gläubigen Gemeinschaft in die erwartungsvol, len Hände gelegt. Recht ungelegen kam dann dem Bert der Besuch des Amtsdieners um diese Wende, der ihn gewichtig zum Verhör aufs Rathaus entbot Glaubte er doch zu wissen, daß sein Leben dort einigen Anstoß gefunden, und eine amtliche Vermahnung wollte sich ihm nicht recht zur Glorie des Bibeldruckers schicken. Doch machte er sich verstockt und zähneknirschend auf den Weg. Aber welches Entsetzen befiel ihn, als der Schreiber klipp und klar eine wohlsormulierte Anklage wegen Gotteslästerung verlas. Ganz verwirrt blickte Bert auf die Bibel, die sie ihm unter die Augen hielten, und wußte nichts als blöd zu stottern:„Die Fenne, die Fenne!“ Also daß ein hoher Rat für tunlich erachtete, die Frau Meister zur Zeugin des seltsamen Falles zu holen. Aus ihrer Aussage kommt all dieses Wissen eines unguten Ehestandes. Denn sie nahm kein Blatt vor den Mund, sondern fuhr kräftiglich daher, und die Akten bergen manch hartes Wort gegen das Geschlecht der Männer im allgemeinen und ihren eigenen im besonderen. Aber vom Vorwurf der Gotteslästerung reinigte sie den geknickten Bert, schilderte den Tag, wie er ihr zum endgültigen Siege die fertige Seite in der Druckerei gezeigt und wie sie in der Maßlosigkeit seines neuen Saufganges mit allem zerfallen in den Letternkasten gegriffen zur winzigen Aenderung. So war das Wort in der Genesis, darauf die Mannsleute sich immer beriefen, nun schwarz auf weiß sauberlich abgezogen in die Welt gegangen: Und er soll dein Narr sein! Die Herren vom Rat taten das Klügste, was zu tun war. Sie wuschen dem Bert den Kopf, daß es der Fenne eine wahre Pracht schien, und versprachen ihm Stock und Hungerturm, wenn er sich wieder dergleichen zu schulden kommen ließe gegen sein Weib. Die Meisterin übergaben sie dem Pfarrherrn zur weiteren Auseinandersetzung. Er ist gelinde mit ihr verfahren, wenigstens wissen wir nichts mehr Lavon. Es wird mit aufrichtiger Beichte und Buße sein Bewenden gehabt haben. Die inkriminierten Bibeln endlich zogen sie ein und ließen sie vernichten. Ganz gelang ihnen das übrigens nicht. Noch der Herr Lessing fand in der fürstlichen Bibliothek zu Wolfenbüttel 1776 ein solches Exemplar, das vom Zorn der Frau Fenne gegen die männliche Ordnung des Ehestandes Zeugnis geb. Glossen zur Mode Berlin, Ende Mai 1931. Die Mode kommt in jeder Saison mit einer Ueberfülle von neuen Dingen heraus, zeitig werden die krassesten Gegensätze als letzter Schrei angepriesen, aber was bleibt zuletzt wirklich als typisch und modern zurück? Das, was das große Publikum trägt. Die Extravaganzen wählen nur die wenigen, die um jeden Preis gerne auffallen möchten. Die anderen unterwerfen sich willig dem Diktat der Masse und kleiden sich recht uniform. Wo früher die Baskenmütze geherrscht hat, steht man heute den kleinen Turban, ein aus Stroh oder Chenille gestricktes Mützchen, das eng über den Kopf gezogen und am Rand gerollt wird. Er wird übrigens vom Rand aus soweit zusammengerollt, daß er nur als fragwürdiger Punkt auf dem Kopf schwebt. Viele Damen binden unter diese winzigen Kappen einen der neuen, hauchdünnen Stirnschleier, die bis zu den Augenbrauen reichen und die Lockenpracht oder den Madonnenscheitel, der augenblicklich sehr gefragt ist, vor dem Frühlingswind schützen. Als Garnitur schaut aus dem Turbangeflecht meist ein farbiges Federgesteck oder ein Blumensträußchen hervor. Und in den Schaufenstern tocken die großen Hüte! Der Riesenhut ist wieder modern! Unwahrscheinlich umfangreiche Wagenräder sind da zu erblicken mit reich gebogenen Rändern, aus Stroh, Panama, Organdy und ganz durchbrochenem Material. Die Köpfe sind flach, bei den Canotiers rundherum einmal eingefaltet, wie früher die berühmte„Form Potsdam“. Durchbrochen heißt überhaupt die neue Losung, alles ähnelt merkwürdig der Handhäkelei oder Lochstickerei, vom Jumper bis zum Westeneinsatz, vom Hut bis— zum Schuh! Ja, auch Schuhe zeigen gestanzte runde Löcher, aber das ist noch nicht das Auffallendste, denn jetzt hat man sogar Halbschuhe zu Mantel und Kleid abgestimmt, aus demselben Tweed mit Leder verarbeitet. Doch das sind Luxusartikel, wie die weitausgeschnittene Sandalette, die eigentlich nur aus Sohle und Riemen besteht und zu der besondere Strümpfe erdacht worden sind, mit Mustern und Zwickeln zu beiden Seiten des Fußes. Doch die Sandalette kann man auch in billigen Exemplaren bekommen, aus zweierlei braunem oder einfach weißem Leder. Sonst ist das Schuhwerk in diesem Sommer recht dunkel gehalten, beige ist gar nicht vertreten, wohl aber haselbraun und für die Straße Kombinationen von weiß=braun und weiß=schwarz. Der Jumper erfreut sich, diesmal meist ohne Aermel, wieder einmal alter Beliebtheit, das bevorzugte Material ist leicht gekräuselt und nennt sich Bouclé. Ueberall wird Rosa propagiert, ein zartes, jugendliches Gelbrosa, denn Gelb ist große Mode als Farbe allein und beeinflußt auch neuerdings die grünen Töne fast zur Lindfarbe hin. Daneben behauptet sich Hellblau. Vom vorigen Jahr her hat sich die Vorliebe für das schneidermäßige Kosium erhalten, die Röcke sind ziemlich eng und kaum länger geworden, die Jacken sind kurz, etwas talliert und gürtellos. Trotz der vielen Blüschen aus Lochstickerei wird die schlichte Hemdbluse am liebsten getragen, meist mit Herrenschlips. Der Hang, in der Stadt möglichst berufsmäßig und einfach zu wirken, ist unverkennbar, die schlechten Zeiten zeigen sich jeder aufdringlichen Eleganz feindlich. Nur zum Abend wird die Kostümjacke öfter durch die graziösen, geschweiften Pelzjäckchen ersetzt, die im Schnitt an die Mode der Jahrhundertwende erinnern. Sie liegen ebenso knapp an wie die Kleider, die über Hüfte und Taille eng spannen und erst kurz über dem Knie die nötige Weite durch Faltenpartien erhalten. Glocken sind übrigens zugunsten der Falten sehr vernachlässigt worden. Die Trotteurmäntel zeigen immer noch Sportsstil, sie erwecken durch die hohe Gürtung einen sehr langen Eindruck, reichen bis zur halben Wade und sind aus derbem Tweed, großkarierten Wollstoffen oder Kamelhaarflausch. Für den Abend trägt man den schwarzen Wollmantel. Und dann findet man noch viel modisches Allerlei, den Nebenzweig der großen Mode, der ihr aber auch zu Macht und Ansehen verhilft und heute sehr wichtig genommen wird. Blumen sind anscheinend unerläßlich, wenn man vollkommen angezogen sein will. Was hat man zu der Herstellung dieser zarten Gebilde nicht alles für Material genommen! Valenciennesspitzen, Pikee, Filz, farviger Lack. Lingeriegarnituren sind nach wie vor Vorschrift geblieben, die harmlosesten Kleidchen bekommen ein apartes Aussehen dier“ Stulpen und Kragen aus gelbem Georgette oder durch runde, von Rüschen besetzte, tiefreichende Westeneinsätze. In bezug auf Taschen und Ketten wird vile geboten, die Auswahl in Farbe und Form ist groß. Verblüffend klingen die Namen der Tiere, die ihre Haut zu Markte tragen mußten, um ein Behälter für Geld, Taschentuch und Puderbüchse zu werden: Seewolf, Tibetziege, Haifisch, Seidenfisch, Chameleon, Pythonschlange, Kalong, sogar „Straußenleder“ ließt man in den Geschäften. Bis zum Sommer wird sich nicht viel in modischer Hinsicht ändern, der Auftakt ist gegeben und alles geht nun programmäßig! O. S. der wilden Ehe die gesetzliche Anerkennung absprach und dafür die Ehescheidung erleichterte Da hat sie nun aber—, wie sich jetzt herausstellt— den Teufel mit Beelzebub ausgetrieben. Statt der vielen Nebenfrauen gibt es nämlich geradezu eine Ehescheidungsseuche. Die Sache ist eben gar zu leicht gemacht: Heiratsregister werden nicht geführt, und sobald beide Ehepartnichts mehr voneinander wissen wollen, Selma Lagerlöfs edle Rache. Selma Lagerlöf war in der Mittelschule nicht gerade die Beste. und insbesondere über ihre stilistischen Fähigkeiten fällten die Herren Professoren ein gar vernichtendes Urteil: Sie stellten klipp und klar fest, daß Fräulein Lagerlöf ihre schwedische Muttersprache weder in Schrift noch in Wort einwandfrei beherrsche. Diese scharfe Kritik verfehlte ihre Wirkung nicht, und nach der Schlußprüfung versteckte sich die trostlose Abiturientin in einer Ecke, wo ihre Kameradinnen sie nach langem Suchen mit verweinten Augen fanden.„Ich werde ihnen doch zeigen, daß ich schwedisch schreiben kann“, beteuerte die junge Dame,„ich verfasse demnächit eine wärmländische Geschichte, und da sollen sie sehen, was ich kann.“— Die Abiturientin hielt ihr Versprechen, und nicht nur die Professoren der Mädchenschule sahen, was sie konnte: „Gösta Berling", das Hauptwerk der Dichterin ist in vielen Sprachen der Welt erschienen. ner dürfen sie ohne weiteres auseinander laufen und sich anderweitig vermählen. Nur wenn der eine Gatte sich gegen die Trennung sträubt, steht dem Richter die Entscheidung zu. Diese Regelung gilt nicht nur für die Chinesen, sondern auch für die Ausländer, die ihre Exterritorialität verloren haben, wie Deutsche und Russen. Amerikaner und Engländer verlieren ihre Sonderrechte erst 1983 und 1984. Ein Glück, daß China so schlecht zu erreichen ist, sonst könnte es vielleicht zu einem ähnlichen „Ruhm“ gelangen wie der bekannte Schmied von Gretna=Green, der Freund aller Ehalustigen. Jedenfalls hat das Reich der Mitte selbst das Sowjetparadies übertrumpft. Matrose Johann Kinau aus Finkenwärder. Der Jahrestag der Skagerrakschlacht ist sein Todestag. Er saß mit dem Leutnant z. S. Schleden im Krähennest des Fockmastes der „Wiesbaden“, als die große Seeschlacht des Weltkrieges begann. Nur zwei Menschen gab es an Bord, die seinen vollen Wert erkannten und auch um jenen andern Namen wußten, den Der Landsturmmatrose Kinau berühmt gemacht hat. Das Daheim(67. Jahrgang. Nr. 35) erzählt von dem langen, letzten Kampf der„Wiesbaden“, die am 1. Juni 1916 um vier Uhr morgens in die Tiefe ging, nachdem ihre heldenmütige Besatzung Mann für Mann gefallen war:„Ueber das Ende Johann Kinaus war zunächst nichts Näheres zu erfahren. Erst vier Wochen später sollte sich das Dunkel ein wenig lichten, das über seinem Tode lag. Denn die See behielt ihn nicht. Ehrfurchtsvoll, als verstünde sie unseren Schmerz, gab sie ihn uns zurück. Schwedische Fischer bargen bei Stensholmen seinen entseelten Körper. Sein Haup trug noch die Mütze mit dem Stirnband de „Wiesbaden“, seine Brust die Erkennungsmarke mit der Nummer 49. Er trieb aufrecht stehend im Wasser, doch war der Kopf zurückgesunken, als habe der Blick noch im Erlöschen die Sterne gesucht. Man begrub ihn neben den anderen Opfern, die die Strömung im Laufe des Sommers an die Küste trieb. Dort ruhen sie nun schon manches Jahr, Deutsche und Engländer, Feinde im Leben, Kameraden im Tode. Daß Kinau, getragen von seiner Schwimmweste, aufrecht im Wasser stand, läßt uns die Art seines Sterbens sicher erkennen. Als seine Gefechtstätigkeit im vorderen Krähennest beendet war, da ist er niedergeentert und wahrscheinlich durch die ungeheure Druckwirkung der Geschosse über Bord geschleudert worden. Was wir aber mit aller Tiefe erleben, das ist sein letzter Kampf als die Strömung ihn in die Weite und Einsamkeit des Meeees hinaustrieb. Er schrie nicht auf, noch wimmerte er, er warf sein Leben auch nicht dem Schicksal trotzig vor die Füße. Groß und königlich, wie er gelebt hatte, starb er, ein tapferer Held, der weiß, daß er zu seines Gottes Freude gelebt hat, und daß er zu den Helden kommen wird. Sein anderer Name ist— —Gorch Fock.“ Bekord=Kurggeschichte. Hildegard, Ferdinand! Liebesrausch, Eheband. Weibersinn, Unbestand. Adolar imposant, Hildegard durchgebrannt Aufenthalt unbekannt Glücklicher Ferdinand! Max Grube. Schmetterlinge lebhaft— Käfer lustlos! Ein eigenartiger Tendenz=Bericht der Berliner Insekten=Börse, die zweimal jährlich in Berlin tagt und nur wenigen bekannt sein dürfte. Der „Häusliche Ratgeber“ im Verlag Otto Beyer, Leipzig, wöchentlich erscheinend, berichtet darüber ausführlich in Wort und Bild— ein Beweis für die Vielseitigkeit dieser Romane, Novellen, Aktuelles und zahlreiche Bilder bieten dem Leser abwechselungsreiche Unterhaltung und Hausfrauen wird besonders der reichhaltige Mode= und Handarbeisteil willkommen sein. Hauswirtschaftsecke mit wertvollen Anregungen, großer Schnittbogen, Preis des Heftes 40 Pfg. Wo die Ehescheidung am leichtesten ist. Regierung in China Verantwortlich H. Semmelmann, Altena. Die neue nationale Regi glaubte ein gutes Werk getan zu haben, als sie Druck und Verlag: P. A. Santz, Altena. — — — Pradenl Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung r. 20 Altena, den 2. Juni 1931 Säuglingsernährung und Säuglingspflege Von Privatdozent Dr. de Rudder, Vberarzt der Univ.=Kinderklinik in Würzburg. Ernährung und Pflege sind die beiden Kernprobleme, um die sich fast alle Fragen der Aufzucht von Säuglingen gruppieren. Beide tehen in so engen Beziehungen, daß ein erwünschter Erfolg nur dort zu erwarten ist, wo beide sich bestmöglich ergänzen. Das Neugeborene tritt mit der Geburt ganz plötzlich in eine anders geartete Umwelt, anders geartet als die bisherige war; und diese bringt mit ihren verschiedensten Einwirkungen für den Organismus eine ganze Reihe neuer Aufgaben und Anforderungen, die bewältigt werden müssen und die zunächst eine ganz erhebliche Leistung ir den Organismus darstellen. Zu diesen neuen Forderungen gehört die eckung des Nahrungsbedarfs durch igne Arbeit der Verdauungsapparate. Wähend bisher die Nahrungsstoffe sozusagen ferig zubereitet aus dem mütterlichen Blute beogen werden konnten, muß nunmehr ein zueführtes„Nährgemisch“ erst durch Verdauung ür den Körper verwertbar gemacht werden. In diesem Stadium gibt es naturgemäß nur eine ideale Nahrung, die Milch der Mutterbrust. Sie ist die bis in feinste Einzelheiten von der Natur für das Kind angepaßte Nahrungszubereitung. Mag man über die Leistung künstlicher, d. h. also„unnatürlicher“ Ernährung in späteren Lebensmonaten denken wie man will, für die ersten Lebenswochen stellt jede solche Nahrung ein Risiko dar, das nur unter ganz besonderen Umständen eingegangen werden darf. Man kann dieses Risiko verringern, beseitigen kann man es nie. Mit anderen Worten: von keiner künstlichen Nahrung läßt sich in den ersten Lebenswochen mit Bestimmtheit sagen, ob sie nicht zu einer Schädigung für das Kind führt. Anderseits gibt es keine an sich schlechte Muttermilch, um ein heute noch immer verbreitetes Vorurteil gleich vorwegzunehmen; und wer glaubt, durch„Untersuchenlassen“ von Muttermilch eine besondere Vorsicht zu üben, der ist erst vollständig im Irrtum, die chemische Untersuchung einer einzelnen Milchprobe ist durchaus belanglos. Ausnahmefälle kommen natürlich vor; sie bleiben aber Sache des Arztes. Es gab eine noch nicht allzu ferne Zeit der Ueberschätzung unseres Könnens, eine Zeit, da man glaubte, eine nicht arteigene Milch durch entsprechende Prozeduren der Muttermilch so anzugleichen, daß sie diese ersetzen könne; und man wähnte, einer Mutter das Stillen mit zutem Gewissen„ersparen“ zu können. Von diesem Irrtum sind wir längst zurückgekommen, und eine ausgedehnte Stillpropaganda ist eine der wichtigsten Aufgaben jeder Säuglingsfürsorge geworden. Esgibt bis heute keinen„Ersatz der Muttermilch“ — man merke sich das ganz besonders, und wo man ihn angeboten findet, handelt es sich um unlautere Reklame, die man nicht unterstützen darf. Es gibt zahlreiche einwandfreie künstliche Nahrungen und Nährgemische; man betrachte sie als das, was sie sind, aber nicht als Muttermilchersatz. Ueber die Stilltechnik im einzelnen hier zu sprechen, würde zu weit führen; man lasse sich da durch den Hausarzt, den Fürsorge= und Kinderarzt beraten. Man wird dort auch alles Nötige über Hygiene des Stillens erfahren. Wie in der ganzen Säuglingspflege ist aber — das mag besonders erwähnt sein— auch hier die größtmögliche Reinlichkeit geradezu, selbstverständlich. Die Dauer der Ernährung an der Brust richtet sich nach dem einzelnen Fall; man stille, wenn irgend möglich, wenigstens die ersten Monate, etwa bis zum vierten; wer länger stillen kann, tut nur gut. Man gehe langsam zur künstlichen Ernährung über Riecarda Huch erhält den Goethepreis. Riccarda Huch, die größte deutsche Romanschriftstellerin, erhielt den Goethepreis. und wähle für die Abstillung, wenn irgend möglich, nicht gerade die heißen Monate des Sommers. Mit der Abstillung treten dann an die Mutter ganz neue Fragen heran. Welche Nahrung soll gegeben werden? Woher soll die Milch bezogen werden? Denn das ganze erste Lebensjahr hindurch bildet Milch ja immerhin noch das Hauptnahrungsmittel, dem sich in der Regel andere nur zugesellen. Wer Gelegenheit hat, seine Kindermilch unmittelbar aus einem ihm als einwandfrei bekannten Stall zu beziehen, für den lösen sich manche Fragen sehr leicht. Aber der Städter kann das nur in den seltensten Fällen; für ihn steht in der Regel nur Milch zur Verfügung, die bereits von ihrer Gewinnung bis zu ihm, dem Verbraucher, einen weiten Weg zurückgelegt hat, einen Weg der sich jeder Ueberwachung und Beaufsichtigung durch den Verbraucher vollkommen entzieht. Alle Fragen der städtischen Milchhyiene und staatlichen Ueberwachung tauchen hier auf; ihre Erörterung ist zunächst Sache von Fachleuten. Aber jeder Städter kann von der ihm angebotenen Milch immerhin eine Reihe von Qualitäten fordern, die er kennen soll. Die Milch muß unverfälscht sein, und vor aliem darf sie keine Verunreinigungen enthalten. Wer in einer gelieferten Milch Schmutzpartikelchen findet, weise sie zurück. Man erkennt sie gut in einem Bodensatz nach längerem Stehen. Jeder Verbraucher kann sich auch im Laden seines Milchhändlers durch Augenschein überzeugen, ob wenigstens keine groben Verletzungen gegen Sauberkeit und Appetitlichkeit zu bemerken sind. Wo Milch aus einer guten Molkerei zu erhalten, ist dazu nur zu raten; die Milch wird hier im großen regelmäßig kontrolliert, gereinigt und einwandfrei gelagert; man hat also eine erheblich bessere Gewähr, ein einwandfreies Naturprodukt zu erhalten, als bei einer im freien Straßenhandel angebotenen Milch. Von mancher Seite wird geglaubt, daß Kondensmilch eine ganz besonders gute Kindermilch darstelle. Das trifft schon deshalb nicht zu, weil gerade in dieser Milch die Vitamine zumeist zerstört sind, was sie als Säuglingsnahrung wenig begehrenswert macht. Dort, wo eine einwandfreie Marktmilch nicht zur Verfügung steht, kann dagegen Trockenmilch in Form des„Milchschnees“, eines ganz feinen, sich in kaltem Wasser vollkommen lösenden Pulvers, sehr gut verwendet werden. Diese Milch ist nach einem besonderen Verfahren ohne Erhitzung getrocknet und liefert nach der Auflösung eine auch geschmacklich vorzügliche Milch, die, monatelang gegeben, zu keinerlei Schädigung des Kindes führt. Noch ein paar Worte über die Ziegenmilchernährung, die sich einer gewissen Beliebtheit erfreut. Sie hat den Nachteil, daß sie bei manchen Kindern zu schwerer Blutarmut führt, kann also ebenfalls nur als Ersatznahrung in Frage kommen, wo gute Kuhmilch schwer zu beschaffen ist oder wirtschaftliche Gründe maßgebend sind. Doch ist dann zu empfehlen, auf ein beginnendes Blaßzwerden des Kindes zu achten, oder besser das Rind unter Beobachtung des Hausarztes oder der Säuglingsberatungsstelle zu halten. Bei der Zubereitung der Milch empfiehlt es sich, für den Säugling Rohmilch wegen der damit verbundenen Infektionsgefahr im allgemeinen zu vermeiden. Anderseits verliert Milch durch zu langes Kochen eine Reihe von Stoffen, die für den Körper wichtig und von ihm selbst nicht herstellbar sind. Man hat diese Stoffe als„Ergänzungsnährstoffe“ oder Vitamine bezeichnet. Nun muß allerdings gesagt werden, daß man die Bedeutung der Vitamine namentlich für den Säugling vielfach erheblich überschätzt hat, und daß ihrem Fehlen in der Nahrung eine ganze Anzahl von Klankheiten zur Last gelegt wurde, wofür der exakte Beweis noch aussteht. Immerhin kennen wir einige sichere„Avitaminosen“, das sind Mangelkrankheiten, die durch das Fehlen solcher Stoffe in der Nahrung entstehen, und wir werden solchen Krankheiten vorbeugen müssen. Nicht etwa durch Verabfolgung„vitaminreicher Tabletten und Extrakte“, auf die wir vollständig verzichten können, sondern durch Zufuhr von Vitaminen in der natürlichen Form. Wir werden die Milch nur ganz kurz aufkochen, um die Stoffe in ihr nicht zu zerstören. Allerdings hat die Milch in Großstädten vielfach bereits einen kurzen, diese Stoffe nicht schädigenden Erhitzungsprozeß durchgemacht, das sogenannte Pasteurisieren, das aus gesundheitlichen Gründen vor allem zum Zwecke der Entkeimung der Milch durchaus notwendig und wünschenswert ist. Diese bereits pasteurisierte Milch soll dann im Haushalt nicht mehr gekocht werden; man hole sich also bei seinem Milchhändler Aufschluß über eine etwa schon vorangegangene Pasteurisierung. Weiterhin aber geben wir dem Kinde frühzeitig andere Stoffe als Beikost. Ihre Menge braucht zunächst nicht groß zu sein, es genügen einige Löffel am Tage. Solche Stoffe sind vor allem rohe Fruchtsäfte(Zitronen=, Apfelsinen", Tomatensaft), auch Früchte, wie Bananen, geschabter Apfel, dann verschiedene auch sonst im Haushalt gekochte Gemüse, wie Spinat, Mangold, Karotten und Möhren, Kochsalat u. a., etwas rohes Eigelb u. dgl. Dadurch wird der tägliche Speisezettel für den Säugling etwas reichhaltiger, und wir gewöhnen das Kind früh an den Geschmack anderer Nahrung. was im späteren Alter oft viel schwerer fällt. Wir geben, wie gesagt, zunächst etwa vom vierten oder fünften Lebensmonat an nur wenig und steigern dann etwa um die Wende des ersten Halbjahres auf täglich eine vollständige Gemüsemahlzeit, der wir gern etwas Zucker zusetzen, um sie dem Kinde schmackhafter zu machen. Das bisher Gesagte bezog sich im wesentlichen auf die qualitativen Erfordernisse der Nahrung. Ueber die vom Säugling gebrauchten Nahrungsmengen kann hier natürlich im einzelnen nicht gesprochen werden. Immerhin merke man sich als kurze und brauchbare Regel, daß die tägliche Milchmenge etwa ein Zehntel des jeweiligen Körpergewichts des Kindes betragen, und daß die tägliche Gesamtmenge an Die Far Skizze von Ernst Otto Neidhard Das leise Weinen der Frau dort drüben im Gessel war minutenlang der einzige Laut im großen dämmerdunklen Zimmer. Der Besucher saß schweigend. Doch als das Schluchzen langsam erstarb, sagte er:„Frau Käte, es schmerzt, zwei gute, starke Menschen an einander leiden zu sehen. Wissen Sie selbst denn keinen Ausweg?“ „Einen Ausweg? Nein! Jetzt nach elf Jahgen nicht mehr. Warum nahm er mit dann?“ „Er nahm Sie, weil er Sie liebte, Frau Käte. Verziehen Sie nicht die Lippen geringschätzig. Ja, er liebte Sie. Er, der Dreißigjährige, der immer die Freundschaft gereifter Menschen gesucht hatte, er sah in Ihnen, der um dreizehn Jahre Aelteren, die starke mütterliche Frau, die ihm Kameradin sein sollte im Lebenskampf. Er besaß noch nicht wie Sie die Erfahrungen einer Ehe. Er liebte Sie, und außerdem glaubte er, das Andenken seines verstorbenen Freundes nicht besser ehren zu können als dadurch, daß er Ihnen, der Witwe, den Daseinskampf erleichtern und dem Sohn den Weg ins Leben ebnen half. So bat er sie um Ihre Hand, und Sie, die Erfahrene, hatten keine Bedenken, ihm Ihr Jawort zu geben. Sie fühlten sich ja noch zu jung um Ihre Straße allein zu gehen. Sie hofften auch— vielleicht kam Ihnen dieses gar nicht zum Bewußtsein— an der Seite eines jungen Mannes, der am Beginn einer verheißungsvollen Laufbahn stand, die Jugend wiederfinden zu können, die Sie im unbarmherzigen Daseins gampf des Alltags verloren hatten. Schütteln Sie nicht den Kopf, Frau Käte. Es ist dort vorn am Fenster noch nicht dunkel geaug, um nur Erröten verbergen zu können. Wem also wollen Sie die Schuld zuschreiben?“ Der Besucher schwieg einen Augenblick. Doch als die Antwort ausblieb, fuhr er fort:„Die ersten Jahre Ihrer Ehe waren einigermaßen glücklich: Sie würden es noch mehr gewesen sen, wären sie nicht in eine harte nervenzerreißende Zeit gefauen. Manches mußte da vor den Forderungen des Alltags in den Hintergrund treten. Manche Stunde des Alleinseins zu Zweit, auf die Sie sich gefreut hatten, mußte geopfert werden. Sie sahen, daß Ihr Mann nicht Ihnen allein gehörte, sondern auch seinem Werk. Das verstimmte Sie, und es war Ihnen nicht gegeben, diese Verstimmung zu verbergen. Ein anderes Moment trat hinzu. Geschäftlicher Aerger— unausbleibliche Erscheinungen im All tagsieben eines Mannes, der mitten im Kampf steht— ließ ganz natürlicher Weise in Ihrem Gatten die Sehnsucht keimen, bei Ihnen Verständnis für seine Sorgen und für seine Sehnsucht nach gelegentlichem Frohsinn zu finden. Sie versagten ihm aber dieses Verständnis, zumal Ihre Gedanken allzu oft bei dem einst von Ihnen und jetzt von Ihrem Sohn geführten Geschäft weilten. Das Mütterliche in Ihrem Wesen hatte einst voren Gatten am stärksten zu Ihnen hingezogen. Nun ward es ihm zur Enttäuschung, denn er sah, daß Sie in erster Linie Mutter waren. Er dachte nicht daran, Ihnen daraus. einen Vorwurf zu machen. Er erkannte jetzt, daß diese Entwicklung naturnotwendig war. Im Gegenteil, er bemühte sich, den Spalt, der nun zwischen Ihnen beiden klaffte, zu überbrücken. Er wollte Ihnen jede Sorge ersparen und Sie heiter sehen. Sein Werk schritt dank seiner anscheinend unverwüstlichen ebenskeaft rüstig vorwärts, und er konnte Sie zur Herrin eines Hauses machen, um das Tausende Sie beneideten. Er verlangte dafür von Ihnen nicht viel: Sie sollten Sonne ins Haus bringen, ihm ein lachendes Gesicht zeigen, wenn ein Tag voller Arbeit hinter ihm lag. Sie sollten sich mit ihm freuen über einen Erfolg. Ihr Interesse für sein Werk— nicht für seine Sorgen, denn das verlangte er nicht mehr von Ihnen— würde ihm Ansporn zu neuem Schaffen sein. Sie hatten den Willen, seinen Wunsch zu erfüllen. Sie konnten es aber nicht, denn Sie kamen nicht darüber hinmeg, daß Sie ihm nicht das waren, was Sie ihm hatten sein wollen. Diese Gewißheit verbitterte Sie und anstatt Ihrem Gatten stets mit heiterem Gesicht entgegen zu treten, begegneten Sie ihm oft mit einer ihm unverständlichen Gereiztheit. Glauben Sie mir, Frau Käte, kein Mensch, am allerwenigsten ein geistig Schaffender, kann auf Licht und Sonne verzichten. Ihr Mann sehnte sich stärker danach als andere, weil er sie in seinem eigenen Hause nicht fand. Er wollte Frohsinn um sich hören, mitlachen können. Er sah wie andere in seinem Alter glücklich waren. Er sah und hörte Kinder. Und er sehnte sich heiß nach Jugend, nach Licht und frohem Gemüt. Ihn fror, wenn er in der kalten Leere seines Hauses allein im Arbeitszimmer saß, allein mit seinen Sorgen, seinem unbefriedigten Sehnen. Die Tür, die ihn von seiner Frau im nächsten Raum trennte, schien ihm wie eine unüberwindliche Mauer von Eis. Eines Abends begrub Ihr Mann die letzte Hoffnung, daß diese Eismauer jemals schmelzen könnte. Das war, als eine Geringfügigkeit einen erneuten Streit heraufbeschworen hatte. Sie erinnern sich wohl noch an jene Nacht, denn infolge einer Störung versagte im ganzen Hause das Licht. Da saß Ihr Gatte bei Kerzenschein vor dem Schreibtisch, unfähig die Feder zu ergreifen. Er starrte vor sich hin, hoffnungslos. Und plötzlich lebten vor ihm Bilder auf Er sah ein lächelndes Paar, um dessen Fuße Kinder spielten. Er wollte danach greifen, es nicht wieder loslassen. Doch eine unsich bare Hand riß das Bild fort und warf ein anderes an dessen Stelle. Ein alter Mann stand allein in einem großen Hause. Eine Last beugte seine Schultern. Müde trat er in den dunklen Flur. Er zündete die Kerze vor dem Spiegel an, und das Gesicht eines vorzeitig Gealterten blickte ihm entgegen. Das Ihres Mannes selbst. Aus den aufgerissenen Augen sah das Entsetzen vor der Einsamkeit, vor dem leeren Heim, das in seiner dunklen Lautlosigkeit wie ein Grab war. Da schüttelte er sich und stieg müde die Treppe hinauf. Schatten zitterten über die Wände und wuchsen zu grauenhaften Fabelwesen, die mit krallenbewehrten Händen nach iom griffen. Die Besvenster der Verzweiflung jagtei ihn. Er wollte ihnen entrinnen. Er strauchelte. Er schrie um Hilfe. Schlug gegen das Geländer. Fiel darüber hinweg. Er versank in die Nacht denn die Kerze verlöschte. Da griff ihr Gatte in den Schreibtisch, wo die Pistole lag. Es hatte ja keinen Zweck, noch Jahre der Qual zu erdulden, nur um das Ende dort unten in der Nacht der Einsamkeit und Verzweiflung zu finden. Er entsicherte die Waffe Es war eine belanglose Frage, die ich an jenem Abend durch den Fernsprecher an Ihren Mann richten wollte. Das Schicksal führte meine Hand, und mein Anruf rettete das Leben Ihres Gatten. Denn das Pflichtgefühl veranlaßte ihn, der schon den Lauf zur Schläfe hob, den Anruf zu beantworten. Seine Stimme verriet mir seine Verzweiflung. Ich bat ihn um Vertrauen, das er mir schenkte. Ich nahm ihm das Ehrenwort ab, noch zu warten, nur ein wenig zu warten. Es war spät geworden, und die Gestalt der Frau versank im dunklen Sessel. Drückend lag das Schweigen zwischen den beiden Menschen. Minuten vergingen. Da knisterte das Leder des Sessels. Schritte klangen entschlossen durch die Stille. Das Licht flammte plötzlich auf und goß seine Flut über die Frau. Aufgerichtet, groß stand sie im Raum:„Doch ich weiß jetzt die Rettung: Ich gebe ihn frei! Ich gehe, damit er bei der Jugend das Glück sucht, das ihm zukommt und das ich ihm nicht bieten kann. Er wird die Frau finden, die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit aus diesem Hause verbannt und Kinderlachen an ihre Stelle bringt. Ich habe eine andere Aufgabe, die mein Leben ausfüllen wird: Meinem Sohn zu helfen. Ihm und der Tochter, die er mir ins Haus bringen wird, Mutter zu sein.“ Der Besucher erhob sich. Wortlos küßte er die Hand der Frau. Die sah ihn erstaunt und ein wenig verlegen an:„Sie küssen meine Hand! Sagten Sie nicht einst...“ „Ja, Frau Käte. Ich sagte Ihnen, ich hielte den Handkuß für das Zeichen der höchsten Anerkennung, die ein Mann einer Frau für eine Tat zollen kann.“ „Für eine Tat?“ „Ja, denn ist es nicht eine Tat, einem Menschen das Leben zu retten?“ Nahrung den Inhalt von einem Liter während des ganzen ersten schreiten soll. Lebensjahres nicht überlegen wichtig, denn erfahrungsgemäß erfolgt das Einnässen bis etwa eine halbe Stunde nach dem Trinken. Der Pflege des Säuglings fallen im wesentlichen zwei Aufgaben zu: die Fernhaltung von Schädlichkeiten einerseits die körperliche und geistige Erziehung anderseits. Die zahlreichen täglichen Maßnahmen der Hygiene, vor allem die Reinhaltung des Kindes sind hier in erster Linie zu nennen. Das tägliche Bad mit dem sich anschließenden Reinigen der Augen, des Gehörgangs soll die Haut sauber halten, aber auch den Körper abhärten. Der Säugling empfindet dieses tägliche Bad geradezu als Vergnügen; er benutzt die Gelegenheit, um seine Muskeln ganz besonders spielen zu lassen. Daher soll das Bad in seiner Dauer sich innerhalb der Grenzen der Anregung halten, es soll nicht ermüden. Im allgemeinen soll es bei einer Temperatur von 36 Grad, später 34 Grad nicht über fünf Minuten ausgedehnt werden. Das darauf folgende Trocknen muß besonders sorgfältig geschehen, insbesondere die Gelenkbeugen sollen nicht feucht bleiben, was zu Wundwerden Anlaß gibt. Zu vermeiden ist ferner, daß das Gesicht beim Baden mit dem gleichen Wasser wie der Körper gereinigt wird, es soll vielmehr in fließendem Wasser oder aus einer eigenen Schale und mit eigenem Lappen abgewaschen werden, und es soll auch beim Trocknen mit einem gesonderten Teil des Handtuchs abgerieben werden. Daß das Kind. tagsüber regelmäßig trocken gelegt werden muß, bedarf eigentlich keiner besonderen Erwähnung; die Haut wird sonst durch die Feuchtigkeit wund, insbesondere in den Gelenkfalten. Vor allem nach den Mahlzeiten ist das TrockenDer gesunde Säugling schläft meist zwischen den Mahlzeiten. Auf dieses Schlafbedürfnis soll durchaus Rücksicht genommen werden. Aber auch wenn das Kind einmal schreit, so soll man nicht glauben, daß gleich eine besondere Krankheit im Anzuge sei, und es ist keineswegs nötig, das Kind nun gleich durch fortgesetzte Ablenkung oder durch Wiegen auf dem Arm zu beruhigen. Damit erzieht man nur nervöse und anspruchsvolle Kinder, die sich daran gewohnen, daß stets jemand sich mit ihnen abgibt und ihre Langeweile vertreibt, und die später ihre Umgebung tyrannisieren. Hier wird noch manches gesündigt. Auch eine Nachtpause von mindestens sieben bis acht Stunden soll eingehalten werden; in dieser Zeit bedürfen Kind und Mutter der Ruhe, und die Gewöhnung gelingt meist nicht allzu schwer, wenn man früh damit ginnt und einige Nächte konsequent gebliehen ist. Nun verhatten sich Kinder, was ihr Rührbedürfnis anlangt, sicherlich sehr verschieden, und manche Mutter— auch mancher Vater sehnt sich nach einem haruesen Beruhigungsmittel für das Kind. Hier tritt die Frage des „Schnullers“ an uns heran. Soll man ihn verurteilen? Ich glaube nicht. Solange er peinlich sauber gehalten wird, nicht abwechselnd mit dem Fußboden, dem Mund des Kindes und dem der Mutter oder Großmutter in Berührung kommt, ist gegen ihn nichts einzuwenden. Das Lutschen löst nun einmal ein lustbetontes Gefühl beim Säugling aus— ob das kindliche „Erotik“ ist, wie die moderne Seelenforschung es proklamiert, ist mehr Sache der Definition und interessiert hier nicht; gedenfalls können wir im ersten Lebensjahre dem Kinde diese Lust ruhig gönnen; länger freilich ist es nicht nötig. Eine wichtige Aufgabe der Pflege ist ferner die Infektionsverhütung, eigne Reinlichkeit der Pflegeperson. Fernhaltung von Erwachsenen mit für diese selbst harmlosen Katarrhen, Schnupfen, Anginen, sowie Fliegenschleier über dem Kinderbett im Sommer und viele andere Vorsichtsmaßregeln wären hier zu nennen. Daß bereits im Säuglingsalter die Erziehung beginnt, wurde schon erwähnt. Der ältere Säugling schöpft aus den zahlreichen kleinen Beziehungen zwischen ihm und Mutter oder Pflegerin seine ersten Anregungen für sein Seelenleben. Auch die körperliche Ertüchtigung ist Sache der Pflege, Abhärtung des Kindes in vernünftigen Grenzen, viel Aufenthalt im Freien und an der Sonne— eins der wertvollsten Mittel im Kampfe gegen die englische Krankheit—, Vermeidung zu warmen Einpackens im Sommer, worin von manchen Eltern aus Angst vor Erkältung oft Staunenswertes geleistet wird, all das sind wesentliche Faktoren für einen gesunden Körper. Was sich auf diesen wenigen Seiten sagen ließ, sind nur kurze Andeutungen, Hinweise auf häufige Fehler, Streislichter. Ein erschöpfender Leitfaden der Pflege kann auf so kurzem Raum nicht gegeben werden. Die Zeilen sollen nur eine Anregung bilden für ein Gebiet, auf dem ärztliche und Laientätigkeit sich eng berühren wie kaum anderswo, grund auf dem erst die verständnisvolle Zusammenarbeit beider Teile Erfolge verspricht. Auch eine Käiserbegegnung Eine wahre Geschichte von Bertha Witt. Unweit Düsseldorfs liegt das schöne Schloß Benrath. Langgestreckt, niedrige Flügel spiegeln sich rosig in dem stillen Teich, und wie dunkle Kulissen schieben sich vom Rhein her die Bäume des Parkes heran. Napoleon soll eine Vorliebe für das Schloß gehabt haben. Aber nicht davon will ich erzahlen, sondern von jener hübschen Geschichte, die meine alte Freundin immer mit größtem Behagen wiedergab, so oft man nur einmal in die Nähe des Schlosses kam. Also es war in den siebziger Jahren, und in der Gegend fanden damals die Kaisermanöver statt. Eines Tages hieß es: Der Kaiser kommt nach Benrath. Ich weiß nicht mehr, wer die Anregung gab, aber zu sechs Mädels machten wir uns auf den Weg, lauter muntere, frische Dinger. Obwohl es von Solingen, woher wir kamen, stundenweit zu wandern war, so kamen wir doch schon früh in Benrath an. Der Park stand noch offen. Konnte es wohl eine besere Gelegenheit geben, den Kaiser zu sehen, als hier? Daß man den Park rechtzeitig räumen würde, kam uns gar nicht in den Sinn, ind so nahmen wir es zunächst durchaus nicht rnst, als ein Soldat uns aufforderte, den Garen zu verlassen. Unsere Enttäuschung war groß. Während wir nun grollend und schmollend ns zu behaupten suchten, ging ein junger, hoder Offizier vorüber und kam, da die Nahe des Gewaltigen unsern Soldaten noch zu höherem Pflichteifer anspornen mochte, nach kurzem Zögern zurück, auf dem Gesicht ein freundliches Lächeln.„Also Sie wollen unbedingt den Kaiser sehen?" Noch erregt von der Hitze des Gefechts. sprudelte ich unbefangen hervor, daß wir zu Fuß von Solingen kämen— Solingen, das dem Kaiser so viele Waffen lieferte— und uns schon der guten Gelegenheit so gefreut hätten, die man uns nun schnöde verderben wolle.„Nun, meine Damen“, sagte der Offizier lächelnd,„Sie sollen den Kaiser sehen; nur muß ich bitten, allen Anordnungen genau Folge zu eisten.“ Wer war seliger als wir, die wir uns alsbald in einem Zimmer des Schlosses wiederfanden, um hier der Dinge zu harren, die da kommen sollten. Kaum hatten wir uns einigermaßen gefunden, als ein Diener hereintrat, mit schön geschliffenen Gläsern und einer Flasche Wein, die uns Graf v. d. Schulenburg zum Frühstück schickte. Geradezu verehrungswürdig erschien er uns, als er nach geraumer Weile wieder hereintrat und uns aufforderte, ihm zu folgen. Wir mußten unsere Pakete und Taschen zurücklassen, und ich dachte mir auch gar nichts dabei, daß er mir mein Täschchen selbst aus der Hand nahm und beiseite legte. Dann durften wir uns auf der Terrasse aufstellen, hinter all den hohen Herren, die da zum Empfang versammelt waren und vor denen jetzt ein Wagen nach dem andern auffuhr. Erst kam der Kronprinz. der freundlich grüßte, dann die stolze, kühle Kronprinzessin, zuletzt der Kaiser, die würdige, schlichte Greisengestalt mit dem milden, freundlichen Ernst. Dann verschwanden alle im Schloß. Aber plötzlich erschien der Graf wieder, Die deutsche Städtekönigin wird in Berlin gemählt. Deutschlands 30 schönsten Mädchen sind von ihren Heimatstädten ausgewählt und nach Berlin entsandt worden, wo die Wahl der deutschen Städtekönigin 1931 stattfindet. Mit dem„Auge des Gesetzes“ stellen sich die jungen Bewerberinnen, wie unser Bild zeigt, zunächst einmal gut, allerdings wird der arme Schupo anter soviel Schönheiten die Qual der Wahl haben. fragte, ob wir zufrieden seien, und meinte, wir sollten nun noch eine Weile in den Rosengarten gehen. Das war ein abgeschlossener Teil des Parkes, etwas abseits vom Schloß; aber wir mit unsern hochschlagenden Herzen hatten uns kaum einen Augenblick darin umgesehen, als die Pforte sich auftat und— der Kaiser hereintrat, er selbst und allein.„Meine Damen, Sie haben mich zu sehen gewünscht", sagte er, und dabei lächelte er so freundlich, daß unsere Verwirrung sich rasch in kindliches Vertrauen verwandelte und wir unbefangen Antwort gaben. Was er sagte, weiß ich nicht mehr, nur daß er uns noch mit einem Händedruck jeder einen angenehmen Tag wünschte, ehe er ging. Wir schwammen in Seligkeit, und so kamen wir wieder ins Schloß; aber der Graf erschien nicht wieder, nur ließ er uns noch sagen, daß nachmittags die Kaiserin durchfahren werde, und wenn wir sie sehen wollten, so möchten wir uns zum Bahnhof begeben. Wie vor einem Zauberwort öffneten sich überall die Absperrungen vor uns, und dann standen wir, von irgend jemand auf einen günstigen Platz gewiesen, auf dem Bahnsteig, sahen Würdenträger und Fürsten sich versammeln, erblickten das Kronprinzenpaar und Bismarck, bis langam der kaiserliche Zug einfuhr mit den beiden Salonwagen. Die Kaiserin erschien in ihrer Tür; ohne den Wagen zu verlassen, beugte sie sich heraus und grüßte gemessen nach allen Seiten. Aber das geschah in einer seltsamen, jast steisen Art, immer unter einer vollen Wenhung des Kopfes. Die Kaiserin trug nämlich wegen der Hoftoilette, einen Wachshals, und sie verzichtete auch sonst nicht darauf, obwohl er sie hinderte, sich frei zu bewegen, und äußerst unbequem sein mußte. Und so, mit der steif nickenden Kaiserin, fuhr der Zug davon, und der Märchenzauber löste sich in nüchterne Wirklichkeit auf. Wir waren danach schon weit gewandert, als wir merkten, daß der Hunger, den wir bisher ganz vergessen hatten, mit uns marschierte, und so wählten wir am Wegrande ein Plätzchen zur willkommenen Rast. Noch hatte ich mein Täschchen nicht wieder geöffnet; aber wer beschreibt mein Erstaunen, als mir jetzt ein rosiges, zartduftendes Kärtchen entgegenfiel, auf dem geschrieben stand: Ein schönes Mädchen sehen und es nicht küssen, Heißt auf der Schwelle stehen und dürsten müssen. Und darunter:„Vielleicht darf ich hoffen, einmal eine Zeile von Ihnen zu erhalten. Ihr Graf v. d. Schulenbrg, Kgl. Schloß, Berlin.“ Das rosige Kartchen bewahrte ich auf als einen Schatz, den mir niemand entreißen sollte, schon weil ich wußte, daß er nicht von ungefähr in mein Täschchen geraten war. Sein e Bitte um ein paar Zeilen habe ich allerdings nicht erfüllt. So ein vornehmer Herr— nein, das wagte ich nicht. geschnittenen Letrern ausgevunden des Prezstocks harrten, wären nicht der tüchtige Geselle und die zwei munteren Lehrbuben gewesen, die das Werk förderten. Frau Fenne versuchte es lange mit Frieden und Geduld. Als aber der Wandel nicht abriß, begann sie mit spitzen Stichelworten aufzumucken. Im Dunkel fand die schwere Zunge des Weinseligen nur lallende Widerrede, war kein Hand und Fuß dabei und nicht viel Sinn. Doch am anderen Morgen, wenn die Teufelsgeister die Haare auf dem Kopf einzeln ziepten und zerrten, trumpfte er grantig auf und murrte und knurrte im Haus herum. Gab weise Töne vom großen Vorrecht des Mannes, dessen Wandel einer braven Frau aller Wege genehm sein müsse, auch wenn ihr die Mütze anders stünde. Hatte er sich dann recht gründlich ausgemauzt und geknurrt, so daß Ferau Fenne mit verkniffenem Mund, schweigend ihrem Hauswesen nachging, setzte er sich zur Vesper großspurig hinter den Tisch, lobte gönnerhaft die Mahlzeit, tätschelte ihr flüchtig den Rücken und langte dann hurtig die Kappe vom Türnagel. Bis die Meisterin einer schönen Stunde dieses Spieles überdrüssig wurde. In der Vornacht war Bert wieder einmal besonders schwankend und unansehnlich in die Kammertür gewackelt, und in aufsteigendem Zorn leerte Fenne einen tiefen Kübel ätzenden Spotteo über solches Abbild der Männerherrlichkeit aus. Das wurmte nun in der Frühe den sich mühsam Besinnenden recht eigentlich, weil er wußte, daß sie seine empfindlichste Stelle angetastet und grimmig verhöhnt hatte. Darum war er besonders unleidlich, nörgelte und quengelte herum, bis es selbst der Geduldigen gar zu viel wurde: sie tat, was sie nie zuvor getan, nämlich widersprach. Dieses Wanken jeglicher Autorität entsetzte den Meister gewaltig, und er verspürte, daß er ein starkes Mittel brauchte, hier obenauf zu bleiben. Darum wurde er abgrundernst und varf sich plötzlich auf die moralische Seite. Ganz große Augen machte er, nahm sie beim Arm und hiest sie, ihm in die Druckerei zu folgen. Dort führt er sie vor die großen, fertigen Seiten des Heiligen Buches und wies schweigend mit dem Finger auf eine Stelle der ölinkenden Lettern. Frau Fenne war eingeweiht genug in das schwarze Handwerk, ein Spiegelbild zu lesen, und als sie sich nun über den Satz beugte, sprang ihr alsbald das gewichtige Wort entsegen, um dessentwillen Bert sie hierher geführt. Es war eine Seite aus dem dritten Kapitel der Genesis, und eines zürnenden Gottes Stimme drohte aus ihr: Er soll dein Herr sein. Stille stand sie und starrte wortlos auf die verhängnisvolle Zeile, vernahm dann von weit her die Schelle des Haustors bimmeln und wußte plötzlich quälend deutlich, daß er heute zum Trotz schon zur Zwölfuhrglocke auf die Weinbank geeilt war. Trotzdem ward mit der Zeit die Biblia beendet, fein säuberlich auf weißem Pergament abgezogen und zu dicken Bänden gebunden der Eine Frauenrechtlerin Von Erik Lorenssen. Von jeher war das so. Ist eine Ehe gut und recht, wie sie sein soll, so mag niemand etwas davon wissen, und die nächsten Nachbarinnen hüllen sich in Schweigen. Ist sie aber irgendein wenig uneben, so wetzt gleich eine Welt die Lästerzunge. Auch des Bert Zermers Ehestand wäre im Dunkel der Vergangenheit versunken. Wer weiß, ob wir nur Frau Fennes Namen kennten! Ihr Ehegespons sicherte sich als ein ster der schwarzen Kunst seinen Ruf in der Nachwelt, und manch verschossener, schweinslederner Foliant trägt das stolze Zeichen„us Bert Zermers Trukkerei". Aber von der wakkeren Meisterin und ihrem heftigen Geblüt wüßten wir nichts nach dem rechten Lauf der Dinge. So aber war der Biedre ein rechter Bruder Leichtfuß, der jeden li en Abend die Schankbank drückte und Schoppen um Schoppen in die durstige Kehle leerte. Erst spät des Nachts fand er den Weg ins Bett und erwachte des Morgens mit einer bleiernen Last auf dem Schädel, der die Arbeit just nicht förderte. So daß nicht zu sagen ist, was aus der großen dung des Körvers statt einer einfachen Dre=Bibel geworden wäre, deren Seiten in kühnWenn Sie reisen wollen— befragen Sie das Juniheft der„neuen linie“! Es schlägt Ihnen etwas vor: die Schweiz schlügt es Ihnen vor. und es weiß warum. Wenn Sie den meisterhaften Aussatz„Ein Staat— ein Volk“ von dem bekannten Eduard Behrens gelesen haben. werden Sie es auch wissen: die Schweiz ist interessant. Gewöhnlich denkt man nur. daß sie schön ist. Schweizer Burgen, Schweizer Städte, Schweizer Gehöfte, Schweizer Villen, Schweizer Berge, Schweizer Seen, Schweizer Schicksal und Abenteuer— soviel Bilder, soviel Eindrücke intensiv gelebten Lebens. Dagegen steht ausgezeichnet die sarkastische Kritin Zuberbühlers an unserem tag=täglichen„Leben aus der Konserve". Auch der Modeteil hat besonderen kulturkritischen Einschlag.„Vom Baum der Erkenntnis" plaudert Gabriele Eckehard, und wie die ersten Menschen im Paradiese werden Sie daraufhin„wissen, was gut und böse ist": nackte Arme, nackte Beine und was man leider nicht— ausziehen sollte. Dazu ein charakteristisches Problem für die Modegläubigen: Ist die See eigentlich noch Wasser oder ist sie nur noch Strand? Für Sommertage und Sommerabende viele schöne Neuigkeiten. Und für den Herrn, der lange schon trachtet„erleichtert" zu werden, ein eigener Beitrag zur Reform seiner Kleidung.— Wo Sie dies Heft auch aufschlagen— es gibt Ihnen Gesichtspunkte; es lehrt Sie sehen. Gehen Sie in die nächste Buchhandlung. Für 1 Mark erhalten Sie„die neue linie" überall. Verlag Otto Beyer, Leipzig und Berlin. 1