeben. Eine von ihnen zeigt, wie überlegen Irigoyen den Kongreß zu beeinflussen verstand. Der Abgeordnete Kleiman— erzählt Greca— hatte die Parteien der Mitte völlig außer Fassung gebracht. Während der Beratung des Haushalts war von ihm überraschenderweise beantragt worden, für alle Arbeiter der Staatseisenbahnen einen Mindestlohn festzusetzen. Der Vorschlag sah harmlos aus; es gab bereits Mindestlöhne für Arbeiter und Angestellte der Staatsverwaltung. Das sollte nun ausgedehnt werden. Wir standen zwischen Wand und Degen. Kleiman hatte sich einen Meisterstreich geleistet. Unsere Partei stützte sich vor allem auf die Eisenbahner: 200 000 Mann. Aber einem Mindestlohn von 6 Pesos 40 für die Staatseisenbahnen zustimmen, während die Privateisenbahnen nur 2. bis 3 bezahlten, hieß den Bankrott der Staatsbahn herbeiführen. Vielleicht war es das Mittel, die Bahn an Privatunternehmer auszuliefern. In uns Abgeordneten kämpfte Patriotismus gegen Parteigeist. Die parlamentarischen Führer wußten keinen Rat. Der Abgeordneter Bisolari hielt eine lange Rede. Darin sagte er — nichts. Er theoretisierte in hochfliegenden Sätzen mit Gleit=, Sturz= und Schraubenflügen. Aber er landete nicht. Er sei nicht ganz einverstanden mit dem Antrag; denn in Deutschlands, in Frankreich... Jaures hätte gesagt... Marx behauptet... Kleiman starrte Bisolari durch seine einen halben Zentimeter dicke Brille an, wie eine Schlange ein Küken hypnotisiert, das sie verschlingen will.„Bis jetzt. wissen wir noch nicht, ob der Herr Abgeordnete für oder gegen den Mindestlohn ist,“ unterbrach Kleiman den Redner wit seiner schrillen Stimme. 488 Seit. „Das wird der Herr Abgeordnete noch erfahren. Keine Scrrsckund elt den enuer Boser Granaten sind ein gefährliches Straßenpflaster.— Der betene Spion.— Entwaffnende Freundlichkeit eines Zensors. Von Franz Schombach. Amerikanischen Millionären, die auf der Großwildjagd im dunklen Erdteil den schmerzlich entbehrten Nerventitze! zu erlangen suchen, dabei jedoch Enttäuschungen erleben, seien einige Monate Reportertätigkeit in der Mandschurei eindringlichst empfohlen. Vielleicht meinen Sie, eine gewisse Beschwerlichkeit und Gefährlichkeit dieses Berufs verstehe sich von selbst? Sicherlich ist diese Art des Schlachtenbummels niemals ein Vergnügen. Aber was den schon von amtswegen zum Rasen verpflichteten Reporter vollends aus der Haut zu jagen durchaus gewillt und geeignet ist, das nennt man die asiatische Seele, deren stoischer Gleichmut dem Weißen stets fremd und unerreichbar bleiben wird. Darf ich Ihnen meinen Chauffeur vorstellen? Ich habe schon immer seine unerschütterliche Ruhe bewundert. Aber kürzlich ist sie mir doch geradezu unheimlich geworden. Das war, als wir von Anganchi nach Tsitsikar fuhren, etwa 35 Kilometer weit, über eine Steppe hinweg, auf der sich wenige Stunden zuvor die Armee des Generals Ma zurückgezogen hatte. Es muß schon eher eine wilde Flucht gewesen sein. Denn die ganze Strecke war von Kopfbedeckungen, Uniformstücken und— ein mehr als gelinder Schrecken fuhr mir in die Glieder!— mit Handgranaten und Wurfminen besät. Wohlverstanden: von solchen, die ihre Aufgabe, menschliches Gebein zu zerreißen, noch nicht erfüllt hatten. Als ich die Gefahr erkannte, war es schon zu spät: der Chauffeur raste mit äußerster Geschwindigkeit über dieses verderbenschwangere Pflaster. Er mochte wohl denken: Da wir nun einmal mitten drin sind, ist es das Schlauste, sich tunlichst zu beeilen, um diesen Ort des Schreckens möglichst schnell hinter uns zu bringen. Anfangs bemühten wir uns, durch einschmeichelnde Bitten, dann durch blutrünstige Drohungen dieser unheimlichen Jagd über die Hunderte und Aberhunderte von explosionsbereiten Geschossen Einhalt zu tun. Aber der Asiate blieb taub gegen jegliche Beeinflussung. Einmal nur bequemte er sich zu einer kurzen Unterbrechung der fürchterlichen Fahrt. Da stieg er namlich aus, um einen Arm voll Handgranaten und Wurfminen aufzusammeln. Natürlich nicht, um nunmehr in den Kampf einzugreifen, sondern um sie später— zu verkaufen. Das ging uns denn doch über die Hutschnur, und das saubere Geschäft kam dank unseres in jeder Beziehung kräftigen Einspruchs nicht zustande. Wer an einer solchen Fahrt teilnehmen durfte, wird ein Interview mit einem der stets liebenswürdigen und gemächlichen chinesischen Genergle als unterhaltsamen Genuß betrachten, auch wenn während des Gesprächs japanische Flugzeuge die Umgebung mit ihren meist wohlgezielten Bomben bepflastern. Und die Nachtruhe auf einer Steinplatte oder in einem Laufgraben bei 30 Grad Kälte hat dann fast ebenso viel von ihren Schrecken eingebüßt wie eine nächtliche Fahrt durch ein von Banditen verseuchtes Gebiet. Wenn man also von dem an Wahnsinn grenzenden Verhalten solcher Chauffeure und von der Raublust der Wegelagerer absieht, kann man sich im allgemeinen über das Betragen der Eingeborenen nicht beklagen. Sie sind die Höf lichkeit selbst. Und erst die liebenswürdigen Telegraphenbeamten! Jüngst hatte ich die Feststellung machen müssen daß von den 180 Worten meiner nach der Heimat gerichteten Depesche nur ganze dreißig am Bestimmungsorte eingetroffen waren. Meiner wütenden Beschwerde— denn man hatte mir versprochen, daß man mich von den Streichungen der Zensur rechtzeitig benachrichtigen werde— begegneten die Autoritäten der Postverwaltung von Harbin mit eine solchen entwaffnenden Liebenswürdigkeit, daß es mir völlig unmöglich war, die Einladung der Herren zu einem ergiebigen— Frühstück auszuschlagen. Und man kann nicht einmal böse sein, wenn man und harmlosen Reportern einen richtigen Spion auf den Hacken setzt. Jüngst wurde ein Amerikaner mit einer solchen Ueber. wachung beehrt. Der wackere Japaner nahm es mit der ihm zu teil gewordenen Aufgabe recht ernst. Der Yanker mer auch so rücksichtsvoll, gar keine Rotis davon zu nehmen. als er eines Tages in Mulden den Spion in seinem Eisenbahnabteil sich verstecken sah. Der Amerikaner tat, als bemerke er den Gelben gar nicht. Da aber widerfuhr dem Japaner das Mißgeschick, daß er die Spur des Verfolgten oerlor. Was tat der Reporter? Er telegraphierte an das japanische Hauptquartier, daß er sich zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Stadt befinden werde. Falls der Spion also hier die verlorene Spur wieder aufnehmen wolle, sei er freundlichst eingeladen. Das hätte er nun eigentlich nicht tun dürfen. Denn nun wurde der unglückliche Fährtensucher natürlich arbeitslos. Man sieht, in der Mandschurei sind dem gehetzten Reporter bisweilen auch fröhliche Augenblicke beschieden. Solche Ausnahmen können allerdings über die durch Krieg und Elend, Neid und Gefahren sich überhäufenden trüben Eindrücke nicht hinweg täuschen. Goethe reitet durch den Harz Von Dr. Ludwig Hartmann. „Liebes Gold! Ich hab an keinem Orte Ruh; ich habe mich tiefer ins Gebirg gesenkt und will morgen von da in seltsame Gegenden streifen, wenn ich einen Führer durch den Schnee finde“, so schrieb Goethe unter dem 9. Dezember 1777 an Frau von Stein. Es ist ihm nicht immer geglückt, und es war wohl auch nicht immer die Absicht des weimarischen Staatsministers, sich durch einen Boten begleiten oder führen zu lassen, der bei einbrechender Dunkelheit mit einer Laterne den Pfad des einsamen Reiters erleuchtete. Denn gerade die Flucht in die Einsamkeit war es, was ihn vor allem in den winterlichen Harz trieb. Ein ganz außerordentliches Unterfangen in jenen Tagen, da der Pietist den Leib kasteite und der Anakreontiker ihn in Wein und Rosen verzärtelte. Wohl war der Olympier ein sicherer Mann auf dem glatten Parkett des Hofes, und bei den Festen des Adels warben die schönsten Frauen um einen Blick aus den„allerherrlichsten Augen der Welt“. Aber wie freute er sich im August 1784 darauf, seinen Geburtstag auf dem Brocken feiern zu können. Und wie groß war die Enttäuschung, als dieser Wunsch nicht in Erfüllung ging!„Heute gibt's keinen solchen Feiertag...“, schrieb er aus Braunschweig.„Ich verlebe den heutigen Tag am Hofe und beim Spieltisch. Ach, wie gern strich ich heute zwischen Wiesen, Feldern und Wäldern!" Dieses Umherschweifen durch die reie Natur, wohltuend und so heilsam wie die Kiesel dem Auerhahn, sollte ihm„zur Verdauung der übrigen schweren Winterspeise helfen“. Es sind denn auch wirkliche Steine gewesen, die ihm zur Erfrischung seines geistigen Organismus gedient haben, jene geologischen Studien nämlich, zu denen ihn personliche Liebhaberei und Berufspflicht trieben. Da war es besonders der Maler Kraus, den der Dichter als einen höchst erwünschten Begleiter schätzte. Geruhsam mögen die beiden durch den klippenreichen Harz gewandelt sein. Ab und an flogen dann wohl Felleisen und Mantel ins Gras. Goethe klopfte mit dem Hämmerchen gegen das Gestein, dessen Nam' und Art zu erforschen, während Kraus den Skizzenblock hervorholte, um irgend einen wissenschaftlich bedeutsamen oder einen besonders abenteuerlich gestalteten Felsblock aufzuzeichnen. Die bei diesen Forschungen gewonnenen Kenntnisse sollten dann im thüringischen Staatsdienste nutzbringende Verwendung finden. Wichtiger aber als dieses berufliche Interesse war die Freude an der körperlichen Bewegung. Der doch sonst von lauer Hofluft umfächelte Herr Geheimerat, der durch ausgiebigen Weihrauch zahlreicher Verehrer verwöhnte Liebling der Musen erwies sich als ein gar wetterfester Reiter und Wandersmann.„Ein ganz entsetzlich Wetter hab ich heut ausgestanden“, schreibt er einmal an Frau von Stein.„Was die Stürme für Zeugs in diesen Gebirgen ausbrauen, ist unsäglich. Sturm, Schnee, Schloßen, Regen, und zwei Meilen an einer Nordwand eines Waldgebirgs her. Alles fast ist naß.“ Kennzeichnend ist seine Vorliebe für den Brocken. Als es ihm endlich gelang, den Förster zu bewegen, mitten im tiefen Winter mit ihm den hochsten Berg des Harzes zu besteigen, kamen Goethe die Freudentränen. Besonders der junge Goethe war ein leidenschaftlicher Fußgänger. In„Dichtung und Wahrheit“ heißt es:„Man pflegt mich daher den Vertrauten zu nennen, wegen meines herschweifens in der Gegend, den Wanderer. Dieser Beruhigung für mein Gemüt, die mir nur unter freiem Himmel, in Talern, auf Höhen, in Gefilden und Wäldern zu Teil ward, kam die Lage von Frankfurt zu Statten. Ich gewöhnte mich, auf der Straße zu leben und wie ein Bote zwischen dem Gebirg und dem flachen Lande hin und her zu wandern.“ Neben der Freude an der körperlichen Bewegung ist es dann der unmittelbare Verkehr mit den im eigentlichen Sinne schaffenden Ständen, was den Dichter zum Reisen, sonderlich in den Harz, begeistert. Der Hofmann verbirgt sich unter dem schlichten Namen Weber und tritt als Maler, Jurist oder Reisender überhaupt auf. Er läßt sich wie sein Wilhelm Meister gern vom Schicksal leiten. Er kehrt in den Hütten der Niederen ein. Er lebt und unterhält sich mit den Leuten:„Die Menschen streichen sich auf mir wie auf einem Probierstein: Ihre Gefälligkeit, Gleichgültigkeit, Hartleibigkeit und Grobheit, eins mit dem anderen macht mir Spaß... Der Nutzen, den es auf meinen phantastischen Sinn hat, mit lauter Menschen umzugehen, die ein bestimmtes einfaches dauerndes wichtigers Gehaft haben, ist unsäglich. Es ist wie ein kaltes Bad, das einem aus einer körperlich wollustigen Abspannung wieder zu einem neuen kräftigen Leben zusammenzieht...“ Goethe fühlt sich zu dem Manne aus dem Volke hingezogen:„Da sind doch alle Tugenden beisammen, Beschranktheit, Genügsamkeit, grader Sing, Treue, Freude über das leidlichste Gute, Harmzkeit.“ Und ganz und gar nicht will es zu dem Bilde passen, das man sich gemeinhin von dem Olympier auszumalen pflegt, wenn wir seinen Bericht aus der Gaststube von Ilfeld lesen. Das war, als er sich bei einer weimarischen Jaad anf keinem Rößlein dlötzlich feitwärts in die Büsche schluß, um in dec Harzbergen unterzutauchen. Erst am Abend traf Goethe, von der Laterne eines Boten sorglich geleitet,„nach mancherlei Gefährlichkeiten“ in einem ansehnlichen Gasthofe ein. Der Wirt konnte ihn aus Raummangel nicht anders als in dem eigenen, zuvor noch weiß zu überziehenden Ehebette unterbringen. Es stand in einem Verschlage, dessen Bretter eine Astlucke aufwiesen, und der zuvorkommende Hausherr versäumte nicht, den Dichter darauf aufmerksam zu machen, daß dies die beste Gelegenheit sei, die in der Wirtsstube tafelnden Gäste zu belauschen. Und das hat der Herr Geheimrat auch weidlich getan.„Ich sah die lange und wohlerleuchtete Tafel, wie man oft die Hochzeit zu Kana gemalt sieht... es war ein fröhliches bedeutendes Mahl, das ich bei dem hellsten Kerzenscheine in seinen Eigentümlichkeiten ruhig beobachten konnte, als wenn der hinkende Teufel mir zur Seite stehe und einen ganz fremden Zustand unmittelbar zu schauen und zu erkennen mich begünstigte.“ Die Walpurgisnacht im„Faust“ und die„Harzreise im Winter" geben am deutlichsten die Eindrücke wieder, die Goethe auf seinen drei Harzreisen in sich aufnahm. Auch wer den Dichter nur aus seinen Werken kennt, vermag sich die Gestalt des vom nächtlichen Aufruhr der Naturgewalten umtobten Reiters oder des im strahlenden Sonnenschein offenen Auges Wandernden unschwer im Geiste auszumalen. Ein eigentlicher Naturschwärmer ist Goethe nicht gewesen. Aber wieviel inniger ergreift den Leser das Behagen, mit dem der Dichter seine„Wallfahrt nach dem Roßtrapp“, seine wiederholten Brockenbesteigungen schildert! Höchsttemperaturen im Weltall Neue Forschungen über die Oberflächenwärme der Sterne. Von Hans Felix Rocholl. Gleich unserer Sonne, deren zunehmende Wärme wir jetzt angenehm empfinden, die uns im Hochsommer aber auch häufig recht lästig fallen kann, sind die zahllosen Fixsterne am nächtlichen Firmament glühende Gasbälle, die ihre Wärme nach allen Seiten in den Raum ausstrahlen. Schon seit langem hat die Wissenschaft die Frage aufgeworfen, wie heiß es auf den einzelnen Sternen und auch in ihnen sei. Die neuere Forschung vermochte die Antwort für eine große Zahl Sterne zugeben, wenigstens für den ersten Teil der Frage. Denn ein Verfahren, die Innentemperaturen der Sterne zu messen, kennen wir noch nicht, auch nicht für die Sonne. Was deren Oberflächenwärme angeht, wissen wir dagegen, daß sie um etwas weniger als 6000 Grad Celsius liegt. Derartige Hitzegrade kommen auf der Erde unter normalen Verhältnissen zwar nicht vor, auf künstlichem Wege hat man sie aber auch schon hergestellt. Und zwar war es der Breslauer Dr. Lummer, der einen elektrischen Strom bei einem Druck von 30 Atmosphären durch einen Kohlenstab schickte, worauf dessen Spitze bei einer Temperatur von 6000 Grad zu schmelzen begann. Diese 6000 Grad unserer Sonne bedeuten indessen noch recht wenig im Vergleich zu den Oberflächentemperaturen anderer Sterne. Der helle, weißstrahlende Sirius z. B. weist etwa das Doppelte an Wärmegraden auf. Noch heißer, nämlich 26 000 Grad, ist der Stern Lambda im Orion, bei einem anderen in der Kassiopeia wurden 40000 Grad ermittelt; alle aber werden weit in den Schatten gestellt durch einen Stern im Pegasus, der nach Messungen Dr. Rosenbergs es auf 400000 Grad schon an seiner Oberfläche bringt. Diese unvorstellbar hohen Temperaturen, die an der Oberfläche, also der kältesten Stelle der Sterne, herrschen, verschwinden gegenüber denen, die tiefer im Innern auftreten. Messen zwar können wir sie noch nicht, doch kennen wir Berechnungsmethoden, auf Grund deren wir sie ziemlich zuverlassig schätzen können. Im Innern unserer Sonne soll es nach dem berühmten englischen Astronomen Eddington beispielsweise 40 Millionen Grad„warm“ sein. Wenn man sich derartige Temperaturen auch nicht vorstellen kann, denkbar sind sie durchaus. Wärme ist ja nichts anderes als die Bewegungsenergie der Moleküle, sie wächst mit derer Schnelligkeit. Bedenken wir nun, daß die Moleküle sich in der gewöhnlichen Zimmerluft mit durchschnittlich 500 Metern in der Sekunde bewegen, daß aber eine Temperatur von 40 Millionen Grad einer Molekulargeschwindigkeit von 150 Sekundenkilometern, mithin nur dem Dreihundertfachen, entspricht, wie sie in der Natur nicht selten vorkommt, so muß man zugeben, daß die genannte Zahl sehr wohl denkbar ist und bei jüngeren, heißeren Sternen noch übertroffen wird. Wieviel Schall verschluckt ein Mensch? Der Schall ist bekanntlich eine Wellenbewegung. Findel sie auf ihrem Wege ein Hindernis, das sie nicht durchdringen kann, so wird sie abgelenkt oder zur Ruhe gebracht, vernichtet, verschluckt. Diese Erscheinung spielt namentlich in Vortragssälen eine große Rolle, und auf ihr beruht die Tatsache, daß die Klangwirkung einer Rede oder musikalischen Darbietung oft davon abhängt, ob ein Saal gut oder schlecht besetzt ist. Seit der Siegeszug des Rundfunks dazu geführt hat, daß einerseits besondere Aufnahmeräume geschaffen wurden, andererseits bei allen möglichen Gelegenheiten an allen nur möglichen Orten Uebertragungen stattfinden, wird das Studium der einschlägigen Fragen besonders eifrig betrieben. So fand man auch ein Maß für die Schallmenge, welche die Zuhörer in einem Saal„verschlucken“, indem man sie mit der verglich, die durch offene Fenster entweichen würde. Durch Messung der sogenannten Sabineschen Nachhallzeit bei leerem und besetztem Saal wurde festgestellt, daß jeder Zuhörer ebensoviel Schall auffängt, wie ein offenes Fenster von einem halben Quadratmeter Größe durchlassen würde. Allerdings dienen ihm dazu nicht allein die Ohren, sondern der ganze Körper, in dem aber der größte Teil der ihn treffenden Schallwellen abklingt, ohne dem Gehör wahrnehmbar zu werden." * * Gambrinus zieht in München ein. Der lustige Schutzpatron des Bieres hält seinen Einzug auf dem Nockerberg bei München, wo der Salvator=Ausschank wie alljährlich mit einen fröhlichen Maskerade gefeiert wurde.