rührenden Geschützes, welches wegen seiner, Große und künstlerischen Ausführung ehemals in besonderem Ansehen stand. Während des furchtbaren Brandes, dem in der Nacht vom 14. zum 15. September 1569 das herrliche Arsenal in Venedig zum Opfer fiel— man sagt, das Feuer sei auf Anstiften der Türken geschehen— schmolz das Riesengeschütz, und die flüssigen Metallmassen stürzten in das Meer. Der berühmte Büchsengießer Alberghetti ließ auf Veranlassung des Arsenalobersten Contarini die Bruchstücke des Kanonenmetalls heben, wobei zum erstenmal die Taucherglocke angewendet wurde, und es konnten aus der großen Menge der wieder zu Tage geförderten Stückmassen zehn Schiffskanonen für die neu ausgerichtete Kriegsgaleere„Il Mongibello di Venezia“ gegossen werden. Bei diesem Gusse geschay ein Unglück, indem eine dem Hause des Contarini nahestehende Person— man erzählte, eine verschmähte Geliebte des Stückgießers— in die geschmolzene Metallmasse fiel und darin zu Asche verbrannte. Eines dieser zehn neuen Geschütze gab in der Seeschlacht bei Lepanto am 8. Okt. 1571 von der„Mongibello di Venezia“ aus einen so glücklichen Schuß, daß das feindliche Admiralschiff bald darauf versank. In die so gebildete Lücke drängten sich todesmutig die venetianischen Baleeren und entschieden so den Sieg, der sich bereits auf die Seite der Moslims neigte, zu Gunsten der Christenheit. Don Juan D'Austria, der die vereinigten Flotten Spaniens, Venedigs, des Papstes und der Malteser kommandierte, errang einen vollständigen Sieg; nur dreißig türkische Schiffe retteten sich, nahezu hundert wurden an den Strand getrieben und verbrannt, mehr als hundert erobert; 80 000 Türken wurden niedergemacht und 50000 gesangene christliche Galeerensklaven befreit Man erkannte bereitwillig, daß der glückliche Schuß aus diesem Geschütz des Meisters Alberghetti die Wendung zum Siege eingeleitet hatte, u d der Stückgießer, der auch, wie damals üblich, zugleich mit Stückschütze war, erhielt reichen Lohn und genoß hohe Ehren. Das Geschütz selbst wurde auf einem prächtigen Gestelle in der Ruhmeshalle des wiederaufgehauten Arsenals aufgestellt, und eine Metalltasel kündigte dessen segenbringenden Schuß. —(2.— Wie einst die Amerikaner in Mexiko hausten (Aus vergilbten Papieren eines Mexikaners.) Von Karl Brandes. Die Mexikaner hatten vor hundert Jahren haum die spanische Herrschaft abgeschüttelt, als sie ihre Freiheit auch schon gegen die eroberungssüchtigen Vereinigten Staaten verteidigen mußten. Ein anschauliches Bild aus den Kamssen jener Zeit, besonders von dem Vorgehen der Amerikaner, gaben die Briefe eines merikanischen Edelmannes namens Don Guillermo Prieto; die Schriftstücke wurden kürzlich veröffentlicht. Ueber die Eroberung der Hauptstadt Mex ko durch die Yankees schrieb dieser Augenzeuge u. a. folgendes: „Bei Tagesanbruch rückten die Yankees in die Stadt. Die regulären Truppen in ihren blauen Uniformen und Mützen fielen nicht so sehr auf. Aber die zahlreiche Menge der Freiwilligen wälzte sich in lärmenden Haufen heran Sie liefen wie eine Herde losgelassener Teufel durcheinander und feuerten ihre Gewehre ziellos nach allen Richtungen ab. Den Nachtrab bildete ein Troß von Wagen, mit Segeltuch bedeckt und mit Vorräten und betrunkenen Soldaten angefüllt— ein widerwärtiger„Anblich. Mit den Verteidigern— etwa 15 0wv meist unbewaffneten Leuten, die sich den Yankees schreiend entgegenwarfen— hatten die Eroberer leichtes Spiel. Ohne jegliche Pietät. den Hut auf dem Kopf behaltend, drangen die Amerikaner in die Kirchen ein und richteten sich dort ihre Nachtquartiere ein. Eine besondere Vorliebe zeigten sie für die Beichtstühle und lagen darin— ein Abscheu für die frommen Merikaner—„schnarchend wie die Löwen“. In den Häusern, wo sie übemnachteten, wurde das unterste zu oberst gekehrt. Die amerikanischen Freiwilligen rasten Tiere. Eine Abteilung war am Santa=Clara=Kirche postiert; diese Leute rissen die kostbaren Holzschnitzereien aus dem Gotteshause, um damit ihre Feuer zu unterhalten. Besonders aber riefen die öffentlichen Auspeitschungen die Volkswu t hervor. der es aber nuc im Anfang gelang, den feindlichen Henkersknechten in den Arm zu fallen.“— Das Verhalten der amerikanischen Soldabesha in jener Zeit hat mit dazu beigetragen, daß die Feindschaft zwischen den Mexikanern und den Yankees sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat. —2.— Kristall des Kaisers von China Kaum beachtet liegt in einem Raume des Washingtoner Nationalmuseums eine Kristallkugel von einm Durchmesser von 40 Zentimetern und eiiem Gewicht von fast 50 Kilogramm. Das igenartige Stück steht zum Verkauf: 150000 Dollar! Sicherlich wird sich irgendein samrielwütiger Amerikaner finden, dem diese Surime nicht zu hoch erscheint für ein Kleinod, das einst chinesische Kaiser entzückte. Die Kinst des„Kristallschauens" stand einst im Altertum in hoher Blüte. Der Kristallblock, aus dem die Kugel des Washingtoner Nationalmuseu ns geschliffen wurde, ist angeblich dem Kaiser Kien=lung, der 1746 bis 1784 regierte, von einem Untertanen geschenkt worden. Kien=lung liebte den Kristall, der mühsam zu einer Kugel geschliffen und sorgfältig poliert wurde, was allein sechs Monate in Anspruch nahm. Als ihm jedoch einmal ein Mandarin einen großen Dienst erwiesen hatte, ließ ihm Kien=lung die Wahl eines kostbaren Gegenstandes, und der Mandarin nahm— die Kristallkugel. So erzählt wenigstens die Geschichte. Noch verständl cher wird die Vorliebe der chinesischen Kaiser für Kristallkugeln, wenn man auf ihren Sagenschatz zurückgreift. Darin findet sich die Erzählung vom Kampfe eines tapseren Kaisers mit einem ungeheuren Drachen, der dem Meere entstieg. Nach heldenmütigem Ringen besiegte der Kaiser den Drachen, schnitt ihm den Schwanz ab und trieb ihn zurück ins Meer. In dein abgetrennten„Drachenschwanz aber fand er eine Kristallkugel. Als er hineinblickte, sah er in der Kristallkugel die Gestalten seiner Vorfahren, die ihm durch Zeichen bedeuteten, daß er ein großer Krieger sei. So entstand der Aberglaube, daß die Vorfahren angesehener Chiresen in Kristallkugeln erschienen, daß man, weni man in die Kristallkugel hineinschaue, Vergai genheit und Zukunft erfahre. Fische als Gummibälle. Der im Nil lebende Fahakfisch(Tetroden Fahaka) wird von den Aegyptern seltsamerweise als— Spielzuug benutzt. Nach den regelmäßigen Nilüberschwemmungen bleiben unzählige Fahakfische im Schlamm stecken Sie besitzen die Fähigkeit, sich derartig mit Luft aufzublasen, daß sie richtigen Gummibällen ähnlich werden. Die kleinen am Nil spielenden Aegypter wersen sie spielend durch die Luft und ergötzen sich königlich an diesem Sport. Ein Duell in Grönland. Obwohl din Grönländer ein äußerst friedfer iges Volk sind, kommt es hin und wieder doch einmal vor, daß ein Eskimo von einem anderen bele digt wird. Der Beleidigte gibt nun weder seine Visitenkarte ab, noch er dem Beleidiger seine Sekundanten. Er schreibt vielriehr eine möglichst bissige Satire auf seinen Beleidiger und läßt diese von seinen Frauen sowie von seinen Dienern und Dienerinnen— wenn er solche hat— auswendig lernen. Ist die: geschehen, so gibt er öffentlich bekannt, daß er sich demnächst mit seinem Gegner treffen werde. Dieser hat nach einer solchen Bekanr tmachung nichts Eiligeres zu tun, als nun eberfalls eine Satire auf seinen Gegner zu verfessen. Die Gelegenheit, einem solchen, mit geistigen Waffen auszufechtenden Zweikampf beizuwohnen, lassen sich die Eskimos nicht enttgehen. An dem bezeichneten Tage läßt nun der Verteidiger seine Satire, von Tamburinklung begleitet, vortragen, und in den Kehrreim, den die Satiren meist aufweisen, stimmen alle seine Freunde und Anhänger kräftig mit ein. Sodann erscheint der Gegner auf dem Plan und versucht auf die gleiche Weise die Lacher auf seine Seite zu bringen. Schließlich tritt die„Dorfversammlung“ zusammen und gibt demjenigen recht, dessen Satire als die witzigere anerkannt wird. Dampflokomotive und Starkstromleitung. Ein Ereignis auf dem Bahnhof von Gossau in St. Gallen, das leicht schlimmere Folgen haben konnte bewies kürzlich wieder, daß Rauch und Dampf gute Elektrizitätsleiter sind. Dort hielt kürzlich eine Dampflokomotive zufällig unter den Isolatoren einer Starkstromleitung, und fast augenblicklich schlug unter gewaltigem Getöse und starker Feuererscheinung der elektrische Strom in den Lokomotivschornstein. Glücklicherweise kam das Lokomotivpersonal bei diesem unbeabsichtigten„Feuerwerk“ mit dem Schrecken davon. Vorbildlicher Tierschutz in Kanada. Nachdem die Vereinigten Staaten schon längst ihren Bestand an Großwild eingebüßt haben und auch Afrika mit der fortschreitenden Aufschließung die früher unzähligen Massen jagdbarer Tiere dahinschwinden sieht, gilt nur noch Kanada als Jägerparadies. Hier unternimmt man alles, um die heimische Tierwelt vor der Vernichtung zu schützen. Dreizehn große Tierschutzparks von teilweise beträchtlicher Ausdehnung bergen zahlreiche Arten von Säugetieren und Vögeln. Neben diesen von der Dominium=Regierung angelegten Parks bestehen andere Einrichtungen der einzelnen Provinzen, in denen gleichfalls die Ausübung der Jagd verboten ist. Die in diesen Schutzgebieten herangewachsenen überzähligen Tiere dienen dazu, die Bestände in freier Wildbahn aufzufüllen; weshalb dort an jagdbarem Wild kein Mangel besteht; allein im Tierschutzpark von Wrainwrigth leben z. B. mehr als 8000 Büffel. Der Lällekönig in Basel. Der Brauch, den Feind nicht nur mit Waffen, sondern auch mit Worten zu bekämpfen, wurde schon von den homerischen Helden geübt und hat sich, wie der Weltkrieg zur Genüge zeigte, bis in die Gegenwart erhalten. Wurde dieser Wortkampf im grauen Altertum ritterlich Mann gegen Mann unter Aufbietung gewaltiger Lungenkraft ausgefochten, so versucht die Gegenwart ganz unpersönlich unter Anwendung erheblicher Mengen von Druckerschwärze zu wirken. Mit dem Aufkommen der Feuerwaffen änderte sich nicht nur die Kampfesweise, sondern auch die Art der Verhöhnung des Feindes und stellte sich mehr auf eine allgemeine Wirkung ein, die aber noch örtlich beschränkt blieb. Wir finden diese Art in den„Neidköpfen“. meist in Stein gehauene Fratzen, die, an den Toren der Städte und Burgen angebracht, den anrennenden Feind verspotten sollten. Oft dienten sie gleichzeitig praktischen Zwecken, indem Augen und Mund Schießscharten oder gar. wie am Torturm in Mutzig. Fensterluken und Tore bildeten. Die Baseler errichteten einst eine sehr humorvolle Fratze am Rheintor gegenüber Klein=Basel. Ihr„Lällekönig“— su wurde dieser Neidkopf genannt— konnte die Augen verdrehte und streckte im Takt die Zunge heraus Diese Bewegungen wurden durch ein mit dem Rhein in Verbindung stehendes Triebwerk hervorgerufen. Aber die Oesterreicher. denen als damaligen Herren des anderen Ufers die Schimpf galt, blieben die Antwort nicht schuldig. Sie brachten am gegenüberliegenden Brückenkopf eine Darstellung an, die allgemein als Gegenpol des Gesichtes gilt, und blieben im„Kampf der Bilder" durch diese Andeutung einer durch Goethes Götz von klassisch gewordenen Handlung unbestritten die Sieger. Der letzte Mann. Der letzte Mann, der nicht nur den gleichnamigen Film von Jannings, sondern sogar den Weltuntergang überlebt hat, war Reichstagsabgeordneter: so werden die Ersten die Letzten... Alles war bereits gestorben, nur ein Eisbär und ein einziger Zweifüßler befanden, sich noch am Leben. Die beiden stritten sich darüber, wer den inderen auffressen solle, um sein eigenes Leben um wenige Tage zu verlängern. Der Mensch versuchte, dem Bären beizubringen, daß es geradezu seine Pflicht wäre, sich für die Krone der Schöpfung zu opfern. Er hielt eine so lange Rede, daß der brave Bär darüber einschlief. Als er wieder erwachte, sprach der Mann noch immer. Meister Petz wurde es zu bunt, und barsch unterbrach er den Menschen:„Was sind Sie eigentlich von Beruf?“—„Politiker“, lautete die selbstbewußte Antwort. Ehrfurchtsvoll erwiderte der Bär:„Hoher Herr, ich hölle zwar nie, daß sich ein Politiker jemals geopfert hätte. Immerhin, Ehre wem Ehre gebührt. bin dazu bereit. Erfüllen Sie mir aber meinen letzten Wunsch: Ich möchte gern die rede hören, die Sie mir widmen werden.“ Der Abgeordnete war einverstanden, räusperte sich und legte los... Er war kein schlechter Redner, denn— zehn Jahre später starb der Bär eines natürlichen Todes. Verantwortlich: H. Semmelmann. Altena Druck und Verlag: P. A. Santz, Altena. Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung 5 1. Februar 1928 Deutscher Volkshumor Wir Deutsche necken, foppen und hänseln uns nun einmal gern. Jeder ist der Zielscheibe des Witzboldes ausgesetzt. Ein Blick in die humoristischen Blätter zeigt sogar, oaß Leute von Rang und Namen am meisten boshaften Scherzen ausgesetzt sind. Reichspräsident, Reichskanzler, Dichter, Schauspieler... jedem wird ein Spottverschen angedichtet. Es ist uns allen die eigentümliche Gabe angeboren, die närrischen Seiten unserer Mitmenschen schnell herauszufinden oder ihnen lächerliche Züge und Streiche nachzusagen. Namentlich in den Dörfern und kleinen Städten pflegt man diese zweifelhafte Kunst. Fast jeder Ort hat seinen„sonderbaren Kauz“, seine„Narrenfigur". Jede größere Gemeinschaft hat ihren Hasenfuß, Grobian, Lügenschmied, Pechvogel, Konfusionsrat oder einen anderen„sonderbaren Heiligen". Aber nie bleiben diese Personen reines Naturprodukt, sondern immer wird das Burleske, Komische, Närrische an ihnen vom dichterischen Humor der Nachbarn durch Uebertreibung oder Erfindung gesteigert und noch burlesker gemacht. Manche von diesen Scherzen sind recht grob und ungebührlich. Von Verblümtheit ist gewöhnlich keine Rede. Man hört sie in der Schenke des Dorfes und im Ratskeller der Stadt. Allerdings ist die Fopperei in der Regel nicht böse gemeint, und das alte Sprichwort gilt:„Was sich liebt, das neckt sich!", selbst wenn diese Neckerei sehr unzart ist. Auerbach hat einmal gesagt:„Gott verhüte, daß das Necken unter den deutschen Landsleuten abkomme! Es wäre ein übles Anzeichen, daß auch das Lieben bei ihnen abgekommen sei!“ Eine ganze Anzahl seltsamer Familiennamen dankt diesem Hange zu Neckereien ihre Entstehung. Man denke an Rindsmaul, Ziegenbart, Krautwurst, Katzenellenbogen, Mittenentzwei, Käsebier, Brathering, Schimmelpfennig, Schweinefuß... In dem humoristischen Fabulieren ist man sogar so weit gegangen, daß man vor dem Heiligsten nicht Halt gemacht hat. Dem Weltheiland sind allerlei Schwänke in den Mund gelegt. Gott ist in manchen Geschichten wie König Nobel im Reinicke Fuchs aufgefaßt. Selbst den Teufel hat man nicht verschont, sondern ihn in hundert lustigen Anekdoten als Geprellten dargestellt. So sind im Laufe der Zeit ganze Berufsklassen, ganze Orte und Landschaften in den Bereich dieser schnurrpfeiferischen Behandlung von Menschen und Dingen gezogen und mit neckischen Anhängseln bedroht worden. Zunächst sei daran erinnert, daß eine ganze A.izahl von Gewerben vom Volkswitz Spitznamen erhalten haben. Der Schuhmacher ist ihm ein Pechhengst, der Seemann eine Teerjacke, der Seiler ein Galgenposamentierer, der Händler ein Tütchenkrämer, der Apotheker ein Pillendreher. Zahllos sind die Schwänke, mit denen der Bauer einst an Pastoren und Lehrern sein Mütchen kühlte.„... die größte Wurst muß seine sein, dem armen Dorschulmeisterlein". Der Unteroffizier flucht und wettert im Volksmunde ohne Unterlaß. Ein Amtmann kann nur„saugrob“ sein. Der Matrose ist und bleibt ein gutmütiger Tölpel. Die Leineweber galten als Hungerleider—„mit Fasten halten sie Zusammenkunft“, heißt es in einem Volksliede.„Die Zimmerleut' und Maurer sind die ärgsten Laurer, während sie essen, messen und sich besinnen, ist der halbe Tag von hinnen.“ Von den Schuhmachern sagt ein Spottvers: „Montag ist des Sonntags Bruder, Dienstags liegen sie auch noch im Lude: Mittwoch gehen sie nach Leder, Donnerstag kommen sie weder, Freitag schneiden sie zu, Samstags machen sie Pantossen und Schuh. Reichlich hat endlich der Geist des Schabernacks das ehrsame Handwerk zerzaust und mit der Lauge seines Spottes behauptet,— allerdings ist es nicht erwiesen—, daß einst neunundneunzig Schneider auf einem Kartenblatt einen Ball abgehalten haben und, nachdem sie sich insgesamt aus einem Fingerhut betrunken hatten, beim Tanze durch einen Ziegenbock aufgeschreckt werden, so daß sie alle zum Schlüsselloch hinaussprangen.„Was ein echter Schneider ist, der muß wiegen sieben Pfund.“— Nichts für ungut. Meister und Gesellen!— Das Sprich= wort, daß neun Schneider an einem Ei genug hätten, war schon zu Luthers Zeiten bekannt. Für dumm haben sie aber niemals gegolten. Im Gegenteil, im Märchen überlistet ein schlauer Kleiderkünstler sogar den Teufel und ein Reimspruch sagt:„Mutterwitz und Schneidertrug, dem Teufel selber sind zu klug.“ Wir begegnen sodann ganzen Stämmen, denen die Necksucht der Nachbarn Mängel, Schwachheiten oder Narrheiten angedichtet haben. Die Sachsen sollen knausernde Hungerleider sein, deren Lieblingsgericht Kalbsbraten mit Backpflaumen und deren Lieblingsgetränk der „Blümchenkaffee“ sein soll.„Ach, mei kutestes Herchen... een Schäälichen Heeßen, awer recht süße!“„Ei Herrjeses! und„nu äben!“ sind Ausdrücke, mit denen jeder, der einen Sachsen sprechen läßt, dessen Rede verzieren zu müssen meint. Die Pommern und Bayern gelten als grob und ungelenk. Die Hessen sind blind. Vor allem sind aber die Schwaben Zielscheibe des Witzes und der Spottlust der übrigen Deutschen gewesen. Sehr alt sind die Behauptungen, daß die Schwaben erst mit vierzig gescheit werden, daß sie bis dahin allerlei„Schwabenstreiche" begehen, daß sie nur vier Sinne haben, daf sie kein Herz, aber zwei Magen besitzen, daf sie, wenn ihnen die Braut am Karfreitag stirbt noch vor Ostern heiraten, und dergleichen Pos sen mehr. Die Mär„Von den sieben Schwaben“ ist allbekannt. Endlich konzentriert sich der Humor auf einen bestimmten Ort. Es sind die deutschen Narrenstadte. Die Schildbürger sind allgemein bekannt als solche, die alles verkehrt anfangen, das Licht in Säcken zum Rathaus tragen, das gute Wetter in einer Schachtel verschicken, einen Balken quer durch das Stadttor tragen wollen, ihre Nasen in den Sand stecken, danach die Löcher zählen, um so festzustellen, wieviel Personen sie sind usw. Viel Heiterkeit ruft es hervor, wenn man erfährt, daß die klugen„Schildbürger“ einst einem Schwindler einen Kürbis als ein Eselsei abkauften. Der Bürgermeister soll es ausbrüten. Nach einer Weile entrollt ihm der Kürbis in einen Busch, wo er einen Hasen aufscheucht, über den sich die Leute freuen, in der Meinung. er sei der ausgebrütete junge Esel gewesen. Dem Schilda stehen in anderen deutschen Gauen zahlreiche Städte gleich, wo sich die Füchse und Wölse„Gute Nacht!“ sagen und die Hunde mit dem Schwanze bellen. Es sei nur an Buxtehude, Kleinkleckersdorf und namentlich an das mecklenburgische Taterow, dem auch Fritz Reuter durch seine„Läuschen und Riemels" zu unsterblichem„Ruhm" verholfen hat, erinnert. " Der„große“ Winter vor 1000 Jahren und die Eroberung Vrandenbungs Genau gegenwärtig vor 1000 Jahren herrschte ein ungewöhlich strenger Winter in Mitteleuropa, der, wie kaum irgend ein anderes Witterungsereignis— vom 1812er Feldzug in Rußland abgesehen— Einfluß auf die politische Geschichte unseres Landes ausgeübt hat. Es war die Zeit, da der kraftvolle deutsche König Heinrich I., der„Finkler“ zubenannt, in harten Kämpfen mit den wendischen Völkern begriffen war, die damals alles Land östlich der Elbe innehatten. Eine der stärksten wendischen Städte war damals, genau wie zwei Jahrhunderte später in den Tagen Albrechts des Bären, der die östliche Grenzmark Brandenburg dem deutschen Reiche endgültig gewann, die Stadt Brennabor, das heutige Brandenburg an der Havel die schließlich dem ganzen Lande den Namen gab und die zu einer Zeit, als Berlin und Köln noch unbedeutende Fischerdörschen waren, schon eine stark befestigte Stadt war, die kraftvollste Stütze der Wendenherrschaft. Brandenburg war gegen feindliche Angriffe ungewöhnlich gut gesichert, vornehmlich infolge ihrer guten Wasserlage, die heute noch gelegentlich zu Tage tritt, wenn bei hohem Wasserstand, etwa zur Zeit der Schneeschmelze, ausgedehnte Seeflächen rings um die Stadt sich bilden. Damals waren selbstverständlich diese natürlichen Verhältnisse ungleich schärfer als gegenwärtig ausgebildet. Auf diesen Wasserschutz verließen sich die Wenden vornehmlich. Aber auch wenn Frost die Annäherung ermöglichte, hatte die Stadt nichts zu fürchten, da sie noch mit Wällen gesichert war, die einer Belagerung standzuhalten vermochten, bis wieder eintretendes Tauwetter den Feind ganz von selbst vertrieb. Da stellte sich vor 1000 Jahren, als Heinrich der Vogler seinen Feldzug gegen die Wenden unternahm, ein extrem kalter und langdauernder Winter ein, wie er in Mitteleuropa nur in jahrzehntelangen Zwischenräumen einmal vorzukommen pflegt. Alle Gewässer wurden mit einer dicken Eisschicht überzogen, die monatelang nicht schmolz. Das gesamte königliche Heer konnte übers Eis vor Brandenburg rücken und eine regelrechte Belagerung durchführen, ohne von milderem Wetter vertrieben zu werden. Die Hoffnung der Wenden auf Tauwetter wurde zuschanden, und ihres besten Schutzes beraubt, mußten sie schließlich ihre Hauptstadt dem König Heinrich übergeben. Dr. K. Hennig. Der Hund von Ludwigsburg Von Alfred Richard Meyer. Gewiß, es mag viele Hunde in Ludwigsburg geben, in dieser kleinen württembergischen Stadt des Barock und Rokoko, des Schlosses der Herzöge Eberhard Ludwig, Karl Alexander, Karl Eugen und Friedrich. Ich meine nicht die Hunde aus Ludwigsburger Porzellan, die in biedermeierlichen Vitrinen zwischen Spieluhren, Bonbonnieren, Schnupftabakdosen, edlen Gläsern stehen und so erstaunt dreinschauen— der schöne Plan, die Ludwigsburger Porzellanfabrik zu neuem Leben erstehen zu lassen, ist leider vor burzem ad calendas graecas verschoben worden. Ludwigsburg, die vor dem Kriege so lebendige Garnisonstadt, hat 8 2 S 30 97335 2 PEOERSGTR G#Sgg S32S5L „" „ xdu *„TOE P 55LLET 8 P GURT FSüReE 8 SauEE S• „. 3 O SGLPFWEEG anuna sich in die neue Zeit nicht finden können; eessie, oder vielmehr sie beide, die Uebersetzung hai von seiner Vergungenhe!: zu zeyren. wurde ihr gemeinsames Kind, dann was verErschiternd wird man dessen inne, wenn mun das Ludivigsdurger Schloß besucht, schließlich den Schloßmspemor im östlichen Schloßhofe aufgetrieben hat. Vorher aber bellte sehr lebendig ein Hund auf, gar kein schöner, gar kein edler Hund, der sich der Führung anschließt. Ein Besucher des Schlosses hier, außerhalb der Sommermonate, ist eine Seltenheit, ist ein Ereignis. Oft geht eine ganze Woche hin, ohne daß der Schloßinspektor, von dessen sonst gen Pflichten ich nichts weiß, einen Fremden zu führen hat. Wenn es an Sonntagen zweimal zu einem knappen Dutzend Menschen kommt, wird das Ereignis schier zur Sensation— vor allen Dingen für den Hund, der schon oft an seiner Daseinsberechtigung verzweifelt sein mag. Denn er ist es doch eigentlich, der die Führung übernimmt, mag sein Herr auch beredteren Mundes sein. Das Aufschließen und Oeffnen der Türen hann ihm gar nicht schnell genug gehen. Des gelblichen Tieres Schwanzwedeln huscht die lan gen Gänge entlang. Aber dazwischen muß er aus jedem der hohen Fenster einen Blick geworfen haben, wie wenn er feststellen müsse, daß dieser Blick hier noch immer derselbe geblieben sei. In der Schloßkapelle benimmt er sich ebenso wohlanständig wie in den Galerien und in dem kleinen Schloßtheater, in dem der junge Schiller, Schüler der Ludwigsburger Lateinschule in der Oberen Marktstraße, seine ersten dramaturgischen Anregungen empfing, in dem sich der große Napoleon Mozarts Don Juan vorspielen ließ, nachdem er einen Tag vorher im Zimmer Nr. 190, das früher der Erbprinz Friedrich Ludwig und seine Gemahlin Henrette Marie von BrandenburgSchwedt bewohnten, dem Kurfürsten Friedrich den Bündnisvertrag und die Kriegserklärung an Oesterreich abzwang, und das große Wort sprach:„Wer nicht für mich ist, der ist wider mich!" Den Hund schreckt nicht das unheimlich prächtige Spiegelzimmer, in dem Herzog Kavl Alexander seinen jähen Tod erlitt— in Hauffs dramatischer Novelle„Jud Süß“ künstlerisch gestaltet. Und jedesmal bleibt der Hund stehen, wenn der Schloßinspektor diese Szene erzählt: und jedesmal hört er aufmerksam und, man muß schon sagen: ergriffen zu. Viele Tage vielleicht wird er diese Geschichte nun nicht wieder zu hören bekommen, wenn nämlich die Fremden ausbleiben und so gar kein Interesse für dieses deutsche Stück Versailles haben. Ludwigsburg scheint dem Verfall bestimmt. Hierher müßte ein Pressechef! Mag das Schloß= theaterchen noch so feuergefährlich sein— es müßte möglich sein, hier eine Ludwigsburger Festwoche für den Sommer zu arrangieren. Die große moderne Nachbarstadt Stuttgart brauchte keine Angst wegen all zu großer Konkurrenz zu haben. Und auch in das Leben dieses einsamen Hundes sollte endlich so etwas wie„Betrieb“ kommen, auf daß er nicht, peinlich symbolisch, wie das alte Ludwigsburg dahinsterben muß. Momente in Rom und Neapel Von Eise Luthmer. Kleine Elegie. Noch immer schwingt sich die Spanische Treppe wie eine Jubelfansare nach San Triniti de Monti empor. Noch immer breiten Blumenhändler bunte Teppiche, gewebt aus den Büschen der Rosen, Lilien und Nelken, zu hren Füßen aus. Noch immer plätschert der schöne Brunnen davor im Chorus der römischen Brunnen die Melodie der ewigen Stadt. Alles ist Gold und Blau und Licht. Gibt es noch traurige Menschen? Leidbeladene? Meine Fenster drunten am Spanischen Platz schauen auf diese fröhliche Treppe, und doch sand ich am Fenster meine kleine deutsche Wirtin trübsinnig und verweint. Was war geschehen? Lebensnot? Fehlte es an der Miete? Nichts davon. Ein Buch hielt sie in der Hand das hatte sie zum Weinen gebracht: Goethes „Italienische Reise“, die illustrierte Inselausgabe, die sie auf meinem Tisch gefunden. Ich war überrascht. Sentimentale Deutschlandssehnsucht? Ach nein, aber sie hielt mit diesem Buche ein Stück ihres freudearmen Lebens in der Hand, das reichste und das traurigste. Nach und nach, verlegen zuerst, dann immer beredter begann sie zu erzählen. Es war das alte Lied, dausendmat gefanngen, fautsendmel Ihr Freund war ein gebildeter Mann gewesen, und so wollte er dieses n.— Irnkrnischüber eigentlich nicht er sondern steh: schon ein Italiener von Goethes Sprache? So hatte er sich die junge Sprachlehrerin zur Hilje geholt. Jahrelang haben sie an dem Werk gearbeitet, das war die schönste Zeit ihres Lebens. Dann kam, wie es kommen mußte. Er war ihr Abgott, sie glaubte an ihn und an die gemeinsame Arbeit. Weiter wollte sie nichts. Bis die andere kam. Dann ihre Krankheit, seine Heirat, Alleinsein, Armwerden, Altwerden, Elend, Zimmervermieten. Langsames Vergessen des Tragischen über der Not des Tages, Verstauben, Stillewerden. Da kommt nun plötzlich irgend ein fremder Mensch. Dies deutsche Buch liegt wieder auf ihrem Tisch und reißt den Schleier zurück, den Zeit und Mühsal milde über ihr armes gestohlenes Leben gebreitet haben. „Eine Welt zwar bist du, o Rom; doch ohne die Liebe Wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom!" „Teutones in Links von Sankt Peter, wo die Höse der großen vatikanischen Abgeschiedenheit beginnen, blickt aus hoher gelber Mauer ein kleines Portal mit schönem schmiedeeisernem Gitter. Darauf steht geschrieben:„Teutones in Pace.“ Dahinter liegt ein stiller heimlicher römischer Hof mit grünem Schatten und Brunnenplätschern. Hier haben deutsche Pilger eine letzte Ruhestätte gefunden. Wie die Evangelischen draußen an der Cestiuspyramide, so ruhen hier die Katholiken, beschützt und umschlossen von den Mauern des Vatikans. Der Pförtner des nebenan liegenden Pilgerhauses gestattet gern den Durchgang. Man durchschreitet einen kleinen Kreuzgang und gelangt in einen Garten stillster, vertraumter Abgeschiedenheit. Es ist ein wahrhaftiger Fried=Hof! Deutsche Namen aus allen Gegenden des Reiches glänzen auf den Steinen. Da schläft einer aus Erbach im Taunus. Eine Familie aus Boppard am Rhein hat hier ihre Ruhestätte gefunden. Viele bayrische und österreichische Familien, mancher bekannte Name und manche kindlich rührende Inschrift und Abbildung, ohne große Kunst, aber getragen von einem Glauben, der jenseits von Kunst und Nichtkunst steht. Menschen desselben Glaubens, aus allen Teilen Deutschlands sind hier in ihre wahre Heimat zurückgekehrt. Wie umfangen und beschützt von ihrer Kirche, schlafen sie hier unter Palmen, Cypressen und den weichen wehenden Oelbäumen, im: Sonnenschein und leisem Vogelgezwitscher still und ge trost der Auferstehung entgegen. Das Seepferdchen. Frühe Morgenstunden großer Einsamkeit träumen in den leeren Straßen und den leeren Häuserreihen von Pompeji. Himmel und Mauern und beglückendes Alleinsein mit den Resten einer Kunst, die schlackenrein ausgeschliffen, wie letzte Kultur, und doch jung wie ein spielendes Kind, ihre Formen leicht beseligt auf die Wände hinsingt. Blaue Akelei, tausendjährige, lebendige, triumphierende in den befonnten Höfen:„Was fiel euch ein? Gottähnliche Vollendung? Da kam die große Faust und schlug euch!“ Trümmer und Staub aufgeworfener Straßen in Neapel. Bauzäune, Schmutz und Lärm. Flucht in die kühlen, stillen Räume der zoologischen Station. Unvergänglich frisch und kraftvoll leuchten die Fresken unseres Marées von den Wänden. Ein stiller Dank gilt immer wieder MeierGraese. Dem Deutschen von 1873, der heute noch neben dem Hause der Vettier standhält, setzte er das große Denkmal. Ein weiterer Bogen spannt sich von der unbekümmerten Grazie pompejanischer Wandbilder zu den seelenbeladenen Fresken des Deutschen; und doch ist es verwandtes Blut, zeitbedingt und einander nahe. Zeitlos wird es abec unten im Aquarium, ein neues Reich! Da gibt es Blüten von unerhörter Schönheit, die Duft und Glanz von Luft und Wasser leihen, leicht, fast körperlos, und doch sind es lebende, fressende Tiere. Eine neue, fremde Welt lebt dort unten, vor der man jahrelang erschüttert staunen müßte. Märchenhaft wie zarteste Musik, dabei grausam im Kampfe bis zur gegenseitigen Vernichtung. Ein wenig schwindlig, schaudernd in viesem neuen Reich sucht der Betrachtende nach einem mut, humorvoll fast in ihrer miniaturhaften Vollendung: Die Seepferdchen! Scharf gemeißelt steht eine entzückende kleine vompejanische Bronze unbeweglich im Wasser. Da dreht sich das Pferdeköpfchen schießt nach unten, das Fragezeichen steht auf dem Kopfe, und die kleinen Rückenstacheln folgen in eleganter Linie dem zierlichen und doch monumentalen Körperchen. Es ist Humor in den Tierchen! Mehr aber und wohl ein unfreiwilliger Humor steckt in dem Ausruf eines Herrn, der es hinter mir entzückt seiner Dame zeigt:„Sieh doch diese niedlichen kleinen Seepferdchen! Sie erinnern mich ein wenig an den„Drachen" Tristan's“. in das Italienischeffesten Körper und findet plötzlich die reizendste nüicht er, sonderngeschlossene Fonm, bewegt in unerhörter AnIm hawaischen Urwald Erinnerungen von Hans Soltau. Es war noch völlig dunkel, als früh um fünf Uhr Ikumara, der japanische Diener, meldete, das Pferd stände bereit. Schnell noch einen Imbiß und wenige Minuten später trabte ich durch das noch in tiefem Schlummer liegende Kaanapali den Bergen zu. Die Dunkelheit störte mich nicht, kannte ich doch hier jeden Schritt; um so unangenehmer wirkte dagegen so kurz vor Tagesanbruch die Kälte. Die Nächte sind auf Hawai in einigen hundert Metern Höhe bedeutend frischer, als man es sich gemeinhin vorstellt. Bald war ich an der Honokawai=Schlucht angelangt, der ich jetzt folgen mußte. Im Schritt ging es bergan. Mein Ziel bildeten zwei Regenmesser, die von der meteorologischen Station in Honolulu aufgestellt waren und von uns regelmäßig abgelesen wurden. Nach halbstündigem Ritt hatte ich das Ende der Zuckerrohrfelder erreicht, als der Tag anbrach. Ein schmales silbernes Band umgrenzte einige Minuten lang den Kamm der vor mir liegenden Kukui=Berge und zeigte den Aufgang der Sonne an. Messecscharf zeichnete sich gleich darauf der Bergrücken von dem hell gewordenen Himmel ab, und nach wenigen Augenblikken war es lichter Tag. Ich hielt mein Pferd an und sah mich um. Ein wundervoller Anblick bot sich meinem Auge. Einige hundert Meter unter mir lagen die Häuser von Kaanapuli inmitten wogender Zuckerrohrfelder; noch weiter unten wurde ihr Grün durch den schmalen weißen Streifen der Brandung vom Blau des Meeres getrennt. Rechts begrenzte die steil ins Wasser abfallende, mit üppigem Grün überwucherte, langgezogene Wand von Molokei den Blick, geradeaus erhob sich der leuchtende rotbraune Kegel von Langi. Weiter links schweifte der Blick ungehemmt über die im Frühsonnenschein glitzernde, leicht bewegte, unendliche Fläche des Pazifik. Ueber dem Ganzen das strahlende Licht der Sonne: es war ein Anblick, der, obwohl man ihn fast tägn genoß, immer wieder seine mächtige Wirkung auf das Auge ausübte.— Doch ich durfte mich nicht lange aufhalten. Noch ein langer Ritt lag vor mir. Ueber mit kurzem, trockenem Gras bestandene Hänge führte der Weg bergan. Bald zeigten sich einzelne niedrige Büsche, die allmählich höher wurden und näher zusammentraten; die ersten Koa=Bäume erschienen, wurden zahlreicher und schlossen sich enger aneinander. Durch zunächst noch lichten Hochwald war es ein bequemes, leichtes Reiten, der Weg ohne Schwierigkeit zu finden. Doch nach und nach bedeckte Unterholz von wahrhaft tropischer Ueppigkeit den Boden. Die zierlichen Baumfarne, mir fast bis zur Schulter reichend, schlugen über dem Wege zusammen, so daß ich kaum den Kopf meines Pferdes erkennen konnte. Dazwischen unzählige andere Pflanzen, die mit einer dichten, grünen Decke den Boden überzogen. Der selten benutzte Weg war nur schwer zu erkennen. Jetzt gelangte ich an einen Seitenarm der großen Hanokawaischlucht, den ich im Sattel nicht überqueren konnte. Ich mußte mich von meinem Pferde trennen. An eine lange Leine angepflockt, konnte es an einer lichteren Stelle bequem grasen; ich selbst streckte mich zu halbstündiger Rast ins Gras. Trotz der vorgeschrittenen Mittagsstunde war es unter den hohen Bäumen angenehm kühl. Köstlich schmeckte das mitgebrachte Frühstück, etwas kalter Braten, einige Bananen und die saftigen Mangos, dazu Kaffee aus der Thermosflasche. Hier stand auch der erste Regenmesser. Bald war er abgelesen, der Wasserstand notiert, das Wasser ausgeschüttet und der Apparat wieder in Ordnug gebracht, dann setzte ich meinen Weg fort, nunmehr zu Fuß. Mühsam ging es auf schmalem, steinigem Pfade durch dichtes Unterholz in die kaltfeuchte Schlucht hinab, noch mühsamer an der anderen Seite wieder hinauf. Oft 3 1 8 BSSSBMLASSS n SESOESSE „S P5g2 Ser,„ 52 E FeTE* ESERN mußte das Hiebmesser helfen, den Weg zu bahnen. Doch dann wurde es besser, 1:s Unterholz lichtete sich, und schneller ging es jetzt berg an. Allerdings schien Vorsicht geboten, der Boden war nicht ganz sicher. Risse und Spalten durchzogen ihn. Ein schmaler Weg führte an der Hauptschlucht hin. An ihn mußte man sich halten, wollte man nicht unangenehme Erfahrungen machen. Zunächst ging auch alles gut, doch dann ereilte mich mein Schicksal. Ich war vielleicht einen halben Meter zu weit nach rechts geraten, als ich den Boden unter mir nachgeben fühlte. Ehe ich noch wußte, wie mir geschah, sauste ich in einer Wolke von Pflanzen Erde und Steinen mit großem Geprassel in die Tiefe, um auf dem Grund einer glücklicherweise nur 7 bis 8 Meter tiefen Spaite zu landen. Da saß ich nun. Nachdem ich mich vom ersten Schrecken erholt hatte, überlegte ich mir meine Lage. Gefährlich war sie gerade nicht, konnte aber doch unangenehm werden, denn in Kaanapali würde man mich erst abends vermissen. Mein Proviant befand sich in der Satteltasche, nur etwas Schokolade hatte ich bei mir. Ich untersuchte nun meinen unfreiwilligen Aufenthaltsort näher. Der Spalt war glücklicherweise nicht breit, stellenweise nur bis anderthalb Meter. Die fast senkrechten Wände bestanden aus ziemlich festem Erdreich. Da gab es also die Möglichkeit, nach oben zu klettern: Ich bot alles, was an bergsteigerischen Kenntnissen von früher her noch in mir steckte, auf, und wie in einem Kamin schob ich mich nach oben. Mit den Absätzen schlug ich mir abwechselnd rechts und links„Tritte“ in die Wände, wodurch die Füße Halt bekamen, und so kletterte ich langsam, aber sicher dem Tageslicht entgegen. Doch das Schwierigste kam erst zum Schluß. An der Oberfläche war die Erde sehr weich und gab den stützenden Armen keinen Hait. Immer wieder bröckelte sie ab, und große Schollen stürzten nach unten. Da half nur ein nühner Entschluß. Mit einem energischen Schwunge warf ich mich bäuchlings auf den Spaltenrand, mußte dabei allerdings einen neuen Sturz riskieren. Aber ich hatte Glück. Der Rand hielt, und ich konnte vorsichtig wieder auf festen Boden zurück kriechen. Das war also noch einmal gut gegangen. Allerdings sah ich böse aus. Ein heller Kakhianzug war für derartige Fahrten in die Unterwelt ja auch nicht die zweckmäßigste Bekleidung. Es galt jetzt, die letzten paar hundert Meter zurückzulegen. Der Rest des Weges war auch der beschwerlichste. Er führte durch richtigen Urwald. Kreuz und quer lagen die mit feuchtem Moos überwachsenen Baumstämme. Bald mußte ich über sie hinweg klettern, dann wieder drunter durch kriechen. Die nachmittags regelmäßig, über den Bergkamm kommenden Wolken hüllten den Wald in einen dichten, feuchten Nebel, kurz, es war recht ungemütlich. Man konnte wirklich vergessen, daß man sich unter dem Himmel der Tropen befand. Doch dann hatte ich auch das hinter mir. Der zweite Regenmesser war bald erreicht und mein Auftrag schnell besorgt. Dann trat ich den Rückweg an. Nach einiger Zeit befand ich mich wieder in niedrigeren, aber wärmeren Regionen, der nasse Anzug trocknete rasch, und ohne weiteren Zwischenfall langte ich am Abend in Kaanapali an. Die Stelle meiner„Versenkung“, die ein großes schwarzes Loch schon von weitem kenntlich machte, hatte ich vorsichtig umgangen. Als ich nach vier Wochen wieder vorbei kam, war keine Spur mehr davon zu sehen. Der üppige Pflanzenwuchs hatte eine neue dichte Decke darüber gebreitet. und vierundzwanzig Trompeter. Unnittelbarf Ihre Kräfte fassen aber nach, und schnleßlich * f i e r# m## h l v## r a n d e n s i e 2 H u n d e r t e n; d i e t o t e n F i s c h e vor der Kutsche des Fursrei und seiner Eemahlin erschienen fünfzig der vornehmsten Edetleute auf prächtigen Rossen, den Zug schlossen vierundzwanzig Hellebardiere it kleidsamer Tracht. Als das fürstliche Paar die Kneiphöfsche Landgasse— eine der Hauptstraßen der Stadt— erreicht hatte, wurden demselben von einem jungen Mädchen— als Diana gekleidet, Blumen gestreut. In der Schuhgasse überreichten die Kinder des Bürgermeisters von Derschau, in Schäfertracht, ein mit goldenen Lettern auf dunkelroten Atlas gedruckts Gedicht. In allen Straßen bildete die Bürgerschaft Spalier, und am Abend brannte man ein Feuerwerk ab. Als der Kurfürst im Jahre 1701 zur Krönung nach Königsberg kam, wurde das Programm des früheren Einzugs festgehalten. Am Morgen ließ der Fürst durch vierund zwanzig prächtig gekleidete Herolde sich zum König ausrufen, dann folgte die Krönung und Huldigung. Bei der Huldigung waren die Hofferichts= und Tribunalräte in blauem Samt reit Goldstickerei gekleidet, die Geistlichkeit trug Röcke von schwarzem Samt. Am Abend fuhr der neue König in einem Wagen, dessen Käder und Deichse! sogar vergoldet waren, durch die festlich beleuchteten Straßen der Stadt. Auf dem Platze vor dem Schlosse lief der Wein aus fünf großen Brunnen in Gestalt von sch warzen Adlern, und Gold= und Silbermünzen wurden unter das Volk geworsen, von welchen die geringste drei preußische Groschen, die größte vier Dukaten an Wert hatten. Während der Huldigung hatten die Glocken der Stadt geläutet und das Militär eine dreimalige Salve gegeben. erste Preußenkönig in Königsberg Kurfürst Friedrich III.— der nachherige erste König von Preußen— kam 1690 zum erstenmal, seitdem er die Regierung angetreten hatte, nach Königsberg. Und wie er selbst prachtliebend war und vor seinen lieben Getreuen voll Glanz erscheinen wollte, so hatte auch seine Vaterstadt alles aufgeboten, um den Landesherrn würdig zu empfangen. Die Tore der Stadt waren reich mit Festons, wehenden Fahnen und Blumenkronen geschmückt, die Häuser durch Teppiche, Gemälde und Pflanzenschmuck geziert.— Vor den Toren der Stadt empfing den Fürsten die Fleischerzunft; die kräftigen Männer waren zu Pferde und in prächtige Harnische gekleidet. Ihnen wurde die Ehre zuteil, bei der Einfahrt des Kurfürsten den Zug zu eröffnen. Den Fleischern folgten 500 Trabanten in Kleidern von Elenhaut und blauen Mänteln, darauf der Name des Kurfürsten gestickt war. Hinter dieser stattlichen Schar ritten zwei Mohren, zwei Zwerge, zwei Pauker Ein Nachkomme de Höhlenbären Von Dr. W. Waldersee=Wien. Im hohen Norden schningen sich wie die Reste einer eingestürzten Riesenbrücke die Aleuten von Asien nach Alaska hinüber. Sicher hat hier einst eine breitere Verbindung der beiden Erdteile bestanden, doch ist sie infolge uns nicht bekannter Katastrophen zum größten Teil verschwunden und hat dem Beringsmeer Platz gemacht. Die Landbrücke muß noch in verhältnismäßig neuerer Zeit hinüber geführt haben, denn sie ist der Weg gewesen, auf welchem die Nachkommen des Höhlenbären von Sibirien nach der Westküste Alaskas kamen. Als man die ersten Wohrstätten unserer Vorfahren aus grauer Urzeit, der Höhlenbewohner, wissenschaftlich untersuchte, sand man unter vielen Ueberresten andere: Tiere die Knochen Geleinsen se □ Hlderten, die wien 34 treiben dann wieder zu Tol. An der nächstenStromschnelle verfangen sich einige am Feisen, diese halten wieder andere auf, und schließlich stauen sich Dutzende an einer Stelle. Jetzt ist die gute Zeit für die Alaskabären gekommen. Der Geruch der Fischleichen lockt sie von den Bergen herunter, sie waten in die Bäche und holen die Beute ans Ufer. Sie scheinen sich für die knappe Winterkost entschädigen zu wollen und fressen in der Tat„wie die Bären“. Bei Tagesanbruch und in der Abenddämmerung werden die Hauptmahlzeiten gehalten; tagsüber verdauen die Tiere in Verstecken zwischen den Feisenhügeln.. 4 sturt. Das Reich der Baren, dieser weitvertassene Zipfel der Alaska=Halbinsel, ist deren unfruchtbarster Teil. Den vulkanischen Boden überragt der noch tätige Mount Pavlof; spärlicher Graswuchs deckt die Schrunden des wildzerklüfteten Landes, und fast undurchdringliches, mannshohes Gestrüpp macht es noch unzugänglicher. So gestaltet sich die Jagd auf den Ursus gyas außerordentlich schwierig; jeder Schcitt ist mühsam, alle Augenblicke kann der Jäger unvermutet in eins der vielen Wasserlöcher oder in eine Gesteinsspalte stürzen. Schwärme lästiger Mükken storen die Aufmecksamkeit. Wenn die Zeit des Lachssterbens ist, würde die Jagd verhältnismäßig leicht sein, da der Jäger auf den Anstand gehen kann. Ein Abschießen hat dann aber keinen Zweck, weil der Pelz nichts wert ist. Anders verhält es sich im September, wenn der Bär gut im Futtec und im Haar steht. Dann muß sich der Jäger vor Tagesanbruch einen Stand über dem Tal suchen und von hier aus mit dem Fernglas die Bachläufe beobachten: der dunkle Pelz macht die Tiere schon von weitem kenntlich. Hat der Jäger einen Bären gesehen. so muß er sich irgend einen Orientierungspunkt in dessen nächster Nähe merken und ihn trotz aller Geländeschwierigkeiten zu erreichen suchen. So mag die Pürsche ein oder zwei Stunden dauern. Wenn aber der Jäger endlich sein Ziel erreicht, so hat sich der Bär in den meisten Fällen inzwischen wieder davon getrollt. Deshalb ist die Jagd auf dieses Wild eine reine Glückssache. Leichter kann der Jäger zum Schuß kommen, wenn er den Ursus in den Bergen aus seinem Lager aufstöbert, doch ist dies bedeutend gefährlicher, weil die Tiere den Menschen sofort angreifen. Es gehört dann schon viel Kaltblütigkeit dazu, den nahenden Riesen zu erwarten bis er endlich ein sicheres Ziel bietet. Die Schnelligkeit, mit der die Bären herantraben, ist bei dem plumpen Körper erstaunlich und— erschreckend. Geht der Schuß fehl, und verwunvielen Ueberresten andere: Tiere die Kno.,erschrechend.e geereeg. at ae eur den einer riesigen Barenart, von welcher lebende det er das Tier nicht loduch, so gli es fur den waron Man nannteunglücklichen Schützen haum ein Vertreter nicht bekannt nuren. zum nannte dieses anscheinend ausgestorbene Tier den „Höhlenbären“". Da kam im Jahre 1898 aus Alaska die Meldung, daß Jäger auf den östlichen Aleuten Braunbären getroffen hatten, die an Größe die Höhlenbärei zu erreichen schienen. Es konnten nur winige Exemplare geschossen und in amerikaniche Museen gebracht werden. Die neuentdeckt: Art wurde wissenschaftlich als„Ursus gyas" und als der letzte Nachkomme des Höhlenbären bezeichnet. Man stellte die Tiere unter Naturschutz und erklärte die Insel Unimack an der äußersten Spitze der Alaska=Halbinsel zum Bärenrefervat. Erst in diesem Jahre hat man sich in Amerika wieder mit dem Alaskabiren beschäftigt, und das Nationalmuseum in Nuwyork entsandte den Zoologen Van Campen Heilner, um einige Exemplare für die naturlsistorische Sammlung zu schießen. Van Campen war es möglich, das Leben dieses größten aller Fleischfresser der Jetztzeit in seinen Einzelheiten zu beobachten. Er stellte fest, daß die Lären nicht nur im Schutzgebiet auf Unimack lebten, sondern auch die schmale Wasserrinne, die sie vom Festland trennte, durchschwammen und sich auf der Halbinsel Alaska aushielten. Noch auf dem westlichen, gänzlich unbewohnten Ausläufer der schmalen Landzunge fard van Campen die KSeic vor. Die Bären überwinterr vom Novemver bis April. Spät im Winter werden die Jungen, gewöhnlich zwei, geboren Anfang Mai kommen die Alten mit der Prut aus den Winterquartieren; sie bleiben aler noch oben in den kahle: Bergen und nähren sich recht kümmerlich von den ersten Gräsern und den wenigen Pelztieren, die sie aus ihren Erdbauten herausgraben können. Das Fll ist in dieser Zeit lang und seidenartig doc, infolge des langen Liegens in den engen Winterlöchern zur Verarbeitung nicht geeignet. Im Juni steigen die großen Lachsschwärme die reißenden Küstenbäcke hinauf; sie folgen einem unbezwinglichen Trang, und keine Ermattung kann sie zum Estillstand veranlassen. unglücklichen Schützen nuum ein Entkommen. Van Campen beobachtete auf einem seiner ersten Gänge von seinem hochliegenden Posten aus innerhalb zwanzig Minuten sechs ausgewachsene Bären. Es gelang ihm, sich an ein Weibchen mit zwei Jungen heranzupürschen, und das Tier mit einem tödlichen Schuß ins Gras zu legen; auch die Jungen wurden abgeschossen. Die Bärin war ein prachtvolles Stuck mit gutem Pelz, und auch die Kleinen gaben gute Museumsstücke ab. Die Tiere wurden gleich an Ort und Stelle abgehäutet, die Fleischteile von den Knochen gelöst, Skelett und Pelz im Lager präpariert. Nach diesem seltenen Jagdglück galt es, nur noch ein ausgewachsenes Männchen zu schießen. Hier war die Aufgabe für van Campen bedeutend schwieriger, und er mußte die Hänge des 3000 Meter hohen Mount Pavlof aufsuchen, um endlich einen hervorragend schönen Bären auszumachen. Dieses zweite Jagderlebnis wäre für die Mitglieder der Expedition beinahe unglücklich verlaufen, da das Tier nicht auf den ersten Schuß fiel und nur wenige Schritte vor den Jägern zusammenbrach. Es wog vierzehn Zentner, und das abgezogene Fell maß von der Schnauze bis zu den Fersen volle drei Meter.— Mit der Erlegung dieses Riesen war dec Zweck der Expedition erreicht. Van Campen mußte achtzehntausend Kilometer weit reisen, um die Skelette und Pelze der vier Bären nach Newyork zu bringen. Man konnte daran ermessen, welche Wichtigkeit das National museum dem Besitz dieser seltenen Vertretereiner aussterbenden Tierart beimißt. Die Kanone von Lepauto Einen besonderen historischen Wert hat ein Geschütz des Heeresmuseums im Artilleriearsenal zu Wien. Es ist dies eine kleine neunpfündige venezianische Bronzekanone, an die sich eine zum Teil durch Dokumente erhärtete Tradition seltsamer Schicksale knüpft. Das Material dieses Geschützes stammt aus den Resten eines anderen, aus maximilianischer Zeit her