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Aus Schreie ließen mich ausblicken— ich sah die nunmehr ganz wahnsinnig gewordenen Wilden auf uns zu rennen. Ueber ihre Absicht war kein Zweifel möglich. Wir waren dieser blutdürstigen Horde nicht gewachsen, und indem ich Apu zuschrie, die Kamera fallen zu lassen, eilten wir dem schützenden Dschungel zu— den Aschenabhang hinab fallend, gleitend, stürzend. In dem Buschgewirr würden wir vor den Speeren unserer Verfolger ziemlich sicher sein, und jetzt auf unserer halsbrecherischen Flucht konnten sie kaum mit Sicherheit zielen. Der entsetzte Schwarze, der bei uns Schutz gesucht, eilte voraus. Wenn wir ihm schnell genug folgen konnten, so wußte ich, daß er in seinem Instinkt den Weg durch das Dschungel zur See finden würde.— Der folgende Tag wird uns allen zeitlebens wie ein alpdrückender Traum im Gedächtnis bleiben. Apus und Rotis Messer sausten nach rechts und links, als wir uns den Weg bahnten. Unsere Verfolger schienen stets dicht hinter uns zu sein. Einmal hielt Apu inne und wendete sich um— seine Pistole knallte durch die Stille... ein Schmerzgeheul anwortete ihm. „Der Häuptling!" verkündete er grimmig, und ich wußte: nun ihr Häuptling unschädlich gemacht war, würden wir ziemlich sicher sein. Den Menschenfressern war anscheinend der Mut vergangen, denn nach einer Weile hörten wir sie nicht mehr hinter uns. Mehr tot als lebendig stolperten wir in der blaren Mondnacht auf den Strand. Doch dort schienen alle Teusel los zu sein. Das Ufer war schwarz von gestikulierenden Wilden, und der Name des Häuptlings„Kanna!“ drang an mein Ohr. Die beiden Gefährten, die wir zur Bewachung des Bootes zurückgelassen, hatten anscheinend alle ihre Patronen verschossen und tanzten nun angsterfüllt herum, zuweilen ihren Peinigern unverständliche Worte zurufend. Als wir zum Boot rannten, feuerten wir einige Male in die Luft,— die ganze Menschenfresserhorde stob auseinander. Unsere beiden Leute aber waren ganz irr geworden und konnten Freund nicht mehr vom Feind unterscheiden. Als wir auf das Boot kletterten. bearbeiteten sie uns mit ihren Messern; doch rasch konnten wir sie beruhigen und endlich unsere Ruder ergreifen. So endete mein erstes Abenteuer unter Menschenfressern.— Als in jener Nacht ein sanfter Wind unsere Segel schwellte und wir still durch die Klippen hinglitten, blickte ich nachdenklich zu dem feuerspeienden Berge, dessen böser Schein gegen den dunklen Himmel glühte..“ —1— Sterbende Seen Das jedem bekannte Tote Meer in Palästina ist vor vielen Tausenden von Jahren ein Süßwasserbecken gewesen. In seinen b'auen Fluten haben sich Fische aller Art getummelt, und die heute so öden und traurigen User schmückte üppiges pflanzliches Leben. Es ist jedoch nicht der einzige See, der im Wechsel der Zeit gestorben ist. Zahlreiche Wasserbecken, die ein gleiches Geschick ereilte, sind über die unendlichen Ebenen Asiens zerstreut. Und die Ursache dieses Absterbens? Die Beggiatra=Bazillen sind die Vorboten des Todes. Sie erzeugen Schweselwasserstoff, der nach und nach alles Leben in den Wasserbecken ertötet. Die Fische merken das und meiden die vergifteten Wasserschichten. Doch höher und höher steigen die Beggiatren vom Grunde des Sees herauf, bis auch die letzten Ueberlebenden der Seefauna getötet sind. Und wenn dann wiederum die Bazillen selber durch ihr eigenes verderbliches Gas vergiftet sind, dann ist das Absterben des Sees vollendet. Dies ist der traurige und grausame Vorgang, durch den große belebte Meere in Becken mit totem bitterem Salzwasser verwandelt werden, das giftigen Schwefelwasserstoff ausdünstet. Der gleiche Absterbeprozeß vollzieht sich jetzt auch im Schwarzen Meer, und nach längerer Zeit wird er auch in diesem gewaltigen Meer auf gleiche Weise alles Leben vollständig zerstört hohen Der Blumenmarkt von Ventimiglia Von Gabriele Reuter. Malerisch baut sich das Städtchen über dem blauen Meer am Felsen hinauf, die grauen Mauern des alten römischen Forts schauen aus ihren Rundbögen wie aus leeren Augenhöhlen erne. Der fein kirche krönt das möchte heute noch die brüben Winker ertragen ohne die Riviera=Blumen? Sie überschütten mit ihrem Reichtum unsere großen Feste— sie grüßen am Bett der Wöchnerin das Neugeborene, sie zieren den Pelz der eleganten Dame, sie laben die müden Blicke des Kranken, sie bringen Farbe und Freude in die Stuben. So schlingen sie ihr heiteres Blumenband versöhnend um die Völker. Wieviele von uns Menschen können sich gleich schön erfüllter Lebensaufgabe rühmen? —1•— Am Ausguck noch immer wachsam in die aufgereckte Turmfinger der in verblassenden Firven schimmernde Häusergedränge. Ein geschlossenes Bild— als habe ein genialer Meister es in die Landschaft hinein komponiert, und doch nur entstanden aus jenem unbewußten Gefühl für künstlerische Wirkung das dem südländischen Volke damals eigen war. Daneben die Gegenwart. Staubige, reizlose Straßen mit Straßenbahn und Kaffeehaus. Tearooms und schreienden Plakaten. Die verstaubten Palmen tragen nicht gerade zur Verschönerung der Anlagen bei. Was aber Ventimiglia ein besonderes Gepräge verleiht, ist sein weltberühmter Blumenmarkt: eine große offene Halle— dünne weißgestrichene Pfeiler, die ein weißes Dach tragen, der Fußboden mit Steinfliesen gepflastert und in regelmäßige Vierecke eingeteilt. Bringen die Verkäufer in Körben ihre Waren zum Markt, so erhalten sie auf dem Rathaus eine Nummer, die sie dann auf dem Fußboden mit ihrem Korbe bedecken. Steht er schief, drängt er sich aus der Reihe— sofort ist einer der kleinen Polizisten, die in ihren kurzen grau=grünen Mäntelchen, den aufgeschlagenen Filzhütchen mit dem kecken Federchen einen so munteren knabenhaften Eindruck machen, zur Stelle, um mit dem Fuß den vordringlichen Korb genau in Reih und Glied zu schieben. Ordnung muß sein im Reiche des Duce. Blumen, verhüllt mit Sackleinen und Papier an denen Männer und Frauen heimlich und eilig nesteln. Harte gefurchte Gesichter sind es, krumme Rücken, Hände wie Baumwurzeln — die Schönheit überlassen diese Gärtner und Gärtnerinnen der Riviera ihren Blumen. Es ist ein schweres Brot, diese Blumenzucht an der Riviera, an den Berghängen, auf den dürren Terrassen, wo Dung und Wasser mühsam hinauf getragen werden müssen, wo jede Nacht die zarten Pflanzen mit Strohmatten geschützt werden. Dabei vergeht die Schlankheit und der stolze Gang. Sicher ist hier an den Grenzen vieler Stämme eine Mischung mannigfachen Blutes entstanden. Der Marktplatz füllt sich mit einer bunten Volksmenge. Dicke Agenten mit dicken Notizbüchern, dürre Engländerinnen in verstaubten Hüten und unmöglichen Kleidern,— es ist, als habe Britannien die sämtlichen älteren Jahrgänge seiner Weiblichkeit über die Azurkuste ausgeschüttet.. Alles wartet geduldig auf den Beginn des Marktes. Da— die Sirene heult auf, es ist wie ein mächtiger Posaunenton—, und mit einem Ruck fliegen von den Tausenden von Körben die Decken empor; ein Meer von Farben strahlt plötzlich unter dem weißen Dache auf. In gelben Kaskaden, wie Goldschaum, fon-stheater mimte, fogte sie eine: Tages zum dergreichen, quellen Mimosen über den Randsp##t.r. Sie§““.)“ hasee.#g, eim Franz Stoy. ihrer Behälter. Veilchen türmen sich zu Hügeln. Braunsamtner, duftender Lack, Reseden, Leokosen in Riesenbündeln entsenden ihre Düfte. Aber die Nelken behalten den Sieg. Sie überwältigen weitaus die Rosen, die für den Transpor tin geschlossener Knospenform zusammengepreßt werden und ausschauen wie weiße und rote Radieschen. Aber die Nelken! Auch sie in Sträußen von hundert Stück unbarmherzig zusammengepreßt, so daß eine Form nicht mehr zu erkennen ist. Nur Farbe! Ströme von Purpur und Rosenrot, zwischen denen wir schreiten, trunken vor Glück über diese Ueppigkeit. Hier die weißen, dort die chamoissarbenen— die gelben unterbrechen die Symphonie des Rot— und hier die großen rosa Kelche, die mit einem feinem Grau lila umwölkt scheinen. Dazwischen hie und da ein kindlich bunter Strauß. Unsere beiden Arme sind angefüllt mit Blumen: Narzissen, Anemonen und natürlich Nelken— haben wir armen Großstädter je so viel Blumen in den Armen gehalten? Während wir genießen, umtost uns der Lärm des Geschäfts mit Geschrei und Gestikulieren, daß die Gesichter blaurot werden vor Eifer. Dazwischen stehen gelassen die großen Agenten mit ihren dicken Notizbüchern, in denen geheimnisvolle Zahlenreihen aufmarschieren. Hier wird für alle europäischen Staaten gehandelt. Und schon stoßen draußen die Blumen=Expreßzüge ungeduldig ihren Rauch in die Lüfte, um die zarte bunte Last hinaus zu tragen in Schwedens Eis und Schnee, in Londons Nebel, in Berlins graue Markthallen und Straßen. Unsere deutschen Blumenzüchter sind zu erfolgreichem Wettkampf ausgerusen. Denn wer Die Habseligkeiten der Zarenfamilie unter dem Hammer. Laut russischen Zeitungsmeldungen hat man in Moskau begonnen, sämtliche Habe und Requisiten der Zarenfamilie, darunter eine Reihe von wertvollen Gemälden und Skulpturen, Teppichen und Kristallsachen, meistbietend zu versteigern. Die aus dem Erlös erzielten Gelder sollen dem Staatsfonds der sowjetistischen Museen in Leningrad und Moskau(Tschekamuseum) zugewandt werden; außerdem ist erwogen worden, einen Teil dieser Summen zur Linderung der Arbeitslosigkeit in den größeren Städten des Landes beizusteuern, die sich in der letzten Zeit erheblich vermehrt hat. Der fischreichste See Europas. Als den fischreichsten See von ganz Europa hat man den nahe der albanischen Stadt Skutari gelegenen Skutari= oder Skhodra=See festgestellt, der eine Gesamtfläche von 373 Quadrat= kilometer umfaßt und somit ein ziemlich ansehnliches Gewässer darstellt. In diesem See halten sich nun ganz ungeheure Massen von Fischen auf; zu manchen Jahreszeiten ist das Wasser geradezu unerschöpflich an Fischen der verschiedensten Art. Unter diesen Fischen sind sowohl kleine, kaum sardellengroße Fischchen, die getrocknet und eingesalzen in gewaltigen Mengen verschickt werden, als auch große, wohlschmeckende Aale und Störe, die oft bis zu 70 Pfund schwer werden. Alljährlich im März tauchen wahre Riesenzüge eines Weißfisches auf. während etwas später Karpfen und Lachsforellen in großen Massen erscheinen. Trotz der Fischmassen, die der Skutari=See enthält, steht der albanische Fischfang dennoch auf einer recht niedrigen Stufe, so daß er den überreichen Fischsegen häufig gar nicht bewältigen kann. Wird nämlich eine Zeitlang etwas weniger gefischt, so vermehren sich die Fische geradezu ins Ungeheure, so daß man sie sogar vernichten muß, weil man ihre Massen nicht verwenden kann. Lütgendorff. Sensation. Als Erika G., heute Filmstar erster Größe, noch in einem kleinen thüringischen Provinzvo ines Tatzer gum Direktor:„Sie, das ist ekelhaft! An diesem Theater kommen ja gar keine Sensationen vor!“—„Das liegt an Ihnen, Erikachen.“ meinte der Direktor.„Sie brauchten z. B. bloß mal Ihre Rolle zu lernen.. K. Miethke. Verkehrsentwicklung in Afrika. Mangel an Arbeitskräften und das Fehlen leistungsfähiger Verkehrsmittel sind die beiden Hauptursachen, wenn heute noch zukunftsreiche Gebiete der Erde wirtschaftlich wenig entwikkelt sind. Hierzu gehört das belgische Kongogebiet mit den reichen Erzbecken am Oberlauf des Kongo. Die Kupferreserven des KatangaDistrikts stellen einen Wert von rund 7 Milliarden Goldmark dar. Bisher wurden 77 Millionen Tonnen Erze und 5 Millionen Tonnen Kupfer festgestellt. Die Ausbeutung stößt so lange auf Schwierigkeiten, bis die Bahnverbindungen nach den Küsten in genügender Leistungsfähigkeit hergestellt sind. Die Entfernung nach Süden bis zum Kap beträgt 3300 Kilometer. Die südafrikanische Bahn, deren Ausläufer bis zum Jahre 1910 in Rhodesien erdete, ist inzwischen bis Elisabethville im Kongo rerlängert worden. Im Jahre 1923 wurde mit der Anlage einer Bahn quer durch den Kongo zur atlantischen Küste begonnen. An einer zweiten Bahn zum Atlantik, quer durch das portugiesische Angola, nach Lobito, wird ebenfalls gearbeitet; bis 1931 wird diese Strecke in Betrieb genommen werden können. Verantwortlich: H. Semmelmann, Altena. Druck und Verlag: P. A. Santz, Altena. Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung Nr. 16 Donnerstag, 21. April 1927 Von den Bauern. Wissinghof. Als einst der Bauer des Wissinghofes seine Pacht dem Grafen von Bentheim brachte, dem er hörig war, sah der Graf oben vom Schlosse auf den Hof nieder und wunderte sich über die feisten vier Rappen vor dem Wagen des Bauern, denn bei der großen Teuerung des Getreides herrschte fast überall Hungersnot, und selbst die Pferde des Grafen bekamen das zu spüren. „Deine Pferde,“ rief der Graf hinunter,„scheinen die allgemeine Not nicht zu teilen und die Teuerung nicht zu verspüren!“—„Darum sind es auch Wissings Pferde,“ sagte der Bauer kurz. Die Antwort gefiel dem Grafen wenig. Doch um den Hörigen zu demütigen, rief er ihn aufs Schloß, führte ihn ins Prunkgemach und lud ihn, da es eben Essenszeit war, zu Tische. Wissing nahm die Einladung an und setzte sich; die Pracht, die ihn umgab, würdigte er keines Blickes. Der Graf glaubte, daß er vor Blödigkeit so stille sei und nicht aufsehen möge, munterte ihn auf, umherzuschauen und fragte ihn dann, was er zu all der Herrlichkeit sagte. Der Angeredete antwortete:„Flitterstaat! Flitterstaat! Freilich für jemanden, der von anderen leben muß, hinreichend.“ Der Graf verbiß seinen Grimm und sagte:„Ich wäre wohl neugierig, deine Wirtschaft zu sehen. Wenn du Stühle hättest, worauf man sitzen, und einen Tisch, woran man deinen Brei essen möchte, so könnte ich versucht werden, dich mit den Meinen aufzusuchen.“ „Seien Sie deshalb ohne Sorge, kommen Sie! Wenn meine Stühle nicht mehr Wert hätten als diese und mein Tisch nicht kostbarer wäre, so würde die Breischüssel, die ich Ihnen vorsetzen werde, nicht darauf passen," versetzte Wissing. Diese Prahlerei mißfiel dem Grafen, aber er war doch neugierig zu erfahren, was an der Sache sei, und sagte, er wollte den dritten Tag mit zehn Personen kommen. Der Bauer ging. Als am bezeichneten Tage der Graf mit seiner Gattin, seinen Söhnen und Töchtern, seinem Kanzler und einigen anderen auf dem Hofe des Wissing ankam, erblickte er acht herrliche Pferde, mehr denn fünfzig schöne weißbunte Kühe. eine Menge Schafe und unzähliges Geflüge! von allerlei Art. Der Bauer aber erschien im einfachen, ledernen Wams und führte seine hohen Gäste in die Stube, wo das Mahl für zwanzig Mann aufgetischt dastand. Wie staunten der Graf und die Seinigen, als sie das weite Gemach betraten. Die Fußteppiche waren weißbunte Kuhhäute, die Wände waren behangen mit feiner, schneeweißer Leinwand, der Tisch bestand aus mehr denn zweihundert Stükken weißer Leinwand, künstlich zusammengelegt; als Stühle dienten weite, weiße, leinene Säcke, jeder mit einem Malter Roggen gefüllt. Der Tisch war bedeckt mit gebratenen Gänsen, Enten, Hühnern und Tauben und in deren Mitte prangte ein blanker, silberner Brustharnisch mit Brei. Der Bauer weidete sich am Erstaunen des Grafen und der Seinigen; und als dieser das Wort nahm und bemerkte, wie das teure Korn doch besser angewandt sei, wenn es verkauft und zur Stillung der Not im Lande verbreitet *) Aus Westfälische Sagen. Herausgegeben von Dr. Paul Zaunert. Mit 66 alten Miniaturen, Holzschnitten und Kupfern. 406 Seiten, brosch. M. 8.—, geb. M. 10.—. Eugen Diederichs Verlag, Jena. Heimweh In meiner Heimat wird es jetzt Frühling, Der grünt auf den ältesten Gräbern sogar; Da klingen die Brunnen, da locken die Lieder, Da wandert mit Kätzchen die Kinderschar. In meiner Heimat lachen die Mädchen, Die wilden Rosen blüh'n im Gesträuch, Und nachts die Sterne, die glühen viel geldner. Wohl tausendmal goldner, als hier bei euch! Carl Busse. würde, und daß es überdem höchst unpassend sei, sich auf etwas zu setzen, was zur Nahrung der Menschen diene, sprach er:„Es ist alles für mein Vieh bestimmt!“— Auf die Frage aber, wie er zu dem silbernen Brustharnisch gekommen, worauf das gräfliche Wappen stand, erwiderte er:„Mir von Ihrem Vorfahr, als Not auf dem Schlosse war, um zwanzig Malter Roggen verkauft.“ Jede Antwort des Bauern machte den Grasen versteinerter, und bald kehrte er mit den Seinen heim. Als er wieder auf sein Schloß zurückgekommen war, schloß er sich mit seinem Kanzler ein, um zu überlegen, wie der Uebermut des Bauern zu bestrafen sei. Dieser scheint dazu Rat gewußt zu haben. Nicht lange nachher saß Wissing im Burgverließe des Schlosses, Frau und Kinder wurden vom Hofe verjagt, das Haus abgebrochen, das Erbe unter fünf neue Kolonen verteilt(die Wissingsbauern hießen sie danach), ein Teil wurde an andere in Pacht gegeben. Auf der Stelle des Wohnhauses wurde aber ein Schafstall errichtet. Die Hofgarbe und der Hotteschimmel. Bis auf den heutigen Tag müssen gewisse Höfe, namentlich zu Kirchdorf, bei der Ernte eine sogenannte Hofgarbe an das Amt zu Uchte geben. Es ist nämlich einmal ein Amtmann zu Uchte gewesen, den die Bauern gern gemocht haben, da er ihnen manches Gute erzeigt hat und stets freundlich zu ihnen gewesen ist; darum haben sie denn an einem Tage beschlossen, sich zusammen nach Uchte auf den Weg zu machen und dem Amtmann jeder eine Garbe zum Geschenk zu bringen. Zu dieser Zeit lebte nun in Kirchdorf ein Bauer auf Rüters Hofe, der war, was man so wohl einen Draomelaer zu nennen pflegt, und darum kam er immer zu spät; als daher alle versammelt waren, fehlte Rüter noch, und als sie bei seinem Hofe vorüberkamen und ihn aufforderten mitzukommen, sagte er ihnen, sie sollten nur voranfahren, er wolle schon nachkommen. Damit fuhren sie ab; Rüter aber hatte erst noch dies und das am Wagen und Geschirr ins Geschick zu bringen und erst als alles in Ordnung war, brach er auf. Er hatte noch nicht die Hälfte des Weges nach Uchte zurückgelegt, da kamen schon die anderen zurück und erzählten ihm, wie gar freundlich der Amtmann gewesen und wie sie alle noch zuletzt einen Schnaps erhalten hätten. Rüter hörte das alles ruhig mit an und fragte dann endlich nur: „Hättert't denn ok upskrewen?"—„Jawal hättert't upskrewen,“ riefen sie. Da rief Rüter „Hotte schimmel“, machte mit seinem Wagen kehrt und fuhr mit den übrigen Bauern heim. Seitdem wurde aus der freiwilligen Gabe eine Zwangsabgabe und nur Rüter ist davon freigeblieben; darum nannte man seine Nachfolger wohl aus Hotteschimmel. Eine Unterhaltung mit dem Der alte Schulte=Geisecke bei Schwerte war am Einfahren, da brach ein Gewitter aus. Er kriegte aber sein letztes Fuder noch glücklich ins Hoftor und rief dem Herrgott zu:„Do sin'k di mol to gau afwiäst“(da bin ich dir mal zu schlau gewesen). Als nun der Knecht das Fuder auf die Tenne bringen will, schmeißt er es um. Da ruft Schulte:„Du kannste doch gar keinn Spaß verdriägen!“ Von Fürsten. Der tolle Christian. Als der Herzog Christian von Braunschweig Paderborn erobert hatte, ließ er die zwölf silbernen Apostel aus der Domkirche herausnehmen und Taler daraus münzen mit der Inschrift:„Gottes Freund, der Pfaffen Feind:" nachdem er die Apostelbilder zuvor verspottet und ausgescholten hatte, was sie hier noch ständen, ihr Herr und Meister hätte doch gesagt: „Gehet hin in alle Welt"; num wolle er hmnaussenden. Auch nahm er aus dem Dome den Sarg des heiligen Liborius und ließ Goldstücke daraus prägen, und die Gebeine nahm er in einem leinenen Sack auf seinen Kriegszügen mit sich. Aber schon nach einem Jahre ereilte ihn die Strafe dafür, denn um diese Zeit wurde er im Münsterschen von Tilly völlig geschlagen. und seine Macht und Herrlichkeit war dahin. Am furchtbarsten soll in dieser Schlacht bei Stadtloen der Kampf zwischen Düwincks Dieck und dem Kölkerfeld gewesen sein, auf einem hochgelegenen Kamp. Von da ist das Blut nur so heruntergeflossen und in großen Lachen auf dem Kölker Felde stehen geblieben. Der Kamp heißt darum noch jetzt das Blutfeld. Und die „Pulverkuhl“ nicht weit davon soll dadurch entstanden sein, daß Christian da einen Pulverwagen sprengen ließ, den er nicht in die Hände des Feindes kommen lassen wollte. Nun klagte er:„Ach hätte ich den Alten(den Liborius) ruhen lassen, er ist mein Unglück.“ Und schickte die Gebeine schleunigst nach Padervorn zurück, da lagen sie lange in einer hölzernen Kiste. Der Freiherr von Westphal zu Fürstenberg aber ließ rings im ganzen Lande die Toler und Goldstücke suchen und sammeln, die Herzog Christian aus dem früheren Liborikasten und anderem silbernen Kirchengerät hatte schlagen lassen, und gab sie dem Goldschmied Hans Krako zu Dringenberg, und der machte wieder mit vieler Kunst einen schönen Liboriusschrein daraus. Wie Schaumburg=Lippe entstand. Der Kurfürst von Hannover und der Kurfürst von Hessen gaben einmal eine große Festlichkeit. Dazu war auch ein alter Prinz gekommen, der war noch unverheiratet, weil seine Einkünfte nicht ausreichten, eine Frau zu ernähren. Auch eine alte Prinzessin war da, die auch noch ledig war, well sie kein Geld hatte. Die beiden wurden herangeholt und mußten zusammen tanzen, und weil das den alten Leutchen so wohl anstand, hatten der Kurfürst von Hannover und der von Hessen ihr Ergötzen daran, sie gingen zu den beiden hin und fragten, warum sie sich nicht verheirateten? Und sie sagten, daß sie das gern tun würden, aber sie hätten so schon nur ein kümmerliches Auskommen, wie sie da eine Familie ernähren sollten. Da nahm der Kurfürst von Hannover den Kurfürst von Hessen beiseite und sprach: „Schwerenot, Bruder, laß uns von unsern Ländern ein paar Aemter zusammenschmeißen, daß die beiden alten Leutchen ein Paar werden können. Kinder kriegen sie ja doch nicht mehr, S 6 *GESP H 6— # S 55 S 8 S 85 • O — * S 5 S.28 E. 8 * 5* 2* S e; * 8AS —— 10 * S Pox-gesßonn S OEgOECEENG OG OEETUTAUE P ESS E SGN 9.—— D 8 2 * B SBuS:5 „*„ . g e —— .— 3— S S i 6 5 * 8 S SE *** FF; SLSSE SEEE SSSSESSGGRGLSS a SUTMHUEANN 8— 8 *2 2— S 12 *** # S • G 9*• K ½ GOEE SS•TTEREE - S u AzSPEEETTAESESSE S SaßeEROSSS5EEE S##nEESSDIKSE ESöSSSESEE □ * □ ——— Pögsssc O- SEES— FOUGEER TDI E LUR Lmu Socht. Moderne Raumkunst auf dem neuesten Hapagdampfer Auf seiner Jungfernreise ist der neue Dampfer „New York“, der Hamburg=Amerika=Linie in diesen Tagen in Newyork eingetroffen und dort großen Feierlichkeiten empfangen worden. Dieses jungste Großschiff der deutschen Handelsslotte legt drüben von neuem Zeugnis ab von den Leutungen moderner deutscher Raumkunst. Eine dis ins kleinste ausgebildete künstlerische Form ist mit höchster Zweckmäßigkeit vereinigt und der Struktur des Schiffes mit seinen besonderen Anforderungen angepaßt. Jeder Raum wirkt als in sich geschlossenes Ganzes und erweckt durch seine Linienführung und Farbtönung den Eindruck höchster Behaglichkeit und Wohnlichkeit. Hier seien nur zwei Proben dieser neuzeitlichen Raumkunst auf Ozeandampfern gegeben. Halle 1. Klasse des neuen Hapagdampfers „New York“ Die Halle der Ersten Klasse ist als Gesellschaftsraum gedacht. Hier werden Konzerte, Tanzabende, Vorträge veranstaltet. Das graugrüne Holzwerk, die vergoldete, leichtgeschwungene Gitterbrüstung, die zartgetönten Möbelbezüge, ein mattroter Teppich geben zusammen mit dem großen Nymphenburger Gobelin, der die Stirnwand des Raumes deckt, und dem reichen Blumenschmuck der Gesellschaftshalle einen besonders festlichen Charakter. Rauchzimmer 1. Klasse des neuen Hapagdanpfers„Nem Pork“ Das in dunklen Farbtönen gehaltene Rauchzimmer der Ersten Klasse lädt mit seinen kleinen Seitennischen und den bequemen Ledersesseln am Kaminfeuer zu behaglichem Verweilen nach den Mahlzeiten ein. und darum fällt ja nach ihrem Tode alles wieder an uns zurück.“ Der Kurfürst von Hessen war damit einverstanden und die beiden Alten hielten Hochzeit. Die beiden Kurfürsten taten ein paar Aemter zusammen und gaben sie zur Aussteuer, aber mit dem Beding, daß, wenn keine Erben da sein sollten, sie wieder Hannover und Hessen zufielen. So entstand die Grafschaft Schaumburg=Lippe. Das alte Ehepaar bekam aber wider Erwarten doch einen Sohn, der Otto genannt ward. Vom Alten Fritz. Der alte Fritz besuchte einmal mit einem großen Gefolge eine Dorfschule. Der Lehrer kümmerte sich aber wenig um die hohen Herrschaften und unterrichtete ruhig weiter. Nach der Stunde war er ganz anders, da benahm er sich sehr ehrfurchtsvoll. Dem König fiel das auf und er fragte den Lehrer, was er dabei gehabt hätte. Da sagte der Lehrer:„Wenn meine Jungens merkten, daß ich noch einen Herrn über mir habe, so wäre mit ihnen nichts anzufangen.“ Der König lachte und sagte:„Er mag deben: Ein Bauer hatte so dicke Rüben gekriegt, daß er dachte: de mott ick äs den Ollen Fritz wisen, de sall Ogen maken. Und er nahm die Rübe schnell untern Arm und ging damit aufs Schloß. „Kik, wat dat för Röwen bint!“ sagte er und stellte sich vor den König,„de weggt woll twintig Pund!“. Die Rübe ging in dem Thronsaa! rund und sie verwunderten sich alle, am meisten der Alte Fritz.„Das erfordert eine Belohnung, sagte er,„geh in meinen Pferdestall und such dir das beste Pferd aus.“ Dunnerkiel! Da standen aber eine Menge Pferde, eins noch besser als das andere. Der Bauer nahm sich eins heraus, sprang auf und ritt nach Hause. Als er so hoch zu Pferde an seinem reichen Nachbarn vorbeiritt, guckte der aus dem Fenster und wurde vor Neid giftig und blau. Er hatte schon lange Streit mit ihm. Warte, dachte er, ich will noch was besseres nach Hause bringen als ein Pferd. Er nahm sein allerbestes Pferd, putzte es sein blank, schlug ihm funkelnde Eisen unter, schmierte die Hufe mit Teer schwarz, flocht ihm bunte Bänder mit Röskes in die Mähne und zog damit los zum Alten Fritz.„Kik, wat dat sör'n Perd is!“ Fritz.„Kihz, wat... sve n. herd is!“ sagte er Gianz trat in die Augen zum Alten glitz,„schonere Perde giw't nich vei brauchte nicht durchs Fernglas Buorslüd in'k ganze Land, wat?“„Du hast recht.“ sagte der Alte Fritz,„ich danke dir auch für dein schönes Geschenk, nun will ich dir was zeigen, was du dein Lebtag noch nicht zu Gesicht gekriegt hast.“ Und er zeigte ihm die dicke Rübe und sagte:„Die schenk ich dir als Andenken solch ein tüchtiger Kerl wie du, der muß auch was Extraes haben.“ Hieronymus Napoleon in Minden. Ein mal ist Hieronymus auch nach Minden gekommen. Da hat der Landrat den Leuten gesagt:„Ihr müßt den König aber auch hochleben lassen. Die beste Gelegenheit dazu ist, wenn er vor die Tür seiner Wohnung am kleinen Domhof tritt. Ich gebe euch dann ein Zeichen. Wen, es Zeit ist, dann trete ich hinter den König und winke mit der Hand!" Der Tag kam, die Leute von Stadt und Land standen auf dem kleinen Domhofe und warteten. Da kam der König vor die Tür. Jetzt trat der Landrat hinter ihn und winkte. Weil er aber stark die Gicht hatte, schüttelte er dabei auch mit dem Korfe. Die Leute sahen das Kopfschütteln und sagten:„Hei well et nich hebben. So rief keiner hoch. Der König aber glaubte, das wäre eine abgemachte Sache unter den Leuten gewesen, daß sie alle schwiegen, er wurde mißtrauisch gegen die Mindener und verließ bald darauf die Stadt.— —1•.— Der Haupthahn Von Erich Schindler Wie ein Bühnenspiel hinter geschlossenem Vorhang tönte das Balzkonzert der Birkhähne hinter der dichten Wand des Morgennebels. Willkommene Musik war es dem Ohr des Jägers, der im Versteck des Fichtenbusches lauerte. Doch die spähenden Blicke, die er nach der Klangrichtung hinübersandte, erreichten nicht ihr Ziel. Sie liefen sich müde im engen Kreis, in den das alles verhüllende Grau sie bannte. Schemenhaft nur erschienen die ragenden Aeste der Erlenkronen, die dunkle Linie des Tannenwaldes über krausem Gewirr von Kiefernkusseln und eine Handvoll Weidenbüsche am Wiesenrand. Durch die Wipfel der Erlen strich leises Wehen und streichelte mit kosender Hand die sacht erzitternden Blütenkätzchen: Der Frühwind war erwacht. Aus frischen Lungen blies er belebenden Atem ins Land, daß die graue Wand zu wanken und zu schwanken begann. Dann sprang er auf wie ein bäumendes Roß und riß das graue Nebeltuch in Fetzen von der Wiese. Die Bühne lag frei. Was sie den Augen des Jägers enthüllte, sah wie ein lustiges Tanzspiel aus Auf weitem Wiesenplan wirbelten wie schwarzbefrackte Tänzer die Birkhähne umher. Mit aller Schönheit ihres dunklen Federkleides prahlend, schienen sie einander zu überbieten im Laufen und Springen. im Kreiseln, Flattern und Drehen. Melodisch auf= und abschwellend tönte dazu das hell kollernde„gulgul=gul=gul=ruk=ru“ ihres Balzgesanges, unterbrochen von dem scharfen Klang des Schleifens, dem seltsam zischenden„tschu=huit“ In langem Flugsprung sauste ein Hahn durch die Luft und fiel auf halbe Schrotschußweite vom Jäger ein. Tiefschwarz erschien sein Gesieder im Wiesengrün, und wie blutrote Flammen auf dunklem Grund leuchteten die Balzrosen über der Schnabelwurzel. Einer schillernden Schlange glich der pfeilgerade vorgestreckte Hals, der Fächer der tief gesenkten Schwingen spreizte sich im Schmuck der milchweißen Binde, und über dem stahlblauen Rücken entfaltete sich hochaufgerichtet das leierförmig geschwungene „Spiel". Wie frisch gefallener Schnee erschien darunter das dichte Flaumgefieder des Stoßes, als jetzt der balzende Hahn vorwärts lief und flügelschleifend seinen Gegner zu suchen schien. Der ließ nicht lange auf sich warten. Ein zweiter Hahn war plötzlich da und schoß mit gesträubtem Gefieder heran. Das lustige Tanzspiel ward zum Turnier. Mit den Schnäbeln fuhren die beiden stahlblauen Ritter aufeinander los, sprangen flügelschlagend empor, hackten, daß die Federn flogen, wälzten sich am Boden als flatternder schwarzweißer Federknäuel, standen zerzaust wieder auf und packten sich von neuem. Endlich schien der eine des Kampfes müde und strich ab, um vom heißen Turnier zurückzukehren zum heißen Liebeslied. Der Sieger behauptete stolz den Platz. Ein paar Hähne verschwiegen und machten lange Hälse, ein Sausen strich an den Erlen vorbei, schwarz fiel es auf die Wiese— ein neuer Hahn stand da und sicherte reglos im matt auslebenden Morgenlicht. Ein seltsamer Jioers. Er zu sehen, er brauchte nicht mit anderen Hähnen zu vergleichen— er fühlte es am Herzschlag, am leisen Zittern der Hände, daß der neue ein Haupthahn war, ein Gewaltiger seines Geschlechts. Er kannte das Gefühl, das ihn nie betrog. Der Jäger atmete kaum. Mit unmerkbarer Bewegung hob er das Glas und zog den Hahn zu sich heran. Er sah die Balzrosen rot erglühen, sah das reine Weiß des Stoßgefieders leuchten und den balzenden Hahn wie einen Wirbelwind über die Wiese stürmen. Unwillkürlich spannte die Hand sich fester um den Flintenlauf. Sacht schob die Morgenröte ihr leuchtendes Antlitz durch graue Schleier der Dämmerung. Das Balzkonzert der Hähne verebbte. Stille hüllte die Landschaft wie ein schwerer Mante ein und ließ auch das Herz des Jägers ruhiger schlagen. Nichts war zu hören als hier und da das Flügelklappern abreitender Hähne, bis die Sonne die Kiefernwipfel überstieg und den Balzplatz mit gleißendem Licht überflutete. Da schien die Liebesglut noch einmal zu erwachen, die„Sonnenbalz" begann. Unten auf der Wiese und oben in den Baumkronen, auf dem ragenden Kiefernast und im weißleuchtenden Birkengezweig, überall klang erneut das Kollern des Balzgesanges auf. Der Jäger hörte es nicht, für ihn war nur noch der Eine da. Er hoffte immer noch, daß der Haupthahn in Schußnähe herankommen würde. Doch der balzte weit drüben in der Wiese; dann stand er auf und schwang sich in den Erlengipfel ein, rief noch einmal, vom Goldglanz der Sonnenstrahlen umflossen, sein helles „gul=gul=gul=gul=ruk=ru“ und strich weitab dem Walde zu. Der Jäger verlernte den Morgenschlaf. Nacht für Nacht saß er beobachtend im Fichtenschirm. Als er sah, daß der Hahn stets auf derselben Stelle balzte, machte er seinen Plan. Der Balzplatz war eine versumpfte Wiese, flach wie ein Pfannkuchen, und ohne Deckung weit und breit. Nur hier und da boten Grasinseln festen Grund. Eine Insel, die der Balzstelle nahe lag, trug eines Morgens auf ihrem Rücken eine Handvoll eingesteckter Weidenruten. Am nächsten Tage lagen ein Kiefernzweig und ein paar trockene Aeste dabei. Der Jäger, der nach wie vor auf seinem Beobachtungsposten ausharrte, sah mit Genugtuung, daß der schwarzweiße Minnesänger sich dadurch nicht im geringsten stören ließ. Wieder verging ein Tag, und die Weidenruten und Aeste hatten sich vermehrt. und als die Uhr mit nimmermüdem Tick und Tack noch fünfmal vierundzwanzig Stunden gelaufen war, da war aus den Ruten und Zweigen ein dichter Busch und aus dem dürren Geäst dahinter ein flacher Reisighaufen geworden. Es kam eine Nacht, die war kühl und klar wie ein frischer Bronnen. Der Vollmond schritt wie ein König vor dem flimmernden Heer der Sterne und trieb mit dem weißen Schwert seines Lichts das furchtsam weichende Dunkel vor sich her. Der traumhaft=weiche Flug der Nachtvögel glitt sacht zur Ruhe und barg sich im lautlos schlafenden Wald. Ueber der Balzwiese wogte milchiges Grau dünner Nebelschleier Schattengleich schritten zwei Männer hindurch hielten an der Insel mit dem neu gewachsenen Weidenbusch und räumten mit vorsichtigen Händen den Reisighaufen beiseite. An seine Stelle legte sich, in Mantel und dicke Wolldecken warm eingehüllt, der Länge nach der Jäger. Der andere half ihm zu bequemerer Lage, hob für die aufgestützten Ellenbogen ein paar flache Gruben aus und setzte aus Rajenstucken eine Gewehrauflage zusammen. Dann deckte er den Liegenden mit Aesten und Zweigen zu— und der Reisighaufen sah aus wie vorher. Ein halblaut geflüstertes„Weidmannsheil", ein leises Platschen im Sumpswasser. ein verklingender Schritt— der Jäger war allein. Behutsam schob er die Mündung des Drillings durch den Busch und lauschte. Der Klang der Vogelstimmen kündete die sacht fortschreitende Zeit Wie eine Klage um die entweichende Nacht tönte des Käuzchens heller Ruf, und dem fern aufsteigenden Lichtgestirn quakte der Chor der Frösche mit vollem Orchester entgegen. Hoch am Himmel hing mit schwingendem Laut das „Meckern“ der Bekassine. Unsichtbar im Dämmergrau glitt leise„quorrend“ die Schnepfe vorüber und schnatternd lärmten die ewig geschwätzigen Enten im Rohr. Der Sterne funkelndes Licht verblich— da endlich klang fern drüben am Wald das Schleifen des ersten Birkhahns auf. Neues Leben flutete durch die erstarrenden Glieder des Jägers.„Tschuhuit", ein zweiter Hahn war da, helles Kollern erklang, Flügelklappern rundum, sausendes Einfallen auf der Wiese, leises Gokken der Hennen — die Balz begann. Ein leises Zischen in der Luft, ein Laut wie ein gedämpfter Fall— ein schwarzer Fleck auf der Wiese, reglos im fahlgrauen Licht— der Haupthahn war da. Des Jägers Pulse stockten. Im Schneckenschritt schlich die Zeit, Minuten dehnten sich wie Stunden— endlich kam das Leben wieder. Der schlanke Hahn ward rund fast drohend dem schnell helle Strom des Balzgesanges folgte. In atemloser Spannung lag der Jager, mit hämmernden Schlägen ging sein Herz. Wild fuhr der Hahn auf der Wiese umher, doch blieb er weitab vom Weidenbusch. Ahnte der Vorsichtige, durch tausend Erfahrungen Gewitzte, daß hinter dem harmlos=grünen Gezweig der Tod im Flintenlauf sich schon zum Sprunge duckte? Die Hand war kalt am Flintenlauf, dämmerndes Licht flog über die Wiese, der Flügelschlag abreitender Hähne klang hier und da. Es war Zeit. Zögernd nur entschloß sich der Jäger; die Kugel muß her, die leicht das edle Wild zerfetzte! Ungern schob sich der tastende Finger nach dem Schalter des Kugellaufs, doch auf halbem Wege erstarrte die Bewegung der Hand. In toller Balz lief plötzlich der Hahn vor, war auf fünfzig Schritt am Schirm, bot schräg die Brust, das günstigste Ziel— kein Zögern mehr, im schwarzblauen Gefieder des Halsansatzes versank das helle Flintenkorn—, donnernder Knall zerriß die Morgenstille. Die Wiese war leer. Wo war der Hahn? Im hauchdünnen Pulverschleier hatte es ausgesehen, als hätte ihn der Schuß hintenüber geworfen. Unruhig häkelte sich der Jäger aus dem Deckengewirr, hastete mit frostverklammten Füßen nach der Anschußstelle— nichts. Scharf suchten die Augen, tastend gingen die Füße voran, da schwankte es im hohen Gras wie mattes schwarzweißes Fahnenflattern, noch ein paarmal zuckten die Schwingen, dann streckte sich der dunkel gefiederte Sänger. Sein Lied war aus: lich ein, die Fremdlinge auf den Berg zu führen Da es ein weiter Weg war und der Abend hereinbrach, mußten sie die Nacht in seinem Dorfe im Gebirge verbringen. —9.— Im feuerspeienden Krater geopfert Mitgeteilt von H. Haverkamp= Newyork Etwa hundert Meilen von Guadalcanar im Stillen Ozean ragt eine kleine vulkanische Insel aus dem Meere empor. Die Eingeborenen nennen sie Boukai. Seit Menschengedenken hat sich auf dem Gipsel des Berges in dem erloschenen Krater ein kleiner See befunden. Ueber diesen Pfuhl raunten sich die Eingeborenen seltsame Erzählungen zu. In alten Zeiten, als feurige Lavaströme sich ins Meer hinunterwälzten, besänftigten die Wilden den Zorn der Vulkangötter, indem sie Menschen zum Opfer in den Feuerschlund warfen. Doch die Zeiten änderten sich. Die unterirdischen Brände erloschen. Ein See entstand im Krater, und seltsame Lebewesen fanden sich dort. Diesen weltverlorenen Winkel zu besuchen, hatte sich der Forscher Armstrong Sperry in den Kopf gesetzt. Er hatte ein Walfischboot gemietet und vier Eingeborene der Salomon=Inseln angeworben sowie zwei Tahitianer, deren Schiff gestrandet war. So segelte er den geheimnisvollen Berggipfeln zu; sein Bericht hierüber ist sehr interessant. 44 „Doch da... War es Täuschung? Welch eine Ueberraschung! Von der Höhe des Kraters in dem sich der See befinden sollte, stieg eine dünne Rauchsäule auf! Der feuerspeiende Berg war von neuem erwacht. Das regte die vier Salomoner gewaltig auf. Auch Apu und Roti, die beiden Tahitianer, waren ernst geworden. Was wollte ich denn nur an diesem bösen Orte? Allein ich hatte in Gedanken bereits zahllose Meter Film von diesem seltsamen Schauspiel aufgenommen— von einem erloschenen Vulkan. der plötzlich wieder in Tätigkeit tritt, dessen unterirdische Gewalten jäh wieder zu toben begannen und Rauch und Asche und Feuer auswarfen.“ Auf der Insel fanden sie völlige Einsamkeit. Wie hätten sie auch ahnen können, daß es im Dschungel von schwarzen Halbmenschen wimmelte, deren spähende Augen jede Bewegung der Ankömmlinge verfolgten! Die Salomoner aber wußten es und waren in großer Furcht. Erst nach endlosem Zureden fand einer der Schwarzen den Mut, den unbekannten Häuptling anzureden, der im Dickicht versteckt saß. Auf sein Rufen zeigte sich schließlich ein großer, schwarzer Wilde, mehr Affe als Mensch. Er trug nur einen Lendenschurz; Gesicht und Körper waren mit rotem und weißem Lehm bemalt— in seltsamen, grotesken Mustern, die Entsetzen einflößten. Er sah finster und abschreckend aus. Nach endlosem Verhandeln, nach Versprechen und Drohungen willigte der Häuptling schließSo arbeiteten sie sich denn durch das Dschungel vorwärts— steile Abhänge hinauf, so daß sie auf dem Bauche kriechen mußten oder auf Händen und Füßen in tiese Abgründe hinabrutschten. Das undurchdringliche Dach von Ranken und Blättern über ihnen schloß sie fast von aller Luft ab, und sie brieten in übelriechender Hitze. Vier Stunden lang dauerte der Weg durch den Dschungel. Schließlich erreichten sie das Dorf, aus dem ihnen einige zwanzig nackte Wilde entgegeneilten. Die Sonne ging hinter dem feuerspeienden Berge zur Rüste— da bot das kleine Menschenfresserdorf einen märchenhaften Anblick. Die Grashäuser mit ihren spitzen Dächern leuchteten in der Dämmerung. Viele Regenfälle hatten ihre Farbe zu gespenstischem Weiß gebleicht. Etwas Unheimliches lag in der Luft. Die ganze Nacht hindurch, während sie sich schlosend stellten, vernahmen sie das Raunen von Stimmen. Von irgendwo kamen kurze Trommelschläge wie Signale und ließen das Blut in den Adern erstarren. Ferne Trommelschläge antworteten wie ein Echo. „Bider Erwarten verging die Nacht ohne zwischenfall“; berichtet der Forscher,„und bei sagesanbruch begannen wir den Berg zu erklettern. Bereits fünshundert Fuß unterhalb des Kraters war aller Pflanzenwuchs verbrannt, und wir sanken fast bis an die Knie in den seinen Aschenstaub. Das dicke Segeltuch meiner Schuhe wurde von den messerscharfen Kanten der Lava zu Streisen zerschnitten, während die lederne Haut der Wilden nichts zu spüren schien. Es war eine seltsame Wallfahrt, die sich den halsbrecherischen Abhang hinaufarbeitete. Der bemalte und mit Paradiesvögeln geschmückte Häuptling war der Anführer. Ihm folgten zehn Männer mit Stangen auf der Schulter, von denen ein Dutzend quiekender Schweine herabbaumelten, dem Gott des Vulkans zum Opfer bestimmt. Man brauchte nicht viel Phantasie um sich einige Jahre zurückzuversetzen und sich eine gleiche Prozession vorzustellen, die sich den steilen Berg hinaufwand— mit menschlichen Wesen antstatt der Schweine. Als wir uns dem Krater näherten, war die Luft mit Schwefeldämpfen gesättigt, die das Atmen hier in der großen Höhe erschwerten. Zum Glück trieb ein heftiger Wind den Rauch in entgegengesetzter Richtung. Der Boden unter unseren Füßen wurde wärmer. Schließlich erreichten wir den Kamm und klet terten vorsichtig zur Kante. Welch ein Anblick! Ein feuerspeiender Vulkan in Tätigkeit! Nichts kann das Herz mit solchem Entsetzen erfüllen. Nichts vermag dem Menschen ein solches Gefühl seiner Winzigkeit einzuflößen. Da, keine hundert Fuß unter uns— eine Hölle, in der glühende Lava brodelte und an den gelswänden emporzischte wie die Wellen des Meeres an den Klippen der Insel. Es schlug uns wie in einen seltsamen Bann, dieses axe, grandiose, in allen Farben sprühende Bild. Lum hatte fliehen und doch auch wieder — hineinspringen mögen.... Der Häuptling und seine Leute stimmten einen seltsamen Sang an, als sie sich anschickten, die Schweine in die feurige Glut zu werfen. Ihre widen Schreie durchdrangen den Rauch und Dampf und mischten sich mit dem Quieken der geängstigten Tiere. Es war ein packendes Bild— diese wilden, schwarzen Menschenfresser, am Rande des Tod und Verderben speienden Abgrundes kauernd und ihre blutrünstigen Gesänge brüllend. Mir kam der Gedanke, dieses seltsame Bild auf die Platte zu bannen. Mit Apu und Roti, die Kamera und Dreifuß trugen zog ich mich etwa hundert Meter auf dem Kamm zurück, von wo aus Menschenfresser, Schweine und Krater gut zu sehen waren. Die Wilden peitschten sich selbst in Wut. Ihr in Schreien über. Mit Messern und Muschelstücken brachten sie sich selbst Schnitte bei. Blut floß über ihre heißen Körper. Als ahnten sie ihr Schicksal, machten die Shruzine versweifelte Anstrengungen, sich zu Und jäh brach der Hexentanz los. Ein Instinkt, stärker als alle Drohungen und die Angst vor Feuerwaffen, packte die Kannibalen ganz urplötzlich. Mit Grauen sah ich, daß sie einen meiner Schwarzen ergriffen hatten. Der arme Teufel schrie laut vor Angst. Der andere flüchtete wie ein gehetztes Wild zu uns. Der Häuptling und seine Leute waren an den Rand des Feuerschlundes geeilt— mehrere Wilde hielten